Bitch
Ich habe bisher erst eine Episode aus Onkel Oswalds Tagebüchern zur Veröffentlichung freigegeben. Wie Sie vielleicht noch wissen, ging es dabei um eine intime Begegnung zwischen meinem Onkel und einer syrischen Aussätzigen in der Wüste Sinai. Seit der Veröffentlichung sind inzwischen sechs Jahre vergangen, und bis jetzt ist noch niemand gekommen, um mir Unannehmlichkeiten zu machen. Ich fühle mich deshalb ermutigt, eine zweite Episode aus diesen merkwürdigen Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Mein Anwalt hat mir davon abgeraten. Er weist darauf hin, dass einige der Beteiligten noch leben und leicht zu identifizieren sind. Er sagt, man werde mich unnachsichtig verklagen. Schön, sollen sie doch! Ich bin stolz auf meinen Onkel. Er wusste, wie man das Leben genießen soll. In meinem Vorwort zur ersten Episode sagte ich, dass sich Casanovas Memoiren neben den Tagebüchern meines Onkels Oswald wie ein Kirchenblättchen ausnehmen und dass der große Liebhaber im Vergleich zu meinem Onkel sexuell entschieden minderbemittelt erscheint. Dazu stehe ich nach wie vor, und ich gedenke es der Welt zu gegebener Zeit zu beweisen. Hier also eine kleine Episode aus Band XXIII, genau wie Onkel Oswald sie niedergeschrieben hat.Paris, Donnerstag
Frühstück um zehn. Ich probierte den neuen Honig. Er wurde gestern in einem Zuckertopf aus altem Sevres-Porzellan abgeliefert, der den kostbaren kanariengelben Grundton aufwies, den die Franzosen jonquille nennen. «Von Suzie», stand auf dem Billett, «und vielen Dank. » Es ist nett, wenn man Anerkennung findet. Und der Honig schmeckte interessant. Suzie Jolibois besaß unter anderem ein kleines Gut südlich von Casablanca und war vernarrt in Bienen. Ihre Bienenkörbe standen mitten in einer Pflanzung von Cannabis indica, und die Bienen holten sich ihren Nektar ausschließlich von dieser Quelle. Sie lebten, diese Bienen, in einem Zustand permanenter Euphorie und hatten keine Lust zur Arbeit. Der Honig war deshalb sehr rar. Ich bestrich das dritte Stück Toast damit. Das Zeug war fast schwarz. Es hatte ein strenges Aroma. Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ans Ohr und wartete. Ich rede nie zuerst, wenn ich angerufen werde. Schließlich bin nicht ich es, der anruft. Man ruft mich an.
«Oswald! Sind Sie's? »
Ich kannte die Stimme. «Ja, Henri», sagte ich. «Guten Morgen. »
«Hören Sie! », sprach er. Er sprach schnell und aufgeregt. «Ich glaube, ich hab's! Ich bin fast sicher, dass ich's habe! Entschuldigen Sie, wenn ich so außer Atem bin, aber ich hatte gerade ein ziemlich phantastisches Erlebnis. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Alles sehr gut. Wollen Sie rüberkommen? »
«Ja», sagte ich. «Ich komme gleich rüber. » Ich legte den Hörer wieder auf und goss mir noch eine Tasse Kaffee ein. Hatte Henri es endlich geschafft? Wenn ja, dann wollte ich dabei sein, um an dem Spaß teilzuhaben.
Ich muss hier unterbrechen, um Ihnen zu erzählen, wie ich Henri Biotte kennen lernte. Vor ungefähr drei Jahren fuhr ich in die Provence hinunter, um ein Sommerwochenende mit einer Dame zu verbringen, die mich einfach deshalb interessierte, weil sie einen außergewöhnlich kräftigen Muskel hatte und zwar an einer Stelle, wo andere Frauen überhaupt keine Muskeln haben. Eine Stunde nach der Ankunft schlenderte ich allein über den Rasen am Fluss, als sich mir ein kleiner dunkelhaariger Herr näherte. Er hatte schwarze Haare auf den Handrücken, und er machte eine kleine Verbeugung vor mir und sagte: «Henri Biotte, auch ein Gast des Hauses. »
«Oswald Cornelius», sagte ich.
Henri Biotte war so haarig wie ein Ziegenbock. Kinn und Wangen waren mit starkem schwarzem Haar bedeckt, und dicke Haarbüschel wuchsen ihm aus der Nase. «Darf ich mich Ihnen anschließen? », fragte er und redete sofort los. Und wie er reden konnte! Wie gallisch, wie erregt. Er hüpfte beim Gehen so komisch, und seine Finger flogen, als wollte er sie in alle vier Himmelsrichtungen schleudern, und seine Worte knatterten mit beängstigender Schnelligkeit wie Knallfrösche. Er sei belgischer Chemiker, sagte er, und arbeite in Paris. Er sei Olfaktologe. Er habe sein Leben dem Studium der Olfaktologie geweiht.
«Sie meinen Geruch? », sagte ich.
«Ja, ja! », rief er. «Genau! Ich bin Experte für Gerüche. Ich weiß mehr über Gerüche als irgend jemand auf der Welt! »
«Gute oder schlechte? », fragte ich und versuchte, ihn etwas zu dämpfen.
«Gute Gerüche, köstliche Gerüche, herrliche Gerüche! », sagte er. «Ich mache sie! Ich kann jeden Geruch machen, den Sie sich wünschen. »
Er fuhr fort und erzählte mir, er sei der Chefparfumeur eines der großen Modehäuser der Stadt. Und seine Nase, sagte er, einen behaarten Finger an die Spitze seines behaarten Rüssels legend, sehe wahrscheinlich genau aus wie alle anderen Nasen, nicht wahr? Ich hätte ihm gern gesagt, dass aus seinen Nasenlöchern mehr Haare wuchsen als Weizen auf der Prärie und weshalb er sie nicht von seinem Friseur abschneiden lasse, aber statt dessen gestand ich höflich, ich könne nichts Ungewöhnliches daran entdecken.
«Genau», sagte er. «Aber in Wirklichkeit ist sie ein Riechorgan von phänomenaler Empfindlichkeit. Zweimal schnuppern, und sie kann in fünf Litern Geranienöl schon einen einzigen Tropfen makrozyklischen Moschus aufspüren. »
«Außerordentlich», sagte ich.
«Auf den Champs-Elysees», fuhr er fort, «immerhin eine breite Hauptverkehrsstraße, kann meine Nase genau feststellen, welches Parfüm eine Frau benutzt, die auf der anderen Straßenseite geht. »
«Mit dem Verkehr dazwischen? »
«Mit dichtem Verkehr dazwischen», sagte er.
Er nannte mir sodann zwei der berühmtesten Parfüms der Welt, die beide von dem Modehaus hergestellt wurden, für das er arbeitete. «Es handelt sich um Kreationen von mir», sagte er bescheiden. «Ich habe sie selbst gemischt. Sie haben der berühmten alten Hexe, der das Geschäft gehört, ein Vermögen eingebracht. »
«Aber Ihnen nicht? »
«Mir! Ich bin nur ein kleiner elender Angestellter, ein Gehaltsempfänger», sagte er, spreizte die Hände und zog die Schultern so hoch, dass sie die Ohrläppchen berührten. «Eines Tages werde ich jedoch ausbrechen und meinen Traum wahr machen. »
«Sie haben einen Traum? »
«Ich habe einen herrlichen, fabelhaften, aufregenden Traum, mein lieber Herr!»
«Warum machen Sie ihn dann nicht wahr? »
«Weil ich zuerst einen Mann finden muss, der genügend Weitblick und Geld besitzt, um mich zu unterstützen. »
Aha, dachte ich, daher weht also der Wind. «Bei Ihrem Ruf dürfte das nicht allzu schwierig sein», sagte ich.
«Ein reicher Mann, wie ich ihn suche, ist schwer zu finden», antwortete er. «Er muss das Naturell eines Glücksspielers und einen sehr ausgeprägten Sinn für das Bizarre haben. »
Das bin ich, du gerissener kleiner Kerl, dachte ich. «Wie sieht dieser Traum aus, den Sie verwirklichen wollen? », fragte ich. «Wollen Sie Parfüms produzieren? »
«Mein lieber Herr! », rief er. «Parfüms kann jeder machen! Ich spreche von dem Parfüm. Dem einzigen, das zählt! »
«Was für eins wäre das? »
«Also, natürlich das gefährliche! Und wenn ich es gemacht habe, werde ich die Welt beherrschen! »
«Gut für Sie», sagte ich.
«Ich scherze nicht, Monsieur Cornelius. Darf ich Ihnen erklären, was ich vorhabe? »
«Schießen Sie los. »
«Entschuldigen Sie, wenn ich mich setze», sagte er, auf eine Bank zustrebend. «Ich hatte letzten April einen Herzanfall und muss vorsichtig sein. »
«Tut mir leid, das zuhören. »
«Oh, es braucht Ihnen nicht leid zu tun. Solange ich nichts übertreibe, wird alles gut gehen. »
Es war ein köstlicher Nachmittag, und die Bank stand auf dem Rasen nahe am Flussufer, und wir nahmen darauf Platz. Neben uns strömte der Fluss gemächlich und glatt und tief dahin, und über dem Wasser schwebten kleine Wolken von Wasserfliegen. Das gegenüberliegende Flussufer war mit Weiden gesäumt, und hinter den Weiden lag eine smaragdgrüne Wiese, gelb von Butterblumen, auf der eine einzelne Kuh weidete. Die Kuh war braun und weiß.
«Ich will Ihnen erzählen, was für ein Parfüm ich machen möchte», sagte er. «Vorher muss ich Ihnen aber ein paar andere Dinge erklären, weil Sie sonst nicht alles verstehen. Haben Sie also ein bisschen Geduld. » Seine eine Hand lag schlaff auf seinem Knie. Mit dem behaarten Rücken sah sie aus wie eine schwarze Ratte. Er streichelte sie zärtlich mit den Fingern der anderen Hand.
