22
Tilmantal,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
29. September 3057
»Wie ist der Angriff verlaufen, Sir? Haben wir
schon Nachricht von Winchester?« fragte Chastity
Mulvaney.
»Ihrem vorläufigen Bericht zufolge sind das mobile HQ und die
Kommunikationsfahrzeuge der Highlanders permanent außer Gefecht«,
teilte Marschall Bradford ihr mit. »Außerdem hat sie schwere
Verluste der Highlanders gemeldet. Bis jetzt läuft alles so, wie
ich es geplant hatte.« Ungeachtet der Bedeutung seiner Worte war
Marschall Bradfords Stimme gelassen.
Mulvaney sah hinaus auf den Fluß. Trauer machte sich in ihr breit. Sie konnte das Gefühl nicht verdrängen, direkt oder indirekt die Verantwortung für diese Toten zu tragen. Waren es nicht ihre Informationen gewesen, die den Überfall möglich gemacht hatten? Diese Leute waren ihre Freunde.
Habe ich die richtige Wahl
getroffen? Mein Gott, ich hoffe, dem Oberst ist nichts
passiert.
Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, daß sie auch hoffte, Loren
Jaffray habe den Angriff überlebt.
Marschall Bradford setzte ein dünnes Lächeln auf und warf Catelli
auf der anderen Seite des kleinen Tisches einen wissenden Blick zu.
»Ich weiß, was Sie jetzt fühlen müssen, Oberst Mulvaney.«
»Wirklich, Sir?«
»Ja, Sie haben Schuldgefühle, weil Sie bei der Planung eines
Überfalls auf Ihre früheren Kameraden geholfen haben. Das ist hart.
Aber Sie dürfen diesen Gefühlen nicht nachgeben. Dies ist eine
militärische Operation. Der Überfall war ein legitimer
militärischer Angriff. Hätten wir die Informationen nicht von Ihnen
erhalten, hätten wir sie uns irgendwo anders besorgt. Das
Endergebnis wäre dasselbe gewesen.« »Deswegen braucht es mir nicht
zu gefallen«, schnappte sie. »Ich möchte, daß Sie sich Ihrer
Situation klar sind, Oberst Mulvaney. Sie arbeiten für das
Vereinigte Commonwealth. Hier ist kein Platz für geteilte
Loyalitäten. Bringen Sie Ihre Prioritäten in Ordnung. Ihr
ehemaliger Kommandeur verweigert offen und vorsätzlich die Befehle
seines vorgesetzten Offiziers und seines Lehnsherren. Unsere
Mission ist es, MacLeods Regiment außer Gefecht zu setzen,
basta.«
»Ich bin mir meiner Prioritäten bewußt«, antwortete sie
kalt.
»Als untergeordnete Offizierin sollten Sie sich angewöhnen, zu
überlegen, bevor Sie etwas sagen, Mulvaney. Ich bin kein
HighlanderOffizier, und Sie werden mich anreden, wie es meinem Rang
und meiner Position zukommt. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, Sir. Ich habe verstanden, Marschall«, stellte Mulvaney fest
und nahm sich zusammen. »Ich befürworte den Versuch, MacLeods
Kampfkraft zu zerstören, aber ich bin gegen Attentatsversuche gegen
ihn oder seinen Befehlsstab. Solche Aktionen werden den
Widerstandswillen seiner Truppen nur vergrößern und zu noch
größerem Blutvergießen auf beiden Seiten führen.«
Marschall Harrison Bradford beugte sich über den Tisch und sah ihr
in die Augen. »Das war kein Anschlag auf MacLeods Leben. Es war ein
militärischer Angriff. Aber hören Sie mir jetzt gut zu. Ich werde
alle Mittel einsetzen, die mir zur Verfügung stehen, um den Willen
des Archon-Prinzen Victor Steiner-Davion durchzusetzen. Dies ist
eine militärische Operation, Oberst. Wir sind nicht hier, um uns
beliebt zu machen oder irgendeine clanmäßige Ehrenprüfung zu
bestehen. Möglicherweise haben Sie und MacLeod eine
stillschweigende Übereinkunft darüber, wie Sie diese Schlacht
führen wollen, aber für mich ist das ohne Belang.«
»Ja, Sir.«
Mulvaney machte der Druck, unter dem sie stand, schwer zu schaffen.
Es war nicht nur die Tatsache, daß sie angeblich an der Spitze
einer der wichtigsten Söldnereinheiten der Inneren Sphäre stand,
sondern vor allem, daß die sich in einer Art Bürgerkrieg entzweit
hatte. Diese Anspannung übertraf alles, was sie in ihrer Laufbahn
als stellvertretende Kommandeurin erlebt hatte. Trotz der
offiziellen Ernennung fühlte sie sich keineswegs als Kommandeurin
der Highlanders. Sie fühlte sich nur ganz furchtbar allein. Sie
hatte Oberst MacLeod und den Rest ihrer Einheit nicht verlassen
wollen. Sie hatte keine Wahl gehabt. Es war ein Opfer gewesen. Aber
was auch immer jetzt geschah, Chastity Mulvaney war entschlossen,
sich durchzusetzen. Fehlschläge waren nicht Teil ihres
Wesens.
»Was werden Sie jetzt tun, Sir?« fragte sie.
Harrison Bradford lächelte. Es war eine Geste der Dominanz.
Zumindest für die nächste Zeit hatte er Mulvaney im Griff. »Das
hängt von Ihnen ab und davon, wie MacLeod Ihrer Ansicht nach weiter
vorgehen wird. Ich gehe davon aus, daß alle wichtigen Mitglieder
seines Stabes überlebt haben. Wahrscheinlich konnten wir nur ihre
Kommunikationsanlagen vernichten und ihnen ein paar kleinere
Verluste beibringen. Also, Oberst Mulvaney, davon ausgehend, daß
MacLeod unseren Erstschlag überlebt hat: Wie wird Ihr ehemaliger
Vorgesetzter reagieren?«
Mulvaney überlegte einen Moment, dachte an den Oberst und an alles,
was er ihr beigebracht hatte. »William MacLeod ist ein emotionaler
Mensch. Der Angriff auf seinen Befehlsposten wird ihn aufgebracht
haben. Außerdem ist er frustriert, weil es ihm noch nicht gelungen
ist, uns zu stellen. Ich würde sagen, er bereitet einen Gegenschlag
vor. Wir haben noch etwas Zeit, aber ich könnte wetten, daß er in
ein, zwei Tagen zuschlägt. Er könnte seine Truppen beschleunigt
vorrücken lassen und uns am Flußufer abfangen. Die leichteren
Scoutlanzen und Mechs werden uns zuerst attackieren. Die schwereren
Maschinen können nicht so schnell durch den Wald kommen, was sich
zu unserem Vorteil auswirkt.«
»Er greift uns also von hinten an«, meinte Catelli.
Chastity schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Er ist ziemlich
verschlagen und liebt es, seinen Gegner im Ungewissen zu lassen. Er
könnte eine Vorauseinheit gegen die Mittelsektion unserer Formation
losschicken. Allerdings besteht die Möglichkeit, daß er angesichts
des dichten Waldes und der schnelleren Marschgeschwindigkeit
entlang des Flusses gar keine Wahl hat. Ich würde die Truppen am
Nordufer und die Nachhut verstärken.«
»Ausgezeichnet. Also, ich möchte, daß wir den Spieß umdrehen und
gegen seine Einheiten losschlagen können, wenn sie
auftauchen.«
»Bei allem gebotenen Respekt, Marschall, ich glaube nicht, daß eine
solche Vorgehensweise klug wäre. Selbst mit der Unterstützung der
NAIW-Kröten sind wir ihnen zahlenmäßig und an Feuerkraft
unterlegen. Die Uferstreifen sind breit, aber trotzdem hindern sie
uns daran, unsere volle Stärke schnell genug zum Tragen zu bringen.
Bis wir in Stellung sind, ist MacLeod bereits wieder im Wald
verschwunden. Und mit jeder Minute, die uns der Versuch aufhält,
ihn zu stellen, kommen mehr seiner langsameren schweren Mechtruppen
ins Gefecht. Ihn bei seinem Angriff zum Kampf zu stellen, könnte
sich schnell als fataler Fehler herausstellen.«
»Wie sieht es mit seinen Luft/Raumeinheiten aus?« fragte
Catelli.
Der Marschall suchte den kleinen Stapel Papiere an seinem Platz
nach der entsprechenden Meldung durch. Als er sie fand, grinste er
breit. »Nach den letzten Meldungen haben sie etwa ein Drittel des
Weges zum Nadirsprungpunkt zurückgelegt… Damit sind sie viel zu
weit entfernt, um umdrehen und MacLeod zu Hilfe kommen zu können.
Ich habe unsere Ablenkungsschiffe angewiesen, ihre Position zu
halten und die Highlanders noch weiter von Northwind
fortzulocken.«
»Machen Sie sich keine Sorgen über den Schaden, den die Jäger bei
Ihren Verstärkungen anrichten werden, Marschall?«
Die Miene des Davion-Marschalls blieb unverändert heiter. »Es sind
entsprechende Vorbereitungen getroffen, die sicherstellen werden,
daß meine Einheit unbeschädigt hier eintrifft, Oberst Mulvaney.
Machen Sie sich über die Einzelheiten dieser Operation keine
Gedanken. Helfen Sie uns, mit MacLeods Regiment fertig zu werden,
und ich kümmere mich darum, die Verstärkungen intakt nach Northwind
zu bringen. Bis jetzt war dies ein Konflikt, der als ›Zwischenfall‹
abgehandelt werden konnte. Hätte MacLeod nach der letzten Nacht
kapituliert, könnten wir diese ganze Sache beenden. Aber wenn er
loyale VerCom-Truppen angreift, ist das eine offene
Rebellion.«
»Also, was meinen Sie, Mulvaney? Sollen wir einfach weiter in
Richtung Kastell ziehen?« fragte Catelli.
Die Diskussion wurde immer schmerzlicher für Mulvaney.
Offensichtlich stand die Zukunft der Highlanders auf dem Spiel. »Ja
und nein«, meinte sie vorsichtig. »Wir müssen uns ein, zwei
Überraschungen für MacLeod überlegen, wenn er auftaucht. Wir müssen
ihm eine blutige Nase verpassen, ihm den Rückzug erlauben und ihn
im Glauben lassen, wir setzen ihm nach. Wenn wir unsere Sache
richtig machen, wird er annehmen, daß wir ihm in die Falle gingen.
Und während er denkt, wir verfolgen ihn, ziehen wir mit
Höchstgeschwindigkeit weiter zum Kastell.«
»Haben Sie irgendwelche Vorschläge, wie wir ihn bremsen
könnten?«
Zum erstenmal, seit sie MacLeod's Highlanders verlassen hatte,
lächelte Chastity Mulvaney. »Da wüßte ich tatsächlich was…«
Loren erhöhte die Geschwindigkeit des Gallowglas, der in nahezu völliger Dunkelheit durch das Unterholz pflügte. Zusammen mit dem Rest der Sicherungslanze hatte er sich freiwillig zur Artillerieunterstützung des Überfalls gemeldet. Es gab gegen diese Arbeit nichts einzuwenden. Sie war weitaus angenehmer, als sich am nächsten Tag langsam durch den Wald zum Flußufer schleppen zu müssen. Mit etwas Glück würden sie Mulvaneys Stellungen am Fluß umgangen haben, bis Major Huff in Position war.
Der von MacLeod und Huff ausgearbeitete Schlachtplan war recht akzeptabel, wenn man die nach dem Davion-Überfall geltenden Beschränkungen im Hinblick auf Zeit und Mittel berücksichtigte. Huff würde mit einer Kompanie leichter und schneller mittelschwerer Mechs vorrücken und an beiden Ufern des Tilmans gegen die Nachhut von Mulvaneys Marschkolonnen aktiv werden. Laut der Digitalanzeige in Lorens Cockpit waren es bis dahin nur noch Minuten.
Währenddessen sollte Füllers Lanze, Jaffray eingeschlossen, durch den Wald weiter flußaufwärts rücken. Einige Minuten nach Beginn des Angriffs würde Huffs Einheit versuchen, Mulvaney nach Südosten zu locken. Sobald sie zurückfiel, sollte die Sicherungslanze sie aus dem Wald heraus von der Seite angreifen. Die Zangenbewegung sollte das Ende der Marschkolonne zerschlagen und die Truppen Mulvaneys und Catellis zu einer Verfolgung verleiten… einer Verfolgung, die sie geradewegs der Hauptstreitmacht von MacLeod's Highlanders vor die Geschützläufe trieb.
Oberst MacLeod hatte noch einmal nachdrücklich auf die Gefechtsorder hingewiesen. Catellis Konsulargarde waren Feindeinheiten, die keine Gnade zu erwarten hatten. Was die abtrünnigen Highlanders unter Mulvaneys Befehl anging, galten andere Regeln. Sofern überhaupt möglich, sollte auf tödliche Schüsse verzichtet werden. Hier galt Zurückhaltung als oberste Devise. In der Hitze des Gefechts zwischen BattleMechs, die eine ganze Stadt dem Erdboden gleich machen konnten, würde es kaum möglich sein, Verluste völlig zu vermeiden, aber MacLeod wollte sinnlose Zerstörung möglichst gering halten. Es war fast, als sähe er in diesem Gefecht eine Ehrenprüfung für die Highlander, die das Regiment verlassen hatten.
Loren aktivierte die Nahortung, konnte aber weder ein Zeichen des Flusses noch der Highlander-Renegaten finden. Von der taktischen Karte wußte er, daß er sich in der Nähe ihres Ziels befand, aber bis jetzt war vom Gegner nichts zu entdecken. Egal. Die Schlacht stand unmittelbar bevor. Er konnte es fühlen, riechen, schmecken. Sein Großvater hatte dieses Gefühl ›die sinnliche Erfahrung‹ genannt – eine Kombination aus Hitzewallung mit Schweißausbruch, einem Kribbeln in den Fingerspitzen und einer trockenen Kehle. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß der Kampf gleich losbrechen würde. Loren streckte die Hand aus und wiederholte die Ortung. Diesmal entdeckte er den Rand des Flußufers.
»Los, Purpur. Wiederhole, los, Purpur!« erklang eine Stimme über die Kommleitung. Die Nachricht von Huffs Einheit war das Zeichen dafür, daß er die Nachhut von Mulvaney und Catellis Truppen angriff. Das Gefecht fand mindestens vier Kilometer entfernt statt, aber das Signal bestätigte die ›Sinnliche Erfahrung‹. Lorens Puls beschleunigte sich. Wie geplant stoppte die Sicherungslanze und drehte in Richtung Fluß um. Hier sollten sie volle fünf Minuten abwarten und den Wald ringsum beobachten, bereit, zum Fluß vorzupreschen und geradewegs in die Flanke von Mulvaneys Einheit zu stürmen.
Die Pause dauerte lange genug, um Loren fast in den Wahnsinn zu treiben. Er absolvierte ein detailliertes Diagnoseprogramm für den Gallowglas, um sich zu vergewissern, daß der Marsch durch den Wald die Arbeit der Highlander-Techs nicht zunichte gemacht hatte. Die einzigen angezeigten Probleme waren kleinerer Natur. Trotz seines zerschossenen Aussehens war der Mech mehr als kampfbereit.
»Los, Gold. Sicherungslanze, Code Gold! Los, Gold!« donnerte Commander Füllers Stimme. Endlich war es soweit.
Der Wald war dicht, und bei jedem Schritt auf den Fluß zu mußten die Piloten ihre Kampfkolosse wie riesige Bulldozer einsetzen, die sich einen Weg durch Bäume und dichtes Unterholz brachen. Lorens Nahortung zeichnete einige Infrarotsignaturen, als sie sich dem Ufer näherten, und die Computer identifizierten eine Lanze leichter Galleon-Panzer. Am Reichweitenrand der Sensoren bemerkte Loren einige andere unbestimmte Objekte, aber es ließ sich noch nicht feststellen, worum es sich handelte. Gleichgültig. Er und der Rest der Lanze würden es schon bald erfahren.
Der Gallowglas brach aus der Baumwand heraus auf den hellen Sand des Flußufers, und es war offensichtlich, daß der Angriff nach Plan verlief. Die GalleonLanze befand sich nur wenig weiter flußabwärts von seiner Position und bewegte sich auf einem Zickzackkurs, der es den Panzern erlaubte, öfters zu wenden und auf die vordersten Mechs ins Huffs Einheit zu feuern. Die leichten Panzer waren nicht die einzigen Fahrzeuge, die Loren auf dem Sichtschirm erkannte. Fünf Pegasus-Scoutschwebepanzer huschten über die Fluten des Tilman und hinderten Huff daran, Mulvaney und ihre Davion-Verbündeten völlig zu überrennen. Loren sah, daß die Panzer seine Sicherungslanze, die Anstalten machte, ihnen den Rückzug abzuschneiden, nicht bemerkt hatten.
Dann meldeten die Sensoren plötzlich magnetische Anomalieanzeigen, wie sie für die Magnetflaschen von Fusionsreaktoren typisch waren – Mechreaktoren. Mulvaney und Catelli setzten Verstärkungen gegen Huff und die SchutzLanze ein. Vier leichte und mittelschwere Mechs näherten sich von flußaufwärts. Füllers Lanze blieben nur noch wenige Minuten.
»Konzentriert das Feuer auf die Schweber und Galleons«, drang Füllers Stimme über die Leitung. »Auf mein Signal drehen wir um und heizen den Babys ein. Und drauf, Jungs und Mädels!« Loren senkte die Extremreichweiten-PPK und feuerte auf einen der beiden Pegasus-Schwebepanzer, die auf dem Weg ans entfernte Flußufer waren, um Huffs Mechs aus der Flanke anzugreifen. Noch zehn Jahre zuvor wäre der Luftkissenpanzer zu weit entfernt gewesen, aber die neuen Modifikationen der Partikelkanone gestatteten Loren, sein Ziel zu treffen. Der grellblaue Energieblitz schnitt durch den Schweber und das Wasser, und er schleuderte mit lautem Krachen eine Wolke aus Dampf und zerkochter Panzerung in die Luft. Die Wucht des Einschlags reichte aus, den Pegasus ans Ufer zu schleudern, wo er gegen einen Baumstamm raste und abrupt zum Stehen kam.
Jetzt wußten die Besatzungen der beiden Davion-Schweber, daß die Sicherungslanze eingetroffen war. Füllers Dunkelfalke löste die Sprungdüsen aus und sprang auf die Galleons zu, die wendeten, um sich der neuen Bedrohung zu stellen. Für die Davion-Panzer machte es eher Sinn, die vier Mechs der SchutzLanze anzufallen als Huffs komplette Kompanie leichter BattleMechs auf der anderen Seite.
Loren setzte ein zweitesmal die PPK ein, und diesmal fühlte er die volle Hitzewelle durch das Cockpit schlagen, als er die Waffe auslöste. Der Schuß traf dieselbe Maschine voll in die Seite, als sie gerade drehen wollte, um sich ihrem neuen Gegner zu widmen. In einer grellweißen Detonation flog die Panzerung des Pegasus davon und stürzte schauerartig in die Fluten. Der angeschlagene Schweber geriet leicht ins Wanken, als der Pilot versuchte, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten und die Drehung zu beenden.
Der Fahrer weiß, daß der
Kampf für ihn fast vorbei ist. Jetzt ist nur noch die Frage, ob er
es überlebt.
Frutchey und Füller hatten ihr Feuer ohne es zu beabsichtigen auf
den vordersten Galleon konzentriert.
Ein vernichtendes Bombardement aus Laserfeuer, Raketen und Granaten
senkte sich auf den kleinen Panzer. Unter den Einschlägen verformte
er sich wie ein Wachsmodell, das jemand in kochendes Wasser
geworfen hatte. Dann flog er auseinander, und seine Überreste
prasselten auf die übrigen Panzer hinab. Die Galleons rückten weiter in das Feuer der
Sicherungslanze vor.
Lorens Sensoren meldeten ihm, daß die Davion-/MulvaneyVerstärkungen
sich weiter näherten, aber sie bewegten sich langsamer als er
erwartet hätte. Er zielte mit der PPK auf den Pegasus, den er bereits zweimal getroffen hatte.
Als der Computer durch ein Aufblinken des Fadenkreuzes die
Zielerfassung bestätigte, wünschte Loren, er könnte der Besatzung
den Tod ersparen. Ein BattleMech gegen einen sehr viel leichteren
Schweber – das war kein fairer Kampf. Selbst ein normaler Panzer
hätte dem leichten Konsulargardenfahrzeug mit seiner überlegenen
Bewaffnung den Garaus machen können. Für den Fahrer und seine Crew
war jede Fortsetzung des Angriffs Selbstmord. Inzwischen mußten die
Sensoren des Pegasus die Zielerfassung
durch Lorens PPK festgestellt haben. Wenn es einen Zeitpunkt zur
Kapitulation gab, war er jetzt gekommen.
Aber der Pegasus ergriff nicht die
Flucht. Statt dessen tat der Fahrer das genaue Gegenteil. Er
beschleunigte auf seinem Abfangkurs Richtung Lorens Gallowglas, quer über den Fluß. Loren war
überrascht, aber darauf konnte sein Gegner es nicht angelegt haben.
Er hielt sein Feuer zurück.
Was, in Liaos Namen, hat er vor? Ich könnte
mir vorstellen, daß ein einzelner Fahrer mit seiner Crew in einer
wichtigen Schlacht einen glorreichen Tod sucht, aber das hier ist
gerade mal ein Überfall. Und es ist nicht nur ein Fahrzeug, sie
stürmen alle auf uns zu. Warum? Es sei denn, die Fahrer wissen mehr
als wir…
»Falle!« Loren funkte es an alle Highlander-Mechs in
Reichweite.
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Tilmantal,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
29. September 3057
»Das ist eine Falle!« zischte Loren. Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er die Fluten des Tilman eine Lanze schwerer BattleMechs freigeben sah.
»Purpur- und Gold-Führer, schwere Gegner im Fluß.« Er feuerte die PPK auf den heranrasenden Pegasus ab und traf ihn am Geschützturm. Der Schwebepanzer zerplatzte, als er gerade an den versteckten Mechs vorbeiflog. Sein gesamter Vorrat an Kurzstreckenraketen detonierte gleichzeitig, riß das Fahrzeug auseinander und ließ es in einem riesigen Ball aus Flammen und schwarzem Rauch verschwinden.
Die schweren Mechs erhoben sich aus dem Wasser und rückten langsam vor, wobei sie Frutchey und Füller mit einer Breitseite von Raketen und Laserschüssen angriffen. Ein Highlander-RenegatenSchlagetot nahm Lorens Gallowglas mit Langstreckenraketen und zwei schweren Lasern unter Beschuß. Die Warnsirene der Feindortung hatte Loren einen Sekundenbruchteil Zeit gegeben, seinen Mech etwas wegzudrehen. Nur eine Handvoll Raketen traf ihr Ziel. Sie schlugen in die obere rechte Hälfte des Gallowglas-Rumpfes ein und zerschmetterten die Panzerung. Einer der schweren Laserschüsse ging an Lorens Cockpit vorbei, während der andere sich unweit des Fusionsreaktors tief in den Mechrumpf bohrte. Jaffrays Kampfkoloß wankte. Die Treffer und der Rückstoßeffekt der abgesprengten Panzerung stießen ihn zur Seite und nach hinten.
Sie müssen sich unter
Vorsprüngen im Flußbett versteckt haben, um ihre IR-Signatur zu
verschleiern… nicht schlecht.
Das Bild der aus dem Wasser steigenden Mechs wühlte Loren stärker
auf, als ihm bewußt war. Er erinnerte sich einen Moment an seine
eigene Falle während des Manövers auf Krin, dann wandten seine
Gedanken sich seinem Vater zu. Lorens Vater war die meiste Zeit
unterwegs gewesen und hatte die Erziehung des Knaben dessen
Großvater überlassen. Er fiel im Einsatz, als Loren noch ein Kind
gewesen war, und Loren hatte ihm verziehen, daß er nicht
zurückgekommen war. Jetzt stieg die Erinnerung in ihm auf wie ein
Geist aus dem Grab.
Sein Vater war in einem Unterwassergefecht
gefallen.
Loren brachte seinen Mech auf volle Geschwindigkeit und sprintete
das Flußufer hinab auf die Reste der Galleon-Lanze zu. Da er sich auf festem Boden
befand, konnte er die Geschwindigkeit der Maschine ausspielen,
während die aus dem Fluß ans Ufer watenden BattleMechs durch das
Wasser gebremst wurden.
Zwei PPK-Blitze zuckten hinter ihm her, verfehlten ihn jedoch. Die
plötzlich aus dem Hinterhalt aufgetauchte Lanze bestand aus dem
Schlagetot, einem Caesar, einem Kriegsbeil und einem Marodeur
II. Es war der letzte dieser Mechs, der ihm auch am nächsten
war und Lorens Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Typ der Maschine
war ihm ebenso vertraut wie die Lackierung. Mulvaney! Die riesigen
PPKs des Mechs drehten sich in seine Richtung.
Sie gehört mir! jubelte er, zum Teil
aus Rivalität, zum Teil, weil er hoffte, die Highlander-Renegatin
zu besiegen und dadurch ihren Willen zu brechen. Er wollte sie
nicht töten, nur aufhalten. Aus irgendeinem Grund, den er nicht
näher fassen oder messen konnte, legte er gesteigerten Wert darauf,
daß Chastity Mulvaney überlebte.
Lorens Helmlautsprecher erwachten krachend zum Leben.
»Major Jaffray«, erklang eine wohlvertraute Stimme. »Einmal habe
ich bei einer Ehrenprobe gegen Sie verloren. Sind Sie bereit, diese
Erfahrung auch einmal zu machen?«
Mulvaneys Stimme war wie eine steife Brise in der schwülen Hitze
des Cockpits. Loren drehte den Mechtorso zur Seite, um zwei KSR
auszuweichen, die ein anderer der Angreifer abgefeuert hatte, nahm
dabei den Blick aber nicht vom Bild des Marodeur II. Er bewunderte Mulvaneys Auftreten. Sie
hätte hervorragend in die Todeskommandos gepaßt.
»Wenn Sie einen Kampf wollen, Gnädigste, können Sie ihn haben.
Machen Sie sich auf eine Wiederholung gefaßt«, antwortete
er.
Statt sich umzudrehen und zu feuern, schaltete er die Sprungdüsen
zu und legte sie auf die Pedalkontrollen. Mit voller Leistung warf
er den BattleMech empor in den Himmel über den Tilman. Es würde ein
kurzer Sprung werden, aber er wollte seinen Kampf mit Mulvaney aus
nächster Nähe führen. Wenn jemand diese Frau zum Kampf stellte,
dann er und kein anderer.
Aber der Sprung war nur eine der waghalsigen Aktionen in seinem
spontan entwickelten Gefechtsplan. Es war ein riskanter Plan, der
ihren Schlagabtausch in die tiefen Fluten des Tilman und deren
nächste Umgebung verlegte. Bei dem Gedanken lief es ihm eiskalt den
Rücken hinab. Loren haßte es, unter Wasser zu kämpfen. Das Manöver
unmittelbar vor dieser Mission war ihm schwerer gefallen als jeder
Einsatz davor. Aber wenn das hier funktionierte, würde es etwas
anderes sein. Ein Wettstreit unter Wasser.
Mir wird es anders ergehen… nicht so wie
meinem Vater. Ich werde nicht sterben, wie es ihm passiert sein
soll.
Die meisten MechKrieger feuern ihre Waffen ab und warten bis zur
letzten Sekunde damit, dem Angreifer auszuweichen, wenn sie
angesprungen werden. Loren war perplex, als Mulvaney die
Sprungdüsen ihres Marodeur II ebenfalls
auslöste. Ihr Mech war noch immer unter ihm, als er sich langsam
aus dem Fluß in die Lüfte erhob. Loren steigerte die Brennleistung
der Düsen noch weiter, und die Innentemperatur der Kanzel stieg um
fünf Grad. Seine Augen brannten vom Schweiß, der ihm von der Stirn
tropfte, als er seine Position oberhalb des Marodeur II hielt.
Mulvaney stieg langsam höher und versuchte ihre Flugbahn so zu
wählen, daß der Gallowglas vor ihr
blieb.
Mit einem normalen Angriff habe ich keine
Chance. Dazu ist sie zu verschlagen. Wenn ich sie besiegen will,
muß ich es im Wasser tun. Ich muß uns nach unten
bringen.
Loren erinnerte sich an den Tag, an dem ihm sein Großvater erzählt
hatte, daß sein Vater nicht mehr am Leben war. Corwin Jaffray hatte
ihm von seinen eigenen Erfahrungen im Unterwasserkampf erzählt, und
von den enormen Risiken. Inzwischen kannte Loren dies aus eigener
Erfahrung, und jedesmal hatte er sich seiner Angst von neuem
stellen müssen. Diesmal war sie schlimmer als je zuvor.
Er ging im selben Moment nach unten, als Mulvaney den Marodeur II nach oben zog, und die beiden
Battle-Mechs kollidierten in der Luft über den tiefen Wassern des
Tilman. Kaum hatten sie Kontakt, als Loren den Marodeur II mit beiden Mecharmen umklammerte und
seine Sprungdüsen abschaltete. Es war ein waghalsiges, beinahe
selbstmörderisches Manöver, aber er schaffte es, Mulvaney damit zu
überraschen. Ihre Sprungdüsen konnten einen Mech tragen, aber nicht
zwei. Die beiden Metalltitanen stürzten mit einem donnernden
Klatschen in die Fluten des Flusses.
Der Zusammenstoß mit Mulvaney und unmittelbar darauf der Aufprall
auf dem Wasser schleuderte Loren mit Gewalt in die Gurte. Die
Schulterschnallen bohrten sich in seinen Körper, und einen
Augenblick befürchtete er, das Schultergelenk könnte ausgekugelt
worden sein. Durch das brodelnde Wasser und den aufgewirbelten
Schlamm und Dreck konnte er keinen Meter weit sehen. Gallowglas und Marodeur
II waren noch immer ineinander verkeilt und sanken gemeinsam
senkrecht hinab auf den Grund des Flußbetts.
Als sie unten ankamen, lag Mulvaneys Mech oben und trieb den
Gallowglas wie einen Pflock in den
tiefen Schlamm und die Felsbrocken des Flußbetts. Warnmeldungen auf
dem Sekundärschirm teilten Loren mit, daß der Aufprall das rechte
Bein seines Mechs zertrümmert hatte und die Sprungdüsen nicht mehr
einsatzbereit waren.
Verdammt! So schnell komme ich hier nicht
raus, selbst wenn ich mich aufrichten könnte.
Zwischen dem massigen Marodeur II und
dem Flußbett eingekeilt, überprüfte er die Geschützkontrollen, und
stellte fest, daß sie ebenfalls etwas abbekommen hatten. Das
Fadenkreuz setzte immer wieder sporadisch aus, und an eine
Zielerfassung war nicht zu denken. Sie steckten in einer tiefen
Schlucht in der Mitte des Flusses. Die steilen Wände zu beiden
Seiten waren nur acht Meter voneinander entfernt und mindestens
zwanzig Meter hoch.
Dadurch konnten Mulvaney und ihre Begleiter
sich so lange versteckt halten.
Die steile Klippe war mehr als ausreichend, eine Ortung zu verhindern, und von ihrer Oberkante aus konnten sie einfach aus dem Wasser marschieren.
Loren bearbeitete mit aller Kraft die Geschwindigkeitskontrollen, Pedale und Steuerknüppel des Gallowglas, in der Hoffnung, den Marodeur II abzuschütteln. Trotz des kalten Flußwassers war die Hitze im Innern des Cockpits erdrückend, und er stemmte sich verzweifelt gegen die Kontrollen, um seinen Mech freizubekommen. Mulvaneys vogelähnlicher Marodeur II trat bei dem Versuch, sich aufzurichten, wild um sich. Dabei schlug er mehrere tiefe Breschen in seine Rumpfpanzerung und verstrickte die beiden Mechs nur noch mehr. Auch Lorens Versuche, sich zu befreien, schlugen fehl. Mit jedem Hieb, Tritt oder sonstigen Manöver gegen Mulvaney beschädigte er seine eigene Maschine.
