22

Tilmantal, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


29. September 3057


»Wie ist der Angriff verlaufen, Sir? Haben wir schon Nachricht von Winchester?« fragte Chastity Mulvaney.
»Ihrem vorläufigen Bericht zufolge sind das mobile HQ und die Kommunikationsfahrzeuge der Highlanders permanent außer Gefecht«, teilte Marschall Bradford ihr mit. »Außerdem hat sie schwere Verluste der Highlanders gemeldet. Bis jetzt läuft alles so, wie ich es geplant hatte.« Ungeachtet der Bedeutung seiner Worte war Marschall Bradfords Stimme gelassen.

Mulvaney sah hinaus auf den Fluß. Trauer machte sich in ihr breit. Sie konnte das Gefühl nicht verdrängen, direkt oder indirekt die Verantwortung für diese Toten zu tragen. Waren es nicht ihre Informationen gewesen, die den Überfall möglich gemacht hatten? Diese Leute waren ihre Freunde.

Habe ich die richtige Wahl getroffen? Mein Gott, ich hoffe, dem Oberst ist nichts passiert.
Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, daß sie auch hoffte, Loren Jaffray habe den Angriff überlebt.
Marschall Bradford setzte ein dünnes Lächeln auf und warf Catelli auf der anderen Seite des kleinen Tisches einen wissenden Blick zu. »Ich weiß, was Sie jetzt fühlen müssen, Oberst Mulvaney.«
»Wirklich, Sir?«
»Ja, Sie haben Schuldgefühle, weil Sie bei der Planung eines Überfalls auf Ihre früheren Kameraden geholfen haben. Das ist hart. Aber Sie dürfen diesen Gefühlen nicht nachgeben. Dies ist eine militärische Operation. Der Überfall war ein legitimer militärischer Angriff. Hätten wir die Informationen nicht von Ihnen erhalten, hätten wir sie uns irgendwo anders besorgt. Das Endergebnis wäre dasselbe gewesen.« »Deswegen braucht es mir nicht zu gefallen«, schnappte sie. »Ich möchte, daß Sie sich Ihrer Situation klar sind, Oberst Mulvaney. Sie arbeiten für das Vereinigte Commonwealth. Hier ist kein Platz für geteilte Loyalitäten. Bringen Sie Ihre Prioritäten in Ordnung. Ihr ehemaliger Kommandeur verweigert offen und vorsätzlich die Befehle seines vorgesetzten Offiziers und seines Lehnsherren. Unsere Mission ist es, MacLeods Regiment außer Gefecht zu setzen, basta.«
»Ich bin mir meiner Prioritäten bewußt«, antwortete sie kalt.
»Als untergeordnete Offizierin sollten Sie sich angewöhnen, zu überlegen, bevor Sie etwas sagen, Mulvaney. Ich bin kein HighlanderOffizier, und Sie werden mich anreden, wie es meinem Rang und meiner Position zukommt. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, Sir. Ich habe verstanden, Marschall«, stellte Mulvaney fest und nahm sich zusammen. »Ich befürworte den Versuch, MacLeods Kampfkraft zu zerstören, aber ich bin gegen Attentatsversuche gegen ihn oder seinen Befehlsstab. Solche Aktionen werden den Widerstandswillen seiner Truppen nur vergrößern und zu noch größerem Blutvergießen auf beiden Seiten führen.«
Marschall Harrison Bradford beugte sich über den Tisch und sah ihr in die Augen. »Das war kein Anschlag auf MacLeods Leben. Es war ein militärischer Angriff. Aber hören Sie mir jetzt gut zu. Ich werde alle Mittel einsetzen, die mir zur Verfügung stehen, um den Willen des Archon-Prinzen Victor Steiner-Davion durchzusetzen. Dies ist eine militärische Operation, Oberst. Wir sind nicht hier, um uns beliebt zu machen oder irgendeine clanmäßige Ehrenprüfung zu bestehen. Möglicherweise haben Sie und MacLeod eine stillschweigende Übereinkunft darüber, wie Sie diese Schlacht führen wollen, aber für mich ist das ohne Belang.«
»Ja, Sir.«
Mulvaney machte der Druck, unter dem sie stand, schwer zu schaffen. Es war nicht nur die Tatsache, daß sie angeblich an der Spitze einer der wichtigsten Söldnereinheiten der Inneren Sphäre stand, sondern vor allem, daß die sich in einer Art Bürgerkrieg entzweit hatte. Diese Anspannung übertraf alles, was sie in ihrer Laufbahn als stellvertretende Kommandeurin erlebt hatte. Trotz der offiziellen Ernennung fühlte sie sich keineswegs als Kommandeurin der Highlanders. Sie fühlte sich nur ganz furchtbar allein. Sie hatte Oberst MacLeod und den Rest ihrer Einheit nicht verlassen wollen. Sie hatte keine Wahl gehabt. Es war ein Opfer gewesen. Aber was auch immer jetzt geschah, Chastity Mulvaney war entschlossen, sich durchzusetzen. Fehlschläge waren nicht Teil ihres Wesens.
»Was werden Sie jetzt tun, Sir?« fragte sie.
Harrison Bradford lächelte. Es war eine Geste der Dominanz. Zumindest für die nächste Zeit hatte er Mulvaney im Griff. »Das hängt von Ihnen ab und davon, wie MacLeod Ihrer Ansicht nach weiter vorgehen wird. Ich gehe davon aus, daß alle wichtigen Mitglieder seines Stabes überlebt haben. Wahrscheinlich konnten wir nur ihre Kommunikationsanlagen vernichten und ihnen ein paar kleinere Verluste beibringen. Also, Oberst Mulvaney, davon ausgehend, daß MacLeod unseren Erstschlag überlebt hat: Wie wird Ihr ehemaliger Vorgesetzter reagieren?«
Mulvaney überlegte einen Moment, dachte an den Oberst und an alles, was er ihr beigebracht hatte. »William MacLeod ist ein emotionaler Mensch. Der Angriff auf seinen Befehlsposten wird ihn aufgebracht haben. Außerdem ist er frustriert, weil es ihm noch nicht gelungen ist, uns zu stellen. Ich würde sagen, er bereitet einen Gegenschlag vor. Wir haben noch etwas Zeit, aber ich könnte wetten, daß er in ein, zwei Tagen zuschlägt. Er könnte seine Truppen beschleunigt vorrücken lassen und uns am Flußufer abfangen. Die leichteren Scoutlanzen und Mechs werden uns zuerst attackieren. Die schwereren Maschinen können nicht so schnell durch den Wald kommen, was sich zu unserem Vorteil auswirkt.«
»Er greift uns also von hinten an«, meinte Catelli.
Chastity schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Er ist ziemlich verschlagen und liebt es, seinen Gegner im Ungewissen zu lassen. Er könnte eine Vorauseinheit gegen die Mittelsektion unserer Formation losschicken. Allerdings besteht die Möglichkeit, daß er angesichts des dichten Waldes und der schnelleren Marschgeschwindigkeit entlang des Flusses gar keine Wahl hat. Ich würde die Truppen am Nordufer und die Nachhut verstärken.«
»Ausgezeichnet. Also, ich möchte, daß wir den Spieß umdrehen und gegen seine Einheiten losschlagen können, wenn sie auftauchen.«
»Bei allem gebotenen Respekt, Marschall, ich glaube nicht, daß eine solche Vorgehensweise klug wäre. Selbst mit der Unterstützung der NAIW-Kröten sind wir ihnen zahlenmäßig und an Feuerkraft unterlegen. Die Uferstreifen sind breit, aber trotzdem hindern sie uns daran, unsere volle Stärke schnell genug zum Tragen zu bringen. Bis wir in Stellung sind, ist MacLeod bereits wieder im Wald verschwunden. Und mit jeder Minute, die uns der Versuch aufhält, ihn zu stellen, kommen mehr seiner langsameren schweren Mechtruppen ins Gefecht. Ihn bei seinem Angriff zum Kampf zu stellen, könnte sich schnell als fataler Fehler herausstellen.«
»Wie sieht es mit seinen Luft/Raumeinheiten aus?« fragte Catelli.
Der Marschall suchte den kleinen Stapel Papiere an seinem Platz nach der entsprechenden Meldung durch. Als er sie fand, grinste er breit. »Nach den letzten Meldungen haben sie etwa ein Drittel des Weges zum Nadirsprungpunkt zurückgelegt… Damit sind sie viel zu weit entfernt, um umdrehen und MacLeod zu Hilfe kommen zu können. Ich habe unsere Ablenkungsschiffe angewiesen, ihre Position zu halten und die Highlanders noch weiter von Northwind fortzulocken.«
»Machen Sie sich keine Sorgen über den Schaden, den die Jäger bei Ihren Verstärkungen anrichten werden, Marschall?«
Die Miene des Davion-Marschalls blieb unverändert heiter. »Es sind entsprechende Vorbereitungen getroffen, die sicherstellen werden, daß meine Einheit unbeschädigt hier eintrifft, Oberst Mulvaney. Machen Sie sich über die Einzelheiten dieser Operation keine Gedanken. Helfen Sie uns, mit MacLeods Regiment fertig zu werden, und ich kümmere mich darum, die Verstärkungen intakt nach Northwind zu bringen. Bis jetzt war dies ein Konflikt, der als ›Zwischenfall‹ abgehandelt werden konnte. Hätte MacLeod nach der letzten Nacht kapituliert, könnten wir diese ganze Sache beenden. Aber wenn er loyale VerCom-Truppen angreift, ist das eine offene Rebellion.«
»Also, was meinen Sie, Mulvaney? Sollen wir einfach weiter in Richtung Kastell ziehen?« fragte Catelli.
Die Diskussion wurde immer schmerzlicher für Mulvaney. Offensichtlich stand die Zukunft der Highlanders auf dem Spiel. »Ja und nein«, meinte sie vorsichtig. »Wir müssen uns ein, zwei Überraschungen für MacLeod überlegen, wenn er auftaucht. Wir müssen ihm eine blutige Nase verpassen, ihm den Rückzug erlauben und ihn im Glauben lassen, wir setzen ihm nach. Wenn wir unsere Sache richtig machen, wird er annehmen, daß wir ihm in die Falle gingen. Und während er denkt, wir verfolgen ihn, ziehen wir mit Höchstgeschwindigkeit weiter zum Kastell.«
»Haben Sie irgendwelche Vorschläge, wie wir ihn bremsen könnten?«
Zum erstenmal, seit sie MacLeod's Highlanders verlassen hatte, lächelte Chastity Mulvaney. »Da wüßte ich tatsächlich was…«

Loren erhöhte die Geschwindigkeit des Gallowglas, der in nahezu völliger Dunkelheit durch das Unterholz pflügte. Zusammen mit dem Rest der Sicherungslanze hatte er sich freiwillig zur Artillerieunterstützung des Überfalls gemeldet. Es gab gegen diese Arbeit nichts einzuwenden. Sie war weitaus angenehmer, als sich am nächsten Tag langsam durch den Wald zum Flußufer schleppen zu müssen. Mit etwas Glück würden sie Mulvaneys Stellungen am Fluß umgangen haben, bis Major Huff in Position war.

Der von MacLeod und Huff ausgearbeitete Schlachtplan war recht akzeptabel, wenn man die nach dem Davion-Überfall geltenden Beschränkungen im Hinblick auf Zeit und Mittel berücksichtigte. Huff würde mit einer Kompanie leichter und schneller mittelschwerer Mechs vorrücken und an beiden Ufern des Tilmans gegen die Nachhut von Mulvaneys Marschkolonnen aktiv werden. Laut der Digitalanzeige in Lorens Cockpit waren es bis dahin nur noch Minuten.

Währenddessen sollte Füllers Lanze, Jaffray eingeschlossen, durch den Wald weiter flußaufwärts rücken. Einige Minuten nach Beginn des Angriffs würde Huffs Einheit versuchen, Mulvaney nach Südosten zu locken. Sobald sie zurückfiel, sollte die Sicherungslanze sie aus dem Wald heraus von der Seite angreifen. Die Zangenbewegung sollte das Ende der Marschkolonne zerschlagen und die Truppen Mulvaneys und Catellis zu einer Verfolgung verleiten… einer Verfolgung, die sie geradewegs der Hauptstreitmacht von MacLeod's Highlanders vor die Geschützläufe trieb.

Oberst MacLeod hatte noch einmal nachdrücklich auf die Gefechtsorder hingewiesen. Catellis Konsulargarde waren Feindeinheiten, die keine Gnade zu erwarten hatten. Was die abtrünnigen Highlanders unter Mulvaneys Befehl anging, galten andere Regeln. Sofern überhaupt möglich, sollte auf tödliche Schüsse verzichtet werden. Hier galt Zurückhaltung als oberste Devise. In der Hitze des Gefechts zwischen BattleMechs, die eine ganze Stadt dem Erdboden gleich machen konnten, würde es kaum möglich sein, Verluste völlig zu vermeiden, aber MacLeod wollte sinnlose Zerstörung möglichst gering halten. Es war fast, als sähe er in diesem Gefecht eine Ehrenprüfung für die Highlander, die das Regiment verlassen hatten.

Loren aktivierte die Nahortung, konnte aber weder ein Zeichen des Flusses noch der Highlander-Renegaten finden. Von der taktischen Karte wußte er, daß er sich in der Nähe ihres Ziels befand, aber bis jetzt war vom Gegner nichts zu entdecken. Egal. Die Schlacht stand unmittelbar bevor. Er konnte es fühlen, riechen, schmecken. Sein Großvater hatte dieses Gefühl ›die sinnliche Erfahrung‹ genannt – eine Kombination aus Hitzewallung mit Schweißausbruch, einem Kribbeln in den Fingerspitzen und einer trockenen Kehle. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß der Kampf gleich losbrechen würde. Loren streckte die Hand aus und wiederholte die Ortung. Diesmal entdeckte er den Rand des Flußufers.

»Los, Purpur. Wiederhole, los, Purpur!« erklang eine Stimme über die Kommleitung. Die Nachricht von Huffs Einheit war das Zeichen dafür, daß er die Nachhut von Mulvaney und Catellis Truppen angriff. Das Gefecht fand mindestens vier Kilometer entfernt statt, aber das Signal bestätigte die ›Sinnliche Erfahrung‹. Lorens Puls beschleunigte sich. Wie geplant stoppte die Sicherungslanze und drehte in Richtung Fluß um. Hier sollten sie volle fünf Minuten abwarten und den Wald ringsum beobachten, bereit, zum Fluß vorzupreschen und geradewegs in die Flanke von Mulvaneys Einheit zu stürmen.

Die Pause dauerte lange genug, um Loren fast in den Wahnsinn zu treiben. Er absolvierte ein detailliertes Diagnoseprogramm für den Gallowglas, um sich zu vergewissern, daß der Marsch durch den Wald die Arbeit der Highlander-Techs nicht zunichte gemacht hatte. Die einzigen angezeigten Probleme waren kleinerer Natur. Trotz seines zerschossenen Aussehens war der Mech mehr als kampfbereit.

»Los, Gold. Sicherungslanze, Code Gold! Los, Gold!« donnerte Commander Füllers Stimme. Endlich war es soweit.

Der Wald war dicht, und bei jedem Schritt auf den Fluß zu mußten die Piloten ihre Kampfkolosse wie riesige Bulldozer einsetzen, die sich einen Weg durch Bäume und dichtes Unterholz brachen. Lorens Nahortung zeichnete einige Infrarotsignaturen, als sie sich dem Ufer näherten, und die Computer identifizierten eine Lanze leichter Galleon-Panzer. Am Reichweitenrand der Sensoren bemerkte Loren einige andere unbestimmte Objekte, aber es ließ sich noch nicht feststellen, worum es sich handelte. Gleichgültig. Er und der Rest der Lanze würden es schon bald erfahren.

Der Gallowglas brach aus der Baumwand heraus auf den hellen Sand des Flußufers, und es war offensichtlich, daß der Angriff nach Plan verlief. Die GalleonLanze befand sich nur wenig weiter flußabwärts von seiner Position und bewegte sich auf einem Zickzackkurs, der es den Panzern erlaubte, öfters zu wenden und auf die vordersten Mechs ins Huffs Einheit zu feuern. Die leichten Panzer waren nicht die einzigen Fahrzeuge, die Loren auf dem Sichtschirm erkannte. Fünf Pegasus-Scoutschwebepanzer huschten über die Fluten des Tilman und hinderten Huff daran, Mulvaney und ihre Davion-Verbündeten völlig zu überrennen. Loren sah, daß die Panzer seine Sicherungslanze, die Anstalten machte, ihnen den Rückzug abzuschneiden, nicht bemerkt hatten.

Dann meldeten die Sensoren plötzlich magnetische Anomalieanzeigen, wie sie für die Magnetflaschen von Fusionsreaktoren typisch waren – Mechreaktoren. Mulvaney und Catelli setzten Verstärkungen gegen Huff und die SchutzLanze ein. Vier leichte und mittelschwere Mechs näherten sich von flußaufwärts. Füllers Lanze blieben nur noch wenige Minuten.

»Konzentriert das Feuer auf die Schweber und Galleons«, drang Füllers Stimme über die Leitung. »Auf mein Signal drehen wir um und heizen den Babys ein. Und drauf, Jungs und Mädels!« Loren senkte die Extremreichweiten-PPK und feuerte auf einen der beiden Pegasus-Schwebepanzer, die auf dem Weg ans entfernte Flußufer waren, um Huffs Mechs aus der Flanke anzugreifen. Noch zehn Jahre zuvor wäre der Luftkissenpanzer zu weit entfernt gewesen, aber die neuen Modifikationen der Partikelkanone gestatteten Loren, sein Ziel zu treffen. Der grellblaue Energieblitz schnitt durch den Schweber und das Wasser, und er schleuderte mit lautem Krachen eine Wolke aus Dampf und zerkochter Panzerung in die Luft. Die Wucht des Einschlags reichte aus, den Pegasus ans Ufer zu schleudern, wo er gegen einen Baumstamm raste und abrupt zum Stehen kam.

Jetzt wußten die Besatzungen der beiden Davion-Schweber, daß die Sicherungslanze eingetroffen war. Füllers Dunkelfalke löste die Sprungdüsen aus und sprang auf die Galleons zu, die wendeten, um sich der neuen Bedrohung zu stellen. Für die Davion-Panzer machte es eher Sinn, die vier Mechs der SchutzLanze anzufallen als Huffs komplette Kompanie leichter BattleMechs auf der anderen Seite.

Loren setzte ein zweitesmal die PPK ein, und diesmal fühlte er die volle Hitzewelle durch das Cockpit schlagen, als er die Waffe auslöste. Der Schuß traf dieselbe Maschine voll in die Seite, als sie gerade drehen wollte, um sich ihrem neuen Gegner zu widmen. In einer grellweißen Detonation flog die Panzerung des Pegasus davon und stürzte schauerartig in die Fluten. Der angeschlagene Schweber geriet leicht ins Wanken, als der Pilot versuchte, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten und die Drehung zu beenden.

Der Fahrer weiß, daß der Kampf für ihn fast vorbei ist. Jetzt ist nur noch die Frage, ob er es überlebt.
Frutchey und Füller hatten ihr Feuer ohne es zu beabsichtigen auf den vordersten Galleon konzentriert. Ein vernichtendes Bombardement aus Laserfeuer, Raketen und Granaten senkte sich auf den kleinen Panzer. Unter den Einschlägen verformte er sich wie ein Wachsmodell, das jemand in kochendes Wasser geworfen hatte. Dann flog er auseinander, und seine Überreste prasselten auf die übrigen Panzer hinab. Die Galleons rückten weiter in das Feuer der Sicherungslanze vor.
Lorens Sensoren meldeten ihm, daß die Davion-/MulvaneyVerstärkungen sich weiter näherten, aber sie bewegten sich langsamer als er erwartet hätte. Er zielte mit der PPK auf den Pegasus, den er bereits zweimal getroffen hatte. Als der Computer durch ein Aufblinken des Fadenkreuzes die Zielerfassung bestätigte, wünschte Loren, er könnte der Besatzung den Tod ersparen. Ein BattleMech gegen einen sehr viel leichteren Schweber – das war kein fairer Kampf. Selbst ein normaler Panzer hätte dem leichten Konsulargardenfahrzeug mit seiner überlegenen Bewaffnung den Garaus machen können. Für den Fahrer und seine Crew war jede Fortsetzung des Angriffs Selbstmord. Inzwischen mußten die Sensoren des Pegasus die Zielerfassung durch Lorens PPK festgestellt haben. Wenn es einen Zeitpunkt zur Kapitulation gab, war er jetzt gekommen.
Aber der Pegasus ergriff nicht die Flucht. Statt dessen tat der Fahrer das genaue Gegenteil. Er beschleunigte auf seinem Abfangkurs Richtung Lorens Gallowglas, quer über den Fluß. Loren war überrascht, aber darauf konnte sein Gegner es nicht angelegt haben. Er hielt sein Feuer zurück.
Was, in Liaos Namen, hat er vor? Ich könnte mir vorstellen, daß ein einzelner Fahrer mit seiner Crew in einer wichtigen Schlacht einen glorreichen Tod sucht, aber das hier ist gerade mal ein Überfall. Und es ist nicht nur ein Fahrzeug, sie stürmen alle auf uns zu. Warum? Es sei denn, die Fahrer wissen mehr als wir…
»Falle!« Loren funkte es an alle Highlander-Mechs in Reichweite.

23

Tilmantal, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


29. September 3057


»Das ist eine Falle!« zischte Loren. Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er die Fluten des Tilman eine Lanze schwerer BattleMechs freigeben sah.

»Purpur- und Gold-Führer, schwere Gegner im Fluß.« Er feuerte die PPK auf den heranrasenden Pegasus ab und traf ihn am Geschützturm. Der Schwebepanzer zerplatzte, als er gerade an den versteckten Mechs vorbeiflog. Sein gesamter Vorrat an Kurzstreckenraketen detonierte gleichzeitig, riß das Fahrzeug auseinander und ließ es in einem riesigen Ball aus Flammen und schwarzem Rauch verschwinden.

Die schweren Mechs erhoben sich aus dem Wasser und rückten langsam vor, wobei sie Frutchey und Füller mit einer Breitseite von Raketen und Laserschüssen angriffen. Ein Highlander-RenegatenSchlagetot nahm Lorens Gallowglas mit Langstreckenraketen und zwei schweren Lasern unter Beschuß. Die Warnsirene der Feindortung hatte Loren einen Sekundenbruchteil Zeit gegeben, seinen Mech etwas wegzudrehen. Nur eine Handvoll Raketen traf ihr Ziel. Sie schlugen in die obere rechte Hälfte des Gallowglas-Rumpfes ein und zerschmetterten die Panzerung. Einer der schweren Laserschüsse ging an Lorens Cockpit vorbei, während der andere sich unweit des Fusionsreaktors tief in den Mechrumpf bohrte. Jaffrays Kampfkoloß wankte. Die Treffer und der Rückstoßeffekt der abgesprengten Panzerung stießen ihn zur Seite und nach hinten.

Sie müssen sich unter Vorsprüngen im Flußbett versteckt haben, um ihre IR-Signatur zu verschleiern… nicht schlecht.
Das Bild der aus dem Wasser steigenden Mechs wühlte Loren stärker auf, als ihm bewußt war. Er erinnerte sich einen Moment an seine eigene Falle während des Manövers auf Krin, dann wandten seine Gedanken sich seinem Vater zu. Lorens Vater war die meiste Zeit unterwegs gewesen und hatte die Erziehung des Knaben dessen Großvater überlassen. Er fiel im Einsatz, als Loren noch ein Kind gewesen war, und Loren hatte ihm verziehen, daß er nicht zurückgekommen war. Jetzt stieg die Erinnerung in ihm auf wie ein Geist aus dem Grab.
Sein Vater war in einem Unterwassergefecht gefallen.
Loren brachte seinen Mech auf volle Geschwindigkeit und sprintete das Flußufer hinab auf die Reste der Galleon-Lanze zu. Da er sich auf festem Boden befand, konnte er die Geschwindigkeit der Maschine ausspielen, während die aus dem Fluß ans Ufer watenden BattleMechs durch das Wasser gebremst wurden.
Zwei PPK-Blitze zuckten hinter ihm her, verfehlten ihn jedoch. Die plötzlich aus dem Hinterhalt aufgetauchte Lanze bestand aus dem Schlagetot, einem Caesar, einem Kriegsbeil und einem Marodeur II. Es war der letzte dieser Mechs, der ihm auch am nächsten war und Lorens Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Typ der Maschine war ihm ebenso vertraut wie die Lackierung. Mulvaney! Die riesigen PPKs des Mechs drehten sich in seine Richtung.
Sie gehört mir! jubelte er, zum Teil aus Rivalität, zum Teil, weil er hoffte, die Highlander-Renegatin zu besiegen und dadurch ihren Willen zu brechen. Er wollte sie nicht töten, nur aufhalten. Aus irgendeinem Grund, den er nicht näher fassen oder messen konnte, legte er gesteigerten Wert darauf, daß Chastity Mulvaney überlebte.
Lorens Helmlautsprecher erwachten krachend zum Leben.
»Major Jaffray«, erklang eine wohlvertraute Stimme. »Einmal habe ich bei einer Ehrenprobe gegen Sie verloren. Sind Sie bereit, diese Erfahrung auch einmal zu machen?«
Mulvaneys Stimme war wie eine steife Brise in der schwülen Hitze des Cockpits. Loren drehte den Mechtorso zur Seite, um zwei KSR auszuweichen, die ein anderer der Angreifer abgefeuert hatte, nahm dabei den Blick aber nicht vom Bild des Marodeur II. Er bewunderte Mulvaneys Auftreten. Sie hätte hervorragend in die Todeskommandos gepaßt.
»Wenn Sie einen Kampf wollen, Gnädigste, können Sie ihn haben. Machen Sie sich auf eine Wiederholung gefaßt«, antwortete er.
Statt sich umzudrehen und zu feuern, schaltete er die Sprungdüsen zu und legte sie auf die Pedalkontrollen. Mit voller Leistung warf er den BattleMech empor in den Himmel über den Tilman. Es würde ein kurzer Sprung werden, aber er wollte seinen Kampf mit Mulvaney aus nächster Nähe führen. Wenn jemand diese Frau zum Kampf stellte, dann er und kein anderer.
Aber der Sprung war nur eine der waghalsigen Aktionen in seinem spontan entwickelten Gefechtsplan. Es war ein riskanter Plan, der ihren Schlagabtausch in die tiefen Fluten des Tilman und deren nächste Umgebung verlegte. Bei dem Gedanken lief es ihm eiskalt den Rücken hinab. Loren haßte es, unter Wasser zu kämpfen. Das Manöver unmittelbar vor dieser Mission war ihm schwerer gefallen als jeder Einsatz davor. Aber wenn das hier funktionierte, würde es etwas anderes sein. Ein Wettstreit unter Wasser.
Mir wird es anders ergehen… nicht so wie meinem Vater. Ich werde nicht sterben, wie es ihm passiert sein soll.
Die meisten MechKrieger feuern ihre Waffen ab und warten bis zur letzten Sekunde damit, dem Angreifer auszuweichen, wenn sie angesprungen werden. Loren war perplex, als Mulvaney die Sprungdüsen ihres Marodeur II ebenfalls auslöste. Ihr Mech war noch immer unter ihm, als er sich langsam aus dem Fluß in die Lüfte erhob. Loren steigerte die Brennleistung der Düsen noch weiter, und die Innentemperatur der Kanzel stieg um fünf Grad. Seine Augen brannten vom Schweiß, der ihm von der Stirn tropfte, als er seine Position oberhalb des Marodeur II hielt.
Mulvaney stieg langsam höher und versuchte ihre Flugbahn so zu wählen, daß der Gallowglas vor ihr blieb.
Mit einem normalen Angriff habe ich keine Chance. Dazu ist sie zu verschlagen. Wenn ich sie besiegen will, muß ich es im Wasser tun. Ich muß uns nach unten bringen.
Loren erinnerte sich an den Tag, an dem ihm sein Großvater erzählt hatte, daß sein Vater nicht mehr am Leben war. Corwin Jaffray hatte ihm von seinen eigenen Erfahrungen im Unterwasserkampf erzählt, und von den enormen Risiken. Inzwischen kannte Loren dies aus eigener Erfahrung, und jedesmal hatte er sich seiner Angst von neuem stellen müssen. Diesmal war sie schlimmer als je zuvor.
Er ging im selben Moment nach unten, als Mulvaney den Marodeur II nach oben zog, und die beiden Battle-Mechs kollidierten in der Luft über den tiefen Wassern des Tilman. Kaum hatten sie Kontakt, als Loren den Marodeur II mit beiden Mecharmen umklammerte und seine Sprungdüsen abschaltete. Es war ein waghalsiges, beinahe selbstmörderisches Manöver, aber er schaffte es, Mulvaney damit zu überraschen. Ihre Sprungdüsen konnten einen Mech tragen, aber nicht zwei. Die beiden Metalltitanen stürzten mit einem donnernden Klatschen in die Fluten des Flusses.
Der Zusammenstoß mit Mulvaney und unmittelbar darauf der Aufprall auf dem Wasser schleuderte Loren mit Gewalt in die Gurte. Die Schulterschnallen bohrten sich in seinen Körper, und einen Augenblick befürchtete er, das Schultergelenk könnte ausgekugelt worden sein. Durch das brodelnde Wasser und den aufgewirbelten Schlamm und Dreck konnte er keinen Meter weit sehen. Gallowglas und Marodeur II waren noch immer ineinander verkeilt und sanken gemeinsam senkrecht hinab auf den Grund des Flußbetts.
Als sie unten ankamen, lag Mulvaneys Mech oben und trieb den Gallowglas wie einen Pflock in den tiefen Schlamm und die Felsbrocken des Flußbetts. Warnmeldungen auf dem Sekundärschirm teilten Loren mit, daß der Aufprall das rechte Bein seines Mechs zertrümmert hatte und die Sprungdüsen nicht mehr einsatzbereit waren.
Verdammt! So schnell komme ich hier nicht raus, selbst wenn ich mich aufrichten könnte.
Zwischen dem massigen Marodeur II und dem Flußbett eingekeilt, überprüfte er die Geschützkontrollen, und stellte fest, daß sie ebenfalls etwas abbekommen hatten. Das Fadenkreuz setzte immer wieder sporadisch aus, und an eine Zielerfassung war nicht zu denken. Sie steckten in einer tiefen Schlucht in der Mitte des Flusses. Die steilen Wände zu beiden Seiten waren nur acht Meter voneinander entfernt und mindestens zwanzig Meter hoch.
Dadurch konnten Mulvaney und ihre Begleiter sich so lange versteckt halten.

Die steile Klippe war mehr als ausreichend, eine Ortung zu verhindern, und von ihrer Oberkante aus konnten sie einfach aus dem Wasser marschieren.

Loren bearbeitete mit aller Kraft die Geschwindigkeitskontrollen, Pedale und Steuerknüppel des Gallowglas, in der Hoffnung, den Marodeur II abzuschütteln. Trotz des kalten Flußwassers war die Hitze im Innern des Cockpits erdrückend, und er stemmte sich verzweifelt gegen die Kontrollen, um seinen Mech freizubekommen. Mulvaneys vogelähnlicher Marodeur II trat bei dem Versuch, sich aufzurichten, wild um sich. Dabei schlug er mehrere tiefe Breschen in seine Rumpfpanzerung und verstrickte die beiden Mechs nur noch mehr. Auch Lorens Versuche, sich zu befreien, schlugen fehl. Mit jedem Hieb, Tritt oder sonstigen Manöver gegen Mulvaney beschädigte er seine eigene Maschine.

