DREIZEHNTES KAPITEL
Panik
1
Ein paar Sekunden - er hatte keine Ahnung, wie
viele es waren - steckte Thad im Klammergriff einer so
überwältigenden und grenzenlosen Panik, daß er buchstäblich
außerstande war, auf irgendeine Art zu reagieren. Es war
erstaunlich, daß er überhaupt noch atmen konnte. Später fiel ihm
ein, daß er nur ein einziges Mal in seinem Leben etwas empfunden
hatte, das diesem Erlebnis entfernt ähnlich war. Das war, als er
zehn Jahre alt war und mit zweien seiner Freunde beschlossen hatte,
Mitte Mai baden zu gehen. Es war mindestens drei Wochen früher, als
einer von ihnen je baden gegangen war, aber es schien ihnen
trotzdem eine gute Idee zu sein; der Tag war klar und für einen
Maitag in New Jersey sehr warm, um die achtundzwanzig Grad. Sie
waren alle drei zum Lake Davis hinuntergewandert, ihr Spottname für
einen kleinen Teich, etwa eine Meile von Thads Elternhaus in
Bergenfield entfernt. Er hatte als erster seine Kleider ausund
seine Badehose angezogen und war somit auch als erster im Wasser
gewesen. Er war einfach vom Ufer aus hineingehechtet, und er
glaubte noch heute, daß er damals dem Tode sehr nahe gewesen war -
wie nahe, wollte er lieber nicht wissen. Es war durchaus
möglich, daß sich die Luft an jenem Tag anfühlte wie im
Hochsommer, aber das Wasser fühlte sich an wie an einem Tag
im Frühwinter, bevor Eis die Oberfläche überzieht. In seinem
Nervensystem hatte es fast einen Kurzschluß gegeben. In seinen
Lungen war die Luft zum Stocken gekommen, sein Herz hatte mitten im
Schlagen ausgesetzt, und als er auftauchte, glich er einem Wagen
mit leerer Batterie, und er brauchte einen Blitzstart, brauchte ihn
schnell und wußte nicht, wie er es bewerkstelligen sollte. Er
wußte noch, wie hell die Sonne geschienen hatte, wie sie
zehntausend Goldfunken aus der blauschwarzen Wasseroberfläche
herausschlug, er erinnerte sich an Harry Black und Randy Wister,
die am Ufer standen, wie Harry die verblichene Turnhose über sein
massiges Hinterteil zog, wie Randy nackt dastand, nackt mit der
Badehose in der Hand, und rief: Wie ist das Wasser, Thad?,
als er auftauchte, und er hatte nur denken können: Ich sterbe.
Ich bin hier in der Sonne mit meinen beiden besten Freunden und die
Schule ist aus und ich habe keine Hausaufgaben und im Fernsehen
gibt es heute abend Mr. Blandings Builds His Dream House und
Mom hat gesagt ich dürfte vor dem Fernseher essen, aber ich werde
es nicht sehen, weil ich dann tot bin. Was nur Sekunden zuvor
müheloses, unkompliziertes Atmen gewesen war, war eine verklumpte
Turnsocke in seiner Kehle, etwas, das er weder herausstoßen noch
einsaugen könnte. Sein Herz lag wie ein kleiner, kalter Stein in
seiner Brust. Dann war er durch, er holte tief und keuchend Luft,
seinen ganzen Körper überlief eine Gänsehaut, und er hatte Randy
mit der gedankenlosen, boshaften Schadenfreude, zu der nur kleine
Jungen imstande sind, zugerufen: Das Wasser ist prima! Spring
rein! Erst Jahre später ging ihm auf, daß er damit einen von
ihnen oder beide hätte umbringen können, so, wie er sich selbst
beinahe umgebracht hatte.
So fühlte er sich jetzt; er befand sich in genau
demselben Zustand völligen körperlichen Stillstands. Bei der Armee
hatte es eine Bezeichnung für etwas dergleichen gegeben - was war
es noch gewesen? Ein Komplettscheiß. Ja. Gute Bezeichnung. Wenn es
um das Erfinden solcher Ausdrücke ging, war die Armee nicht zu
schlagen. Nun saß er hier mitten in einem ganz großen
Komplettscheiß. Er saß auf dem Stuhl, vorgebeugt, den Hörer noch in
der Hand, und starrte auf den leeren Fernsehschirm. Er war sich
vage bewußt, daß Liz an der Schwelle erschienen war, daß sie ihn
zuerst fragte, wer das gewesen war, und dann, was passiert war, und
es war genau so wie an jenem Tag am Lake Davis, der Atem eine
schmutzige Baumwollsocke in seiner Kehle, alle Kommunikationslinien
zwischen Herz und Gehirn gerissen, wir bitten, die unvorhergesehene
Unterbrechung zu entschuldigen,
die Fahrt wird so schnell wie möglich fortgesetzt, bitte genießen
Sie inzwischen Ihren Aufenthalt im hübschen Endsville, dem Ort, an
dem alle Züge enden.
Dann war er plötzlich durch, so wie er damals
durchgekommen war, und er holte tief Atem. Sein Herz machte zwei
wilde Sprünge in seiner Brust und nahm dann seinen regulären
Rhythmus wieder auf - aber es schlug nach wie vor schnell, viel zu
schnell.
Dieses Kreischen. Großer Gott im Himmel, dieses
Kreischen.
Jetzt lief Liz durch das Zimmer, und er begriff
erst, daß sie ihm den Telefonhörer aus der Hand genommen hatte, als
er hörte, wie sie immer wieder Hallo und Wer ist
dort? hineinrief. Dann hörte sie den Summton der unterbrochenen
Verbindung und legte den Hörer auf.
»Miriam«, brachte er schließlich heraus, als Liz
sich zu ihm umdrehte. »Es war Miriam, und sie hat geschrien.«
Außer in Büchern habe ich noch nie jemanden
umgebracht.
Die Sperlinge fliegen wieder.
Hier unten nennen wir das
Metzgerfüllsel.
Müssen uns auf den Weg nach Norden machen, alter
Freund. Du mußt mir ein Alibi zurechtlügen, weil ich mich auf den
Weg nach Norden machen muß. Muß mir eine Scheibe Fleisch
abschneiden.
»Miriam? Sie hat geschrien? Miriam Cowley?
Thad, was geht da vor?«
»Er war es«, sagte Thad. »ich wußte, daß er es war.
Ich glaube, ich wußte es vom ersten Augenblick an, und heute -
heute nachmittag hatte ich wieder eine.«
»Was hattest du?« Ihre Finger wanderten zu
den Seiten ihres Halses und rieben ihn. »Wieder ein Blackout? Eine
Trance?«
»Ja«, sagte er. »Zuerst waren wieder die Sperlinge
da. Ich habe eine Menge verrücktes Zeug auf ein Blatt Papier
geschrieben, während ich nicht bei mir war. Ich habe es
weggeworfen, aber ihr Name stand auf dem Blatt, Liz,
Miriam gehörte zu dem, was ich geschrieben habe, als ich
abwesend war - und...«
Er brach ab. Seine Augen wurden immer größer.
»Thad, was ist?« Sie ergriff einen seiner Arme,
schüttelte ihn. »Was ist los?«
»In ihrem Wohnzimmer hängt ein Poster«, sagte er.
Er hörte seine Stimme, als gehörte sie einem anderen - eine Stimme,
die sich anhörte, als käme sie aus großer Entfernung. Vielleicht
über eine Gegensprechanlage. »Ein Poster von einem
Broadway-Musical. Cats. Ich habe es gesehen, als ich das
letzte Mal bei ihr war. Cats. JETZT UND IMMER. Auch das habe
ich geschrieben. Ich habe es geschrieben, weil er dort war, und
ich war gleichfalls dort, ein Teil von mir war dort, ein
Teil von mir hat mit seinen Augen gesehen...«
Er sah sie an. Sah sie mit weit aufgerissenen Augen
an. »Das ist kein Tumor, Liz. Jedenfalls keiner, der in meinem
Körper steckt.«
»Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest!«
Liz schrie die Worte fast heraus.
»Ich muß Rick anrufen«, murmelte er. Ein Teil
seines Verstandes schien abzuheben, brillant durch die Luft zu
segeln und in Bildern und krassen Symbolen mit sich selbst
Zwiesprache zu halten. Das geschah manchmal, wenn er schrieb, aber
er konnte sich nicht erinnern, daß es ihm schon einmal im
wirklichen Leben passiert war. Oder war Schreiben etwa das
wirkliche Leben? fragte er sich plötzlich. Er glaubte es nicht.
Eher eine Art Zwischenzeit.