War es bei meinem Vater genauso? Saß er auch in der Falle, so wie ich jetzt? Und während er um seine Freiheit kämpfte, rang Loren in Gedanken noch mit einer anderen Frage. Hat er an mich gedacht?
Zeit zum Nachdenken. Er sah drei Alternativen. Sie konnten diesen mühseligen Ringkampf im Flußbett fortsetzen, bis er oder Mulvaney es schaffte, den anderen außer Gefecht zu setzen oder dessen Cockpit zu überfluten. Oder er konnte das Feuer auf den Marodeur II eröffnen. Seine schweren Strahl- und mittelschweren Impulslaser konnten auf diese Entfernung ihr Ziel nicht verfehlen. Allerdings hätte das Mulvaney gezwungen, entsprechend zu reagieren. Und auch wenn sie ihre PPKs auf so kurze Distanz nicht einsetzen konnte, reichte ihr sonstiges Arsenal leicht aus, ihm ein Seemannsgrab zu bereiten.
Sie muß dieselben Überlegungen angestellt haben, denn bis jetzt hat sie auch noch nicht gefeuert. Keiner von uns beiden hat den Wunsch, hier unten zu krepieren.
Nein, die beiden ersten Optionen waren nicht akzeptabel. Und, was beruhigend war, zum erstenmal hatte Loren den Eindruck, daß Mulvaney seinen Tod ebenfalls nicht wollte. Sie waren zwei Seiten einer Medaille, er und Chastity. Zusammen verkörperten sie die Ehre. Beide erfüllten sie ihre Bedingungen auf jeweils eigene Weise. Sie versuchte aufrechtzuerhalten, was sie als das wahre Erbe der Highlanders sah. Loren wollte seine Mission für den Kanzler erfolgreich abschließen.
»Mulvaney, hier ist Jaffray«, sprach er ins Mikrofon. Das Audiosystem knackte unter den Interferenzen durch die magnetischen Felsformationen.
»Ich habe mich schon gefragt, wann Sie sich
endlich melden«, erwiderte sie schnippisch.
»Wir sitzen beide hier unten fest. Wenn wir zusammenarbeiten,
können wir loskommen.«
»Einverstanden.« Ihre Stimme war tonlos. Loren konnte die Wut und
Frustration spüren, die in dem einen Wort lagen.
Besser, wenn ich die Spannung etwas abbaue –
vorerst.
»Meinen Glückwunsch zu Ihrem Hinterhalt. Diese Runde haben Sie
gewonnen.« Er versuchte, sein Lob wußte, damit hätte er die Sache
nicht zum Abschluß gebracht. Es half nichts, eine schlechte
Position noch zu verschlimmern, und seine Gegnerin war erheblich
stärker bewaffnet.
Nein, so wird es nicht enden, nicht für diesen
Jaffray.
»Lassen Sie uns diesen Machomist vergessen. Im Moment arbeiten wir
zusammen. Wenn Sie es unbedingt austragen wollen, dann sollten wir
das an der Oberfläche tun, wo die Chancen gleich stehen.«
»Schön. Sie halten still, ich dirigiere.« Ihr Marodeur II wirbelte den Schlamm und Schlick des
Flußbetts auf, als er sich aufzurichten versuchte, diesmal ohne
Gegenwehr des Gallowglas.
»Heben Sie den rechten Arm auf Schulterhöhe, Ellbogen gerade«,
befahl sie. Loren gehorchte und hörte ein Kratzen, als sie den
linken Arm ihrer Maschine unter dem Mechrumpf hervorzog. »Jetzt
heben Sie das rechte Bein ein wenig und drehen es am Knie nach
außen.« Wieder gehorchte Loren wortlos, und Mulvaneys Mech kam
langsam auf die Füße, auch wenn das kaum zu erkennen war.
Loren machte sich erneut an den Versuch, den Gallowglas aufzurichten, und nun, nachdem Mulvaney
nicht mehr auf ihm lag, ging es sehr viel leichter. Auch sein Mech
kam hoch und stand ihr gegenüber. Im trüben Licht und der
schlammverwirbelten Strömung wirkte der Marodeur II 223 wie
ein mythisches Seemonster. Die steilen Marodeur II wie ein mythisches Seemonster. Die
steilen Wände der tiefen Schlucht, in die sie gestürzt waren,
bildeten den perfekten Rahmen.
Lorens Sekundärortung ließ grellrote Warnsignale aufblinken. Die
Energieortung meldete, daß Mulvaney ihre PPKs auflud. Sie wartete
nicht darauf, an die Oberfläche zu kommen. Jeden Augenblick mußte
sie feuern. Er streckte die Hand aus, um die mittelschweren
Impulslaser aufzuladen und betete, daß sie einsatzbereit sein
würden, bevor sie das Feuer eröffnete. Dann bewegte er den
Gallowglas gegen die dunkle,
unsichtbare Strömung nach hinten.
Auf diese Entfernung sind ihre PPKs nutzlos,
es sei denn, sie hat die Feldhemmer abgeschaltet.
Er hatte ihr erlaubt, die Oberhand zu gewinnen, aber jetzt war es
zu spät, diesen Fehler zu bereuen.
»Sie haben all das zu verantworten, genau wie ich es von Anfang an
gewußt habe.« Sie hob die riesigen Partikelkanonen, zielte und
feuerte sie auf die hohen Schluchtwände ab. Loren kämpfte mit den
Kontrollen, um den Gallowglas zu drehen
und aus der Schlucht zu bringen. Wieder zu spät. Chastity löste die
Geschütze aus, und blauleuchtende Energieblitze zuckten in die
Unterwasserklippen. Das Wasser im Weg der Partikelstrahlen
verwandelte sich in eine Walze aus kochenden Dampfblasen, die
Jaffray in seinem Mech durchschüttelten und den Gallowglas heftig wanken ließen. Zwei Millisekunden
später explodierte der Fels links und rechts neben Lorens Mech.
Fast eine Tonne Schutt stürzte auf die Maschine hinab. Er
versuchte, den Kampfkoloß zu bewegen, aber er war fest eingeklemmt.
Er würde kostbare Minuten brauchen, um sich befreien. Bis dahin
bildete er eine perfekte Zielscheibe.
»Verdammt, Chastity! Was, zur Hölle, soll das?«
Entschlossen, nicht kampflos unterzugehen, hob Loren die PPK und
zog das Fadenkreuz über die zurückweichende Mulvaney.
Zu nah!
Er feuerte trotzdem, aber der Schuß ging vorbei. Die geladenen
Partikel ließen das kalte Wasser des Flusses taghell aufleuchten.
Aber nur für einen Moment. Einen Pulsschlag später herrschte wieder
Dunkelheit.
»Ich kann leider nicht weiterspielen. An der Oberfläche warten
dringendere Aufgaben«, stellte Mulvaney kühl fest. »Sie können hier
sterben und Ihrer Linie ein Ende machen oder mir zu folgen
versuchen. Egal, wie sie sich entscheiden, Sie werden nie ein
Highlander sein… nicht, solange ich lebe.«
Sie begann mit dem Aufstieg zur Wasseroberfläche, und ihre Stimme
ging in statischem Rauschen beinahe unter. Loren konnte ihre
letzten Worte kaum noch wahrnehmen.
»Eines sollten Sie wissen: Ich könnte Sie hier und jetzt ein für
allemal ausschalten. Betrachten Sie das als Revanche für unseren
Kampf im Pub, Jaffray. Beim nächsten
Mal wählen Sie den Ort und ich die Zeit. Aber merken Sie sich, ich
kann Sie besiegen und ich habe Sie besiegt.«
»Mulvaney!« rief Loren, aber sie war schon fort.
Er suchte das Flußbett ab und fand einen Weg nach oben, auch wenn
er eine lange und gefährliche Kletterpartie erforderte. Es kostete
Loren zwanzig Minuten, seinen Gallowglas an die Oberfläche des Tilman zu bringen.
Während der gesamten Zeit dachte er darüber nach, was sich gerade
tief unter der Flußoberfläche ereignet hatte. Er hatte sich auf
einen Kampf um Leben und Tod eingestellt, aber nichts dergleichen
war geschehen. Mulvaney hatte nur mit ihm gespielt, um zu beweisen,
daß sie dazu in der Lage war.
An der Oberfläche angekommen, betrachtete er die Überreste des
Schlachtfelds. Der Renegaten-Schlagetot stand bis zu den Knien im
Wasser, vornüber geknickt wie ein zerbrochener Zinnsoldat. Die
Armlaser des Mechs waren abgeschossen, und sein Torso war furchtbar
zerschlagen. Der Pilot lebte noch und kletterte gerade an der
Beinleiter hinab in die Arme von Huffs Infanteristen. MacLeods
übrige Truppen waren über das ganze Gelände verstreut, aber der
Kampf war längst vorbei. Füllers Sicherungslanze war nicht sofort
zu entdecken, aber dann fand Loren sie hinter den Rauchwolken, die
von den Trümmern einiger Davion-Panzer aufstiegen.
»Befehl Sicherheit Vier meldet sich zurück«, funkte er, während
sein Gallowglas sich auf den Weg zu
seinen Lanzenkameraden machte. Keiner von ihnen hatte das Gefecht
unbeschadet überstanden, und manche schienen besonders schwer
mitgenommen, wie Frutchey. Aber er hatte nur einen
Gedanken.
Ich habe es geschafft. Wo mein Vater versagte, habe ich überlebt. Zumindest diesmal
hat sich die Geschichte nicht wiederholt.
»Wo, in Aleksandr Kerenskys Namen, haben Sie gesteckt?« herrschte
ihn Commander Füller an, halb besorgt und halb verärgert.
»Mulvaney und ich hatten eine Begegnung am Flußboden. Sie hat mich
da unten im Schlick gelassen. Wie ist es hier oben
gelaufen?«
»Die Verstärkungen der Konsulargarde haben schweren Schaden
angerichtet, nachdem Sie weg waren. Wir haben uns mit Huffs Truppen
auf die Lichtung zurückgezogen, nur um feststellen zu müssen, daß
sie vermint war. Huffs Mech hat praktisch das rechte Bein verloren,
und zwei Mitglieder seiner Lanze stehen ohne Mechs da. Mulvaney ist
aus dem Fluß gekrochen und hat uns überrascht. Zum Teufel, wir
dachten, Sie wären tot. Sie ist gerade rechtzeitig aufgetaucht, um
ihre Leute von hier wegzubringen. Ich wollte hinterher, aber Major
Huff meinte, ohne Satellitendaten wäre die Gefahr zu groß, in einen
weiteren Hinterhalt zu geraten.«
»Verdammt«, meinte Loren, als er die Schrotthaufen auf der von
Mulvaney verminten Lichtung betrachtete. Zwei leichte Mechs waren
vom Hüftgelenk abwärts nicht mehr vorhanden. Die Minen hatten sich
als ein geschickter Schachzug herausgestellt. Die BattleMechs waren
vernichtet, aber die MechKrieger lebten noch. Damit hatte sie ihren
Ehrenkodex und ihr Wort gehalten.
»Sie waren einige Zeit weg«, meinte Füller zögernd. »Was ist
passiert?«
»Wir haben ›verhandelt‹. Sie hat mich wissen lassen, daß sie mich
besiegen kann, wenn sie es darauf anlegt.«
»Moment. Sind Sie sicher, daß Ihr Gyro noch stabil läuft? Sie beide
knallen mitten in einem Hinterhalt in der Luft zusammen, stürzen in
den Fluß, während ringsum eine Schlacht tobt, und reden?«
»Ja.«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie hat gesagt, beim nächstenmal kann ich die Bedingungen
festlegen.«
Und sie hat recht. Wenn wir uns das nächstemal
begegnen, dann zu meinen Konditionen.
»Und noch etwas. Sie hat einen Namen erwähnt.«
»Was für einen Namen?«
»Marschall Bradford. Und wenn sich in den letzten paar Tagen nichts
geändert hat, bedeutet dies, daß wir es nicht nur mit den
NAIWTruppen zu tun haben, die uns letzte Nacht angriffen, sondern
auch mit den Veteranen von Victor Davions Dritter Royal Guards
Regimentskampfgruppe.«
»Eine komplette RKG hier auf Northwind?«
Loren beobachtete, wie aus einem der brennenden Galleons eine
dichte schwarze Rauchwolke in den hellen Morgenhimmel
stieg.
»Noch dürften sie nicht alle hier sein, aber eines ist sicher, in
Kürze wird es verflucht interessant.«
24
Konsulargebäude des
Vereinigten Commonwealth
Tara Northwind, Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
4. Oktober 3057
Konsul Drake Burns las nervös die diplomatischen Nachrichten dieses Morgens auf seinem Schreibtisch wie schon Dutzende Male zuvor.
Die MacLeod's Highlanders verfolgten die Konsulargarde, und er fühlte sich in der Neutralität Taras sicher. Die Familien der Highlander-Regimenter hatten zum größten Teil jede Unruhe und Konfrontation vermieden. Trotzdem litt der Planetarische Konsul unter Schlafstörungen. Er hatte seine Stellung auf Northwind immer als eine Art Erholungsurlaub gesehen, doch schien dieser sich plötzlich in einen Alptraum aus Revolution und möglicher Vergeltung verwandelt zu haben. Bis MacLeod und sein Volk sich endlich der Herrschaft Prinz Victors gebeugt hatten, würde er keine ruhige Nacht mehr haben, und soweit er es überblickte, konnte das noch Jahre dauern.
Die Berichte über den Kriegsverlauf waren auch nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Die Sezession des ehemaligen Lyranischen Commonwealth brach den meisten VerCom-Garnisonseinheiten in diesem Bereich das Rückgrat. Viele Einheiten zerfielen, während andere sich für die eine bestimmte Seite entschieden. Natürlich würden diese Konflikte irgendwann abklingen, aber bis es soweit war, zerbrach das Vereinigte Commonwealth.
Auf der politischen Bühne hatte Sun-Tzu Liao verkündet, daß er Northwind denselben unabhängigen Status zubilligte wie der Dragonerwelt Outreach. Das war ein offener Versuch, Unruhe zu stiften, dessen war sich Burns sicher. Aber wie auch immer, Northwind war plötzlich zum Spielball zahlreicher in verschiedene Richtung zerrender Kräfte geworden. Das einzig Gute war, daß MacLeod noch nichts von Liaos Bekanntmachung wußte.
Burns war so tief in Gedanken, daß er erst durch das Zufallen der Bürotür etwas von Lepetas Erscheinen bemerkte. Stephen Lepeta war Drew Catellis Adjutant und hatte dessen Vertretung übernommen, während Catelli im Feld war und gegen MacLeod kämpfte. Während Drake Burns den Colonel unsympathisch war, fand er Lepeta regelrecht erschreckend. Der Mann hatte etwas Düsteres, Gespenstisches an sich. Der Konsul hatte Angst vor ihm, aber Catelli war es immer wieder gelungen, ihn daran zu hindern, Lepeta zu entlassen.
Ein Teil von Burns' Unbehagen gründete sich auf Lepetas bleicher, unbewegter Miene. Ein anderer Aspekt war seine Kleidung, zu der unvermeidlich ein langer schwarzer Reitmantel gehörte. Aber das Schlimmste war, daß er unverhohlen für Colonel Catelli arbeitete, denn der Mann besaß ganz offensichtlich nicht den Funken von Respekt oder Achtung für Burns, während er Catelli fraglos Loyalität entgegenbrachte.
»Guten Morgen, Konsul«, sagte Lepeta, monoton
wie immer. »Mr. Lepeta, ich möchte Sie bitten, in Zukunft
anzuklopfen, bevor Sie mein Büro betreten«, bellte Burns, vom
Schleichen seines Gegenübers verärgert.
»Es wird nicht wieder passieren«, erwiderte Lepeta mit kalter
Stimme.
»Ich nehme an, daß Sie die Meldungen des Morgens gelesen
haben?«
»Ich habe sie vor Ihrer Ankunft durchgesehen. Der Krieg verläuft nicht gut für Prinz Victor. Marik und Liao greifen unsere Welten mit überwältigender Truppenstärke an. Einige unserer Einheiten halten sich noch tapfer, aber das ist nur eine Frage der Zeit.«
»In der Tat. Ich versuche, mehr Zuversicht aufzubringen als Sie und Colonel Catelli. Und was hört man aus dem Feld? Ist es unserem geschätzten Colonel schon gelungen, Oberst MacLeod abzuschütteln?«
Lepeta schien geradezu gelangweilt. »Laut der gerade entschlüsselten Nachricht aus dem Feld werden die erwarteten Verstärkungen heute im System eintreffen. Colonel Catelli ist zuversichtlich, daß seine Einsatzgruppe das Kastell wie geplant heute nachmittag erreichen wird. Oberst MacLeods Einheit ist noch dabei, sie zu verfolgen und wird unsere Leute nicht stellen können, bis sie das Kastell erreicht haben, also viel zu spät, um unsere Pläne noch stören zu können.«
»Ausgezeichnet! Die Verstärkungen, diese 3.
Royals: Wo werden sie Aufstellung nehmen?«
»Die Einheit wird hier auf dem Raumhafen eintreffen, sobald der
Vorstoß aus dem Kastell beginnt. Nachdem sie Tara gesichert haben,
werden sie sich daran machen, die Highlanders zu
vernichten.«
Burns' lief puterrot an. »Hier, in Tara? Das muß ein Irrtum sein,
Lepeta. Wir haben Oberst MacLeod und seinen Highlanders
versprochen, die Neutralität Taras zu achten. Eine Landung der RKG
hier wäre ein klarer Bruch dieser Vereinbarung. Ist sich Marschall
Bradford bewußt, daß eine solche Vorgehensweise eine Reaktion der
Highlanders herausfordern würde? Vielleicht sollte ich mich direkt
mit ihm in Verbindung setzen.«
Lepeta nickte leicht. Sein Kopf war gesenkt, seine Schultern hingen
herab. »Marschall Bradford hat Colonel Catelli mitgeteilt, daß er
seine Truppen in Tara stationieren will. Ich denke, wir können mit
Sicherheit davon ausgehen, daß die Situation in Tara sich noch vor
der Ankunft der 3. Royals derart darstellen wird, daß ihre
Anwesenheit unumgänglich ist. Bis dahin werden die Highlanders die
Vereinbarung über die Neutralität der Stadt bereits gebrochen
haben, und Marschall Bradford wird gezwungen sein, die
Davion-Truppen anzuweisen, Tara zum Schutz der Einwohner zu
besetzen.«
»Was reden Sie denn da?« ereiferte sich Burns. »Haben Sie irgend
etwas über einen Plan oder Trick der Highlanders in Erfahrung
gebracht? Sind wir etwa in Gefahr? Weiß Catelli etwas, das uns
entgangen ist?«
Drake Burns wußte, daß Drew Catelli früher Mitglied des MGUO
gewesen war, des Davion-Geheimdienstministeriums. Der Gedanke, daß
er Informationen zurückhielt, war dem Konsul nicht neu, aber das
machte ihn nicht weniger nervös.
Lepeta zog die Sunburst-Impulslaserpistole aus dem Versteck in den
Falten seines langen Reitmantels und richtete sie auf Konsul Burns.
Drake Burns starrte ihn ungläubig an. In einer fließenden,
gelassenen Bewegung zog Lepeta den Abzug durch und feuerte drei
Lichtimpulse zwischen die Augen des Planetarischen Konsuls ab.
Burns flog in die Polster seines Ledersessels. Der Diplomat sackte
leblos zusammen, ohne daß er noch erfassen konnte, in welcher
Intrige er die Rolle eines Bauernopfers zugewiesen bekommen
hatte.
»Das war leichter als ich dachte«, meinte Lepeta, und warf die
Pistole auf den Boden. Auf dem Griff der Waffe funkelte das Wappen
der Northwind Highlanders. »Der Colonel braucht einen Vorwand, um
Northwind unter seine Kontrolle zu bringen, und Marschall Bradford
benötigt eine Entschuldigung für den Einmarsch seiner
Royals.«
Lepeta betrachtete die Leiche des Planetarischen Konsuls und nickte
zufrieden. Zweimal hatte er versagt – einmal bei dem Anschlag auf
MacLeod im Friedenspark, und ein zweitesmal, als die Highlanders
die Sabotage ihrer Mechs entdeckt hatten. Aber diesmal war es ein
Erfolg. Jetzt hat der Colonel, was er wollte – eine Entschuldigung
für die Besetzung Taras durch das Haus Davion.
25
Tilmantal,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
4. Oktober 3057
»Wir stehen vor einer neuen Krise«, teilte Colonel Catelli den Offizieren der Einheiten unter seinem, Mulvaneys und Bradfords Befehl mit.
»Normalerweise hätte ich darauf verzichtet, unsere wichtigsten Offiziere zusammenzurufen, während der Feind uns dicht auf den Fersen ist, aber das hier ist wichtig. Ich habe vor einer Stunde erfahren, daß der Planetarische Konsul Bums ermordet wurde, allem Anschein nach von rebellischen, davionfeindlichen Highlandern.«
»Wie sicher ist diese Meldung?« fragte Marschall Bradford. »Mein Adjutant in Tara leitet die Untersuchungen persönlich. Dem Bericht zufolge, den er mir übermittelt hat, wurde am Tatort eine Highlander-Waffe gefunden, und er hat mehrere Zeugen aufgetrieben, die aussagen, der Täter habe die Gefechtsmontur von MacLeods Regiment getragen.«
»Verdammt«, fluchte Marschall Bradford. »Ich kenne Burns' Familie. Zu Drake hatte ich zwar nie eine engere Beziehung, aber er war ein guter Mann. Tja, Colonel Catelli, damit sind Sie der ranghöchste Vertreter des diplomatischen Stabes. Es scheint, daß Sie vorerst die Ämter des Feldkommandanten und Planetarischen Konsuls auf sich vereinigen.«
»Ja, Sir.« Catelli unterdrückte ein zufriedenes
Grinsen. Das war zu einfach.
»Ich glaube kein Wort davon«, stellte Mulvaney mit kalter Stimme
fest.
Bradford starrte sie einen Moment an, bevor er etwas sagte. »Was soll das heißen? Der eigene Stab des Konsul hat die Verstrickung der Highlanders in dieses Attentat aufgezeigt. Die Leute haben durch eine derartige Anschuldigung nichts zu gewinnen.«
»Ich habe den Bericht gehört, Sir, aber bei allem gebotenen Respekt, das heißt nicht, daß ich ihn einfach schlucken muß. Es stimmt, daß wir Highlanders im Gefecht skrupellos sein können. Aber ein derart feiger Mord entspricht weder dem Stil noch dem Wesen irgendeines Highlanders, den ich kenne.«
»Vielleicht hat Ihr ehemaliger Kommandeur seine Methoden geändert, seit Sie die loyalen Davion-Highlanders gegründet haben«, wandte Catelli ein. »Vielleicht hat Oberst MacLeod das Attentat befohlen, weil er Angst hatte, im Feld gegen uns zu unterliegen. Ich würde auch diesen Major Jaffray nicht vergessen. Er gehört zu den Todeskommandos, und Sie wissen doch, wozu die fähig sind. Während er hier auf Northwind Liao-Schandtaten beging, hat seine Regierung dem Vereinigten Commonwealth den Krieg erklärt. Sie müssen zugeben, daß es alles höchst logisch ist.«
Mulvaney gefiel es ganz und gar nicht, daß Catelli ihre Leute als loyale Davion-Highlanders bezeichnete, als wären sie Eigentum seines Hauses, doch war jetzt nicht der Zeitpunkt für diese Diskussion.
»Logisch ist dieser Anschlag zu allerletzt. MacLeod ist der letzte Mensch in der Inneren Sphäre, der ein Attentat befehlen würde. Er ist geradeheraus und ehrbar. Er ist kein Mörder. Nein, Sir. Das ist ein Trick, um MacLeods Leuten die Verantwortung für das Verbrechen in die Schuhe zu schieben.«
»Alles, was ich weiß« erklärte Bradford und erhob die Stimme, um zu zeigen, daß er hier die Entscheidungen traf, »ist, daß wir eine Vereinbarung getroffen hatten, Tara als neutrales Gebiet zu behandeln. Jetzt haben die Highlanders, sei es nun auf Befehl MacLeods oder unabhängig von ihm, diese Vereinbarung verletzt. Tara ist ohne rechtmäßige Regierung und möglicherweise ohne die Möglichkeit einer Verwaltung gemäß den Wünschen des Archon-Prinzen.«
»Wie werden Sie angesichts dieser neuen Lage vorgehen, Sir?« fragte Catelli wie auf Stichwort.
»Die 3. Royal Guards RKG wird in wenigen Stunden dieses System erreichen. Ich schlage vor, wir leiten sie von einem Gefechtsabwurf im Feld um und setzen sie als Garnison für Tara ein.«
»Sir, das wäre ein offener Bruch unserer Vereinbarung über Tara«, protestierte Mulvaney. »Sie hatten ursprünglich erklärt, die Truppen würden in der Nähe Taras aufsetzen und die Neutralität der Stadt achten. Die Anwesenheit der 3. Royals in der Stadt wird die noch dort befindlichen Highlanders aufstacheln. Muß ich Sie daran erinnern, daß diese Entscheidung ausschließlich auf Hörensagen beruht, ohne den geringsten Beweis? Wer weiß, ob es wirklich ein Highlander war, der Konsul Burns umgebracht hat, und nicht irgendein Wahnsinniger. Es hätte jeder sein können.« Sie war Colonel Catelli einen schnellen Blick zu.
Du bist der einzige, der vom Tod des Konsuls profitieren konnte. Ich werde es vielleicht nie beweisen können, aber ich würde mein Leben darauf verwetten, daß du hinter diesem Mord steckst und dafür sorgen willst, daß die Northwind Highlanders die Schuld dafür bekommen.
Marschall Bradford schien ihr aufmerksam zuzuhören. »Was Sie sagen, hat durchaus etwas für sich, Oberst Mulvaney. Aber es herrscht Krieg, und wir müssen uns auf die Informationen verlassen, die uns zur Verfügung stehen. Diese Informationen deuten auf eine Mittäterschaft der Highlanders bei der Ermordung des Planetarischen Konsuls hin, und wir haben geschworen, die Davion-Interessen auf dieser Welt zu verteidigen. Die effektivste Methode, das zu tun, besteht in der Verlegung der 3. Royals nach Tara, damit sie die Stadt als Operationsbasis benutzen.«
»Sir, ein solches Vorgehen würde sie gefährden.
Wenn MacLeod davon erfährt, wird er seine Truppen zurück nach Tara
führen.«
Catelli schüttelte den Kopf. »Ich halte Oberst Mulvaneys Annahme
für unbegründet, Marschall. Unsere Kundschafter melden, daß die
MacLeod's Highlanders direkt hinter uns sind. Anscheinend nehmen
sie immer noch an, daß wir uns im Kastell festsetzen wollen. Unsere
Funküberwachung zeigt, daß MacLeod noch keine neue Verbindung zum
Fort hat aufbauen können. Wenn unser Plan funktioniert, können wir
sie hier draußen Tage oder noch länger binden, während die 3.
Royals unbemerkt landen. Wenn er glaubt, wir sitzen in der alten
Bunkeranlage in der Falle, wird er seine Truppen nicht abziehen,
gleichgültig, was in Tara geschieht – falls er das überhaupt jemals
herausfindet. Aber wenn wir jetzt zögern, kann er eine
Relaisstrecke zurück nach Tara aufbauen und wird von der Landung
der 3. Royals erfahren.«
Marschall Bradford nickte zustimmend, als Catelli fertig war.
»MacLeod ist immer noch blind und taub, was die Vorgänge in Tara
betrifft. Die 3. Royals werden die Stadt sichern und die loyalen
Zivilisten vor weiteren Ausschreitungen der Highlanders beschützen.
MacLeod wird die Guards während des Landeanflugs wahrscheinlich
bemerken, aber ohne seine modernen Kommunikations- und
Ortungsanlagen wird er weder ihren Anflugsvektor noch ihre
Landekoordinaten ermitteln können. Wenn wir einmal in Tara sind,
können wir eine Wiederaufnahme des Verbindung zum Fort verhindern.
Ohne diese Verbindung kann er die anderen Highlander-Regimenter
nicht von seiner kleinen Rebellion informieren. Von Tara aus wird
dann die 3. ausrücken, MacLeod von der Stadt abschneiden und ihn
zermalmen, wenn wir schließlich die Karten aufdecken.«
Mulvaney erkannte, daß ihr Widerspruch abgeschmettert war. »Was ist
mit den Stirling's Füsiliers, Sir? Sie werden dienstplanmäßig hier
eintreffen. Nach den letzten Berichten hat sich daran nichts
geändert.«
»Unsere Langstreckensensoren haben vor drei Stunden das Auftauchen
einer Schiffsgruppe unbekannter Zusammensetzung an einem
Piratensprungpunkt in der Nähe des Zenitpunkts entdeckt. Es braucht
keinen NAIW-Abschluß, um zu erkennen, daß es sich dabei um die
Füsiliers handelt. Sie sind mindestens drei Tage zu früh dran. Wir
hatte nicht damit gerechnet, daß sie einen geheimen Sprungpunkt
ansteuern, aber wenigstens wissen sie nichts von den 3. Royals.
Angesichts der relativen Positionen der beiden Einheiten ist auch
nicht damit zu rechnen, daß Oberst Stirling sie bemerkt. Bis jetzt
haben die Schiffe alle Anfragen ignoriert. Sie fliegen mit
maximaler Beschleunigung in Richtung Northwind und werden
voraussichtlich in achtzehn Stunden eintreffen. Nach dem, was wir
über Cat Stirling wissen, wird sie warten, bis sie sich ein klares
Bild von der Lage am Boden machen kann, statt sich blindlings in
die Schlacht zu werfen. Besser noch, sie könnte darauf warten, bis
MacLeod ihr Landekoordinaten mitteilt… möglicherweise können wir
ihr da behilflich sein. Das einzige, was zur Zeit für uns arbeitet,
ist MacLeods Unfähigkeit, sich mit Stirling in Verbindung zu
setzen. Die 3. Royals werden vor den Füsiliers eintreffen und
sollten unbemerkt landen können. Einmal am Boden sollen sie sich so
aufstellen, daß sie eine Kontaktaufnahme der beiden
Highlander-Regimenter verhindern können. Mulvaney, Sie werden nach
der Landung eine entscheidende Rolle zu spielen haben. Sie müssen
die Füsiliers dazu bringen, sich uns anzuschließen oder wenigstens
neutral zu bleiben. Ansonsten haben wir keine andere Wahl, als sie
zu vernichten.«
»Sir, das wird nicht leicht werden. Es gibt keine Garantie, daß
Oberst Stirling Prinz Davions Wünsche bezüglich Northwind
akzeptiert. Ich will kein Blutvergießen erleben, deshalb werde ich
mein Bestes tun. Aber ein Kampf gegen sie wird teuer werden… für
Sie und für die 3. Royal Guards RKG. Selbst mit Winchesters
NAIW-Truppen wird es ein ausgeglichener Kampf, und die Highlanders
haben den Heimvorteil.«
»Wir können uns kein Zögern leisten«, erklärte Bradford harsch.
»Eine dritte Flotte ist im System erschienen und hat vor MacLeods
Jägern unsere Ablenkungseinheiten erreicht. Die Schiffe wurden als
capellanisch identifiziert. Unsere Scheinflotte hat Verluste
erlitten und mußte das System verlassen. Das bedeutet, daß MacLeods
Jäger umgedreht haben und auf dem Weg zurück nach Northwind sind.«
Marschall Bradford sprach mit leiser, fast bedrohlicher Stimme.
»Was machen diese Liao-Schiffe hier? Ich weiß nicht, wie es Loren
Jaffray gelungen ist, Kontakt mit den Capellanern aufzunehmen, aber
wenn er es getan hat, werde ich dafür sorgen, daß er teuer dafür
bezahlt. Möglicherweise stehen diese Schiffe ja mit der Erklärung
des Kanzlers in Zusammenhang und sollen seine Anerkennung der
Unabhängigkeit Northwinds unterstreichen. Ihre Anwesenheit kann
eine leichte Abänderung unserer Pläne erforderlich machen, aber
eine echte Bedrohung stellen diese Schiffe nicht dar.«
Mulvaney hörte die Worte des Marschalls kaum. Ihre Gedanken waren
bei William MacLeod und seinem Regiment. Sie würden verbissen um
den Besitz Northwinds kämpfen, die Geburtstätte der Highlanders.