War es bei meinem Vater genauso? Saß er auch in der Falle, so wie ich jetzt? Und während er um seine Freiheit kämpfte, rang Loren in Gedanken noch mit einer anderen Frage. Hat er an mich gedacht?

Zeit zum Nachdenken. Er sah drei Alternativen. Sie konnten diesen mühseligen Ringkampf im Flußbett fortsetzen, bis er oder Mulvaney es schaffte, den anderen außer Gefecht zu setzen oder dessen Cockpit zu überfluten. Oder er konnte das Feuer auf den Marodeur II eröffnen. Seine schweren Strahl- und mittelschweren Impulslaser konnten auf diese Entfernung ihr Ziel nicht verfehlen. Allerdings hätte das Mulvaney gezwungen, entsprechend zu reagieren. Und auch wenn sie ihre PPKs auf so kurze Distanz nicht einsetzen konnte, reichte ihr sonstiges Arsenal leicht aus, ihm ein Seemannsgrab zu bereiten.

Sie muß dieselben Überlegungen angestellt haben, denn bis jetzt hat sie auch noch nicht gefeuert. Keiner von uns beiden hat den Wunsch, hier unten zu krepieren.

Nein, die beiden ersten Optionen waren nicht akzeptabel. Und, was beruhigend war, zum erstenmal hatte Loren den Eindruck, daß Mulvaney seinen Tod ebenfalls nicht wollte. Sie waren zwei Seiten einer Medaille, er und Chastity. Zusammen verkörperten sie die Ehre. Beide erfüllten sie ihre Bedingungen auf jeweils eigene Weise. Sie versuchte aufrechtzuerhalten, was sie als das wahre Erbe der Highlanders sah. Loren wollte seine Mission für den Kanzler erfolgreich abschließen.

»Mulvaney, hier ist Jaffray«, sprach er ins Mikrofon. Das Audiosystem knackte unter den Interferenzen durch die magnetischen Felsformationen.

»Ich habe mich schon gefragt, wann Sie sich endlich melden«, erwiderte sie schnippisch.
»Wir sitzen beide hier unten fest. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir loskommen.«
»Einverstanden.« Ihre Stimme war tonlos. Loren konnte die Wut und Frustration spüren, die in dem einen Wort lagen.
Besser, wenn ich die Spannung etwas abbaue – vorerst.
»Meinen Glückwunsch zu Ihrem Hinterhalt. Diese Runde haben Sie gewonnen.« Er versuchte, sein Lob wußte, damit hätte er die Sache nicht zum Abschluß gebracht. Es half nichts, eine schlechte Position noch zu verschlimmern, und seine Gegnerin war erheblich stärker bewaffnet.
Nein, so wird es nicht enden, nicht für diesen Jaffray.
»Lassen Sie uns diesen Machomist vergessen. Im Moment arbeiten wir zusammen. Wenn Sie es unbedingt austragen wollen, dann sollten wir das an der Oberfläche tun, wo die Chancen gleich stehen.«
»Schön. Sie halten still, ich dirigiere.« Ihr Marodeur II wirbelte den Schlamm und Schlick des Flußbetts auf, als er sich aufzurichten versuchte, diesmal ohne Gegenwehr des Gallowglas.
»Heben Sie den rechten Arm auf Schulterhöhe, Ellbogen gerade«, befahl sie. Loren gehorchte und hörte ein Kratzen, als sie den linken Arm ihrer Maschine unter dem Mechrumpf hervorzog. »Jetzt heben Sie das rechte Bein ein wenig und drehen es am Knie nach außen.« Wieder gehorchte Loren wortlos, und Mulvaneys Mech kam langsam auf die Füße, auch wenn das kaum zu erkennen war.
Loren machte sich erneut an den Versuch, den Gallowglas aufzurichten, und nun, nachdem Mulvaney nicht mehr auf ihm lag, ging es sehr viel leichter. Auch sein Mech kam hoch und stand ihr gegenüber. Im trüben Licht und der schlammverwirbelten Strömung wirkte der Marodeur II 223 wie ein mythisches Seemonster. Die steilen Marodeur II wie ein mythisches Seemonster. Die steilen Wände der tiefen Schlucht, in die sie gestürzt waren, bildeten den perfekten Rahmen.
Lorens Sekundärortung ließ grellrote Warnsignale aufblinken. Die Energieortung meldete, daß Mulvaney ihre PPKs auflud. Sie wartete nicht darauf, an die Oberfläche zu kommen. Jeden Augenblick mußte sie feuern. Er streckte die Hand aus, um die mittelschweren Impulslaser aufzuladen und betete, daß sie einsatzbereit sein würden, bevor sie das Feuer eröffnete. Dann bewegte er den Gallowglas gegen die dunkle, unsichtbare Strömung nach hinten.
Auf diese Entfernung sind ihre PPKs nutzlos, es sei denn, sie hat die Feldhemmer abgeschaltet.
Er hatte ihr erlaubt, die Oberhand zu gewinnen, aber jetzt war es zu spät, diesen Fehler zu bereuen.
»Sie haben all das zu verantworten, genau wie ich es von Anfang an gewußt habe.« Sie hob die riesigen Partikelkanonen, zielte und feuerte sie auf die hohen Schluchtwände ab. Loren kämpfte mit den Kontrollen, um den Gallowglas zu drehen und aus der Schlucht zu bringen. Wieder zu spät. Chastity löste die Geschütze aus, und blauleuchtende Energieblitze zuckten in die Unterwasserklippen. Das Wasser im Weg der Partikelstrahlen verwandelte sich in eine Walze aus kochenden Dampfblasen, die Jaffray in seinem Mech durchschüttelten und den Gallowglas heftig wanken ließen. Zwei Millisekunden später explodierte der Fels links und rechts neben Lorens Mech. Fast eine Tonne Schutt stürzte auf die Maschine hinab. Er versuchte, den Kampfkoloß zu bewegen, aber er war fest eingeklemmt. Er würde kostbare Minuten brauchen, um sich befreien. Bis dahin bildete er eine perfekte Zielscheibe.
»Verdammt, Chastity! Was, zur Hölle, soll das?«
Entschlossen, nicht kampflos unterzugehen, hob Loren die PPK und zog das Fadenkreuz über die zurückweichende Mulvaney.
Zu nah!
Er feuerte trotzdem, aber der Schuß ging vorbei. Die geladenen Partikel ließen das kalte Wasser des Flusses taghell aufleuchten. Aber nur für einen Moment. Einen Pulsschlag später herrschte wieder Dunkelheit.
»Ich kann leider nicht weiterspielen. An der Oberfläche warten dringendere Aufgaben«, stellte Mulvaney kühl fest. »Sie können hier sterben und Ihrer Linie ein Ende machen oder mir zu folgen versuchen. Egal, wie sie sich entscheiden, Sie werden nie ein Highlander sein… nicht, solange ich lebe.«
Sie begann mit dem Aufstieg zur Wasseroberfläche, und ihre Stimme ging in statischem Rauschen beinahe unter. Loren konnte ihre letzten Worte kaum noch wahrnehmen.
»Eines sollten Sie wissen: Ich könnte Sie hier und jetzt ein für allemal ausschalten. Betrachten Sie das als Revanche für unseren Kampf im Pub, Jaffray. Beim nächsten Mal wählen Sie den Ort und ich die Zeit. Aber merken Sie sich, ich kann Sie besiegen und ich habe Sie besiegt.«
»Mulvaney!« rief Loren, aber sie war schon fort.
Er suchte das Flußbett ab und fand einen Weg nach oben, auch wenn er eine lange und gefährliche Kletterpartie erforderte. Es kostete Loren zwanzig Minuten, seinen Gallowglas an die Oberfläche des Tilman zu bringen. Während der gesamten Zeit dachte er darüber nach, was sich gerade tief unter der Flußoberfläche ereignet hatte. Er hatte sich auf einen Kampf um Leben und Tod eingestellt, aber nichts dergleichen war geschehen. Mulvaney hatte nur mit ihm gespielt, um zu beweisen, daß sie dazu in der Lage war.
An der Oberfläche angekommen, betrachtete er die Überreste des Schlachtfelds. Der Renegaten-Schlagetot stand bis zu den Knien im Wasser, vornüber geknickt wie ein zerbrochener Zinnsoldat. Die Armlaser des Mechs waren abgeschossen, und sein Torso war furchtbar zerschlagen. Der Pilot lebte noch und kletterte gerade an der Beinleiter hinab in die Arme von Huffs Infanteristen. MacLeods übrige Truppen waren über das ganze Gelände verstreut, aber der Kampf war längst vorbei. Füllers Sicherungslanze war nicht sofort zu entdecken, aber dann fand Loren sie hinter den Rauchwolken, die von den Trümmern einiger Davion-Panzer aufstiegen.
»Befehl Sicherheit Vier meldet sich zurück«, funkte er, während sein Gallowglas sich auf den Weg zu seinen Lanzenkameraden machte. Keiner von ihnen hatte das Gefecht unbeschadet überstanden, und manche schienen besonders schwer mitgenommen, wie Frutchey. Aber er hatte nur einen Gedanken.
Ich habe es geschafft. Wo mein Vater versagte, habe ich überlebt. Zumindest diesmal hat sich die Geschichte nicht wiederholt.
»Wo, in Aleksandr Kerenskys Namen, haben Sie gesteckt?« herrschte ihn Commander Füller an, halb besorgt und halb verärgert.
»Mulvaney und ich hatten eine Begegnung am Flußboden. Sie hat mich da unten im Schlick gelassen. Wie ist es hier oben gelaufen?«
»Die Verstärkungen der Konsulargarde haben schweren Schaden angerichtet, nachdem Sie weg waren. Wir haben uns mit Huffs Truppen auf die Lichtung zurückgezogen, nur um feststellen zu müssen, daß sie vermint war. Huffs Mech hat praktisch das rechte Bein verloren, und zwei Mitglieder seiner Lanze stehen ohne Mechs da. Mulvaney ist aus dem Fluß gekrochen und hat uns überrascht. Zum Teufel, wir dachten, Sie wären tot. Sie ist gerade rechtzeitig aufgetaucht, um ihre Leute von hier wegzubringen. Ich wollte hinterher, aber Major Huff meinte, ohne Satellitendaten wäre die Gefahr zu groß, in einen weiteren Hinterhalt zu geraten.«
»Verdammt«, meinte Loren, als er die Schrotthaufen auf der von Mulvaney verminten Lichtung betrachtete. Zwei leichte Mechs waren vom Hüftgelenk abwärts nicht mehr vorhanden. Die Minen hatten sich als ein geschickter Schachzug herausgestellt. Die BattleMechs waren vernichtet, aber die MechKrieger lebten noch. Damit hatte sie ihren Ehrenkodex und ihr Wort gehalten.
»Sie waren einige Zeit weg«, meinte Füller zögernd. »Was ist passiert?«
»Wir haben ›verhandelt‹. Sie hat mich wissen lassen, daß sie mich besiegen kann, wenn sie es darauf anlegt.«
»Moment. Sind Sie sicher, daß Ihr Gyro noch stabil läuft? Sie beide knallen mitten in einem Hinterhalt in der Luft zusammen, stürzen in den Fluß, während ringsum eine Schlacht tobt, und reden?« »Ja.«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie hat gesagt, beim nächstenmal kann ich die Bedingungen festlegen.«
Und sie hat recht. Wenn wir uns das nächstemal begegnen, dann zu meinen Konditionen.
»Und noch etwas. Sie hat einen Namen erwähnt.«
»Was für einen Namen?«
»Marschall Bradford. Und wenn sich in den letzten paar Tagen nichts geändert hat, bedeutet dies, daß wir es nicht nur mit den NAIWTruppen zu tun haben, die uns letzte Nacht angriffen, sondern auch mit den Veteranen von Victor Davions Dritter Royal Guards Regimentskampfgruppe.«
»Eine komplette RKG hier auf Northwind?«
Loren beobachtete, wie aus einem der brennenden Galleons eine dichte schwarze Rauchwolke in den hellen Morgenhimmel stieg.
»Noch dürften sie nicht alle hier sein, aber eines ist sicher, in Kürze wird es verflucht interessant.«

24

Konsulargebäude des Vereinigten Commonwealth
Tara Northwind, Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


4. Oktober 3057


Konsul Drake Burns las nervös die diplomatischen Nachrichten dieses Morgens auf seinem Schreibtisch wie schon Dutzende Male zuvor.

Die MacLeod's Highlanders verfolgten die Konsulargarde, und er fühlte sich in der Neutralität Taras sicher. Die Familien der Highlander-Regimenter hatten zum größten Teil jede Unruhe und Konfrontation vermieden. Trotzdem litt der Planetarische Konsul unter Schlafstörungen. Er hatte seine Stellung auf Northwind immer als eine Art Erholungsurlaub gesehen, doch schien dieser sich plötzlich in einen Alptraum aus Revolution und möglicher Vergeltung verwandelt zu haben. Bis MacLeod und sein Volk sich endlich der Herrschaft Prinz Victors gebeugt hatten, würde er keine ruhige Nacht mehr haben, und soweit er es überblickte, konnte das noch Jahre dauern.

Die Berichte über den Kriegsverlauf waren auch nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Die Sezession des ehemaligen Lyranischen Commonwealth brach den meisten VerCom-Garnisonseinheiten in diesem Bereich das Rückgrat. Viele Einheiten zerfielen, während andere sich für die eine bestimmte Seite entschieden. Natürlich würden diese Konflikte irgendwann abklingen, aber bis es soweit war, zerbrach das Vereinigte Commonwealth.

Auf der politischen Bühne hatte Sun-Tzu Liao verkündet, daß er Northwind denselben unabhängigen Status zubilligte wie der Dragonerwelt Outreach. Das war ein offener Versuch, Unruhe zu stiften, dessen war sich Burns sicher. Aber wie auch immer, Northwind war plötzlich zum Spielball zahlreicher in verschiedene Richtung zerrender Kräfte geworden. Das einzig Gute war, daß MacLeod noch nichts von Liaos Bekanntmachung wußte.

Burns war so tief in Gedanken, daß er erst durch das Zufallen der Bürotür etwas von Lepetas Erscheinen bemerkte. Stephen Lepeta war Drew Catellis Adjutant und hatte dessen Vertretung übernommen, während Catelli im Feld war und gegen MacLeod kämpfte. Während Drake Burns den Colonel unsympathisch war, fand er Lepeta regelrecht erschreckend. Der Mann hatte etwas Düsteres, Gespenstisches an sich. Der Konsul hatte Angst vor ihm, aber Catelli war es immer wieder gelungen, ihn daran zu hindern, Lepeta zu entlassen.

Ein Teil von Burns' Unbehagen gründete sich auf Lepetas bleicher, unbewegter Miene. Ein anderer Aspekt war seine Kleidung, zu der unvermeidlich ein langer schwarzer Reitmantel gehörte. Aber das Schlimmste war, daß er unverhohlen für Colonel Catelli arbeitete, denn der Mann besaß ganz offensichtlich nicht den Funken von Respekt oder Achtung für Burns, während er Catelli fraglos Loyalität entgegenbrachte.

»Guten Morgen, Konsul«, sagte Lepeta, monoton wie immer. »Mr. Lepeta, ich möchte Sie bitten, in Zukunft anzuklopfen, bevor Sie mein Büro betreten«, bellte Burns, vom Schleichen seines Gegenübers verärgert.
»Es wird nicht wieder passieren«, erwiderte Lepeta mit kalter Stimme.
»Ich nehme an, daß Sie die Meldungen des Morgens gelesen haben?«

»Ich habe sie vor Ihrer Ankunft durchgesehen. Der Krieg verläuft nicht gut für Prinz Victor. Marik und Liao greifen unsere Welten mit überwältigender Truppenstärke an. Einige unserer Einheiten halten sich noch tapfer, aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

»In der Tat. Ich versuche, mehr Zuversicht aufzubringen als Sie und Colonel Catelli. Und was hört man aus dem Feld? Ist es unserem geschätzten Colonel schon gelungen, Oberst MacLeod abzuschütteln?«

Lepeta schien geradezu gelangweilt. »Laut der gerade entschlüsselten Nachricht aus dem Feld werden die erwarteten Verstärkungen heute im System eintreffen. Colonel Catelli ist zuversichtlich, daß seine Einsatzgruppe das Kastell wie geplant heute nachmittag erreichen wird. Oberst MacLeods Einheit ist noch dabei, sie zu verfolgen und wird unsere Leute nicht stellen können, bis sie das Kastell erreicht haben, also viel zu spät, um unsere Pläne noch stören zu können.«

»Ausgezeichnet! Die Verstärkungen, diese 3. Royals: Wo werden sie Aufstellung nehmen?«
»Die Einheit wird hier auf dem Raumhafen eintreffen, sobald der Vorstoß aus dem Kastell beginnt. Nachdem sie Tara gesichert haben, werden sie sich daran machen, die Highlanders zu vernichten.«
Burns' lief puterrot an. »Hier, in Tara? Das muß ein Irrtum sein, Lepeta. Wir haben Oberst MacLeod und seinen Highlanders versprochen, die Neutralität Taras zu achten. Eine Landung der RKG hier wäre ein klarer Bruch dieser Vereinbarung. Ist sich Marschall Bradford bewußt, daß eine solche Vorgehensweise eine Reaktion der Highlanders herausfordern würde? Vielleicht sollte ich mich direkt mit ihm in Verbindung setzen.«
Lepeta nickte leicht. Sein Kopf war gesenkt, seine Schultern hingen herab. »Marschall Bradford hat Colonel Catelli mitgeteilt, daß er seine Truppen in Tara stationieren will. Ich denke, wir können mit Sicherheit davon ausgehen, daß die Situation in Tara sich noch vor der Ankunft der 3. Royals derart darstellen wird, daß ihre Anwesenheit unumgänglich ist. Bis dahin werden die Highlanders die Vereinbarung über die Neutralität der Stadt bereits gebrochen haben, und Marschall Bradford wird gezwungen sein, die Davion-Truppen anzuweisen, Tara zum Schutz der Einwohner zu besetzen.«
»Was reden Sie denn da?« ereiferte sich Burns. »Haben Sie irgend etwas über einen Plan oder Trick der Highlanders in Erfahrung gebracht? Sind wir etwa in Gefahr? Weiß Catelli etwas, das uns entgangen ist?«
Drake Burns wußte, daß Drew Catelli früher Mitglied des MGUO gewesen war, des Davion-Geheimdienstministeriums. Der Gedanke, daß er Informationen zurückhielt, war dem Konsul nicht neu, aber das machte ihn nicht weniger nervös.
Lepeta zog die Sunburst-Impulslaserpistole aus dem Versteck in den Falten seines langen Reitmantels und richtete sie auf Konsul Burns. Drake Burns starrte ihn ungläubig an. In einer fließenden, gelassenen Bewegung zog Lepeta den Abzug durch und feuerte drei Lichtimpulse zwischen die Augen des Planetarischen Konsuls ab. Burns flog in die Polster seines Ledersessels. Der Diplomat sackte leblos zusammen, ohne daß er noch erfassen konnte, in welcher Intrige er die Rolle eines Bauernopfers zugewiesen bekommen hatte.
»Das war leichter als ich dachte«, meinte Lepeta, und warf die Pistole auf den Boden. Auf dem Griff der Waffe funkelte das Wappen der Northwind Highlanders. »Der Colonel braucht einen Vorwand, um Northwind unter seine Kontrolle zu bringen, und Marschall Bradford benötigt eine Entschuldigung für den Einmarsch seiner Royals.«
Lepeta betrachtete die Leiche des Planetarischen Konsuls und nickte zufrieden. Zweimal hatte er versagt – einmal bei dem Anschlag auf MacLeod im Friedenspark, und ein zweitesmal, als die Highlanders die Sabotage ihrer Mechs entdeckt hatten. Aber diesmal war es ein Erfolg. Jetzt hat der Colonel, was er wollte – eine Entschuldigung für die Besetzung Taras durch das Haus Davion.

25

Tilmantal, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


4. Oktober 3057


»Wir stehen vor einer neuen Krise«, teilte Colonel Catelli den Offizieren der Einheiten unter seinem, Mulvaneys und Bradfords Befehl mit.

»Normalerweise hätte ich darauf verzichtet, unsere wichtigsten Offiziere zusammenzurufen, während der Feind uns dicht auf den Fersen ist, aber das hier ist wichtig. Ich habe vor einer Stunde erfahren, daß der Planetarische Konsul Bums ermordet wurde, allem Anschein nach von rebellischen, davionfeindlichen Highlandern.«

»Wie sicher ist diese Meldung?« fragte Marschall Bradford. »Mein Adjutant in Tara leitet die Untersuchungen persönlich. Dem Bericht zufolge, den er mir übermittelt hat, wurde am Tatort eine Highlander-Waffe gefunden, und er hat mehrere Zeugen aufgetrieben, die aussagen, der Täter habe die Gefechtsmontur von MacLeods Regiment getragen.«

»Verdammt«, fluchte Marschall Bradford. »Ich kenne Burns' Familie. Zu Drake hatte ich zwar nie eine engere Beziehung, aber er war ein guter Mann. Tja, Colonel Catelli, damit sind Sie der ranghöchste Vertreter des diplomatischen Stabes. Es scheint, daß Sie vorerst die Ämter des Feldkommandanten und Planetarischen Konsuls auf sich vereinigen.«

»Ja, Sir.« Catelli unterdrückte ein zufriedenes Grinsen. Das war zu einfach.
»Ich glaube kein Wort davon«, stellte Mulvaney mit kalter Stimme fest.

Bradford starrte sie einen Moment an, bevor er etwas sagte. »Was soll das heißen? Der eigene Stab des Konsul hat die Verstrickung der Highlanders in dieses Attentat aufgezeigt. Die Leute haben durch eine derartige Anschuldigung nichts zu gewinnen.«

»Ich habe den Bericht gehört, Sir, aber bei allem gebotenen Respekt, das heißt nicht, daß ich ihn einfach schlucken muß. Es stimmt, daß wir Highlanders im Gefecht skrupellos sein können. Aber ein derart feiger Mord entspricht weder dem Stil noch dem Wesen irgendeines Highlanders, den ich kenne.«

»Vielleicht hat Ihr ehemaliger Kommandeur seine Methoden geändert, seit Sie die loyalen Davion-Highlanders gegründet haben«, wandte Catelli ein. »Vielleicht hat Oberst MacLeod das Attentat befohlen, weil er Angst hatte, im Feld gegen uns zu unterliegen. Ich würde auch diesen Major Jaffray nicht vergessen. Er gehört zu den Todeskommandos, und Sie wissen doch, wozu die fähig sind. Während er hier auf Northwind Liao-Schandtaten beging, hat seine Regierung dem Vereinigten Commonwealth den Krieg erklärt. Sie müssen zugeben, daß es alles höchst logisch ist.«

Mulvaney gefiel es ganz und gar nicht, daß Catelli ihre Leute als loyale Davion-Highlanders bezeichnete, als wären sie Eigentum seines Hauses, doch war jetzt nicht der Zeitpunkt für diese Diskussion.

»Logisch ist dieser Anschlag zu allerletzt. MacLeod ist der letzte Mensch in der Inneren Sphäre, der ein Attentat befehlen würde. Er ist geradeheraus und ehrbar. Er ist kein Mörder. Nein, Sir. Das ist ein Trick, um MacLeods Leuten die Verantwortung für das Verbrechen in die Schuhe zu schieben.«

»Alles, was ich weiß« erklärte Bradford und erhob die Stimme, um zu zeigen, daß er hier die Entscheidungen traf, »ist, daß wir eine Vereinbarung getroffen hatten, Tara als neutrales Gebiet zu behandeln. Jetzt haben die Highlanders, sei es nun auf Befehl MacLeods oder unabhängig von ihm, diese Vereinbarung verletzt. Tara ist ohne rechtmäßige Regierung und möglicherweise ohne die Möglichkeit einer Verwaltung gemäß den Wünschen des Archon-Prinzen.«

»Wie werden Sie angesichts dieser neuen Lage vorgehen, Sir?« fragte Catelli wie auf Stichwort.

»Die 3. Royal Guards RKG wird in wenigen Stunden dieses System erreichen. Ich schlage vor, wir leiten sie von einem Gefechtsabwurf im Feld um und setzen sie als Garnison für Tara ein.«

»Sir, das wäre ein offener Bruch unserer Vereinbarung über Tara«, protestierte Mulvaney. »Sie hatten ursprünglich erklärt, die Truppen würden in der Nähe Taras aufsetzen und die Neutralität der Stadt achten. Die Anwesenheit der 3. Royals in der Stadt wird die noch dort befindlichen Highlanders aufstacheln. Muß ich Sie daran erinnern, daß diese Entscheidung ausschließlich auf Hörensagen beruht, ohne den geringsten Beweis? Wer weiß, ob es wirklich ein Highlander war, der Konsul Burns umgebracht hat, und nicht irgendein Wahnsinniger. Es hätte jeder sein können.« Sie war Colonel Catelli einen schnellen Blick zu.

Du bist der einzige, der vom Tod des Konsuls profitieren konnte. Ich werde es vielleicht nie beweisen können, aber ich würde mein Leben darauf verwetten, daß du hinter diesem Mord steckst und dafür sorgen willst, daß die Northwind Highlanders die Schuld dafür bekommen.

Marschall Bradford schien ihr aufmerksam zuzuhören. »Was Sie sagen, hat durchaus etwas für sich, Oberst Mulvaney. Aber es herrscht Krieg, und wir müssen uns auf die Informationen verlassen, die uns zur Verfügung stehen. Diese Informationen deuten auf eine Mittäterschaft der Highlanders bei der Ermordung des Planetarischen Konsuls hin, und wir haben geschworen, die Davion-Interessen auf dieser Welt zu verteidigen. Die effektivste Methode, das zu tun, besteht in der Verlegung der 3. Royals nach Tara, damit sie die Stadt als Operationsbasis benutzen.«

»Sir, ein solches Vorgehen würde sie gefährden. Wenn MacLeod davon erfährt, wird er seine Truppen zurück nach Tara führen.«
Catelli schüttelte den Kopf. »Ich halte Oberst Mulvaneys Annahme für unbegründet, Marschall. Unsere Kundschafter melden, daß die MacLeod's Highlanders direkt hinter uns sind. Anscheinend nehmen sie immer noch an, daß wir uns im Kastell festsetzen wollen. Unsere Funküberwachung zeigt, daß MacLeod noch keine neue Verbindung zum Fort hat aufbauen können. Wenn unser Plan funktioniert, können wir sie hier draußen Tage oder noch länger binden, während die 3. Royals unbemerkt landen. Wenn er glaubt, wir sitzen in der alten Bunkeranlage in der Falle, wird er seine Truppen nicht abziehen, gleichgültig, was in Tara geschieht – falls er das überhaupt jemals herausfindet. Aber wenn wir jetzt zögern, kann er eine Relaisstrecke zurück nach Tara aufbauen und wird von der Landung der 3. Royals erfahren.«
Marschall Bradford nickte zustimmend, als Catelli fertig war. »MacLeod ist immer noch blind und taub, was die Vorgänge in Tara betrifft. Die 3. Royals werden die Stadt sichern und die loyalen Zivilisten vor weiteren Ausschreitungen der Highlanders beschützen. MacLeod wird die Guards während des Landeanflugs wahrscheinlich bemerken, aber ohne seine modernen Kommunikations- und Ortungsanlagen wird er weder ihren Anflugsvektor noch ihre Landekoordinaten ermitteln können. Wenn wir einmal in Tara sind, können wir eine Wiederaufnahme des Verbindung zum Fort verhindern. Ohne diese Verbindung kann er die anderen Highlander-Regimenter nicht von seiner kleinen Rebellion informieren. Von Tara aus wird dann die 3. ausrücken, MacLeod von der Stadt abschneiden und ihn zermalmen, wenn wir schließlich die Karten aufdecken.«
Mulvaney erkannte, daß ihr Widerspruch abgeschmettert war. »Was ist mit den Stirling's Füsiliers, Sir? Sie werden dienstplanmäßig hier eintreffen. Nach den letzten Berichten hat sich daran nichts geändert.«
»Unsere Langstreckensensoren haben vor drei Stunden das Auftauchen einer Schiffsgruppe unbekannter Zusammensetzung an einem Piratensprungpunkt in der Nähe des Zenitpunkts entdeckt. Es braucht keinen NAIW-Abschluß, um zu erkennen, daß es sich dabei um die Füsiliers handelt. Sie sind mindestens drei Tage zu früh dran. Wir hatte nicht damit gerechnet, daß sie einen geheimen Sprungpunkt ansteuern, aber wenigstens wissen sie nichts von den 3. Royals. Angesichts der relativen Positionen der beiden Einheiten ist auch nicht damit zu rechnen, daß Oberst Stirling sie bemerkt. Bis jetzt haben die Schiffe alle Anfragen ignoriert. Sie fliegen mit maximaler Beschleunigung in Richtung Northwind und werden voraussichtlich in achtzehn Stunden eintreffen. Nach dem, was wir über Cat Stirling wissen, wird sie warten, bis sie sich ein klares Bild von der Lage am Boden machen kann, statt sich blindlings in die Schlacht zu werfen. Besser noch, sie könnte darauf warten, bis MacLeod ihr Landekoordinaten mitteilt… möglicherweise können wir ihr da behilflich sein. Das einzige, was zur Zeit für uns arbeitet, ist MacLeods Unfähigkeit, sich mit Stirling in Verbindung zu setzen. Die 3. Royals werden vor den Füsiliers eintreffen und sollten unbemerkt landen können. Einmal am Boden sollen sie sich so aufstellen, daß sie eine Kontaktaufnahme der beiden Highlander-Regimenter verhindern können. Mulvaney, Sie werden nach der Landung eine entscheidende Rolle zu spielen haben. Sie müssen die Füsiliers dazu bringen, sich uns anzuschließen oder wenigstens neutral zu bleiben. Ansonsten haben wir keine andere Wahl, als sie zu vernichten.«
»Sir, das wird nicht leicht werden. Es gibt keine Garantie, daß Oberst Stirling Prinz Davions Wünsche bezüglich Northwind akzeptiert. Ich will kein Blutvergießen erleben, deshalb werde ich mein Bestes tun. Aber ein Kampf gegen sie wird teuer werden… für Sie und für die 3. Royal Guards RKG. Selbst mit Winchesters NAIW-Truppen wird es ein ausgeglichener Kampf, und die Highlanders haben den Heimvorteil.«
»Wir können uns kein Zögern leisten«, erklärte Bradford harsch. »Eine dritte Flotte ist im System erschienen und hat vor MacLeods Jägern unsere Ablenkungseinheiten erreicht. Die Schiffe wurden als capellanisch identifiziert. Unsere Scheinflotte hat Verluste erlitten und mußte das System verlassen. Das bedeutet, daß MacLeods Jäger umgedreht haben und auf dem Weg zurück nach Northwind sind.« Marschall Bradford sprach mit leiser, fast bedrohlicher Stimme. »Was machen diese Liao-Schiffe hier? Ich weiß nicht, wie es Loren Jaffray gelungen ist, Kontakt mit den Capellanern aufzunehmen, aber wenn er es getan hat, werde ich dafür sorgen, daß er teuer dafür bezahlt. Möglicherweise stehen diese Schiffe ja mit der Erklärung des Kanzlers in Zusammenhang und sollen seine Anerkennung der Unabhängigkeit Northwinds unterstreichen. Ihre Anwesenheit kann eine leichte Abänderung unserer Pläne erforderlich machen, aber eine echte Bedrohung stellen diese Schiffe nicht dar.«
Mulvaney hörte die Worte des Marschalls kaum. Ihre Gedanken waren bei William MacLeod und seinem Regiment. Sie würden verbissen um den Besitz Northwinds kämpfen, die Geburtstätte der Highlanders. Sun-Tzu Liaos Erklärung war für sie ohne Bedeutung. Das waren nur die leeren Worthülsen eines Politikers weitab von der Wirklichkeit hier auf Northwind. Worte, und für Mulvaney sprachen Taten sehr viel lauter.
Sie fragte sich, ob es für die Guards/NAIW-Truppen noch eine Chance gab, wenn es Cat Stirling gelang, MacLeod zu verstärken.
Das könnte ein Debakel für die Davions werden, aber sie sind zu blind, es zu erkennen. Wenn Bradford MacLeods und Stirlings Einheiten getrennt und ohne Koordination halten kann, könnte es ein Debakel unter umgekehrten Vorzeichen geben. Und jetzt haben die Capellaner möglicherweise auch noch Truppen im System. Werden Sie sich damit begnügen zuzusehen, oder werden sie eingreifen?
Vor ihrem inneren Auge standen die Bilder alter Freunde und Verbündeter, die plötzlich tot und begraben sein würden… und das alles, weil sie etwas getan oder unterlassen hatte.
»Also dann«, meinte Bradford. »Wir sollten in unsere Mechs klettern und unseren Plan weiterverfolgen. Die Despiser hat die meisten unserer Bodenfahrzeuge an die vereinbarten Koordinaten gebracht. Ich erwarte, daß MacLeod versuchen wird, uns am Erreichen des Kastells zu hindern. Bisher hat er keinen Grund zu der Annahme, wir könnten ein anderes Ziel haben, und daran darf sich auch nichts ändern. Sobald er angreift, Rückzug zum Kastell. Mulvaneys Karten werden Ihnen zeigen, wohin Sie zu gehen haben. Denken Sie daran, wir können uns keine Verspätungen leisten.«
Marschall Bradford salutierte, und seine Offiziere verließen das improvisierte HQ.
»Warten Sie eine Minute, Colonel Catelli«, sagte Bradford, als der letzte Offizier ging.
»Sir?«
Bradford trat so dicht an ihn heran, daß niemand sie belauschen konnte. »Als ich Ihnen den Befehl gegeben habe, für einen Zwischenfall zu sorgen, der uns den Einmarsch in Tara ermöglicht, war das keine Erlaubnis, Ihren Planetarischen Konsul zu ermorden.«
Catellis Gesicht lief rot an. »Sir, diese Anschuldigung ist schockierend. Ich habe den Tod des Konsuls weder autorisiert noch in die Wege geleitet. Meine Pläne beschränkten sich auf ein paar Feuerbomben in leerstehenden Regierungsgebäuden. Die Nachricht von Drake Burns' Tod hat mich ebenso entsetzt wie Sie. Wir waren vielleicht keine engen Freunde, aber ich habe den Mann respektiert.«
Seine Macht habe ich respektiert, und jetzt gehört sie mir.
»Natürlich«, meinte Marschall Bradford, zog eine seiner unvermeidlichen Zigarren aus der Tasche und nahm sie sorgfältig in Augenschein. »Übrigens werde ich dieses Gespräch in meinem Bericht nicht erwähnen. Ich bin ein Militär, Catelli. Eines Tage hoffe ich auszumustern und mich auf einem hübschen kleinen diplomatischen Posten ganz ähnlich dem hier auf Northwind zur Ruhe zu setzen. Aber ich garantiere Ihnen, Colonel, daß Sie niemals irgendeine Position in meinem Stab bekleiden werden. Und falls ich herausbekommen sollte, daß Sie auch nur entfernt etwas mit dem Tod von Konsul Burns zu tun hatten, werde ich Sie festnehmen und vor Gericht stellen lassen. Also, ich will keinen Hinweis finden, der nicht die Northwind Highlanders mit diesem Verbrechen in Verbindung bringt. Habe ich mich klar ausgedrückt, Mister?«
»Ja, Sir«, meinte Catelli leise.
Du wirst nicht lange auf Northwind bleiben, mein lieber Marschall. Ihr Zinnsoldaten seid so jämmerliche Politiker. Ihr wollt einen Zwischenfall, aber nur, wenn ihr euch dafür die Hände nicht schmutzig machen müßt. Ihr verlangt plausible Möglichkeiten, jede Schuld von euch zu weisen. Fein. Im Gegenzug übernehmt ihr für mich die Drecksarbeit und brecht den Highlanders das Rückgrat. Wenn das hier alles vorbei ist, zieht ihr wieder ab, und der Northwind gehört mir. Und bis dahin brauche ich nur weiter dein Ego zu streicheln.