»Thad, bitte!«
»Ich muß Rick anrufen. Er ist vielleicht in
Gefahr.«
»Thad, du redest ungereimtes Zeug.«
Ja, natürlich war es ungereimt. Und wenn er sich um
eine Erklärung bemühte, würde es noch ungereimter werden. Während
er sich damit aufhielt, seiner Frau seine Ängste anzuvertrauen, was
vermutlich nur zu der Überlegung führen würde, wie lange es dauern
mochte, die erforderlichen Einweisungspapiere zu beschaffen, konnte
Stark die neun Häuserblocks in Manhattan hinter sich bringen, die
Ricks Wohnung von der Miriams trennten. Auf dem Rücksitz eines
Taxis oder am Steuer eines gestohlenen Wagens, vielleicht sogar am
Steuer des schwarzen Toronado, den er im Traum gesehen hatte - wenn
man auf dem Weg in den Wahnsinn schon so weit gekommen war, warum
dann nicht gleich die
ganze Strecke? Saß da, rauchte, bereitete sich darauf vor, Rick
umzubringen, wie er Miriam...
Hatte er sie umgebracht?
Vielleicht hatte er sie nur eingeschüchtert, sie
schluchzend und im Schock zurückgelassen. Oder vielleicht hatte er
sie verletzt - nicht vielleicht, wahrscheinlich. Was hatte sie
gesagt? Er soll mich nicht wieder schneiden, der böse Mann soll
mich nicht wieder schneiden. Und hatte auf dem Zettel nicht auch
enden gestanden?
Ja, es hatte darauf gestanden. Aber das hatte mit
dem Traum zu tun, oder? Das hatte mit Endsville zu tun, dem Ort, an
dem alle Züge enden - oder etwa nicht?
Er betete darum, daß es so wäre.
Er mußte zusehen, daß ihr geholfen wurde, und er
mußte Rick warnen. Aber wenn er Rick anrief, so aus heiterem
Himmel, und ihm sagte, er solle sich vorsehen, dann würde Rick den
Grund wissen wollen.
Was ist los, Thad? Was ist passiert?
Und wenn er Miriams Namen auch nur erwähnte, würde
Rick auf dem schnellsten Wege zu ihr fahren, weil er sie immer noch
liebte. Und er würde sie finden - vielleicht in Stücke gehauen (ein
Teil von ihm versuchte, vor diesem Gedanken zurückzuscheuen, diesem
Bild, aber der Rest seines Verstandes war unerbittlich, zwang ihn,
sich vorzustellen, wie die hübsche Miriam aussehen würde, zerhackt
wie Fleisch auf dem Tresen eines Schlachters).
Und vielleicht war es gerade das, worauf Stark
spekulierte. Der dämliche Thad, der Rick in eine Falle schickte.
Der dämliche Thad, der seine Arbeit erledigte.
Aber habe ich denn nicht schon immer seine
Arbeit erledigt? Darum ging es doch im Grunde bei dem Pseudonym,
oder etwa nicht?
Sein Verstand begann wieder zu blockieren, sich zu
verkrampfen wie ein überanstrengter Muskel, zu einem
Komplettscheiß, und das konnte er sich nicht leisten, das konnte er
sich auf gar keinen Fall leisten.
»Thad - bitte! Sag mir, was passiert
ist!«
Er holte tief Luft und ergriff ihre kalten Arme mit
seinen kalten Händen.
»Es war der Mann, der Homer Gamache und Clawson
umgebracht hat. Er war bei Miriam. Er hat - sie bedroht. Ich hoffe
jedenfalls, daß er nur das getan hat. Ich weiß es nicht. Sie hat
geschrien. Dann riß die Verbindung ab.«
»Oh, Thad! Großer Gott!«
»Wir können es uns nicht leisten, in Hysterie zu
verfallen«, sagte er - auch wenn ein Teil von mir das liebend
gern täte. »Lauf hinauf. Hol dein Adreßbuch. in meinem stehen
Miriams Telefonnummer und Adresse nicht, aber ich glaube, in
deinem.«
»Was meintest du, als du sagtest, du hättest es von
Anfang an gewußt?«
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Hol dein
Adreßbuch, und zwar schnell. Okay?«
Sie zögerte noch einen Moment.
»Sie kann verletzt sein! Mach zu!«
Sie machte kehrt und lief aus dem Zimmer. Er hörte
das schnelle, leichte Tappen ihrer Füße auf der Treppe und
versuchte, sein Denkvermögen wieder in Gang zu bringen.
Nicht Rick anrufen. Das wäre ein Fehler - es
konnte eine Falle sein.
Okay, so weit zumindest sind wir gekommen.
Wenigstens ein Anfang. Wen dann?
Die New Yorker Polizei? Nein; die würde nur einen
Haufen zeitraubender Fragen stellen - wie es käme, daß ein Mann aus
Maine ein Verbrechen in New York meldete, und so weiter. Nicht die
New Yorker Polizei. Auch das wäre ein Fehler.
Pangborn.
Sein Verstand hielt den Gedanken fest. Zuerst würde
er Pangborn anrufen. Er würde sehr darauf achten müssen, was er
sagte, jedenfalls jetzt. Was er ihm später erzählte oder verschwieg
- über die Trancezustände, über die Sperlinge, über Stark -,
würde sich finden. Im Augenblick ging es nur um Miriam. Wenn Miriam
verletzt, aber noch am Leben war, dann half er ihr nicht, indem er
Dinge zur Sprache brachte, die Pangborn am schnellen Handeln
hindern würden. Er war es, der die Polizei in New York anrufen
mußte. Sie würde schneller reagieren, wenn der Anruf von einem
Kollegen kam, selbst wenn dieser Kollege im fernen Maine
amtierte.
Aber zuerst Miriam. Gott gebe, daß sie sich am
Telefon meldete.
Liz hastete mit ihrem Adreßbuch ins Zimmer. Ihr
Gesicht war jetzt fast ebenso blaß wie damals, als es ihr endlich
gelungen war, William und Wendy in die Welt zu befördern. »Hier ist
es«, sagte sie, schwer atmend, fast keuchend.
Kein Grund zur Aufregung, hätte er ihr gern
erklärt, aber er tat es nicht. Er wollte nichts sagen, was sich
ohne weiteres als Lüge erweisen konnte - und Miriams Kreischen ließ
vermuten, daß eine Menge Grund zur Aufregung bestand und daß Miriam
möglicherweise ein für allemal über das Stadium der Aufregung
hinaus war.
Hier ist ein Mann, hier ist ein böser
Mann.
Thad dachte an George Stark und schauderte ein
wenig. Er war in der Tat ein sehr böser Mann. Niemand wußte das
besser als Thad. Schließlich war er es gewesen, der George Stark
von Anfang an aufgebaut hatte, oder etwa nicht?
»Wir sind okay«, sagte er zu Liz - das zumindest
entsprach der Wahrheit. Sein Verstand verlangte, daß er flüsternd
hinzusetzte: Vorerst. »Nimm dich zusammen, wenn du kannst,
Baby. Du hilfst Miriam nicht, wenn du ohnmächtig wirst.«
Sie setzte sich hin, mit stocksteifem Rücken,
starrte ihn an und benagte rastlos ihre Unterlippe.
Er begann, Miriams Nummer einzutippen. Seine
zitternden Finger stolperten bei der zweiten Ziffer, drückten die
Taste zweimal. Du bist genau der Richtige, anderen zu sagen, sie
sollten sich zusammennehmen. Er holte tief Atem, hielt die Luft
an, drückte die Unterbrechertaste und begann von neuem, zwang sich
zu langsamerem Vorgehen. Er drückte die letzte Taste und hörte das
mehrmalige Klicken, mit dem die Verbindung zustande kam.
Lieber Gott, laß sie heil und gesund sein, und
wenn sie nicht ganz heil ist, und wenn Du das nicht bewerkstelligen
kannst, dann laß sie wenigstens in einem Zustand sein, in dem sie
den Hörer abnehmen kann. Bitte.
Aber das Telefon läutete nicht. Es kam nur das
monotone Besetztzeichen. Vielleicht war die Leitung tatsächlich
besetzt; vielleicht rief sie Rick an oder das Krankenhaus.
Vielleicht lag der Hörer neben dem Apparat.
Es gab noch eine andere Möglichkeit, dachte er, als
er wieder auf die Unterbrechertaste drückte. Vielleicht hatte Stark
das Kabel aus der Wand gerissen. Oder vielleicht (der böse Mann
soll mich nicht wieder schneiden) hatte er es
zerschnitten.
Wie er Miriam zerschnitten hatte.
Rasiermesser, dachte Thad, und ein Schauder
überlief ihn. Auch dieses Wort hatte er auf den Zettel geschrieben.
Rasiermesser.