Sun-Tzu Liaos Erklärung war für sie ohne Bedeutung. Das waren nur
die leeren Worthülsen eines Politikers weitab von der Wirklichkeit
hier auf Northwind. Worte, und für Mulvaney sprachen Taten sehr
viel lauter.
Sie fragte sich, ob es für die Guards/NAIW-Truppen noch eine Chance
gab, wenn es Cat Stirling gelang, MacLeod zu verstärken.
Das könnte ein Debakel für die Davions werden,
aber sie sind zu blind, es zu erkennen. Wenn Bradford MacLeods und
Stirlings Einheiten getrennt und ohne Koordination halten kann,
könnte es ein Debakel unter umgekehrten Vorzeichen geben. Und jetzt
haben die Capellaner möglicherweise auch noch Truppen im System.
Werden Sie sich damit begnügen zuzusehen, oder werden sie
eingreifen?
Vor ihrem inneren Auge standen die Bilder alter Freunde und
Verbündeter, die plötzlich tot und begraben sein würden… und das
alles, weil sie etwas getan oder unterlassen hatte.
»Also dann«, meinte Bradford. »Wir sollten in unsere Mechs klettern
und unseren Plan weiterverfolgen. Die Despiser hat die meisten unserer Bodenfahrzeuge an
die vereinbarten Koordinaten gebracht. Ich erwarte, daß MacLeod
versuchen wird, uns am Erreichen des Kastells zu hindern. Bisher
hat er keinen Grund zu der Annahme, wir könnten ein anderes Ziel
haben, und daran darf sich auch nichts ändern. Sobald er angreift,
Rückzug zum Kastell. Mulvaneys Karten werden Ihnen zeigen, wohin
Sie zu gehen haben. Denken Sie daran, wir können uns keine
Verspätungen leisten.«
Marschall Bradford salutierte, und seine Offiziere verließen das
improvisierte HQ.
»Warten Sie eine Minute, Colonel Catelli«, sagte Bradford, als der
letzte Offizier ging.
»Sir?«
Bradford trat so dicht an ihn heran, daß niemand sie belauschen
konnte. »Als ich Ihnen den Befehl gegeben habe, für einen
Zwischenfall zu sorgen, der uns den Einmarsch in Tara ermöglicht,
war das keine Erlaubnis, Ihren Planetarischen Konsul zu
ermorden.«
Catellis Gesicht lief rot an. »Sir, diese Anschuldigung ist
schockierend. Ich habe den Tod des Konsuls weder autorisiert noch
in die Wege geleitet. Meine Pläne beschränkten sich auf ein paar
Feuerbomben in leerstehenden Regierungsgebäuden. Die Nachricht von
Drake Burns' Tod hat mich ebenso entsetzt wie Sie. Wir waren
vielleicht keine engen Freunde, aber ich habe den Mann
respektiert.«
Seine Macht habe ich respektiert, und jetzt
gehört sie mir.
»Natürlich«, meinte Marschall Bradford, zog eine seiner
unvermeidlichen Zigarren aus der Tasche und nahm sie sorgfältig in
Augenschein. »Übrigens werde ich dieses Gespräch in meinem Bericht
nicht erwähnen. Ich bin ein Militär, Catelli. Eines Tage hoffe ich
auszumustern und mich auf einem hübschen kleinen diplomatischen
Posten ganz ähnlich dem hier auf Northwind zur Ruhe zu setzen. Aber
ich garantiere Ihnen, Colonel, daß Sie niemals irgendeine Position
in meinem Stab bekleiden werden. Und falls ich herausbekommen
sollte, daß Sie auch nur entfernt etwas mit dem Tod von Konsul
Burns zu tun hatten, werde ich Sie festnehmen und vor Gericht
stellen lassen. Also, ich will keinen Hinweis finden, der nicht die
Northwind Highlanders mit diesem Verbrechen in Verbindung bringt.
Habe ich mich klar ausgedrückt, Mister?«
»Ja, Sir«, meinte Catelli leise.
Du wirst nicht lange auf Northwind bleiben,
mein lieber Marschall. Ihr Zinnsoldaten seid so jämmerliche
Politiker. Ihr wollt einen Zwischenfall, aber nur, wenn ihr euch
dafür die Hände nicht schmutzig machen müßt. Ihr verlangt plausible
Möglichkeiten, jede Schuld von euch zu weisen. Fein. Im Gegenzug
übernehmt ihr für mich die Drecksarbeit
und brecht den Highlanders das Rückgrat. Wenn das hier alles vorbei
ist, zieht ihr wieder ab, und der Northwind gehört mir. Und bis
dahin brauche ich nur weiter dein Ego zu streicheln.
Loren und Huff beugten sich über den tragbaren Kartentisch. Die kleine elektronische Karte war das einzige, was sie aus den Trümmern des Befehlsstands hatten retten können, nachdem er beim Angriff der Grenzgänger vernichtet worden war. Es schienen seither schon Wochen vergangen zu sein. Der Tisch war notdürftig geflickt und brachte nur minimale Leistung, aber etwas Besseres hatten sie nicht, und keiner der beiden beschwerte sich. Seit dem Hinterhalt am Fluß hatten MacLeods Truppen Mulvaney und Catellis Einheiten immer schneller den Fluß hinaufgetrieben. Inzwischen war es ein Wettrennen, ein offener Sprint zu den Befestigungen des Kastells. Aber ihr Gegner hatte einen beachtlichen Vorsprung, und das schwache grüne Licht des Kartentisches schien diese Tatsache noch zu unterstreichen.
»Wie sieht es mit dem Wiederaufbau der Verbindung zum Fort aus, Major?« fragte Loren.
»Noch mindestens zehn Stunden. Unser größtes Problem war ein Trupp dieser gepanzerten NAIWlinge, die zwei unserer Relaisstationen zerstört haben. So etwas bindet unsere begrenzten Mittel und kostet Zeit, die wir nicht haben.«
»Was kommt als nächstes?«
»Der Oberst hat mich gebeten, diese Pläne mit Ihnen durchzugehen.
Wenn wir zuschlagen wollen, müssen wir das bald tun. Unsere Kundschafter flußaufwärts melden, daß sie mit Höchstgeschwindigkeit vorrücken«, stellte Huff fest und strich sich mit beiden Händen über das kurzgeschorene Haar. »Außerdem gibt es Anzeichen dafür, daß sie ihr Landungsschiff dazu benutzen, Truppen und Fahrzeuge vorauszuschicken.«
»Was schlagen der Oberst und Sie vor?« fragte Loren und drehte den Hals. Er fühlte sich, als habe er tagelang einen Neurohelm getragen. Seine Nackenmuskulatur war knochenhart vor Verspannung. Sie kamen bei der Verfolgung Mulvaneys nur langsam voran, weil sie versuchten, gelegentlichen Minen und sonstigen Fallen auszuweichen, aber jetzt wurde es Zeit, ein Risiko einzugehen und sie endgültig zu stoppen.
»Wir haben fast ein komplettes Bataillon, das wir gegen sie in die Schlacht werfen können, wenn wir bereit sind, in den roten Bereich zu gehen. Oberst MacLeod hat mich beauftragt, dabei die Führung zu übernehmen. Und er hat mich gebeten, Sie als Nummer Zwei zu akzeptieren.«
Huff streckte die Hand aus und betätigte die Kontrollen der Karte. Auf dem Bild erschienen die Stoßrichtungen der Angriffe und Markierungen für Mulvaneys und Catellis Truppen. Loren studierte die Lage sorgfältig.
Was könnte schiefgehen? Von welcher falschen Voraussetzung gehen wir aus? Wenn wir all das wissen, weiß Marschall Bradford es auch. Wie wird er reagieren?
Loren hätte die Planung gerne ausführlicher überprüft, um Antworten auf alle möglichen Gegenaktionen und -taktiken auszuarbeiten. Aber sie befanden sich auf dem Schlachtfeld, in einer sich schnell verändernden Lage, in der sie sich den Luxus langwieriger Erwägungen nicht leisten konnten.
»Sie sind sich darüber im klaren, daß man uns erwarten wird.« »Ja«, erwiderte Huff kurz angebunden. »Oberst MacLeod und ich gehen davon aus, daß sie sich entweder eingraben werden oder in voller Geschwindigkeit auf das Kastell zustürmen. Auf jeden Fall müssen wir an Ort und Stelle sein. Sie werden sich mit Einsatzkompanie Eins
abstimmen und um alles vor der Regimentsstabskompanie kümmern. Sie übernehmen das südliche Flußufer. Ich kümmere mich um das nördliche. Schlagen Sie voll zu, brechen Sie durch ihre Linien und setzen Sie sich zwischen den Feind und das Kastell. Die Davions stehen auf dem Südufer des Tilman, und ich will in ihre Flanke kommen und sie zum Stehen bringen. Wenn wir ihnen den Schwung nehmen, haben wir sie.«
»Commander Füller hat mir ein wenig über den Bunkerkomplex erzählt, in dessen Richtung sie marschieren«, meinte Loren. »Der Eingang scheint verdammt schwer passieren zu sein.«
»So könnte man es ausdrücken«, bestätigte Huff und gestattete sich beinahe ein Lächeln. »Der Eingang liegt am Fuß des Wasserfalls und ist gerade breit genug für zwei Mechs nebeneinander. In der Sternenbundära existierte ein Mechanismus zur Umleitung des Wasserfalls, so daß ein direkter Durchgang geschaffen wurde. Aber der ist inzwischen ausgefallen, und man muß unter Wasser hinein.«
»Und die Feuerplattform? Hört sich nach einer Art Balustrade für Mechs an.«
»Auf halber Höhe der Fälle ist ein mit schweren Panzerplatten verstärkter Sims. Von da aus kann eine Handvoll Mechs eine acht- bis neunfache Übermacht aufhalten.«
»Tja, Major Huff, möchten Sie, daß wir die
Fälle umgehen und zu den Tunneleingängen von meiner Seite aus
vorstoßen?«
»Nein. Der Oberst und ich sind der Meinung, daß es katastrophal für
uns wäre, blindlings in die Tunnel zu stürmen. Sie sind zu leicht
zu verminen oder mit Selbstschußanlagen zu bestücken. Sie können
auch nicht auf die Klippen neben den Fällen. Sie sind so steil, daß
nur die besten sprungfähigen Mechs überhaupt eine Chance haben, in
einem Stück oben anzukommen. Und ein Versuch, die Klippen zu
umgehen, würde sie in beide Richtungen drei Kilometer
kosten.«
»Was ist mit einem Abschneiden der Fluchtwege, Major?«
»Fluchtwege?« fragte Huff zunächst überrascht, dann weiteten sich
seine Augen. »Erzählen Sie mir nicht, daß Sie immer noch denken, sie würden versuchen, zum
Gebirgslager durchzubrechen. Ich habe es Ihnen doch erklärt,
Jaffray. Wir haben diese Möglichkeit untersucht und verworfen. Ihre
Truppen sind seit Tagen auf der Flucht und erschöpft. Sie werden
haltmachen, weil sie eine weitere Anstrengung nicht riskieren
können.«
Loren zuckte keineswegs überzeugt die Schultern. An Mulvaneys
Stelle würde er sich niemals in einem Bunkerkomplex wie dem Kastell
eingraben. Der Schlüssel zum Erfolg für eine kleine Einheit im
Kampf gegen eine größere war es, in Bewegung zu bleiben. Egal, wie
leicht sich das Kastell verteidigen ließ, es machte keinen Sinn,
sich dort festzusetzen. Das würde ein Ende des Konflikts erzwingen.
Nein. Mulvaney war ihm dazu viel zu ähnlich. Sie war eine
MechKriegerin und hatte Erfahrung als stellvertretende Kommandeurin
eines EliteMechregiments gesammelt. Sie würde niemals einen derart
schwerwiegenden taktischen Fehler begehen. Sie wollte zu ihren
Bedingungen gewinnen, und dafür war das Kastell der falsche
Ort.
»Mir ist klar, daß Sie meine Theorie für falsch halten, aber warum
sichern wir diese Tunnel nicht trotzdem? Ich könnte mich irren,
Major, aber es kostet uns so gut wie nichts, auf Nummer Sicher zu
gehen. Stellen Sie ein paar Truppen für diese Ausgänge
ab.«
Plötzlich wurde Huff wütend. Sein Gesicht lief rot an, und er
gestikulierte heftig, während er sprach. »Jaffray, ich respektiere
Sie als MechKrieger, aber Sie sind nur zu Besuch bei dieser
Einheit, und kein wahrer Highlander. Ich habe Ihnen gesagt, der
Oberst hat Ihren Plan untersucht und verworfen.«
Loren verstand Huffs Erregung nicht. Er stellte keine Bedrohung für
den Mann dar. »Wo liegt das Problem, Major? Ich habe nur auf eine
Möglichkeit hingewiesen.«
Huff mußte wohl erkannt haben, daß er überreagiert hatte, und nahm
sich zusammen. Er atmete mit verkniffenem Mund ein und ließ die
Luft langsam wieder entweichen, um sich zu beruhigen.
»Das ist es nicht allein, Jaffray. Sie hatten Mulvaney in Ihrer
Hand und haben sie ziehen lassen. Einige von uns im Stab finden,
Sie haben sich zurückgehalten, und hätten Sie das nicht getan, wäre
dieser ganze Spuk schon vorüber.«
Plötzlich verstand Loren. »Major, ich versichere Ihnen, ich habe
sie nicht ziehen lassen. Sie ist entkommen. Ich habe sie nicht in
Stücke geschossen, weil eine verdammt hohe Chance bestand, daß ich
zuerst ins Gras gebissen hätte. Wir mußten zusammenarbeiten. Hätte
ich gewußt, daß sie sich so abrupt verabschieden würde, hätte ich
mich anders verhalten.«
Loren hörte die Worte von seinen Lippen kommen, aber er glaubte sie
selbst nicht. Tief im Innern wußte er, daß er dort unten im Schlamm
des Tilman nichts anders gemacht hätte.
»Ich verstehe… denke ich«, sagte Huff und klang um nichts
überzeugter als Loren. »Aber ich kann mir den Gedanken nicht
verkneifen, daß dies alles vorbei wäre, hätten Sie Mulvaney
ausgeschaltet. Jetzt werden gute Männer und Frauen sterben müssen,
so sehr wir auch versuchen, uns an die Gefechtsorder zu
halten.«
Huff hatte recht, aber so war der Krieg – Menschen kämpften und
starben. Sie waren Krieger, und ihre Arbeit bestand darin, andere
Krieger zu töten. Sie konnten nur ihre Pflicht tun.
»Gehen wir«, meinte Loren. »Schlagen wir zu und bringen es hinter
uns.«
26
SBVS-Festung N001, ›Das
Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
5. Oktober 3057
Am nächsten Morgen stürmte Loren im Zentrum der vorrückenden BattleMechlinie das Sandufer des Tilman hinauf. Trotz des Wärmestaus, der eine längere Laufstrecke normalerweise begleitete, blieb der Gallowglas bis jetzt relativ kühl. Alle funktionsfähigen Wärmetauscher waren in Betrieb, aber wenn er erst einmal die Waffen einsetzte, würde die Temperatur in der Pilotenkanzel schnell steigen. Hitzestaus waren die Nemesis jedes MechKriegers, aber sie ließen sich nicht vermeiden. Man mußte einfach mit ihnen leben.
Der Fluß war an dieser Stelle breiter, trotzdem jedoch war die Strömung sehr viel stärker. Die Felsformationen, die auch weiter stromabwärts gelegentlich auftauchten, waren hier weit häufiger, und irgendwie wirkten sie bedrohlicher. Vielleicht war es ja nur die Anspannung der Jagd, aber Loren spürte, daß diese Schlacht noch heftiger toben würde als ihr erstes Aufeinandertreffen.
Er erinnerte sich an Huffs Vorwurf und auch an seine Begegnung mit Mulvaney am Boden des tiefen Flusses. War es Angst gewesen, die ihn daran gehindert hatte, auf sie zu feuern, als sie einander umklammert hielten? Loren hatte sich vorher noch nie von der Möglichkeit einschüchtern lassen, zu sterben, aber was sonst hätte ihn dazu bewegen können, mit ihr zu kooperieren, statt seinen Untergang zu riskieren? War es die Erinnerung an den Tod seines Vaters auf einer vergessenen Welt in einem dunklen, geheimnisvollen, unerklärten Krieg gewesen? Als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte Mulvaneys Flucht im Widerspruch zum Erfolg seiner Mission gestanden. Statt ein schnelles Ende zu finden, artete der Konflikt jetzt in einen langen Feldzug aus.
Die Nahortung riß ihn aus diesen düsteren Gedanken, als sie voraus mehrere Ziele anzeigte. Loren rief sofort die Karte des Flusses und des Kastells auf. Laut der Darstellung liefen die Flußufer auf einen Punkt an den Wasserfällen zu, die den Zugang zum Bunker beschützten, und wurden dabei immer schmaler. Die Klippen waren fast fünfzig Meter hoch und für die meisten Mechs unbezwingbar. Durch den dichten Wald zu beiden Seiten wären sie gezwungen, in einem engen Trichter zu kämpfen, der am Wasserfalleingang endete. Noch waren ihre Feinde zu beiden Seiten des Tilman über drei Kilometer verteilt. Ein Teil von ihnen mußte schon das Innere des Kastells erreicht haben, aber die Mechs am Ende der Marschkolonne boten sich noch als Angriffsziele an.
Einer der Scoutlanzenführer, ein Commander Djukowitsch, gab als erster die Zielliste durch. »Mittelschwere und schwere Mechs voraus, in Bewegung von unserer Position weg.« Als er diese Worte hörte, begann Lorens Herz vor Erregung zu hämmern. Er war nervös und aufgeregt, aber die Krieger unter seinem Befehl würden davon nichts bemerken. »Gut gemacht, Djukowitsch. Hier spricht Jaffray. Alles auf die Signale einpeilen. Die Piloten der sprungfähigen Mechs führen Fall Blau aus.«
Nicht weit vor sich sah er die Flammenspeere aus den Sprungdüsen von drei seiner Mechs, die in Richtung des tiefen Waldes abdrehten. Loren folgte ihnen und löste die provisorisch reparierten Düsen seines Gallowglas aus. Er kippte leicht nach vorne, und Loren fiel in die Polster der Pilotenliege, als er sich in Schubrichtung lehnte. Durch seinen Körper raste die sinnliche Erfahrung, wie er sie in diesen Situationen immer fühlte.
Kampf.
Manche schrieben darüber, manche wurden seine Zeugen, andere fürchteten ihn, aber Loren liebte ihn. Körper und Geist schienen mit dem Gallowglas zu verschmelzen, der ihn umgab. Der Mech war nicht länger nur eine Vernichtungsmaschine, er wurde zur Verlängerung seiner Gedanken und Aktionen – zu einem Teil von ihm selbst. Die sinnliche Erfahrung war wie eine Droge, und Loren bekam nicht genug davon. Es war nicht das Töten, das ihn anzog. Es war die Eleganz der Kriegskunst, die ihn faszinierte.
Er hatte Fall Blau ausgearbeitet, um seiner Einsatzgruppe einen Vorteil zu verschaffen. Alle sprungfähigen Mechs hatten Anweisung, in den Wald entlang des Flußufers zu springen. Statt vorwärts zu rennen, würden die Mechs den Feind angreifen und sofort weiterspringen. Ihr Auftrag lautete, zwischen dem Kastell und den RenegatenMechs zu bleiben, die es noch zu erreichen versuchten. Die nicht sprungfähigen Kampfkolosse würden sich darauf konzentrieren, die Nachhut der Davion/Mulvaney-Kräfte zu zerschlagen.
Huff hatte sich für eine konservativere Vorgehensweise entschieden, einen Sturmangriff, bei dem seine Mechs geradewegs durch die Reihen der Davions brachen, um die Position zwischen ihnen und dem flußaufwärts gelegenen Kastell zu besetzen. Loren hatte den Wunsch verspürt, sich mit Major Huff über dessen Entscheidung auseinanderzusetzen, aber es sich dann doch anders überlegt. Huff war weniger aufgeschlossen als MacLeod, und Loren wollte keinen weiteren Streit riskieren. Die beste Prüfung ihrer Pläne würde das Leben liefern. Und wenn alles gut ging, konnten sie mit der Kombination der beiden so unterschiedlichen Vorgehensweisen die rückwärtige Flanke der Davion-Linien zertrümmern.
Als er in seinem Mech fast dreißig Meter hoch über dem Fluß hing, sah Loren das Gelände auf eine Weise, wie sie kein Cockpitschirm bieten konnte. Fast drei Kilometer stromaufwärts, vom dichten grünen Wald perfekt eingerahmt, stieg die Gischt des Wasserfalls empor, der das Kastell bewachte. Und genau wie Huff beschrieben hatte, waren die Abhänge zu beiden Seiten so steil, daß ein Mech nur springend eine Chance hatte, sie zu bezwingen – ein beeindruckendes Zeugnis vom Können der Ingenieure, die Jahrhunderte zuvor die Festung angelegt hatten.
Fast eine Kompanie BattleMechs unterschiedlichster Konfigurationen und Gewichtsklassen war auf dem Weg in Richtung Wasserfall. Die meisten Kampfkolosse hielten sich dicht am Wasser und schienen ihre Verfolger nicht zu beachten. Statt dessen waren sie offensichtlich auf das Erreichen der sicheren Bunkeranlage konzentriert. Lorens und Huffs Bodentruppen stürmten über das offene Gelände des Flußufers hinter ihnen her, während MacLeod Unterstützung und Reserve stellte. Mulvaney und Catellis Mechs hatten sich am Südufer konzentriert, auf dem Wasser eskortiert von den wenigen verbliebenen Schwebern. Jaffray korrigierte die Flugbahn seines Mechs etwas, so daß er kurz hinter der Baumlinie zu Boden ging. Als er sich den Wipfeln näherte, gab er seinen Bodeneinheiten das Signal.
»Jaffray an Einsatzgruppe, Feuer frei!«
Bevor er hinter dem Wall uralter Baumriesen verschwand, sah Loren die erste Welle Langstreckenraketen zu seiner Rechten auf die Davions zufliegen. Der Gallowglas brach schwer durch die Wipfel und zerschmetterte einiges Astwerk. Loren mußte mit den Kontrollen ringen, um das Gleichgewicht zu halten. Der Kreiselstabilisator der gewaltigen Kampfmaschine schien ihm in den Ohren zu dröhnen, als er darum kämpfte, den Mech auf den Beinen zu halten. Die Maschine schien sich seinen Anstrengungen zu widersetzen, und über die Feedbackschleifen des Neurohelms packte ihn ein heftiges Schwindelgefühl. Loren war so im Bann der sinnlichen Erfahrung des Kampfes, daß er den Temperaturanstieg durch den kurzen Sprung kaum wahrnahm. Er ignorierte ihn und feuerte die Sprungdüsen ein zweitesmal ab, wodurch er den Giganten aus Stahl und Keramik noch einmal in den Himmel über Northwind schleuderte.
Als das Schlachtfeld unter ihm in Sicht kam, stellte Loren fest, daß der Kampf begonnen hatte. Ein Greif der Konsulargarde schien seine Flucht abgebrochen und sich dem Ansturm von Lorens Truppen entgegengestellt zu haben. Er feuerte mit tödlicher Präzision seine PPK gegen die direkt auf ihn einstürmenden Mechs ab. Ringsum schlugen Raketen ein, aber der Mech wankte nicht und machte auch keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Anscheinend hatte der DavionMechKrieger seinen Greif im flachen Wasser postiert, um ihn zu kühlen, und feuerte alles ab, was er hatte. Von den Wärmetauschern an den Füßen des Mechs stieg Dampf auf.
Lorens Team Blau hing rings um ihn herum in der Luft. Raketensalven zuckten vom Boden empor an ihm vorbei und schlugen in Füllers Dunkelfalken ein. Schrapnells und Panzertrümmer hagelten auf die Bäume hinab. Noch im Flug senkte Loren die PPK und suchte nach einem Ziel. Da. Ein Nachtschatten, einer von Mulvaneys Highlandern. Der Mech drehte gerade im Lauf herum, um einen von Lorens Bodenmechs mit dem schweren Impulslaser einzudecken. Loren löste die PPK aus, sobald die Sichtprojektion eine Zielerfassung bestätigte. Aber der grellblaue Energieblitz verfehlte den Highlander-Mech um Zentimeter und spie eine Fontäne von Sand und Steinen in die Luft.
Der Gallowglas machte sich für Lorens Geschmack zu früh wieder auf den Weg nach unten, aber das Cockpit schien jetzt schon eine Sauna. Da er kein geeignetes freies Gelände zur Landung sah, überließ er es dem Mech, sich einen Landeplatz auszusuchen, und der krachte in eine riesige Eiche wie ein Gladiator, der sich auf seinen Gegner warf. Der jahrhundertealte Baum hatte dem Aufprall von siebzig Tonnen BattleMech nichts entgegenzusetzen und brach in der Mitte auseinander, was Loren den nötigen Widerstand lieferte, um den Gallowglas aufrecht zu halten.
Ein schneller Blick auf den Sekundärmonitor, und Loren war über die Position der gegnerischen Einheiten im Bilde. Es schien, daß eine Handvoll Mechs gestoppt hatte und die Angreifer hinzuhalten versuchte, um den übrigen einen Durchbruch zum Kastell zu ermöglichen. Weiter flußabwärts erzwang Huffs Sturmangriff Mechgefechte auf kürzeste Distanz. Nach allem, was Loren den Daten entnehmen konnte, war es Huff nicht gelungen, die gegnerischen Reihen wie geplant zu durchstoßen. Die Lage konnte sich nur noch verschlimmern, weil sich jetzt einige Schweber, Savannah Masters und Pegasi über den Fluß in Huffs Flanke bewegten.
Wenn sie Glück hatten, würde MacLeod rechtzeitig eintreffen, um ihren Vorstoß zu verstärken. Jedenfalls schnitt Lorens Truppe dem Feind den Weg zum Kastell ab. Wenn wir uns hier durchsetzen, könnten ein paar gutplazierte Schüsse allem ein Ende machen.
Der nächste Sprung war von Beginn an schwieriger. Kaum hatte sich der Gallowglas über die Baumkronen erhoben, als der Mech schon von allen Seiten mit Laserfeuer eingedeckt wurde. Viele der grellen Lichtimpulse verfehlten ihr Ziel, aber einige trafen auch und kochten die Panzerung von der schwach geschützten Rückenpartie des Stahlriesen. Der Schweiß rann an Lorens Armen hinab, während der Sekundärschirm ihm auf der in Grün und Braun dargestellten Silhouette seines Mechs die Pockennarben der Einschläge zeigte. Noch war kein Treffer bedrohlich, aber der Kampf hatte ja auch gerade erst begonnen.
Loren suchte nach einem Ziel und bemerkte den Renegaten- Nachtschatten, der sich parallel zu seiner Flugbahn am Ufer entlangbewegte. Der Pilot mußte ihn im selben Moment bemerkt haben, in dem Loren das Fadenkreuz auf ihn zog. Beide BattleMechs schienen ihre Geschütze wie in einem tödlichen Ballett langsam auf den anderen auszurichten, und in Lorens Cockpit schrillte die Feindwarnung auf. Sein Gegner hatte ihn erfaßt. Als Antwort änderte der Capellaner die Flugbahn seiner Maschine und bewegte sie weiter in Richtung Fluß. Mit größerer Sorgfalt richtete er noch einmal die PPK und die schweren Laser auf den Nachtschatten. Der Renegat feuerte zuerst. Die roten Laserimpulse zuckten durch die Luft wie Leuchtspurmunition und zeichneten Lorens Flugbahn nach. Er unternahm keinen Versuch, dem Beschuß auszuweichen, sondern verließ sich auf die Panzerung seines Mechs. Als die Lasersalve sich in den Rumpf des Gallowglas brannte, fühlte Loren über das Feedback des Neurohelms heiße Funken in seinen Kopf schlagen. Ein lautes Klingeln machte ihn einen Augenblick lang benommen, etwas, das er sich mitten im Flug auf keinen Fall erlauben konnte. Einen kurzen Moment lang kehrte das Schwindelgefühl zurück. Loren unterdrückte die Übelkeit, die beißende Galle durch seine Kehle hinaufsandte, und konzentrierte sich auf die Waffenkontrollen. Der Nachtschatten war noch immer als Ziel erfaßt. Zufrieden löste er die PPK und beide schweren Sunglow-Laser aus.
Der Gallowglas stoppte in der Luft, die Geschütze suchten sich ihr Ziel. Eine Hitzewelle erfaßte Lorens Haut, als die Laser ihren Schaden anrichteten und sich wie Speere in die rechte Rumpfseite des Nachtschatten bohrten. Die Panzerung flog davon, und freigelegte Myomermuskeln zerrissen, gefolgt von weißen Rauchschwaden, als das Schmiermittel der Hydraulik verkochte. Der PPK-Schuß schlug mit einer Explosion von Partikelstrahl und Funkenflug in das rechte Ellbogengelenk des Nachtschatten ein. Die Wucht der Treffer schleuderte den rennenden Mech herum, drehte ihn in Richtung Wasser und warf ihn vornüber zu Boden. Er war noch keineswegs vernichtet, aber aus eigener Erfahrung wußte Loren, daß der Pilot mehrere Minuten brauchen würde, um seine Maschine aufzurichten und den Kampf wiederaufzunehmen.
Er setzte auf einer kleinen Lichtung auf und sprang fast augenblicklich weiter. Nur vierundzwanzig Meter entfernt landete Jake Füllers Dunkelfalke und erhob sich ebenfalls sofort wieder in die Lüfte. Loren stellte fest, daß er mit dem nächsten Sprung am Fuß des Wasserfalls ankommen würde. Kein Flußufer mehr. Nur noch Fels und Wasser.
Lorens feingeschliffenes taktisches Empfinden, das Ergebnis von Jahren des Trainings und der Erfahrung, überschlug schnell die Vorund Nachteile des Geländes sowie der Feuerkraft, Bewegungsmöglichkeiten und Verteidigungsfähigkeiten seiner und der feindlichen Einheiten. Es war kein bewußtes Abwägen, es lief instinktiv ab, wie bei einem Wolf auf der Jagd nach einem Reh.
Hier bleiben wir.
»Team Blau ans Ufer. Eingraben und das Feuer auf die Mechs eröffnen, die wir überholt haben.« Loren richtete die Sensoren flußabwärts und stellte fest, daß seine Truppe etwas besser dastand als Huffs Leute. Anscheinend hatte seine Sprungtaktik die Davions an dieser Seite des Ufers verwirrt. Sie erholten sich erst jetzt allmählich von ihrer Überraschung. Seiner Ortung nach näherten sich allerdings auch Huffs Schwierigkeiten ihrem Ende, da die ersten Mechs von Oberst MacLeods Einheit eingetroffen waren, was die Huff zur Verfügung stehende Feuerkraft nahezu verdoppelte. Damit hatte Lorens kleinere Truppe am Kastell die Davion/Mulvaney-Mechs zwischen sich und dem Rest des Regiments in der Zange.
Die BattleMechs von Team Blau landeten auf
einem einhundert Meter langen Abschnitt des schmaler werdenden
Uferstreifens. Eine Abtastung des Wasserfalls, hinter dem sich das
Kastell verbarg, lieferte Loren keinerlei Hinweis auf irgendwelche
Aktivitäten oder einen Betrieb der Festung. Konnte es sein, daß
niemand aus der Davion/Mulvaney-Truppe den Komplex erreicht hatte?
Nein. Aber jetzt war keine Zeit, sich über den Rest der feindlichen
Streitmacht Gedanken zu machen. Jetzt hieß es, den Angriff
vorantreiben.
Die feindlichen Mechs, die sich in Richtung des Kastells
zurückgezogen hatten, stürmten plötzlich vor, als sie erkannten,
daß Jaffray mit seiner kleinen Mannschaft in einer Stellung war,
die es ihm ermöglichte, sie aufzuhalten. Sie zogen es vor, sich
Lorens Einsatzgruppe zu stellen, statt sich einzugraben und der
schieren Feuerkraft Huffs und MacLeods zu trotzen. Jaffray hatte
gerade erst angefangen, seine Befehle zu erteilen, als schon die
ersten Langstreckenraketen auf ihn und den Rest von Team Blau
herabstürzten.
