Der Zufallszauber

Der Tag, an dem Max zufällig den Froschzauber entdeckte, begann wie jeder andere Tag auf Burg Periculum. Max und seine Schwester Olivia kamen wie immer zu spät zum Frühstück. Olivia hatte ihrem Schoßdrachen Adolphus noch ein Kunststück beibringen wollen und Max hatte über einen neuen Zaubertrank gegrübelt.

Am Frühstückstisch las er noch immer in seinem Zauberbuch und kaute gedankenverloren an einer Wurst. Olivia machte sich gerade zufrieden über ihre zweite Schüssel Haferbrei her.

Plötzlich platzte ihre Mutter, Lady Griselda Pendragon, in den Speisesaal. Wie immer war sie in Eile und stolperte über Adolphus.

»Aaarrghhh! Dieser verflixte Drache! Max! Ich brauche meinen Besen! Hast du ihn schon wieder benutzt? Du weißt, was dein Vater beim letzten Mal dazu gesagt hat.«

Max sah von seinem Frühstück auf. Genau genommen konnte er sich nicht erinnern, was sein Vater beim letzten Mal dazu gesagt hatte, aber er konnte es sich denken.

Sir Bertram Pendragon war ein raubeiniger, vierschrötiger Ritter mit einem gewaltigen Schnurrbart und einer tiefen Stimme. Nichts schätzte er mehr als einen Krug guten Biers und einen treuen Feind, dem er eins mit dem Schwert überziehen konnte. Zauberei hingegen konnte er gar nicht leiden. Zaubern, fand er, war wie Schummeln. Dass Lady Griselda hexte, nahm er hin, und Max durfte auch ein paar Formeln und Tränke lernen. Aber dass Max auf dem Besen ritt, kam überhaupt nicht infrage. Das war zu mädchenhaft.

Max seufzte. Wahrscheinlich hatte sein Vater gedroht, ihn im Schweinestall schlafen zu lassen, sollte er ihn je wieder auf dem Besen erwischen.

»Max!«, rief seine Mutter wieder. »Hast du ihn irgendwo verbummelt?«

Max überlegte. Ganz bestimmt hatte er den Besen zuletzt benutzt. Denn er konnte sich entsinnen, Olivia damit in den Burggraben geschubst zu haben, als sie Sir Gawain und der schwarze Ritter der Verdammnis gespielt hatten.

Er schielte zu seiner Schwester hinüber. Sie trug ein langes grünes Gewand und hielt sittsam den Blick gesenkt. Aber das täuschte. Am liebsten veranstaltete Olivia Ringkämpfe mit den Schildknappen oder tobte durch die Pferdeställe. Und dass es Max gelungen war, sie in den Burggraben zu schubsen, war eigentlich ein Wunder gewesen. Normalerweise war es nämlich andersherum.

Für seine elf Jahre war Max klein, ein schmaler Junge mit struppigem hellbraunem Haar und einem sommersprossigen Gesicht. Außerdem war Max nicht besonders geschickt und traf die meisten Ziele nicht, die er anpeilte.

Plötzlich wusste er wieder, wo der Besen war. Max war mit ihm zum Glockenturm hinaufgeflogen, um Adolphus zu retten. Der hatte sich nicht mehr heruntergetraut, nachdem er die Burgkatze hinaufgescheucht hatte. Dann aber hatte sich Adolphus auch nicht auf den Besen getraut. Also hatte Max den Drachen die ganze lange Wendeltreppe nach unten getragen.

»Wahrscheinlich ist der Besen oben auf dem Glockenturm, Mama«, sagte Max und widmete sich wieder seiner Wurst. »Olivia hatte ihn dort oben, als sie mit ihren Puppen gespielt hat.«

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Olivia sah von ihrem Haferbrei auf, öffnete den Mund und wollte schon protestieren: Das sei überhaupt nicht wahr, sie habe nicht mal eine Puppe und Max sei ein Schleimbeutel ... Aber da war ihre Mutter schon weg und außer ein paar grünen Rauchschwaden war nichts von ihr übrig.

»Du bist ein verdammter Lügner, Max«, sagte Olivia und schoss einen Löffel voll Haferbrei auf ihn ab. Er duckte sich und verpasste ihr unter dem Tisch einen Fußtritt.

»Auu! Das kriegst du wieder!«

»Versuch’s doch«, sagte Max, kletterte vom Stuhl und ging zur Tür. »Aber später, bitte. Jetzt habe ich nämlich zu tun.

Also lass mich bloß in Ruhe, sonst zaubere ich dir mit meiner neuen Formel ein lila Gesicht.«

Dann machte er sich zum Zauberzimmer auf, um an seinem neuen Zaubertrank zu arbeiten.