2
Die nächste halbe Stunde war eine Rückkehr zu dem
seltsamen Gefühl der Unwirklichkeit, das ihn befallen hatte, als
Pangborn und die beiden Staatspolizisten in seinem Haus erschienen
waren, um ihn wegen eines Mordes zu verhaften, von dem er nicht
einmal wußte. Es fehlte das Empfinden persönlichen Bedrohtseins -
zumindest unmittelbaren Bedrohtseins -, aber er hatte nach
wie vor das Gefühl, als ginge er durch einen dunklen Raum voller
zarter Spinnwebfäden, die ihm übers Gesicht wischten, ihn zuerst
kitzelten und schließlich wahnsinnig machten, Fäden, die nicht
hafteten, sondern davon wisperten, bevor er sie ergreifen
konnte.
Er wählte Miriams Nummer noch einmal, und weil die
Leitung immer noch besetzt war, drückte er abermals die
Unterbrechertaste und zögerte einen Augenblick, unentschlossen, ob
er Pangborn oder eine Vermittlung in New York anrufen sollte, damit
sie Miriams Anschluß überprüften. Gab es eine Möglichkeit, zu
unterscheiden, ob gerade ein Gespräch geführt wurde, ob der Hörer
neben der Gabel lag oder ob der Apparat sonst irgendwie unbrauchbar
gemacht worden war? Er war sich ziemlich sicher, daß dies der Fall
war, aber das Entscheidende war, daß die Verbindung zwischen Miriam
und ihm plötzlich abgebrochen und sie nicht mehr erreichbar war.
Immerhin konnten sie feststellen - Liz konnte es feststellen -, ob
sie zwei Anschlüsse hatte und nicht nur einen. Warum hatte sie
keine zwei Anschlüsse? Es war töricht, keine zwei Anschlüsse
zu haben.
Obwohl ihm diese Gedanken im Laufe von vielleicht
zwei Sekunden durch den Kopf schossen, kam ihm die Zeit viel länger
vor, und er warf sich vor, den Hamlet zu spielen, während Miriam
Cowley womöglich in ihrer Wohnung verblutete. Figuren in Büchern -
zumindest in Starks Büchern - vergeudeten nie ihre Zeit
damit, über irgendwelchen Unsinn nachzudenken, zum Beispiel
darüber, warum sie für einen Fall wie den, daß eine Frau in einem
anderen Staat vielleicht verblutete, keinen zweiten Telefonanschluß
hatten einrichten lassen. Leute in Büchern mußten nie im
unpassenden Moment die Toilette aufsuchen; in solche Verlegenheiten
gerieten sie einfach nicht.
In der Welt ginge es wesentlich reibungsloser zu,
wenn alle Menschen Figuren aus Unterhaltungsromanen wären, dachte
er. Figuren in Unterhaltungsromanen schaffen es immer, die Spur
ihrer Gedanken einzuhalten und sich reibungslos von Kapitel zu
Kapitel zu bewegen.
Er wählte die Auskunft von Maine, und als das
diensttuende Mädchen fragte: »Welche Stadt bitte?«, geriet er einen
Moment lang ins Schwimmen, weil Castle Rock keine richtige Stadt
war, sondern nur ein relativ kleines Nest, und dachte Das ist
Panik, Thad, totale Panik. Du mußt dich in den Griff bekommen. Du
darfst Miriam nicht sterben lassen, nur weil du in Panik geraten
bist. Und wie es schien, hatte er sogar genügend Zeit, um sich
zu fragen, warum er das nicht zulassen durfte: er war die
einzige wirkliche Person, die er in den Griff bekommen konnte, und
Panik paßte einfach nicht in das Bild, das er sich von dieser
Person machte.
Hier unten nennen wir das ausgemachten Blödsinn,
Thad. Hier unten nennen wir das Metzger...
»Sir?« drängte das Mädchen. »Welche Stadt
bitte?«
Okay. Nimm dich zusammen.
Er holte tief Luft, rappelte sich zusammen und
sagte: »Castle City.« Herr im Himmel. Er schloß die Augen.
Und mit geschlossenen Augen sagte er langsam und deutlich:
»Entschuldigen Sie. Castle Rock. Ich hätte gern die Nummer vom Büro
des Sheriffs.«
Es folgte eine kurze Pause, und dann begann ein
Roboter die Nummer zu rezitieren. Thad wurde bewußt, daß er keinen
Stift zur Hand hatte. Der Roboter wiederholte die Nummer. Thad
versuchte angestrengt, sich die Nummer zu merken, doch die Zahlen
fegten durch seinen Verstand und verschwanden wieder im Dunkeln,
ohne auch nur eine Spur von Nachleuchten zu hinterlassen.
»Wenn Sie weitere Auskünfte benötigen«, fuhr die
Roboterstimme fort, »bleiben Sie in der Leitung, und die
Vermittlung...«
»Liz«, flehte er. »Etwas zum Schreiben.«
An ihrem Adreßbuch steckte ein kleiner
Kugelschreiber. Er nahm ihn, und als sich das Mädchen wieder
meldete, erklärte Thad ihr, er hätte die Nummer noch nicht notiert.
Das Mädchen schaltete wieder den Roboter ein, der abermals mit
seiner abgehackten, irgendwie weiblich klingenden Stimme
rezitierte. Thad notierte die Nummer auf dem Umschlag eines Buches,
hätte fast aufgelegt, beschloß dann, sie noch einmal zu überprüfen.
Bei der Wiederholung stellte er fest, daß er zwei Ziffern
vertauscht hatte. Oh ja, er bekam seine Panik bestens in den Griff,
das war klar wie Kristall.
Er drückte die Unterbrechertaste. An seinem ganzen
Körper war ein leichter Schweiß ausgebrochen.
»Immer mit der Ruhe, Thad.«
»Du hast sie nicht gehört«, sagte er und wählte die
Nummer.
Es läutete viermal, bevor sich eine gelangweilte
Stimme meldete: »Büro des Sheriffs von Castle County, Deputy
Ridgewick am Apparat, was kann ich für Sie tun?«
»Hier spricht Thad Beaumont. Ich rufe von Ludlow
aus an.«
»Ja?« Der Name sagte ihm nichts. Überhaupt nichts.
Und das bedeutete weitere Erklärungen. Weitere Spinnwebfäden. Der
Name Ridgewick ließ eine leise Glocke ertönen. Natürlich - der
Beamte, der mit Mrs. Arsenault gesprochen und Homer Gamaches Leiche
gefunden hatte. Herr im Himmel, wie war es möglich, daß er den
alten Mann gefunden hatte, den Thad ermordet haben sollte, und
trotzdem nicht wußte, wer er war?
»Sheriff Pangborn war hier, um - um mit mir über
den Mord an Homer Gamache zu sprechen, Deputy Ridgewick.
Ich habe neue Informationen, und ich muß ihn unbedingt
sprechen.«
»Der Sheriff ist nicht da«, sagte Ridgewick,
offenbar völlig unbeeindruckt von der Dringlichkeit in Thads
Stimme.
»Und wo ist er?«
»Zu Hause.«
»Dann geben Sie mir bitte seine Nummer.«
Und, kaum zu glauben: »Oh, ich weiß nicht, ob ihm
das recht wäre, Mr. Bowman. Der Sheriff - Alan, meine ich - hatte
in letzter Zeit sehr viel um die Ohren, und seine Frau fühlt sich
nicht recht wohl. Sie hat oft Kopfschmerzen.«
»Ich muß mit ihm sprechen!«
»Nun«, erklärte Ridgewick gemütlich, »immerhin
scheinen Sie zu glauben, daß Sie es müßten. Vielleicht müssen Sie
es sogar wirklich. Wie wäre es, wenn Sie mir sagten, um was es sich
handelt, Mr. Bowman, und dann die Entscheidung mir...«
»Er war hier, um mich wegen des Mordes an Homer
Gamache zu verhaften, Deputy, und jetzt ist noch etwas
passiert, und wenn Sie mir nicht auf der Stelle seine Nummer
geben...«
»Heiliger Strohsack!« rief Ridgewick. Thad hörte
ein leises Plumpsen und konnte sich vorstellen, wie Ridgewicks Füße
von seinem Schreibtisch - oder, wahrscheinlicher, Pangborns
Schreibtisch - herunterkamen und auf dem Boden landeten, während er
auf dem Stuhl hochfuhr. »Beaumont, nicht Bowman!«
»Ja, und...«
»Himmel! Herr im Himmel! Der Sheriff - Alan - hat
gesagt, wenn Sie anrufen, soll ich zusehen, daß Sie sofort mit ihm
sprechen können.«
»Gut. Und nun...«
»Herr im Himmel, was bin ich doch für ein
Riesenroß!«
Thad, der voll und ganz derselben Ansicht war,
sagte: »Bitte, geben Sie mir seine Nummer.« Indem er auf Reserven
zurückgriff, von denen er nicht wußte, daß er sie besaß, gelang es
ihm irgendwie, nicht zu schreien.
