Zum Buch
Aus den zahlreichen Arbeiten, in denen die Friends of Darkover immer neue Aspekte der Welt unter der roten Sonne beschreiben, hat Marion Zimmer Bradley nach Der Preis des Bewahrers (Moewig 3700), Schwert des Chaos (Moewig 3702, und Freie Amazonen von Darkover (Moewig 3847) eine weitere Anthologie zusammengestellt. Die vierzehn Erzählungen haben kein zentrales Thema, sondern behandeln die unterschiedlichen Bereiche des Lebens auf Darkover. Sie zeigen neue, originelle Möglichkeiten der geistigen Kräfte und Fähigkeiten der Bewohner dieser geheimnisvollen Welt und die Konflikte, die zwischen den einzelnen Gruppen auf Darkover entstehen.
Zur Autorin
Marion Zimmer Bradley, Jahrgang 1930, entdeckte ihre Liebe zur Science-Fiction-Literatur bereits im Alter von 16 Jahren. Ihre erste eigene Story erschien 1953 in dem Magazin Vortex SF, und schon ihr erster Kurzroman Bird of Prey (1957) war nicht nur ein Volltreffer - er legte auch den Grundstein für den großangelegten Zyklus um Darkover, den Planeten der blutroten Sonne, mit dem die Autorin zu Weltruhm gelangte.
Mit zunehmendem Erfolg und der damit verbundenen Selbständigkeit, dem Zwang zur SF-Massenproduktion entronnen, konnte Marion Zimmer Bradley die Qualität ihrer Romane immer weiter verbessern und auf die Probleme eingehen, die ihr am Herzen liegen - so die Stellung der Frau in der SF und die Beziehungen der Geschlechter unter völlig neuen Bedingungen. Heute ist Marion Zimmer Bradley die mit Abstand bekannteste, erfolgreichste und beliebteste SF-Autorin der Welt. Um ihre Darkover-Romane hat sich längst ein regelrechter Kult gebildet, der auch in Deutschland immer mehr Anhänger gewinnt.
MARION ZIMMER BRADLEY
ROTE SONNE
ÜBER
DARKOVER
MOEWIG
MOEWIG Band Nr. 3881
Verlagsunion Erich Pabel-Arthur Moewig KG, Rastatt 2. Auflage
Titel der Originalausgabe: Red Sun Of Darkover
Aus dem Amerikanischen von Rosemarie Hundertmarck
© 1987 by Marion Zimmer Bradley
© der deutschen Übersetzung 1989
by Verlagsunion Erich Pabel-Arthur Moewig KG, Rastatt Umschlagentwurf und -gestaltung: Franz Wöllzenmüller, München Umschlagillustration: Marion und Doris Arnemann
Auslieferung in Österreich:
Pressegroßvertrieb Salzburg Gesellschaft m.b.H.,
Niederalm 300, A-5081 Anif
Printed in Germany 1990
Druck und Bindung: Ebner Ulm
ISBN 3-8118-3881-4
Inhalt
Einführung
von Marion Zimmer Bradley
Eine andere Art von Sieg
von Diana L. Paxson
Flucht
von Nina Boal
Salz
von Diann Partridge
Das verwüstete Land
von Deborah Wheeler
Eine Zelle öffnet sich
von Joe Wilcox
Die Summe der Teile
von Dorothy Heydt
Advocatus Diaboli
von Patricia Anne Buard
Kihar
von Vera Nazarian
Spielgefährte
von Elisabeth Waters
Getrennte Wege
von Penny Buchanan
Der Schatten
von Marion Zimmer Bradley
Initialzündung
von Patricia Shaw Mathews
Das Versprechen
von Mary Fenoglio
Die Herausforderung
von Marny Whiteaker
Einführung
Jahr für Jahr stellt es ein größeres Problem für mich dar, eine Einführung zu einer weiteren Darkover-Anthologie zu schreiben.
Denn wenn ich mich nicht wiederholen will, gibt es immer weniger zu sagen. Erkläre ich zugunsten neuer Leser eingehend, wo jede Geschichte im Rahmen der Darkover-Saga anzusiedeln ist, laufe ich Gefahr, alte Fans, die den Background schon kennen, zu langweilen.
Ich versuche also, einem engen Pfad zwischen weitschweifigen Erklärungen und der anmaßenden Voraussetzung, der Leser sei bereits mit dem vertraut, was ich geschrieben habe, zu folgen.
Inzwischen bin ich daran gewöhnt, daß sich junge Autoren mit Sachkenntnis im Darkover-Universum tummeln, und da diese Anthologien als durch und durch professionell akzeptiert worden sind, glaube ich nicht mehr, Zugeständnisse für Amateure machen zu müssen.
Um eine weitere, mir gestellte Frage zu beantworten: Es kommt sehr selten vor, daß ich bei diesen Geschichten mehr als ganz minimale Korrekturen vornehme. Ich redigiere sie ungefähr auf die gleiche Weise, wie ich es bei meinen eigenen Arbeiten mache.
Manchmal löse ich einen zu langen Satz in zwei oder drei kürzere Sätze auf (was einer meiner eigenen Hauptfehler als Schriftstellerin ist), oder ich berichtige entsprechend den gültigen Regeln die Interpunktion. Aber viel ›Lektorenarbeit‹ tue ich im allgemeinen nicht; bei Autorinnen (oder Autoren), die nicht gut genug sind, weise ich die Arbeiten zurück oder bitte sie, es noch einmal zu versuchen.
Außerordentlich frustrierend ist es für mich, daß ich jedesmal zum Schluß mehr Geschichten habe, als ich brauchen kann, und eine gute Geschichte ablehnen muß, die meinen Lesern bestimmt Freude gemacht hätte.
Wenn ich Darkover-Geschichten für diese Anthologien lese, achte ich zuerst und vor allem auf Charakter - und auf die Fähigkeit, dem Leser das Gefühl zu vermitteln, er teile eine bestimmte Facette darkovanischen Lebens. Ausgefeilter professioneller Stil ist mir nicht so wichtig, aber ich verlange einen guten Handlungsaufbau, also die Fähigkeit, eine Geschichte so zu erzählen, daß der Leser beim Lesen daran glaubt.
Ich pflege nach einem von drei Merkmalen Ausschau zu halten: 1.einem neuen oder ungewöhnlichen Gebrauch von Laran, 2.einem unbekannten oder unvermuteten Streiflicht auf eine Lieblingsperson und
3.einer Person, in die ich mich augenblicklich verliebe.
Ist eins von diesen vorhanden, bin ich ziemlich sicher, daß meine Entscheidung richtig ist, denn das scheinen die Gründe zu sein, aus denen andere Leute Darkover-Geschichten lesen. Und wenn ich Darkover-Geschichten von anderen Leuten lese, ist es das, wonach ich Ausschau halte.
Marion Zimmer Bradley
Eine andere Art von Sieg
von Diana Paxson
Einige der ›Amateure‹, die Darkover-Geschichten schreiben, haben sich bestimmte Zeitabschnitte und Personen in der Geschichte Darkovers ausgesucht und sie eingehend erforscht, und als Folge davon habe ich sie als ›offizielles‹ Darkover anerkannt.
Diana Paxson hatte es sich im ersten und zweiten Band dieser Anthologien vorgenommen, über die Zeit unmittelbar nach der Landung zu schreiben, um sich (und uns allen) zu erklären, wieso die Überlebenden einer technologisch orientierten Raumschiff-Crew eine in den Grundzügen feudale Gesellschaft schufen. In der folgenden Erzählung heißt es:
»… es tauchten immer wieder andere auf, die lieber ihre Mitmenschen überfielen, als dem unwirtlichen Planeten, auf dem ihre Urgroßväter vor einem Jahrhundert gestrandet waren, den Lebensunterhalt abzuringen …«
Das trifft auf Darkover ebenso wie auf jede andere Kultur zu.
Diana hat ihre eigene Serie geschaffen, die Romane über Westria, von denen es jetzt drei gibt, während sie für mindestens vier weitere Verträge abgeschlossen hat. Sie hat außerdem den ausgezeichneten zeitgenössischen Fantasy-Roman BRISINGAMEN (Freyas Halsband) geschrieben und arbeitet augenblicklich an einem König-Artus-Buch, in dessen Mittelpunkt die Sage von Tristan und Isolde steht. Sie ist Pädagogin, hat am Mills College und beim Berkeley-Programm für Erwachsenenbildung unterrichtet, lebt in dem wohlbekannten literarischen Haushalt
›Greyhaven‹ - ausführlich erklärt in der Anthologie mit dem Titel GREYHAVEN (DAW 1983) - und hat zwei Teenager-Söhne namens Ian und Robin. Übrigens wurde in GREYHAVEN unabsichtlich der falsche Eindruck erweckt, ich selbst wohnte in diesem berühmten alten Haus. Das stimmt nicht, ich habe nie in Greyhaven gewohnt, ausgenommen ganz kurze Zeit, als meine Familie und ich auf der Suche nach einem Haus waren. Greyhaven beherbergt meine Mutter, meine beiden Brüder, ihre Frauen und Kinder und gelegentlich andere, die als Köchinnen, Babysitter oder Gäste durchpassieren. Mein eigenes Haus, etwa eine Meile von Greyhaven entfernt, heißt ›Greenwalls‹. Nicht, wie manche Leute gedacht haben, weil die vorderen Empfangsräume, als wir einzogen, in einem besonders abstoßenden Ton von Avocado-Grün gestrichen waren, sondern wegen des großen Gartens, der auf drei Seiten von grünen Hecken geschützt ist.
Aber Diana und ich sind beide außerdem Bewohnerinnen der literarischen Welt von Darkover … (MZB)
Bis Daniel di Asturien oben auf dem Wachturm von El Haleine angekommen war, war der ferne Rauch nur noch ein Schmierfleck vor dem blaß amethystfarbenen Himmel. Mikhael zeigte darauf, wobei sich in seinem braunen Gesicht die Falten vertieften, und Daniel maß die Strecke an der schimmernden Biegung des Valeron ab.
Es kommt zu früh. Er versuchte, die Bilder von dem dortigen Geschehen zu verwischen. Wir haben uns noch nicht von dem letzten Überfall erholt …
Ganz gleich, wie oft Daniel die Männer vom Valeron gegen die Räuber führte, es tauchten immer wieder andere auf, die lieber ihre Mitmenschen überfielen, als dem unwirtlichen Planeten, auf dem ihre Urgroßväter vor einem Jahrhundert gestrandet waren, einen Lebensunterhalt abzuringen. Auf Darkover gab es für Menschen zu viele Gefahren, als daß sie ihr Leben im Krieg hätten verschwenden dürfen!
»Bist du sicher? Wir sind mitten in der Erntezeit - vielleicht hat man Stoppeln auf dem Feld verbrannt …« Er brachte den Einwand automatisch vor, obwohl er wußte, daß es nicht Mikhaels Art war, falschen Alarm zu geben. Dominic Allart kam hinter ihnen die Stufen heraufgepoltert, und Daniel trat zur Seite, damit der Junge sehen konnte.
»Vorhin war mehr da, mein Lord«, erklärte Mikhael fest. »Eine Rauchfahne, beinahe so hoch wie die Klippen. Aus der Richtung läßt sich schließen, daß es Crawfield gewesen ist. Die Halle dort ist ganz aus Holz gebaut, und in der letzten Woche ist es trocken gewesen. Jetzt werden wohl nur verkohlte Reste davon übrig sein.«
»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« rief Dominic aus. »Was ist mit den Menschen in Crawfield? Kümmert es dich nicht, was mit ihnen geschehen ist?«
Beide Männer drehten sich um. Dominics helle Haut wurde so rot wie sein Haar, aber er starrte trotzig zurück.
Früher war Darriels Haar ebenso leuchtend wie Dominics gewesen, aber jetzt mischten sich graue Fäden hinein. Er war zu müde, sich gegen diese flammende jugendliche Entrüstung abzuschirmen. Die Hände auf die Brüstung legend, suchte er Kraft von den kalten Steinen zu gewinnen. El Haleine ist sicher vor jedem Feind, dachte er in seiner Verzweiflung, aber was nutzt das jenen, die nicht hier Zuflucht suchen können!
Mikhael trat zwischen sie, als solle sein Körper eine Barriere schaffen, die seinen Herrn vor Dominics Emotionen schützte. Im Lauf der Jahre hatte Darriel sich an die merkwürdige Beschützerhaltung seiner Männer ihm gegenüber gewöhnt, obwohl er sich manchmal fragte, warum sie ihm folgten.
»Doch, es kümmert mich, und ihn auch«, sagte Mikhael mit leiser Stimme, »ihn kümmert es zu sehr, und ich werde nicht zulassen, daß du es noch schlimmer für ihn machst!«
Darriel spürte, daß Dominics Zorn sich in verwirrte Zerknirschung verwandelte, und er richtete sich mit einem Seufzer auf. Die Sensibilität, die für ihn gleichzeitig Gabe und Fluch war, gab es auch in der Allart-Familie. Dominic war ein guter Junge, aber seine Gefühle waren unkontrolliert. Darriel ertappte sich immer wieder dabei, daß er ihm auswich, nur, um sich selbst zu schützen.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, daß er den Jungen als Pflegesohn angenommen hatte - und bestimmt hatte es in diesem Jahr wenig Zeit gegeben, in der er ihn hätte unterrichten können.
»Dann bitte ich um Entschuldigung. Ich wollte nicht so hitzig werden«, murmelte Dominic. »Wann brechen wir zu ihrer Verfolgung auf?«
»Zweifellos wird mein Lord seine Männer zusammenrufen …«, wehrte Mikhael ab.
»Nein, ich gehe mit euch!« unterbrach Dominic ihn. »Bitte, mein Lord!« Er drängte sich an Mikhael vorbei und ließ sich vor Darriel auf ein Knie nieder. »Mein Vater hat mich hergeschickt, damit ich lerne zu kämpfen, und drei Monate lang habe ich nichts anderes getan, als die Mauern von El Haleine abzugehen! Ihr müßt mich mitkommen lassen!«
»Nun gut.« Darriel konnte sich der Verzweiflung in Dominics grauen Augen nicht verschließen. »Hole deine Ausrüstung. Bis Mittag müssen wir auf dem Weg sein.«
Kurz nach dem Mittagessen brachen die Reiter auf, nahezu zwei Dutzend Männer vom Valeron auf stämmigen Hirsch-Ponys. Ihre Waffen waren Kurzbogen und Speere mit Bronzespitzen, und sie trugen Vorräte für eine Woche oder länger bei sich. Darriel hatte nicht gewagt, zu viele Kämpfer von den einzelnen befestigten Besitzungen abzuziehen, aber Robard McCrae und Mikhael und Dominic Allart und die anderen ritten mit ihm, alles gute Männer.
Die Reihe musternd, sah Darriel die entschlossenen Gesichter von Leuten, die dies schon zu oft gemacht hatten - den jungen Allart ausgenommen, dessen Augen wie Chieri- Juwelen leuchteten. Bei diesem Anblick verkrampfte sich Darriels Magen, aber ihm fiel kein Vorwand ein, unter dem er den Jungen hätte nach Hause schicken können.
In der Nacht lagerten sie am Valeron. Das Ende des nächsten Tages brachte sie zu den verbrannten Balken, die einmal Crawfield Hall gewesen waren. Auch das war etwas, das die Männer schon zu oft gesehen hatten. Nach Robards knappen Anweisungen machten sie sich daran, die verkohlten Überreste der Bewohner zu begraben.
Die Räuber hatten zu einer Zeit, als drinnen alles schlief, rings um die Halle Buschwerk aufgestapelt und angezündet - das zeigten die Spuren -, und nicht einer der Menschen war den Flammen entkommen. Darriels Männer banden sich ihre Schals über die Nasen, um den übelkeiterregenden Geruch nach verbranntem Fleisch abzuhalten, aber Darriel selbst bemerkte ihn kaum. Wie der Gestank die Luft verpestete, so war die psychische Atmosphäre voll vom Widerhall der Qual und einer bösartigen Befriedigung, die gegen seine mühsam aufgerichteten Barrieren anstürmte.
Sie schnitten ihn von den Gefühlen der Lebenden ebenso ab wie von denen der Toten, und so war der Schock um so größer, als Dominic zu schreien begann. Für einen Moment brach Darriels Kontrolle zusammen. Robard sah ihn taumeln, hob ihn auf und trug ihn unter die Bäume.
»Idiot«, schalt Robard, als Darriels Atmung sich zu beruhigen begann. »Du hättest so gescheit sein sollen, nicht da hineinzugehen!«
»Ich hatte es satt, wie ein Kind behütet zu werden …« Darriel setzte sich auf. »Und mit mir war alles in Ordnung, bis Dominic …«
Er blickte auf die Lichtung zurück, sah, daß Mikhael den bewußtlosen Jungen hochhob, und wies in die Richtung.
Mikhael brachte Dominic zu den Bäumen. Robard rief: »Ich verstehe nicht, wie du es mit ihm aushältst! Jetzt bereue ich, daß ich dir den Jungen aufgehalst habe, auch wenn er mein eigener Verwandter ist!«
Darriel maß ihn mit einem eigentümlichen Blick. »Du hältst es mit mir aus …«
Robard zuckte die Schultern und grinste. »Das ist etwas anderes.
Du benutzt deine Gaben, und du schonst dich nicht.«
Das mochte stimmen. In einem Dutzend Jahren hatte Darriel sich mit dem Führeramt abgefunden, das Robard und die anderen ihm aufgedrängt hatten. Er konnte nur versuchen, ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Aber dieser Junge bedeutete ein Problem, wie es ihm bisher noch nicht vorgekommen war. Er sah auf Dominics bleiches Gesicht nieder, das ihn schmerzlich an sein um zwanzig Jahre jüngeres Ich erinnerte. Der junge Allart besaß das gleiche Potential.
Konnte er lernen, es zu kontrollieren?
»Nun, wenn es das ist, wozu ich gut bin, sollte ich wohl etwas unternehmen«, meinte Darriel schließlich. »Hilf den anderen da drüben, zu Ende zu kommen. Ich werde versuchen, ein paar Hinweise aufzufangen, wer die Angreifer waren und wohin sie verschwunden sind.«
Daniel lehnte sich an den rauhen Stamm der Silbertanne. Mit doppelten Sinnen hörte er Robards Schritte verhallen und seine Gegenwart verblassen. Seine Hand tastete in seiner Tasche nach dem weichen Lederbeutel mit dem kleinen Sternenstein, den Robard bei einem Ritt in die Berge gefunden hatte. Als er ihn das erste Mal betrachtete, war ihm von den darin tanzenden Lichtern schlecht geworden, aber er hatte an die Erzählungen seiner Mutter von dem Stein gedacht, den ihre Mutter ständig bei sich getragen hatte, und er hatte ausgehalten. Nach einer Weile verging die Übelkeit. Jetzt fand er, daß die Versenkung in den Kristall ihm half, seine Kräfte auf ein bestimmtes Ziel zu richten.
Darriel nahm den blauen Stein in die Handfläche und konzentrierte sich auf das Flackern in seinem Innern. Sein Atem vertiefte sich, sein Blick richtete sich ins Leere, sein Körper sank entspannt gegen den Baumstamm. Der Lichtfunke in Darriels Handfläche wurde heller, pulsierte im gleichen Rhythmus wie sein Herzschlag, zog ihn hinunter, hinunter und hinein … Mit einemmal klärte sich das vage Bewußtsein in seinem Innern, und der gefleckte Wald verdunkelte sich zu einem Schirm, auf dem eine Fülle anderer Bilder sich zu regen begann. Darriel blickte auf eine Szene aus Feuer und Dunkelheit.