Das Zauberzimmer befand sich im Keller der Burg, eine steile Steintreppe tiefer, wo sanft hin und her schwingende Spinnweben von der Decke hingen. Max liebte es hier unten. Hier konnte er mit seinen Formeln und Tränken herumexperimentieren. Und hierhin flüchtete er sich, wenn sein Vater Schwertkampf mit ihm üben wollte. Letzte Woche hatte Sir Bertram ein besonders schwieriges Manöver vorführen wollen und dabei einem Knappen versehentlich einen Finger abgeschlagen. Und auch wenn es Lady Griselda gelungen war, den Finger wieder an die Hand zu hexen, war Max nicht besonders scharf darauf, Sir Bertrams nächstes Opfer zu werden. Er hatte eine bessere Idee.

In nicht einmal einer Woche würde auf Burg Camelot das Jährliche Festival der Magie stattfinden. Max war fest entschlossen, bis dahin einen wahrhaft atemberaubenden Zauber für den Zauberer-Nachwuchs-Wettbewerb vorzubereiten. Abgesehen von den zwanzig Goldmünzen Preisgeld erhoffte er sich, dass ein Sieg seinen Vater ein für allemal davon überzeugen würde, dass Max ein geborener Zauberer war, der die Ritterschule getrost vergessen sollte, um sich ganz auf die Zauberei zu konzentrieren. Bislang hatte Sir Bertram Max’ sämtlichen Bitten widerstanden und darauf beharrt, dass Max sich bloß mehr Mühe geben müsse. Dann würde schon noch ein ordentlicher Ritter aus ihm. Aber Max konnte Pferde nicht leiden, und als er das letzte Mal mit einer Lanze auf eine Strohpuppe losgeritten war, hatte er versehentlich fast Sir Bertram aufgespießt, obwohl der fünfzehn Meter weiter weg stand.

Max konnte einfach viel besser zaubern als reiten oder kämpfen. Zwar war es bei den letzten Zauberer-Nachwuchs-Wettbewerben für ihn nicht gut gelaufen, aber das lag hauptsächlich an Adrian Hogsbottom, Max’ ärgstem Feind.

Max konnte sich nicht erinnern, wann genau sich Adrian Hogsbottom als schleimigste Unkenwarze im ganzen Königreich entpuppt hatte. In jedem Fall aber war es eine Ewigkeit her, dass er ein freundliches Wort mit ihm gewechselt hatte. Vorletztes Jahr hatte Adrian die Bühne genau in dem Augenblick in Flammen aufgehen lassen, als Max’ exakt berechneter Feuerwerkszauber auf seinen triumphalen Höhepunkt zusteuerte. Max hatte die Schuld bekommen und Adrian den Preis.

Max’ sommersprossiges Gesicht wurde immer noch rot vor Wut, wenn er an den Wettbewerb im letzten Jahr dachte. Er hatte einen Eimer so verzaubern wollen, dass er das Wasser aus dem Burgbrunnen ganz allein holte. Aber dann hatte der Eimer das Wasser ganz allein über dem Kopf des Prüfers ausgekippt.

Adrian hatte wieder gewonnen. Dieses Jahr musste Max es einfach schaffen.

Während Max herumprobierte und mixte und immer wieder in seinem Zauberbuch nachschaute, rief seine Mutter die Treppenstufen herunter: »Max! Ich muss jetzt los, nach Burg Pendennis – Lady Alys will einen Schönheitstrank für den Ball heute Abend. Dein Vater sitzt an der Tafelrunde, aber Miss Mudfoot wird ein Auge auf dich haben.«

»Ja, okay«, rief Max hinauf, während er ein paar silberne Libellenflügel in den Zauberkessel streute und zusah, wie blauer Dampf bis an die Kellerdecke aufstieg.

Miss Mudfoot war die Burgköchin. Sie hatte ein zwanzigfach gefaltetes Doppelkinn und zwei Mal so viele haarige Warzen. Ständig suchte sie nach einer Gelegenheit, Max in einen ihrer Kochtöpfe zu stecken und in einen leckeren Eintopf zu verwandeln. Max versuchte ihr, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen.

»Benimm dich – pass auf Olivia auf! Und keine Dummheiten, hörst du?«

»Ja, ja, klar!«, rief Max genervt. Er wartete gerade auf den richtigen Moment, um die Flusswurzelfasern hinzuzufügen.

Als seine Mutter endlich verschwunden war, wandte er sich erneut dem Gebräu im Kessel zu. Das roch jetzt nach ungewaschenen Füßen. Perfekt! Sorgfältig fügte er jede Flusswurzelfaser einzeln hinzu, ohne zu bemerken, dass Olivia über die Steinstufen geschlichen kam und sich in der finstersten Kellerecke versteckte.