«Zuerst», sagte er, «wollen wir das Phänomen betrachten, zu dem es kommt, wenn ein Hund eine läufige Hündin trifft. Der Sexualtrieb des Hundes ist gewaltig. All seine Selbstbeherrschung schwindet dahin. Er hat nur noch einen Gedanken im Kopf, nämlich auf der Stelle zu kopulieren, und wenn man ihn nicht mit Gewalt daran hindert, wird er es auch tun. Wissen Sie aber, wodurch dieser gewaltige Sexualtrieb beim Hund ausgelöst wird? »
«Durch den Geruch», sagte ich.
«Genau, Monsieur Cornelius. Geruchsmoleküle von einer bestimmten Anordnung dringen in die Nüstern des Hundes und reizen seine Riechhärchen. Auf diese Weise werden starke Signale zu den Riechnerven gesandt und von dort an die höheren Hirnzentren weitergeleitet. Es ist alles eine Sache des Geruchs. Wenn man den Riechnerv eines Hundes durchtrennt, wird er jedes Interesse an Sex verlieren. Das gilt auch für viele andere Säugetiere, nicht aber für den Menschen. Der Geruch hat nichts mit dem sexuellen Verlangen des Mannes zu tun. Er wird in dieser Hinsicht vom Anblick, vom Tastsinn und von seiner lebhaften Phantasie gereizt. Nie vom Geruch. »
«Und was ist mit Parfüms? », fragte ich.
«Alles Quatsch! », antwortete er. «All diese teuren Düfte in Kristallfläschchen, die ich mache, sie haben überhaupt keine aphrodisiakische Wirkung auf Männer. Parfüm hat nie diesem Zweck gedient. In früheren Zeiten benutzten die Frauen es, um zu verbergen, dass sie stanken. Heute, wo sie nicht mehr stinken, benutzen sie es ausschließlich aus narzisstischen Gründen. Es macht ihnen Spaß, es aufzutragen und den eigenen Wohlgeruch zu riechen. Männer bemerken das Zeug kaum. Das garantiere ich. »
«Ich schon», sagte ich.
«Regt es Sie körperlich an? »
«Nein, nicht körperlich. Wohl eher ästhetisch, ja. »
«Sie genießen den Duft. Ich auch. Aber es gibt viele andere Gerüche, die ich mehr genieße - das Bukett eines guten Lafitte, den Duft einer frischen Landbirne oder den Geruch der Seeluft an der bretonischen Küste. »
Eine Forelle schnellte aus der Mitte des Flusses, und ihr Körper glitzerte im Sonnenlicht. «Sie müssen», sagte Monsieur Biotte, «all den Unsinn von Moschus und Ambra und den Hodensekreten der Zibetkatze vergessen. Wir machen die Parfüms heutzutage aus Chemikalien. Wenn ich Moschusgeruch haben will, nehme ich Sebacinsäure. Phenylacetaldehyd verschafft mir Zibet, und Benzaldehyd liefert den Geruch von bitteren Mandeln. Nein, mein Herr, ich interessiere mich nicht länger dafür, Chemikalien zusammenzumixen, um hübsche Gerüche zu produzieren. »
Seit einigen Minuten lief seine Nase ein bisschen, so dass die schwarzen Haare in den Nasenlöchern feucht wurden. Er bemerkte es, zog sein Taschentuch heraus, schnäuzte sich und tupfte seine Nase ab. «Was ich vorhabe», sagte er, «ist, ein Parfüm herzustellen, das auf einen Mann dieselbe elektrisierende Wirkung hat wie der Duft einer läufigen Hündin auf einen Hund! Ein Schnuppern genügt! Der Mann wird all seine Beherrschung verlieren. Er wird sich die Hose vom Leib reißen und die Dame auf der Stelle schänden! »
«Damit könnten wir einigen Spaß haben», sagte ich.
«Wir könnten die Welt beherrschen! », rief er.
«Ja, aber Sie haben mir eben erzählt, dass der Geruch nichts mit dem sexuellen Verlangen des Mannes zu tun hat. »
«Nicht mehr», sagte er. «Aber früher war es so. Ich habe Beweise dafür, dass der Urmensch der späten Eiszeit, der viel näher dem Affen verwandt war als wir, immer noch die typische Geruchsreaktion der Affen hatte. Er besprang also jede Frau mit dem richtigen Geruch, die ihm über den Weg lief. Und später, im Paläolithikum und in der Jungsteinzeit, wurde er vom Geruch immer noch sexuell angeregt, wenn auch zunehmend weniger. Als um 2000 vor Christus die Hochkulturen in China und Ägypten entstanden waren, hatte die Evolution ganze Arbeit geleistet und die Fähigkeit des Menschen, sich vom Geruch sexuell stimulieren zu lassen, völlig unterdrückt. Langweile ich Sie? »
«Mitnichten. Aber sagen Sie, bedeutet das, dass im Geruchsorgan des Menschen eine echte körperliche Veränderung stattgefunden hat? »
«Keineswegs», sagte er, «wenn das so wäre, könnten wir nichts mehr daran ändern. Jenes feine System, mit dem unsere Vorfahren diese subtilen Düfte wahrnehmen konnten, gibt es noch heute. Das weiß ich. Sehen Sie, haben Sie schon mal erlebt, dass manche Leute ihre Ohren ein wenig bewegen können? »
«Das kann ich auch», sagte ich. Und ich tat es.
«Sie sehen also», sagte er, «dass der Muskel, der die Ohren bewegt, immer noch da ist. Er ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als der Mensch noch seine Ohren nach vorn spitzen konnte, um besser zu hören - wie ein Hund. Er verlor diese Fähigkeit vor über hunderttausend Jahren, aber der Muskel ist geblieben. Und dasselbe gilt für unser Geruchsorgan. Das Nervensystem, das jene geheimen Düfte wahrnimmt, gibt es immer noch, aber wir haben die Fähigkeit verloren, es zu gebrauchen. »
«Wie können Sie so sicher sein, dass es noch existiert? », sagte ich.
«Wissen Sie, wie unser Geruchssinn funktioniert? », fragte er.
«Nicht genau. »
«Dann werde ich es Ihnen sagen, denn andernfalls kann ich Ihre Frage nicht beantworten. Passen Sie bitte genau auf. Durch die Nasenlöcher wird Luft eingesogen, und sie passiert die drei Nasenmuscheln im oberen Teil der Nase. Hier wird sie erwärmt und gereinigt. Die warme Luft streicht nun weiter oben über die beiden Hälften des Riechfeldes hinweg, das durch die Nasenscheidewand getrennt ist. Dieses eigentliche Riechorgan besteht aus zwei gelblichen Gewebetupfen, die jeweils rund 120 Quadratmillimeter groß sind. In dieses Gewebe sind die Nervenfasern und Nervenenden des Riechnervs eingebettet. Jedes Nervenende besteht aus einer Riechzelle, die ein Büschel winziger Riechhärchen trägt. Diese Härchen arbeiten als Rezeptoren oder, besser gesagt, als Empfänger. Werden die Empfänger von Duftmolekülen gekitzelt oder gereizt, senden sie Signale zum Gehirn. Wenn Sie zum Beispiel morgens die Treppe hinuntergehen und in Ihren Nasenlöchern die Duftmoleküle von gebratenem Schinkenspeck schnuppern, reizen diese Moleküle ihre Empfänger, und die Empfänger schicken sofort ein Signal über den Riechnerv ins Gehirn. Das Gehirn deutet dieses Signal dann je nach Art und Intensität. Und in diesem Augenblick rufen Sie aus: <Aha, Schinkenspeck zum Frühstück! >»
«Ich esse nie Schinkenspeck zum Frühstück», sagte ich.
Das ignorierte er.
«Diese Empfänger», fuhr er fort, «diese winzigen Riechhärchen sind für uns das Entscheidende. Und jetzt werden Sie mich gleich fragen, wie um alles in der Welt diese Härchen ein Duftmolekül vom anderen unterscheiden können - sagen wir einmal Pfefferminz von Kampfer. »
«Ja, wie können sie das? », fragte ich. Es interessierte mich.
«Passen Sie jetzt aber bitte genau auf», sagte er. «Am Ende jedes Empfängers befindet sich eine Einbuchtung, eine Art Becher, nur dass er nicht rund ist. Das ist der eigentliche Empfänger. Stellen Sie sich nun Tausende von diesen winzigen Riechhärchen mit winzigen Bechern vor, die sich wie die Haare von Seeanemonen in allen Richtungen bewegen und darauf warten, dass ihre Becher alle vorbeikommenden Duftmoleküle einfangen. Das ist es nämlich, was tatsächlich passiert. Wenn Sie einen bestimmten Geruch wahrnehmen, strömen die Duftmoleküle der Substanz, die den betreffenden Geruch verursacht, in Ihre Nasenlöcher und werden von den kleinen Bechern, den Empfängern, eingefangen. Jetzt ist aber folgendes wichtig. Die Moleküle haben alle möglichen Formen und Größen. Auch die kleinen Becher oder Empfänger sind verschieden geformt. Die Moleküle setzen sich deshalb nur in den Empfängern fest, die zu ihnen passen. Pfefferminzmoleküle gelangen nur in besondere Pfefferminzempfänger. Kampfermoleküle, die ganz anders geformt sind, passen nur in die speziellen Kampferempfänger und so weiter. Es ist genau wie bei den Spielzeugen für Kleinkinder, bei denen man verschieden geformte Teile in die richtigen Öffnungen stecken muss. »
«Ich will einmal sehen, ob ich Sie recht verstehe», sagte ich. «Sie wollen also sagen, mein Gehirn weiß nur deshalb, dass es Pfefferminzgeruch ist, weil sich das Molekül in einem Pfefferminzempfänger festgesetzt hat? »
«Genau. »
«Aber Sie wollen doch nicht behaupten, dass es für jeden Geruch der Welt bestimmte Empfänger gibt? »
«Nein», sagte er. «In Wirklichkeit hat der Mensch nur sieben verschieden geformte Empfänger. »
«Warum nur sieben? »
«Weil unser Geruchssinn nur sieben <reine Primärgerüche> wahrnehmen kann. Bei allen anderen handelt es sich um <zusammengesetzte Gerüche>, die aus Mischungen der Primärgerüche bestehen. »
«Sind Sie da ganz sicher? »
«Bestimmt. Unser Geschmackssinn unterscheidet noch weniger. Er kennt nur vier primäre Geschmacksempfindungen - süß, sauer, salzig und bitter. Alle anderen Geschmacksempfindungen sind Mischungen davon. »
«Und was sind die sieben reinen Primärgerüche? », fragte ich ihn.