Wie in einem Traum entrollten sich vor ihm die Ereignisse, die zwei Nächte früher stattgefunden hatten. Er sah die Gesichter von Männern, vom Feuerschein und Blutrausch verzerrt wie Dämonen aus der Hölle der Cristoforos. Männer trugen Säcke mit Korn und Wurzelgemüse aus den Scheunen, trieben die Herdentiere zusammen, führten sie weg. Der Winter kam, und sie brachten ihre Ernte ein. Nach und nach konzentrierte sich Darriels Bewußtsein auf einen Mann, der ruhig inmitten des Tumults stand - einen großen Mann mit ingwerfarbenem Bart, dem ein halbes Ohr fehlte. Beinahe als fühle er Darriels spätere Rückschau in die Vergangenheit, drehte der Mann sich um, und Augen, kalt wie der Winter, schienen Darriels Augen zu begegnen, so daß er zusammenzuckte.
Und dann verwischte plötzlich eine andere Präsenz die Vision. Sie war vertraut, aber nahe - zu nahe … In instinktiver Selbstverteidigung machte Darriel eine abwehrende Geste und empfing als Reaktion auf allen Ebenen eine solche Qual, daß er in die gegenwärtige Realität zurückgeschleudert wurde. Langsam klärte sich das Bild. Dominic lag ein paar Fuß von ihm entfernt, in fötaler Haltung zusammengerollt. Robard und die anderen gruben noch. Offenbar war der Schrei des Jungen für körperliche Ohren nicht hörbar gewesen.
Als die Welt aufhörte, sich schwindelerregend um ihn zu drehen, griff Darriel nach dem ihm entfallenen Kristall und steckte ihn weg.
Dann kroch er zu Dominic hinüber. Der Junge war blaß und schwitzte, aber er atmete noch, und nach einer Weile öffneten die grauen Augen sich wieder.
»Zweimal an einem einzigen Tag! Armer Dominic!« Darriel vergaß die ärgerlichen Worte, die er ihm hatte sagen wollen.
»Junge - was fange ich nur mit dir an? Ich habe deinem Vater versprochen, dich das Kämpfen zu lehren, aber das ist es nicht, was du brauchst, nicht wahr? Dein Problem, mein Sohn, ist, daß du zu sehr bist wie ich.«
Dominic schluckte. »Ihr kommt gut zurecht …«
Darriel zuckte die Schultern. Er spürte bereits ein dumpfes Pochen hinter den Augen. »Mehr oder weniger, wenn ich auch nicht immer verstehe, wie. Eines kann ich dir jedoch sagen: Man darf mich nicht stören, wenn ich mit jenem Stein arbeite!«
Dominic schüttelte den Kopf. »Er hat mich hergezogen …«
»Das habe ich mir gedacht. Vielleicht sollten wir dir einen eigenen besorgen. Versuche in der Zwischenzeit, eine gewisse Kontrolle zu entwickeln. Wenn die Emotionen rings um dich zu stark werden, stelle dir eine Wand vor, und errichte diese Wand auch dann, wenn dich heftige Gefühle überkommen! Ich bin inzwischen fähig, mich vor den meisten Leuten zu schützen, aber nicht vor dir.«
Dominic sah ihn entgeistert an. »Es tut mir leid … Das wußte ich nicht!«
»Jetzt weißt du es. Es war nicht deine Schuld«, setzte Darriel freundlicher hinzu. Die beiden Söhne, die seine Frau Lionora ihm geboren hatte, stellten den üblichen Unfug an, aber er war ihnen gegenüber nie in die peinliche Situation geraten, daß er nicht wußte, wie er sie zu behandeln hatte. Auf einen Jungen wie Dominic war er nicht vorbereitet gewesen.
Aber ich sollte ihn verstehen können - er ist genau wie ich in dem Alter!
Darriel empfand plötzlich Sympathie für seinen eigenen Vater, der ihn auch nie recht zu nehmen gewußt hatte. Es durchfuhr ihn wie ein Blitz: Dominic hätte mein Sohn sein sollen!
»Ich denke, wir müssen einfach lernen, damit zu leben«, sagte er unbeholfen. »Geh jetzt und hilf Ewan bei den Pferden. Ich werde noch einmal versuchen, zu sehen, wohin diese Schurken gegangen sind.«
Drei Tage später wanden sie sich steil aufwärts in die Berge hinein.
Das hier war ein neues Land. Menschliche Siedlungen waren weitverstreut und armselig, und die Bewohner versteckten sich, wenn die Männer von El Haleine durchritten. Keiner wußte, wo die Räuber hausten, aber sie wußten einen Namen, Rannarl der Rote, und wenn sie ihn aussprachen, spürten die Männer vom Valeron ihre Angst.
Sie kamen an zerbröckelnden Mauern vorbei, die ihnen zeigten, wie Crawfields bald aussehen würde. Darriel war sich klar darüber, daß die Räuber Ursache dieser Verwüstung waren. Sie hatten die Ressourcen ihres eigenen Landes erschöpft und rückten jetzt auf die Ebenen des Valeron vor. Das Bild stieg vor ihm auf, wie seine eigenen Felder verlassen dalagen und das Volk, das er liebte, voller Furcht floh, und er erschauerte.
Von dieser Vision angetrieben, drängte Darriel seine Männer, dem immer undeutlicher werdenden Pfad zu folgen. Er hatte kein Auge für die Schönheit der Gipfel unter dem Schleier des blaßfliederfarbenen Nebels im Morgengrauen, für die Herrlichkeit der Nußbäume, die im rötlichen Licht der Mittagssonne zwischen den immergrünen Koniferen flammten, oder für die Pracht der purpurnen Bergketten unter den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne.
Für ihn war der leere Pfad voll von Männern, denen die Jahre, in denen sie ihre Mitmenschen beraubt hatten, ihren Stempel aufgedrückt hatten, und immer zog ihnen voran der Rote Rannarl, der kaltäugige Anführer mit dem fehlenden Ohr. Die Tage waren immer noch angenehm, aber es hatte schon ein paar kurze Schneeschauer gegeben, und nachts drängten sich die Verfolger dicht um ihr Feuer. Sie mußten diese Gesetzlosen erledigen, bevor der Schnee liegen blieb, oder bis zum Frühjahr warten.
Am fünften Tag erreichten sie die Feste. Es war nicht das einfache Lager, das sie erhofft hatten, sondern eine Burg, die beinahe so stark war wie El Haleine. Darriel spähte an ihr empor, und er empfand unfreiwillige Bewunderung, denn die Männer, die sie verfolgten, beugten sich nicht leicht dem Willen eines anderen. Wie mochte der feindliche Anführer sie dazu gebracht haben, derartige Verteidigungsanlagen zu bauen? Er erinnerte sich an den wintrigen Blick, den er in seiner Vision gesehen hatte und vermutete, daß er sie durch Furcht regierte.
Diese Nacht verbrachten die Männer vom Valeron in einem kalten Lager, das sie auf dem Hang hinter der Festung in einer Mulde angelegt hatten. Der Wind wehte Bratenduft zu ihnen herüber. In der Festung schmausten die Räuber vor einem helllodernden Feuer das Fleisch von gestohlenen Chervines. Im Wald froren ihre Verfolger und kauten gedörrtes Korn.
»Diese Mauern sind stark, aber sie bestehen nur aus Holz«, bemerkte Ewan. »Wir könnten Buschwerk um sie aufstapeln und sie anzünden …«
Robard antwortete mit einem kurzen Auflachen. »Und was meinst du wohl, würden die Wachen tun? Hast du die Männer in Pelzmützen nicht gesehen, die um den Rand der Palisaden wandern?«
»Aber nachts …«, protestierte der Jüngere.
»In El Haleine stellen wir nachts Posten auf«, sagte Darriel. »Nach dem, was wir bisher gesehen haben, muß dieser Rannarl als Befehlshaber gut genug sein, um es ebenso zu machen.«
Ewan murmelte etwas Unanständiges.
»Ja, aber ein listiger«, stellte Robard trocken fest. »Wir dürfen ihn nicht unterschätzen.«
»Wir könnten warten, bis sie fortreiten, und die Festung hinter ihnen niederbrennen«, schlug Ewan vor.
»Warum sollten sie fortreiten?« fragte Mikhael. »Von dem, was sie aus Crawfields mitgenommen haben, können sie bis zum Frühling leben.«
»Es liegt Schnee in der Luft«, setzte einer der anderen Männer hinzu. »Wir würden gut daran tun, nach Hause zu kommen, bevor die Wege zu sind.«
»Wenn wir sie nicht bald zum Kampf stellen können, müssen wir umkehren. Wenigstens wissen wir jetzt, wo sie ihren Bau haben«, bemerkte Darriel.
»Ja«, stimmte Robard zu. »Aber mir dreht sich der Magen um, wenn ich sie im Hochgefühl über die leichte Beute, die sie am Valeron gemacht haben, zurücklassen soll.«
Darriel nickte. Auch in ihm empörte sich alles bei diesem Gedanken.
»Wenn wir nicht von außen eindringen können, ist es dann vielleicht möglich, die Burg von innen zu öffnen?« unterbrach Dominics erregte Stimme die Stille.
»Was meinst du?« fragte Robard, aber in Darriels Geist schwang das massive Tor bereits auf, noch bevor Dominic antwortete.
»Wenn ein Mann sich als Flüchtling ausgäbe, der bei Rannarl in Dienst treten möchte, würden sie ihn vielleicht einlassen. Er könnte nachts hinuntersteigen und das Tor öffnen …«
Eine heftige Diskussion brach in dem Kreis los. Würden solche Männer einen Freiwilligen annehmen? Wie sollte Rannarl sonst seine Bande zusammenbekommen? Wenn die Geschichte gut genug war … Aber würden sie sich nicht wundern, daß der Mann sie hier aufgespürt hatte?
»Gerade wegen dieser Fähigkeit nähmen sie ihn!« rief Dominic aus. »Und da er nun einmal weiß, wo sie stecken, werden sie ihn nicht wieder gehen lassen.«
»Sie könnten ihn einfach töten«, wandte Mikhael ein.
»Wenn ihr Angst habt …«, sagte der Junge. »Ich werde gehen!«
Mikhael wollte auffahren, aber Robard legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.
»Wer genug Verstand hat, einen solchen Plan auszuführen, hat auch genug Verstand, sich zu fürchten!« erklärte Robard streng.
»Aber es war meine Idee!« beschwerte sich Dominic, und Darriel durchfuhr ein stechender Schmerz.
»Es ist noch Zeit genug, nach Freiwilligen zu fragen, wenn wir uns für einen Plan entschieden haben«, unterbrach Robard. Er wandte den Kopf, und Darriel merkte, daß sie ihn jetzt alle ansahen.
»Ich werde kein Menschenleben dafür aufs Spiel setzen, solange es noch einen anderen Weg gibt.« Darriel sah sich im Kreis der Gesichter um, die nichts als undeutliche Flecken in der Finsternis waren.
Seine anderen Sinne leisteten ihm bessere Dienste. Er spürte Robards zuverlässige Unterstützung, Dominics Aufregung, Mikhaels abflauenden Ärger und eine Flut gemischter Emotionen von den anderen Männern. Die Diskussion ging weiter, aber an jedem Vorschlag gab es etwas auszusetzen, und schließlich stand fest, das der einzige Plan, der überhaupt eine Chance hatte, der des jungen Allart war.
»Es wird klappen - ich weiß es!« behauptete Dominic. »Sie werden bei mir überhaupt nicht auf den Gedanken kommen …«
»… daß du irgendeine Art von Desperado bist«, vollendete Robard. »Junge, Junge, du kannst nicht da hineingehen - sie würden dich bei lebendigem Leib fressen! Sieh dich an mit dem Flaum auf deinen Wangen und den strahlenden Augen! Sie werden niemals glauben, du habest irgend etwas getan, wofür du zum Gesetzlosen erklärt worden bist.«
»Das ist ungerecht!« Das Strahlen war zu einem zornigen Funkeln geworden. »Es ist mein Plan. Denkt ihr, ich könne nicht gut genug Theater spielen, um sie zu überzeugen?«
»Es geht nicht darum, was wir denken, Dominic«, sagte Darriel.
»Du bist unerfahren, und das Risiko ist sowohl für den Mann, der hineingeht, als auch für uns zu groß, als daß du Rannarls Festung zu deinem Übungsplatz machen darfst.«
»Aber wie kann ich mich bewähren, wenn keine Gefahr dabei ist?«
Dominic sah von einem zum anderen. »Es ist nicht meine Schuld, daß ich jung aussehe …«
»Du bist jung«, berichtigte Darriel. »Und du wirst noch viele Gelegenheiten bekommen, deinen Mut zu beweisen.«
»Wirklich?« kam die bittere Antwort. »Ihr seid mir den ganzen Sommer aus dem Weg gegangen, und vermutlich werdet Ihr damit fortfahren, sobald wir wieder zu Hause sind. Wie soll ich Euch beweisen, was ich kann, wenn Ihr nicht da seid!«
Darriel war ebenso entsetzt über die nackte Verzweiflung wie über die Worte des Jungen. Hatte er ihn dermaßen vernachlässigt? In einem Sinn war das, was der junge Allart behauptete, durchaus wahr. Darriel wußte aus eigener Erfahrung, daß man lernt, das Unmögliche zu vollbringen, indem man es wagt. Er erinnerte sich nur zu gut, wie oft er seine Männer zitternd und zagend angeführt hatte, ohne zu wissen, ob er Erfolg haben würde; aber durch die Not anderer Leute war er gezwungen, es zu versuchen.
Das war wohl der Unterschied, dachte er. Nicht seine eigene Not hatte Darriel den Mut gegeben, Gefahren auf sich zu nehmen, die ihn noch jetzt schaudern machten, sondern das Wissen, daß niemand anders da war, der fähig war, zu tun, was getan werden mußte.
»Nicht vor mir mußt du dich bewähren, Dominic, sondern vor dir selbst«, erwiderte er müde. »Wenn du so empfindest, dann habe ich dich im Stich gelassen. In Zukunft werde ich dich nicht ignorieren, das schwöre ich! Aber ich darf nicht nur daran denken, was für dich nötig ist, sondern auch, welche Forderungen die Aufgabe stellt. Bist du tatsächlich derjenige, den man in dieses Nest von Skorpion-Ameisen schicken sollte?« Sein Blick forderte Robard und die anderen flehend auf: Sagt etwas! Laßt mich dafür nicht ganz allein die Verantwortung tragen!
»Ich werde gehen …«, erklärte Robard entschlossen.
Darriel sah hilflos auf seinen Freund, und er fragte sich, wie er ohne Peinlichkeit aussprechen könne, was er für ihn empfand.
»Rob, ich habe um Meinungen gebeten, nicht um Freiwillige«, antwortete er leise. »Ich glaube, du bist in deinem eigenen Haus zu lange der Herr gewesen, als daß du jetzt den Gesetzlosen spielen könntest. Aus dem gleichen Grund scheide ich aus, und ich würde sowieso nicht kräftig genug wirken …« Darriel reckte die Arme, deren Kraft weniger von den Muskeln als von der nervösen Energie kam. Dann sah er von einem zum anderen.
»Wir brauchen einen Mann, der aussieht, als habe er schon ein paar Kämpfe mitgemacht, jemanden mit einem steinernen Gesicht, der seine Reaktionen verbergen kann, wenn diese Banshees anfangen, sich ihrer Morde zu rühmen.« Sein Blick wanderte von einem Mann zum anderen, obwohl seine körperlichen Augen ihm bei dem trüben Licht weniger nützten als jener andere Sinn, für den er keinen Namen hatte. Jung und alt, hartnäckig und ausdauernd oder bebend vor Eifer sahen sie zurück.
»Vielleicht Mikhael?« fragte Robard schließlich.
»Ich werde gehen, vai Dom«, bestätigte Mikhael. »Bevor Ihr mich in Eure Dienste nahmt, Lord, war ich auf du und du mit jedem Schuft in Delleray. Ich habe das alles hinter mir gelassen, aber es gibt Dinge, die ein Mann nicht vergißt. Ich glaube, sie werden mir nicht mißtrauen.«
»Nicht, wenn du selbst ein Verräter bist! Damit kann ich natürlich nicht konkurrieren!«
Darriel merkte, daß Dominic nicht laut gesprochen hatte, und konnte gerade noch einen erstaunten Vorwurf hinunterschlucken.
Es gab ein bißchen Gemurmel. Darriel spürte, daß die anderen Männer einverstanden waren. Er holte tief Atem.
»Ja …«, sagte er langsam. »Mir ist es schrecklich, irgendeinen Mann dort hineinzusenden, aber ich glaube, Mikhael hat die größte Chance, lebendig wieder herauszukommen. Versuche morgen, in die Burg zu gelangen. Hast du Erfolg, werden wir eine Woche lang jede Nacht Wache am Tor halten. Länger werden wir nicht bleiben können, wenn wir vor dem Schneefall nach Hause kommen wollen.
Ist es dir bis dahin nicht gelungen, uns Einlaß zu verschaffen, Mikhael, mußt du bleiben und bei der ersten Gelegenheit die Flucht ergreifen.«
»Ich verstehe, vai Dom. «
Daniel erkannte die unerschütterliche Entschlossenheit in dem anderen Mann. Aber Dominics Bitterkeit pulsierte immer noch in der Dunkelheit hinter ihm.
Wenn sie mir nicht erlauben, mich zu bewähren, wozu bin ich dann gut?
lautete sein tonloser Aufschrei. Darriel war sich klar darüber, daß der Junge ihn überhaupt nicht verstand.
Fünf Tage lang beobachteten die Valeron-Männer Rannarls Festung, geduldig, wie eine zweizehige Katze darauf wartet, daß ein Buschspringer aus seinem Loch kommt. Der nächtliche Regen durchnäßte sie, doch daran waren sie gewöhnt. Zweimal wurden sie vom Schneetreiben geblendet, wenngleich der Schnee auch nicht liegenblieb. Am Ende des dritten Tages schmerzte Darriel der Kopf vor Überanstrengung und Mangel an Schlaf. Rannarl der Rote spazierte lachend durch seine Träume und zeigte ihm den gefolterten Körper Mikhaels. Tagsüber spürte er den Druck von Dominics Schmerz. Darriel wußte, daß Robard ihn ängstlich beobachtete, aber er wollte sich nicht beklagen. Er sah die Wahrnehmung von Dominics Qual als Buße dafür an, daß er andere Männer in Gefahr schickte.
Am sechsten Tag kurz vor Morgengrauen, als die Wolken sich geteilt hatten und gefrorene Pfützen im Licht der untergehenden Monde amethyst- und aquamarinfarben glitzerten, bewegte sich das große Tor. Dominic war der erste, der es sah, und einen Augenblick lang glaubten die anderen, sein Eifer habe sein Sehvermögen beeinträchtigt. Dann erweiterte sich der Spalt, und die Männer vom Valeron schlüpften von Schatten zu Schatten auf die Öffnung zu.
Dort angekommen, blieb Darriel stehen und flüsterte Mikhaels Namen. Es kam keine Antwort. Darriel verstummte und schickte sein Wahrnehmungsvermögen voraus. Er fand Leere. Seine Haut prickelte vor bösen Ahnungen, aber die Männer drängten sich hinter ihm heran und wollten durch das Tor gehen. Er sagte sich, Mikhael habe sicher Wachdienst und sei auf seinen Posten zurückgekehrt, um keinen Argwohn zu erregen. Wenn er nicht auf sie wartete, dann tat das wenigstens auch kein anderer. Die Intuition kämpfte kurz mit der Vernunft, dann siegte die Vernunft, und er führte seine Männer durch die Tür in die Dunkelheit.
Es war still. Zu still? Darriel schüttelte den Kopf über sich selbst.
Schließlich lagen auch Räuber in der kalten Stunde vor Sonnenaufgang in tiefem Schlaf. Er bemühte sich, die innere Stimme zu unterdrücken, denn jetzt konnte sie ihn nur ablenken. Sie schlichen über den Vorhof, und das Schlurfen ihrer weichen Stiefel auf dem Stein schien ein Echo hervorzurufen. Gebäude ragten vor ihnen auf, ein langer, niedriger Schuppen mit dem warmen Geruch nach Tieren, und dahinter die starken Holzwände der Halle. Sie bogen um das Ende des Stalles und gerieten auf einen größeren Hof mit Kopfsteinpflaster. In der Mitte stand ein Pfeiler - nein, es war ein Pfahl, und daran war etwas festgebunden. Sie wagten sich aus dem Schatten des Stalles. Die Lumpen an dem Pfahl flatterten. Leise, als wehe ihn die Dunkelheit heran, hörte Darriel seinen eigenen Namen.
