22. KAPITEL
Ami erwischte die Abendmaschine nach San Francisco und nahm sich kurz nach Mitternacht am Flughafen einen Leihwagen. Die Fahrt nach Lost Lake dauerte zwei Stunden. Sie verbrachte den Rest der Nacht in einem Motel kurz vor der Stadt. Als ihr Reisewecker um acht Uhr ansprang, hatte sie das Gefühl, ihr Kopf würde zerspringen. Nachdem sie geduscht hatte, fühlte sie sich etwas besser, und ihre Stimmung hob sich, als sie in die frische Bergluft hinaustrat.
Hinter dem Motel verlief ein Wasserarm des Lost Lake. Ami sah zwischen den Pinien das blaue Wasser schimmern. Sie schlenderte zu einem Landungssteg, dessen Holz grau verwittert war. Ein paar Boote schaukelten an ihren Ankerketten, und einige Frühaufsteher angelten bereits in der Nähe des anderen Ufers. Ami betrachtete die grünen Hügel, die sich hinter dem kristallklaren Wasser erhoben. Ein Falke glitt unter schneeweißen Federwolken dahin. Diese idyllische Szenerie ließ die Gewalttat, die hier passiert war, noch unwirklicher erscheinen.
Die Innenstadt von Lost Lake bestand aus drei Parallelstraßen, der Main, der Elm und der Shasta Street. Während Ami die Main Street runterfuhr, fielen ihr Antiquitätengeschäfte und Kunstgalerien und drei Cafes auf. Das Büro des Sheriffs lag in einem einstöckigen, braunen Betonklotz am Ende der Main Street. Ami parkte und ließ einen silbrig glänzenden Tanklastzug und einen Pick-up mit einer Ladung Holz vorbei, bevor sie die Straße überquerte.
Im Wartebereich der Wache standen ein paar Stühle, die mit ausgebleichtem Kunstleder bezogen waren. Ein niedriges Metallgitter trennte diese Zone von einem großen Raum mit Metall Schreibtischen, an denen uniformierte Deputys saßen. Die Empfangsdame, eine große, freundliche Frau in einem weiten bunten Kleid, saß an dem Tisch direkt neben dem Gitter und telefonierte. Ami entnahm dem einseitigen Gespräch, dass offenbar ein Bär die Garage eines Anwohners verwüstet hatte. Schließlich legte die Frau den Hörer auf und lächelte Ami strahlend an.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Ich habe einen Termin beim Sheriff«
Einige Minuten später trat ein großer, breitschultriger Mann mit kurzem, graumeliertem Haar und haselnussbraunen Augen aus einem Korridor, der in den hinteren Teil der Wache führte. Er trug eine braune Uniform und musste etwa Ende Vierzig sein.
»Mrs. Vergano?« Er hielt ihr die Pforte in dem Gitter auf, das den Zugang zu der Wache blockierte.
»Ja.« Sie reichte ihm die Hand.
»Aaron Harney«, stellte er sich vor und schüttelte ihr die Hand. »Kommen Sie doch bitte mit in mein Büro.«
Ami folgte Harney in sein holzgetäfeltes Büro im hinteren Teil der Wache. Die Wände waren mit gerahmten Gedenktafeln, Diplomen und Fotos von Harney neben dem Gouverneur und anderen Berühmtheiten bepflastert. Den Mittelpunkt bildete ein ausgestopfter Elchschädel. Ein gläserner Bücherschrank mit Gesetzestexten stand an einer Wand. Auf dem Schrank befanden sich Bowling- und Softballtrophäen, die das Büro des Sheriffs gewonnen hatte. Auf Harneys zerkratztem Schreibtisch stand außerdem ein Foto, das vermutlich seine Frau und seine fünf Kinder zeigte.
Harney bot Ami einen Platz an und setzte sich dann auf seinen Schreibtischstuhl.
»Sie haben mir gestern Abend am Telefon nur gesagt, dass Sie gern über den Mord an dem Kongressabgeordneten Glass mit mir reden wollten. Den Grund dafür haben Sie aber im Unklaren gelassen«, begann Harney das Gespräch.