«Ihre Namen sind für uns nicht wichtig», sagte er. «Warum die Sache noch komplizierter machen? »
«Ich möchte es gern wissen. »
«Na schön», sagte er. «Sie heißen kampfrig, scharf, moschusartig, ätherisch, blumig, pfefferminzartig und faulig. Schauen Sie nicht so skeptisch. Es ist nicht meine Entdeckung. Sehr gelehrte Wissenschaftler haben jahrelang daran gearbeitet. Und ihre Schlussfolgerungen sind ziemlich korrekt, mit einer Ausnahme. »
«Und welche wäre das? »
«Es gibt einen achten reinen Primärgeruch, von dem sie nichts wissen, und einen achten Empfänger für die eigenartig geformten Moleküle dieses Geruchs! »
«Ah-ha-ha! », sagte ich. «Ich sehe, worauf Sie hinauswollen. »
«Ja», sagte er, «der achte reine Primärgeruch ist das sexuelle Stimulans, das den Mann der Urzeit vor vielen Jahrtausenden dazu veranlasste, sich genauso wie ein Hund aufzuführen. Er hat eine ganz besondere Molekularstruktur. »
«Sie kennen ihn also? »
«Natürlich kenne ich ihn. »
«Und Sie sagen, wir haben die Empfänger für diese besonderen Moleküle immer noch? »
«Genau. »
«Dieser mysteriöse Geruch», sagte ich, «gelangt er auch heute noch in unsere Nüstern? »
«Des öfteren. »
«Riechen wir ihn? Ich meine, sind wir uns seiner bewusst? »
«Nein. »
«Sie meinen, die Moleküle werden nicht von den Empfängern eingefangen? »
«Sie werden, mein Lieber, sie werden. Aber es passiert nichts. Kein Signal wird zum Gehirn gesendet. Die Telefonleitung ist unterbrochen. Es ist wie bei dem Ohrmuskel. Der Mechanismus ist noch da, aber wir haben die Fähigkeit verloren, ihn richtig zu gebrauchen. »
«Und was wollen Sie da machen? », fragte ich.
«Ich werde ihn reaktivieren», sagte er. «Wir haben es hier mit Nerven zu tun, nicht mit Muskeln. Und diese Nerven sind nicht etwa tot oder verletzt, sie ruhen nur. Wahrscheinlich werde ich den Geruch tausendfach verstärken und einen Katalysator hinzufügen. »
«Weiter», sagte ich.
«Das ist alles. »
«Ich würde gern noch mehr Details darüber hören», sagte ich.
«Verzeihen Sie, wenn ich das sage, Monsieur Cornelius, aber ich glaube nicht, dass Sie genug über die Eigenschaften der Organe wissen, um mir noch weiter folgen zu können. Die Vorlesung ist beendet. »
Henri Biotte saß selbstgefällig und gelassen auf der Bank am Fluss und streichelte mit den Fingern der einen Hand den Rücken der anderen. Die aus seinen Ohren sprießenden Haarbüschel verliehen ihm das Aussehen eines Gnoms, aber das war Tarnung. Für mich war er vielmehr eine gefährliche und exzentrische kleine Kreatur, jemand, der mit scharf blickenden Augen und einem Stachel am Schwanz hinter einem Felsen lauert und darauf wartet, dass der einsame Reisende vorbeikommt. Verstohlen inspizierte ich sein Gesicht. Der Mund interessierte mich. Die Lippen hatten eine bläuliche Tönung, was möglicherweise mit seiner Herzgeschichte zusammenhing. Die Unterlippe war wulstig und hing nach unten. Sie wölbte sich noch in der Mitte vor wie ein kleines Tellerchen, und man hätte leicht eine kleine Münze darauf legen können. Die Lippe wirkte so prall, als sei sie mit Luft aufgeblasen, und die Haut war ständig feucht, nicht vom Lecken, sondern vom übermäßigen Speichel im Mund.
Und da saß er, dieser Monsieur Henri Biotte, und wartete mit einem bösen leisen Lächeln geduldig darauf, dass ich reagierte. Er war ein vollkommen amoralischer Mensch, das war mir klar, aber das war ich auch. Er war auch ein böser Mensch, und obwohl ich Bosheit bei aller Offenheit nicht zu meinen Tugenden zählen kann, finde ich sie bei anderen unwiderstehlich. Ein böser Mensch hat seinen eigenen Reiz. Und außerdem strahlt etwas Diabolisches von einer Person aus, die die Sexualgewohnheiten des zivilisierten Menschen um eine halbe Million Jahre zurückversetzen will.
Ja, er hatte mich an der Angel. Also machte ich Henri sofort, an Ort und Stelle, dort am Fluss im Garten der Dame aus der Provence, ein Angebot. Ich schlug ihm vor, seine jetzige Stellung sogleich aufzugeben und sich ein kleines Laboratorium einzurichten. Ich würde für sämtliche Kosten dieses kleinen Abenteuers aufkommen und ihm überdies ein gutes Gehalt zahlen. Es sollte ein Fünfjahresvertrag sein, und wir würden uns alles, was dabei etwa herauskam, zur Hälfte teilen.
Henri war hingerissen. «Wollen Sie das wirklich? », rief er. «Meinen Sie es ernst? »
Ich streckte meine Hand aus. Er packte sie mit beiden Händen und schüttelte sie heftig. Es war, als hätte man den Huf eines Ziegenbocks in der Hand. «Wir werden die Menschheit beherrschen! », sagte er. «Wir werden die neuen Götter dieser Welt sein! » Er schlang die Arme um mich, zog mich an sich und küsste mich erst auf die eine, dann auf die andere Wange. Oh, diese schreckliche gallische Küsserei! Henris Unterlippe fühlte sich auf meiner Haut wie der feuchte Unterleib einer Kröte an. «Wir wollen nicht zu früh feiern», sagte ich und tupfte mich mit meinem Batisttuch.
Henri Biotte verabschiedete sich bei der Gastgeberin unter Entschuldigungen und Ausreden und eilte noch in derselben Nacht nach Paris zurück. Binnen einer Woche hatte er seine alte Stellung aufgegeben und drei Räume gemietet, die ihm als Laboratorium dienen sollten. Sie befanden sich im dritten Stock eines Hauses auf der Rive gauche, in der rue de Cassette, ganz in der Nähe des Boulevard Raspaille. Er gab eine Menge von meinem Geld aus, um die Wohnung mit komplizierten Apparaten und Geräten auszurüsten, und er stellte auch einen großen Käfig auf, in den er zwei Affen steckte, ein Männchen und ein Weibchen. Er stellte ferner eine Assistentin ein, eine gescheite und einigermaßen präsentable junge Dame, die Jeanette hieß. Und so begann er mit der Arbeit.
Sie müssen verstehen, dass dieses kleine Abenteuer für mich keine große Bedeutung hatte. Ich hatte so viele andere Möglichkeiten, mich zu amüsieren. Ich schaute vielleicht ein paar Mal im Monat bei Henri herein, um zu sehen, wie die Dinge sich entwickelten, überließ ihn aber sonst völlig sich selbst. Im einzelnen beschäftigte mich seine Arbeit nicht weiter, und ich hatte nicht die Geduld für seine Forschungen. Und als die Ergebnisse auf sich warten ließen, verlor ich schließlich alles Interesse. Selbst das sexbesessene Affenpaar amüsierte mich nicht mehr.
Nur einmal machte mir ein Besuch in seinem Labor ausgesprochen Vergnügen. Wie Sie inzwischen wissen sollten, kann ich selbst einer nur einigermaßen präsentablen Frau selten widerstehen. An einem regnerischen Donnerstagnachmittag nun, als Henri gerade im Nebenzimmer Elektroden an den olfaktorischen Organen eines Frosches applizierte, ertappte ich mich dabei, wie ich im anderen Zimmer ein ungleich erfreulicheres Ding bei Jeanette applizierte. Ich hatte mir natürlich von diesem kleinen Scherz nichts Außergewöhnliches versprochen. Ich tat es mehr aus Gewohnheit. Aber du meine Güte, was für eine Überraschung musste ich erleben! Unter ihrem weißen Kittel erwies sich diese so gestrenge Forscherin als sehnige und geschmeidige Gespielin von enormer Gewandtheit. Die Experimente, die sie machte, zuerst mit dem Oszillator, dann mit der Schnellzentrifuge, waren absolut atemberaubend. Es wäre hier zu sagen, dass ich seit meinem Erlebnis mit der türkischen Seiltänzerin (siehe Bd. XXIII) nichts Ähnliches erlebt hatte. Was alles zum tausendstenmal beweist, dass Frauen so unergründlich sind wie das Meer. Man weiß nie, was man unter dem Kiel hat, tiefes oder seichtes Wasser, bis man das Senkblei wirft.
