Der dunkle Fluss

 

Nielsen bog auf die Statoil-Tankstelle ein, fuhr an die Zapfsäule und stieg aus. Während er tankte, las er die Schlagzeilen über den Mord an Anneli Holm. In der Schlange vor der Kasse blätterte er rasch die Zeitungen durch. Die Presse wusste noch nichts über die Verbindung zwischen Lindberg und den Morden in Rönnåsen.

Er zahlte und ging zum Wagen zurück. Er dachte darüber nach, was Lasse Henning ihm in der Nacht zuvor am Telefon erzählt hatte.

Anneli Holm war im Schuppen eines Sommerhauses etwa fünfzig Kilometer von Gävle entfernt gefunden worden.

Erdrosselt mit einer Wäscheleine. Im Sommerhaus hatte außerdem die Leiche einer weiteren Person gelegen, eines Mannes Mitte dreißig, der etwa zur selben Zeit an einer Überdosis gestorben war. Auf der zum Mord an Anneli Holm verwendeten Schlinge waren seine Fingerabdrücke gefunden worden.

Der Mann hatte zur Clique von Anneli Holm und Bo Lindberg gehört. Eigentlich hatte man in dem Sommerhaus nach ihm gesucht, da einiges darauf hingedeutet hatte, dass er in den Doppelmord in Rönnåsen verwickelt sein könnte.

Danach hatte Lasse Henning einen Moment geschwiegen, tief Luft geholt und von Lindbergs Besuch erzählt.

»Soll das ein Scherz sein?«, hatte Nielsen nach einem Augenblick gefragt.

»Ich finde nicht, dass es so lustig klingt«, hatte der andere erwidert. »Du etwa?«

Nielsen hatte lächeln müssen.

»Nein, nicht unbedingt«, antwortete er.

»Kannst du das irgendwie erklären?«

»Nein«, antwortete Lasse Henning einsilbig.

»Und nichts deutete darauf hin, dass er etwas mit den Vorfällen im Sommerhaus zu tun hatte?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Und was glaubst du?«

Lasse Henning brummte vor sich hin. »Was Lindberg angeht, glaube ich überhaupt nichts mehr.«

»Und diese andere Frau?«, fragte Nielsen. »Weiß man was über sie?«

»Nein«, antwortete Lasse Henning, »von ihr fehlt jede Spur.«

Dann schwieg er wieder eine Weile.

»Er weiß von dir.«

»Wie bitte?«, stammelte Nielsen.

»Er kennt dich vielleicht nicht persönlich, aber er weiß, dass sich jemand für seinen Hintergrund interessiert.«

»Woher?«

»Er hat sich nicht die Mühe gemacht, mir das zu erklären«, sagte Lasse Henning, »aber vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, mit wem du gesprochen hast.«

Am frühen Nachmittag fuhr er durch Västerås, verließ später die Autobahn und bog auf den Riksvägen 66 Richtung Surahammar ab. Nach etlichen Kilometern tauchte der Wegweiser nach Kulla auf, und er bog erneut ab. Das Haus lag etwas außerhalb des Ortes und gehörte zu einer von Ackerland, Weiden und Wald umgebenen Reihenhaussiedlung.

Nielsen betrachtete den Mann in der Tür. Conny Lagerstedt sah nicht so aus, wie er erwartet hatte. Am Telefon hatte er mit einem rauen Bass gesprochen. Die Stimme und das, was er über seinen Hintergrund wusste, hatten ihn das Bild eines bärtigen untersetzten Mannes, mit den Oberarmen und dem Oberkörper eines Gewichthebers, vermuten lassen.

So mochte es vielleicht einmal gewesen sein, früher.

Jetzt waren seine Arme, die auf einem Rollator ruhten, so schmal und zerbrechlich wie die eines Greises. Sein Brustkorb war eingesunken. Sein Bart war schütter und grau. Seine Augen versteckte er hinter einer dunklen Sonnenbrille. Er nickte seinem Besucher zu.

»Nielsen?«, fragte er. »Kommen Sie rein.«

Nur mit Mühe gelang es ihm, den Rollator in der Diele zu wenden. Nielsen bemerkte, dass ihm die Jeans fast von den abgemagerten Hüften rutschte und seine knochigen

Schulterblätter sich unter dem T-Shirt abzeichneten.