»Ich arbeite an einem Fall, der vielleicht etwas damit zu tun hat«, erwiderte Ami. »Ich würde gern mehr über den Glass-Fall wissen oder vielleicht sogar die alten Akten einsehen, falls das möglich ist.«
»Das ist es durchaus, falls Sie mir sagen können, warum Sie ein Mord interessiert, der bereits zweiundzwanzig Jahre zurückliegt.«
»Das ist ein wenig heikel, Sheriff Sie wissen ja, dass das Gesetz mir verbietet, das Vertrauen eines Klienten zu missbrauchen.«
Harney nickte. »Und Sie wissen, dass es keine Einschränkungen bei der Verfolgung eines Mordverdächtigen gibt.«
»Gestern Abend habe ich meinen Sohn bei einer Nachbarin gelassen und bin hierher geflogen. Ich muss heute wieder zurück, also habe ich keine Zeit, vor Gericht zu gehen, um Einsicht in die Akten zu beantragen. Wenn Sie nicht wollen, dass ich sie sehe, haben Sie schon gewonnen.«
Harney gefiel die Aufrichtigkeit seiner Besucherin. Die meisten Anwälte hätten ihm mit der ganzen Wucht des Gesetzes gedroht.
»Wussten Sie, dass ich in der Nacht, als der Kongressabgeordnete ermordet wurde, der erste Beamte am Tatort war?«
Amis Überraschung war Antwort genug.
»Ich bin Sheriff, seit Earl Basehart sich zur Ruhe gesetzt hat. Bis dahin war ich lange Jahre Deputy. Wenn ich meine Erfahrungen als Militärpolizist bei der Army dazu zähle, komme ich auf etwa fünfundzwanzig Jahre Kampf gegen das Verbrechen. Während dieser Zeit habe ich einiges gesehen, aber das hier war mit Abstand das Schlimmste. Den Anblick der Leiche des Abgeordneten kann ich bis heute nicht vergessen. Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich wirklich interessiert war, als Sie anriefen.«
»Es geht um den Fall Daniel Morelli«, sagte Ami. »Sie haben vielleicht in den Nachrichten davon gehört. Mein Mandant wird beschuldigt, einen Vater während eines Baseballspiels von Kindern niedergestochen zu haben.«
»Davon habe ich gehört. Schlimme Sache. Aber was hat das mit dem Mord an dem Kongressabgeordneten zu tun?«
Ami seufzte. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen das sagen, aber ich unterliege der gesetzlichen Schweigepflicht.«
Harney musterte Ami, die seinen Blick offen erwiderte. Er stand auf.
»Fahren wir ein Stück spazieren. Wenn wir zurückkommen, können Sie die Akte einsehen.«
»Danke, Sheriff«
»Sie können sich bei mir bedanken, indem Sie mich anrufen, sobald Sie über diesen Fall reden können.«
Sie fuhren im Streifenwagen des Sheriffs eine Viertelstunde von der Wache zum Lost Lake. Unterwegs fragte Ami ihn, was ihm von der Nacht, in der Eric Glass ermordet worden war, noch im Gedächtnis.
»Ich kann mich an den Schrei erinnern.« Er schüttelte sich unwillkürlich. »Ich befand mich am anderen Ufer des Sees, aber in der Nacht tragen die Geräusche hier weit. Der Schrei ist mir richtig durch Mark und Bein gegangen.«
»Hat der Kongressabgeordnete so geschrien?«
»Nein.« Harneys Miene war grimmig. »Er hat sicher viel geschrien, so wie seine Wunden aussahen, aber den Schrei hat eine Frau ausgestoßen. Vanessa Wingate, die Tochter des Generals.«
»Was haben Sie getan, nachdem Sie den Schrei gehört haben?« »Ich bin, so schnell ich konnte, um den See gefahren und habe über Funk Verstärkung angefordert. Miss Wingate taumelte benommen aus dem Wald. Sie hat mich fast zu Tode erschreckt. Ehrlich gesagt, habe ich sie im ersten Moment für einen Geist gehalten. Sie trug ein langes, weißes T-Shirt und starrte ins Leere.«
»Hat sie etwas gesagt?«
»Ja. Sie hat immer und immer dieselben Worte wiederholt. Carl hat ihn umgebracht, Carl Rice.«
»Also gab es nie irgendwelche Zweifel, dass Rice der Mörder war?«
Harney zögerte.