»Natürlich. Einen Moment...« Es folgte eine
nervenaufreibende Pause. Natürlich dauerte sie nur Sekunden, aber
Thad
kam es vor, als hätten in ihr die Pyramiden erbaut werden können.
Erbaut und wieder abgerissen. Und in der Zwischenzeit konnte Miriam
fünfhundert Meilen entfernt auf dem Teppich in ihrem Wohnzimmer
verbluten. Vielleicht habe ich sie auf dem Gewissen, dachte er, nur
indem ich mich entschloß, Pangborn anzurufen, und an diesen
Schwachkopf geraten bin, anstatt mich gleich an die New Yorker
Polizei zu wenden. Oder 911 zu wählen. Genau das hätte er
vermutlich tun sollen: 911 wählen und ihnen alles weitere
überlassen.
Aber das war im Grunde keine echte Alternative
gewesen. Es war die Trance, nahm er an, und die Worte, die er in
dieser Trance geschrieben hatte. Er hatte nicht das Gefühl, als
hätte er den Überfall auf Miriam vorhergesehen, aber auf irgendeine
unklare Art war er Zeuge von Starks Vorbereitungen auf den
Überfall gewesen. Die unheimlichen Geräusche von Tausenden von
Vögeln schienen diese ganze irre Affäre zu seiner ureigensten
Angelegenheit zu machen.
Aber wenn Miriam verblutete, nur weil er zu sehr in
Panik geraten war, um 911 zu wählen - wie würde er Rick jemals
wieder ins Gesicht sehen können?
Scheiß drauf; wie würde er sich selbst je
wieder im Spiegel ansehen können?
Der Schwachkopf Ridgewick war wieder da. Er gab
Thad die Nummer des Sheriffs, sprach jede einzelne der Ziffern so
langsam, daß selbst ein zurückgebliebenes Kind sie hätte
niederschreiben können; trotzdem bat ihn Thad, sie zu wiederholen,
obwohl alles in ihm zur Eile drängte. Er war noch immer erschüttert
von der Leichtigkeit, mit der er die Nummer des Sheriffbüros
durcheinandergebracht hatte. Und was einmal passiert war, konnte
wieder passieren. »Okay«, sagte er. »Danke.«
»Mr. Beaumont? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dem
Sheriff gegenüber nicht erwähnen würden, wie ich...«
Thad legte ohne eine Spur von Mitgefühl auf und
wählte die Nummer, die Ridgewick ihm gegeben hatte. Pangborn würde
natürlich nicht an den Apparat kommen; das paßte einfach nicht zur
Nacht der Spinnwebfäden. Und wer immer den Hörer abnahm, würde ihm
mitteilen (das heißt, nach
den unvermeidlichen Minuten des Auf-den-Busch-Klopfens), daß der
Sheriff losgefahren war, um einen Laib Brot und einen Liter Milch
zu besorgen. Vermutlich nach Laconia, New Hampshire; auch Phoenix,
Arizona, lag im Bereich des Möglichen.
Ein unkontrolliertes Lachen entfuhr ihm, und Liz
sah ihn erschrocken an. »Thad? Bist du okay?«
Er setzte zu einer Antwort an, doch dann schwenkte
er die Hand, um ihr zu bedeuten, daß der Hörer abgenommen wurde. Es
war nicht Pangborn; zumindest in dieser Hinsicht hatte er richtig
vermutet. Es war ein schätzungsweise zehnjähriger Junge.
»Hallo, hier bei Pangborn«, flötete er. »Todd
Pangborn am Apparat.«
»Hi«, sagte Thad. Er war sich vage bewußt, daß er
den Hörer viel zu fest umkrampft hielt, und versuchte, seine Finger
zu lockern. Sie knackten, rührten sich aber nicht. »Mein Name ist
Thad...« - Pangborn hätte er beinahe gesagt, o Gott, das
wäre grandios gewesen, du hast die Sache wirklich im Griff, Thad,
du hast deinen Beruf verfehlt, du hättest Fluglotse werden sollen -
»... Beaumont«, endete er nach der kurzen Kurskorrektur. »Ist der
Sheriff da?«
Nein, er ist nach Lodi, Kalifornien, gefahren,
um Bier und Zigaretten zu holen.
Statt dessen entfernte sich die Stimme des Jungen
von der Sprechmuschel und trompetete: »DAD! TELEFON!« Darauf folgte
ein schweres Poltern, bei dem Thad die Ohren wehtaten.
Einen Augenblick später - Gott und all seinen
Heiligen sei Dank! - sagte die Stimme von Alan Pangborn:
»Hallo?«
Beim Klang dieser Stimme schmolz etwas von Thads
nervöser Übererregung dahin.
»Hier ist Thad Beaumont, Sheriff. In New York ist
eine Dame, die möglicherweise dringend Hilfe braucht. Es hängt mit
dem zusammen, worüber wir uns Samstagabend unterhalten
haben.«
»Schießen Sie los«, sagte Alan, nur das. Junge, was
für eine Erleichterung. Thad war, als würde ein verschwommenes Bild
wieder klar.
»Die Frau ist Miriam Cowley, die Exfrau meines
Agenten.« Thad schoß der Gedanke durch den Kopf, daß er Miriam noch
eine Minute zuvor wahrscheinlich als »den Agenten meiner Exfrau«
bezeichnet hätte.
»Sie hat hier angerufen. Sie weinte, war völlig
fassungslos. Zuerst wußte ich nicht einmal, von wem der Anruf kam.
Dann hörte ich die Stimme eines Mannes im Hintergrund. Er befahl
ihr, mir zu sagen, wer sie wäre und was vor sich ginge. Sie sagte,
es wäre ein Mann in ihrer Wohnung, er drohte, ihr etwas anzutun.
Sie...« Thad schluckte »... Sie zu schneiden. Inzwischen hatte ich
ihre Stimme erkannt, aber der Mann schrie sie an, erklärte ihr,
wenn sie nicht sofort ihren Namen sagte, würde er ihr die Rübe
abschneiden. Genau das hat er gesagt. >Tu es, oder ich schneide
dir die Rübe ab.< Dann sagte sie, sie wäre Miriam, und
flehte...« Er schluckte wieder. »Sie flehte, ich sollte nicht
zulassen, daß der böse Mann das täte. Sie wieder schnitte.«
Liz, die ihm gegenüber saß, wurde zusehends
blasser. Laß sie nicht ohnmächtig werden, wünschte oder
betete Thad. Bitte, laß sie jetzt nicht ohnmächtig
werden.
»Sie hat geschrien. Dann war die Leitung tot. Ich
nehme an, er hat das Kabel durchgeschnitten oder aus der Wand
gerissen.« Aber das war Unfug. Er nahm überhaupt nichts an. Er
wußte es. Das Kabel war durchgeschnitten worden. Mit einem
Rasiermesser. »Ich habe versucht, zurückzurufen, aber...«
»Wie ist ihre Adresse?«
Pangborns Stimme war nach wie vor gelassen, nach
wie vor umgänglich. Wäre da nicht der Unterton von befehlsgewohnter
Sicherheit gewesen, der in ihr mitschwang, hätte er einfach ein
Schwätzchen mit einem guten Freund halten können. Es war richtig,
ihn anzurufen, dachte Thad. Gott sei Dank, daß es Leute gibt, die
wissen, was sie zu tun haben, oder sich zumindest so verhalten, als
wüßten sie es. Gott sei Dank für Leute, die sich verhalten wie
Personen in Unterhaltungsromanen. Wenn ich es mit jemandem aus
einem Roman von Saul Bellow zu tun hätte, würde ich wahnsinnig
werden.
Thad warf einen Blick auf die Zeile unter Miriams
Namen in Liz’ Buch. »Ist das eine Drei oder eine Acht?«
»Eine Acht«, sagte sie mit abwesender Stimme.
»Gut. Setz dich wieder hin. Leg den Kopf in den
Schoß.«
»Mr. Beaumont? Thad?«
»Entschuldigung. Meine Frau ist sehr
mitgenommen.«
»Das überrascht mich nicht. Sie sind beide sehr
mitgenommen, und das ist schließlich kein Wunder. Aber Sie halten
sich gut. Machen Sie weiter, Thad.«
»Ja.« Ihm kam der bestürzende Gedanke, daß er Liz,
wenn sie ohnmächtig würde, einfach liegenlassen und weiterreden
mußte, bis Pangborn genügend Informationen besaß, um etwas
unternehmen zu können. Bitte, werde nicht ohnmächtig, dachte
er abermals und richtete den Blick wieder auf Liz’ Buch. Die
Adresse ist 109 West 84. Straße.«
»Telefonnummer?«
»Ich sagte Ihnen doch - ihr Telefon ist
außer...«
»Ich brauche die Nummer trotzdem, Thad.«
»Ja. Natürlich brauchen Sie die.« Obwohl er nicht
die leiseste Ahnung hatte, wozu. »Entschuldigung.« Er las die
Nummer ab.
