Als wir jedoch ans Regal mit den Spirituosen gelangten, erhellte sich sein Blick, und er richtete sich auf. Ich nahm ein paar Kisten Bier. Unterdessen inspizierte er die Whiskyflaschen, wog sie mit der Hand ab, um es genauer zu sagen, und dann warf er mir einen fragenden Blick zu. Ich sagte ihm, er könne zugreifen, ohne auf den Preis zu achten. Ich spielte wieder ganz den guten Sohn. Ich ließ ihn auf dem Parkplatz in der Schwüle des Vormittags, die leicht nach Schlamm und stark nach Kiefern roch, in Ruhe etwas trinken, während ich die Vorräte auf der Rückbank verstaute, die von der Sonne sengend heiß war. Das verstehe ich unter einem guten Sohn.
Er schlief den ganzen Nachmittag, nachdem er sich geweigert hatte, auch nur das Geringste an fester Nahrung zu sich zu nehmen.
Ich verbrachte eine Stunde damit, das Manuskript einer Frau zu lesen, das Corinne und Sandra unbedingt veröffentlichen wollten, und war ziemlich einverstanden, auch wenn ich nicht so recht begriff, welcher Reiz darin liegen sollte, einen Roman als Puzzle anzulegen - aber Corinne und Sandra kannten sich mit Literatur besser aus als ich. Anschließend ging ich schwimmen.
Da er immer noch schlief, stattete ich Carole und Richard einen Besuch ab, die in knapp drei Kilometer Entfernung am anderen Ende des Sees wohnten. Die kleine Straße schlängelte sich zwischen den Stämmen hoher Tannen hindurch, unter den schräg einfallenden Sonnenstrahlen, in denen die Staubpartikel tanzten.
»Ich bin direkt auf der anderen Seite«, sagte ich zu ihnen und nahm Lili auf die Schulter. »Ich bin da drüben, genau gegenüber von euch. Wenn wir ein Fernglas nehmen, können wir uns vermutlich gegenseitig Zeichen geben.«
Ich erklärte ihnen ein bißchen, warum ich dort sei. Ich sagte ihnen, Vincent müsse erst mal wieder zu sich kommen. Wir hätten einiges zu besprechen.
»Hast du vor, eine Weile zu bleiben?« fragte mich Carole.
»Keine Ahnung. Er ist nicht gerade in Form, mehr kann ich dir dazu nicht sagen.«
»Auf jeden Fall weißt du, wo wir sind«, sagte Richard zu mir. »Du bist jederzeit willkommen, wenn du mal auf andere Gedanken kommen willst.«
Ehe ich zurückfuhr, machte ich mit Lili eine Tour mit dem Boot. Ich erinnerte mich, welche Schwierigkeiten mein Vater und ich gehabt hatten, miteinander zu reden, was für wahnsinnige Anstrengungen uns das gekostet hatte, und bemühte mich daher, ihr die Situation zu erklären, sie sollte wissen, daß ich sie nicht im Stich ließ und sie verdammt hübsch fand, einfach toll - allerdings verzog sie bei diesen Worten den Mund, es war ihr peinlich, wenn ihr Vater sentimentalen Mist von sich gab.
Sie bat mich um Geld, um sich CDs und Videospiele zu kaufen, und ich bekam, was ich verdiente, nämlich ein lautstarkes Zeichen der Zuneigung - das Boot schwankte gefährlich, während sie mir um den Hals fiel und mich ihren lieben Papa nannte - als Gegenleistung für ein paar Geldscheine. Aber trotzdem war ich nicht unglücklich darüber. Mit jedem Jahr, das verstrich, bemühte ich mich, meine Ansprüche herunterzuschrauben, auch wenn es zum Verzweifeln war.
Carole nutzte die Gelegenheit, daß Richard gerade damit beschäftigt war, die Schweine- koteletts mit Honig zu bestreichen und sie liebevoll auf den gasbeheizten Grillrost zu legen, um mich zu meinem Auto zu begleiten.
»Findest du, daß ich alt werde?« fragte sie mich.
Ich hatte fünf Jahre zuvor ein kleines Abenteuer mit ihr gehabt. Die Sache war kläglich gescheitert, aber ich spürte, daß sie mir gegenüber wieder seltsame Gefühle entwickelte, seit Richard allmählich eine Glatze bekam und zwanzig Pfund zugenommen hatte, nachdem er das Rauchen aufgegeben hatte.
»Warum solltest du alt werden?« erwiderte ich. »Ich weiß nicht. Das frage ich dich.«
»Meinst du äußerlich, so ganz allgemein?« »Was denn sonst? Worüber könnte ich wohl sonst mit dir sprechen wollen, was meinst du?«
Seit einiger Zeit ärgerte sie sich über mich. Nicht auf allzu sichtbare Weise, aber ihre Züge ver- härteten sich, wenn sie sich an mich ranmachte, sie fummelte ununterbrochen an dem Saum eines Geschirrtuchs herum oder betrachtete ihre Füße und schien mit ihnen zu sprechen.
Sie hatte nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen und sich einen Liebhaber auf der Straße anzulachen, und so fiel das Los auf mich. Ich war die einfachste Lösung. Der ideale Typ, der mit ihrem Mann Darts spielte, unverheiratet war und bereits einen Vorgeschmack von der Sache bekommen hatte. Der Traumtyp.
Daher verhielt ich mich ihr gegenüber zurückhaltend. Der Gedanke an sie bereitete mir keine schlaflosen Nächte. Das wünschte sie sich zwar. Aber wozu wäre das gut gewesen?
Ich setzte mich ans Steuer und erklärte ihr, sie sei völlig okay und in wenigen Stunden würden wir einen schönen Sonnenuntergang bewundern können, wenn vom See kein Nebel aufstieg.
Ich sah im Rückspiegel, wie sie allmählich verschwand, mitten auf dem Weg, die Hände in die Hüften gestemmt, bis Richard sich ihr von hinten näherte, die Arme um sie schlang und ihr seinen Bauch in den Rücken preßte.
Nach meiner Rückkehr begann ich das Abendessen vorzubereiten. Vincent hatte angeboten, mir zu helfen, aber er blieb in einem Sessel sitzen und versuchte den katholischen Kanal im Fernsehen oder, wie ich ihm geraten hatte, eventuell eine Tiersendung zu finden. Er hatte seit dem Vormittag eine ganze Flasche Whisky geleert und machte sich gerade daran, eine weitere zu öffnen.
»Laß dich von mir nicht stören«, sagte ich zu ihm. »Nur zu. Ich versteh dich vollkommen.«
Ich zwang ihn jedoch, etwas zu essen. Dann räumte ich ab, betete, daß die Spülmaschine funktionierte, und nahm ihn mit auf die Veranda, während es allmählich dunkel wurde.
»Bald müssen wir aber mal zum Angeln rausfahren. Ich kümmere mich darum.«
Er sprang nicht gerade vor Freude an die Decke, sondern begnügte sich mit einem Nicken.
»Solange du dich noch auf den Beinen halten kannst«, fügte ich hinzu. »Solange du noch die Kraft dazu hast. Es sieht so aus, als hättest du nicht mehr viel.«
Später rutschte er vom Stuhl und stürzte zu Boden.
Ich ließ ihn dort liegen.
Am nächsten Morgen teilte ich ihm mit, daß jeder seine Wäsche selbst waschen müsse.
Ich sprach nicht mehr darüber, bis ich ihn eines Abends darauf aufmerksam machte, in welchem Zustand er war. Er hatte sich, seit wir angekommen waren, weder umgezogen, ge- waschen noch gekämmt, er war schmutzig, und an seinen Mundwinkeln klebten getrocknete weiße Speichelreste.
»Du gibst ein jämmerliches Bild ab«, sagte ich zu ihm. »Sieh dich nur mal an. Ich bin froh, daß du nicht mein Vater bist.«
Zur Antwort goß er gleich mehrere Gläser hinunter. Dann versuchte er aufzustehen, um mich allein zu lassen, aber er verlor das Gleichgewicht und stürzte der Länge nach auf den Boden.
Ich ließ ihn dort liegen. Als er aufwachte und zu mir auf die Veranda kam, wo ich gerade den Revolver untersuchte, den ich gekauft hatte, erzählte ich ihm, daß meine Mutter angerufen hatte und die Absicht habe, uns zu besuchen.
»Was? Auf keinen Fall«, sagte er resigniert und lehnte sich an einen Pfeiler.
Ich legte den Revolver wieder in die Schachtel und schloß den Deckel.
»Ich wüßte nicht, wie wir sie davon abbringen könnten«, erklärte ich.
Man hörte die Grillen, manchmal einen Frosch, der ins Wasser sprang, das Knacken eines trockenen Asts oder einen Vogel, der davonflatterte. In diesem Augenblick wurde ich Zeuge seiner ersten Säufertränen, seines ersten Gejammers.
Ich half ihm, sich wieder in den Sessel zu setzen. Und ich verbrachte einen Teil der Nacht damit zuzuhören, wie er stöhnte, wie er hustete, wie er die Liste all seiner Mißgeschicke und Demütigungen aufzählte, die ihm zwangsläufig widerfuhren. Ich nutzte die Gelegenheit, um die Angelschnüre mit Ködern zu versehen und den Mond zu betrachten, der sich im See spiegelte, wenn mich Vincent nicht gerade am Ärmel zupfte, um mir zu gestehen, wie sehr er sich schäme.
Er schämte sich und hatte keine Lust, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, aber als ich ihm eines Morgens versicherte, daß ich nicht die Absicht habe, ihm Alkohol mitzubringen, und daß er schon mitkommen müsse, um ihn sich selbst zu besorgen, legte er sich mit angezogenen Beinen auf die Rückbank des Autos, zitterte trotz der Hitze und sagte keinen Ton.
Er machte großen Eindruck im Supermarkt. Er sah aus, als sei er einem frisch zugeschaufelten Grab entstiegen. Die Leute wichen bei seinem Anblick zurück, und die Angestellten des Geschäfts runzelten die Stirn, aber alles hatte eben seinen Preis, wie ich zu ihm sagte. »Wenigstens hast du dir noch nicht in die Hose gemacht«, fügte ich hinzu, »meines Wissens zumindest.«
Es ging jedoch ein unangenehmer Geruch von ihm aus. Wenn er im Bungalow kotzte, half es auch nichts, daß er sich die Zähne putzte, ich war gezwungen, ihn mir eine Weile vom Leib zu halten. Seine Kleidung hatte einen säuerlichen Schweißgeruch angenommen, und er ging barfuß in seinen violetten Schuhen, die er aus irgendeinem ungenannten Grund nicht mehr ausziehen wollte.
Und Kinder sind gnadenlos.
Wie ich mir schon gedacht hatte, weigerte sich Lili, sich ihm zu nähern. Die beiden anderen suchten Zuflucht am Rockzipfel ihrer Mutter, die eine Grimasse unterdrückte, als ich ihr Vincent vorstellte.
Er hielt Carole seine zitternde Hand hin, die sie nur flüchtig berührte, während Lili und die beiden anderen kehrtmachten und recht laut ein paar verletzende Bemerkungen über Vincent wechselten, und zwar, daß er sie zum Kotzen bringe und stinke wie ein Dutzend Schweine, denn Kinder sind gnadenlos.
Carole verwandte das Wort Wrack für ihn, nachdem wir ihn vor einer Wand aus Flaschen - wie vor der Klagemauer - mit seiner Scham, seiner Gier und all dem Wirrwarr, das im Kopf eines Alkoholikers im Endstadium herrscht, zurückgelassen hatten.
»Er hat schon zwei Entziehungskuren hinter sich«, erklärte ich Carole. »Eine Weile hat er durchgehalten, aber dann ist er wieder rückfällig geworden.«
»Deine arme Mutter.«
»Ja, da hast du recht. Diesmal hat sie das große Los gezogen.«
»Ach weißt du, gegen manche Dinge kommt man einfach nicht an.«
»Nein, das glaube ich nicht. Aber wie dem auch sei, das ist wirklich ein Problem.«
»Verbringst du etwa deine ganze Zeit mit ihm? Tust du nichts anderes als das?«
»Ich mußte irgendein Mittel finden, um sie zu trennen, verstehst du?«
»Ja, okay. Aber du könntest ja ab und zu mal vorbeikommen. Du könntest dir die Zeit nehmen, mich zu besuchen. Ich langweile mich tödlich, wenn Richard nicht da ist. Und ich muß dir gestehen, ich muß dir sogar gestehen, daß ich, selbst wenn er da ist... Ja, ja, ich weiß, was du mir darauf antworten wirst.«
»Daß es eine alte Geschichte ist. Das antworte ich dir darauf.«
Sie tat ganz erstaunt und wog mit der Hand eine Melone ab.