Er erstarrte, so daß Robard von hinten gegen ihn stieß. Darriels innere Sinne öffneten sich abrupt einem Strom von Eindrücken. Ein Mann war an diesen Pfahl gefesselt, andere Männer hatten sie eingekreist, und er wußte auch den Namen des Gebundenen, als der schmerzverzerrte Ruf von neuem erklang.
»In die Falle gelockt …«
Darriels Geist und Körper reagierten gleichzeitig, schätzten Entfernungen ab und lasen die Stellungen ihrer Feinde mit derselben Geschwindigkeit, mit der Befehle seine Männer zu einem engen Kreis um den Pfahl zusammenzogen. Er kämpfte eine Flut von Qual zurück, die nicht völlig seine eigene war.
»Ewan, schneide ihn ab - wir geben dir Deckung.«
Während seine Männer sich um ihn versammelten, zog Darriel sein Schwert, und dann ließ er es beinahe fallen, als ihn Dominics stummer Aufschrei mit voller Wucht traf.
»Mikhael! Meine Schuld! Ich habe dir das angetan!«
»Robard, bring Dominic von ihm weg - schlag ihn nieder, wenn es sein muß!« keuchte Darriel. Dominics Entsetzen stand zu sehr im Gleichklang mit seinem eigenen. Mühsam verstärkte er seine Barrieren. Wie konnte er es dem Jungen zum Vorwurf machen? Auf eine Weise war es die Wahrheit, aber wenn auch der Plan von Dominic stammte, so hatte Darriel doch die Entscheidung getroffen, die Mikhael in Gefahr brachte, und ertragen konnte er das allein aus dem Grund, weil er bei früheren Gelegenheiten hatte lernen müssen, weiterzumachen, nachdem seine Befehle Männer in den Tod geschickt hatten. Und dann war keine Zeit mehr für Schuldgefühle oder Trauer, denn in dem dunklen Hof loderten plötzlich Fackeln auf, in deren flackerndem Licht sie eine undeutliche Bewegung sahen. Die Räuber drangen auf sie ein.
»Ein Valeron, ein Valeron!« Der Ruf stieg auf, Waffen wurden rings um ihn erhoben, aber bevor das Echo verklang, erscholl ein anderes Kriegsgeschrei, tiefkehlig wie das Knurren eines Tieres:
»Rannarl! Rannarl!«
Und dann prallten die Räuber auf sie. Darriel schlug wild zu, verfehlte den Angreifer, zwang seinen Körper, ihm zu gehorchen, schlug von neuem zu und hörte seinen Gegner schreien. Neben ihm fiel ein Mann, Robard trat schnell vor, um die Lücke zu füllen, und beide fanden zu einer defensiven Harmonie, die langer Übung entstammte. Robards Hiebe waren heftiger, aber Darriel war flinker.
Ein von Robard McCrae getroffener Räuber stand nicht wieder auf, und wenn er einen verfehlte, wurde dieser oft durch einen raschen Streich von der scharfen Klinge seines Lords gefällt.
Aber es war ein verzweifelter Kampf dort in der flackernden Dunkelheit. Wie schlecht es stand, merkte Darriel erst, als das blasse Licht der aufgehenden Sonne ihm das Schlachtfeld zeigte. Die Leichen mehrerer Räuber lagen auf den kalten Steinen. Der Rest der Angreifer hatte sich im Augenblick zurückgezogen, aber auch der Kreis der Valeron-Männer war kleiner geworden, und Mikhael war nicht der einzige Verwundete, den er jetzt schützend einschloß.
»Wer ist gefallen?« fragte Darriel hart. Sein Arm brannte von einem langen Schnitt, aber sonst war er unverletzt.
»Ewan ist tot, Lord. Paidro hat einen Stich durch die Lunge bekommen und wird vielleicht sterben …«
Darriel wandte den Blick nicht von dem Feind ab, während Robard mit der schrecklichen Liste der Toten und Verwundeten fortfuhr. Die Räuber waren zurückgewichen und bildeten jetzt einen größeren Ring um den Hof. Darriel fragte sich, worauf sie warteten.
»Und wie steht es mit Mikhael?«
»Sehr schlecht …«
»Sie haben ihn gefoltert!« fiel Dominic ein. Seine Stimme brach.
Darriel drehte sich schnell um und sah den Jungen zwischen den Verwundeten knien. Aber er entdeckte kein Zeichen von einer Verletzung. »Lord«, fuhr Dominic fort, »Mikhael verlangt nach Euch.«
Darriel flüsterte Robard eine Warnung zu und bahnte sich einen Weg zum Mittelpunkt des Kreises, wo Mikhael lag. Seine Kleider waren zerfetzt, und auf seiner Haut waren schlimme Brandwunden zu sehen. Vor Darriels Augen drehte es sich, als er erkannte, daß die Räuber Mikhael die Augen ausgestochen hatten.
»Mikhael! Mikhael!« Darriel wurde die Kehle eng. Behutsam legte er die Hand auf eine heile Stelle am Arm des Mannes. Die Haut war kalt.
»Dom … habe Euch im Stich gelassen.« Mikhael holte mühsam Atem. »Rannarl … erkannte mich … irgendwie … Habe ausgehalten, so lange ich konnte. Wir hätten den Jungen gehen lassen sollen.«
»Nein - ich hätte mich und euch alle verraten, sobald sie mich bedroht hätten!« rief Dominic aus. Wie Darriel spürte, hatte der Junge erkannt, daß das Schuldgefühl Mikhael schlimmer folterte als die körperlichen Schmerzen. Die Haut des Verwundeten war noch blasser geworden. Der Schock brachte ihn um, und die Mäntel, die sie um ihn aufgehäuft hatten, waren kein Schutz dagegen.
»Verzeiht mir!« stieß Mikhael mit plötzlicher Kraft hervor.
Unförmige Finger tasteten blindlings umher. Darriel schob seine Hand unter die des anderen.
»Du mußt mir verzeihen, Mikhael, daß ich dich hierhergebracht habe«, antwortete Darriel schmerzlich. Seine aufgewühlte Stimmung hatte seine Barrieren geschwächt, und er empfing ein Bild aus Mikhaels Gedächtnis - das höhnende Gesicht eines Mannes mit ingwerfarbenem Bart und eisigen Augen.
»Mir auch! Mir auch!« Diesmal schmerzte Dominics Qual Darriel nicht, denn sie entsprach seiner eigenen.
»Immer - vai Dom!« Mikhael tat einen rasselnden Atemzug, dann noch einen. Dann wurde er still, und der Kontakt brach abrupt ab.
Dominic begann zu schluchzen. Darriel stellte sich steif auf die Füße, drehte sich um und erblickte zum erstenmal in natura das Gesicht, das Mikhael in seinen Erinnerungen und ihn selbst in seinen Träumen verfolgt hatte. Über den ganzen Hof hinweg trafen sich ihre Augen und dann - es klang erschreckend laut in der morgendlichen Stille - lachte Rannarl.
»Ein bißchen körperliche Bewegung am Morgen tut immer gut!
Bringt das Blut in Schwung, he? Für Talratten kämpft ihr wacker!«
Wieder lachte der Räuber.
Er war ein großer Mann mit einem dicken Bauch und festen Muskeln, aber was ihn, wie er da stand, so überlebensgroß erscheinen ließ, war die Macht seiner Persönlichkeit. Neben ihm wirkten seine Gefolgsleute unbedeutend, und auch Darriel fühlte sich klein und hilflos vor ihm. Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf und zwang seine Barrieren, sich zu schließen.
»Erwartet Ihr, daß wir Euch für das Kompliment danken?«
antwortete er steif. »Dann tretet zu einer weiteren Runde an. Wir können Euch ebensogut hier töten wie zu Hause.«
»Nein, das halte ich nicht für nötig. Meinen Jungen steht der Sinn jetzt nach ihrem Frühstück.«
Darriel starrte ihn an. Versuchte der Räuber damit etwa, Verhandlungen einzuleiten? Im Geist überlegte er schon, was das Valeron entbehren könne. Trotz seiner tapferen Worte wußte er, daß seine Männer in der Minderzahl waren. Er war bereit, sein Leben teuer zu verkaufen, aber es wäre klüger, es zu kaufen, wenn er konnte, und weiterzuleben, um später von neuem gegen Rannarl zu kämpfen.
Die nächsten Worte des Räubers nahmen Darriel alle Illusionen.
»Ich finde, es ist an der Zeit, ein Ende zu machen«, sagte Rannarl.
Darriel faßte nach seinem Schwert. Doch statt anzugreifen, versammelten sich die Feinde mit hängendem Unterkiefer und weit aufgerissenen Augen um ihren Anführer. Rannarl fischte etwas aus dem Kragen seiner Jacke, und Darriel nahm einen blauen Blitz wahr, bevor die große Faust des Renegaten sich darum schloß.
Ein Sternenstein! Darriel begann gerade, die Folgerungen daraus zu ziehen, als alle anderen Gedanken von einer Woge nackter Furcht hinweggefegt wurden. Er hörte ein Keuchen hinter sich und von jemand anderem ein leises Stöhnen. Auf diese Weise hatte Rannarl es also erfahren!
Ein Sternenstein konzentriert die Gaben seines Eigentümers … und dieser Mann regiert seine Bande durch Furcht … Der Gedanke stieg langsam in ihm auf, als versuchte er, einen Felsblock zu heben, der für ihn zu schwer war. Instinktiv verstärkte er seine Barrieren, wie er es zur Verteidigung gegen Dominics Emotionen getan hatte. Aber die Männer um ihn besaßen keinen solchen Schutz. Er hörte Worte des Entsetzens. Ein leichtes Schaudern umlief den Kreis. Im nächsten Augenblick würden sie in Panik geraten und fliehen und so zur leichten Beute für die hungrigen Schwerter der Räuber werden.
Rannarl hielt immer noch seinen Sternenstein in der Hand. Seine Augen flammten, und seine Lippen waren zu einem schrecklichen Grinsen verzogen. In verzweifelter Hast tastete Darriel nach der Tasche, die seinen eigenen Stein enthielt. Er hatte keine Ahnung, wie er in einem solchen Duell kämpfen sollte - war nie auf den Gedanken gekommen, die Kristalle könnten auf diese Weise benutzt werden. Aber ihm blieb jetzt keine Wahl mehr.
Er blickte in den blauen Stein. Die tanzenden Flammen darin erwachten, und für einen Augenblick wurde Darriel übel. Dann hatte er es überwunden, war eins mit dem Stein, kämpfte darum, aus diesem Feuer eine Barriere zu bauen, die sie alle schützen würde. Rannarls Wille war wie ein eisiger Wind, der seine zarten Flämmchen ausblies. Die Geräusche rings um ihn waren schwache Echos der wirklichen Schlacht. Undeutlich nahm er wahr, daß Robard verstand, was er tat, und versuchte, die Männer soweit zu beruhigen, daß sie ihn unterstützten. Darriels Männer bewiesen ihm willig ihre Loyalität - er hatte ihren Willen nie in Fesseln zu schlagen brauchen.
Sein ganzer Körper pochte, als stemme er sich gegen einen starken Wind. Im nächsten Augenblick mußte der Druck zu groß werden, und er würde von einem Schrecken weggewirbelt werden, der um so entsetzlicher war, weil er versucht hatte, ihm zu widerstehen.
Und immer noch hielt er stand, obwohl die Anstrengung immer weiter zunahm. Er hielt stand und …
… und spürte eine plötzliche Erleichterung, als helfe ihm jemand anders. Die Atempause erlaubte ihm, seine Kräfte zu sammeln, und dabei erkannte er die Präsenz, die ihn aufrechthielt, als Dominic.
Vielleicht war seine eigene Pein so groß gewesen, daß er den Schmerz, als die Gedanken des Jungen die seinen berührten, gar nicht bemerkt hatte, oder vielleicht - und der Gedanke kam zu ihm als ein großes Wunder - hatte das geteilte Schuldbewußtsein wegen Mikhaels Tod sie miteinander verbunden.
Was auch der Grund sein mochte, die Macht, die einen Mann allein beinahe überwältigt hätte, reichte nicht aus, zwei zu besiegen, die miteinander vereinigt waren.
Mit einer Freude, die über sein Entsetzen hinausging, goß Darriel Kraft in die leuchtende Barriere und speiste die matten Flammen, die er aus dem Sternenstein gezogen hatte, bis er und seine Männer von einer Feuerkugel umgeben waren. Ob die anderen fähig waren, sie zu sehen oder nicht, sie spürten ihren Schutz, und indem ihre Furcht nachließ, wurde weitere Energie für Darriel frei. Jetzt befanden sich die beiden Gewalten im Gleichgewicht. Rannarl konnte Darriels Verteidigung nicht durchbrechen, und die Männer vom Valeron konnten sich nicht befreien.
Ob er es fertigbrachte, dieses Feuer gegen den Feind zu schicken?
Der Gedanke daran machte Darriel ganz krank, und irgendwie war ihm, als werde seine Kraft für immer befleckt, wenn er sie zur Zerstörung einsetzte. Er verbannte eine plötzliche, gräßliche Vision von sich selbst, der zu einem zweiten Rannarl wurde und das Valeron durch Furcht regierte.
Aber wenn er nicht zerstören durfte, war es doch gewiß nicht verboten, die Schläge eines Feindes abzulenken. Wortlos öffnete er sich Dominic weiter, und der Junge reagierte mit Eifer.
Einen Schild! Einen Schild! Mach ihn so hart und glatt, daß Rannarls ganze Wut auf ihn zurückprallen wird! Jetzt verfestigte sich das Feuer zu einer blanken Wölbung, die unter der Mittagssonne wie eine Eisplatte glänzte.
Rannarls Haß fand keine Stelle zum Zuschlagen, wurde abgelenkt und auf ihre Quelle zurückgeschleudert.
Darriel und Dominic kam es vor, als umgebe sie eine große Stille, als schwebten sie im Auge eines Sturmes. Und als die Wende kam, war es keine neue Präsenz, sondern eine Abwesenheit von Druck, die ihnen sagte, was jetzt geschah. Sorgsam, vorsichtig verdünnten sie die Barriere. Wie aus weiter Ferne hörten sie Rufe und das Klirren von Stahl. Undeutlich erblickten sie kämpfende Gestalten, und einer, der größer war als die übrigen, schwankte und fiel in dem Augenblick, als sie ihn erkannten.
Es dauerte dann immer noch geraume Zeit, bis ihnen zu Bewußtsein kam, daß sie gesiegt hatten. Doch schließlich brachte Darriel die Willenskraft auf, das Gebilde aus Energie, das ihr Schutz gewesen war, aufzulösen. Es verflüchtigte sich, und die Nervenanspannung, die ihn aufrechtgehalten hatte, schwand ebenso dahin. Er taumelte plötzlich, und nur Robards starker Arm bewahrte ihn vorm Fallen.
»Dominic!« Er drehte sich um und sah, daß einer der anderen Männer den Jungen hielt. Dominics Haut war unter seinem feuerfarbenen Haar weiß, aber seine Augen leuchteten.
»Wir haben es geschafft!« flüsterte er. »Wir haben gesiegt!«
Darriel richtete sich auf und hielt im Hof Umschau. Die letzten Räuber flohen, aber mehr als die Hälfte lag reglos auf den Steinen.
Und unter ihnen war etwas, das zerstückelt worden war. Nur die Farbe des Haares identifizierte die Überreste als Rannarl - nur das, und der Sternenstein, der trüb und leblos in einer ausgestreckten Hand lag. Sie hatten in der Tat gesiegt, und um Darriel drehte sich immer noch alles vor Schrecken über die unerwartete Energie, die die Sternensteine hier freigesetzt hatten. Ob er je imstande war, sie richtig zu verstehen oder zu meistern? Dominic war jünger …
vielleicht würde er derjenige sein.
Darriel holte tief Atem und sah zu dem Jungen zurück. Dominic hatte › wir‹ gesagt, nicht › ich‹. Im Gedanken an das Mittel, durch das sie gesiegt hatten, erschauerte Darriel, denn er wußte ganz genau, ohne den jungen Allart wäre er jetzt tot. Der Junge hatte die ganze Kraft seiner Seele in einer bedingungslosen Hingabe mit ihm geteilt.
Dem Älteren kam es vor, als habe dieser Sonnenaufgang mehr als nur eine Art von Sieg gesehen.
»Weißt du jetzt, wozu du gut bist, mein Sohn?« fragte er leise, und alles, was er an Antwort brauchte, lag in Dominics Lächeln.
Flucht
von Nina Boal
Obwohl ich mich im allgemeinen bemüht habe, eine sehr methodische Schriftstellerin zu werden, liegt das im Grunde nicht in meiner Natur, und als ich mich hinsetzte, um die Einführungen für diese Anthologie zu schreiben, entdeckte ich, daß ich das von Nina Boal erbetene biographische Material falsch abgelegt oder verschlampt hatte. Vor allem erinnere ich mich, daß ich sie kennenlernte, als ich zuletzt in der Gegend von Chicago war, und es mir Freude machte, mich mit ihr zu unterhalten. Sie erschien zum erstenmal in der Anthologie GESCHICHTEN VON DEN FREIEN
AMAZONEN (die jetzt vergriffene Amateur-Thendara-Haus-Publikation von den Freunden Darkovers) und in der DAW-Anthologie FREIE
AMAZONEN VON DARKOVER (DAW 1985). Zu der Zeit studierte sie im Hauptberuf Mathematik und trainierte asiatische Kampfsportarten, und sie schrieb für Zeitschriften wie FIGHTING WOMAN NEWS. Eins ihrer Hobbys ist es, Siamkatzen zu züchten und auszustellen.
Zu den abgegriffensten Themen bei Darkover-Storys gehört eine Wiederholung der Grundzüge von DIE ZERBROCHENE KETTE:
›Flucht aus den Trockenstädten und Rettung durch Freie Amazonen‹. Für gewöhnlich stelle ich fest, daß eine solche Geschichte nur eine Variation von Margaret Silvestris ›Werft eure Ketten ab‹ (FREIE AMAZONEN
VON DARKOVER) ist und lehne sie ab. Bei Nina Boals ›Flucht‹
beeindruckte mich ein neuer Gesichtspunkt an der alten Geschichte.
(MZB)
Ein Falke kreist langsam … kreist und steigt in den lavendelblauen Himmel auf, der Sonne entgegen … Das Bild schoß ihm durch den Kopf, während er auf einem Strohsack lag. Er war in der Sklavenunterkunft des Großen Hauses von Tarsa. Verzweifelt schloß er seine Barrieren vor der Vision. Über seinen dünnen Rücken tobte flüssiges Feuer. Er würgte und keuchte in der stagnierenden Trockenland-Luft.
Ich kann es nicht länger ertragen! schrie sein gequälter Verstand auf.
Ich will es nicht länger ertragen! Eine blinde, wirbelnde Wut erfaßte ihn. Ich wollte doch nur … tun, was er mich geheißen hatte. Ich … Der Raum begann sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller.
Laran, sagte ihm eine Stimme. Eine ›Gabe‹, ein Fluch aus vergangener Zeit - er war nie richtig ausgebildet worden. Nein! Ich darf nicht an so etwas denken! befahl er sich. Er konzentrierte sich und brachte das Drehen zum Stillstand. Der Zorn brannte immer noch in seinem Magen.
