Die Natur der Venus
erbarmte sich anscheinend ihrer Gäste. Die Arbeit verlief ohne
Unterbrechungen. Die Gewitter um- gingen die Insel.
Belopolski und Toporkow
lösten sich am Mikrofon ab, riefen unaufhörlich Melnikow und
lauschten gespannt auf Antwort. Aber die Stille im Äther wurde nur
durch nahe oder ferne Ge- witterstörungen unterbrochen.
„Wenn Gewitter die
Funkverbindung behindern“, sagte To- porkow, „können sie doch keine
lückenlose Front bilden. Zu- mindest zeitweise müßten Schneisen
aufbrechen.“
Belopolskis Miene
verdüsterte sich. Immer häufiger kam ihm der Gedanke, Melnikow und
Wtorow seien verunglückt. Er wußte, daß die Männer draußen ihre
Kräfte für eine nahezu aussichtslose Aktion einsetzten, konnte sich
aber nicht entschlie- ßen, den Befehl zur Einstellung der Arbeit zu
erteilen. Theore- tisch konnten Melnikow und Wtorow noch sechzehn
Stunden leben. Niemand sollte sagen dürfen, daß sie vom Schiff ihre
Pflicht nicht bis zum letzten erfüllt hätten.
Wo sind der Kraft eines
Menschen Grenzen gezogen, wenn er einen Freund zu retten sucht? Wo
liegt die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, seines Willens und
seiner Ausdauer? Zum Umfallen müde, montierten die sieben Männer am
Flugzeug die zweite Tragfläche. Die Hände wollten das Werkzeug
nicht mehr halten, die Augen konnten die Einzelteile kaum noch
unter- scheiden, aber die schweren Metallstücke gelangten dennoch
gleichsam von selbst an Ort und Stelle.
Nach neun Stunden und
zwanzig Minuten meldete Balandin mit bis zur Unkenntlichkeit
heiserer Stimme, die Maschine stehe zum Start bereit.
„Lassen Sie mich und Saizew
fliegen!“
„Auf keinen Fall!“
entgegnete Belopolski. „Schieben Sie das Flugzeug ins Wasser.
Toporkow wird fliegen. Außer Knjasew und Romanow haben alle an Bord
zurückzukehren.“
Er schaltete die
Sprechanlage aus, ohne auf die Einwände des Professors zu
hören.
„Igor Dmitrijewitsch,
starten Sie! Kein anderer ist zur Zeit in der Lage, diese Aufgabe
zu übernehmen. Sie kommen als ein- ziger in Frage. Ich habe in
Boris Nikolajewitschs Abwesenheit nicht das Recht, das Schiff zu
verlassen.“
„Ich werde alles tun, was
ich kann“, antwortete der Ingenieur und verließ die
Kabine.
Belopolski blieb allein. Er
wußte, daß Toporkow nicht war- ten würde, bis die anderen an Bord
zurückgekehrt waren, son- dern sofort zum Flugzeug gehen würde. Der
Kommandant war sich der ungeheuren Verantwortung bewußt, die er auf
sich lud, indem er das Raumschiff von jeglicher Besatzung
entblößte. Auf einem fremden Planeten kann alles mögliche
geschehen. Doch er brachte es nicht fertig, anders zu
handeln.
Wäre es nicht um Melnikow
gegangen, hätte Konstantin Jewgenjewitsch vielleicht Besonnenheit
gewahrt. Keiner außer Kamow wußte, wie sehr sich der wortkarge,
rauhbeinige Wis- senschaftler mit seinem jungen Freund verbunden
fühlte. Mel- nikow stand Belopolski nahe wie ein leiblicher
Sohn.
Während Belopolski in
regelmäßigen Zeitabständen über Funk das verschollene Flugzeug
rief, beobachtete er am Bild- schirm, was im Fjord vor sich ging.
Gleichzeitig behielt er den Zeiger des Ionometers im
Auge.
Aber die Gewitterfronten,
die den Männern soviel Kummer bereitet hatten, schienen sich
verabredet zu haben, die Insel zu meiden. Das günstige Flugwetter
hielt an.
Durch Nebelschwaden
hindurch sah Belopolski verschwom- men Toporkows Boot durch den
Fjord fahren, während das andere Boot dem Raumschiff zusteuerte.
Seine Weisung war befolgt worden. Die fünf Genossen, die das
Flugzeug montiert hatten, kehrten zurück. Romanow und Knjasew
würden, nach- dem sie Toporkow beim Start geholfen hatten, auf
dessen Boot zurückfahren.
Belopolski sah, wie eine
winzige Gestalt im Flugzeug ver- schwand, das sich augenblicklich
in Bewegung setzte, mit zu- nehmender Geschwindigkeit übers Wasser
glitt und in die Luft stieg. Von Herzen dankbar, dachte er an den
unerschrockenen Piloten, der kühn den Gefahren entgegenstürmte, um
Boris und seinen Begleiter zu retten. Weit vorgebeugt, folgte sein
Blick der Maschine, bis sie sich in einen kaum wahrnehmbaren Punkt
verwandelt hatte und inmitten des bleigrauen Himmels ver-
schwand.
Es könnte sein, daß auch er
nicht wiederkommt! durchfuhr es den Kommandanten. – Was für ein
entsetzlicher Gedanke!
Vielleicht quälten ihn die
Einsamkeit und das Bewußtsein, daß in den nächsten zwanzig Minuten
niemand die Kabine be- treten würde? Vielleicht verlangte die
stundenlange nervliche Belastung eine Entspannung? Vielleicht taten
auch die Jahre das Ihrige?... Belopolski ließ plötzlich den grauen
Kopf auf die Arme sinken und weinte.
Was würden die Kameraden
sagen, wenn sie in diesem Augen- blick ihren Kommandanten sähen,
den sie den Eisernen nannten?
Im Lautsprecher meldete
sich eine Stimme. Ruckartig richtete Belopolski sich auf.
Eine Anfrage von Toporkow?
... Nein, es war nicht Topor- kows Stimme ...
„Raumschiff! Raumschiff!
Hier spricht Melnikow! Hier spricht Melnikow! Antwortet!“
Fassungslos ob des
überraschenden Glücks schaltete Belo- polski den Sender
ein.
„Ich höre, Boris, ich höre!
Wo bist du?“
„Unsere Maschine liegt vor
einer unbekannten Küste, westlich von euch. Eine Blitzeinwirkung
hat die Triebwerke zerstört. Bei der Landung sind wir auf eine
Sandbank aufgelaufen, wo- bei die Schwimmer abbrachen. Wtorow und
ich haben keine Verletzungen. Durch den Aufprall war der Generator
unserer Funkanlage unbrauchbar geworden, wir haben ihn soeben repa-
riert. Mit eigener Kraft können wir die Maschine nicht
bewegen.“
„Toporkow ist mit dem
zweiten Flugzeug gestartet, um euch zu suchen. Nehmt mit ihm
Verbindung auf, und zwar auf eurer Welle. Reichen Luft und
Lebensmittel?“
„Ich habe mitgehört“,
schaltete sich Toporkow selber ein. „Boris Nikolajewitsch! Geben
Sie mir Funkorientierungssignal!“
„Es hat keinen Zweck, mit
dem Flugzeug zu kommen“, ant- wortete Melnikow.„Kehren Sie um!
Konstantin Jewgenjewitsch, lassen Sie Igor Dmitrijewitsch sofort
umkehren. Wenn Sie es für möglich halten, schicken Sie uns das
Unterseeboot.“
„Was heißt ,Wenn Sie es für
möglich halten'?“ Belopolski war entrüstet. „Wir sind bereit, alles
zu tun, um euch zu retten. Aber habt ihr genug
Sauerstoff?“
„Er reicht noch für
vierzehn Stunden. Und ungefähr zwei Stunden können wir noch länger
aushalten, wenn wir den Sauer- stoff aus den Behältern der
Gasmasken benutzen. Ich bin der Meinung, daß nur mit dem
Unterseeboot...“
Jäh brach Melnikows Rede
ab. Aufgeregt rief Belopolski ihn, aber vergebens. Die
Verunglückten antworteten nicht mehr.
„Am westlichen Horizont
steht wieder eine mächtige Gewit- terfront“, meldete
Toporkow.
„Kehren Sie sofort zurück!
Brauchen Sie Funkorientierung?“
„Nein, ich sehe die Insel
noch.“
Balandin trat ein. Der
Professor sah erschöpft aus. Als er hereinkam, hörte er, wie der
Kommandant Romanow und Knjasew die Weisung gab, sie sollten am
Hangar Toporkow erwarten.
„Kommt das Flugzeug schon
zurück? ... So schnell?“
Nach Balandin traten
Korzewski, Paitschadse, Andrejew und Saizew ein.
Belopolski schilderte den
Genossen sein überraschendes Ge- spräch mit Melnikow. Dabei
schaltete er die Sprechanlage ein, damit Romanow und Knjasew
mithören konnten.
Die freudige Botschaft
machte allen neuen Mut.
„Wird das Boot aus der
Bucht auslaufen können?“ fragte Balandin besorgt.
„Das werden wir sofort
feststellen“, antwortete Belopolski. „Sascha!“ rief er. Den jungen
Mechaniker nannten alle beim Vornamen.
„Ich höre“, antwortete
Knjasew.
„Sobald die Maschine wieder
im Hangar steht, fahren Sie
zum Ausgang der Bucht und stellen fest, ob
das Unterseeboot von hier aus in See stechen kann. Messen Sie die
Tiefe.“
„Zu Befehl!“
„Wenn es aber nicht geht?“
fragte Korzewski.
„Dann sprengen wir die
Felsen, die die Ausfahrt versperren“, antwortete Belopolski
energisch, so wie ihn alle kannten. Von der Schwäche, die ihn
soeben noch übermannt hatte, war nichts mehr zu spüren. „Mit dem
Boot werden Sinowi Serapionowitsch und Konstantin Wassiljewitsch
fahren.“
„Dann bitte ich die beiden
Genossen mitzukommen“, sagte Andrejew. „Wie lange wird es dauern,
bis das Boot seeklar ist?“
„Wenn wir keine Felsen
sprengen müssen, anderthalb Stun- den.“
„Das genügt, um sich etwas
zu erholen. Kommen Sie, Stanis- law Kasimirowitsch! Wir werden uns
bemühen, die U-Boot- Fahrer wieder in einen normalen Zustand zu
versetzen.“
Korzewski, Balandin und
Saizew gingen mit Andrejew hin- aus.
Toporkow landete glatt, und
kaum stand das Flugzeug im Hangar, da fuhr das Motorboot schon zum
Ausgang der Bucht. Eine Fahrrinne für das Unterseeboot wurde
gefunden und ver- messen.
Kaum war das Boot zum
Schiff zurückgekehrt, da regnete es wieder in Strömen. Dieselbe
Gewitterfront, die Toporkow per Sprechfunk angekündigt hatte,
belagerte die Insel. Aber keiner stellte die Arbeit ein. Das
Unterseeboot wurde im Innern des Raumschiffes mit allem Notwendigen
ausgerüstet. Durch bittere Erfahrung belehrt, richteten sich die
Sternfahrer auf die ärgsten Unglücksfälle ein. Es wurde ein
doppelter Lebensmittelvorrat für fünf Personen, berechnet auf eine
Woche, verladen, des- gleichen ein dreifacher Satz
Sauerstoffbehälter und zusätzliche Akkumulatoren; sorgfältig wurden
die Mechanismen und die Funkanlage geprüft. Auch Taucher- und
Kühlanzüge wurden nicht vergessen. Toporkow stellte sein Ionometer
auf das Zen- trale Steuerpult.
Die Männer beeilten sich,
aber jede Anlage, jedes Teil wurde dreifach geprüft.
Das Unterseeboot, das man
eigens für die Fahrt auf der Venus gebaut hatte, war nicht groß –
acht Meter lang und zweieinhalb Meter im Durchmesser. Der Rumpf
bestand aus Plasteguß, der hart wie Stahl und durchsichtig wie Glas
war. Mit vier mäch- tigen Scheinwerfern konnte die ganze Umgebung
des Bootes beleuchtet werden. Zwei Schrauben, die von
Elektromotoren getrieben wurden, konnten ihm eine Geschwindigkeit
von fünf- zig Stundenkilometern verleihen. Fast alle Teile der
Ausrüstung waren aus Plaste gefertigt, was das Fahrzeug leicht und
wendig machte. Die Errungenschaften der Plaste-Industrie, die sich
in den letzten Jahren stürmisch entwickelt hatte, waren die Vor-
aussetzung dafür, daß dieses Wunderwerk der Technik ent- stehen
konnte.
Sobald das Gewitter
abgezogen war, wurde die Funkverbin- dung mit dem gestrandeten
Flugzeug wiederaufgenommen. Mel- nikow präzisierte die Angaben über
die Lage des neuentdeckten Festlandes. Es befand sich seiner
Berechnung nach hundertfünf- zig Kilometer südwestlich der Insel.
Sein Ufer erstreckte sich von Horizont zu Horizont, so daß das
Unterseeboot es gewiß nicht verfehlen konnte. '
„Meiner Meinung nach ist es
ein Festland“, erklärte Boris Nikolajewitsch. „Es könnte nichts
schaden, wenn Sinowi Sera- pionowitsch auf dem Wege hierher das
Ufer nördlich und süd- lich von uns näher untersuchte. Wir müssen
genau feststellen, ob dies ein Festland oder eine Insel ist. Wir
können mit bloßem Auge Wald sehen, und er besteht nicht aus
Korallen.“
„In welchem Zustand
befindet sich das Flugzeug?“ fragte Belopolski.
„Die Schwimmer sind
abgebrochen, die Flügel weg. Ich fürchte, es ist völlig
fluguntüchtig geworden.“
„Danach frage ich nicht. In
welchem Zustand ist der Rumpf, in dem Sie sich
aufhalten?“
„Er sackt allmählich ab.
Wird anscheinend von dem sandigen Grund aufgesogen, und die
Regengüsse tun das Ihrige.“
„Und da empfehlen Sie
Balandin, er soll sich das Ufer an- sehen!“
Melnikows Kaltblütigkeit
begeisterte alle Besatzungsmit- glieder.
Zwei Stunden später lag das
Unterseeboot seeklar vor der hinteren Luftschleuse.
Balandin und Saizew kamen.
Ein belebendes Sauerstoffbad, eine Stunde künstlicher Schlaf und
Massage hatten sie erstaun- lich verändert. Dank der helfenden Hand
der Schiffsärzte war ihnen keine Spur von Müdigkeit anzumerken. Sie
fühlten sich gekräftigt und energiegeladen.
„Sie fahren ohne Umwege zu
Melnikow und Wtorow“, befahl ihnen Belopolski. „Halten Sie sich
nirgends auf – was Ihnen unterwegs auch begegnen mag. Falls Boris
Nikolajewitsch Ihnen nahelegt, Sie sollten sich mit irgendwelchen
Untersuchungen ab- geben, so verbiete ich, auf ihn zu
hören.“
„Wer wird denn jetzt an
Forschungsarbeit denken?“ staunte Balandin.
Die anderen schilderten ihm
Melnikows Unterhaltung mit Belopolski. Der Professor schüttelte nur
mit dem Kopf.
Die Befürchtung, es könne
bald ein längeres Gewitter auf- ziehen, trieb die U-Boot-Fahrer zur
Eile. Sie mußten wenigstens das Riff, das die Ausfahrt aus der
Bucht verengte, bei klarem Wetter umschiffen. Wenn sie erst auf
hoher See waren, konnten sie tauchen und brauchten die Unwetter
nicht mehr zu fürchten. Eine sorgfältig gezeichnete Karte von der
Fahrrinne des Fjor- des wurde Saizew übergeben.
Die Kosmonauten waren nun
beinahe völlig beruhigt. An der Stabilität des Unterseebootes war
nicht zu zweifeln. Es würde die hundertfünfzig Kilometer lange
Strecke innerhalb von drei Stunden zurücklegen und sich unterwegs
nach den Funksignalen des Flugzeuges orientieren. Selbst wenn man
auf unvorher- gesehene Hindernisse stoßen sollte, deren Überwindung
drei Stunden zusätzlich kostete, würden Melnikow und Wtorow
rechtzeitig aus dem Flugzeugwrack gerettet werden.
Auf Belopolskis Anfrage hin
war ihm berichtet worden, der Rumpf sinke in der Stunde fünf bis
sechs Zentimeter, aber das Wasser könne nicht in die hermetisch
verschlossene Kabine ein- dringen.
Die außerordentliche
Erschöpfung der Besatzung forderte nun mit Macht ihr Recht. Nachdem
das Unterseeboot abgelegt hatte, suchten alle außer Belopolski und
Toporkow ihre Kabi- nen auf, um sich auszuruhen: Im Schiff trat
völlige Stille ein.
„Legen Sie sich auch ein
bißchen aufs Ohr“, sagte Belopolski zu Toporkow. „Ich wecke Sie in
drei Stunden.“
„Und Sie?“
„Ich bin nicht so müde wie
die anderen.“
Eintönig summten im
Lautsprecher die Orientierungssignale. Von Zeit zu Zeit wechselte
Belopolski einige Worte mit Melnikow oder mit Balandin, wenn nicht
gerade Gewitter die Verbindung störten.
Vorerst verlief alles
glatt. Das Boot näherte sich auf dem vorgesehenen Kurs seinem
Ziel.
Das Unterseeboot hatte die
gewundene Fahrrinne zwischen den Klippen hinter sich gelassen und
wurde von der Dünung erfaßt. Je weiter es sich vom Ufer entfernte,
desto mehr schlin- gerte das leichte Gefährt. Bald wurde es auf den
Kamm einer Meereswoge hinaufgetragen, bald stürzte es wieder in die
Tiefe. Die Besatzung konnte sich, solange das Ufer nahe war, noch
nicht zum Tauchen entschließen, weil sie fürchtete, auf ein Ko-
rallenriff zu stoßen. Erst als das Echolot große Tiefe anzeigte,
öffnete Saizew, der am Steuerpult saß, die Tauchtanks.
Das Boot schlüpfte unter
die Wasseroberfläche. Das trübe Tageslicht der Venus, an das die
Männer sich schon gewöhnt hatten, wurde von undurchdringlicher
Finsternis abgelöst. In einer Tiefe von zehn Metern hörte das
Schlingern völlig auf.
Ein Scheinwerfer wurde
eingeschaltet. Ein mächtiger Licht- strahl bohrte sich in das
Wasserdickicht vor ihnen. Durch die Plastewand hindurch waren
huschende Schatten zu sehen, die spurlos verschwanden, sobald sich
das Boot ihnen näherte.
„Das sind ganz bestimmt
Fische!“ stieß Balandin erregt her- vor. „Wenn wir doch wenigstens
einen von nahem sehen könn- ten!“
„Maschinen stop!“ rief er,
als er im Scheinwerferlicht ganz nahe einen langgestreckten Körper
vorüberhuschen sah.
„Lassen wir uns durch
nichts ablenken“, empfahl Saizew. „Wenn es Seetiere sind, werden
sie nachher auch noch da sein, und wir können sie auf der Rückfahrt
genauer ansehen. Jetzt gibt es für uns nur eine Aufgabe: Wtorow und
Melnikow retten. Wir wissen nicht, was uns noch erwartet. Am besten
erfüllen wir gewissenhaft unseren Auftrag. Wir dürfen uns unterwegs
nicht aufhalten.“
„Sie haben recht,
Konstantin Wassiljewitsch“, antwortete der Professor beschämt. „Ich
war unbesonnen, entschuldigen Sie. Geben Sie volle Fahrt
voraus.“
„Dazu ist es noch zu
früh.“
Kaum hatte das Unterseeboot
die Südspitze der Korallen- insel umschifft, als auf dem Bildschirm
des Lokators ein Nebel streif auftauchte. Saizew legte das Ruder
herum. Der Bug schwenkte mehr nach Westen. Der Streif auf dem
Bildschirm wurde schmaler und durchsichtiger. Als er sich in einen
dünnen Strich verwandelt hatte, der grünlich fluoreszierte, wurden
die beiden Motoren auf äußerste Fahrt gebracht. Wie ein Pfeil schoß
das Boot seinem Ziel entgegen.
