unverhohlenen Entsetzens.
Ballard machte einen Schritt in die Nebenstraße hinein.
Weder der Junge noch der Grund für sein geflüstertes Gebet wurden sichtbar, bis er zehn Meter weit gegangen war. Der Junge war halb zwischen Mülltonnen an der Wand herabgesunken. Ziermünzen und Taft hatte man ihm heruntergerissen, sein Körper war blaß und geschlechtslos. Er schien Ballard nicht zu bemerken, sein Blick war auf die dunkelsten Schatten gerichtet.
Ballards Zittern wurde schlimmer, als er dem Blick des Jungen folgte. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Er ging dennoch weiter, nicht wegen des Jungen (man hatte ihm stets beigebracht, daß sich Heldenmut nicht auszahlt), sondern weil er neugierig war, mehr als neugierig, weil er darauf brannte zu sehen, welch ein Mensch solch beiläufiger Brutalität fähig war. Einer solchen Wildheit ins Auge zu sehen schien momentan das Wichtigste auf der Welt zu sein.
Jetzt sah ihn der Junge und stieß ein erbarmenswertes Flehen hervor, aber Ballard hörte ihn kaum. Er spürte andere Blicke auf sich, und deren Berührung war wie ein Hammerschlag. Das Toben in seinem Kopf nahm einen schwindelerregenden Rhythmus an, dem Lärm von Hubschrauberrotoren nicht unähnlich. Es schwoll innerhalb von Sekunden zu einem alle Sinne betäubenden Dröhnen an.
Ballard drückte die Hände gegen die Augen und taumelte rückwärts gegen die Mauer. Nur am Rande bekam er mit, daß der Killer aus seinem Versteck kam (umgestürzte Mülleimer)
und einen Fluchtversuch unternahm. Er spürte, wie ihn etwas streifte, und machte die Augen gerade noch rechtzeitig auf, um den Mann zu sehen, der die Gasse entlang floh. Er schien irgendwie mißgestaltet zu sein, der Rücken bucklig, der Kopf viel zu groß. Ballard rief ihm etwas nach, aber der Berserker lief weiter und hielt nur einmal kurz inne, um auf die Leiche hinabzusehen, bevor er die Straße erreichte.
Ballard stemmte sich von der Wand ab und stand aufrecht.
Der Lärm in seinem Kopf ließ etwas nach, die damit verbundene Benommenheit klang ab.
Der Junge hinter ihm fing an zu schluchzen. »Haben Sie das gesehen?« fragte er. »Haben Sie das gesehen? «
»Wer war das? Kennst du ihn?«
Der Junge sah Ballard wie ein verängstigtes Reh an, seine geschminkten Augen waren weit aufgerissen.
»Ob ich ihn… ?«
Ballard wollte seine Frage gerade wiederholen, als Bremsen quietschten, dicht gefolgt vom Knall des Aufpralls. Er ließ den Jungen zurück, damit dieser sein zerfetztes trousseau um sich schlingen konnte, und lief wieder auf die Straße zurück. In der Nähe wurden Stimmen laut; er eilte zu ihrem Ursprung. Ein großes Auto stand mit grellen Scheinwerfern schräg auf dem Gehweg. Dem Fahrer wurde aus dem Sitz geholfen, während die Passagiere – Partygäste, wenn man der Kleidung und den vom Alkohol geröteten Gesichtern glauben wollte – herumstanden und wild darüber debattierten, wie es zu dem Unfall gekommen war. Eine der Frauen sprach von einem Tier auf der Straße, aber einer der anderen Passagiere verbesserte sie. Der Leichnam, der nach dem Aufprall nun im Rinnstein lag, war nicht der eines Tieres.
Ballard hatte wenig von dem Killer in der Nebenstraße gesehen, aber er wußte instinktiv, daß es er war. Von der Mißbildung, die er zu sehen geglaubt hatte, war jedoch nichts zu erkennen. Es war nur ein Mann in einem Anzug, der schon bessere Zeiten gesehen hatte, und er lag mit dem Gesicht nach unten in einer Blutlache. Die Polizei war bereits eingetroffen, und einer der Beamten rief ihm zu, von der Leiche fernzubleiben, aber Ballard achtete nicht auf den Befehl, sondern ging näher heran, damit er sich das Gesicht des Toten anschauen konnte. Von der Wildheit, die er so gerne gesehen hätte, keine Spur. Aber er erkannte dennoch eine ganze Menge wieder.
Der Mann war Odell.
Er sagte ihnen, daß er von dem Unfall nichts gesehen habe, was der Wahrheit entsprach, und entfernte sich vom Ort des Geschehens, bevor die Vorfälle in der Nebenstraße entdeckt wurden.
Es schien, als werfe jede Ecke, um die er auf dem Rückweg in sein Zimmer bog, eine neue Frage auf. An erster Stelle: Weshalb hatte man ihn hinsichtlich von Odells Tod belogen? Und welche Psychose hatte der Mann entwickelt, daß er eines Gemetzels fähig war, wie Ballard es gesehen hatte? Er würde die Antworten auf diese Fragen nicht von seinen ehemaligen Kollegen bekommen, das wußte er. Der einzige Mann, dem er vielleicht eine Antwort hätte entlocken können, war Cripps. Er erinnerte sich an die Unterhaltung über Mironenko, die sie geführt hatten, und Cripps’ Worte von »Grund zur Vorsicht«, wenn es um den Russen ging. Glasauge hatte gewußt, daß etwas im Busch war, aber sicher hatte nicht einmal er sich das Ausmaß der jetzigen Katastrophe vorstellen können. Zwei äußerst fähige Agenten ermordet; Mironenko vermißt, möglicherweise tot; er selbst – wenn man Suckling glauben konnte – auf der Schwelle des Todes. Und alles hatte mit Sergej Sacharowitsch Mironenko, dem Verlorenen von Berlin, angefangen.
Es schien, als wäre seine Tragödie ansteckend.
Morgen, beschloß Ballard, würde er Suckling finden und ein paar Antworten aus ihm herauspressen. Vorläufig taten sein Kopf und die Hände weh, und er wollte schlafen. Müdigkeit beeinträchtigte die Fähigkeit, ein klares Urteil zu fällen, und wenn er auf diese Fähigkeit angewiesen war, dann jetzt. Aber trotz seiner Erschöpfung floh ihn der Schlaf eine Stunde oder länger, und als er schließlich kam, brachte er keinen Trost. Ballard träumte von geflüsterten Worten, dicht gefolgt, als wollte es sie übertönen, das Dröhnen der Hubschrauber. Zweimal erwachte er mit pochenden Kopfschmerzen aus dem Schlaf, zweimal trieb ihn die Gier, den Sinn des Flüsterns zu erfahren, wieder auf das Kissen zurück. Als er zum dritten Mal erwachte, war der Lärm zwischen seinen Schläfen unerträglich, ein das Denken auslöschender Überfall, der ihn um seine geistige Gesundheit fürchten ließ. Als er aus dem Bett kroch, konnte er vor lauter Schmerzen das Zimmer kaum noch erkennen.
»Bitte…« murmelte er, als wäre jemand da, der ihn von seinem Elend erlösen konnte.
Eine kühle Stimme antwortete ihm aus der Dunkelheit: »Was willst du? «
Er erkundigte sich nicht nach dem Sprecher, sagte nur:
»Nimm die Schmerzen weg.«
»Das kannst du selbst« , entgegnete die Stimme.
Er lehnte sich an die Wand, strich sich über den zu bersten drohenden Kopf, und die Tränen des Schmerzes wollten nicht aufhören. »Ich weiß nicht, wie«, sagte er.
» Deine Träume bereiten dir diese Schmerzen« , antwortete die Stimme, » daher mußt du sie vergessen. Verstehst du? Vergiß sie, und die Schmerzen werden aufhören. «
Die Anweisung war ihm klar, aber nicht, wie er sie in die Tat umsetzen sollte. Im Schlaf hatte er nicht die Macht zu handeln.
Er war der Spielball des Flüsterns, nicht das Flüstern seiner.
Aber die Stimme war beharrlich. » Der Traum will dir
schaden, Ballard. Du mußt ihn begraben. Tief begraben. «
»Ihn begraben?«
» Mach dir ein Bild davon, Ballard. Stell es dir in allen
Einzelheiten vor. «
Er tat wie ihm geheißen. Er stellte sich eine Trauergemeinde, vor und einen Sarg, und in diesem Sarg seinen Traum. Er ließ sie tief graben, wie es ihm die Stimme befahl, damit er dieses Schmerzen bereitende Ding niemals wieder hervorholen konnte. Doch noch während er sich vorstellte, wie der Sarg in das Grab gesenkt wurde, hörte er die Bretter knirschen. Der Traum wollte sich nicht zur Ruhe legen. Er hämmerte gegen sein Gefängnis. Die Bretter fingen an zu splittern.
» Schnell! « sagte die Stimme.
Der Lärm der Rotoren war auf einen schrecklichen Pegel angestiegen. Blut troff ihm aus den Nasenlöchern. Er schmeckte Salz im Hals.
» Bring es zu Ende! « schrie die Stimme über das Getöse hinweg. » Deck ihn zu! «
Ballard sah in das Grab hinunter. Der Sarg hüpfte von einer Seite zur anderen. » Deck ihn zu, verdammt! «
Er versuchte, die Trauergemeinde zum Gehorsam zu zwingen. Sie sollten Schaufeln in die Hände nehmen und das beleidigende Ding lebendig begraben, aber das taten sie nicht. Statt dessen sahen sie in das Grab hinunter, so wie er, und verfolg-ten, wie der Inhalt des Sarges darum kämpfte, ans Licht zu gelangen.
» Nein!« befahl die Stimme mit wachsendem Zorn. » Du darfst nicht hinsehen! «
Der Sarg tanzte im Grab. Der Deckel barst. Ballard konnte ganz kurz etwas erkennen, das zwischen den Brettern leuchtete.
» Es wird dich umbringen! « sagte die Stimme, und wie um das, was sie sagte, zu unterstreichen, schwoll der Lärm plötzlich über die Grenze des Erträglichen hinaus an und spülte Trauergemeinde und Sarg und alles andere auf einer Woge des Schmerzes davon. Plötzlich schien es, als hätte die Stimme die Wahrheit gesagt, als wäre er dem Tode nahe. Aber es war nicht der Traum, der vorhatte, ihn zu töten, sondern der Wächter, den sie zwischen ihn und den Traum gestellt hatten: diese schädel-zerschmetternde Kakophonie.
Erst jetzt bemerkte er, daß er, von diesem Angriff niedergestreckt, auf den Boden gefallen war. Er tastete blind um sich, spürte die Wand und schob sich darauf zu, während die Maschinen immer noch hinter seinen Augen dröhnten und ihm das Blut heiß übers Gesicht strömte.
Er stand, so gut er konnte, auf und ging in Richtung Badezimmer. Hinter ihm begann die Stimme, die ihren Wutanfall unter Kontrolle gebracht hatte, erneut mit ihrer Beschwörung.
Sie war so deutlich, daß er sich umdrehte und halb damit rechnete, den Sprecher zu sehen, und er wurde nicht enttäuscht. Ein paar vage Augenblicke lang schien er in einem kleinen Zimmer ohne Fenster zu stehen, die Wände einheitlich weiß gestrichen.
Das Licht war grell und leblos, und in der Mitte des Zimmers stand das Gesicht zu der Stimme und lächelte.
» Deine Träume bereiten dir Schmerzen« , sagte er. Wieder das erste Gebot. » Begrabe sie, Ballard, und die Schmerzen
werden vergehen. «
Ballard weinte wie ein Kind; es beschämte ihn, daß er beobachtet wurde. Er wandte sich von seinem Lehrmeister ab, um seine Tränen zu verbergen.
» Vertraue uns«, sagte eine andere Stimme in der Nähe. »Wir sind deine Freunde. «
Er traute ihren schönen Worten nicht. Die Schmerzen, vor denen sie ihn retten wollten, entsprangen ihrem Tun; sie waren der Stock, um ihn zu schlagen, wenn ihn die Träume riefen.
» Wir wollen dir helfen«, sagte der eine oder andere von ihnen.
»Nein…« murmelte er. »Nein, verdammt… Ich… ich glaube nicht…«
Das Zimmer verblaßte, und er war wieder im Schlafzimmer, wo er sich an die Wand geklammert hatte wie ein Bergsteiger an einen Steilhang. Bevor sie ihn mit weiteren Worten, mit weiteren Schmerzen bedrängen konnten, tastete er sich zur Badezimmertür und stolperte blind zur Dusche. Es folgte ein Augenblick der Panik, während er nach den Armaturen suchte, dann strömte das Wasser. Es war bitter kalt, aber er hielt den Kopf darunter, während der Ansturm der Rotorblätter immer noch versuchte, ihm die Schädeldecke zu zertrümmern. Eiskaltes Wasser kroch ihm den Rücken hinab, aber er ließ sich den Regen wie einen Sturzbach auf den Kopf prasseln, und die Hubschrauber zogen nacheinander ab. Er bewegte sich nicht, obwohl sein Körper vor Kälte zitterte, bis der letzte verschwunden war; dann setzte er sich auf den Rand der Wanne und trocknete sich Gesicht und Hals und Körper ab, und schließlich ging er, als seine Beine sich tapfer genug anfühlten, wieder ins Schlafzimmer zurück.
Er legte sich fast in derselben Haltung wie vorher auf dieselben zerwühlten Laken; aber nichts war mehr wie vorher. Er wußte nicht, was sich verändert hatte, oder wie. Er lag den Rest der Nacht da, und kein Schlaf störte seine heitere Gelassenheit, während er versuchte, das Rätsel zu lösen, und kurz vor der Morgendämmerung erinnerte er sich an die Worte, die er im Angesicht der Halluzination gemurmelt hatte. Einfache Worte; aber, oh, ihre Macht.
»Ich glaube nicht…« hatte er gesagt. Und die Gebote erbebten.
Eine halbe Stunde vor Mittag war er in der kleinen Versandbuchhandlung, die Suckling als Tarnung diente. Er fühlte sich trotz der nächtlichen Vorkommnisse bei klarem Verstand, kam mit seinem Charme rasch an der Vorzimmerdame vorbei und ohne vorherige Anmeldung in Sucklings Büro. Als Suckling den Besucher erblickte, schnellte er aus seinem Sessel hoch, als wäre auf ihn geschossen worden.
»Guten Morgen«, sagte Ballard. »Ich dachte, es wäre an der Zeit, daß wir uns einmal unterhalten.«
Suckling sah zur Bürotür, die Ballard einen Spalt offengelassen hatte.
»Tut mir leid. Zieht es?« Ballard machte die Tür sanft zu.
»Ich möchte Cripps sehen«, sagte er.
Suckling watete durch die Flut von Büchern und Manuskripten, die seinen Schreibtisch zu ertränken drohte.
»Haben Sie den Verstand verloren, hierherzukommen?«
»Sagen Sie ihnen, daß ich ein Freund der Familie bin«, meinte Ballard.