Der Schmerz in seinem Rücken schoß jetzt durch seinen ganzen Körper, und er wandte den Zorn gegen sich selbst. Die Visionen hatten ihn heute abend überfallen, als er die Vasen seines Herrn, kostbare Erbstücke, polierte - eine seiner regelmäßigen Aufgaben. In seiner Verwirrung hatte er eine der Vasen zerbrochen. Für seine Unachtsamkeit hatte Lord Marek von Tarsa ihn bestraft.
Er seufzte. Sein Rücken trug die Narben, die Zeugen all seiner früheren Fehlleistungen waren. Er war immer viel häufiger bestraft worden als jeder andere Diener im Großen Haus. Die Fußböden, die er auf Hochglanz bohnerte, glänzten nicht genug. Die Laken aus Spinnenseide, die er sorgfältig über die Betten gebreitet hatte, zeigten Falten. Vor zehn Tagen hatte er beim Ausfegen des riesigen Küchenkamins eine kleine Ecke vergessen. Jetzt quälte sein Verstand ihn mit diesen Bildern … Von neuem wütete er gegen sich selbst. Du bist weniger als ein Mann. Wer bist du, daß du dir diese Visionen und müßigen Tagträume erlauben kannst?
Scham erfüllte ihn. Er dachte darüber nach, was er wirklich war.
Er war Lewis-Gabriel mit dem exotischen Namen, den zarten Gesichtszügen und dem seidenen, rotgoldenen Haar - seines Herrn regelmäßiger Bettgefährte ebenso wie sein Hausdiener.
Er würde sich nie zu einem Mann entwickeln. Bevor er vor mehr als fünf Jahren in Ardcarran verkauft worden war, hatten die Händler ihn operiert - als Emmasca war er wertvoller. Übelkeit schüttelte ihn. Plötzlich brodelte sein Zorn von neuem hoch.
Schiere Resignation drückte ihn wieder unter die Oberfläche. Ich habe es zugelassen! Wer war er, daß er gegen sein Schicksal aufbegehrte? Ein echter Mann hätte sich ein Messer ins Herz gestoßen oder sein Herz mit reiner Willenskraft angehalten, bevor er das erlaubt hätte!
Während dieser Bestandsaufnahme seiner selbst war ihm, als schwebe sein Geist über seinem Körper. Sein größter Lohn war es, mit Lord Mareks Gunstbeweisen überschüttet zu werden. Ein Schauder überlief ihn. Was ist von einem verächtlichen Halbmann auch anderes zu erwarten? fragte eine bittere Stimme.
Heute abend war er von seinem privilegierten Platz an der Seite seines Lords verbannt worden. Lynette, nicht er, würde in der Schlafkammer sein - Lynette mit ihren Flechten aus goldenem Haar, ihrem üppigen, kurvenreichen Körper. Eine vollständige, ganze Frau, dachte er, keine Kreatur wie ich. Ein Damm in ihm brach. Eine Flut von Tränen strömte ihm aus den Augen. Er vergrub sein Gesicht, als sich ihm ein lautes, ersticktes Schluchzen entrang, das im ganzen Schlafsaal widerhallte.
»Sei still, Lewis-Gabriel!« ließ sich eine ungeduldige Stimme hören. »Ich habe morgen Arbeit, viel Arbeit - und ich brauche meinen Schlaf.«
Eine andere Stimme lachte spöttisch. »Armer hübscher Junge. Er weint niedlicher, als jede Frau es fertigbrächte.«
»Laßt ihn doch in Ruhe!« fiel eine dritte Stimme ein. »Er hat genug eigene Sorgen. Er gibt sich Mühe, der arme Kerl.«
Lewis-Gabriel, dessen Wangen mit seinem Rücken brannten, unterdrückte sein Schluchzen so, daß es die anderen nicht störte.
Wieder verkrampfte sich sein Magen, als er sich sein tränenfleckiges Gesicht vorstellte. »Armer hübscher Junge …«
Ob ich gar fortgeschickt werde? Jetzt packte ihn die Furcht, und das Gefühl der Scham wurde schlimmer. Seit kurzem pflegte Lord Marek ihn nachts an Gäste auszuleihen. Er hatte sich ihnen hingegeben, hatte ihre gierigen Hände auf seinem Körper geduldet.
Würde er weiterverkauft werden? Er sah sich schon fallengelassen, abgestoßen an ein Bordell in Ardcarran, wo er endgültig verschlissen werden würde …
Schrille Wut raste durch sein Bewußtsein.
… Der Falke erreicht hoch fliegend die Hellers. Sein Schrei reißt den Himmel entzwei …
Er schlug seine Barrieren zu. Mit aller Kraft gebot er dem Zittern seines Körpers Einhalt. Irgend etwas baute sich in seinem Innern auf; sein Kopf schmerzte von der nahe bevorstehenden Explosion.
Ich darf es nicht zulassen! Er versuchte, sich selbst Vernunft einzureden. Morgen wollte er fleißig arbeiten, um die Gunst seines Herrn wiederzugewinnen. Irgendwie würde er lernen, in seinem Geist einen Damm gegen den Strom zu errichten, der immer wieder durchzubrechen drohte.
Er baute eine Mauer. Sie schloß den tobenden Schmerz aus, der seinen Rücken und ebenso seinen Verstand folterte. Er zwang sich zu schlafen.
Der Traum packte ihn. Er wurde eingehüllt von dem Traum.
Ein Verrin-Falke kreiste langsam. Die zinnoberrote Sonne badete seine Federn in einem glänzenden Kupfer. Seine bernsteinfarbenen Augen suchten, er stieß einen klagenden Schrei aus und stieg in den klaren Himmel Über den Serrais-Bergen auf
Ein jugendlicher Reiter trabte auf einem mitternachtsschwarzen Pferd einen bewaldeten Hang hoch. Sein schönes rotgoldenes Haar wehte im frischen Sommerwind. Seine hellgrünen Augen folgten dem schwebenden Falken, und sein schmales, bartloses Gesicht lächelte glücklich. Der Falke schoß plötzlich ins Unterholz nieder. Der Jüngling zuckte unter dem Entsetzen des Rabbithorns zusammen. Dann sprang die triumphierende Freude des Falken auf ihn über. Der Falke kehrte mit der Beute zurück; er nahm sie ihm ab und belohnte ihn. Sein Blick ging zu den fernen nebelgrauen Hellers hinüber, hinter denen die grauen Wüsten des Trockenlandes lagen. Ein leises, perlendes Lachen stieg empor. Der Jüngling wendete sein Pferd und galoppierte den von Nadelbäumen bestandenen Pfad hinunter …
Lewis-Gabriel erwachte. Er blickte auf; er lag auf seinem harten, schmalen Bett in der dumpfigen Sklaven-Unterkunft des Großen Hauses. Die untergehende Sonne schickte rote Strahlen durch das einzige hochliegende Fenster. Nicht mehr als ein Traum, dachte er voller Bedauern.
Wieder erschien ihm das jugendliche Gesicht des Reiters - war es vielleicht das eines Emmasca? Ein Kälteschauer lief ihm über das Rückgrat. Er spürte, wie er hochschwebte, aus seinem Körper hinaus, der Sonne entgegen, deren Strahlen sich durch das Fenster ergossen … Laran, kam der Gedanke von neuem. Wie damals, als …
Nein! Es ist unmöglich! Heftig schob er die Gedanken aus seinem Bewußtsein. Das Schwindelgefühl verging. Wieder einmal war es ihm gelungen, die Kontrolle über sich zu behalten. Für wie lange diesmal? fragte er sich voller böser Ahnungen.
Genug, befahl er sich entschlossen. Zeit, aufzustehen. Er hatte entsetzlichen Hunger, aber er würde auf sein eigenes Frühstück warten müssen - bis Lord Marek und seine Familie gegessen hatten.
Ein Stöhnen unterdrückend, versuchte er, seinen steifen, verletzten Körper zu bewegen. Stoisch zwang er sich zum Ankleiden. Dann ging er in die riesige, höhlenartige Küche des Großen Hauses, wo seine morgendlichen Pflichten auf ihn warteten.
Es war nach dem Frühstück, und Lewis-Gabriel scheuerte in der Küche die großen Kochtöpfe. Ein untersetztes, pelzbedecktes Cralmac kam zu ihm und gab ihm zu verstehen, er solle sich sofort bei Lord Marek in dessen Arbeitszimmer melden. Wie betäubt ließ er die Kochtöpfe stehen und ging den langen Gang zum Arbeitszimmer seines Herrn hinunter. Eine neue Furcht bedrängte ihn. Er fühlte sein Hemd über seinen zerschlagenen Rücken streifen.
Hatte er noch eine andere Missetat begangen, sollte ihm eine weitere seiner Unzulänglichkeiten vorgehalten werden? Er dachte an die Peitsche. Nein! schrien seine Gedanken in stummer Qual. Ich kann es nicht länger ertragen. Bitte … Er murmelte ein Gebet an den Gott, wer er auch sei, der Mitleid mit ihm haben würde.
Er kam an anderen Dienern vorbei und spürte ihren Hohn. Seht, Lord Mareks Favorit, seine männliche Lieblingshure, ist zweifellos unterwegs, ihm zu dienen! Lewis-Gabriel konnte das Zittern seines Körpers kaum beherrschen.
Er betrat das streng möblierte Arbeitszimmer und schluckte heftig, als er Lord Marek in tiefer Konzentration über seinen Schreibtisch gebeugt sah. Stören wollte er nicht. »Mein Lord«, sagte er schließlich pflichtgemäß, bemüht, seine Stimme ruhig zu halten.
Der hochgewachsene, flachshaarige Trockenland-Häuptling sah anerkennend zu Lewis-Gabriel auf - und dann verzog sich sein breites Gesicht zu einem leutseligen Lächeln. Sofort überflutete Lewis-Gabriel eine Welle der Erleichterung. Lord Marek sprach ihn an: »Lewis-Gabriel, ich habe einen wichtigen Auftrag für dich. Gieß mir einen Becher Jaco ein. Schließ die Tür und ziehe den Vorhang zu.« Lewis-Gabriel beeilte sich, die schwere Holztür zu schließen.
Dann zog er die perlenbesetzten Vorhänge zu. Seine Stimmung hob sich. Er goß das heiße Getränk in Lord Mareks irdenen Becher. Den Arm hielt er dabei in dem anmutigen Bogen, den sein Herr wünschte. Die unschickliche Neugier, die Lord Mareks Worte in ihm geweckt hatten, verbarg er.
Lord Marek holte ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. »Das muß abgeliefert werden«, sagte er bedächtig. »Du mußt es nach Shainsa bringen - allein. Ohne Begleitung. Niemand sonst darf davon wissen.« Lewis-Gabriels Augen weiteten sich vor Staunen.
Lord Marek fuhr fort: »Meine Feinde haben überall Spione, sogar hier in diesem Großen Haus. Ich kann nicht sicher sein.« Er sah Lewis-Gabriel nachdenklich an. »Aber du weißt nichts von der Ehre eines Mannes, von seinem Kihar. Du kennst nichts als die völlige Hingabe an mich - auch wenn ich dich gelegentlich für deine Unachtsamkeit schelten muß. Und da du ursprünglich aus den Domänen stammst, hast du keine Verbindung mit irgendeinem Clan oder Haus des Trockenlandes.«
Ohne zu wissen warum, wurde Lewis-Gabriel ein bißchen unruhig.
»Ich werde dich mit allem versorgen, was du für deine Reise brauchst«, zählte Lord Marek auf, »mit einer Landkarte, einem Oudrakhi, Essen, Wasser, ein paar Münzen. Du wirst am späten Abend Shainsa betreten und die Botschaft abliefern. Bis morgen abend wirst du wieder hier sein.«
Lord Marek legte Lewis-Gabriel leicht die Hand auf die Schulter, und der Junge sah seinen Herrn wie betäubt an. »Hast du vielleicht Angst, Lewis-Gabriel?« fragte Lord Marek freundlich. »Ich habe dich früher schon Botschaften austragen lassen - deine Anmut repräsentiert mein Haus gut. Aber dann bist du immer gut bewacht gewesen, denn es sollte mir doch kein anderes Haus meinen Favoriten stehlen. Diesmal kann ich es mir nicht leisten, dir Begleiter mitzugeben. Aber du sollst das hier haben.« Lord Marek reichte Lewis-Gabriel einen kleinen, zart geschwungenen Dolch, dessen opalisierendes Heft das Wappen des Großen Hauses von Tarsa trug.
»Es wird dich als mein Eigentum identifizieren. Ich glaube nicht, daß dich jemand belästigen wird - oder er wird es mit mir zu tun bekommen!« erklärte er grimmig.
Lord Marek hielt inne. Er fuhr mit der Hand durch Lewis-Gabriels Haar, während er ihn mit seinen tiefen, himmelblauen Augen liebkoste. Lewis-Gabriel stand, als habe er im Fußboden Wurzeln geschlagen. Er wünschte sich, die Wärme, den Trost zu spüren, den die Zuneigung seines Herrn ihm sonst immer gespendet hatte. Statt dessen stieg von neuem dieser unvernünftige Zorn in ihm auf und durchlief seinen ganzen Körper. Er schloß schnell seine Barrieren, um ihn auszuschließen, und senkte flüchtig die Augen. Dann blickte er wieder auf, als sein Herr ihn von neuem ansprach. »Sei vorsichtig, Lewis-Gabriel«, mahnte Lord Marek. »Vergiß nicht, daß ich dir mein Vertrauen schenke - es gibt sonst niemanden, dem ich vertrauen kann -, indem ich dich diese wichtige Botschaft überbringen lasse.«
Kurze Zeit später saß Lewis-Gabriel, gegen die Wüstenhitze mit einem Kapuzenmantel bekleidet, auf einem Oudrakhi und war unterwegs nach Shainsa. Die rote Sonne, beinahe pastellfarben flammend, stieg über dem Sand und den vereinzelten Felsen auf. Er ließ seinen Körper im Rhythmus der langen Schritte des Wüstentiers schaukeln und blickte dabei zu den fernen, schroffen Gipfeln der Hellers hinüber. Eine leichte Brise blies ihm gegen die Wange.
Die Gedanken wirbelten ihm im Kopf. Gestern abend war er in Ungnade gewesen, bestraft für seine Unachtsamkeit. Sein Rücken brannte immer noch. Heute … Ich bin der vertraute Bote meines Herrn.
Ich trage seinen Dolch, reise allein auf einer Mission von lebenswichtiger Bedeutung.
Allein. Sein Herz klopfte. Das Bruchstück eines Gedankens kämpfte sich an die Oberfläche. Er schob es zurück. Ich werde die Botschaft meines Herrn abliefern. Das ist alles, sagte er entschlossen zu sich selbst.
Allein. Da war der Gedanke schon wieder. Er wandte den Kopf, verrenkte sich den Hals, spähte auf die flachen, öden Weiten hinaus, die ihn umgaben. Diesmal begleiteten ihn keine schützenden Wachen. Für einen Augenblick packte ihn nacktes Entsetzen. Wenn nun plötzlich Räuber über ihn herfielen und …
Bevor er ihr Einhalt gebieten konnte, faßte ihn die Erinnerung und hielt ihn mit stählernem Griff … Er war in den bewaldeten Bergen von Serrais, weit weg vom Besitz seines Vaters, auf die Jagd geritten. Vor kurzem war er fünfzehn geworden und hatte damit das Alter der Mannheit erreicht. Seine abgesprochene Ehe war noch nicht vollzogen. Aber wenigstens konnte er seiner Braut ein Rabbithorn nach Hause mitbringen.
Die Räuber, alles Trockenländer, stürmten hinter einer Baumgruppe hervor. Vergebens wehrte er sich gegen sie. »Ein zarter junger Comyn-Knabe«, krähte der Anführer. »Er wird auf dem Markt von Ardcarran einen guten Preis bringen …«
Lewis-Gabriels Herz hämmerte. Trotz der Wüstenhitze bedeckte kalter Schweiß seinen Körper. Verstümmelt … Weder Mann noch Frau, war er etwas Verändertes - für die Lust von Männern zugeschnitten wie ein ri’chiyu aus dem Zeitalter des Chaos. Heftiges Beben schüttelte seinen Körper in krampfhaften Wellen. Er hatte sich willig dem Mann hingegeben, der ihn gekauft hatte. Er hatte nicht sterben wollen.
Die blutrote Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel. Ihre Strahlen badeten ihn in mittäglicher Hitze. Sein Körper schaukelte immer weiter mit den Schritten des Oudrakhis. Über den sonnengetränkten Sand huschte ein Schatten. Ein Vogel, ein kleiner, blaß-lohfarbener Wüstenfalke glitt mühelos auf einer Windbö dahin.
Merkwürdig, Lewis-Gabriels Ängste waren verschwunden. Etwas anderes regte sich. Etwas kämpfte in seinem Innern. Der kühle Hauch des Windes, der den Falken in einer sanft ansteigenden Kurve dahintrug, wehte ihn an. Eine Stimme flüsterte in seinem Gehirn. Sie nannte ihn mit einem fast vergessenen Namen - einem Namen aus einem vergangenen Leben. Lewis-Gabriel Ridenow. Wie eine glühende Kohle brannte die Botschaft: Du bist allein, unbewacht.
Er hat dir alles gegeben, was du brauchst, Essen, Wasser, ein paar Münzen, ein Tier zum Reiten. Der schrille Schrei des Wüstenfalken durchbohrte den Himmel - und Lewis-Gabriels Bewußtsein. Die verbotenen Gedanken schickten Schockwellen durch seinen Körper.
Du kannst heimkehren. Du kannst frei sein.
Der Widerspruch ließ nicht auf sich warten. Elender Halb-Mann!
rief die Stimme, daß sich ihm der Magen umdrehte. Willst du außerdem noch zum Verräter werden? Gnadenlose Scham hämmerte auf ihn ein. Die Comyn würden dich gar nicht zurücknehmen - dich zum Emmasca gemachte Kreatur, die sich auf diese Weise benutzen läßt, die mit Eifer ihrem Herrn zu gefallen sucht! Ihn überkam die alte Resignation. Du bleibst besser im Großen Haus von Tarsa. Diene deinem Herrn. Du gehörst ihm. Er faßte nach seinem kleinen Dolch, dessen Wappen ihn beschützte, indem es ihn als Lord Mareks Eigentum auswies. Tu deine Pflicht dem gegenüber, der dir vertraut. Drücke dich dieses eine Mal nicht.
Außerdem, ermahnte er sich selbst, weißt du, was mit dir geschieht, wenn dir die Flucht nicht gelingt. Seine Erinnerung zeigte ihm ein Bild
- die Foltern, denen man einen Stallknecht unterzogen hatte, als er nach einem Fluchtversuch von Lord Mareks Wachen zurückgeschleppt worden war. Von dem ganzen Großen Haus war verlangt worden, Zeuge der Bestrafung zu sein. Schon sah Lewis-Gabriel sich an der Stelle des entlaufenen Sklaven und wand sich …
Plötzlich flammte ein weißes Licht vor ihm auf und riß die Decke von einer anderen, ebenso schauderhaften Erinnerung. Seine Hände stahlen sich unter seinen Mantel, unter sein Hemd. Er tastete die unzähligen Schwielen und Narben ab, die kreuz und quer über seinen wunden Rücken liefen. Er spürte eine schwelende Kraft von innen gegen seinen Geist drücken, und er sah seine Zukunft klar vor sich.
Man schob ihn in die Schlafkammer seines Herrn, wo sein geschundener und verstümmelter Körper vergewaltigt werden würde - immer wieder und wieder …
NEIN!
Weißglühender Zorn preßte diesen stummen Schrei heraus. Er hatte geglaubt, der Zorn sei vor langer Zeit zusammen mit seiner Mannheit aus ihm herausgeschnitten worden; jahrelang hatte er ihn unbarmherzig gegen sich selbst gekehrt. Jetzt drang er mit Gewalt aus frischgeöffneten Barrieren - ein versengendes Flammenband, das sich aus einer dumpfen Grube, schwärzer als Zandrus tiefste Hölle, den Weg nach oben und außen bahnte. Gnädige Avarra, nein!
rief er der Göttin der Wiedergeburt zu. Nein! Nein! Niemals wieder!