Auf der Erde leitet das
Wasser die Funksignale in der Regel schlechter als die Luft. Auf
der Venus verhält es sich anders. Die Ionisation im Bereich der
Gewitterfronten, die jeden Funkver- kehr unterbricht, wirkt sich
auf die Leitfähigkeit des Ozeans nicht aus. Daher hatte Melnikow
auf Toporkows Anweisung die Antenne seines Flugzeuges ins Wasser
getaucht, und die Orientierungssignale waren, wenn auch
abgeschwächt, ständig auf dem Bildschirm des Bootes zu sehen. Das
gleichzeitig aus- gestrahlte akustische Orientierungssignal war
dagegen kaum zu hören und verstummte zeitweilig vollends.
Der Bootskörper erwärmte
sich allmählich durch die hohe Geschwindigkeit, aber Saizew fuhr
deswegen nicht langsamer. Die Lokationsgeräte teilten beruhigend
mit, daß keine Hinder- nisse voraus waren.
Das Fahrtempo machte es
unmöglich, backbord oder steuer- bord noch etwas zu erkennen.
Professor Balandin war eigentlich froh darüber. Es fiel ihm schwer,
achtlos an der Meereswelt der Venus vorüberzufahren, in die der
Mensch zum erstenmal ein- gedrungen war. Wenn er nach vorn spähte,
sah er, wie sich weit voraus am Ende des Lichtkorridors, den der
Scheinwerfer er- zeugte, manchmal etwas bewegte. Gestalten ließen
sich nicht erkennen, aber es waren bestimmt Lebewesen; sie
verschwanden augenblicklich wieder in der unbeleuchteten tiefen
See. Durch die Bordwände spürte man geradezu, daß sich in dem
finsteren Wasser etwas regte. Verschwommene Schatten kamen so nahe
heran, daß ihre Umrisse beinahe zu erkennen waren. Verschie-
denfarbige Punkte flammten auf und erloschen wieder.
Mühsam unterdrückte
Balandin den Wunsch, alle Scheinwer- fer einzuschalten und das
Wasser ringsum zu beleuchten. Er durfte der Versuchung nicht
nachgeben und sich von der Er- füllung des vordringlichen Auftrages
nicht ablenken lassen. Nach der Rettung der verunglückten Genossen
würde Zeit ge- nug sein, alles zu beobachten. Jetzt gab es nur
eins: vorwärts! Nichts als vorwärts!
An der mehrmaligen
Unterbrechung der Funkverbindung mit dem Raumschiff merkten die
U-Boot-Fahrer, daß ein Gewitter nach dem anderen über dem Ozean
tobte. Sie beeinträchtigten aber nicht die Stille im tiefen
Wasser.
Die erste Stunde war
vergangen. Fünfzig Kilometer hatte das Boot bereits zurückgelegt.
Die grüne Linie auf dem Bildschirm wurde allmählich immer klarer.
Das Millimeterband des Radar- projektors zeigte an, daß seine
Suchstrahlen noch nirgends auf Land gestoßen waren. Das Boot raste
mit unverminderter Ge- schwindigkeit weiter.
Gespannt beobachteten
Balandin und Saizew die vom Schein- werfer beleuchtete Wasserwüste.
Es war nicht ausgeschlossen, daß sie auf Hindernisse stießen, vor
denen der Lokator sie nicht warnte. Beispielsweise auf
Schlinggewächse, die für die Funk- wellen sozusagen durchsichtig
waren und sie deshalb nicht zu- rückwarfen. Wer konnte wissen,
welche Überraschungen der fremde Planet dem Menschen noch zu bieten
hatte?
Balandins Gedanken kamen
nicht los von den Rätseln der Venus. Er mußte darüber
sprechen.
„Die Venus“, sagte er, „hat
längst das Stadium der ursprüng- lichen Entstehung des Lebens
durchlaufen. Ebenso wie auf der Erde hat sich dabei das Leben auch
hier im Meer entwickelt. Die Teilung der Organismen in Pflanzen-
und Tierreich ist ab- geschlossen. Wir dürfen mit Recht annehmen,
daß die Pflanzen bereits an Land gestiegen sind und sich den
widrigen klima- tischen Bedingungen angepaßt haben. Aber haben die
Tiere ein Gleiches getan? Oder leben sie noch im Wasser? In
Anbetracht der Länge von Tag und Nacht sowie der hohen
Tagestempera- tur auf dem Land neige ich zu der Auffassung, daß die
Tiere im Ozean geblieben sind, wo sie gleichmäßigere Lebensbedin-
gungen finden. Aber das Lineal, das wir gefunden haben, wider- legt
eine derartige Folgerung. Ach, dieses vermaledeite Lineal! Es läßt
mir keine Ruhe. Es birgt das Geheimnis des Lebens auf der Venus,
und solange dieses Geheimnis nicht gelüftet ist, können wir nichts
als feststehend betrachten, so einleuchtend es auch erscheinen
mag.“
„Sie lehnen also
entschieden die Theorie ab, daß hier ein anderes Raumschiff
gelandet ist?“ fragte Saizew.
Balandin maß ihn mit einem
seltsamen Blick.
„Sagen Sie, Konstantin
Wassiljewitsch“, fragte er nach kurzem
Schweigen, „gehören zu Ihren Geräten auf dem
Schiff Holz- lineale?“
„Natürlich
nicht!“
„Sie benutzen also
vollkommenere Meßgeräte?“
„Selbstverständlich.“
„Weshalb sollen wir also
annehmen, Astronauten eines ande- ren Planeten, deren Technik
keinesfalls auf einem niedrigeren Stand als unsere sein könnte,
benutzten solch ein primitives und ungenaues Meßgerät?“
„Wahrhaftig – ein richtiger
Gedanke!“ sagte Saizew erstaunt. „Warum hat bloß keiner beachtet,
daß dieses Lineal ja äußerst primitiv ist?“
„Ich finde diesen Gedanken
auch richtig. Übrigens hat ihn Arsen Georgijewitsch zuerst
geäußert, und Sie selber haben ihn darauf gebracht.“
„Ich? Nicht daß ich wüßte
...“
„Nicht direkt! Als wir
heute das Flugzeug montierten, mach- ten Sie zu Paitschadse eine
Bemerkung, als der den Durchmesser einer Öffnung mit einem Lineal
maß. Mit einem genauen Lineal, das aus Metall, nicht aus Holz
gefertigt war. Sie sagten zu ihm, daß es für solche Zwecke doch
einen Stangenzirkel gäbe.“
„Das stimmt.“ Saizew
schmunzelte. „So war es.“
„Und darauf sagte
Paitschadse zu mir, das Lineal habe allem Anschein nach niemand auf
die Venus mitgebracht. Es sei hier hergestellt worden, von einem
‚Menschen', einem Geschöpf also, das Vernunft besitzt, obwohl es
uns vielleicht nicht ähnelt. Ver- nunft aber, die mathematischer
Erkenntnis fähig sei, stelle eine sehr hohe Entwicklungsstufe in
der Evolution der Materie dar. Doch wo sind Spuren vom Wirken
dieser Vernunft? Außer die- sem einen Lineal sind keine zu
finden.“
„Wir werden sie
finden!“
„Ganz recht – sie müssen
gefunden werden. Wie ich schon gesagt habe, liegt darin das
Geheimnis des Lebens auf der Venus.“
Ein zweites Rätsel
Mit leichter Schlagseite
und zur Hälfte im Wasser versunken, lag das Flugzeug sechzig Meter
vom Ufer entfernt. Richtiger gesagt, nicht das Flugzeug, sondern
sein Rumpf.
Als es aufklarte, schoben
Melnikow und Wtorow das Plaste- dach auseinander und atmeten durch
ihre Gasmasken die Außenluft. Das war sparsamer, als den kostbaren
Sauerstoff- vorrat aufzubrauchen, der so lange wie möglich
aufgehoben werden mußte. Es blieb ungewiß, wann ihnen die anderen
zu Hilfe eilen würden. Das Unterseeboot hatte auf seiner Fahrt zwar
vorläufig nirgends Aufenthalt gehabt, aber keiner konnte sich dafür
verbürgen, daß dies auch weiterhin so bleiben würde. Jeden
Augenblick konnte es auf unerwartete Hindernisse stoßen.
Eine Sandbank, von weitem
nicht zu erkennen, hatte den beiden Fliegern das Leben gerettet.
Die Schwimmer waren im letzten Augenblick auf die Sandbank
aufgelaufen, als scheinbar nichts mehr den verhängnisvollen
Zusammenstoß mit den Felsen verhindern konnte, die von drei Seiten
die schmale Bucht um' gaben.
Alles war innerhalb weniger
Sekunden geschehen.
Die beiden Astronauten
hatten schon Abschied vom Leben genommen, als sie ein schrecklicher
Stoß gegen die Vorderwand der Kabine schleuderte. Melnikow schnitt
sich die Stirn am Steuer auf, Wtorow schlug gegen die
Instrumententafel, und der zersplitternde Helm zerschnitt ihm Kinn
und Wangen.
Mit blutüberströmten
Gesichtern standen sie wieder auf und verstanden immer noch nicht,
was vor sich gegangen war. Sie wußten nur, daß sie
lebten.
Nachdem sie sich
gegenseitig verbunden hatten, hielten sie Umschau.
Regungslos lag das Flugzeug
auf einer Sandbank im ruhigen Wasser der Bucht. Die Schwimmer
hatten sich tief in den Sand gebohrt, und dadurch hatte sich die
Maschine trotz des plötz- lichen Abbremsens nicht überschlagen
können. Das Schwimmer- gestänge war gebrochen, die Steuerung
zerschellt, alle Trossen gerissen.
Die Felsen ringsum schienen
aus Granit zu sein. Dunst, der vom Wasser aufstieg, verdeckte die
Einzelheiten, aber die Astronauten sahen deutlich Gras oder etwas
Grasähnliches, das gelbbraun gefärbt war und an den Steilhängen
wuchs. Ein Stück weiter ins Land hinein erhoben sich die Wipfel von
Bäumen, von richtigen Bäumen, keinen Korallen. Sie hatten Zweige
und Blätter und wiegten sich im Wind. Die hohen Uferfelsen mach-
ten es unmöglich, Form und Farbe der Stämme zu erkennen.
„So schnell wie möglich mit
dem Schiff Verbindung aufneh- men“, sagte Melnikow. „Mit eigener
Kraft kommen wir hier nicht heraus.“
Schweigend wies Wtorow auf
das Funkgerät.
Es bot einen traurigen
Anblick. Zerschlagen glitzerten die Scheiben der Apparaturen,
zerrissen hingen die Drähte heraus. Bei näherer Untersuchung
stellte Melnikow fest, daß der Gene- rator sich losgerissen hatte
und nicht mehr funktionierte.
Melnikows Miene verdüsterte
sich.
„Ich bin kein Funker“,
sagte er. „Sie auch nicht. Aber wenn wir die Funkverbindung nicht
wiederherstellen, sind wir er- ledigt. Der Sauerstoff reicht nur
noch für vierundzwanzig Stunden.“
„Der Kommandant wird das
andere Flugzeug ausschicken, um uns zu suchen.“
„Es muß erst montiert
werden, und das kostet viel Zeit.“ Melnikow verstummte und setzte
erst nach geraumer Weile leise hinzu: „Auch wissen sie dort nicht,
wohin wir geflogen sind.“
Wtorow entsann sich. Er
hatte selbst an das Schiff gefunkt, daß ihr Flugzeug Kurs Süd
nähme, um einem Gewitter auszu- weichen. Daß sie später nach Westen
abgedreht hatten, konnte nicht mehr gemeldet werden. Wo würden die
Männer vom Raumschiff sie also suchen? Natürlich südlich von der
Insel.
Das ist der Tod! dachte
Wtorow niedergeschlagen.
„Also ist alles aus?“
fragte er so ruhig wie möglich, aber seine Stimme zitterte
verräterisch.
„Warum so voreilige
Schlüsse ziehen? Wir werden kämpfen! Geben Sie mir den
Ersatzteilkasten für das Funkgerät!“
„Sie glauben ...“
„Wir haben nichts zu
glauben. Wenn wir das Sendegerät nicht reparieren, bedeutet das
unser Ende. Also müssen wir es um jeden Preis reparieren. Darauf
kommt es an!“
„Wir werden es versuchen“,
sagte Wtorow. Die Worte und vor allem der Ton, in dem Boris
Nikolajewitsch sprach, gaben ihm neue Hoffnung. Ohne Zeit zu
verlieren, begannen sie zu arbeiten.
Ein Gewitter, das aufzog,
störte sie nicht. Durch das massive Plastedach geschützt,
wechselten sie bei elektrischem Lampen- licht die zerstörten Teile
der Funkanlage aus. Sie brauchten nur mechanisch die neuen Teile an
dieselbe Stelle zu setzen, von der sie die beschädigten entfernten,
und äußerst behutsam die zerrissenen Leitungen wieder zu flicken.
Verwechselten sie dabei einen Draht mit einem anderen, wäre ihre
ganze Arbeit umsonst.
Dankbar dachten sie an
Toporkows Unterricht in Funktech- nik, an dem auf Belopolskis
Weisung alle Besatzungsmitglieder von „SSSR-KS 3“ hatten teilnehmen
müssen. Ohne diese kluge Voraussicht des Expeditionsleiters hätten
sie nicht einmal jene allgemeine Vorstellung von der Arbeitsweise
eines Senders und eines Empfängers gehabt, die ihnen jetzt
unschätzbaren Dienst erwies.
Sie nahmen gar nicht wahr,
daß ein Gewitter nach dem ande- ren über das Flugzeug hinwegzog,
und wunderten sich sehr, als sie entdeckten, daß seit Beginn ihrer
Arbeit bereits neun Stun- den vergangen waren.
Die Funkanlage war
repariert. Aber würde sie funktionieren?
Minutenlang zögerten sie
mit dem Einschalten.
Die beiden Männer wußten
genau, daß ein Mißerfolg für sie den Tod bedeutete. Wenn ihnen in
dem kompliziert verflochte- nen Schaltschema ein Fehler unterlaufen
war, würden sie nicht in der Lage sein, ihn aufzuspüren und zu
beseitigen.
Die Genossen werden
bestimmt alles daransetzen, uns zu finden, dachte Melnikow. – Sie
haben wahrscheinlich inzwischen das zweite Flugzeug montiert. Ein
paar Stunden werden sie uns südlich der Insel suchen. Erst wenn
sich erweist, daß wir dort nicht sind, werden sie in andere
Himmelsrichtungen fliegen. Vielleicht entdecken sie dann dieses
Festland und schließlich auch uns? Aber wieviel Zeit werden sie
dazu brauchen? Unsere Luft reicht noch für fünfzehn, sechzehn
Stunden. Und selbst wenn sie uns entdeckt haben, kann das Flugzeug
in der schmalen Bucht nicht wassern. Es wird umkehren und dann erst
das Unterseeboot hierher auslaufen müssen. Das dauert abermals
mindestens fünf Stunden. Wenn wir nicht zu zweit wären – einer
allein konnte es dreißig Stunden aushalten. Ich muß Wto- row
retten, er ist jünger als ich ...
Nicht ganz so ausführlich
und besonnen, aber ähnlich dachte im selben Augenblick auch
Wtorow.
Es ist eine arithmetische
Rechnung, sagte er sich im stillen. – Boris Nikolajewitschs Leben
ist wertvoller als meins. Wenn das Funkgerät nicht funktioniert,
nehme ich mir das Leben. Die Pistole steckt in der
Tasche.
Sie sahen einander lächelnd
an – mit der gleichen Absicht, die eigenen Gedanken vor dem andern
zu verbergen.
„Also – versuchen wir es!“
sagte Melnikow.
„Das Zögern führt zu
nichts.“
Als sich der Generator mit
einem trockenen Knacken ein- schaltete, schloß Wtorow unwillkürlich
die Augen. Tanjas Ge- stalt stand ihm so klar vor Augen, daß er
glaubte, ihren warmen Atem auf seiner Wange zu spüren. Seine Hand
schob sich in die Tasche der Kombination und befühlte den kalten
Stahl der Schußwaffe.
„Ich höre, Boris, ich höre!
Wo bist du?“
Die Stimme Belopolskis ...
Warum antwortet er sofort? Hat Melnikow denn etwas gesagt? – Wtorow
schlug die Augen auf.
Boris Nikolajewitschs
ruhige Stimme klang in der Kabine des gestrandeten Flugzeugs wie
ein Aufruf zum Leben.
Langsam, als traute er
seinen Ohren nicht, zog Wtorow die Hand aus der Tasche.
Ihm wurde schwindlig. Er
hätte am liebsten mit voller Brust die reine Meeresluft eingeatmet.
Aber draußen war ja keine reine Luft, sondern die gasgeschwängerte
des unbekannten Pla- neten.
„Ich glaube, daß nur das
Unterseeboot...“
Das Lämpchen am Indikator
erlosch, der Satz brach ab. Eine Gewitterfront, die sich zwischen
sie und die Insel schob, zerriß die Funkverbindung.
„Ich habe offengestanden
bezweifelt, daß es uns gelingt“, sagte Melnikow. „Ich dachte, wir
würden es nicht fertigbringen, den Sender instand zu
setzen.“
„Ich auch“, antwortete
Wtorow leise.
Melnikow sah ihm ins
bleiche Gesicht und zuckte zusammen. Das war doch nicht
möglich!
Wahrhaftig! Wtorow hatte
für ihn zweifellos das gleiche tun wollen wie er für Wtorow.
Melnikow packte das unwidersteh- liche Verlangen, diesen
Prachtjungen mit dem reinen Herzen zu umarmen. Er tat es nicht.
Wtorow brauchte nie zu erfahren, was in ihm vor sich
ging.
„Sieh nur, Gennadi!“ Er
duzte ihn, ohne sich dessen bewußt zu sein. „Unsere Maschine hat
keine Tragflächen mehr.“
Tatsächlich waren beide
Tragflächen, anscheinend unter der Last der Regengüsse, abgebrochen
und verschwunden. Wann dies geschehen war und warum sie das
Gepolter und das Knak- ken des brechenden Metalls nicht gehört
hatten, wußte sich weder der eine noch der andere zu
erklären.
„Ich habe den Eindruck, das
Flugzeug ist tiefer ins Wasser gesunken“, sagte Wtorow.
Er wunderte sich nicht im
geringsten darüber, daß Melnikow plötzlich so freundschaftlich mit
ihm redete. Er fand es natür- lich, daß der Kommandant als der
Ältere ihn beim Vornamen nannte. Bloß warum hatte er das früher
nicht getan?
„Ich habe nicht nur den
Eindruck“, erwiderte Melnikow, „ich bin davon überzeugt. Der Sand
saugt den Rumpf in sich hinein.“
Er sagte das so
selbstverständlich, daß Wtorow nicht wagte, die sich aufdrängende
Frage zu stellen: Was wird geschehen, wenn das Flugzeug ganz im
Wasser versinkt? Sie hatten kein Boot bei sich, um an Land zu
fahren. Ihr Schlauchboot hatte in der einen Tragfläche gelegen und
war mit ihr hinweggespült worden.
Nach zwei Stunden teilte
Belopolski ihnen mit, daß das Unterseeboot ausgelaufen
sei.
Die Stunden des Wartens
zogen sich in die Länge.
Die Kabine sank langsam,
aber unaufhaltsam tiefer. Das Wasser reichte schon bis zum Rand des
Plastedaches. Oft zog Regen herauf, und die Wucht der Wassermassen
drückte das Flugzeug noch tiefer in den Sand. Bald mußten die
beiden Män- ner das Plastedach wieder schließen und statt der
gefilterten Außenluft wieder mit Hilfe der Sauerstoffballons atmen,
weil sonst das Wasser in die Kabine gedrungen wäre. Es stieg schon
mehrere Zentimeter über die Bordwand.