Loren und Huff beugten sich über den tragbaren Kartentisch. Die kleine elektronische Karte war das einzige, was sie aus den Trümmern des Befehlsstands hatten retten können, nachdem er beim Angriff der Grenzgänger vernichtet worden war. Es schienen seither schon Wochen vergangen zu sein. Der Tisch war notdürftig geflickt und brachte nur minimale Leistung, aber etwas Besseres hatten sie nicht, und keiner der beiden beschwerte sich. Seit dem Hinterhalt am Fluß hatten MacLeods Truppen Mulvaney und Catellis Einheiten immer schneller den Fluß hinaufgetrieben. Inzwischen war es ein Wettrennen, ein offener Sprint zu den Befestigungen des Kastells. Aber ihr Gegner hatte einen beachtlichen Vorsprung, und das schwache grüne Licht des Kartentisches schien diese Tatsache noch zu unterstreichen.

»Wie sieht es mit dem Wiederaufbau der Verbindung zum Fort aus, Major?« fragte Loren.

»Noch mindestens zehn Stunden. Unser größtes Problem war ein Trupp dieser gepanzerten NAIWlinge, die zwei unserer Relaisstationen zerstört haben. So etwas bindet unsere begrenzten Mittel und kostet Zeit, die wir nicht haben.«

»Was kommt als nächstes?«

»Der Oberst hat mich gebeten, diese Pläne mit Ihnen durchzugehen.

Wenn wir zuschlagen wollen, müssen wir das bald tun. Unsere Kundschafter flußaufwärts melden, daß sie mit Höchstgeschwindigkeit vorrücken«, stellte Huff fest und strich sich mit beiden Händen über das kurzgeschorene Haar. »Außerdem gibt es Anzeichen dafür, daß sie ihr Landungsschiff dazu benutzen, Truppen und Fahrzeuge vorauszuschicken.«

»Was schlagen der Oberst und Sie vor?« fragte Loren und drehte den Hals. Er fühlte sich, als habe er tagelang einen Neurohelm getragen. Seine Nackenmuskulatur war knochenhart vor Verspannung. Sie kamen bei der Verfolgung Mulvaneys nur langsam voran, weil sie versuchten, gelegentlichen Minen und sonstigen Fallen auszuweichen, aber jetzt wurde es Zeit, ein Risiko einzugehen und sie endgültig zu stoppen.

»Wir haben fast ein komplettes Bataillon, das wir gegen sie in die Schlacht werfen können, wenn wir bereit sind, in den roten Bereich zu gehen. Oberst MacLeod hat mich beauftragt, dabei die Führung zu übernehmen. Und er hat mich gebeten, Sie als Nummer Zwei zu akzeptieren.«

Huff streckte die Hand aus und betätigte die Kontrollen der Karte. Auf dem Bild erschienen die Stoßrichtungen der Angriffe und Markierungen für Mulvaneys und Catellis Truppen. Loren studierte die Lage sorgfältig.

Was könnte schiefgehen? Von welcher falschen Voraussetzung gehen wir aus? Wenn wir all das wissen, weiß Marschall Bradford es auch. Wie wird er reagieren?

Loren hätte die Planung gerne ausführlicher überprüft, um Antworten auf alle möglichen Gegenaktionen und -taktiken auszuarbeiten. Aber sie befanden sich auf dem Schlachtfeld, in einer sich schnell verändernden Lage, in der sie sich den Luxus langwieriger Erwägungen nicht leisten konnten.

»Sie sind sich darüber im klaren, daß man uns erwarten wird.« »Ja«, erwiderte Huff kurz angebunden. »Oberst MacLeod und ich gehen davon aus, daß sie sich entweder eingraben werden oder in voller Geschwindigkeit auf das Kastell zustürmen. Auf jeden Fall müssen wir an Ort und Stelle sein. Sie werden sich mit Einsatzkompanie Eins

abstimmen und um alles vor der Regimentsstabskompanie kümmern. Sie übernehmen das südliche Flußufer. Ich kümmere mich um das nördliche. Schlagen Sie voll zu, brechen Sie durch ihre Linien und setzen Sie sich zwischen den Feind und das Kastell. Die Davions stehen auf dem Südufer des Tilman, und ich will in ihre Flanke kommen und sie zum Stehen bringen. Wenn wir ihnen den Schwung nehmen, haben wir sie.«

»Commander Füller hat mir ein wenig über den Bunkerkomplex erzählt, in dessen Richtung sie marschieren«, meinte Loren. »Der Eingang scheint verdammt schwer passieren zu sein.«

»So könnte man es ausdrücken«, bestätigte Huff und gestattete sich beinahe ein Lächeln. »Der Eingang liegt am Fuß des Wasserfalls und ist gerade breit genug für zwei Mechs nebeneinander. In der Sternenbundära existierte ein Mechanismus zur Umleitung des Wasserfalls, so daß ein direkter Durchgang geschaffen wurde. Aber der ist inzwischen ausgefallen, und man muß unter Wasser hinein.«

»Und die Feuerplattform? Hört sich nach einer Art Balustrade für Mechs an.«

»Auf halber Höhe der Fälle ist ein mit schweren Panzerplatten verstärkter Sims. Von da aus kann eine Handvoll Mechs eine acht- bis neunfache Übermacht aufhalten.«

»Tja, Major Huff, möchten Sie, daß wir die Fälle umgehen und zu den Tunneleingängen von meiner Seite aus vorstoßen?«
»Nein. Der Oberst und ich sind der Meinung, daß es katastrophal für uns wäre, blindlings in die Tunnel zu stürmen. Sie sind zu leicht zu verminen oder mit Selbstschußanlagen zu bestücken. Sie können auch nicht auf die Klippen neben den Fällen. Sie sind so steil, daß nur die besten sprungfähigen Mechs überhaupt eine Chance haben, in einem Stück oben anzukommen. Und ein Versuch, die Klippen zu umgehen, würde sie in beide Richtungen drei Kilometer kosten.«
»Was ist mit einem Abschneiden der Fluchtwege, Major?«
»Fluchtwege?« fragte Huff zunächst überrascht, dann weiteten sich seine Augen. »Erzählen Sie mir nicht, daß Sie immer noch denken, sie würden versuchen, zum Gebirgslager durchzubrechen. Ich habe es Ihnen doch erklärt, Jaffray. Wir haben diese Möglichkeit untersucht und verworfen. Ihre Truppen sind seit Tagen auf der Flucht und erschöpft. Sie werden haltmachen, weil sie eine weitere Anstrengung nicht riskieren können.«
Loren zuckte keineswegs überzeugt die Schultern. An Mulvaneys Stelle würde er sich niemals in einem Bunkerkomplex wie dem Kastell eingraben. Der Schlüssel zum Erfolg für eine kleine Einheit im Kampf gegen eine größere war es, in Bewegung zu bleiben. Egal, wie leicht sich das Kastell verteidigen ließ, es machte keinen Sinn, sich dort festzusetzen. Das würde ein Ende des Konflikts erzwingen. Nein. Mulvaney war ihm dazu viel zu ähnlich. Sie war eine MechKriegerin und hatte Erfahrung als stellvertretende Kommandeurin eines EliteMechregiments gesammelt. Sie würde niemals einen derart schwerwiegenden taktischen Fehler begehen. Sie wollte zu ihren Bedingungen gewinnen, und dafür war das Kastell der falsche Ort.
»Mir ist klar, daß Sie meine Theorie für falsch halten, aber warum sichern wir diese Tunnel nicht trotzdem? Ich könnte mich irren, Major, aber es kostet uns so gut wie nichts, auf Nummer Sicher zu gehen. Stellen Sie ein paar Truppen für diese Ausgänge ab.«
Plötzlich wurde Huff wütend. Sein Gesicht lief rot an, und er gestikulierte heftig, während er sprach. »Jaffray, ich respektiere Sie als MechKrieger, aber Sie sind nur zu Besuch bei dieser Einheit, und kein wahrer Highlander. Ich habe Ihnen gesagt, der Oberst hat Ihren Plan untersucht und verworfen.«
Loren verstand Huffs Erregung nicht. Er stellte keine Bedrohung für den Mann dar. »Wo liegt das Problem, Major? Ich habe nur auf eine Möglichkeit hingewiesen.«
Huff mußte wohl erkannt haben, daß er überreagiert hatte, und nahm sich zusammen. Er atmete mit verkniffenem Mund ein und ließ die Luft langsam wieder entweichen, um sich zu beruhigen.
»Das ist es nicht allein, Jaffray. Sie hatten Mulvaney in Ihrer Hand und haben sie ziehen lassen. Einige von uns im Stab finden, Sie haben sich zurückgehalten, und hätten Sie das nicht getan, wäre dieser ganze Spuk schon vorüber.«
Plötzlich verstand Loren. »Major, ich versichere Ihnen, ich habe sie nicht ziehen lassen. Sie ist entkommen. Ich habe sie nicht in Stücke geschossen, weil eine verdammt hohe Chance bestand, daß ich zuerst ins Gras gebissen hätte. Wir mußten zusammenarbeiten. Hätte ich gewußt, daß sie sich so abrupt verabschieden würde, hätte ich mich anders verhalten.«
Loren hörte die Worte von seinen Lippen kommen, aber er glaubte sie selbst nicht. Tief im Innern wußte er, daß er dort unten im Schlamm des Tilman nichts anders gemacht hätte.
»Ich verstehe… denke ich«, sagte Huff und klang um nichts überzeugter als Loren. »Aber ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, daß dies alles vorbei wäre, hätten Sie Mulvaney ausgeschaltet. Jetzt werden gute Männer und Frauen sterben müssen, so sehr wir auch versuchen, uns an die Gefechtsorder zu halten.«
Huff hatte recht, aber so war der Krieg – Menschen kämpften und starben. Sie waren Krieger, und ihre Arbeit bestand darin, andere Krieger zu töten. Sie konnten nur ihre Pflicht tun.
»Gehen wir«, meinte Loren. »Schlagen wir zu und bringen es hinter uns.«

26

SBVS-Festung N001, ›Das Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


5. Oktober 3057


Am nächsten Morgen stürmte Loren im Zentrum der vorrückenden BattleMechlinie das Sandufer des Tilman hinauf. Trotz des Wärmestaus, der eine längere Laufstrecke normalerweise begleitete, blieb der Gallowglas bis jetzt relativ kühl. Alle funktionsfähigen Wärmetauscher waren in Betrieb, aber wenn er erst einmal die Waffen einsetzte, würde die Temperatur in der Pilotenkanzel schnell steigen. Hitzestaus waren die Nemesis jedes MechKriegers, aber sie ließen sich nicht vermeiden. Man mußte einfach mit ihnen leben.

Der Fluß war an dieser Stelle breiter, trotzdem jedoch war die Strömung sehr viel stärker. Die Felsformationen, die auch weiter stromabwärts gelegentlich auftauchten, waren hier weit häufiger, und irgendwie wirkten sie bedrohlicher. Vielleicht war es ja nur die Anspannung der Jagd, aber Loren spürte, daß diese Schlacht noch heftiger toben würde als ihr erstes Aufeinandertreffen.

Er erinnerte sich an Huffs Vorwurf und auch an seine Begegnung mit Mulvaney am Boden des tiefen Flusses. War es Angst gewesen, die ihn daran gehindert hatte, auf sie zu feuern, als sie einander umklammert hielten? Loren hatte sich vorher noch nie von der Möglichkeit einschüchtern lassen, zu sterben, aber was sonst hätte ihn dazu bewegen können, mit ihr zu kooperieren, statt seinen Untergang zu riskieren? War es die Erinnerung an den Tod seines Vaters auf einer vergessenen Welt in einem dunklen, geheimnisvollen, unerklärten Krieg gewesen? Als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte Mulvaneys Flucht im Widerspruch zum Erfolg seiner Mission gestanden. Statt ein schnelles Ende zu finden, artete der Konflikt jetzt in einen langen Feldzug aus.

Die Nahortung riß ihn aus diesen düsteren Gedanken, als sie voraus mehrere Ziele anzeigte. Loren rief sofort die Karte des Flusses und des Kastells auf. Laut der Darstellung liefen die Flußufer auf einen Punkt an den Wasserfällen zu, die den Zugang zum Bunker beschützten, und wurden dabei immer schmaler. Die Klippen waren fast fünfzig Meter hoch und für die meisten Mechs unbezwingbar. Durch den dichten Wald zu beiden Seiten wären sie gezwungen, in einem engen Trichter zu kämpfen, der am Wasserfalleingang endete. Noch waren ihre Feinde zu beiden Seiten des Tilman über drei Kilometer verteilt. Ein Teil von ihnen mußte schon das Innere des Kastells erreicht haben, aber die Mechs am Ende der Marschkolonne boten sich noch als Angriffsziele an.

Einer der Scoutlanzenführer, ein Commander Djukowitsch, gab als erster die Zielliste durch. »Mittelschwere und schwere Mechs voraus, in Bewegung von unserer Position weg.« Als er diese Worte hörte, begann Lorens Herz vor Erregung zu hämmern. Er war nervös und aufgeregt, aber die Krieger unter seinem Befehl würden davon nichts bemerken. »Gut gemacht, Djukowitsch. Hier spricht Jaffray. Alles auf die Signale einpeilen. Die Piloten der sprungfähigen Mechs führen Fall Blau aus.«

Nicht weit vor sich sah er die Flammenspeere aus den Sprungdüsen von drei seiner Mechs, die in Richtung des tiefen Waldes abdrehten. Loren folgte ihnen und löste die provisorisch reparierten Düsen seines Gallowglas aus. Er kippte leicht nach vorne, und Loren fiel in die Polster der Pilotenliege, als er sich in Schubrichtung lehnte. Durch seinen Körper raste die sinnliche Erfahrung, wie er sie in diesen Situationen immer fühlte.

Kampf.

Manche schrieben darüber, manche wurden seine Zeugen, andere fürchteten ihn, aber Loren liebte ihn. Körper und Geist schienen mit dem Gallowglas zu verschmelzen, der ihn umgab. Der Mech war nicht länger nur eine Vernichtungsmaschine, er wurde zur Verlängerung seiner Gedanken und Aktionen – zu einem Teil von ihm selbst. Die sinnliche Erfahrung war wie eine Droge, und Loren bekam nicht genug davon. Es war nicht das Töten, das ihn anzog. Es war die Eleganz der Kriegskunst, die ihn faszinierte.

Er hatte Fall Blau ausgearbeitet, um seiner Einsatzgruppe einen Vorteil zu verschaffen. Alle sprungfähigen Mechs hatten Anweisung, in den Wald entlang des Flußufers zu springen. Statt vorwärts zu rennen, würden die Mechs den Feind angreifen und sofort weiterspringen. Ihr Auftrag lautete, zwischen dem Kastell und den RenegatenMechs zu bleiben, die es noch zu erreichen versuchten. Die nicht sprungfähigen Kampfkolosse würden sich darauf konzentrieren, die Nachhut der Davion/Mulvaney-Kräfte zu zerschlagen.

Huff hatte sich für eine konservativere Vorgehensweise entschieden, einen Sturmangriff, bei dem seine Mechs geradewegs durch die Reihen der Davions brachen, um die Position zwischen ihnen und dem flußaufwärts gelegenen Kastell zu besetzen. Loren hatte den Wunsch verspürt, sich mit Major Huff über dessen Entscheidung auseinanderzusetzen, aber es sich dann doch anders überlegt. Huff war weniger aufgeschlossen als MacLeod, und Loren wollte keinen weiteren Streit riskieren. Die beste Prüfung ihrer Pläne würde das Leben liefern. Und wenn alles gut ging, konnten sie mit der Kombination der beiden so unterschiedlichen Vorgehensweisen die rückwärtige Flanke der Davion-Linien zertrümmern.

Als er in seinem Mech fast dreißig Meter hoch über dem Fluß hing, sah Loren das Gelände auf eine Weise, wie sie kein Cockpitschirm bieten konnte. Fast drei Kilometer stromaufwärts, vom dichten grünen Wald perfekt eingerahmt, stieg die Gischt des Wasserfalls empor, der das Kastell bewachte. Und genau wie Huff beschrieben hatte, waren die Abhänge zu beiden Seiten so steil, daß ein Mech nur springend eine Chance hatte, sie zu bezwingen – ein beeindruckendes Zeugnis vom Können der Ingenieure, die Jahrhunderte zuvor die Festung angelegt hatten.

Fast eine Kompanie BattleMechs unterschiedlichster Konfigurationen und Gewichtsklassen war auf dem Weg in Richtung Wasserfall. Die meisten Kampfkolosse hielten sich dicht am Wasser und schienen ihre Verfolger nicht zu beachten. Statt dessen waren sie offensichtlich auf das Erreichen der sicheren Bunkeranlage konzentriert. Lorens und Huffs Bodentruppen stürmten über das offene Gelände des Flußufers hinter ihnen her, während MacLeod Unterstützung und Reserve stellte. Mulvaney und Catellis Mechs hatten sich am Südufer konzentriert, auf dem Wasser eskortiert von den wenigen verbliebenen Schwebern. Jaffray korrigierte die Flugbahn seines Mechs etwas, so daß er kurz hinter der Baumlinie zu Boden ging. Als er sich den Wipfeln näherte, gab er seinen Bodeneinheiten das Signal.

»Jaffray an Einsatzgruppe, Feuer frei!«

Bevor er hinter dem Wall uralter Baumriesen verschwand, sah Loren die erste Welle Langstreckenraketen zu seiner Rechten auf die Davions zufliegen. Der Gallowglas brach schwer durch die Wipfel und zerschmetterte einiges Astwerk. Loren mußte mit den Kontrollen ringen, um das Gleichgewicht zu halten. Der Kreiselstabilisator der gewaltigen Kampfmaschine schien ihm in den Ohren zu dröhnen, als er darum kämpfte, den Mech auf den Beinen zu halten. Die Maschine schien sich seinen Anstrengungen zu widersetzen, und über die Feedbackschleifen des Neurohelms packte ihn ein heftiges Schwindelgefühl. Loren war so im Bann der sinnlichen Erfahrung des Kampfes, daß er den Temperaturanstieg durch den kurzen Sprung kaum wahrnahm. Er ignorierte ihn und feuerte die Sprungdüsen ein zweitesmal ab, wodurch er den Giganten aus Stahl und Keramik noch einmal in den Himmel über Northwind schleuderte.

Als das Schlachtfeld unter ihm in Sicht kam, stellte Loren fest, daß der Kampf begonnen hatte. Ein Greif der Konsulargarde schien seine Flucht abgebrochen und sich dem Ansturm von Lorens Truppen entgegengestellt zu haben. Er feuerte mit tödlicher Präzision seine PPK gegen die direkt auf ihn einstürmenden Mechs ab. Ringsum schlugen Raketen ein, aber der Mech wankte nicht und machte auch keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Anscheinend hatte der DavionMechKrieger seinen Greif im flachen Wasser postiert, um ihn zu kühlen, und feuerte alles ab, was er hatte. Von den Wärmetauschern an den Füßen des Mechs stieg Dampf auf.

Lorens Team Blau hing rings um ihn herum in der Luft. Raketensalven zuckten vom Boden empor an ihm vorbei und schlugen in Füllers Dunkelfalken ein. Schrapnells und Panzertrümmer hagelten auf die Bäume hinab. Noch im Flug senkte Loren die PPK und suchte nach einem Ziel. Da. Ein Nachtschatten, einer von Mulvaneys Highlandern. Der Mech drehte gerade im Lauf herum, um einen von Lorens Bodenmechs mit dem schweren Impulslaser einzudecken. Loren löste die PPK aus, sobald die Sichtprojektion eine Zielerfassung bestätigte. Aber der grellblaue Energieblitz verfehlte den Highlander-Mech um Zentimeter und spie eine Fontäne von Sand und Steinen in die Luft.

Der Gallowglas machte sich für Lorens Geschmack zu früh wieder auf den Weg nach unten, aber das Cockpit schien jetzt schon eine Sauna. Da er kein geeignetes freies Gelände zur Landung sah, überließ er es dem Mech, sich einen Landeplatz auszusuchen, und der krachte in eine riesige Eiche wie ein Gladiator, der sich auf seinen Gegner warf. Der jahrhundertealte Baum hatte dem Aufprall von siebzig Tonnen BattleMech nichts entgegenzusetzen und brach in der Mitte auseinander, was Loren den nötigen Widerstand lieferte, um den Gallowglas aufrecht zu halten.

Ein schneller Blick auf den Sekundärmonitor, und Loren war über die Position der gegnerischen Einheiten im Bilde. Es schien, daß eine Handvoll Mechs gestoppt hatte und die Angreifer hinzuhalten versuchte, um den übrigen einen Durchbruch zum Kastell zu ermöglichen. Weiter flußabwärts erzwang Huffs Sturmangriff Mechgefechte auf kürzeste Distanz. Nach allem, was Loren den Daten entnehmen konnte, war es Huff nicht gelungen, die gegnerischen Reihen wie geplant zu durchstoßen. Die Lage konnte sich nur noch verschlimmern, weil sich jetzt einige Schweber, Savannah Masters und Pegasi über den Fluß in Huffs Flanke bewegten.

Wenn sie Glück hatten, würde MacLeod rechtzeitig eintreffen, um ihren Vorstoß zu verstärken. Jedenfalls schnitt Lorens Truppe dem Feind den Weg zum Kastell ab. Wenn wir uns hier durchsetzen, könnten ein paar gutplazierte Schüsse allem ein Ende machen.

Der nächste Sprung war von Beginn an schwieriger. Kaum hatte sich der Gallowglas über die Baumkronen erhoben, als der Mech schon von allen Seiten mit Laserfeuer eingedeckt wurde. Viele der grellen Lichtimpulse verfehlten ihr Ziel, aber einige trafen auch und kochten die Panzerung von der schwach geschützten Rückenpartie des Stahlriesen. Der Schweiß rann an Lorens Armen hinab, während der Sekundärschirm ihm auf der in Grün und Braun dargestellten Silhouette seines Mechs die Pockennarben der Einschläge zeigte. Noch war kein Treffer bedrohlich, aber der Kampf hatte ja auch gerade erst begonnen.

Loren suchte nach einem Ziel und bemerkte den Renegaten- Nachtschatten, der sich parallel zu seiner Flugbahn am Ufer entlangbewegte. Der Pilot mußte ihn im selben Moment bemerkt haben, in dem Loren das Fadenkreuz auf ihn zog. Beide BattleMechs schienen ihre Geschütze wie in einem tödlichen Ballett langsam auf den anderen auszurichten, und in Lorens Cockpit schrillte die Feindwarnung auf. Sein Gegner hatte ihn erfaßt. Als Antwort änderte der Capellaner die Flugbahn seiner Maschine und bewegte sie weiter in Richtung Fluß. Mit größerer Sorgfalt richtete er noch einmal die PPK und die schweren Laser auf den Nachtschatten. Der Renegat feuerte zuerst. Die roten Laserimpulse zuckten durch die Luft wie Leuchtspurmunition und zeichneten Lorens Flugbahn nach. Er unternahm keinen Versuch, dem Beschuß auszuweichen, sondern verließ sich auf die Panzerung seines Mechs. Als die Lasersalve sich in den Rumpf des Gallowglas brannte, fühlte Loren über das Feedback des Neurohelms heiße Funken in seinen Kopf schlagen. Ein lautes Klingeln machte ihn einen Augenblick lang benommen, etwas, das er sich mitten im Flug auf keinen Fall erlauben konnte. Einen kurzen Moment lang kehrte das Schwindelgefühl zurück. Loren unterdrückte die Übelkeit, die beißende Galle durch seine Kehle hinaufsandte, und konzentrierte sich auf die Waffenkontrollen. Der Nachtschatten war noch immer als Ziel erfaßt. Zufrieden löste er die PPK und beide schweren Sunglow-Laser aus.

Der Gallowglas stoppte in der Luft, die Geschütze suchten sich ihr Ziel. Eine Hitzewelle erfaßte Lorens Haut, als die Laser ihren Schaden anrichteten und sich wie Speere in die rechte Rumpfseite des Nachtschatten bohrten. Die Panzerung flog davon, und freigelegte Myomermuskeln zerrissen, gefolgt von weißen Rauchschwaden, als das Schmiermittel der Hydraulik verkochte. Der PPK-Schuß schlug mit einer Explosion von Partikelstrahl und Funkenflug in das rechte Ellbogengelenk des Nachtschatten ein. Die Wucht der Treffer schleuderte den rennenden Mech herum, drehte ihn in Richtung Wasser und warf ihn vornüber zu Boden. Er war noch keineswegs vernichtet, aber aus eigener Erfahrung wußte Loren, daß der Pilot mehrere Minuten brauchen würde, um seine Maschine aufzurichten und den Kampf wiederaufzunehmen.

Er setzte auf einer kleinen Lichtung auf und sprang fast augenblicklich weiter. Nur vierundzwanzig Meter entfernt landete Jake Füllers Dunkelfalke und erhob sich ebenfalls sofort wieder in die Lüfte. Loren stellte fest, daß er mit dem nächsten Sprung am Fuß des Wasserfalls ankommen würde. Kein Flußufer mehr. Nur noch Fels und Wasser.

Lorens feingeschliffenes taktisches Empfinden, das Ergebnis von Jahren des Trainings und der Erfahrung, überschlug schnell die Vorund Nachteile des Geländes sowie der Feuerkraft, Bewegungsmöglichkeiten und Verteidigungsfähigkeiten seiner und der feindlichen Einheiten. Es war kein bewußtes Abwägen, es lief instinktiv ab, wie bei einem Wolf auf der Jagd nach einem Reh.

Hier bleiben wir.

»Team Blau ans Ufer. Eingraben und das Feuer auf die Mechs eröffnen, die wir überholt haben.« Loren richtete die Sensoren flußabwärts und stellte fest, daß seine Truppe etwas besser dastand als Huffs Leute. Anscheinend hatte seine Sprungtaktik die Davions an dieser Seite des Ufers verwirrt. Sie erholten sich erst jetzt allmählich von ihrer Überraschung. Seiner Ortung nach näherten sich allerdings auch Huffs Schwierigkeiten ihrem Ende, da die ersten Mechs von Oberst MacLeods Einheit eingetroffen waren, was die Huff zur Verfügung stehende Feuerkraft nahezu verdoppelte. Damit hatte Lorens kleinere Truppe am Kastell die Davion/Mulvaney-Mechs zwischen sich und dem Rest des Regiments in der Zange.