»Wie lange liegt dieser Anruf zurück?«
Stunden, dachte er und warf einen Blick auf
die Uhr über dem Kaminsims. Sein erster Gedanke war, daß sie
stehengeblieben war. Sie mußte stehengeblieben sein.
»Thad?«
»Ich bin noch da«, sagte er mit einer Stimme, die
einem anderen zu gehören schien. »Es ist ungefähr sechs Minuten
her, seit das Gespräch unterbrochen wurde.«
»Okay, dann haben wir nicht viel Zeit verloren.
Wenn Sie die New Yorker Polizei angerufen hätten, hätte es
vielleicht dreimal so lange gedauert. Ich melde mich wieder bei
Ihnen, so schnell ich kann, Thad.«
»Rick«, sagte er. »Wenn Sie mit den Leuten in New
York reden, sagen Sie ihnen, daß Rick es noch nicht wissen kann.
Wenn er - wenn er Miriam etwas angetan hat, dann ist Rick der
nächste auf seiner Liste.«
»Sie sind sich ziemlich sicher, daß es derselbe
Kerl ist, der Homer und Clawson ermordet hat?«
»Ganz sicher.« Und die Worte waren heraus und
flogen durch den Draht, bevor er recht wußte, ob er sie überhaupt
hatte sprechen wollen: »Ich glaube, ich weiß, wer es ist.«
Pangborn zögerte einen ganz kurzen Moment, dann
sagte er: »Okay. Bleiben Sie in der Nähe des Telefons. Wir müssen
darüber sprechen, sobald wir Zeit dazu haben.« Er hatte
aufgelegt.
Thad schaute hinüber zu Liz und sah, daß sie in
ihrem Sessel zur Seite gesackt war. Ihre Augen waren groß und
glasig. Er stand auf, ging schnell zu ihr, richtete sie auf und
klopfte ihr leicht auf die Wangen.
»Wer von ihnen ist es?« fragte sie mit schwerer
Zunge aus der grauen Weit halber Bewußtlosigkeit heraus. »Ist es
Stark oder Alexis Machine? Welcher von ihnen, Thad?«
Und eine ganze Weile später sagte er: »Ich glaube
nicht, daß da ein Unterschied besteht. Ich mache uns Tee,
Liz.«
3
Er war sicher, daß sie darüber sprechen würden.
Wie wäre es möglich gewesen, nicht darüber zu sprechen?
Aber sie taten es nicht. Sie saßen nur da, sahen
einander über den Rand ihrer Teebecher hinweg an und warteten
darauf, daß Alan zurückrief. Und während sich die Minuten
dahinschleppten, begriff Thad, daß es richtig war, nicht
miteinander zu reden - nicht bevor Alan zurückgerufen und ihnen
berichtet hatte, ob Miriam tot oder am Leben war.
Angenommen, dachte er, während er zusah, wie sie
ihren Teebecher mit beiden Händen zum Munde führte, angenommen, wir
beide säßen eines Abends hier, jeder mit einem Buch in der Hand
(für einen Außenstehenden würde es aussehen, als läsen wir, und
vielleicht tun wir es, ein wenig, aber in Wirklichkeit genießen wir
die Stille wie einen ganz besonders guten Wein, auf die Art, wie
nur die Eltern von Kleinkindern sie genießen können, weil sie so
rar ist), und weiterhin angenommen, daß, während wir das
tun, ein Meteorit durch das Dach schlüge und rauchend und glühend
auf unserem Wohnzimmerteppich landete. Würde einer von uns in die
Küche laufen, den Scheuereimer füllen und Wasser daraufgießen,
bevor er den Teppich in Brand setzen
kann, und dann einfach weiterlesen? Nein - wir würden darüber
sprechen. Wir müßten es tun. Genauso, wie wir über diese
Sache sprechen müßten.
Vielleicht würden sie darüber sprechen, nachdem
Alan angerufen hatte. Vielleicht würden sie sogar mit seiner Hilfe
sprechen, indem Liz Alans Fragen und Thads Antworten aufmerksam
verfolgte. Ja, auf diese Weise konnten sie miteinander ins Gespräch
kommen. Irgendwie hatte Thad das unheimliche Gefühl, daß Alan
derjenige war, der die Sache ins Rollen gebracht hatte, obwohl der
Sheriff lediglich auf das reagierte, was Stark zuvor getan
hatte.
Und so saßen sie da und warteten.
Es drängte ihn, es noch einmal mit Miriams Nummer
zu versuchen, aber er wagte es nicht - Alan konnte gerade in diesem
Augenblick anrufen, und dann würde die Leitung besetzt sein. Er
ertappte sich wieder dabei, daß er sich auf eine ziellose Art
wünschte, Miriam hätte zwei Anschlüsse. Aber was nicht ist, ist
eben nicht, dachte er.
Sein Verstand erklärte ihm, daß Stark nicht
irgendwo da draußen sein, Unheil anrichten wie ein Krebs in
Menschengestalt und Leute umbringen konnte. Es war einfach
undenkbar. Aber er tat es. Thad wußte, daß er es tat, und Liz wußte
es auch. Er fragte sich, ob Alan es auch wissen würde, wenn er es
ihm sagte. Vermutlich nicht; es war damit zu rechnen, daß der
Sheriff lediglich ein paar von den tüchtigen jungen Männern in den
sauberen weißen Kitteln kommen ließ. George Stark war nicht real,
und Alexis Machine, die Fiktion von einer Fiktion, auch nicht.
Keiner von beiden hatte je gelebt, ebensowenig wie George Eliot je
gelebt hatte oder Mark Twain, Lewis Carroll, Tucker Coe oder Edgar
Box. Pseudonyme waren nur eine höhere Form eines fiktiven
Charakters.
Dennoch fiel es ihm schwer zu glauben, daß Alan es
nicht akzeptieren würde, auch wenn es ihm widerstrebte. Thad selbst
wollte es nicht, aber er fühlte sich außerstande, anders zu
reagieren. Es war auf eine unerbittliche Art plausibel.
»Warum ruft er denn nicht an?« fragte Liz
ruhelos.
»Wir warten ja erst fünf Minuten.«
»Beinahe zehn.«
Er widerstand dem Drang, sie anzufahren - dies war
nicht die Schlußrunde einer Spielshow im Fernsehen. Alan würde
keine zusätzlichen Punkte und wertvollen Preise erhalten, wenn er
es schaffte, vor neun Uhr zurückzurufen.
Es gibt keinen Stark, erklärte ein Teil
seines Verstandes beharrlich. Das war die Stimme der Vernunft. Aber
sie war auf seltsame Weise machtlos, sie schien diese Behauptung
nicht aus einer echten Überzeugung heraus aufzustellen, sondern nur
wie auswendig gelernt aufzusagen, wie ein Papagei, dem man
Hübscher Junge! oder Polly will einen Keks! zu sagen
beigebracht hat. Dennoch stimmte es, oder etwa nicht? War Stark aus
dem Grab auferstanden wie ein Monster in einem Horrorfilm? Das wäre
ein herrlicher Trick, da der Mann - oder Un-Mann-nie begraben
worden war, da sie lediglich einen Grabstein aus Pappmache auf ein
unbenutztes Stück Friedhof...
Das bringt mich auf den letzten Punkt oder
Aspekt oder wie immer Sie es nennen wollen... Welche Schuhgröße
haben Sie, Mr. Beaumont?
Thad war in seinem Sessel zusammengesackt, trotz
allem, was passiert war, leicht dösend. Jetzt fuhr er so plötzlich
hoch, daß er fast seinen Tee verschüttet hätte. Fußabdrücke.
Pangborn hatte so etwas gesagt...
Um was für Fußabdrücke handelte es
sich?
Das ist nicht von Belang. Jetzt liegt alles auf
dem Tisch...
»Thad? Was ist?« fragte Liz.
Hatte wirklich alles auf dem Tisch gelegen? Was für
Fußabdrücke? Wo? In Castle Rock natürlich, sonst hätte Alan nichts
davon gewußt. Waren sie vielleicht auf dem Homeland-Friedhof
entdeckt worden, wo die neurasthenische Fotografin die Aufnahme
gemacht hatte, die er und Liz so amüsant gefunden hatten?