„Schade, daß wir keine
Taucheranzüge bei uns haben“, sagte Melnikow.
Sobald es aufklarte,
betrachteten sie prüfend durch die Fern- gläser das Ufer, das sie
von drei Seiten umgab. Sie hatten zwei- fellos richtige Bäume,
gigantische Vertreter der Pflanzenwelt, vor sich. Das Laub war
hellorange gefärbt.
Ein heftiger Windstoß fegte
durch die Bucht. Die Wasser- oberfläche kräuselte sich, das Gras am
Ufer wippte, stärker wiegten sich die Kronen der Bäume.
„Ein ganz anderes Bild als
die Insellandschaft“, sagte Wto- row. „Dort herrscht Totenstille,
hier regt sich Leben. Es fehlen bloß noch Vögel.“
„Sieh dir einmal das Laub
an.“ Melnikow wies mit der Hand auf das Ufer. „Dort – etwas ganz
Merkwürdiges! Wie können sich Blätter bei solchen Regengüssen
halten?“
„Sie sind wahrscheinlich
anders gebaut als die Baumblätter auf der Erde.“
„Sicherlich. Die müssen wir
uns auch noch ganz genau an- sehen.“
Ein kurzes, aber schweres
Gewitter unterbrach die Unter- haltung. Beim Rauschen des Regens,
beim Einschlagen der Blitze und beim Donner konnten sie einander
nicht verstehen. Brodelnder Schaum bedeckte die Kabine.
Als es wieder aufklarte,
sahen sie, daß das Plastedach kaum noch aus dem Wasser ragte. Noch
ein, zwei Gewitter, und die Wasser der Bucht würden über ihnen
zusammenschlagen.
„Jetzt wird es Zeit, daß
das Boot kommt“, meinte Wtorow.
„Es wird zur rechten Zeit
da sein.“
Am Funkgerät flammte ein
Lämpchen auf. Toporkow meldete sich.
„Wie ist die
Lage?“
Melnikow kam seinem
Genossen zuvor, der schon antworten wollte.
„Keine besonderen
Veränderungen“, sagte er hastig.
„Und das
Absacken?“
„Verläuft normal. Keine
ernsten Gefahren.“
„Ich habe schon lange keine
Verbindung mehr mit dem U-Boot“, sagte Toporkow. „Wo steht
es?“
„Fünfzig Kilometer von
hier.“
Man hörte Igor
Dmitrijewitsch tief atmen.
„Wir machen uns große
Sorgen um euch.“
„Dazu haben Sie nicht den
geringsten Grund.“
Abermals brach die
Verbindung ab. Der Funkverkehr auf der Venus gestaltete sich
äußerst launisch.
„Warum machen Sie den
Genossen etwas vor?“ fragte Wto- row. „Wäre es nicht besser, die
Wahrheit zu sagen?“
Melnikow blickte Wtorow
schweigend an, als studiere er sein Gesicht.
„Ich weiß aus eigener
Erfahrung“, sagte er langsam, „daß es bedeutend schwerer fällt,
einen Kameraden in Not zu wissen, als selbst in Not zu sein. Die
Genossen an Bord können außer dem, was sie bereits unternommen
haben, nichts für uns tun. Was soll ich ihnen sagen? Daß das Boot
frühestens in einer Stunde hier sein kann, wissen sie selber. Daß
wir endgültig ins Wasser absinken werden, wenn noch zwei Platzregen
kommen, und es dann bedeutend schwieriger sein wird, uns zu finden?
Daß jedes neue Gewitter ebensolange anhalten kann wie jenes, dem
wir unsere jetzige Lage verdanken?“
Er versank in ein längeres
Schweigen. Dann erklärte er ruhig:
„Die Wahrheit ist immer
gut, aber um die Freunde nicht zu beunruhigen, muß sie manchmal
geopfert werden. Sie sollen ruhig denken, bei uns sei die Lage
unverändert.“
„Sie halten unsere Rettung
noch für fraglich?“
Melnikow
lächelte.
„Du kennst selber den
‚lieblichen' Charakter der Venus. Bevor wir nicht im Boot sitzen,
bin ich von nichts überzeugt. Immerhin haben wir jetzt
unvergleichlich mehr Chancen als vor der In- standsetzung des
Funkgerätes. Aber auch da war noch kein Grund zum
Verzweifeln.“
„Aber wenn wir nicht hätten
funken können?“
„Dann wäre unsere Lage
ernst geworden.“
Die letzte Stunde des
Wartens zog sich besonders in die Länge.
Balandin teilte mit, daß
der Radarprojektor fünfzehn Kilo- meter voraus festes Land anzeige.
Das konnte nur jenes Land sein, vor dem das Flugzeug lag. Das Boot
hielt geraden Kurs darauf.
Noch zwanzig Minuten
vergingen, in denen über der Bucht kein Regen niederging; und das
Boot kam schon ganz nahe. Das Funkorientierungssignal wurde
abgestellt, es wurde nicht mehr gebraucht.
„Jetzt wird uns also die
Chance gegeben, von der Sie ge- sprochen haben“, sagte Wtorow
vergnügt.
Ohne zu antworten, beugte
Melnikow stell hastig zum Mikro- fon vor.
„Sinowi
Serapionowitsch!“
„Ich höre.“.
„Tauchen Sie nicht auf!
Legen Sie sich auf Grund! Ein mäch- tiges Gewitter zieht
auf!“
Über die Wipfel des Waldes
schob sich immer höher und schneller eine breite schwarze Wand. An
den vielen Blitzen und an dem lauter werdenden Gepolter des Donners
erkannte Wto- row, daß dies kein kurzes, sondern ein langes
Unwetter war. Die Enden des Wasservorhanges verbargen sich in
nebliger Ferne.
„Halte die Ohren steif,
Gennadi!“ sagte Melnikow. „Das wird die letzte und schwerste
Prüfung.“
Vierzig Minuten wüteten
ringsum die entfesselten Natur- gewalten. Die zwei Männer im
Flugzeug sahen über sich nur weißen Schaum. Gedämpft drangen die
Donnerschläge zu ihnen. Das konnte nur daran liegen, daß die Kabine
unter die Wasser- oberfläche abgesunken war.
Für Melnikow und Wtorow
stand es daher fest, daß sie nach diesem Gewitter den Himmel nicht
mehr erblicken würden.
Aber nachdem die
Gewitterfront endlich abgezogen war, nahmen sie zu ihrer großen
Verwunderung keine Veränderung ihrer Lage wahr. Das Wasser stand
ebenso hoch wie vorher. Vierzig Minuten hatten die Wassermassen auf
die Kabine ge- trommelt, aber sie war keinen Zentimeter tiefer
gesunken.
„Wie ist das zu erklären?“
fragte Wtorow verdutzt.
„Wahrscheinlich liegen wir
jetzt auf festem Grund.“
Das war die einzige und
anscheinend auch richtige Erklärung. Nun drohte ihnen keine Gefahr
mehr, und sie konnten in Ruhe noch ein paar Stunden warten, solange
die Sauerstoffvorräte reichten. Aber das erübrigte sich, das Boot
lag schon ganz in ihrer Nähe.
„Sie haben recht gehabt,
Boris Nikolajewitsch“, sagte Wto- row. „Wenn wir die Wahrheit
gesagt hätten, wären alle unnötig in Sorge gewesen.“
„Merke es dir!“ erwiderte
Melnikow. „Oberster Grundsatz: Bevor du an dich denkst, denke immer
an die anderen! – Das kannst du immer brauchen und ist bei
Raumfahrten Gesetz. Folge diesem Gesetz, und du wirst nie einen
Fehler machen.“
„Ich werde Ihre Worte nicht
vergessen“, sagte der junge In- genieur tief bewegt.
Nach wenigen Minuten hatte
das Warten ein Ende.
Nicht weit von ihnen wurde
plötzlich das Wasser aufgewühlt, und der durchsichtige Rücken des
Unterseebootes hob sich aus den Fluten. Man konnte nur staunen, wie
geschickt Saizew das Boot durch den völlig unbekannten Ozean der
Venus gesteuert und sich dabei nur nach den
Funkorientierungssignalen gerich- tet hatte.
Das Luk wurde geöffnet, und
den Gasschutzhelm auf dem Kopf, beugte sich Professor Balandin
heraus. „Genossen ihr seid ja schon untergegangen!“ sagte er über
das Sprechfunkgerät. „Wir holen euch sofort an Bord.“
„Sie können sich Zeit
lassen“, antwortete Melnikow. „Die Kabine sinkt nicht
tiefer.“
Saizew, der auch herauskam,
begrüßte die Freunde lebhaft winkend.
„Wenn ihr noch tiefer
gesunken wäret oder wenn Wellengang gewesen wäre, hätten wir euch
gar nicht bemerkt.“
Weil alle das Nahen eines
neuen Gewitters befürchteten, wurde schleunigst ein Schlauchboot
ausgebracht, und Saizew ruderte zu dem Wrack.
Der Ingenieur trug eine
wasserdichte Kombination ohne Kühlvorrichtung und hatte daher das
Gefühl, er säße vor einem Hochofen. Die auf achtzig Grad erhitzte
Luft, die durch den Filter der Gasmaske strömte, versengte ihm
schier das Gesicht und erschwerte das Atmen.
Ohne sich zu besinnen,
sprang Saizew ins Wasser, suchte tastend die Strebe de«
Stabilisators und befestigte daran eine Trosse.
„Anziehen!“ rief er,
während er wieder ins Boot kletterte und zur Seite fuhr.
Die anderthalbtausend
Pferdekräfte, die in den beiden Mo- toren steckten, zogen das
Flugzeug mühelos aus dem sandigen Grab. Es schnellte nach einigen
Sekunden an die Oberfläche und wurde längsseit an das Unterseeboot
gezogen.
„Herzlich willkommen!“ rief
Balandin scherzend und um- armte die Geretteten.
„Sie haben Ihre Aufgabe
glänzend gelöst“, sagte Melnikow, „ich danke Ihnen!“
Als erstes wurde die
Meldung an das Raumschiff gefunkt, daß die Rettungsaktion geglückt
sei. Alle freuten sich, daß die Funk- verbindung zustande
kam.
„Was sollen wir mit dem Flugzeug machen?“
fragte Melnikow.
„Kann es nicht an Land gebracht
werden?“
„Unmöglich. Ringsum sind
Felsen, die beinahe senkrecht ins Meer abfallen!“
„Also müssen Sie es
liegenlassen.“
Die Männer nützten die
Pause bis zum nächsten Gewitter und räumten das Wrack restlos aus.
Der nächste Regen würde die leere Kabine mit dem offenen Dach
versenken.
„Schade um die Maschine!“
sagte Melnikow. „Aber es ist nicht zu ändern.“
„Wollen wir nicht einmal an
Land gehen?“ schlug Wtorow vor.
„Das ist an dieser Stelle
gefährlich. Die Felsen sind zu steil. Wir werden versuchen, eine
Stelle zu finden, an der wir, falls ein Gewitter aufzieht, ins Boot
flüchten können.“
„Wir müssen sofort zum
Schiff zurückfahren“, erklärte Balan- din auf einmal. „Sie sind
verwundet.“
„Ach, nichts weiter als
Schrammen“, entgegnete Melnikow.
„Wir denken schon gar nicht
mehr dran.“
Der Professor wollte nicht
nachgeben. Nur mit Mühe und Not gelang es Melnikow und Wtorow, ihn
zu überreden, daß er Belopolski nichts von den tatsächlich
unbedeutenden Verletzun- gen der beiden meldete. Balandin gab sich
erst dann zufrieden, als er sie untersucht und die dilettantischen
Verbände durch sachgemäße ersetzt hatte.
„Konstantin Jewgenjewitsch
wird mir das übelnehmen“, sagte er nachdenklich.
„Das verantworte ich.“
Melnikow beruhigte ihn. „Warum sollen wir Zeit vergeuden. Wir
liegen vor einem unbekannten Land und müssen es
erforschen.“
Es wurde beschlossen, an
der Küste entlangzufahren und festzustellen, ob dies eine Insel
oder ein Festland sei. Belo- polski riet ihnen, Kurs Nord zu
halten. Seiner Meinung nach war die „SSSR-KS 2“ damals nördlicher
geflogen und der von ihr gesichtete Fluß mußte ebendort gesucht
werden.
„Wenn Sie einen Fluß
entdecken“, sagte er, „haben Sie den Beweis, daß das Melnikow-Land
ein Kontinent ist.“
„Melnikow-Land“ hatte er
gesagt.
Aufgetaucht, lief das Boot
aus der Bucht aus und ging auf Kurs Nord.
Das Ufer zog sich
beiderseits bis zum Horizont. Soweit das Auge reichte, war es dicht
bestanden mit einem Wald gigan- tischer orangeroter Bäume.
Stellenweise reichte der Wald bis dicht an das Wasser heran,
stellenweise trat er weiter zurück und bildete Lichtungen, auf
denen gelbes und braunes Gras wuchs. Zu Füßen der Bäume breitete
sich undurchdringliches Dickicht. Ob dies Sträucher oder junge
Bäume der gleichen Art waren, ließ sich nicht bestimmen.
Aus Vorsicht wurde das Boot
in zweihundert, dreihundert Meter Entfernung von der Küste
gehalten. Dort herrschte schon ziemlich starker Wellengang, und das
Schlingern störte beim Beobachten, aber damit mußte man sich
abfinden. Saizew fürch- tete, er könnte sonst auf eine Sandbank
laufen.
Wenn Gewitter kamen,
tauchte das Boot mit gestoppten Ma- schinen und wartete ab. Diese
Viertelstunden benutzten die Männer, um die Flora und Fauna unter
Wasser zu studieren. Aber sie war äußerst kärglich. Das
Scheinwerferlicht fiel nur auf rötliche Algen und grellrote Moose,
die jeden Vorsprung überzogen, sowie auf zahlreiche Steine, die auf
dem sandigen Grund lagen. Weder Fische noch Mollusken waren zu
entdecken.
Gab es hier tatsächlich
keine, oder hatten sie sich nur ver- zogen, als das Boot erschien
und das Scheinwerferlicht auf- flammte? Wer konnte diese Frage
beantworten?
„Wir haben aber doch mit
eigenen Augen im Ozean Lebe- wesen gesehen ...?“ Balandin konnte es
nicht fassen.
„Ganz so war es wohl doch
nicht“, stellte Saizew berichtigend fest „Wir haben keine gesehen,
sondern glaubten, welche zu sehen. Vielleicht waren es gar keine
Tiere, sondern schwim- mende Pflanzen.“
Der Professor war mit
dieser Auslegung nicht einverstanden.
„Haben Sie vergessen, daß
diese vermeintlichen Pflanzen, so- bald sie angeleuchtet wurden,
ins Dunkle flüchteten, was hin- gegen für Tiere, die an Finsternis
gewöhnt sind, völlig natürlich ist?“
Wie dem auch sein mochte –
vor dieser Küste ließen sich weder Tiere noch schwimmende Pflanzen
blicken.
Stunde um Stunde fuhr das
Unterseeboot gen Norden. Die Funkverbindung mit dem Raumschiff
wurde nur durch Gewitter hin und wieder unterbrochen.
Der Landschaftscharakter
änderte sich nicht. Schier endlos breitete sich der Wald, der stets
gleich aussah, er verdeckte den ganzen westlichen Horizont. Das
Ufer war gleichbleibend hoch und abschüssig. Dann und wann erhoben
sich kleine Höhenzüge, auf denen ebenfalls Bäume wuchsen. Nicht die
geringste Spur eines anderen, nichtpflanzlichen Lebens war zu
entdecken.
Schon über vierundzwanzig
Stunden hatte keiner der Stern- fahrer ein Auge zugetan, aber so
merkwürdig es auch war – nicht im Boot, sondern auf dem Raumschiff
dachte man daran, daß die Tauchbootfahrer müde sein müßten. Es war
Doktor Andrejew. Er verlangte kategorisch, sie sollten eine
„Nachtruhe“ einlegen.
Melnikow unterstützte diese
Forderung. Bereitwillig erklär- ten sich alle einverstanden. Das
Boot tauchte und legte sich auf Grund.
Erst jetzt fühlten alle,
wie körperlich und seelisch erschöpft sie waren. Sie schliefen neun
Stunden ohne Unterbrechung. Dann tauchten sie erholt und mit
frischen Kräften auf und fuhren weiter.
Der Wald nahm immer noch
kein Ende.
Unvermittelt machte das
Ufer einen Knick und wandte sich nach Nordwesten. Fern am Horizont
kam ein anderes Ufer in Sicht, das parallel zu verlaufen
schien.
„Eine Bucht“, sagte
Balandin. „Werden wir hineinfahren?“
„Selbstverständlich.“
Melnikow nickte.
Die Bucht schnitt scheinbar
sehr tief ins Festland. Ihre Ufer waren sogar mit dem Fernglas
nicht deutlich zu erkennen.
Das Boot fuhr am Südufer
entlang. Mehrmals mußte eines Gewitters wegen gestoppt und auf
Tauchstation gegangen werden.
„Vielleicht ist dies gar
keine Bucht, sondern eine Meerenge?“ sagte Saizew.
„Es könnte sein,“ Melnikow
betrachtete unverwandt das gegenüberliegende Ufer, das merklich
näherrückte. „Maschinen stop!“
Die Motoren verstummten,
sacht hob und senkte sich der Bug.
„Seht doch mal zum
Ufer!“
Alle stellten fest', daß
das Boot nicht auf der Stelle liegen- blieb, sondern langsam
rückwärts getrieben wurde.
„Das ist keine Bucht und
auch keine Meerenge, sondern ein Fluß“, verkündete
Melnikow.
„Konstantin Jewgenjewitsch
hat wie immer recht“, sagte Ba- landin. „Wir haben ein Festland vor
uns.“
„Fahren wir doch weiter,
stromaufwärts“, schlug Saizew vor. „Das Ufer muß schließlich mal
flacher werden, und dann kön- nen wir an Land gehen.“
Seine Vermutung erwies sich
als richtig. Schon nach einer Stunde wurden die Ufer bedeutend
niedriger und fielen nicht mehr so steil zum Wasser ab.
Nichts schwamm auf dem
Wasser des Flusses. Nur manchmal trug die Strömung dem Boot Zweige
entgegen.
Als sie fast vier Stunden
stromaufwärts gefahren waren, über- mittelten die Hydrographen ein
fernes Dröhnen an das Steuer- pult. Es klang so, als näherte das
Boot sich einem Wasserfall.
Das Boot fuhr
langsamer.
Die Ufer rückten immer
näher zusammen. Der Fluß verengte sich, und die Strömung wurde
reißender.
Ungefähr drei Kilometer
fuhr das Boot noch vorsichtig wei- ter. Das Gedröhn wurde immer
lauter. Schließlich erblickten die Männer seinen
Ursprung.
Eine Barriere aus riesigen
Felsblöcken versperrte den Fluß, der an dieser Stelle höchstens
dreihundert Meter breit war. Brüllend schoß das Wasser zwischen den
Felsblöcken hindurch und tanzte in tausend schäumenden Strudeln.
Sprühender Gischt verhüllte die nähere Umgebung mit
Nebelschleiern.
„Gewöhnliche
Stromschnellen“, murrte Melnikow.
Die Genossen hörten aus
seinen Worten die Enttäuschung. Was hatte er zu sehen
gehofft?
„Damit ist unsere Flußfahrt
zu Ende“, sagte Balandin. „Hier kommen wir mit unserem Boot nicht
hindurch.“
„Ich finde, wir können
gerade hier am besten an Land gehen. Was meinen Sie dazu, Boris
Nikolajewitsch?“ fragte Saizew.