Die BattleMechs von Team Blau landeten auf einem einhundert Meter langen Abschnitt des schmaler werdenden Uferstreifens. Eine Abtastung des Wasserfalls, hinter dem sich das Kastell verbarg, lieferte Loren keinerlei Hinweis auf irgendwelche Aktivitäten oder einen Betrieb der Festung. Konnte es sein, daß niemand aus der Davion/Mulvaney-Truppe den Komplex erreicht hatte? Nein. Aber jetzt war keine Zeit, sich über den Rest der feindlichen Streitmacht Gedanken zu machen. Jetzt hieß es, den Angriff vorantreiben.
Die feindlichen Mechs, die sich in Richtung des Kastells zurückgezogen hatten, stürmten plötzlich vor, als sie erkannten, daß Jaffray mit seiner kleinen Mannschaft in einer Stellung war, die es ihm ermöglichte, sie aufzuhalten. Sie zogen es vor, sich Lorens Einsatzgruppe zu stellen, statt sich einzugraben und der schieren Feuerkraft Huffs und MacLeods zu trotzen. Jaffray hatte gerade erst angefangen, seine Befehle zu erteilen, als schon die ersten Langstreckenraketen auf ihn und den Rest von Team Blau herabstürzten.

»Team Blau, Feuer frei. Gegen Feind vorrücken. Nachzügler, die versuchen, in Richtung Flußmitte auszubrechen, sind Primärziele!« Gleichzeitig mit seinen Befehlen feuerte er die PPK auf einen näherkommenden RenegatenKriegshammer ab. Wenn es den Davion/Mulvaney-Truppen gelang, sich in den Fluß zu retten, konnten sie das Kastell durch den Unterwassereingang betreten, das war Loren klar.

Füllers Dunkelfalke marschierte mehrere Meter vor und senkte die Autokanone flußabwärts. Die Waffe spie einen konstanten Granatenhagel über einige gegnerische Mechs, bis Füller sich auf einen anrückenden Kampfschützen einschoß. Die Granaten trommelten auf den Mech ein und rissen einen seiner schweren Armlaser ab.

Dann feuerte ein Lichtbringer aus Mulvaneys Einheit einen seiner schweren Extremreichweitenlaser auf Lorens Truppe ab und traf einen Greif am linken Bein, das er komplett abtrennte. Nur ein Stummel interner Stützstreben und loser Myomerbündel baumelten noch vom Rumpf des Mechs herab. Der Greif humpelte in schräger Linie auf das Wasser zu, bis es dem Piloten schließlich gelang, das Gleichgewicht wiederzufinden. Von den kämpferischen Fähigkeiten des Highlanders beeindruckt, gratulierte Loren ihm, indem er den Lichtbringer mit seinen schweren Lasern unter Beschuß nahm und sein Feuer flach auf dessen Beine richtete. Selbst in der Hitze der Schlacht galt es, Oberst MacLeods Gefechtsorder zu beachten.

Loren wartete darauf, daß die Renegaten und ihre DavionVerbündeten seine Reihen stürmten. Das würde die Effektivität seiner Truppe mindern und ihre Gegner gleichzeitig weiter von MacLeods und Huffs langsam anrückender Mauer von BattleMechs entfernen. Loren war bereit, seine Truppe zurückzuziehen, um ihnen den Nahkampf zu verwehren, auf den sie es anlegten, als er plötzlich sah, wie die gegnerischen Mechs ihren Vormarsch stoppten, sich eingruben und ihr Feuer auf Huffs und Lorens Truppen verteilten.

»Loren«, meldete sich Füller über eine erneute Salve seiner Autokanone. »Was, zum Teufel, haben die vor?«
Jaffray antwortete nicht, sondern richtete seine mittelschweren Impulslaser auf den Nachtschatten, der inzwischen den Kampf wiederaufgenommen hatte.
Es scheint, als sei es ihnen völlig gleichgültig, ob sie das Kastell erreichen. Aber warum?
Er gab eine weitere Geschützsalve auf den Nachtschatten ab. Ein Laserstrahl schlug in dessen zertrümmerten Arm ein, während der andere vorbeiging. Als der beilbestückte Arm des Nachtschatten abfiel und das kalte Flußwasser zum Kochen brachte, wurde Loren die Antwort allmählich klar.
Sie versuchen nicht, das Kastell einzunehmen, weil sie das schon getan haben1.
Er konzentrierte die Sensoren auf den nur 125 Meter entfernten Wasserfall. Der Sekundärschirm zeichnete mehrere magnetische Störungsquellen auf halber Höhe der Fälle.
Fusionsreaktoren!
Plötzlich war Team Blau nicht mehr der Amboß, auf dem Huffs Hammer die Gegner zertrümmerte. Die Vorzeichen hatten sich umgekehrt. Auf dem Panzersims des Kastells gingen Mechs in Stellung, um seine Truppen von hinten anzugreifen.
Diesmal nicht, Chastity. Seit ich angekommen bin, hast du meine Mission gefährdet. Jetzt wird es Zeit, den Krieg nach Hause zu tragen. Diesmal nicht…
»Team Blau, es sind Mechs im Kastell hinter uns. Sturmangriff auf die Bodentruppen vor uns!« Loren ging auf Höchstgeschwindigkeit, und sein Kampfkoloß preschte los, während dem Rest seiner Piloten allmählich aufging, in welchen Schwierigkeiten sie steckten. »Sir«, meldete sich Füller, »mit Vollgas gegen eine Mauer zu rennen würde ich nicht gerade als vernünftig bezeichnen.«
»Für Vernunft ist hier kein Platz«, gab Loren zurück.

27

SBVS-Festung N001, ›Das Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


5. Oktober 3057


Lorens Warnung war gerade noch rechtzeitig gekommen. Mehr als achtzig Langstreckenraketen jagten hinter der donnernden Wasserwand hervor auf die Mechs von Team Blau zu. Der Wasserfall wies mehrere Lücken auf, durch die sie die Mechs der Angreifer von ihren Stellungen hinter der gepanzerten Balustrade unter Beschuß genommen hatten. Die Raketen konzentrierten sich auf drei von Lorens Mechs, die wie der Gallowglas davonstürmten. Das reichte nicht aus, einen Schaden zu vermeiden, aber durch ihre plötzliche Bewegung ging rund die Hälfte der anfliegenden Projektile daneben. Die Detonationen warfen Sand- und Wasserfontänen rings um die vorpreschenden Mechs in Lorens Einsatzgruppe hoch.

»Ich erkenne da oben zwei Schützen, einen Großtitan und einen Kampftitan«, meldete einer der Piloten. Loren kaute auf der Unterlippe. Das Auftauchen von Mechs im Kastell hatte ihn überrascht. Jetzt mußte er eine Lösung für seinen taktischen Fehler finden. Wie zuvor schien sein Gehirn auf einer schnelleren, instinktiven Ebene zu arbeiten.

»Weiterstürmen, Team Blau. Überrennt den Gegner vor euch. Stellt sie möglichst im Nahkampf. Je mehr wir mit ihnen verstrickt sind, desto schwieriger fällt es ihren ArtillerieMechs, die Guten von den Bösen zu trennen«, gab er über Funk durch. Er lief drei Schritte und trat das linke Pedal durch, um den Gallowglas ins seichte Wasser zu drehen. Hinter ihm erklang Explosionsdonner, als die beiden feindlichen Schützen das Feuer wieder eröffneten. Einige der Raketen wurden ein Opfer der herabstürzenden Wassermassen, aber die meisten drangen durch die Lücken und streckten sich wie die Hand des Todes nach Jaffray und seinen Leuten aus.

Einer seiner Mechs, ein Vulkan, bekam die Masse der Raketensalve und eine Gausskugel in den rechten Unterschenkel ab. Loren konnte nur zusehen, wie der Highlander-Mech sich in einem pantomimischen Todeskampf wand und die Pilotin den Schleudersitz auslöste. Sie wurde geradewegs über den Fluß ans andere Ufer geschleudert, wo sich ihr Fallschirm öffnete und sie absetzte. Während die Pilotin noch zu Boden schwebte, kippten die zerschlagenen und verkohlten Überreste ihres Vulkan in die Fluten und verschwanden.

Dann konzentrierten sich die Davions auf Lorens Truppen. Die Mechs in der Nachhut zogen sich hastig zurück und machten sich daran, mühsam ans Ufer zu waten, während sich die Schweber in einer Kehrtwendung direkt gegen Team Blau formierten. Als die Davions sich von Huff abkehrten, erkannte Loren, daß seine Mannschaft jetzt einer erheblichen Übermacht gegenüberstand, die mit jeder Minute größer wurde.

»Sir? Was haben die vor?« fragte Commander Sullivan von Einsatzkompanie Eins. Sein Kreuzritter deckte 50 Meter vor Lorens Gallowglas den Gegner aus Lang- und Kurzstreckenlafetten ein. »Sie graben sich ein, statt uns niederzurennen.«

Es war eine weitere Falle. Loren war sich sicher. Aber was für eine? Er suchte Wald und Fluß nach verräterischen Indizien ab.
»Behaltet eure Ortung im Auge, Leute. Sucht nach Minen oder versteckten Mechs. Hier geht irgend etwas vor«, warnte er seine Einheit, während er das Fadenkreuz über einen Davion-Cäsar zog. An der Bemalung erkannte er den Mech aus Mulvaneys Hinterhalt wieder, auch wenn er jetzt rußgeschwärzt und zerbeult war. Aber der kampfgezeichnete Mech bewegte sich, als sei er unbeschädigt oder repariert. Die Erinnerungen an diesen Hinterhalt waren noch allzu frisch, und Loren konnte auf eine Wiederholung seines Versagens verzichten. Huffs Worte klangen in seinen Ohren nach. Er hätte den Kampf dort endgültig abschließen können, aber er hatte es nicht getan. Diesmal würde es anders laufen.
Als die Mechs aus dem Kastell eine weitere tödliche Geschoßsalve abfeuerten, nahm Lorens Verwunderung noch zu. Die größer werdende Staubwolke stromabwärts ließ keinen Zweifel daran, daß Huff und MacLeod immer näher kamen, aber Sichtschirm und Ortung zeigten Mulvaney und die Davions, die auf seiner Seite des Flusses schon fast übereinander kletterten. Team Blau rückte weiter vor, aber jetzt sehr viel langsamer, durch den plötzlichen Umschwung mißtrauisch geworden.
Als Loren die Waffen für einen erneuten Angriff auf den Cäsar ausrichtete, blieb dieser stehen und feuerte sein Gaussgeschütz auf Sullivans Kreuzritter ab. Die silbernglitzernde Kugel schoß mit einer solchen Geschwindigkeit aus dem Lauf, daß man sie mit einem Energiestoß hätte verwechseln können. Sie schlug in der Hüfte des Kreuzritters ein. Der Mech stolperte nach hinten, und Bruchstücke seiner Panzerung fielen in den Fluß. Loren feuerte die PPK ab und sandte einen Strom geladener Partikel in den rechten Ellbogen des Cäsar, um dessen Feuer auf sich zu ziehen. Der Unterarm des Cäsar mit der tödlichen PPK fiel leblos herab, als das Ellbogengelenk in einem wilden Funkenschauer den Geist aufgab.
Jake Füller meldete sich wieder. »Sie stehen da unten am Ufer auf einem Haufen herum und warten auf uns, Major. Was tun wir?«
Von allen Gründen, die Loren einfielen, warum sich eine Gruppe von MechKriegern so verhalten sollte, war der bei weitem wahrscheinlichste, daß sie versuchten, den Feind in einen Hinterhalt zu locken. Aber weder eine Überprüfung des Flußbetts noch der Wälder hatte einen Hinweis auf versteckte Feindtruppen ergeben. Durch den Rückzug des Gegners wußte er, daß Team Blau nicht in ein Minenfeld lief, und sie waren inzwischen weit genug vom Kastell entfernt, um dem Beschuß von dort seine Gefährlichkeit zu nehmen.
Entweder wollen sie uns aus der Deckung locken, oder sie wollen es jemand anderem erleichtern, unsere Truppen auseinanderzuhalten. Wenn sie es darauf anlegen, unsere Einheiten voneinander zu trennen, sollte ich darauf reagieren, indem ich genau das verhindere. Ich weiß nicht, was sie vorhaben, aber unsere beste Verteidigung besteht darin, ihre Pläne zu durchkreuzen.
»Team Blau von Major Jaffray. Alle Einheiten, stürmen! Überrennt sie. Wo möglich, erzwingt einen Nahkampf. Nehmt sie euch zur Brust, und das meine ich wörtlich!«

»Sir?« erklang die zweifelnde Stimme Commander Füllers. Loren trieb den Gallowglas vorwärts, als eine Salve aus sechs Kurzstreckenraketen knapp seinen linken Arm verfehlte. »Sie haben richtig gehört, Jake! Sturmangriff! Sie wollen uns fernhalten, und ich bin nicht in der Stimmung, ihnen diesen Gefallen zu tun.«
Als seine gesamte Truppe Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte, stellte Loren fest, daß sich die Davions und Renegaten weiter zurückzogen und noch immer Distanz zu halten versuchten. Dann drehten drei Reihen ihrer Mechs um und eröffneten das Feuer auf den Rest von Lorens nicht sprungfähigen Mechs und die Maschinen Major Huffs.
»Huff an Jaffrey.«
Lorens Gallowglas wurde von zwei mittelschweren Impulslasern am Rumpf getroffen. Die Alarmglocken der Wärmeskala gellten auf, aber Loren schaltete sie ab, um sich auf die Stimme seines Offizierskameraden konzentrieren zu können.
»Sprechen Sie, Huff«, antwortete er und feuerte seine Impulslaser auf den rückwärts ans Flußufer watenden Cäsar ab.
»Langstreckenortung spricht an. Setzen Sie sich in den Wald oder den Fluß ab.« Die Angst in Huffs Stimme war selbst über Funk unverkennbar.
»Wo…«
»Jäger!«
Im selben Moment explodierte der Boden neben Loren, als ein LSR-Hagel aus dem blauen Himmel Northwinds herabregnete und eine seiner Hornissen traf, die augenblicklich in einem Feuersturm verschwand. Der Pilot hatte keine Chance.
Noch immer eher instinktiv als überlegt handelnd, öffnete Loren die Verbindung zu Team Blau. »Davion-Luft/Raumjäger! Wir müssen zwischen ihre Mechs! Alle Mann vorwärts!«
Unsere einzige Hoffnung ist, mitten in ihre eigene Formation zu stürmen, wo wir nicht bombardiert oder beschossen werden können.

Die Mechs von Team Blau krachten in die Reihen ihrer Gegner wie eine Flutwelle in einen Deich. Loren stürmte mit dem Gallowglas geradewegs in den Steppenwolf eines Highlander-Renegaten, als dieser gerade einen Schlag gegen ihn ausführte. Die riesige Metallfaust grub sich tief in die Schulter des Gallowglas, verfehlte aber den Schulteraktivator. Die Gewalt des Zusammenpralls war so groß, daß die Schulter ihrerseits sich in die Brustpartie des Angreifers grub. Wichtiger aber schien, daß die Steppenwolf-Pilotin das Gleichgewicht verlor und ihr Mech im Sturz noch die Valkyrie eines anderen Renegaten mitriß.

Loren öffnete eine Richtstrahlverbindung zum Cockpit des Steppenwolf. »Ergeben Sie sich, oder ich sorge dafür, daß Ihr Mech nie wieder einen Einsatz erlebt.«

Die durch den Nahkampf erzeugte Hitze war kaum noch zu ertragen, und Lorens Kühlweste bot ihm nur einen schwachen Schutz vor der Bruthitze im Innern der Kanzel. In der Ferne sah er, wie Huffs und MacLeods Truppen unter dem Luftangriff schwere Verluste erlitten. Der Explosionsdonner der Bomben ließ seinen Mech erzittern und füllte die Luft mit dichten grauschwarzen Rauchwolken.

»Aye, Sir, ich ergebe mich Ihrer Gnade«, antwortete die Steppenwolf-Pilotin und schaltete in einer Geste der Kapitulation den Fusionsreaktor ab. Jaffray verschwendete keine weitere Zeit, sondern wandte sich dem nächsten seiner Leute zu, Commander Sullivan in seinem angeschlagenen Kreuzritter. Der ältere Commander holte mit dem rechten Arm seines Mechs zu einem Hieb gegen den Davion-Cäsar aus, den Loren kurz zuvor angegriffen hatte, aber er bekam keine Gelegenheit, den Schlag auszuführen. Der Cäsar-Pilot beugte seinen Mech nach vorne, so daß die Mündung seines Gaussgeschützes sich knapp unter dem Saum von Sullivans Kanzeldach befand, und feuerte.

Der Schuß riß den Kopf des Kreuzritter ab wie der Hieb eines Richtschwerts. Der Schuß auf derart kurze Distanz zerfetzte auch das Gaussgeschütz, aber Loren hatte ernste Zweifel, ob das den DavionPiloten interessierte. MacLeod und Mulvaneys Gefechtsorder hatte für die Konsulargarde offensichtlich keine Bedeutung. Deren Mitgliedern ging es nur um den Abschuß. Aber Loren wußte, ein Feind, der unfähig war, das Konzept der Ehre zu begreifen, konnte die Northwind Highlanders niemals besiegen.

Was für ein Unterschied, dachte Loren. Die einen kämpfen für eine Sache, den anderen geht es nur um die Macht. Barbaren! Besser, die Bestie umzubringen, als zuzulassen, daß sie weitere Verbrechen begeht. Sie leben zu lassen, wäre ein Verbrechen!

Er zog das Fadenkreuz über den Cäsar, der sich mit nutzlos herabhängendem rechten Arm zu ihm umdrehte. Jaffray gab eine Breitseite auf ihn ab. Die PPK, die beiden schweren Laser, die beiden mittelschweren Impulslaser und sogar der leichte Kopflaser eröffneten gleichzeitig das Feuer auf den plumpen Mech. Über diese kurze Entfernung zuckte aus der PPK nur ein greller Energieblitz, der über den gesamten Rumpf des Cäsar tanzte und seine Panzerung abkochte. Die Laser bohrten sich knapp unter den Überresten der Bewaffnung des Mechs in den Rumpf, brannten sich an Myomermuskeln und Panzerresten vorbei und gruben sich in die Reaktorabschirmung, bis sie das Magnetfeld zerstört hatten, das den Reaktorkern umgab.

In einem gleißenden Feuerball flog der Cäsar über den Trümmern des zerstörten Kreuzritter in einer Million Bruchstücke auseinander. Schrapnelle von der Explosion schlugen in einen Tomahawk der Konsulargarde ein und warfen einen Renegaten-Kriegshammer zu Boden. Loren war so vom Tod des Cäsar gebannt, daß er die LSR-Salve gar nicht wahrnahm, die auf ihn zutrommelte. Die Raketen schlugen mit solcher Gewalt auf beiden Seiten des Gallowglas-Rumpfes ein, daß er die Kontrolle über den Mech verlor. Der Kampfkoloß stürzte knapp neben dem Kriegshammer zu Boden, und Loren wurde trotz der Gurte heftig durch das Cockpit geschleudert.

In all den Schlachten, die Loren irgendwo in der Inneren Sphäre geschlagen hatte, hatte er sich dem Tod noch nie so nah gefühlt wie bei seinen Aktionen hier auf Northwind. Er spürte weniger Furcht vor dem Tod selbst, als vor der Begegnung mit ihm. Aber vielleicht konnte er im Ableben Frieden finden. Der Tod würde auch seiner Mission ein Ende setzen. Er müßte dann nicht länger unter dem Schatten leben, das Andenken seines Großvaters zu entehren. Erst das Erzittern des Gallowglas unter einem erneuten Einschlag holte Loren zurück in die Wirklichkeit.

Das Abfeuern aller Waffensysteme hatte den Wärmehaushalt des Mechs endgültig zusammenbrechen lassen. Der Gallowglas hatte sich abgeschaltet.

Und nun lag er irgendwo auf dem Schlachtfeld, und Loren hing wie eine alte Stoffpuppe in den Sicherheitsgurten. Lange Sekunden tat Jaffray gar nichts, bis er doch noch versuchte, seinen Mech wieder zu aktivieren. Die Schalter und Kontrollen schienen tot, und er befürchtete das Schlimmste, als keines der Systeme reagierte. Schließlich, nachdem er frustriert auf die Tastatur gehämmert hatte, meldete sich das Startprogramm des Diagnosesystems. Sanft leuchtend liefen die Daten über den Schirm.

Viel ist es nicht, aber ein Anfang. Sieht so aus, als müßte der Schnitter sich noch etwas gedulden.
Es dauerte volle zwei Minuten, bis der Gefechtscomputer die Arbeit wieder aufnahm. Loren schienen es die längsten zwei Minuten seines Lebens zu werden. Ringsumher donnerte und röhrte die Schlacht, aber er hatte keinen Anteil daran.
Ich habe mich von der Wut überwältigen lassen, und was hat es mir gebracht? Ich wurde zuschanden geschossen und bin außer Gefecht gesetzt.
Auf dem Diagnoseschirm des Computers sah er das Ausmaß der Schäden. Die Frontalpanzerung war kraterübersät, als wäre der Mech aus kürzester Entfernung von einer riesenhaften Schrotflinte beschossen worden. Das Gyroskop war aus den Lagern geschlagen und würde ihm nicht einmal mehr gestatten, den Mech auf die Beine zu stellen. Der Schaden ließ sich reparieren, aber es bestand kein Zweifel darüber, daß diese Schlacht für ihn vorbei war. Er hatte kein Gefühl, das ihm sonderlich zusagte, ein Gefühl von Einsamkeit und Reue.
Ich habe versagt. Großvater hat mich immer davor gewarnt, aus dem Gefühl heraus zu kämpfen, und genau das habe ich getan. Jetzt bin ich aus dem Spiel. Es war genau dieselbe Emotionalität, die ich als Schwäche der Highlanders erkannt habe. Der einzige Unterschied ist, daß sie für die Northwind Highlanders das Ende bedeuten wird – von meiner Hand.
Die einzige gute Nachricht war, daß ihre Seite die Oberhand gewonnen haben mußte, sonst hätten die Davions Lorens Überreste zu Staub zerblasen. Enttäuscht und etwas beschämt schaltete Loren den Fusionsreaktor auf niedrigste Leistung und verriegelte das Sicherheitssystem der Maschine.
Er betrachtete das Innere des Cockpits mit einem Gefühl des Verlusts. Falls der Mech nicht instandgesetzt werden konnte, würde er sich in Zukunft darauf beschränken müssen, die MacLeod's Highlanders zu beraten. Aber die Schäden schienen im Rahmen dessen zu liegen, was die Techs auch im Feld beheben konnten. Zumindest hoffte er das. Wenn nicht, hatte er seinen Platz in diesem Krieg verloren.
Er blickte durch das polarisierte Kanzeldach hinauf zum strahlend blauen Himmel über Northwind und sah einige dichte Rauchsäulen aufsteigen. Loren löste die Haltegurte und machte sich auf den langen Weg ins Freie. Er hievte sich zur Luke hoch und preßte den Öffnungsknopf. Das Schloß öffnete sich, und kalte Flußluft strömte herein. Er wollte die Luke aufdrücken, aber sie war fest verkeilt.
Dann tauchten Hände von der anderen Seite auf und zerrten an der Luke. Loren konnte nicht sehen, wem sie gehörten, aber er verlor keine Zeit, suchte einen Halt und drückte mit den Füßen von innen gegen die Luke.
Es ist mir egal, wer das Ding aufstemmt, solange es nicht dieser Wurm Catelli ist.
Langsam weitete sich der Spalt, bis Loren genug Platz hatte, um sich hindurch zu zwängen.
Das helle Tageslicht und die kühle Brise waren fast zuviel für ihn. Die Schlacht war offenbar vorüber. Die meisten verbliebenen Mechs feuerten nicht mehr, sondern bewegten sich in Richtung des Waldes.
Wie lange habe ich da gelegen? Minuten? Stunden?
Loren sah hinüber zu der MechKriegerin, die ihm geholfen hatte, das Cockpit zu verlassen. Sie war verschwitzt und voller blauer Flecke, vom Kampf gezeichnet und geschafft.

Mir geht es wahrscheinlich auch nicht besser, ich merke es nur noch nicht.
Er nahm den Neurohelm ab.
»Sie sind Major Jaffray, der Capellaner, nicht wahr?« fragte sie mit seltsam vertrauter Stimme. Loren überlegte, wo er sie schon einmal gehört hatte, aber er konnte ihr Gesicht und ihren Akzent nicht miteinander in Verbindung bringen.
»Ja, der bin ich. Ich nehme an, einer von uns ist der Gefangene des anderen«, stellte er fest, sah über das Schlachtfeld und suchte nach einem Hinweis darauf, wer gewonnen hatte.
»Ich bin die Lassie, die gefangen ist. Sie haben mich im Kampf besiegt«, meinte sie und deutete auf den Steppenwolf. Der Mech war schwer beschädigt, aber wahrscheinlich zu reparieren. Falls nicht, hatte sich diese Kriegerin soeben in die Linien der Entrechteten eingereiht.
»Sie sind die Pilotin?«
»Aye, Subcommander Kathleen McKinley, zu Ihren Diensten.«
»Wer hat gewonnen?«
»In dieser Schlacht? Oberst MacLeod, fürs Erste. Aber eine Schlacht macht noch keinen Krieg.«
Sie deutete auf eine Reihe aus acht kleinen Lichtpunkten, die sich über den strahlend blauen Himmel bewegten. Für das ungeübte Auge wirkten sie wie langsame Meteore, die auf die Planetenoberfläche stürzten. Aber für Loren Jaffrays erfahrenen Blick waren sie sehr viel mehr.
»Landungsschiffe. Verflucht, das sind Landungsschiffe. Die 3. Davion Royal Guards RKG«, murmelte er, hob die Hand über die Augen und beobachtete ihren Flug.
»Sie wußten von den 3. Royals?« Sie klang ausgesprochen überrascht.
Loren nickte, ohne den Blick von den Schiffen zu nehmen.
»Dann wissen Sie auch, daß der Kampf noch lange nicht vorüber ist, außer vielleicht für uns beide«, stellte Kathleen McKinley fest und machte sich auf den Weg zu Huff und MacLeod. Loren folgte ihr. Plötzlich hatte sich die Lage enorm verschlechtert.

28

SBVS-Festung N001, ›Das Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


6. Oktober 3057


Die Pioniere des Regiments waren noch vollauf damit beschäftigt, die Überreste der abgeschossenen Battle-Mechs außer Reichweite der Verteidiger im Kastell zu schaffen, als Loren langsam hinüber zu dem provisorischen Kommandostand ging, den Oberst MacLeod am Flußufer eingerichtet hatte. Während des Nachmittags und Abends der vorangegangenen Tage hatte er aufgepaßt, daß die Techs seinen Gallowglas mit aller gebotenen Vorsicht behandelten, als sie ihn aus dem Fluß zogen. Die Crew hatte sofort mit den Reparaturen begonnen, aber bis er schließlich eingeschlafen war, konnte ihm noch niemand etwas näheres sagen.

Major Huff hatte die Überreste der beiden Einsatzgruppen zusammengefaßt und die Klippen und Tunneleingänge zum Kastell unter seine Kontrolle gebracht. Die Operation dauerte bis in die Nacht hinein. Beim ersten Morgenlicht wurde Loren zu einem Treffen mit dem Regimentsstab gerufen. Für eine solche Besprechung konnte es nur einen Grund geben: die Planung für die nächste Phase der Operation.

Ich hoffe nur, MacLeod und Huff haben irgendeinen Kampfauftrag oder Ersatzmech für mich. Diesen Kampf als Beifahrer auszusitzen, habe ich mir nicht erträumt.