»Team Blau, Feuer frei. Gegen Feind vorrücken. Nachzügler, die versuchen, in Richtung Flußmitte auszubrechen, sind Primärziele!« Gleichzeitig mit seinen Befehlen feuerte er die PPK auf einen näherkommenden RenegatenKriegshammer ab. Wenn es den Davion/Mulvaney-Truppen gelang, sich in den Fluß zu retten, konnten sie das Kastell durch den Unterwassereingang betreten, das war Loren klar.
Füllers Dunkelfalke marschierte mehrere Meter vor und senkte die Autokanone flußabwärts. Die Waffe spie einen konstanten Granatenhagel über einige gegnerische Mechs, bis Füller sich auf einen anrückenden Kampfschützen einschoß. Die Granaten trommelten auf den Mech ein und rissen einen seiner schweren Armlaser ab.
Dann feuerte ein Lichtbringer aus Mulvaneys Einheit einen seiner schweren Extremreichweitenlaser auf Lorens Truppe ab und traf einen Greif am linken Bein, das er komplett abtrennte. Nur ein Stummel interner Stützstreben und loser Myomerbündel baumelten noch vom Rumpf des Mechs herab. Der Greif humpelte in schräger Linie auf das Wasser zu, bis es dem Piloten schließlich gelang, das Gleichgewicht wiederzufinden. Von den kämpferischen Fähigkeiten des Highlanders beeindruckt, gratulierte Loren ihm, indem er den Lichtbringer mit seinen schweren Lasern unter Beschuß nahm und sein Feuer flach auf dessen Beine richtete. Selbst in der Hitze der Schlacht galt es, Oberst MacLeods Gefechtsorder zu beachten.
Loren wartete darauf, daß die Renegaten und ihre DavionVerbündeten seine Reihen stürmten. Das würde die Effektivität seiner Truppe mindern und ihre Gegner gleichzeitig weiter von MacLeods und Huffs langsam anrückender Mauer von BattleMechs entfernen. Loren war bereit, seine Truppe zurückzuziehen, um ihnen den Nahkampf zu verwehren, auf den sie es anlegten, als er plötzlich sah, wie die gegnerischen Mechs ihren Vormarsch stoppten, sich eingruben und ihr Feuer auf Huffs und Lorens Truppen verteilten.
»Loren«, meldete sich Füller über eine erneute
Salve seiner Autokanone. »Was, zum Teufel, haben die
vor?«
Jaffray antwortete nicht, sondern richtete seine mittelschweren
Impulslaser auf den Nachtschatten, der
inzwischen den Kampf wiederaufgenommen hatte.
Es scheint, als sei es ihnen völlig
gleichgültig, ob sie das Kastell erreichen. Aber
warum?
Er gab eine weitere Geschützsalve auf den Nachtschatten ab. Ein Laserstrahl schlug in dessen
zertrümmerten Arm ein, während der andere vorbeiging. Als der
beilbestückte Arm des Nachtschatten
abfiel und das kalte Flußwasser zum Kochen brachte, wurde Loren die
Antwort allmählich klar.
Sie versuchen nicht, das Kastell einzunehmen,
weil sie das schon getan haben1.
Er konzentrierte die Sensoren auf den nur 125 Meter entfernten
Wasserfall. Der Sekundärschirm zeichnete mehrere magnetische
Störungsquellen auf halber Höhe der Fälle.
Fusionsreaktoren!
Plötzlich war Team Blau nicht mehr der Amboß, auf dem Huffs Hammer
die Gegner zertrümmerte. Die Vorzeichen hatten sich umgekehrt. Auf
dem Panzersims des Kastells gingen Mechs in Stellung, um seine
Truppen von hinten anzugreifen.
Diesmal nicht, Chastity. Seit ich angekommen
bin, hast du meine Mission gefährdet. Jetzt wird es Zeit, den Krieg
nach Hause zu tragen. Diesmal nicht…
»Team Blau, es sind Mechs im Kastell hinter uns. Sturmangriff auf
die Bodentruppen vor uns!« Loren ging auf Höchstgeschwindigkeit,
und sein Kampfkoloß preschte los, während dem Rest seiner Piloten
allmählich aufging, in welchen Schwierigkeiten sie steckten. »Sir«,
meldete sich Füller, »mit Vollgas gegen eine Mauer zu rennen würde
ich nicht gerade als vernünftig bezeichnen.«
»Für Vernunft ist hier kein Platz«, gab Loren zurück.
27
SBVS-Festung N001, ›Das
Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
5. Oktober 3057
Lorens Warnung war gerade noch rechtzeitig gekommen. Mehr als achtzig Langstreckenraketen jagten hinter der donnernden Wasserwand hervor auf die Mechs von Team Blau zu. Der Wasserfall wies mehrere Lücken auf, durch die sie die Mechs der Angreifer von ihren Stellungen hinter der gepanzerten Balustrade unter Beschuß genommen hatten. Die Raketen konzentrierten sich auf drei von Lorens Mechs, die wie der Gallowglas davonstürmten. Das reichte nicht aus, einen Schaden zu vermeiden, aber durch ihre plötzliche Bewegung ging rund die Hälfte der anfliegenden Projektile daneben. Die Detonationen warfen Sand- und Wasserfontänen rings um die vorpreschenden Mechs in Lorens Einsatzgruppe hoch.
»Ich erkenne da oben zwei Schützen, einen Großtitan und einen Kampftitan«, meldete einer der Piloten. Loren kaute auf der Unterlippe. Das Auftauchen von Mechs im Kastell hatte ihn überrascht. Jetzt mußte er eine Lösung für seinen taktischen Fehler finden. Wie zuvor schien sein Gehirn auf einer schnelleren, instinktiven Ebene zu arbeiten.
»Weiterstürmen, Team Blau. Überrennt den Gegner vor euch. Stellt sie möglichst im Nahkampf. Je mehr wir mit ihnen verstrickt sind, desto schwieriger fällt es ihren ArtillerieMechs, die Guten von den Bösen zu trennen«, gab er über Funk durch. Er lief drei Schritte und trat das linke Pedal durch, um den Gallowglas ins seichte Wasser zu drehen. Hinter ihm erklang Explosionsdonner, als die beiden feindlichen Schützen das Feuer wieder eröffneten. Einige der Raketen wurden ein Opfer der herabstürzenden Wassermassen, aber die meisten drangen durch die Lücken und streckten sich wie die Hand des Todes nach Jaffray und seinen Leuten aus.
Einer seiner Mechs, ein Vulkan, bekam die Masse der Raketensalve und eine Gausskugel in den rechten Unterschenkel ab. Loren konnte nur zusehen, wie der Highlander-Mech sich in einem pantomimischen Todeskampf wand und die Pilotin den Schleudersitz auslöste. Sie wurde geradewegs über den Fluß ans andere Ufer geschleudert, wo sich ihr Fallschirm öffnete und sie absetzte. Während die Pilotin noch zu Boden schwebte, kippten die zerschlagenen und verkohlten Überreste ihres Vulkan in die Fluten und verschwanden.
Dann konzentrierten sich die Davions auf Lorens Truppen. Die Mechs in der Nachhut zogen sich hastig zurück und machten sich daran, mühsam ans Ufer zu waten, während sich die Schweber in einer Kehrtwendung direkt gegen Team Blau formierten. Als die Davions sich von Huff abkehrten, erkannte Loren, daß seine Mannschaft jetzt einer erheblichen Übermacht gegenüberstand, die mit jeder Minute größer wurde.
»Sir? Was haben die vor?« fragte Commander Sullivan von Einsatzkompanie Eins. Sein Kreuzritter deckte 50 Meter vor Lorens Gallowglas den Gegner aus Lang- und Kurzstreckenlafetten ein. »Sie graben sich ein, statt uns niederzurennen.«
Es war eine weitere Falle. Loren war sich
sicher. Aber was für eine? Er suchte Wald und Fluß nach
verräterischen Indizien ab.
»Behaltet eure Ortung im Auge, Leute. Sucht nach Minen oder
versteckten Mechs. Hier geht irgend etwas vor«, warnte er seine
Einheit, während er das Fadenkreuz über einen Davion-Cäsar zog. An
der Bemalung erkannte er den Mech aus Mulvaneys Hinterhalt wieder,
auch wenn er jetzt rußgeschwärzt und zerbeult war. Aber der
kampfgezeichnete Mech bewegte sich, als sei er unbeschädigt oder
repariert. Die Erinnerungen an diesen Hinterhalt waren noch allzu
frisch, und Loren konnte auf eine Wiederholung seines Versagens
verzichten. Huffs Worte klangen in seinen Ohren nach. Er hätte den
Kampf dort endgültig abschließen können, aber er hatte es nicht
getan. Diesmal würde es anders laufen.
Als die Mechs aus dem Kastell eine weitere tödliche Geschoßsalve
abfeuerten, nahm Lorens Verwunderung noch zu. Die größer werdende
Staubwolke stromabwärts ließ keinen Zweifel daran, daß Huff und
MacLeod immer näher kamen, aber Sichtschirm und Ortung zeigten
Mulvaney und die Davions, die auf seiner Seite des Flusses schon
fast übereinander kletterten. Team Blau rückte weiter vor, aber
jetzt sehr viel langsamer, durch den plötzlichen Umschwung
mißtrauisch geworden.
Als Loren die Waffen für einen erneuten Angriff auf den
Cäsar ausrichtete, blieb dieser stehen
und feuerte sein Gaussgeschütz auf Sullivans Kreuzritter ab. Die silbernglitzernde Kugel schoß
mit einer solchen Geschwindigkeit aus dem Lauf, daß man sie mit
einem Energiestoß hätte verwechseln können. Sie schlug in der Hüfte
des Kreuzritters ein. Der Mech
stolperte nach hinten, und Bruchstücke seiner Panzerung fielen in
den Fluß. Loren feuerte die PPK ab und sandte einen Strom geladener
Partikel in den rechten Ellbogen des Cäsar, um dessen Feuer auf sich zu ziehen. Der
Unterarm des Cäsar mit der tödlichen
PPK fiel leblos herab, als das Ellbogengelenk in einem wilden
Funkenschauer den Geist aufgab.
Jake Füller meldete sich wieder. »Sie stehen da unten am Ufer auf
einem Haufen herum und warten auf uns, Major. Was tun
wir?«
Von allen Gründen, die Loren einfielen, warum sich eine Gruppe von
MechKriegern so verhalten sollte, war der bei weitem
wahrscheinlichste, daß sie versuchten, den Feind in einen
Hinterhalt zu locken. Aber weder eine Überprüfung des Flußbetts
noch der Wälder hatte einen Hinweis auf versteckte Feindtruppen
ergeben. Durch den Rückzug des Gegners wußte er, daß Team Blau
nicht in ein Minenfeld lief, und sie waren inzwischen weit genug
vom Kastell entfernt, um dem Beschuß von dort seine Gefährlichkeit
zu nehmen.
Entweder wollen sie uns aus der Deckung
locken, oder sie wollen es jemand anderem erleichtern, unsere
Truppen auseinanderzuhalten. Wenn sie es darauf anlegen, unsere
Einheiten voneinander zu trennen, sollte ich darauf reagieren,
indem ich genau das verhindere. Ich weiß nicht, was sie vorhaben,
aber unsere beste Verteidigung besteht darin, ihre Pläne zu
durchkreuzen.
»Team Blau von Major Jaffray. Alle Einheiten, stürmen! Überrennt
sie. Wo möglich, erzwingt einen Nahkampf. Nehmt sie euch zur Brust,
und das meine ich wörtlich!«
»Sir?« erklang die zweifelnde Stimme Commander
Füllers. Loren trieb den Gallowglas
vorwärts, als eine Salve aus sechs Kurzstreckenraketen knapp seinen
linken Arm verfehlte. »Sie haben richtig gehört, Jake!
Sturmangriff! Sie wollen uns fernhalten, und ich bin nicht in der
Stimmung, ihnen diesen Gefallen zu tun.«
Als seine gesamte Truppe Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte,
stellte Loren fest, daß sich die Davions und Renegaten weiter
zurückzogen und noch immer Distanz zu halten versuchten. Dann
drehten drei Reihen ihrer Mechs um und eröffneten das Feuer auf den
Rest von Lorens nicht sprungfähigen Mechs und die Maschinen Major
Huffs.
»Huff an Jaffrey.«
Lorens Gallowglas wurde von zwei
mittelschweren Impulslasern am Rumpf getroffen. Die Alarmglocken
der Wärmeskala gellten auf, aber Loren schaltete sie ab, um sich
auf die Stimme seines Offizierskameraden konzentrieren zu
können.
»Sprechen Sie, Huff«, antwortete er und feuerte seine Impulslaser
auf den rückwärts ans Flußufer watenden Cäsar ab.
»Langstreckenortung spricht an. Setzen Sie sich in den Wald oder
den Fluß ab.« Die Angst in Huffs Stimme war selbst über Funk
unverkennbar.
»Wo…«
»Jäger!«
Im selben Moment explodierte der Boden neben Loren, als ein
LSR-Hagel aus dem blauen Himmel Northwinds herabregnete und eine
seiner Hornissen traf, die
augenblicklich in einem Feuersturm verschwand. Der Pilot hatte
keine Chance.
Noch immer eher instinktiv als überlegt handelnd, öffnete Loren die
Verbindung zu Team Blau. »Davion-Luft/Raumjäger! Wir müssen
zwischen ihre Mechs! Alle Mann vorwärts!«
Unsere einzige Hoffnung ist, mitten in ihre
eigene Formation zu stürmen, wo wir nicht bombardiert oder
beschossen werden können.
Die Mechs von Team Blau krachten in die Reihen ihrer Gegner wie eine Flutwelle in einen Deich. Loren stürmte mit dem Gallowglas geradewegs in den Steppenwolf eines Highlander-Renegaten, als dieser gerade einen Schlag gegen ihn ausführte. Die riesige Metallfaust grub sich tief in die Schulter des Gallowglas, verfehlte aber den Schulteraktivator. Die Gewalt des Zusammenpralls war so groß, daß die Schulter ihrerseits sich in die Brustpartie des Angreifers grub. Wichtiger aber schien, daß die Steppenwolf-Pilotin das Gleichgewicht verlor und ihr Mech im Sturz noch die Valkyrie eines anderen Renegaten mitriß.
Loren öffnete eine Richtstrahlverbindung zum Cockpit des Steppenwolf. »Ergeben Sie sich, oder ich sorge dafür, daß Ihr Mech nie wieder einen Einsatz erlebt.«
Die durch den Nahkampf erzeugte Hitze war kaum noch zu ertragen, und Lorens Kühlweste bot ihm nur einen schwachen Schutz vor der Bruthitze im Innern der Kanzel. In der Ferne sah er, wie Huffs und MacLeods Truppen unter dem Luftangriff schwere Verluste erlitten. Der Explosionsdonner der Bomben ließ seinen Mech erzittern und füllte die Luft mit dichten grauschwarzen Rauchwolken.
»Aye, Sir, ich ergebe mich Ihrer Gnade«, antwortete die Steppenwolf-Pilotin und schaltete in einer Geste der Kapitulation den Fusionsreaktor ab. Jaffray verschwendete keine weitere Zeit, sondern wandte sich dem nächsten seiner Leute zu, Commander Sullivan in seinem angeschlagenen Kreuzritter. Der ältere Commander holte mit dem rechten Arm seines Mechs zu einem Hieb gegen den Davion-Cäsar aus, den Loren kurz zuvor angegriffen hatte, aber er bekam keine Gelegenheit, den Schlag auszuführen. Der Cäsar-Pilot beugte seinen Mech nach vorne, so daß die Mündung seines Gaussgeschützes sich knapp unter dem Saum von Sullivans Kanzeldach befand, und feuerte.
Der Schuß riß den Kopf des Kreuzritter ab wie der Hieb eines Richtschwerts. Der Schuß auf derart kurze Distanz zerfetzte auch das Gaussgeschütz, aber Loren hatte ernste Zweifel, ob das den DavionPiloten interessierte. MacLeod und Mulvaneys Gefechtsorder hatte für die Konsulargarde offensichtlich keine Bedeutung. Deren Mitgliedern ging es nur um den Abschuß. Aber Loren wußte, ein Feind, der unfähig war, das Konzept der Ehre zu begreifen, konnte die Northwind Highlanders niemals besiegen.
Was für ein Unterschied, dachte Loren. Die einen kämpfen für eine Sache, den anderen geht es nur um die Macht. Barbaren! Besser, die Bestie umzubringen, als zuzulassen, daß sie weitere Verbrechen begeht. Sie leben zu lassen, wäre ein Verbrechen!
Er zog das Fadenkreuz über den Cäsar, der sich mit nutzlos herabhängendem rechten Arm zu ihm umdrehte. Jaffray gab eine Breitseite auf ihn ab. Die PPK, die beiden schweren Laser, die beiden mittelschweren Impulslaser und sogar der leichte Kopflaser eröffneten gleichzeitig das Feuer auf den plumpen Mech. Über diese kurze Entfernung zuckte aus der PPK nur ein greller Energieblitz, der über den gesamten Rumpf des Cäsar tanzte und seine Panzerung abkochte. Die Laser bohrten sich knapp unter den Überresten der Bewaffnung des Mechs in den Rumpf, brannten sich an Myomermuskeln und Panzerresten vorbei und gruben sich in die Reaktorabschirmung, bis sie das Magnetfeld zerstört hatten, das den Reaktorkern umgab.
In einem gleißenden Feuerball flog der Cäsar über den Trümmern des zerstörten Kreuzritter in einer Million Bruchstücke auseinander. Schrapnelle von der Explosion schlugen in einen Tomahawk der Konsulargarde ein und warfen einen Renegaten-Kriegshammer zu Boden. Loren war so vom Tod des Cäsar gebannt, daß er die LSR-Salve gar nicht wahrnahm, die auf ihn zutrommelte. Die Raketen schlugen mit solcher Gewalt auf beiden Seiten des Gallowglas-Rumpfes ein, daß er die Kontrolle über den Mech verlor. Der Kampfkoloß stürzte knapp neben dem Kriegshammer zu Boden, und Loren wurde trotz der Gurte heftig durch das Cockpit geschleudert.
In all den Schlachten, die Loren irgendwo in der Inneren Sphäre geschlagen hatte, hatte er sich dem Tod noch nie so nah gefühlt wie bei seinen Aktionen hier auf Northwind. Er spürte weniger Furcht vor dem Tod selbst, als vor der Begegnung mit ihm. Aber vielleicht konnte er im Ableben Frieden finden. Der Tod würde auch seiner Mission ein Ende setzen. Er müßte dann nicht länger unter dem Schatten leben, das Andenken seines Großvaters zu entehren. Erst das Erzittern des Gallowglas unter einem erneuten Einschlag holte Loren zurück in die Wirklichkeit.
Das Abfeuern aller Waffensysteme hatte den Wärmehaushalt des Mechs endgültig zusammenbrechen lassen. Der Gallowglas hatte sich abgeschaltet.
Und nun lag er irgendwo auf dem Schlachtfeld, und Loren hing wie eine alte Stoffpuppe in den Sicherheitsgurten. Lange Sekunden tat Jaffray gar nichts, bis er doch noch versuchte, seinen Mech wieder zu aktivieren. Die Schalter und Kontrollen schienen tot, und er befürchtete das Schlimmste, als keines der Systeme reagierte. Schließlich, nachdem er frustriert auf die Tastatur gehämmert hatte, meldete sich das Startprogramm des Diagnosesystems. Sanft leuchtend liefen die Daten über den Schirm.
Viel ist es nicht, aber
ein Anfang. Sieht so aus, als müßte der Schnitter sich noch etwas
gedulden.
Es dauerte volle zwei Minuten, bis der Gefechtscomputer die Arbeit
wieder aufnahm. Loren schienen es die längsten zwei Minuten seines
Lebens zu werden. Ringsumher donnerte und röhrte die Schlacht, aber
er hatte keinen Anteil daran.
Ich habe mich von der Wut überwältigen lassen,
und was hat es mir gebracht? Ich wurde zuschanden geschossen und
bin außer Gefecht gesetzt.
Auf dem Diagnoseschirm des Computers sah er das Ausmaß der Schäden.
Die Frontalpanzerung war kraterübersät, als wäre der Mech aus
kürzester Entfernung von einer riesenhaften Schrotflinte beschossen
worden. Das Gyroskop war aus den Lagern geschlagen und würde ihm
nicht einmal mehr gestatten, den Mech auf die Beine zu stellen. Der
Schaden ließ sich reparieren, aber es bestand kein Zweifel darüber,
daß diese Schlacht für ihn vorbei war. Er hatte kein Gefühl, das
ihm sonderlich zusagte, ein Gefühl von Einsamkeit und
Reue.
Ich habe versagt. Großvater hat mich immer
davor gewarnt, aus dem Gefühl heraus zu kämpfen, und genau das habe
ich getan. Jetzt bin ich aus dem Spiel. Es war genau dieselbe
Emotionalität, die ich als Schwäche der Highlanders erkannt habe.
Der einzige Unterschied ist, daß sie für die Northwind Highlanders
das Ende bedeuten wird – von meiner Hand.
Die einzige gute Nachricht war, daß ihre Seite die Oberhand
gewonnen haben mußte, sonst hätten die Davions Lorens Überreste zu
Staub zerblasen. Enttäuscht und etwas beschämt schaltete Loren den
Fusionsreaktor auf niedrigste Leistung und verriegelte das
Sicherheitssystem der Maschine.
Er betrachtete das Innere des Cockpits mit einem Gefühl des
Verlusts. Falls der Mech nicht instandgesetzt werden konnte, würde
er sich in Zukunft darauf beschränken müssen, die MacLeod's
Highlanders zu beraten. Aber die Schäden schienen im Rahmen dessen
zu liegen, was die Techs auch im Feld beheben konnten. Zumindest
hoffte er das. Wenn nicht, hatte er seinen Platz in diesem Krieg
verloren.
Er blickte durch das polarisierte Kanzeldach hinauf zum strahlend
blauen Himmel über Northwind und sah einige dichte Rauchsäulen
aufsteigen. Loren löste die Haltegurte und machte sich auf den
langen Weg ins Freie. Er hievte sich zur Luke hoch und preßte den
Öffnungsknopf. Das Schloß öffnete sich, und kalte Flußluft strömte
herein. Er wollte die Luke aufdrücken, aber sie war fest
verkeilt.
Dann tauchten Hände von der anderen Seite auf und zerrten an der
Luke. Loren konnte nicht sehen, wem sie gehörten, aber er verlor
keine Zeit, suchte einen Halt und drückte mit den Füßen von innen
gegen die Luke.
Es ist mir egal, wer das Ding aufstemmt,
solange es nicht dieser Wurm Catelli ist.
Langsam weitete sich der Spalt, bis Loren genug Platz hatte, um
sich hindurch zu zwängen.
Das helle Tageslicht und die kühle Brise waren fast zuviel für ihn.
Die Schlacht war offenbar vorüber. Die meisten verbliebenen Mechs
feuerten nicht mehr, sondern bewegten sich in Richtung des
Waldes.
Wie lange habe ich da gelegen? Minuten?
Stunden?
Loren sah hinüber zu der MechKriegerin, die ihm geholfen hatte, das
Cockpit zu verlassen. Sie war verschwitzt und voller blauer Flecke,
vom Kampf gezeichnet und geschafft.
Mir geht es wahrscheinlich
auch nicht besser, ich merke es nur noch nicht.
Er nahm den Neurohelm ab.
»Sie sind Major Jaffray, der Capellaner, nicht wahr?« fragte sie
mit seltsam vertrauter Stimme. Loren überlegte, wo er sie schon
einmal gehört hatte, aber er konnte ihr Gesicht und ihren Akzent
nicht miteinander in Verbindung bringen.
»Ja, der bin ich. Ich nehme an, einer von uns ist der Gefangene des
anderen«, stellte er fest, sah über das Schlachtfeld und suchte
nach einem Hinweis darauf, wer gewonnen hatte.
»Ich bin die Lassie, die gefangen ist. Sie haben mich im Kampf
besiegt«, meinte sie und deutete auf den Steppenwolf. Der Mech war schwer beschädigt, aber
wahrscheinlich zu reparieren. Falls nicht, hatte sich diese
Kriegerin soeben in die Linien der Entrechteten
eingereiht.
»Sie sind die Pilotin?«
»Aye, Subcommander Kathleen McKinley, zu Ihren Diensten.«
»Wer hat gewonnen?«
»In dieser Schlacht? Oberst MacLeod, fürs Erste. Aber eine Schlacht
macht noch keinen Krieg.«
Sie deutete auf eine Reihe aus acht kleinen Lichtpunkten, die sich
über den strahlend blauen Himmel bewegten. Für das ungeübte Auge
wirkten sie wie langsame Meteore, die auf die Planetenoberfläche
stürzten. Aber für Loren Jaffrays erfahrenen Blick waren sie sehr
viel mehr.
»Landungsschiffe. Verflucht, das sind Landungsschiffe. Die 3.
Davion Royal Guards RKG«, murmelte er, hob die Hand über die Augen
und beobachtete ihren Flug.
»Sie wußten von den 3. Royals?« Sie klang ausgesprochen
überrascht.
Loren nickte, ohne den Blick von den Schiffen zu nehmen.
»Dann wissen Sie auch, daß der Kampf noch lange nicht vorüber ist,
außer vielleicht für uns beide«, stellte Kathleen McKinley fest und
machte sich auf den Weg zu Huff und MacLeod. Loren folgte ihr.
Plötzlich hatte sich die Lage enorm verschlechtert.
28
SBVS-Festung N001, ›Das
Kastell‹, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
6. Oktober 3057
Die Pioniere des Regiments waren noch vollauf damit beschäftigt, die Überreste der abgeschossenen Battle-Mechs außer Reichweite der Verteidiger im Kastell zu schaffen, als Loren langsam hinüber zu dem provisorischen Kommandostand ging, den Oberst MacLeod am Flußufer eingerichtet hatte. Während des Nachmittags und Abends der vorangegangenen Tage hatte er aufgepaßt, daß die Techs seinen Gallowglas mit aller gebotenen Vorsicht behandelten, als sie ihn aus dem Fluß zogen. Die Crew hatte sofort mit den Reparaturen begonnen, aber bis er schließlich eingeschlafen war, konnte ihm noch niemand etwas näheres sagen.
Major Huff hatte die Überreste der beiden Einsatzgruppen zusammengefaßt und die Klippen und Tunneleingänge zum Kastell unter seine Kontrolle gebracht. Die Operation dauerte bis in die Nacht hinein. Beim ersten Morgenlicht wurde Loren zu einem Treffen mit dem Regimentsstab gerufen. Für eine solche Besprechung konnte es nur einen Grund geben: die Planung für die nächste Phase der Operation.
Ich hoffe nur, MacLeod und Huff haben irgendeinen Kampfauftrag oder Ersatzmech für mich. Diesen Kampf als Beifahrer auszusitzen, habe ich mir nicht erträumt.
Außerdem wußte er, daß er nur mit einem
Gefechtsauftrag eine Chance hatte, Mulvaney noch einmal zu
begegnen.
MacLeods Feld-HQ war wenig mehr als ein Felsvorsprung, der von
mehreren Mechs bewacht wurde, unter anderem von seinem eigenen
Huronen. Als Loren sich näherte,
erkannte er die müde, gedrungene Gestalt Major Huffs. Er und einige
andere Offiziere hatten sich um ihren Kommandeur versammelt wie
Mönche um einen Tempelpriester.
Als er die Frustration auf MacLeods Gesicht sah, mußte Loren
plötzlich daran zurückdenken, wie stolz und selbstsicher der Oberst
an jenem ersten Tag auf dem Raumhafen gewirkt hatte. Wie lange
schien das schon her zu sein. Damals war alles soviel klarer
erschienen. Hatte Loren in seiner Mission versagt? Hatte er den
Kanzler im Stich gelassen?
Er trat unter die Zeltplane und salutierte. »Major Jaffray meldet
sich wie befohlen, Oberst.« MacLeod erwiderte den Gruß, und Loren
trat zu den anderen an den tragbaren Kartentisch.
Als MacLeod das Wort ergriff, war seine Stimme tief und, trotz
allem, was sie gerade hatten durchmachen müssen, irgendwie
beruhigend.
»Sie haben sich alle unter schwierigen Umständen bemerkenswert
gehalten. Wir haben Verluste zu beklagen, aber wir haben auch den
Gegner ziemlich hart rangenommen. Und jetzt stehe ich vor einer
schwierigen Entscheidung. Ich werde es Hauptmann Dumfries
überlassen, uns die bisher gesammelten Erkenntnisse
vorzutragen.«
Er nickte dem stämmigen rothaarigen Bartträger zu, der wie manche
Highlander-Piloten an Stelle der üblicher Shorts einen Einsatzkilt
trug.
Als Dumfries die Karte aktivierte, zeigte die schwach beleuchtete
Fläche das Gebiet um das Kastell.
»Dank der Anstrengungen Major Huffs konnten wir die Tunneleingänge
im Westen sichern, aber wir haben feststellen müssen, daß einige
davon vor kurzem mit Sprengstoff blockiert wurden oder durch Mechs
und Infanterie gesichert werden. Wir können bestätigen, daß
Mulvaney und Catelli das Kastell in ihrem Besitz haben, aber wir
haben keine Daten darüber, wie viele Personen sich in seinem Innern
aufhalten. Die Verwirrung wird noch durch Hinweise darauf erhöht,
daß ein Teil ihrer Mechs bereits vor unserem Eintreffen aus dem
Kastell geflohen und dem Flußlauf weiter nach Nordwesten gefolgt
ist. Wir konnten bisher nicht feststellen, wie viele abgezogen oder
geblieben sind.«
Loren sah hinüber zu Major Huff. Der Highlander-Offizier wich dem
Blickkontakt aus. Er weigerte sich zuzugeben, daß Loren mit seiner
Vermutung über die Pläne ihrer Gegner recht gehabt hatte.
Schließlich sprach Loren es aus. »Sie sind nicht mehr dort drin.
Und wenn noch welche hier sind, dann ist es nur eine Handvoll. Der
Rest befindet sich auf dem Weg zum Gebirgslager, um sich dort
auszurüsten, während wir hier festsitzen.«
Huff verlor keine Zeit, mit den alten Einwänden zu kommen. »Das
wissen wir nicht, Jaffray. Wir wissen nur, daß ein paar von ihnen
möglicherweise in diese Richtung unterwegs sind.«
Hauptmann Dumfries unterbrach ihn. »Genaugenommen, Major Huff,
können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß sich nur eine
Restmannschaft im Kastell aufhält.«
»Spekulation, Richard?« fragte Oberst MacLeod.
Dumfries schüttelte entschieden den Kopf. »Eine logische
Schlußfolgerung, Sir. Punkt Eins: Es gibt keinerlei Hinweise auf
irgendwelche Bodenfahrzeuge der Konsulargarde. In Anbetracht der
Geländebedingungen auf dieser Seite des Flusses können sie ihre
Panzer und Fahrzeuge unmöglich durch die Tunnel geschafft
haben.«
»Aber wo stecken sie dann?« fragte einer der anderen
Offiziere.
»Ich nehme an, daß sie das Landungsschiff dazu benutzt haben, die
Fahrzeuge abzutransportieren. Wenn sie sich dicht über den
Baumwipfeln gehalten haben, waren sie für unsere beschränkten
Ortungsmöglichkeiten nicht zu entdecken. Mit großer
Wahrscheinlichkeit wurden sie in die Berge geschafft, weil sie von
dort aus eine Straßenverbindung zurück nach Tara haben.