»Na gut«, fuhr ich fort, »vielen Dank für deine Einladung. Ich besuche dich bestimmt irgendwann, aber ich kann noch nicht sagen, wann. Du weißt ja, wie das ist. Ich komme an einem der nächsten Tage vorbei, um mit den Kindern schwimmen zu gehen. Das verspreche ich dir. Aber ich bleibe nicht lange.«
»Sag mal, das tust du wohl extra!«
»Hör zu... du bringst mich wirklich zum Lachen. Du bist unglaublich. Vor fünf Jahren hab ich dich auf den Knien angefleht und bin dabei voll auf
die Schnauze gefallen, wirklich voll auf die Schnauze, und jetzt meinst du, du bräuchtest nur mit den Fingern zu schnippen? Das ist wirklich das Schärfste. Das Schärfste, was mir je begegnet ist.«
Ich erzählte Vincent die ganze Geschichte, Vincent, der auf dem holprigen Weg neben mir hin und her geschüttelt wurde, während er mit einer Flasche in der Hand dasaß und vor sich hin döste.
»Nein, manchmal fragt man sich echt, ob sie nicht ein Brett vorm Kopf haben«, sagte ich mit einem höhnischen Lachen und fuhr ziemlich rasant die kleine Straße entlang, die sich in ihrem leuchtenden Kleid durch die Bäume schlängelte. »Nein, man fragt sich echt, wie sie auf so was kommen.«
»Fahr nicht so schnell«, stöhnte er. »Ich bin krank.«
»Natürlich bist du krank. Du bist ständig krank. Aber was sagst du zu dieser Frau, die es wagt, mich anzuschnauzen, nur weil ich sie nicht besuche? Hast du die Geschichte mitgekriegt? Wenn das keine Frechheit ist!«
Plötzlich beugte er sich aus dem Fenster und begann sich lautstark zu übergeben.
Schleimfäden blieben zwischen seinem Mund und der Karosserie kleben, andere hingen an seinem Kinn. Aus seinen Augen strömten Bäche von Tränen. Als er sich wieder setzte, bot ich ihm eine Zigarette an.
»Sie hat mich gefragt: Was ist denn das für ein Wrack, das du da anschleppst? Und ich habe geantwortet: Das ist der Typ, der den Platz meines Vaters einnehmen soll. Ich war nicht gerade stolz auf dich, das kannst du mir glauben.«
Er zeigte mir bis zum Einbruch der Dunkelheit die kalte Schulter.
Manchmal hörte ich, wie er Selbstgespräche führte, als sei er verrückt geworden. Wenn er vom Stuhl fiel - was ihm mindestens dreimal an diesem Nachmittag passierte -, dauerte es eine Ewigkeit, ehe er sich wieder aufrappelte, es war, als müsse er einen Berg erklimmen.
Während ich mich auf der Veranda sonnte, beobachtete ich ihn über den Rand eines Buches hinweg und spürte, daß seine Stunde nahte. Jeden Tag wirkte er noch jämmerlicher als am Tag zuvor, und jeder Tag war jämmerlicher als der Tag zuvor.
Als meine Mutter anrief - der Himmel war dunkelrot und schon mit Sternen übersät-, war Vincent draußen und wetterte gegen den Himmel, drohte ihm mit einer Flasche in der Faust.
»Hörst du ihn?« fragte ich meine Mutter, die sich offenbar Sorgen machte. »Wärst du vielleicht bereit gewesen, das zu ertragen? Du müßtest ihn jetzt mal sehen. Du könntest dich ihm nicht mal nähern.«
Sie wollte wissen, wo wir waren, was ich ihr bisher absichtlich verheimlicht hatte, um nicht gestört zu werden.
»Was bringt das schon, wenn du weißt, wo wir sind? Was solltest du hier anfangen, hm? Ich sage dir, das ist das reinste Trauerspiel. Vergiß diesen Typen so schnell wie möglich, den gibt's nicht mehr, glaub mir das. Du weißt doch, daß ich es gut mit dir meine. Ich weiß es jedenfalls. Und dieser Typ ist weder dein Mann noch mein Vater, merk dir das ein für allemal. Diese Tortur hat uns der Himmel zum Glück erspart. Mama, wir können dem Himmel danken, daß er uns diese verdammte Tortur erspart hat.«
»Mama? So hast du mich schon lange nicht mehr genannt.«
»Du bist meine Mutter. Ich kann dich nennen, wie ich will.«
Als Vincent zurückkam, beendete ich das Gespräch.
»Ich will sie nicht sehen«, stieß er mit dumpfer Stimme hervor und ließ sich auf einen Stuhl aus Teakholz fallen.
»Das ist aber nicht sehr nett von dir. Eine Frau, die an dich geglaubt hat. Eine Frau, die dich gern gehabt hat. Eine Frau, die du noch vor ein paar Tagen gevögelt hast. Hast du das etwa vergessen?«
Als ich sah, daß der Schlag saß, machte ich weiter.
Ich holte sogar einen Spiegel und zwang ihn, sich anzusehen.
Immer wenn er mir zu entwischen versuchte, verfolgte ich ihn und stocherte mit dem Messer in der Wunde herum. Als es völlig dunkel war, ging er in der schwülen Stille bis zu den Waden ins Wasser, und ich verstummte, da ich glaubte, er werde jetzt das Unwiderrufliche vollziehen, aber plötzlich machte er kehrt und sagte zu mir, er wolle mit ihr sprechen.
»Was, in deinem Zustand?« erwiderte ich. »Du kannst dich doch nicht mal mehr auf den Beinen halten. Was willst du ihr dann erzählen? Geh lieber ins Bett.«
Dann wählte ich die Nummer meiner Mutter. »Er will dich sprechen. Du wirst schon sehen, er ist in Topform.«
Ich reichte ihm den Apparat.
»Schieß dir lieber eine Kugel in den Kopf«, riet ich ihm.
Ohne mich aus den Augen zu lassen, preßte er das Telefon ans Ohr. Seine Hand zitterte, seine Lippen zitterten. Ich hörte die Stimme meiner Mutter, die im Hörer knisterte. Ich sah zu, wie er wankte und das Gesicht verzog. Ich hörte auch das saugende Geräusch, das seine Füße in den violetten, jetzt fast schwarzen Lederschuhen hervorriefen, die völlig durchnäßt waren.
Aber er sagte keinen Ton.
Am nächsten Morgen versuchte er sich zu rasieren. Ich erklärte ihm, daß sein Bart zu lang sei und er ihn erst mit der Schere stutzen müsse. Doch dazu war er nicht imstande.
Nach kurzer Überlegung stand ich auf und machte mich wortlos daran, die Sache zu erledigen. Trotz der Bullenhitze ließen sich ein paar Typen in einem Boot mitten auf dem See in der Sonne braten und warfen ihre Angelschnüre pfeifend durch die Luft, in der Hoffnung, etwas zu fangen, vielleicht aber auch nur, um ein wenig Ruhe oder Einsamkeit zu finden, ehe Frau und Kinder aufkreuzten. Der See war nur eine knappe Stunde von der Stadt entfernt, aber das schien ihnen zu genügen. Wenn ich ihnen im Dorf begegnete, wären sie nicht einmal imstande gewesen, mir zu sagen, wer sie waren, diesen Eindruck hatte ich zumindest.
Vincent und ich hatten es nicht einmal fertiggebracht, die tolle Angelausrüstung auszuprobieren, die ich für uns besorgt hatte — mein Vater hatte mich nie zum Angeln mitgenommen, und ich hatte, als ich die Ausrüstung kaufte, immer diesen Gedanken gewälzt, wie ein armer Irrer, wie einer, der an einem chronischen Übermaß an Rührseligkeit leidet. Jedesmal wenn ich ihm den Vorschlag machte, das heißt, wenn er sich nicht gerade übergab und seine Leber stückweise auskotzte und sich anschließend, um das Tageslicht zu meiden, in seinem Zimmer, das ebenso düster war wie die Höhle eines rotäugigen wilden Tiers, einschloß oder aber wie ein Häufchen Elend dasaß und sich auf die Brust schlug, wies er mein Angebot mit einer angewiderten Grimasse zurück.
»Dabei könnte dir das gar nicht schaden«, sagte ich nachdrücklich. »Statt hierzubleiben und auf der Stelle zu treten. Laß uns doch wenigstens versuchen, etwas davon zu haben, wo wir schon mal hier sind.«
Für Kartenspiele hatte er auch nichts übrig – ich stellte fest, daß er die Spielregeln nicht mehr kapierte und nicht mal mehr imstande war, die Karten in der Hand zu halten. Seine einzige Ablenkung waren die religiösen Sendungen und die Tierfilme, aber auch denen konnte er nicht lange folgen – er sackte in sich zusammen, purzelte auf den Boden oder starrte mit weitaufgerissenen Augen ins Leere.
»Als ich klein war«, sagte ich zu ihm, »hat mich mein Vater oft zum Angeln mitgenommen.«
Ich packte mein Rasierzeug weg, während er sich im Spiegel musterte.
»Ich weiß, daß es kaum zu glauben ist«, erklärte ich. »Ich kann mir vorstellen, was du empfindest. Ich kann mir vorstellen, was dir durch den Kopf geht. Aber wer sollte dir jetzt noch helfen können?«
Am Nachmittag fing ich noch einmal davon an: »Also, ich habe alles vorbereitet. Es ist alles im Boot. Komm, jetzt zier dich nicht. Los, nun komm schon. Ich hab auch eine Kühlbox mit Bier dabei.«
Gerade als er einsteigen wollte, tauchte Carole auf.
»Ich habe darüber nachgedacht, was du neulich zu mir gesagt hast«, sagte sie in ernstem Ton. »Ich glaube, das ist falscher Stolz.«
»Carole? Was machst du denn hier? Wo sind die Kinder?«
»Mach dir keine Sorgen um die Kinder. Versuch nicht immer auszuweichen. Das ist bei dir zu einer richtigen Krankheit geworden.«
Ich kletterte ins Boot und schob Vincent dabei vor mir her.
»Wo fahrt ihr hin?«
Ich nahm ein Ruder und stieß uns vom Ufer ab. »Hm, wo fahrt ihr hin?«
Sie war wirklich nicht mehr ganz bei Trost. Ich blickte sie einen Augenblick an, sah, daß sie noch ganz erregt von ihrem Ausbruch war, dann legte ich mich in die Riemen.
»Du hast ein echtes Problem«, rief sie mir nach. »Du solltest dich behandeln lassen.«
Ich lächelte und senkte dabei den Kopf. Damit sie nicht glaubte, ich mache mich über sie lustig.
Dann verschwand die Sonne hinter den Tannen, und Vincent wachte aus dem komatösen Schlaf auf, in den er seit unserer Abfahrt versunken war. Ich hatte ihm einen Hut aus Segeltuch aufgesetzt und ihn lange mit einem Foto meines Vaters verglichen. Mehrmals hatte ich mich über ihn gebeugt und den Hut auf seinem Schädel zurechtgerückt, um eine möglichst vollkommene Ähnlichkeit zu erzielen, und ich war wie betäubt.
»Du hast mir so gefehlt«, flüsterte ich. »Du hast uns so gefehlt.«
Mein Vater war seit zwanzig Jahren tot, und ich vergoß meine ersten Tränen mitten auf einem von dunklen Wäldern umgebenen See.
Vincent ließ das völlig kalt. Ich warf ihm wütend unsere Tasche mit Broten an den Kopf, doch er war durch nichts mehr zu erschüttern.
Dann faßte ich mich wieder. »Das ist gut. Das wird sie anlocken«, seufzte ich, während ich zusah, wie unsere Weißbrotscheiben abtrieben. Als wir anlegten, war der Himmel über den Wäldern feuerrot und spiegelte sich im See wie Wein in einem Pokal.
Ich war noch ganz erschüttert von dem tiefen Schmerz, der mich überkommen hatte. Dennoch bemühte ich mich, wieder auf die Beine zu kommen. Ich trank ein paar Gläser mit Vincent, während ich das Essen zubereitete.
Er beklagte sich über die Mücken. Seltsamerweise schienen sie geradewegs auf ihn loszuschießen, so daß ich mich fragte, ob nicht der Alkohol dafür verantwortlich war, daß sie sich auf diese Schnapsleiche stürzten wie die Armut auf die Menschheit. Ich holte eine Spraydose, um sie loszuwerden und Vincent nicht mehr meckern zu hören.
»Hast du den Revolver angerührt?« fragte ich, als ich bemerkte, daß die Schachtel nicht mehr an derselben Stelle lag.