„Ja, gerade hier“,
antwortete Melnikow und betonte beson- ders das letzte
Wort.
Er schien sehr unzufrieden
zu sein.
Saizew steuerte auf das
Nordufer zu, das bedeutend flacher als das Südufer war. Die
Maschinen machten nur noch lang- same Fahrt, so daß das Boot von
der Strömung stark abgetrieben wurde.
Der Wald reichte fast bis
an den Fluß, nur ein schmaler Wie- senhang trennte ihn vom
Wasser.
„Zwei Mann gehen an Land“,
sagte Melnikow. „Sinowi Sera- pionowitsch und ich. Den Filmapparat
nehme ich selber mit“, setzte er hinzu, als er sah, daß Wtorow
etwas einwenden wollte.
Gennadi Andrejewitsch
seufzte nur tief. Zu seinem Kummer beherrschte der Stellvertretende
Expeditionsleiter die Kunst des Filmens ausgezeichnet. Er mußte
sich stillschweigend fügen. Es gelang, das Boot dicht ans Ufer zu
fahren. Für ein Schiff, das nicht mehr als anderthalb Meter
Tiefgang hatte, bedeutete das keine Schwierigkeit.
„Behalten Sie das Barometer
im Auge“, sagte Balandin. „So- bald es Ionisation anzeigt, warnen
Sie uns sofort!“
„Machen Sie sich keine
Sorgen! Wir verständigen Sie recht- zeitig. Aber entfernen Sie sich
nicht so weit vom Boot.“
Durch das Doppelluk stiegen
Balandin und Melnikow ins Freie. Das Ufer war so nahe, daß man
mühelos hinüberspringen konnte. Bevor die Männer den Sprung wagten,
sahen sie sich den Strand genau an.
„Scheint kein Schlamm zu
sein“, sagte Melnikow. „Aber legen Sie mir für alle Fälle das
Sicherungsseil an. Ich springe als erster.“
„Das wird am besten sein.“
Balandin nickte.
Melnikow sprang. Er versank
bis zu den Knöcheln, und unter dem Gras hervor spritzte Wasser. Er
trat schnell zur Seite und ging zu einer trockenen
Stelle.
„Springen Sie,
Professor!“
„Einen Augenblick!“ sagte
auf einmal Wtorow über Sprech- funk. „Warten Sie doch, Boris
Nikolajewitsch!“ sagte er vor- wurfsvoll. „Wenn Sie schon meine
Funktion übernehmen, dann üben Sie sie richtig aus. Filmen Sie
Sinowi Serapionowitsch, wie er an Land springt!“
„Beruhige dich!“ erwiderte
Melnikow. „Ich bin doch gerade deswegen als erster
gesprungen.“
Er lachte im stillen, weil
er in Wahrheit die Kamera auf seiner Brust ganz vergessen hatte,
und beeilte sich, den heiligen Wunsch des Kameramannes der
Expedition zu erfüllen.
Die gigantischen Bäume,
deren Wipfel in den Himmel zu reichen schienen, waren nun so nahe,
daß die Männer sie genau betrachten konnten.
Sie hatten nichts mit den
Korallenbäumen gemein, die auf der Insel wuchsen! Es waren richtige
Bäume, riesenhafte Vertreter der Pflanzenwelt. Die Stämme, die am
Boden bis zu drei Meter Durchmesser hatten, waren von einer glatten
rötlichen Rinde mit dunkelroten Flecken bedeckt. Die Äste trugen
lange Blätter und setzten so hoch an, daß man nicht hinaufgelangen
konnte. Zwischen den Bäumen wucherte orangefarbenes Ge- büsch, das
sich mit einem besonderen totenbleichen und manns- hohen Gras
verflocht. Die Zweige der Sträucher waren mit Dor- nen
gespickt.
Den beiden Kosmonauten fiel
sofort eine Eigenart dieser Bäume auf, die sie von den irdischen
Arten unterschied. Wäh- rend die Bäume auf der Erde, bildlich
gesprochen, „auf einem Bein“ standen, besaßen die Bäume der Venus
deren mehrere. Fünf, sechs und bisweilen noch mehr Stämme
vereinigten sich in einer Höhe von dreißig, vierzig Metern über dem
Boden und verzweigten sich erst dann in größerer Höhe, wobei sie
wunder- liche Gewölbe bildeten.
„Einen solchen Baum kann
kein Wirbelsturm entwurzeln“, sagte Melnikow sinnend. „Aber wir
haben von der ,KS 2' aus doch schwimmende Bäume gesehen.“
„Vielleicht sind sie
stromaufwärts nicht so grandios?“
Melnikow ging langsam auf
die Stromschnellen zu.
Balandin merkte, daß sein
Begleiter mit einem Gedanken rang, der ihm keine Ruhe ließ, und
beschloß, ihn bei nächster Gelegenheit zu fragen.
Von der Stelle, an der das
Boot festgemacht hatte, war es bis zu den Stromschnellen ein gutes
Stück zu laufen. Der Professor glaubte, sie würden, falls es
gewitterte, das Boot nicht so schnell erreichen, und sagte es
Melnikow.
„Ich denke, wir würden es
schaffen. Toporkows Barometer zeigt eine Viertelstunde vorher an,
wenn ein Gewitter aufzieht. Und falls wir es nicht schaffen...“
Melnikow wies mit der Hand auf den Wald, der ganz nahe war.
„Schauen Sie sich an, wie dicht die Stamme beieinanderstehen. Sie
bilden gemeinsam mit den Ästen ein undurchdringliches Dach. Meiner
Meinung nach kann man sich unter ihnen vor den Wolkenbrüchen
schützen.“
„Und wenn nicht?“
Melnikow blieb stehen und
sah Balandin an.
„Wenn Sie das Risiko
fürchten“, sagte er schroff, „dann keh- ren Sie an Bord
zurück.“
„Mir scheint, ich habe
Ihnen keine Veranlassung gegeben, mich für einen Feigling zu
halten!“ Der Professor war beleidigt.
„Das habe ich nicht gesagt.
Aber die Auffassung der Men- schen vom Vernünftigen ist
verschieden. Wir müssen demnächst den Wald gründlich untersuchen.
Den Geländewagen können wir dazu nicht gebrauchen, wie Sie sehen.
Also müssen wir zu Fuß in ihn eindringen. Einer muß als erster
erproben, ob der Wald Schutz vor Gewittern bietet oder nicht. Ich
will es tun. Aber Sie haben wohl recht – ich sollte mich lieber
allein der Gefahr aussetzen. Gehen Sie zurück!“
„Ich lasse Sie nicht
allein“, sagte Balandin bestimmt.
„Nun – dann gehen wir
weiter.“
Konstantin Jewgenjewitsch
würde ein solches Experiment nicht billigen, dachte Balandin,
während er Melnikow folgte.
Sie erreichten eine kleine
Anhöhe, von der aus die Strom- schnellen gut zu überblicken
waren.
Stromaufwärts verbreiterte
sich der Fluß wieder. Schier ins Unendliche erstreckte sich die öde
Wasserwüste.
Melnikows Blick heftete
sich auf das gegenüberliegende Ufer.
„Dort vorn am Ufer, an den
ersten Steinen ... sehen Sie dort nichts?“
Der Professor spähte in die
angegebene Richtung. Er hatte nicht so scharfe Augen wie Melnikow.
Trotzdem entdeckte er einen orangeroten Hügel, der vor dem dichten
Wald schlecht zu erkennen war.
„Das ist sicherlich eine
Gruppe von Büschen“, sagte er.
„Keinesfalls. Das ist ganz
etwas anderes. Gehen wir an Bord zurück.“ Ohne auf Antwort zu
warten, kehrte Melnikow um. Er hatte es sehr eilig.
Bestimmt wollte er ans
andere Ufer fahren. Und tatsächlich, kaum waren die beiden wieder
an Bord, da befahl Melnikow, noch ehe er durch das Luk geschlüpft
war, Saizew solle auf die andere Seite des Flusses
fahren.
Am südlichen Ufer wuchs
ebenfalls Wald. Der mit gelb- braunem Gras bewachsene Uferstreif
wirkte jedoch bedeutend breiter, und der Waldrand schien weiter vom
Fluß entfernt zu sein. Alles war hier weiträumiger und völlig
trocken. Der Hügel, den die beiden Männer vom anderen Ufer aus
gesehen hatten, entpuppte sich von nahem als ein Haufen
übereinandergestürz- ter Bäume.
Das waren aber nicht jene
Giganten, aus denen der Wald bestand, sondern dünne gerade Stämme
mit Ästen, an denen keine Blätter, sondern lange rote Dornen
wuchsen.
„Damit hätte sich der Kreis
meiner Beobachtungen denn ge- schlossen“, sagte Melnikow in einem
Ton, der aufhorchen ließ.
Und erst in diesem
Augenblick sah Balandin, was ihm zu- nächst nicht aufgefallen
war.
Es war kaum zu glauben,
verblüffend und einfach unerklär- lich! Und doch war es kein
Wunder, sondern reale Wirklichkeit.
Die Bäume lagen geordnet
mit den Spitzen in einer Richtung.
Die Männer standen nicht
vor einem Haufen Baumstämme, sondern vor einem Stapel. Auf der dem
Fluß zugekehrten Seite stützten ihn in den Boden gerammte Pfähle
aus unbehauenen, gewaltsam abgebrochenen Stämmen der gleichen
Art.
Am Waldrand erblickte
Balandin einen zweiten Stapel... Orangefarbene Stämme. Sie waren
bereits entästet.
Die Welt unter
Wasser
Minuten vergingen, bis der
Professor endlich wieder reden konnte.
„Was ist denn das?“ fragte
er verdattert.
„Die Enträtselung der
Herkunft des Lineals“, antwortete Melnikow. „Der endgültige Beweis,
daß es auf der Venus ver- nunftbegabte Wesen gibt, die auf einer
niederen Entwicklungs- stufe zu stehen scheinen. Auf die Hypothese
von dem unbe- kannten Raumschiff müssen wir nun
verzichten.“
„Aber wo sind sie, diese
vernünftigen Geschöpfe? Warum sehen wir sie nicht?“
„Weil wir überhaupt noch
nichts gesehen haben. Sie müssen dort irgendwo sein.“ Melnikow wies
auf den Wald. „Im Schutz dieser Baumriesen konnte sich Leben
entwickeln, und wie wir sehen, hat es sich auch tatsächlich
entwickelt. Hier werden wir die ‚Menschen' der Venus,
höchstwahrscheinlich Wilde, finden.“
„Wie kommen Sie auf den
Gedanken?“ entgegnete Balandin. „Das Lineal...“
„Was beweist es denn?“
unterbrach ihn Melnikow. „Die Fähigkeit zu linearer Einteilung
finden wir schon bei den wilde sten Stämmen Afrikas. Das ist noch
keine Zivilisation. Sehen Sie sich lieber diese Stämme an. Sie sind
ganz primitiv gefällt, die Zweige abgebrochen, nicht abgehackt
worden. So arbeiten Geschöpfe, die Säge und Beil nicht kennen, aber
über große Körperkraft verfügen.“
„Aber solch ein Lineal kann
man doch nicht ohne Werkzeug machen!“ Der Professor gab sich nicht
geschlagen.
„Die Australier stellten
mit Steinmessern ein solch treffsiche- res Wurfgerät wie das
Bumerang her. Ein flaches Brett zu schnei- den ist bedeutend
einfacher.“
„Die Australier und
Afrikaner besaßen aber keine Lineale.“
„Richtig! Doch wir sind
nicht auf der Erde, sondern auf einem anderen Planeten. Man kann
nicht mechanisch die Ge- schichte des Erdmenschen auf die Venus
übertragen.“
„Anscheinend haben Sie sich
eine bestimmte Meinung gebil- det“, sagte Balandin, „und zwar
schon, bevor wir von Bord gingen. Was hat Sie dazu
bewogen?“
„Na, ganz so war es nicht“,
antwortete Melnikow. „Zunächst hatte ich bloß erst meine
Vermutungen. Ich kann meinen Ge- dankengang in wenigen Worten
schildern. Als wir feststellten, daß wir auf einem Fluß und nicht
auf einer Bucht fuhren, mußte ich an die im Wasser schwimmenden
Bäume denken, die wir bei unserer vorigen Expedition gesichtet
hatten. Warum waren sie jetzt verschwunden? Weder auf dem Fluß noch
auf dem Ozean, in den der Fluß ja mündet und in den er die Bäume
hinaustreiben müßte, sind welche zu entdecken. Ich vermutete daher,
daß stromaufwärts ein Hindernis sein müsse, das die Stämme
aufhält.“
„Völlig logisch“,
bestätigte Balandin.
„Aber an solch einem
Hindernis“, fuhr Melnikow fort, „hätte sich in mehreren tausend
Jahren eine riesige Menge Baum- stämme ansammeln müssen. Unter der
Last immer neuer, strom- abwärts treibender Stämme hätten sie im
Wasser versinken und schon seit geraumer Zeit den Fluß aufstauen
und unterbrechen müssen. Aber das war nicht geschehen. Ich habe mir
einzureden versucht, daß wir nur zufällig keinen Stämmen begegnet
waren. Aber warum gab es ausgerechnet in der Mündung des Flusses
keine, wo die Kraft der Strömung doch am geringsten ist?“
„Ja, das ist schwer zu
verstehen.“
„Danach dachte ich zum
erstenmal an ein künstliches Flößen
von Holz. Ich verwarf die Vermutung zwar
sogleich wieder, doch immer häufiger befiel mich dieser ‚törichte'
Gedanke. Haben Sie die Zweige beachtet, die uns unterwegs begegnet
sind? Sie schwammen nicht einzeln, sondern in Haufen. Als hätte
jemand jeweils einen Armvoll in den Fluß geworfen. Zweige trieben
im Fluß, aber keine Stämme. Schließlich stand es für mich beinahe
fest, daß wir ein künstliches Hindernis zu Gesicht bekommen würden,
das die Bäume aufhält Als wir dann hier vor den Stromschnellen
stoppten, schienen sich meine Erwartungen aber doch nicht zu
erfüllen. Ich hielt die Felsen im Fluß zunächst für ein natürliches
Hindernis.“
„Wirklich?“ Balandin
blickte Melnikow verdutzt an.
„Ja, im ersten Augenblick.
Dann fiel mir ein sonderbarer Um- stand auf. Der Fluß ist in seiner
ganzen Länge sehr breit. Die ,SSSR-KS 2' stieß damals ein wenig
nördlich von hier auf ihn und verfolgte seinen Lauf noch weiter
nach Norden. Bis zu den Bergen, wo er entspringt, verengt sich der
Fluß nirgends so sehr wie an dieser Stelle. Einzig und allein hier
treten die Ufer so dicht zusammen. Und gerade hier, wo auch jeder
Ingenieur der Erde empfehlen würde, einen Staudamm zu bauen, steht
dieses Wehr.“
„Das ließe sich auch anders
erklären“, widersprach Balandin. „Der Fluß kann in mehreren tausend
Jahren viele Steine von den Bergen talwärts getragen haben. Und
weil das Flußbett sich hier verengt, haben sie sich an dieser
Stelle abgelagert.“
„Nehmen wir an, es verhält
sich so“, antwortete Melnikow. „Allerdings erscheint es kaum
glaubhaft, daß die Strömung, selbst wenn sie noch so stark ist,
solche Felsblöcke hierherbeför- dern konnte. Wir beide haben uns
das Wehr von oben ange- sehen, vom Ufer aus. Ist Ihnen dabei nichts
Ungewöhnliches auf- gefallen?“
„Eigentlich nicht. Es sind
gewöhnliche Stromschnellen.“
„Da irren Sie sich, Sinowi
Serapionowitsch! Diese Strom- schnellen sind ganz ungewöhnlich.
Kommen Sie, wir werden einmal auf diesen Stapel steigen und genauer
hinschauen.“
Balandin maß den dichten
Wald, der ganz nahe war, mit einem skeptischen Blick.
„Aber wenn nun die Besitzer
des Holzes plötzlich erschei- nen?“ sagte er.
„Ich würde sie brennend
gern sehen. Aber sie werden sich nicht blicken lassen. Darüber habe
ich mir schon meine Mei- nung gebildet. Ich werde es Ihnen nachher
erläutern.“
Mühelos kletterten sie auf
die fest gestapelten Stämme. Von oben konnten sie die
Stromschnellen vortrefflich überblicken.
„Ich bin einfach blind
gewesen“, stieß Balandin plötzlich her- vor. „Das ist ja klarer als
klar!“
„Sie haben es vorher nicht
gemerkt, weil Ihnen der Gedanke daran fern lag. Ich war darauf
vorbereitet und entdeckte es des- halb sofort.“
Ungestüm schossen die
Wasser des Flusses zwischen den riesigen Steinen hindurch, die alle
annähernd gleichgroß waren. Damit nicht genug – Balandin sah, daß
die Steine nicht kreuz und quer durcheinanderlagen, sondern in drei
Reihen schach- brettartig angeordnet.
„Durch dieses Wehr schlüpft
kein einziger Stamm hindurch“, stellte Melnikow fest. „Wir können
dieses Hindernis nicht mehr Stromschnellen nennen. Es ist ein Wehr,
ein sehr primitives zwar, aber doch ein Wehr, ein Bau, der
ingenieurmäßig vorge- plant wurde. Es ergibt sich also folgendes
Bild: Viele hundert Kilometer stromaufwärts besteht der Wald aus
kleineren Bäu- men einer anderen Art als derjenigen, die hier
wächst. Deswegen werden die Bäume dort gefällt, mit der
Flußströmung befördert und hier an Land gezogen und zu Brettern
verarbeitet. All das, wohlgemerkt, mit bloßer Hand. Was für eine
schwere und un- dankbare Arbeit wird dabei geleistet, bloß um
Nutzholz zu ge- winnen, von dem es hier auch jede Menge gibt. Aber
die hiesi- gen Bäume sind zu groß, als daß sie von diesen
unglücklichen Geschöpfen gefällt werden könnten.“
„Die Steine für das Wehr
sind wahrscheinlich nicht vom Ge- birge, sondern von der Küste
geholt worden“, warf Balandin ein. „Aber mit welchen Mitteln hat
man sie transportiert? Sie sind doch unwahrscheinlich
schwer!“
„Und wie ist die
Cheopspyramide erbaut worden? Auch bei- nahe mit bloßen Händen. Die
Stromschnellen, richtiger – das Wehr ist vielleicht in Hunderten
von Jahren entstanden. So, nun wollen wir wieder hinuntergehen,
sonst überrascht uns noch ein Gewitter.“
„Sie versprachen, mir zu
erläutern, warum die Bewohner des Waldes nicht hervorkommen
würden“, sagte Balandin, während sie hinabstiegen.
„Es ist nur eine Vermutung,
und zwar eine höchst fragwür- dige. Ich habe mir überlegt, daß ein
Tag und eine Nacht auf der Venus annähernd drei Wochen bei uns auf
der Erde ent- sprechen. Also dauert ein Tag hier ungefähr
zweihundertfünfzig Stunden und eine Nacht ebenso lange. Der Fluß
mißt über zwei- tausend Kilometer in der Länge. Das Holz braucht
sehr viel Zeit, um von der Quelle bis hierher zu treiben. Wir haben
da- mals die schwimmenden Bäume entdeckt, als früher Morgen war.
Jetzt ist Tag, und es sind keine zu sehen, oder besser noch nicht
zu sehen. Sie schwimmen sicher irgendwo stromauf, noch ein Stück
vor dem Wehr und werden erst gegen Abend hier ein- treffen.
Andererseits haben wir die Bewohner der Venus bisher kein einziges
Mal gesehen. All das zusammen genommen, führt zu dem Schluß, daß
die Venusleute bei Nacht arbeiten, wenn es nicht so heiß ist.