Außerdem wußte er, daß er nur mit einem Gefechtsauftrag eine Chance hatte, Mulvaney noch einmal zu begegnen.
MacLeods Feld-HQ war wenig mehr als ein Felsvorsprung, der von mehreren Mechs bewacht wurde, unter anderem von seinem eigenen Huronen. Als Loren sich näherte, erkannte er die müde, gedrungene Gestalt Major Huffs. Er und einige andere Offiziere hatten sich um ihren Kommandeur versammelt wie Mönche um einen Tempelpriester.
Als er die Frustration auf MacLeods Gesicht sah, mußte Loren plötzlich daran zurückdenken, wie stolz und selbstsicher der Oberst an jenem ersten Tag auf dem Raumhafen gewirkt hatte. Wie lange schien das schon her zu sein. Damals war alles soviel klarer erschienen. Hatte Loren in seiner Mission versagt? Hatte er den Kanzler im Stich gelassen?
Er trat unter die Zeltplane und salutierte. »Major Jaffray meldet sich wie befohlen, Oberst.« MacLeod erwiderte den Gruß, und Loren trat zu den anderen an den tragbaren Kartentisch.
Als MacLeod das Wort ergriff, war seine Stimme tief und, trotz allem, was sie gerade hatten durchmachen müssen, irgendwie beruhigend.
»Sie haben sich alle unter schwierigen Umständen bemerkenswert gehalten. Wir haben Verluste zu beklagen, aber wir haben auch den Gegner ziemlich hart rangenommen. Und jetzt stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung. Ich werde es Hauptmann Dumfries überlassen, uns die bisher gesammelten Erkenntnisse vorzutragen.«
Er nickte dem stämmigen rothaarigen Bartträger zu, der wie manche Highlander-Piloten an Stelle der üblicher Shorts einen Einsatzkilt trug.
Als Dumfries die Karte aktivierte, zeigte die schwach beleuchtete Fläche das Gebiet um das Kastell.
»Dank der Anstrengungen Major Huffs konnten wir die Tunneleingänge im Westen sichern, aber wir haben feststellen müssen, daß einige davon vor kurzem mit Sprengstoff blockiert wurden oder durch Mechs und Infanterie gesichert werden. Wir können bestätigen, daß Mulvaney und Catelli das Kastell in ihrem Besitz haben, aber wir haben keine Daten darüber, wie viele Personen sich in seinem Innern aufhalten. Die Verwirrung wird noch durch Hinweise darauf erhöht, daß ein Teil ihrer Mechs bereits vor unserem Eintreffen aus dem Kastell geflohen und dem Flußlauf weiter nach Nordwesten gefolgt ist. Wir konnten bisher nicht feststellen, wie viele abgezogen oder geblieben sind.«
Loren sah hinüber zu Major Huff. Der Highlander-Offizier wich dem Blickkontakt aus. Er weigerte sich zuzugeben, daß Loren mit seiner Vermutung über die Pläne ihrer Gegner recht gehabt hatte.
Schließlich sprach Loren es aus. »Sie sind nicht mehr dort drin. Und wenn noch welche hier sind, dann ist es nur eine Handvoll. Der Rest befindet sich auf dem Weg zum Gebirgslager, um sich dort auszurüsten, während wir hier festsitzen.«
Huff verlor keine Zeit, mit den alten Einwänden zu kommen. »Das wissen wir nicht, Jaffray. Wir wissen nur, daß ein paar von ihnen möglicherweise in diese Richtung unterwegs sind.«
Hauptmann Dumfries unterbrach ihn. »Genaugenommen, Major Huff, können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß sich nur eine Restmannschaft im Kastell aufhält.«
»Spekulation, Richard?« fragte Oberst MacLeod.
Dumfries schüttelte entschieden den Kopf. »Eine logische Schlußfolgerung, Sir. Punkt Eins: Es gibt keinerlei Hinweise auf irgendwelche Bodenfahrzeuge der Konsulargarde. In Anbetracht der Geländebedingungen auf dieser Seite des Flusses können sie ihre Panzer und Fahrzeuge unmöglich durch die Tunnel geschafft haben.«
»Aber wo stecken sie dann?« fragte einer der anderen Offiziere.
»Ich nehme an, daß sie das Landungsschiff dazu benutzt haben, die Fahrzeuge abzutransportieren. Wenn sie sich dicht über den Baumwipfeln gehalten haben, waren sie für unsere beschränkten Ortungsmöglichkeiten nicht zu entdecken. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden sie in die Berge geschafft, weil sie von dort aus eine Straßenverbindung zurück nach Tara haben.
Punkt Zwei: Wir sind bei unseren Vorstößen zum Kastell keinen Kröten begegnet, obwohl wir wissen, daß nach dem Überfall auf unser HQ eine große Anzahl von ihnen entkommen ist. Wenn ich solche Truppen zur Verfügung hätte, würde ich sie benutzen, um meinen Mechs den Durchbruch zum Kastell zu erleichtern. Aber wir sind ihnen nicht begegnet, was einer der Gründe für unseren Erfolg gegen die feindliche Nachhut war.«
»Es sieht nicht gut aus«, meinte MacLeod, und strich sich über den graumelierten Bart. »Erzählen Sie Ihnen, was Sie über die Landungsschiffe wissen, die wir gestern gesehen haben, Hauptmann.« Dumfries zuckte leicht und nickte. »Bei den Landungsschiffen handelte es sich definitiv nicht um die Stirling's Füsiliers. Laut der Breitbandnachricht Cat Stirlings, die wir aufgefangen haben, planen die Füsiliers den Abwurf für den 20. Oktober um 14 Uhr. Also wissen wir, daß es jemand anders sein muß. Im übrigen kann sie eine derartige Botschaft nur geschickt haben, weil sie aus dem Fort keine Antwort erhielt. Unglücklicherweise können wir ohne Kommunikationsverbindung nach Tara und zum Sender des Forts auch unsererseits keine Verbindung mit ihr aufnehmen. Unsere Relaisstrecke steht, aber das Fort antwortet nicht. Das bedeutet, irgend etwas ist dort ganz und gar nicht in Ordnung.«
Schlimm genug, daß sie Funk- und Ortungsanlagen verloren hatten, dachte Jaffray. Jetzt schien es, als hätten die Davions sogar das Fort in ihre Gewalt gebracht.
»Und nur, damit wir uns richtig verstehen, ich habe genug Landungsschiffe für eine komplette Regimentskampfgruppe plus Nachschub gezählt. Durch den Verlust unserer Ausrüstung können wir ihre exakten Landekoordinaten nicht feststellen, aber durch Abfangen der Signalspeisungen der Mecheinheiten in diesem Gebiet konnte ich ihre Landezone auf fünf Kilometer genau festlegen.«
»Tara«, stellte MacLeod leise fest.
»Das ist unmöglich«, stieß Huff aus. »Wir sind übereingekommen, Tara als neutrales Gebiet zu behandeln. Sie würden es nicht wagen, diese Vereinbarung zu verletzen. Nicht jetzt.«
Loren schüttelte den Kopf. »Möglicherweise unterschätzen Sie, wie weit Victor Davion zu gehen bereit ist, um Northwind und die Highlanders unter seiner Herrschaft zu halten. Ich würde mein Leben darauf verwetten, daß sie entweder in Tara oder unmittelbar in der Nähe der Stadt runtergekommen sind.«
»Ich muß Major Jaffray zustimmen«, meinte MacLeod. »Das erklärt, warum wir keinen Kontakt mit dem Fort aufnehmen können, um uns über die Lage zu informieren oder Cat Stirling von den DavionTruppen auf Northwind in Kenntnis zu setzen. Ich wette, Bradford hat sie geradewegs über dem Fort abgeworfen. Er hat uns lange genug blenden können, um es sich als Operationsbasis zu sichern. Wir haben Tara nahezu schutzlos gelassen, und nach dem, was wir wissen, könnte der Feind schon mitten im Friedenspark sitzen.«
MacLeods Worte trafen jeden einzelnen der versammelten Offiziere, und Loren war keine Ausnahme. Es war, als seien sie vergewaltigt worden. Auf beiden Seiten waren ihre Kameraden gefallen, und nun brach der Feind feierliche Vereinbarungen und Versprechen. Es gab kein Gesicht im Innern des Zeltes, das nicht von Wut gezeichnet war.
»Noch ist es nicht vorüber«, erklärte der Oberst grimmig. »Bis jetzt haben wir uns im Kreis gedreht wie ein Hund, der nach seinem eigenen Schwanz schnappt. Sie waren auf der Flucht, aber jetzt sind wir plötzlich die Unterlegenen. Na schön. Die Situation ist mir nicht neu, und ich habe sie schon früher in einen Sieg verwandelt – mehr als einmal.« Der Oberst beugte sich über die Karte und schaltete sie um, um ihnen seinen Plan für die bevorstehende Auseinandersetzung zu erläutern. Auf dem elektronischen Rasterblatt erschienen Tara, das Kastell und das Highlander-Ausbildungslager in den nahen Rockspire Mountains. Über das Gelände verteilt leuchteten Einheitsmarkierungen auf. Das helle Sonnenlicht ließ die Karte verblassen, aber das Leuchten auf MacLeods Gesicht blieb davon unbeeinflußt.
»Wir können nicht wissen, wie groß das Truppenkontingent im Kastell ist, daher sind wir gezwungen, es entweder zu belagern oder zumindest abzuriegeln, so daß niemand es verlassen kann. Und wir wissen, daß ein Kontingent unbekannter Größe auf dem Weg ins Ausbildungslager ist oder sich sogar schon dort aufhält. Von den 3. Royals bei oder in Tara ganz zu schweigen. Mulvaney und Catelli werden davon ausgehen, daß ich die Sache persönlich nehme, hier stehen bleibe und mich mit den Verteidigern des Kastells prügle. Oder schlimmer noch, daß ich selbst zur Verteidigung überwechsle und in einen unserer ändern Stützpunkte auf der entfernten Seite des Kontinents fliehe – in dem Wissen, daß mir die 3. Royals auf den Fersen sitzen. Um ehrlich zu sein, waren das meine beiden ersten Gedanken. Beide sind verlockend. Aber damit würde ich dem Feind nur in die Hände spielen. Und wie Major Jaffray so gerne anmerkt, wir müssen uns gegen die Davions etwas erfinderischer zeigen. Sie spielen nicht gerade fair, jedenfalls nicht so, wie die Highlanders diesen Begriff verstehen. Statt die Flucht zu ergreifen, werden wir die Schlacht zu ihnen tragen. Mulvaney und Catelli werden glauben, daß ich durchzuhalten versuche, bis die Füsiliers eintreffen. Das ist ihr Fehler. Eine kleine Kundschaftereinheit wird auf direktem Weg nach Tara aufbrechen, um die Situation unserer Leute sowie Stellungen und Absichten der 3. Royals zu erkunden. Eine einzelne Lanze kann Tara sehr viel schneller erreichen als das ganze Regiment und unterwegs noch ein paar Vorbereitungen für unseren Anmarsch treffen. Währenddessen werden wir das Kastell angreifen und erobern. Es wird uns schätzungsweise drei Tage kosten, sie aus ihrem Bau zu vertreiben, wer immer sich dort drinnen versteckt hält. Sobald wir das Kastell unterworfen haben, rüsten wir uns aus den dortigen Lagerbeständen neu aus und machen uns unter Berücksichtigung der Informationen unserer Kundschafter auf den Weg nach Tara. Wir müssen Ende des Monats dort sein. Zu diesem Zeitpunkt werden sich die Stirling's Füsiliers im Landeanflug befinden. Wenn sie erst aufgesetzt haben, sind beide Seiten zahlenmäßig gleich stark, auch wenn ich bezweifle, daß unsere Davion-Gegenspieler in puncto Klasse oder Stil an uns heranreichen.«
Die letzte Bemerkung des Obersts brachte die Offiziere zum Lachen.
Huff deutete auf die Karte und beleuchtete eine dünne Linie von Tara zum Gebirgslager. »Der Plan ist riskant. Wenn wir davon ausgehen, daß Mulvaney oder Catelli ein größeres Truppenkontingent im Lager haben, besitzen sie eine hübsche, breite Straßenverbindung geradewegs nach Tara. Mit ihren Luft/Raumjägern werden sie keine Probleme haben, die Bewegungen unserer Einheit zu verfolgen, auch wenn das Kundschafterteam möglicherweise unbemerkt durchschlüpfen könnte. Mulvaney könnte ohne weiteres schnell genug in Tara auftauchen, um uns eine Menge Probleme zu machen.«
Hauptmann Dumfries betrachtete die Karte mit skeptischer Miene.
»Bei der Ausarbeitung dieses Plans standen wir noch vor einem zweiten Problem, nämlich, wie wir Kontakt mit Oberst Stirling aufnehmen sollen. Ohne eine Möglichkeit, ihr eine Nachricht zukommen zu lassen, werden wir nicht mit ihr reden können, bis ihre Landungsschiffe unmittelbar über uns stehen. Deswegen müssen wir wissen, wo sie aufzusetzen plant.«
»Wie sieht ihr stehender Befehl für eine Landung auf Northwind ohne Funkverbindung aus?« fragte Loren.
Die meisten Einheiten hatten fertige Gefechtspläne für den Fall von Schwierigkeiten.
»Cat Stirling hat Anweisung, die Einheit bei Kommunikationssperre oder zu erwartenden Feindseligkeiten über Tara abzuwerfen. Aber dabei könnte sie mitten in eine Falle springen, und wir haben keine Möglichkeit, sie zu warnen.«
»Es sei denn, wir wären in Tara«, meinte Huff.
»Oder sie würde die Falle selbst entdecken«, fügte Dumfries hinzu.
MacLeod richtete sich auf und zupfte die Uniform zurecht. »Ich plane, unser Regiment für einen Angriff auf die 3. Royals in Stellung zu haben, wenn die Stirling's Füsiliers ankommen. Hoffentlich zählt Cat zwei und zwei zusammen und erkennt, was hier los ist. Vielleicht gelingt es uns ja, sie noch zu warnen; wenn nicht, können wir zumindest für ein Feuerwerk sorgen, daß sie Kampfhandlungen sieht.«
Loren beugte sich über die Karte und studierte das unzugängliche Gelände zwischen dem Kastell und Tara. Die zerklüfteten Berge und der dichte Wald waren der Grund gewesen, warum die Highlanders Mulvaneys Rebellen am Fluß entlang verfolgt hatten. Jetzt wollte Oberst MacLeod seine ohnehin schon erschöpften Truppen durch ausgesprochen unwegsames Gebiet geradewegs in die nächste Schlacht führen. Nur eine Eliteeinheit wie die Highlanders oder seine Todeskommandos waren in der Lage, eine derartige Belastungsprobe durchzustehen.
»Sir, unsere Relaisstrecke ist an dem Weg entlang aufgebaut, auf dem wir hierher gekommen sind. Wie wollen Sie Kontakt mit der Scoutlanze halten, die Sie nach Tara schicken?« fragte er.
»Zwei andere Lanzen werden sich über den Weg der Kundschafter verteilen. Wir werden eine Art Staffellauf veranstalten und das Signal von einem Mech an den nächsten weitergeben, bis es schließlich das Regiment erreicht. Auch wenn die Scouts dadurch isoliert werden, stellt das unsere beste Chance dar.«
Major Huff deutete zurück zum Wasserfall, der von MacLeods provisorischem Feld-HQ aus gerade noch sichtbar war. »Das Kastell einzunehmen, wird nicht gerade einfach werden, aber ich gehe einmal davon aus, daß Mulvaney nur ein symbolisches Kontingent hier zurückgelassen hat, um uns zu binden. Wenn wir die Gurkha-Infanterie in die oberen Tunnel schicken und mit den BattleMechs den Eingang und das Feuerdeck unter Beschuß nehmen, sollten wir sie überwältigen können. Aber es wird sich nicht vermeiden lassen, daß die Infanterie diese oberen Tunnel Meter um Meter freikämpfen muß. Im schlimmsten Fall wird es vier Tage dauern.«
MacLeod deutete auf die Karte und zog eine Linie vom Kastell nach Tara. »Der Schlüssel bei dieser Operation ist eine Kundschaftereinheit wie ein geölter Blitz. Ich erwarte, daß die Leute mit drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen und Tara erreichen, bevor die 3. Royals Gelegenheit haben, die Stadt hermetisch abzuriegeln. Gelingt das nicht, bekommen wir die benötigten Daten nie. Schlicht und einfach ausgedrückt, brauche ich eine altmodische Kavallerieoperation.«
Loren studierte die unsichtbare Linie, die MacLeod gezeichnet hatte. Er hielt sich für mehr als nur zur Führung eines solchen Unternehmens fähig, machte sich jedoch Sorgen, die übrigen HighlanderOffiziere vor den Kopf zu stoßen, wenn er sich freiwillig meldete. Also hielt er den Mund und sah auf die Karte.
Zum Teufel, so etwas habe ich schon früher gemacht. Diese Mission übertragen zu bekommen, könnte entscheidend für die des Kanzlers sein. Ich muß genau wissen, wo die Davions sind, und wo Cat Stirling ist.
Als er den Blick hob, sah er, daß alle anderen Offiziere ihn wartend ansahen.
»Warum gucken Sie mich alle so an?« fragte er beinahe schüchtern.
MacLeod lachte leise und lächelte sogar Huff zu. »Bis jetzt haben Sie keine Chance ausgelassen, sich freiwillig für einen Kampfeinsatz zu melden. Wir sind alle davon ausgegangen, daß Sie diese Chance mit beiden Händen packen würden. Insbesondere, da Sie recht und ich unrecht hatte, was den Vorstoß zum Gebirgslager anging.« MacLeod machte eine Pause. »Ich will Sie nicht unter Druck setzen, Loren, aber wenn Sie wollen, ist das Ihre Mission.«
»Natürlich will ich, Sir. Ich wollte mich nur nicht vordrängen.«
Hauptmann Dumfries kam herüber und legte wie ein väterlicher Onkel den Arm um Lorens Schultern. »Laddie, hier ist kein MechKrieger oder Tech, der nicht weiß, was er von dir halten soll. In unseren Augen bist du ein Highlander. Wir haben alle gesehen, was du in der Schlacht getan hast, wie du mit dem Mörder von Sullivan abgerechnet hast. Selbst die Hardliner wie Huff sind bereit, dir Spielraum zu geben. McKinley hat uns erzählt, wie du sie hättest umbringen können, und es nicht getan hast. Das ist der Geist, der uns vereint, ob es dir bewußt ist oder nicht. Der Oberst hält Sie für die perfekte Wahl für diesen Job.«
»Und mein Mech?«
Diesmal gab Huff Antwort. »Er ist schon wieder einsatzbereit. Sie werden nur mit der Munition etwas sparsam umgehen müssen. Die Crew beendet gerade den Austausch der Panzerplatten.«
»Welche Lanze bekomme ich?«
MacLeod nickte beifällig. »Ich werde Sie bei der Sicherungslanze der Stabskompanie lassen. Soweit ich weiß, haben weder Frutchey noch Füller irgendwelche Einwände dagegen, Ihnen noch einmal in den Kampf zu folgen. Allerdings fehlt Ihnen durch die Gefechtsschäden ein Mann. Carey hier ist bereit, diese Lücke auszufüllen, wenn Sie einverstanden sind.« Laurie Carey trat vor, und Loren nickte. Jetzt war nicht der Zeitpunkt für eine Debatte über Fähigkeiten und Erfahrung. Es ging um jede Minute.
»Willkommen an Bord, Carey. Oberst, ich brauche weitere Ausrüstung, elektronische Ferngläser, leichte Kommunikatoren und Aufzeichnungsgeräte. Nachtmonturen für das ganze Team. Das übliche.«
Aus dem Hintergrund der Offiziersgruppe klang eine Stimme auf, die Loren sofort als die von Commander Gomez erkannte. »Ich kann Ihnen persönlich versichern, Major, daß Ihr Team die beste Ausrüstung erhalten wird, die uns zur Verfügung steht.« Gomez war noch immer blaß, aber offensichtlich bereit, wieder ihren Platz einzunehmen, trotz Druckverbänden. Loren freute sich sehr, daß sie den Hinterhalt überlebt hatte.
Oberst MacLeod trat zu ihm und legte beide Hände auf Lorens Schultern. Als er ihm in die Augen sah, entdeckte Loren einen Funken von Neid, als wünschte sich MacLeod, diese Mission selbst leiten zu können. Aber Loren sah noch etwas anderes, das ihn an seinen Großvater erinnerte. All die Erzählungen und Legenden von Northwind schienen in diesem Augenblick zum Leben zu erwachen, und er verstand, daß er ein Teil dieses Volkes war.
Ich bin nicht nur durch meine Geburt ein Highlander. Es steckt in mir drin. Es ist ein Teil von mir. Etwas in meinem Blut, das ich nicht verleugnen kann.
»Wir werden nur ein paar Tage hinter Ihnen sein. Ihre Signallanze wird sechs Stunden nach Ihnen aufbrechen. Viel Glück, junger Mann. Mögen Ihre Vorfahren mit Ihnen ziehen.«

Chastitys Marodeur II und ihre BefehlsLanze arbeiteten sich langsam durch die felsigen Stromschnellen des Tilman. Hinter ihr lag die Schlacht, an der sie nicht hatte teilnehmen können. Hinter ihr lagen ihre Vergangenheit, ihre Freunde, alte Verbündete. Hinter ihr lag Loren Jaffray, der Mann, der ihr Leben und das ihrer Gefolgsleute auf den Kopf gestellt hatte. Der Mann, der Northwind in einen Glutherd politischen und militärischen Aufruhrs verwandelt hatte.

Der Mann, den sie nicht vergessen konnte. Der Mann, von dem sie sich sicher war, daß er die Highlanders vernichten würde.
»Zerhackte Botschaft vom Kastell«, meldete Commander O'Leary über die Funkverbindung.
»Wie ist die Operation gelaufen?«
»Anscheinend hat eine Einsatzgruppe aus MacLeods Regiment unserer Nachhut mit sprungfähigen Mechs den Weg abgeschnitten. Sie haben unsere Truppen auf dem Feuerdeck erkannt und konnten uns schweren Schaden zufügen. Wir haben im Moment nur zwei MechLanzen und einen Infanteriezug der Konsulargarde im Kastell. Der Rest unserer Nachhut wurde aufgerieben.«
Mulvaney kannte die Festung. Auch eine so kleine Truppe reichte bei weitem aus, einen Großangriff abzuwehren, aber nicht auf Dauer. Früher oder später mußte der Verschleiß sie zu Boden zwingen. Was sie überraschte, war der Einsatz sprungfähiger Mechs. Für Huff war diese Taktik zu subtil, er wählte grundsätzlich den direkten Schlagabtausch. MacLeod neigte zu derartigen Taktiken, aber er führte nur selten die Truppen in der vordersten Front an. Nein, es gab nur einen Mann, der bereit gewesen sein konnte, dieses Risiko einzugehen, Loren Jaffray. Verdammt, muß er sich ständig in mein Leben einmischen?
»Neue Befehle, Oberst Mulvaney?«
Chastity starrte mit leerem Blick auf den Sichtschirm, während ihr Marodeur II über die Felsbrocken kletterte. »Nein, wir ziehen wie geplant weiter. Marschall Bradford und Colonel Catelli warten bereits im Lager. Wir stoßen dort zu ihnen und treffen uns anschließend mit den 3. Royals, um MacLeod zu erledigen.« Ihre Stimme war leise und lustlos.
»Glauben Sie, daß MacLeod uns folgt?«
»Nein, O'Leary. Jedenfalls nicht sofort. Inzwischen hat er wahrscheinlich herausgefunden, daß ein Teil von uns nach Westen weitermarschiert ist, aber er kann sich nicht leisten, die Truppen im Kastell zu ignorieren, gleichgültig, wie viele oder wenige es sind. Sie könnten einen Ausbruch unternehmen und seine Nachhut angreifen. Und er kann nicht wissen, ob wir nicht den größten Teil unserer Truppen im Kastell gelassen haben. Er wird fast eine Woche brauchen, die Wahrheit herauszufinden, und bis dahin wird er schon verspielt haben.«
Es ist ein solider Plan. Ich kenne den Oberst und habe ihn auf seinen Kampfstil abgestimmt. So wie ich den Kampfstil jedes MechKrieger im Regiment kenne. Der einzige Joker in diesem Spiel ist Jaffray. Wenn sie auf ihn hören, ist alles vorbei. Er wird die Falle erkennen und unseren Sieg in eine verheerende Niederlage verwandeln.
Mulvaney war schockiert, daß sie keine Angst mehr vor einer Niederlage hatte. Die Andeutung einer Beteiligung der Highlanders am Tod von Konsul Burns hatte sie gegen ihre neuen Verbündeten Tod von Konsul Burns hatte sie gegen ihre neuen Verbündeten gekehrt. Benutzten Marschall Bradford und Colonel Catelli sie und ihr Wissen über das Regiment nur? Hatten sie die Wahrheit verdreht und gebeugt, um eine Davion-Landung in Tara zu erzwingen? Sie wußte, die Wahrheit würde nie ans Tageslicht kommen. Schlimmer noch, der Sieger würde entscheiden, was die Wahrheit war. Ihr Vertrauen in die Davions war erschüttert.
Das einzige, was sie daran hinderte, sich gegen sie zu kehren, war das Versprechen, das ihr Volk dem Vereinigten Commonwealth gegeben hatte. Wenn die Militärs erst damit anfingen, ihre Verpflichtungen einem Lehnsherren gegenüber zu brechen, würde die Innere Sphäre im Chaos versinken. So etwas lag unter der Würde eines Northwind Highlanders. Sie hatte keinen Respekt für die Männer, die Prinz Davion nach Northwind geschickt hatte, um seine Interessen zu schützen, aber Mulvaney fühlte sich persönlich diesen Interessen verpflichtet. Solange sie lebte, hatte auch die Vereinbarung mit dem Vereinigten Commonwealth Bestand.
Aber zum erstenmal hoffte sie, MacLeod oder Jaffray würden sie besiegen oder ihr zumindest einen Grund liefern, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Das machte ihr Angst.

29

Südlich von Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


11. Oktober 3057


Lorens Gallowglas hatte die Kuppe des Bergkamms erreicht, aber es fiel ihm schwer, einen Unterschied zu erkennen. Der dichte Wald und die gelegentlichen kantigen Felsformationen verdeckten einen Großteil der Umgebung. Im Grunde konnte er sich nur auf die Sensordaten seines Mechcomputers und auf sein Gefühl verlassen. Nach mehreren endlosen Tagen des Gewaltmarschs durch den dichten, selbst am hellen Tag in Zwielicht getauchten Wald wußte Loren aus erster Hand, warum MacLeod nicht versucht hatte, das Regiment von Tara aus in direkter Linie nach Süden zu bewegen. Ein ganzes Regiment durch dieses Gelände zu führen, war eine enorme Aufgabe. Allerdings bestand die Chance, daß der Oberst durch die Vorarbeit Lorens und seiner Kundschafter, die ihm den Weg vorgaben, wertvolle Stunden gewinnen konnte.

Mit typischer Davion-Effizienz überflogen die Luft/ Raumeinheiten der 3. Royal Guards RKG zweimal täglich das Gebiet. Der erste Streifenflug fand grundsätzlich gegen elf Uhr vormittags statt, die zweite Patrouille tauchte am Nachmittag auf. Er warf einen Blick auf die Zeitanzeige und stellte fest, daß es Zeit wurde, die Lanze zu verstecken, um einer Entdeckung zu entgehen. Abgesehen von einem Funkspruch pro Tag, in dem sie die gesammelten Daten übermittelten, operierte die Lanze unter nahezu totaler Funkstille. Loren brach das Kommunikationsverbot nur für kurze Befehle, in der Regel Warnungen oder Richtungsänderungen.

»Na schön, Leute. Sucht euch ein schattiges Platzchen.« Das fiel hier im Wald nicht schwer. Im Gegenteil, es hätte Mühe gekostet, eine Stelle zu finden, an der das helle Licht der gelben Sonne Northwinds den Waldboden erreichte. Loren setzte den Gallowglas vorsichtig an eine wuchtige Eiche zurück und fuhr den Reaktor des Mechs soweit hinunter, daß er nur noch ein Minimum an Energie produzierte. Dann löste er die Haltegurte und zog eine Thermaltarnplane aus dem kleinen Stauraum im hinteren Teil der Kanzel.

Loren öffnete die Cockpitluke und kletterte auf die Schulter des Gallowglas. Mit einer heftigen Wurfbewegung entfaltete er die schwere Plane und legte sie über Kopf und vordere Rumpfpartie des BattleMechs. Nicht weit von sich entfernt sah er Commander Frutchey dasselbe Ritual an seinem Kriegshammer durchführen und weitere kleine Decken über die gekreuzten Arme des Stahlriesen werfen, um die Emissionen der PPKs abzuschirmen.

Die Planen dienten dazu, die Infrarot- und Magnetsignaturen ihrer Maschinen stark genug zu dämpfen, um einer Fernortung zu entgehen. In die Decken war ein Gewebe eingearbeitet, das auch die Fusionsreaktoren vor einer MAD-Ortung schützte. Tarnplanen dieser Art waren seit Jahrhunderten zum Schutz gegen Routinestreifen durch Luft/Raumeinheiten im Einsatz. Loren verließ sich darauf, daß sie in Verbindung mit dem dichten Blätterdach ausreichten, selbst DavionSatelliten eine genaue Fixierung ihres Standorts unmöglich zu machen.

Er kletterte die seitlichen Sprossen am Rumpf des Mechs hinab und ging hinüber ins dichte Gras zu Frutchey, Carey und Füller. Alle drei wirkten müde und ausgelaugt. Sie gönnten sich nur wenig Schlaf, und den meist zwischen den Patrouillenflügen. Der größte Teil ihrer Bewegung und Erkundung fand nachts und in den frühen Morgenstunden statt. Um Füllers Augen lagen dunkle Ringe, und die Lorens fühlten sich durch den Mangel an Schlaf dick und aufgedunsen an. Vier Tage Gewaltmarsch durch die unzugängliche Wildnis des Northwind harten ihre Spuren hinterlassen.

Das Donnern der Luft/Raumjäger über ihnen war beruhigend, auch wenn keiner von ihnen durch die Wipfel eine Spur der Maschinen sehen konnte. Loren warf einen Blick auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. »Das ist der Punkt, an dem ein großer Militärapparat grundsätzlich versagt. Er funktioniert zu regelmäßig. Diese DavionJäger fliegen ihre Suchmuster exakt nach dem VerComVerfahrenshandbuch. Für so eine Eliteeinheit ist das ein Armutszeugnis.«

Jake Füller nahm einen tiefen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche. »Wenn ich irgendwann einmal ein Regiment befehlige, werde ich mich daran erinnern. Die Flugzeiten und Suchmuster variieren, um den Gegner im Ungewissem zu lassen.«

»Du, als Regimentskommandeur? So was nennt man gemeinhin Größenwahn«, meinte Frutchey und reckte den Hals, um seine Nackenmuskeln zu lockern. Sein nagelneuer Commanderbalken glänzte rot im schwachen Licht.

»Du hast es nötig. Wenigstens ist auf meiner Beförderungsurkunde die Tinte schon trocken, Grünschnabel«, gab Füller zurück. »Ich habe zumindest vor dieser schon ein paar echte Schlachten erlebt.«

Loren hatte genug gehört. »Was gibt's Neues vom Regiment?« fragte er Laurie Carey. Die Offizierin saß auf einem umgestürzten Baumstamm und rieb sich methodisch das rechte Knie. Sie machte gerade lange genug Pause, um Loren einen Ausdruck der täglichen Mitteilung zu reichen. Nach der Narbe zu urteilen, war sie vor einiger Zeit schwer verwundet worden, und die anstrengende Erkundungarbeit hatte die alten Schmerzen geweckt. »Üble Narbe, die Sie da haben.«

Carey sah auf und nickte. »Habe ich mir bei der sogenannten Zweiten Skye-Rebellion eingehandelt, als wir der Gray Death Legion geholfen haben, auf Glengarry für Ordnung zu sorgen. Es war ein harter Kampf. Ich hatte wirklich Pech. Ein gemeiner Laserschuß hat das Kanzeldach zertrümmert und ist von den Glassplittern quer durch das Cockpit reflektiert worden. Hat mir das Knie bis auf den Knochen weggebrannt.«

Die beiden anderen Offiziere verzogen schmerzhaft das Gesicht, als sie das hörten, aber nicht Loren. Statt dessen zog er die Haltegurte von der Kühlweste und deutete auf das Dreiecksmuster von Einschußnarben auf seinem rechten Brustkorb.

Carey grinste. »Und woher haben Sie Ihre?«

»Den Namen der Welt kann ich Ihnen nicht verraten«, erklärte Loren. »Das gehört mit zum fröhlichen Leben der Todeskommandos – der Schauplatz ist ein Staatsgeheimnis. Teufel, offiziell hat die Mission überhaupt nicht stattgefunden. Ich saß in einer Ballista und rannte in vollem Sprint vorwärts, als scheinbar aus dem Nirgendwo eine volle Salve LSR in mein Cockpit einschlug. Drei der Raketen haben das Kanzeldach über meinem Kopf in tausend Scherben geschlagen. Meine Kühlweste war in Fetzen, aber ich habe wohl Glück gehabt. Die letzte Rakete drang zum Cockpit durch, ist aber nicht explodiert. Statt dessen flog der Brennsatz an der Kanzelwand auseinander, und ich habe drei Schrapnellstücke mit der Brust abgefangen. Und die waren vielleicht heiß! Meine Lunge ist kollabiert, aber ich konnte mich noch zwei Minuten bei Bewußtsein halten, lange genug, um meine Beinahemörderin ins Jenseits zu schicken.«

»Das war verdammtes Glück, wenn Sie mich fragen«, meinte Frutchey ungläubig.
»Glück hatte damit überhaupt nichts zu tun«, erwiderte Loren. »Es war einfach noch nicht meine Zeit.«
»Ihre Zeit?« wiederholte Carey.
»Schon seit meiner Kindheit habe ich den Glauben, daß mir in diesem Leben eine Aufgabe zugewiesen wurde. Vielleicht habe ich deshalb bei all meinen Missionen keinen Gedanken daran verschwendet, daß ich sterben könnte. Seit ich hier auf Northwind bin, hat sich das geändert. Ich weiß nicht warum.«
Laune Carey lächelte wissend. »Weil Sie sich als Teil der Familie fühlen – der Highlanders -, und weil Sie dafür kämpfen. Wir sind eine Familie, und der Oberst hat Sie adoptiert. Früher haben Sie für Nation und Herrscher gekämpft. Jetzt kämpfen Sie für sich selbst. Deswegen fühlt es sich anders an.«
Ihre Worte trafen Loren in seinem Innersten.
Hat sie möglicherweise recht?
Als Mitglied der Todeskommandos hatte er bei einer Eliteeinheit gedient. Seine Missionen waren mit der höchsten Ehre verbunden gewesen, er hatte die Interessen der Konföderation Capella beschützt.
Ich war zuallererst und vor allem anderen Teil der Verteidigungslinien der Häuser Liao. Ein Rad im Getriebe. Aber hier ist es anders.

Stimmte es, daß er jetzt eine größere Verbundenheit mit den Northwind Highlanders fühlte als mit dem Großen Haus, dem er sein ganzes Leben gedient hatte?

All die Worte meines Großvaters, sie haben mich auf diesen Moment vorbereitet. Er konnte nicht wissen, daß ich hierher kommen würde, aber irgendwie ist es so gekommen. Karma… oder Schicksal? Nein. Ich gehöre zuerst und vor allem anderen zu den Todeskommandos. Ohne den Kanzler wäre ich nicht hier.

Zum erstenmal in seinem Leben hatte Loren das Gefühl, irgendwohin zu gehören, statt nur Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das Gefühl war tief und aufwühlend, beinahe überwältigend. Um sich wieder in den Griff zu bekommen, konzentrierte er sich auf den Ausdruck, den Carey ihm überreicht hatte. Der einzige Angelpunkt, an dem er sich festhalten konnte, war seine Mission.