»Ich kann einfach nicht glauben, daß Sie so dumm sind.«
»Sagen Sie mir einfach, wo Cripps ist, dann gehe ich sofort wieder.«
Suckling achtete nicht darauf, sondern setzte seine Tirade fort.
»Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich hier glaubwürdig eingeführt war.«
Ballard lachte.
»Ich werde das melden, verdammt!«
»Das sollten Sie auch«, sagte Ballard wesentlich lauter.
»Aber bis dahin: Wo ist Cripps? «
Suckling, der offenbar davon überzeugt war, daß er es mit einem Wahnsinnigen zu tun hatte, nahm sich zusammen. »Also gut«, sagte er. »Ich werde dafür sorgen, daß jemand Sie anruft und zu ihm bringt.«
»Das reicht mir nicht«, antwortete Ballard. Er ging mit zwei ausgreifenden Schritten zu Suckling und packte ihn am Kragen. Er hatte in zehn Jahren höchstens drei Stunden in Gesellschaft von Suckling verbracht, aber es war kaum ein Augenblick dabei verstrichen, in dem er sich nicht gewünscht hatte, genau das zu tun, was er jetzt tat. Er schlug die Hände des Mannes weg und drängte ihn gegen das Bücherregal an der Wand. Suckling stieß mit der Ferse gegen einen Bücherstapel, der umkippte.
»Noch einmal«, sagte Ballard. »Der Alte.«
»Nehmen Sie Ihre verdammten Hände weg«, sagte Suckling, dessen Wut nun, da er angefaßt wurde, doppelt heftig wieder aufloderte.
»Noch einmal«, sagte Ballard. »Cripps.«
»Dafür werde ich Sie fertigmachen lassen. Sie fliegen raus! «
Ballard kam Sucklings gerötetem Gesicht ganz nahe und lächelte. »Ich fliege sowieso raus. Es ist jemand ums Leben gekommen, erinnern Sie sich? London braucht ein Opferlamm, und ich glaube, das werde ich sein.«
Sucklings Gesicht wurde schlaff.
»Ich habe also nichts zu verlieren, oder?« Keine Antwort.
Ballard drückte sich dichter an Suckling und hielt den Mann noch fester. »Oder?«
Suckling verließ der Mut. »Cripps ist tot«, sagte er.
Ballard lockerte seinen Griff nicht. »Das haben Sie auch von Odell gesagt…« bemerkte er. Als er diesen Namen hörte, riß Suckling die Augen auf. »… und ich habe ihn erst gestern nacht gesehen«, sagte Ballard. »In der Stadt.«
»Sie haben Odell gesehen?«
»O ja.«
Als er den Toten erwähnte, fiel ihm die Szene in der Nebenstraße wieder ein. Der Gestank der Leiche, das Schluchzen des Jungen. Es gab noch andere Gedanken, dachte sich Ballard, abseits des einen, den er einst mit der Kreatur unter ihm gemeinsam gehabt hatte. Glauben, deren Bezeugungen mit Blut und Hitze gemacht wurden, deren Dogmen Träume waren. Wo sollte er sich besser in diesem neuen Glauben taufen, wenn nicht hier, im Blut des Feindes?
Er konnte irgendwo im Hinterkopf die Hubschrauber hören, aber er ließ sie nicht in die Luft aufsteigen. Heute war er stark; sein Kopf, die Hände, alles stark. Als er mit den Nägeln an Sucklings Augen vorbeistrich, floß das Blut schnell. Er hatte eine plötzliche Vision von dem Gesicht unter der Haut, von Sucklings Zügen, die bis auf ihr Wesentliches entblößt waren.
»Sir?«
Ballard sah über die Schulter. Die Vorzimmerdame stand unter der offenen Tür.
»Oh. Ich bitte um Entschuldigung«, sagte sie und wollte wieder hinausgehen. Ihrem Erröten konnte man entnehmen, daß sie die Sache für einen Zwist unter Liebenden hielt, dessen Zeuge sie geworden war.
»Bleiben Sie«, sagte Suckling. »Mr. Ballard… wollte gerade gehen.«
Ballard ließ sein Opfer los. Es würden sich andere Gelegenheiten ergeben, Suckling das Leben zu nehmen. »Wir sehen uns wieder«, sagte er. Suckling zog ein Taschentuch aus der Brusttasche und hielt es ans Gesicht.
»Worauf Sie sich verlassen können«, antwortete er.
Jetzt würden sie ihn bald holen, daran gab es keinen Zweifel.
Er war ein aufwieglerisches Element, und sie würden versuchen, ihn schnellstmöglich zum Schweigen zu bringen. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht. Was immer er durch ihre Gehirnwäsche hatte vergessen sollen, war ehrgeiziger als erwartet; so tief er es auch hatte begraben müssen, es bahnte sich einen Weg zur Oberfläche zurück. Er konnte es noch nicht sehen, wußte aber, daß es in der Nähe war. Auf dem Rückweg in sein Zimmer bildete er sich mehr als einmal ein, Blicke im Rücken zu spüren. Vielleicht wurde er immer noch verfolgt, aber seine Instinkte verrieten ihm etwas anderes. Die Präsenz, die er in der Nähe spürte – so nahe, daß sie manchmal fast an seinen Schultern war –, war vielleicht einfach ein anderer Teil von ihm. Er fühlte sich von ihr beschützt wie von einem hiesigen Gott. Er hatte halb damit gerechnet, daß ein Empfangskomitee in seinem Zimmer auf ihn warten würde, aber es war niemand da. Entweder hatte Suckling seinen Rundruf verschieben müssen, oder die hohen Tiere beratschlagten noch über ihre Taktik. Er steckte die wenigen Habseligkeiten ein, die er vor ihren berechnenden Augen verbergen wollte, dann verließ er das Gebäude wieder, ohne daß jemand einen Versuch unternommen hätte, ihn aufzuhalten.
Trotz der Kälte, die die grimmigen Straßen noch grimmiger machte, war es schön, am Leben zu sein. Er beschloß, ohne ersichtlichen Grund, in den Zoo zu gehen, was er noch nie gemacht hatte, obwohl er die Stadt schon seit zwei Jahrzehnten besuchte. Während er ging, dachte er darüber nach, daß er noch niemals so frei gewesen war wie jetzt, daß er die Knechtschaft wie einen alten Mantel abgestreift hatte. Kein Wunder, daß sie Angst vor ihm hatten. Sie hatten guten Grund dazu.
Die Kantstraße war belebt, aber er bahnte sich mühelos einen Weg durch die Passanten. Es war fast, als spürten sie eine besondere Entschlossenheit in ihm und machten einen großen Bogen um ihn. Aber als er sich dem Eingang des Zoos näherte, stieß ihn jemand an. Er drehte sich um, um den Mann zurechtzuweisen, sah aber nur noch seinen Hinterkopf in der Menge, die zur Hardenbergstraße ging. Da er vermutete, daß man ihn bestohlen hatte, überprüfte er seine Taschen und stellte fest, daß in eine ein Zettel gesteckt worden war. Er war schlau genug, ihn nicht gleich an Ort und Stelle zu lesen, sah sich aber noch einmal beiläufig um, ob er den Boten nicht erkannte. Der Mann war bereits verschwunden.
Er verschob den Besuch im Zoo und ging statt dessen zum Tiergarten, und dort – in der Wildnis des großen Parks – fand er eine Stelle, wo er die Nachricht lesen konnte. Sie war von Mironenko. Er bat um ein Treffen, um etwas besonders Dringendes zu besprechen. Als Treffpunkt wurde ein Haus in Marienfelde genannt. Ballard prägte sich alle Einzelheiten ein, dann zerriß er den Zettel.
Es war selbstverständlich durchaus möglich, daß die Einladung eine Falle war, entweder von seinen eigenen Leuten oder von der Gegenseite. Vielleicht um seine Loyalität festzustellen, oder um ihn in eine Situation zu manövrieren, in der er mühelos beseitigt werden konnte. Aber er hatte trotz solcher Zweifel gar keine andere Wahl, als zu gehen und zu hoffen, daß tatsächlich Mironenko das blinde Treffen vereinbart hatte.
Was das Rendezvous auch für Gefahren bringen mochte, so neu waren sie nicht. Und wenn man seine schon lange gehegten Zweifel hinsichtlich der Zuverlässigkeit des Sehens in Betracht zog, konnte man da nicht sagen, daß jedes Treffen, das er vereinbart hatte, in gewissem Sinne blind gewesen war?
Am späten Nachmittag verdichtete sich die feuchte Luft, und als er in der Hildburghauserstraße aus dem Bus ausstieg, hatte der Nebel die Stadt fest im Griff und machte die Kälte noch unbehaglicher.
Ballard schritt rasch durch die stillen Straßen. Er kannte den Bezirk kaum, doch lag dieser so nahe an der Mauer, daß er des letzten Restes Atmosphäre, den er einstmals besessen haben mochte, beraubt war. Viele Häuser standen leer, und die bewohnten waren fast alle wegen der Nacht, der Kälte und den Lichtern der Wachtürme verriegelt. Die winzige Seitenstraße, die Mironenko genannt hatte, fand er nur mit Hilfe eines Stadtplans.
Das Haus war unbeleuchtet. Ballard klopfte laut, hörte aber keine Schritte in der Diele. Er hatte sich verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, aber daß überhaupt niemand reagierte, gehörte nicht dazu. Er klopfte noch einmal; und noch einmal. Erst jetzt hörte er Laute im Inneren, und schließlich wurde die Tür aufgemacht. Der Flur war grau und braun gestrichen und wurde lediglich von einer kahlen Glühbirne erhellt. Der Mann, dessen Silhouette sich vor dem freudlosen Hintergrund abzeichnete, war nicht Mironenko.
»Ja?« sagte er. »Was wollen Sie?« Er sprach deutsch mit einem deutlich russischen Akzent.
»Ich suche nach einem Freund«, sagte Ballard.
Der Mann, der beinahe so breit war wie die Tür, unter der er stand, schüttelte den Kopf.
»Es ist niemand da«, sagte er. »Nur ich.«
»Man hat mir gesagt …«
»Sie müssen sich im Haus geirrt haben.«
Der Mann hatte den Satz kaum beendet, als am anderen Ende des trübseligen Flurs Lärm laut wurde. Möbel wurden umgeworfen, jemand hatte angefangen zu schreien.
Der Russe sah über die Schulter und wollte Ballard die Tür vor der Nase zuschlagen, aber das verhinderte Ballards Fuß.
Ballard machte sich die Tatsache zunutze, daß der Mann abgelenkt war, und stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür. Er war schon im Flur – hatte ihn tatsächlich sogar halb durchquert –, als der Russe erst zur Verfolgung ansetzte. Der Lärm der Zerstörung hatte zugenommen und wurde jetzt noch vom Kreischen eines Mannes übertönt. Ballard folgte den Geräuschen aus dem Hoheitsgebiet der Glühbirne hinaus ins Halbdunkel im hinteren Teil des Hauses. Hier hätte er sich vielleicht verirrt, wäre nicht vor ihm eine Tür aufgerissen worden.
Das Zimmer dahinter hatte scharlachrote Fußbodendielen, die glänzten, als wären sie gerade frisch gestrichen worden.
Und dann trat der Innenarchitekt persönlich heraus. Sein Oberkörper war vom Nabel bis zum Hals aufgerissen. Er drückte die Hände auf die klaffende Wunde, aber sie konnte die Flut nicht zurückhalten; sein Blut schoß in Schüben hervor, und mit ihm die Eingeweide. Er sah Ballard in die Augen, und aus seinem Blick sprach schon der Tod, aber sein Körper hatte die Anweisung, sich hinzulegen und zu sterben, noch nicht empfangen. In einem bemitleidenswerten Versuch, die Hinrichtungsstätte hinter sich zu lassen, taumelte er weiter.
Das Schauspiel hatte Ballard aufgehalten, und jetzt packte ihn der Russe von der Tür, zog ihn in den Flur zurück und schrie ihm ins Gesicht. Ballard verstand den Ausbruch in panikverzerrtem Russisch nicht, aber für die Hände, die seinen Hals umklammerten, brauchte er keine Übersetzung. Der Russe wog etwa eineinhalbmal soviel wie er und hatte den Griff eines geübten Würgers, doch Ballard fühlte sich ihm mühelos überlegen. Er wand die Hände des Angreifers vom Hals und schlug ihm übers Gesicht. Es war ein gewaltiger Schlag. Der Russe fiel gegen die Treppe, sein Brüllen verstummte.
Ballard sah wieder zu dem scharlachroten Zimmer. Der Tote war nicht mehr da, aber es lagen noch Fleischfetzen auf der Schwelle.
Und aus dem Inneren drang Gelächter. Ballard wandte sich an den Russen. »Was, in Gottes Namen, geht hier vor?« wollte er wissen, aber der andere Mann starrte nur durch die offene Tür.
Das Gelächter hatte aufgehört, während Ballard sprach. Ein Schatten glitt über die blutbespritzte Wand des Zimmers, und eine Stimme sagte: »Ballard?«
Die Stimme war heiser, als hätte der Sprecher den ganzen Tag und die ganze Nacht geschrien, aber es war die Stimme von Mironenko.
»Stehen Sie nicht draußen in der Kälte herum«, sagte er.
»Kommen Sie herein. Und bringen Sie Solomonow mit.«
Der andere Mann wollte zur Eingangstür, aber Ballard hielt ihn fest, noch bevor er zwei Schritte weit gekommen war.
»Kein Grund zur Angst, Genosse«, sagte Mironenko. »Der Hund ist fort.« Solomonow fing trotz dieser Beteuerung zu schluchzen an, als Ballard ihn in Richtung der offenen Tür drängte.
Mironenko hatte recht gehabt, drinnen war es wärmer. Und keine Spur von einem Hund. Aber dafür Blut im Überfluß. Der Mann, den Ballard gerade auf der Schwelle taumeln gesehen hatte, war in das Schlachthaus zurückgezogen worden, während er und Solomonow gekämpft hatten. Der Leichnam war mit unglaublicher Barbarei behandelt worden. Der Kopf war zertrümmert, das Innere grausig über den Boden verstreut. Und in einer schattigen Ecke dieses schrecklichen Zimmers kauerte Mironenko. Den Schwellungen an Kopf und Oberkörper zufolge, war er gnadenlos geprügelt worden, aber das unrasierte Gesicht zeigte seinem Erlöser ein Lächeln.
»Ich wußte, daß Sie kommen würden«, sagte er. Sein Blick fiel auf Solomonow. »Sie sind mir gefolgt«, sagte er. »Ich glaube, sie wollten mich töten. Hattest du das vor, Genosse?«
Solomonow schlotterte vor Angst – er sah vom geschwollenen Mond von Mironenkos Gesicht zu den überall herumliegenden Eingeweiden –, da er nirgends einen Ort der Zuflucht fand.
»Was hat sie aufgehalten?« fragte Ballard.