Punkt Zwei: Wir sind bei unseren Vorstößen zum Kastell keinen
Kröten begegnet, obwohl wir wissen, daß nach dem Überfall auf unser
HQ eine große Anzahl von ihnen entkommen ist. Wenn ich solche
Truppen zur Verfügung hätte, würde ich sie benutzen, um meinen
Mechs den Durchbruch zum Kastell zu erleichtern. Aber wir sind
ihnen nicht begegnet, was einer der Gründe für unseren Erfolg gegen
die feindliche Nachhut war.«
»Es sieht nicht gut aus«, meinte MacLeod, und strich sich über den
graumelierten Bart. »Erzählen Sie Ihnen, was Sie über die
Landungsschiffe wissen, die wir gestern gesehen haben, Hauptmann.«
Dumfries zuckte leicht und nickte. »Bei den Landungsschiffen
handelte es sich definitiv nicht um die Stirling's Füsiliers. Laut
der Breitbandnachricht Cat Stirlings, die wir aufgefangen haben,
planen die Füsiliers den Abwurf für den 20. Oktober um 14 Uhr. Also
wissen wir, daß es jemand anders sein muß. Im übrigen kann sie eine
derartige Botschaft nur geschickt haben, weil sie aus dem Fort
keine Antwort erhielt. Unglücklicherweise können wir ohne
Kommunikationsverbindung nach Tara und zum Sender des Forts auch
unsererseits keine Verbindung mit ihr aufnehmen. Unsere
Relaisstrecke steht, aber das Fort antwortet nicht. Das bedeutet,
irgend etwas ist dort ganz und gar nicht in Ordnung.«
Schlimm genug, daß sie Funk- und Ortungsanlagen verloren hatten,
dachte Jaffray. Jetzt schien es, als hätten die Davions sogar das
Fort in ihre Gewalt gebracht.
»Und nur, damit wir uns richtig verstehen, ich habe genug
Landungsschiffe für eine komplette Regimentskampfgruppe plus
Nachschub gezählt. Durch den Verlust unserer Ausrüstung können wir
ihre exakten Landekoordinaten nicht feststellen, aber durch
Abfangen der Signalspeisungen der Mecheinheiten in diesem Gebiet
konnte ich ihre Landezone auf fünf Kilometer genau
festlegen.«
»Tara«, stellte MacLeod leise fest.
»Das ist unmöglich«, stieß Huff aus. »Wir sind übereingekommen,
Tara als neutrales Gebiet zu behandeln. Sie würden es nicht wagen,
diese Vereinbarung zu verletzen. Nicht jetzt.«
Loren schüttelte den Kopf. »Möglicherweise unterschätzen Sie, wie
weit Victor Davion zu gehen bereit ist, um Northwind und die
Highlanders unter seiner Herrschaft zu halten. Ich würde mein Leben
darauf verwetten, daß sie entweder in Tara oder unmittelbar in der
Nähe der Stadt runtergekommen sind.«
»Ich muß Major Jaffray zustimmen«, meinte MacLeod. »Das erklärt,
warum wir keinen Kontakt mit dem Fort aufnehmen können, um uns über
die Lage zu informieren oder Cat Stirling von den DavionTruppen auf
Northwind in Kenntnis zu setzen. Ich wette, Bradford hat sie
geradewegs über dem Fort abgeworfen. Er hat uns lange genug blenden
können, um es sich als Operationsbasis zu sichern. Wir haben Tara
nahezu schutzlos gelassen, und nach dem, was wir wissen, könnte der
Feind schon mitten im Friedenspark sitzen.«
MacLeods Worte trafen jeden einzelnen der versammelten Offiziere,
und Loren war keine Ausnahme. Es war, als seien sie vergewaltigt
worden. Auf beiden Seiten waren ihre Kameraden gefallen, und nun
brach der Feind feierliche Vereinbarungen und Versprechen. Es gab
kein Gesicht im Innern des Zeltes, das nicht von Wut gezeichnet
war.
»Noch ist es nicht vorüber«, erklärte der Oberst grimmig. »Bis
jetzt haben wir uns im Kreis gedreht wie ein Hund, der nach seinem
eigenen Schwanz schnappt. Sie waren auf der Flucht, aber jetzt sind
wir plötzlich die Unterlegenen. Na schön. Die Situation ist mir
nicht neu, und ich habe sie schon früher in einen Sieg verwandelt –
mehr als einmal.« Der Oberst beugte sich über die Karte und
schaltete sie um, um ihnen seinen Plan für die bevorstehende
Auseinandersetzung zu erläutern. Auf dem elektronischen Rasterblatt
erschienen Tara, das Kastell und das Highlander-Ausbildungslager in
den nahen Rockspire Mountains. Über das Gelände verteilt leuchteten
Einheitsmarkierungen auf. Das helle Sonnenlicht ließ die Karte
verblassen, aber das Leuchten auf MacLeods Gesicht blieb davon
unbeeinflußt.
»Wir können nicht wissen, wie groß das Truppenkontingent im Kastell
ist, daher sind wir gezwungen, es entweder zu belagern oder
zumindest abzuriegeln, so daß niemand es verlassen kann. Und wir
wissen, daß ein Kontingent unbekannter Größe auf dem Weg ins
Ausbildungslager ist oder sich sogar schon dort aufhält. Von den 3.
Royals bei oder in Tara ganz zu schweigen. Mulvaney und Catelli
werden davon ausgehen, daß ich die Sache persönlich nehme, hier
stehen bleibe und mich mit den Verteidigern des Kastells prügle.
Oder schlimmer noch, daß ich selbst zur Verteidigung überwechsle
und in einen unserer ändern Stützpunkte auf der entfernten Seite
des Kontinents fliehe – in dem Wissen, daß mir die 3. Royals auf
den Fersen sitzen. Um ehrlich zu sein, waren das meine beiden
ersten Gedanken. Beide sind verlockend. Aber damit würde ich dem
Feind nur in die Hände spielen. Und wie Major Jaffray so gerne
anmerkt, wir müssen uns gegen die Davions etwas erfinderischer
zeigen. Sie spielen nicht gerade fair, jedenfalls nicht so, wie die
Highlanders diesen Begriff verstehen. Statt die Flucht zu
ergreifen, werden wir die Schlacht zu ihnen tragen. Mulvaney und
Catelli werden glauben, daß ich durchzuhalten versuche, bis die
Füsiliers eintreffen. Das ist ihr Fehler. Eine kleine
Kundschaftereinheit wird auf direktem Weg nach Tara aufbrechen, um
die Situation unserer Leute sowie Stellungen und Absichten der 3.
Royals zu erkunden. Eine einzelne Lanze kann Tara sehr viel
schneller erreichen als das ganze Regiment und unterwegs noch ein
paar Vorbereitungen für unseren Anmarsch treffen. Währenddessen
werden wir das Kastell angreifen und erobern. Es wird uns
schätzungsweise drei Tage kosten, sie aus ihrem Bau zu vertreiben,
wer immer sich dort drinnen versteckt hält. Sobald wir das Kastell
unterworfen haben, rüsten wir uns aus den dortigen Lagerbeständen
neu aus und machen uns unter Berücksichtigung der Informationen
unserer Kundschafter auf den Weg nach Tara. Wir müssen Ende des
Monats dort sein. Zu diesem Zeitpunkt werden sich die Stirling's
Füsiliers im Landeanflug befinden. Wenn sie erst aufgesetzt haben,
sind beide Seiten zahlenmäßig gleich stark, auch wenn ich
bezweifle, daß unsere Davion-Gegenspieler in puncto Klasse oder
Stil an uns heranreichen.«
Die letzte Bemerkung des Obersts brachte die Offiziere zum
Lachen.
Huff deutete auf die Karte und beleuchtete eine dünne Linie von
Tara zum Gebirgslager. »Der Plan ist riskant. Wenn wir davon
ausgehen, daß Mulvaney oder Catelli ein größeres Truppenkontingent
im Lager haben, besitzen sie eine hübsche, breite Straßenverbindung
geradewegs nach Tara. Mit ihren Luft/Raumjägern werden sie keine
Probleme haben, die Bewegungen unserer Einheit zu verfolgen, auch
wenn das Kundschafterteam möglicherweise unbemerkt durchschlüpfen
könnte. Mulvaney könnte ohne weiteres schnell genug in Tara
auftauchen, um uns eine Menge Probleme zu machen.«
Hauptmann Dumfries betrachtete die Karte mit skeptischer
Miene.
»Bei der Ausarbeitung dieses Plans standen wir noch vor einem
zweiten Problem, nämlich, wie wir Kontakt mit Oberst Stirling
aufnehmen sollen. Ohne eine Möglichkeit, ihr eine Nachricht
zukommen zu lassen, werden wir nicht mit ihr reden können, bis ihre
Landungsschiffe unmittelbar über uns stehen. Deswegen müssen wir
wissen, wo sie aufzusetzen plant.«
»Wie sieht ihr stehender Befehl für eine Landung auf Northwind ohne
Funkverbindung aus?« fragte Loren.
Die meisten Einheiten hatten fertige Gefechtspläne für den Fall von
Schwierigkeiten.
»Cat Stirling hat Anweisung, die Einheit bei Kommunikationssperre
oder zu erwartenden Feindseligkeiten über Tara abzuwerfen. Aber
dabei könnte sie mitten in eine Falle springen, und wir haben keine
Möglichkeit, sie zu warnen.«
»Es sei denn, wir wären in Tara«, meinte Huff.
»Oder sie würde die Falle selbst entdecken«, fügte Dumfries
hinzu.
MacLeod richtete sich auf und zupfte die Uniform zurecht. »Ich
plane, unser Regiment für einen Angriff auf die 3. Royals in
Stellung zu haben, wenn die Stirling's Füsiliers ankommen.
Hoffentlich zählt Cat zwei und zwei zusammen und erkennt, was hier
los ist. Vielleicht gelingt es uns ja, sie noch zu warnen; wenn
nicht, können wir zumindest für ein Feuerwerk sorgen, daß sie
Kampfhandlungen sieht.«
Loren beugte sich über die Karte und studierte das unzugängliche
Gelände zwischen dem Kastell und Tara. Die zerklüfteten Berge und
der dichte Wald waren der Grund gewesen, warum die Highlanders
Mulvaneys Rebellen am Fluß entlang verfolgt hatten. Jetzt wollte
Oberst MacLeod seine ohnehin schon erschöpften Truppen durch
ausgesprochen unwegsames Gebiet geradewegs in die nächste Schlacht
führen. Nur eine Eliteeinheit wie die Highlanders oder seine
Todeskommandos waren in der Lage, eine derartige Belastungsprobe
durchzustehen.
»Sir, unsere Relaisstrecke ist an dem Weg entlang aufgebaut, auf
dem wir hierher gekommen sind. Wie wollen Sie Kontakt mit der
Scoutlanze halten, die Sie nach Tara schicken?« fragte
er.
»Zwei andere Lanzen werden sich über den Weg der Kundschafter
verteilen. Wir werden eine Art Staffellauf veranstalten und das
Signal von einem Mech an den nächsten weitergeben, bis es
schließlich das Regiment erreicht. Auch wenn die Scouts dadurch
isoliert werden, stellt das unsere beste Chance dar.«
Major Huff deutete zurück zum Wasserfall, der von MacLeods
provisorischem Feld-HQ aus gerade noch sichtbar war. »Das Kastell
einzunehmen, wird nicht gerade einfach werden, aber ich gehe einmal
davon aus, daß Mulvaney nur ein symbolisches Kontingent hier
zurückgelassen hat, um uns zu binden. Wenn wir die
Gurkha-Infanterie in die oberen Tunnel schicken und mit den
BattleMechs den Eingang und das Feuerdeck unter Beschuß nehmen,
sollten wir sie überwältigen können. Aber es wird sich nicht
vermeiden lassen, daß die Infanterie diese oberen Tunnel Meter um
Meter freikämpfen muß. Im schlimmsten Fall wird es vier Tage
dauern.«
MacLeod deutete auf die Karte und zog eine Linie vom Kastell nach
Tara. »Der Schlüssel bei dieser Operation ist eine
Kundschaftereinheit wie ein geölter Blitz. Ich erwarte, daß die
Leute mit drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen und Tara
erreichen, bevor die 3. Royals Gelegenheit haben, die Stadt
hermetisch abzuriegeln. Gelingt das nicht, bekommen wir die
benötigten Daten nie. Schlicht und einfach ausgedrückt, brauche ich
eine altmodische Kavallerieoperation.«
Loren studierte die unsichtbare Linie, die MacLeod gezeichnet
hatte. Er hielt sich für mehr als nur zur Führung eines solchen
Unternehmens fähig, machte sich jedoch Sorgen, die übrigen
HighlanderOffiziere vor den Kopf zu stoßen, wenn er sich freiwillig
meldete. Also hielt er den Mund und sah auf die Karte.
Zum Teufel, so etwas habe ich schon früher
gemacht. Diese Mission übertragen zu bekommen, könnte entscheidend
für die des Kanzlers sein. Ich muß genau wissen, wo die Davions
sind, und wo Cat Stirling ist.
Als er den Blick hob, sah er, daß alle anderen Offiziere ihn
wartend ansahen.
»Warum gucken Sie mich alle so an?« fragte er beinahe
schüchtern.
MacLeod lachte leise und lächelte sogar Huff zu. »Bis jetzt haben
Sie keine Chance ausgelassen, sich freiwillig für einen
Kampfeinsatz zu melden. Wir sind alle davon ausgegangen, daß Sie
diese Chance mit beiden Händen packen würden. Insbesondere, da Sie
recht und ich unrecht hatte, was den Vorstoß zum Gebirgslager
anging.« MacLeod machte eine Pause. »Ich will Sie nicht unter Druck
setzen, Loren, aber wenn Sie wollen, ist das Ihre
Mission.«
»Natürlich will ich, Sir. Ich wollte mich nur nicht
vordrängen.«
Hauptmann Dumfries kam herüber und legte wie ein väterlicher Onkel
den Arm um Lorens Schultern. »Laddie, hier ist kein MechKrieger
oder Tech, der nicht weiß, was er von dir halten soll. In unseren
Augen bist du ein Highlander. Wir haben alle gesehen, was du in der
Schlacht getan hast, wie du mit dem Mörder von Sullivan abgerechnet
hast. Selbst die Hardliner wie Huff sind bereit, dir Spielraum zu
geben. McKinley hat uns erzählt, wie du sie hättest umbringen
können, und es nicht getan hast. Das ist der Geist, der uns
vereint, ob es dir bewußt ist oder nicht. Der Oberst hält Sie für
die perfekte Wahl für diesen Job.«
»Und mein Mech?«
Diesmal gab Huff Antwort. »Er ist schon wieder einsatzbereit. Sie
werden nur mit der Munition etwas sparsam umgehen müssen. Die Crew
beendet gerade den Austausch der Panzerplatten.«
»Welche Lanze bekomme ich?«
MacLeod nickte beifällig. »Ich werde Sie bei der Sicherungslanze
der Stabskompanie lassen. Soweit ich weiß, haben weder Frutchey
noch Füller irgendwelche Einwände dagegen, Ihnen noch einmal in den
Kampf zu folgen. Allerdings fehlt Ihnen durch die Gefechtsschäden
ein Mann. Carey hier ist bereit, diese Lücke auszufüllen, wenn Sie
einverstanden sind.« Laurie Carey trat vor, und Loren nickte. Jetzt
war nicht der Zeitpunkt für eine Debatte über Fähigkeiten und
Erfahrung. Es ging um jede Minute.
»Willkommen an Bord, Carey. Oberst, ich brauche weitere Ausrüstung,
elektronische Ferngläser, leichte Kommunikatoren und
Aufzeichnungsgeräte. Nachtmonturen für das ganze Team. Das
übliche.«
Aus dem Hintergrund der Offiziersgruppe klang eine Stimme auf, die
Loren sofort als die von Commander Gomez erkannte. »Ich kann Ihnen
persönlich versichern, Major, daß Ihr Team die beste Ausrüstung
erhalten wird, die uns zur Verfügung steht.« Gomez war noch immer
blaß, aber offensichtlich bereit, wieder ihren Platz einzunehmen,
trotz Druckverbänden. Loren freute sich sehr, daß sie den
Hinterhalt überlebt hatte.
Oberst MacLeod trat zu ihm und legte beide Hände auf Lorens
Schultern. Als er ihm in die Augen sah, entdeckte Loren einen
Funken von Neid, als wünschte sich MacLeod, diese Mission selbst
leiten zu können. Aber Loren sah noch etwas anderes, das ihn an
seinen Großvater erinnerte. All die Erzählungen und Legenden von
Northwind schienen in diesem Augenblick zum Leben zu erwachen, und
er verstand, daß er ein Teil dieses Volkes war.
Ich bin nicht nur durch meine Geburt ein
Highlander. Es steckt in mir drin. Es ist ein Teil von mir. Etwas
in meinem Blut, das ich nicht verleugnen kann.
»Wir werden nur ein paar Tage hinter Ihnen sein. Ihre Signallanze
wird sechs Stunden nach Ihnen aufbrechen. Viel Glück, junger Mann.
Mögen Ihre Vorfahren mit Ihnen ziehen.«
Chastitys Marodeur II und ihre BefehlsLanze arbeiteten sich langsam durch die felsigen Stromschnellen des Tilman. Hinter ihr lag die Schlacht, an der sie nicht hatte teilnehmen können. Hinter ihr lagen ihre Vergangenheit, ihre Freunde, alte Verbündete. Hinter ihr lag Loren Jaffray, der Mann, der ihr Leben und das ihrer Gefolgsleute auf den Kopf gestellt hatte. Der Mann, der Northwind in einen Glutherd politischen und militärischen Aufruhrs verwandelt hatte.
Der Mann, den sie nicht vergessen konnte. Der
Mann, von dem sie sich sicher war, daß er die Highlanders
vernichten würde.
»Zerhackte Botschaft vom Kastell«, meldete Commander O'Leary über
die Funkverbindung.
»Wie ist die Operation gelaufen?«
»Anscheinend hat eine Einsatzgruppe aus MacLeods Regiment unserer
Nachhut mit sprungfähigen Mechs den Weg abgeschnitten. Sie haben
unsere Truppen auf dem Feuerdeck erkannt und konnten uns schweren
Schaden zufügen. Wir haben im Moment nur zwei MechLanzen und einen
Infanteriezug der Konsulargarde im Kastell. Der Rest unserer
Nachhut wurde aufgerieben.«
Mulvaney kannte die Festung. Auch eine so kleine Truppe reichte bei
weitem aus, einen Großangriff abzuwehren, aber nicht auf Dauer.
Früher oder später mußte der Verschleiß sie zu Boden zwingen. Was
sie überraschte, war der Einsatz sprungfähiger Mechs. Für Huff war
diese Taktik zu subtil, er wählte grundsätzlich den direkten
Schlagabtausch. MacLeod neigte zu derartigen Taktiken, aber er
führte nur selten die Truppen in der vordersten Front an. Nein, es
gab nur einen Mann, der bereit gewesen sein konnte, dieses Risiko
einzugehen, Loren Jaffray. Verdammt, muß er sich ständig in mein
Leben einmischen?
»Neue Befehle, Oberst Mulvaney?«
Chastity starrte mit leerem Blick auf den Sichtschirm, während ihr
Marodeur II über die Felsbrocken
kletterte. »Nein, wir ziehen wie geplant weiter. Marschall Bradford
und Colonel Catelli warten bereits im Lager. Wir stoßen dort zu
ihnen und treffen uns anschließend mit den 3. Royals, um MacLeod zu
erledigen.« Ihre Stimme war leise und lustlos.
»Glauben Sie, daß MacLeod uns folgt?«
»Nein, O'Leary. Jedenfalls nicht sofort. Inzwischen hat er
wahrscheinlich herausgefunden, daß ein Teil von uns nach Westen
weitermarschiert ist, aber er kann sich nicht leisten, die Truppen
im Kastell zu ignorieren, gleichgültig, wie viele oder wenige es
sind. Sie könnten einen Ausbruch unternehmen und seine Nachhut
angreifen. Und er kann nicht wissen, ob wir nicht den größten Teil
unserer Truppen im Kastell gelassen haben. Er wird fast eine Woche
brauchen, die Wahrheit herauszufinden, und bis dahin wird er schon
verspielt haben.«
Es ist ein solider Plan. Ich kenne den Oberst
und habe ihn auf seinen Kampfstil abgestimmt. So wie ich den
Kampfstil jedes MechKrieger im Regiment kenne. Der einzige Joker in
diesem Spiel ist Jaffray. Wenn sie auf ihn hören, ist alles vorbei.
Er wird die Falle erkennen und unseren Sieg in eine verheerende
Niederlage verwandeln.
Mulvaney war schockiert, daß sie keine Angst mehr vor einer
Niederlage hatte. Die Andeutung einer Beteiligung der Highlanders
am Tod von Konsul Burns hatte sie gegen ihre neuen Verbündeten Tod
von Konsul Burns hatte sie gegen ihre neuen Verbündeten gekehrt.
Benutzten Marschall Bradford und Colonel Catelli sie und ihr Wissen
über das Regiment nur? Hatten sie die Wahrheit verdreht und
gebeugt, um eine Davion-Landung in Tara zu erzwingen? Sie wußte,
die Wahrheit würde nie ans Tageslicht kommen. Schlimmer noch, der
Sieger würde entscheiden, was die Wahrheit war. Ihr Vertrauen in
die Davions war erschüttert.
Das einzige, was sie daran hinderte, sich gegen sie zu kehren, war
das Versprechen, das ihr Volk dem Vereinigten Commonwealth gegeben
hatte. Wenn die Militärs erst damit anfingen, ihre Verpflichtungen
einem Lehnsherren gegenüber zu brechen, würde die Innere Sphäre im
Chaos versinken. So etwas lag unter der Würde eines Northwind
Highlanders. Sie hatte keinen Respekt für die Männer, die Prinz
Davion nach Northwind geschickt hatte, um seine Interessen zu
schützen, aber Mulvaney fühlte sich persönlich diesen Interessen
verpflichtet. Solange sie lebte, hatte auch die Vereinbarung mit
dem Vereinigten Commonwealth Bestand.
Aber zum erstenmal hoffte sie, MacLeod oder Jaffray würden sie
besiegen oder ihr zumindest einen Grund liefern, diesem Wahnsinn
Einhalt zu gebieten. Das machte ihr Angst.
29
Südlich von Tara,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
11. Oktober 3057
Lorens Gallowglas hatte die Kuppe des Bergkamms erreicht, aber es fiel ihm schwer, einen Unterschied zu erkennen. Der dichte Wald und die gelegentlichen kantigen Felsformationen verdeckten einen Großteil der Umgebung. Im Grunde konnte er sich nur auf die Sensordaten seines Mechcomputers und auf sein Gefühl verlassen. Nach mehreren endlosen Tagen des Gewaltmarschs durch den dichten, selbst am hellen Tag in Zwielicht getauchten Wald wußte Loren aus erster Hand, warum MacLeod nicht versucht hatte, das Regiment von Tara aus in direkter Linie nach Süden zu bewegen. Ein ganzes Regiment durch dieses Gelände zu führen, war eine enorme Aufgabe. Allerdings bestand die Chance, daß der Oberst durch die Vorarbeit Lorens und seiner Kundschafter, die ihm den Weg vorgaben, wertvolle Stunden gewinnen konnte.
Mit typischer Davion-Effizienz überflogen die Luft/ Raumeinheiten der 3. Royal Guards RKG zweimal täglich das Gebiet. Der erste Streifenflug fand grundsätzlich gegen elf Uhr vormittags statt, die zweite Patrouille tauchte am Nachmittag auf. Er warf einen Blick auf die Zeitanzeige und stellte fest, daß es Zeit wurde, die Lanze zu verstecken, um einer Entdeckung zu entgehen. Abgesehen von einem Funkspruch pro Tag, in dem sie die gesammelten Daten übermittelten, operierte die Lanze unter nahezu totaler Funkstille. Loren brach das Kommunikationsverbot nur für kurze Befehle, in der Regel Warnungen oder Richtungsänderungen.
»Na schön, Leute. Sucht euch ein schattiges Platzchen.« Das fiel hier im Wald nicht schwer. Im Gegenteil, es hätte Mühe gekostet, eine Stelle zu finden, an der das helle Licht der gelben Sonne Northwinds den Waldboden erreichte. Loren setzte den Gallowglas vorsichtig an eine wuchtige Eiche zurück und fuhr den Reaktor des Mechs soweit hinunter, daß er nur noch ein Minimum an Energie produzierte. Dann löste er die Haltegurte und zog eine Thermaltarnplane aus dem kleinen Stauraum im hinteren Teil der Kanzel.
Loren öffnete die Cockpitluke und kletterte auf die Schulter des Gallowglas. Mit einer heftigen Wurfbewegung entfaltete er die schwere Plane und legte sie über Kopf und vordere Rumpfpartie des BattleMechs. Nicht weit von sich entfernt sah er Commander Frutchey dasselbe Ritual an seinem Kriegshammer durchführen und weitere kleine Decken über die gekreuzten Arme des Stahlriesen werfen, um die Emissionen der PPKs abzuschirmen.
Die Planen dienten dazu, die Infrarot- und Magnetsignaturen ihrer Maschinen stark genug zu dämpfen, um einer Fernortung zu entgehen. In die Decken war ein Gewebe eingearbeitet, das auch die Fusionsreaktoren vor einer MAD-Ortung schützte. Tarnplanen dieser Art waren seit Jahrhunderten zum Schutz gegen Routinestreifen durch Luft/Raumeinheiten im Einsatz. Loren verließ sich darauf, daß sie in Verbindung mit dem dichten Blätterdach ausreichten, selbst DavionSatelliten eine genaue Fixierung ihres Standorts unmöglich zu machen.
Er kletterte die seitlichen Sprossen am Rumpf des Mechs hinab und ging hinüber ins dichte Gras zu Frutchey, Carey und Füller. Alle drei wirkten müde und ausgelaugt. Sie gönnten sich nur wenig Schlaf, und den meist zwischen den Patrouillenflügen. Der größte Teil ihrer Bewegung und Erkundung fand nachts und in den frühen Morgenstunden statt. Um Füllers Augen lagen dunkle Ringe, und die Lorens fühlten sich durch den Mangel an Schlaf dick und aufgedunsen an. Vier Tage Gewaltmarsch durch die unzugängliche Wildnis des Northwind harten ihre Spuren hinterlassen.
Das Donnern der Luft/Raumjäger über ihnen war beruhigend, auch wenn keiner von ihnen durch die Wipfel eine Spur der Maschinen sehen konnte. Loren warf einen Blick auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. »Das ist der Punkt, an dem ein großer Militärapparat grundsätzlich versagt. Er funktioniert zu regelmäßig. Diese DavionJäger fliegen ihre Suchmuster exakt nach dem VerComVerfahrenshandbuch. Für so eine Eliteeinheit ist das ein Armutszeugnis.«
Jake Füller nahm einen tiefen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche. »Wenn ich irgendwann einmal ein Regiment befehlige, werde ich mich daran erinnern. Die Flugzeiten und Suchmuster variieren, um den Gegner im Ungewissem zu lassen.«
»Du, als Regimentskommandeur? So was nennt man gemeinhin Größenwahn«, meinte Frutchey und reckte den Hals, um seine Nackenmuskeln zu lockern. Sein nagelneuer Commanderbalken glänzte rot im schwachen Licht.
»Du hast es nötig. Wenigstens ist auf meiner Beförderungsurkunde die Tinte schon trocken, Grünschnabel«, gab Füller zurück. »Ich habe zumindest vor dieser schon ein paar echte Schlachten erlebt.«
Loren hatte genug gehört. »Was gibt's Neues vom Regiment?« fragte er Laurie Carey. Die Offizierin saß auf einem umgestürzten Baumstamm und rieb sich methodisch das rechte Knie. Sie machte gerade lange genug Pause, um Loren einen Ausdruck der täglichen Mitteilung zu reichen. Nach der Narbe zu urteilen, war sie vor einiger Zeit schwer verwundet worden, und die anstrengende Erkundungarbeit hatte die alten Schmerzen geweckt. »Üble Narbe, die Sie da haben.«
Carey sah auf und nickte. »Habe ich mir bei der sogenannten Zweiten Skye-Rebellion eingehandelt, als wir der Gray Death Legion geholfen haben, auf Glengarry für Ordnung zu sorgen. Es war ein harter Kampf. Ich hatte wirklich Pech. Ein gemeiner Laserschuß hat das Kanzeldach zertrümmert und ist von den Glassplittern quer durch das Cockpit reflektiert worden. Hat mir das Knie bis auf den Knochen weggebrannt.«
Die beiden anderen Offiziere verzogen schmerzhaft das Gesicht, als sie das hörten, aber nicht Loren. Statt dessen zog er die Haltegurte von der Kühlweste und deutete auf das Dreiecksmuster von Einschußnarben auf seinem rechten Brustkorb.
Carey grinste. »Und woher haben Sie Ihre?«
»Den Namen der Welt kann ich Ihnen nicht verraten«, erklärte Loren. »Das gehört mit zum fröhlichen Leben der Todeskommandos – der Schauplatz ist ein Staatsgeheimnis. Teufel, offiziell hat die Mission überhaupt nicht stattgefunden. Ich saß in einer Ballista und rannte in vollem Sprint vorwärts, als scheinbar aus dem Nirgendwo eine volle Salve LSR in mein Cockpit einschlug. Drei der Raketen haben das Kanzeldach über meinem Kopf in tausend Scherben geschlagen. Meine Kühlweste war in Fetzen, aber ich habe wohl Glück gehabt. Die letzte Rakete drang zum Cockpit durch, ist aber nicht explodiert. Statt dessen flog der Brennsatz an der Kanzelwand auseinander, und ich habe drei Schrapnellstücke mit der Brust abgefangen. Und die waren vielleicht heiß! Meine Lunge ist kollabiert, aber ich konnte mich noch zwei Minuten bei Bewußtsein halten, lange genug, um meine Beinahemörderin ins Jenseits zu schicken.«
»Das war verdammtes Glück, wenn Sie mich
fragen«, meinte Frutchey ungläubig.
»Glück hatte damit überhaupt nichts zu tun«, erwiderte Loren. »Es
war einfach noch nicht meine Zeit.«
»Ihre Zeit?« wiederholte Carey.
»Schon seit meiner Kindheit habe ich den Glauben, daß mir in diesem
Leben eine Aufgabe zugewiesen wurde. Vielleicht habe ich deshalb
bei all meinen Missionen keinen Gedanken daran verschwendet, daß
ich sterben könnte. Seit ich hier auf Northwind bin, hat sich das
geändert. Ich weiß nicht warum.«
Laune Carey lächelte wissend. »Weil Sie sich als Teil der Familie
fühlen – der Highlanders -, und weil Sie dafür kämpfen. Wir sind
eine Familie, und der Oberst hat Sie adoptiert. Früher haben Sie
für Nation und Herrscher gekämpft. Jetzt kämpfen Sie für sich
selbst. Deswegen fühlt es sich anders an.«
Ihre Worte trafen Loren in seinem Innersten.
Hat sie möglicherweise recht?
Als Mitglied der Todeskommandos hatte er bei einer Eliteeinheit
gedient. Seine Missionen waren mit der höchsten Ehre verbunden
gewesen, er hatte die Interessen der Konföderation Capella
beschützt.
Ich war zuallererst und vor allem anderen Teil
der Verteidigungslinien der Häuser Liao. Ein Rad im Getriebe. Aber
hier ist es anders.
Stimmte es, daß er jetzt eine größere Verbundenheit mit den Northwind Highlanders fühlte als mit dem Großen Haus, dem er sein ganzes Leben gedient hatte?
All die Worte meines Großvaters, sie haben mich auf diesen Moment vorbereitet. Er konnte nicht wissen, daß ich hierher kommen würde, aber irgendwie ist es so gekommen. Karma… oder Schicksal? Nein. Ich gehöre zuerst und vor allem anderen zu den Todeskommandos. Ohne den Kanzler wäre ich nicht hier.
Zum erstenmal in seinem Leben hatte Loren das Gefühl, irgendwohin zu gehören, statt nur Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das Gefühl war tief und aufwühlend, beinahe überwältigend. Um sich wieder in den Griff zu bekommen, konzentrierte er sich auf den Ausdruck, den Carey ihm überreicht hatte. Der einzige Angelpunkt, an dem er sich festhalten konnte, war seine Mission.
Ich muß die Northwind Highlanders neutralisieren.
Wenn Carey, Füller und Frutchey ihn für einen
der ihren hielten, umso besser.
Carey bemerkte Lorens Verwirrung und wechselte lächelnd das Thema.