»Haben Sie Zweifel?«
»Nicht viele, aber wir haben niemals irgendwelche konkreten Beweise gefunden, die Miss Wingates Geschichte bestätigen konnten. Es sah aus, als hätte jemand ein Boot auf den Strand gezogen, aber wann das passiert war und wer das getan hatte, konnten wir nicht feststellen. Die Leute ziehen ständig irgendwelche Boote aus dem See an den Strand. Ich habe einen Außenbordmotor gehört, als ich ausstieg, aber das muss nicht zwingend der Mörder gewesen sein.«
»Haben Sie die Leute befragt, die um den See herum wohnen?«
»Selbstverständlich. Angeblich ist niemand hinausgefahren, aber die Jugendlichen hier aus dem Ort schleichen sich immer wieder auf die Grundstücke. Natürlich hat sich von denen keiner gemeldet.«
»Wer waren Ihre anderen Verdächtigen?«
»Das ist doch wohl offensichtlich, oder? Immerhin war Vanessa Wingate im Haus und hat sich sehr seltsam benommen.«
»Aber Sie haben sie nicht verhaftet.« »Sie hatte kein Blut an sich, und wir haben auch das Messer nie gefunden. Vermutlich hat der Mörder es mitgenommen. Falls sie und der Kongressabgeordnete wirklich ein Liebespaar waren, hätte sie vielleicht ein Motiv gehabt, doch das hat sie immer abgestritten. Und als wir das Haus durchsuchten, sah es tatsächlich so aus, als hätte sie im Gästezimmer übernachtet. Glass schlief in seinem Doppelbett, in dem offenbar nur seine Seite benutzt worden war. Bevor wir ihr noch weitere Fragen stellen konnten, hat General Wingate seine Tochter weggeschafft.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich fand Miss Wingates Namen und eine Adresse in Kalifornien in ihrer Handtasche. Es dauerte eine Weile, bis ich den General schließlich an die Leitung bekommen habe, aber wir haben ihn so schnell benachrichtigt, wie wir konnten. Ein paar Stunden später war er schon da.« Harney schüttelte den Kopf, immer noch beeindruckt von dem Auftauchen des Generals. »Das war vielleicht ein Auftritt. Er kam mit einem Hubschrauber in Begleitung zweier Leibwächter und eines Psychiaters, der im Serenity Manor arbeitete. Das ist eine psychiatrische Privatklinik. Der General hat die Angelegenheit kurzerhand in die Hand genommen, wie es wohl seine Art war. Wingate ist einer der charismatischsten Männer, die ich je getroffen habe. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er unser nächster Präsident wird.«
Sie bogen um eine Kurve, und Ami sah an einer Steinmauer den Schriftzug Lost Lake Resort in großen, schwarzen Metallbuchstaben. Harney bog auf eine asphaltierte, zweispurige Straße ein, die sich etwa eine Viertelmeile durch einen Nadelwald schlängelte. Der Zugang zu dem Gelände wurde durch ein Tor versperrt, das durch den Zugangscode oder durch einen Sicherheitsbeamten in dem kleinen Backsteinhäuschen daneben geöffnet werden konnte. Sowohl das Tor als auch der Sicherheitsmann versprachen allerdings keinen echten Schutz. Man konnte sich mit Leichtigkeit neben dem Tor durch den Wald schlagen. Der Wachposten war zudem alt, fett und träge. Immerhin verlieh das Tor den wohlhabenden Bewohnern der teuren Häuser, die den See säumten, einen Hauch von Exklusivität.
»Hallo, Ray«, sagte Sheriff Harney.
»Sheriff« Der Wachmann nickte.
»Ich drehe eine Runde, wenn Sie gestatten.«
Der Sicherheitsbeamte nickte wieder, öffnete das Tor und winkte sie hindurch. Nach einhundertfünfzig Metern sah Ami die ersten Richtungsschilder zu einer Jagdhütte. Die Straße gabelte sich, und Harney bog links ab, weg von der Hütte, und fuhr auf die grünen Hügel zu. Regelmäßig tauchten Zufahrten auf. Die meisten Häuser lagen hinter Bäumen versteckt, aber manchmal erhaschte Ami einen Blick auf eine der Sommerresidenzen. Die meisten passten überhaupt nicht hierher, sie sahen aus wie spanische Villen oder riesige Steinfestungen.
»Was ist mit Vanessa passiert, als Ihr Vater im Krankenhaus angekommen ist?« fragte sie. Sie betrachtete die Landschaft, aber in Gedanken ging sie die Geschichte des Sheriffs noch einmal durch.