»Kein angenehmer Zeitgenosse«, murmelte er.
Dann läutete das Telefon, und beide verschütteten
ihren Tee.
4
Thads Hand schoß auf den Hörer zu - und hielt
dann, unmittelbar darüber schwebend, einen Moment inne.
Was ist, wenn er es ist?
Wir sind noch nicht fertig miteinander, Thad.
Komm nicht auf die Idee, dich mit mir anzulegen, denn wenn du dich
mit mir anlegst, legst du dich mit dem Besten an.
Er zwang seine Hand, den Hörer zu ergreifen und an
sein Ohr zu heben. »Hallo?« sagte er durch Lippen, die sich
anfühlten, als wären sie mit Novocain vollgepumpt.
»Thad?« Alan Pangborns Stimme. Plötzlich fühlte er
sich so schlaff, als wäre sein Körper von steifen Drähten
zusammengehalten gewesen, die gerade entfernt worden waren.
»Ja«, sagte er. Das Wort kam fast wie ein Seufzer
heraus. Er holte Atem. »Was ist mit Miriam?«
»Ich weiß es noch nicht«, sagte Alan. »Ich habe der
New Yorker Polizei ihre Adresse gegeben. Wir sollten eigentlich
bald von ihr hören. Aber ich fürchte, ihnen und Ihrer Frau werden
eine Viertel- oder halbe Stunde heute abend sehr lang
vorkommen.«
»So ist es.«
»Ist ihr etwas passiert?« fragte Liz, und Thad
deckte die Sprechmuschel ab und sagte ihr, daß Pangborn es noch
nicht wüßte. Sie nickte und lehnte sich zurück, immer noch zu blaß,
aber offensichtlich ruhiger und beherrschter als zuvor. Zumindest
wurde jetzt etwas unternommen, und die Verantwortung lag nicht mehr
nur bei ihnen.
»Sie haben sich außerdem von der
Telefongesellschaft die Adresse von Rick Cowley beschafft...«
»Sie werden doch nicht etwa...«
»Sie unternehmen nichts, bevor sie wissen, was mit
Mrs. Cowley passiert ist. Ich habe ihnen gesagt, es handelte sich
um einen Fall, in dem ein Geistesgestörter es möglicherweise auf
eine oder mehrere Personen abgesehen hat, die in dem
People-Artikel über das Stark-Pseudonym erwähnt wurden, und
ihnen erklärt, in welcher Beziehung die Cowleys zu Ihnen stehen.
Ich hoffe, ich habe alles richtig hingekriegt. Ich weiß nicht viel
über Schriftsteller und noch weniger über ihre
Agenten. Aber den Leuten ist klar, daß Cowley auf keinen Fall vor
der Polizei bei seiner geschiedenen Frau ankommen darf.«
»Danke. Danke für alles, Alan.«
»Die Polizei in New York ist zu sehr damit
beschäftigt, der Sache nachzugehen, um im Augenblick weitere
Erklärungen zu verlangen oder zu brauchen, aber irgendwann
wird sie sie verlangen, Thad. Und ich auch. Was glauben Sie
- wer ist dieser Mann?«
»Das ist etwas, das ich Ihnen am Telefon nicht
sagen möchte. Ich würde zu Ihnen kommen, Alan, aber ich kann meine
Frau und meine Kinder jetzt nicht allein lassen. Ich denke, Sie
verstehen das. Sie müssen schon hierher kommen.«
»Das kann ich nicht«, sagte Alan geduldig. »Ich
habe eine Menge um die Ohren...«
»Ist Ihre Frau krank?«
»Heute abend geht es ihr halbwegs gut. Aber einer
meiner Deputies hat sich krank gemeldet, und ich muß für ihn
einspringen. Das ist in Kleinstädten so üblich. Aber ich möchte
Ihnen ganz offen sagen, Thad - dies ist nicht der rechte Zeitpunkt,
den Zurückhaltenden zu spielen.«
Thad dachte darüber nach. Er war sich ziemlich
sicher, daß Pangborn die Geschichte akzeptieren würde, wenn er sie
ihm erzählte. Aber nicht am Telefon.
»Können Sie morgen herkommen?«
»Morgen müssen wir uns auf alle Fälle
zusammensetzen«, sagte Alan. Seine Stimme war gelassen und
eindringlich zugleich. »Aber das, was Sie wissen, brauche ich
heute abend, Thad. Die Tatsache, daß die Kollegen in New
York eine Erklärung verlangen werden, ist, soweit es mich betrifft,
zweitrangig. Aber ich muß vor meiner eigenen Tür kehren. Hier gibt
es eine Menge Leute, die wollen, daß Homer Gamaches Mörder gefaßt
wird, und zwar schnell. Ich gehöre zu ihnen. Also lassen Sie sich
nicht noch einmal bitten. So spät ist es noch nicht, daß ich nicht
den Staatsanwalt von Penobscot County anrufen und ihn veranlassen
könnte, Sie als wichtigen Zeugen in einem Mordfall in Castle County
festzunehmen. Er ist bereits von der Staatspolizei informiert
worden, daß Sie der Tat verdächtig sind, Alibi oder nicht
Alibi.«
»Würden Sie das tun?« fragte Thad verwundert.
»Ich würde es tun, wenn Sie mich dazu zwingen, aber
ich denke, dazu lassen Sie es nicht kommen.«
Thad hatte jetzt einen klareren Kopf; außerdem
hatte er das Gefühl, daß seine Gedanken in eine bestimmte Richtung
gingen. Im Grunde spielte es keine Rolle, weder für Pangborn noch
für die New Yorker Polizei, ob der Mann, hinter dem sie her waren,
ein Psychopath war, der sich für Stark hielt, oder Stark selbst -
oder? Er glaubte es nicht, und ebensowenig glaubte er, daß sie
seiner habhaft werden würden.
»Ich bin ziemlich sicher, daß es sich um einen
Psychopathen handelt, wie meine Frau meinte«, erklärte er Alan
schließlich. Er sah Liz an, versuchte, ihr mit den Augen eine
Botschaft zu übermitteln, und offenbar gelang es ihm, denn sie
nickte leicht. »Auf eine verrückte Art ergibt es einen Sinn.
Erinnern Sie sich, daß Sie Fußabdrücke erwähnten?«
»Ja...«
»Sie waren auf dem Homeland-Friedhof, nicht wahr?«
Liz’ Augen weiteten sich.
»Woher wissen Sie das?« Zum ersten Mal schien Alan
verblüfft zu sein. »Das habe ich Ihnen nicht erzählt.«
»Haben Sie den Artikel in People inzwischen
gelesen?«
»Ja.«
»Dort hat die Fotografin den Grabstein aus
Pappmache aufgestellt. Dort ist George Stark beigesetzt
worden.«
Stille am anderen Ende der Leitung. Dann:
»Scheiße.«
»Sie haben begriffen?«
»Ich denke schon«, sagte Alan. »Wenn dieser Kerl
sich einbildet, er wäre Stark, dann könnte er von Starks Grab aus
losgezogen sein. Wohnt diese Fotografin in New York?«
Thad fuhr zusammen. »Ja.«
»Dann könnte sie gleichfalls in Gefahr sein?«
»Der Gedanke ist mir noch nicht gekommen - aber ja,
das wäre durchaus möglich.«
»Name? Adresse?«
»Ihre Adresse weiß ich nicht.« Sie hatte ihm ihre
Karte gegeben, wahrscheinlich, weil sie hoffte, daß er an ihrem
Buch mitarbeiten würde, aber er hatte sie weggeworfen. Doch an
ihren Namen erinnerte er sich. »Phyllis Myers.«
»Und wer hat die Geschichte geschrieben?«
»Mike Donaldson.«
»Auch in New York?«
Thad wurde plötzlich klar, daß er auch das nicht
wußte, und er machte einen kleinen Rückzieher. »Es ist nur eine
Vermutung, daß sie beide...«
»Eine recht naheliegende Vermutung. Wenn die
Redaktion der Zeitschrift in New York sitzt, kann man davon
ausgehen, daß sie in der Nähe wohnt, oder?«
»Ja, ich denke schon. Aber es kann natürlich auch
sein, daß einer oder beide freie Mitarbeiter sind...«
»Kommen wir noch einmal auf dieses gestellte Foto
zurück. Der Name des Friedhofs wurde nicht erwähnt, weder in der
Bildunterschrift noch in dem Artikel. Da bin ich ganz sicher. Ich
hätte ihn anhand des Hintergrunds erkennen müssen, aber ich habe
mich auf die Details konzentriert.«
»Nein«, sagte Thad. »Der Name wurde nicht
erwähnt.«
»Dan Keeton, der Vorsitzende des Stadtrats, hätte
vermutlich darauf bestanden, daß der Name Homeland nirgendwo
auftaucht. Er ist ein intelligenter, vorausschauender Mann. Er
hätte zwar das Fotografieren erlaubt, aber die Namensnennung
verboten, um Vandalismus vorzubeugen - um zu verhindern, daß Leute
hingehen und den Grabstein sehen wollen und dergleichen.«
Thad nickte. Das leuchtete ihm ein.