Wie ein brausender Strom flüssigen Feuers überflutete der Zorn seinen Verstand. Alle Barrieren seiner Scham wurden niedergerissen. Was bin ich? Was ist aus mir geworden? Lieber sterben, lieber unter der schlimmsten Folter sterben, als noch einmal eine einzige Minute lang das ertragen zu müssen! Ein Geschöpf ohne Ehre, das geschlagene, winselnde Eigentum eines Tyrannen aus den Trockenstädten zu sein! Nein! Ich will es nicht länger ertragen! Er besitzt mich NICHT, und ich brauche mich ihm nicht hinzugeben. Ich kann dieses Haus des Schreckens verlassen. Ich kann frei werden.
Der Fluß beruhigte sich und ließ einen kühlen See der Stille in seiner Seele zurück. Er blickte zum Himmel empor. Jetzt konnte er klar sehen. Sein Geist wurde nicht länger von Visionen verwirrt, die ihn als Flüchtling zeigten. Er erkannte die Umrisse des Wüstenfalken, der sich zur Sonne emporschwang und mit einem Glast karmesinroten Lichtes verschmolz.
Seine Seele war nicht die des Falken. Sie war ein Schmetterling, der aus seiner Hülle schlüpfte. Zögernd breitete sie ihre leuchtenden Flügel zum Trocknen aus.
Er erinnerte sich an noch jemanden, der aus dem Großen Haus geflohen war, aber mit Erfolg. Es war kein Mann gewesen, sondern eine Frau, Rizelle, eine Konkubine, die feines Leinen trug. Eines Abends hatte man sie vermißt. Alle Truppen Lord Mareks hatten das Land abgesucht und doch keine Spur von ihr gefunden. Lewis-Gabriel hatte das unter den Sklaven kursierende Gerücht gehört, sie habe die Wüste irgendwie überlebt und es bis zu einem Gildenhaus der Freien Amazonen geschafft.
Sie konnte es auch nicht ertragen, dachte Lewis-Gabriel. Für einen Augenblick kleinmütig, überlegte er, daß es nichts in der Art eines Gildenhauses der Freien Amazonen gab, wo er Schutz suchen konnte. Dann biß er fest entschlossen die Zähne zusammen.
Irgendwo wird es einen Platz für mich geben - es muß einen geben. Denn ich will nicht länger ein Trockenland-Sklave bleiben.
Vor sich hinsummend, trieb er das Oudrakhi an. Komm, mein Freund. Auch du wirst frei sein, lächelte er. Er griff mit seinen Gedanken hinaus, und wirklich, er war immer noch fähig, den Geist des Tieres zu berühren und zu beschwichtigen. Einst war er ein Comyn, ein Ridenow gewesen. Er hatte immer noch eine Gabe. Jetzt stellte er fest, daß er sie steuern konnte; sie geriet nicht mehr außer Kontrolle.
Er begann, eifrig Pläne zu schmieden. Er würde Lord Mareks Botschaft abliefern, damit es so aussah, als sei alles in Ordnung.
Dann … Lord Marek hatte ihn angewiesen, die Nacht in Yusophs Herberge in Shainsa zu verbringen. Nein, entschied Lewis-Gabriel.
Ich verlasse Shainsa heute abend und reite bei Mondschein in Richtung der Hellers. Er legte die Hand auf das Heft seines kleinen Dolches. Und wenn mich Mareks Männer zurückholen wollen, werde ich mich damit töten, ehe ich mich einfangen lasse.
Shainsa kam in Sicht. Schon neigte die Sonne sich unter den Horizont und badete den Wüstenstand in ihrem purpurfarbenen Licht. Lewis-Gabriel ritt auf die ummauerte alte Stadt zu und studierte die Karte, die Lord Marek ihm gegeben hatte. Als er durch das Tor kam, sah er Kaufleute und Handwerker, die ihre Waren für die Nacht wegräumten. Einige allerdings feilschten noch mit einem letzten Kunden. Lewis-Gabriel näherte sich einem Verkäufer, einem großen, fleischigen Mann mit gewaltigem Bart, der Nußbrot-Laibe ausgestellt hatte. »Mein Herr braucht Brot für sein Haus«, sagte Lewis-Gabriel, die Augen schicklich gesenkt. In Gedanken lachte er.
Er bezahlte, packte die kostbare Nahrung, die er für seine eigene Reise brauchte, auf das Oudrakhi und folgte den gewundenen staubigen Straßen ins Stadtzentrum.
Lewis-Gabriel war noch nie allein in Shainsa gewesen. Er sah immer wieder auf der Karte nach der Adresse, die Lord Marek ihm gegeben hatte. Schließlich kam er an eine kleine Holztür, die wackelig in den Angeln hing. Er klopfte an. Es erschien ein gebückter alter Mann. Er entsprach der Beschreibung, die Lord Marek gegeben hatte. »Von dem Schwarzen Falken«, murmelte Lewis-Gabriel, wie er geheißen worden war.
»Aus dem fernen Osten, wo das Banshee läuft«, antwortete der alte Mann. Lewis-Gabriel händigte ihm das zusammengefaltete Blatt Papier aus. Der alte Mann las die Botschaft, die darauf stand, und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, trat er in seine Behausung zurück und schloß die Tür.
Das war also die dringende Botschaft, dachte Lewis-Gabriel und kicherte ironisch vor sich hin.
Er kehrte dem Haus den Rücken und stieg wieder auf sein Oudrakhi. Was hätte ich gemacht, wenn der Alte mir eine Antwort mitgegeben hätte? schoß es ihm plötzlich durch den Kopf. Der kalte Atem der Wüstennacht traf ihn, und er wickelte sich seinen Schal ums Gesicht. Mit Augen und Ohren wachsam nach allem spähend und lauschend, was es zu sehen und zu hören gab, ritt er an den von Fackeln beleuchteten Häusern aus Bleichstein vorbei. Ein Kind weinte. Seine Mutter rief ihm etwas zu, dann nahm sie es hoch.
Lewis-Gabriel zuckte bei dem Klirren der dekorativen Ketten zusammen, die jede Trockenländerin, dem Brauch folgend, trug.
Wenigstens bin ich nie gezwungen worden, so etwas anzulegen, dachte er.
Ein Mann stolperte laut singend aus einer Kneipe. Ein schwer mit Kornsäcken beladener Esel legte sich plötzlich nieder, als sein Besitzer fluchend an ihm zerrte.
Lewis-Gabriel kam an eine Straßenecke. Zur Rechten ging der Weg zu Yusophs Herberge ab, wo er die Nacht verbringen sollte.
Am Morgen hätte er dann zu seinem Herrn, der ihn in Tarsa erwartete, zurückkehren können. Die linke Abzweigung führte zum östlichen Stadttor - hinter dem die weiten Steppen lagen, die sich bis an die Hellers erstreckten. Lewis-Gabriels Handflächen wurden feucht, sein Herz schlug schneller und hämmerte ihm gegen die Rippen. Die Tonfolgen einer traurigen Wüstenmelodie, auf einer Laute gespielt, klangen zwischen den nackten Wänden hervor.
Lewis-Gabriel sah in die Richtung von Yusophs Herberge. Hatte er einmal den ersten Schritt getan, konnte er nicht mehr umkehren. Er würde ein Flüchtling sein, ein Gesetzloser, den jeder Beliebige zu seinem Herrn zurückschleppen konnte. Er erschauerte. Mit einer entlaufenen Frau oder einem Emmasca konnte man zuerst noch etwas anderes anstellen.
Sein Mut kehrte zurück und spülte alle Ängste fort. Von neuem umfaßte seine Hand den Griff des Dolches. Er sah sich wieder im Großen Haus von Tarsa - Lord Mareks Spielzeug, zitternd und gehorsam, sich dem Zorn seines Herrn stets unterwerfend. Sein Magen verkrampfte sich. Ich will lieber die Gefahren der Flucht auf mich nehmen als das … Er hatte seinen Entschluß gefaßt, und nun würde er ihm folgen. Er schluckte heftig, wendete sein Oudrakhi und nahm den Weg, der aus der Stadt hinausführte.
Die indigoblaue Nacht war klar. Die lavendelfarbene Idriel und die hellgrüne Kyrrdis ruhten auf einem Bett von Sternen und Übergossen die steinige Steppe mit einem silbrig schimmernden Licht. Lewis-Gabriel hielt auf einem sanften Hang an und betrachtete die tanzenden Lichter und dichtgedrängten schwarzen Mauern von Shainsa. Er blickte auch kurz in die Richtung, wo Tarsa lag. Dann kehrte er den Städten den Rücken.
Seine Absicht war, bei Nacht auf wenig benutzten Straßen zu reisen und nur die Sterne zu Führern zu nehmen. Er hatte die Wüste schon durchquert, wenn er Lord Marek begleitet hatte oder von ihm als Kurier eingesetzt worden war. Deshalb kannte er die Gefahren, die ihn erwarteten - Sandstürme, Räuber, Banshee-Vögel, sengende Hitze bei Tag, durch Mark und Bein gehende Kälte bei Nacht.
Schrecklicher Hunger und Durst …
Und was wird meine Familie sagen, wenn ich zu ihr zurückkehre?
Würde man ihn mit offenen Armen aufnehmen - oder ihn verächtlich abweisen als einen, der die Ehre der Comyn befleckt hatte, weil er lieber hatte leben als sterben wollen? Er dachte an Ruyven, seinen damaligen bredu, der im Turm von Neskaya arbeitete. Wird auch er mich als entehrt betrachten - oder bringt er es immer noch über sich, mich willkommen zu heißen? Eine bittersüße Sehnsucht trieb ihm Tränen in die Augen.
Dann zogen Bilder an ihm vorüber, die Bilder, die er versucht hatte auszuschließen, die er in all den Jahren, die er im Großen Haus von Tarsa versklavt gewesen war, verbannt hatte. Jetzt gewährte er ihnen freien Zutritt.
… Berge, bedeckt mit reinem, frischgefallenem Schnee. Goldene Kireseth-Blüten, sanft schwankend im Frühlingswind. Banner und Bänder des Mittsommer-Festes, Geschenke an Früchten und Blumen. Nadelbäume, die den ersten Herbstwind begrüßen …
… Der langsam kreisende Verrin-Falke, der klagende Schrei, mit dem er in den lavendelblauen Himmel aufsteigt …
Lewis-Gabriel kehrte in die Wirklichkeit und die Wüste zurück.
Die fernen Hellers, jetzt neblig-graue Schatten, lagen vor ihm. Er hörte das leise Flattern einer Wüsten-Nachteule und ihren flötenden Ruf.
Seine Seele breitete die Flügel aus und sang zur Antwort ihr eigenes Lied. So ritt er in die Nacht hinein.
Salz
von Diann Partridge
Diann Partridge war unter einer etwas anderen Version ihres Namens eine wohlbekannte Autorin für die erste Serie der Darkover Newsletter, und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, erschien sie mehr als einmal in der Sieger-Spalte unseres inzwischen dahingeschiedenen Fiction-Fanzines Starstone.
Eine Zeitlang veranstalteten wir Kurzgeschichten-Wettbewerbe, und Ms. Partridge war eine der regelmäßigen Teilnehmerinnen. Sie mag sogar zu den Siegern gehört haben.
Keine ihrer Arbeiten hat mich jedoch so beeindruckt wie die Geschichte
›Salz‹, die wirklich ein neues Streiflicht auf die Frage wirft: ›Die Aillard-Familie setzt ihren Stammbaum über die weibliche Linie fort. Warum?‹
Verschiedene Theorien sind für diese Anomalie in der darkovanischen Tradition angeboten worden, doch bis jetzt hat mir keine so recht gefallen.
Ich will nicht sagen, daß es die Lösung ist, aber diese Gedanken sind es wert, in Betracht gezogen zu werden.
Diann war zweieinhalb Jahre bei der Army und in Wyoming stationiert.
Dann heiratete sie einen Stabsfeldwebel und verbrachte fünf Jahre damit, im Land umherzuziehen. Sie schreibt »seit ich mich erinnern kann«, hofft, wie sie sagt, diese Geschichte werde all den Leuten etwas beweisen, die sie für verrückt hielten, ›weil ich saß und schrieb und nicht über Jungen kicherte und stöhnte‹. Da dies auch meine Lebensgeschichte ist - sitzen und schreiben, ohne sich damit aufzuhalten, über Jungen zu kichern oder zu stöhnen - gehört ihr meine volle Sympathie. Hoffen wir, daß der Tag kommen wird, an dem ›Sitzen und Schreiben‹ für jede von uns als durchaus vernünftige Möglichkeit zur Wahl steht. Mir scheint es viel mehr Sinn zu haben als das Kichern und Stöhnen über Jungen - oder sonst etwas. (MZB)
Ariada Aillard wanderte am Meeresstrand von Dalereuth entlang und stieß den nassen Sand mit ihren bloßen Füßen von sich. Ihr Unterhemd klebte ihr feucht an den Beinen. An diesem Abend wehte kein Wind. Der blaue Liriel hing voll am Himmel und wetteiferte mit der untergehenden roten Sonne. Wellen schlugen an ihre Füße und zogen sich wieder zurück, und Ariada ging weiter.
Sie hob eine Muschel auf und schleuderte sie zornig ins Wasser.
Dann noch eine und noch eine. Die Ratsmitglieder würden sie mit nichts dazu bringen, jetzt, da Dom Arvel tot war, den von ihnen ausgesuchten Gatten zu akzeptieren. Daß Dom Arvel für die meiste Zeit ihres Lebens den Hochsitz innegehabt hatte, war schlimm genug gewesen. Nie wieder würde sie sich unter die Herrschaft eines anderen Mannes beugen. Der halb ausgereifte Plan, der ihr im Kopf herumging, seit sie die Erklärung des Rates erhalten hatte, begann, feste Gestalt anzunehmen. Ihr standen andere Wege offen, und sie beabsichtigte, sie zu beschreiten.
Vor ihr lag eine felsige Landzunge. Von dort kam ein dünner, pfeifender Laut. Ariada hob ruckartig den Kopf und ließ die Muschel fallen. Es war ein unmißverständliches Geräusch. Der Sand spritzte unter ihren Füßen auf, so rannte sie. Sie hätte sich nicht träumen lassen, daß er heute abend am Strand sein würde.
An der Landzunge angekommen, kletterte sie die Felsen hoch.
Dicht unter dem Gipfel öffnete sich eine kleine Höhle. Dort brannte ein Feuerchen, verborgen hinter Steinen, die ringsherum aufgehäuft waren. Hinter dem Feuer saß ein menschenähnliches Wesen. Es war nackt bis auf eine Schnur schwarzer Perlen um den Hals.
»alu!« keuchte Ariada, kämpfte sich über die letzten Felsblöcke und warf sich ihm in die Arme.
Er umfaßte sie, und sie sanken zusammen zu Boden. Sein dünnlippiger Mund fand den ihren. Sie ließ ihre Zunge über seine scharfen kleinen Zähne gleiten. Die Leidenschaft, die ihr in den letzten paar Zehntagen versagt geblieben war, loderte hoch auf, und sie benutzte ihr Laran, um ihn damit zu berühren. Er hatte seine Not mit dem nassen Hemd, das er aus dem Weg haben wollte, um sie schnell nehmen zu können. Die große rote Sonne Darkovers war die einzige Zeugin ihrer Liebe. Dann sank sie unter den Horizont und ließ sie ungestört.
Später wurde es kühl in der Dunkelheit. Ariada regte sich und setzte sich hoch. Das Feuer war fast ausgegangen. Es war Treibholz da, das alu hergebracht hatte. Sie legte ein paar Stücke auf die Glut und erweckte sie zu neuem Leben. Das salzgetränkte Holz erzeugte beim Brennen Myriaden von Farben.
Er schien zu schlafen, aber sie hatte inzwischen gelernt, daß es ein Fehler war, davon auszugehen, er nehme etwas nicht wahr. Sie sah sich nach ihrem verdreckten Hemd um, das an manchen Stellen trocken, an den meisten aber naß war, und bedeckte es ganz mit Sand. Zitternd stellte sie sich auf die Füße und schüttelte das Hemd über alu aus.
Er rollte sich herum und stand zwischen zwei Herzschlägen auf den Füßen. Die Geschwindigkeit und Lautlosigkeit, mit der er sich bewegte, setzten sie immer wieder von neuem in Erstaunen. Er packte das Hemd, wirbelte es sich um den Kopf und ließ es über die Felsen hinausfliegen.
»alu! Nein!« rief sie lachend. »Ich friere.«
Er zog seine Lippen in einem Grinsen zurück, das seine sämtlichen Zähne zeigte. Ariada hatte auf diese Weise schon mehr Unterwäsche verloren.
Seine Augen waren riesig in diesem flachen runden Gesicht, und sie glühten im Dunkeln. Der Feuerschein spiegelte sich in seinen Zähnen.
»Es besteht keine Notwendigkeit für eine solche Bedeckung. Das Meer liefert alles, und alu hat dir dies mitgebracht.« Er hielt einen schimmernden, schuppigen Mantel hoch, schöner im Licht des Feuers als alles, was sie je gesehen hatte, alu breitete ihn aus und legte ihn ihr um die Schultern. Er drückte sie an sich und legte sich mit ihr neben das Feuer.
Sie wußte jetzt, daß sie ihm nicht danken durfte. Für ›Ich danke dir‹ gab es in seiner Sprache keine Wörter. Sie hielt sich einen Zipfel des Mantels vors Gesicht, um ihn genau zu betrachten. Die Schuppen waren winzig, blau mit silbernem Rand, und das Muster wechselte und wirbelte, wenn sie sich bewegte. Die Größe des Mantels rief in ihr die erstaunte Frage hervor, mit welchem Ungeheuer er gekämpft haben mochte, um ihn zu gewinnen. Sie zitterte von neuem, aber diesmal nicht vor Kälte.
»Er ist wunderschön, alu. Er wird mich ebenso warmhalten, wie Gedanken an dich es tun.«
Wieder dieses Messerschneidenlächeln. Aus der Höhle zog er einen gewebten Beutel und nahm frische Fische heraus. Er aß seine roh, ihre wurden über dem Feuer gebraten. Es störte sie nicht mehr, ihn auf seine Weise essen zu sehen. Er reichte ihr ein Stück hartes Salz, und sie krümelte es über den dampfenden Fisch.
Nach dem Essen liebten sie sich von neuem. Als sie danach zusammenlagen, hielt er seine Hand im Feuerschein hoch. Sie legte ihre dagegen. Beide Hände waren sich ähnlich, lang und schlank und sechsfingrig. Kleine Unterschiede waren die stumpfen Enden seiner Nägel im Vergleich zu ihren kurz geschnittenen und die zart aussehenden Häute zwischen seinen Fingern. Sie nahm ihre Hand fort und liebkoste die Kiemenöffnung an seiner Kehle. Er bog vor Lust den Kopf zurück, und die Lust sprang auf sie über, und dann war er wieder für sie bereit.
Den Rest der Nacht verbrachten sie ebenso wie den ersten Teil. Sie liebten sich, aßen und plauderten zwischendurch. Er spürte den tief in ihr verborgenen Zorn, aber nach den Sitten seines Volkes erlaubte er ihr, selbst zu entscheiden, wann sie davon sprechen wollte. Kurz vor dem Morgengrauen nahm er seine Knochenpfeife und rief ein Dutzend gigantischer Meeresgeschöpfe herbei, die in der Bucht unter der Stelle, wo sie lagen, sprangen und spritzten. Danach erzählte sie es ihm.