Vielleicht sind sie überhaupt Geschöpfe, die nur bei Nacht lebendig
werden und am Tage schlafen. Ich habe das Gefühl, diese Deutung
könnte zutreffen“, schloß Melnikow.
Balandin
überlegte.
„Es spricht einiges für
Ihre Auffassung. Jetzt ist ungefähr Mittag und die Luft auf
achtzig, neunzig Grad erhitzt. Es dürfte kaum anzunehmen sein, daß
Lebewesen bei einer derartigen Hitze zu arbeiten vermögen. Sie
haben wahrscheinlich in der Tiefe der Wälder Schutz gesucht, wo es
kühler ist.“
Die Worte des Professors
klangen zögernd. Melnikow be- merkte es.
„Sie scheinen nicht recht
daran zu glauben?“
„Ich muß es glauben“,
erwiderte Balandin. „Habe ich doch den Beweis vor Augen. Aber wenn
ich offen sein soll – ich ver- stehe nicht, wie jemals Menschen auf
der Venus entstehen konn- ten. Der Mensch erscheint als eine
Schöpfung der Natur nicht sofort in vollendeter Gestalt. Er ist das
Produkt der langen Entwicklung weniger vollkommener Organismen, die
sich in Millionen und aber Millionen Jahren vollzieht. Das Leben
hat in der Regel im Wasser seinen Ursprung und wechselt erst später
aufs Land. Aber wie haben sich schwache und unent- wickelte
Geschöpfe hier auf dem Trockenen halten können? Die klimatischen
Bedingungen sind auf diesem Planeten sogar jetzt noch ungünstig.
Früher waren sie noch schlechter. Und selbst wenn sich die Keime
des Lebens dennoch auf dem Fest- land halten konnten – warum gibt
es dann keine Tiere? Der Mensch oder ein ihm annähernd ähnliches
Geschöpf kann nicht das einzige Lebewesen sein. Das widerspricht
den Gesetzen der Biologie.“
„Ja...“ Melnikow nickte.
„Was Sie sagen, überzeugt. Also wird uns hier ein zweites Rätsel
aufgegeben. Die Schwierig- keiten wachsen von Stunde zu Stunde.
Aber es wird Zeit, zum Raumschiff zurückzukehren. Unser Ausflug war
äußerst ergeb- nisreich, und die Rätsel müssen wir alle gemeinsam
lösen.“
Nach wie vor zeigten sich
am Himmel keine Gewitterfronten, und die Männer konnten in aller
Ruhe „Exponate“, Gesteins- proben und anderes sammeln. Balandin
schnitt mit seinem Ultraschalldolch ein Stück von einem Baumstamm
und mehrere Zweige mit Dornen ab.
„Es gilt zu ermitteln, wann
die Stämme hier angelangt sind und wie lange sie im Wasser
trieben“, sagte er. „Das wird uns helfen, festzustellen, ob unsere
Vermutung stimmt oder nicht.“
Melnikow nahm mehrere
Büschel Gras mit, gelbes, braunes und weißes. Außerdem wurden
einige Zweige von einem Strauch und ein großes Stück Rinde von
einem der gigantischen Bäume eingepackt.
Mit dieser Beute beladen,
kehrten sie zu dem Unterseeboot zurück und trafen gerade in dem
Augenblick ein, als Saizew meldete, die Luft weise zunehmende
Ionisation auf.
Sobald alle an Bord
gestiegen und die Luken hermetisch ver- schlossen waren, befahl
Melnikow, abzulegen und zu tauchen. Von Nordwesten her zog eine
riesige Gewitterwolke herauf. Die Prozedur der Einschleusung wurde
bereits unter Wasser durchgeführt.
„Sie wollten doch ein
Gewitter am Ufer abwarten...?“ Ba- landin konnte sich diese
spöttische Bemerkung nicht versagen. Melnikow antwortete nur mit
einem Achselzucken.
Die Funkverbindung mit dem
Schiff wurde hergestellt, als das Boot den Fluß schon hinter sich
gelassen hatte und auf die hohe See hinausfuhr. Melnikow schilderte
Belopolski ausführ- lich ihre Beobachtungen. Wie nicht anders zu
erwarten, erregten die Neuigkeiten im Raumschiff großes Aufsehen.
Die Fragen hagelten nur so. Die U-Boot-Fahrer hörten, wie
Korzewski, dicht am Mikrofon stehend, um die Erlaubnis bat, nach
Rückkehr des Bootes sogleich selbst zu den Stromschnellen fahren zu
dürfen, und wie Belopolski antwortete:
„Wir werden mit dem Raumschiff dorthin
fliegen.“
Die
Funkorientierungssignale erreichten die Männer im Boot sehr
unregelmäßig. Trotzdem hielt Saizew einen geraden Kurs ein.
Balandin und die anderen Genossen konnten nun, da be- sondere Eile
nicht mehr geboten war, nach Herzenslust das Leben im Ozean
beobachten. Sie fuhren sehr langsam und stoppten des
öfteren.
Der Ozean der Venus
wimmelte von Lebewesen. Über vierzig verschiedene Arten zählte der
Professor. Viele von ihnen konn- ten fotografiert werden.
Voraus im hellen
Scheinwerferlicht rührte sich nichts. Alle Lebewesen verließen
schleunigst den Lichtkorridor. Aber achter- aus und mittschiffs
schwammen die Fische dicht an das Boot heran, weil sie offenbar von
dem unbekannten bewegten Gegen- stand angezogen wurden, den sie
wohl für ein neues Tier hiel- ten. Wenn plötzlich das
Scheinwerferlicht aufflammte, erstarrten sie für einen Augenblick
und verschwanden dann hastig ins Dunkel. In diesen Augenblicken
konnten die Männer sie be- trachten.
Die meisten Meeresbewohner
glichen in ihrer Gestalt den Fischen der Erde.
„Darüber braucht man sich
nicht zu wundern“, sagte Balan- din. „In dem gleichartigen Milieu
haben sich gleichartige oder fast gleichartige Organismen
entwickeln müssen. Die Natur be- schreitet stets den einfachsten
Weg.“
„Warum fürchten sich diese
Tiere so vor dem Licht?“ fragte Wtorow.
„Auch das ist zu verstehen.
Es kann gar nicht anders sein“, antwortete der Professor. „Auf der
Erde dringt das Sonnenlicht in das Wasser der Meere bis zu
vierhundert Meter Tiefe ein. Hier herrscht sogar unmittelbar an der
Oberfläche fast völliges Dunkel. Die Sehorgane der Venusfische
müssen bedeutend emp- findlicher sein als die der Fische auf der
Erde. Das Licht tut ihnen weh und erschreckt sie.“
Die Forscher entdeckten
zahlreiche kleine schnelle Fische mit bläulichen Schuppen, nahe
Verwandte der irdischen Weber- fischchen. Matt phosphoreszierend
jagten zwischen ihnen lange schmale Körper dahin, die Balandin auf
der Erde als Myxine*

*
Myxine gehöre» zur Gattung der Inger.
Rundmäulige, aalähnliche, aber flossenlose Tiere, die sich in
andere Fische einbohren und sie bis auf Haut und Skelett
auffressen.
klassifiziert hätte. Die Astronauten
entdeckten mehrere Lebe- wesen, die den Rochen der Erde verblüffend
glichen: Seeadler, deren Schwimmflossen Flügelgestalt besaßen und
deren Schwanz dünn und lang war, sowie gleichsam zusammengeknüllte
stör- ähnliche Rochen. Einmal erblickten sie beim Aufflammen des
Scheinwerferlichts unmittelbar vor sich ein stumpfes Maul, das
Ebenbild eines gewöhnlichen Rundmaules – allerdings mit drei
anstatt mit zwei Augen. Ein andermal starrte sie der häßliche, mit
scharfen Zähnen bewehrte Kopf eines „Chauliods“ an, auch er mit
drei Augen besetzt.
„Großartig, wie überlegt
die Natur arbeitet!“ rief Balandin begeistert. „Auf der Erde und
auf der Venus schafft sie ein- ander ähnliche Wesen, die dem Leben
im Wasser angepaßt sind. Aber auf der Erde haben die Fische zwei
Augen und hier, wo es bedeutend dunkler ist, gibt sie ihren
Geschöpfen drei. Das ist einfach großartig!“
Neben Wasserbewohnern,
deren Gestalt an entsprechende Arten der Erde erinnerte, entdeckten
die Kosmonauten auch solche, die nichts mit irdischen Arten gemein
hatten. Durchsich- tig und kaum wahrnehmbar, schwammen seltsame
Kugeln um- her. Andere Fische wieder waren so flach, daß man sie
nur von der Seite erkennen konnte. Ihr Körper schien nur aus einer
Außenhaut zu bestehen. Oft stießen die Männer auf noch selt- samere
Geschöpfe; sie erinnerten in ihrer Form an Gymnastik- hanteln, und
ihre Kugeln leuchteten verschiedenfarbig, blau und grün, grün und
weiß, weiß und grellrot. Aus den Tiefen des Ozeans stiegen endlos
lange, wunderliche Schlangen mit quadra- tischen Köpfen senkrecht
auf. Wenn der Lichtstrahl sie erfaßte, ringelten sie sich
augenblicklich zusammen und sanken wie ein Stein in die
Tiefe.
Weit voraus, wohin das
Scheinwerferlicht nicht mehr reichte, waren kurz aufflackernde,
verschiedenfarbige Lichter zu sehen, aber es gelang nicht, ihnen
näher zu kommen. Sogar wenn die Scheinwerfer abgeschaltet wurden,
blieben sie dem Boot fern.
„Ich mußte einmal im
Taucheranzug aussteigen“, erklärte Balandin.
„Das wird Ihnen niemand
erlauben“, antwortete Melnikow. „Wir haben diese leichten Anzüge
nur mitgebracht, weil wir den Venusozean für unbewohnt hielten.
Aber hier ist es zu ge- fährlich.“
Tatsächlich zeigten sich
des öfteren ungeheuer große Fische, die offenbar zur Gattung der
Raubfische gehörten. Ihre elasti- schen starken Leiber mit den
riesigen Schwimmflossen schossen mit einer solchen Geschwindigkeit
vorüber, daß keiner sie rich- tig ansehen konnte. Als einer dieser
Fische das Boot streifte, schlingerte es dadurch eine ganze Weile
sehr heftig. Über diesen Zusammenstoß verblüfft, verharrte der
Fisch sekundenlang regungslos, so daß die Forscher seinen mit
Reißzähnen gespick- ten Rachen und den fünf Meter langen Rumpf
genau betrachten konnten, der wie beim Katzenhai gefleckt
war.
„Wenn ein Taucher einem
solchen Fisch begegnet, ist er er- ledigt“, sagte Saizew.
Der Meeresgrund hob sich
dann und wann, und an diesen Stellen konnten die Männer auch die
Bewohner des Meeres- grundes studieren. Im Gegensatz zu den Fischen
flüchteten diese Lebewesen nicht, und man konnte sie, wenn das Boot
stoppte, beobachten, solange man wollte.
Hier wuchsen unübersehbare
Mengen von Aktinien, Korallen- büschen und verschiedenfarbigen
Wasserpflanzen. Zwischen ihnen wimmelte es von Tieren.
Die Sternfahrer erblickten
sonderbare phantastische Sterne, die aus mehreren, gleichsam
miteinander verwachsenen Schlan- gen bestanden. Sie krochen auf dem
Meeresgrund umher, wobei sie ihre sieben oder acht quadratischen
Köpfe hin und her schüt- telten. An den Seiten dieser Köpfe ragten
lange Auswüchse her- vor, und wie Laternen glommen
verschiedenfarbige Lichter dar- auf. Überall bewegten sich
pausenlos grellrote, schwarzgestreifte „Seile“, sie wanden sich hin
und her.
„Das sind doch die
‚Lianen', die mich gepackt haben, als wir den ersten Tag hier
waren!“ sagte Wtorow.
„Ja, sie sehen ebenso aus“,
bestätigte Balandin. Außer den „Lianen“ entdeckten sie auch die
schon bekannten „Bänder“ wieder. Ihre spitzen Dornen wirkten wie
lebend. An einigen hingen, frisch gefangen und wie an Bratspießen
zappelnd, Fische.
„Wenn wir doch das Licht
nicht einzuschalten brauchten!“ Der Professor seufzte. „Dann würden
wir sehen, wie diese ver- meintlichen Pflanzen jagen. Aber unser
Scheinwerfer vertreibt das ganze Wild.“
„Wir haben doch den
Radarschirm“, erinnerte Saizew.
„Ich fürchte, er wird wenig helfen.“
„Versuchen wir es trotzdem I“
Der Professor behielt
recht. Als das Scheinwerferlicht er- loschen war und blaßgrün das
Rechteck des Schirms aufleuchtete, erblickten sie darauf nur
verschwommene Schatten. Nichts war deutlich zu erkennen.
„Was wir brauchten, wäre
kein Radargerät, sondern ein Ultraschallbildschirm“, sagte
Saizew.
„Wer konnte voraussehen,
daß wir dergleichen brauchen würden! Niemand hat geglaubt, daß es
im Ozean der Venus Leben gibt.“
Es geschah zum erstenmal,
daß der Expedition, die so sorg- fältig und wohlüberlegt
ausgerüstet worden war, ein Gerät fehlte.
Ob man wollte oder nicht –
man mußte zu dem bisherigen Verfahren der Beobachtung
zurückkehren.
Aufmerksam betrachteten die
Männer kleine Eidechsen, die sich unter den Wasserpflanzen
verborgen hielten. Sie besaßen entfernte Ähnlichkeit mit Hatterias,
Brückenechsen – bloß, daß sie nicht grün, sondern blau waren –, mit
Gekkos, Agamiden, gehörnten Phrini oder Schlangenköpfen.
„Tja, die Venus ist
tatsächlich eine Schwester der Erde“, stellte Melnikow fest. „Wie
sehr sich ihre Bewohner ähneln!“
An einer Stelle stießen sie
auf eine riesige Ansammlung von gepanzerten Tieren, in denen sie
sogleich Verwandte der irdi- schen Schildkröten erkannten. Sie
waren verschieden groß; wäh- rend einige einen Durchmesser von
einigen Zentimetern auf- wiesen, maßen andere zwei und drei Meter.
Langsam bewegten sie sich auf vier äußerst langen Gliederfüßen
vorwärts. Ihre Panzer waren verschieden getönt, vom Zartrosa bis
zum Dunkel- rot. Es sah so aus, als bewegten sich lebende kleine
Garten- lauben, deren Dächer auf vier Pfosten stünden, auf dem
Grund.
Die Schildkröten taten, als
bemerkten sie das Unterseeboot gar nicht, das über ihnen hing, aber
sie hüteten sich, ihre Köpfe zu zeigen.
Melnikow riet, einen
Augenblick das Licht auszuschalten. Die List führte zum Erfolg. Als
nach einigen Minuten der Schein- werfer wieder aufflammte, konnten
die Männer gerade noch die dreiäugigen Köpfe sehen, die sogleich
wieder unter den Panzern verschwanden.
Nachdem die Sternfahrer
dieses Manöver mehrmals wieder- holt hatten, wußten sie, daß sich
diejenigen Schildkröten, die keinen runden, sondern einen
ellipsoiden Panzer trugen, anders benahmen als die übrigen. Beim
Aufleuchten des Scheinwerfers konnte man feststellen, daß sie sich
auf die Hinterbeine gestellt und das Boot offenbar im Dunkeln
gemustert hatten. Sie er- innerten mit ihren langen Vorderbeinen,
die wie Arme herab- hingen, und mit ihren dreieckigen und
dreiäugigen Schädeln entfernt an häßliche Affen. Sobald das Licht
anging, fielen die sonderbaren Tiere wieder auf den Meeresgrund
zurück, ver- steckten sich in ihren Panzern und glichen dann nur
noch roten, regungslosen Hügeln. Kein einziges Mal erhob sich eines
dieser Geschöpfe, wenn es hell war.
Ein zweites Mal wurde der
Radarschirm eingeschaltet. Nach- dem die Männer den Funkstrahl auf
äußerste Schärfe eingestellt hatten, wurde das Bild ziemlich
klar.
Die vier Männer erkannten
deutlich, wie sich drei längliche Schatten bei Eintritt der
Dunkelheit flugs erhoben. Die ver- schwommenen Konturen ihrer
Schädel bewegten sich hin und her, neigten sich wie bei einer
Unterhaltung zueinander. Ein langer Gliederarm hob und senkte sich
wieder.
„Er hat auf uns gezeigt“,
flüsterte Balandin aufgeregt. „Kein Tier ist einer derartigen Geste
fähig.“
„Meiner Meinung nach war
das bloß eine bedeutungslose Be- wegung mit der Pfote“, entgegnete
Saizew. „Sie übertreiben, Sinowi Serapionowitsch.“
„Sehen Sie genauer
hin!“
Aber die Schildkröten
machten keine Bewegung mehr, die man als Handbewegung hätte deuten
können. Beinahe eine Stunde beobachteten die Astronauten diese
Tiere, ohne das Licht einzuschalten. Ein vierter Schatten gesellte
sich zu den dreien. Dann verschwanden alle vier.
Der Scheinwerfer flammte
auf. Nirgends waren mehr ellip- soide Panzer zu sehen. Wie zuvor
krochen behäbig die runden Lauben auf dem Grund dahin und schienen
sich nicht um das Boot zu kümmern. Jedoch die seltsamen Geschöpfe,
die auf den Hinterbeinen zu stehen verstanden, waren
fort.
„Wo können sie sich
versteckt haben?“ überlegte Balandin verständnislos. „Und warum
sind sie geflüchtet? Da sie auf zwei Beinen laufen können, heißt
das...“
„Woher wollen Sie wissen,
daß sie gehen können?“ unterbrach ihn Saizew. „Wir haben sie stehen
sehen, das stimmt, aber dar- aus kann man doch nicht...“
„Sie haben überhaupt keine
Phantasie!“ Balandin ärgerte sich.
Saizew lachte. „Dafür haben
Sie zuviel. Sogar erstaunlich viel für einen
Wissenschaftler.“
„Diese Schildkröten müssen
wir nach allen Regeln studieren“, sagte Melnikow. „Ich hatte auch
den Eindruck, daß die eine auf das Boot sozusagen gezeigt
hat.“
„Studieren! Aber wie sollen
wir sie studieren, wenn sie nicht da sind?“
„Wir werden noch einmal
hierher zurückkehren.“
„Wenn wir die Stelle
wiederfinden“, bemerkte Balandin niedergeschlagen.
„Ich werde Sie jederzeit
wieder hierherbringen. Was mir an Phantasie fehlt“ – Saizew
schmunzelte –, „ersetzen die Naviga- tionsinstrumente.“
„Nehmen Sie Kurs auf die
Insel!“ warf Melnikow ein, als er merkte, daß der Professor
ernstlich böse wurde. „Fürs erste genügt es. Konstantin
Jewgenjewitsch ist sehr unzufrieden.“
Belopolski hatte
tatsächlich schon mehrmals gefunkt, das Boot solle sich nicht
länger unterwegs aufhalten. Es wurde im Raumschiff mit Ungeduld
erwartet.
Saizew schaltete die
Motoren auf äußerste Kraft voraus.
Nach anderthalb Stunden
lief das Boot durch die Fahrrinne, die man nun schon kannte, in den
Fjord ein und machte am Raumschiff fest. Belopolski, Paitschadse
und Toporkow emp- fingen die Expedition an der Tür der
Luftschleuse.
„Was ist denn mit Ihnen
geschehen?“ fragte der Komman- dant, als er sah, daß Melnikow und
Wtorow den Kopf verbun- den hatten. „Warum ist mir nicht gemeldet
worden, daß die beiden verletzt sind?“
„Wir haben ja gar keine
Wunden, sondern nur Schrammen“, antwortete Melnikow.