»Es scheint, daß der Sturm des Kastells gute, aber langsame
Fortschritte macht. Laut der Mitteilung konnten sie Teile der
Festung erobern, mußten sie allerdings regelrecht ausgraben, weil
die Davions sie gesprengt hatten. Die Jäger, die täglich über uns
hinwegfliegen, sind unterwegs, um unsere Truppen im Flußtal zu
bombardieren, aber MacLeod hat eine dichte Flugabwehr organisiert.
Der Oberst erwartet, noch heute nachmittag den Bunker vollends
einzunehmen. Die Gurkhas kämpfen sich den Weg frei.«
Beim Durchlesen des detaillierten Berichts stellte Loren fest, daß
die Verluste beim Sturm des Kastells minimal waren, allerdings
hatten die Highlanders kostbare Zeit verloren.
Jake Füller zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß
von der Stirn. »Ich fange an zu glauben, daß wir mit diesem Auftrag
noch Glück hatten. Das Kastell ist nicht leicht zu
knacken.«
Loren reagierte sofort. »Machen Sie sich keine Illusionen, Jake.
Dieser Auftrag ist auch keine Marik-Teeparty. Wie sieht's mit der
Verbindung zum Regiment aus, Laurie?«
Carey wedelte mit der Hand. »Unsicher. Die Lanze, die MacLeod
hinter uns hergeschickt hat, holt auf, aber es ist schwierig, das
Signal sicher zu erfassen. Aber sie empfangen unsere
Datenüberspielungen, und wenn sie erst einmal abmarschieren, wird
unsere Vorarbeit ihre Reisezeit um einige Stunden
abkürzen.«
»Wenigstens etwas. Na gut, heute nacht marschieren wir in enger
Deltaformation weiter, Carey übernimmt die Spitze, ich die rechte
Flanke. Noch zwei Tage quer durch die Hölle, und wir stehen vor
Tara. Ich möchte, daß alle aufgeweckt und munter sind. Wir wissen
nicht, wo die 3. Royals stehen, und ich habe keine Lust, blindlings
zwischen ihre Reihen zu stolpern.«
»Wie sehen unsere Pläne aus, wenn wir die Außenbezirke der Stadt
erreicht haben, Major?« fragte Füller.
»Wir verstecken unsere Mechs im Marschland und gehen zu Fuß
weiter.«
»Sir?« Frutchey klang wenig erfreut.
»Haben Sie damit Probleme, Commander?«
»Well, Sir, zu Fuß haben wir kaum Waffen zur Verfügung. Wenn wir in
Schwierigkeiten geraten, werden wir kaum die Mittel haben, damit
fertigzuwerden.«
»Frutchey, wir sind nicht hier, um nach Schwierigkeiten zu suchen.
Wir sollen Informationen sammeln. Ich weiß auch, daß es an Bord
unserer Mechs sicherer ist, aber irgendwie bezweifle ich, daß die
Davion Guards uns einladen werden, in unseren Mechs das Fort zu
besichtigen. Sich mit einem Mech unbemerkt in eine Stadt
einzuschleichen ist selbst für mich kaum zu schaffen. Ein guter
MechKrieger wägt seine Möglichkeiten und die seines Gegners
gegeneinander ab. Die Mechs bleiben im Wald. Wir werden uns in die
Stadt schleichen, ein paar Bilder schießen und uns eine Vorstellung
davon verschaffen, wo sie ihre Mechs, die Panzer und das HQ
untergebracht haben. Dann verschwinden wir wieder. Kein
Schußwechsel, keine Heldentaten. Dafür gibt es mehr als genug Zeit,
wenn der Oberst und der Rest des Regiments eintreffen. Ohne unsere
Informationen würde das Regiment im dunkeln tappen.«
»Wir gehen also alle in die Stadt?« fragte Füller.
»Nein. Einer von uns bleibt bei den Mechs und spielt
Rückversicherung. Wenn wir gefangen werden, kann er mit allen
Daten, die wir bis dahin zusammengetragen haben,
fliehen.«
»Wird es soweit kommen, Major?« fragte Frutchey.
Carey nahm Loren die Antwort ab. »Es könnte sein, also sollten wir
uns darauf vorbereiten. Wenn die Royals in Tara stehen, werden sie
uns als Feind betrachten. Keine Neutralität, keine Regeln. Wir
könnten sehr wohl gefangengenommen oder gleich erschossen werden.
Und wenn man uns gefangennimmt, ist nicht damit zu rechnen, daß man
uns mit Samthandschuhen anfaßt. Eher wird man uns als Terroristen
bezeichnen, wie sie es mit Major Jaffray getan haben. Es läßt sich
nicht sagen, was sie tun werden, schon gar nicht jetzt, wo Krieg
herrscht.«
Die beiden jungen Offiziere lauschten gebannt. Carey war definitiv
zu ihnen durchgedrungen.
»Und mit dieser fröhlichen Note wollen wir uns zu Bett begeben«,
brach Loren die Anspannung. »Wir halten uns bedeckt, bis die
Flugschüler nach Hause kommen. Wenn sie wieder in ihrer Basis sind,
marschieren wir die Nacht durch weiter. Und überprüft eure
Wasserauffangbehälter. Wir wollen nicht mitten in der Mission ohne
Trinkwasser dastehen.«
»Sie haben ihr Essen ja kaum angerührt,
Oberst«, stellte Catelli fest und deutete über den Tisch auf
Mulvaneys Teller. Marschall Bradfords Regimentskoch hatte aus den
im Lager vorgefundenen Rationen und den von den 3. Royals
mitgebrachten Vorräten eine annehmbare Mahlzeit zusammengestellt,
aber Mulvaneys Gedanken waren bei der bevorstehenden Schlacht,
nicht beim Essen. Die wenigen Bissen, die sie probierte, schmeckten
scheinbar nach nichts.
»Ich habe einfach keinen Hunger«, antwortete sie und warf die
Serviette auf den Teller.
Marschall Bradford studierte ihre Miene, während er auf seinem Fisch kaute. »Was meldet der letzte Feldbericht über MacLeods Truppen, Oberst Mulvaney?« frage er, obwohl er den Bericht kurz zuvor selbst gelesen hatte und genau Bescheid wußte.
»Soweit wir es an Hand der täglichen Lufteinsätze feststellen konnten, ist MacLeods Regiment nahezu vollständig vor dem Kastell gebunden. Wir sind nicht in der Lage, eine Verbindung zu unserer Einsatzgruppe im Innern der Anlage herzustellen, aber bis jetzt gibt es keine Anzeichen, daß sie ausgeräuchert wurden.«
Catelli gluckste leise und nahm einen tiefen Schluck Wein. »Und während der gute Oberst MacLeod seine Tage und Nächte mit dem Versuch zubringt, eine beinahe leere Festung zu knacken, reparieren wir mit dem Nachschub der Highlanders unsere Gefechtsschäden.« Sein Tonfall war so arrogant und selbstgefällig, daß Mulvaney hastig zur Seite blickte, um nicht ausfallend zu werden.
»So ist es«, stimmte Bradford zu und hob in gespieltem Salut sein Weinglas. »Bei meinem letzten Gespräch mit Colonel Morrow hat er mir mitgeteilt, daß die Highlander-Familien eine Art organisierten Widerstand aufgebaut haben. Bis jetzt gab es nur kleinere Zwischenfälle. Natürlich streiten sie jedes Wissen um den Tod von Konsul Burns ab. Morrow hat seine Truppen aber so postiert, daß sie die Ordnung im Stadtgebiet aufrechterhalten.«
»Irgendwelche Neuigkeiten von Cat Stirlings
Regiment?« fragte Mulvaney.
»Sie sind noch immer im Anflug. Das Fort hat ein Bestätigungssignal
für die Landung aufgefangen, und unsere NAIW-Truppen in der Anlage
haben mit dem korrekten Code geantwortet. Wahrscheinlich wartet
Oberst Stirling auf eine Nachricht von MacLeod, aber wenn sie die
nicht bekommt, wird sie landen. Als wir das Fort eingenommen haben,
sind uns die Autorisierungcodes und Signale der Highlanders in die
Hände gefallen, auch wenn unsere NAIW-Truppen sich diesen Erfolg
teuer erkaufen mußten. Keine Sorge, Oberst Mulvaney, ich kann Ihnen
versichern, daß die 3. Royals jederzeit in der Lage sind, mit den
Füsiliers fertig zu werden, falls sie es auf einen Kampf ankommen
lassen. Unsere Beobachtung der übrigen Northwind Highlanders hat
ergeben, daß alle Regimenter ihre Garnisonsposten verlassen haben
und auf dem Flug hierher zu sein scheinen. Bis irgendeine dieser
Einheiten für unsere Operation hier bedrohlich werden kann, vergeht
allerdings noch mindestens ein Monat, und bis dahin werden wir
MacLeod unter Kontrolle haben.«
»Sie wirken in letzter Zeit so bedrückt, Oberst«, stellte Catelli fest. »Die meisten Menschen würden sich darüber freuen, an einem historischen Ereignis teilnehmen zu können. Sie scheinen geradezu desinteressiert.«
»Einem historischen Ereignis,
Colonel?«
»Natürlich ist es historisch«, unterbrach Bradford. »In der Inneren
Sphäre bricht Krieg aus. Gewaltige Heere sind in Bewegung. Und wir
sind hier – sind Teil der großen Vereinigung der Northwind
Highlanders mit dem Vereinigten Commonwealth. Ich bin schockiert,
daß Sie die Bedeutung dieses Ereignisses nicht erkennen, Oberst.
Ihr und unser Handeln wird das Gesicht dieses Planeten und die
Zukunft Ihres Volkes auf Jahrhunderte formen. Das ist eine
erregende Zeit für uns alle!«
Mulvaney schüttelte leise den Kopf. Es war das Äußerste an
Widerspruch, zu dem sie in der Lage war. »Nein, Sir, das ist ein
Ehrenhändel der Northwind Highlanders. Sie sind Zeugen des
Geschehens, aber es geht um einen zwischen Oberst MacLeod und mir
zur Klärung anstehenden Punkt. Nur so kann unser Volk als ein
Ganzes überleben. Dieser Kampf wird die eine oder die andere Seite
auslöschen. Wäre es anders, würden die Highlanders zerbrechen. Es
geht nicht um unsere Absorption im Vereinigten Commonwealth. Es
geht um unser Überleben als Volk.«
Bradfords Stimme war vom Weinkonsum gezeichnet. »Sie reden, als
wären wir hier nur Zuschauer. Die politischen Implikationen dessen,
was dieser Capellaner Jaffray vorgeschlagen hat und was MacLeod
tut, sind atemberaubend. Das Vereinigte Commonwealth kann nicht
untätig zusehen, wie seine Planeten die Unabhängigkeit fordern. Das
würde die Grundfesten unserer Regierung erschüttern. Egal, was
irgend jemand behauptet, vergessen Sie nicht, Sie sind Teil eines
größeren Ganzen, eines mächtigen Sternenreiches, aus dem eines
Tages ein neuer Sternenbund entstehen wird!« Er hob die Karaffe und
goß sich ein. »MacLeod und dieser Jaffray haben das Gesetz
verworfen. Aber Sie dürfen niemals vergessen, wer Ihr Lehnsherr
ist, Oberst Mulvaney. Ich möchte Ihre Loyalität nicht ebenfalls in
Zweifel ziehen müssen.« Die Drohung war unverhüllt, und Mulvaney
fühlte, wie ihre Wangen heiß wurden.
Bradford nahm sich zusammen, als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht
sah. »Andererseits, ich bin ein Militär, wie Sie selbst. Es
passiert viel zu oft, daß wir uns so sehr darin verstricken, die
Befehle der Regierung auszuführen, daß wir uns nicht mehr bewußt
werden, wer wir sind und was wir tun. Wie alle guten Soldaten
befolgen wir Befehle, Oberst, Sie ebenso wie ich.«
Als ich MacLeods Stellvertreterin war, kannte
ich meinen Platz, dachte Mulvaney. Jetzt habe ich eine Rolle von vielen in einem riesigen
Drama. Sie sehen nur, was dieser Kampf für ihre politischen
Spielchen bedeutet. Ich hasse es, in solche Spiele verwickelt zu
sein. Vorher war ich mehr, ich war Teil einer Familie. Mein Gott,
wie ich mich nach diesem Gefühl sehne.
Sie erhob sich stumm von der Tafel und verabschiedete sich mit
einem kurzen Nicken, bevor sie das Zelt verließ. Catelli sah ihr
nach und wartete, bis sie verschwunden war, bevor er das Wort
ergriff.
»Sie könnte in den späteren Phasen der Operation zum Problem für
uns werden.«
Marschall Bradford schwenkte langsam und methodisch den Wein in
seinem Glas. »Sie wird nicht mehr lange eine Bedrohung darstellen.
Seit Colonel Morrow das kostbare Fort und die
Kommunikationscodebücher der Highlanders erobert hat, nimmt ihr
Wert für uns rapide ab. Wir haben genug Informationen, um Oberst
Stirling und ihr Regiment genau dahin zu locken, wo wir sie haben
wollen. Mitten auf den Kohler-Raumhafen.«
»Und dann?«
Der Davion-Marschall kippte den Wein. »Dann wird es die Stirling's
Füsiliers nicht mehr geben. Weg! In einer einzigen Sekunde! Ihr
Verlust und die darauffolgende Vernichtung von MacLeods Regiment
wird den Highlanders den Hals brechen. Wenn Mulvaney dumm genug
ist, sich zu widersetzen…« Er schleuderte das leere Weinglas gegen
einen Transportbehälter, wo es in winzige Kristallsplitter
zerbarst. Bradford beendete den Satz nicht. Es war nicht nötig.
30
Friedenspark, Tara,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
11. Oktober 3057
Tara wirkte düster, beinahe abschreckend, als Loren Jaffray sein Team an dem kleinen Haus am Ende der Straße vorbei führte. Er sah sich um und erinnerte sich daran, wie anders ihm diese Stadt vorher erschienen war, frisch, unbefleckt. Das Tara aus den Erzählungen seines Großvaters, dessen Sehenswürdigkeiten ihn vor wenigen Wochen noch in ihren Bann gezogen hatten, war verschwunden. Zurück geblieben war ein Mausoleum, still und mürrisch, in dem an jeder Ecke Tod und Gefahren lauerten.
Die Wolken zogen an der dünnen Mondsichel vorbei und löschten ab und zu noch das wenige Licht, das vom Himmel auf die Stadt fiel. Commander Frutchey war bei den Mechs der Lanze in den Sümpfen südlich der Stadt geblieben, während die drei anderen sich langsam ins Stadtgebiet schlichen. Frutchey hatte lautstark protestiert, aber schließlich war es Loren gelungen, ihn von der Wichtigkeit seines Teils der Mission zu überzeugen. Alle paar Minuten tippte Carey eine Zusammenfassung der Informationen ein, die sie entdeckt hatten, und komprimierte sie zu einer nur Nanosekunden dauernden Mikrowellenbotschaft. Kurze Sendeimpulse dieser Art konnten fast unmöglich angepeilt werden. Es war schon schwierig genug, sie überhaupt zu orten. Wenn das Team sich nicht mehr meldete, hatte Commander Frutchey den Befehl, sich mit den bis dahin zusammengetragenen Daten aus dem Staub zu machen.
»Furchtbar ruhig«, flüsterte Jake Füller und zog sich die dunkle Wollmütze tiefer über das blonde Haar. »So spät ist es doch noch nicht. Es sollte Verkehr auf den Straßen sein, und Fußgänger, die Spazierengehen. Wo sind die Leute?«
»Zu Hause oder ganz weg«, erwiderte Laurie Carey. »Wir haben in den Häusern die Lichter an- und ausgehen sehen. Es muß eine Ausgangssperre verhängt worden sein. Und eine Ausgangssperre braucht jemand, der sie kontrolliert, also müssen die 3. Royals schon hier sein.«
Loren nickte zustimmend. Es gab noch andere Zeichen, die seinem trainierten Blick nicht entgangen waren, und die Careys Schlußfolgerung unterstrichen. Eine der breiteren Straßen, an denen sie ein paar Blocks zuvor vorbeigekommen waren, hatte man abgesperrt und mit elektronischen Sensoren gesichert. Hätte Loren kein Fernglas benutzt, hätten sie einen Alarm auslösen können. Und er hatte einen leerstehenden Panzerwagen in der Nähe gesehen, der offenbar den Eindruck einer Polizeiüberwachung erwecken sollte. Loren suchte die Straße mit dem Fernglas ab und vergewisserte sich, daß der Weg frei war, bevor er seinen Trupp über die Straße in den Friedenspark führte. Dort angekommen, warf Loren sich sofort zu Boden und rollte unter ein Gebüsch, gefolgt von seinen Begleitern.
Sie waren kaum zu Atem gekommen, als ein tiefes Donnern durch die Straße hallte. Loren schaute die Allee hinab und sah einen leichten KampffalkenBattleMech die Straße herabkommen. Möglicherweise suchte er den Friedenspark und die Häuser der Umgebung nach Störungen ab. Der Mech machte eine beeindruckende Figur. Die goldene, eingerollte Klapperschlange der 3. Royal Guards Regimentskampfgruppe funkelte im Licht der Straßenlaternen. Loren zog die kleine Laserkamera aus der Tasche und fotografierte den Mech, als er vorbeimarschierte. Zumindest von einem ihrer Mechs wissen wir, wo er ist. Er geht ein paar Meter neben uns die Straße entlang. Der Kampffalke wurde etwas schneller, als er an ihnen vorbei war und in der Dunkelheit des Parks verschwand. Als der Mech außer Sicht war, stieß Füller einen langen Seufzer der Erleichterung aus.
»Carey, geben Sie Frutchey durch, daß wir endlich einen Beweis für die Anwesenheit der 3. Royals in der Stadt gefunden haben. Unterstreichen Sie, daß es sich um Mechtruppen handelt. Und teilen Sie ihm mit, wo wir sind«, flüsterte Loren.
»Lassen Sie uns zum Fort gehen, Loren«, meinte Füller leise. »Wenn sie irgendwo ihr Lager aufgeschlagen haben, dann dort.«
»Zu riskant, Jake. Die Richtung stimmt, aber um herauszubekommen, was sie drinnen haben, müßten wir über die Mauer. Keine Chance.« Loren sah auf die Uhr und hob den kleinen Stadtplan, den er mitgenommen hatte, ins Licht.
Er ist genau wie die anderen. Er nimmt es persönlich. Das ist ihre Heimat, das darf ich nicht vergessen. Sie betrachten die Besetzung durch fremde Truppen als eine Entweihung heiligen Bodens. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Oberst MacLeod mir die Leitung der Erkundung übertragen hat. Er ist davon ausgegangen, daß ich objektiv bleiben kann und mich nicht von Gefühlen beeinflussen lasse.
Loren würde MacLeod nicht enttäuschen, besonders, da eine erfolgreiche Aufklärung ihm auch bei der Erfüllung seiner Mission für den Kanzler helfen konnte. Wenn er die Highlanders auch nur in eine begrenzte Auseinandersetzung mit den Royal Guards verwickelte, würde sie das so schwächen, daß die irgendwo im Systemraum wartenden Todeskommandos mit den Überlebenden leichtes Spiel hatten.
»Wir kürzen durch den Park ab und sehen uns am Raumhafen um. Wir haben wenig Zeit«, erklärte er und arbeitete sich unter dem Gebüsch auf die andere Seite vor. Carey und Füller folgten ihm langsam und vorsichtig.
Der Friedenspark erinnerte ihn an den Angriff auf ihn und MacLeod. Seine Verletzung schmerzte wieder, als erinnere sie sich ebenfalls an jenen Abend. Jaffray ignorierte die Schmerzen und lief über die niedrigen Hügel und Kuppen des baumreichen Parkgeländes.
Ich hätte hier sterben
können.
Er kniff die Augen zusammen, als er die Baumlinie betrachtete.
Das wird mir nicht noch einmal passieren. Beim
nächsten Mal werde ich davon ausgehen, daß meine Gegner noch
hinterlistiger sind als ich.
Sie hielten an, um sich in der Nähe einer kleinen Baumgruppe zu orientieren, als Laufgeräusche Loren und die anderen erstarren ließen. Die schnellen Schritte hatten einen seltsamen, beinahe ungleichmäßigen Rhythmus, wie sie durch das Herbstlaub und das Unterholz krachten. Das Geräusch kam fast geradlinig auf sie zu, und der Läufer unternahm keinerlei Versuch, unbemerkt zu bleiben. Loren zog seinen Nadler.
Wer immer das ist, er scheint es darauf anzulegen, uns umzurennen… aber ich werde nicht kampflos untergehen. Verdammt! Alles lief so gut.
Die Gestalt kam gegenüber der Baumgruppe in Sicht, und die drei Scouts legten an. Careys Impulslaserkarabiner war die bedrohlichste ihrer Waffen. Füller hatte eine alte, zerbeulte Laserpistole, angeblich seit mehr als vier Jahrhunderten im Familienbesitz. Bauart und Zustand der Waffe ließen Loren diese Fabel beinahe glauben. Die Gestalt stolperte zwei Schritte weiter, dann fiel sie nach vorne ins Gras.
Plötzlich erschienen hinter dem rennenden Mann drei weitere Gestalten. Sie marschierten geradewegs auf ihn zu und blieben über ihm stehen. Er wälzte sich herum und versuchte zu Atem zu kommen. Als er aufstehen wollte, schwang einer der Männer sein Gewehr und stieß ihm den Kolben in den Rücken. Der Mann am Boden stöhnte laut auf.
Davions! Sie tragen
Davion-Uniformen. Diese Monturen würde ich überall
wiedererkennen.
Loren bedeutete seinen Begleitern abzuwarten. Sie waren hier, um
Informationen zu sammeln. Wenn sie jetzt das Feuer eröffneten,
verrieten sie sich und würden nicht mehr herausfinden können, was
hier vor sich ging.
»He, Danny, scheint, daß wir deinen Gefangenen eingeholt haben«,
rief der größte der drei. Als er sich umdrehte, sah Loren, daß er
ein Nadlergewehr über die am Boden liegende Gestalt
schwenkte.
Der kleinste der Davion-Soldaten kam näher und trat dem Liegenden
den Stiefel in die Rippen. »Das haben wir, Mister Yoark. Bleib
schön, wo du bist, alter Mann.« Mit einem Fuß wälzte er den Mann
auf den Rücken.
Im schwachen Mondlicht erkannte Loren das Gesicht von Pluncket, dem
Wirt des Pubs. Vor Schmerz und
Erschöpfung keuchend, starrte er mit einer Mischung aus Wut und
Verachtung zu seinen DavionPeinigern empor. Lorens Magen
verkrampfte sich.
Wenn er auch nur den
geringsten Widerstand zeigt, bringen sie ihn um. Er wird sterben,
wenn wir nichts unternehmen.
Der kleine Davion-Soldat beugte sich über ihn. »Du hast einen
unserer Offiziere mit dem Fleischermesser übel verwundet. So etwas
können wir nicht zulassen. Du kommst mit uns mit.«
»Was, zu noch mehr Spiel und Spaß?« fragte Pluncket. »Das hier ist
unsere Welt, nicht eure. Ihr seid Invasoren auf Northwind, und es
ist unsere Pflicht, unsere Heimat zu verteidigen. Ich habe keine
Angst davor, bei der Verteidigung meiner Heimat zu fallen. Aber ich
werde, verdammt noch mal, nicht mitkommen, um den Rest meiner Tage
im Kerker meines eigenen Regiments zu verbringen.«
Einer der Männer drückte die Mündung seines Nadlergewehrs an
Plunckets Stirn.
»Wir wollen keine Schwierigkeiten, alter Mann. Laß auf der Stelle
die Waffe fallen.«
Loren kämpfte gegen den Drang an, den Abzug
durchzuziehen.
Verdammt. Ich hatte recht. Wenn wir nicht
eingreifen, ist der alte Dickkopf tot. Ist seine Rettung unsere
Mission wert? Ist das Leben eines Mannes das eines ganzen Regiments
wert? Nicht nur das eines Regiments, sondern auch meiner eigenen
Todeskommandotruppen. Wenn ich die Highlanders in Gefahr bringe,
könnte ich damit meine Mission gefährden.
»Mister Yoark, dieser Mann besitzt eine Waffe und will sie uns
nicht aushändigen«, stellte die mittlere Gestalt fest und hob das
Gewehr. »Informieren Sie den Gentleman, daß wir gezwungen sind,
aggressiv vorzugehen, wenn er die Waffe nicht auf der Stelle
hervorholt und uns aushändigt.«
Wenn er eine Waffe hat, ist er tot. Keine
Verhandlung, kein Urteilsspruch. So zu enden hat er nicht verdient.
Das hat niemand, Catelli möglicherweise ausgenommen. Die
Entscheidung, ob ich das Leben eines Mannes über das vieler stellen
soll, müßte einfach sein. Aber das ist es nicht. Kein Highlander
würde ihn sterben lassen.
Loren sah zu Carey und Füller. Selbst in ihren geschwärzten
Gesichtern waren ihre Mienen unverkennbar. Ihre schlimmste Furcht
war, Loren könnte ihnen befehlen, tatenlos zuzusehen, wie einer der
ihren hingerichtet wurde.
Ich sollte ihn sterben lassen. Es ist nur ein
einzelner Mann.
Loren verstand die Logik dieser Entscheidung. Hatte ihm nicht sein
eigener Großvater eingeschärft, logisch zu denken, wenn alle
anderen sich von Gefühlen leiten ließen? Aber jetzt sah er einen
wehrlosen Mann sterben, und er konnte nicht untätig bleiben und nur
zusehen. Und wo immer sein Großvater jetzt auch sein mochte, Loren
konnte nicht glauben, daß er Ruhe finden würde, wenn er wüßte, daß
Loren ein Mitglied der Highlanders einem derart erbärmlichen Tod
überantwortet hatte.
So würde ich nicht abtreten
wollen.
Loren blickte erst Jake, dann Laurie in die Augen und nickte ihnen
langsam zu. Vorsichtig und lautlos entsicherte er seine Waffe.
Seine Kameraden zielten sorgfältig auf ihre Ziele.
Wartet auf mein Zeichen…
»Ihr werdet mich nicht zurück zum Kerker bringen. Und ich werde
mich auch nicht kampflos ergeben«, stöhnte Pluncket zwischen seinen
schweren Atemzügen.
»Ich warne dich ein letztes Mal, gib die Waffe raus, oder wir
wenden Gewalt an.« Eine der Waffen zielte auf Pluncket. Der Mann
schien nervös.
Erst abdrücken, wenn ich es
sage…
Pluncket grinste und richtete sich langsam zu einer sitzenden
Position auf. Er hatte das Kundschafterteam, das seine Gegner ins
Visier genommen hatte, nicht gesehen. »Ihr Davion-Hunde seid doch
ein feiges Pack. Wie viele von euch braucht es, um ein wehrloses
altes Schlachtroß wie mich festzunehmen?« Er schien seine
Beinprothese mit beiden Händen zu umklammern und zu reiben, als
schmerze sie.
Der größere der drei Männer, der Offizier namens Yoark, verzog das
Gesicht. »Ich will dich nicht umbringen, alter Mann, aber wir sind
keine Polizisten. Ich werde meinen Männern nicht befehlen, dich
nach Waffen abzutasten. Du hast einen Offizier verwundet. Du hast
drei Sekunden, deine Waffe zu übergeben, sonst feuere ich.« Er
richtete die Mündung des Nadlergewehrs ein zweitesmal auf den noch
immer am Boden sitzenden Unteroffizier.
Loren hob seine Waffe ebenfalls.
Sorgfältig zielen. Der erste Schuß muß sitzen,
oder unsere ganze Mission ist verloren. Wenn sie das nicht ohnehin
schon ist.
Pluncket bewegte sich wie ein Jaguar. Aus der Wade seines
künstlichen Beins zog er eine Vibroklinge und hieb nach dem
DavionOffizier. Die Klinge vibrierte im Ultraschallbereich und war
in der Lage, selbst durch Metall zu schneiden. Der Oberschenkel des
Besatzers bot ihr keinerlei Widerstand. Yoarks Nadlerschuß ging
weit vorbei und spie einen Schwärm Plastiknadeln in den weichen
Waldboden. Der hochaufgeschossene Davion-Soldat schrie vor
Schmerzen, während seine beiden Begleiter von Plunckets
blitzartigem Angriff völlig perplex waren.
Der alte Highlander nutzte ihren Schock aus. Er rollte ab und hielt
die Vibroklinge kampfbereit vor sich. Die beiden Soldaten hoben die
Waffen, um ihn abzuknallen.
»Jetzt«, sagte Loren und feuerte seine Pistole auf den verwundeten
Offizier ab. Der beinahe lautlose Schwärm rasiermesserscharfer
Nadeln bohrte sich in die Brust des Mannes namens Yoark und
schleuderte ihn nach hinten in die Dunkelheit, bevor er seine Waffe
wieder auf Pluncket richten konnte. Carey feuerte ihren
Laserkarabiner, ein Stakkato aus Laserimpulsen erhellte die Nacht
und schickte den mittleren Soldaten zu Boden. Füllers Laserstrahl
traf den letzten DavionGardisten. Der Mann schrie auf und starb.
Keiner der drei hatte eine Chance.
Jaffray sprang auf Pluncket zu. Der alte Highlander wedelte mit der
Vibroklinge in Richtung seiner neuen Verbündeten. Er wußte nicht
mehr, wie ihm geschah. »Identifiziert euch«, verlangte er über dem
leisen Summen seiner Waffe.
»Major Loren Jaffray«, sagte Loren und streckte die Hand aus. »Wir
haben nicht viel Zeit, Mister Pluncket.« Irgendwo röchelte ein
Sterbender, vermutlich Yoark.
Pluncket erkannte Lorens Gesicht und setzte ein breites Grinsen
auf. »Warum, zum Teufel, hat das so lange gedauert?«
Loren half ihm hoch, während Jake und Laurie sich vergewisserten,
daß keine anderen Soldaten in der Nähe waren. »Sie wußten von
uns?«
»Nein, Laddie, aber ich wußte, daß ich nicht so sterben konnte.
Aber wir können hier nicht lange bleiben. Ihr HQ ist ganz in der
Nähe.«
Loren winkte seine beiden Begleiter zurück. Sie formierten sich
schweigend um Pluncket und machten sich auf den Weg aus dem
Friedenspark.
»Eines ist sicher, ich wußte, daß Sie im Herzen ein Highlander
sind, Mister Jaffray«, meinte Pluncket und nickte Loren wissend
zu.
31
Tara, Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
11. Oktober 3057
Für die Scouts war der offene Keller wie ein sicherer Hafen auf stürmischer See. Carey und Füller trugen Pluncket halb die Treppe hinunter, während Loren die Tür hinter sich schloß. Von seinem Standort aus hatte er freie Sicht über die Straße und den Park. Lorens Puls raste, als er die Straße in beide Richtungen absuchte.
Glück gehabt. Von rechts wegen müßten wir jetzt alle tot sein. »Sind Sie verletzt?« fragte Füller den alten Soldaten leise.
»Nein, diesmal nicht. Ich denke, die Lads werden einige Zeit keine Lust mehr zum Tanzen haben. Gute Arbeit, Sirs, für einen Haufen Offiziere, meine ich.« Irgendwie hatte er es geschafft, trotz der Begegnung mit dem Tod seinen krassen Humor zu bewahren. »Ihr müßt Teil der Rettungseinheit sein, die uns hier rausholen soll.«
Loren kniete sich neben ihn. »Ich fürchte nicht, Mr. Pluncket. Wir haben seit Wochen keine Verbindung mehr mit Tara. Was meinen Sie mit ›Rettung‹? Was geht hier vor?«
»Sie wissen es nicht?« fragte er. Füller und
Carey schüttelten beide den Kopf. »Dieser Windbeutel von einem
Planetarischen Konsul, Drake Burns, ist ermordet worden, und die
verdammten Davions geben uns die Schuld. Catellis Marionette Lepeta
behauptet, er hätte Beweise für eine Mittäterschaft der
Highlanders, aber wir haben ihn ignoriert. Wir dachten, es wäre nur
ein Trick, um die Einheimischen gegen uns aufzuwiegeln. Dann sind
diese verfluchten Klapperschlangen gelandet. Sie haben unsere
Neutralität gebrochen. Haben ihre Kröten direkt über dem Fort
abgeworfen. O Laddies, wir hatten keine Chance. Wir konnten uns
nicht verteidigen. Sie haben das Fort und den Raumhafen innerhalb
von Stunden erobert. Highlander-Offiziere und Unteroffiziere wurden
unter Hausarrest gestellt, und für den Rest der Stadt gilt eine
strikte Ausgangssperre.«
»Unsere Familien?« fragte Carey geschockt.