»Also gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder kennt
unser Psychopath Sie - oder er kommt von hier«, sagte Alan.
Thad war von einem Vorurteil ausgegangen, dessen er
sich jetzt schämte: daß der Sheriff eines kleinen Bezirks in Maine,
wo es mehr Bäume als Einwohner gab, ein Trottel sein mußte.
Pangborn war kein Trottel; er kreiste den berühmten Thaddeus
Beaumont immer mehr ein.
»Davon müssen wir ausgehen, jedenfalls fürs erste.
Es sieht aus, als ob er über Informationen aus erster Hand
verfügt.«
»Also waren die Fußabdrücke, die Sie erwähnten,
tatsächlich auf dem Friedhof?«
»Natürlich waren sie dort«, sagte Alan fast
geistesabwesend. »Womit halten Sie hinter dem Berg, Thad?«
»Was meinen Sie damit?«
»Lassen Sie uns keine Spielchen spielen. Ich muß
diese anderen beiden Namen nach New York weitergeben, und Sie
müssen Ihre Denkmütze aufsetzen und überlegen, ob es noch weitere
Namen gibt, die ich erfahren sollte. Verleger - Lektoren - ich weiß
es nicht. Sie haben gesagt, der Bursche, den wir schnappen wollen,
bildete sich ein, er wäre George Stark. Gestern abend haben wir
darüber theoretisiert, einfach auf blauen Dunst hin, und heute
abend servieren Sie mir das als unumstößliche Tatsache. Und
untermauern es, indem Sie mir die Fußabdrücke an den Kopf werfen.
Entweder sind Sie anhand der Tatsachen, die wir beide kennen, zu
einer verblüffenden Schlußfolgerung gelangt, oder Sie wissen etwas,
das ich nicht weiß. Natürlich gefällt mir die zweite Möglichkeit
besser. Also reden Sie.«
Aber was hatte er überhaupt? Trancezustände, denen
die von Tausenden von Sperlingen verursachten Geräusche
vorausgingen? Worte, die er ohne weiteres auf eine Manuskriptseite
geschrieben haben konnte, nachdem Alan Pangborn ihm
mitgeteilt hatte, daß dieselben Worte an die Wand von Clawsons
Wohnung geschrieben worden waren? Weitere Worte auf einem Blatt
Papier, das er in Fetzen gerissen und im Gebäude der Englischen
Fakultät in den Verbrennungsofen geworfen hatte? Träume, in denen
ein fürchterlicher Mann ihn durch sein Haus in Castle Rock führte
und in denen alles, was er berührte, seine eigene Frau
eingeschlossen, sich auflöste? Ob er nun, was er glaubte, eine
Wahrheit des Herzens nannte oder eine Intuition des Verstandes -
Beweise hatte er trotzdem nicht. Die Fingerabdrücke und der
Speichel deuteten darauf hin, daß hier etwas sehr seltsam war,
gewiß - aber dermaßen seltsam?
»Alan«, sagte er langsam, »Sie würden mich
auslachen. Nein - das nehme ich zurück. Dazu kenne ich Sie
inzwischen gut genug. Sie würden mich nicht auslachen - aber Sie
würden mir auch nicht glauben. Ich habe mir die Sache durch den
Kopf gehen lassen, aber es ist nur eines dabei herausgekommen: Sie
würden mir nicht glauben.«
Sofort war Alans Stimme wieder da, eindringlich,
befehlend, fast unwiderstehlich. »Lassen Sie’s doch darauf
ankommen.«
Thad zögerte, warf einen Blick auf Liz und
schüttelte dann den Kopf. »Morgen. Wenn wir uns gegenseitig ins
Gesicht sehen können. Heute abend müssen Sie sich mit meinem Wort
begnügen, daß ich ihnen alles gesagt habe, was für Sie von
praktischem Nutzen ist - alles, was ich Ihnen sagen kann.«
»Thad, ich habe Sie darauf hingewiesen, daß ich Sie
als wichtigen Zeugen...«
»Wenn Sie meinen, Sie müßten das tun, dann tun Sie
es. Ich würde es Ihnen nicht verübeln. Aber mehr kann ich Ihnen
erst sagen, wenn wir uns wiedersehen.«
Alan schwieg ein paar Sekunden. Dann sagte er:
»Okay.«
»Ich gebe Ihnen jetzt eine Beschreibung des Mannes.
Ich bin nicht ganz sicher, ob sie zutrifft, aber ich glaube, sie
kommt ihm ziemlich nahe. Auf jeden Fall so nahe, daß Sie sie an die
Cops in New York weitergeben können. Haben Sie einen Stift zur
Hand?«
»Ja. Legen Sie los.«
Thad schloß die Augen, die Gott ihm ins Gesicht
gesetzt hatte, und öffnete dasjenige, das Gott in seinen Verstand
gesetzt hatte, das Auge, das beharrlich auch Dinge wahrnahm, die er
nicht sehen wollte. Wenn Leute, die seine Bücher gelesen hatten,
ihm zum ersten Mal begegneten, waren sie unfehlbar enttäuscht. Sie
versuchten zwar, es sich nicht anmerken zu lassen, aber es gelang
ihnen nicht. Er machte ihnen keinen Vorwurf daraus, weil er ihre
Gefühle verstand. Wenn sie seine Bücher mochten (und manche
behaupteten sogar, sie zu lieben), dann stellten sie sich unter ihm
so etwas vor wie einen Gott. Anstelle eines Gottes sahen sie einen
Mann, der gut einsachtzig groß war, eine Brille trug, anfing, kahl
zu werden, und die Angewohnheit hatte, über alle möglichen und
unmöglichen Gegenstände zu stolpern. Sie sahen einen Mann, dessen
Kopfhaut leicht schuppig war und dessen Nase zwei Löcher hatte,
genau wie ihre eigene.
Was sie nicht sehen konnten, war das dritte Auge,
das in seinem Kopf saß. Dieses Auge, das in der dunklen Hälfte von
ihm strahlte, der Hälfte, die immer im Schatten lag - das
war etwas Göttliches, und er war froh, daß sie es nicht sehen
konnten. Wenn sie es könnten, dann würden vermutlich viele
versuchen, es zu stehlen. Selbst wenn sie es mit einem
stumpfen Messer aus seinem Fleisch herausbohren mußten. Er schaute
ins Dunkel und beschwor sein privates Bild von George Stark herauf
- dem wirklichen George Stark, der mit dem Mann, der für das
Foto auf dem Schutzumschlag posiert hatte, keinerlei Ähnlichkeit
hatte. Er hielt Ausschau nach dem Mann im Dunkeln, der im Laufe der
Jahre lautlos herangewachsen war, und ging daran, Alan Pangborn
diesen Mann zu zeigen.
»Er ist ziemlich groß«, sagte er. »Größer als ich.
Ungefähr einsfünfundachtzig, in Schuhen vielleicht sogar
einsachtundachtzig. Er hat blondes Haar, kurz und sauber
geschnitten, und blaue Augen. Auf größere Entfernung kann er
ausgezeichnet sehen. Seit ungefähr fünf Jahren hat er eine Brille,
die er zum Lesen und Schreiben aufsetzt.
Das Auffallende an ihm ist weniger seine Größe als
seine Breite. Er ist nicht dick, aber extrem breit gebaut.
Kragenweite vierundvierzig, vielleicht auch fünfundvierzig. Er ist
in meinem Alter, aber er wird noch nicht grau und hat kein Fett
angesetzt. Er ist kräftig. So, wie Schwarzenegger heute
aussieht, nachdem er ein bißchen nachgelassen hat. Er trainiert mit
Hanteln. Er kann seinen Bizeps so anspannen, daß eine Naht an
seinem Hemdsärmel aufplatzt, aber er ist kein Muskelpaket.