»Sie interessieren sich also für Bobban?«, fragte ihn Conny Lagerstedt über die Schulter. »Es war ja fast zu erwarten, dass sich mal jemand nach ihm erkundigen würde.«

»Ah ja?«, meinte Nielsen. »Gibt es dafür einen besonderen Grund?«

Conny Lagerstedt schwankte. Nielsen befürchtete, dass er umfallen würde.

»Tja, nicht nur einen«, sagte er und lachte leise. »Ich könnte Ihnen Dutzende nennen.«

Er ließ sich auf einen Stuhl sinken, scheinbar eine Spezialanfertigung mit verstellbarer Höhe, Fußstütze und Rückenlehne. Ein Kissen verteilte den Druck auf den Körper.

An der Rückenlehne war eine Sauerstoffflasche befestigt. Die Maske hing über der Armlehne.

Nielsen sah sich um.

»Sieht neu aus«, sagte er.

»Noch nicht mal ein Jahr alt«, entgegnete der andere mit seiner rauen Stimme. »Mein Vater hat mir diesen Schuppen hingestellt.«

Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte und griff dann zur Atemmaske, hielt sie vor sein Gesicht und atmete tief ein. Dann ließ er sie fallen und machte eine ausholende Armbewegung.

»Er hatte das Grundstück noch von früher. Es gehörte zu unserem einstigen Familienhof, auf dem er zur Welt kam. Lang ist’s her. Als ich Bobban kennen lernte, wohnten wir in Väringe.

Das ist so ein elendes Kaff bei Enköping. Mein Vater hatte so einen Drecksjob in einer Maschinenfabrik in der Stadt.«

Er nahm die Sonnenbrille ab. Seine Augen waren blutunterlaufen. Der Blick wirkte müde, aber gleichzeitig aufmerksam. Neugierig.

»Wie sind Sie auf mich gestoßen?«, fragte er.

»Ich habe mich durchgefragt«, antwortete Nielsen.

Er hatte sich an die Schulen gewandt. Er hatte Lindbergs Kindheit und Jugend durchforstet und eine Liste der Schulen aufgestellt, die er möglicherweise besucht haben könnte, und unzählige ehemalige Lehrer und anderes Schulpersonal angerufen. Auf diese Weise hatte er Schülerlisten erhalten, die er nach interessanten Mitschülern absuchte. Glücklicherweise hatte er nicht allzu viele Telefonate führen müssen, bis er auf Conny Lagerstedt gestoßen war. Bo Lindberg und er waren unzertrennlich gewesen.

Conny Lagerstedt schmunzelte.

»Es gibt also immer noch Leute, die sich an uns erinnern?«

Nielsen nickte.

»Das kann man wohl sagen.«

Conny Lagerstedt lachte.

»Mir geht das Herz auf.«

Er neigte den Kopf zur Seite und sah Nielsen blinzelnd an.

»Und Sie haben vielleicht weitergesucht und noch so manches andere über mich herausgefunden? Irgendwie habe ich das im Gefühl.«

Nielsen nickte wieder.

»Ja. Ich habe einen kurzen Blick auf Ihren Lebenslauf geworfen.«

Es hatte ihn nicht viel Mühe gekostet, Informationen über Conny Lagerstedt einzuholen. Mit Anfang zwanzig hatte er ein paar Gefängnisstrafen wegen Drogendelikten und schwerer Körperverletzung verbüßt. Anfang der neunziger Jahre hatte er wegen eines Totschlags, den er beharrlich leugnete, vier Jahre in Hall abgesessen. Vor einigen Jahren war er nochmals wegen mehrerer schwerer Drogendelikte verurteilt worden, aber nach der halben Haftzeit entlassen worden. Nielsen konnte gut verstehen, weshalb.

Conny Lagerstedt drückte seine bis zum Filter heruntergebrannte Zigarette aus.

»Ja, so war es in den guten alten Zeiten«, sagte er und schüttelte langsam den Kopf. »Aber Sie wollten doch nicht über mich reden, sondern über Bobban?«

»Sie kannten sich also gut?«, fragte Nielsen.

Der andere lächelte.

»Das kann man wohl sagen. Jedenfalls damals. Wir waren dauernd zusammen. Vierundzwanzig Stunden am Tag, wenn nicht sogar mehr…«

»Können Sie etwas über ihn erzählen? Wie war er?«

Conny Lagerstedt zuckte mit den Schultern.

»Verrückt.«

Nielsen runzelte die Stirn.

»Wie meinen Sie das?«

»Genauso wie ich’s sage. Er war verrückt. Nicht ganz bei Trost. Man wusste nie, was passieren würde, wenn man mit Bobban herumzog.«

Conny Lagerstedt schüttelte lachend den Kopf.