Er hörte aufmerksam zu. Als sie fertig war, fragte er: »Du würdest das deinem eigenen Volk antun, Ari?«
Sie nickte. »Das mußt du verstehen, alu. Wenn der Rat in Thendara sich durchsetzt, bedeutet es, daß ich einen Mann seiner Wahl heiraten muß. Als mein Gatte hätte dieser mich völlig in seiner Gewalt. Er könnte mich in ein Zimmer einsperren und verhungern lassen, und niemand hätte das Recht, ihn daran zu hindern. Es würde keine Nächte wie diese mehr mit meinen Schwestern und mir und dir und deinen Brüdern geben. Und was am wichtigsten ist, keine Kinder mehr für deine Wellen.«
Das hatte sie sich als letztes aufgehoben. Seine Lippen zogen sich in einem lautlosen Knurren zurück.
»alu würde jeden landgehenden Mann, der dich auf eine solche Weise besitzen wollte, ins Meer pfeifen und sein Herz herausreißen und an die Krabben verfüttern!«
»Ich weiß, daß du das tun würdest, Geliebter. Und dein Volk würde von neuem entdeckt und gejagt werden. Es war schwierig genug, das Geheimnis vor meinem Vater zu bewahren. Jetzt seid ihr für den Rest Darkovers fast nur noch eine Sage, und nicht einmal in den gefrorenen Wüsten nördlich von Thendara erinnert man sich an euch. Ich will nicht, daß so etwas geschieht, gerade wenn dein Volk von neuem aufzublühen beginnt. Und ich will nicht, daß uns das Heim, für das meine Schwestern und ich gearbeitet und gesorgt haben, fortgenommen wird, nur weil wir Frauen sind!«
»alu ist froh, daß du eine Frau bist«, murmelte er an ihrem Ohr.
Seine Hände glitten unter den Mantel und wanderten umher. »Und die chieren gehören ebenfalls zu deinem Volk.«
»Ja, schon seit der Zeit meiner Großmutter. Deshalb soll der Rat mich als Mitglied akzeptieren, statt einen Gatten für mich zu wählen, der den leergewordenen Sitz füllt.« Seine Hände machten sie wahnsinnig, und sie gab sich dem Rhythmus seines Körpers hin.
Als sie diesmal erwachte, hatte die Sonne den Horizont in einem blassen Lavendel eingefärbt, alu war auch wach. Er gürtete sich das Messer um die schlanke Hüfte. Dann löste er die Perlen von seinem Hals und legte sie um ihren.
»Ein Geschenk von ela Erster-Tochter.«
Ariada drückte die Perlen an ihre Haut. »Und wie geht es meiner ersten Tochter?«
»Sie blüht und gedeiht mit den Wellen. Wir nennen sie Klugfinger, denn sie hat eine Gabe für das Finden. Ich wollte, du könntest bei uns im Wasser sein.«
Das waren immer seine Abschiedsworte. Und sie wünschte es sich auch, aber sie konnte unter seinen Wellen nicht leben, und er konnte nicht für lange Zeit auf ihrem Land leben. Schon jetzt fiel ihr auf, wie trocken seine Haut im Lauf der Nacht geworden war.
»Wir werden tun, was du wünschst. Ich lasse dir das hier da.«
Damit reichte er ihr die Pfeife. »Wenn du Hilfe brauchst, blase hinein, und wir werden es hören. Jemand wird zu deiner Unterstützung kommen.«
Es war inzwischen hell genug geworden, daß man sehen konnte, und er mußte gehen. Sie küßte ihn ein letztes Mal, und er kletterte unbeholfen die Felsen hinunter und sprang ins Meer. Ariada sah dem chieren nach, bis er weit genüg draußen war, um zu tauchen.
Sie winkten sich zu, und dann war er fort.
Ihr blieb nichts weiter übrig, als nach Hause zu gehen. Den Mantel am Strand zurücklassend, obwohl sie eigentlich nicht glaubte, es werde ihm schaden, wenn er naß wurde, watete sie ins Meer hinaus und wusch sich. Nackt kam sie aus den Wellen, warf sich den Mantel um und machte sich auf den Weg zu der Stelle, wo sie am Tag zuvor ihre Kleider hingelegt hatte. Die Angst, in deren eisernem Griff sie sich gestern noch gewunden hatte, war verschwunden.
Ihren Platz hatte die Überzeugung eingenommen, daß sie jetzt ein Verhandlungsargument hatte, und sie hüpfte ein paar Schritte über den Sand. Der Wind trocknete ihren Körper und ließ eine schwache Salzspur auf ihrer Haut zurück. Sie leckte ihre Handfläche ab, schmeckte es.
Bitte, Avarra, betete sie stumm, laß dies meine Rettung sein.
Sonnenschein strömte durch die Buntglasfenster des Empfangsraums im Dalereuth-Turm und lag in farbigen Flecken auf dem Fußboden. Ariada Aillard wartete in nervöser Ungeduld. Ihr kastanienbraunes Haar lag in kunstvollen Zöpfen um ihren Kopf, und durch die Flechten wand sich eine Schnur von seltenen schwarzen Perlen. Sie trug immer noch den Schuppenmantel und streichelte ihn zärtlich. Das Kyrri, von dem sie hereingeführt worden war, hatte ihn ihr abnehmen wollen, aber als es ihn berührte, hatte es einen elektrischen Schlag bekommen. Sein Fell hatte sich gesträubt, und es war fast einen Fuß hoch in die Luft gesprungen.
Ariada hatte Mühe gehabt, nicht laut herauszulachen, aber das sensible Geschöpf hatte ihr Lachen trotzdem gespürt und sich davongeschlichen.
Ariada hatte für dieses Treffen die besten Sachen angelegt, die sie und ihre Schwestern besaßen. Das schwere Distelseidenkleid war seegrün gefärbt, und sie hatten alle abwechselnd an den mit Kupferdraht gestickten stilisierten Wellen gearbeitet, die den Saum umgaben. Die Ringe, die ihre Finger bedeckten, waren ebenfalls Gemeinschaftseigentum der sieben Schwestern. An ihrer Kehle flammte ihr Matrix-Kristall, von nichts anderem dort festgehalten als ihrem eigenen Laran. Kleinere Sternensteine funkelten an ihren Ohren.
Schließlich kehrte das Kyrri mit dem Bewahrer des Dalereuth-Turms zurück. Ariada verbeugte sich tief. Er war ein alter Mann mit trockener, durchscheinender Haut und tiefliegenden grauen Augen.
Soweit sie sich erinnerte, hatte es hier nie einen anderen Bewahrer gegeben. Dem Alter nach war er vermutlich der Onkel ihrer Großmutter. Wahrscheinlich wußte er allein das genau. Ariada wußte nichts anderes, als daß er uralt war.
Der Höflichkeit wurde Genüge getan. Er erkundigte sich nach ihrer Familie und sie sich nach seiner Gesundheit. Er wußte recht gut, daß Lord Aillard vor kurzem gestorben war und sein Leichnam sich jetzt auf dem Weg nach der Stadt Thendara und dann weiter zur Beerdigung nach Hali befand. Ariada drehte an ihren Ringen und trommelte im Geist mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte.
»Ja, Kind«, meinte der alte Bewahrer, nachdem das Kyrri ein Tablett gebracht hatte, auf dem Gläser mit kühlem Apfelwein standen, »du mußt noch etwas anderes auf dem Herzen haben als das Verlangen, zu erfahren, wie es uns in Dalereuth geht, wenn du in all diesem Staat hergekommen bist. Ich nehme an, es hat mit der Wahl eines Gatten für dich und deine Schwestern zu tun und der Frage, wer den Hochsitz einnehmen soll. Arvel hat unrecht daran getan, dich so lange unverheiratet zu lassen.«
Bei diesen Worten loderte Ariadas Zorn von neuem auf und versuchte, sich ihrer Kontrolle zu entziehen. Sie schlug die flammenden grünen Augen nieder, faßte in ihren Ärmel und brachte ein hölzernes Rohr zum Vorschein. Ihm entnahm sie ein auf Pergament geschriebenes Dokument und reichte es dem Bewahrer.
Er entrollte es und begann zu lesen.
»Das kannst du nicht machen«, sprudelte er ein paar Sekunden später hervor. Seine Stimme hatte den freundlichen Ton verloren, in dem man mit einem Kind spricht, und klang jetzt kalt vor Ärger.
Seine Mutter war eine Aillard gewesen und sein Vater ein Alton mit dem damals neu in die Linie hineingezüchteten Laran, das durch den bloßen Gedanken töten kann. Ariada machte ihr Rückgrat steif und nahm sich vor, sich von ihm nicht ängstigen zu lassen.
»Ich kann es, Onkel, und ich werde es.« Sie zwang ihre Lippen zum Lächeln. »Wenn dieser fette grezilin, der auf dem Thron in Thendara sitzt, glaubt, er könne mich oder eine meiner Schwestern verheiraten, an wen es ihm gefällt, wird er feststellen, daß er im Irrtum ist. Ich kann und werde die Salzlieferungen an die anderen Domänen abschneiden, und Öl von den Fischen wird es auch keines mehr geben. Wie wird es den Leuten in Thendara und weiter nördlich gefallen, wenn ihre Häute mitten im Winter austrocknen und es kein Salz für ihr Fleisch gibt?«
»Aber dieses Dokument verlangt volle Mitgliedschaft im Rat und das Recht, die Aillard-Domäne in deinem eigenen Namen zu regieren, und du sollst es an die Tochter, die du gebären magst, weitervererben können! Dem wird König Ronalt niemals zustimmen. Höchstwahrscheinlich bedeutet das Krieg zwischen Aillard und dem übrigen Darkover. Du törichtes Mädchen, woher hast du die Idee, selbst regieren zu wollen?«
Sie konnte ihn weder geistig noch körperlich berühren, aber sie sehnte sich danach, ihn auf seine knochigen Knie niederzustauchen.
Sie war kein Mädchen, sondern eine erwachsene Frau, die sechs Kinder geboren hatte, auch wenn diese unter den Wellen des Dalereuth-Meeres schwammen, statt im Aillard-Hof zu spielen!
»Das Recht steht mir zu, Onkel. Meine Schwestern und ich haben es satt, von Männern beherrscht zu werden. Mein sogenannter Vater
- Avarra und Evanda sei Dank, daß er kein Blutsverwandter von mir war - hatte die Domäne nur durch sein leichtsinniges Spielen gewonnen. Den letzten seiner Lustknaben haben wir schon fortgejagt, bevor er den letzten Atemzug tat. Er weigerte sich, eine von uns heiraten zu lassen, weil das seinen Gewinn aus dem Salzhandel hätte schmälern können, und ließ uns vor den Augen jedes erreichbaren Domänen-Erben baumeln wie Würmer am Haken. Du bist als einziger männlicher Aillard direkter Abstammung noch übrig. Wenn du von deinem Posten als Bewahrer zurücktrittst, werde ich dieses Papier verbrennen.
Andernfalls möchte ich, daß es noch heute durch die Relais nach Thendara geschickt wird.«
Sie wußten beide, daß er nicht zurücktreten würde. Seit der Zeit vor ihrer Geburt war er körperlich nicht mehr außerhalb des Turmes gewesen.
Er versuchte es mit einer neuen Taktik. »König Ronalt wird mit Truppen herunterkommen und dich zur Heirat zwingen. Er hat bereits Carlyn Altons ältesten Sohn als deinen Gatten ausgewählt.«
Im Geist spie sie aus, und diesmal ließ sie es ihn sehen. Körperlich lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und faltete die Hände.
»Soll er Krieg anfangen, wenn es ihm gelingt, seine fette Kehrseite auf ein Pferd zu hieven. Niemals wieder wird ein anderer Mann den Hochsitz von Aillard wärmen. Das schwöre ich, Onkel.«
Sie beugte sich vor und berührte den Ärmel seiner Robe mit einer Fingerspitze. »Sollte Ronalt der Unkluge nach Aillard kommen, wird er jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in dieser Domäne bereit finden, mit jeder Waffe, die zur Hand ist, zu kämpfen. Und es wird keinen Salzhandel zwischen unseren Frauen und den chieren mehr geben.«
»Schweig!« donnerte der alte Mann. »Das ist ein Thema, über das nicht gesprochen werden darf, wie du selbst weißt.«
»Du alter Heuchler!« schrie sie zurück. »Deine Generation hat nichts dabei gefunden, die Körper von Aillard-Frauen an die chieren zu verkaufen, solange nur niemand darüber gesprochen hat. Oder verlangst du Schweigen, weil die Aillard-Männer peinlicherweise feststellen mußten, daß ihre Frauen die chieren ihnen als Liebhaber vorzogen?
Ich will davon sprechen, Onkel«, fuhr Ariada mit ruhigerer Stimme fort. »Die Zeit für Geheimnisse zwischen uns ist vorbei. Ich habe das Versprechen der chieren, daß es kein Salz mehr geben wird und daß sie die Fische von unseren Netzen wegtreiben werden, wenn man mich oder eine meiner Schwestern gegen unseren Willen zur Heirat zwingt. Das hier wurde mir gegeben, um es dir als Beweis zu zeigen.« Sie faßte in das Mieder ihres Kleides und zog die kleine Knochenpfeife hervor.
Er warf einen Blick darauf, erschauerte heftig und wandte die Augen ab. »Steck diesen Greuel weg! Ich erinnere mich nur zu gut an den einen, der es meiner Nichte gab, als das Abkommen über den Salzhandel geschlossen wurde. Sie und ihre Schwestern hatten zu Anfang keine Wahl, aber bald waren sie mehr als bereit, ihre Körper für das zu verkaufen, was der Salzreichtum in diese Domäne brachte.«
Und auch für anderes, mein Onkel, dachte Ariada, sich an alus Wärme erinnernd.
»Glaube mir, Onkel, meine Schwestern und ich haben uns an den Buchstaben dieses Vertrages gehalten. Und es ist nicht unser Wunsch, in den Krieg zu ziehen. Dom Arvel war der letzte männliche Aillard, der in dieser Domäne geboren wurde, und er war von seines Vaters Seite her ein Ardais. Wenn du die Herrschaft nicht übernehmen willst, werden wir diese Domäne selbst regieren.
Du tätest gut daran, mir zu glauben, wenn ich sage, ich werde den Hochsitz mit meinen eigenen Händen zerstören und dieses Land mit Blut und Salz düngen, wenn der Rat nicht zustimmt. Hier wird niemals mehr ein Mann regieren.
Wir verlangen volle Ratsrechte für die weibliche Linie, und sie sollen sich von der Mutter auf die Tochter vererben, wir verlangen das Recht, uns unter den dritten und vierten Söhnen anderer Domänen Ehemänner zu wählen, und auf weniger lassen wir uns nicht ein. Meine Schwester Allna hat bereits einen von Dom Arilinns Enkeln zum Mann genommen. Er war als Pflegesohn hier, als meine Mutter noch lebte, und kam zu Dom Arvels Begräbnis wieder.«
Sie wartete auf seine Antwort.
Er schloß die Augen, atmete tief ein und aus und kämpfte darum, sich wenigstens den Anschein von Selbstbeherrschung zu geben.
Dann begann er auf listige Weise zu sprechen.
»Der Rat wird dem niemals zustimmen, Ariada. Um einen Krieg zu vermeiden, würde ich ihm selbst von den chieren berichten. Du hast keine Vorstellung, was ein Krieg mit sich bringt, Kind. Ich habe das Töten und Rauben und Leiden gesehen, das geschieht, wenn Krieg das Land überzieht. Ich möchte, daß du nach Hause gehst und dies überdenkst.«
»Ich habe genug gedacht, Onkel. Wir haben in den letzten zwölf Jahren hier selbst genug an Raub und Leiden gehabt. Wer, meinst du, hat die Leitung in Händen gehabt, als Arvel immer verrückter und gemeiner wurde, er, der niemals irgendein Interesse an dem Land und seinen Bewohnern nahm, außer daß er sich zeigte, wenn der Profit hereinkam? Du hast uns gewiß niemals mit Hilfe oder gar Rat beigestanden! Dann verschwand er wieder, um das Geld zu verbrauchen, wo er wollte, und verschwendete keinen Gedanken daran, was hier benötigt wurde. Ich habe die Bücher geführt, und wir alle haben uns an den Netzen abgewechselt. Ich weiß recht gut, daß Ronalt den Krieg ebenso verabscheut, wie er Gewürzbrot und Ale liebt. Und daß auf eine Karawane, die es schafft, Salz und Gewürze von den Trockenstädten herzubringen, acht kommen, die an Räuber verlorengehen. Was wird das Volk denken, wenn es kein Salz mehr für den Tisch gibt? Kommt es zu Aufruhr, wird Ronalt weder seinen Thron noch seinen Kopf lange behalten. Schon heute können sich nicht einmal mehr die Reichsten Gewürze aus den Trockenstädten leisten.
Und denke auch daran, Onkel: Wenn du das vereinbarte Stillschweigen über die chieren brichst, werden sie dich töten, indem sie dich aus diesem Turm und ins Meer pfeifen.«
Er wußte, daß sie recht hatte. Und er bezweifelte sowieso, ob der Comyn-Rat ihm die Sache mit den chieren glauben würde. Er wußte im Gegensatz zu ihr außerdem, daß es für ihn den sofortigen Tod bedeutete, wenn er einen Schritt aus den geschützten Mauern des Turmes trat. Sie hatte ihn und den Rest der Domänen am Haken, und das war ihr klar. Er hatte als junger Mann genug vom Krieg gesehen und damals geschworen, eher zu sterben, als noch einmal zum Schwert zu greifen.
Am Ende erklärte er sich einverstanden, zu tun, was sie verlangte.
Eine andere Wahl als den Krieg gab es nicht. Denn ihm war klar, daß sie ihre Drohungen wahr machen konnte. Die chieren würden kein Salz mehr liefern und die Fische wegpfeifen. Er hatte die erste Zusammenkunft der Männer aus dem Meer mit den Männern vom Land noch in lebhafter Erinnerung. Adan Aillard wollte den Reichtum, den ein solcher Handel ihm bringen würde, und elo wollte die Kinder, die seine Brüder mit Adans Töchtern zeugen würden. In jeder Generation hatte es weniger chieren-Frauen gegeben, bis die Rasse beinahe ausgestorben war. Adans Töchter hatten eine unbekannte Zahl der Wesen geboren und das Geheimnis an ihre menschlichen Töchter weitergegeben. Kein anderer Mann als er selbst und Adan hatte jemals von den chieren erfahren.
Es hatte keinen Sinn, Gedanken an die Vergangenheit zu verschwenden. Was geschehen war, war geschehen. Man kann ein Küken nicht ins Ei zurückstecken, wie das alte Sprichwort lautet.
Der Bewahrer nahm das Pergament, und ohne ein Wort des Abschieds zu Ariada verließ er den Raum.
Arvel Aillards Leichnam traf zweimal zehn Tage nach Ariadas Erklärung in Thendara ein. Sie hatte sich von ihm mit dem frommen Wunsch verabschiedet, seine Seele möge eine schnelle Reise in Zandrus neunte Hölle haben. Seine sterblichen Überreste wurden wegen der Aufregung, die der Brief hervorgerufen hatte, kaum beachtet. Ronalt rief hastig alle Ratsmitglieder zusammen, die gerade in Thendara weilten. Carlyn Alton war bereit, in den Krieg zu ziehen. Serrais und di Asturien stimmten ebenfalls für den Krieg.
Lord El Halyn und Jan Ardais sagten nein dazu, Halyn aus dem Grund, weil er eine Steuer auf das Salz erhob, das durch sein Land transportiert wurde, und Ardais, weil er zwölf Söhne hatte und jetzt für einige von ihnen Zukunftsmöglichkeiten sah.
Das Zeugnis des Bewahrers von Dalereuth, Ariada Aillard sei tatsächlich in der Lage, ihre Drohungen wahr zu machen, brachte schließlich ein Abstimmungsergebnis zu ihren Gunsten hervor.
König Ronalt war in der Tat faul und fett und neigte mehr zum Löffel als zum Schwert. El Halyn bot eine seiner Töchter für Carlyn Altons Sohn an. Einer nach dem anderen wurde jeder Lord zur Zustimmung überredet oder bestochen. Als sich alle einig waren, konnte Ronalt nichts anderes mehr tun, als die Feder in seine dicken Finger zu nehmen und zu unterschreiben.