Ich muß die Northwind Highlanders neutralisieren.

Wenn Carey, Füller und Frutchey ihn für einen der ihren hielten, umso besser.
Carey bemerkte Lorens Verwirrung und wechselte lächelnd das Thema. »Es scheint, daß der Sturm des Kastells gute, aber langsame Fortschritte macht. Laut der Mitteilung konnten sie Teile der Festung erobern, mußten sie allerdings regelrecht ausgraben, weil die Davions sie gesprengt hatten. Die Jäger, die täglich über uns hinwegfliegen, sind unterwegs, um unsere Truppen im Flußtal zu bombardieren, aber MacLeod hat eine dichte Flugabwehr organisiert. Der Oberst erwartet, noch heute nachmittag den Bunker vollends einzunehmen. Die Gurkhas kämpfen sich den Weg frei.«
Beim Durchlesen des detaillierten Berichts stellte Loren fest, daß die Verluste beim Sturm des Kastells minimal waren, allerdings hatten die Highlanders kostbare Zeit verloren.
Jake Füller zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich fange an zu glauben, daß wir mit diesem Auftrag noch Glück hatten. Das Kastell ist nicht leicht zu knacken.«
Loren reagierte sofort. »Machen Sie sich keine Illusionen, Jake. Dieser Auftrag ist auch keine Marik-Teeparty. Wie sieht's mit der Verbindung zum Regiment aus, Laurie?«
Carey wedelte mit der Hand. »Unsicher. Die Lanze, die MacLeod hinter uns hergeschickt hat, holt auf, aber es ist schwierig, das Signal sicher zu erfassen. Aber sie empfangen unsere Datenüberspielungen, und wenn sie erst einmal abmarschieren, wird unsere Vorarbeit ihre Reisezeit um einige Stunden abkürzen.«
»Wenigstens etwas. Na gut, heute nacht marschieren wir in enger Deltaformation weiter, Carey übernimmt die Spitze, ich die rechte Flanke. Noch zwei Tage quer durch die Hölle, und wir stehen vor Tara. Ich möchte, daß alle aufgeweckt und munter sind. Wir wissen nicht, wo die 3. Royals stehen, und ich habe keine Lust, blindlings zwischen ihre Reihen zu stolpern.«
»Wie sehen unsere Pläne aus, wenn wir die Außenbezirke der Stadt erreicht haben, Major?« fragte Füller.
»Wir verstecken unsere Mechs im Marschland und gehen zu Fuß weiter.«
»Sir?« Frutchey klang wenig erfreut.
»Haben Sie damit Probleme, Commander?«
»Well, Sir, zu Fuß haben wir kaum Waffen zur Verfügung. Wenn wir in Schwierigkeiten geraten, werden wir kaum die Mittel haben, damit fertigzuwerden.«
»Frutchey, wir sind nicht hier, um nach Schwierigkeiten zu suchen. Wir sollen Informationen sammeln. Ich weiß auch, daß es an Bord unserer Mechs sicherer ist, aber irgendwie bezweifle ich, daß die Davion Guards uns einladen werden, in unseren Mechs das Fort zu besichtigen. Sich mit einem Mech unbemerkt in eine Stadt einzuschleichen ist selbst für mich kaum zu schaffen. Ein guter MechKrieger wägt seine Möglichkeiten und die seines Gegners gegeneinander ab. Die Mechs bleiben im Wald. Wir werden uns in die Stadt schleichen, ein paar Bilder schießen und uns eine Vorstellung davon verschaffen, wo sie ihre Mechs, die Panzer und das HQ untergebracht haben. Dann verschwinden wir wieder. Kein Schußwechsel, keine Heldentaten. Dafür gibt es mehr als genug Zeit, wenn der Oberst und der Rest des Regiments eintreffen. Ohne unsere Informationen würde das Regiment im dunkeln tappen.«
»Wir gehen also alle in die Stadt?« fragte Füller.
»Nein. Einer von uns bleibt bei den Mechs und spielt Rückversicherung. Wenn wir gefangen werden, kann er mit allen Daten, die wir bis dahin zusammengetragen haben, fliehen.«
»Wird es soweit kommen, Major?« fragte Frutchey.
Carey nahm Loren die Antwort ab. »Es könnte sein, also sollten wir uns darauf vorbereiten. Wenn die Royals in Tara stehen, werden sie uns als Feind betrachten. Keine Neutralität, keine Regeln. Wir könnten sehr wohl gefangengenommen oder gleich erschossen werden. Und wenn man uns gefangennimmt, ist nicht damit zu rechnen, daß man uns mit Samthandschuhen anfaßt. Eher wird man uns als Terroristen bezeichnen, wie sie es mit Major Jaffray getan haben. Es läßt sich nicht sagen, was sie tun werden, schon gar nicht jetzt, wo Krieg herrscht.«
Die beiden jungen Offiziere lauschten gebannt. Carey war definitiv zu ihnen durchgedrungen.
»Und mit dieser fröhlichen Note wollen wir uns zu Bett begeben«, brach Loren die Anspannung. »Wir halten uns bedeckt, bis die Flugschüler nach Hause kommen. Wenn sie wieder in ihrer Basis sind, marschieren wir die Nacht durch weiter. Und überprüft eure Wasserauffangbehälter. Wir wollen nicht mitten in der Mission ohne Trinkwasser dastehen.«

»Sie haben ihr Essen ja kaum angerührt, Oberst«, stellte Catelli fest und deutete über den Tisch auf Mulvaneys Teller. Marschall Bradfords Regimentskoch hatte aus den im Lager vorgefundenen Rationen und den von den 3. Royals mitgebrachten Vorräten eine annehmbare Mahlzeit zusammengestellt, aber Mulvaneys Gedanken waren bei der bevorstehenden Schlacht, nicht beim Essen. Die wenigen Bissen, die sie probierte, schmeckten scheinbar nach nichts.
»Ich habe einfach keinen Hunger«, antwortete sie und warf die Serviette auf den Teller.

Marschall Bradford studierte ihre Miene, während er auf seinem Fisch kaute. »Was meldet der letzte Feldbericht über MacLeods Truppen, Oberst Mulvaney?« frage er, obwohl er den Bericht kurz zuvor selbst gelesen hatte und genau Bescheid wußte.

»Soweit wir es an Hand der täglichen Lufteinsätze feststellen konnten, ist MacLeods Regiment nahezu vollständig vor dem Kastell gebunden. Wir sind nicht in der Lage, eine Verbindung zu unserer Einsatzgruppe im Innern der Anlage herzustellen, aber bis jetzt gibt es keine Anzeichen, daß sie ausgeräuchert wurden.«

Catelli gluckste leise und nahm einen tiefen Schluck Wein. »Und während der gute Oberst MacLeod seine Tage und Nächte mit dem Versuch zubringt, eine beinahe leere Festung zu knacken, reparieren wir mit dem Nachschub der Highlanders unsere Gefechtsschäden.« Sein Tonfall war so arrogant und selbstgefällig, daß Mulvaney hastig zur Seite blickte, um nicht ausfallend zu werden.

»So ist es«, stimmte Bradford zu und hob in gespieltem Salut sein Weinglas. »Bei meinem letzten Gespräch mit Colonel Morrow hat er mir mitgeteilt, daß die Highlander-Familien eine Art organisierten Widerstand aufgebaut haben. Bis jetzt gab es nur kleinere Zwischenfälle. Natürlich streiten sie jedes Wissen um den Tod von Konsul Burns ab. Morrow hat seine Truppen aber so postiert, daß sie die Ordnung im Stadtgebiet aufrechterhalten.«

»Irgendwelche Neuigkeiten von Cat Stirlings Regiment?« fragte Mulvaney.
»Sie sind noch immer im Anflug. Das Fort hat ein Bestätigungssignal für die Landung aufgefangen, und unsere NAIW-Truppen in der Anlage haben mit dem korrekten Code geantwortet. Wahrscheinlich wartet Oberst Stirling auf eine Nachricht von MacLeod, aber wenn sie die nicht bekommt, wird sie landen. Als wir das Fort eingenommen haben, sind uns die Autorisierungcodes und Signale der Highlanders in die Hände gefallen, auch wenn unsere NAIW-Truppen sich diesen Erfolg teuer erkaufen mußten. Keine Sorge, Oberst Mulvaney, ich kann Ihnen versichern, daß die 3. Royals jederzeit in der Lage sind, mit den Füsiliers fertig zu werden, falls sie es auf einen Kampf ankommen lassen. Unsere Beobachtung der übrigen Northwind Highlanders hat ergeben, daß alle Regimenter ihre Garnisonsposten verlassen haben und auf dem Flug hierher zu sein scheinen. Bis irgendeine dieser Einheiten für unsere Operation hier bedrohlich werden kann, vergeht allerdings noch mindestens ein Monat, und bis dahin werden wir MacLeod unter Kontrolle haben.«

»Sie wirken in letzter Zeit so bedrückt, Oberst«, stellte Catelli fest. »Die meisten Menschen würden sich darüber freuen, an einem historischen Ereignis teilnehmen zu können. Sie scheinen geradezu desinteressiert.«

»Einem historischen Ereignis, Colonel?«
»Natürlich ist es historisch«, unterbrach Bradford. »In der Inneren Sphäre bricht Krieg aus. Gewaltige Heere sind in Bewegung. Und wir sind hier – sind Teil der großen Vereinigung der Northwind Highlanders mit dem Vereinigten Commonwealth. Ich bin schockiert, daß Sie die Bedeutung dieses Ereignisses nicht erkennen, Oberst. Ihr und unser Handeln wird das Gesicht dieses Planeten und die Zukunft Ihres Volkes auf Jahrhunderte formen. Das ist eine erregende Zeit für uns alle!«
Mulvaney schüttelte leise den Kopf. Es war das Äußerste an Widerspruch, zu dem sie in der Lage war. »Nein, Sir, das ist ein Ehrenhändel der Northwind Highlanders. Sie sind Zeugen des Geschehens, aber es geht um einen zwischen Oberst MacLeod und mir zur Klärung anstehenden Punkt. Nur so kann unser Volk als ein Ganzes überleben. Dieser Kampf wird die eine oder die andere Seite auslöschen. Wäre es anders, würden die Highlanders zerbrechen. Es geht nicht um unsere Absorption im Vereinigten Commonwealth. Es geht um unser Überleben als Volk.«
Bradfords Stimme war vom Weinkonsum gezeichnet. »Sie reden, als wären wir hier nur Zuschauer. Die politischen Implikationen dessen, was dieser Capellaner Jaffray vorgeschlagen hat und was MacLeod tut, sind atemberaubend. Das Vereinigte Commonwealth kann nicht untätig zusehen, wie seine Planeten die Unabhängigkeit fordern. Das würde die Grundfesten unserer Regierung erschüttern. Egal, was irgend jemand behauptet, vergessen Sie nicht, Sie sind Teil eines größeren Ganzen, eines mächtigen Sternenreiches, aus dem eines Tages ein neuer Sternenbund entstehen wird!« Er hob die Karaffe und goß sich ein. »MacLeod und dieser Jaffray haben das Gesetz verworfen. Aber Sie dürfen niemals vergessen, wer Ihr Lehnsherr ist, Oberst Mulvaney. Ich möchte Ihre Loyalität nicht ebenfalls in Zweifel ziehen müssen.« Die Drohung war unverhüllt, und Mulvaney fühlte, wie ihre Wangen heiß wurden.
Bradford nahm sich zusammen, als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah. »Andererseits, ich bin ein Militär, wie Sie selbst. Es passiert viel zu oft, daß wir uns so sehr darin verstricken, die Befehle der Regierung auszuführen, daß wir uns nicht mehr bewußt werden, wer wir sind und was wir tun. Wie alle guten Soldaten befolgen wir Befehle, Oberst, Sie ebenso wie ich.«
Als ich MacLeods Stellvertreterin war, kannte ich meinen Platz, dachte Mulvaney. Jetzt habe ich eine Rolle von vielen in einem riesigen Drama. Sie sehen nur, was dieser Kampf für ihre politischen Spielchen bedeutet. Ich hasse es, in solche Spiele verwickelt zu sein. Vorher war ich mehr, ich war Teil einer Familie. Mein Gott, wie ich mich nach diesem Gefühl sehne.
Sie erhob sich stumm von der Tafel und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken, bevor sie das Zelt verließ. Catelli sah ihr nach und wartete, bis sie verschwunden war, bevor er das Wort ergriff.
»Sie könnte in den späteren Phasen der Operation zum Problem für uns werden.«
Marschall Bradford schwenkte langsam und methodisch den Wein in seinem Glas. »Sie wird nicht mehr lange eine Bedrohung darstellen. Seit Colonel Morrow das kostbare Fort und die Kommunikationscodebücher der Highlanders erobert hat, nimmt ihr Wert für uns rapide ab. Wir haben genug Informationen, um Oberst Stirling und ihr Regiment genau dahin zu locken, wo wir sie haben wollen. Mitten auf den Kohler-Raumhafen.«
»Und dann?«
Der Davion-Marschall kippte den Wein. »Dann wird es die Stirling's Füsiliers nicht mehr geben. Weg! In einer einzigen Sekunde! Ihr Verlust und die darauffolgende Vernichtung von MacLeods Regiment wird den Highlanders den Hals brechen. Wenn Mulvaney dumm genug ist, sich zu widersetzen…« Er schleuderte das leere Weinglas gegen einen Transportbehälter, wo es in winzige Kristallsplitter zerbarst. Bradford beendete den Satz nicht. Es war nicht nötig.

30

Friedenspark, Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


11. Oktober 3057


Tara wirkte düster, beinahe abschreckend, als Loren Jaffray sein Team an dem kleinen Haus am Ende der Straße vorbei führte. Er sah sich um und erinnerte sich daran, wie anders ihm diese Stadt vorher erschienen war, frisch, unbefleckt. Das Tara aus den Erzählungen seines Großvaters, dessen Sehenswürdigkeiten ihn vor wenigen Wochen noch in ihren Bann gezogen hatten, war verschwunden. Zurück geblieben war ein Mausoleum, still und mürrisch, in dem an jeder Ecke Tod und Gefahren lauerten.

Die Wolken zogen an der dünnen Mondsichel vorbei und löschten ab und zu noch das wenige Licht, das vom Himmel auf die Stadt fiel. Commander Frutchey war bei den Mechs der Lanze in den Sümpfen südlich der Stadt geblieben, während die drei anderen sich langsam ins Stadtgebiet schlichen. Frutchey hatte lautstark protestiert, aber schließlich war es Loren gelungen, ihn von der Wichtigkeit seines Teils der Mission zu überzeugen. Alle paar Minuten tippte Carey eine Zusammenfassung der Informationen ein, die sie entdeckt hatten, und komprimierte sie zu einer nur Nanosekunden dauernden Mikrowellenbotschaft. Kurze Sendeimpulse dieser Art konnten fast unmöglich angepeilt werden. Es war schon schwierig genug, sie überhaupt zu orten. Wenn das Team sich nicht mehr meldete, hatte Commander Frutchey den Befehl, sich mit den bis dahin zusammengetragenen Daten aus dem Staub zu machen.

»Furchtbar ruhig«, flüsterte Jake Füller und zog sich die dunkle Wollmütze tiefer über das blonde Haar. »So spät ist es doch noch nicht. Es sollte Verkehr auf den Straßen sein, und Fußgänger, die Spazierengehen. Wo sind die Leute?«

»Zu Hause oder ganz weg«, erwiderte Laurie Carey. »Wir haben in den Häusern die Lichter an- und ausgehen sehen. Es muß eine Ausgangssperre verhängt worden sein. Und eine Ausgangssperre braucht jemand, der sie kontrolliert, also müssen die 3. Royals schon hier sein.«

Loren nickte zustimmend. Es gab noch andere Zeichen, die seinem trainierten Blick nicht entgangen waren, und die Careys Schlußfolgerung unterstrichen. Eine der breiteren Straßen, an denen sie ein paar Blocks zuvor vorbeigekommen waren, hatte man abgesperrt und mit elektronischen Sensoren gesichert. Hätte Loren kein Fernglas benutzt, hätten sie einen Alarm auslösen können. Und er hatte einen leerstehenden Panzerwagen in der Nähe gesehen, der offenbar den Eindruck einer Polizeiüberwachung erwecken sollte. Loren suchte die Straße mit dem Fernglas ab und vergewisserte sich, daß der Weg frei war, bevor er seinen Trupp über die Straße in den Friedenspark führte. Dort angekommen, warf Loren sich sofort zu Boden und rollte unter ein Gebüsch, gefolgt von seinen Begleitern.

Sie waren kaum zu Atem gekommen, als ein tiefes Donnern durch die Straße hallte. Loren schaute die Allee hinab und sah einen leichten KampffalkenBattleMech die Straße herabkommen. Möglicherweise suchte er den Friedenspark und die Häuser der Umgebung nach Störungen ab. Der Mech machte eine beeindruckende Figur. Die goldene, eingerollte Klapperschlange der 3. Royal Guards Regimentskampfgruppe funkelte im Licht der Straßenlaternen. Loren zog die kleine Laserkamera aus der Tasche und fotografierte den Mech, als er vorbeimarschierte. Zumindest von einem ihrer Mechs wissen wir, wo er ist. Er geht ein paar Meter neben uns die Straße entlang. Der Kampffalke wurde etwas schneller, als er an ihnen vorbei war und in der Dunkelheit des Parks verschwand. Als der Mech außer Sicht war, stieß Füller einen langen Seufzer der Erleichterung aus.

»Carey, geben Sie Frutchey durch, daß wir endlich einen Beweis für die Anwesenheit der 3. Royals in der Stadt gefunden haben. Unterstreichen Sie, daß es sich um Mechtruppen handelt. Und teilen Sie ihm mit, wo wir sind«, flüsterte Loren.

»Lassen Sie uns zum Fort gehen, Loren«, meinte Füller leise. »Wenn sie irgendwo ihr Lager aufgeschlagen haben, dann dort.«

»Zu riskant, Jake. Die Richtung stimmt, aber um herauszubekommen, was sie drinnen haben, müßten wir über die Mauer. Keine Chance.« Loren sah auf die Uhr und hob den kleinen Stadtplan, den er mitgenommen hatte, ins Licht.

Er ist genau wie die anderen. Er nimmt es persönlich. Das ist ihre Heimat, das darf ich nicht vergessen. Sie betrachten die Besetzung durch fremde Truppen als eine Entweihung heiligen Bodens. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Oberst MacLeod mir die Leitung der Erkundung übertragen hat. Er ist davon ausgegangen, daß ich objektiv bleiben kann und mich nicht von Gefühlen beeinflussen lasse.

Loren würde MacLeod nicht enttäuschen, besonders, da eine erfolgreiche Aufklärung ihm auch bei der Erfüllung seiner Mission für den Kanzler helfen konnte. Wenn er die Highlanders auch nur in eine begrenzte Auseinandersetzung mit den Royal Guards verwickelte, würde sie das so schwächen, daß die irgendwo im Systemraum wartenden Todeskommandos mit den Überlebenden leichtes Spiel hatten.

»Wir kürzen durch den Park ab und sehen uns am Raumhafen um. Wir haben wenig Zeit«, erklärte er und arbeitete sich unter dem Gebüsch auf die andere Seite vor. Carey und Füller folgten ihm langsam und vorsichtig.

Der Friedenspark erinnerte ihn an den Angriff auf ihn und MacLeod. Seine Verletzung schmerzte wieder, als erinnere sie sich ebenfalls an jenen Abend. Jaffray ignorierte die Schmerzen und lief über die niedrigen Hügel und Kuppen des baumreichen Parkgeländes.

Ich hätte hier sterben können.
Er kniff die Augen zusammen, als er die Baumlinie betrachtete. Das wird mir nicht noch einmal passieren. Beim nächsten Mal werde ich davon ausgehen, daß meine Gegner noch hinterlistiger sind als ich.

Sie hielten an, um sich in der Nähe einer kleinen Baumgruppe zu orientieren, als Laufgeräusche Loren und die anderen erstarren ließen. Die schnellen Schritte hatten einen seltsamen, beinahe ungleichmäßigen Rhythmus, wie sie durch das Herbstlaub und das Unterholz krachten. Das Geräusch kam fast geradlinig auf sie zu, und der Läufer unternahm keinerlei Versuch, unbemerkt zu bleiben. Loren zog seinen Nadler.

Wer immer das ist, er scheint es darauf anzulegen, uns umzurennen… aber ich werde nicht kampflos untergehen. Verdammt! Alles lief so gut.

Die Gestalt kam gegenüber der Baumgruppe in Sicht, und die drei Scouts legten an. Careys Impulslaserkarabiner war die bedrohlichste ihrer Waffen. Füller hatte eine alte, zerbeulte Laserpistole, angeblich seit mehr als vier Jahrhunderten im Familienbesitz. Bauart und Zustand der Waffe ließen Loren diese Fabel beinahe glauben. Die Gestalt stolperte zwei Schritte weiter, dann fiel sie nach vorne ins Gras.

Plötzlich erschienen hinter dem rennenden Mann drei weitere Gestalten. Sie marschierten geradewegs auf ihn zu und blieben über ihm stehen. Er wälzte sich herum und versuchte zu Atem zu kommen. Als er aufstehen wollte, schwang einer der Männer sein Gewehr und stieß ihm den Kolben in den Rücken. Der Mann am Boden stöhnte laut auf.

Davions! Sie tragen Davion-Uniformen. Diese Monturen würde ich überall wiedererkennen.
Loren bedeutete seinen Begleitern abzuwarten. Sie waren hier, um Informationen zu sammeln. Wenn sie jetzt das Feuer eröffneten, verrieten sie sich und würden nicht mehr herausfinden können, was hier vor sich ging.
»He, Danny, scheint, daß wir deinen Gefangenen eingeholt haben«, rief der größte der drei. Als er sich umdrehte, sah Loren, daß er ein Nadlergewehr über die am Boden liegende Gestalt schwenkte.
Der kleinste der Davion-Soldaten kam näher und trat dem Liegenden den Stiefel in die Rippen. »Das haben wir, Mister Yoark. Bleib schön, wo du bist, alter Mann.« Mit einem Fuß wälzte er den Mann auf den Rücken.
Im schwachen Mondlicht erkannte Loren das Gesicht von Pluncket, dem Wirt des Pubs. Vor Schmerz und Erschöpfung keuchend, starrte er mit einer Mischung aus Wut und Verachtung zu seinen DavionPeinigern empor. Lorens Magen verkrampfte sich.

Wenn er auch nur den geringsten Widerstand zeigt, bringen sie ihn um. Er wird sterben, wenn wir nichts unternehmen.
Der kleine Davion-Soldat beugte sich über ihn. »Du hast einen unserer Offiziere mit dem Fleischermesser übel verwundet. So etwas können wir nicht zulassen. Du kommst mit uns mit.«
»Was, zu noch mehr Spiel und Spaß?« fragte Pluncket. »Das hier ist unsere Welt, nicht eure. Ihr seid Invasoren auf Northwind, und es ist unsere Pflicht, unsere Heimat zu verteidigen. Ich habe keine Angst davor, bei der Verteidigung meiner Heimat zu fallen. Aber ich werde, verdammt noch mal, nicht mitkommen, um den Rest meiner Tage im Kerker meines eigenen Regiments zu verbringen.«
Einer der Männer drückte die Mündung seines Nadlergewehrs an Plunckets Stirn.
»Wir wollen keine Schwierigkeiten, alter Mann. Laß auf der Stelle die Waffe fallen.«
Loren kämpfte gegen den Drang an, den Abzug durchzuziehen.
Verdammt. Ich hatte recht. Wenn wir nicht eingreifen, ist der alte Dickkopf tot. Ist seine Rettung unsere Mission wert? Ist das Leben eines Mannes das eines ganzen Regiments wert? Nicht nur das eines Regiments, sondern auch meiner eigenen Todeskommandotruppen. Wenn ich die Highlanders in Gefahr bringe, könnte ich damit meine Mission gefährden.
»Mister Yoark, dieser Mann besitzt eine Waffe und will sie uns nicht aushändigen«, stellte die mittlere Gestalt fest und hob das Gewehr. »Informieren Sie den Gentleman, daß wir gezwungen sind, aggressiv vorzugehen, wenn er die Waffe nicht auf der Stelle hervorholt und uns aushändigt.«
Wenn er eine Waffe hat, ist er tot. Keine Verhandlung, kein Urteilsspruch. So zu enden hat er nicht verdient. Das hat niemand, Catelli möglicherweise ausgenommen. Die Entscheidung, ob ich das Leben eines Mannes über das vieler stellen soll, müßte einfach sein. Aber das ist es nicht. Kein Highlander würde ihn sterben lassen.
Loren sah zu Carey und Füller. Selbst in ihren geschwärzten Gesichtern waren ihre Mienen unverkennbar. Ihre schlimmste Furcht war, Loren könnte ihnen befehlen, tatenlos zuzusehen, wie einer der ihren hingerichtet wurde.
Ich sollte ihn sterben lassen. Es ist nur ein einzelner Mann.
Loren verstand die Logik dieser Entscheidung. Hatte ihm nicht sein eigener Großvater eingeschärft, logisch zu denken, wenn alle anderen sich von Gefühlen leiten ließen? Aber jetzt sah er einen wehrlosen Mann sterben, und er konnte nicht untätig bleiben und nur zusehen. Und wo immer sein Großvater jetzt auch sein mochte, Loren konnte nicht glauben, daß er Ruhe finden würde, wenn er wüßte, daß Loren ein Mitglied der Highlanders einem derart erbärmlichen Tod überantwortet hatte.
So würde ich nicht abtreten wollen.
Loren blickte erst Jake, dann Laurie in die Augen und nickte ihnen langsam zu. Vorsichtig und lautlos entsicherte er seine Waffe. Seine Kameraden zielten sorgfältig auf ihre Ziele.
Wartet auf mein Zeichen…
»Ihr werdet mich nicht zurück zum Kerker bringen. Und ich werde mich auch nicht kampflos ergeben«, stöhnte Pluncket zwischen seinen schweren Atemzügen.
»Ich warne dich ein letztes Mal, gib die Waffe raus, oder wir wenden Gewalt an.« Eine der Waffen zielte auf Pluncket. Der Mann schien nervös.
Erst abdrücken, wenn ich es sage…
Pluncket grinste und richtete sich langsam zu einer sitzenden Position auf. Er hatte das Kundschafterteam, das seine Gegner ins Visier genommen hatte, nicht gesehen. »Ihr Davion-Hunde seid doch ein feiges Pack. Wie viele von euch braucht es, um ein wehrloses altes Schlachtroß wie mich festzunehmen?« Er schien seine Beinprothese mit beiden Händen zu umklammern und zu reiben, als schmerze sie.
Der größere der drei Männer, der Offizier namens Yoark, verzog das Gesicht. »Ich will dich nicht umbringen, alter Mann, aber wir sind keine Polizisten. Ich werde meinen Männern nicht befehlen, dich nach Waffen abzutasten. Du hast einen Offizier verwundet. Du hast drei Sekunden, deine Waffe zu übergeben, sonst feuere ich.« Er richtete die Mündung des Nadlergewehrs ein zweitesmal auf den noch immer am Boden sitzenden Unteroffizier.
Loren hob seine Waffe ebenfalls.
Sorgfältig zielen. Der erste Schuß muß sitzen, oder unsere ganze Mission ist verloren. Wenn sie das nicht ohnehin schon ist.
Pluncket bewegte sich wie ein Jaguar. Aus der Wade seines künstlichen Beins zog er eine Vibroklinge und hieb nach dem DavionOffizier. Die Klinge vibrierte im Ultraschallbereich und war in der Lage, selbst durch Metall zu schneiden. Der Oberschenkel des Besatzers bot ihr keinerlei Widerstand. Yoarks Nadlerschuß ging weit vorbei und spie einen Schwärm Plastiknadeln in den weichen Waldboden. Der hochaufgeschossene Davion-Soldat schrie vor Schmerzen, während seine beiden Begleiter von Plunckets blitzartigem Angriff völlig perplex waren.
Der alte Highlander nutzte ihren Schock aus. Er rollte ab und hielt die Vibroklinge kampfbereit vor sich. Die beiden Soldaten hoben die Waffen, um ihn abzuknallen.
»Jetzt«, sagte Loren und feuerte seine Pistole auf den verwundeten Offizier ab. Der beinahe lautlose Schwärm rasiermesserscharfer Nadeln bohrte sich in die Brust des Mannes namens Yoark und schleuderte ihn nach hinten in die Dunkelheit, bevor er seine Waffe wieder auf Pluncket richten konnte. Carey feuerte ihren Laserkarabiner, ein Stakkato aus Laserimpulsen erhellte die Nacht und schickte den mittleren Soldaten zu Boden. Füllers Laserstrahl traf den letzten DavionGardisten. Der Mann schrie auf und starb. Keiner der drei hatte eine Chance.
Jaffray sprang auf Pluncket zu. Der alte Highlander wedelte mit der Vibroklinge in Richtung seiner neuen Verbündeten. Er wußte nicht mehr, wie ihm geschah. »Identifiziert euch«, verlangte er über dem leisen Summen seiner Waffe.
»Major Loren Jaffray«, sagte Loren und streckte die Hand aus. »Wir haben nicht viel Zeit, Mister Pluncket.« Irgendwo röchelte ein Sterbender, vermutlich Yoark.
Pluncket erkannte Lorens Gesicht und setzte ein breites Grinsen auf. »Warum, zum Teufel, hat das so lange gedauert?«
Loren half ihm hoch, während Jake und Laurie sich vergewisserten, daß keine anderen Soldaten in der Nähe waren. »Sie wußten von uns?«
»Nein, Laddie, aber ich wußte, daß ich nicht so sterben konnte. Aber wir können hier nicht lange bleiben. Ihr HQ ist ganz in der Nähe.«
Loren winkte seine beiden Begleiter zurück. Sie formierten sich schweigend um Pluncket und machten sich auf den Weg aus dem Friedenspark.
»Eines ist sicher, ich wußte, daß Sie im Herzen ein Highlander sind, Mister Jaffray«, meinte Pluncket und nickte Loren wissend zu.

31

Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


11. Oktober 3057


Für die Scouts war der offene Keller wie ein sicherer Hafen auf stürmischer See. Carey und Füller trugen Pluncket halb die Treppe hinunter, während Loren die Tür hinter sich schloß. Von seinem Standort aus hatte er freie Sicht über die Straße und den Park. Lorens Puls raste, als er die Straße in beide Richtungen absuchte.

Glück gehabt. Von rechts wegen müßten wir jetzt alle tot sein. »Sind Sie verletzt?« fragte Füller den alten Soldaten leise.