Ich dachte nicht daran, das Labor danach noch einmal aufzusuchen. Sie kennen inzwischen meine Gepflogenheiten. Ich kehre nie ein zweites Mal zu einer Frau zurück. Bei mir ziehen die Frauen unweigerlich schon bei der ersten Begegnung alle Register, und ein zweites Treffen kann deshalb nicht mehr sein als die gleiche alte Melodie auf derselben alten Geige. Wer hätte danach schon Verlangen. Ich jedenfalls nicht. Als ich an jenem Morgen also plötzlich beim Frühstück Henris drängende Stimme am Telefon hörte, hatte ich seine Existenz schon beinahe vergessen.
Ich fuhr durch den teuflischen Pariser Verkehr zur rue de Cassette. Ich parkte meinen Wagen und fuhr im engen Lift zum dritten Stock hinauf. Henri öffnete die Tür des Labors. «Nicht bewegen! », rief er. «Bleiben Sie da, wo Sie sind! » Er eilte fort und kehrte nach ein paar Sekunden mit einem kleinen Tablett zurück, auf dem zwei fettig aussehende Gegenstände aus rotem Gummi lagen. «Nasenstöpsel», sagte er. «Stecken Sie sie bitte in die Nase. Wie ich. Um die Moleküle fernzuhalten. Nur fest hinein damit! Sie müssen durch den Mund atmen, aber das ist ja nicht so schlimm. »
Am stumpfen Ende der Nasenstöpsel waren kurze blaue Fäden befestigt, wahrscheinlich, um die Stöpsel wieder aus den Nasenlöchern herauszuziehen. Ich sah, wie diese blauen Fäden aus Henris Nasenlöchern heraushingen. Ich führte also meine Stöpsel ein. Henri inspizierte sie. Mit dem Daumen rammte er sie noch etwas tiefer hinein. Dann tänzelte er zum Labor zurück, winkte mit seinen behaarten Händen und rief: «Kommen Sie jetzt herein, mein lieber Oswald! Nur herein! Herein! Entschuldigen Sie bitte meine Erregung, aber dies ist ein großer Tag für mich. » Wegen der Stöpsel in seiner Nase sprach er, als hätte er eine schwere Erkältung. Er hüpfte zu einem Schrank hinüber, griff hinein und holte eines jener kleinen viereckigen Fläschchen aus sehr dickem Glas heraus, die ungefähr eine Unze Parfüm fassen. Er trug es zu mir herüber, wobei seine Hände es so zärtlich umschlossen, als trügen sie ein kleines Vögelchen. «Sehen Sie! Hier ist es! Die kostbarste Flüssigkeit der Welt! »
Solche idiotischen Übertreibungen kann ich nicht ausstehen. «Sie meinen also, Sie haben es geschafft? », fragte ich.
«Ich weiß, dass ich es geschafft habe, Oswald. Ich bin mir sicher, dass ich es geschafft habe. »
«Erzählen Sie mir, was passiert ist. »
«Das ist nicht so einfach», sagte er. «Aber ich will es versuchen. » Er stellte die kleine Flasche vorsichtig auf die Bank. «Ich hatte diese spezielle Mischung, Nr. 1076, heute Nacht zum Destillieren dagelassen», fuhr er fort. «Weil alle halbe Stunde nur ein Tropfen destilliert wird. Ich ließ sie in einen luftdicht verschlossenen Glasbehälter tropfen, damit sie nicht verdampfen kann. Alle diese Flüssigkeiten verflüchtigen sich sehr leicht. Und kurz nachdem ich heute morgen um halb acht kam, ging ich zu Nr. 1076 und öffnete den Gefäßverschluss. Ich schnupperte ein bisschen. Nur ein kleines bisschen. Dann legte ich den Verschluss wieder drauf. »
«Und dann? »
«Oh, mein Gott, Oswald, es war phantastisch! Ich verlor völlig die Kontrolle über mich! Ich tat Dinge, die mir auch in einer Million Jahren nicht im Traum eingefallen wären! »
«Zum Beispiel? »
«Mein Lieber, ich wurde völlig wild! Ich wurde zum wilden Tier! Zur Bestie! Nichts Menschliches war mehr an mir. Die Zivilisation von Jahrtausenden fiel von mir ab! Ich war ein Steinzeitmensch! »
«Was taten Sie? »
«Ich kann mich nicht sehr deutlich erinnern. Es war alles so schnell und heftig. Aber ich wurde von dem erschreckendsten Gefühl der Wollust überwältigt, das man sich vorstellen kann. Alles andere in meinem Gehirn war wie ausgelöscht. Alles, wonach ich verlangte, war eine Frau. Es kam mir so vor, als würde ich unverzüglich explodieren, wenn ich nicht sofort eine Frau in die Hände bekäme. »
«Glückliche Jeanette», sagte ich, einen Blick zum Nebenzimmer werfend. «Wie geht's ihr denn danach? »
«Jeanette hat mich vor über einem Jahr verlassen», sagte er. «Ich habe sie durch eine glänzende junge Chemikerin ersetzt, die Simone Gautier heißt. »
«Also dann, glückliche Simone. »
«Nein, nein! », rief Henri. «Das war ja gerade das Schreckliche! Sie war noch nicht da! Ausgerechnet heute musste sie zu spät kommen. Ich wurde langsam verrückt. Ich stürzte in den Flur und eilte die Treppe hinunter. Ich war wie ein gefährliches Tier. Ich war auf der Jagd nach einer Frau, nach irgendeiner Frau, und Gott gnade ihr, wenn ich sie gefunden hätte. »
«Und wen fanden Sie? »
«Gott sei Dank niemanden. Weil ich plötzlich wieder bei Sinnen war. Die Wirkung hatte sich verflüchtigt, und zwar sehr schnell. Und ich stand allein auf dem Treppenabsatz vom zweiten Stock. Mir war kalt. Aber ich wusste sofort ganz genau, was geschehen war. Ich lief wieder nach oben und zurück in dieses Zimmer, wobei ich mir die Nase mit Daumen und Zeigefinger fest zuhielt. Ich ging direkt zu der Schublade, in der ich die Nasenstöpsel aufbewahrte. Seitdem ich mit der Arbeit an diesem Projekt begann, habe ich für derartige Gelegenheiten immer einen Vorrat an Nasenstöpseln bereitgehalten. Ich rammte mir die Stöpsel in die Nase. Dann war ich in Sicherheit. »
«Können die Moleküle nicht durch den Mund in die Nase gelangen? », fragte ich.
«Sie können die Empfänger nicht erreichen», sagte er. «Deshalb kann man auch nicht durch den Mund riechen. Also ging ich zu dem Gerät hinüber und schaltete den Erwärmer aus. Ich tat die winzige Menge Flüssigkeit dann aus dem abgedichteten Gefäß in die sehr feste, absolut luftdichte Flasche, die Sie hier sehen. Es sind genau elf Kubikzentimeter Nummer 1076 darin. »
«Und dann haben Sie mich angerufen? »
«Nicht gleich, nein. Simone kam nämlich in diesem Augenblick. Als sie mich erblickte, lief sie schreiend ins Nebenzimmer. »
«Warum das? »
«Mein Gott, Oswald, ich stand splitternackt da und wusste es gar nicht.
Ich muss mir mein ganzes Zeug vom Leib gerissen haben! »
«Und dann? »
«Ich zog mich wieder an. Danach ging ich zu Simone und erzählte ihr genau, was geschehen war. Als sie es hörte, wurde sie genauso aufgeregt wie ich. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir nun schon über ein Jahr gemeinsam an dieser Sache arbeiten. »
«Ist sie noch da? »
«Ja. Sie ist nebenan, in dem anderen Labor. »
Es war schon eine erstaunliche Geschichte, die Henri mir da erzählt hatte. Ich nahm die kleine eckige Flasche hoch und hielt sie ans Licht. Durch das dicke Glas konnte ich gut anderthalb Zentimeter Flüssigkeit erkennen, hell und rosagrau, wie der Saft einer reifen Quitte.
«Lassen Sie sie nicht fallen», sagte Henri. «Stellen Sie sie lieber wieder hin. » Ich stellte sie wieder hin. «Als nächstes», fuhr er fort, «werden wir einen genauen Test unter wissenschaftlichen Bedingungen vornehmen. Zu diesem Zweck werde ich eine bestimmte Menge von der Flüssigkeit auf eine Frau sprühen und dann einen Mann auf sie zugehen lassen. Ich werde den Vorgang aus nächster Nähe beobachten müssen. »
«Sie sind ein altes Schwein», sagte ich.
«Ich bin Olfaktologe», antwortete er förmlich.
«Warum soll ich nicht mit meinen Nasenstöpseln auf die Straße gehen», sagte ich, «und die erste Frau besprühen, die vorbeikommt? Sie können vom Fenster aus zuschauen. Es wird sehr spaßig sein. »
«Sicher, es würde spaßig sein», sagte Henri. «Aber nicht sehr wissenschaftlich. Ich muss den Test in einem geschlossenen Raum unter kontrollierten Bedingungen vornehmen. »
«Und ich werde die männliche Rolle spielen», sagte ich.
«Nein, Oswald. »
«Wieso nein? Ich bestehe darauf. »
«Nun hören Sie mal zu», sagte Henri. «Wir haben noch nicht herausgefunden, was passiert, wenn eine Frau anwesend ist. Dieses Zeug ist sehr stark. Das steht fest. Und Sie, mein Lieber, sind nicht mehr ganz jung. Es könnte sehr gefährlich für Sie werden. Es könnte Ihre Kräfte übersteigen. »
Das saß. «Ach was, nichts wird meine Kräfte übersteigen», sagte ich.