Wenn der Rat im Frühling zusammentrat, würde Ariada Aillard dort einen Sitz haben.
Eins der Turm- Kyrri brachte Ariada die Botschaft von den Relais-
Schirmen. Sie las sie ihren Schwestern laut vor. Das war ein Grund zum Feiern! Außerdem war Allna bereits schwanger, und Ariada hatte den Verdacht, sie sei es auch. Diesmal, hatte alu versprochen, würde das Kind menschlich sein, eins, das Ariada behalten konnte.
Diesmal würde es keine geheime Schwangerschaft geben, obwohl es nur die Hälfte der Zeit dauerte, ein Meerkind auszutragen wie ein menschliches. Keine mitternächtlichen Ausflüge mehr die geheime Treppe hinunter in den Tunnel, der ins Meer führte, wo eine Gestalt in der Dunkelheit wartete, um ihr das zappelnde Bündel abzunehmen. Und keine Sorgen mehr, die geheimen Zusammenkünfte von Aillard-Frauen und chieren könnten entdeckt werden.
Ariada steckte die kleine Pfeife in ihr Kleid. Es war nicht gut, sie im Haus zu spielen. Die Musik hatte die Wirkung, Teller klappern und Hunde heulen zu lassen. Sie lächelte vor sich hin. Liriel war in zehn Tagen wieder voll. Und alu würde für eine weitere Liebesnacht auf sie warten. Wenige menschliche Männer konnten sich mit ihm als Liebhaber vergleichen. Höchstwahrscheinlich würde alle Welt glauben, dieses Kind stamme von Almas neuem Gatten. Aber die sieben Schwestern von Aillard würden sich nur anlächeln. Sie wußten, woher in der Aillard-Domäne die Kinder kamen.
Das verwüstete Land
von Deborah Wheeler
Diese Geschichte hier besitzt eine der Eigenschaften, nach denen ich, wie ich in der Einführung sagte, Ausschau halte: einen unüblichen Gebrauch von Laran und eine Hauptperson, an die ich glauben kann.
Deborah Wheeler ist in allen vorangegangenen Darkover-Anthologien erschienen. Dies ist ihre erste Geschichte, die sich mehr mit Menschen als mit Tieren befaßt. Deborah ist Chiropraktikerin und Expertin in asiatischen Kampfsportarten. Sie war einmal Dean eines Colleges und ist Mutter von zwei entzückenden Töchtern, Sarah (jetzt sechs oder so) und Rose - ein ernsthaftes kleines Kind, das die Gewohnheit hat, keine ziellosen Babygeräusche von sich zu geben, sondern überlegte Laute. (MZB) Jäh ragte ein großer Mann über Rorie Leynier auf und zückte eine Klinge, die in Kyrrdis’ blaugrünem Licht schimmerte. Rorie trat mit einem Stiefel zu, griff nach seinem Schwert und rollte sich von dem mit Asche abgedeckten Feuer weg. Der Angreifer fiel mit einem Schmerzensschrei vornüber. Sein Bart ging in Flammen auf. Funken stoben unter ihm weg.
Während er sich in die tintenschwarze Nacht wälzte, stieg Rory der Gestank nach verbranntem Fleisch in die Nase. Der große Mann raffte sich auf und schlug das Feuer in seinen Haaren aus. Seine Flüche waren so gemein, daß sie schon nicht mehr verständlich waren. Andere Stimmen antworteten ihm aus der Dunkelheit. Rorie konnte ihrem Dialekt soviel entnehmen, daß es sich bei den Angreifern um Gesetzlose handelte, die auf der Suche nach leichter Beute von den Bergen herabgestiegen waren. Rories Stute, die außerhalb des Lagers festgebunden war, wieherte und stampfte. Er schätzte die Entfernung zu ihr ab. Seine Muskeln spannten sich. Zu weit, dachte er, und auf dem ganzen Weg bot er den Schakalen den Rücken dar. Er spürte, daß sie näher schlichen - wenn er nur sehen könnte, wo sie steckten!
Hände griffen nach ihm aus der Dunkelheit, Hände, die wie Zandrus Dämonen an seiner Kehle und seinen Seiten zerrten. Rorie riß sich von ihnen los, schlug mit seinem Schwert zu. Die Spitze verfing sich irgendwo, dann riß Stoff. Ein schneller, gleitender Schritt brachte ihn dichter heran, und diesmal wurde sein Hieb mit einem Schrei beantwortet.
Ohne es bewußt zu wollen, zuckte Rone zur Seite, und einen Augenblick später sauste ein Messer aus der Nacht heran, tief gezielt, um ihm die Kniesehnen durchzuschneiden. Sein Schwert fuhr an der kürzeren Klinge entlang, hielt am Stichblatt kaum inne und schnitt durch Finger und dann durch weicheres Fleisch.
Ihr Götter! Wie konnten sie ihn sehen, wenn alles, was seine Augen ihm zeigten, nichts als Schatten in Blau und im trübsten Rot waren? Dann fiel ihm ein, was Mirelle, seine Bewahrerin im Corandolis-Turm, gesagt hatte, als sie ihn als ungeeignet wegschickte: Das, was seine Laran-
Talente beeinträchtigte, schädigte ebenso seine Nachtsicht. Jetzt kämpfte er um seine Haut und hielt sich, wenn er den kurzen, tödlichen Klingen auswich, mehr an seine Intuition als an das, was er sah.
Wertlos für Turm und Familie mochte er sein, dachte Rorie wütend, aber er war immer noch Comyn und verdiente ein besseres Schicksal, als vor diesem Abschaum der Landstraße zu fallen! Er drehte sich um, ließ sein Schwert im Bogen niedersausen und hörte einen gurgelnden Schrei, der das Ende eines weiteren Angreifers anzeigte.
Der erschlagene Gesetzlose fiel langsam und landete in den Überresten des Feuers. Funken sprangen von Büscheln versengten Haars, und dann ging das Feuer ganz aus.
Rorie faßte sein Schwert fester. Ohne das Glühen des Feuers reichte das matte blaugrüne Licht eines einzigen kleinen Mondes nicht aus, seinen Angreifern einen merklichen visuellen Vorteil zu geben. Jetzt waren sie ebenso blind wie er - und dumm genug, ihre Positionen zu verraten, indem sie einander zuriefen.
Das Adrenalin hämmerte in seinen Adern, aber Rorie zwang sich, leise von dem ihm nächsten Räuber in Richtung seiner Stute wegzuschleichen. Jetzt, da er sich nicht mehr anstrengte, etwas zu sehen, konnte er alle vier noch übrigen Angreifer hören. Der große Anführer hieb wild mit seiner Klinge um sich. Ein Mann, links von Rorie, stand still und begann, mit irgend etwas zu hantieren - einem Feuerstein, um das Feuer wieder anzuzünden?
Rorie blieb jetzt keine andere Wahl mehr. Den Luxus, sich Zoll für Zoll an sein Pferd heranzuarbeiten, konnte er sich nicht leisten. Er legte die letzte Strecke im Laufschritt zurück und betete, es möge ihm gelingen, auf den Rücken der Stute zu klettern, bevor die Gesetzlosen ihn herunterrissen.
Er schnitt den Haltestrick durch und packte mit seiner freien Hand ein Büschel Mähne. Aldones sei gedankt, die Stute war von so sanftem Wesen, daß sie stillstand, während er sein rechtes Bein über ihren Rücken warf und ihr die Knie in die Flanken bohrte.
Die Stute sprang vorwärts, gerade als der erste der Gesetzlosen sie erreichte, die Hände nach dem baumelnden Ende des Halfterstricks ausgestreckt. Die Verzweiflung des Reiters übertrug sich auf sie, sie schüttelte sich, schrie wie ein verängstigtes Kind und schlug mit den Vorderhufen aus.
Jetzt waren sie auf freiem Feld und liefen unter einem ihnen gemeinsamen Drang zur Flucht davon. Rories Kehle war ganz trocken. Er umklammerte mit der einen Hand sein Schwert, und die andere krallte sich in die vom Wind gepeitschte Mähne der Stute.
Die Muskeln ihres Rückens und ihrer Schultern verkrampften sich und sprangen in harten Knoten unter seinen Schenkeln. Einmal stolperte sie, ging beinahe in die Knie. Rorie wurde nach vorn geschleudert, und die scharfen Knochen ihres Widerrists bohrten sich ihm in den Schritt.
Von hinten kamen Rufe. Die Räuber, sie mußten eigene Reittiere in der Nähe versteckt gehabt haben. Dann war die Stute wieder auf den Beinen, von neuem ein Geschöpf, das von Panik regiert wurde.
Bei ihrem ungleichmäßigen Galopp und dem Hämmern seines eigenen Herzens konnte Rorie nichts mehr hören.
Er verlor völlig den Sinn für Zeit und Richtung, war sich kaum noch der Veränderungen im Terrain und der wandernden blauen Schatten bewußt. Idriel und der perlenfarbene Mormallor gingen auf, um sich Kyrrdis beizugesellen, und Rorie merkte, daß er seine Verfolger weit hinter sich gelassen hatte. Vielleicht waren sie, zufrieden mit der dort zu findenden Beute, ins Lager zurückgekehrt.
Rorie machte keinen Versuch, die Stute mit den Knien zu lenken oder nach vorn zu fassen, um das nachschleifende Ende des Strickes, der von ihrem Halfter hing, in die Hand zu bekommen. Die Landschaft, die sie durcheilten, war nicht mehr als ein Wirbel von Schatten, und die Nachtsicht der Stute mußte für sie beide langen.
Schließlich wurde die Stute langsamer. Ihre Flanken wogten wie große Blasebälge. Das dünne Leder von Rories Reithose war von ihrem scharfen Angstschweiß durchtränkt. In der kalten Nacht stieg die Hitze von ihren Körpern wie eine Dampfwolke auf.
Rorie verlagerte sein Gewicht, und die Stute blieb mit gesenktem Kopf müde stehen. Er glitt zu Boden, knüpfte seinen Gürtel zu einer Schlinge für das Schwert und führte sein Pferd auf und ab, um es abzukühlen. Grimmig hielt er sich vor, seine gegenwärtige Situation möge ja unerfreulich sein, aber sie würde noch unerfreulicher werden, wenn er das Pferd durch eigene Nachlässigkeit verlor.
Ihm fiel ein, daß er erst vor wenigen Stunden beim Aufschlagen des Lagers gedacht hatte, ein trostloseres Leben könne es kaum noch geben. Er war der überflüssige vierte Sohn einer Familie, die reicher an Erben als an Land war, und jetzt wurde er aus dem Turm, der einmal wie seine einzige Chance ausgesehen hatte, einen Platz für sich zu finden, als unbrauchbar nach Hause geschickt … Rorie unterdrückte das klägliche Selbstmitleid und kratzte der Stute die verschwitzten Ohren.
Und wie saß er jetzt durch eigene Schuld in der Patsche! Dem Wild gleich, das von der Falle in den Kochtopf wandert, hatte er seine Lebensmittelvorräte, seinen Sattel, seine Reservekleidung verloren, kurz, alles bis auf das, worin er geschlafen hatte, ein Schwert ohne richtige Scheide und ein treues, aber müdes Reittier. Er besaß immer noch sein Leben, und er fragte sich, ob ein anderer Mann, auch wenn er über normales Sehvermögen verfügte, sich ebensogut gegen die Räuber gehalten hätte. Wie frech war dieser Abschaum der Landstraße durch die Unordnung geworden, die auch nach der Unterzeichnung des Vertrages noch herrschte!
Die Stille der Nacht, unterbrochen nur von einem gelegentlichen Klirren des Halfterrings oder dem Knirschen der improvisierten Schwertscheide, lastete auf ihm. Sogar ihre Schritte klangen gedämpft, unnatürlich. Schließlich hatte die Stute sich abgekühlt.
Rorie wickelte sich den Halfterstrick um die Hand, setzte sich und machte es sich so bequem, wie er konnte. Sein Kopf fiel auf die um die Knie geschlungenen Arme, und dann schlief er ein.
Er erwachte von einem kalten pochenden Schmerz über dem Brustbein. Blinzelnd in dem grauen Morgenlicht, richtete er sich auf.
Er legte eine Hand auf die Brust und erwartete halb und halb, sein Hemd verklebt von geronnenem Blut zu finden. Aber da war nichts außer seinem Sternenstein. Obwohl dieser, wie man es ihn im Turm gelehrt hatte, in isolierende Seide gewickelt war, pulsierte er unaufhörlich. Rorie zwang seine Augen, sich scharf einzustellen.
Die Stute stand vor seinen Füßen und knabberte an seinen Stiefeln.
Der durchschnittene Strick war ihm aus den Fingern geglitten und schleppte im Staub nach.
Jetzt nahm Rorie seine Umgebung wahr und erstarrte. Staub, grau und leblos, bedeckte den Boden, die paar verdorrten Skelette von Büschen und Bäumen, die niedrigen Hügel, die sich vor ihm erhoben. Er konnte keinen einzigen Grashalm entdecken, kein einziges Insekt. Abgesehen von dem Hämmern seines eigenen Herzens und dem leisen Schnauben der Stute war in dieser einfarbigen Öde nichts zu hören.
Knochenwasserstaub.
Er hatte sich in den Hügeln sicher geglaubt, waren sie doch weit entfernt von den Gebieten, die die unvorstellbar schrecklichen Laran- Waffen aus dem Zeitalter des Chaos steril gemacht hatten.
Das wüste Land war auf seinen Karten eingezeichnet gewesen, aber skizzenhaft, als habe der Kartograph die exakten Angaben weder gekannt noch gewünscht, sich damit zu befassen. Durch den Schrecken des nächtlichen Angriffs, in seiner Nachtblindheit und der Panik der Stute, waren sie irgendwie so weit in das wüste Land hineingeraten, daß es sie jetzt auf allen Seiten umgab …
… so daß sich die heimtückischen Partikel bereits einen Weg in seinen Körper bahnten. Rorie keuchte, dann brachte er seine Atmung wieder unter Kontrolle. Sog er in diesem Augenblick das tödliche Zeug in seine Lungen, von wo es in seinen ganzen Körper eindringen und seine Knochen in zerfallende Asche verwandeln konnte? Würde sein Fleisch zu Gallerte schmelzen, sich sein Blut zu Wasser verdünnen, während sein Gehirn, bis zuletzt intakt, in hilflosem Entsetzen zusah?
Erschauernd raffte er seine bruchstückhaften Kenntnisse zusammen, um sich nach den ersten Anzeichen der inneren Fäule abzusuchen. Obwohl er seinen Sternenstein auswickelte und fest umfaßte, konnte er keine Abweichung von dem normalen Funktionieren seiner Organe feststellen. Da war nichts, weder bei ihm noch bei der Stute. Natürlich, dachte er bitter, was erwartete er denn? Das armselige bißchen Wissen, das man ihm in Corandolis mühsam eingetrichtert hatte, bedeutete nichts anderes als eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen konnte.
Er stellte sich auf die Füße und wischte sich den Staub von den Schenkeln. Die Stute spitzte unbesorgt in milder Neugier die Ohren nach ihm. Rorie zog seine behelfsmäßige Schwertscheide durch seinen Ledergürtel, schwang sich auf den Rücken des Pferdes und hoffte entgegen aller Vernunft, daß er von diesem erhöhten Aussichtspunkt imstande sein werde, die Richtung zu erkennen, aus der sie gekommen waren.
Es hatte keinen Zweck. Grauer Staub, graue Hügel, graue Überreste des Pflanzenlebens erstreckten sich so weit in allen Richtungen, wie seine Augen sehen konnten. Auch hatte der pulverfeine Staub keine Hufabdrücke aus der vergangenen Nacht bewahrt. Die rote Sonne war irgendwo hinter Wolkenschleiern verborgen, die Luft kühl und dumpf. Die Stille kam Rorie unnatürlich vor.
Er faßte das Ende des Halfterstricks und ermunterte die Stute zum Gehen, machte jedoch keinen Versuch, sie zu führen. Ihr Instinkt mochte sie vor den heimtückischen Gefahren dieses Ortes nicht warnen, aber wenn er sie laufen ließ, wohin sie wollte, würde sie bestimmt Wasser und Weideland finden, einen Weg hinaus aus diesem Alptraum. Vielleicht gab es immer noch ein bißchen Hoffnung … Er glaubte allerdings nicht daran.
Die Zeit schien stillzustehen, während Mann und Pferd durch diese unbeschreiblich trostlose und stille Landschaft wanderten.
Rories Gehirn reagierte träge, als habe sich ein Teil von ihm bereits dem vergifteten Land ergeben. Sogar das Fehlen jeder Nervosität bei der Stute schien ihm ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit zu sein und eher die Stumpfheit als die Intuition des Tieres zu beweisen. Ihre Bewegungen lockerten seine von Furcht verkrampften Muskeln und beruhigten ihn allmählich mit ihrem hypnotischen Rhythmus. Rorie gab sich ihm ebenso wie seiner eigenen überwältigenden Verzweiflung hin.
Er war so gelähmt von der Gewißheit seines Verderbens, daß er beinahe über den Hals des Pferdes nach vorn flog, als es abrupt stehenblieb. Er faßte die Mähne und setzte sich auf dem glatten Rücken zurecht. Sie waren oben auf einem langen, sanften Hang angekommen und blickten auf ein Tal hinunter, das ein Fluß durchschnitt.
Genau in der Mitte, geschützt von den Hügeln ringsum, erhob sich ein Turm.
Es war ein Turm, wie Rorie in seinem kurzen Leben noch keinen gesehen hatte, nicht einmal im Traum. Corandolis und sogar der große Turm zu Hali schienen neben seiner Herrlichkeit nur schäbige Kopien zu sein. Einen solchen Turm, dachte er und spürte ein Zittern durch den Körper der Stute laufen, hatte es in den Domänen seit vielen Jahren nicht mehr gegeben, nicht mehr seit dem Höhepunkt des Comyn-Wahnsinns.
Noch in dem verschleierten roten Licht schimmerte und leuchtete er, als seien Splitter von Sternensteinen in sein Fundament gemischt.
Seine schwebenden Linien sprachen von Anmut und Vertrauen, von Bautechniken, die über bloßes menschliches Maurerhandwerk weit hinausgingen. Und er stand unversehrt in seiner Pracht, unberührt von der Verwüstung, die ihn umgab.
Rorie stieß den angehaltenen Atem aus. Die Stute fiel in einen munteren Trab und richtete die gespitzten Ohren nach vorn. Ohne Befehl ging sie in einen ruckenden Galopp über und fegte den Hang hinunter auf den schimmernden Turm zu.
Das majestätische Tor stand offen. Als Rorie es erreichte, lief eine schlanke Gestalt in leuchtendem Blau herbei, die Hände zum Willkommen ausgestreckt, das lange rote Haar wie ein Banner flatternd.
Ein Mädchen. Ein Comyn-Mädchen.
Rorie faßte den Halfterstrick und brachte die Stute gleich innerhalb des Turmtors zum Stehen. Sein Blick hing an dem Mädchen, und er erkannte, daß sie kein Kind mehr war, sondern eine junge und schöne Frau. Im Hof hinter ihr sprudelte eine Quelle, und er erhaschte einen Blick auf das Grün lebender Pflanzen.
»Gesegnete Cassilda, du bist gekommen!« rief das Mädchen und hob die Arme, um den Kopf der Stute festzuhalten. Sie sah mit großen grünen Augen in einem perfekt herzförmigen Gesicht zu ihm auf. Ihre Wangen waren zart rosig übergossen. Sie begegnete seinem Blick mit einer Ungezwungenheit, die nur von einer Turmausbildung herstammen konnte, und er nahm den unmißverständlichen Hauch von starkem Laran wahr.