»Aye, Lassie. Sie werden wohl unsere Dateien im Fort benutzt haben,
um sie zu finden. Die stehen auch unter Hausarrest. Ein paar der
Lads haben protestiert, aber was sollten sie machen gegen eine
ganze RKG? Es gib Gerüchte, daß ein paare erschossen wurden, aber
die meisten werden im Kerker sitzen.«
»Was ist wirklich
mit dem Konsul passiert?« fragte Loren. »Lepeta und die
Botschaftsangehörigen behaupten, ein paar unserer Leute hätten sich
eingeschlichen und den Trottel ermordet. Laut Nachrichten wurde er
mit einer Highlander-Laserpistole erschossen, und es gibt ein paar
aufgeblasene Beweise, daß Highlander damit zu tun
hatten.«
Loren richtete sich auf. »Und stimmt das?«
Das markante Gesicht des alten Unteroffiziers verzerrte sich vor
Wut. »Nein, Sir! Keiner in dieser Einheit ist besser informiert als
ich, und niemand von uns weiß auch nur das Geringste darüber. Wir
haben eine Abordnung zu Lepeta geschickt, um die Sache zu bereden,
aber die Leute wurden verhaftet, kaum daß sie das Botschaftsgelände
betreten hatten. Die Wahrheit ist diesen verdammten Hunden egal.
Sie haben uns als Killer hingestellt, und sie werden ihre Version
durchhalten, selbst wenn sie uns alle umbringen müssen, um sie zu
beweisen!«
»Verdammt!« spie Füller aus. »Unsere Leute werden als Geiseln für
ein Verbrechen festgehalten, das sie nicht begangen haben. Wenn der
Rest des Regiments davon erfährt, bricht hier die Hölle
los.«
Loren nickte. »Damit dürften Sie recht haben. Mit der Geiselnahme
der Highlander-Familien haben sich die Davions keinen Gefallen
getan. Das wird den Widerstand gegen sie anfachen. Wenn erst die
Füsiliers eintreffen, wird es ein Gemetzel geben. Ich kenne Cat
Stirling zwar nicht, aber ich wette, daß sie sich so etwas nicht
kampflos bieten läßt.«
Pluncket rieb sein gesundes Bein und schüttelte den Kopf. »Ihr
Götter, Mann, Sie kennen längst nicht die ganze Geschichte. Jeder
weiß, daß die Füsiliers in einer Woche oder so eintreffen werden,
Laddie, aber diese Schlangen haben den Raumhafen eingenommen und
bereiten eine Überraschung für Stirling vor. Mich haben sie in Ruhe
gelassen, weil ich bloß ein alter Krüppel bin, der ihnen die Drinks
serviert, aber ich habe herausbekommen, was los ist.«
»Und was planen sie, Mister Pluncket?« fragte Loren.
»Seit fünf Tagen laden sie tonnenweise Petaglyzerin aus ihren
Frachtern und packen die Lagerhallen rund um den Raumhafen damit
voll bis unter die Decke. Ich habe gehört, daß sie noch zwei
Schiffsladungen von dem Zeug haben, und sie lassen es sich aus den
eroberten Fabriken in der Stadt liefern.«
»Was wollen sie mit soviel Sprengstoff? Schiffsladungen von dem
Zeug würden reichen, die ganze Stadt in die Luft zu jagen,
besonders in konzentrierter Form. Was haben sie vor?«
Loren starrte Pluncket an, als ihm die Antwort klar wurde. Unter
der Tarnbemalung lief sein Gesicht rot an, und sein Mund ging auf.
Der ältere Mann nickte. »Du hast es kapiert, nicht wahr,
Laddie?«
»Ich nicht«, meinte Jake und sah zwischen Loren und Pluncket hin
und her.
»Die Lagerhallen stehen rund um den Raumhafen. Die Davions haben
sie mit gewaltigen Mengen Sprengstoff gefüllt. Jetzt brauchen sie
die Stirling's Füsiliers nur noch aufs Landefeld zu locken und den
Sprengstoff zu zünden. Die Explosion wird so gewaltig sein, daß sie
Landungsschiffe, Mechs und Truppen zerbläst. Rumms, weg sind die
Füsiliers.«
»Gütiger Himmel«, stieß Carey aus.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, meinte Jake ungläubig. »Eine
Explosion dieser Größenordnung würde auch einen riesigen Teil der
Stadt zerstören.«
Loren erinnerte sich plötzlich an einen der Leitsprüche seines
Großvaters: »Wo sich Politik und Militär treffen, herrschen Tod und
Vernichtung.«
Wie recht er hatte.
»Sie denken in zu kleinen Maßstäben, Jake. Was macht es aus, wenn
sie bei der Sprengung ein Viertel der Stadt mit in die Luft jagen?
Das ist ein kleiner Preis für die Kontrolle über eine ganze Welt.
Sie vernichten mit einem Schlag die Stirling's Füsiliers, ihre
eigenen Truppen bleiben dabei unversehrt und können die Reste von
MacLeods Regiment erledigen. Kein Problem. Und alle Zeugen des
Verbrechens werden bei der Explosion zu Staub zerblasen. Catelli
und seine Helfershelfer schreiben ihre eigene Wahrheit, und die
Highlanders sind am Ende.«
Loren verstand den Plan nur zu gut. In manchen Teilen rang er ihm
sogar Bewunderung ab. Er war der Todeskommandos würdig. Was ihm
Kummer bereitete, waren die Auswirkungen auf seine Mission. Wenn es
ihnen gelang, die Stirling's Füsiliers auf einen Schlag zu
vernichten, würden die Davions Northwind kontrollieren, bis seine
Todeskommandos eintrafen. Das durfte er nicht zulassen.
Jetzt erkannte endlich auch Füller die ganze Tragweite. »Major
Jaffray, wir reden hier von Völkermord. In so einer Falle werden
Tausende sterben.«
Bilder einer aufsteigenden Pilzwolke und eines Feuerballs, der die
Nacht über Northwind in blutiges Licht tauchte, ließen Loren
frösteln. Alles, was seinem Großvater lieb und teuer gewesen war,
würde in einem Sekundenbruchteil zu Asche werden.
Ich muß das verhindern. Meine Mission ist die
Neutralisierung der Highlanders, keine
Massenvernichtung.
Dann übernahm sein Verstand wieder die Kontrolle. Er erinnerte sich
an Sun-Tzus Worte. Er mußte für diese Mission wenn nötig auch seine
persönliche Ehre aufgeben. Er würde tun, was in seiner Macht stand,
um den Tod Unschuldiger zu vermeiden, aber wenn nötig, würde er sie
sterben lassen. Es war keine leichte Entscheidung, und es fiel ihm
schwer, sie zu verdrängen.
»Süßer Northwind, es könnte funktionieren«, sagte Carey, die noch
immer unter Schock stand. »Aber sie müßten eine Möglichkeit finden,
die Füsiliers auf den Raumhafen zu locken, und das wird ihnen nicht
leicht fallen. Cat Stirling ist ziemlich vorsichtig.«
Loren runzelte die Stirn. »Sie haben als erstes das Fort
eingenommen. Dort sind alle Ihre Funkcodes gespeichert.
Wahrscheinlich haben die Davions sie bereits entschlüsselt. Wenn
sie keine völligen Idioten sind, werden sie Oberst Stirling
signalisieren, das alles in Ordnung ist. Sie wird ihnen geradewegs
in die Falle gehen. Und ohne unsere Kommunikationsanlagen können
wir ihr keine Warnung zukommen lassen.« Natürlich war das alles nur
Spekulation, aber Loren war sich sicher, der Wahrheit zumindest
sehr nahe zu kommen. Die Indizien waren eindeutig.
»Wir müssen etwas unternehmen«, erklärte Jake Füller, und in seiner
Stimme schwang zunehmender Zorn mit. »Tausende werden
sterben.«
Loren nickte. »Als erstes müssen wir dafür sorgen, daß Mr. Frutchey
die ganze Story kennt, falls wir gefangen werden. Schicken Sie ihm
eine Nachricht, Laurie.«
»Bin schon dabei.« Ihre Finger huschten über die kleine Tastatur
des Kommunikators. Die Botschaft war kurz und hastig abgefaßt, aber
sie gab dem Commander genug Informationen, um zu verstehen, worum
es ging.
Loren wandte sich wieder an Pluncket. »Wo, sagten Sie, haben die 3.
Royals ihren Befehlsstand aufgebaut?«
Der ältere Highlander deutete durch das abgedunkelte Fenster über
die Straße. »Ihr wart praktisch an der Türschwelle. Sie haben sich
mitten im Friedenspark eingerichtet. Wenn ihr noch weiter gelaufen
wärt, hättet ihr Alarm ausgelöst und eine ganze Kompanie am Arsch
gehabt. Der größte Teil ihrer Truppen ist über den Nordwesten der
Stadt verteilt. Sie graben sich seit ein paar Tagen ein und
verstecken ihre Mechs und Panzer in den Gebäuden. Diese verfluchten
Hunde haben eine Unzahl von Wohnungen unseres Volks ruiniert, um
sich zu tarnen.«
»Aufräumeinheiten«, kommentierte Carey, ohne von ihrer Arbeit
aufzusehen. »Alles, was ihren kleinen Hinterhalt überlebt, wird von
den versteckten Mechs erledigt.«
Loren kannte diese Taktik nur zu gut. Im Verlauf seiner Karriere
hatte er sie in den verschiedensten Variationen selbst häufig genug
angewendet.
»Wir brauchen Beweise. Wir müssen ein paar Bilder davon aufnehmen.
Dieses Gebäude ist fünf Stockwerke hoch. Carey, Sie und Jake
steigen aufs Dach. Passen Sie auf, daß Sie niemand sieht, aber
besorgen Sie uns ein paar Bilder vom Davion-HQ im Friedenspark. Und
zeichnen Sie die Positionen aller BattleMechs und Panzer auf, die
Sie sehen.« Jaffray schaute auf die Uhr. »In einer halben Stunde
wird es hell. Dann müssen wir hier weg sein.«
Der fünfstündige Marsch aus Tara hinaus in die verwilderten Sümpfe
südlich der Stadt verlief seltsam still. Pluncket benötigte jede
Stunde eine Pause. Jaffray und die schwarzgekleideten Mitglieder
der Erkundungslanze hielten an, sprachen aber nicht miteinander.
Was gab es noch zu sagen? Als sie Frutchey und die halbversenkten
Mechs erreichten, in denen sie nach Tara gekommen waren, schien
ihre Stimmung rabenschwarz zu sein. Die Miene des Commanders war um
nichts fröhlicher, da er Careys Sendung gelesen hatte, bevor er sie
an Oberst MacLeod weitergab. Loren spürte die Hoffnungslosigkeit
seiner Begleiter.
Die Laserbilder, die Füller und Carey vom Dach des verlassenen
Gebäudes aus gemacht hatten, bestätigten einen Großteil dessen, was
Pluncket erzählt hatten. Der jahrhundertealten Friedenspark war zum
Aufmarschgebiet der 3. Royal Davion Guards geworden. Panzer und
BattleMechs umringten das Mobile HQ und die
Kommunikationsfahrzeuge, die komischerweise stark jenen ähnelten,
die MacLeod im Laufe der Gefechte verloren hatte.
Die Bilder vom Raumhafen waren nicht so aufschlußreich, aber sie
bestätigten zumindest einen Teil der Geschichte. Auf jeden Fall
wußten sie nun, daß alle Mechtransporter der RKG den Raumhafen
verlassen hatten, um der Explosion zu entgehen.
Commander Frutchey war der einzige mit guten Nachrichten. Er hatte
eine Meldung erhalten, derzufolge MacLeods Kräfte schon ein gutes
Stück des Weges nach Tara hinter sich gebracht hatten. Er kannte
keine Details, aber die Belagerung des Kastells mußte schon vor
Tagen zu Ende gegangen sein. Anscheinend bediente MacLeod sich
einer Finte, um die Davion-Kundschafter in die Irre zu
führen.
Noch gab es Hoffnung. Angesichts der sich nähernden Truppen sah
Loren noch immer eine Chance, etwas zu unternehmen, irgend etwas zu tun, um den Hinterhalt der Royals
zu vereiteln. Er dachte an Mulvaney und fragte sich, ob sie der
Joker in diesem Spiel werden konnte.
Das hier ist ihr Volk. Sie würde niemals
untätig zusehen, wie ihre Leute in die Luft gesprengt werden.
Gleichgültig, wie groß ihre Loyalität zu Victor Davion ist, sie
wird nie allem, was ihr am Herzen liegt, den Rücken
zuwenden.
Chastity Mulvaney war keine kaltblütige Mörderin.
Der Tod Unschuldiger würde sie treffen, möglicherweise hart genug
treffen, um sie zu MacLeod zurückkehren zu lassen.
Loren stand auf der kleinen Bodenwelle, die sich aus dem Wasser des
Sumpfes erhob und sah die anderen Mitglieder seiner Lanze,
einschließlich ihres Neuzugangs Mr. Pluncket, an.
»Ich muß eine Entscheidung treffen«, stellte er fest. »MacLeods
Regiment ist unterwegs, und in Tara droht ein Davion-Hinterhalt.
Das heißt, wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Carey wischte sich die Tarnfarbe aus dem Gesicht, während sie
zuhörte. Loren brauchte die dunklen Ringe unter ihren Augen nicht
zu sehen, um zu wissen, daß er alle drei Offiziere bis an die
Grenzen ihrer körperlichen und emotionalen Belastbarkeit getrieben
hatte.
»Major, was immer Sie für einen Plan haben, wir sind dabei, solange
er dafür sorgt, daß diese vermaledeiten Royals weder die Stirling's
Füsiliers noch die Stadt in die Luft jagen können. Ich werde tun,
was immer nötig ist, um sie aufzuhalten. Wenn Ihre Befehle das
allerdings nicht ermöglichen, steht es Ihnen frei, mich wegen
Meuterei vors Kriegsgericht zu bringen.«
Es war klar zu erkennen, daß sie nur noch von ihren Emotionen in
Gang gehalten wurden. Jake und sogar Pluncket sahen aus, als
wollten sie ihre Waffen greifen und schnurstracks zurück nach Tara
stürmen. Aber Loren wußte, daß sich so nichts erreichen ließ – noch
nicht. Sie brauchten ein Ziel, eine gemeinsame Sache, die sie zum
Sieg führte, keinen wertlosen Kraftakt gegen eine zwölffache
Übermacht.
Ich muß sie bitten, mir zu vertrauen, und
dafür sorgen, daß sie verstehen, wie wir auf diese Weise unsere
Rache erlangen können.
»Ich höre Sie laut und deutlich, Carey. Vertrauen Sie mir. Ich werde nicht auf den Händen sitzen und zulassen, daß die Royals die Füsiliers vom Angesicht des Planeten blasen. Fakt ist, die Füsiliers sind unterwegs, aber die Tatsache, daß sie noch nicht hier sind, verschafft uns etwas Zeit, Atem zu holen. Wenn Sie losrennen und sich mit einer kompletten VerCom-RKG anlegen wollen, Carey, dann lassen Sie sich nicht aufhalten. Wir werden Sie vermissen, und Ihr Tod wird keinerlei Wert haben. Wenn Sie in blinder Wut um sich schlagen, kommen Sie nur auf die Verlustliste und werden nichts zu unserem Sieg beitragen können. Sie werden nicht mehr sein als ein Name auf einem Caber. Ich werde mich Ihnen nicht in den Weg stellen, aber stellen Sie sich auch nicht in den unseren.«
Seine Worte saßen, und Carey senkte die Augen, als er weitersprach. »Ich habe vor, den schurkischen Plan der Davions zu durchkreuzen. Im Augenblick besitzen wir etwas, das uns seit Beginn dieser Operation gefehlt hat, nämlich einen Hinweis darauf, was hier vor sich geht. Wir wissen jetzt, wer der Feind ist, und wir wissen, was er plant. Das ist schon eine ganze Menge. Mit diesem Wissen können wir einen Plan entwickeln, wie wir die 3. Royals zermalmen. Es besteht kein Grund für euch, hier deprimiert im Schlamm zu hocken. Freut euch. Wir haben endlich einen Vorteil.«
»Ich bin ganz und gar nicht in Feiertagsstimmung… Sir«, erwiderte Füller kühl. »Wir sind immer noch in der Unterzahl, dank Mulvaneys und Catellis Einheiten in den Bergen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie unser Regiment entdecken und anrücken.«
»Nichts für ungut, Jake, aber von einem Northwind Highlander hätte ich etwas anderes erwartet, als daß er sich an Zahlenverhältnissen festbeißt. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, ihr wärt Kämpfer. Wenn Sie tatsächlich glauben, wir haben keine Chance, sollten wir uns vielleicht sofort ergeben und beten, daß wir am Leben bleiben.«
Jaffrays Stimme triefte vor gespielter Verachtung. Füller schien wütend, nahm seine Worte aber nicht zurück. Er stierte Loren nur zornig an, was dieser ignorierte.
Ich bin nahe daran, sie zu verlieren, aber wenigstens hören sie mir noch zu – ich sollte zusehen, daß ich das ausnutze, solange ich noch kann. Sie brauchen einen Plan. Etwas, woran sie glauben können. Es wird Zeit, unseren Feind an seiner schwächsten Stelle zu packen.
»Der Schlüssel zu unserem Problem heißt
Mulvaney«, verkündete er.
»Was?« spuckte Jake, dessen Wut offensichtlich noch zugenommen
hatte. »Sie hat den Oberst und alle Highlanders verraten. Was soll
das heißen, sie ist der Schlüssel?«
»Sie hat niemanden verraten, Jake«, gab Loren zurück. »Sie hat
Ihrem Volk eine Möglichkeit geboten, seine Ehre zu wahren. Ich
kenne Sie noch nicht lange, aber ich kann nicht glauben, daß
Mulvaney zusehen würde, wie die Davions die Füsiliers in Fetzen
sprengen. Selbst wenn Oberst MacLeod persönlich ins Konsulat
marschiert wäre und Burns erschossen hätte, würde sie niemals dem
Plan zustimmen, ein ganzes Regiment Highlanders auszulöschen, ohne
ihm die geringste Chance zur Verteidigung zu geben. Und sie würde
es niemals zulassen, daß unschuldige Highlander-Angehörige Gefahr
laufen, als Geiseln genommen oder umgebracht zu werden. Chastity
Mulvaney würde sich nie im Leben auf einen Plan einlassen, bei dem
Tara in Schutt und Asche gelegt wird. Das wissen Sie so gut wie
ich.«
Und falls ich mich irre, wird mein Plan uns
alle umbringen.
»Major Jaffray hat recht«, erklärte Pluncket von seinem Sitzplatz
auf einem Steinbrocken herunter. »Wir alle kennen sie seit Jahren.
Chastity Mulvaney würde so etwas nie zulassen. Sie ist eine von
uns, eine Blutsverwandte. Eine Highlanderin bis ins Mark. Sie haben
alle schon an ihrer Seite gekämpft. Erinnere dich an die Clans,
Laddie. Madame Eisenherz habt ihr sie getauft. Carey, Sie haben auf
Glengarry gegen die verdammten Skye-Rebellen unter ihr gedient.
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hat sie eurer ganzen
Kompanie kollektiv den Arsch gerettet, eh, Lassie?«
»Was schlagen Sie vor?« fragte Carey, die Plunckets Worte wie eine
kalte Dusche in die Realität zurückgeholt zu haben
schienen.
»Ich möchte wetten, Mulvaney hat von alledem hier nicht den
Schimmer einer Ahnung«, meinte Loren vorsichtig. »Nur so ergibt es
einen Sinn. Wenn sie herausfände, was in Tara vorgeht, könnte sie
uns helfen, den Spieß herumzudrehen. Einer von uns wird sich auf
den Weg ins Ausbildungslager begeben. Er wird vorgeben, überlaufen
und sich Mulvaneys Highlandern anschließen zu wollen. Dort
angekommen, wird er ihr alles erzählen, was wir hier entdeckt
haben. Sie muß erfahren, was sich hier abspielt, und vor allem, was
sich hier noch abspielen soll.«
Jakes Stirn war tief zerfurcht. »Sie sind sich ja wohl im klaren,
daß Sie uns da ein enormes Risiko zumuten. Wenn Sie sich irren,
erfährt sie, daß wir von ihren Plänen wissen. Ganz davon abgesehen,
was mit uns passieren wird, wenn wir ihnen geradewegs in die Hände
laufen.«
»Aber ich irre mich nicht, und das wissen Sie auch, Jake… In
Wahrheit wissen Sie das alle. Wenn Mulvaneys Highlander die Seiten
wechseln, haben weder Catelli noch die 3. Royals eine
Chance.«
»Vielleicht sollten wir Oberst MacLeod um seine Meinung fragen«,
schlug Frutchey vor. »Ich meine, das ist wirklich ein großes
Risiko, nicht nur für uns, sondern für das ganze
Regiment.«
Jaffray schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Teufel, wir können jeden
Moment entdeckt werden, und damit wären all unsere Pläne Makulatur.
Nein. Wir müssen handeln, und zwar sofort. Ich akzeptiere die volle
Verantwortung für diese Entscheidung.«
Ich weiß, daß ich recht habe. Alles spricht
dafür. Ich kann nur hoffen, daß wir Mulvaney
erreichen.
»Ich werde gehen«, erklärte Commander Füller. »Ich kenne sie am
längsten. Mir wird sie zuhören.«
»Nein«, schnitt Jaffray ihm das Wort ab. »Ich habe eine bessere
Idee.«
Ich wünschte, ich könnte selbst
gehen…
»Es gibt jemanden, dem sie noch eher glauben würde.« Er wandte sich
an Pluncket. »Sir, Sie und Major Mulvaney stehen sich ziemlich
nahe, nicht wahr?«
»Ich, Laddie? Aye«, meinte Pluncket und klopfte auf sein
künstliches Bein. »Aber ganz offen gesprochen, es ist lange Jahre
her, daß dieser Krieger ins Feld gezogen ist. Und Spionage war noch
nie meine Stärke.«
»Wenn einer von uns geht, könnte Mulvaney einen Trick oder eine
Falle vermuten. Wenn Mister Pluncket vor ihrer Tür auftaucht, wird
sie wissen, daß er nie versuchen würde, sie in einen Hinterhalt zu
locken.«
»Bist du sicher, Laddie? Ich altes Kampfmuli war schon lange nicht
mehr im Einsatz.«
»Ich bin sicher, Pluncket. Jake, als wir in die Stadt eingedrungen
sind, habe ich am Stadtrand einen Rotunda-Panzerwagen gesehen.
Erinnern Sie sich?«
»Ja.«
»Wie stehen die Chancen, daß Sie und Frutchey zurückschleichen und
den Wagen stehlen können?«
Frutchey und Füller grinsten einander an. Offensichtlich lag ihnen
diese Aufgabe. »Das schaffen wir schon.«
»Gut. Lassen Sie sich nicht aufhalten. Mister Pluncket, Sie
begleiten die beiden. Nehmen Sie den Wagen und fahren Sie zum
Ausbildungslager. Ich weiß, es ist nur eine Ahnung, und ich würde
Sie nicht darum bitten, wenn ich meiner Sache nicht so sicher wäre.
Mulvaney ist der Angelpunkt. Wenn es Ihnen gelingt, sie umzudrehen,
bricht der ganze Davion-Plan zusammen.«
»Ich werde versuchen, Sie nicht zu enttäuschen, Major«, meinte
Pluncket.
»Davon bin ich überzeugt. Wenn Sie Mulvaney sehen, würden Sie ihr
eine Nachricht von mir überbringen?«
»Sir?«
»Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, hat sie erklärt, ich
könnte den Ort für unser nächstes Treffen bestimmen. Sagen Sie ihr,
es ist Tara. Sie wird es verstehen.«
So oder so, Mulvaney wird herkommen, entweder,
um sich selbst von der Lage zu überzeugen, oder um mich
aufzuhalten. Auf jeden Fall werde ich diesen Kampf ein für allemal
zu Ende bringen.
Der alte Unteroffizier nickte. »Verstanden, Sir«, gab er zackig
zurück, und nach dem Funken in seinen Augen zu urteilen, hielt
Loren es durchaus für möglich, daß der alte Soldat damit wirklich
recht hatte.
32
Südlich von Tara,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
17. Oktober 3057
Loren kletterte aus dem Wasser und legte sich das Badetuch um die Hüften. Auf langen Feldzügen war ein Bad ein seltener Luxus, aber selbst nach diesen Maßstäben hatte er das Gefühl, vor Schmutz zu stinken. Gelegentlich bot das Feld-HQ eines Regiments eine entsprechende Möglichkeit, aber diesmal hatte Loren sich mit einem Tümpel am Rand des Sumpfgebiets begnügen müssen. Er hegte ernste Zweifel am Wert der Desinfektionsmittel und des Deodorants in seiner Feldausrüstung, aber er sprühte sie trotzdem auf, weil er wußte, er würde sich dadurch besser fühlen.
Die letzten Tage waren weder für ihn noch für seine Lanze einfach gewesen. Wenn sie sich zu lange an einem Ort aufhielten, riskierten sie entdeckt zu werden, deshalb hatte er die Lanze in Bewegung gehalten. Sie hatten die Sümpfe umgangen und waren noch mehrmals nach Tara vorgedrungen. Bei jedem Besuch konnten sie weitere Daten und Informationen sammeln. Frutchey und Füller hatten Laserbilder vom Kohler-Raumhafen geschossen und weitere Bestätigungen für Mister Plunckets Geschichte gefunden. Es wurden tatsächlich Frachtraumer entladen, und die Gefechtsraumschiffe der 3. Royal Guards waren verlegt worden, um ihre Vernichtung zu verhindern.
Seine Lanzenkameraden ahnten nichts davon, aber Loren hielt ihren Weg und ihre Haltepunkte sorgfältig fest. Während ihrer Halts verbrachte er viel Zeit in seiner Pilotenkanzel und führte serienweise Berechnungen aus. Dafür gab es gute Gründe. Weit über ihm, zwei Stunden Flugzeit vom Planeten Northwind entfernt, warteten die Todeskommandos an ihrem Piratensprungpunkt auf seine Anweisungen. Es würde schwierig werden, mit ihnen in Kontakt zu treten, aber er glaubte, einen Weg gefunden zu haben.
Auf dem Weg zum Gallowglas rieb Loren sich den immer dichter werdenden Stoppelbart. Sorgen machte ihm vor allem, daß die Royals inzwischen eigene Erkundungsmissionen starteten. Ohne Zweifel durch den Tod der Soldaten im Friedenspark aufgeschreckt, bauten sie das Sicherheitsnetz um Tara mit jedem Tag weiter aus, was Loren zwang, sich immer weiter zurückzuziehen.
Sie wissen nicht, ob Plunckets Rettung Zufall oder organisierter Widerstand war. Wahrscheinlich werden die Guardsoffiziere allmählich nervös. Sie bekommen Angst, ihre kleine Überraschung könnte verraten werden. Gut. Schwitzen sollen sie. Vielleicht machen sie einen Fehler.
Vor allem die plötzliche Funkstille zwischen Lorens Einheit und dem Rest von MacLeods Truppen hatte Loren überrascht. Um eine Entdeckung zu vermeiden, untersagte der Oberst nach dem ersten Kontakt jede weitere Kommunikation. Bis die beiden Gruppen sich wieder vereinigten, konnten sie nicht mit einer Reaktion auf ihre Meldungen rechnen. Trotzdem schickte Loren weiter Daten auf den Weg, in der Hoffnung, daß irgendwer im Regiment sie auffing und analysierte.
Am westlichen Horizont ragten die Rockspire
Mountains auf, und Loren starrte zu den düsteren zerklüfteten
Gipfeln hoch.
Irgendwo da oben ist Mulvaney… und hoffentlich
auch Pluncket. Sie ist aus eigener Entscheidung da oben. Er ist auf
meinen Befehl gefahren, aber er selbst schien es auch für eine gute
Idee zu halten.
Seit der Unteroffizier sie verlassen hatte, fragte Loren sich, wie
Plunckets Mission wohl ausgehen würde. Er hatte die Karten studiert
und wußte, daß der Panzerwagen das Lager über die Straße schnell
erreicht haben mußte.
Aber wie würde Mulvaney auf Plunckets Informationen reagieren?
Hatten Catelli oder Bradford sie schon einer solchen Gehirnwäsche
unterzogen, daß sie nicht mehr auf die Seite MacLeods und der
übrigen Highlanders zurückkehren konnte?
Vor dem Abbruch der Kommunikation hatte er dem Regiment auch die
Einzelheiten dieser Mission zukommen lassen. Wie würde MacLeod
darauf reagieren? Der Oberst war die Verkörperung der Highlanders
und ihrer langen, illustren Geschichte. In dieser Hinsicht
erinnerte er Loren an seinen Großvater. Er hatte immer großen Wert
auf dessen Weisheit und Zustimmung gelegt.
Er kletterte gerade die Sprossen am Rumpf des Gallowglas hoch, als er aus dem offenen Cockpit ein
leises Schrillen hörte. Das Notfunksignal. Wie lange hatte er
herumgestanden und gebrütet, während seine Lanzenkameraden versucht
hatten, ihn zu erreichen? Loren machte sich Vorwürfe. Er konnte
sich keine Nachlässigkeiten leisten. Jetzt nicht. So schnell er
konnte hastete er nach oben in die Kanzel und schaltete den
Lautsprecher ein.
»Jaffray hier«, meldete er sich, während er das Badetuch beiseite
warf und die Shorts anzog.
Statik krachte aus dem Lautsprecher, gefolgt von einer undeutlichen
Stimme, als der Bordcomputer die verschlüsselte Sendung entzerrte.
»Carey hier. Zielobjekte im Anmarsch, Richtung drei-zwo-zwo,
Entfernung ungefähr fünnef Kilometer.«
Loren fuhr den Fusionsreaktor hoch und zog den Neurohelm über den
Kopf und auf seine Schultern. »Ich fahre hoch. Frutchey, haben Sie
eine Bestätigung?«
»Ja, Sir«, meldete sich der junge Commander. »Ich habe die
Zielobjekte in der Ortung. Ich erfasse vier, nein, Korrektur,
fünnef Mechs.«
»Versuchen Sie, auf ihre rechte Flanke zu kommen, David«, sagte
Carey. »Ich erfasse insgesamt acht Mechs in der Fernortung, leicht
bis mittelschwer, schnell vorrückend, in
Zangenformation.«
»Nichts zu machen, Madam. Zwei von denen, die ich orte, dringen ins
Moor vor und schneiden mir den Weg ab. Meine größte Erfolgsaussicht
besteht darin, nach Norden zu gehen und zwischen Sie und den Major
zu kommen.«
Loren brachte die Wärmetauscher in Aktion und schaltete die
Sicherheitsvorkehrungen ab, um den Gallowglas so schnell wie möglich in Gang zu
bringen. Der Mech erwachte bebend zum Leben, und Loren bewegte ihn
vorwärts in das Sumpfwasser, in dem sein Pilot Minuten zuvor noch
gebadet hatte.
Wenn es die 3. Royals sind, haben sie diese
Einheit einen weiten Umweg machen lassen, damit sie in unseren
Rücken kommen. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis
sie herausfanden, wo wir stecken. Wenn sie es darauf anlegen,
können sie uns bis in die Stadt treiben, wo wir keine Chance mehr
haben.