Mironenko stand auf. Solomonow zuckte selbst bei dieser langsamen Bewegung zusammen.
»Erzähl Mr. Ballard alles«, drängte Mironenko. »Erzähl ihm alles, was geschehen ist.« Solomonow konnte vor Entsetzen nicht sprechen. »Er gehört natürlich zum KGB«, erklärte Mironenko. »Beides Männer, denen man vertraute. Aber nicht so sehr, daß man sie gewarnt hätte, die armen Narren. Sie wurden losgeschickt, nur mit einem Gewehr und einem Gebet bewaffnet, um mich zu töten.« Er lachte über diese Vorstellung.
»Unter den gegebenen Umständen war keines der beiden von Nutzen.«
»Ich flehe Sie an…« murmelte Solomonow, »…lassen Sie mich gehen. Ich werde nichts sagen.«
»Du wirst sagen, was sie von dir verlangen, Genosse, wie wir alle«, antwortete Mironenko. »Ist es nicht so, Ballard? Wir sind alle Sklaven unseres Glaubens.«
Ballard betrachtete Mironenkos Gesicht eingehend. Es besaß eine Fülle, die sich nicht allein durch die Schwellungen erklären ließ. Die Haut schien beinahe zu wuseln.
»Sie haben dafür gesorgt, daß wir vergessen«, sagte Mironenko.
»Was?« wollte Ballard wissen.
»Uns selbst«, lautete die Antwort, und damit trat Mironenko aus seiner düsteren Ecke ins Licht.
Was hatten Solomonow und sein toter Kumpel mit ihm gemacht? Seine Haut war eine Masse winziger Quetschungen, und er hatte dunkle Flecken an Hals und Schläfen, die Ballard für Blutergüsse gehalten hätte, wenn sie sich nicht so ausbeulen würden, als nistete etwas unter der Haut. Mironenko ließ jedoch keinerlei Unbehagen erkennen, als er die Hand nach Solomonow ausstreckte. Bei der Berührung verlor der gescheiterte Attentäter die Kontrolle über seine Blase, aber Mironenkos Absichten waren nicht mörderischer Art. Mit schauriger Zärtlichkeit strich er eine Träne von Solomonows Wange.
»Geh zu ihnen zurück«, riet er dem zitternden Mann. »Sag ihnen, was du gesehen hast.«
Solomonow schien seinen Ohren nicht zu trauen, oder aber er vermutete – wie Ballard –, daß diese Geste des Verzeihens eine Finte war und jeder Fluchtversuch fatale Konsequenzen heraufbeschwören würde.
Aber Mironenko beharrte darauf. »Geh schon«, sagte er.
»Bitte laß uns alleine. Oder möchtest du bleiben und mitessen?«
Solomonow ging einen unsicheren Schritt auf die Tür zu. Da kein Schlag erfolgte, machte er einen zweiten Schritt, dann einen dritten, und plötzlich war er zur Tür draußen und floh.
»Sag es ihnen!« brüllte Mironenko hinter ihm her.
Die Eingangstür fiel zu.
»Was soll er ihnen sagen?« fragte Ballard.
»Daß ich mich erinnert habe«, sagte Mironenko. »Daß ich die Haut wiedergefunden habe, die sie mir gestohlen haben.«
Ballard fühlte sich zum ersten Mal, seit er dieses Haus betreten hatte, unbehaglich. Nicht wegen des Blutes oder der Knochen zu seinen Füßen, sondern wegen des Ausdrucks in Mironenkos Augen. Er hatte so leuchtende Augen schon einmal gesehen. Aber wo?
»Sie…« sagte er leise, »Sie haben das getan?«
»Freilich«, antwortete Mironenko.
»Wie?« sagte Ballard. Vertrauter Donner wurde in seinem Hinterkopf laut. Er versuchte, nicht darauf zu achten und eine Erklärung aus dem Russen herauszulocken. »Wie, verdammt?«
»Wir sind gleich«, antwortete Mironenko. »Ich rieche es in Ihnen.«
»Nein«, sagte Ballard. Das Dröhnen schwoll an.
»Doktrinen sind nur Worte. Nicht, was man uns beibringt, ist wichtig, sondern was wir wissen. In unserem Mark, in unseren Seelen.«
Er hatte schon einmal von Seelen gesprochen, von Stätten, die seine Herren erbaut hatten und wo ein Mensch gebrochen werden konnte. Damals hatte Ballard die Worte für bloße Übertreibung gehalten; jetzt war er nicht mehr so sicher. Welchen Zweck hatte die Beerdigung gehabt, wenn nicht, um einen geheimen Teil von ihm zu unterdrücken? Den Mark-Teil, den Seelen-Teil.
Bevor Ballard die passenden Worte finden konnte, um sich zu offenbaren, erstarrte Mironenko, und seine Augen leuchteten mehr denn je.
»Sie sind draußen«, sagte er.
»Wer?«
Der Russe zuckte mit den Achseln. »Ist das wichtig?« fragte er. »Ihre Seite oder meine. Beide werden uns zum Schweigen bringen, wenn sie können.«
Das stimmte.
»Wir müssen schnell sein«, sagte er und ging zum Flur. Die Eingangstür stand offen. Mironenko war binnen Sekunden dort. Ballard folgte. Sie schlichen gemeinsam auf die Straße hinaus.
Der Nebel war dicker geworden. Er schwebte müßig um die Straßenlaternen, machte ihr Licht trübe und verwandelte jeden Torbogen in ein Versteck. Ballard wartete nicht, bis er die Verfolger ins Freie gelockt hatte, sondern folgte Mironenko, der, trotz seiner Masse flink, schon ein gutes Stück voraus war.
Ballard mußte laufen, damit er den Mann nicht aus den Augen verlor. Eben war er noch zu sehen, und im nächsten Augenblick hatte sich schon der Nebel hinter ihm geschlossen.
Das Wohngebiet, durch das sie gingen, wich anonymeren Gebäuden, möglicherweise Lagerhallen, deren fensterlose Wände sich in die Dunkelheit erstreckten. Ballard rief Mironenko nach, er solle nicht so schnell gehen. Der Russe blieb stehen und drehte sich zu Ballard um, und sein Schatten waberte im belagerten Licht. War es ein Trick des Nebels, oder hatte sich Mironenkos Zustand in den Minuten, seit sie das Haus verlassen hatten, verschlechtert? Sein Gesicht schien zu nässen, die Flecken am Hals waren noch mehr angeschwollen.
»Wir brauchen nicht zu laufen«, sagte Ballard. »Sie folgen uns nicht.«
»Sie folgen immer«, antwortete Mironenko, und als solle der Antwort Nachdruck verliehen werden, hörte Ballard nebelgedämpfte Schritte in einer angrenzenden Straße.
»Keine Zeit für Diskussionen«, murmelte Mironenko, drehte sich auf dem Absatz herum und lief weiter. Der Nebel hatte ihn binnen Sekunden wieder verschluckt.
Ballard zögerte noch einen Augenblick. So gefährlich es war, er wollte die Verfolger kurz sehen, damit er sie künftig kannte. Aber als Mironenkos leise tapsende Schritte in der Ferne verstummten, stellte er fest, daß auch die anderen Schritte aufgehört hatten. Wußten sie, daß er auf sie wartete?
Er hielt den Atem an, aber sie waren weder zu hören noch zu sehen. Der pflichtvergessene Nebel lungerte weiter herum.
Ballard schien alleine darin zu sein. Widerstrebend gab er es auf, zu warten, und eilte dem Russen im Laufschritt hinterher.
Ein paar Meter weiter gabelte sich die Straße. Von Mironenko war in beiden Richtungen nichts zu sehen. Ballard verfluchte seine Dummheit, weil er zaudernd zurückgeblieben war, und lief in die Abzweigung, die am dichtesten vom Nebel verhüllt war. Die Straße war kurz und hörte an einer mit Scherben gekrönten Mauer auf, hinter der sich eine Art Park befand. An dieser Stelle feuchten Bodens klammerte sich der Nebel zäher fest als an der Straße, und Ballard konnte nicht weiter als vier oder fünf Meter sehen. Aber er wußte instinktiv, daß er sich für die richtige Straße entschieden hatte. Mironenko hatte diese Mauer überwunden und wartete irgendwo in der Nähe auf ihn. Der Nebel hinter ihm wahrte die Ruhe. Die Verfolger hatten ihn entweder verloren oder sich verirrt, oder beides. Er zog sich an der Mauer hoch, wobei er die Scherben um Haaresbreite verfehlte, und sprang auf der anderen Seite hinunter.
Die Straße war schon so leise gewesen, daß man eine Stecknadel fallen hören konnte, aber hier im Park war es noch leiser. Der Nebel hier war kühler und drückte sich beharrlicher gegen ihn, während er über das nasse Gras ging. Die Mauer hinter ihm – sein einziger Fixpunkt in dieser Wüste – wurde zum Schatten ihrer selbst und verblaßte dann völlig. Entschlossen ging er ein paar Schritte weiter, war aber nicht sicher, ob er überhaupt den richtigen Weg eingeschlagen hatte.
Plötzlich wurde der Nebelvorhang beiseite gezogen, und er sah wenige Meter entfernt eine Gestalt, die auf ihn wartete. Die Blutergüsse verzerrten sein Gesicht inzwischen so schlimm, daß Ballard ihn gar nicht als Mironenko erkannt hätte, wären nicht die immer noch leuchtenden Augen gewesen.
Der Mann wartete nicht auf Ballard, sondern drehte sich herum, verschwand im Substanzlosen und überließ es dem Engländer, der Jagd und Beute gleichermaßen verfluchte, ob er ihm folgen wollte oder nicht. Er spürte eine Bewegung in der Nähe. Seine Sinne waren in der klammen Umarmung von Nacht und Nebel nutzlos, aber er sah mit jenem anderen Auge, hörte mit jenem anderen Ohr und wußte, daß er nicht alleine war. Hatte Mironenko den Wettlauf aufgegeben und kam zurück, um ihn zu begleiten? Obwohl er wußte, daß er damit seine Position allen und jedem zu erkennen gab, sprach er den Namen des Mannes aus, da er ebenso sicher war, daß seine Verfolger ohnedies schon genau wußten, wo er stand.
»Sagen Sie etwas«, forderte er.
Er bekam keine Antwort aus dem Nebel.
Dann: Bewegung. Der Nebel wirbelte um sich selbst, und Ballard erblickte eine Gestalt, die die Schleier teilte. Mironenko! Er rief dem Mann nochmals hinterher und folgte ihm ein paar Schritte in den Nebel, als sich ihm etwas entgegenstellte. Er sah das Phantom nur einen Augenblick, gerade lange genug, daß er glühende Augen und gewaltige Zähne erkennen konnte, die den Mund zu einer dauernden Grimasse verzerrten.
Dieser Tatsache – Augen und Zähne – war er sich gewiß. Bei anderen bizarren Einzelheiten – borstige Haut, monströse Gliedmaßen – war er nicht so sicher. Vielleicht verlor sein von zuviel Lärm und Schmerzen erschöpfter Verstand allmählich den Halt in der Wirklichkeit und erfand Schrecken, um ihn durch Angst wieder in Unwissenheit zu versetzen.
»Der Teufel soll euch holen«, sagte er und meinte sowohl den Donner, der wiederkam, um ihn zu blenden, als auch die Phantome, in deren Angesicht er geblendet werden würde. Fast wie um seinen Trotz auf die Probe zu stellen, leuchtete der Nebel vor ihm auf, teilte sich, und etwas, das er für einen Menschen hätte halten können, wäre es nicht mit dem Bauch am Boden gekrochen, war zu erkennen und verschwand wieder. Er hörte rechts von sich ein Knurren; links von ihm kam und ging eine weitere unbestimmbare Gestalt. Es schien, als wäre er von Wahnsinnigen und wilden Hunden umgeben.
Und Mironenko? Wo war der? Ein Teil dieser Versammlung, oder ihre Beute? Als er ein undeutliches Wort hinter sich hörte, drehte er sich herum und sah eine Gestalt, die wahrscheinlich die des Russen war, im Nebel verschwinden.
Diesmal lief er nicht, sondern nahm die Verfolgung rennend auf, und das wurde belohnt. Die Gestalt tauchte wieder vor ihm auf, und Ballard streckte sich, um das Jackett des Mannes zu packen. Mit den Fingern erwischte er die Beute, und mit einem Mal wirbelte Mironenko herum, ein Knurren drang aus seinem Hals, und Ballard sah in ein Gesicht, das ihm beinahe einen Aufschrei entlockt hätte. Der Mund eine offene Wunde, die Zähne riesig, die Augen Schlitze geschmolzenen Goldes. Die Knoten am Hals waren angeschwollen und noch mehr geworden, so daß der Kopf nicht mehr auf dem Körper saß, sondern Teil eines einzigen Klumpens war, Kopf und Rumpf ineinander übergehend ohne dazwischenliegende Achse.
»Ballard.« Die Bestie lächelte.
Die Stimme konnte sich nur unter größten Mühen verständlich machen, aber Ballard hörte dennoch einen Rest Mironenko heraus. Je eingehender er das wabernde Fleisch betrachtete, desto stärker wurde sein Ekel.
»Haben Sie keine Angst«, sagte Mironenko.
»Was ist das für eine Krankheit?«
»Die einzige Krankheit, die ich je hatte, war das Vergessen, und davon bin ich geheilt…« Er verzog beim Sprechen das Gesicht, als wäre jedes Wort im Widerspruch zu den Instinkten seines Halses geformt.
Ballard strich sich über die Stirn. Obwohl er sich gegen den Schmerz sträubte, wurde der Lärm immer lauter.
»… Sie erinnern sich auch, nicht wahr? Sie sind einer von uns.«
»Nein«, murmelte Ballard.
Mironenko streckte ihm eine borstige Handfläche entgegen.
»Haben Sie keine Angst«, sagte er. »Sie sind nicht allein. Es gibt viele von uns. Brüder und Schwestern.«
»Ich bin nicht Ihr Bruder«, sagte Ballard.
Die Stimme war schlimm, aber Mironenkos Gesicht war noch schlimmer. Er drehte ihm angeekelt den Rücken zu, aber der Russe folgte ihm.
»Haben Sie die Freiheit nicht gekostet, Ballard ? Und das Leben. Nur einen Hauch entfernt.«
Ballard ging weiter, und Blut floß aus seinen Nasenlöchern.
Er ließ es strömen.
»Es tut nur eine Weile weh«, sagte Mironenko. »Dann verschwinden die Schmerzen…«
Ballard hielt den Kopf gesenkt und sah zu Boden. Da Mironenko bemerkte, daß er wenig Eindruck hinterließ, blieb er zurück.
»Sie werden Sie nicht wieder aufnehmen!« sagte er. »Sie haben zuviel gesehen.«
Das Dröhnen der Hubschrauber übertönte diese Worte nicht ganz. Ballard wußte, daß sie zutrafen. Er hielt inne und hörte Mironenko durch die Kakophonie murmeln:
» Sehen Sie… «
Vor ihm war der Nebel etwas dünner geworden, die Mauer des Parks war hinter Nebelschwaden zu sehen. Mironenkos Stimme hinter ihm war zu einem Fauchen geworden.
