VIERZEHNTES KAPITEL - EIN ERNSTES GESPRÄCH

Am Donnerstag trafen die Kopenhagener wieder in Korlsbüttel ein. Sie kamen von der dänischen Insel Bornholm, und Fräulein Klotilde Seelenbinder war noch ziemlich grün im Gesicht. Sie war auf dem Dampfer seekrank geworden und behauptete, der Boden schaukle ihr noch jetzt unter den Füßen.

Der Justizrat holte aus der Hausapotheke Baldriantropfen.

Die mußte sie schlucken. Dann sagte sie: „Es ist ein Skandal, sich so unterkriegen zu lassen!“ und marschierte in die Küche.

Dort kontrollierte sie die Bestandsliste der Jungens und die Speisekammer. Es war alles in tadelloser Ordnung. Sie wollte es erst gar nicht glauben. Später ging sie, leise schwankend, in den Ort, um fürs Mittagessen einzukaufen.

Den anderen Reisenden war nicht übel geworden. Sie erzählten viel von Kopenhagen, Seeland und Bornholm, und Pony Hütchen las einiges aus ihrem Stichwort-Katalog vor. Im Grunde waren sie aber doch alle froh, wieder zu Hause zu sein. Emils Großmutter meinte: „Hotelbetten ble iben Hotelbetten. Ich werde mich mal probehalber bis zum Essen in meine Klappe legen.“ Sie stieg mit Pony nach oben. Der Justizrat fragte, ob in der Zwischenzeit irgend etwas Ernstes oder Bedenkliches vorgefallen sei.

Die Jungen dachten an die Insel mit der Palme, aber auch an den Kapitän und dessen Rat und schüttelten verlegen die Köpfe.

„Das habe ich nicht anders erwartet“, meinte der Justizrat.

Und er erzählte ihnen von der Angst, die seine Frau am Dienstag abend befallen habe. Er lachte überlegen. „Daß Frauen immer gleich so ängstlich sind. Deine Mutter hatte richtiges Alpdrücken, mein Junge, und glaubte euch in einer großen Gefahr.

Da sieht man wieder einmal ganz deutlich, wie falsch es ist, auf die innere Stimme zu hören, an der empfindsame Frauen leiden.

Es handelt sich um depressive Phantasie, um weiter nichts!“ Die Detektive blickten einander an und schwiegen wohlweislich. Dienstag benutzte die Gelegenheit, aus der Villa Seeseite auszuziehen. Er holte seinen Schlafanzug und die Zahnbürste von nebenan, bedankte sich für die ihm erwiesene Gastfreundschaft und kehrte in die Pension zurück, in der seine Eltern wohnten.

Dann berichtete der Professor seinem Vater in großen Zügen von der mißglückten Razzia auf Mister Byron und von ihren Plänen und Versuchen, Jackie auf die Beine zu helfen. „Außerdem“, erzählte er, „hat Jackie heute nacht bei uns im Feldbett geschlafen. Jetzt ist er bei Hans Schmauch zu Besuch. Wenn es euch recht ist, bleibt er vorläufig hier wohnen.“ Herr Haberland war einverstanden. „Ihr habt eure Selbständigkeit gut angewendet“, meinte er. „Da können wir Großen ja gleich wieder abreisen!“

Sie dachten an die Robinsonade auf der kleinen Insel und fühlten sich nicht allzu wohl in ihrer Haut.

Gustav war natürlich vorlaut und sagte: „Manchmal ist es trotzdem ganz praktisch, daß es Erwachsene gibt.“ Die Jungen erschraken. Emil trat Gustav energisch auf den Fuß.

Gustav schnitt eine Grimasse.

„Was hast du denn?“ fragte Justizrat Haberland.

„Magenschmerzen“, erklärte Gustav notgedrungen.

Der Justizrat stand sofort auf und holte die Baldriantropfen herbei. Und obwohl Gustav kerngesund war, mußte er Baldrian schlucken.

Die Freunde grinsten vor Schadenfreude wie die Vollmonde.