Ich wartete nicht einmal seine Antwort ab. Ich nahm die Schachtel und legte sie gut sichtbar auf den Tisch. Ich warf den Deckel weg.
»Ich habe dich nie daran gehindert, ihn zu berühren«, sagte ich zu ihm.
Er berührte ihn nicht. Er begnügte sich damit, ihn anzustarren, wobei er seine Handflächen an seiner Hose abwischte, dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Ich versprühte noch einmal das Zeug aus der Spraydose. Vielleicht war es in gewisser Konzentration schädlich. Oder Vincents Gesundheit war noch schlechter als ich gedacht hatte. Wie dem auch sei, er wurde von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, der endlose Minuten dauerte, obwohl von der Veranda her frische Luft hereinkam. Ich war mir sicher, daß wir die Leute des benachbarten Hauses wecken würden, so heftig und furchtbar war sein Schleimhusten. Und tatsächlich leuchtete ein Licht hinter den Bäumen auf, und Hunde bellten lange in der Dunkelheit.
»Etwas Schlimmeres, als dir zu begegnen, konnte ihr kaum passieren. Weißt du das?« rief ich ihm über den Tisch zu, nachdem wir mehrere Minuten lang kein Wort mehr gewechselt hatten. »Du bist der größte Scheißhaufen, auf den sie jemals gestoßen ist.«
Und da auch ich etwas getrunken hatte, packte ich ihn und schüttelte ihn mit einer Wut, die mich selbst überraschte, und schrie, daß er unser Leben zerstört habe und zur Hölle fahren könne.
Daraufhin ließ ich ihn los und ging nach draußen, um Luft zu schnappen und mich zu beruhigen.
Ich wartete, bis das Blut in meinen Schläfen nicht mehr pochte.
Und da ich wußte, daß ich nicht den Mut hatte, ins Haus zurückzugehen, kletterte ich ins Boot und entfernte mich vom Ufer.
Das war eine gute Idee, denn ich konnte meine ganze Energie darauf verwenden, mich wie ein Wahnsinniger in die Riemen zu legen und alle Muskeln meines Körpers anzustrengen, um sie so von der übermäßigen Spannung zu befreien, die sie elektrisierte.
Etwa in der Mitte des Sees gönnte ich mir eine Ruhepause. Ich hob die Ruder hoch und hörte, wie das Wasser von ihnen abtropfte, während ich das stille Ufer musterte. Ich rechnete nicht wirklich damit, einen Schuß zu hören, aber dennoch spitzte ich die Ohren. Zugleich begriff ich nicht, wie es dazu hatte kommen können und wie man nur so bescheuert sein konnte wie ich.
Ich rief meine Mutter an. Ich erzählte ihr, daß alles in Ordnung sei und ich bald wieder in die Stadt zurückkäme.
»Ich tue, was ich kann, das weißt du ja. Also denk an etwas anderes. Sag Olga, sie solle mit dir ausgehen.«
Das Wasser war jetzt spiegelglatt. Der See hatte meine Spur verschluckt, während ich mit meiner Mutter sprach. Ich freute mich, daß ich ein paar Worte mit ihr wechseln und spüren konnte, daß sie nicht allzu fern war.
»Vielleicht schreibe ich eines Tages ein Buch über deine Abenteuer«, sagte ich im Scherz.
Der Mond glänzte, der Himmel war wolkenlos. Ich beendete das Gespräch und hoffte, daß diese Geschichte, wie auch immer sie enden mochte, ihr nicht allzu nah gehen würde.
Ich streckte mich eine Weile auf dem Boden des Boots aus, betrachtete den Himmel und fragte mich, was einen Mann dazu veranlassen konnte, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, und ob es ein ausreichender Grund war, wenn man das Leben anderer Menschen zerstört hatte.
Dann richtete ich mich wieder auf und ruderte in Richtung von Caroles Haus.
»Du kommst gerade richtig«, sagte sie zu mir. »Es ist eine Ratte im Haus. Hinter dem Kühlschrank.«
Ich fühlte mich nicht wirklich dazu in der Lage, mitten in der Nacht eine Ratte zu jagen, aber sie hielt mir entschlossen die Schaufel hin, die sie in der Hand hatte.
»Hinter dem Kühlschrank also, hast du gesagt.« Sie nickte. Sie war im Schlafanzug. Wir gingen in die Küche.
»Okay. Du ziehst den Kühlschrank weg und ich erschlage sie. So machen wir das.«
Anschließend gingen wir in den Garten, um die Ratte zu beerdigen. Carole wollte sie nicht in die Mülltonne werfen und wollte auch nicht, daß ich den Häcksler benutzte. Ich hielt das Tier am Schwanz- ende hoch, während sie nach einer geeigneten Stelle suchte, um es zu verscharren, als es plötzlich wieder lebendig wurde. Es stieß ein gräßliches Quieken aus. Mir wurde fast schlecht. Ich ließ es sofort los, und es verschwand in den Büschen, aber ich mußte mich an einem Baum festhalten.
Carole fragte mich, ob ich ein Gespenst gesehen habe.
»Du hast sie laufenlassen. Das ist zu blöd. Wie konntest du sie nur laufenlassen«, warf sie mir vor und ging auf das Haus zu. »Jetzt geht das Ganze wieder von vorn los.«
Als erstes solle ich sie nicht mehr Lili nennen, was völlig lächerlich sei, sondern Lilian. Und ich solle sie überhaupt in Ruhe lassen, ganz allgemein.
Ich solle nicht ihr Zimmer betreten, ohne anzuklopfen, ich solle mich nicht in ihre Angelegenheiten mischen, solle sie zufrieden lassen.
»Du mußt schon entschuldigen, aber Lilian war eine Idee deiner Mutter. Ich kann dich nicht einfach von einem Tag auf den anderen Lilian nennen.«
Ich solle ihr nicht dauernd nachspionieren.
»Ich traue wohl meinen Ohren nicht«, sagte ich.
Ich solle aufhören, meine Nase in alles hineinzustecken. Aufhören, sie zu fragen, ob sie auch die Pille nähme, ob jemand sie belästige, aufhören, sie zur Uni fahren zu wollen.
»Die liegt auf meinem Weg. Aber darüber läßt sich reden.«
Ich solle ihr nicht sagen, wie sie sich anzuziehen habe und mit wem sie sich treffen dürfe.
Ich solle ihr überhaupt nichts sagen.
»Na schön, Lilian. Aber das werde ich nie schaffen.«
Es war plötzlich Winter geworden und schneite im Dezember. Ich wußte nicht, wann genau sich die Beziehung zu meiner Tochter geändert hatte, aber daß sie sich geändert hatte, war nicht zu leugnen.
Dabei war ich darauf vorbereitet. Wußte, daß ein Vater eines Tages damit konfrontiert wird. Hatte damit gerechnet. All diese nicht ganz astreinen Familiengeschichten waren meine Spezialität. Ich hatte die Sache schon lange kommen sehen.
Ich hatte mich auf langen Spaziergängen, oder wenn ich allein zu Hause war, darauf vor- bereitet, als sie anfing, die vereinbarte Uhrzeit nicht mehr einzuhalten — und mich anschließend achselzuckend zum Teufel jagte.
Ich hatte damit gerechnet, daß sich das Gespenst ihrer Mutter zwischen uns stellen würde.
Sie war mit Lili schwanger, als sie bei der Explosion einer undichten Gasleitung das Leben verlor. Ich hatte mich nicht besonders gut mit ihr verstanden.
Sie war Model. Damals nahmen wir beide Drogen und gingen auf Partys, wo Paare ganz furchtbar herunterkamen. Eines Tages geriet Lili vor einem Stapel alter Zeitschriften in Ekstase, und da stellte ich ihr das Werk ihrer Mutter vor. Lili war begeistert.
Vielleicht war das der Augenblick gewesen. Vielleicht aber auch nicht.
Egal, jedenfalls solle ich ihr nicht mehr auf den Wecker fallen, und dabei knallte sie die Tür ihres Zimmers zu.
Was auch immer der Grund für unsere Auseinandersetzung gewesen sein mochte, es war klar, daß jetzt der kleinste Funken alles in Brand setzen konnte, und auch wenn ich darauf vorbereitet war, hatte ich Mühe, mich damit abzufinden.
Ich schenkte mir ein Glas ein, ließ ein paar Minuten verstreichen und ging dann wieder zu ihr hin.
»Hör zu«, sagte ich zu ihr, »ich habe lange geglaubt, du seist die einzige Frau auf der Welt, mit der ich keine Probleme haben würde. Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich habe festgestellt, daß ich mich geirrt habe. Du kannst mich ansehen, wenn ich mit dir rede.«
Sie schleuderte auf ihrem Drehstuhl herum, als sei er mit Raketen bestückt.
»Ich bin achtzehn. Ich bin volljährig.«
Ihre Mutter war ziemlich dickköpfig gewesen. Sie wäre lieber in einem Swimmingpool abgesoffen, als daß sie nachgegeben hätte.
»Ich habe dir schon erklärt, daß das nicht das Problem ist. Ob du volljährig bist oder nicht, ist nicht das Problem. Das Problem liegt darin, daß er sechzig ist. Verstehst du das?«
»Na und, auch wenn er sechzig ist. Was geht dich das an?«
»Entschuldige, Lili, aber es gibt da Grenzen.« »Ich will, daß du mich Lilian nennst. Bist du taub?«
»Willst du wissen, was ich denke? So ein Typ gehört ins Gefängnis. Und ich glaube, ich bin ziemlich liberal eingestellt. Obendrein ist er noch verheiratet. Umlegen müßte man ihn, das sage ich dir.«
»Raus aus meinem Zimmer!«
»Zwing mich nicht, ihn aufzusuchen, um mit ihm zu reden.«
»Wenn du das tust, zieh ich aus.«
»Zwing mich nicht, ihn zur Rede zu stellen. Mehr sage ich nicht dazu.«
Ich ging ins Wohnzimmer zurück und sah zu, wie es schneite. Ganz kleine feine Schneeflocken wie Pulver. Anschließend schob ich einen tiefgekühlten Auflauf in den Backofen.
Wir aßen stumm.
Dann sagte ich zu ihr: »Und ich hatte geglaubt, du seist die einzige Frau auf der Welt, die mir nur Gutes bringen würde. Da siehst du, wie man sich irren kann.«
Ich war rein zufällig der Hauptaktionär eines kleinen Verlags geworden - aus dem ich offiziell meine Einkünfte bezog -, und wir hatten etwa ein Dutzend Autoren in unserem Katalog, unter anderem auch Charlotte Blonsky, die immer Vorschüsse verlangte, die in keinem Verhältnis zu den Verkaufszahlen ihrer Bücher standen - alle diese Autoren haben im Grunde die Seele eines Hais. Und aus reiner Herzensgüte hatten wir ein paar Monate zuvor zu Ehren von Charlotte Blonsky in der Buchhandlung eine kleine Cocktailparty veranstaltet, um das Erscheinen ihres neuen Buchs Der erdrosselte Liebhaber zu feiern, das meine beiden Mitaktionäre Corinne und Sandra einfach umwerfend fanden - und dazu hatten sie ihr Foto an den Wänden der Buchhandlung ausgestellt.
Charlottes Mann war ein Typ um die Sechzig in einem marineblauen Blazer -das gab's auch noch? - mit goldenen Knöpfen. Dazu trug er ein Halstuch. Wer hätte sich gedacht, daß solche Leute immer noch frei herumliefen? Und dennoch wurde er von Frauen umringt. Georges Blonsky. Ein Mann, der von einem anderen Stern zu kommen schien.
»Sagst du das im Scherz?« fragte ich Lili auf dem Heimweg. »Du findest also, daß er Charme hat. Daß Georges Blonsky Charme hat. Ist es seine Rapperkleidung, die dich so begeistert?«
Ich hatte sie lächelnd angesehen, denn ich gewöhnte mich allmählich daran, von ihr das Gegenteil von dem zu hören, was ich sagte.
Und schließlich hatte ich hinzugefügt: »Nein, meinst du das im Ernst? Du machst dich wohl über mich lustig.«
Ich mußte feststellen, daß sie es ernst meinte. lch mußte feststellen, daß Georges Blonsky an jenem Abend meiner Tochter den Kopf verdreht hatte.
Er war nicht der erste, das war nicht das Problem. Schon seit zwei Jahren traf sie, wie die meisten ihrer Freundinnen, die entsprechenden Vorkehrungen - wenigstens war ich nicht der einzige Vater, der die Zähne zusammenbeißen und diesen harten Schlag, dem jeder zu entgehen hoffte, hinnehmen mußte -, und sie kannte sich auf diesem Gebiet mindestens so gut aus wie ich. Das war nicht das Problem.