„Sofort ins
Lazarett!“
„Es ist doch nichts
Ernstes.“
„Das wird Stepan
Arkadjewitsch entscheiden. Sinowi Sera- pionowitsch, ich muß mich
sehr wundern! Wie konnten Sie das zulassen? Sie hatten die beiden
sofort zum Schiff bringen müssen!“
Balandin wies mit dem Blick
auf Melnikow und hob viel- sagend die Schultern.
„Das Unterseeboot muß in
den Hangar gebracht werden. Für den Fall, daß ein Gewitter
aufzieht“, sagte Saizew.
„Das machen wir schon.
Jetzt – ab ins Lazarett! Und dann wird geschlafen!“
Aber der Professor weigerte
sich hartnäckig, seine Kajüte aufzusuchen. Er wollte vorher das
Stück Holz und die Zweige untersuchen, die er von dem Stapel an den
Stromschnellen mit- gebracht hatte. Er wollte mit Andrejews und
Korzewskis Hilfe feststellen, wann der Baum gefällt worden war und
wie lange er im Fluß gelegen hatte. Die Errungenschaften der
Botanik und der organischen Chemie sowie das Vorhandensein eines
Elektronenmikroskops im Labor berechtigten zu der Hoffnung, daß man
auf all diese Fragen eine Antwort finden würde.
„Voraussetzung ist
allerdings, daß die Bäume der Venus in ihrem Bau denen der Erde
verwandt sind“, sagte Balandin zu Belopolski. „Und ich glaube, daß
dies der Fall ist.“
„Versprechen Sie mir, daß
Sie mich wecken, sobald die Ana- lyse fertig ist“, bat Melnikow.
„Sonst bleibe ich hier und warte.“
„Geh schon, geh!“
Paitschadse drängte ihn zur Tür. „Wir wecken dich
natürlich.“
Die Laboruntersuchung
dauerte mehrere Stunden. Sobald sie beendet war, lud Belopolski
alle in die Rote Ecke ein. Verständ- licherweise ließ niemand auf
sich warten.
„Das Holz, aus dem der
Stamm besteht“, begann Balandin, „weist einige Besonderheiten auf,
ist aber im allgemeinen dem der Bäume auf der Erde verwandt. Wir
nehmen an, daß man mit großer Wahrscheinlichkeit sagen kann, der
Baum ist vor über achthundert Stunden von der Wurzel getrennt
worden. Der Zustand der Holzfasern an der Bruchstelle und im Innern
führt zu einem derartigen Schluß.“
„Wieviel mehr Stunden als
achthundert schätzen Sie?“ fragte Paitschadse.
„Stanislaw Kasimirowitsch
nimmt an, es werden etwa acht- hundert bis achthundertfünfzig
Stunden seit dem Fällen ver- gangen sein.“
Paitschadse wechselte einen
Blick mit Belopolski.
„Warten Sie“, sagte er.
„Ich werde gleich einmal rechnen. Achthundertfünfzig. So! Das
entspricht fünfunddreißig unserer Tage. Es müßte also, anders
ausgedrückt, am 12. Juni geschehen sein.“
„Um Mitternacht“, sagte
Belopolski.
„Wissen Sie etwa schon, wie
lang ein Kalendertag auf der Venus ist?“ Balandin
staunte.
„Ja. Gestern genau vierzehn
Uhr einunddreißig war Mittag.“
„Wie haben Sie das ohne
Sonne festgestellt?“
„Mit Hilfe von Fotografien.
Arsen Georgijewitsch hat jeden Tag Infrarotaufnahmen des Himmels
gemacht. Auf ihnen kann man deutlich die Stellung der Sonne
erkennen und die Dauer eines Tages ablesen. Ein Venustag entspricht
dreiundzwanzig Erdentagen. Auf diese Weise läßt sich ermitteln, daß
der Baum ungefähr vor anderthalb Venustagen gegen Mitternacht umge-
brochen worden ist.“
„Haben Sie auch feststellen
können, wann er aus dem Wasser gezogen wurde?“ fragte Saizew nach
längerem Schweigen.
„Das läßt sich nicht so
genau bestimmen. Die Bäume, die am Ufer liegen, werden oft naß
durch den Regen. Zum Glück ist das untersuchte Stück von einem
Stamm geschnitten worden, der unten lag. Wir nehmen an, daß er
mindestens acht, neun'Erden- tage auf dem Trockenen gelegen
hat.“
„Und der Fluß hat ihn einen
ganzen Venustag auf seinem Rücken getragen?“
„Das leuchtet mir nicht
ganz ein“, sagte Balandin. „Die Strö- mung fließt so schnell, daß
ein Stamm nicht so lange brauchen kann, um das Wehr zu
erreichen.“
„Meiner Meinung nach ist
alles ziemlich klar“, erklärte Belo- polski. „Boris Nikolajewitsch
hat recht. Die Venusbewohner verlassen ihre Zufluchtsstätten selten
und arbeiten nur nachts. Die Bäume sind in der vorhergehenden Nacht
gefällt und ins Wasser geworfen worden. Sie sind bei Tage
stromabwärts ge- trieben und von dem eigens dazu bestimmten Wehr
aufgehalten worden. In der nächsten Nacht hat man sie herausgeholt
und gestapelt. Das ist vor Sonnenaufgang geschehen. Heute. Man darf
annehmen, daß in der nächsten Nacht, die in fünf Erden- tagen
anbricht, das gestapelte Holz abtransportiert und an seiner Stelle
anderes gestapelt werden wird.“
„Wenn sich alles
tatsächlich so verhält“, sagte Korzewski, „dann müssen wir nachts
hierherkommen, um die Venusbewoh- ner zu sehen.“
„Das werden wir auch tun“,
antwortete ihm Belopolski. „Un- ser Arbeitsprogramm verlangt, daß
wir uns auf der Nachtseite des Planeten aufhalten. Sobald es Abend
wird, fliegen wir zum Kontinent und landen in der Nähe der
Stromschnellen.“
„Werden wir innerhalb von
fünf Tagen eine Startbahn ge- schaffen haben?“ fragte Saizew.
„Damit unser Raumschiff star- ten kann, müßten wir einen Teil der
Korallenbäume an der Westküste vernichten und die Steilküste selbst
erheblich ab- tragen.“
„Das erübrigt sich. Heute
sind die ersten Anzeichen der nahenden Flut beobachtet worden.
Gegen Abend wird der Was- serstand um achtzig Meter gestiegen,
werden die Korallenbäume mehr als bis zur Hälfte überspült sein.
Übrigens, Boris Nikola- jewitsch, wird die Flut bis zu den
Stromschnellen reichen?“
„Ich glaube kaum.“ Melnikow
schüttelte den Kopf. „Sinowi Serapionowitsch und ich haben auf der
Rückfahrt die Strömungs- geschwindigkeit und die Entfernung von der
Seeküste gemessen. Das Ergebnis beweist, daß das Wehr zweihundert
Meter über dem Meeresspiegel liegt.“
„Und“ – wir werden am
Flußufer landen können?“
„Auf dem südlichen Ufer
bestimmt. Der Wiesen streifen zwi- schen Wald und Fluß genügt
völlig.“
„Also wird das Schiff am
22. Juni, in fünf Tagen, die Insel verlassen“, sagte Belopolski.
„Wir werden so nahe wie möglich an das Wehr heranfliegen. Hoffen
wir, daß wir dort das Rätsel der vernunftbegabten Geschöpfe auf der
Venus lösen.“
Der Flug zum
Festland
In der zweiten Hälfte des
langen Venustages erstarb das Leben am Ufer der Insel. Die
„Aktinien“, die „Bänder“ und „Lianen“ schienen wie tot. Man konnte
sie berühren, sooft man wollte, mit den Händen greifen und umbiegen
– sie reagierten nicht. Auch die längsten Regengusse erregten keine
Bewegung bei ihnen.
„Der Vorgang der Anabiose
ist auch auf der Erde oft zu be- obachten“, erklärte Korzewski.
„Allerdings hängt er dort von der Jahreszeit, hier jedoch von der
Tageszeit ab. Viele Gewächse der Erde ersterben für die Dauer des
Winters und feiern im Frühling Wiederauferstehung. Auch einige
Tiere halten Winter- schlaf. Auf der Venus aber ist der Tag die für
Lebensprozesse ungünstige Zeit. Natürlich spielen hier auf der
Insel Ebbe und Flut eine entscheidende Rolle. Die Meeresorganismen
sind ein- geschlafen, weil ihnen das Wasser fehlt. Auf dem
Meeresgrund brodelt das Leben, wie wir gesehen haben, auch bei
„Tage“. Die Inselbewohner haben sich an das besondere Leben auf
einem Korallenriff, das bald im Wasser versinkt, bald wieder daraus
emporsteigt, gewöhnt. Das ist sehr interessant, für einen Bio-
logen tut sich hier ein weites Schaffensfeld auf.“
Er lächelte und rieb sich
vor Freude die Hände.
„Leider werden wir nur
anderthalb Monate auf der Venus bleiben“, entgegnete
Balandin.
„Wir müssen darauf dringen,
daß so schnell wie möglich eine zweite Expedition vorbereitet wird,
und zwar für eine längere Zeit. Sie wollen das doch auch. Das Leben
in den Meeren dieses Planeten ist für Sie doch ebenso interessant
wie für mich.“
„Was kann man schon
studieren, wenn man aus dem Boot nicht herauskommt?“ Der Professor
seufzte tief.
Melnikows Vorhersage hatte
sich bewahrheitet. Belopolski untersagte kategorisch, daß die
Taucheranzüge benutzt würden. Er ließ sie sogar wieder aus dem Boot
ausladen und im Lager- raum verschließen, weil er Grund hatte zu
befürchten, die Ge- lehrten würden im Eifer ihres Forscherdranges
die Gefahr ver- gessen.
Der überraschende
Tierreichtum im Ozean der Venus hatte den ganzen, von Balandin und
Korzewski auf der Erde sorg- fältig aufgestellten Arbeitsplan
zunichte gemacht. Darauf war die Expedition nicht vorbereitet. Ihr
fehlten die Mittel, Muster der Fauna und Flora des Meeresgrundes
einzufangen. Das Unterseeboot war nicht mit Spezialfanggeräten
ausgerüstet. Die leichten und bequemen Taucheranzüge, die vor allem
für größte Bewegungsfreiheit gearbeitet waren, boten keinen Schutz
gegen die Angriffe der gefährlichen Raubtiere, von deren Existenz
man ebensowenig etwas geahnt hatte wie von der anderer hoch-
organisierter Organismen.
„Sie haben ja recht!“ sagte
Balandin. „Aber wir sind da in eine dumme Lage geraten.“
„Und daran sind zum nicht
geringen Teil Sie selbst schuld“, erklärte Belopolski. „Sie haben
die Vorbereitungen für die Ar- beit in der Tiefsee geleitet. Ich
entsinne mich genau, daß die Konstrukteure vorschlugen, das Boot
mit mechanischen Fang- geräten auszurüsten, aber Sie sagten, Sie
brauchten keine. Wer - wenn nicht Sie – hat denn behauptet, daß es
im Venusmeer kein organisches Leben gäbe? Es ist also kein Wunder,
wenn beschlossen wurde, das Boot nicht mit einer überflüssigen An-
lage zu belasten.“
„Ich habe mich auf die
Taucheranzüge verlassen. Ich konnte nicht voraussehen, daß Sie uns
verbieten würden, sie anzu- ziehen.“
Die Umstehenden lachten
unwillkürlich.
„Was wollen Sie
eigentlich?“ Belopolski wurde wütend. „Die Erlaubnis, einem
Haifisch geradewegs in den Rachen zu steigen?“
So blieb Balandin und
Korzewski infolge der Fehlentschei- dung, die sie auf der Erde
getroffen hatten, nichts anderes übrig, als sich damit zu begnügen,
die Tiefsee der Venus durchs Schau- glas des Unterseebootes zu
beobachten.
Saizew hielt sein
Versprechen und fuhr Balandin und Kor- zewski schon am Tage nach
ihrer Rückkehr von den Strom- schnellen wieder zu jener Stelle, an
der sie den rätselhaften roten Schildkröten begegnet
waren.
Aber diese ließen sich zum
großen Kummer der Wissenschaft- ler nicht mehr blicken. Ungeheure
Mengen von Schildkröten lagen und krochen auf dem Meeresgrund
umher, nur ellipsoide Panzer waren nirgends zu entdecken. Sie waren
spurlos ver- schwunden.
Diese besonderen
Schildkröten fanden die Männer auch am zweiten und dritten Tage
nicht.
„Wo sind die Tiere nur
geblieben?“ fragte Balandin verständ- nislos. „Es waren doch
mehrere von der Sorte zu sehen. Warum haben sie sich verzogen,
während die anderen geblieben sind?“
„Wirklich schade!“ klagte
Korzewski. „Ihren Schilderungen nach sind es ganz besondere
Lebewesen.“
„Also – wieder ein Rätsel.“
Saizew seufzte.
Der Tag ging zur Neige. Am
westlichen Horizont verglomm die unsichtbare Sonne. Die Flut stieg
von Stunde zu Stunde. Langsam schien die Koralleninsel in den
Wellen zu versinken.
Der Laufsteg mußte an der
unteren Luftschleuse neu instal
liert werden, dann wurde er ganz überflüssig,
und schließlich brauchte man schon eine Treppe, um an Land zu
gelangen. Am
21. Juli war die Insel vollends vom Meer
verschlungen. Kaum ein Drittel der Korallenstämme ragte noch aus
dem Wasser. Das Motorboot konnte mühelos zwischen ihnen hin und her
fahren.
Der Wind kam immer häufiger
aus dem Osten. Von den Felsenklippen am Ausgang der Bucht nicht
mehr geschützt, schlingerte das Raumschiff in der Dünung.
Schließlich mußten die Fahrten mit dem Unterseeboot eingestellt
werden. Es wurde gefährlich, von der Luftschleuse in das Boot
hinüberzusteigen. Außerdem nahm der Dunst über dem erhitzten Wasser
so zu, daß das Boot, sobald es sich einige Meter vom Schiff
entfernte, nicht mehr zu erkennen war.
Beim Abendessen teilte
Belopolski mit, daß sie am nächsten Tag zum Kontinent fliegen
würden.
„Um welche Zeit?“ fragte
Toporkow hastig.
„Um zehn.“
„Können wir den Termin
nicht auf halb eins verschieben?“
Konstantin Jewgenjewitsch
zuckte verständnislos mit den Schultern. „Wir können. Aber warum?
Bleibt es sich nicht gleich, ob wir um zehn oder um zwölf
starten?“
Toporkow drehte nervös die
Gabel in seiner Hand.
„Ich finde, es würde
unserem Schiff, wenn es sowieso aufsteigt, nichts ausmachen, eine
Weile über den Wolken zu fliegen.“
„Ich verstehe – Sie wollen
einen Funkspruch an die Erde schicken. Die Wolken würden uns nicht
daran hindern, wohl aber die ionisierte Schicht, die sich Ihren
eigenen Berechnungen zufolge in einer Höhe von
zweihundertfünfundvierzig Kilo- metern befindet.“
Alle am Tisch hatten
aufgehört zu essen. Gespannt verfolgten sie die Unterhaltung. In
den Blicken, die sich auf den Komman- danten richteten, waren
Erregung, Hoffnung und inständiges Bitten zu lesen. Nur Melnikow
hob den Kopf nicht. Er kannte Belopolski besser als die
anderen.
„Aber könnten wir nicht
höher steigen?“ fragte Toporkow.
Belopolski zog die Brauen
zusammen.
„Wir könnten“, sagte er.
„Aber ich darf das Raumschiff nicht grundlos der Gefahr des
Absturzes aussetzen.“
Mit einem Ruck richtete
Melnikow sich auf. Bleich sah er Belopolski an. Die gewohnte
Selbstbeherrschung ließ ihn dies- mal im Stich.
„Grundlos?“ stieß er scharf
akzentuiert hervor. „Die Sorgen unserer Verwandten und Bekannten,
ihre quälende Ungewiß- heit, ihre schlaflosen Nächte, ihr Kummer
und ihre Verzweif- lung – sind das keine Gründe?“
Es wurde still in der
Kajüte. Alle schlugen die Augen nieder.
Belopolski schien nicht im
geringsten gekränkt zu sein. Ruhig und ausgeglichen wie zuvor sagte
er: „Ich trage vor unserem Land die Verantwortung für den Erfolg
der Fahrt. Wenn das Schiff nicht zur Erde zurückkehrt, würden
Verwandte und Be- kannte sich noch viel mehr grämen. Wenn du schon
jemand Egoismus vorwerfen willst, Boris, dann nicht mir.“
Das Abendessen endete in
drückendem Schweigen.
Nachdem die ersten
aufgestanden waren, wandte sich Belo- polski, schon an der Tür
stehend, an Saizew.
„Konstantin
Wassiljewitsch“, sagte er so selbstverständlich wie möglich,
„rechnen Sie aus, wieviel Treibstoff wir noch haben und wieviel wir
brauchen würden, um eine Stunde in dreihun- dert Kilometer Höhe
über den Wolken zu fliegen. Boris Niko- lajewitsch wird Ihnen dabei
helfen.“
Am nächsten Tag, dem 22.
Juli, wurde die „SSSR-KS 3“ von den Motorbooten mit dem Bug nach
Osten gedreht, damit die Kronen der Korallenbäume beim Start nicht
störten, und zwölf Uhr zwanzig breitete sie die Tragflächen aus.
Nachdem sie über anderthalb Kilometer auf dem Wasser dahingerast
war, erhob sie sich in die Lüfte.
Belopolski und Melnikow
saßen nebeneinander am Steuer- pult. In weiten Spiralen stieg das
Schiff immer höher. Über die kleine Unstimmigkeit vom
vorhergehenden Tag fiel kein Wort, aber Konstantin Jewgenjewitsch
sprach mit seinem Schüler be- sonders freundlich, und Melnikow bat,
indem er jedes Wort des Kommandanten äußerst bereitwillig aufnahm,
seiner Schroffheit wegen gleichsam um Entschuldigung. Kleinliche
Eitelkeit, die jeder lebendigen Sache so abträglich ist, war beiden
fremd.
Weit unter ihnen blieben
die Wellen des Ozeans zurück, die düsteren Wolken, die
Gewitterfronten und die zahllosen Blitze, die auf den Wellen
tanzten. Über dem Raumschiff spannte sich das blaßblaue reine
Himmelsgewölbe, in dem blendendhell und riesengroß die Sonne
ruhte.
Sie stiegen noch höher.
Immer mehr verdunkelte sich der Himmel. Seine Farbe ging allmählich
in kräftiges Blau, dann in Dunkelblau und schließlich in Violett
über.
In einer Höhe von achtzig
Kilometern sackte das Schiff plötz- lich ein Stück ab. Die
verdünnte Luft bot seinen Tragflächen nicht mehr genügend
Widerstand. Daraufhin wurden die beiden Haupttriebwerke
eingeschaltet. Mit ihrer Hilfe stieg die „SSSR-KS 3“ weitere
hundert Kilometer.
Der Himmel wurde beinahe
schwarz, und auf seinem Grund funkelten die Sterne.
Nachdem auch das dritte und
danach das vierte Triebwerk eingeschaltet waren, fuhr Melnikow die
Tragflächen ein. Sie waren überflüssig geworden; das Düsenflugzeug
hatte sich wie- der in eine Rakete verwandelt.
Die ionisierte Schicht, die
den Funkwellen den Weg verlegte, begann zweihundert Kilometer über
der Oberfläche des Pla- neten und endete in zweihundertsechzig
Kilometer Höhe.
Kaum zeigten die Geräte an,
daß das Ziel erreicht war, da schaltete Toporkow schon den Sender
ein. Die Richtantenne war bereits ausgefahren und auf die Erde
eingestellt. Nach der Sonne und den Sternen hatte Paitschadse die
genaue Richtung leicht ermitteln können.
Die Schiffsbesatzung war
überzeugt, daß die Funkstation des Kosmischen Instituts täglich
erwartungsvoll auf ihre Wellen- länge eingestellt war. Es konnte
gar nicht anders sein.