„Wenn dir nicht besser wird“, meinte der Justizrat, „kriegst du in zehn Minuten noch einen Löffel voll.“

„Bloß nicht!“ rief Gustav außer sich. „Ich bin schon wieder völlig mobil!“

Der Justizrat freute sich. „Ja, ja“, sagte er zufrieden. „Auf Baldriantropfen lasse ich nichts kommen.“ Nach dem Mittagessen erschien der Kapitän. Sie saßen noch zu Tisch. Er begrüßte die Dänemarkfahrer. Dann holte er die ,Bäder-Zeitung‘, die soeben erschienen war, hervor und sagte:

„Jungs, ihr geht ja aufs Ganze! Mobilisiert die halbe Ostseeküste für diesen Jackie! Übrigens, wo ist denn der Knabe?“

„Bei dem Pikkolo“, antwortete Emil. „Bei Ihrem Neffen.“ Der Kapitän gab die Zeitung den Erwachsenen. Die Jungen stellten sich dahinter. Und dann lasen sie alle miteinander den Aufruf des Professors. Nur der Verfasser selber, der blieb sitzen.

Obwohl er für sein Leben gern gesehen hätte, wie sich sein Werk gedruckt ausnahm.

Anschließend zeigte der Kapitän das große Inserat der Leuchtturm-Lichtspiele, in dem mitgeteilt wurde, daß Emil und die Detektive eine Woche lang allen Vorstellungen beiwohnen würden und daß die Einnahmen des ersten Tages für Jackie Byron bestimmt seien.

Pony war begeistert. „Welches Kleid soll ich denn zum Verbeugen anziehen?“ fragte sie aufgeregt. „Ob ich mir mein neues aus Berlin schicken lasse?“

„Wie einem so etwas Spaß machen kann!“ rief Gustav fassungslos.

„Schrecklich“, meinte der Professor. „So oft ich dran denke, komme ich mir wie’n Hanswurst vor.“

„Es gibt keinen andern Ausweg“, sagte Emil. „Der Zweck heiligt die Mittel.“

Pony stand auf.

„Wo willst du denn hin?“ fragte die Großmutter.

„Nach Hause schreiben. Wegen des neuen Kleids.“

„Setz dich sofort wieder hin!“ befahl die Großmutter.

„Schnappe nicht über!“ Sie schüttelte mißbilligend den Kopf.

„Frauen sind doch manchmal zu albern!“

„Das stimmt“, sagte Gustav. „Sie denkt schon, sie ist die Garbo.“

Pony murmelte: „Trottel!“

Er tat, als habe er’s nicht gehört, und erklärte: „Wenn ich’n Mädchen wäre, ginge ich vor Kummer ins Kloster.“

„Und wenn ich ein Junge wäre“, antwortete Pony, „dann haute ich dir jetzt ein paar ‘runter.“

Der Kapitän machte sich auf den Weg, um mit Jackie zu reden. Jackie war nicht im Hotel, sondern auf dem Tennisplatz.

Der Kapitän pilgerte also vom Hotel zum Tennisplatz. Dort traf er den kleinen Artisten. Er las für die Spieler Bälle auf. Als er den Kapitän sah, rief er vergnügt: „Ahoi, Käpten!“

„Ahoi!“ erwiderte der alte Herr Schmauch. „Kann ich dich mal einen Moment sprechen?“

Jackie warf einem der Tennispieler zwei Bälle zu, las drei, die am Gitter lagen, auf und meinte: „Im Moment leider ganz ausgeschlossen, Käpten. Ich arbeite hier, wie Sie sehen. Pro Stunde krieg’ ich fünfzig Pfennig. Man muß doch leben, nicht?

Ich kann das Herumfaulenzen außerdem nicht leiden.“

„Aha“, sagte der Kapitän. „Wann bist du denn mit Arbeiten fertig?“

„In einer knappen Stunde. Falls man mich dann nicht mehr braucht.“

„Dann komm doch in einer knappen Stunde zu mir. Falls man dich dann nicht mehr braucht.“

„Mach“ ich, Käpten!“ rief Jackie. „Ahoi!“ Dann warf er einem der Spieler wieder zwei Bälle zu.

„Ahoi, mein Junge“, erwiderte der Kapitän und trottete heimwärts.

Währenddem ging die Großmutter mit Emil und Pony im Walde spazieren. Es war ein herrlicher Wald. Zwischen den Bäumen wuchsen Farnkräuter, Ginsterbüsche, Walderdbeeren, Blaubeeren, Hundsveilchen und wilde Stiefmütterchen. Und Jelängerjelieber rankte sich bis in die höchsten Baumwipfel.

Pony war weit zurück und pflückte Blumen.

„Hast du deiner Mutter regelmäßig geschrieben?“ fragte die Großmutter.