Ich wußte nicht, worin es genau bestand, wenn ich mal ganz in Ruhe darüber nachdachte. Es kam sogar vor, daß ich genug Abstand gewann und mir sagte, daß die Situation gar nicht so dramatisch sei. Aber irgend etwas ging mir gegen den Strich.
Eines Abends besuchte ich eine Party, die Charlotte Blonsky organisiert hatte. Im allgemeinen mied ich solche Abende wie die Pest, denn man begegnete dort zahlreichen Schriftstellern, und ich war nicht gerade scharf auf ihre Gesellschaft. Sie ödeten mich schnell an. Ich hielt mich generell ein wenig abseits auf, bis man mich holte und mit einem Schwall unverständlicher Worte überhäufte, entweder dem Rohmaterial für ein neues Buch oder der Zusammenfassung eines Vortrags, den sie in Vermont oder in Sydney vor vollbesetztem Saal gehalten hatten.
Aber ich bestand darauf, an Charlotte Blonskys Party teilzunehmen.
Sie war gut besucht, sehr gut besucht. Ich stellte fest, daß wertvolle Bilder an den Wänden hingen, während ich im Gefolge von Georges Blonsky von einem Zimmer ins andere ging und darauf wartete, das Wort an ihn richten zu können. Ich hatte keine Ahnung, was ich ihm sagen würde, ich wußte nicht einmal, ob ich mit ihm reden würde. Ich begnügte mich damit, ihm zu folgen, und schnappte mir im Vorübergehen hier und dort ein paar belegte Brote, die von charmanten Hostessen in superkurzen schwarzen Röcken angeboten wurden, sowie ab und zu ein Glas Champagner.
Ich schüttelte auch diverse Hände, nahm aber nur das summende Geräusch der Unterhaltungen wahr, ich konnte den Blick nicht von dem Mann im Blazer abwenden, der meine Tochter aufs Kreuz legte. Manchmal war ich fast auf Tuchfühlung mit ihm, konnte die Poren seiner Haut sehen, sein Parfüm riechen und den Stoff seines Blazers streifen. Schließlich stellte ich mich vor.
»Ich bin Lilis Vater. Sehr erfreut.«
Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er drückte sie, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen. »Ich weiß. Wir kennen uns.«
»So gut nun auch wieder nicht«, erwiderte ich und konzentrierte mich auf das unange- nehme Gefühl, das der Kontakt seiner Haut mit der meinen hervorgerufen hatte. »So gut nun auch wieder nicht, verehrter Freund.«
Ich war unfähig, das Gespräch weiterzuführen, und ließ ihn gehen. Durch ein offenes Fenster streckte ich meine Hand nach draußen und vergrub sie in dem Schnee, der auf dem Sims lag, einer Schicht von mehreren Zentimetern, die sengend heiß wurde. Wie konnte er es nur wagen? Wie kam er nur darauf, daß er irgendein Anrecht auf etwas habe? Auf junges Blut, auf Blut von meinem Blut? Das ging mir wirklich gegen den Strich. Ich hatte gesehen, was ich aus der Nähe hatte sehen wollen, und diese widerwärtige Hand berührt.
Halb betrunken knöpfte ich mir später zwischen Tür und Angel Charlotte vor.
»Ich muß mit dir über deinen Mann sprechen«, sagte ich.
»Mein Lieber, das Thema ist seit langem abgeschlossen.«
Ich betrachtete eine Weile die jungen Hostessen, die wie Spatzen von einer Gruppe zur anderen trippelten. Man hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um sich eine von ihnen zu schnappen. Das war das Problem. Aber wie sollte man wissen, was in ihren Köpfen vorging. Wie hatte sich Lili nur in Georges Blonsky vergucken können?
Ich machte mich auf die Suche nach ihm.
Als ich ihn fand, stand er gerade auf dem Flur. »Ich fühle mich nicht gut«, erklärte er mir.
»Na prima, dann geht es uns ja ähnlich. Freut
mich, das zu hören.«
Er hatte die Hand auf die Brust gelegt und verdrehte die Augen, doch der Flur drehte sich auch um mich. Ich lehnte mich mit der Schulter gegen die Wand.
»So, nun hören Sie mal zu...« begann ich.
Ich hielt ihn fest, sonst wäre er gefallen.
»Jetzt sperren Sie mal weit die Ohren auf...«
Und dann starb er in meinen Armen an einem Herzinfarkt. Er stieß in meinen Armen den letzten Seufzer aus. Er klammerte sich noch an mich, als ich ihn auf den Boden gleiten ließ. Sein altes Herz hatte ihn plötzlich im Stich gelassen.
Als erstes wurde ich zumindest in einer Hinsicht beruhigt: Lili war nicht auf alte Männer fixiert. Ich war erleichtert, als ich nach den Feiertagen entdeckte, daß sie mit einem jungen Typen ging, der noch alle Zähne besaß und normale Kleidung trug.
Aber die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten.
Georges Blonskys Tod hatte sie in Wirklichkeit viel stärker getroffen, als ich gedacht hatte. Sie weigerte sich, mit mir darüber zu sprechen, und vermied sogar, soweit möglich, jede Unterhaltung mit mir. Wenn sie abends nicht überhaupt unter dem Vorwand, sie habe keinen Hunger, in ihrem Zimmer blieb, hatte ich große Mühe, den Kontakt zu ihr herzustellen. Ich fand sie blaß, völlig abwesend, und wenn wir uns die Nachrichten ansahen, fiel ihr das Haar ins Gesicht, so daß meine Kommentare über das Chaos, das sich allmählich rings um uns ausbreitete, wohin man auch blickte, kein Echo bei ihr fanden. Ich hörte, wie sie mitten in der Nacht telefonierte, oder überraschte sie dabei, wie sie mitten am Tag schlief. Auf ihren Rat hin vermied ich es jedoch, gewisse Bemerkungen fallenzulassen. Ich spürte, daß wenigstens einer von uns beiden einen kühlen Kopf bewahren mußte.
Was ihren Freund anging, so brauchte ich mehrere Tage, um mir ein Bild von ihm zu machen, nachdem ich beschlossen hatte, mehr über ihn zu erfahren. Lili und ich hatten einen, von meinem Standpunkt aus gesehen, furchtbaren Januar hinter uns, halb unterm Schnee begraben, der in ungewöhnlichen Mengen gefallen war, und von einer Kluft getrennt, die größer war als die unter Fremden unterschiedlicher Konfession. Sie schloß ihre Schubladen ab. Sie wich meinem Blick aus. Drei Schritte mit mir die Straße entlangzulaufen, schien über ihre Kräfte zu gehen.
»Und dieser Dimitri?« fragte ich sie eines Abends in einem Restaurant - ich hatte sie mitschleppen dürfen, weil ich ihr als Gegenleistung versprochen hatte, das Konto ihrer Kreditkarte zu sanieren. »Willst du mir nicht etwas über diesen Dimitri erzählen?«
Ich packte sie am Handgelenk, um sie daran zu hindern, unseren Tisch zu verlassen, vor allem, da wir noch bei der Vorspeise waren und ich einen sehr guten Wein bestellt hatte, um wieder etwas Farbe in ihre Wangen zu bringen. Es gelang mir, sie zurückzuhalten, indem ich ihr schwor, das Thema zu wechseln, einen Schwur, den ich heroisch einhielt, auch wenn ich mir mehrmals auf die Lippen beißen mußte. Auf dem Heimweg warf ich mit einem Schneeball nach ihr, aber er traf sie mitten ins Gesicht, und so beließen wir es dabei.
Ich konnte mich nur auf meinen eigenen Spürsinn verlassen, um mehr über Dimitri zu er- fahren. Ich folgte ihm. Mit einer Wollmütze über den Ohren stand ich mir mehrere Tage lang an einer Straßenecke vor der Uni bei eisigem Wind die Beine in den Bauch, hauchte in regelmäßigen Abständen meine Finger an, damit sie mir nicht abfroren, und dampfte aus allen Öffnungen wie eine Lokomotive. Mir tränten die Augen, und die Zehen taten mir weh. Bis ich schließlich mit gesprungenen Lippen herausfand, daß Dimitri, dieser Arsch, gar nicht an der Uni eingeschrieben war. Das fing ja gut an. Zitternd wie Espenlaub und blaugefroren betrat ich die Buchhandlung, so daß sich meine Mutter fragte, ob ich gut daran tat, mich so intensiv mit dieser Geschichte zu beschäftigen. Wir stritten uns ein wenig um den Heizkörper, dann machte ich mich wieder auf den Weg. Ich betrachtete auch all die Mädchen, die im Alter meiner Tochter waren, und verstand, daß ich noch weit von der Wirklichkeit entfernt war.
Als ich eines Morgens halbtot vor Kälte war und die Nase gestrichen voll hatte, begriff ich schließlich, daß es Dinge gab, die nicht in meiner Macht standen. Ich machte eine von Lilis Schub- laden mit Gewalt auf - das konnte ich noch ganz gut, wenn ich es wollte - und fand seine Adresse. Übrigens hatte ich dabei fast das Gefühl, als sei es mein gutes Recht.
Er wohnte bei seinen Eltern. War Sänger in einer Gruppe.
An einem Abend, an dem Lili zu Hause blieb, stand ich gegen Mitternacht auf und ging in eine Kellerkneipe, um ihn mir anzuhören, und trank, umgeben von Zombies aus dem Viertel, lauwarmes Bier - es traten dort auch irgendwelche Schriftsteller auf, gingen auf die Bühne, und dann folgte eine Lesung, die einen glatt umhaute.
Er machte keinen sonderlich guten Eindruck auf mich. Meilenweit entfernt von den erstaunlichen Vokalexperimenten einer Maja Ratkje, die ich zutiefst bewunderte, gelang es Dimitri nur, mir mit Texten aus seiner eigenen Feder kräftig auf die Nerven zu gehen. Meiner Meinung nach war das ziemlich mäßig. Doch um mir nachher keine Vorwürfe machen zu müssen und nach zwei Aspirintabletten, die ich an der Bar lockergemacht hatte, wartete ich das Ende seines Konzerts ab, denn man weiß ja nie, Dimitri konnte durchaus am folgenden Tag in den Zeitungen gefeiert und von dieser oder jener Avantgarde in den Himmel gelobt werden, möglich war alles. Ich blieb also bis zum Schluß, versuchte nicht voreingenommen zu sein, fragte mich, ob es eine Pause geben würde, gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich nichts hörte, wenn man mich ansprach, und wechselte Blicke mit einem Mädchen, dessen Vater ich hätte sein können, was die Kleine nicht zu beunruhigen schien und sie möglicherweise sogar aufreizte. Eine hübsche Mieze auf jeden Fall.
Die wenig später Dimitri um den Hals fiel und auf seinem Schoß ein Glas trank, wobei sie zappelte wie ein Aal. Ich sah, worauf das hinauslief. Nicht daß ich Georges Blonsky nachgetrauert hätte, soweit ging das nicht, aber ich sah, auf welchem Terrain das Match jetzt ausgetragen wurde, und war nicht gerade erfreut darüber. Es wäre mir lieber gewesen, auf ein gesunderes Milieu zu stoßen. Kreativen Menschen begegnete ich alle Tage, hatte oft genug mit ihnen zu tun und lud sie manchmal ins Restaurant ein, wo ich noch andere traf, ich kannte ihre Lebensweise genau, wußte, was für einen seltsamen Charakter und was für lose Sitten sie hatten. Vor allem die jungen Leute, solange sie noch nicht in der Lage waren, Schecks zu unterzeichnen.
Ich begriff, warum Lili nichts mehr aß und warum sie so blaß war.
Um drei Uhr morgens beobachtete ich bei extremer Kälte nachdenklich Dimitri, der ein Einfamilienhaus in der Vorstadt betrat.
Als ich später meine Recherchen fortsetzte, fand ich heraus, daß Dimitris Vater früher, bevor er Versicherungsagent wurde, der Sänger der Diablos gewesen war, meiner Lieblingsgruppe, als ich sechzehn war.
Meine Mutter erinnerte sich noch genau an sie. Wir dachten nur ungern an diese Zeit zurück, denn wir hatten ziemlich unter einer Geschichte ge- litten, die sich damals abgespielt hatte und deren Narben, trotz der dreißig Jahre, die in- zwischen ins Land gezogen waren, nur langsam verheilten. Aber man stieß eben nicht alle Tage auf einen Typen, der die eigene Jugend geprägt und auf der Bühne die Hose heruntergelassen hatte, als er mit den Diablos spielte.