Genau zwölf Uhr
fünfundfünfzig Moskauer Zeit trat ein Funkspruch, der knapp, aber
aufschlußreich über die Ereignisse auf der Venus berichtete, seinen
langen Weg an.
„Wann könnte Antwort hier
sein?“ fragte Melnikow.
„Als wir auf der Venus
landeten“, antwortete Belopolski ausführlich wie immer, „betrug die
Entfernung zwischen den beiden Planeten neunzig Millionen
Kilometer. Seitdem sind zweihundertachtzig Stunden vergangen. Die
Venus holt die Erde ein, und die Entfernung verringert sich. Zur
Zeit sind es ein- undachtzig Millionen Kilometer. Die Funkwellen
brauchen viereinhalb Minuten, um diese Entfernung einmal zurückzu-
legen.“
„Also wird die Antwort in
neun Minuten hier eintreffen?“
„Rechne noch eine Minute
fürs Lesen des Funkspruchs und eine weitere Minute fürs
Zusammenstellen der Antwort hinzu.
In elf Minuten werden wir
die Antwort erhalten. Wenn unser Funkspruch sein Ziel erreicht“,
schloß Belopolski.
„Warum sollte er nicht
ankommen? Die ionisierte Schicht liegt doch unter uns!“
„Wir kennen die Atmosphäre
der Venus nur ungefähr. Viel- leicht besitzt sie eine zweite
ionisierte Schicht, die gar noch mäch- tiger als die erste
ist?“
Außer den Kommandanten
hatte sich die ganze Besatzung in der Funkkabine eingefunden. Neun
Männer verfolgten den Lauf des Sekundenzeigers auf der
Uhr.
Neun, zehn, elf Minuten
vergingen. Keine Antwort kam.
Zwölf...
Niemand sprach. Alle
hielten den Atem an. Der Mißerfolg schien eindeutig, der Funkspruch
hatte offenbar die Erde nicht erreicht. Das Schiff hätte noch höher
steigen und in den inter- planetaren Raum hinausfliegen
müssen.
Alle wehrten sich gegen den
Gedanken, die Funkstation auf der Erde sei vielleicht nicht
besetzt. Das war unmöglich, un- denkbar __
Den zutiefst aufgewühlten
Menschen kamen die Sekunden wie Minuten vor.
Als es schließlich für alle
schon feststand, daß der Versuch gescheitert wäre, antwortete
jemand deutlich aus dem Laut- sprecher:
„Haben euren Funkspruch
erhalten. Danken euch, daß ihr das Risiko eingegangen seid, um uns
zu beruhigen. Raten, unver- züglich auf die Venus zurückzukehren.
Wünschen vollen Erfolg in der Arbeit und ihren glücklichen
Abschluß. Die Familien der Besatzungsmitglieder sind gesund, und
bei ihnen ist alles in Ordnung. Bestätigt den Empfang unseres
Funkspruchs und lan- det sofort wieder. Sehr herzlichen Gruß!
Sergej Kamow.“
Als flammten die
elektrischen. Lampen heller auf und als würde selbst die Luft
klarer – so war den Männern plötzlich zumute. Eine drückende Last
war von ihren Herzen genommen.
„Funkspruch empfangen.
Verstanden. Nächste Verbindung
27. August. Schalte Sender ab“, sagte
Toporkow.
Kaum waren die Worte
verhallt, als das Raumschiff die Flug- höhe verringerte und dorthin
zurückflog, wo sich in weiter Ferne wie eine schneeweiße Masse der
endlose Wolkenozean breitete.
Zufällig streifte Melnikows
Blick den Kommandanten, und
der junge Wissenschaftler staunte über das
ungewöhnliche Bild, das sich ihm bot: Konstantin Jewgenjewitsch
lächelte. Das war nicht nur der Anflug eines Lächelns, wie er es
schon mehrmals auf dem strengen Antlitz Belopolskis wahrgenommen
hatte, son- dern es war das breite, freundliche Lächeln eines
Menschen, dem ein Stein vom Herzen gefallen ist. Noch eine Sekunde
– so schien es –, und Belopolski würde aus vollem Halse
lachen.
Wenn ich das Arsen erzähle,
wird er es nicht glauben wollen! dachte Melnikow.
Die Landung dauerte bei
weitem nicht so lange wie der Start. Nach achtzehn Minuten tauchte
das Schiff bereits in die Wolken, und nachdem es sie hinter sich
gelassen hatte, geriet es – wie vor zwölf Tagen – mitten hinein in
ein Gewitter. Die Venus schien ihre Gäste nicht anders empfangen zu
können.
„Zum dritten Male nähern
wir beide uns nun der Venus“, sagte Melnikow. „Wenn ich bedenke,
daß wir in wenigen Minu- ten den orangeroten Wald wieder vor uns
haben... Wenn es doch wenigstens etwas Grün dort gäbe!“
„Bei Ihnen zeigt sich das
Resultat der geistigen Verbindung mit der Erde“, entgegnete
Belopolski leicht spöttisch.
„Nicht einen einzigen
Augenblick habe ich diese Verbindung jemals verloren“, stieß
Melnikow beleidigt hervor.
„Das glaube ich Ihnen gern.
Aber bisher unterdrückte das Interesse an der Arbeit alles andere.
Was für ein Unterschied ist das schon – Grün oder
Orange!“
Er ist trotz allem ein
sonderbarer Mensch, dachte Melnikow. Man durchschaut ihn nicht
ganz.
Das Festland lag zu dieser
Zeit beinahe auf der Grenze zwi- schen der Tag- und Nachthälfte des
Planeten. Wenn sie nach Westen flogen, konnten sie es nicht
verfehlen. Und wirklich war nach zwanzig Minuten Flug auf dem
Bildschirm orangeroter Wald zu sehen, Melnikow, der das Schiff
gerade steuerte, drehte nach Norden ab, um die Flußmündung zu
suchen.
Minuten vergingen, aber der
Fluß kam noch immer nicht in Sicht. Da bemerkten die Männer, daß
sich der Wald lichtete. Ebenen dehnten sich, die von Bord des
U-Bootes aus nicht zu sehen gewesen waren.
„Wir sind entweder
bedeutend weiter südlich oder nördlich des Flusses“, erklärte
Melnikow. „Die Gegend kenne ich nicht.“
„Eher wohl nördlich“,
antwortete Belopolski. „Wenden wir.“
Melnikow zog die Ruder. Das
Schiff beschrieb einen weiten Halbkreis und ging auf
Gegenkurs.
Eine halbe Stunde etwa
flogen sie an der Küste entlang, ohne auf ein einziges Gewitter zu
stoßen. Zwar waren überall fin- stere Wolkengebirge zu sehen, aber
diese schienen ebenfalls nach Süden abzuziehen.
Aus sechshundert Meter Höhe
eröffnete sich ein weiter Rund- blick, und Belopolski und Melnikow
entdeckten zu gleicher Zeit den gesuchten Fluß. Er bog unweit der
See scharf nach Nord- westen ab und verschwand hinter einem
Waldmassiv. Der Hori- zont war von dieser Seite mit Gewitterwolken
verhangen.
„Immer und überall diese
Gewitter“, murrte Melnikow ver- drießlich.
Das Landschaftsbild der
Venus, ihm längst vertraut, regte ihn diesmal auf. Ähnlich
empfanden auch die anderen Genossen. Alle maßen den bleigrauen
Himmel und den'' orangeroten Küstenstreifen mit trübseligen
Blicken. Sie sehnten sich nach etwas, was wenigstens entfernt an
die Heimat erinnerte. Aber außer den Wassern des Ozeans war alles
von fremder Art.
„Warten wir ab“, murmelte
Konstantin Jewgenjewitsch ruhig. „Wir haben ja keine
Eile.“
Mit geringster
Geschwindigkeit kreiste das Raumschiff in Küstennähe und wartete,
daß die Gewitter abzögen. Bald wurde der Weg frei.
Noch zwanzig Minuten Flug,
dann mußten sich in der Ferne die Stromschnellen abzeichnen, die
aus der Höhe wie ein dünner weißer Strich aussahen.
„Sehen Sie dort – ein See!“
rief Belopolski plötzlich.
Melnikow warf einen Blick
auf den Bildschirm. Tatsächlich war ganz in der Nähe der
Stromschnellen inmitten der Bäume ein Waldsee zu erkennen, der,
soweit man es aus dieser Ent- fernung schätzen konnte, einen
Durchmesser von zwei Kilo- metern hatte. Als sie näher kamen,
zeigte sich, daß das nörd- liche Ufer des Sees flach war, das
südliche aber steil aus dem Wasser emporstieg. Der Wald reichte
beinahe bis ans Wasser heran.
Das Raumschiff glitt hinab
zu den Baumkronen. Die Trieb- werke arbeiteten mit der für diese
geringe Höhe minimalsten Geschwindigkeit, sie betrug aber immer
noch über fünfzig Meter pro Sekunde.
Als die „SSSR-KS 3“ den See
erreicht hatte, folgte Melnikow der Uferlinie.
„Ich sehe Balken am
Nordufer“, teilte Paitschadse durch den Lautsprecher mit.
Er stand zusammen mit den
anderen im Observatorium und konnte die Landschaft nicht nur durch
den Bildschirm, sondern auch durchs Fenster beobachten.
In diesem Augenblick
entdeckte auch Melnikow einen hohen Holzstapel – nicht nur einen,
sondern mehrere. Sie lagen gleich- weit voneinander entfernt und
waren aus ebensolchen Stämmen geschichtet, wie Balandin und er sie
an den Stromschnellen ge- sehen hatten. Aber das Schiff flog so
schnell darüber hinweg, daß man sie nicht genau betrachten
konnte.
„Ich sehe einen Staudamm
aus Holz!“ Saizews Stimme zitterte vor Erregung. Das gleiche
meldeten Balandin und Knjasew.
Das Raumschiff flog gerade
auf den Westzipfel des Sees zu und drehte, über die linke
Tragfläche geneigt, nach Süden. Weder Belopolski noch Melnikow
hatten den Staudamm sehen können.
„Wo sehen Sie einen
Staudamm?“ fragte Konstantin Jewgen- jcwitsch.
„Er liegt schon hinter
uns“, antwortete ihm Balandin. „Aus dem See fließt ein kleiner Fluß
ab, den ein Wehr aus fest zu- sammengefügten Balken
absperrt.“
„Dieser See ist noch
rätselhafter als die Stromschnellen“, sagte Melnikow. „Aber er ist
lang genug. Wir werden hier landen.“
„Auf keinen Fall auf dem
Wasser“, entgegnete Belopolski in ungewöhnlichem Tonfall. „Nur am
Ufer.“
„Am Ufer ist kein Platz, es
ist zu schmal.“
„Dann am Fluß, dort, wo wir
ursprünglich landen wollten.“
„Aber warum denn nicht
hier?“ fragte Melnikow, jedoch nach einem Blick auf den
Kommandanten verstummte er. Solch einen Ausdruck wie in diesem
Augenblick hatte er bei seinem Lehrer und Freund noch nie bemerkt.
Sein Gesicht war mit tiefen Runzeln bedeckt, er wirkte strenger als
sonst, und jeder Zug darin, der Glanz der Augen und das Zittern der
Lippen ver- rieten, daß der Gelehrte zutiefst aufgewühlt war.
Unablässig musterte er den spiegelglatten See, und auf seinem
Gesicht ver- härtete sich gespannte Erwartung.
Reglos lag der See. Nicht
das geringste Lebenszeichen war zu erkennen. Ebenso tot lag das
flache Ufer, auf dem riesige Bäume und orangefarbene Sträucher
wuchsen. Nichts rührte sich. Nur das dichte Laub tanzte im
Wind.
Ohne weitere Fragen zu
stellen, steuerte Melnikow auf den Fluß zu. Er lag ganz in der Nähe
des Sees. Nicht mehr als einen Kilometer entfernt.
Schon als sie das erstemal
zu den Stromschnellen kamen, hatte Melnikow eine Stelle ausfindig
gemacht, die sich zur Lan- dung eignete. Es war ein langer und
breiter Uferstreifen, ein Feld, auf dem das Schiff ungehindert
landen und von dem es auch wieder starten könnte. Das Gelände war
eben und schien völlig trocken zu sein; dort wuchs das gelbbraune
Gras.
„Beeil dich!“ sagte
Belopolski. „Ein Gewitter zieht auf!“
Melnikow verständigte die
Besatzung durch ein Klingel- zeichen von der bevorstehenden
Landung.
Als die vorgesehene Stelle
in Sicht kam, wurden die Trieb- werke abgestellt. Das riesige
Schiff glitt, rasch langsamer wer- dend, auf das Ufer zu. Das
schwere Achterschiff sank tiefer.
Kamows Konstruktion, die
eine Landung mit Hilfe von Stützarmen vorsah, verlangte vom Piloten
äußerste Konzentra- tion und Präzision jeder Bewegung. Das
Landemanöver war so schwierig, daß der Autopilot trotz aller
Anstrengungen der Kon- strukteure den Menschen dabei nicht ersetzen
konnte. Belo- polski und Melnikow hatten lange Zeit gebraucht, um
diese Kunst zu erlernen; denn es war keine Technik mehr, sondern
Kunst. Mit außerordentlicher Genauigkeit mußte der Augen- blick
abgepaßt werden, in dem das Schiff im Zustand labilen
Gleichgewichts gleichsam in der Luft stillzustehen schien. In einem
kleinen Übungsraumschiff hatten sie Dutzende Male die- ses Manöver
auf der Erde ausgeführt.
Aber es war unvergleichlich
schwieriger, solch ein gigantisches Schiff wie die „SSSR-KS 3“ mit
Hilfe der Stützarme zu landen. Der Kommandant übertrug diese
verantwortungsvolle Aufgabe daher in Anbetracht seines Alters dem
jüngeren Kollegen, des- sen Hand sicherer war und der, wie man
allgemein sagte, über- haupt keine Nerven besaß.
Melnikow sah nicht mehr auf
den Bildschirm. Er konzentrierte sich ganz auf den Höhenmesser und
das Tachometer. Die beiden Zeiger sanken rasch auf Null.
„Eins“, sagte Belopolski gepreßt.
Das hieß, daß das
Achterschiff noch einen Meter über dem Erdboden hing. Noch eine
Sekunde ... zwei Sekunden ...
„Die Stützarme“,
kommandierte Melnikow.
Belopolski drückte auf
einen Knopf.
Sie verspürten einen
sanften Stoß – das Heck hatte den Boden berührt. Im selben
Augenblick wurden die Stoßdämpfer aus- gefahren. Zitternd kam das
Raumschiff zum Stillstand. Mäch- tige Motoren fuhren die Stützarme
schnell wieder ein. Die Trag- flächen verschwanden in den
entsprechenden Aussparungen, und das Schiff legte sich mit seinem
ganzen Leib auf den Boden.
„Bravo!“ rief Paitschadse
durch den Sprechfunk. „Boris, du bist ein Prachtkerl!“
„Scheint alles glatt
gegangen zu sein“, sagte Melnikow zu- rückhaltend. „Sergej
Alexandrowitschs Konstruktion hat die letzte und schwerste Prüfung
bestanden.“
Die „SSSR-KS 3“ war genau
in der Mitte zwischen Wald und Fluß gelandet. In etwa anderthalb
Kilometer Entfernung strom- aufwärts lagen die
Stromschnellen.
„Konstantin Jewgenjewitsch,
wissen Sie noch: Als wir mit der ,SSSR-KS 2' flogen, glaubten wir,
auf dem Festland der Venus gäbe es keine Stelle, die sich für eine
Raumschifflandung eignet. Doch es gibt solche Stellen in Hülle und
Fülle.“
„Ja, da haben wir uns
geirrt“, bestätigte Belopolski. „Aber das ist kein Wunder. Um einen
Planeten kennenzulernen, ge- nügt es nicht, ihn kurze Zeit zu
überfliegen. Wir sind jetzt schon zwölf Tage hier und wissen
trotzdem noch nicht viel. Die Venus bereitet uns eine Überraschung
nach der anderen. Und die größte Überraschung steht uns noch
bevor... Auf dem See.“
Das letzte Wort hatte er
fast geflüstert, und Melnikow sah in seinem Gesicht abermals
Erregung aufflackern.
„Warum haben Sie uns nicht
auf dem See landen lassen?“
Belopolski ließ sich Zeit
mit der Antwort. Er schien un- schlüssig.
„Wissen Sie, mir ist da so
ein Gedanke gekommen“, sagte er zögernd und beinahe zaghaft. „Ein
sehr merkwürdiger Ge- danke ... Dieser See...“
„Was ist mit
ihm?“
„... ist gar kein See.
Genauer gesagt – er ist nicht das, was wir gewöhnlich darunter
verstehen.“
Ohne seine Worte näher zu
erklären, verließ der Komman- dant die Kajüte.
„Was wollte er damit
sagen?“ fragte Balandin.
„Ich weiß es wahrhaftig
nicht“, gestand Melnikow verstört. „Ich habe keine
Ahnung.“
„,... ist gar kein See'“,
wiederholte der Professor. „Sonder- bar! Meiner Meinung nach ist
das ein ganz gewöhnlicher Wald- see, wenn man von dem Wehr und den
Stapeln am Ufer ab- sieht. Aber der See selbst...“
Sie unterhielten sich über
Sprechfunk. Melnikow sah seinen Gesprächspartner nicht, malte sich
aber aus, wie Balandin ver- ständnislos die Schultern
hob.
„Konstantin Jewgenjewitsch
hat sicherlich etwas entdeckt, was... wir müssen uns bei ihm
eingehend erkundigen.“
„Das führt zu nichts!“
sagte Melnikow überzeugt. „Er wird es nicht verraten.“
Der Professor versuchte
trotzdem zu erfahren, was der Expe- ditionsleiter hatte andeuten
wollen. Wie nicht anders zu er- warten, erreichte er
nichts.
„Es wird sich bald zeigen“,
antwortete Belopolski. „Man darf nicht voreilig Schlüsse
ziehen.“
„Ich bin sicher, daß er
etwas weiß“, sagte Balandin, als er von seinem ergebnislosen
Erkundungsvorstoß zurückkehrte. „Aber schlagt mich tot – ich kann
mir nicht vorstellen, was es sein könnte.“
„Wir werden es schon noch
erfahren“, tröstete ihn Melnikow.
Es war vier Uhr Moskauer
Zeit. Auf der Venus näherte sich die lange Nacht, die elf Erdentage
und elf Erdennächte währen würde.
In den Klauen des
Gewitters
Bis zum Sonnenuntergang
blieben noch zehn Stunden Zeit, und auch danach würde es nicht
sofort ganz finster werden. Die Venus dreht sich so langsam um ihre
eigene Achse, daß sich die Abenddämmerung sehr in die Länge zieht.
Nacht konnte es im Grunde erst in fünfzig Stunden werden. Diese
Zeit galt es zu nützen.
Kaum war die „SSSR-KS 3“ an
ihrem neuen Standplatz an gelangt, da gingen Melnikow und Korzewski
von Bord, um das Ufer zu untersuchen und festzustellen, ob der
Geländewagen eingesetzt werden könnte. Würde eine Exkursionsgruppe
die anderthalb Kilometer bis zu den Stromschnellen zu Fuß zurück-
legen, setzte sie sich der Gefahr aus, von einem Gewitter über-
rascht zu werden. Melnikows Vermutung, man könne sich unter den
Gewölben des Waldes vor den Regengüssen schützen, be- durfte erst
einer Prüfung.
Die beiden Sternfahrer
überzeugten sich mühelos davon, daß der Boden am Ufer fest genug
war. Es bestand keine Gefahr, daß der Geländewagen mit seinen
Raupenketten versinken würde. Unter dem orangebraunen Grasteppich
lag eine feste Sandschicht. Ob dies gewöhnlicher Sand war, blieb
vorerst un- gewiß, aber eins stand fest – die Expeditionsmitglieder
konnten den Geländewagen benutzen. Und das war im Augenblick die
Hauptsache.