»Er tat, was ihm gerade in den Sinn kam. Überkam ihn die Lust, aus dem dritten Stockwerk zu springen, machte er das einfach. Wenn ihn jemand irritierte oder einfach nur komisch ansah, griff er ihn an, egal, wie groß er war. Als Waffe griff er sich das, was gerade in der Nähe war, ein Bügeleisen beispielsweise oder auch einen Zahnstocher.«

Nielsen betrachtete ihn nachdenklich.

»Sie meinen, er war gewalttätig?«

Lagerstedt schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

»Kommt darauf an. Verglichen mit mir war er ein Unschuldslamm …«

Er machte eine abwehrende Handbewegung und lachte.

»Wir standen einander in nichts nach! Davon haben Sie bei Ihren Recherchen sicherlich gehört? Wir haben uns geprügelt, bis sich keiner mehr an uns ranwagte. Eine Zeit lang waren wir die Kings. Aber Bobban, der war schon was Besonderes. Er war vollkommen durchgedreht, und ihm war alles egal. Ich erwähnte ja bereits den dritten Stock. Wir waren eine Viertelstunde dort oben. Er saß auf dem Fensterbrett und schaukelte vor und zurück. Ich riet ihm zur Vorsicht, denn wenn er runterfiele, würde er kaum wieder aufstehen. ›Was wetten wir?‹, fragte er und ließ sich fallen. Er landete im Gebüsch, brach sich eine Schulter und mehrere Rippen und stiefelte einfach wieder hoch in die Wohnung. Man wusste nie, was einen erwartete.«

Nielsen nickte schweigend.

»Wie lange wohnte er in der Gegend von Enköping?«, fragte er dann.

Conny Lagerstedt machte eine vage Handbewegung.

»Ein paar Jahre, glaube ich. Seine Mutter und er zogen schließlich oft um. Aber auch nachdem er weggezogen war, sahen wir uns oft. In regelmäßigen und auch unregelmäßigen Abständen tauchte er auf. Manchmal wohnte er wochenlang bei mir, ohne dass jemand davon wusste.«

»War er von zu Hause abgehauen?«

»Abgehauen wäre zu viel gesagt. Schließlich machten wir immer, was wir wollten. Seine Mutter war vermutlich heilfroh.

Ab und zu versuchte sie, ihn bei Verwandten unterzubringen. Es fiel ihr schwer, ihre Männer und ihn unter einen Hut zu bringen.

Bei uns war das einfacher. Da waren nur mein Vater und ich.

Meine Mutter starb, als ich fünf war.«

»Eine Zeit lang wohnte er bei einem Verwandten, nicht wahr?«, sagte Nielsen.

Conny Lagerstedt zog die Brauen hoch.

»Was Sie alles wissen! Wozu brauchen Sie mich da eigentlich noch? Ja, ab und zu wohnte er bei einem Onkel. Irgendwo in der Gegend von Gävle, stimmt’s? Haben Sie mit ihm geredet? Ja, dann wissen Sie ja Bescheid. Pfui Teufel!«

»Was soll das heißen?«, fragte Nielsen.

Der andere schnaubte verächtlich.

»Tun Sie jetzt so, oder was? Das sieht man dem doch an, verdammt nochmal!«

Conny Lagerstedt zündete sich eine weitere Zigarette an und zog ein paarmal daran. Dann wiederholte er die Prozedur mit der Sauerstoffmaske.

»Bobban sagte, er würde ihn totschlagen. Ich glaube, wir waren damals in der Neunten. ›Ich bin dabei‹, sagte ich. ›Wir fahren hin und machen ihn fertig. Wir klauen ein Auto und fahren hin.‹«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob er es wirklich getan hätte. Jedenfalls machten wir uns auf den Weg. Wir saßen bereits im Auto. Aber dann machte Bobban plötzlich einen Rückzieher. Sagte, es sei gar nichts passiert. Wollte nicht mehr davon reden. Ich glaube, es endete damit, dass wir einfach nur rumfuhren. Zum Schluss ist er dann in irgendeinen verdammten Fluss gerast und hätte uns dabei fast umgebracht.«

»Aber Lindberg hat diesen Onkel trotzdem weiterhin besucht?«

Lagerstedt sah Nielsen an und strich über seinen schütteren Bart.

»Stimmt«, erwiderte er und nickte. »Ich glaube, dass er manchmal hinfuhr. Es ist schon seltsam, manche Dinge sind unerklärlich. Wie gesagt, er verlor nie wieder ein Wort darüber.«

Conny Lagerstedt verstummte und zog nachdenklich an seiner Zigarette.