Ein paar Jahre zuvor hatte meine Mutter kurz mit einem Mann zusammengelebt, und seither befanden sich die Sachen aus meiner Jugend noch immer in ihrem Keller. Voller Rührung fand ich dort alle meine alten Platten wieder. Meine fünf LPs der Diablos, die noch so gut wie neu waren.
Wir hörten sie uns an. Olga, eine Freundin meiner Mutter, kam in diesem Augenblick herein, das Gesicht noch ganz verschwollen von ihrem zweiten Lifting.
»Mein Gott, die Diablos«, seufzte sie. »Das ist wirklich eine Verjüngungskur.«
Lilis Mutter Sonia, meine verstorbene Frau, hatte eine ganz besondere Art gehabt, sich zu kleiden.
»Ich sage nicht, daß mich das stört«, erklärte ich meiner Tochter, während draußen ein furchtbarer Wind wehte. »Ich finde nur, das ist nicht dein Stil.«
Es war an einem besonders finsteren, feuchten Februarabend. Lili hatte alle Schrankkoffer durchwühlt - das war mein Fehler - und probierte die Sachen ihrer Mutter an. Ich wußte nicht, was in sie gefahren war, und hütete mich, sie das zu fragen. Ich sah zu, wie sie zwischen ihrem Zimmer und dem Wohnzimmer hin und her ging, wo ich im Sessel saß und vergeblich versuchte, die Zeitung zu lesen, denn sie unterbrach mich dauernd, weil ich ihre neuen Klamotten bewundern sollte.
»Wenn es dich stört, dann sag es mir.«
»Nein. Ich sag dir doch, das stört mich nicht.«
Bis dahin hatte Lili eher formlose Hosen und Pullover getragen, in deren Ärmeln ihre Hände halb verschwanden, ganz zu schweigen von ihren Schuhen, diesen gräßlichen Turnschuhen, und plötzlich stand sie in einem Kostüm, Nylonstrümpfen und hochhackigen Schuhen vor mir oder drehte sich in einem Minirock und einer knappen Bluse vor mir im Kreis.
»Habe ich Ähnlichkeit mit ihr?« fragte sie mich schließlich.
»Nein. Nicht direkt«
»Warum nicht?«
Ich war zu alt für solche Spielchen. Ich bemühte mich, ihr gegenüber nicht weich zu werden, aber manchmal, wenn der Wind wie in diesem Augenblick über die Straße fegte und die Fensterwand erzittern ließ, geriet auch ich ins Wanken, und dann hatte ich Lust, die Arme sinken zu lassen, und wünschte mir, ich hätte das Recht, mich nicht in ihr Leben einzumischen.
»Als erstes solltest du aufhören, sie ständig zu überwachen«, riet mir meine Mutter.
»Ich bitte dich. Damit hat das nichts zu tun.« »Hör zu, sie wird schon wieder auf andere Gedanken kommen.«
»Ich kann doch wohl erwarten, ein Mindestmaß an Informationen über das Leben meiner Tochter zu erhalten. Ich möchte nicht eines schönen Morgens aus allen Wolken fallen. Denk daran, was man alles so hört. Bei diesem Dimitri fragst du dich, ob er ab und zu mal das Tageslicht sieht.«
»Du würdest Charlottes Mann sicher vorziehen.«
»Ich ziehe überhaupt nichts vor. Stell dich nicht auf ihre Seite.«
Mein Liebesleben war seit vielen Jahren das reinste Chaos, aber das nahm ich in Kauf und machte es nur mir selbst zum Vorwurf. Das stand auf einem anderen Blatt. Aber es gefiel mir nicht, was Lili da für mich zusammenbraute, dieses schleichende Mißtrauen, das sich zwischen uns ausbreitete, und auch nicht die Haltung meiner Mutter, die Position gegen mich ergriff, seit sich meine Tochter immer mehr treiben ließ. Gemeinsam waren die beiden imstande, mich buchstäblich in die Zange zu nehmen. Mir wurde plötzlich klar, daß die eine die andere nach und nach abgelöst hatte. Ich fragte mich, wo ich unter diesen Umständen die Zeit für eine Frau hernehmen sollte. Aber das war etwas, das ich mir wohl an den Hut stecken konnte.
Meine Mutter meinte, Lili sei inzwischen erwachsen, doch eines Abends gegen elf klingelte das Telefon, ein Hilferuf. »Ich weiß nicht, was ich habe. Ich blute überall.«
Sie weinte am anderen Ende der Leitung. Ich wollte wissen, wo genau sie blute, aber sie war nicht imstande, etwas Zusammenhängendes von sich zu geben. »Komm und hol mich ab«, jammerte sie.
Ich brachte schließlich aus ihr heraus, daß sie in einer Metrostation war, nicht weit von zu Hause entfernt.
Ich war überzeugt, jemand habe mit dem Messer auf sie eingestochen. Ich rannte die Straßen entlang, auf denen ein eisiger Wind wehte, und ein Bild ließ mich nicht los: Ich sah plötzlich meine Mutter wieder neben mir, wie sie in einem Krankenwagen mit dem Tod rang.
Es war so kalt, daß die Straßen fast menschenleer waren. Die Bürgersteige wurden noch von kleinen Häufchen grauen Schnees gesäumt, der hart wie Stein war. Ich war überzeugt, sie sei ange- griffen worden und zusammengebrochen.
Sie hielt sich das Kinn, zwischen ihren Fingern rann Blut. Jedenfalls freute sie sich, mich zu sehen.
Ich nahm sie in den Arm und suchte mit den Augen die Straße von oben bis unten nach einem Schatten oder einem Typen ab, der sich irgendwo versteckt hielt.
Sie machte einen völlig verstörten Eindruck. Sie behauptete, sie sei ausgerutscht, fand aber die vereiste Stelle nicht wieder. Da sie sich kaum auf den Beinen halten konnte und mit weitaufgerissenen erstaunten Augen auf die Straße blickte, fragte ich sie, was sie genommen habe, aber sie gab mir immer wieder zur Antwort, sie sei ausgerutscht.
Gegen ein Uhr morgens verließen wir das Krankenhaus, nachdem ihre Wunde mehrfach genäht worden war.
»Und niemand ist stehengeblieben«, erzählte sie mir. »Alle sind sie mir ausgewichen. Die hätten mich glatt abkratzen lassen.«
»Und so was passiert dir ausgerechnet jetzt«, sagte ich, »seit du meinst, du seist erwachsen. So was ist in den ganzen letzten Jahren nie passiert, und ausgerechnet jetzt passiert dir das. Findest du nicht, daß das ein seltsamer Zufall ist?«
Wir waren in der Küche und teilten uns ein Päckchen Chips. Ich erkannte die Sachen ihrer Mutter wieder, sie waren blutbefleckt.
»Erzähl doch keinen Stuß«, seufzte sie.
»Aber du mußt immerhin zugeben, daß ich wieder mal für dich da bin, wenn es dir dreckig geht. Dann habe ich doch auch wohl das Recht, mir Fragen zu stellen.«
»Dir worüber Fragen zu stellen?«
»Worüber?« wiederholte ich lächelnd.
Die letzten Schneereste verschwanden Mitte März. Die Dunkelheit brach nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Fallbeils herein, und die Blätter der Kastanien öffneten sich erstaunlich schnell. Die Tage wurden allmählich länger.
Ich war furchtbar enttäuscht, als ich den Sänger der
Diablos traf. Er hatte inzwischen eine Glatze bekommen und war
derart verbitten und derart gemein zu seiner Frau, daß ich meine
Platten wieder mitnahm, ohne sie mir von ihm signieren zu
lassen.
»Ich will nicht, daß dieser Typ in unsere Familie kommt«, erklärte
ich. »Oder aber die Hochzeit findet ohne mich statt.«
Dann beschleunigten sich die Vorbereitungen.
Ich nutzte das allgemeine Durcheinander, um mich aufgrund der Situation an manchen Abenden in aller Seelenruhe besinnungslos zu besaufen. Ich war einer Macht begegnet, die stärker war als ich. Alle meine Bemerkungen waren vom Tisch gefegt, meine Vorbehalte übergangen worden, und ich war nur noch ein ohnmächtiger Beobachter dieser tickenden Höllenmaschine, dieser Dampfwalze totaler Verblendung und unglaublichen Starrsinns, auf der meine Tochter wie auf einem unbesiegbaren Feuerroß in die Schlacht preschte.
Ein paar Tage vor der Feier stand ich kurz vor einer Katatonie und wollte niemanden mehr sehen. Schließlich öffnete ich die Fenster, sah die grünen Bäume und hörte die Vögel singen. Dann rief ich Lili an und sagte ihr, ich hätte nach- gedacht und wolle sie nicht mehr anschnauzen, mich nicht mehr mit ihr in die Wolle kriegen und nicht mehr ihre Entschlüsse kritisieren.
Denn es wurde Frühling.
Vor der Hochzeit hatten Dimitris Vater und ich ein Gespräch über die finanzielle Unter- stützung, die wir dem jungen Paar gewähren wollten.
»Was lungerst du hier rum?« rief er seiner Frau zu, wenn sie in unsere Nähe kam. »Siehst du denn nicht, daß wir etwas zu besprechen haben?«
Sie schien den ganzen Tag damit zu verbringen, den Garten zu harken oder die Möbel zu polieren. Bis ich eines Tages zu ihr sagte: »Warum lassen Sie sich nur so behandeln?«
Sie war eine Frau um die Vierzig, die ständig die Augen senkte.
»Er ist nicht immer so gewesen«, meinte sie.
Ich sah ihn noch, wie er mit wasserstoffblondem Haar seine Gitarre auf dem Boden zertrümmerte. Ich war empört. Daß er so ein jähzorniger Scheißbeamtentyp geworden war, der seine Frau tyrannisierte, empörte mich zutiefst. Ich fühlte mich von den Diablos verraten, von ihrem Bandleader in seinem Ralph-Lauren-Sweatshirt lächerlich gemacht, weil aus ihm so ein Jammerlappen geworden war.
Ich hatte ein Poster von ihm über meinem Bett hängen gehabt und ihre Musik von morgens bis abends gehört. Wenn meine Mutter in mein Zimmer kam, hielt sie sich die Ohren zu. Sie kam und ging, wie es ihr paßte. Ich konnte ihr noch so oft sagen, sie solle anklopfen, bevor sie hereinkäme, das scherte sie einen Dreck. »Ich bin deine Mutter. Ich habe dich zur Welt gebracht.« Sie setzte sich neben mich und streichelte mir den Kopf, während die Diablos weiterhin die Wände erzittern ließen.
Ich fügte hinzu: »Evelyne, ich weiß, daß mich das nichts angeht, aber wie halten Sie das nur aus?«
Seit meine Mutter und meine Tochter mich anscheinend nicht mehr brauchten, konnte ich mich für andere Menschen interessieren.
Diese Unterhaltung endete mitten am Nachmittag in meinem Bett, und ehrlich gesagt begriffen wir nicht, was in uns gefahren war. Weder sie noch ich.
Anschließend kroch sie rückwärts aus meinem Bett, preßte ihre Kleider an die Brust und schenkte mir ein verlegenes Lächeln.
»Hören Sie zu, Evelyne, es tut mir wirklich leid...«, seufzte ich und dachte an all das, was wir gerade getan hatten und was wir nicht ungeschehen machen konnten.
Sie hatte vor Verwirrung feuerrote Wangen. Sie zog sich mit unbeholfenen Gesten wieder an, während ich mich am Kopf kratzte.
Jedesmal wenn wir miteinander schliefen, schien Evelyne in einem Zustand zu sein, der nicht normal wirkte. Sie fiel mir in die Arme wie eine betrunkene Frau und gab sich mir völlig hin. Wir wechselten praktisch kein Wort.
Anschließend, nachdem die Sache zu Ende war, verharrte sie einen Augenblick regungslos und blickte starr an die Decke, sie gönnte sich eine Minute, um wieder zu Atem zu kommen.
Ich sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck ver- änderte, sah, wie sie wieder in ihren Normalzustand zurückkehrte und zu einer Frau wurde, die Ehebruch als eine Sünde betrachtete, einer Frau, die nie ausging und die soeben in eine furchterregende Welt gestürzt war.
Sie setzte es schließlich durch, daß die Trauung in der Kirche stattfand. Es lag ein solcher Ausdruck der Schuld in ihrer Miene, wenn sie sich wieder anzog, daß man um sie zitterte.
Eines Abends, als ich mir gerade in Ruhe die Nachrichten ansah – ich war im Schlafanzug, hatte ein Glas in der Hand und das Sofa für mich allein –, raste Lili plötzlich wie eine Furie herein, stürzte sich auf mich und begann wortlos und ohne jegliche Erklärung mit ihrer Handtasche auf mich einzudreschen.