«Unsinn», sagte Henri. «Ich lehne es ab, ein Risiko einzugehen. Deshalb habe ich den tüchtigsten und stärksten jungen Mann engagiert, den ich finden konnte. »
«Sie wollen sagen, Sie haben es bereits getan? »
«Gewiss», sagte Henri. «Ich bin aufgeregt und ungeduldig. Ich möchte vorankommen. Der junge Mann muss jede Minute hier sein. »
«Wer ist es? »
«Ein Berufsboxer. »
«Großer Gott. »
«Er heißt Pierre Lacaille. Ich zahle ihm tausend Franc für die Sache. »
«Wie haben Sie ihn gefunden? »
«Ich kenne weit mehr Leute, als Sie denken, Oswald. Ich bin schließlich kein Eremit. »
«Weiß denn der Mann, was ihm bevorsteht? »
«Ich habe ihm nur gesagt, dass er an einem wissenschaftlichen Experiment teilnehmen soll, das etwas mit der Psychologie der Sexualität zu tun hat. Je weniger er weiß, um so besser. »
«Und die Frau? Wen haben Sie da ins Auge gefasst? »
«Simone natürlich», sagte Henri. «Sie ist selbst Wissenschaftlerin. Sie wird die Reaktionen des Mannes noch genauer beobachten können als ich. »
«Das wird sie», sagte ich. «Ist sie sich darüber klar, was ihr passieren kann ?»
«Durchaus. Und es hat mich allerhand Mühe gekostet, sie dazu zu überreden. Ich musste betone, es sei eine Demonstration, die in die Geschichte eingehen werde. Man wird noch in hundert Jahren davon reden. »
«Unsinn», sagte ich.
«Mein Lieber, es hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder große, heldenhafte Augenblicke bei wissenschaftlichen Entdeckungen gegeben, die man nie vergessen wird. Wie zum Beispiel damals, als sich Dr. Horace Wells in Hartford, Connecticut, 1844 einen Zahn ziehen ließ. »
«Was war daran so denkwürdig? »
«Dr. Wells war ein Zahnarzt, der eine Zeitlang mit Lachgas herumexperimentiert hatte. Eines Tages bekam er furchtbare Zahnschmerzen. Er wusste, dass der Zahn gezogen werden musste, und er holte einen anderen Zahnarzt, der die Sache machen sollte. Zuerst überredete er seinen Kollegen aber, sich das Gesicht mit einer Maske zu bedecken und das Lachgas aufzudrehen. Er wurde bewusstlos, der Zahn wurde gezogen, und er wachte munter wie ein Floh wieder auf. Und das, Oswald, war die erste Operation der Welt, die unter Vollnarkose gemacht wurde. Er setzte etwas Großes in Gang. Für unseren Fall gilt das gleiche. »
In diesem Augenblick klingelte es. Henri ergriff ein Paar Nasenstöpsel und nahm sie mit zur Tür. Und da stand Pierre, der Boxer. Aber Henri wollte ihn nicht eintreten lassen, ehe die Nasenstöpsel fest in seine Nase gerammt waren. Ich nehme an, der Bursche hat gedacht, er solle in einem Pornofilm auftreten, aber die Sache mit den Stöpseln muss ihm die Illusion schnell geraubt haben. Pierre Lacaille war ein Bantamgewicht, klein, muskulös und drahtig. Er hatte ein flaches Gesicht und eine gekrümmte Nase. Er war etwa zweiundzwanzig Jahre alt und nicht sehr intelligent.
Henri machte uns bekannt, und dann führte er uns ohne Umschweife in das Laboratorium nebenan, wo Simone arbeitete. Sie stand in einem weißen Kittel am Labortisch und schrieb gerade etwas in ein Notizbuch. Als wir eintraten, blickte sie aus dicken Brillengläsern zu uns auf. Die Brille hatte ein weißes Plastikgestell.
«Simone», sagte Henri, «das ist Pierre Lacaille. » Simone sah den Boxer an, sagte aber nichts. Henri machte sich nicht die Mühe, mich vorzustellen.
Simone war eine schlanke Frau in den Dreißigern, mit einem angenehmen, nicht geschminkten Gesicht. Ihr Haar war nach hinten gebürstet und zu einem Knoten geflochten. Das verlieh ihr zusammen mit der weißen Brille, dem weißen Kittel und der weißen Haut ihres Gesichts ein seltsam antiseptisches Aussehen. Sie machte den Eindruck, als wäre sie eine halbe Stunde lang in einem Sterilisierapparat keimfrei gemacht worden und müsste mit Gummihandschuhen angefasst werden. Sie starrte den Boxer mit großen braunen Augen an.
«Wir wollen anfangen», sagte Henri. «Sind Sie bereit? »
«Ich weiß nicht, was jetzt passieren soll», sagte der Boxer. «Aber ich bin bereit. » Er tänzelte ein bisschen auf den Zehenspitzen hin und her.
Henri war auch bereit. Er hatte die ganze Sache offensichtlich vorbereitet, ehe ich kam. «Simone wird auf dem Stuhl sitzen», sagte er, auf einen einfachen Holzstuhl in der Mitte des Laboratoriums deutend. «Und Sie, Pierre, behalten die Nasenstöpsel drin und stellen sich auf die Sechs-Meter-Marke. »
Auf dem Fußboden hatte er Kreidestriche gezogen, die die verschiedenen Entfernungen vom Stuhl anzeigten, von einem halben Meter bis sechs Meter.
«Ich werde zunächst ein wenig Flüssigkeit auf den Hals der Dame sprühen», fuhr Henri zum Boxer gewandt fort. «Dann werden Sie sich die Nasenstöpsel herausziehen und langsam auf sie zugehen. » Zu mir sagte er: «Als erstes möchte ich den effektiven Wirkungsradius ermitteln, das heißt die genaue Entfernung zwischen ihr und der Versuchsperson, bei der die Moleküle zu wirken beginnen. »
«Behält er die Kleider dabei an? », fragte ich. «Ja, er zieht sich nicht aus. »
«Und soll die Dame mitmachen oder Widerstand leisten? »
«Weder noch. Sie muss ein völlig passives Werkzeug in seinen Händen sein. »
Simone blickte immer noch auf den Boxer. Ich sah, wie sie sich langsam mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr.
«Hat dieses Parfüm», fragte ich Henri, «irgendeine Wirkung auf Frauen? »
«Überhaupt keine», sagte er. «Deshalb schicke ich Simone jetzt hinaus, damit sie die Dosis, die versprüht werden soll, abfüllt. » Das Mädchen ging in das Hauptlabor und schloss die Tür hinter sich.
«Sie sprühen also etwas auf das Mädchen, und ich gehe auf sie zu? », fragte der Boxer. «Und was passiert dann? »
«Das müssen wir abwarten», sagte Henri. «Sie haben doch keine Angst, oder? »
«Ich, Angst? », sagte der Boxer. «Vor einer Frau? »
«Sehr gut», sagte Henri. Er war jetzt sehr aufgeregt. Er begann von einem Ende des Zimmers zum anderen zu hüpfen, wobei er die Position des Stuhls auf der Kreidemarkierung kontrollierte und abermals kontrollierte und sämtliche zerbrechlichen Gegenstände wie gläserne Messbecher, Flaschen und Reagenzgläser vom Tisch entfernte und auf ein hohes Regal stellte. «Das hier ist nicht der ideale Ort», sagte er, «aber wir müssen das Beste daraus machen. » Er band sich eine Chirurgenmaske über die untere Gesichtshälfte und reichte auch mir eine.
«Trauen Sie den Nasenstöpseln nicht? »
«Es ist eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme», sagte er. «Legen Sie sie lieber an. »
«Das Mädchen kehrte mit einer winzigen Spritzpistole aus rostfreiem Stahl zurück. Sie gab Henri die Pistole. Henri zog eine Stoppuhr aus der Tasche. «Macht euch bitte fertig», sagte er. «Pierre, Sie stellen sich dort auf die Sechs-Meter-Marke. » Pierre tat es. Das Mädchen setzte sich auf den Stuhl. Es war ein Stuhl ohne Lehnen. Sie saß sehr steif und gerade da in ihrem blütenweißen Kittel, hielt die Hände gefaltet auf dem Schoß und drückte die Knie zusammen. Henri baute sich hinter dem Mädchen auf. Ich stand auf der einen Seite. «Sind wir soweit? »
«Augenblick», sagte das Mädchen. Es war das erste Wort, das sie gesprochen hatte. Sie stand auf, nahm sich die Brille ab, legte sie auf ein hohes Regal und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Sie zog den weißen Kittel an ihren Schenkeln glatt, faltete dann die Hände und legte sie wieder auf den Schoß.
«Sind wir jetzt soweit? », fragte Henri.
«Geben Sie's ihr», sagte ich. «Drücken Sie ab. »
Henri richtete die kleine Spritzpistole auf eine freie Hautpartie genau unter Simones Ohr. Er drückte auf den Abzug. Die Pistole machte ein leise zischendes Geräusch, und aus ihrer Düse kam ein feiner feuchter Nebel.
«Ziehen Sie die Nasenstöpsel heraus! », rief Henri dem Boxer zu, während er schnell von dem Mädchen fortsprang und sich neben mich stellte. Der Boxer ergriff die Fäden, die aus seinen Nasenlöchern baumelten, und zog. Die mit Vaseline bestrichenen Gummistöpsel glitten heraus.
«Los, los! », rief Henri. «Gehen Sie jetzt! Werfen Sie die Stöpsel auf den Boden, und gehen Sie langsam vorwärts! » Der Boxer machte einen Schritt vorwärts. «Nicht so schnell! », rief Henri. «Langsam! Das ist besser! Weitergehen! Weitergehen! Nicht stehen bleiben! » Er war verrückt vor Aufregung, und ich muss gestehen, dass auch ich etwas von meiner Gelassenheit verloren hatte. Ich warf einen Blick auf das Mädchen. Sie hockte auf dem Stuhl, nur wenige Meter von dem Boxer entfernt, bewegungslos. Sie verfolgte jede seiner Bewegungen, und ich musste plötzlich an ein weißes Rattenweibchen denken, das ich einmal in einem Käfig zusammen mit einer riesigen Pythonschlange gesehen hatte. Die Python würde die Ratte gleich fressen, und die Ratte wusste es. Die Ratte kroch förmlich in sich zusammen, hypnotisiert und völlig fasziniert von dem langsamen Vorwärtskriechen der Schlange.