„Aber selbstverständlich! Sie schreibt mir doch auch einen Tag um den andern.“

Sie setzten sich ins Gras. Auf einem Birkenzweig schaukelte sich eine Goldammer. Und auf dem Weg spazierten Bachstelzen geschäftig hin und her. „Ich habe deiner Mutter übrigens auch geschrieben“, sagte die Großmutter. „Aus Kopenhagen.“ Sie schaute einem Maikäfer zu, der auf einem Grashalm die Flügel ausbreitete und fortflog. „Wie gefällt dir eigentlich Oberwachtmeister Jeschke, mein Junge?“

Emil blickte erschrocken hoch. „Was weißt denn du davon?“

„Hast du etwas dagegen, daß mich meine Tochter fragt, ob sie wieder heiraten soll?“

„Es steht doch längst fest, daß sie sich heiraten.“

„Gar nichts steht fest“, erklärte die Großmutter. „Gar nichts steht fest.“

Da kam Pony Hütchen angefegt. Sie zeigte ihren Blumenstrauß und rief: „Ich glaube, ich möchte Gärtnerin werden.“

„Meinetwegen!“ sagte die Großmutter. „Meinetwegen werde du Gärtnerin! In der vorigen Woche wolltest du Krankenpflegerin werden. Vor vierzehn Tagen Drogistin. Mach nur so weiter, mein Fräulein! Mach nur so weiter. Nur daß du Feuerwehrmann wirst, erlaube ich nicht.“

„Es ist auch schwer, einen passenden Beruf zu finden“, meinte Pony. „Wenn ich reich wäre, würde ich Pilotin.“

„Wenn deine Großmutter Räder hätte, wäre sie ein Omnibus“, erklärte die alte Frau. „Und nun bringst du deinen Strauß in die Villa und stellst ihn in eine Vase! Hoppla, schöne Gärtnersfrau!“ Pony wollte im Wald bleiben.

„Geh los!“ rief die Großmutter. „Emil und ich haben ein ernstes Gepräch miteinander.“

„Ich schwärme für ernste Gespräche“, meinte Pony.

Die Großmutter blickte ihre Enkelin streng an.

Pony zuckte die Achseln. „Johanna geht“, zitierte sie. „Und niemals kehrt sie wieder.“ So zog sie ab.

Emil saß eine ganze Weile still. Sie hörten Pony von ferne singen. Er fragte: „Wieso steht es noch nicht fest?“

„Das weiß ich nicht genau. Also, wie gefällt dir der Gendarm?“

„Ich kann nicht klagen“, meinte Emil. „Wir duzen uns schon.

Heinrich heißt er mit Vornamen. Und die Hauptsache ist, daß Mutter ihn mag.“

„Stimmt“, gab die Großmutter zu. „Ich glaube aber, daß du ihr gerade das übelnimmst. Widersprich nicht! Wenn man so einen prächtigen, anhänglichen Sohn wie dich hat, braucht man keinen Mann. So denkst du.“

„Etwas Wahres ist dran“, sagte Emil. „Du drückst es nur sehr grob aus.“

„Das muß man, mein Junge. Das muß man! Wenn der eine nicht mit der Sprache heraus will, muß der andere übertreiben.“

„Mutter wird es nie erfahren“, sagte er. „Aber ich hatte mir’s anders gedacht. Ich dachte, wir blieben unser Leben lang zusammen. Nur wir zwei. Aber sie hat ihn gern. Das entscheidet.

Ich lasse mir bestimmt nichts anmerken.“

„Wirklich nicht?“ fragte die Großmutter. „Du solltest gelegentlich in den Spiegel gucken. Wer ein Opfer bringt, darf nicht wie ein Opferlamm aussehen. Ich bin zwar eine kurzsichtige alte Person. Aber bei deinem Gesicht braucht man nicht mal eine Brille. Eines Tages wird deine Mutter dahinterkommen.

Dann wird es zu spät sein.“

Sie kramte in ihrem Pompadour und holte einen Brief und ihre Lesebrille heraus. „Das ist ihr Brief an mich. Ich werde dir eine Stelle daraus vorlesen. Obwohl ich es nicht tun dürfte. Doch ich muß dir zeigen, wie wenig du deine Mutter kennst.“ Sie setzte umständlich die Brille auf und las: „Jeschke ist ein wirklich netter, solider und guter Mann. Ich wüßte keinen außer ihm, den ich, wenn ich schon heirate, heiraten möchte. Liebe Mutter, Dir ganz allein will ich verraten, daß ich viel lieber mit Emil allein zusammenbliebe. Er hat natürlich keine Ahnung davon und wird es auch nie erfahren. Was soll ich tun? Mir kann eines Tages etwas Menschliches zustoßen. Und was würde dann aus Emil? Oder meine Einnahmen könnten kleiner werden. Im Grunde tun sie’s schon. Am Markt hat ein Friseur einen neuen Laden eröffnet.