Es hagelte so schnelle Schläge, daß ich eine Minute lang wie benommen war.
»Das darf nicht wahr sein. Wie konntest du das bloß tun, du altes Schwein.«
Sie zog Grimassen wie der Leibhaftige.
Am nächsten Morgen stand ich vor ihrer Tür. Ich mußte innerlich lachen, als ich das Durcheinander bemerkte, in dem sie mit ihrem frischgebackenen Ehemann lebte, dabei hatte sie früher ihr Zimmer immer so gut aufgeräumt.
Dann sagte ich ihr, daß ich ihre Reaktion verstehen könne und sie durchaus verdiene. Ich fand, das war ein guter Einstieg.
»Aber abgesehen davon«, fügte ich hinzu, »sehe ich nicht recht, was daran so schlimm sein soll. Die Tatsache, daß sie deine Schwiegermutter ist, erschwert die Sache natürlich in deinen Augen. Aber davon mal abgesehen. Laß uns ehrlich sein, so etwas kommt doch alle Tage vor.«
Sie nahm eine Zigarette, und ich gab ihr Feuer. Kaum sind Töchter verheiratet, betrachten sie ihren Vater mehr oder weniger als eine Last.
»Aber hättest du nicht darauf verzichten können?« seufzte sie. »Hättest du dich nicht ausnahmsweise mal zurückhalten können?«
Ich erwiderte, daß sie verdammt streng zu mir sei, wie ich fand, um nicht zu sagen: ungerecht in diesem Punkt. Natürlich hätte ich Abenteuer gehabt, aber so viele nun auch wieder nicht.
»Das ist doch wohl ein Scherz. Glaubst du vielleicht, ich sei blind? Hast du etwa all meine Babysitter vergessen, die du eine nach der anderen aufs Kreuz gelegt hast?«
»Ich weiß genau, wovon du sprichst. Aber vergiß bitte nicht, daß ich damals gerade erst frisch verwitwet war, daß der Tod deiner Mutter ein Schock für mich gewesen war. Was glaubst du eigentlich? Das ist doch kein Grund, um so zu tun, als sei ich krank. Das lasse ich mir nicht gefallen.«
Irgend etwas an mir schien sie doch anzuekeln, aber sie hatte vermutlich bei ihrem Wutanfall am Vorabend ihre Kräfte verausgabt.
»Wenn ich dich so ansehe, frage ich mich, ob du noch ganz bei Trost bist«, erklärte sie und schüttelte dabei ernst den Kopf.
»Und bei dir, ist bei dir alles in Ordnung?« Sie setzte mich vor die Tür.
Ich blieb im Treppenhaus und wartete. Als sie sich entschloß, mir die Tür wieder zu öffnen, hatte sie sich eine weitere Zigarette angezündet, und eine Wolke aus blauem Rauch schwebte in der kleinen Wohnung.
»Sie geht nicht einmal mehr zur Kirche«, teilte mir Lili mit.
»Was? Kannst du das noch mal sagen?«
Ich hatte mir offensichtlich noch keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht, die meine Beziehung zu Evelyne haben könne – eine Beziehung, deren Realität mir kaum bewußt war und die ich nicht genauer bezeichnen konnte, so eigentümlich, ungewöhnlich, unwirklich und zukunftslos war sie. Aber als ich erfuhr, daß zwischen ihr und ihrem Mann heftige Spannungen entstanden waren, wunderte mich das nicht weiter. Ich war nicht im geringsten darüber erstaunt. Ich konnte sie mir gut vorstellen, wie sie sich zurückzog und sich auf die Lippen biß. Wie sie ganze Stunden unter der Dusche verbrachte. Wie sie im Schlaf stöhnte. Wie sie nervös und geistesabwesend war. Und wie er das Essen seiner gespenstischen Frau total zum Kotzen fand.
Sie hatte sich Lili an dem Tag anvertraut, als er ihr eine Schüssel gekochtes Gemüse an den Kopf geworfen hatte.
»Wie konntest du das nur tun. Sie ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Du hast ihr Leben zerstört.«
»Sie wird sich allmählich ihres Schicksals bewußt. Dafür kann ich nichts.«
Sie verzog das Gesicht. »Sie war wirklich ein leichtes Opfer für dich. Aber das hat dich nicht davon abgehalten. Das hat dich nicht im geringsten davon abgehalten.«
»Und was denkst du darüber?«
Ich ging hinaus, ohne ihre Antwort abzuwarten.
Dimitri, mit dem ich nicht viel gemein hatte, schwor, daß er dem Arschloch, in dessen Hände seine Mutter geraten war, eins auf die Rübe geben würde. Ihm
ging die Sache sehr nah. Noch einer, der glaubte, daß seine Mutter Jungfrau sei, und der plötzlich mit der bitteren Wirklichkeit konfrontiert wurde. Als ich das hörte, blickte ich Lili an, um ihr zu verstehen zu geben, was ich von ihrem Mann hielt – dessen Dummheit in meinen Augen auf sie abgefärbt hatte, denn hätte sie sich sonst so einen Typen geangelt, wo es doch bestimmt ein paar Männer gab, die durchaus okay waren, vorausgesetzt, man gab sich ein bißchen Mühe, um sie zu finden? Ich blickte sie aus den Augenwinkeln an, während Dimitri seinen Blödsinn von sich gab, und ich wußte, daß sie mich sehr gut verstand. Wir hatten achtzehn Jahre gemeinsam unter demselben Dach verbracht, ein Vater und seine Tochter, Tausende von Stunden unter vier Augen. Ich brauchte keinen Dolmetscher, um mit ihr zu kommunizieren. Und selbst wenn sie es nicht zugeben wollte, wußte sie, daß ich recht hatte. Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu, aber ich konnte nichts dafür, daß ihr Mann in jenem Augenblick mit seinem Vater telefonierte und davon sprach, mit dieser unglücklichen Evelyne einen Priester aufzusuchen oder sie einsperren zu lassen.
Eines Morgens, als ich mit dem Sänger der Diablos in seinem Wohnzimmer saß, um mit ihm die Abrechnung der Ausgaben zusammenzustellen, die wir für unsere Kinder getätigt hatten, erklärte er, ohne den Blick von seinem Blatt zu heben, in unbeteiligtem Ton: »Ich glaube, meine Frau betrügt mich. Ich glaube, diese Schlampe hat einen Liebhaber, stell dir das mal vor.«
Ich hätte am liebsten zu ihm gesagt, sieh dich doch mal an, sieh doch nur, was aus dir geworden
ist, aber solange er Lilis Schwiegervater war, mußte ich vermeiden, gewisse Bande mit Füßen zu treten, vor allem jene, die das Leben leichter machen.
»Das tut mir aber leid«, antwortete ich.
Evelyne war gerade dabei, den Rasen zu mähen, und ging im Zickzack unter dem blauen Himmel und den blühenden Bäumen durch den Garten. Er betrachtete sie ein paar Sekunden und verzog dabei das Gesicht.
Er knurrte: »Das ist doch wohl das Letzte.«
Als sie einen Augenblick später auftauchte, hatte man den Eindruck, als ginge ein Gespenst durchs Wohnzimmer oder als liefe eine Verletzte, die noch unter Schockwirkung stand, nach einem Autounfall am Straßenrand entlang. Das ist kaum übertrieben.
Die Küchentür schloß sich hinter ihr, und zurück blieb nur der Geruch nach gemähtem Gras.
»Es sei denn, daß sie Drogen nimmt«, fügte er hinzu. »Man weiß ja nie. Ich folge ihr nicht auf Schritt und Tritt.«
Ich hatte Lili geschworen, diese Geschichte sofort zu beenden, aber ich sah Evelyne in der gleichen Woche wieder.
Es schien ihr tatsächlich nicht allzugut zu gehen: Sie sah abgespannt aus, hatte eine finstere Miene und blickte sich auf der Straße unruhig nach links und rechts um, ehe sie sich mir an den Hals warf, wie sie es noch nie getan hatte, und mit rauher Stimme völlig entfesselt stöhnte.
Alle in dieser Familie waren auf die eine oder andere Weise total verrückt.
Als Sexualpartner hatte sich Evelyne als sehr erstaunlich herausgestellt – zumindest für eine Frau, die regelmäßig in die Kirche ging und derartig von der Vorstellung gequält wurde, eine Sünde zu begehen, daß sie die Flammen des Fegefeuers buchstäblich glaubte knistern zu hören. Schon seit langem hatte ich nicht mehr solche Lust mit einer Frau empfunden, das muß ich zugeben. Mir gefiel das Verbotene und das Gefährliche an der Sache, ihre Neigung zum Chaos, die auf immer neue Reize hoffen ließ. Ich mochte ihre Unterwäsche aus Baumwolle von erschreckender Banalität, ihre entschlossene Haltung beim Geschlechtsakt, ihre Art, sich total hinzugeben, um sicher zu sein, daß sie die Hölle wirklich verdiente. Aus all diesen Gründen hatte ich große Mühe, den Schwur zu halten, zu dem mich Lili gezwungen hatte. Im Grunde brauchte ich etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Ich hatte Lust, ausnahmsweise mal ein bißchen an mich zu denken.
Wir trieben es vor dem Fenster. Evelyne, mit auf die Brüstung gestützten Ellbogen, wobei sie den Kopf nach links und rechts schwenkte, während ich mich hinter ihr abrackerte und die Straße vor Menschen wimmelte.
»Ich habe einen roten Fleck auf der Stirn«, erklärte sie mir anschließend. »Ich trage das Schandmal des Ehebruchs auf der Stirn.«
»Tut mir leid, aber ich sehe überhaupt nichts.« »Ich glaube, daß uns alle Leute aus den Büros gegenüber gesehen haben.«
»Evelyne, niemand hat mit dem Finger auf dich gezeigt.«
Drei Tage später nahm sie sich das Leben, indem sie den Gashahn aufdrehte.
Lili sprach einen Monat lang nicht mehr mit mir.
Bei der Beerdigung ließ sie Dimitris Arm nicht los und schenkte mir keinen Blick. Sie waren beide leichenblaß, aber ich sagte nichts mehr, denn man hatte mich gebeten, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Mit jedem weiteren Tag entglitt mir Lili ein wenig mehr, und Evelynes Tod machte die Sache nicht besser.
Ich ging jetzt auf alle Abendveranstaltungen, zu denen ich eingeladen wurde, um zu vermeiden, abends, wenn die Buchhandlung geschlossen war, allein zu bleiben. Meine Mutter behauptete, Lili sei viel mehr zu bedauern als ich, aber mehr wollte sie darüber nicht sagen.
Die Stadt war in die ersten lauen Lüfte des Sommers gehüllt, und die Leute erwachten, ließen den Blick nach allen Seiten schweifen und hockten bis zum frühen Morgen in den Bars. Die einzige Frau, die mir zu jenem Zeitpunkt ein wenig Aufmerk- samkeit schenkte, während mein Gefühlsleben einer harten Prüfung unterzogen wurde – die einzige Frau, die sich noch ein bißchen für meine Gesellschaft interessierte, war Carole, eine alte Freundin, mit der ich eine komplizierte Beziehung unterhielt.
Sie hatte zwei achtzehnjährige Söhne, für die sie praktisch nicht mehr existierte, und einen Mann, der sie vor einer Weile verlassen hatte, dann aber zurückgekehrt war, was allerdings nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte: »Wenn ich ihn ansehe, muß ich gähnen«, seufzte sie, wobei sie einen Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Hand stützte und dabei starr in die Ferne blickte.
Sie war der Ansicht, man solle nichts von seinen Kindern erwarten, so sei nun mal das Leben, Undank sei der Welten Lohn.
»Aber abgesehen davon hättest du diese arme Frau nie vögeln sollen. Oder du bist verrückt, anders kann ich mir das nicht erklären.«
Wir trafen uns oft abends und gingen gemeinsam auf Cocktailpartys, Vernissagen oder Literaturveranstaltungen, auf denen ich ziemlich viel trank und alles aß, was ich in die Finger bekam, um mich über die schwere Zeit hinwegzutrösten, die ich durchmachte. Auf einer Party, die Charlotte Blonsky wenige Tage vor dem Einbruch gab, bei dem ihr Bargeld und drei kleine Bilder italienischer Meister des ausgehenden Mittelalters gestohlen wurden, reagierte ich ziemlich ungehalten auf einen jungen Mann, der ein Fan von Dimitri war und mir immer wieder sagte, daß ich nichts davon verstanden habe und daß das völlig normal sei.