Der Boxer rückte langsam vor.
Als er die Fünf-Meter-Marke überschritt, nahm das Mädchen die Hände auseinander. Sie legte die Hände flach auf die Schenkel. Dann überlegte sie es sich anders und schob sie fast unter ihre beiden Gesäßhälften, wobei sie sich auf beiden Seiten am Stuhlsitz festhielt und sich so für den kommenden Ansturm rüstete.
Der Boxer hatte gerade die Zwei-Meter-Marke überschritten, als ihn der Geruch traf. Er blieb wie angewurzelt stehen. Seine Augen wurden glasig, und er schwankte auf seinen Beinen, als habe man ihm einen Schlag mit dem Holzhammer auf den Kopf versetzt. Ich meinte schon, er würde gleich umfallen, aber das tat er nicht. Er stand da und schwankte wie ein Betrunkener sanft von einer Seite zur anderen. Plötzlich begann er durch die Nasenlöcher Geräusche von sich zu geben, sonderbare kleine Schnaufer und Grunzer, die mich an ein Schwein erinnerten, das in seinem Trog herumschnieft. Dann sprang er das Mädchen ohne jede Warnung an. Er riss ihr den weißen Kittel, das Kleid und die Unterwäsche herunter. Danach war die Hölle los.
Es hat kaum einen Sinn, genau zu beschreiben, was in den nächsten paar Minuten geschah. Das meiste davon kann man ohnehin erraten. Ich muss allerdings doch gestehen, dass Henri wahrscheinlich recht gehabt hatte, einen außergewöhnlich kräftigen und gesunden jungen Mann auszusuchen. Ich sage es nicht gern, aber ich bezweifle, dass mein Körper der unglaublich heftigen Gymnastik gewachsen gewesen wäre, die der Boxer wie unter Zwang vollführte. Ich bin kein Voyeur. Ich hasse solche Sachen. Aber in diesem Fall stand ich völlig gebannt da. Die pure animalische Wildheit des Mannes war beängstigend. Er war wie eine Bestie. Und mitten in all dem tat Henri etwas Interessantes. Er zog einen Revolver und stürzte zu dem Boxer hin und schrie: «Lassen Sie das Mädchen los! Lassen Sie sie in Ruhe! » Der Boxer nahm ihn gar nicht wahr. Henri feuerte knapp über seinem Kopf einen Schuss ab und brüllte: «Ich meine es ernst, Pierre! Ich erschieße Sie, wenn Sie nicht aufhören! » Der Boxer blickte nicht einmal hoch.
Henri hüpfte und tanzte durchs Zimmer und schrie: «Es ist phantastisch! Es ist großartig! Unglaublich! Es funktioniert! Es funktioniert! Wir haben es geschafft, mein lieber Oswald! Wir haben es geschafft! »
Der Wirbel hörte genauso schnell auf, wie er begonnen hatte. Der Boxer ließ das Mädchen plötzlich los, stand auf, blinzelte ein paar Mal und fragte dann: «Verdammt noch mal, wo bin ich denn hier? Was ist passiert? »
Simone, die es anscheinend ohne Knochenbrüche überstanden hatte, sprang auf, riss ihre Kleidungsstücke an sich und rannte ins Nebenzimmer. «Vielen Dank, Mademoiselle», sagte Henri, als sie an ihm vorbeisauste.
Das Interessante war, dass der benebelte Boxer nicht im geringsten ahnte, was er getan hatte. Nackt und schweißgebadet stand er da, sah sich im Zimmer um und versuchte herauszufinden, wie um alles in der Welt er in diesen Zustand geraten war.
«Was habe ich denn getan? », fragte er. «Wo ist das Mädchen? »
«Sie waren fabelhaft! », rief Henri und warf ihm ein Handtuch zu. «Seien Sie unbesorgt! Die tausend Franc sind Ihnen sicher! »
In diesem Augenblick flog die Tür auf, und Simone kam immer noch nackt, ins Labor zurückgerannt. «Besprühen Sie mich noch einmal! », schrie sie. «Oh, Monsieur Henri, nur noch ein einziges Mal! » Ihr Gesicht glühte, ihre Augen glänzten und funkelten.
«Das Experiment ist beendet. Gehen Sie und ziehen Sie sich wieder an. » Henri packte sie an den Schultern und stieß sie ins andere Zimmer zurück. Dann schloss er die Tür hinter ihr.
Eine halbe Stunde später feierten Henri und ich unseren Erfolg unten in einem kleinen Cafe. «Wie lange hat es gedauert? », fragte ich.
«Sechs Minuten und zweiunddreißig Sekunden», sagte Henri.
Ich trank langsam meinen Cognac und beobachtete die Leute, die auf dem Bürgersteig vorbeischlenderten. «Was ist der nächste Schritt? »
«Zunächst muss ich meine Aufzeichnungen machen», sagte Henri. «Dann werden wir über die Zukunft reden. »
«Kennt außer Ihnen noch jemand die Formel? »
«Niemand. »
«Und Simone? »
«Sie kennt sie nicht. »
«Haben Sie sie aufgeschrieben? »
«Nicht so, dass ein anderer daraus klug werden könnte. Das werde ich morgen machen. »
«Erledigen Sie das unbedingt als erstes», sagte ich. «Ich möchte eine Abschrift haben. Wie wollen wir das Zeug nennen? Wir brauchen einen Namen. »
«Was schlagen Sie vor? »
«Bitch», sagte ich. «Wir wollen es Bitch nennen. »
Henri nickte lächelnd.
Ich bestellte noch zwei Cognac.
«Mit dem Zeug könnte man leicht einen Aufruhr stoppen», sagte ich. «Viel besser als mit Tränengas. Stellen Sie sich nur das Schauspiel vor, wenn man damit eine wütende Menschenmenge besprüht. »
«Hübsch», sagte Henri. «Sehr hübsch. »
«Wir könnten noch etwas tun, wir könnten es zu phantastischen Preisen an sehr dicke, sehr reiche Frauen verkaufen. »
«Das könnten wir», antwortete Henri.
«Glauben Sie, dass es Potenzschwächen bei Männern heilen könnte? », fragte ich.
«Selbstverständlich», sagte Henri. «Mit der Impotenz wäre es für immer aus. »
«Und bei Achtzigjährigen? »
«Da auch», sagte er, «obwohl es sie gleichzeitig umbringen würde. »
«Und kaputte Ehen? »
«Mein lieber Freund», sagte Henri. «Der Möglichkeiten sind Legion. »
Genau in diesem Augenblick begann in meinem Kopf langsam eine Idee zu keimen. Wie Sie wissen, habe ich eine Leidenschaft für Politik. Und obgleich ich Engländer bin, habe ich immer mit Leidenschaft die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika verfolgt. Ich war immer der Meinung, dort drüben, bei jener mächtigen, aus vielen Völkern bestehenden Nation, müsse sich das Geschick der Menschheit entscheiden. Und gerade jetzt war dort ein Präsident im Amt, den ich nicht ausstehen konnte. Er war ein böser Mensch, der eine niederträchtige Politik verfolgte. Und schlimmer als das, er war eine humorlose und unattraktive Kreatur. Warum jagte ich, Oswald Cornelius, ihn also nicht aus dem Amt?
Die Idee reizte mich.
«Wie viel Bitch haben Sie im Moment noch im Labor? », fragte ich.
«Genau zehn Kubikzentimeter», sagte Henri.
«Und wie groß ist eine Dosis? »
«Für den Test nahmen wir einen Kubikzentimeter. »
«Mehr brauche ich nicht», sagte ich. «Einen Kubikzentimeter. Ich werde ihn heute mitnehmen. Und ein Paar Nasenstöpsel. »
«Nein», sagte Henri. «Wir wollen in diesem Stadium noch nicht damit spielen. Es ist zu gefährlich. »
«Es ist mein Eigentum», sagte ich. «Die Hälfte davon gehört mir. Vergessen Sie nicht unsere Vereinbarung. »
Schließlich musste er nachgeben. Aber er tat es höchst ungern. Wir gingen ins Labor zurück, steckten uns die Stöpsel in die Nase, und Henri füllte genau einen Kubikzentimeter Bitch in ein kleines Parfumfläschchen ab. Er versiegelte den Stöpsel mit Wachs und gab mir das Fläschchen. «Ich flehe Sie an, vorsichtig damit zu sein», sagte er. «Dies ist wahrscheinlich die wichtigste wissenschaftliche Entdeckung des Jahrhunderts, und man sollte nicht damit scherzen. »
Von Henris Räumen fuhr ich direkt zum Atelier eines alten Freundes, Marcel Brossollet. Marcel war Erfinder und Hersteller von winzigen wissenschaftlichen Präzisionsinstrumenten. Er arbeitete für Chirurgen, entwickelte neue Herzklappen und Schrittmacher und jene kleinen Ventilklappen, die den inneren Druck im Schädel bei Menschen mit einem Wasserkopf vermindern.
«Ich möchte», sagte ich zu Marcel, «dass du mir eine Kapsel machst, die genau einen Kubikzentimeter Flüssigkeit fasst. Mit dieser kleinen Kapsel muss ein Zeitzünder-Mechanismus verbunden sein, der sie in einem vorher bestimmten Augenblick aufschlitzt und die Flüssigkeit freigibt. Das ganze Ding darf nicht mehr als gut einen Zentimeter lang und gut einen Zentimeter hoch sein. Je kleiner, um so besser. Glaubst du, dass du das schaffst? »
«Kein Problem», sagte Marcel. «Eine dünne Plastikkapsel, ein winziges Stück von einer Rasierklinge, um die Kapsel aufzuschlitzen, und die übliche Weckvorrichtung aus einer sehr kleinen Damenuhr. Soll man die Kapsel füllen können? »
«Ja. Mach sie bitte so, dass ich sie selbst füllen und versiegeln kann. Kann ich sie in einer Woche haben? »
«Warum nicht? », sagte Marcel. «Kein Problem. »
Der nächste Morgen brachte traurige Nachrichten. Simone, dieses kleine, geile Biest, hatte sich offenbar, gleich nachdem sie ins Labor gekommen war, mit dem gesamten restlichen Bitch-Vorrat - mehr als neun Kubikzentimeter besprüht! Dann hatte sie sich hinter Henri geschlichen, der sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt hatte, um seine Aufzeichnungen zu machen.
Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, was anschließend passierte. Und was das Schlimmste von allem war - das dumme Ding hatte vergessen, dass Henri ein akutes Herzleiden hatte. Verdammt, er durfte ja nicht einmal zu Fuß eine Treppe hinaufsteigen. Als ihn also die Moleküle trafen, hatte der arme Kerl keine Chance mehr. Er war binnen einer Minute tot, im Kampf gefallen, wie man so sagt. Und das war's.
Das verteufelte Weibsstück hätte wenigstens warten können, bis er die Formel aufgeschrieben hatte. Wie sich herausstellte, hatte Henri keine einzige Aufzeichnung hinterlassen. Ich durchsuchte das Labor, als man seine Leiche weggebracht hatte, aber ich fand nichts. Also war ich entschlossener denn je, guten Gebrauch von dem einzigen Kubikzentimeter Bitch zu machen, den es jetzt noch auf der Welt gab.
Eine Woche später holte ich einen wunderschönen kleinen Gegenstand bei Marcel Brossollet ab. Der Zeitzünder bestand aus der kleinsten Uhr, die ich je gesehen hatte, und war zusammen mit der Kapsel und allen anderen Teilen auf einem winzigen, nur einen Zentimeter breiten und langen Aluminiumplättchen befestigt. Marcel zeigte mir, wie man die Kapsel füllen und versiegeln und wie man den Zeitmechanismus einstellen musste.
Ich dankte ihm und beglich die Rechnung.
So schnell wie möglich fuhr ich nach New York. In Manhattan bezog ich ein Zimmer im Plaza. Dort kam ich ungefähr um drei Uhr nachmittags an. Ich nahm ein Bad, rasierte mich und bestellte beim Zimmerservice eine Flasche Glenlivet und etwas Eis. Ich fühlte mich sauber und pudelwohl in meinem Morgenmantel und goss mir einen guten steifen Drink von dem köstlichen Malzwhisky ein und machte es mir dann mit der New York Times vom Vormittag in einem tiefen Sessel gemütlich. Meine Suite ging auf den Central Park, und durch das offene Fenster konnte ich das Summen des Verkehrs und das Gehupe der Taxifahrer am Central Park South hören. Plötzlich fiel mir eine der kleineren Schlagzeilen auf der ersten Seite ins Auge. Sie lautete: PRÄSIDENT HEUTE ABEND IM FERNSEHEN. Ich las weiter. Man rechnet damit, dass der Präsident in seiner Rede vor den Töchtern der amerikanischen Revolution heute abend eine wichtige Erklärung zur Außenpolitik abgibt. Das Gala-Essen ihm zu Ehren findet im Ballsaal des Waldorf Astoria statt...
Mein Gott, was für ein Glück!
Ich hatte mich darauf vorbereitet, in New York wochenlang auf eine solche Chance warten zu müssen. Der Präsident der Vereinigten Staaten tritt nicht oft mit einem Haufen Frauen im Fernsehen auf. Und das war genau das, was ich brauchte. Er war ein verdammt aalglatter Bursche. Er war schon in so manch trübe Brühe hineingeschlittert, und wenn er herauskam, stank er auch entsprechend. Doch jedes Mal brachte er es fertig, die Nation davon zu überzeugen, dass der Geruch von jemand anderem stammte, nur nicht von ihm. Ich rechnete mir also folgendes aus. Ein Mann, der vor zwanzig Millionen Zuschauern überall im Land eine Frau vergewaltigt, würde es ganz schön schwer haben, das abzustreiten.
Ich las weiter. Der Präsident wird um 21 Uhr etwas zwanzig Minuten lang sprechen, und seine Rede wird von sämtlichen großen Fernsehanstalten übertragen. Die einführenden Worte spricht Mrs. Elvira Ponsonby, die gegenwärtige Präsidentin der Töchter der amerikanischen Revolution. Als wir sie in ihrer Suite im Waldorf Astoria interviewten, erklärte Mrs. Ponsonby...
Es war perfekt! Mrs. Ponsonby würde rechts vom Präsidenten sitzen.
Genau um zehn nach neun, wenn der Präsident mitten in seiner Rede war und die halbe Bevölkerung der Vereinigten Staaten ihm zuschaute, würde eine kleine Kapsel, die heimlich irgendwo auf Mrs. Ponsonbys Busen ruhte, durchbohrt werden. Etwa ein Kubikzentimeter Bitch würde auf ihr Abendkleid aus Goldlame sickern. Der Präsident würde den Kopf heben, schnuppern, noch einmal schnuppern, seine Augen würden hervorquellen, seine Nasenlöcher sich weiten, und er würde wie ein Deckhengst zu schnauben beginnen. Dann würde er sich plötzlich zur Seite wenden und Mrs. Ponsonby packen. Sie würde quer über den Esstisch geschleudert werden, und der Präsident würde auf sie springen, und dabei würden Torte à la mode und Erdbeereis mit Schlagsahne in alle Richtungen fliegen.
Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen, das köstliche Schauspiel genießend. Ich sah bereits die Schlagzeilen der Zeitungen vom nächsten Morgen:
BISHER BESTE LEISTUNG DES PRÄSIDENTEN
GEHEIMNISSE DES PRÄSIDENTEN VOR DEM GANZEN LAND ENTHÜLLT PRÄSIDENT
WEIHT PORNO-FERNSEHEN EIN
Und so weiter.
Am folgenden Tag würde man die Amtsenthebung einleiten, und ich würde New York in aller Stille verlassen, um wieder nach Paris zu fahren. Ich konnte also morgen schon wieder abreisen!
Ich sah auf meine Uhr. Es war beinahe vier. Ich kleidete mich ohne Hast an. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die Haupthalle hinunter und schlenderte zur Madison Avenue. Irgendwo bei der 62nd Street fand ich ein gutes Blumengeschäft. Dort kaufte ich einen Ansteckstrauß aus drei großen Orchideenblüten, die zusammengebunden waren. Es waren Cattleyas, weiß mit lila Tupfen. Sie waren besonders vulgär. Und das war Mrs. Ponsonby zweifellos auch. Ich ließ sie im Geschäft in eine hübsche Schachtel packen, die mit Goldfäden verschnürt wurde. Dann schlenderte ich mit der Schachtel ins Plaza zurück und fuhr zu meiner Suite hinauf.
Ich schloss alle Türen ab, die auf den Flur gingen, falls ein Zimmermädchen hereinkommen sollte, um die Bettdecke zurückzuschlagen. Ich holte die Nasenstöpsel heraus und bestrich sie sorgfältig mit Vaseline. Ich steckte sie mir in die Nasenlöcher und drückte sie kräftig hinein. Ich band mir als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme eine Chirurgenmaske vor die untere Gesichtshälfte, genau wie Henri es gemacht hatte. Dann war ich bereit für den nächsten Schritt.
Mit einer gewöhnlichen Pipette, wie man sie für Nasentropfen benutzt, übertrug ich meinen kostbaren Kubikzentimeter Bitch aus dem Flakon in die winzige Kapsel. Die Hand mit der Pipette zitterte dabei ein bisschen, aber es ging alles gut. Ich versiegelte die Kapsel. Danach zog ich die winzige Uhr auf und stellte die genaue Zeit ein. Es war drei Minuten nach fünf. Zuletzt stellte ich den Zeitmechanismus so, dass er um zehn Minuten nach neun losgehen und die Kapsel zerbrechen würde.
Der Blumenbinder hatte die Stängel der drei riesigen Orchideenblüten mit einer zweieinhalb Zentimeter breiten Schleife zusammengebunden. Es war für mich eine einfache Sache, die Schleife zu entfernen und meine kleine Kapsel samt dem Zeitmechanismus mit einem starken Faden an den Orchideenstängeln zu befestigen. Als das getan war, wickelte ich das Band wieder um die Stängel und über die winzige Vorrichtung. Dann machte ich eine neue Schleife. Es war eine hübsche Arbeit.
Als nächstes rief ich im Waldorf an und erfuhr, dass das Gala-Essen um acht Uhr anfing, die Gäste aber schon um halb acht im Ballsaal versammelt sein sollten, ehe der Präsident eintraf.
Um zehn nach sieben zahlte ich das Taxi vor dem Eingang zum Waldorf und betrat das Gebäude. Ich durchquerte die kleine Halle und legte meine Orchideenschachtel auf den Tisch des Empfangs. Ich beugte mich so weit wie möglich zu dem Portier hinüber. «Ich muss dieses Päckchen bei Mrs. Ponsonby abgeben», flüsterte ich mit leichtem amerikanischem Akzent. «Es ist ein Geschenk des Präsidenten. »
Der Portier beäugte mich misstrauisch.
«Mrs. Ponsonby spricht heute abend die einführenden Worte, bevor der Präsident im Ballsaal seine Rede hält», fügte ich hinzu. «Der Präsident wünscht, dass sie diesen Ansteckstrauß sofort erhält. »
«Lassen Sie ihn da, ich werde ihn auf ihre Suite bringen lassen», sagte der Portier.
«Nein, das werden Sie nicht», erklärte ich ihm. «Ich habe strenge Anweisung, ihn persönlich abzugeben. Welche Nummer hat ihre Suite? »
Der Mann war beeindruckt. «Mrs. Ponsonby ist auf Fünf-null-eins», sagte er beflissen.