Er ist in New Hampshire geboren. Nach der Scheidung
seiner Eltern zog seine Mutter mit ihm nach Oxford, Mississippi, wo
er aufgewachsen ist. Dort hat er den größten Teil seines Lebens
verbracht. Als er jünger war, hatte er einen knüppeldicken
Südstaatenakzent. Auf dem College haben viele Leute Witze darüber
gemacht - allerdings nicht in seiner Gegenwart, man macht keine
Witze in Gegenwart eines Mannes, wie er einer ist. Und er hat sich
sehr bemüht, den Akzent loszuwerden. Jetzt hört man ihm seine
Herkunft nur an, wenn er wütend ist, und ich glaube, die Leute, die
ihn wütend gemacht haben, stehen später in der Regel nicht mehr als
Zeugen zur Verfügung. Seine Sicherungen brennen sehr schnell durch.
Er ist gewalttätig. Er ist gefährlich.«
»Was...« setzte Alan an, aber Thad redete
weiter.
»Er ist ziemlich braungebrannt, und da blonde
Männer im allgemeinen nur schlecht bräunen, könnte das ein guter
Anhaltspunkt
für eine Identifizierung sein. Große Füße, große Hände, massiger
Hals, breite Schultern. Sein Gesicht sieht aus, als hätte es
jemand, der zwar begabt, aber in Zeitnot war, aus einem harten
Felsblock herausgeschlagen.
Und schließlich: er fährt vielleicht einen
schwarzen Toronado. Ich weiß nicht, welches Baujahr. Auf jeden Fall
einen von den alten, die eine Menge Kraft unter der Haube haben.
Einfarbig schwarz. Wahrscheinlich Kennzeichen von Mississippi, aber
er könnte sich auch andere beschafft haben.« Er hielt einen Moment
inne, dann setzte er hinzu: »Ach ja, auf der hinteren Stoßstange
des Toronado ist ein Aufkleber. GRANDIOSER HURENSOHN steht
darauf.«
Er öffnete die Augen.
Liz starrte ihn an. Ihr Gesicht war wieder sehr
blaß.
Am anderen Ende der Leitung herrschte eine ganze
Weile Stille.
»Alan? Sind Sie...«
»Moment. Ich schreibe.« Eine weitere, kürzere
Pause. »Okay«, sagte er schließlich. »Ich habe es. Sie können mir
all das sagen, aber nicht, wer der Kerl ist oder in welcher
Beziehung Sie zu ihm stehen oder woher Sie ihn kennen?«
»Ich kann Ihnen das alles sagen, und ich werde es
tun. Morgen. Sein Name würde Ihnen heute abend ohnehin nicht
weiterhelfen, weil er einen anderen benutzt.«
»George Stark.«
»Es könnte auch sein, daß er so irre ist, sich
Alexis Machine zu nennen, aber ich bezweifle es. Ja, ich glaube, er
nennt sich George Stark.« Er versuchte, Liz zuzublinzeln,
vielleicht weil er in seiner Verzweiflung glaubte, die düstere
Stimmung damit etwas lockern zu können. Es gelang ihm nur, die
Lider zu bewegen wie eine verschlafene Eule.
»Und ich kann Sie nicht dazu bringen, mir heute
abend mehr zu erzählen?«
»Nein. Es tut mir leid, aber es geht nicht.«
»Also gut. Ich rufe so bald wie möglich zurück.«
Und dann hatte er aufgelegt. Einfach so, kein Dankeschön, kein Auf
Wiederhören. Als er noch einmal über ihr Gespräch nachdachte, fand
Thad, daß er im Grunde auch kein Dankeschön verdient hatte.
Er legte den Hörer auf und ging zu seiner Frau, die
ihn ansah, als wäre sie in eine Statue verwandelt worden. Er
ergriff ihre Hände - sie waren sehr kalt - und sagte: »Es kommt
alles wieder ins Lot, Liz. Ganz bestimmt.«
»Hast du vor, ihm von den Trancezuständen zu
erzählen, wenn er morgen kommt? Von den Vogelgeräuschen? Daß du sie
als Kind gehört hast und was damals dahintersteckte? Von den
Dingen, die du geschrieben hast?«
»Ich werde ihm alles erzählen«, sagte Thad. »Was er
dann an die anderen Behörden weitergibt...« Er zuckte die Achseln.
»Das ist seine Sache.«
»So viel«, sagte sie mit kraftloser, leiser Stimme.
Ihre Augen fixierten ihn - schienen außerstande, ihn zu verlassen.
»Du weißt so viel über ihn, Thad - woher?«
Er konnte nur vor ihr niederknien und ihre kalten
Hände halten. Woher konnte er so viel über ihn wissen? Das wurde er
immer wieder gefragt. Die Leute benutzten unterschiedliche
Formulierungen - wie sind Sie darauf gekommen? wie konnten Sie das
schreiben? wieso erinnern Sie sich daran? wie haben Sie das
erkannt? -, aber es lief immer auf dasselbe hinaus: woher wissen
Sie das? Und er konnte die Frage nicht beantworten. Er wußte nicht,
woher er es wußte.
Er wußte es eben.
»So viel«, wiederholte sie, und sie sprach wie
jemand, der schlief und einen quälenden Alptraum hatte. Dann
schwiegen sie beide. Er rechnete ständig damit, daß die Zwillinge
den Kummer ihrer Eltern spürten, daß sie aufwachten und weinten,
aber es war nichts zu hören außer dem stetigen Ticken der Uhr. Er
nahm auf dem Fußboden neben ihrem Sessel eine bequemere Stellung
ein und hielt weiter ihre Hände, hoffte, sie aufwärmen zu können.
Als fünfzehn Minuten später das Telefon läutete, waren sie immer
noch kalt.
5
Pangborn war kühl und sachlich. Rick Cowley befand
sich in seiner Wohnung und stand unter Polizeischutz. Er würde
sich bald zu seiner geschiedenen Frau begeben. Aber die
Aussöhnung, das Wiederzusammenfinden, von dem beide des öfteren
gesprochen hatten, würde nicht mehr stattfinden können. Miriam war
tot. Rick würde sie im Leichenschauhaus von Manhattan formell
identifizieren. Thad sollte nicht damit rechnen, heute abend noch
von Rick zu hören, und ihn auch nicht selbst anrufen; daß zwischen
Thad und Miriams Mörder eine Beziehung bestand, war Rick »bis auf
weiteres« vorenthalten worden. Phyllis Myers war ausfindig gemacht
und gleichfalls unter Polizeischutz gestellt worden. Mike Donaldson
hatte sich als härtere Nuß erwiesen, aber sie hofften, seinen
Aufenthalt bis Mitternacht ermittelt zu haben, um ihn gleichfalls
schützen zu können.
»Wie wurde sie getötet?« fragte Thad. Er kannte die
Antwort, aber manchmal mußte man trotzdem fragen, Gott weiß,
warum.
»Er hat ihr die Kehle durchgeschnitten«, sagte Alan
mit, wie Thad glaubte, beabsichtigter Brutalität. Und eine Sekunde
später fragte er: »Sind Sie immer noch sicher, daß es nichts gibt,
was Sie mir mitteilen wollen?«
»Morgen früh. Wenn wir einander ansehen
können.«
»Okay. Ich dachte nur, fragen schadet
nichts.«
»Nein. Das tut es nicht.«
»Die New Yorker Polizei fahndet nach einem Mann
namens George Stark, Ihre Beschreibung.«
»Gut.« Und das war es wohl auch, obwohl es
gleichzeitig zwecklos war. Sie würden ihn nicht finden, wenn er
nicht gefunden werden wollte, und wenn jemand ihn fand, so würde er
es, wie Thad glaubte, zu bereuen haben.
»Um neun«, sagte Alan. »Sehen Sie zu, daß Sie dann
da sind, Thad.«
»Ich werde da sein.«
6
Liz nahm ein Beruhigungsmittel und schlief
schließlich ein, Thad driftete in einen leichten Halbschlaf und
wieder heraus,
und um Viertel nach drei stand er auf, um ins Badezimmer zu gehen.
Als er dastand und urinierte, glaubte er die Sperlinge zu hören. Er
erstarrte, lauschte, und der Fluß seines Wassers geriet ins
Stocken. Das Geräusch wurde weder stärker noch schwächer, und nach
ein paar Augenblicken begriff er, daß es nur Grillen waren.
Er schaute aus dem Fenster und sah, daß auf der
anderen Straßenseite ein Streifenwagen der Staatspolizei parkte,
dunkel und schweigend. Er hätte sich einbilden können, daß der
Wagen leer war, wenn er nicht das Aufglühen einer Zigarette gesehen
hätte. Es sah so aus, als stünden er, Liz und die Zwillinge
gleichfalls unter Polizeischutz.
Oder unter Bewachung, dachte er und kehrte
ins Bett zurück.
Was es auch sein mochte - es schien ihm etwas
Seelenfrieden zu verschaffen. Er schlief ein und wachte um acht
auf, ohne die Erinnerung an schlimme Träume. Aber der schlimme
Traum war natürlich da draußen. Irgendwo.