» Sehen Sie, was Sie sind. «
Die Rotoren dröhnten, Ballards Beine fühlten sich an, als würden sie unter ihm nachgeben. Aber er ging weiter auf die Mauer zu. Als er nur noch wenige Meter davon entfernt war, rief Mironenko ihm noch einmal etwas hinterher, aber diesmal waren es überhaupt keine Worte mehr. Es war nur noch ein leises Knurren. Ballard konnte nicht widerstehen, er mußte hinsehen, nur einmal. Er sah über die Schulter.
Wieder trübte der Nebel seine Sicht, aber nicht völlig.
Augenblicke, die ein ganzes Zeitalter dauerten und doch viel zu kurz waren, sah er das Ding, das einmal Mironenko gewesen war, in all seiner Pracht, und bei diesem Anblick schwoll das Dröhnen der Rotoren zur Unerträglichkeit an. Er hielt die Hände vors Gesicht. Als er das tat, fiel ein Schuß; dann noch einer; dann eine ganze Salve. Er stürzte zu Boden, aus Schwäche und um sich selbst zu schützen, und als er die Hände von den Augen nahm, sah er mehrere menschliche Gestalten, die sich im Nebel bewegten. Er hatte die Verfolger vergessen, aber sie ihn nicht. Sie waren ihm in den Park gefolgt und waren jetzt in diesen Wahnsinn hineingeraten, und jetzt hatten sich Menschen und Halbmenschen und Nichtmenschen im Nebel verirrt, und ringsumher herrschte blutige Verwirrung. Er sah einen Schützen auf einen Schatten feuern, doch dann taumelte nur ein Verbündeter mit einer Kugel im Bauch aus dem Nebel hervor; sah ein Ding auf vier Beinen erscheinen und auf zweien wieder verschwinden; sah ein anderes vorbeirennen, das einen Menschenkopf an den Haaren trug und lachte, die Schnauze weit aufgerissen.
Der Tumult bewegte sich in seine Richtung. Da er um sein Leben fürchtete, stand er auf und stolperte zur Mauer zurück.
Das Schreien und Schießen und Fauchen ging weiter; er rechnete mit jedem Schritt damit, daß ihn eine Kugel oder eine Bestie erwischen würde. Aber er gelangte lebend zur Mauer und versuchte, sie zu erklimmen. Er hatte jedoch die Koordination seiner Bewegungen verloren. Es blieb ihm keine andere Wahl, als an der Mauer entlangzugehen, bis er ans Tor kam. Hinter ihm gingen die Szenen der Demaskierung und Verwandlung und irrtümlich vermuteten Identitäten weiter.
Seine benommenen Gedanken wanderten kurz zu Mironenko.
Würden er oder einer seines Stammes dieses Massaker überleben?
»Ballard«, sagte eine Stimme im Nebel. Er konnte den Sprecher nicht sehen, aber er kannte die Stimme. Er hatte sie während seiner Halluzinationen gehört, und sie hatte ihm Lügen erzählt.
Er spürte einen Stich im Nacken. Der Mann war von hinten gekommen und bohrte ihm eine Nadel in den Hals.
»Schlafen Sie«, sagte die Stimme. Und mit den Worten kam das Vergessen.
Zuerst konnte er sich nicht an den Namen des Mannes erinnern. Sein Verstand wanderte ziellos umher wie ein verwirrtes Kind, obwohl sein Gesprächspartner immer wieder seine Aufmerksamkeit verlangte und zu ihm sprach, als wären sie alte Freunde. Tatsächlich hatte das ungehorsame Auge, das sich immer ein wenig langsamer bewegte als sein Gefährte, etwas Vertrautes. Schließlich fiel ihm der Name wieder ein.
»Sie sind Cripps«, sagte er.
»Selbstverständlich bin ich Cripps«, antwortete der Mann.
»Spielt Ihnen Ihre Erinnerung Streiche? Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe Ihnen ein Beruhigungsmittel gegeben, damit Sie das Gleichgewicht nicht verlieren. Ich glaube allerdings nicht, daß das sehr wahrscheinlich ist. Sie haben trotz erheblicher Provokationen einen guten Kampf geliefert, Ballard.
Wenn ich daran denke, wie Odell durchgedreht hat…«
Er seufzte. »Können Sie sich überhaupt noch an letzte Nacht erinnern?«
Zuerst war sein geistiges Auge blind. Aber dann kamen die Erinnerungen. Vage Gestalten, die sich im Nebel bewegten.
»Der Park«, sagte er.
»Ich habe Sie gerade noch herausbekommen. Gott allein weiß, wie viele bereits tot sind.«
»Der andere… der Russe… ?«
»Mironenko?« meinte Cripps. »Ich weiß nicht. Sehen Sie, ich bin nicht mehr der Chef. Ich habe nur eingegriffen, um zu retten, was zu retten war. Früher oder später wird London uns wieder brauchen. Besonders da sie jetzt wissen, daß die Russen, wie wir, eine Spezialeinheit haben. Selbstverständlich haben wir schon Gerüchte gehört. Und nachdem Sie sich mit Mironenko getroffen haben, habe ich mir Gedanken über ihn gemacht. Daher habe ich unser Treffen vereinbart. Und als ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, da wußte ich es natürlich. Dieser Ausdruck in den Augen. So etwas wie Hunger.«
»Ich habe gesehen, wie er sich verwandelt hat…«
»Ja, ein irrer Anblick, nicht? Die Energie, die entfesselt wird. Sehen Sie, darum haben wir das Programm entwickelt, um uns diese Energie nutzbar zu machen, um sie für unsere Zwecke einzusetzen. Aber sie ist schwer zu kontrollieren. Es hat jahrelange Unterdrückungstherapie erfordert, das Verlangen nach Verwandlung langsam zu begraben, damit wir am Ende einen Menschen mit den Fähigkeiten einer Bestie hatten.
Ein Wolf im Schafspelz. Wir dachten, wir hätten das Problem gelöst; daß die Reaktion auf Schmerzen jemanden unterdrückt halten würde, wenn es schon Glaubenssysteme nicht konnten.
Aber wir haben uns geirrt.« Er stand auf und ging ans Fenster.
»Jetzt müssen wir wieder von vorne anfangen.«
»Suckling hat gesagt, Sie wären verwundet worden.«
»Nein. Lediglich abberufen. Nach London zurückbeordert.«
»Aber Sie sind nicht gegangen.«
»Jetzt werde ich gehen, wo ich Sie gefunden habe.« Er drehte sich zu Ballard um. »Sie sind meine Rechtfertigung, der lebende Beweis dafür, daß meine Techniken funktionieren. Sie wissen vollkommen über Ihren Zustand Bescheid, und dennoch behält die Therapie die Oberhand.« Er wandte sich wieder zum Fenster. Regen prasselte gegen das Glas. Ballard meinte fast, ihn zu spüren, auf seinem Kopf, auf dem Rücken. Kühlen, erfrischenden Regen. Einen wonniglichen Augenblick lang schien er darin zu laufen, dicht am Boden, und die Luft war von den Gerüchen erfüllt, die der Wolkenbruch auf dem Pflaster freigesetzt hatte.
»Mironenko hat gesagt…«
»Vergessen Sie Mironenko«, antwortete Cripps. »Er ist tot.
Sie sind der letzte der alten Ordnung, Ballard. Und der erste der neuen.«
Unten läutete es. Cripps sah zum Fenster hinaus auf die Straße.
»Schau, schau«, sagte er. »Eine Delegation, die uns bittet, zurückzukehren. Ich hoffe, Sie fühlen sich geschmeichelt.« Er ging zur Tür. »Bleiben Sie hier. Wir müssen Sie heute abend nicht herumzeigen. Sie sind müde. Sollen sie warten, hm?
Sollen sie schwitzen.« Er verließ das stickige Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Ballard hörte seine Schritte auf der Treppe. Es klingelte zum zweiten Mal. Er stand auf und ging zum Fenster. Das erschöpfte Spätnachmittagslicht paßte zu seiner eigenen Erschöpfung; er und diese Stadt waren immer noch ein Fleisch und Blut, trotz des Fluchs, der auf ihm lastete. Unten stieg ein Mann aus dem Auto aus und kam zur Eingangstür. Ballard konnte selbst in diesem extremen Winkel erkennen, daß es Suckling war.
Aus der Diele waren Stimmen zu hören, und mit Sucklings Eintreffen schien die Debatte noch hitziger zu werden. Ballard ging zur Tür und lauschte, aber sein drogenumnebelter Verstand konnte den Sinn des Streits nicht erfassen. Er betete, daß Cripps zu seinem Wort stehen und ihnen nicht erlauben würde, ihn anzusehen. Er wollte keine Bestie wie Mironenko sein. Es war keine Freiheit, so schrecklich zu sein, lediglich eine andere Form von Tyrannei. Aber er wollte auch nicht der erste von Cripps’ heldenhafter neuer Ordnung sein. Ihm wurde klar, daß er zu niemandem gehörte, nicht einmal zu sich selbst. Er war hoffnungslos verloren. Und doch, hatte nicht Mironenko bei ihrer ersten Begegnung gesagt, daß der Mann, der sich nicht für verloren hielt, verloren war? Vielleicht besser das – besser, im dämmrigen Zwielicht zwischen einem Zustand und dem anderen zu existieren und, so gut es ging, durch Zweifel und Doppeldeutigkeit zu gedeihen –, als die Gewißheit des Turms, jener mächtigen Festung, zu erdulden.
Die Debatte unten wurde heftiger. Ballard machte die Tür auf, damit er besser hören konnte. Er hörte Sucklings Stimme.
Ihr Tonfall war summend, aber deshalb nicht weniger bedrohlich.
»Es ist vorbei…« sagte er zu Cripps, »… verstehen Sie kein gewöhnliches Englisch mehr?« Cripps wollte protestieren, aber Suckling schnitt ihm das Wort ab. »Entweder Sie verhalten sich wie ein Gentleman und kommen, oder aber Gideon und Sheppard tragen Sie hinaus. Was ist Ihnen lieber?«
»Was soll das?« wollte Cripps wissen. »Sie sind ein Niemand, Suckling. Ein Lachschlager.«
»Das war gestern«, antwortete der Mann. »Es haben einige Veränderungen stattgefunden. Jedes Ding hat seine Stunde, ist es nicht so? Sie sollten das besser wissen als jeder andere. Ich an Ihrer Stelle würde mir einen Mantel holen. Es regnet.«
Ein kurzes Schweigen, dann sagte Cripps. »Also gut, ich komme mit.«
»Gut«, sagte Suckling süßlich. »Gideon, sehen Sie oben nach.«
»Ich bin allein«, sagte Cripps.
»Ich glaube Ihnen«, sagte Suckling. Dann, zu Gideon:
»Sehen Sie trotzdem nach.«
Ballard hörte, wie jemand durch die Diele ging, dann plötzlich eine hastige Folge von Bewegungen. Cripps unternahm entweder einen Fluchtversuch oder griff Suckling an, eins von beidem. Suckling schrie auf; es kam zum Handgemenge. Dann durchschnitt die allgemeine Verwirrung ein Schuß. Cripps schrie auf, dann hörte man ihn stürzen.
Nun Sucklings vor Wut belegte Stimme. »Dummkopf«, sagte er. »Dummkopf.«
Cripps stöhnte etwas, das Ballard nicht verstand. Vielleicht hatte er darum gebeten, beseitigt zu werden, denn Suckling sagte zu ihm: »Nein. Sie kehren nach London zurück. Sheppard, stillen Sie die Blutung. Gideon, nach oben.«
Ballard wich von der Treppe zurück, als Gideon heraufkam.
Er kam sich träge und linkisch vor. Es gab keinen Ausweg aus dieser Falle. Sie würden ihn in die Ecke drängen und auslöschen. Er war eine Bestie, ein wahnsinniger Hund im Labyrinth. Hätte er Suckling nur getötet, als er noch die Kraft dazu gehabt hatte. Aber was hätte das genützt? Die Welt war voll von Menschen wie Suckling, Menschen, die sich die Zeit vertrieben, bis sie ihr wahres Gesicht zeigen konnten, böse, weiche, verstohlene Menschen. Und plötzlich schien sich die Bestie in Ballard zu bewegen, und er dachte an den Park und den Nebel und Mironenkos lächelndes Gesicht, und er verspürte eine Woge der Trauer wegen etwas, das er nie gehabt hatte: das Leben eines Monsters.
Gideon war die Treppe fast heraufgekommen. Obwohl er so das Unvermeidliche nur Augenblicke hinauszögern konnte, schlich Ballard am Geländer entlang in die erste Tür, die er fand. Es war ein Badezimmer. Die Tür hatte einen Riegel, den er vorschob.
Plätschern von Wasser erfüllte den Raum. Die Regenrinne war gebrochen, ein Sturzbach ergoß sich auf den Fenstersims.
Das Geräusch und die Kälte im Bad riefen ihm die Nacht der Halluzinationen ins Gedächtnis zurück. Er erinnerte sich an Schmerzen und Blut, erinnerte sich an die Dusche – Wasser, das ihm auf den Kopf prasselte und die Schmerzen beseitigte, die ihn zähmten. Als er daran dachte, kamen ihm unwillkürlich drei Worte über die Lippen.
»Ich glaube nicht.« Er war gehört worden.
»Hier oben ist jemand«, rief Gideon. Der Mann kam zur Tür und schlug dagegen. »Aufmachen!«
Ballard hörte ihn deutlich, antwortete aber nicht. Sein Hals schmerzte, und das Dröhnen der Rotoren war wieder lauter geworden. Er lehnte den Rücken an die Tür und gab alle Hoffnung auf.
Suckling war innerhalb von Sekunden die Treppe heraufgekommen und stand neben der Tür.
»Wer ist da drinnen?« wollte er wissen. »Antworten Sie!
Wer ist da drinnen?« Da er keine Antwort bekam, befahl er, daß Cripps nach oben gebracht wurde. Neuerlicher Lärm, als dem Befehl Folge geleistet wurde.
»Zum letzten Mal…« sagte Suckling.
Der Druck in Ballards Kopf nahm zu. Diesesmal schien es, als hätte der Lärm tödliche Absichten. Die Augen taten ihm weh, als wollten sie aus den Höhlen quellen. Er sah etwas im Spiegel über dem Waschbecken, etwas mit leuchtenden Augen, und wieder kamen die Worte – »Ich glaube nicht« –, aber diesmal konnte sein Hals, der emsig mit anderen Dingen beschäftigt war, sie kaum artikulieren.
»Ballard«, sagte Suckling. Das Wort drückte Triumph aus.