Ich dankte ihm und betrat den Fahrstuhl. Als ich im 5. Stock ausstieg und den Flur entlangging, blieb der Fahrstuhlführer da und beobachtete mich. Ich läutete bei Fünf-null-eins an der Tür.
Die Tür wurde von der gewaltigsten Frau geöffnet, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich habe Riesenfrauen in Zirkusarenen gesehen. Ich habe Ringkämpferinnen und Gewichtheberinnen gesehen. Ich habe die hochgewachsenen Massaifrauen in der Steppe unterhalb des Kilimandscharo gesehen. Aber noch nie hatte ich eine Frau gesehen, die so groß und breit und dick war wie diese. Oder so rundum abstoßend. Sie war für das größte Ereignis ihres Lebens aufgeputzt und gekleidet, und in den zwei Sekunden, die verstrichen, bevor einer von uns redete, konnte ich das meiste davon erfassen das metallische silberblaue Haar, bei dem jede Strähne an die richtige Stelle geklebt war, die braunen Schweinsaugen, die lange, spitze, unheilschnüffelnde Nase, die aufgeworfenen Lippen, den vorspringenden Unterkiefer, den Puder, die Augenschminke, den knallroten Lippenstift und, das Erschütterndste von allem, den ungeheuren hochgeschnürten Busen, der wie ein Balkon vorsprang. Er ragte weit nach vorn und es war geradezu ein Wunder, dass sie nicht unter seiner Last vornüber kippte. Und da stand sie, eine aufgepumpte Riesin, vom Hals bis zu den Knöcheln in das amerikanische Sternenbanner gehüllt.
«Mrs. Elvira Ponsonby? », murmelte ich zögernd.
«Ich bin Mrs. Ponsonby», donnerte sie. «Was wünschen Sie? Ich bin sehr beschäftigt. »
«Mrs. Ponsonby», sagte ich. «Der Präsident hat mich beauftragt, Ihnen das hier persönlich zu überreichen. »
Sie schmolz sofort. «Der gute Mann! », rief sie. «Wie überaus charmant von ihm! » Zwei gewaltige Hände streckten sich aus, um die Schachtel zu packen. Ich überließ sie ihr.
«Meine Anweisungen lauten, unbedingt dafür zu sorgen, dass Sie sie öffnen, bevor Sie zum Bankett gehen», sagte ich.
«Sicher werde ich sie öffnen», sagte sie. «Muss ich es vor Ihren Augen tun? »
«Wenn es Ihnen nichts ausmacht. »
«In Ordnung, treten Sie ein. Aber ich habe nicht viel Zeit. »
Ich folgte ihr in den Salon. «Ich soll Ihnen sagen», erklärte ich, «dass es mit den besten Wünschen von Präsident zu Präsidentin kommt. »
«Ha! », röhrte sie. «Das gefällt mir! Was für ein umwerfender Mann er ist! » Sie löste den Goldfaden von der Schachtel und hob den Deckel. «Ich wusste es! », schrie sie. «Orchideen! Wie himmlisch! Sie sind viel großartiger als dies armselige kleine Ding, das ich trage! »
Die Milchstraße von Sternen quer über ihrem Busen hatte mich so geblendet, dass ich die eine Orchidee, die auf der linken Seite angeheftet war, nicht bemerkt hatte.
«Ich werde sie sofort austauschen», sagte sie. «Der Präsident wird erwarten, dass ich sein Geschenk trage. »
«Bestimmt», sagte ich.
Um Ihnen jetzt eine Vorstellung davon zu geben, wie weit ihre Brust vor ihr her ragte, muss ich Ihnen erzählen, dass sie die Blume, die sie losmachen wollte, nur mit ausgestreckten Armen erreichen konnte, als sie danach griff. Sie fingerte eine ganze Zeit an der Nadel herum, aber sie konnte nicht richtig sehen, was sie tat, und der Verschluss wollte sich nicht öffnen. «Ich habe furchtbare Angst davor, dieses kostbare Kleid zu zerreißen», sagte sie. «Hier, machen Sie es. » Sie warf sich herum und stieß mir ihren Mammutbusen ins Gesicht. Ich zögerte. «Vorwärts! », dröhnte sie. «Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit! » Ich fing an, und zuletzt gelang es mir, die Nadel aus ihrem Kleid zu haken. «Nun wollen wir schnell die anderen Blüten anlegen», sagte sie.
Ich legte die einzelne Orchidee zur Seite und hob vorsichtig meine Blumen aus der Schachtel.
«Haben Sie auch eine Anstecknadel? », fragte sie.
«Ich glaube nicht», sagte ich. Das war etwas, woran ich nicht gedacht hatte.
«Macht nichts», sagte sie. «Wir werden die andere nehmen. » Sie löste die Sicherheitsnadel von der ersten Orchidee, und dann, ehe ich sie hindern konnte, packte sie die drei Orchideen, die ich in der Hand hielt, und stieß die Nadel mit aller Kraft in das weiße Band um die Stängel. Sie stieß sie fast genau dort hinein, wo meine kleine Kapsel mit Bitch versteckt war. Die Nadel traf auf etwas Hartes und wollte nicht durchgehen. Sie stieß sie noch einmal hinein. Und wieder traf sie auf Metall. «Was zur Hölle steckt denn da drunter? », schnaufte sie.
«Lassen Sie mich Ihnen helfen», rief ich. Aber es war zu spät. Schon hatte sich ein feuchter Fleck von dem Bitch aus der durchbohrten Kapsel auf dem weißen Band ausgebreitet, und eine hundertstel Sekunde später traf es meine Riechhärchen. Es erwischte mich direkt unter der Nase und war eigentlich gar nicht wie ein Geruch, weil ein Geruch etwas ist, das keine Festigkeit hat. Denn man kann einen Geruch nicht fühlen. Aber dieses Zeug war konsistent. Es hatte Festigkeit. Ich hatte das Gefühl, als spritze man mir mit Hochdruck eine Flüssigkeit in die Nase hinauf. Es war überaus unangenehm. Ich spürte, wie es höher und höher stieg, die Nasengänge passierte, in die Stirnhöhle drängte und ins Gehirn wollte. Plötzlich begannen die «Stars and Stripes» auf Mrs. Ponsonbys Kleid auf und nieder zu tanzen, und dann fing das ganze Zimmer an zu tanzen. Ich hörte, wie mir das Herz bis in den Hals hinauf schlug. Es war, als geriete ich in Narkose.
In diesem Augenblick muss ich völlig das Bewusstsein verloren haben, wenn auch nur für ein paar Sekunden.
Als ich wieder zu mir kam, stand ich völlig nackt in einem rosenroten Raum und hatte ein eigenartiges Gefühl in der Leistengegend. Ich blickte hinunter und sah, dass mein geliebtes Geschlechtsteil fast einen Meter lang und auch entsprechend dick war. Es wuchs immer noch. Es wurde mit ungeheurer Geschwindigkeit länger und dicker. Gleichzeitig schrumpfte mein Körper zusammen. Kleiner und kleiner wurde er. Größer und größer wurde mein erstaunliches Organ, und bei Gott, es wuchs weiter, bis es meinen ganzen Körper ausmachte, ihn gewissermaßen verschlungen hatte. Ich war jetzt nur noch ein einziger gigantischer aufrechter Penis, über zwei Meter groß und so schön wie nur irgendeiner.
Ich tanzte ein bisschen durch den Raum, um meinen neuen Zustand zu feiern. Dabei begegnete ich einer Jungfrau mit einem sternenbesetzten Kleid. Sie war sehr groß, wie Jungfrauen nun einmal sind. Ich richtet, mich zu meiner vollen Höhe auf und deklamierte mit lauter Stimme:
«Die Sommerblüte ist dem Sommer gut, Sie blühet leuchtend trotz des Sommers Glut.
Doch sahst du jemals schon, ich frage dich, Ein Sexualorgan, so groß wie ich? »
Die Jungfrau sprang hoch und schlang ihre Arme so weit um mich, wie sie nur konnte. Dann rief sie aus:
«Soll ich dich messen mit des Sommers Tagen?
Soll ich... Was kann, o Liebster, ich dir sagen?
Seit langem sucht' ich ohne Rast und Ruh, Den Mann, der erigieren kann wie du. »
Einen Augenblick später waren wir beide Millionen Meilen fort im Weltenraum und flogen in einem Regen von Meteoriten, ganz rot und golden, durch das Universum. Ich ritt sie ohne Sattel, beugte mich vor und umklammerte sie fest mit meinen Schenkeln. «Schneller! », rief ich, ihr lange Sporen in die Flanken jagend. «Schneller! » Schneller und immer schneller flog sie, sauste und wirbelte am Himmelsrand entlang. Ihre Mähne glänzte in der Sonne, und aus ihrem Schwanz stob der Schnee. Das Machtgefühl, das ich empfand, war überwältigend. Ich war unbesiegbar, erhaben. Ich war der Herr des Universums, zerstreute die Planeten in alle vier Winde, fing die Sterne mit der Hand ein und schleuderte sie fort, als wären sie Tischtennisbälle.
Oh, Ekstase und Verzückung! Oh, Jericho und Tyrus und Sidon! Die Mauern stürzten ein, und das Firmament löste sich auf, und aus dem Rauch und dem Feuer der Explosion stieg langsam wieder der Salon im Waldorf mein Bewusstsein auf wie ein grauer Regentag.
Das Zimmer glich einem Schlachtfeld. Ein Tornado hätte weniger Schaden angerichtet. Meine Kleider lagen auf dem Fußboden. Ich fing an, mich sehr schnell anzuziehen. Ich schaffte es in einer halben Minute. Und als ich zur Tür lief, hörte ich eine Stimme, die irgendwo hinter einem umgestürzten Tisch in der gegenüberliegenden Zimmerecke hervorkam. «Ich weiß nicht, wer Sie sind, junger Mann», sagte sie. «Aber Sie haben mir auf jeden Fall verdammt wohlgetan. »