Auf der Straße ließ ich meinen Ärger an seinem Auto aus, obwohl Carole sich bemühte, mich davon abzuhalten – aber sie war genauso betrunken wie ich –, und ich verbrachte den Rest der Nacht auf der Polizeiwache. Als sie meine Taschen durchsuchten, fanden sie eine verbotene Substanz, aber Olga, die Freundin meiner Mutter, Olga, die zahlreiche Freunde bei der Polizei hatte – sie konnte in die Büros der oberen Stockwerke gehen, ohne sich vorher anmelden zu müssen–, Olga zog mich zum Glück aus der Klemme.
Ich habe mich über die Gesichtsfarbe meiner Tochter ausgelassen, aber nach einem knappen Monat in diesem Stil war ich aschfahl geworden. Jetzt machte sich meine Mutter Sorgen um meine Gesundheit und fand, ich hätte einen Teint wie Pergamentpapier. Wenn ich morgens verkatert und fast stolpernd vor Schlafmangel in die Buchhandlung kam, spürte ich, wie sie mich ratlos ansah, und dabei senkten sich meine Schultern noch ein wenig mehr. Ich hätte mich am liebsten mitten zwischen den Büchern schlafen gelegt, doch ich konnte mich gerade noch beherrschen. In meinem Alter reichten ein paar Stunden Schlaf nicht mehr aus. Das wurde mir plötzlich bewußt.
»Versetzt dich die Reue in diesen Zustand?« fragte meine Mutter.
»Was? Was für eine Reue? Wovon sprichst du?«
Ein paar Jahre zuvor hatte ich der Beziehung, die sie mit einem Mann unterhielt, abrupt ein Ende gesetzt, und ich wußte, daß sie mir deswegen noch immer böse war. Auch wenn sie es bestritt, hatte sie eine Sperrzone zwischen uns errichtet, die eine unüberbrückbare Distanz zwischen uns schuf.
An manchen Abenden nutzte ich den Augenblick, in dem Carole irgendwo auf einer Toilette verschwand, um über all die Anstrengungen nachzudenken, die ich in meinem Leben unternommen hatte. Und was hatte ich damit erreicht? Die beiden einzigen Frauen, die wirklich für mich zählten, wichen von mir, ohne daß ich etwas dagegen tun konnte. Ich fragte mich, was mit mir nicht stimmte. Wenn der Tag schon allmählich dämmerte, sprach ich mit Wildfremden darüber, aber ihre Aufmerksamkeit erlahmte meist schnell, und für mich kam nichts Interessantes dabei heraus.
»Selbst wenn du mit mir schlafen würdest«, vertraute mir Carole mit schwerer Zunge an, »bin ich mir nicht sicher, daß das irgend etwas ändern würde.« Von ihr konnte ich mir keinerlei Trost erhoffen. »Wie kann man sich so in die Falle locken lassen? Wie kann man nur so blöd sein?«
Offensichtlich waren wir nicht die einzigen, die jede Hoffnung auf Erlösung verloren hatten. Man brauchte sich nur umzusehen oder ein paar Worte mit einem Unbekannten zu wechseln, um festzustellen, wie groß das Leid, das Unverständnis und die Einsamkeit waren. Und dagegen ließ sich nichts tun. Aller Alkohol und alle verbotenen Substanzen dieser Welt halfen da auch nicht weiter.
Früher, als ich die Diablos noch vergötterte, war meine Mutter eine richtige Säuferin gewesen. Zum Glück hatte sie sich gemäßigt, jetzt kam es nur noch zwei- oder dreimal im Jahr vor, daß ich sie betrunken sah, und nur bei außergewöhnlichen Anlässen.
Als ich eines Nachts bei ihr hereinschaute, traf ich sie auf allen vieren mitten im Wohnzimmer an, während sich Olga im Badezimmer übergab.
Wenn ich richtig verstand, suchte meine Mutter einen Ohrring, der auf den Boden gefallen war, aber ihr Gesicht war tränenüberströmt.
Und dann begannen endlich die Ferien.
Carole besaß ein Haus am Ufer eines Sees, und ich mietete schließlich ein Haus daneben, denn sie starb fast vor Angst bei dem Gedanken, allein mit den Männern ihrer Familie zusammen- zusein, und machte die Tatsache geltend, daß sie und ich uns im Laufe des vergangenen Monats so nahegekommen waren, daß ich sie nicht im Stich lassen könne. Das gab ich zu. Wir hatten uns gegenseitig unterstützt. Wir waren gemeinsam in die Dunkelheit gestürmt und jeden Morgen gemeinsam wieder heimgekehrt, nachdem wir uns verausgabt hatten.
Als ich sie besuchte, um ihr zu sagen, daß wir angekommen waren, fiel sie mir stürmisch um den Hals. Ihr Mann Richard, der hinter ihr stand, tippte sich an die Stirn und lächelte mir dabei zu.
»Sorg dafür, daß sie dir nicht zu sehr auf den Wecker fällt«, riet er mir, während sie fortging, um sich einen Badeanzug anzuziehen. »Sie kann einen ganz schön nerven.«
Viele Jahre zuvor hatten unsere Kinder auf dem schmalen Sandstrand des Sees gespielt, und wir glaubten damals noch, unser Leben beginne erst und halte viele Überraschungen für uns bereit.
»Danke für den Hinweis«, antwortete ich ihm.
Damals war dieses Fleckchen nicht einmal auf der Landkarte verzeichnet. Doch dann hatte sich der Wind gedreht, und es war zu einem Treffpunkt für die Schickeria geworden, wo es verboten war, Blumen zu pflücken, und wo die Geschwindigkeit auf zwanzig Stundenkilometer begrenzt, die Zufahrt zum See reglementiert und mit den Förstern nicht zu spaßen war. Der Zeitungshändler im Ort verkaufte jetzt die Herald Tribune und verfügte über einen Zigarrenschrank. Keine Baugenehmigung wurde mehr erteilt. Kein Camper geduldet. Abends trafen sich manche Leute hier, um den Sonnenuntergang zu beklatschen.
Das erste Wort, das Lili seit Beginn des Tages an mich richtete, betraf den Preis der Tomaten, der schwindelerregende Höhen erreicht hatte.
Dimitri und meine Mutter waren im Haus geblieben, weil sie mit dem Einrichten noch nicht fertig waren. Ich hatte Lili nicht gebeten mitzukommen, aber zu meiner Freude tauchte sie auf, als ich gerade losfahren wollte. Ich war der Ansicht, daß ein paar Tage am See uns allen guttun würden, zumindest körperlich, damit wir wieder ein bißchen Farbe bekamen und uns von den katastrophalen Monaten erholen konnten, die hinter uns lagen.
Anschließend wollte sie wissen, ob sie genmanipuliert waren.
»Wollen wir wieder mit dem Boot rausfahren wie früher?« fragte ich sie und untersuchte dabei eine Ingwerwurzel, die ich am liebsten in die Luft geworfen hätte.
Dazu konnte sie jetzt noch nichts sagen. Sie hatte ihr Studienjahr erfolgreich abgeschlossen, und Evelynes Tod lag inzwischen über einen Monat zurück, so daß sie nicht mehr alles so eng sah und mir gegenüber etwas freundlicher auftrat. Sie konnte noch nichts dazu sagen, aber sie sagte nicht nein.
»Wir sind alle auf der Suche nach einem besseren Leben«, erklärte ich ihr. »Vergiß das nicht.«
Wir gingen an den Auslagen entlang. Frauen klimperten mit ihren goldenen Armreifen, während sie Konservendosen und Produkte mit niedrigem Fettgehalt aus den Regalen nahmen.
Ich fragte sie, ob Dimitri sich etwas aus Fleisch-und Wurstwaren mache.
»Stell dir mal vor, er findet eines Tages raus, daß du es warst«, brauste sie auf. »Was passiert dann?«
»Er kann ruhig weitersuchen. Darauf kommt er nie, mach dir keine Sorgen.«
»Wie kannst du dir dessen eigentlich so sicher sein? Warum solltest du eine Ausnahme sein? Irgendwann kommt alles ans Licht.«
Ich ließ sie reden, bis sie alles gesagt hatte, was sie auf dem Herzen hatte. Das war nicht gerade angenehm anzuhören, denn sie war mir gegenüber äußerst kritisch, bisweilen sogar verletzend, aber ich wußte, daß wir da durch- mußten und daß ich mich als der Intelligentere von uns beiden erweisen mußte - was für mich hieß, die Zähne zusammenzubeißen und keinen Ton zu sagen, dabei gab es so viele Dinge, die auch ich ihr hätte vorwerfen können. Während ich ihr zuhörte, mußte ich an all die Fehler denken, die sich beiderseits angehäuft hatten, an all unsere Mißverständnisse, an all unsere verpatzten Gelegenheiten. Als wir vor der Kasse standen, war meine Kinnlade wie gelähmt.
Auf dem Parkplatz bat sie mich, netter zu Dimitri zu sein.
»Das will ich gern tun, wenn auch du netter zu mir bist«, antwortete ich. »Was hältst du davon?«
Als wir kurz vor Sonnenuntergang wieder zurückkamen, war Dimitri übel dran und schlechter Laune. Die Haut auf seinem Rücken war rot wie ein Päckchen Winston. Meine Mutter war dabei, ihn einzucremen, und hatte eine Zigarette im Mundwinkel stecken.
»Meinst du nicht, das ist seine Sache?« sagte ich ruhig zu ihr, während sie mir half, die Vorräte in der Küche einzuräumen. »Mußtest du ihm unbedingt deine Hilfe anbieten?«
»Hör auf«, erwiderte sie sogleich. »Fang bloß nicht wieder damit an.«
»Trotzdem, man muß schon ganz schön blöd sein, um sich gleich am ersten Tag so einen Sonnenbrand zu holen, mehr brauche ich dazu wohl nicht zu sagen.«
Selbstverständlich schlief er die ganze Nacht nicht. Und ich dementsprechend auch nicht. Ich hörte, wie er auf und ab ging und wie bei jedem Schritt der Parkettboden der Veranda knarrte, hörte, wie er den Kühlschrank öffnete und den Wasserhahn in der Küche aufdrehte. Zum Glück wurden seit einigen Jahren die Mücken in dieser Gegend radikal vernichtet, so daß es mir erspart blieb, ihn in alle Richtungen rennen zu hören, aber das reichte nicht aus, um eine ruhige Nacht zu verbringen. Das nenne ich einen schlechten Ferienanfang.
Ich schlüpfte in meine Shorts und verließ das Zimmer.
Er saß auf dem Sofa. Er war damit beschäftigt, etwas in ein Heft zu schreiben. Wir wechselten einen Blick, und dann ging ich in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Statt dessen nahm ich mir ein Bier. Die Nacht war heiß, und die Kühle der Aluminiumdose in meiner Hand entzückte mich geradezu. Nach kurzem Zögern nahm ich eine zweite Dose und ging ins Wohnzimmer zurück.
Ich stellte die Bierdose vor ihn hin. Die Nacht war drückend heiß, der Himmel voller Sterne. Am Ufer plätscherten kleine Wellen.
Ich fragte ihn, ob er inspiriert sei und gerade einen Song komponiere. Um ein Haar hätte er mir ins Gesicht gelacht.
»Entschuldige«, sagte er etwas versöhnlicher.
»Nenn es, wie du willst. Nimm es nicht ernst, was ich sage.«
Lili hatte mir erklärt, in welcher Branche er tätig war, aber ich hatte es vergessen.
»Deine Mutter fehlt uns«, seufzte ich, während ich mich in einen Sessel sinken ließ. »Ich bin sicher, sie wäre gern hier gewesen.«
Er stimmte widerwillig zu.
»Vergiß diese Geschichte«, fuhr ich fort. »Das führt zu nichts. Erzähl mir lieber von deinen Plänen und wie ihr euch die Zukunft vorstellt.«
Er betrachtete mich mit leicht verzogenem Mund, was man auch auf seinen Sonnenbrand zurückführen konnte, dann stand er auf und erklärte mir, ich hätte ihn mitten bei der Arbeit unterbrochen und er würde sich ihr gern bald wieder zuwenden, um nicht den Faden zu verlieren. Ich sagte ihm, das könne ich gut verstehen. Er ging auf die Veranda. Noch ganz erstaunt, daß er mich so leicht losgeworden war.
In wenigen Tagen waren meine Mutter und meine Tochter von Kopf bis Fuß gebräunt. Es war geradezu ein Vergnügen, sie anzusehen, für sie zu kochen und lockere, entspannte Gespräche mit ihnen zu führen. Wenn wir auf eine Party gingen, wurden wir sogleich umringt und die beiden für den Rest des Abends mit Beschlag belegt, man brachte uns sogar bis hinten in den Garten etwas zu trinken.