Und die Geschäftsfrauen müssen zu ihm gehen, weil seine Frau bei ihnen kauft. Ich muß an die Zukunft meines Jungen denken.

Es gibt nichts Wichtigeres für mich. Und ich werde Jeschke eine gute Frau sein. Das habe ich mir versprochen. Er verdient’s.

Aber wirklich lieb habe ich ja doch nur meinen einzigen, guten Jungen, meinen Emil.“

Die Großmutter ließ den Brief sinken. Sie blickte ernst vor sich hin und setzte langsam die Brille wieder ab.


„Wer ein Opfer bringt, darf nicht wie ein Opferlamm aussehen“, sagte die Großmutter.


Emil hatte die Arme um die Knie geschlungen. Er sah blaß aus. Er biß die Zähne zusammen. Aber plötzlich legte er den Kopf auf die Knie und weinte.

„Ja, ja, mein Junge“, meinte die alte Frau. „Ja, ja, mein Junge.“ Dann schwieg sie und ließ seinen Tränen Zeit. Nach einer Weile sagte sie: „Du hast nur sie lieb und sie nur dich. Und jeder hat den anderen aus Liebe getäuscht, und jeder hat sich trotz soviel Liebe im andern geirrt. Das kommt vor im Leben.

Jawohl, das kommt vor.“

Ein Eichelhäher flog knarrend über die Wipfel.

Emil trocknete sich die Augen und sah die alte Frau an. „Ich weiß nicht mehr weiter, Großmutter! Kann ich denn zulassen, daß sie, um mir zu helfen, heiratet? Wo wir doch beide am liebsten allein blieben? Was soll ich tun?“

„Eins von beiden, mein Junge. Entweder bittest du sie, wenn du heimkommst, daß sie nicht heiraten soll. Dann werdet ihr euch um den Hals fallen. Und die Sache ist fürs erste erledigt.“

„Oder?“

„Oder du sagst es ihr nicht! Sondern verschweigst es ihr bis übers Grab. Dann aber mußt du fröhlich schweigen! Nicht mit einer Leichenbittermiene! Wozu du dich entschließt, kannst nur du selber entscheiden. Ich will dir nur noch sagen: Du wirst älter, und auch deine Mutter wird älter. Das klingt einfacher, als es dann ist. Wirst du schon in ein paar Jahren Geld für euch beide verdienen können? Und wenn du es kannst, — wo wirst du’s verdienen? In Neustadt? Nein, mein Junge. Eines Tages muß man fort von zu Hause. Und wer’s nicht muß, der soll’s trotzdem tun!

Dann bleibt sie zurück. Ohne Sohn. Ohne Mann. Ganz allein. Und noch eins: Was wird, wenn du in zehn, zwölf Jahren heiratest?

Eine Mutter und eine junge Frau gehören nicht unters gleiche Dach. Ich weiß das. Ich hab’s erlebt. Einmal als Frau. Und einmal als Mutter.“ Die Großmutter hatte Augen, als sähe sie, statt in den Wald, mitten in die Vergangenheit hinein. „Wenn sie heiratet, bringt jeder von euch beiden dem andern ein Opfer. Doch sie wird nie erfahren, daß du durch mich von ihrem Opfer weißt.

Und sie wird nie erfahren, daß auch du ihr ein Opfer bringst! So wird die Last, die sie deinetwegen auf sich nimmt, leichter sein als jene, die du ihretwegen trägst. Verstehst du mich, mein Junge?“

Er nickte.

„Es ist nicht leicht“, fuhr sie fort, „ein Opfer dankbar anzunehmen, während man selber fröhlich und dem andern verborgen das größere Opfer bringt. Es ist eine Tat, die niemand sieht und keiner lobt. Aber eines Tages bringt sie dem andern Glück. Das ist ihr einziger Lohn.“ Die alte Frau erhob sich. „Tu, was du willst! Das eine oder das andre. Und überleg es dir genau! Ich lasse dich jetzt allein.“

Emil sprang auf. „Ich komme mit, Großmutter! Ich weiß, was ich tue. Ich werde schweigen! Bis übers Grab.“ Die Großmutter sah ihm in die Augen. „Meinen Respekt!“ sagte sie. „Meinen Respekt! Heute bist du ein Mann geworden!

Nun, wer früher als andre ein Mann wird, der bleibt’s länger als die andern. — So, und nun hilf mir gefälligst über den Straßengraben!“