»Nein, diesmal nicht. Ich denke, die Lads werden einige Zeit keine Lust mehr zum Tanzen haben. Gute Arbeit, Sirs, für einen Haufen Offiziere, meine ich.« Irgendwie hatte er es geschafft, trotz der Begegnung mit dem Tod seinen krassen Humor zu bewahren. »Ihr müßt Teil der Rettungseinheit sein, die uns hier rausholen soll.«

Loren kniete sich neben ihn. »Ich fürchte nicht, Mr. Pluncket. Wir haben seit Wochen keine Verbindung mehr mit Tara. Was meinen Sie mit ›Rettung‹? Was geht hier vor?«

»Sie wissen es nicht?« fragte er. Füller und Carey schüttelten beide den Kopf. »Dieser Windbeutel von einem Planetarischen Konsul, Drake Burns, ist ermordet worden, und die verdammten Davions geben uns die Schuld. Catellis Marionette Lepeta behauptet, er hätte Beweise für eine Mittäterschaft der Highlanders, aber wir haben ihn ignoriert. Wir dachten, es wäre nur ein Trick, um die Einheimischen gegen uns aufzuwiegeln. Dann sind diese verfluchten Klapperschlangen gelandet. Sie haben unsere Neutralität gebrochen. Haben ihre Kröten direkt über dem Fort abgeworfen. O Laddies, wir hatten keine Chance. Wir konnten uns nicht verteidigen. Sie haben das Fort und den Raumhafen innerhalb von Stunden erobert. Highlander-Offiziere und Unteroffiziere wurden unter Hausarrest gestellt, und für den Rest der Stadt gilt eine strikte Ausgangssperre.«
»Unsere Familien?« fragte Carey geschockt.
»Aye, Lassie. Sie werden wohl unsere Dateien im Fort benutzt haben, um sie zu finden. Die stehen auch unter Hausarrest. Ein paar der Lads haben protestiert, aber was sollten sie machen gegen eine ganze RKG? Es gib Gerüchte, daß ein paare erschossen wurden, aber die meisten werden im Kerker sitzen.«

»Was ist wirklich mit dem Konsul passiert?« fragte Loren. »Lepeta und die Botschaftsangehörigen behaupten, ein paar unserer Leute hätten sich eingeschlichen und den Trottel ermordet. Laut Nachrichten wurde er mit einer Highlander-Laserpistole erschossen, und es gibt ein paar aufgeblasene Beweise, daß Highlander damit zu tun hatten.«
Loren richtete sich auf. »Und stimmt das?«
Das markante Gesicht des alten Unteroffiziers verzerrte sich vor Wut. »Nein, Sir! Keiner in dieser Einheit ist besser informiert als ich, und niemand von uns weiß auch nur das Geringste darüber. Wir haben eine Abordnung zu Lepeta geschickt, um die Sache zu bereden, aber die Leute wurden verhaftet, kaum daß sie das Botschaftsgelände betreten hatten. Die Wahrheit ist diesen verdammten Hunden egal. Sie haben uns als Killer hingestellt, und sie werden ihre Version durchhalten, selbst wenn sie uns alle umbringen müssen, um sie zu beweisen!«
»Verdammt!« spie Füller aus. »Unsere Leute werden als Geiseln für ein Verbrechen festgehalten, das sie nicht begangen haben. Wenn der Rest des Regiments davon erfährt, bricht hier die Hölle los.«
Loren nickte. »Damit dürften Sie recht haben. Mit der Geiselnahme der Highlander-Familien haben sich die Davions keinen Gefallen getan. Das wird den Widerstand gegen sie anfachen. Wenn erst die Füsiliers eintreffen, wird es ein Gemetzel geben. Ich kenne Cat Stirling zwar nicht, aber ich wette, daß sie sich so etwas nicht kampflos bieten läßt.«
Pluncket rieb sein gesundes Bein und schüttelte den Kopf. »Ihr Götter, Mann, Sie kennen längst nicht die ganze Geschichte. Jeder weiß, daß die Füsiliers in einer Woche oder so eintreffen werden, Laddie, aber diese Schlangen haben den Raumhafen eingenommen und bereiten eine Überraschung für Stirling vor. Mich haben sie in Ruhe gelassen, weil ich bloß ein alter Krüppel bin, der ihnen die Drinks serviert, aber ich habe herausbekommen, was los ist.«
»Und was planen sie, Mister Pluncket?« fragte Loren.
»Seit fünf Tagen laden sie tonnenweise Petaglyzerin aus ihren Frachtern und packen die Lagerhallen rund um den Raumhafen damit voll bis unter die Decke. Ich habe gehört, daß sie noch zwei Schiffsladungen von dem Zeug haben, und sie lassen es sich aus den eroberten Fabriken in der Stadt liefern.«
»Was wollen sie mit soviel Sprengstoff? Schiffsladungen von dem Zeug würden reichen, die ganze Stadt in die Luft zu jagen, besonders in konzentrierter Form. Was haben sie vor?«
Loren starrte Pluncket an, als ihm die Antwort klar wurde. Unter der Tarnbemalung lief sein Gesicht rot an, und sein Mund ging auf. Der ältere Mann nickte. »Du hast es kapiert, nicht wahr, Laddie?«
»Ich nicht«, meinte Jake und sah zwischen Loren und Pluncket hin und her.
»Die Lagerhallen stehen rund um den Raumhafen. Die Davions haben sie mit gewaltigen Mengen Sprengstoff gefüllt. Jetzt brauchen sie die Stirling's Füsiliers nur noch aufs Landefeld zu locken und den Sprengstoff zu zünden. Die Explosion wird so gewaltig sein, daß sie Landungsschiffe, Mechs und Truppen zerbläst. Rumms, weg sind die Füsiliers.«
»Gütiger Himmel«, stieß Carey aus.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, meinte Jake ungläubig. »Eine Explosion dieser Größenordnung würde auch einen riesigen Teil der Stadt zerstören.«
Loren erinnerte sich plötzlich an einen der Leitsprüche seines Großvaters: »Wo sich Politik und Militär treffen, herrschen Tod und Vernichtung.«
Wie recht er hatte.
»Sie denken in zu kleinen Maßstäben, Jake. Was macht es aus, wenn sie bei der Sprengung ein Viertel der Stadt mit in die Luft jagen? Das ist ein kleiner Preis für die Kontrolle über eine ganze Welt. Sie vernichten mit einem Schlag die Stirling's Füsiliers, ihre eigenen Truppen bleiben dabei unversehrt und können die Reste von MacLeods Regiment erledigen. Kein Problem. Und alle Zeugen des Verbrechens werden bei der Explosion zu Staub zerblasen. Catelli und seine Helfershelfer schreiben ihre eigene Wahrheit, und die Highlanders sind am Ende.«
Loren verstand den Plan nur zu gut. In manchen Teilen rang er ihm sogar Bewunderung ab. Er war der Todeskommandos würdig. Was ihm Kummer bereitete, waren die Auswirkungen auf seine Mission. Wenn es ihnen gelang, die Stirling's Füsiliers auf einen Schlag zu vernichten, würden die Davions Northwind kontrollieren, bis seine Todeskommandos eintrafen. Das durfte er nicht zulassen.
Jetzt erkannte endlich auch Füller die ganze Tragweite. »Major Jaffray, wir reden hier von Völkermord. In so einer Falle werden Tausende sterben.«
Bilder einer aufsteigenden Pilzwolke und eines Feuerballs, der die Nacht über Northwind in blutiges Licht tauchte, ließen Loren frösteln. Alles, was seinem Großvater lieb und teuer gewesen war, würde in einem Sekundenbruchteil zu Asche werden.
Ich muß das verhindern. Meine Mission ist die Neutralisierung der Highlanders, keine Massenvernichtung.
Dann übernahm sein Verstand wieder die Kontrolle. Er erinnerte sich an Sun-Tzus Worte. Er mußte für diese Mission wenn nötig auch seine persönliche Ehre aufgeben. Er würde tun, was in seiner Macht stand, um den Tod Unschuldiger zu vermeiden, aber wenn nötig, würde er sie sterben lassen. Es war keine leichte Entscheidung, und es fiel ihm schwer, sie zu verdrängen.
»Süßer Northwind, es könnte funktionieren«, sagte Carey, die noch immer unter Schock stand. »Aber sie müßten eine Möglichkeit finden, die Füsiliers auf den Raumhafen zu locken, und das wird ihnen nicht leicht fallen. Cat Stirling ist ziemlich vorsichtig.«
Loren runzelte die Stirn. »Sie haben als erstes das Fort eingenommen. Dort sind alle Ihre Funkcodes gespeichert. Wahrscheinlich haben die Davions sie bereits entschlüsselt. Wenn sie keine völligen Idioten sind, werden sie Oberst Stirling signalisieren, das alles in Ordnung ist. Sie wird ihnen geradewegs in die Falle gehen. Und ohne unsere Kommunikationsanlagen können wir ihr keine Warnung zukommen lassen.« Natürlich war das alles nur Spekulation, aber Loren war sich sicher, der Wahrheit zumindest sehr nahe zu kommen. Die Indizien waren eindeutig.
»Wir müssen etwas unternehmen«, erklärte Jake Füller, und in seiner Stimme schwang zunehmender Zorn mit. »Tausende werden sterben.«
Loren nickte. »Als erstes müssen wir dafür sorgen, daß Mr. Frutchey die ganze Story kennt, falls wir gefangen werden. Schicken Sie ihm eine Nachricht, Laurie.«
»Bin schon dabei.« Ihre Finger huschten über die kleine Tastatur des Kommunikators. Die Botschaft war kurz und hastig abgefaßt, aber sie gab dem Commander genug Informationen, um zu verstehen, worum es ging.
Loren wandte sich wieder an Pluncket. »Wo, sagten Sie, haben die 3. Royals ihren Befehlsstand aufgebaut?«
Der ältere Highlander deutete durch das abgedunkelte Fenster über die Straße. »Ihr wart praktisch an der Türschwelle. Sie haben sich mitten im Friedenspark eingerichtet. Wenn ihr noch weiter gelaufen wärt, hättet ihr Alarm ausgelöst und eine ganze Kompanie am Arsch gehabt. Der größte Teil ihrer Truppen ist über den Nordwesten der Stadt verteilt. Sie graben sich seit ein paar Tagen ein und verstecken ihre Mechs und Panzer in den Gebäuden. Diese verfluchten Hunde haben eine Unzahl von Wohnungen unseres Volks ruiniert, um sich zu tarnen.«
»Aufräumeinheiten«, kommentierte Carey, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. »Alles, was ihren kleinen Hinterhalt überlebt, wird von den versteckten Mechs erledigt.«
Loren kannte diese Taktik nur zu gut. Im Verlauf seiner Karriere hatte er sie in den verschiedensten Variationen selbst häufig genug angewendet.
»Wir brauchen Beweise. Wir müssen ein paar Bilder davon aufnehmen. Dieses Gebäude ist fünf Stockwerke hoch. Carey, Sie und Jake steigen aufs Dach. Passen Sie auf, daß Sie niemand sieht, aber besorgen Sie uns ein paar Bilder vom Davion-HQ im Friedenspark. Und zeichnen Sie die Positionen aller BattleMechs und Panzer auf, die Sie sehen.« Jaffray schaute auf die Uhr. »In einer halben Stunde wird es hell. Dann müssen wir hier weg sein.«
Der fünfstündige Marsch aus Tara hinaus in die verwilderten Sümpfe südlich der Stadt verlief seltsam still. Pluncket benötigte jede Stunde eine Pause. Jaffray und die schwarzgekleideten Mitglieder der Erkundungslanze hielten an, sprachen aber nicht miteinander. Was gab es noch zu sagen? Als sie Frutchey und die halbversenkten Mechs erreichten, in denen sie nach Tara gekommen waren, schien ihre Stimmung rabenschwarz zu sein. Die Miene des Commanders war um nichts fröhlicher, da er Careys Sendung gelesen hatte, bevor er sie an Oberst MacLeod weitergab. Loren spürte die Hoffnungslosigkeit seiner Begleiter.
Die Laserbilder, die Füller und Carey vom Dach des verlassenen Gebäudes aus gemacht hatten, bestätigten einen Großteil dessen, was Pluncket erzählt hatten. Der jahrhundertealten Friedenspark war zum Aufmarschgebiet der 3. Royal Davion Guards geworden. Panzer und BattleMechs umringten das Mobile HQ und die Kommunikationsfahrzeuge, die komischerweise stark jenen ähnelten, die MacLeod im Laufe der Gefechte verloren hatte.
Die Bilder vom Raumhafen waren nicht so aufschlußreich, aber sie bestätigten zumindest einen Teil der Geschichte. Auf jeden Fall wußten sie nun, daß alle Mechtransporter der RKG den Raumhafen verlassen hatten, um der Explosion zu entgehen.
Commander Frutchey war der einzige mit guten Nachrichten. Er hatte eine Meldung erhalten, derzufolge MacLeods Kräfte schon ein gutes Stück des Weges nach Tara hinter sich gebracht hatten. Er kannte keine Details, aber die Belagerung des Kastells mußte schon vor Tagen zu Ende gegangen sein. Anscheinend bediente MacLeod sich einer Finte, um die Davion-Kundschafter in die Irre zu führen.
Noch gab es Hoffnung. Angesichts der sich nähernden Truppen sah Loren noch immer eine Chance, etwas zu unternehmen, irgend etwas zu tun, um den Hinterhalt der Royals zu vereiteln. Er dachte an Mulvaney und fragte sich, ob sie der Joker in diesem Spiel werden konnte.
Das hier ist ihr Volk. Sie würde niemals untätig zusehen, wie ihre Leute in die Luft gesprengt werden. Gleichgültig, wie groß ihre Loyalität zu Victor Davion ist, sie wird nie allem, was ihr am Herzen liegt, den Rücken zuwenden.
Chastity Mulvaney war keine kaltblütige Mörderin.
Der Tod Unschuldiger würde sie treffen, möglicherweise hart genug treffen, um sie zu MacLeod zurückkehren zu lassen.
Loren stand auf der kleinen Bodenwelle, die sich aus dem Wasser des Sumpfes erhob und sah die anderen Mitglieder seiner Lanze, einschließlich ihres Neuzugangs Mr. Pluncket, an.
»Ich muß eine Entscheidung treffen«, stellte er fest. »MacLeods Regiment ist unterwegs, und in Tara droht ein Davion-Hinterhalt. Das heißt, wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Carey wischte sich die Tarnfarbe aus dem Gesicht, während sie zuhörte. Loren brauchte die dunklen Ringe unter ihren Augen nicht zu sehen, um zu wissen, daß er alle drei Offiziere bis an die Grenzen ihrer körperlichen und emotionalen Belastbarkeit getrieben hatte.
»Major, was immer Sie für einen Plan haben, wir sind dabei, solange er dafür sorgt, daß diese vermaledeiten Royals weder die Stirling's Füsiliers noch die Stadt in die Luft jagen können. Ich werde tun, was immer nötig ist, um sie aufzuhalten. Wenn Ihre Befehle das allerdings nicht ermöglichen, steht es Ihnen frei, mich wegen Meuterei vors Kriegsgericht zu bringen.«
Es war klar zu erkennen, daß sie nur noch von ihren Emotionen in Gang gehalten wurden. Jake und sogar Pluncket sahen aus, als wollten sie ihre Waffen greifen und schnurstracks zurück nach Tara stürmen. Aber Loren wußte, daß sich so nichts erreichen ließ – noch nicht. Sie brauchten ein Ziel, eine gemeinsame Sache, die sie zum Sieg führte, keinen wertlosen Kraftakt gegen eine zwölffache Übermacht.
Ich muß sie bitten, mir zu vertrauen, und dafür sorgen, daß sie verstehen, wie wir auf diese Weise unsere Rache erlangen können.

»Ich höre Sie laut und deutlich, Carey. Vertrauen Sie mir. Ich werde nicht auf den Händen sitzen und zulassen, daß die Royals die Füsiliers vom Angesicht des Planeten blasen. Fakt ist, die Füsiliers sind unterwegs, aber die Tatsache, daß sie noch nicht hier sind, verschafft uns etwas Zeit, Atem zu holen. Wenn Sie losrennen und sich mit einer kompletten VerCom-RKG anlegen wollen, Carey, dann lassen Sie sich nicht aufhalten. Wir werden Sie vermissen, und Ihr Tod wird keinerlei Wert haben. Wenn Sie in blinder Wut um sich schlagen, kommen Sie nur auf die Verlustliste und werden nichts zu unserem Sieg beitragen können. Sie werden nicht mehr sein als ein Name auf einem Caber. Ich werde mich Ihnen nicht in den Weg stellen, aber stellen Sie sich auch nicht in den unseren.«

Seine Worte saßen, und Carey senkte die Augen, als er weitersprach. »Ich habe vor, den schurkischen Plan der Davions zu durchkreuzen. Im Augenblick besitzen wir etwas, das uns seit Beginn dieser Operation gefehlt hat, nämlich einen Hinweis darauf, was hier vor sich geht. Wir wissen jetzt, wer der Feind ist, und wir wissen, was er plant. Das ist schon eine ganze Menge. Mit diesem Wissen können wir einen Plan entwickeln, wie wir die 3. Royals zermalmen. Es besteht kein Grund für euch, hier deprimiert im Schlamm zu hocken. Freut euch. Wir haben endlich einen Vorteil.«

»Ich bin ganz und gar nicht in Feiertagsstimmung… Sir«, erwiderte Füller kühl. »Wir sind immer noch in der Unterzahl, dank Mulvaneys und Catellis Einheiten in den Bergen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie unser Regiment entdecken und anrücken.«

»Nichts für ungut, Jake, aber von einem Northwind Highlander hätte ich etwas anderes erwartet, als daß er sich an Zahlenverhältnissen festbeißt. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, ihr wärt Kämpfer. Wenn Sie tatsächlich glauben, wir haben keine Chance, sollten wir uns vielleicht sofort ergeben und beten, daß wir am Leben bleiben.«

Jaffrays Stimme triefte vor gespielter Verachtung. Füller schien wütend, nahm seine Worte aber nicht zurück. Er stierte Loren nur zornig an, was dieser ignorierte.

Ich bin nahe daran, sie zu verlieren, aber wenigstens hören sie mir noch zu – ich sollte zusehen, daß ich das ausnutze, solange ich noch kann. Sie brauchen einen Plan. Etwas, woran sie glauben können. Es wird Zeit, unseren Feind an seiner schwächsten Stelle zu packen.

»Der Schlüssel zu unserem Problem heißt Mulvaney«, verkündete er.
»Was?« spuckte Jake, dessen Wut offensichtlich noch zugenommen hatte. »Sie hat den Oberst und alle Highlanders verraten. Was soll das heißen, sie ist der Schlüssel?«
»Sie hat niemanden verraten, Jake«, gab Loren zurück. »Sie hat Ihrem Volk eine Möglichkeit geboten, seine Ehre zu wahren. Ich kenne Sie noch nicht lange, aber ich kann nicht glauben, daß Mulvaney zusehen würde, wie die Davions die Füsiliers in Fetzen sprengen. Selbst wenn Oberst MacLeod persönlich ins Konsulat marschiert wäre und Burns erschossen hätte, würde sie niemals dem Plan zustimmen, ein ganzes Regiment Highlanders auszulöschen, ohne ihm die geringste Chance zur Verteidigung zu geben. Und sie würde es niemals zulassen, daß unschuldige Highlander-Angehörige Gefahr laufen, als Geiseln genommen oder umgebracht zu werden. Chastity Mulvaney würde sich nie im Leben auf einen Plan einlassen, bei dem Tara in Schutt und Asche gelegt wird. Das wissen Sie so gut wie ich.«
Und falls ich mich irre, wird mein Plan uns alle umbringen.
»Major Jaffray hat recht«, erklärte Pluncket von seinem Sitzplatz auf einem Steinbrocken herunter. »Wir alle kennen sie seit Jahren. Chastity Mulvaney würde so etwas nie zulassen. Sie ist eine von uns, eine Blutsverwandte. Eine Highlanderin bis ins Mark. Sie haben alle schon an ihrer Seite gekämpft. Erinnere dich an die Clans, Laddie. Madame Eisenherz habt ihr sie getauft. Carey, Sie haben auf Glengarry gegen die verdammten Skye-Rebellen unter ihr gedient. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hat sie eurer ganzen Kompanie kollektiv den Arsch gerettet, eh, Lassie?«
»Was schlagen Sie vor?« fragte Carey, die Plunckets Worte wie eine kalte Dusche in die Realität zurückgeholt zu haben schienen.
»Ich möchte wetten, Mulvaney hat von alledem hier nicht den Schimmer einer Ahnung«, meinte Loren vorsichtig. »Nur so ergibt es einen Sinn. Wenn sie herausfände, was in Tara vorgeht, könnte sie uns helfen, den Spieß herumzudrehen. Einer von uns wird sich auf den Weg ins Ausbildungslager begeben. Er wird vorgeben, überlaufen und sich Mulvaneys Highlandern anschließen zu wollen. Dort angekommen, wird er ihr alles erzählen, was wir hier entdeckt haben. Sie muß erfahren, was sich hier abspielt, und vor allem, was sich hier noch abspielen soll.«
Jakes Stirn war tief zerfurcht. »Sie sind sich ja wohl im klaren, daß Sie uns da ein enormes Risiko zumuten. Wenn Sie sich irren, erfährt sie, daß wir von ihren Plänen wissen. Ganz davon abgesehen, was mit uns passieren wird, wenn wir ihnen geradewegs in die Hände laufen.«
»Aber ich irre mich nicht, und das wissen Sie auch, Jake… In Wahrheit wissen Sie das alle. Wenn Mulvaneys Highlander die Seiten wechseln, haben weder Catelli noch die 3. Royals eine Chance.«
»Vielleicht sollten wir Oberst MacLeod um seine Meinung fragen«, schlug Frutchey vor. »Ich meine, das ist wirklich ein großes Risiko, nicht nur für uns, sondern für das ganze Regiment.«
Jaffray schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Teufel, wir können jeden Moment entdeckt werden, und damit wären all unsere Pläne Makulatur. Nein. Wir müssen handeln, und zwar sofort. Ich akzeptiere die volle Verantwortung für diese Entscheidung.«
Ich weiß, daß ich recht habe. Alles spricht dafür. Ich kann nur hoffen, daß wir Mulvaney erreichen.
»Ich werde gehen«, erklärte Commander Füller. »Ich kenne sie am längsten. Mir wird sie zuhören.«
»Nein«, schnitt Jaffray ihm das Wort ab. »Ich habe eine bessere Idee.«
Ich wünschte, ich könnte selbst gehen…
»Es gibt jemanden, dem sie noch eher glauben würde.« Er wandte sich an Pluncket. »Sir, Sie und Major Mulvaney stehen sich ziemlich nahe, nicht wahr?«
»Ich, Laddie? Aye«, meinte Pluncket und klopfte auf sein künstliches Bein. »Aber ganz offen gesprochen, es ist lange Jahre her, daß dieser Krieger ins Feld gezogen ist. Und Spionage war noch nie meine Stärke.«
»Wenn einer von uns geht, könnte Mulvaney einen Trick oder eine Falle vermuten. Wenn Mister Pluncket vor ihrer Tür auftaucht, wird sie wissen, daß er nie versuchen würde, sie in einen Hinterhalt zu locken.«
»Bist du sicher, Laddie? Ich altes Kampfmuli war schon lange nicht mehr im Einsatz.«
»Ich bin sicher, Pluncket. Jake, als wir in die Stadt eingedrungen sind, habe ich am Stadtrand einen Rotunda-Panzerwagen gesehen. Erinnern Sie sich?«
»Ja.«
»Wie stehen die Chancen, daß Sie und Frutchey zurückschleichen und den Wagen stehlen können?«
Frutchey und Füller grinsten einander an. Offensichtlich lag ihnen diese Aufgabe. »Das schaffen wir schon.«
»Gut. Lassen Sie sich nicht aufhalten. Mister Pluncket, Sie begleiten die beiden. Nehmen Sie den Wagen und fahren Sie zum Ausbildungslager. Ich weiß, es ist nur eine Ahnung, und ich würde Sie nicht darum bitten, wenn ich meiner Sache nicht so sicher wäre. Mulvaney ist der Angelpunkt. Wenn es Ihnen gelingt, sie umzudrehen, bricht der ganze Davion-Plan zusammen.«
»Ich werde versuchen, Sie nicht zu enttäuschen, Major«, meinte Pluncket.
»Davon bin ich überzeugt. Wenn Sie Mulvaney sehen, würden Sie ihr eine Nachricht von mir überbringen?«
»Sir?«
»Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, hat sie erklärt, ich könnte den Ort für unser nächstes Treffen bestimmen. Sagen Sie ihr, es ist Tara. Sie wird es verstehen.«
So oder so, Mulvaney wird herkommen, entweder, um sich selbst von der Lage zu überzeugen, oder um mich aufzuhalten. Auf jeden Fall werde ich diesen Kampf ein für allemal zu Ende bringen.
Der alte Unteroffizier nickte. »Verstanden, Sir«, gab er zackig zurück, und nach dem Funken in seinen Augen zu urteilen, hielt Loren es durchaus für möglich, daß der alte Soldat damit wirklich recht hatte.

32

Südlich von Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


17. Oktober 3057


Loren kletterte aus dem Wasser und legte sich das Badetuch um die Hüften. Auf langen Feldzügen war ein Bad ein seltener Luxus, aber selbst nach diesen Maßstäben hatte er das Gefühl, vor Schmutz zu stinken. Gelegentlich bot das Feld-HQ eines Regiments eine entsprechende Möglichkeit, aber diesmal hatte Loren sich mit einem Tümpel am Rand des Sumpfgebiets begnügen müssen. Er hegte ernste Zweifel am Wert der Desinfektionsmittel und des Deodorants in seiner Feldausrüstung, aber er sprühte sie trotzdem auf, weil er wußte, er würde sich dadurch besser fühlen.

Die letzten Tage waren weder für ihn noch für seine Lanze einfach gewesen. Wenn sie sich zu lange an einem Ort aufhielten, riskierten sie entdeckt zu werden, deshalb hatte er die Lanze in Bewegung gehalten. Sie hatten die Sümpfe umgangen und waren noch mehrmals nach Tara vorgedrungen. Bei jedem Besuch konnten sie weitere Daten und Informationen sammeln. Frutchey und Füller hatten Laserbilder vom Kohler-Raumhafen geschossen und weitere Bestätigungen für Mister Plunckets Geschichte gefunden. Es wurden tatsächlich Frachtraumer entladen, und die Gefechtsraumschiffe der 3. Royal Guards waren verlegt worden, um ihre Vernichtung zu verhindern.

Seine Lanzenkameraden ahnten nichts davon, aber Loren hielt ihren Weg und ihre Haltepunkte sorgfältig fest. Während ihrer Halts verbrachte er viel Zeit in seiner Pilotenkanzel und führte serienweise Berechnungen aus. Dafür gab es gute Gründe. Weit über ihm, zwei Stunden Flugzeit vom Planeten Northwind entfernt, warteten die Todeskommandos an ihrem Piratensprungpunkt auf seine Anweisungen. Es würde schwierig werden, mit ihnen in Kontakt zu treten, aber er glaubte, einen Weg gefunden zu haben.

Auf dem Weg zum Gallowglas rieb Loren sich den immer dichter werdenden Stoppelbart. Sorgen machte ihm vor allem, daß die Royals inzwischen eigene Erkundungsmissionen starteten. Ohne Zweifel durch den Tod der Soldaten im Friedenspark aufgeschreckt, bauten sie das Sicherheitsnetz um Tara mit jedem Tag weiter aus, was Loren zwang, sich immer weiter zurückzuziehen.

Sie wissen nicht, ob Plunckets Rettung Zufall oder organisierter Widerstand war. Wahrscheinlich werden die Guardsoffiziere allmählich nervös. Sie bekommen Angst, ihre kleine Überraschung könnte verraten werden. Gut. Schwitzen sollen sie. Vielleicht machen sie einen Fehler.

Vor allem die plötzliche Funkstille zwischen Lorens Einheit und dem Rest von MacLeods Truppen hatte Loren überrascht. Um eine Entdeckung zu vermeiden, untersagte der Oberst nach dem ersten Kontakt jede weitere Kommunikation. Bis die beiden Gruppen sich wieder vereinigten, konnten sie nicht mit einer Reaktion auf ihre Meldungen rechnen. Trotzdem schickte Loren weiter Daten auf den Weg, in der Hoffnung, daß irgendwer im Regiment sie auffing und analysierte.

Am westlichen Horizont ragten die Rockspire Mountains auf, und Loren starrte zu den düsteren zerklüfteten Gipfeln hoch.
Irgendwo da oben ist Mulvaney… und hoffentlich auch Pluncket. Sie ist aus eigener Entscheidung da oben. Er ist auf meinen Befehl gefahren, aber er selbst schien es auch für eine gute Idee zu halten.
Seit der Unteroffizier sie verlassen hatte, fragte Loren sich, wie Plunckets Mission wohl ausgehen würde. Er hatte die Karten studiert und wußte, daß der Panzerwagen das Lager über die Straße schnell erreicht haben mußte.
Aber wie würde Mulvaney auf Plunckets Informationen reagieren? Hatten Catelli oder Bradford sie schon einer solchen Gehirnwäsche unterzogen, daß sie nicht mehr auf die Seite MacLeods und der übrigen Highlanders zurückkehren konnte?
Vor dem Abbruch der Kommunikation hatte er dem Regiment auch die Einzelheiten dieser Mission zukommen lassen. Wie würde MacLeod darauf reagieren? Der Oberst war die Verkörperung der Highlanders und ihrer langen, illustren Geschichte. In dieser Hinsicht erinnerte er Loren an seinen Großvater. Er hatte immer großen Wert auf dessen Weisheit und Zustimmung gelegt.
Er kletterte gerade die Sprossen am Rumpf des Gallowglas hoch, als er aus dem offenen Cockpit ein leises Schrillen hörte. Das Notfunksignal. Wie lange hatte er herumgestanden und gebrütet, während seine Lanzenkameraden versucht hatten, ihn zu erreichen? Loren machte sich Vorwürfe. Er konnte sich keine Nachlässigkeiten leisten. Jetzt nicht. So schnell er konnte hastete er nach oben in die Kanzel und schaltete den Lautsprecher ein.
»Jaffray hier«, meldete er sich, während er das Badetuch beiseite warf und die Shorts anzog.
Statik krachte aus dem Lautsprecher, gefolgt von einer undeutlichen Stimme, als der Bordcomputer die verschlüsselte Sendung entzerrte. »Carey hier. Zielobjekte im Anmarsch, Richtung drei-zwo-zwo, Entfernung ungefähr fünnef Kilometer.«
Loren fuhr den Fusionsreaktor hoch und zog den Neurohelm über den Kopf und auf seine Schultern. »Ich fahre hoch. Frutchey, haben Sie eine Bestätigung?«
»Ja, Sir«, meldete sich der junge Commander. »Ich habe die Zielobjekte in der Ortung. Ich erfasse vier, nein, Korrektur, fünnef Mechs.«
»Versuchen Sie, auf ihre rechte Flanke zu kommen, David«, sagte Carey. »Ich erfasse insgesamt acht Mechs in der Fernortung, leicht bis mittelschwer, schnell vorrückend, in Zangenformation.«
»Nichts zu machen, Madam. Zwei von denen, die ich orte, dringen ins Moor vor und schneiden mir den Weg ab. Meine größte Erfolgsaussicht besteht darin, nach Norden zu gehen und zwischen Sie und den Major zu kommen.«
Loren brachte die Wärmetauscher in Aktion und schaltete die Sicherheitsvorkehrungen ab, um den Gallowglas so schnell wie möglich in Gang zu bringen. Der Mech erwachte bebend zum Leben, und Loren bewegte ihn vorwärts in das Sumpfwasser, in dem sein Pilot Minuten zuvor noch gebadet hatte.
Wenn es die 3. Royals sind, haben sie diese Einheit einen weiten Umweg machen lassen, damit sie in unseren Rücken kommen. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sie herausfanden, wo wir stecken. Wenn sie es darauf anlegen, können sie uns bis in die Stadt treiben, wo wir keine Chance mehr haben.
»Frutchey, sie legen es genau darauf an, Sie nach Norden zu treiben. Damit säßen wir zwischen ihnen und ihrer Hauptstreitmacht in der Stadt fest. Halten Sie die Stellung. Carey und ich kommen zu Ihnen, und wir versuchen, nach Süden durchzubrechen, bevor sie ihre Stellung absichern können.«
»Verstanden, Sir«, reagierte Carey. »Halten Sie die Röcke fest, Mister Frutchey. Die Kavallerie ist unterwegs.« Loren starrte auf seine Fernortung und sah die Linie der von Süden anrückenden Mechs ebenso wie die Positionen seiner Maschinen. Füller und sein Dunkelfalke waren in Careys Nähe und bewegten sich ebenfalls nach Süden, aber trotzdem sahen sie sich einem fast doppelt so kampfstarken Feind gegenüber. Das Gelände würde ihnen nicht genug Vorteil verschaffen, um diesen Unterschied auszugleichen.
Aber vielleicht war das auch gar nicht nötig. »Frutchey, hier ist Jaffray. Sie haben sie jetzt in der Nahortung. Überprüfen Sie die Transpondersignale der Zielmechs. Tempo!«
Es folgte eine lange Pause, in der Loren Careys Fallbeil auf dem schwerfälligen Marsch durch den Sumpf sichtete. Weiter entfernt brach Füllers Dunkelfalke durch eine Baumgruppe. Lorens Puls beschleunigte sich, als sie den mysteriösen fremden Mechs immer näher kamen. Seine Sensoren zeigten ihm, daß die Angreifer die Schlinge zuzogen, aber das Moor bremste sie.
»Sir! Es sind Highlander. Ich empfange die Kennung von den MacLeod's Highlanders!« brüllte Frutchey.
»Bist du sicher, Blechkopf?« fragte Füller.
Plötzlich unterbrach eine vertraute Stimme den Funkverkehr und zerschnitt die Spannung wie ein Messer. »Major Loren Jaffray«, erklang Oberst MacLeods vollklingende Stimme.
»Jaffray meldet sich zur Stelle, Sir«, erwiderte Loren, während er zusammen mit Carey kurz hinter Frutcheys Kriegshammer zum Stehen kam.
»Hier spricht MacLeod, Laddie. Ich weiß es zu schätzen, daß Sie die Stellung gehalten haben. Wir sind da.«
Loren stieß in einem langen Seufzer der Erleichterung die Luft aus, aber das reichte nicht, seine ganze Anspannung zu lösen. MacLeods Ankunft überraschte ihn in mehrerlei Hinsicht. Seine Ankunft Tage früher als erwartet bedeutete, daß er seine Truppen hart angetrieben haben mußte, um hierher zu kommen. Möglicherweise hatte er sogar Mechs vom Sturm auf das Kastell abgezogen. Es war eine beeindruckende Leistung, die Bände sprach, was die Führungsqualitäten des Highlander-Kommandeurs anging.
Jetzt würde er erklären müssen, warum er Mister Pluncket in die Berge zu Mulvaney geschickt hatte. Major Huff würde damit ganz sicher nicht einverstanden sein. Wie konnte sich Loren sicher sein, daß selbst MacLeod diese verzweifelte Entscheidung mittragen würde?