»Tja, unser Bobban hatte kein Glück mit seiner Verwandtschaft. Eine Mutter, die alle ranließ. Und dann dieser Arsch. Außerdem noch ein paar Großeltern väterlicherseits, die offenbar genauso drauf waren. Bauernpack. Aus irgendeinem Kaff im Wald. Wahrscheinlich hatten sie an jedem Fuß sechs Zehen mit Schwimmhäuten dazwischen. Als er klein war, sperrten sie ihn in den Erdkeller, wenn sie meinten, dass er was ausgefressen hatte. Einen Sommer haben sie ihn einen Monat lang nicht rausgelassen, erzählte er …«

Lagerstedt hielt inne und starrte ins Leere. Dann brach er plötzlich in polterndes Gelächter aus.

»Das könnte natürlich auch gelogen sein! Daran habe ich auch manchmal gedacht. Ich habe nie jemanden getroffen, der so viel gelogen hat wie Bobban. Das war schon fast unheimlich. Wenn wir was anstellten und uns jemand erwischte, schickten wir immer Bobban vor. Er hatte immer eine Story zur Hand. Und in neun von zehn Fällen glaubte man ihm. Er wirkte wahnsinnig überzeugend …«

Er lachte wieder, aber sein Lachen ging nach einer Weile in einen krampfhaften Husten über, der ihn schüttelte. Als der Husten aufhörte, saß er vornübergebeugt da und keuchte.

Die Tür zum Nebenzimmer ging auf, und Nielsen drehte sich um. Die Ähnlichkeit von Lagerstedt und dem Mann, der vor ihm stand, war augenfällig. Er hatte ein breites, bulldoggenhaftes Gesicht mit eckigem Kinn, einen durchdringenden Blick, massive Oberarme und einen kräftigen Brustkorb, wie ihn wohl auch Conny Lagerstedt einst besessen hatte. Er starrte Nielsen an, dann wandte er sich an seinen Sohn.

»Jetzt müsst ihr aufhören, sonst wird es dir zu viel.«

Conny Lagerstedt schüttelte den Kopf.

»Schon in Ordnung. Wir sprechen über Bobban. Bleib doch einen Moment hier. Schließlich erinnerst du dich doch auch noch an einiges, oder?«

Der Ältere schüttelte ablehnend den Kopf. Dann nahm er eine Heizdecke vom Sofa, legte sie seinem Sohn über die Knie und schob den Stecker in die Steckdose. Er blieb noch eine Weile vor ihm stehen und sah ihn an. Dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Conny Lagerstedt nickte hinter ihm her.

»Mein Alter. Aber das war Ihnen vermutlich klar. Er hat angebaut, als ich krank wurde, und mich dann zu sich geholt. Er wollte mich nicht in irgendeinem Heim verrotten lassen.«

Er betrachtete Nielsen.

»Der Alte wirkt doch ganz okay. Ich habe keinen Grund zur Klage.«

»Nein«, meinte Nielsen, »da haben Sie wohl Recht.«

Sein Blick ruhte auf Conny Lagerstedt.

»Was haben Sie für eine Krankheit?«, fragte er.

Lagerstedt lächelte ihn schief an.

»Ist Ihnen das nicht klar?«, erwiderte er nach einem Augenblick. »Denken Sie einfach an ein paar Buchstaben. Sie können auch das ganze beschissene Alphabet durchgehen, denn so allmählich gibt mein ganzer Organismus den Geist auf.«

»Möchten Sie das Gespräch beenden?«, fragte Nielsen.

Conny Lagerstedt zuckte mit den Schultern.

»Glauben Sie, das würde helfen?«

Dann holte er tief Luft.

»Vielleicht sollten wir uns ja wirklich etwas beeilen. Für längere Sitzungen bin ich nicht mehr in Form.«

Nielsen nickte.

»Haben Sie Lindberg auch in den letzten Jahren noch getroffen?«, fragte er.

»Gelegentlich sind wir uns über den Weg gelaufen.«

»Wissen Sie, welcher Beschäftigung er nachging?«

Conny Lagerstedt schien einen Augenblick lang nachzudenken.

»Er machte nur Unsinn«, antwortete er schließlich.

Nielsen sah ihn mit gerunzelter Stirn an, und Lagerstedt wiederholte:

»Wie gesagt, puren Unsinn! Nicht gerade, was man von ihm erwartet hätte.«

Er beugte sich vor.