»Ich - ich verstehe nicht«, brachte Rorie stotternd hervor. Sein Herz raste ebenso ob ihrer beunruhigenden weiblichen Gegenwart wie wegen der Entdeckung des Turmes. »Was tust du hier?«
Sie schüttelte den Kopf, und das Licht tanzte auf ihrer wundervollen Kupfermähne. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht, solange ich allein war, aber jetzt, da du hier bist und helfen kannst, wird alles in Ordnung kommen. Bitte, steig ab. Darf ich dir irgend etwas bringen? Wasser? Essen - Futter für dein Pferd?«
Rorie gehorchte der leisen Andeutung eines Befehls im Ton ihrer Stimme und glitt vom Rücken der Stute. »Wasser, denke ich. Um den Staub abzuwaschen.« Sein unausgesprochener Gedanke dabei war: Wird das jetzt noch etwas nützen?
Sie lachte und ging zu der Quelle voraus. »Die Angst hatte ich anfangs auch, aber so benachteiligt dieser Kreis auch ist, er hat große Heilkräfte. Hier bin ich als Beweis, gesund und munter.«
Die Stute steckte die Nase ohne Zögern in das klare Wasser, und Rorie wusch sich Gesicht und Hände. Dann drehte er sich wieder zu der Comyn-Dame um. »Wer bist du? Was tust du hier inmitten dieser … ?«
»Ich bin Shani, ursprünglich ausgebildet in - aber das ist lange her.
Ich werde dich nicht fragen, von welchem Turm du kommst.
Wichtig ist allein, was uns gemeinsam gelingen wird, Rorie. Wir werden beide so verzweifelt gebraucht.«
Rorie wandte das Gesicht vor ihrem intensiven Blick ab. Jetzt wußte er, ihre Fähigkeiten waren so groß, daß sie seinen Namen und sein Widerstreben, über seine Verbannung aus Corandolis zu berichten, in seinen Gedanken erkennen konnte. »Wozu brauchst du mich?« fragte er.
»Du weißt, was das hier für ein Ort ist?«
»Ein Turm - heil, aber offensichtlich verlassen, umgeben von Knochenwasserstaub.«
Shani nickte. »Nur eine der vielen schrecklichen Laran-Waffen, die die Domänen gegeneinander einsetzten. Aber obwohl es auf diesen Turm, von dem sogar der Name verlorengegangen ist, einen Angriff gegeben hat, wurde er nicht zerstört.«
»Ja, ich sehe …«
»Den Turmkreis gibt es noch, und er hat noch seine Matrix-Schirme.«
»Das ist doch nicht möglich, nicht nach Hunderten von Jahren!«
»Ich werde es dir gleich zeigen. Aber überlege - wie könnten diese Mauern sonst noch stehen? Wie könnte es sonst eine Quelle mit reinem Wasser und ungefährliche Nahrung für Mensch und Tier geben?«
Rorie fand keine Antwort. Er folgte Shani durch einen zierlichen Bogengang in den zentralen Turm. Sie durchquerten den Gemeinschaftsraum mit seinen bequemen Möbeln und dem großzügigen Kamin. Alles sah so frei von Zerfall und Zerstörung aus, als sei der Turm bewohnt. Rorie hätte geglaubt, er werde immer noch Tag für Tag benutzt, wäre da nicht eine unnatürliche Dichte in den Schatten gewesen, die ihm sagte, es sei lange Jahre her, daß jemand auf diesen Kissen gesessen oder das Feuer in dem kalten Kamin entzündet hatte.
Die Treppe war breit, so weiträumig und luftig wie alles im Turm.
Mit Hilfe von Laran gebaut, war er ein Beispiel für die darkovanische Liebe zu offenen Räumen und natürlichem Licht.
Rorie spürte die Energien des zentralen Turmraumes, noch bevor sie ihn betraten. Es war, als nähere er sich einer riesigen Batterie, in der gerade noch unter Kontrolle gehaltene Kräfte flossen. Sogar bei seinem geringen, kaum entwickelten Talent und obwohl sein Sternenstein in isolierende Seide gehüllt war, griff die hier gespeicherte Energie hungrig nach ihm. Die Haare in seinem Nacken richteten sich auf.
Shani drehte sich zu ihm um, die grünen Augen voller Mitgefühl.
»Da ist keine Gefahr, wirklich nicht. Nur die Größe der Matrix ist anfangs ein bißchen beunruhigend, aber der Kreis hat sie fest im Griff.« Sie öffnete die Tür und trat zur Seite, um ihn vorgehen zu lassen.
Rorie kam in einen großen, kreisrunden Raum, der bequem, um nicht zu sagen luxuriös, möbliert war. Auf einem runden Tisch lag der riesige Kristall, funkelnd in Blau und Silber … und um ihn saßen neun Männer und Frauen, reich gekleidet und übergossen von flackerndem Licht. Ihre Züge trugen den Stempel von starkem Laran, durch generationenlange Zucht und hartes Training geprägt.
Alle waren sie jung und schön und hatten Haar in den Schattierungen eines feurigen, beinahe aggressiven Rot, das in sanften Wellen fiel, während sie sich auf den pulsierenden Stein in der Mitte konzentrierten.
»Der Kreis«, flüsterte Shani. »Noch genauso, wie sie sich in jener letzten, tödlichen Schlacht aus der Zeit ausschlossen. Niemand weiß, gegen wen sie kämpften und warum. Alles, was wir sehen können, ist das wüste Land, das die Folge davon ist … und diese kleine Insel der Sicherheit, die sie für sich selbst aussparen konnten.«
»Ich finde nicht, das es ihnen viel genützt hat«, meinte Rorie.
»Selbst wenn sie sich befreien könnten, wie sollten sie der Knochenwasserkrankheit entgehen? Wenn sie dazu imstande wären, hätten sie es bestimmt längst getan, ohne auf die klägliche Hilfe zu warten, die ich ihnen vielleicht leisten kann.« Wie soll ich denn wissen, dachte er, ob sie diejenigen sind, die sich verteidigten, und nicht Eindringlinge aus dem wüsten Land draußen? Und selbst wenn es möglich wäre, dürfte ich es wagen, sie loszulassen - Telepathen dieser Größenordnung, die dem Vertrag keine Loyalität schulden?
Er dachte an Mirelle, Bewahrerin von Corandolis, und ihre ständigen Warnungen, ihr unaufhörliches Wachen darüber, daß Laran nur für ungefährliche, vom Vertrag genehmigte Zwecke eingesetzt wurde. Aus diesem Grund fürchtete sie sich, ein Talent anzuerkennen, das sie nicht kontrollieren konnte …
»Hast du nicht zugehört?« tadelte Shani ihn. Der melodische Klang ihrer Stimme, auch wenn sie schalt, riß ihn aus seinen Zweifeln. »Sie benutzten den Matrix-Schirm, um sich selbst und in geringerem Ausmaß den ganzen Turm zu schützen. Für irgendwelche spontanen Aktionen ist keine Energie mehr übrig.
Hier haben sie gesessen, in ihre eigene Rettung eingeschlossen. Aber mit meinem Laran - und deinem - können wir ihnen das Quantum an zusätzlicher Energie geben, das sie brauchen, um sich loszumachen. Dann werden sie das Land mit Hilfe des Sternensteins säubern, damit es von neuem leben kann. Ist das nicht ein kleines Risiko wert?«
»Ich weiß nicht. Selbst wenn sie es könnten … selbst wenn ich es könnte …«
»Zweifelst du an meinem Urteilsvermögen?« Die scharfe Frage wurde mit der Autorität einer Bewahrerin gestellt. Der Sternenstein zwischen Shanis Brüsten flammte vor Energie. »Oder bist du der sprichwörtliche Blinde, der die Existenz von Farbe leugnet, nur weil er sie mit seinen eigenen Sinnen nicht wahrnehmen kann?«
Rorie zuckte die Schultern. Er hatte Mirelle nicht widersprochen, als sie ihn aus Corandolis weggeschickt hatte, und ebensowenig fühlte er sich hier berechtigt, Shanis Forderung zurückzuweisen. Ihr ausgebildetes Talent zeigte sich in jeder ihrer Gesten, und er war sich seiner eigenen Grenzen mit peinlicher Deutlichkeit bewußt.
Sie nickte, lächelte leicht. Lag eine Andeutung von Befriedigung in diesem Lächeln? Willst du alles in Zweifel ziehen? fragte sich Rorie selbst. Was für ein erbärmliches Mittel, um die Überreste deiner Selbstachtung zu retten!
Shani streckte die Hand aus und führte die Fingerspitzen so dicht über sein Handgelenk, daß Rorie einen leichten elektrischen Schlag erhielt, obwohl kein wirklicher Kontakt stattgefunden hatte. Er erkannte es als die klassische Berührung einer Bewahrerin - flüchtig, andeutend, unverbindlich.
»Da ist dein Platz«, sagte sie mit leiser, kehliger Stimme, »da …«
Sie nickte zu einer Lücke im Kreis der Matrix-Arbeiter in ihrer Trance hin. »Und da ist meiner.«
Rorie dachte einen Augenblick lang, der Platz, den sie für sich in Anspruch nahm, müsse der Platz der Bewahrerin sein, aber sofort verwarf er den Gedanken wieder als lächerlich. Shani war trotz der Ausbildung, die sie offensichtlich genossen hatte, nicht Teil des ursprünglichen Kreises, sondern eine Wanderin wie er, angezogen von der Konzentration der Laran-Kraft und dann von der zwingenden Not des Turmes und ihrem eigenen Mitleid festgehalten.
»Wir schließen uns also dem Kreis an?« fragte er.
Shani stand hinter ihm, als wolle sie ihm helfen, Platz zu nehmen.
Rorie wandte den Kopf und sah ihre Augen auf ihm ruhen wie leuchtende grüne Edelsteine, wie die Augen eines Falken, der den Bau eines Rabbithorns überwacht. Seine Handflächen wurden klamm. Unbeholfen begann er, sich auf die gepolsterte Bank niederzulassen, verlor das Gleichgewicht und streckte die Hand aus, um sich festzuhalten.
Als seine Finger durch den äußeren Rand der Energon-Ringe fuhren, rasten gewaltige Energien seine Nervenbahnen entlang.
Rorie keuchte. Er hatte gewußt, daß die Matrix stark war, doch von ihrer wahren Größe hatte er keine Ahnung gehabt. Kein Wunder, daß sie fähig war, genug Laran zu bündeln, um die Turmarbeiter durch all die Jahre gegen Knochenwasserstaub und andere, ebenso furchtbare Waffen zu schützen! Schon eine zufällige Berührung des äußeren Randes genügte, das Herz eines Menschen zum Stillstand zu bringen.
Rories Sicht trübte sich, er blinzelte … und fuhr zusammen. Denn über den Männern und Frauen des Kreises, die in zeitloser Konzentration und Schönheit erstarrt waren, lagen Bilder des Grauens. Diese gelassenen Gesichter waren nichts als Hüllen für ekelerregenden Zerfall, Fetzen verkohlten Fleisches, das in Streifen von weißen Knochen hing. Ein trübes blaues Licht spielte über die Augenhöhlen hin und wurde in ihren Tiefen schwach reflektiert.
Statt anmutig gewölbter Hände sah er die Klauen von Skeletten, geprägt von Qual und Gier und nacktem psychischem Hunger.
Durch die Grenzbereiche seines Bewußtseins heulte das Echo ihres Todeskampfes. Aber Rorie sah nicht, wie er zuerst geglaubt hatte, Traurigkeit und Niederlage, ein Anklammern an eine letzte, verzweifelte Hoffnung auf Überleben, sondern nackten Verrat, den brennenden Schmerz von Seelen, auf ewig verdammt zu einer Hölle, die sie sich selbst geschaffen hatten.
Der Kreis hatte sich, anders, als Shani behauptet hatte, nicht durch die riesige Matrix geschützt. Sie war so lange Zeit ein Instrument der Verwüstung und auf unvorstellbar Böses ausgerichtet gewesen, daß sie am Ende ein eigenes Bewußtsein gewann. Es kannte nur ein Ziel - zu überleben. Die Turmarbeiter hatten in ihren letzten panikerfüllten Augenblicken nach der Matrix-Energie gegriffen, doch die Matrix hatte sie verschlungen, hatte ihnen die kostbaren Laran-Kräfte ausgesaugt, bis nur noch leere Hüllen übrigblieben.
Früher einmal waren sie mächtige Telepathen gewesen, diese Männer und Frauen des unbekannten Turmes, die Besten einer ganzen Tradition selektiver Inzucht und erschöpfender Ausbildung.
Ihre Energien hatten den Stein viele Jahre lang gespeist.
Jetzt waren seine Reserven geschwunden, seine Kraft ließ nach, und auch das wüste Land, in dem er wie ein Schmuckstück des Bösen lag, konnte ihn nicht versorgen. Er hatte hinausgegriffen und Rorie in sein Netz gezogen, ebenso wie vor ihm Shani.
Er mußte sie warnen - mußte sie hier wegbringen, mußte mit ihr verschwinden, bevor es zu spät war! Der Kreis, wie er dort saß, war nichts als eine Illusion, die Not der Menschen nichts als ein dünner Schleier für den Heißhunger des Steines.
»Sh-Shani! Ich glaube …« Er suchte nach Worten, mit denen er sie warnen würde, ohne das, was in dem Stein lauern mochte, zu alarmieren. »Ich muß mich ein bißchen ausruhen, bevor wir es versuchen. Ich bin … Weißt du, mein Laran ist nicht sehr stark, und ich habe eine anstrengende Nacht hinter mir.«
Rorie stand auf, wobei er sorgfältig einen weiteren Kontakt mit den Energon-Feldern der Riesenmatrix vermied, und wandte sich ihr zu …
Er sah ihre Schönheit und die subtile Verschmelzung von verführerischer Weiblichkeit und der Distanz einer Bewahrerin, die sie um ihre Person spann. Aber darunter lag, das ganze Bild durchdringend, eine ebenso üble Verderbtheit, wie er sie an dem Kreis wahrgenommen hatte. Rorie erkannte, daß Shani tatsächlich die Bewahrerin des Kreises war, und durch sie war es geschehen, daß die anderen ausgesaugt wurden. Unruhige blaue Lichter flackerten hinter ihren Augen, und eine flüchtige Sekunde lang fing er den Geruch von Verwesung in ihrem süßen Atem auf. Das Zeichen des riesigen Sternensteins lag auf ihr wie ein Todesschleier.
Sie öffnete ihren Rosenknospenmund, und er sah den verfaulten Schädel, dessen Kiefer sich voller Vorfreude öffneten.
Ohne nachzudenken, packte Rorie sie bei den Schultern. Ihm war vage bewußt, daß er das unvorstellbare Verbrechen beging, eine im Turm ausgebildete Frau körperlich anzugreifen, eine Bewahrerin, die schon gegen den Gedanken an eine unerwünschte Berührung hätte gefeit sein sollen. Verzweifelt zerrte er sie über die Bank, benutzte Hüft- und Schenkelmuskeln, um sie herumzuhebeln und in das Zentrum der Matrix zu stoßen.
Sie stieß einen durchdringenden Schrei aus. Tentakel aus funkelndem blauem Feuer sprangen aus dem Kristall und peitschten gegen Rories Herz. Er warf sich zurück, aber die gepolsterte Bank geriet ihm in die Kniekehlen und verlangsamte seinen Fall. Dann packten die Energon-Felder ihn, und seine Nerven vibrierten in plötzlicher Qual.
Die Matrix zog ihn in ihren wirbelnden Kern, und Rorie spürte seinen sterblichen Körper nicht mehr. In der Sphäre herumgeschleudert, erlebte er Energie als visuelle Sensation, so deutlich, wie ihm sein normales Sehvermögen nie etwas vermittelt hatte. Er spürte die Schatten der Geister, die vor ihm eingefangen worden waren, dünne Echos von einstmals lebensprühenden Persönlichkeiten, die jetzt, gnadenlos ausgesaugt von der Matrix, mit der Zeit zu leeren Hüllen geworden waren.
Das Zentrum des Dings ragte vor ihm auf, ein Maul aus Schwärze, pulsierend und puckernd, als heiße es ihn schon in seinen Tiefen willkommen. Jede Fiber von Rories Bewußtsein wich vor ihm zurück, denn ihn erwartete nicht einfach die Auslöschung, sondern eine mentale Sklaverei, die Jahrhunderte andauern würde, bis der letzte Hauch von Wahrnehmungsvermögen seinen Geist verließ.
Während er gegen die Anziehungskraft der Matrix kämpfte, fragte Rorie sich, welche Verwendung sie für ihn haben könne. Er verstand durchaus die Gier des Kristalls nach hochtalentierten, ausgebildeten Menschen wie den Mitgliedern des ursprünglichen Kreises … oder eines jeden der Turmarbeiter, mit denen er so kurze Zeit studiert hatte. Aber er war als unzulänglich aus dem Turm weggeschickt worden. Mirelle, seine Bewahrerin, hatte es ihm in unmißverständlichen Worten gesagt. Wie konnte er genug Laran haben, um für die Matrix von irgendwelchem Wert zu sein?
Dann wurde es ihm klar … Die Matrix war kein lebendes, denkendes Wesen, und als solche war sie den Täuschungen und Vorurteilen des menschlichen Verstandes nicht unterworfen. Sie wußte nicht, daß er zu nichts nütze war; keine Bewahrerin hatte es ihr aus persönlichen oder politischen Gründen je gesagt. Deshalb hatte sie sich allein auf ihre eigenen beschränkten Wahrnehmungen von ihm verlassen - und diese Wahrnehmungen hatten ihr verraten, daß in Rorie die Kraft lag, die sie zur Fortsetzung ihrer parasitären Existenz brauchte. Es mußte etwas in ihm liegen, etwas, wofür seine eigene Bewahrerin blind gewesen war, ebenso wie er in der Dunkelheit blind war. Vielleicht, so sickerte ein Gedanke durch sein schwindendes Bewußtsein, hatte Mirelle es in ihm gespürt, war aber in einem durch Furcht und Schuldbewußtsein konditionierten Reflex davor zurückgescheut.
Die gleiche Fähigkeit - Rorie konnte sie nicht länger als Makel betrachten - , die seine Nachtsicht minderte, lieferte ihm die wahren Bilder der Leichen, die einmal der Turmkreis gewesen waren, und sie ließ ihn ebenso die Matrix als das böse Ding erkennen, das sie war, und würde ihm auch die Werkzeuge geben, sie zu besiegen …
Zorn loderte in ihm auf, heiß und rot im Kontrast zu dem kränklichen Blau der Matrix. Er nährte ihn mit seinem Willen zu leben. Mit der gleichen Hartnäckigkeit hatte er sich geweigert aufzugeben, als die Räuber in der vergangenen Nacht über ihn hergefallen waren. Wie konnte dieses Ding, diese bloße unbelebte Masse aus Kristall und Energonen-Ring es wagen, einen menschlichen Verstand zu zerstören, sich ohne Gewissen oder Grund an kostbaren Comyn-Talenten zu mästen! Gab es eine größere Sünde, eine obszönere Beleidigung der Götter?
Maschine! brüllte es durch Rories Gedanken. Sie ist nichts als eine im Vertrag verbotene Maschine! Wäre er in seinem physischen Körper gewesen, hätte er vor Empörung ausgespieen. Aber gerechte Entrüstung allein konnte den ungeheuer mächtigen Sternenstein, der ihn in seinem Kern festhielt, nicht besiegen.
Sein physischer Körper … er konnte ihn spüren, wie er an der gepolsterten Bank halb zu Boden gesunken war. Hand - er mußte seine Hand bewegen! Er legte seinen ganzen Willen in den Befehl und fühlte die Schattenhand sich auf den Griff des Schwertes zubewegen, das immer noch an seinen Rücken geschnallt war. Die weißen und blauen Energien des Kristalls knisterten um ihn und wollten ihm nicht einmal diese kleine Freiheit lassen.
Rories Entschlossenheit wuchs. Wenn sich das Ding gegen irgend etwas wehrte, wollte er das mit aller Macht tun. Lungen - einatmen!