33

Südlich von Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth


17. Oktober 3057


Alle vier Mitglieder von Jaffrays Erkundungslanze standen im Schatten einer ausladenden Weide, während Oberst MacLeod ihre Ergebnisse durchging. Hauptmann Dumfries, der Nachrichtendienstoffizier des Regiments, und einer seiner Adjutanten waren ebenfalls anwesend und studierten die Notizen und Laserbilder der Lanze. Beide Männer schienen die Informationen wie einen kostbaren, empfindlichen Schatz zu behandeln. MacLeod sagte lange nichts. Anscheinend überdachte er seine Möglichkeiten. Mehrmals drehte er sich zu Dumfries um, und die beiden unterhielten sich flüsternd, während sie die Karten betrachteten.

»Sie haben alle eine bemerkenswerte Arbeit geleistet«, meinte MacLeod schließlich zu Loren. »Ihre Geländedaten haben uns geholfen, das Regiment Tage vor dem geplanten Zeitpunkt hierher zu schaffen. Und was noch viel wichtiger ist, Sie haben eine Falle aufgedeckt, die Tausende Highlander und unsere Angehörigen in der Stadt das Leben gekostet hätte. Das ist eine enorme Leistung, und ich möchte Ihnen allen für die getane Arbeit danken. Ich weiß, die Funkstille war hart für Sie, aber Sie verstehen sicher, daß wir das Risiko nicht eingehen konnten, die Royals von unserem Anmarsch zu informieren.«

Loren entspannte sich etwas, als er in die stahlgrauen Augen des Highlander-Kommandeurs blickte. »Sir, wie ist es beim Kastell gelaufen?«

»Wir haben etwas länger gebraucht als erwartet, aber als wir einmal in den oberen Tunneln waren, blieb der Rest nur noch eine Frage der Zeit. Die Gurkha-Infanterie hat wie üblich eine gute Leistung gezeigt. Ich habe einen Teil unserer schwereren BattleMechs schon hinter Ihnen her in Marsch gesetzt, während der Rest noch den Bunker überwachte. Zum Schluß stellte sich heraus, daß wir es nur mit zehn Mechs und zwei Infanteriezügen zu tun hatten. Wie Sie vorhersagten, Major, haben unsere Gegner den größten Teil ihrer Truppen ins Ausbildungslager in den Bergen gebracht. Sie haben den längeren Weg genommen, aber jetzt sitzen sie nur ein paar Tagesreisen außerhalb von Tara.«

Die Nachricht bereitete Jaffray eine gewisse Befriedigung. Major Huff hatte darauf beharrt, daß Catelli und Mulvaney nicht in die Berge ziehen würden. Es war beruhigend zu wissen, daß er, Loren, die ganze Zeit richtig gelegen hatte.

»Wie haben Sie es geschafft, das Regiment hierher zu bringen, ohne von den 3. Royals entdeckt zu werden?«
Wenn die Davions MacLeod's Highlanders beim Marsch auf Tara geortet hätten, wären sie mit geballter Macht gegen sie ausgerückt.
Der Oberst strahlte vor Stolz. »Durch einen Taschenspielertrick. Wir haben die Mechwracks beider Seiten genommen und haben sie am Flußufer und oberhalb der Fälle umherbewegt. Unsere Techcrews haben sie von einem Ende des Flusses zum anderen geschleppt, neu positioniert und sogar über Nacht neu lackiert. Ein paar haben wir mit Bergegutwaffen ausgestattet, so daß die Davions bei jedem Vorbeiflug den Eindruck bekamen, daß sich jede Menge unterschiedlicher Mechs im und um das Kastell zu schaffen machten. In Wirklichkeit schlichen wir uns auf Ihrer Spur durch den Wald.«
»Sie sind also die Vorhut vom Rest des Regiments?«
MacLeod nickte. »So kann man es ausdrücken. Sie müssen sich natürlich klar machen, daß unsere Panzer für das Gelände zwischen hier und dem Kastell nicht geeignet sind. Ich habe sie den Tilman hoch geschickt, wo sie den Eindruck erwecken, wir wären auf dem Marsch zum Lager… genau wie Catelli und Mulvaney es gehofft haben. Um die Illusion komplett zu machen, mußte ich ihnen ein paar unserer leichteren Mechs mitgeben, aber ich bezweifle, daß die Davions es schon durchschaut haben. Leider ist es aber ein weit langwierigeres Unterfangen, ein ganzes Regiment unbemerkt zu bewegen als eine einzige Mechlanze. Die Einheit ist ziemlich auseinandergezogen, doch hat mir Major Huff versichert, daß wir in voller Stärke antreten werden, wenn die Füsiliers aufsetzen.«
»Die Zeit läuft uns davon, Sir«, drängte Carey. »Die Stirling's Füsiliers werden pünktlich eintreffen, das heißt in drei Tagen. Sie haben unsere Berichte gelesen. Wenn Sie sich zur Landung auf den Raumhafen locken lassen, werden sie in einer gewaltigen Explosion sterben.«
MacLeod schüttelte entschieden den Kopf. »Carey, ich garantiere Ihnen, dazu wird es nicht kommen. Nicht, solange ich am Leben und zum Kampf bereit bin. Hauptmann Dumfries und ich haben einen Plan ausgearbeitet. Angesichts der Kräfteverhältnisse ist er allerdings recht riskant.«
Loren trat einen Schritt vor. »Was sollen wir tun, Sir?«
»Im Grunde ist der Plan ganz einfach. Am Anfang dieses kleinen Unternehmens hat Marschall Bradford mein HQ und meine Funkanlage zerstört. Nun, ich plane, ihm diesen Gefallen doppelt und dreifach zurückzuzahlen. Wir werden Tara aus drei Richtungen gleichzeitig angreifen. Zwei Attacken werden Finten sein, mit dem Ziel, die Davion-BattleMechs aus ihren Verstecken zu locken. Die dritte Einsatzgruppe wird in den Friedenspark vorstoßen. Dort angekommen, führt sie einen von zwei Aktionsplänen durch. Priorität hat der Versuch, den Funkwagen unter Kontrolle zu bringen und Oberst Stirling vor der Falle zu warnen. Falls es nicht gelingt, den Wagen intakt zu erobern, wird das Team ihn zerstören, in der Hoffnung, daß diese Aktion Stirling rechtzeitig warnt, nicht in Tara aufzusetzen. Ehrlich gesagt, würde ich lieber die Sendeanlage im Fort oder am Raumhafen benutzen, aber wir haben zuwenig Truppen, um eine davon in der uns noch verbleibenden Zeit wieder in Besitz zu nehmen.«
Loren war beeindruckt. »Hört sich gut an, Sir.« Der DavionMarschall würde niemals einen solchen Schlag der Highlander erwarten.
»Cat Stirling wird auf jeden Fall eine Art verbale Bestätigung verlangen, bevor sie die Schiffe aufsetzen läßt, ganz besonders an einem so offen einsehbaren Landeplatz wie dem Raumhafen«, fuhr MacLeod fort. »Ich gehe davon aus, daß der Davion-Geheimdienst eine Methode gefunden hat, meine Anwesenheit vorzutäuschen. Unsere einzige Hoffnung besteht also darin, ihr eine direkte Warnung zukommen zu lassen – eine Warnung, wonach sie alle sonstigen lassen – eine Warnung, wonach sie alle sonstigen Anweisungen anzweifeln wird, die ihr die Davions unterzujubeln versuchen.«
»Aber wenn sie die Warnung in den Wind schlägt und trotzdem auf dem Raumhafen…«, wandte Loren ein.
»Ich kenne Cat Stirling seit Jahren. Sie ist fast krankhaft mißtrauisch. Ich verlasse mich ebenso sehr auf ihre Intuition wie auf Sie, Loren.«
»Sie können sich auf uns verlassen, Sir.«
MacLeod grinste breit. »Gut. Und die Kenntnisse Ihrer Lanze über den Friedenspark und die momentanen Truppenstellungen dort machen Sie zur ersten Wahl für die Leitung dieses Angriffs.«
Loren hatte gehofft, daß MacLeod das sagen würde.
Eine Angriffsaktion in einer großen Schlacht zu leiten, ist um vieles ehrenhafter als mein Leben bei einer Ablenkungsaktion zu riskieren.
Dumfries kam näher und mischte sich in das Gespräch ein. Sein Einsatzkilt war vom langen Tragen schmutzig und zerknittert.
»Der Oberst und ich sind der Ansicht, daß der Schlüssel zum Erfolg dieser Mission in der Wahl des richtigen Zeitpunktes liegt. Wenn wir zu früh losschlagen, riskieren wir, auf die volle Schlagkraft der 3. Royal Davion Guards RKG zu treffen. Sie könnten uns auslöschen und die Füsiliers anschließend doch noch in den Hinterhalt locken. Warten wir zu lange, so bedeutet es das Ende für unsere Brüder und Schwestern. Wir müssen zuschlagen, sobald die Füsiliers die Umlaufbahn verlassen.«
MacLeod unterbrach. »Wir haben auch ein paar tragbare Störsender sowie einzelne fahrbare leichte Sets. Wir werden versuchen, die 1. Gurkhas zum Raumhafen zu bringen, damit sie verhindern, daß der Sprengstoff versehentlich ausgelöst wird. Aber das ändert nichts an der Lage. Wir haben keine Garantie, daß sie durchkommen, und selbst wenn sie es schaffen, können sie möglicherweise nicht den ganzen Raumhafen sichern. Wenn es ihnen nicht gelingt, die Füsiliers umzulenken, werden sie eine leichte Beute für die VerCommies werden.«
Commander Füller pfiff durch die Zähne. »Das gibt uns wenig Zeit. Wenn sie erst einmal aus dem Orbit scheren, sind sie 45 Minuten später am Boden. Wir müssen ihnen die Warnung verdammt schnell zukommen lassen, wenn sie nicht wie Tontauben auf dem Schießstand enden sollen.«
»Sir«, unterbrach ihn Carey, »wie viele Truppen haben wir zur Verfügung?«
MacLeod sah auf seinen Compblock. »Wenn alles läuft, wie geplant, und wir weiter unentdeckt bleiben, wohl zwanzig bis vierundzwanzig Mechs und drei Infanteriezüge zur Unterstützung.«
Frutchey meldete sich zu Wort. »Nach dem, was wir im Friedenspark geortet haben, dürfte das ausreichen, um die Verteidiger dort zu erledigen. Vielleicht wird das ja doch noch ein Spaziergang.«
MacLeod schüttelte den Kopf. »Ich enttäusche Sie nur ungern, Commander, aber das ist die Gesamtzahl der Mechs, die uns zur Verfügung stehen. Ein Teil davon wird bei den Ablenkungsangriffen benötigt. Damit bleiben Ihnen zwei komplette Lanzen und die GurkhaInfanterie.«
Frutchey zog die Brauen hoch und zuckte die Achseln. »Ich hab wohl zu früh das Maul aufgerissen.«
MacLeod strich sich über den Bart und betrachtete seine Krieger.
»Wie ich schon sagte, Sie haben beachtliche Arbeit geleistet. Aber jetzt muß ich noch mehr von Ihnen verlangen. Dieser Angriff wird nicht leicht werden, aber wir haben zwei Tage Ruhe, bevor wir in den Kampf ziehen müssen. Lassen Sie uns das Lager abbrechen, abziehen und unsere Mechs tarnen. Es liegt noch viel Planungsarbeit vor uns, wenn das hier ein Erfolg werden soll.«
Der Oberst salutierte und ließ die Offiziere wegtreten. Auch Loren wollte gehen, aber der ältere Highlander bedeutete ihm zu bleiben.
»Sie wollten mich sprechen, Sir?« fragte er leise.
Das muß wegen Pluncket und Mulvaney sein. Er hat sich wohl entschlossen, mich privat zurechtzuweisen, um mir die Erniedrigung vor den anderen zu ersparen.
»Ich nehme an, Sie wissen, weshalb.«
»Ja, Sir, ich denke schon. Und ich möchte festhalten, daß ich die volle Verantwortung für mein Handeln übernehme. Was ich getan habe, mag hier und jetzt falsch erscheinen, aber ich bin davon überzeugt, daß es das Risiko wert war. Ich glaube, wenn Mulvaney die Wahrheit erfährt, wird sie den Kampf gegen uns einstellen und sich möglicherweise sogar gegen die Davions kehren.«
MacLeod lachte laut und schlug Loren auf die Schulter. »Denken Sie, ich wäre verärgert über Ihre Aktion, Lad?«
Loren war verwirrt. »Sind Sie das nicht?«
»Überhaupt nicht. Ich wußte nie, was ich von Ihnen halten sollte, aber Sie haben sich als ein Ehrenmann bewiesen. Selbst Hardliner wie Huff sehen in Ihnen inzwischen keine Bedrohung mehr, sondern eine Bereicherung, auch wenn er das nie zugeben würde. Der Zug war ein Meisterstück. Mulvaney ist immer noch eine Highlanderin, egal, was die Davions versucht haben, ihr einzureden. Ich weigere mich zu glauben, daß sie ihrem Volk den Rücken zugekehrt hat oder dazu auch nur in der Lage wäre.«
»Danke, Sir.«
»Nein, Laddie, ich habe zu danken.« MacLeod drehte sich um und sah hinaus über das Moor zu seinem Huronen, der tief im Schlamm und Brackwasser auf ihn wartete. »Sie haben mich an etwas erinnert, was ich als waghalsiger junger Commander bei Oberst Marions Regiment gelernt habe.«
»Was war das, Sir?«
MacLeod starrte in die Ferne, als suche er zwischen den wuchtigen Baumstämmen und den Moorflächen nach seinen Erinnerungen. »Marion war ein Teufel. Er hat uns Kadetten Tag und Nacht gedrillt. Und andauernd hat er uns eingeschärft: ›… der Schlüssel zum Sieg besteht darin, über euren Feinden zu stehen. Wenn ihr über dem Gegner steht, könnt ihr eine Schlacht nicht verlieren.‹ Zwei Jahre lang dachte ich, er redet von Geländevorteilen – Hügel, Bodenwellen und dergleichen. Für mich ergab das einen Sinn. Ich war noch ein grüner Junge, voller Kampfgeist und Übermut.« MacLeod drehte sich zu Loren um, und plötzlich lagen Alter und Müdigkeit in seinem Blick. »Bevor wir die Konföderation Capella im 4. Nachfolgekrieg verließen, wurden wir auf Ningpo in ein Scharmützel verwickelt. Es war eine üble Serie von Gefechten auf den Ebenen des Planeten. Ironischerweise kämpften wir damals gegen die 3. Davion Guards RKG.«
»Dieselbe Einheit wie heute.«
»Zweimal in einem Leben sollte für jeden Kommandeur genug sein. Jedenfalls waren wir in ein Gefecht mit den Guards verstrickt, als der Oberst auf einer kleinen Lichtung zu mir stieß. Auf dem Hügel über uns standen drei Davion-BattleMechs, die von einer anderen Kompanie in die Mangel genommen und als ungefährlich abgeschrieben worden waren. Sie stellten kaum mehr dar als radioaktiver Müll, als wir sie bei dem Versuch entdeckten, zurück zu den eigenen Linien zu flüchten. Ich erinnere mich, daß ich sie mit den LSR meines Schützen anvisiert und die Raketen scharf gemacht hatte, als der Oberst mir signalisierte, ich sollte sie ziehen lassen.«
»Warum?«
MacLeod lachte in sich hinein. »Er sagte mir, ich sollte ›über dem Gegner stehen‹. Ich habe ihm geantwortet, genau die Position wolle ich mir verschaffen. Damals hat er mir erklärt, was er wirklich damit gemeint hat. Sehen Sie, Loren, er hat nicht von Geländevorteilen gesprochen. Es ging ihm um die moralische Überlegenheit. Darum, einen höheren moralischen Standard aufrechtzuerhalten als der durchschnittliche MechKrieger. Die Krieger, auf die ich gezielt hatte, stellten keine Bedrohung dar und waren nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Oberst Marion hat mir erklärt, daß ich als Highlander ein Vorbild für andere sein mußte. Erst das macht einen Menschenführer aus. Seitdem habe ich versucht, meine Schlachten aus dieser Position heraus zu schlagen, über meinem Gegner stehend, auf der Seite des Rechts. Ich habe mich immer für das eingesetzt, was ich als richtig empfand, auch gegen eine Übermacht, und das war nicht immer populär. Und Mulvaney habe ich beigebracht, was ich von Oberst Marion gelernt habe. Sie wird zurückkommen.«
Loren schwieg eine Weile, bevor er antwortete.
»Ich möchte mich für die Chancen bedanken, die Sie mir gegeben haben, Oberst. Ich habe Dinge getan, von denen ich als Kind geträumt habe, bin mit dem Regiment unserer Familie in den Kampf gezogen. Nicht nur gegen einen gemeinsamen Feind, sondern als Teil der Highlanders. Das bedeutet mir mehr, als ich in Worte fassen kann, Oberst. Ich wünschte nur, mein Großvater wäre noch am Leben, um sehen zu können, wie ein Jaffray in den Reihen der Highlanders steht.«
»Er wäre stolz auf Sie, Loren. Aber mir fällt auf, daß Sie regelmäßig von Ihrem Großvater reden, aber nie von Ihrem Vater.«
Loren senkte den Kopf und sah zu Boden.
»Mein Vater und mein Großvater waren kaum jemals einer Meinung. Wahrscheinlich ist das nichts Ungewöhnliches zwischen Vater und Sohn. Er fand, daß Großvater zuviel Wert auf die Northwind Highlanders und zu wenig auf das Haus Liao und die Konföderation legte. Und ab er alt genug war, trat mein Vater ins Capellanische Heer ein und meldete sich zu den Todeskommandos. In meiner Jugend war er meistens unterwegs. Ich habe ihn nie richtig kennengelernt. Ich weiß nur, daß er in Ehren gefallen sein soll. Als die Kommandos mir eine Stelle in ihren Reihen anboten, habe ich angenommen, nicht zuletzt, weil es die Einheit meines Vaters gewesen war. Jetzt fühle ich mich hin und hergerissen zwischen der Konföderation und den Highlanders. Ich hoffe, ich kann meinem Vater und meinem Großvater Ehre machen… soweit das möglich ist.«
»Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Loren. Machen Sie sich keine Sorgen um das Angedenken Ihrer Familie. Es wird Zeit für Sie, sich einen eigenen Platz in der Geschichte zu erkämpfen. Der einzige Ausgleich, der zählt, ist der in Ihrem Innern. Wenn Sie irgendwann morgens aufwachen und sich nicht mehr im Spiegel betrachten können, haben Sie versagt. Und der Versuch, die Erwartungen anderer zu erfüllen, ist ein sicherer Weg dorthin. Sie haben Kampfgeist und die Fähigkeit, einen Schlachtplan zu improvisieren. Sie scheinen in der Lage zu sein, sich in den Gegner einzufühlen, und das ist eine wertvolle Gabe. Und Sie haben die Fähigkeit, über dem Gegner zu stehen. Würde dem nicht so sein, wäre es Ihnen nicht in den Sinn gekommen, Pluncket auf die Suche nach Mulvaney zu schicken. Sie haben all meine Hoffnungen bestätigt. Nur eine Sache verstehe ich nicht…«
»Und die wäre, Oberst?«
»Warum sind Sie nicht selbst zu Chastity aufgebrochen?«
Warum bin ich nicht selbst gegangen?

Loren starrte den Highlander-Oberst an und wußte nicht, was er antworten sollte.
»Ein Teil von mir wollte gehen, Sir. Mulvaney und ich haben eine Art Haßliebe zueinander entwickelt. Im Flußbett hatten wir einander im Fadenkreuz, aber irgend etwas hat uns gehindert abzudrücken. Ich wußte wohl, daß ich hier dringender gebraucht wurde. Und wenn es jemand gab, dem sie zuhören und glauben würde, dann war das der der alte Pluncket. Wäre ich zu ihr gekommen, hätte vielleicht ein nagender Zweifel bleiben können. Aber die Informationen Mr. Plunckets wird sie ohne Zögern annehmen.«
»Sie scheinen besorgt, und ich bin mir nicht sicher warum. Sie haben getan, was in Ihrer Macht stand.«
»Es ist nicht nur Mulvaney, Sir. Ich habe ein Problem, das Sie möglicherweise als einziger verstehen können. Es gab einen Moment, an dem ich beinahe die Kontrolle über die Lanze verloren hätte. Als die Leute erkannten, was in Tara vor sich ging, und ihre Stadt unter feindlicher Besatzung sahen, schien es eine Weile so, als wollten sie revoltieren.«
»Aber Sie haben sich durchgesetzt.«
»Was mir Sorgen macht, ist die Möglichkeit, daß sich unsere Leute bei diesem Angriff von ihren Gefühlen überwältigen lassen. Gegen diese Übermacht sind wir auf überlegene Planung angewiesen. Wir dürfen nicht in Tara einfallen, um die Davions bis auf den letzten Mann auszulöschen, aber ein Teil unserer Truppen denkt, wir sollten genau das tun. Wenn sie sich nicht an unsere Befehle halten, wird das Unternehmen ein Desaster.«
»Sie wollen sagen, daß Sie ihre Gefühle verdrängen und ihre Pflicht tun müssen. Nun, Major, ich kann Ihnen versichern, genau das werden sie tun. Nicht nur, weil ich es befehle, sondern zum Wohl der Highlanders.«
»Dann brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, Sir.«
MacLeod deutete in Richtung ihrer aus dem Sumpf ragenden BattleMechs. »Es wird Zeit, daß wir uns darauf vorbereiten, uns über einen düsteren Feind zu erheben. Die Zahlenverhältnisse stehen gegen uns, aber uns bleibt keine Wahl.«
Loren nickte langsam. William MacLeod war ein Mann, der gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lebte. Der Kanzler hatte recht damit gehabt, Loren zum Northwind zu schicken. Die Tatsache, daß Jaffray eine Verbindung zu MacLeods Vergangenheit hatte, machte Loren zum perfekten Instrument für die Vernichtung der Highlanders. Er fühlte die vertrauten Zweifel über die Richtigkeit seines Handelns, aber wie bei allen seinen Missionen wußte Loren auch, daß er zum Erfolg verdammt war – oder zum Tod.

Colonel Drew Catelli rannte hinüber zu Mulvaney, die neben der schlanken Silhouette des Panzerwagens stand. Sie trug die üblichen Shorts und die Kühlweste einer Mechpilotin und sprach mit dem geheimnisvollen Fremden, der gerade angekommen war.

Catellis Puls raste. Er hatte extreme Anstrengungen unternommen, um Chastity Mulvaney über die Vorgänge in Tara im dunkeln zu lassen. Seit der Abreise Marschall Bradfords war sie angewiesen, ihm direkten Bericht zu erstatten. Jetzt war in der Abenddämmerung ein Fremder eingetroffen, und Catelli hatte Angst, seine strikte Kontrolle über die Highlanderin könnte sich innerhalb von Sekunden in Luft auflösen.

Verdammte Narren! Ich habe meinen Männern extra befohlen, dafür zu sorgen, daß niemand, der sich unseren Stellungen nähert, Kontakt mit den Highlandern aufnehmen darf. Der verfluchte Posten, der das hier zugelassen hat, steht beim nächsten Angriff in vorderster Front. Darauf kann er Gift nehmen. Wenn Mulvaney erfährt, was die Royals in Tara machen, könnte das unsere gesamte Operation gefährden. Sie würde augenblicklich zuschlagen und meine Truppe angreifen. Ganz davon abgesehen, was sie und ihre Highlander mit mir machen würden. Das darf ich nicht zulassen. Es steht zuviel auf dem Spiel.

Er kam neben Mulvaney zum Stehen und erwartete halb, Loren Jaffray zu sehen. Statt dessen stellte er erleichtert fest, daß der Ankömmling ein Fremder war.

»Oberst Mulvaney«, sagte Catelli, und musterte den Mann von Kopf bis Fuß.
Das ist kein MechKrieger, soviel ist klar.
Der Unteroffizier war vollschlank, und seine Infanteriemontur war von der Reise durchgeschwitzt. An den dunklen Ringen und den Tränensäcken unter seinen Augen war klar, daß er einige Zeit unterwegs gewesen sein mußte, möglicherweise Tage.
»Wen haben wir hier?«
»Colonel Catelli, das ist Mister Pluncket«, stellte Mulvaney in gleichmütigem Ton fest. »Er hat sich über die Straße genähert und seine Absicht zur Kapitulation kenntlich gemacht.«
»Ah ja. Was führt Sie zu uns, Pluncket?«
Der alte Mann warf Mulvaney einen Blick zu, bevor er antwortete. »Sir, ich habe in Oberst MacLeods Regiment gedient, aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß meine Loyalitäten doch eher bei Ihnen und Ihren Davion-Truppen liegen, Sir. Ich habe erfahren, daß Sie zum Ausbildungslager gezogen sind und dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, mich Ihnen anzuschließen. Ich war etwas überrascht, Ihnen so früh zu begegnen, nur zwei Tagesmärsche vom Lager entfernt.«
»Das ist nicht Ihr Fahrzeug, oder?« Catelli war mißtrauisch. Irgend etwas stimmte nicht mit der Geschichte dieses Tattergreises.
»Nein, Sir«, bestätigte Pluncket stolz. »Ich bin Infanterist, wie mein Vater und vor ihm mein Großvater.«
»Ich kenne ihn seit Jahren«, unterbrach Mulvaney. »Ich kann mich für seine Integrität verbürgen.«
Catelli ignorierte ihre Anmerkung und konzentrierte sich auf Pluncket. »Sie kommen in einem Highlander-Panzerwagen hierher. Das ist für jemanden mit Ihrem Hintergrund und Ihrer Ausbildung recht ungewöhnlich.«
»Gestohlen, Sir. Ein guter Infanterist lernt, jeden möglichen Vorteil auszunutzen. Ich bin ein ausgezeichneter Infanterist, Sir.«
»Ich verstehe«, erwiderte Catelli glatt. »Nun, es freut mich, Sie bei uns begrüßen zu können, Mister Pluncket. Uns ist jeder Verbündete willkommen, aber jetzt haben wir genug geplaudert. Wir haben einen Zeitplan einzuhalten.«
Wieder warf der alte Mann Mulvaney einen Blick zu. »Sieht aus, als wären Sie unterwegs nach Tara.«
Catelli nickte. »Wir werden bei den Garnisonsaufgaben helfen. Waren Sie in letzter Zeit in Tara, Mister Pluncket?«
»Nein, Sir. Ich bin durch die Wälder zur südlichen Umgehung vorgestoßen, um hierher zu kommen. Ist Tara nicht neutrales Gebiet?«
»Das war es. Die Lage hat sich geändert. Aus diesem Grunde operieren wir auch unter strengen Sicherheitsauflagen. Deswegen werden Sie sich zur Befragung und Eingliederung bei einer meiner Konsulargarde-Einheiten melden. Wenn Sie in der Zwischenzeit die Vorhut übernehmen würden, Oberst Mulvaney, können wir heute noch ein paar Dutzend Kilometer zurücklegen.«
Schlicht und einfach. Teile und herrsche. Sie dürfen nicht zusammenkommen. Meine Leute werden diesen Truppführer verhören, während ich meine kleine Highlanderin beschäftigt halte.
»Bei allem Respekt, Colonel«, wandte Mulvaney ein. »Ich würde es vorziehen, Mister Pluncket in meine Stabskompanie zu nehmen. Wie ich bereits sagte, kenne ich ihn seit Jahren.«
Um aus einer Laune und einem Versprechen heraus meine Träume in Gefahr zu bringen? Niemals!
»Ich bitte Sie, Oberst. Das ist hier eine militärische Operation, kein gesellschaftliches Ereignis. Sie beide werden reichlich Gelegenheit haben, Ihre Bekanntschaft aufzufrischen, wenn wir erst in Tara sind. Bis dahin gelten die Sicherheitsvorschriften. Schließlich war unser neuester Freiwilliger erst vor kurzem noch bei Oberst MacLeods Truppen. Ich will nur sichergehen, daß wir so schnell wie möglich so viele Informationen wie möglich bekommen.«
Ich bin rechtzeitig gekommen, beruhigte sich Catelli. Wenn Mulvaney etwas von der Falle der 3. Royals wüßte, würde sie jetzt nach meinem Kopf schreien. Und wenn dieser Pluncket irgend etwas weiß, wird er keine Chance bekommen, ihr davon zu erzählen. Sie hat noch keine Ahnung, was geschehen wird, wenn wir die Stadt erreichen, und bis dahin wird es zu spät sein. Nicht mehr lange, und Northwind ist mein, mitsamt seinen kostbaren Highlanders.