»Bobban war clever, wussten Sie das? Und damit meine ich nicht, dass er sich aus allem rausreden konnte. Er war ganz einfach ein kluger Kopf. Kapierte alles in Sekundenschnelle. Er hätte alles erreichen können. Studium, eine Ausbildung. Oder Bombengeschäfte, wenn ihn das interessiert hätte. Aber womit beschäftigte er sich, als ich ihm wieder begegnete? Mit Diebstahl! Zog herum wie ein gammliger Landstreicher und klaute unsinnigen Kram!«

Conny Lagerstedt schwieg. Dann erinnerte er sich an etwas und lachte heiser.

»Ich bin auch nicht gerade ein rühmliches Beispiel. Aber ich bin meinen Weg gegangen, obwohl kein Atomphysiker aus mir wurde. Aber was Bobban da betrieb, das war nicht mal Kleinsthandel, das war fast schon tragisch.«

»Was war das denn im Einzelnen?«, fragte Nielsen.

Lagerstedt griff wieder nach der Sauerstoffmaske und atmete tief ein. Trotzdem bereitete ihm das Atmen jetzt größere Mühe.

Als er wieder zu sprechen begann, keuchte er.

»Letztes Mal, besser gesagt zum allerletzten Mal, tauchte er vor drei Jahren, kurz bevor sie mich einbuchteten, in meiner damaligen Wohnung auf. Er hatte wohl nach mir gesucht. Er behauptete, er wolle sich mit mir unterhalten. Aber letztendlich ging es ihm nur darum, Geld zu leihen. Nur für ein paar Tage, er habe ein paar Eisen im Feuer, ich bekäme es nach einer Woche wieder zurück.«

Conny Lagerstedt schüttelte den Kopf.

»Ich warf einen Blick in sein Auto, da drin sah es aus wie in einem Trödelladen. Kupferkessel und lauter so Zeug, das die polnischen Zigeuner alten Weibern klauen. Sah aus, als würde es kaum genug Geld fürs Benzin einbringen. Natürlich lieh ich ihm was, für mich war das damals kein Problem …«

»Und er zahlte es zurück?«, fragte Nielsen.

»Einen Teufel tat er! Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen.«

Conny Lagerstedt lachte und hustete. Nielsen erhob sich.

»Ich lasse Sie jetzt in Ruhe«, meinte er. »Nur eins wundert mich. Sie haben gar nicht wissen wollen, worum es geht.

Warum ich mich für Lindberg interessiere. Geben Sie immer so freimütig Auskunft?«

Conny Lagerstedt kniff die Augen zusammen. Er lehnte sich zurück und musterte Nielsen lange.

»Noch vor ein paar Jahren hätte ich Ihnen kein Sterbenswörtchen verraten. Da hätten Sie auch kaum gewagt, mich zu fragen. Aber jetzt …«

Er machte eine hilflose Geste.

»Jedenfalls konnte ich mich mit jemandem unterhalten. Das kommt in letzter Zeit nicht mehr sonderlich oft vor, beziehungsweise überhaupt nicht mehr. Ich könnte genauso gut schon im Grab liegen. Ich treffe keine Menschenseele mehr.

Außer meinen Alten. Und die Ärzte. Und das ist manchmal recht eintönig. Als Sie anriefen, sah ich in Ihrem Besuch eine willkommene Abwechslung. Warum Sie Bobban hinterherschnüffeln, ist mir außerdem scheißegal. Der ist erwachsen und muss selbst auf sich aufpassen. Und aus dem, was ich Ihnen erzählt habe, kann man ihm wohl kaum einen Strick drehen, oder?«

»Wahrscheinlich nicht«, erwiderte Nielsen.

Er nickte Lagerstedt zu und ging in die Diele.

»Grüßen Sie ihn von mir«, rief ihm Conny Lagerstedt nach.

»Sagen Sie ihm, er soll sich mal hierher bequemen, aber er muss sich beeilen.«

»Das tu ich«, antwortete Nielsen, »falls ich ihn treffe.«

Er drehte sich um und sah, dass der Vater wieder ins Wohnzimmer gekommen war. Er beugte sich über Lagerstedt und schob die Decke zurecht, die heruntergerutscht war. Dann zog er den mageren Körper seines Sohnes an sich und hielt ihn fest, ehe er ihn behutsam wieder zurücksinken ließ.