Oft hakte sich meine Mutter bei mir ein, und alte Bekannte – oft die gleichen, die wir in der Stadt trafen – taten wieder einmal ganz erstaunt, daß ich noch nicht unter der Haube war, und beglückwünschten mich vor allem dazu, daß ich eine so hübsche Tochter und eine Mutter hatte, die man nur verehren konnte.
»Weißt du, was mir durch den Kopf geht?« erklärte ich ihr eines Abends, als wir beide im Mondschein heimkehrten. Wir hatten ein paar Cocktails getrunken, und sie hatte die Schuhe ausgezogen und ging durchs Wasser, während ich am Ufer entlanglief. Ich blieb stehen.
»Weißt du, was mir durch den Kopf geht? Warum sollten wir nicht wieder zusammenziehen und unter demselben Dach leben wie früher?«
Sie blickte mich einen Augenblick an, senkte dann die Augen und schüttelte den Kopf.
»Denk mal einen Moment darüber nach«, fuhr ich fort. »Wir leben beide allein. Das ist doch Platzverschwendung. Du könntest Lilis Zimmer nehmen.«
Sie setzte sich wieder in Bewegung und schüttelte dabei immer stärker den Kopf.
»Was ist denn los?« fragte ich und beschleunigte den Schritt, um neben ihr zu bleiben.
Dann wandte sie sich plötzlich mir zu und drückte mich an sich. In einer Sekunde hatten ihre Tränen meine ganze Brust benetzt.
»Entschuldige, mein Schatz«, sagte sie mehrmals und seufzte zwischendurch. »Nimm's mir nicht übel, mein Junge. Das habe ich nicht gewollt. Das habe ich nie gewollt.«
Was sollte ich ihr nicht übelnehmen? Hatte ich mich etwa über etwas beklagt?
Als Dimitris Vater übers Wochenende kam, sahen wir ein Cabrio in den Weg einbiegen, und dann Olga, die ausstieg. Sie hatte einen Turban auf dem Kopf, eine riesige Sonnenbrille auf der Nase und lief mit ausgebreiteten Armen auf uns zu.
Über ihre Schulter hinweg sah ich, wie der Sänger der Diablos die Koffer ins Haus schleppte, während Dimitri mit schnellen Schritten auf ihn zuging.
»Olga«, sagte ich. »Was für eine Überraschung. Was für eine Riesenüberraschung.«
Hinter ihrem Rücken schien eine harte Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn entbrannt zu sein.
»Ich hoffe, ich mache euch keine Unannehmlichkeiten«, sagte Olga mit einer Miene, die besagte, daß sie sich darum nicht im geringsten scherte.
»Was soll das heißen?« erwiderte ich mit einem breiten Lächeln.
Ich war gespannt, wie Lili, die gerade ein Bad nahm, darauf reagieren würde, aber bevor ich es erfahren konnte, erschien Richard, um mich abzuholen. Wir nahmen an einem Darts-Turnier für Herren teil, das neben dem Landungssteg zugunsten eines karitativen Vereins veranstaltet wurde, der ledigen Müttern half, eine Anstellung zu finden.
Die Frauen saßen in kleinen Gruppen im Schatten hoher Bäume im Gras. Trotz alledem wollte ich die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen.
»Bei dir ist wenigstens etwas los. Da tut sich immer was«, erklärte Carole und starrte dabei zu ihrem Mann hinüber, der in einem kurzärmligen Hemd und über die Schulter geworfener Krawatte in einiger Entfernung stand und mit jemandem ins Gespräch vertieft war. »Ich dagegen versaure buchstäblich. Ich lebe mit einem Zombie zusammen. Einem Vollidioten, einem tödlichen Langweiler.«
Der Tag war sehr heiß. Der See würde bald brodeln. Das Licht war grell.
»Olga hat mich nie enttäuscht«, erklärte ich und verzog dabei den Mund voller Bewunderung. »Olga und ich haben uns immer gut verstanden. Seit ich klein bin.«
»Dieser Dimitri ist ein Idiot«, seufzte Carole. Als wir zurückkamen, war alles still im Haus. Der Horizont war flammend rot.
Sie hatten sich unter einem großen Son-nenschirm niedergelassen. Lili war in die Lektüre einer Frauenzeitschrift vertieft. Olga und meine Mutter aßen Oliven. Dimitri telefonierte, und der Sänger der Diablos hatte einen Holzkohlengrill im Geräteschuppen aufgestöbert: Sein Gesicht glänzte im rötlichen Schein der Glut.
Ich ging schwimmen. Die Abenddämmerung zog schnell herauf. Und plötzlich spürte ich, wie sich zwei Beine um meine Schenkel schlangen.
»Das Wasser ist wunderbar warm«, rief Carole.
Ich löste mich sanft von ihr, da ich die Situation nicht noch komplizierter machen wollte.
»Ich denke, daß wir ein furchtbares Wochen- ende vor uns haben«, prophezeite ich und schwamm im Kreis um sie herum. »So wie die Sache aussieht, werden wir wohl nicht allzuviel Spaß haben, das sage ich dir.«
Von der Stelle aus, an der wir waren, konnten wir die anderen in Ruhe beobachten.
»Und wenn ich ihn verlasse, was machst du dann? Wahrscheinlich gar nichts, oder?«
»Hör zu, Carole, im Moment habe ich wirklich andere Sorgen, meinst du nicht?«
»Das habe ich doch nur im Scherz gesagt.«
»Na schön, aber ich finde das gar nicht witzig.« »Das habe ich im Scherz gesagt.«
Als ich aus dem Wasser kam, ging Lili weinend in ihr Zimmer hinauf. Ich rubbelte mir kurz den Kopf ab und fragte dann meine Mutter, was geschehen sei. Aber sie war offensichtlich mit anderen Dingen beschäftigt.
Dimitri schaukelte auf einem Klappstuhl, in der einen Hand ein Bier, die andere Hand in der Tasche, und starrte finster vor sich hin.
Ich ging nach oben, um zu sehen, was los war. Als ich Lilis Zimmer betrat, lag sie auf dem Bett und schluchzte. Sie schrie: »Geh weg. Laß mich in Ruhe.« Ich setzte mich neben sie und diente ihr eine Weile als Kleenexspender. »Daran mußt du dich gewöhnen«, sagte ich zu ihr. »Man hofft immer, daß es einen selbst nicht erwischt, das weiß ich, aber das hat noch niemand geschafft.«
Ich legte ihr die Hand auf die Schulter. Dann fügte ich hinzu: »Deine Mutter hat nie geweint. Das gehört zu den Dingen, die du wissen wolltest.«
Nach einer Weile gingen wir hinunter zu den anderen.
Später warf Dimitri seinem Vater ein Glas an den Kopf und schlug sich in die Büsche. Richard erzählte, daß ihn jemand aus seiner Familie eines Tages mit der Faust bedroht habe und daß mit dieser Generation der Niedergang der Mensch- heit beginne. Der Diablos nickte, während Olga sein Hemd abtupfte.
Carole verließ den Tisch mit gereizter Miene.
Ich beugte mich zu Lili hinüber und sagte ihr, wenn sie bereit sei, eine Bootsfahrt mit mir zu machen, sei das der geeignete Augenblick.
Sie empfand es nicht als notwendig.
»Kümmer dich um Carole«, sagte sie zu mir.
Tatsächlich schien es Carole nicht gutzu- gehen: Sie stand an einen dunklen Baum gelehnt und übergab sich. Ich blickte zu Richard hinüber, der mit Dimitris Vater ins Gespräch vertieft war, während meine Mutter und Olga abräumten.
Ich beugte mich zu ihr hinab.
»Jetzt sag mir bloß nicht, ich hätte zuviel getrunken«, meinte sie röchelnd. »Erzähl mir nicht so einen Scheiß.«
»Dann kommt es wohl von der Sonne«, sagte ich.
»Nein, das kommt nicht von der Sonne. Garantiert nicht von der Sonne, hörst du?«
Ich rieb ihr den Rücken.
»Nur Mut«, murmelte ich. »Nur Mut.«
Ich begleitete sie zum Badezimmer. Ich wartete im Wohnzimmer auf sie und las die Zeitung. Ich erfuhr, daß eine Trockenperiode auf die Überschwemmungen folgte und daß man uns verbot, das Auto zu waschen. Als ich plötzlich hörte, wie sie einen Schrei ausstieß.
Sie kam herbeigerannt.
»Im Badezimmer ist eine Ratte«, ver- kündete sie.
»Das würde mich wundern«, erwiderte ich. »Geh und sieh selbst. Hinter der Waschmaschine.«
Wir gingen nach draußen, um Schaufeln aus dem Geräteschuppen zu holen.
»Sie hat rote Augen«, erklärte ich. »Wirklich ein Riesenbiest.«
»Ich habe gehört, daß es im Moment in allen Häusern davon wimmelt. Eine richtige Plage. Unmöglich, sie auszurotten.«
»Ich weiß. Sie haben ein dickes Fell. Ich wette, daß sie im Sommer die Stadt verlassen und uns folgen.«
»Hör auf, das ist ja furchtbar. Hör bloß auf.« Ich war davon überzeugt. Ich machte mir darüber keine Illusionen.
Ich fand eine Schaufel und eine Spitzhacke. Carole machte sich die Dunkelheit des Geräteschuppens zunutze, um ein paar stumme Tränen zu vergießen. Sie klammerte sich an meinen Rücken, und wir rührten uns eine Weile nicht. Dann zog sie die Nase hoch.
»Es ist vorbei. Es geht schon wieder«, meinte sie. Ich lächelte im Dunkeln und hätte fast zu ihr gesagt, daß leider nichts endgültig vorbei ist. Aber ich hielt mich noch rechtzeitig zurück.
»Nur Mut, meine Liebe«, murmelte ich und rieb ihr die Arme. »Nur Mut, verdammt noch mal. Nur Mut.«
Die Gartengeräte geschultert kamen wir wieder zurück, wie finstere Totengräber, die in der Dämmerung ihr Werk verrichten.
Richard und Dimitris Vater saßen in Schaukelstühlen auf der Veranda.
Wir tauschten unsere Erfahrungen aus, wie man sich die Biester am besten vom Hals schaffte. Dimitris Vater schweifte vom Thema ab und erklärte, daß er nicht vorhabe, sich von seinem eigenen Sohn Vorwürfe machen zu lassen, vor allem, wenn man bedenke, daß Evelyne, diese Schlampe, keine Hemmungen gehabt habe.
»Er kommt bestimmt wieder«, behauptete ich.
»Hier gibt's im Umkreis von mehreren Kilometern nur Wälder.«
Lili stand am Waldrand hinten im Garten und starrte in die Finsternis.
»Ich habe Sie verehrt wie einen Gott«, erklärte ich ihm. »Mein Traum war, Ihnen zu gleichen.«
»Was ist los, companero? Duzen wir uns nicht mehr?« Carole zog mich am Ärmel fort.
»Ich wollte nicht, daß mir dieser Typ in meine Familie kommt«, sagte ich Carole eindringlich ins Ohr, während wir durchs Wohnzimmer gingen. »Ich wollte nichts von ihm wissen. Überhaupt nichts.«
Richard wickelte sich ein Geschirrtuch um den Arm.
»Sei nicht lächerlich«, rief Carole ihm zu.
Draußen, hinter den Buchten, stieß die silbrige Oberfläche des Sees auf eine Wand von dunklen Tannen, die in den Himmel ragten.
Die Ratte hatte sich hinter der Waschmaschine versteckt. Als ich sie zur Seite rückte, lief das Tier hinter den Wäschetrockner. Alles war ihm recht, um sich zu verstecken. Da es von einem Versteck ins andere rannte, hatte ich das Spiel schnell satt.
»Na gut. Ich geb's auf«, erklärte ich.
Ich überließ meinen Platz den beiden anderen. Carole und ich gaben ihnen unsere Geräte, aber ich hatte nicht den Eindruck, als würden sie mehr Glück haben als wir.
»Ich halt es nicht mehr aus«, seufzte Carole. »Ich gehe nach Hause und warte auf dich. Und wenn du nicht kommst, habe ich eben Pech gehabt.«
Ich erwiderte nichts.
Als ich sie zum Auto begleitete, kam Lili auf mich zu. Sie wollte die Wälder nach Dimitri absuchen lassen.
Ich blickte erst Carole und dann meine Tochter an.
Man hörte das schabende Geräusch der Geräte auf den Badezimmerfliesen sowie halb unterdrückte Flüche – unsere Dämonen zu jagen ist eine schwierige Aufgabe.
Später ging ich zu meiner Mutter. Sie war allein draußen, lag in einem Liegestuhl und hielt eine Zigarette in der Hand. Ich zerdrückte die Zigarette und legte ihr meinen Kopf auf den Schoß.
ENDE