»Frutchey, sie legen es genau darauf an, Sie nach Norden zu
treiben. Damit säßen wir zwischen ihnen und ihrer Hauptstreitmacht
in der Stadt fest. Halten Sie die Stellung. Carey und ich kommen zu
Ihnen, und wir versuchen, nach Süden durchzubrechen, bevor sie ihre
Stellung absichern können.«
»Verstanden, Sir«, reagierte Carey. »Halten Sie die Röcke fest,
Mister Frutchey. Die Kavallerie ist unterwegs.« Loren starrte auf
seine Fernortung und sah die Linie der von Süden anrückenden Mechs
ebenso wie die Positionen seiner Maschinen. Füller und sein
Dunkelfalke waren in Careys Nähe und
bewegten sich ebenfalls nach Süden, aber trotzdem sahen sie sich
einem fast doppelt so kampfstarken Feind gegenüber. Das Gelände
würde ihnen nicht genug Vorteil verschaffen, um diesen Unterschied
auszugleichen.
Aber vielleicht war das auch gar nicht nötig. »Frutchey, hier ist
Jaffray. Sie haben sie jetzt in der Nahortung. Überprüfen Sie die
Transpondersignale der Zielmechs. Tempo!«
Es folgte eine lange Pause, in der Loren Careys Fallbeil auf dem schwerfälligen Marsch durch den
Sumpf sichtete. Weiter entfernt brach Füllers Dunkelfalke durch eine Baumgruppe. Lorens Puls
beschleunigte sich, als sie den mysteriösen fremden Mechs immer
näher kamen. Seine Sensoren zeigten ihm, daß die Angreifer die
Schlinge zuzogen, aber das Moor bremste sie.
»Sir! Es sind Highlander. Ich empfange die Kennung von den
MacLeod's Highlanders!« brüllte Frutchey.
»Bist du sicher, Blechkopf?« fragte Füller.
Plötzlich unterbrach eine vertraute Stimme den Funkverkehr und
zerschnitt die Spannung wie ein Messer. »Major Loren Jaffray«,
erklang Oberst MacLeods vollklingende Stimme.
»Jaffray meldet sich zur Stelle, Sir«, erwiderte Loren, während er
zusammen mit Carey kurz hinter Frutcheys Kriegshammer zum Stehen kam.
»Hier spricht MacLeod, Laddie. Ich weiß es zu schätzen, daß Sie die
Stellung gehalten haben. Wir sind da.«
Loren stieß in einem langen Seufzer der Erleichterung die Luft aus,
aber das reichte nicht, seine ganze Anspannung zu lösen. MacLeods
Ankunft überraschte ihn in mehrerlei Hinsicht. Seine Ankunft Tage
früher als erwartet bedeutete, daß er seine Truppen hart
angetrieben haben mußte, um hierher zu kommen. Möglicherweise hatte
er sogar Mechs vom Sturm auf das Kastell abgezogen. Es war eine
beeindruckende Leistung, die Bände sprach, was die
Führungsqualitäten des Highlander-Kommandeurs anging.
Jetzt würde er erklären müssen, warum er Mister Pluncket in die
Berge zu Mulvaney geschickt hatte. Major Huff würde damit ganz
sicher nicht einverstanden sein. Wie konnte sich Loren sicher sein,
daß selbst MacLeod diese verzweifelte Entscheidung mittragen
würde?
33
Südlich von Tara,
Northwind
Mark Draconis, Vereinigtes Commonwealth
17. Oktober 3057
Alle vier Mitglieder von Jaffrays Erkundungslanze standen im Schatten einer ausladenden Weide, während Oberst MacLeod ihre Ergebnisse durchging. Hauptmann Dumfries, der Nachrichtendienstoffizier des Regiments, und einer seiner Adjutanten waren ebenfalls anwesend und studierten die Notizen und Laserbilder der Lanze. Beide Männer schienen die Informationen wie einen kostbaren, empfindlichen Schatz zu behandeln. MacLeod sagte lange nichts. Anscheinend überdachte er seine Möglichkeiten. Mehrmals drehte er sich zu Dumfries um, und die beiden unterhielten sich flüsternd, während sie die Karten betrachteten.
»Sie haben alle eine bemerkenswerte Arbeit geleistet«, meinte MacLeod schließlich zu Loren. »Ihre Geländedaten haben uns geholfen, das Regiment Tage vor dem geplanten Zeitpunkt hierher zu schaffen. Und was noch viel wichtiger ist, Sie haben eine Falle aufgedeckt, die Tausende Highlander und unsere Angehörigen in der Stadt das Leben gekostet hätte. Das ist eine enorme Leistung, und ich möchte Ihnen allen für die getane Arbeit danken. Ich weiß, die Funkstille war hart für Sie, aber Sie verstehen sicher, daß wir das Risiko nicht eingehen konnten, die Royals von unserem Anmarsch zu informieren.«
Loren entspannte sich etwas, als er in die stahlgrauen Augen des Highlander-Kommandeurs blickte. »Sir, wie ist es beim Kastell gelaufen?«
»Wir haben etwas länger gebraucht als erwartet, aber als wir einmal in den oberen Tunneln waren, blieb der Rest nur noch eine Frage der Zeit. Die Gurkha-Infanterie hat wie üblich eine gute Leistung gezeigt. Ich habe einen Teil unserer schwereren BattleMechs schon hinter Ihnen her in Marsch gesetzt, während der Rest noch den Bunker überwachte. Zum Schluß stellte sich heraus, daß wir es nur mit zehn Mechs und zwei Infanteriezügen zu tun hatten. Wie Sie vorhersagten, Major, haben unsere Gegner den größten Teil ihrer Truppen ins Ausbildungslager in den Bergen gebracht. Sie haben den längeren Weg genommen, aber jetzt sitzen sie nur ein paar Tagesreisen außerhalb von Tara.«
Die Nachricht bereitete Jaffray eine gewisse Befriedigung. Major Huff hatte darauf beharrt, daß Catelli und Mulvaney nicht in die Berge ziehen würden. Es war beruhigend zu wissen, daß er, Loren, die ganze Zeit richtig gelegen hatte.
»Wie haben Sie es geschafft, das Regiment
hierher zu bringen, ohne von den 3. Royals entdeckt zu
werden?«
Wenn die Davions MacLeod's Highlanders beim Marsch auf Tara geortet
hätten, wären sie mit geballter Macht gegen sie
ausgerückt.
Der Oberst strahlte vor Stolz. »Durch einen Taschenspielertrick.
Wir haben die Mechwracks beider Seiten genommen und haben sie am
Flußufer und oberhalb der Fälle umherbewegt. Unsere Techcrews haben
sie von einem Ende des Flusses zum anderen geschleppt, neu
positioniert und sogar über Nacht neu lackiert. Ein paar haben wir
mit Bergegutwaffen ausgestattet, so daß die Davions bei jedem
Vorbeiflug den Eindruck bekamen, daß sich jede Menge
unterschiedlicher Mechs im und um das Kastell zu schaffen machten.
In Wirklichkeit schlichen wir uns auf Ihrer Spur durch den
Wald.«
»Sie sind also die Vorhut vom Rest des Regiments?«
MacLeod nickte. »So kann man es ausdrücken. Sie müssen sich
natürlich klar machen, daß unsere Panzer für das Gelände zwischen
hier und dem Kastell nicht geeignet sind. Ich habe sie den Tilman
hoch geschickt, wo sie den Eindruck erwecken, wir wären auf dem
Marsch zum Lager… genau wie Catelli und Mulvaney es gehofft haben.
Um die Illusion komplett zu machen, mußte ich ihnen ein paar
unserer leichteren Mechs mitgeben, aber ich bezweifle, daß die
Davions es schon durchschaut haben. Leider ist es aber ein weit
langwierigeres Unterfangen, ein ganzes Regiment unbemerkt zu
bewegen als eine einzige Mechlanze. Die Einheit ist ziemlich
auseinandergezogen, doch hat mir Major Huff versichert, daß wir in
voller Stärke antreten werden, wenn die Füsiliers
aufsetzen.«
»Die Zeit läuft uns davon, Sir«, drängte Carey. »Die Stirling's
Füsiliers werden pünktlich eintreffen, das heißt in drei Tagen. Sie
haben unsere Berichte gelesen. Wenn Sie sich zur Landung auf den
Raumhafen locken lassen, werden sie in einer gewaltigen Explosion
sterben.«
MacLeod schüttelte entschieden den Kopf. »Carey, ich garantiere
Ihnen, dazu wird es nicht kommen. Nicht, solange ich am Leben und
zum Kampf bereit bin. Hauptmann Dumfries und ich haben einen Plan
ausgearbeitet. Angesichts der Kräfteverhältnisse ist er allerdings
recht riskant.«
Loren trat einen Schritt vor. »Was sollen wir tun, Sir?«
»Im Grunde ist der Plan ganz einfach. Am Anfang dieses kleinen
Unternehmens hat Marschall Bradford mein HQ und meine Funkanlage
zerstört. Nun, ich plane, ihm diesen Gefallen doppelt und dreifach
zurückzuzahlen. Wir werden Tara aus drei Richtungen gleichzeitig
angreifen. Zwei Attacken werden Finten sein, mit dem Ziel, die
Davion-BattleMechs aus ihren Verstecken zu locken. Die dritte
Einsatzgruppe wird in den Friedenspark vorstoßen. Dort angekommen,
führt sie einen von zwei Aktionsplänen durch. Priorität hat der
Versuch, den Funkwagen unter Kontrolle zu bringen und Oberst
Stirling vor der Falle zu warnen. Falls es nicht gelingt, den Wagen
intakt zu erobern, wird das Team ihn zerstören, in der Hoffnung,
daß diese Aktion Stirling rechtzeitig warnt, nicht in Tara
aufzusetzen. Ehrlich gesagt, würde ich lieber die Sendeanlage im
Fort oder am Raumhafen benutzen, aber wir haben zuwenig Truppen, um
eine davon in der uns noch verbleibenden Zeit wieder in Besitz zu
nehmen.«
Loren war beeindruckt. »Hört sich gut an, Sir.« Der DavionMarschall
würde niemals einen solchen Schlag der Highlander
erwarten.
»Cat Stirling wird auf jeden Fall eine Art verbale Bestätigung
verlangen, bevor sie die Schiffe aufsetzen läßt, ganz besonders an
einem so offen einsehbaren Landeplatz wie dem Raumhafen«, fuhr
MacLeod fort. »Ich gehe davon aus, daß der Davion-Geheimdienst eine
Methode gefunden hat, meine Anwesenheit vorzutäuschen. Unsere
einzige Hoffnung besteht also darin, ihr eine direkte Warnung
zukommen zu lassen – eine Warnung, wonach sie alle sonstigen lassen
– eine Warnung, wonach sie alle sonstigen Anweisungen anzweifeln
wird, die ihr die Davions unterzujubeln versuchen.«
»Aber wenn sie die Warnung in den Wind schlägt und trotzdem auf dem
Raumhafen…«, wandte Loren ein.
»Ich kenne Cat Stirling seit Jahren. Sie ist fast krankhaft
mißtrauisch. Ich verlasse mich ebenso sehr auf ihre Intuition wie
auf Sie, Loren.«
»Sie können sich auf uns verlassen, Sir.«
MacLeod grinste breit. »Gut. Und die Kenntnisse Ihrer Lanze über
den Friedenspark und die momentanen Truppenstellungen dort machen
Sie zur ersten Wahl für die Leitung dieses Angriffs.«
Loren hatte gehofft, daß MacLeod das sagen würde.
Eine Angriffsaktion in einer großen Schlacht
zu leiten, ist um vieles ehrenhafter als mein Leben bei einer
Ablenkungsaktion zu riskieren.
Dumfries kam näher und mischte sich in das Gespräch ein. Sein
Einsatzkilt war vom langen Tragen schmutzig und
zerknittert.
»Der Oberst und ich sind der Ansicht, daß der Schlüssel zum Erfolg
dieser Mission in der Wahl des richtigen Zeitpunktes liegt. Wenn
wir zu früh losschlagen, riskieren wir, auf die volle Schlagkraft
der 3. Royal Davion Guards RKG zu treffen. Sie könnten uns
auslöschen und die Füsiliers anschließend doch noch in den
Hinterhalt locken. Warten wir zu lange, so bedeutet es das Ende für
unsere Brüder und Schwestern. Wir müssen zuschlagen, sobald die
Füsiliers die Umlaufbahn verlassen.«
MacLeod unterbrach. »Wir haben auch ein paar tragbare Störsender
sowie einzelne fahrbare leichte Sets. Wir werden versuchen, die 1.
Gurkhas zum Raumhafen zu bringen, damit sie verhindern, daß der
Sprengstoff versehentlich ausgelöst wird. Aber das ändert nichts an
der Lage. Wir haben keine Garantie, daß sie durchkommen, und selbst
wenn sie es schaffen, können sie möglicherweise nicht den ganzen
Raumhafen sichern. Wenn es ihnen nicht gelingt, die Füsiliers
umzulenken, werden sie eine leichte Beute für die VerCommies
werden.«
Commander Füller pfiff durch die Zähne. »Das gibt uns wenig Zeit.
Wenn sie erst einmal aus dem Orbit scheren, sind sie 45 Minuten
später am Boden. Wir müssen ihnen die Warnung verdammt schnell
zukommen lassen, wenn sie nicht wie Tontauben auf dem Schießstand
enden sollen.«
»Sir«, unterbrach ihn Carey, »wie viele Truppen haben wir zur
Verfügung?«
MacLeod sah auf seinen Compblock. »Wenn alles läuft, wie geplant,
und wir weiter unentdeckt bleiben, wohl zwanzig bis vierundzwanzig
Mechs und drei Infanteriezüge zur Unterstützung.«
Frutchey meldete sich zu Wort. »Nach dem, was wir im Friedenspark
geortet haben, dürfte das ausreichen, um die Verteidiger dort zu
erledigen. Vielleicht wird das ja doch noch ein
Spaziergang.«
MacLeod schüttelte den Kopf. »Ich enttäusche Sie nur ungern,
Commander, aber das ist die Gesamtzahl
der Mechs, die uns zur Verfügung stehen. Ein Teil davon wird bei
den Ablenkungsangriffen benötigt. Damit bleiben Ihnen zwei
komplette Lanzen und die GurkhaInfanterie.«
Frutchey zog die Brauen hoch und zuckte die Achseln. »Ich hab wohl
zu früh das Maul aufgerissen.«
MacLeod strich sich über den Bart und betrachtete seine
Krieger.
»Wie ich schon sagte, Sie haben beachtliche Arbeit geleistet. Aber
jetzt muß ich noch mehr von Ihnen verlangen. Dieser Angriff wird
nicht leicht werden, aber wir haben zwei Tage Ruhe, bevor wir in
den Kampf ziehen müssen. Lassen Sie uns das Lager abbrechen,
abziehen und unsere Mechs tarnen. Es liegt noch viel Planungsarbeit
vor uns, wenn das hier ein Erfolg werden soll.«
Der Oberst salutierte und ließ die Offiziere wegtreten. Auch Loren
wollte gehen, aber der ältere Highlander bedeutete ihm zu
bleiben.
»Sie wollten mich sprechen, Sir?« fragte er leise.
Das muß wegen Pluncket und Mulvaney sein. Er
hat sich wohl entschlossen, mich privat zurechtzuweisen, um mir die
Erniedrigung vor den anderen zu ersparen.
»Ich nehme an, Sie wissen, weshalb.«
»Ja, Sir, ich denke schon. Und ich möchte festhalten, daß ich die
volle Verantwortung für mein Handeln übernehme. Was ich getan habe,
mag hier und jetzt falsch erscheinen, aber ich bin davon überzeugt,
daß es das Risiko wert war. Ich glaube, wenn Mulvaney die Wahrheit
erfährt, wird sie den Kampf gegen uns einstellen und sich
möglicherweise sogar gegen die Davions kehren.«
MacLeod lachte laut und schlug Loren auf die Schulter. »Denken Sie,
ich wäre verärgert über Ihre Aktion, Lad?«
Loren war verwirrt. »Sind Sie das nicht?«
»Überhaupt nicht. Ich wußte nie, was ich von Ihnen halten sollte,
aber Sie haben sich als ein Ehrenmann bewiesen. Selbst Hardliner
wie Huff sehen in Ihnen inzwischen keine Bedrohung mehr, sondern
eine Bereicherung, auch wenn er das nie zugeben würde. Der Zug war
ein Meisterstück. Mulvaney ist immer noch eine Highlanderin, egal,
was die Davions versucht haben, ihr einzureden. Ich weigere mich zu
glauben, daß sie ihrem Volk den Rücken zugekehrt hat oder dazu auch
nur in der Lage wäre.«
»Danke, Sir.«
»Nein, Laddie, ich habe zu danken.« MacLeod drehte sich um und sah
hinaus über das Moor zu seinem Huronen,
der tief im Schlamm und Brackwasser auf ihn wartete. »Sie haben
mich an etwas erinnert, was ich als waghalsiger junger Commander
bei Oberst Marions Regiment gelernt habe.«
»Was war das, Sir?«
MacLeod starrte in die Ferne, als suche er zwischen den wuchtigen
Baumstämmen und den Moorflächen nach seinen Erinnerungen. »Marion
war ein Teufel. Er hat uns Kadetten Tag und Nacht gedrillt. Und
andauernd hat er uns eingeschärft: ›… der Schlüssel zum Sieg
besteht darin, über euren Feinden zu stehen. Wenn ihr über dem
Gegner steht, könnt ihr eine Schlacht nicht verlieren.‹ Zwei Jahre
lang dachte ich, er redet von Geländevorteilen – Hügel, Bodenwellen
und dergleichen. Für mich ergab das einen Sinn. Ich war noch ein
grüner Junge, voller Kampfgeist und Übermut.« MacLeod drehte sich
zu Loren um, und plötzlich lagen Alter und Müdigkeit in seinem
Blick. »Bevor wir die Konföderation Capella im 4. Nachfolgekrieg
verließen, wurden wir auf Ningpo in ein Scharmützel verwickelt. Es
war eine üble Serie von Gefechten auf den Ebenen des Planeten.
Ironischerweise kämpften wir damals gegen die 3. Davion Guards
RKG.«
»Dieselbe Einheit wie heute.«
»Zweimal in einem Leben sollte für jeden Kommandeur genug sein.
Jedenfalls waren wir in ein Gefecht mit den Guards verstrickt, als
der Oberst auf einer kleinen Lichtung zu mir stieß. Auf dem Hügel
über uns standen drei Davion-BattleMechs, die von einer anderen
Kompanie in die Mangel genommen und als ungefährlich abgeschrieben
worden waren. Sie stellten kaum mehr dar als radioaktiver Müll, als
wir sie bei dem Versuch entdeckten, zurück zu den eigenen Linien zu
flüchten. Ich erinnere mich, daß ich sie mit den LSR meines
Schützen anvisiert und die Raketen
scharf gemacht hatte, als der Oberst mir signalisierte, ich sollte
sie ziehen lassen.«
»Warum?«
MacLeod lachte in sich hinein. »Er sagte mir, ich sollte ›über dem
Gegner stehen‹. Ich habe ihm geantwortet, genau die Position wolle
ich mir verschaffen. Damals hat er mir erklärt, was er wirklich
damit gemeint hat. Sehen Sie, Loren, er hat nicht von
Geländevorteilen gesprochen. Es ging ihm um die moralische
Überlegenheit. Darum, einen höheren moralischen Standard
aufrechtzuerhalten als der durchschnittliche MechKrieger. Die
Krieger, auf die ich gezielt hatte, stellten keine Bedrohung dar
und waren nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Oberst Marion hat
mir erklärt, daß ich als Highlander ein Vorbild für andere sein
mußte. Erst das macht einen Menschenführer aus. Seitdem habe ich
versucht, meine Schlachten aus dieser Position heraus zu schlagen,
über meinem Gegner stehend, auf der Seite des Rechts. Ich habe mich
immer für das eingesetzt, was ich als richtig empfand, auch gegen
eine Übermacht, und das war nicht immer populär. Und Mulvaney habe
ich beigebracht, was ich von Oberst Marion gelernt habe. Sie wird
zurückkommen.«
Loren schwieg eine Weile, bevor er antwortete.
»Ich möchte mich für die Chancen bedanken, die Sie mir gegeben
haben, Oberst. Ich habe Dinge getan, von denen ich als Kind
geträumt habe, bin mit dem Regiment unserer Familie in den Kampf
gezogen. Nicht nur gegen einen gemeinsamen Feind, sondern als Teil
der Highlanders. Das bedeutet mir mehr, als ich in Worte fassen
kann, Oberst. Ich wünschte nur, mein Großvater wäre noch am Leben,
um sehen zu können, wie ein Jaffray in den Reihen der Highlanders
steht.«
»Er wäre stolz auf Sie, Loren. Aber mir fällt auf, daß Sie
regelmäßig von Ihrem Großvater reden, aber nie von Ihrem
Vater.«
Loren senkte den Kopf und sah zu Boden.
»Mein Vater und mein Großvater waren kaum jemals einer Meinung.
Wahrscheinlich ist das nichts Ungewöhnliches zwischen Vater und
Sohn. Er fand, daß Großvater zuviel Wert auf die Northwind
Highlanders und zu wenig auf das Haus Liao und die Konföderation
legte. Und ab er alt genug war, trat mein Vater ins Capellanische
Heer ein und meldete sich zu den Todeskommandos. In meiner Jugend
war er meistens unterwegs. Ich habe ihn nie richtig kennengelernt.
Ich weiß nur, daß er in Ehren gefallen sein soll. Als die Kommandos
mir eine Stelle in ihren Reihen anboten, habe ich angenommen, nicht
zuletzt, weil es die Einheit meines Vaters gewesen war. Jetzt fühle
ich mich hin und hergerissen zwischen der Konföderation und den
Highlanders. Ich hoffe, ich kann meinem Vater und meinem Großvater
Ehre machen… soweit das möglich ist.«
»Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Loren. Machen Sie sich keine
Sorgen um das Angedenken Ihrer Familie. Es wird Zeit für Sie, sich
einen eigenen Platz in der Geschichte zu erkämpfen. Der einzige
Ausgleich, der zählt, ist der in Ihrem Innern. Wenn Sie irgendwann
morgens aufwachen und sich nicht mehr im Spiegel betrachten können,
haben Sie versagt. Und der Versuch, die Erwartungen anderer zu
erfüllen, ist ein sicherer Weg dorthin. Sie haben Kampfgeist und
die Fähigkeit, einen Schlachtplan zu improvisieren. Sie scheinen in
der Lage zu sein, sich in den Gegner einzufühlen, und das ist eine
wertvolle Gabe. Und Sie haben die Fähigkeit, über dem Gegner zu
stehen. Würde dem nicht so sein, wäre es Ihnen nicht in den Sinn
gekommen, Pluncket auf die Suche nach Mulvaney zu schicken. Sie
haben all meine Hoffnungen bestätigt. Nur eine Sache verstehe ich
nicht…«
»Und die wäre, Oberst?«
»Warum sind Sie nicht selbst zu Chastity aufgebrochen?«
Warum bin ich nicht selbst
gegangen?
Loren starrte den Highlander-Oberst an und
wußte nicht, was er antworten sollte.
»Ein Teil von mir wollte gehen, Sir. Mulvaney und ich haben eine
Art Haßliebe zueinander entwickelt. Im Flußbett hatten wir einander
im Fadenkreuz, aber irgend etwas hat uns gehindert abzudrücken. Ich
wußte wohl, daß ich hier dringender gebraucht wurde. Und wenn es
jemand gab, dem sie zuhören und glauben würde, dann war das der der
alte Pluncket. Wäre ich zu ihr gekommen, hätte vielleicht ein
nagender Zweifel bleiben können. Aber die Informationen Mr.
Plunckets wird sie ohne Zögern annehmen.«
»Sie scheinen besorgt, und ich bin mir nicht sicher warum. Sie
haben getan, was in Ihrer Macht stand.«
»Es ist nicht nur Mulvaney, Sir. Ich habe ein Problem, das Sie
möglicherweise als einziger verstehen können. Es gab einen Moment,
an dem ich beinahe die Kontrolle über die Lanze verloren hätte. Als
die Leute erkannten, was in Tara vor sich ging, und ihre Stadt
unter feindlicher Besatzung sahen, schien es eine Weile so, als
wollten sie revoltieren.«
»Aber Sie haben sich durchgesetzt.«
»Was mir Sorgen macht, ist die Möglichkeit, daß sich unsere Leute
bei diesem Angriff von ihren Gefühlen überwältigen lassen. Gegen
diese Übermacht sind wir auf überlegene Planung angewiesen. Wir
dürfen nicht in Tara einfallen, um die Davions bis auf den letzten
Mann auszulöschen, aber ein Teil unserer Truppen denkt, wir sollten
genau das tun. Wenn sie sich nicht an unsere Befehle halten, wird
das Unternehmen ein Desaster.«
»Sie wollen sagen, daß Sie ihre Gefühle verdrängen und ihre Pflicht
tun müssen. Nun, Major, ich kann Ihnen versichern, genau das werden
sie tun. Nicht nur, weil ich es befehle, sondern zum Wohl der
Highlanders.«
»Dann brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, Sir.«
MacLeod deutete in Richtung ihrer aus dem Sumpf ragenden
BattleMechs. »Es wird Zeit, daß wir uns darauf vorbereiten, uns
über einen düsteren Feind zu erheben. Die Zahlenverhältnisse stehen
gegen uns, aber uns bleibt keine Wahl.«
Loren nickte langsam. William MacLeod war ein Mann, der
gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lebte. Der
Kanzler hatte recht damit gehabt, Loren zum Northwind zu schicken.
Die Tatsache, daß Jaffray eine Verbindung zu MacLeods Vergangenheit
hatte, machte Loren zum perfekten Instrument für die Vernichtung
der Highlanders. Er fühlte die vertrauten Zweifel über die
Richtigkeit seines Handelns, aber wie bei allen seinen Missionen
wußte Loren auch, daß er zum Erfolg verdammt war – oder zum
Tod.
Colonel Drew Catelli rannte hinüber zu Mulvaney, die neben der schlanken Silhouette des Panzerwagens stand. Sie trug die üblichen Shorts und die Kühlweste einer Mechpilotin und sprach mit dem geheimnisvollen Fremden, der gerade angekommen war.
Catellis Puls raste. Er hatte extreme Anstrengungen unternommen, um Chastity Mulvaney über die Vorgänge in Tara im dunkeln zu lassen. Seit der Abreise Marschall Bradfords war sie angewiesen, ihm direkten Bericht zu erstatten. Jetzt war in der Abenddämmerung ein Fremder eingetroffen, und Catelli hatte Angst, seine strikte Kontrolle über die Highlanderin könnte sich innerhalb von Sekunden in Luft auflösen.
Verdammte Narren! Ich habe meinen Männern extra befohlen, dafür zu sorgen, daß niemand, der sich unseren Stellungen nähert, Kontakt mit den Highlandern aufnehmen darf. Der verfluchte Posten, der das hier zugelassen hat, steht beim nächsten Angriff in vorderster Front. Darauf kann er Gift nehmen. Wenn Mulvaney erfährt, was die Royals in Tara machen, könnte das unsere gesamte Operation gefährden. Sie würde augenblicklich zuschlagen und meine Truppe angreifen. Ganz davon abgesehen, was sie und ihre Highlander mit mir machen würden. Das darf ich nicht zulassen. Es steht zuviel auf dem Spiel.
Er kam neben Mulvaney zum Stehen und erwartete halb, Loren Jaffray zu sehen. Statt dessen stellte er erleichtert fest, daß der Ankömmling ein Fremder war.
»Oberst Mulvaney«, sagte Catelli, und musterte
den Mann von Kopf bis Fuß.
Das ist kein MechKrieger, soviel ist
klar.
Der Unteroffizier war vollschlank, und seine Infanteriemontur war
von der Reise durchgeschwitzt. An den dunklen Ringen und den
Tränensäcken unter seinen Augen war klar, daß er einige Zeit
unterwegs gewesen sein mußte, möglicherweise Tage.
»Wen haben wir hier?«
»Colonel Catelli, das ist Mister Pluncket«, stellte Mulvaney in
gleichmütigem Ton fest. »Er hat sich über die Straße genähert und
seine Absicht zur Kapitulation kenntlich gemacht.«
»Ah ja. Was führt Sie zu uns, Pluncket?«
Der alte Mann warf Mulvaney einen Blick zu, bevor er antwortete.
»Sir, ich habe in Oberst MacLeods Regiment gedient, aber ich bin zu
dem Schluß gekommen, daß meine Loyalitäten doch eher bei Ihnen und
Ihren Davion-Truppen liegen, Sir. Ich habe erfahren, daß Sie zum
Ausbildungslager gezogen sind und dachte mir, das wäre eine gute
Gelegenheit, mich Ihnen anzuschließen. Ich war etwas überrascht,
Ihnen so früh zu begegnen, nur zwei Tagesmärsche vom Lager
entfernt.«
»Das ist nicht Ihr Fahrzeug, oder?« Catelli war mißtrauisch. Irgend
etwas stimmte nicht mit der Geschichte dieses
Tattergreises.
»Nein, Sir«, bestätigte Pluncket stolz. »Ich bin Infanterist, wie
mein Vater und vor ihm mein Großvater.«
»Ich kenne ihn seit Jahren«, unterbrach Mulvaney. »Ich kann mich
für seine Integrität verbürgen.«
Catelli ignorierte ihre Anmerkung und konzentrierte sich auf
Pluncket. »Sie kommen in einem Highlander-Panzerwagen hierher. Das
ist für jemanden mit Ihrem Hintergrund und Ihrer Ausbildung recht
ungewöhnlich.«
»Gestohlen, Sir. Ein guter Infanterist lernt, jeden möglichen
Vorteil auszunutzen. Ich bin ein ausgezeichneter Infanterist, Sir.«
»Ich verstehe«, erwiderte Catelli glatt. »Nun, es freut mich, Sie
bei uns begrüßen zu können, Mister Pluncket. Uns ist jeder
Verbündete willkommen, aber jetzt haben wir genug geplaudert. Wir
haben einen Zeitplan einzuhalten.«
Wieder warf der alte Mann Mulvaney einen Blick zu. »Sieht aus, als
wären Sie unterwegs nach Tara.«
Catelli nickte. »Wir werden bei den Garnisonsaufgaben helfen. Waren
Sie in letzter Zeit in Tara, Mister Pluncket?«
»Nein, Sir. Ich bin durch die Wälder zur südlichen Umgehung
vorgestoßen, um hierher zu kommen. Ist Tara nicht neutrales
Gebiet?«
»Das war es. Die Lage hat sich geändert. Aus diesem Grunde
operieren wir auch unter strengen Sicherheitsauflagen. Deswegen
werden Sie sich zur Befragung und Eingliederung bei einer meiner
Konsulargarde-Einheiten melden. Wenn Sie in der Zwischenzeit die
Vorhut übernehmen würden, Oberst Mulvaney, können wir heute noch
ein paar Dutzend Kilometer zurücklegen.«
Schlicht und einfach. Teile und herrsche. Sie
dürfen nicht zusammenkommen. Meine Leute werden diesen Truppführer
verhören, während ich meine kleine Highlanderin beschäftigt
halte.
»Bei allem Respekt, Colonel«, wandte Mulvaney ein. »Ich würde es
vorziehen, Mister Pluncket in meine Stabskompanie zu nehmen. Wie
ich bereits sagte, kenne ich ihn seit Jahren.«
Um aus einer Laune und einem Versprechen
heraus meine Träume in Gefahr zu bringen? Niemals!
»Ich bitte Sie, Oberst. Das ist hier eine militärische Operation,
kein gesellschaftliches Ereignis. Sie beide werden reichlich
Gelegenheit haben, Ihre Bekanntschaft aufzufrischen, wenn wir erst
in Tara sind. Bis dahin gelten die Sicherheitsvorschriften.
Schließlich war unser neuester Freiwilliger erst vor kurzem noch
bei Oberst MacLeods Truppen. Ich will nur sichergehen, daß wir so
schnell wie möglich so viele Informationen wie möglich
bekommen.«
Ich bin rechtzeitig gekommen, beruhigte
sich Catelli. Wenn Mulvaney etwas von der
Falle der 3. Royals wüßte, würde sie
jetzt nach meinem Kopf schreien. Und wenn dieser Pluncket irgend
etwas weiß, wird er keine Chance bekommen, ihr davon zu erzählen.
Sie hat noch keine Ahnung, was geschehen wird, wenn wir die Stadt
erreichen, und bis dahin wird es zu spät sein. Nicht mehr lange,
und Northwind ist mein, mitsamt seinen kostbaren
Highlanders.