 

Er brauchte fast zwei Stunden für die Heimfahrt. Er fuhr auf Nebenstraßen über Enköping und dachte daran, dass er sich in der Gegend befand, in der Lagerstedt und Bo Lindberg ihre Jugend verbracht hatten. Hinter ihm schien die niedrig stehende, bleiche Sonne und verlieh der Landschaft etwas Unwirkliches wie aus einem Traum. Er sah die beiden vor sich. Fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, aufgedreht, lachend und voller Kraft und Lebensfreude. Es musste etwas geschehen, egal was. Das Leben durfte nicht stillstehen. Diese Sorge, dass man gezwungen sein könnte, innezuhalten und nachzudenken. Man musste weiter, unbedingt …

Als er den Parkplatz erreichte, war es bereits elf. Er nahm den Fahrstuhl, betrat seine Wohnung und stellte sich ans Fenster. Es dämmerte. Eine sich langsam verdichtende Wolkendecke ließ nächtlichen Regen erwarten. Er sah auf die Uhr und überlegte, wie lange er warten müsste. Nach einer Weile legte er sich angezogen aufs Bett.

Als das Telefon klingelte, träumte er, dass er seinen toten Vater treffen sollte, dem er nur zweimal begegnet war, denn dieser hatte soeben angerufen und mitgeteilt, sie müssten sich sehen, ehe es zu spät sei. Nielsen hatte die absurde Logik hingenommen und wollte sich anziehen, fand aber keine Kleider. Verzweifelt hatte er überall gesucht, aber nirgends etwas zum Anziehen gefunden. Er würde nicht wegkommen …

Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass das Telefon schon länger klingelte und den Traum ausgelöst hatte. Ungelenk tastete er nach dem Hörer und hielt ihn ans Ohr.

»Sie scheinen sich für mich zu interessieren?«

Als er die Stimme hörte, war er sofort hellwach. Er antwortete jedoch nicht sofort.

»Conny hat Sie also angerufen? Damit hatte ich gerechnet.«

Einen Moment blieb es still, dann lachte der andere leise.

»Und das soll ich Ihnen glauben? Dass Sie nur darauf gewartet haben, meine Stimme zu hören? Das ist doch recht unwahrscheinlich, finde ich.«

Trotz des Lachens glaubte Nielsen, Verärgerung und Verbissenheit in der Stimme des Mannes zu hören. Als hätte ihn die Möglichkeit, dass ihn jemand beeinflusst und seine Handlungen vorausgesehen haben könnte, aus dem Gleichgewicht gebracht. Er wartete wieder, ehe er etwas sagte.

»Wir sollten uns treffen, Lindberg.«

»Wieso das?«

»Es könnte Ihnen vielleicht nützen.«

Lindberg lachte wieder.

»Glauben Sie das? Da bin ich mir nicht so sicher wie Sie.«

»Sie wissen, dass Anneli tot ist?«, fragte Nielsen.

In der Leitung blieb es still.

»Ich weiß«, erwiderte der andere schließlich. »Und ich bin schuld, nicht wahr?«

»Sieht nicht so aus«, meinte Nielsen.

»Ach, nein? Aber man wird mir trotzdem die Schuld zuschieben. Genau wie für alles andere auch. Er wird schon dafür sorgen.«

»Wer?«, fragte Nielsen. »Wer wird dafür sorgen, meinen Sie?«

Als er weitersprach, war seine Stimme leiser, die Worte waren unzusammenhängend, als würde er ein Selbstgespräch führen.

»Ich weiß nicht, woher er kommt … Wo kommt er her? Wie kann er …«

Er verstummte erneut.

»Wir können uns zu einem Gespräch treffen«, warf Nielsen ein. »Einfach nur unterhalten.«

Nach einer Weile hörte er Lindberg wieder lachen.

»Das klingt nach einer Einladung zu einem beknackten Kaffeekränzchen. Wahrscheinlich kommt der Rest des Nähkränzchens auch?«

Er schien nachzudenken und dabei mit den Fingerspitzen auf einen Tisch zu trommeln.

»Nein, wir wollen uns lieber nicht treffen«, meinte er schließlich. »Das hätte wenig Sinn, oder, Nielsen? Vom Reden wird man nur heiser.«

Seine Stimme klang wieder so spöttisch wie zu Beginn des Gesprächs.

»Was haben Sie vor?«, fragte Nielsen.

»Neugierig?«

»Ja«, erwiderte Nielsen. »Das bin ich.«

»Gut so.«

Lindberg lachte wieder, diesmal war es fast ein Kichern, dann legte er auf.