Mit der letzten Flusswurzelfaser verfärbte sich die Mixtur lila. Sie roch jetzt wie Butterkuchen.

»Ja!« Max ballte die Faust. Dann schaute er wieder in sein Zauberbuch. »Jetzt nur noch Zehennägel von der Schlange.«

Auf der Suche nach dem Glas mit den Schlangenzehennägeln irrte sein Blick durch den Raum und fiel auf einen Schatten im Winkel bei den Regalen. Der Schatten sah verdächtig nach Olivia aus. Max wagte sich ein bisschen näher. Es war Olivia.

»Olivia! Was willst du hier?! Ich habe gesagt, du sollst mich heute Morgen in Ruhe lassen! Du legst es darauf an, verzaubert zu werden!«

»Richtig«, sagte Olivia unbeeindruckt. »So wie letztes Mal, als du mir eine lange Nase hexen wolltest und überhaupt nichts passiert ist, außer dass ich zwei Mal niesen musste. Da hab ich jetzt aber Angst, Max.«

Max verengte die Augen zu Schlitzen. »Zu deiner Information, nervige Kröte: Ich habe gar nicht versucht, dir eine lange Nase zu hexen, ich habe dir nur damit gedroht, damit du verschwindest. Dieses Mal hingegen werde ich dich wirklich lila anlaufen lassen, wenn du mich nicht endlich in Ruhe lässt.«

»Keine gute Idee, wenn du mich fragst. Mama hat doch gesagt, dass du auf mich aufpassen sollst. Und abgesehen davon, hast du nicht was von Schlangenzehennägeln gesagt?« Olivia hielt ein blaues Glas hoch, das sie bislang hinter ihrem Rücken versteckt hatte, und sah ihn triumphierend an.

»Olivia! Gib das her!«, rief Max ärgerlich. Olivia war die Pest! Ehrlich! Dabei wollte er bloß ein bisschen Ruhe und Frieden, um bis zum Wettkampf seinen Zauber hinzukriegen. War das wirklich schon zu viel verlangt?

Olivia hatte den Blick auf das Glas geheftet und überlegte. »Ich geb’s dir, Max, wenn du versprichst, mir das Entwaffnungsmanöver beizubringen, das Papa dir gestern gezeigt hat«, sagte sie.

Max stöhnte. Schwertübungen mit Olivia waren jedes Mal eine schmerzhafte Angelegenheit. Wenn er sich schon nicht selbst in den Fuß stach, besorgte Olivia das für ihn. Keiner von ihnen war besonders gut – Olivia, weil sie eigentlich überhaupt kein Schwert in die Hand nehmen durfte, und Max, weil er überhaupt kein Talent dafür hatte. Aber Olivia bestand darauf, so oft wie nur möglich zu trainieren, und wurde unerbittlich besser.

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»Okay«, seufzte er. »Gib mir das Glas, aber schnell.«

Er ging auf sie zu, um das Glas mit den Schlangenzehennägeln zu nehmen. Doch als er die Hand danach ausstreckte, entdeckte Olivia Max’ Hausratte Grimm, die gerade ihren Kopf aus dem Kragen seiner Tunika steckte.

»Max! Mama will nicht, dass du Grimm mit in den Keller nimmst!«, sagte sie vorwurfsvoll. »Außerdem ist er eklig, wahrscheinlich hat er Flöhe ...«

Beleidigt sprang Grimm Olivia an. Sie versuchte, ihn mit einer Hand abzuwehren, traf aber stattdessen Max. Er verlor das Gleichgewicht, ruderte im Fallen mit den Armen und fegte dabei ein hohes grünes Glas vom Regal. Ein hässliches Klirren ertönte, als es zu Bruch ging. Kleine blaue Wolken aus Fledermausatem schwirrten durch den Raum. Max lag auf dem Boden und sah voller Grauen, wie drei der blauen Wölkchen im Kessel landeten. Dann war es für einen Augenblick ganz still und dann ...

BÄNG!

Das Gebräu im Kessel explodierte und das klebrig blaue Geschmier spritzte durch den ganzen Keller. Ein Spritzer landete auf Max, einer landete auf Olivia und einer landete auf Grimm. Einen Wimpernschlag später schien es, als bebte der ganze Raum und würde auf merkwürdige Weise größer werden.

Olivia war jetzt ein lila Frosch mit roten Punkten. Grimm war ein roter Frosch mit lila Punkten. Und Max war ein orangefarbener Frosch mit blauen Punkten, der unheimlich wütend aussah.