»Mein Gott, wir haben Ballard auch. Heute ist mein Glückstag.«
Nein, dachte der Mann im Spiegel. Es war niemand da, der so hieß. Es war überhaupt niemand da, der einen Namen hatte, denn waren Namen nicht die erste Tat des Glaubens, das erste Brett des Sarges, in der die Freiheit begraben wurde? Das Ding, zu dem er wurde, würde keinen Namen bekommen und nicht in einem Sarg landen und begraben werden. Nie mehr.
Einen Augenblick verlor er das Bad aus den Augen und stellte fest, daß er über dem Grab schwebte, das sie ihn graben ließen, und in dessen Tiefe tanzte der Sarg, dessen Inhalt gegen das vorzeitige Begräbnis ankämpfte. Er konnte Holz splittern hören – oder war das die Tür, die eingeschlagen wurde?
Der Sargdeckel flog davon. Ein Regen von Nägeln fiel auf die Köpfe der Trauergemeinde. Das Geräusch in seinem Kopf hörte plötzlich auf, als wäre ihm klargeworden, daß seine Qualen vergeblich waren, und mit ihm die Halluzination. Er war wieder im Bad, vor der offenen Tür. Die Männer, die ihn ansahen, hatten Gesichter wie Narren. Schlaff und vor Schock gelähmt – weil sie sahen, wie er beschaffen war. Weil sie seine Schnauze sahen, sein Haar, die goldenen Augen und die gelben Zähne. Ihr Entsetzen versetzte ihn in Hochstimmung.
»Töten Sie es! « sagte Suckling und stieß Gideon durch die Tür. Der Mann hatte bereits die Pistole aus der Tasche geholt und legte an, aber der Zeigefinger war zu langsam. Die Bestie packte die Hand und quetschte das Fleisch um den Stahl herum zu Brei. Gideon schrie und taumelte zur Treppe, ohne auf Sucklings Rufe zu achten.
Als die Bestie die Hand hob, um am Blut an der Handfläche zu schnuppern, schoß ein Blitz durch die Luft, und sie spürte einen Schlag gegen die Schulter. Aber Sheppard hatte keine Möglichkeit mehr, einen zweiten Schuß abzugeben, da war seine Beute schon durch die Tür und über ihm. Er ließ die Pistole fallen und unternahm einen vergeblichen Fluchtversuch zur Treppe, doch die Hand der Bestie hieb mit einem mühelosen Schlag die Schädeldecke entzwei. Der Schütze sackte nach vorne, sein Geruch erfüllte den Treppenabsatz. Die Bestie vergaß ihre anderen Feinde, warf sich auf den Fleischabfall und aß. Jemand sagte: »Ballard.«
Die Bestie schlürfte die Augen des toten Mannes mit einem einzigen Schluck – wie Austern.
Wieder diese Silben. »Ballard.« Die Bestie hätte weiter-gegessen, aber das Geräusch von Weinen drang ihr ans Ohr.
Sie war gegenüber sich selbst abgestumpft, aber nicht gegen Kummer. Sie ließ das Fleisch aus den Händen fallen und drehte sich um. Der Mann, der weinte, weinte nur mit einem Auge; das andere sah sie seltsam ungerührt an. Aber der Schmerz im lebenden Auge war wirklich tief. Die Bestie wußte, das war Verzweiflung; dieses Leiden war ihr so nahe, daß es die süße Verwandlung nicht völlig auslöschen konnte. Der weinende Mann lag in den Armen eines anderen, der seinem Gefangenen eine Pistole an die Schläfe drückte.
»Wenn Sie noch eine Bewegung machen«, sagte der Fänger, »blase ich ihm den Kopf weg. Haben Sie verstanden?«
Die Bestie wischte sich den Mund ab.
»Sagen Sie es ihm, Cripps. Er ist Ihr Baby. Machen Sie es ihm begreiflich.«
Der einäugige Mann wollte sprechen, doch die Worte gingen über seine Kraft. Blut aus der Wunde im Unterleib floß ihm zwischen den Fingern hervor.
»Keiner von euch muß sterben«, sagte der Fänger. Der Bestie gefiel die Melodik seiner Stimme nicht; sie war schrill und falsch. »London hätte Sie viel lieber lebend. Warum sagen Sie es ihm nicht, Cripps? Sagen Sie ihm, daß ich ihm nichts tun will.«
Der weinende Mann nickte.
»Ballard…« murmelte er. Seine Stimme war sanfter als die andere. Die Bestie hörte zu.
»Verraten Sie mir, Ballard…« sagte er, »…wie ist es?«
Die Bestie konnte die Frage nicht ganz verstehen.
»Bitte sagen Sie es mir. Aus reiner Neugier…«
»Verdammt…« sagte Suckling und drückte Cripps die Pistole ins Fleisch. »Das ist keine Diskussionsrunde.«
»Ist es gut?« fragte Cripps, der weder auf den Mann noch die Waffe achtete.
»Seien Sie still!«
»Antworten Sie mir, Ballard. Wie ist es? « Als er Cripps in die verzweifelten Augen sah, wurde Ballard die Bedeutung der ausgestoßenen Laute bewußt, die Worte fügten sich zusammen wie Mosaiksteine. »Ist es gut?« fragte der Mann. Ballard hörte das Lachen in seinem Hals, und dort fand er auch die Silben, um zu antworten. »Ja«, sagte er dem weinenden Mann. »Ja. Es ist gut.«
Er hatte kaum ausgesprochen, als Cripps mit der Hand nach Suckling griff. Niemand würde je erfahren, ob Selbstmord oder Flucht seine Absicht war. Der Zeigefinger krümmte sich, eine Kugel bohrte sich nach oben durch Cripps’ Kopf und verteilte seine Verzweiflung über die Decke. Suckling schleuderte den Leichnam von sich und wollte erneut anlegen, aber die Bestie war schon über ihm.
Hätte er noch mehr von einem Menschen gehabt, hätte Ballard vielleicht überlegt, ob er Suckling leiden lassen sollte, aber derlei perverse Ambitionen hatte er nicht mehr. Sein einziger Gedanke war, den Feind so wirkungsvoll wie möglich auszulöschen. Das erledigten zwei heftige, tödliche Hiebe.
Nachdem der Mann beseitigt war, ging Ballard zu Cripps. Das Glasauge hatte die Vernichtung überlebt. Es sah starr geradeaus und betrachtete ungerührt die Verwüstungen ringsum. Ballard holte es aus dem verstümmelten Kopf und steckte es in die Tasche, dann ging er in den Regen hinaus.
Es dämmerte. Er wußte nicht, in welchen Bezirk von Berlin er gebracht worden war, aber seine von der Vernunft befreite Intuition führte ihn durch Seitenstraßen und Schatten zu einem Ödland am Stadtrand, in dessen Mitte eine einsame Ruine stand. Man konnte bestenfalls vermuten, welchen Zweck das Gebäude einmal gehabt haben mochte (ein Schlachthaus? ein Opernhaus?), aber es war durch eine Laune des Schicksals der Zerstörung entkommen, obwohl alle anderen Häuser im Umkreis von mehreren hundert Metern dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Als er über das unkrautüberwucherte Geröll schritt, änderte sich die Windrichtung um ein paar Grad und trug ihm den Geruch seines Stammes zu. Es waren viele da, im Schutz der Ruine versammelt. Einige lehnten mit dem Rücken an der Wand und teilten sich eine Zigarette; manche waren makellose Wölfe und streiften mit goldenen Augen, Geistern gleich, durch die Dunkelheit; wieder andere hätten als Menschen gelten können, wären ihre Schwänze nicht gewesen.
Er befürchtete zwar, daß Namen im Klan verboten sein würden, aber er fragte dennoch zwei Liebende, die sich im Schatten der Mauer paarten, ob sie einen Mann namens Mironenko kannten. Das Weibchen hatte einen glatten, haarlosen Rücken und ein Dutzend pralle Zitzen, die von ihrem Bauch hingen.
»Hör doch«, sagte sie.
Ballard lauschte und hörte jemanden in einer Ecke der Ruine sprechen. Die Stimme schwoll an und ab. Er folgte den Lauten durch das Innere, das nicht mehr überdacht war, bis zu einer Stelle, wo ein Wolf, der ein aufgeschlagenes Buch in den Pfoten hielt, vor einem aufmerksamen Publikum stand. Als Ballard näher kam, wandten ihm einer oder zwei aus dem Publikum die leuchtenden Augen zu. Der Lesende hielt inne.
»Psst«, sagte einer, »der Genosse liest uns vor.«
Es war Mironenko, der sprach. Ballard schlüpfte neben ihn in den Kreis der Zuhörer, während der Vorleser mit der Geschichte fortfuhr.
» Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und
mehret euch und füllet die Erde… «
Ballard hatte diese Worte schon einmal gehört, aber heute nacht waren sie neu.
»… und machet sie euch Untertan und herrschet über die
Fische im Meer und über die Vögel im Himmel… «
Er sah sich im Kreis der Zuhörer um, während der vertraute Rhythmus der Worte weiterging.
» …und über alles Getier, das auf Erden kriecht. «
Irgendwo in der Nähe weinte eine Bestie.
Was dann geschah – als der Magier, nachdem er den Tiger im Käfig hypnotisiert hatte, an einer Kordel mit Quaste zog und ihm ein Dutzend Schwerter auf den Kopf fiel –, war Gegenstand hitziger Diskussionen in der Bar des Theaters und später, als Swanns Vorstellung vorbei war, auf dem Gehweg der Ein-undfünfzigsten Straße. Manche behaupteten, sie hätten in dem Sekundenbruchteil, als alle auf die herabfallenden Klingen schauten, mitbekommen, wie sich der Boden des Käfigs öffnete und der Tiger hastig weggescheucht wurde, damit die Frau im roten Kleid seinen Platz hinter den Gitterstäben einnehmen konnte. Andere beharrten ebenso felsenfest darauf, daß das Tier von Anfang an überhaupt nicht in dem Käfig war und seine Präsenz lediglich eine Projektion, die abgeschaltet wurde, als ein Mechanismus die Frau von einem Kellerraum auf die Bühne beförderte; dies natürlich mit solcher Geschwindigkeit, daß die Augen aller getäuscht wurden, abgesehen von denen, die schnell und argwöhnisch genug waren, daß sie es mitbekamen. Und die Schwerter? Der Trick, der sie innerhalb der wenigen Sekunden ihres Falls von funkelndem Stahl in Rosenblüten verwandelt hatte, bot den Diskussionen weiteren Zündstoff. Die Erklärungen reichten vom Prosaischen zum Weithergeholten, aber nur die wenigsten, die das Theater verließen, hatten überhaupt keine Theorie. Und die Diskussionen hörten auch hier, auf dem Gehweg, nicht auf. Sie wurden zweifellos in den Wohnungen und Restaurants von New York weitergeführt.
Das Vergnügen, welches Swanns Illusionen bereiteten, war, wie es schien, zweifacher Natur. Erstens: das Schauspiel des Tricks selbst – der atemlose Augenblick, wenn die Skepsis, wenn schon nicht überwunden, so doch kalt erwischt wurde.
Und zweitens, wenn der Augenblick vorbei war und wieder die Logik herrschte, die Diskussion darüber, wie der Trick bewerkstelligt worden war.
»Wie machen Sie das nur, Mr. Swann?« wollte Barbara Bernstein eifrig wissen.
»Es ist Magie«, antwortete Swann. Er hatte sie hinter die Bühne gebeten, damit sie den Tigerkäfig auf irgendwelche Manipulationen in der Konstruktion hin untersuchen konnte; sie hatte keine gefunden. Sie hatte die Schwerter untersucht; sie waren tödlich. Und die Rosenblüten duftend.
Dennoch beharrte sie: »Ja, aber in Wirklichkeit.. .« Sie beugte sich dicht zu ihm.»Mir können Sie es doch sagen«, meinte sie, »ich verspreche Ihnen, ich werde keiner Menschenseele ein Sterbenswörtchen verraten.«
Er lächelte sie anstelle einer Antwort langsam an.
»Oh, ich weiß…« sagte sie. »Sie werden mir erzählen, daß Sie eine Art Pakt unterschrieben haben.«
»Ganz recht«, sagte Swann.
»… und es Ihnen verboten ist, Geschäftsgeheimnisse auszuplaudern.«
»Mein Absicht ist es, Ihnen Vergnügen zu bereiten«, sagte er. »Ist mir das nicht gelungen?«
»O doch«, antwortete sie ohne einen Augenblick des Zögerns. »Alle reden nur über die Vorstellung. Sie sind das Gesprächsthema von New York.«
»Aber nein«, protestierte er.
»Bestimmt«, sagte sie. »Ich kenne Leute, die würden ihren Augapfel hergeben, um ins Theater zu kommen. Und für einen Blick hinter die Kulissen… Alle werden mich beneiden.«
»Das freut mich«, sagte er und strich ihr über die Wange.
Sie hatte damit gerechnet. Noch etwas, womit sie prahlen konnte: wie sie von dem Mann verführt worden war, den die Kritiker den Magus von Manhattan nannten.
»Ich würde gerne mit dir schlafen«, flüsterte er ihr zu.
»Hier?« sagte sie.
»Nein«, sagte er zu ihr. »Nicht in Hörweite der Tiger.«
Sie lachte. Sie bevorzugte Liebhaber, die zwanzig Jahre jünger waren als Swann – er sah aus, so hatte jemand bemerkt, wie ein Mann, der um sein Profil trauert –, aber seine Berührung versprach ein Geschick, wie es kein Junge aufbringen konnte.
Ihr gefiel der Hauch von Zerstörung, den sie hinter seiner Gentleman-Fassade spürte. Swann war ein gefährlicher Mann.
Wenn sie ihn abwies, fand sie vielleicht nie wieder einen.
»Wir könnten in ein Hotel gehen«, schlug sie vor.
»Ein Hotel«, sagte er. »Das ist eine gute Idee.«
Nun kamen ihr doch Zweifel. »Was ist mit Ihrer Frau…«
fragte sie. »Man könnte uns sehen.«
Er nahm ihre Hand. »Sollen wir uns lieber unsichtbar machen?«
»Ich meine es ernst.«
»Ich auch«, beharrte er. »Glauben Sie mir, sehen ist nicht glauben. Ich muß es wissen. Es ist der Grundstein meines Berufes.«
Sie schien nicht beruhigt zu sein. »Wenn uns jemand erkennt«, sagte er zu ihr, »werde ich ihnen einfach sagen, daß ihnen ihre Augen einen Streich gespielt haben.«
Darüber lächelte sie, und er küßte sie. Sie erwiderte den Kuß mit rückhaltloser Leidenschaft.
»Wunderbar«, sagte er, als sie voneinander ließen. »Sollen wir gehen, bevor die Tiger zu tratschen anfangen?«
Er führte sie über die Bühne. Die Putzfrauen hatten ihre Arbeit noch nicht aufgenommen, auf den Brettern lagen Rosenknospen. Manche waren zertreten, ein paar nicht. Swann ließ ihre Hand los und ging zu den Blumen hinüber.