Ganz in der Nähe hielten
sich die unbekannten Bewohner der Venus auf, die allem Anschein
nach sehr kräftig und an die Fin- sternis der Nacht gewöhnt
waren.
Wie würden sie sich den
Eindringlingen gegenüber verhalten?
Wenn sie, wie Melnikow
annahm, Wilde waren, mußte mit feindseligen Handlungen von ihrer
Seite gerechnet werden. Die Astronauten beabsichtigten aber nicht,
von der Waffe Gebrauch zu machen. Sollten sie überfallen werden,
würden ihnen die Geländewagen sicheren Schutz bieten.
Um die für die Nacht
vorgesehene Arbeit zu leisten, standen den Männern öftere Ausflüge
von Bord bevor. Außerdem waren sie fest entschlossen, die Herren
dieses Planeten näher kennen- zulernen. Das ließ sich nur nachts
einrichten. Eine Exkursion zu den Stromschnellen und vielleicht
auch noch zum See barg aber bei völliger Finsternis große Gefahren
in sich. Sumpfiges Ge- lände, das bei den häufigen Regenfällen
etwas ganz Natürliches gewesen wäre, hätte die Lösung dieser
Aufgabe noch erschwert.
Doch der Uferstreifen glich
nicht im geringsten einem Sumpf. Er war fest und offenbar
trocken.
„Ich halte das für ganz
gewöhnlichen Sand“, erklärte Ko- rzewski. „Und er liegt in einer
sehr dicken Schicht. Andernfalls würde er nicht das ganze
Regenwasser aufsaugen können.“
„Diese Eigenschaft besitzt
nicht nur Sand“, antwortete Mel- nikow. „Das Ufer fällt vom Wald
nach dem Wasser zu ab. Das meiste Regenwasser kann also in den Fluß
abfließen, und nur den Rest nimmt der Boden auf.“
„Das könnte auch sein“,
pflichtete ihm der Biologe bei.
An Bord zurückgekehrt,
meldeten sie Belopolski das Ergeb- nis ihrer Erkundung. Dieser ließ
sofort einen Geländewagen fahrfertig machen. Eine halbe Stunde
später stand das eine Kettenfahrzeug schon vor der unteren
Luftschleuse.
Das Raumschiff hatte
Geländewagen verschiedener Größe an Bord. Es wurde beschlossen, zur
ersten Ausfahrt den leichtesten und schnellsten zu
nehmen.
Belopolski wollte sich die
Stromschnellen und die Holzstapel am Ufer persönlich ansehen, aber
weil er nicht zur gleichen Zeit wie Melnikow das Schiff verlassen
durfte, sollte ihn Professor Balandin begleiten. Weder er noch
Konstantin Jewgenjewitsch verstanden, mit der Filmkamera umzugehen.
Deswegen gab Wtorow ihnen Fotoapparate mit.
„Machen Sie soviel
Aufnahmen wie möglich!“ bat er. „Jedes Foto ist von unschätzbarem
Wert!“
„Ja, ja, das wissen wir.“
Balandin lächelte. „Ich verspreche Ihnen, daß ich den ganzen Film
verknipse.“
„Vielleicht wäre in dem
Wagen noch ein Plätzchen frei?“
Wtorow sah den Kommandanten
bittend an.
„Sie werden noch zur
rechten Zeit hinauskommen“, entgegnete Belopolski barsch. „Diese
Fahrt wird nicht die letzte sein.“
Wie immer verzögerten
Gewitter die Abfahrt. Die Kosmo- nauten hatten sich schon an die
häufigen Regengüsse gewöhnt, wenngleich ihre Geduld diesmal hart
auf die Probe gestellt wurde. Drei Stunden lang löste ein Gewitter
das andere ab und raubte ihnen kostbare Zeit. j
Aber die erzwungene
Verzögerung brachte auch einen ge- wissen Nutzen. Sie überzeugten
sich davon, daß der absichtlich im Freien abgestellte Geländewagen
dem Druck der Wasser- massen standhielt und die Männer sich in ihm
gegen die Ge- witter schützen konnten. Während sie in den kurzen
Pausen zwischen den Gewittern vom Observatorium aus das Gelände
beobachteten, stellten sie auch fest, daß Melnikows Vermutung
zutraf. Das Wasser floß entsprechend dem natürlichen Gefälle zum
Fluß ab; es bestand keine Gefahr, daß der Boden ringsum sich in
einen Sumpf verwandeln würde.
Sobald Toporkows Barometer
anzeigte, daß die Luft keine Elektrizität mehr enthielt, verließen
Belopolski und Balandin ohne Zögern das Schiff und setzten sich in
den Geländewagen. Er war so niedrig, daß sie die individuelle
Sprechfunkanlage mit akustischen Verstärkern vertauschen mußten.
Die Antennen ihrer Gasschutzanzüge paßten nicht in den Wagen
hinein.
Bis zu den Stromschnellen
fuhren sie ganz langsam. Melnikow und Korzewski hatten nur die
nächste Umgebung erkundet, und Konstantin Jewgenjewitsch war
deswegen sehr vorsichtig.
Sie legten die anderthalb
Kilometer in einer Viertelstunde zurück und hielten unmittelbar
neben einem Holzstapel.
Balandin erkannte sofort,
daß seit ihrem ersten Besuch nie- mand die Stapel angerührt hatte.
Die Stämme lagen noch ge- nauso angeordnet wie vorher. Er sah auch
jenen Stamm, von dem er sich ein Stück abgeschnitten
hatte.
Belopolski nickte wortlos,
als der Professor ihm seine Be- obachtungen mitteilte, öffnete den
Wagenschlag und trat ins Freie.
Die rätselhaften Stapel
sahen zwar noch genauso aus wie vorher, aber der Fluß hatte sich
völlig verändert. Als das Unter- seeboot hier ans Ufer gekommen
war, hatte er sich wasserreich und ungebärdig tosend durch die Enge
aus mächtigen Fels- blöcken gezwängt. Jetzt am Abend aber herrschte
an dieser Stelle beinahe Stille. In einer Breite von etwa fünfzig
Metern versperrten oberhalb der Felsblöcke Baumstämme dicht bei
dicht den Fluß. Die Strömung hatte sie so eng aneinandergepreßt,
daß man über sie wie über eine Brücke vom Südufer zum Nord- ufer
gelangen konnte.
„Das bestätigt unsere
Vermutung“, sagte Balandin. „Die Venusbewohner arbeiten
nachts.“
Eingehend betrachtete
Belopolski das Wehr. Um besser sehen zu können, stieg er auf den
einen Holzstapel. Von oben konnte er genau die Anordnung der
riesigen Steine erkennen.
„Es kann kein Zweifel
bestehen“, sagte er im Hinuntersteigen, „dies ist ein künstliches
Wehr. Aber wenn man die Anwendung technischer Hilfsmittel bei
seinem Bau für ausgeschlossen hält, muß man zugeben, daß nur
außerordentlich starke Geschöpfe eine derartige Anlage haben
errichten können.“
„Das war auch Boris
Nikolajewitschs Meinung.“
„Die Frage ist nur, warum
sie errichtet wurde.“
„Offenbar brauchen diese
Geschöpfe Holz“, erklärte Balandin.
„Und die Bäume, die hier
stehen, können sie nicht fällen. Sie sehen ja selber, was für
Riesen das sind.“
„Es wäre die einzige
Erklärung.“ Belopolski nickte. „Das Holz wird von einer Stelle, die
stromauf liegen muß, hierher- geflößt. Und dann wird es zu dem See
hinüberbefördert. Wir haben doch Stapel am Seeufer gesehen. Aber
wozu brauchen sie soviel Holz? Hier liegen doch Tausende Stämme“,
setzte er hinzu und wies auf den Fluß. „Und man darf kühn
behaupten, daß ebenso viele an jedem Venustag oder nach unserer
Zeit- rechnung alle drei Wochen geflößt werden. Das ist es, was ich
nicht verstehe. Na, wir werden es erfahren, wenn wir die Venus-
bewohner besuchen, und zwar dort, wo sie wohnen.“
„Ich denke, ihre
Behausungen werden im Wald, am Ufer des Sees liegen.“
„Im Wald?“
„Ja. Oder vermuten Sie sie
woanders?“
„Fahren wir doch einmal an
den See“, schlug Belopolski, der Antwort ausweichend,
vor.
„Durch den Wald?“
„Natürlich. Wenn die langen
Stämme vom Fluß zum See ge- schleift werden, muß dort eine Schneise
sein.“
„Wir können sie ja suchen“,
antwortete der Professor lako- nisch.
Er hielt eine Exkursion
dieser Art für sehr gefährlich und meinte, sie sollten dazu lieber
mit dem stärkeren Geländewagen, und zwar nicht nur mit einem,
sondern wenigstens mit zweien, fahren. Aber er behielt seine
Gedanken für sich. Er wollte um keinen Preis von Belopolski das
gleiche hören, was ihm schon Melnikow entgegnet hatte. Diese vier
Männer, Kamow, Pai- tschadse, Belopolski und Melnikow, waren
Menschen besonderer Art. In ihrem besonnenen Mut lag etwas, was der
Alltagsver- nunft Schweigen gebot. Im stillen hoffte der Professor,
daß sie keine Schneise fänden, die breit genug wäre.
„Es ist nicht gefährlich“,
sagte Belopolski, als habe er die Gedanken des Genossen gelesen.
„Die Venusbewohner sind auf jeden Fall Lebewesen der
Nacht.“
„Also – dann –
los!“
Sie setzten sich in den
Geländewagen. Balandin teilte dem Schiff durch Funkspruch ihre
Absicht mit. Melnikow, der den Funkspruch aufnahm, machte keine
Einwände. Er bat nur, die beiden Männer sollten Verbindung mit dem
Raumschiff halten. Sie brauchten nicht lange zu suchen. Die
vermutete Schneise begann ganz in der Nähe, neben den Stapeln, und
sie war für das bewegliche Raupenfahrzeug breit genug.
Bei den ersten Bäumen hielt
Belopolski an.
Ein gewundener Pfad führte
in das Dickicht des Waldes hin- ein und zog sich emsig zwischen den
gigantischen Stämmen dahin. Das schwache Licht des Tages, richtiger
des Abends, drang nicht durch das dichte Laub hindurch, so daß
bereits zehn Schritt voraus nichts zu erkennen war. Der Weg
verschwand im Dunkel.
Erregt spähte Balandin die
Schneise entlang. Hier waren die Herren des unerforschten Planeten
gegangen, seine natürlichen Herren, so wie die Menschen die
natürlichen Herren der Erde sind. Geschöpfe, mit Vernunft begabt
und zielstrebiger Arbeit fähig, werden allzeit und allerorten
Gebieter der Natur sein. Mochten sich die Venusbewohner vorerst
auch noch auf einem niederen geistigen Niveau befinden, mochten sie
primitiv sein und mit primitiven Methoden arbeiten, mochte ihnen
auch noch das technische Denken fehlen – das änderte
nichts.
Vielleicht werden die
Venusbewohner vom Instinkt geleitet? dachte Balandin. – Vielleicht
entspricht ihre Arbeit mit den Bäumen der unserer Biber? Vielleicht
ist es gar keine schöpfe- rische, sondern mechanische
Arbeit?
Aber er verstand sehr wohl,
daß alle diese spitzfindigen Schlüsse durch die Tatsache widerlegt
wurden, daß sie auf der Koralleninsel ein Lineal gefunden hatten.
Es konnte nur den Venusbewohnern gehören. Kein Tier vermag ein
Meßinstrument herzustellen. Hier wird mathematisches Denken
verlangt. Zu- mindest primitives. Und mathematische Begriffe können
nicht in ein Hirn gelangen, dem die Fähigkeit fehlt, logische
Schlüsse zu ziehen. Die Logik ist ein Privileg des
Menschen.
„Nein, es müssen wohl doch
Menschen sein“, sagte der Pro- fessor.
Belopolski schien seinen
Gedankengang zu verstehen. Viel- leicht hatte er genauso
gedacht.
„Das Lineal schließt jeden
Zweifel aus“, antwortete er. „Haben Sie sich übrigens den Boden
genau angesehen? Boris Nikolajewitsch hat anscheinend recht, wenn
er meint, die Regen- fälle könnten uns im Wald nicht gefährlich
werden.“
„Woraus schließen Sie das?“
„Haben Sie nicht gesehen,
wie das Gras im Wald nieder- getreten worden ist? Aber vom Wald zu
den Stapeln führen keine Spuren. Unter freiem Himmel hält also der
Regen das Gras frisch, im Wald aber vermag er es nicht.“
Belopolski legte den ersten
Gang ein, und der Geländewagen fuhr langsam an. Der Weg war gerade
breit genug, dauernd mußten die Steuerungshebel betätigt
werden.
Je tiefer der Wagen in den
Wald eindrang, desto dunkler wurde es. Dichtes Unterholz, mit
weißem Gras verflochten, schob sich immer näher an das
Raupenfahrzeug heran. Die riesenhaften Stämme, die säulengleich das
orangerote Gewölbe trugen, strebten himmelwärts, so weit das Auge
reichte. Der Geländewagen hatte kaum die erste Kurve durchfahren,
da schienen die Bäume hinter ihm zusammenzurücken. Das Ufer
entschwand den Blicken der beiden Männer. Wohin sie auch blickten,
überall erhob sich eine dunkelrote Mauer, die mit kirschroten
Flecken betupft und unten von einem orangeweißen Streifen gesäumt
war.
Belopolski und Balandin
schwiegen. Sie waren erregt und fühlten sich etwas beklommen
angesichts des unzugänglichen, jungfräulichen Waldes, durch den
dieser einzige Weg führte, den ihnen noch unbekannte, aber
verwandte Geschöpfe gebahnt hatten. Denn sie waren ihnen verwandt,
so wie alle denkenden Wesen des unendlichen Weltalls miteinander
verwandt sind.
Es dauerte keine Minute, da
war es so dunkel, daß der Schein- werfer eingeschaltet werden
mußte.
Blendend hell, aber fremd
und unpassend wirkte das elek- trische Licht in diesem Wald.
Hunderte, vielleicht sogar Tau- sende Jahre standen die Waldriesen,
und nie hatte ein Sonnen- strahl sie berührt. An die Finsternis
gewöhnt, mußten sie sich über die unerwünschte und dreiste
Beleuchtung, die ihre Jahr- hunderte währende Ruhe störte,
empören.
Aber Pflanzen empfinden ja
nichts.
In dem strengen weißen
Licht traten die Bäume, die Sträucher und das seltsam reglose,
bleiche Gras plastisch und deutlich aus dem Dunkel
hervor.
Nicht die geringste
Bewegung ... Totenstille...
Wie ein gewundener Korridor
zog sich der geheimnisvolle Weg in die Ferne.
Vorsichtig fuhr der
Geländewagen weiter. Die tiefen Spuren seiner Raupenketten drückten
der Venuslandschaft einen irdi- schen Stempel auf.
Was werden die Bewohner des
Planeten über diese für sie unerklärlichen Spuren denken, wenn sie
bei Einbruch der Nacht den vertrauten Weg entlangkommen? Werden sie
ihre Bedeu- tung verstehen? Ist der Gedanke für sie überhaupt
faßbar, daß Bewohner einer anderen Welt die Venus besucht haben?
Oder können sie sich, weil der Sternenhimmel ihres Planeten immer
von einem Dickicht nie auseinandertretender Wolken verhüllt ist,
gar nicht vorstellen, daß es außer der ihren noch andere Welten
gibt und daß sie nicht die einzigen vernünftigen Wesen im All
sind?... Wie können sie überhaupt die Existenz des Alls ahnen, wenn
keiner von ihnen je die Sonne oder die Sterne gesehen hat? ... Sie
werden vielleicht die Spuren des Ketten- fahrzeugs für die Spuren
eines unbekannten Tieres halten. Selbst wenn sie solchen Tieren
bisher nie begegnet sind, wird dieser Gedanke sich
aufdrängen.
Professor Balandin malte es
sich bildlich aus... In nächt- licher Finsternis beugen sich
riesengroße Schatten über die Spu- ren, machen sich gegenseitig auf
sie aufmerksam und reden in einer fremden Sprache miteinander.
Forschend richten sich ihre Augen in das Waldesdickicht, um das
unbekannte wilde Tier zu suchen.
Er stellte sie sich als
Zweibeiner vor mit Augen, die im Dun- keln wie Raubtieraugen
grünlich funkeln.
Wenn nun plötzlich die
Herren des Waldes aus dem Dunkel treten? Geschöpfe, die imstande
sind, mit bloßen Händen (oder dem, was ihnen als Hand dient)
Felsbrocken zu bewegen und Bäume umzubrechen. Wenn sie nun vor dem
Scheinwerferlicht gar keine Angst haben?
Was wird es ihnen
ausmachen, den Gelandewagen umzukip- pen, die Scheiben
einzuschlagen und die Türen aufzureißen? Wurde es den Männern da
noch gelingen, die Kameraden durch Funkspruch zu
verständigen?
Balandin warf unwillkürlich
einen Blick auf das Funkgerät, um sich zu überzeugen, daß es in
Ordnung war.
Ruhig leuchtete das grüne
Lämpchen des Indikators in der dunklen Kabine. Da flammte neben ihm
ein rotes Lämpchen auf – ein Anruf.
„Ich höre“, sagte Belopolski in alltäglichem
Tonfall.
„Ein Gewitter zieht auf“,
teilte Melnikow mit. „Und wie es scheint – ein schweres.“
„Von welcher
Seite?“
„Von Norden. Es ist noch
weit entfernt.“
„Beobachten Sie es. Sobald
es am Fluß anfängt zu regnen, benachrichtigen Sie uns.“
„Gut.“
Sekundenlanges Schweigen.
Dann fragte Melnikow: „Wo be- finden Sie sich?“
„Im Wald.“
„Wollen Sie nicht lieber
umkehren?“
„Wir schaffen es nicht bis
zum Schiff. Es wird interessant und wichtig sein zu prüfen
...“
Belopolski kam nicht dazu,
den Satz zu beenden. Das rote Lämpchen am Funkgerät erlosch, die
Verbindung war unter- brochen.
„Anscheinend zieht eine
außerordentlich mächtige Gewitter- wand auf“, sagte er. „Toporkows
Barometer zeigt ein Gewitter fünfzehn Minuten vorher an. So schnell
ist die Verbindung noch nie abgebrochen. Also muß die Luft schon
sehr stark ionisiert sein.“
Belopolskis Stimme verriet
nicht die geringste Erregung. Er redete wie gewöhnlich, als hielte
er ein Selbstgespräch.
Balandin gab keine Antwort.
Was sollte er auch antworten? Sie würden es tatsächlich nicht mehr
schaffen, an Bord zurück- zukehren. Es blieb ihnen nichts anderes
übrig, als sich auf die Festigkeit ihres Fahrzeugs und auf den
Schutz der Baumkuppel zu verlassen.
Das Kettenfahrzeug fuhr
langsam weiter.
Im Licht seiner
Scheinwerfer sah man immer die gleichen Bäume, den gleichen Wald.
Der Weg beschrieb wunderliche Zickzacklinien, verengte sich aber
nicht. Nach wie vor schob sich eine Mauer aus Sträuchern, die mit
weißem Gras verwoben waren, bis dicht ans Fahrzeug.
So vergingen zehn
Minuten.
Plötzlich hielt Belopolski
an. Einen Augenblick spähte er for- schend in den Wald, dann
streckte er den Arm aus und stellte die Scheinwerfer ab.
„Schauen Sie nur!“ sagte er
beinahe flüsternd.
Nach dem hellen Licht fand
Balandin, es herrsche besonders tiefe Finsternis. Er schloß
sekundenlang die Augen.