Sie sah zu, wie er sich bückte, um eine Rose vom Boden aufzuheben, und die Geste bezauberte sie, aber bevor er sich wieder ganz aufgerichtet hatte, nahm sie eine Bewegung in der Luft über ihm wahr. Sie sah auf und erblickte einen Silberstreifen, der eben in diesem Augenblick auf ihn herabstürzte.
Sie wollte ihn warnen, aber das Schwert war schneller als ihre Zunge. Im letzten Augenblick schien er die Gefahr zu spüren, in der er sich befand, und sah sich, die Rosenknospe in der Hand, um, aber die Spitze berührte bereits seinen Rücken. Der Schwung des Schwertes trieb es bis zum Heft durch seinen Körper. Blut spritzte aus der Brust auf den Boden. Er gab keinen Laut von sich, kippte aber vornüber und schob zwei Drittel des Schwerts wieder aus seinem Körper heraus, als er auf dem Bühnenboden aufschlug.
Sie hätte geschrien, wenn nicht ein Geräusch aus dem Aufbau von Zauberhilfsmitteln in den Flügeln neben ihr, ein gedämpftes Knurren, das zweifellos die Stimme des Tigers war, ihre Aufmerksamkeit beansprucht hätte. Sie erstarrte. Es gab wahrscheinlich Verhaltensmaßregeln, wie man einen wilden Tiger am besten besänftigte, aber sie als geborene Manhattanerin, die ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht hatte, war nicht vertraut mit diesen Techniken.
»Swann?« sagte sie, da sie immer noch hoffte, dies könnte eine groteske Illusion sein, die er ausschließlich ihretwegen inszeniert hatte. »Swann. Bitte stehen Sie auf.«
Aber der Magier blieb liegen, wo er gestürzt war, und die Blutlache unter ihm wurde immer größer.
»Wenn das ein Scherz ist«, sagte sie zögernd, »finde ich ihn überhaupt nicht komisch.« Als er nach dieser Bemerkung nicht aufstand, versuchte sie es mit einer netteren Taktik. »Swann, mein Lieber, ich würde jetzt gerne gehen, wenn es dir nichts ausmacht.«
Wieder das Knurren. Sie wollte sich zwar nicht umdrehen und nach seinem Erzeuger suchen, aber sie wollte auch nicht von hinten angesprungen werden.
Vorsichtig sah sie sich um. Die Seitenflügel waren dunkel.
Das Durcheinander des Zubehörs machte es ihr unmöglich, den genauen Standort des Raubtiers zu bestimmen. Aber sie konnte es noch hören; seine Schritte, das Knurren. Sie wich Schritt für Schritt zum Bühnenrand zurück. Der zugezogene Vorhang riegelte sie vom Auditorium ab, aber sie hoffte, daß sie unter ihm hindurchkriechen konnte, bevor der Tiger bei ihr war.
Als sie mit dem Rücken an dem schweren Stoff stand, gab einer der Schatten im Seitenflügel seine Doppeldeutigkeit auf, und das Tier trat hervor. Es war nicht schön, wie sie gedacht hatte, als es im Käfig war. Es war groß und tödlich und hungrig. Sie ging in die Hocke und griff nach dem Saum des Vorhangs. Der Stoff war äußerst schwer, und es machte ihr mehr Mühe, ihn hochzuheben, als sie erwartet hatte, aber es gelang ihr, sich halb darunter hindurchzuschieben, bis sie, Kopf und Hände auf die Bretter gepreßt, spürte, wie der Tiger nähergestapft kam. Einen Augenblick später fühlte sie seinen heißen Atem auf dem bloßen Rücken und schrie, während er die Krallen in ihren Körper schlug und sie vom Anblick der Sicherheit weg- und auf seine dampfenden Kiefer zuzog.
Doch nicht einmal da wollte sie ihr Leben aufgeben. Sie trat gegen ihn, riß ihm das Fell büschelweise aus und ließ einen Hagel von Schlägen auf seine Schnauze herabregnen. Aber ihr Widerstand war angesichts solcher Übermacht unbedeutend, ihre Gegenwehr, so heftig sie auch war, behinderte den Tiger kein bißchen. Mit einem beiläufigen Prankenhieb riß er ihren Körper auf. Barmherzigerweise stellten ihre Sinne beim ersten Schmerz jeglichen Anspruch auf Wahrscheinlichkeit ein und flüchteten sich statt dessen in ausgiebige Phantasiegespinste.
Es schien ihr, als würde sie von irgendwo Beifall hören und das Toben eines begeisterten Publikums; anstelle des Blutes, das aus ihrem Körper spritzte, kamen Fontänen funkelnden Lichts.
Die Schmerzen, die ihre Nervenenden erlitten, machten ihr überhaupt nichts aus. Selbst als das Tier sie in drei oder vier Teile zerlegt hatte, lag ihr Kopf am Bühnenrand und sah zu, wie ihr Oberkörper zerstückelt und ihre Gliedmaßen gefressen wurden.
Und die ganze Zeit, während sie sich fragte, wie das alles möglich sein konnte – wie ihre Augen Zeugen dieses letzten Abendmahls werden konnten –, fiel ihr nur immer wieder Swanns Antwort ein: » Es ist Magie«, hatte er gesagt.
Tatsächlich dachte sie gerade das, daß es Magie sein mußte, als der Tiger zu ihrem Kopf herübergetrottet kam und ihn mit einem einzigen Bissen hinunterschlang.
Harry D’Amour wiegte sich gerne in dem Gedanken, daß er in einem bestimmten Personenkreis einen gewissen Ruf hatte – ein Zirkel, zu dem freilich nicht seine Exfrau, seine Gläubiger oder jene anonymen Kritiker gehörten, die regelmäßig Hun-deexkremente durch den Briefschlitz seiner Bürotür warfen.
Aber die Frau, die er gerade am Telefon hatte, deren Stimme so voller Kummer war, als hätte sie ein halbes Jahr lang geweint und wollte gleich wieder damit anfangen, sie wußte, welch ein Ausbund an Tugend er war.
»… ich brauche Ihre Hilfe, Mr. D’Amour, sehr dringend.«
»Ich bin momentan mit mehreren Fällen beschäftigt«, sagte er. »Vielleicht könnten Sie in mein Büro kommen?«
»Ich kann das Haus nicht verlassen«, informierte ihn die Frau. »Ich werde Ihnen alles erklären. Bitte, kommen Sie.«
Er war ernsthaft in Versuchung geführt. Aber er arbeitete wirklich an einigen Fällen, von denen einer, sollte er nicht bal-digst aufgeklärt werden, mit einem Brudermord enden konnte.
Er riet ihr, es anderswo zu versuchen.
»Ich kann nicht zu jedem Beliebigen gehen«, beharrte die Frau.
»Warum ich?«
»Ich habe von Ihnen gelesen. Was in Brooklyn geschehen ist.«
Seine schlimmste Niederlage zu erwähnen war nicht die beste Methode, sich seiner Dienste zu versichern, dachte sich Harry, aber es erweckte eindeutig seine Aufmerksamkeit. Die Vorkommnisse in der Wyckoff Street hatten ganz unschuldig mit einem Ehemann angefangen, der ihn angeheuert hatte, damit er seiner ehebrecherischen Frau nachspionierte, und dann im obersten Stock des Lomax-Gebäudes aufgehört, wo die Welt, die er kannte, völlig aus den Fugen geraten war. Nachdem die Leichen gezählt und die überlebenden Priester heimgeschickt waren, stand er da mit einer Angst vor Treppen und mehr Fragen, als er diesseits des Familiengrabs jemals beantworten konnte. Es war nicht angenehm, an diese Schrecken erinnert zu werden. »Ich rede nicht gerne über Brooklyn«, sagte er.
»Verzeihen Sie«, antwortete die Frau, »aber ich brauche jemanden, der Erfahrung mit… mit dem Okkulten hat.« Sie verstummte einen Augenblick. Er konnte immer noch ihren Atem durch die Leitung hören, leise, aber gleichmäßig. »Ich brauche Sie«, sagte sie. Er hatte während dieser Pause, als nur ihre Angst zu hören gewesen war, schon entschieden, welche Antwort er ihr geben würde.
»Ich komme.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte sie. »Das Haus liegt in der Einundsechzigsten Straße Ost…« Er schrieb die Einzelheiten auf. Ihre letzten Worte waren: »Bitte beeilen Sie sich.«
Dann legte sie den Hörer auf.
Er erledigte selbst noch einige Anrufe in der vergeblichen Hoffnung, zwei seiner reizbaren Kunden zu beschwichtigen, dann zog er sein Jackett an, schloß das Büro ab und ging nach unten. Auf dem Treppenabsatz und in der Diele herrschte ein durchdringender Geruch. Als er bei der Eingangstür war, sah er Chaplin, den Hausmeister, aus dem Keller kommen.
»Hier stinkt’s«, sagte er zu dem Mann.
»Desinfektionsmittel.«
»Katzenpisse«, sagte Harry. »Unternehmen Sie etwas dagegen, ja? Ich habe einen Ruf zu wahren.«
Der Mann lachte, als er ging.
Das Sandsteinhaus Einundsechzigste Straße Ost war in makellosem Zustand. Er stand schwitzend und mit übelriechendem Atem auf den blitzsauberen Stufen und fühlte sich wie eine Sau. Der Gesichtsausdruck des Mannes, der die Tür aufmachte, bestätigte ihn nur noch in dieser Überzeugung.
»Ja?« wollte der Mann wissen.
»Ich bin Harry D’Amour«, sagte er. »Ich wurde angerufen.«
Der Mann nickte. »Sie kommen besser rein«, sagte er ohne jegliche Begeisterung.
Drinnen war es kühler als draußen und angenehmer. Das Haus roch nach Parfüm. Harry folgte dem mißbilligenden Gesicht den Flur entlang in ein großes Zimmer, an dessen gegenüberliegender Seite – dazwischen lag ein orientalischer Teppich, in den alles eingewoben war, abgesehen vom Preis – eine Witwe saß. Schwarz stand ihr nicht; Tränen auch nicht.
Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. »Mr.
D’Amour?«
»Ja.«
»Valentin wird Ihnen etwas zu trinken bringen, wenn Sie möchten.«
»Bitte. Milch, wenn Sie haben.« Sein Magen war seit einer Stunde gereizt. Seit sie Wyckoff Street erwähnt hatte.
Valentin entfernte sich aus dem Zimmer, wandte den Blick seiner Knopfaugen aber erst im allerletzten Moment von Harry ab.
»Es ist jemand gestorben«, sagte Harry, als der Mann gegangen war.
»Ganz recht«, sagte die Witwe und setzte sich wieder. Er setzte sich, ihrer Aufforderung folgend, ihr gegenüber, zwischen so viele Kissen, daß man einen Harem damit hätte bestücken können. »Mein Mann.«
»Das tut mir leid.«
»Dazu ist keine Zeit«, sagte sie, aber ihr Aussehen und ihre Worte straften sie Lügen. Er war froh, daß sie trauerte; Tränenflecken und Müdigkeit entstellten eine Schönheit, die ihn, hätte er sie unbeeinträchtigt zu Gesicht bekommen, starr vor Bewunderung gemacht hätte.
»Sie sagen, daß der Tod meines Mannes ein Unfall war«, sagte sie. »Aber ich weiß es besser.«
»Dürfte ich… nach Ihrem Namen fragen?«
»Natürlich, bitte entschuldigen Sie. Ich heiße Swann, Mr.
D’Amour. Dorothea Swann. Sie haben vielleicht von meinem Mann gehört?«
»Dem Magier?«
»Illusionisten«, sagte sie.
»Ich habe davon gelesen. Tragisch.«
»Haben Sie seine Vorstellung gesehen?«
Harry schüttelte den Kopf. »Ich kann mir den Broadway nicht leisten, Mrs. Swann.«
»Wir waren nur drei Monate mit dieser Vorstellung hier. Wir wollten im September zurück…«
»Zurück?«
»Nach Hamburg«, sagte sie. »Ich mag diese Stadt nicht. Sie ist zu heiß. Und zu grausam.«
»Geben Sie New York nicht die Schuld«, sagte er. »Es kann nichts dafür.«
»Vielleicht«, antwortete sie und nickte. »Vielleicht wäre das, was Swann zugestoßen ist, so oder so passiert, in jeder anderen Stadt. Die Leute sagen mir immer wieder: Es war ein Unfall.
Mehr nicht. Ein Unfall.«
»Aber das glauben Sie nicht?«
Valentin war mit einem Glas Milch zurückgekommen. Er stellte es vor Harry auf den Tisch. Als er gehen wollte, sagte sie: »Valentin. Der Brief?«
Er sah sie seltsam an, beinahe so, als hätte sie etwas Obszönes gesagt.
»Der Brief«, wiederholte sie. Er ging.
»Sie sagten…«
Sie runzelte die Stirn. »Was?«
»Daß es kein Unfall war.«
»O ja. Ich habe siebeneinhalb Jahre mit Swann zusammengelebt und verstand ihn besser als jeder andere. Ich lernte zu spüren, wann er mich bei sich haben wollte und wann nicht.
Ich zog mich dann zurück und ließ ihm seine Privatsphäre.
Genies brauchen Privatsphäre. Und Sie müssen wissen, er war ein Genie. Der größte Illusionist seit Houdini.«
»Tatsächlich?«
»Ich denke manchmal – es war eine Art Wunder, daß er mich in sein Leben gelassen hat…«
Harry hätte am liebsten gesagt, Swann wäre verrückt gewesen, es nicht zu tun, aber die Bemerkung war unpassend. Sie wollte keine Schmeicheleien, brauchte sie nicht. Brauchte wahrscheinlich überhaupt nichts, nur ihren Mann – lebend.
»Und jetzt denke ich, ich habe ihn überhaupt nicht gekannt«, fuhr sie fort, »ihn nicht verstanden. Ich denke, vielleicht war auch das ein Trick. Ein Teil seiner Magie.«
»Ich habe ihn vor einer Weile einen Magier genannt«, sagte Harry. »Sie haben mich verbessert.«
»Das habe ich«, sagte sie und nahm seine Bemerkung mit einem verzeihungheischenden Blick zur Kenntnis.
»Entschuldigen Sie. Das war Swann, der gesprochen hat. Er haßte es, wenn er Magier genannt wurde. Er sagte, das sei ein Wort, das für Leute vorbehalten sein sollte, die Wunder tun.«
»Und er tat keine Wunder?«
»Er nannte sich selbst immer den Großen Vortäuscher«, sagte sie. Bei diesem Gedanken mußte sie lächeln.
Valentin kam zurück, seine traurige Miene drückte Argwohn aus. Er hatte einen Umschlag bei sich, den er eindeutig nicht gerne herausgab. Dorothea mußte zu ihm gehen und ihn ihm aus der Hand nehmen. »Ist das klug?« fragte er.
»Ja«, antwortete sie ihm.
Er drehte sich auf dem Absatz um und entfernte sich wortlos.
»Er ist außer sich vor Kummer«, sagte sie. »Verzeihen Sie sein Benehmen. Er war vom Anfang seiner Karriere an bei Swann. Ich glaube, er hat meinen Mann ebensosehr geliebt wie ich.«
Sie fuhr mit einem Finger in den Umschlag und holte den Brief heraus. Das Papier war blaßgelb und hauchzart. »Ein paar Stunden nach seinem Tod wurde dieser Brief hier persönlich abgegeben«, sagte sie. »Er war an ihn adressiert. Ich habe ihn aufgemacht. Ich finde, Sie sollten ihn lesen.«
Sie gab ihn Harry. Die Handschrift war kräftig und ungekünstelt.
Dorothea, wenn Du dies liest, bin ich tot. Du weißt, wie wenig ich von Träumen und Vorahnungen und dergleichen gehalten habe,
aber in den letzten paar Tagen hatte ich immerzu seltsame Gedanken, und ich befürchte, daß der Tod nahe ist. Wenn ja, so sei es. Man kann nichts dagegen tun. Vergeude keine Zeit damit, das Wie und Warum zu hinterfragen; das ist mittlerweile Schnee von gestern. Du sollst nur wissen, daß ich Dich liebe und auf meine Weise immer geliebt habe. Es tut mir leid, wenn ich Dir Unglück gebracht habe oder jetzt noch bringe, aber es stand nicht in meiner Macht. Ich habe einige Anweisungen, wie mein Leichnam zu beseitigen ist. Bitte befolge sie buch-stabengetreu. Laß Dich von niemandem von dem abbringen,
was ich Dir sage. Ich möchte, daß mein Leichnam Tag und Nacht bewacht wird, bis ich eingeäschert bin. Versuche nicht, meine sterblichen Überreste nach Europa mitzunehmen. Laß
mich hier einäschern, so schnell es geht, und streue die Asche in den East River.
Mein reizender Liebling, ich habe Angst. Nicht vor bösen Träumen oder dem, was mir in diesem Leben zustoßen könnte,
sondern vor dem, was meine Feinde versuchen könnten, wenn ich tot bin. Du weißt, wie Kritiker sein können: Sie warten, bis man sich nicht mehr wehren kann, dann fangen sie mit dem
Rufmord an. Es würde zu lange dauern, das alles zu erklären, daher muß ich mich einfach darauf verlassen, daß Du tust, was ich Dir sage. Nochmals, ich liebe Dich und hoffe, daß Du
diesen Brief niemals lesen mußt.
Dein Dich bewundernder
Swann »Schöner Abschiedsbrief«, bemerkte Harry, als er ihn zweimal gelesen hatte. Er legte ihn zusammen und gab ihn der Witwe zurück.
»Ich möchte, daß Sie bei ihm bleiben«, sagte sie.»Totenwache, wenn Sie so wollen. Bis alle rechtlichen Formalitäten erledigt sind und ich seinen Leichnam verbrennen lassen kann.
Es dürfte nicht lange dauern. Ich habe schon einen Anwalt damit beauftragt.«
»Nochmals: Warum ich?«
Sie wich seinem Blick aus. »Wie er in dem Brief sagt, er war nie abergläubisch. Aber ich bin es. Ich glaube an Omen. Und das Haus hatte in den Tagen vor seinem Tod eine seltsame Atmosphäre. Als wären wir beobachtet worden.«
»Glauben Sie, daß er ermordet wurde?«
Sie dachte darüber nach, dann sagte sie: »Ich glaube nicht, daß es ein Unfall war.«
»Die Feinde, die er erwähnt…«
»Er war ein großer Mann. Beneidet.«
»Berufliche Eifersucht? Ist das ein Motiv für Mord?«
»Alles kann ein Motiv sein, oder nicht?« sagte sie. »Es werden Menschen wegen ihrer Augenfarbe getötet, oder nicht?«
Harry war beeindruckt. Er hatte zwanzig Jahre gebraucht, um zu lernen, wie willkürlich das Leben war. Sie sprach es aus, als sei es allgemein bekannt.
»Wo ist Ihr Mann?« fragte er sie.
»Oben«, sagte sie. »Ich habe den Leichnam hierher bringen lassen, wo ich ihn im Auge behalten kann. Ich kann nicht sagen, daß ich seine Anweisungen verstehen, aber ich werde mich an sie halten.« Harry nickte.
»Swann war mein Leben«, sagte sie leise, grundlos und doch begründet.
Sie führte ihn nach oben. Der Parfümgeruch, den er unter der Tür wahrgenommen hatte, wurde durchdringender. Das Schlafzimmer war als letzte Ruhestätte hergerichtet worden, überall Gestecke und Kränze, deren Geruch ans Halluzinogene grenzte. Inmitten dieses Überflusses der Sarg – ein kostbares Stück in Schwarz und Silber – auf einem Gerüst. Der obere Teil des Deckels war aufgeklappt, die Plüschdecke zurückgeschlagen. Auf Dorotheas Aufforderung hin watete Harry durch die Ehrenbezeugungen und sah sich den Verstorbenen an. Er mochte Swanns Gesicht. Es war voll Humor und einer gewissen Leutseligkeit, auf seine erschöpfte Weise war es sogar hübsch. Hinzu kam: Es hatte die Liebe Dorotheas entfacht; eine bessere Empfehlung konnte ein Gesicht nicht haben.
Harry stand bis zur Taille in Blumen und verspürte, so absurd das war, Neid um die Liebe, die dieser Mann erlebt haben mußte.
»Werden Sie mir helfen, Mr. D’Amour?«
Was konnte er anderes sagen als: »Ja, selbstverständlich werde ich Ihnen helfen.« Das, und: »Nennen Sie mich Harry.«
Heute nacht würden sie ihn in Wing’s Pavillon vermissen. Er hatte in den vergangenen sechseinhalb Jahren jeden Freitagabend den besten Tisch dort besetzt und mit einem einzigen Essen alles kompensiert, was seiner Ernährung an den sechs restlichen Wochentagen an Qualität und Vielfalt fehlte. Dieser Schmaus – die beste chinesische Küche südlich der Canal Street – war stets umsonst, weil er dem Besitzer einmal gute Dienste geleistet hatte. Heute abend würde der Tisch unbesetzt bleiben.
Nicht, daß sein Magen gelitten hätte. Er hatte erst eine Stunde oder so bei Swann gesessen, als Valentin heraufkam und fragte: »Wie mögen Sie Ihr Steak?«
»Gut durch, fast angebrannt.«
Valentin war von dieser Antwort nicht eben angetan. »Ich lasse ein gutes Steak nicht gerne anbrennen«, sagte er.
»Und ich kann kein Blut sehen«, sagte Harry, »auch wenn es nicht mein eigenes ist.«
Der Küchenchef verzweifelte eindeutig am Geschmack seines Gastes und wandte sich ab, um zu gehen. »Valentin?«
Der Mann drehte sich um. »Ist das Ihr Taufname?« fragte Harry.
»Taufnamen sind für Christen«, lautete die Anwort.
Harry nickte. »Es gefällt Ihnen nicht, daß ich hier bin, habe ich recht?«
Valentin antwortete nicht. Er sah an Harry vorbei zu dem offenen Sarg.
»Ich werde nicht lange hiersein«, sagte er, »aber könnten wir für die kurze Zeit nicht Freunde sein?«
Valentin sah ihn wieder an. »Ich habe keine Freunde«, sagte er ohne Feindschaft oder Selbstmitleid. »Jetzt nicht mehr.«
»Okay. Tut mir leid.«
»Was sollte Ihnen leid tun?« wollte Valentin wissen.
»Swann ist tot. Alles vorbei, abgesehen von den Feierlichkeiten.« Das traurige Gesicht ließ keine Tränen zu. Eher hätte ein Stein geweint, dachte Harry. Aber die Trauer war da und um so schlimmer, weil sie dumpf war.
»Eine Frage.«
»Nur eine?«
»Warum wollten Sie nicht, daß ich den Brief lese?«
Valentin zog die Brauen etwas hoch. Sie waren so dünn, als wären sie aufgemalt. »Er war nicht verrückt«, antwortete er.
»Ich wollte nicht, daß Sie ihn wegen dieser Zeilen für einen Wahnsinnigen halten. Behalten Sie für sich, was Sie gelesen haben. Swann war eine Legende. Ich möchte nicht, daß sein Andenken in den Schmutz gezogen wird.«
»Sie sollten ein Buch schreiben«, schlug Harry vor. »Die ganze Geschichte ein für allemal erzählen. Wie ich gehört habe, waren Sie lange bei ihm.«
»O ja«, erwiderte Valentin. »Lange genug, daß ich vernünftig bin und mich hüte, die Wahrheit zu sagen.« Damit entfernte er sich, überließ die Blumen ihrem Welkungsprozeß und Harry seinen Fragen, die zahlreicher waren als zuvor.
Zwanzig Minuten später brachte Valentin ein Tablett herauf:
ein großer Salat, Brot, Wein und ein Steak. Zur Kohle fehlte nicht viel.
»Genau wie ich es mag«, sagte Harry und machte sich darüber her.
Er sah Dorothea Swann nicht, aber er dachte weiß Gott oft an sie. Jedesmal, wenn er ein Flüstern auf der Treppe hörte oder Schritte auf dem Teppichboden der Diele, hoffte er, ihr Gesicht an der Tür zu sehen, eine Einladung auf den Lippen.
Wenn man daran dachte, daß sich der Leichnam ihres Mannes hier befand, war dieser Wunsch nicht gerade angebracht, aber was lag dem Illusionisten jetzt noch daran? Er war tot und dahin. Wenn er so etwas wie Großmut besaß, würde er nicht wollen, daß seine Witwe in ihrem Kummer ertrank.
Harry leerte die halbe Karaffe Wein, und als Valentin – eine Dreiviertelstunde später – mit Kaffee und Calvados zurück kam, bat er ihn, die Flasche dazulassen.
Bald würde es Nacht werden. Der Verkehr auf der Lexington Street und der Third Avenue war laut. Aus Langeweile beobachtete er vom Fenster aus die Straße. Zwei Liebende zankten lautstark auf dem Gehweg und hörten erst auf, als eine Brünette mit Hasenscharte und einem Pekinesen stehenblieb und sie schamlos beobachtete. Im Haus gegenüber wurden Vorbereitungen für eine Party getroffen. Er beobachtete, wie ein Tisch liebevoll gedeckt und Kerzen angezündet wurden. Nach einer Weile deprimierte ihn das Spionieren, daher rief er nach Valentin und fragte, ob es im Haus einen tragbaren Fernseher gebe und er ihn haben könne. Kaum gesagt, bekam er ihn auch schon, und die nächsten zwei Stunden saß er vor dem kleinen Schwarzweißbildschirm zwischen Orchideen und Lilien auf dem Boden und sah sich sämtliche geistlosen Unterhaltungen an, die liefen, während die silbrige Lumineszenz auf den Blüten flackerte wie aufgeregtes Mondlicht.
Eine Viertelstunde nach Mitternacht, als die Party gegenüber in vollem Gange war, kam Valentin herauf. »Möchten Sie einen Schlummertrunk?« fragte er.
»Gerne.«
»Milch, oder etwas Stärkeres?«
»Etwas Stärkeres.«
Er holte eine Flasche feinen Cognac und zwei Gläser. Sie tranken gemeinsam auf den Toten.
»Mr. Swann.«
»Mr. Swann.«
»Wenn Sie heute nacht noch etwas brauchen«, sagte Valentin, »ich bin im Zimmer direkt über Ihnen. Mrs. Swann ist unten, machen Sie sich also keine Sorgen, wenn sie jemanden hören. Sie schläft in letzter Zeit nicht besonders gut.«
»Wer tut das schon?« antwortete Harry.
Valentin überließ ihn seiner Nachtwache. Harry hörte den Mann die Treppe hinaufgehen, dann das Ächzen von Dielen einen Stock höher. Er sah wieder zum Fernseher, hatte aber den Faden des Films verloren, den er gesehen hatte. Es war noch lange bis zur Morgendämmerung. In der Zwischenzeit würde sich New York eine tolle Freitagnacht machen: tanzen, streiten, herumspielen.
Das Bild des Fernsehers fing an zu flackern. Er stand auf und wollte zu dem Gerät gehen, kam aber nie so weit. Nach zwei Schritten schnurrte das Bild zusammen und erlosch völlig; im Zimmer wurde es dunkel. Harry bemerkte noch ganz kurz, daß kein Licht von der Straße zum Fenster hereindrang. Dann ging der Wahnsinn los.
Etwas bewegte sich in der Schwärze: Undeutliche Gestalten stiegen auf und sanken nieder. Er brauchte einen Augenblick, bis ihm klar wurde, was das war: die Blumen! Unsichtbare Hände rissen die Gebinde und Kränze in Stücke und warfen die Blüten in die Luft. Er sah zu, wie sie herabfielen, aber sie blieben nicht am Boden liegen. Anscheinend hatten die Bodendielen jegliches Vertrauen in sich verloren und waren einfach verschwunden, und daher fielen die Blüten immer weiter – hinab, hinab – durch den Boden des unteren Stockwerks, und durch den Kellerboden, einem Ziel entgegen, das Gott allein kannte.
Angst packte Harry wie ein alter Drogendealer, der einen schrecklichen Trip versprach. Selbst die wenigen Dielen direkt unter ihm begannen sich aufzulösen. In Sekunden würde er den Weg der Blüten gehen.
Er wirbelte herum und suchte nach dem Sessel, von dem er aufgestanden war – ein Fixpunkt in diesem trügerischen Alptraum. Der Sessel war noch da; er konnte gerade eben seine Umrisse in der Dunkelheit erkennen. Er streckte die Hände danach aus, während zerrissene Blüten auf ihn herunterregneten, doch als seine Hand die Lehne ergriff, gab der Boden unter dem Sessel den Geist auf, und Harry sah ihn in dem gespenstischen Licht aus der Grube, die unter seinen Füßen klaffte, sich überschlagend in die Hölle stürzen, bis er winzig wie ein Stecknadelkopf war.
Dann war er verschwunden; und die Blumen waren verschwunden, und die Wärme und Fenster und alles miteinander war verschwunden, nur er nicht.
Nein, nicht alles. Swanns Sarg war noch da, der Deckel war noch aufgeklappt, die Plüschauskleidung fein säuberlich zurückgeschlagen wie die Decke eines Kinderbetts. Das Gerüst war nicht mehr da, ebensowenig der Boden unter dem Gerüst.
Doch der Sarg schwebte, schwebte wirklich und wahrhaftig in der dunklen Luft wie eine morbide Illusion, während aus der Tiefe ein grollendes Geräusch, gleich einem Trommelwirbel, den Trick begleitete.
Harry spürte, wie die letzte Festigkeit unter ihm nachgab, vernahm den Lockruf der Grube. Noch während seine Füße den Boden verließen, verschwand dieser Boden im Nichts, und einen schrecklichen Augenblick lang, ehe er die Hände nach dem Sarg ausstreckte, war nichts mehr zwischen ihm und dem Abgrund. Seine rechte Hand fand einen der Griffe und schloß sich dankbar darum. Der Arm wurde ihm beinahe aus dem Gelenk gekugelt, als sein ganzes Körpergewicht daran hing, aber er riß den anderen Arm hoch zum Rand des Sarges. Er benützte ihn als Hebel und zog sich wie ein halbertrunkener Matrose hoch. Es war ein seltsames Rettungsboot, aber schließlich war dies auch ein seltsames Meer. Unendlich tief, unendlich schrecklich.
Während er sich um einen besseren Halt bemühte, erbebte der Sarg, und als Harry aufsah, stellte er fest, daß der tote Mann aufrecht saß. Swann riß die Augen weit auf. Er sah Harry an. Sein Blick war alles anderes als gütig. Im nächsten Augenblick stand der tote Illusionist auf – der schwebende Sarg schwankte mit jeder Bewegung heftiger. Sobald er senkrecht stand, machte sich Swann daran, seinen Fahrgast loszuwerden, indem er seinen Absatz in Harrys Knöchel bohrte.
Harry sah zu Swann auf und flehte ihn an, damit aufzuhören.
Der Große Vortäuscher war schon einen Blick wert. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, das Hemd war zerrissen und entblößte die Brustwunde, wo das Schwert herausgekommen war. Sie blutete wieder. Ein Regen kalten Blutes fiel auf Harrys erhobenes Gesicht. Und der Absatz trat immer nach seinen Händen. Harry spürte, wie er den Halt verlor. Swann ahnte seinen bevorstehenden Triumph und fing an zu lächeln.
»Hinunter, Junge!« sagte er. »Hinunter!«
Harry konnte es nicht mehr aushalten. Im verzweifelten Bemühen, sich selbst zu retten, ließ er mit der rechten Hand den Griff los und packte Swanns Hosenbein. Er bekam den Saum zu fassen und zog daran. Der Illusionist hörte auf zu lächeln, als er spürte, wie er das Gleichgewicht verlor. Er griff hinter sich, um sich am Sargdeckel abzustützen, aber diese Geste neigte den Sarg nur noch schräger. Das Plüschkissen fiel an Harrys Kopf vorbei, Blüten folgten. Swann brüllte vor Wut und verpaßte Harrys Hand einen heftigen Tritt. Das war ein Fehler.
Der Sarg kippte ganz um, und der Mann wurde herausgeschleudert. Harry konnte Swanns böses Gesicht sehen, als der Illusionist an ihm vorbeifiel. Dann verlor auch er den Halt und stürzte ihm hinterher. Die dunkle Luft heulte an seinen Ohren vorbei. Unter ihm breitete die Unterwelt die leeren Arme aus.
Und dann, durch das Rauschen in seinen Ohren, ein anderer Laut: eine menschliche Stimme.
»Ist er tot?« wollte sie wissen.
»Nein«, unterbrach eine andere Stimme, »nein, das glaube ich nicht. Wie heißt er, Dorothea?«
»D’Amour.«
»Mr. D’Amour? Mr. D’Amour?«
Harrys Fall wurde etwas langsamer. Unter ihm brüllte die Unterwelt vor Wut.
Die kultivierte, aber unmelodische Stimme ertönte wieder.
»Mr. D’Amour.«
»Harry«, sagte Dorothea.
Bei diesem Wort, von dieser Stimme gesprochen, hörte er auf zu fallen. Er spürte, wie er emporgetragen wurde. Er machte die Augen auf. Er lag auf dem soliden Boden, sein Kopf Zentimeter vom Fernsehschirm entfernt. Die Blumen waren überall dort im Zimmer, wo sie hingehörten, Swann in seinem Sarg, und Gott – wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte – im Himmel. »Ich lebe«, sagte er.
Er hatte ein Publikum für seine Wiederauferstehung. Dorothea und zwei Fremde. Einer, dem die Stimme gehörte, die er zuerst vernommen hatte, stand neben der Tür. Seine Züge waren durchschnittlich, abgesehen von Brauen und Wimpern, die so hell waren, daß sie fast unsichtbar wirkten. Seine Begleiterin stand neben ihm. Wie er strahlte sie eine beunruhigende Banalität aus, frei von jedem äußerlichen Hinweis auf den Charakter.
»Hilf ihm auf, Engel«, sagte der Mann, und die Frau bückte sich, um ihm zu gehorchen. Sie war kräftiger, als sie aussah, und zog Harry mühelos auf die Beine. Er hatte sich in seinem seltsamen Schlaf übergeben. Er kam sich schmutzig und lächerlich vor.
»Was ist denn nur geschehen?« fragte er, während ihn die Frau zum Sessel geleitete. Er setzte sich.
»Er hat versucht, Sie zu vergiften«, antwortete der Mann.
»Wer?«
»Valentin natürlich.«
»Valentin?«
»Er ist fort«, entgegnete Dorothea. »Einfach verschwunden.«
Sie zitterte. »Ich habe Sie schreien gehört, kam herein und fand Sie auf dem Boden. Ich dachte, Sie würden ersticken.«
»Schon gut«, sagte der Mann. »Jetzt ist wieder alles in Ordnung. «
»Ja«, sagte Dorothea, die sein nichtssagendes Lächeln offenbar beruhigend fand. »Das ist der Anwalt, von dem ich Ihnen erzählt habe, Harry. Mr. Butterfield.«
Harry wischte sich den Mund ab. »Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er.
»Warum gehen wir nicht nach unten?« fragte Butterfield.
»Dann kann ich Mr. D’Amour bezahlen, was wir ihm schulden.«
»Schon gut«, sagte Harry. »Ich bekomme meine Bezahlung immer erst, wenn meine Arbeit erledigt ist.«
»Aber sie ist erledigt«, entgegnete Butterfield. »Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt.«
Harry warf Dorothea einen Blick zu. Sie zupfte einen verwelkten Blütenschweif aus einem ansonsten makellosen Gebinde.
»Ich wurde verpflichtet, bei der Leiche zu wachen…«
»Die Formalitäten, Swanns Leichnam zu beseitigen, wurden getroffen«, erwiderte Butterfield. Seine Höflichkeit funktionierte gerade noch. »Ist es nicht so, Dorothea?«
»Es ist mitten in der Nacht«, protestierte Harry. »Sie werden frühestens morgen früh eine Feuerbestattung durchführen können.«
»Danke für Ihre Hilfe«, sagte Dorothea. »Aber ich bin sicher, da Mr. Butterfield jetzt da ist, wird alles gut werden.
Alles.«
Butterfield wandte sich an seine Begleiterin. »Geh doch bitte raus und ruf ein Taxi für Mr. D’Amour«, sagte er. Dann sah er Harry an. »Wir wollen Sie doch so nicht auf die Straße lassen, oder?«
Den ganzen Weg die Treppe hinunter und unten in der Diele, wo Butterfield ihn bezahlte, wünschte sich Harry, Dorothea würde dem Anwalt widersprechen und ihm sagen, daß Harry bleiben sollte. Aber sie sagte ihm nicht einmal Lebewohl, als er aus dem Haus geführt wurde. Die zweihundert Dollar, die er bekommen hatte, waren natürlich mehr als genug Bezahlung für die wenigen untätigen Stunden, die er dort verbracht hatte, aber er hätte alle Scheine mit Freuden verbrannt, wenn Dorothea ihm nur gezeigt hätte, daß sein Weggehen ihr etwas ausmachte. Ganz offensichtlich war dem aber nicht so. Aufgrund früherer Erfahrungen wußte er, daß sein angeschlagenes Ego ganze vierundzwanzig Stunden brauchen würde, um sich von dieser Gleichgültigkeit zu erholen.
Er stieg in der Gegend der Dreiundachtzigsten Straße auf der Third Avenue aus dem Auto aus und ging zu Fuß zu einer Bar in der Lexington, wo er, wie er wußte, eine halbe Flasche Bourbon zwischen sich und die Träume, die er gehabt hatte, kippen konnte.
Es war schon nach eins. Die Straße war verlassen, abgesehen von ihm und dem Echo, das sich seit einiger Zeit an seine Schritte geheftet hatte. Er bog um die Ecke in die Lexington und wartete. Ein paar Sekunden später kam Valentin um dieselbe Ecke. Harry packte ihn an der Krawatte.
»Kein schlechter Versuch«, sagte er und hob den Mann hoch, so daß er nur noch auf den Zehenspitzen stand.
Valentin unternahm keinen Versuch, sich zu befreien. »Gott sei Dank, daß Sie leben«, sagte er.
»Ihnen verdanke ich das nicht«, sagte Harry. »Was haben Sie mir in den Drink getan?«
»Nichts«, beharrte Valentin. »Warum sollte ich?«
»Und wieso lag ich dann auf dem Boden? Wieso die bösen Träume?«
»Butterfield«, antwortete Valentin. »Glauben Sie mir, was immer Sie geträumt haben, hat er mitgebracht. Ich gebe zu, ich bin in Panik geraten, sobald ich ihn im Haus gehört habe. Ich weiß, ich hätte Sie warnen sollen, aber mir war klar, wenn ich nicht schnell genug aus dem Haus kam, würde ich gar nicht mehr rauskommen.«
»Wollen Sie mir sagen, daß er Sie umgebracht hätte?«
»Nicht persönlich, aber sonst ja.«
Harry sah ihn ungläubig an.
»Wir kennen uns schon lange, er und ich.«
»Machen Sie, was Sie wollen«, sagte Harry und ließ die Krawatte los. »Ich bin so müde, daß ich nichts mehr von diesem ganzen Mist hören will.« Er drehte sich um und ging weiter.
»Warten Sie…« sagte der andere Mann, »… ich weiß, ich war im Haus nicht sehr nett zu Ihnen, aber Sie müssen verstehen, es wird noch schlimmer werden. Für uns beide.«
»Ich dachte, Sie hätten gesagt, es sei alles vorbei, abgesehen von den Feierlichkeiten.«
»Das dachte ich auch. Ich glaubte, wir hätten alles erledigt.
Dann kam Butterfield, und mir wurde klar, wie naiv ich gewesen war. Sie werden Swann nicht in Frieden ruhen lassen. Jetzt nicht, und niemals. Wir müssen ihn retten, D’Amour.«
Harry blieb stehen und sah dem Mann ins Gesicht. Wenn man ihm auf der Straße begegnete, überlegte er, würde man ihn nicht für einen Irren halten.
»Ist Butterfield nach oben gegangen?« wollte Valentin wissen.
»Ja. Warum?«
»Erinnern Sie sich, ob er beim Sarg gewesen ist?«
Harry schüttelte den Kopf.
»Gut«, sagte Valentin. »Dann halten die Schutzmaßnahmen noch, das gibt uns etwas Zeit. Wissen Sie, Swann war ein brillanter Stratege. Aber er konnte sorglos sein. So haben sie ihn erwischt. Reine Sorglosigkeit. Er wußte, daß sie hinter ihm her waren. Ich habe es ihm gleich gesagt. Ich sagte, wir sollten die restlichen Vorstellungen absagen und nach Hause fahren. Dort hätte er wenigstens eine Zuflucht gehabt.«
»Glauben Sie, daß er ermordet wurde?«
»Mein Gott«, sagte Valentin, der fast an Harry verzweifelte, »selbstverständlich wurde er ermordet.«
»Also kann man ihn nicht mehr retten, richtig? Der Mann ist tot?«
»Tot, ja. Retten? Durchaus.«
»Erzählen Sie eigentlich jedem solchen Schwachsinn?«
Valentin legte Harry eine Hand auf die Schulter. »O nein«, erwiderte er mit nicht gespielter Aufrichtigkeit. »Ich vertraue niemandem so, wie ich Ihnen vertraue.«
»Das kommt sehr plötzlich«, sagte Harry. »Dürfte ich nach dem Grund fragen?«
»Weil Sie bis zum Hals in dieser Sache drinstecken, wie ich auch«, antwortete Valentin.
»Nein«, sagte Harry.
Aber Valentin achtete nicht darauf und sprach weiter: »Momentan wissen wir natürlich nicht, wie viele von ihnen hier sind. Sie haben vielleicht nur Butterfield geschickt, aber das halte ich für unwahrscheinlich.«
»Für wen arbeitet Butterfield? Die Mafia?«
»Das wäre ein Glück für uns«, sagte Valentin. Er griff in die Tasche und holte ein Stück Papier heraus. »Das ist die Frau, die bei Swann war«, sagte er, »in jener Nacht im Theater. Es wäre möglich, daß sie etwas von ihren Kräften weiß.«
»Es gab eine Zeugin?«
»Sie hat sich nicht gemeldet, aber sie war da. Sehen Sie, ich war sein Kuppler. Ich habe ihm geholfen, seine verschiedenen Seitensprünge zu arrangieren, damit ihn keiner je in Verlegenheit bringen konnte. Wenn Sie sie finden können…« Er verstummte unvermittelt. Irgendwo in der Nähe wurde Musik gespielt. Es hörte sich an, als würde eine betrunkene Jazzkapelle mit Dudelsäcken üben, eine pfeifende, heulende Kakophonie.
Valentins Gesicht wurde auf der Stelle zu einer Maske der Besorgnis. »Gott helfe uns…« sagte er leise und wich von Harry zurück.
»Was ist denn los?«
»Wissen Sie, wie man betet?« fragte Valentin ihn, während er die Dreiundachtzigste Straße entlang zurückwich. Die Musik wurde mit jedem Akkord lauter.
»Ich habe seit zwanzig Jahren nicht mehr gebetet«, antwortete Harry.
»Dann lernen Sie es«, lautete die Antwort, und damit drehte sich Valentin herum und rannte los.
Im selben Augenblick wallte Dunkelheit von Norden die Straße entlang und verhüllte die leuchtenden Barschilder und Lampen. Neonreklamen flackerten plötzlich und erloschen, aus Fenstern weiter oben wurden ärgerliche Rufe laut, weil das Licht ausging, und die Musik nahm einen neuen und hektischeren Rhythmus an, als wäre sie von den Flüchen ermutigt worden. Harry hörte ein Heulen über sich, sah auf und erblickte eine zerfranste Silhouette vor den Wolken, die Ranken mit sich schleifte wie ein Kriegsschiff, während sie sich auf die Straße heruntersenkte, den Gestank nach verfaultem Fisch im Kiel-wasser. Ihr Ziel war eindeutig Valentin. Harry versuchte, das Heulen und die Musik und die Panik des Stromausfalls zu übertönen, aber kaum hatte er nach ihm gerufen, da hörte er Valentin schon in der Dunkelheit aufschreien; ein flehentlicher Schrei, der grob unterbrochen wurde.
Er stand in der Dunkelheit, und seine Füße weigerten sich, ihn einen Schritt zu der Stelle zu tragen, von der das Flehen gekommen war. Der Gestank hing ihm immer noch in der Nase, es wurde ihm erneut übel. Dann gingen die Lichter