»Die Hölle brach los. Sie schrie wie am Spieß, als der General das Zimmer betrat. Sie musste mit Medikamenten ruhiggestellt werden. Dann besprach sich der Psychiater, der mit dem General gekommen war, mit den Ärzten. Bevor wir uns versahen, flatterte unsere Zeugin mit dem Helikopter davon. Damals sahen wir sie zum letzten Mal.«
»Haben Sie versucht, den General daran zu hindern, sie mitzunehmen?«
»Wir sind Kleinstadtcops. Der General war eine andere Nummer. Earl erklärte, dass seine Tochter unsere einzige Zeugin sei, und der General versprach ihm, wir könnten jederzeit zu ihr, wenn das nötig sein sollte. Was sollte Earl da noch sagen? Wingate war ihr Vater, und das Krankenhaus in Lost Lake konnte die Art von psychiatrischer Hilfe, die sie nach Auskunft von Wingates Arzt brauchte, nicht stellen.«
Harney zuckte mit den Schultern. »Das war alles. Bis auf den FBI-Mann.«
»Wen?«
»Victor Hobson, ein echt harter Knochen. Das FBI wurde eingeschaltet, weil Glass Kongressabgeordneter war. Hobson war auf den Fall angesetzt worden. Er tauchte einige Stunden nach dem Abflug des Generals auf und war stinksauer, als er erfuhr, was Wingate gemacht hatte.«
»Gab es in dem Fall jemals irgendwelche Ergebnisse?«
»Nein. Der General hatte die Militärunterlagen von Rice mitgebracht. Rice war aus psychiatrischen Gründen entlassen worden. Wingate behauptete, er sei ein schwer gestörter junger Mann. Anscheinend waren Rice und Miss Wingate zusammen auf die Highschool gegangen, und er stand auf sie. Dann haben sie sich in Washington wiedergesehen, wo Miss Wingate für den Kongressabgeordneten arbeitete. Wingate glaubte, dass Rice von seiner Tochter besessen war und Glass vermutlich tötete, weil er sich einbildete, der Kongressabgeordnete und seine Tochter hätten ein Verhältnis.«
»Wurde Rice jemals verhaftet?«
»Nein. Wir haben nach ihm gefahndet, und das FBI hat ihn eine Weile auf der Liste der zehn gesuchtesten Kriminellen geführt, aber ich habe nie etwas von ihm gehört. Außer dass ein General an der Ostküste ermordet worden ist und Rice Tatverdächtiger war. Das war alles.«
Harney bog in die nächste Auffahrt ein. An ihrem Ende lag ein zweistöckiges Blockhaus hinter einem gepflegten Rasen und einigen Blumenbeeten
»Ich dachte, Sie wollten sich den Tatort vielleicht ansehen. Er gehört jetzt den Reynolds. Er ist Bankier in San Francisco. Sie kommen im Sommer oft hierher, aber zur Zeit sind sie in Europa. Ins Haus kann ich Sie natürlich nicht lassen.«
»Das verstehe ich.«
»Es war nicht so einfach, nach dem Mord das Haus zu verkaufen. Als die Reynolds es erwarben, haben sie es vollkommen umgebaut und einige Wände eingerissen. Es sieht überhaupt nicht mehr so aus wie früher. Nur das Grundstück ist noch genauso wie damals in dieser Nacht.«
Ami stieg aus. Es war heiß, und in der Mittagshitze wehte kein Lüftchen. Sie starrte auf das Haus und drehte sich einmal langsam um ihre Achse. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es hier nachts aussah. Der Sheriff wartete geduldig und folgte Ami, als sie zur Rückseite des Hauses ging. Das Haus hatte den Wind vom See abgehalten, der nun kühl und angenehm über ihre Haut strich.
»Diesen Landungssteg gab es auch damals schon.« Harney deutete auf einen kurzen, hölzernen Pier. »Glass hatte ein Rennboot, mit dem er herumgespielt hat. Auf diesem Pfad zum Tennisplatz habe ich Miss Wingate das erste Mal gesehen.«
Ami betrachtete einen Moment den Landungssteg, bevor sie sich auf den Pfad konzentrierte, der zu dem Tennisplatz führte. Sie stellte sich vor, wie Vanessa Wingate hier mitten in der Nacht in ihrem weißen T-Shirt herumgeirrt war.
»Der Pfad führt an dem Tennisplatz vorbei zu einem schmalen, steinigen Strand. Wir nehmen an, dass Rice das Boot dort an Land gezogen hat.«
»Es ist alles so friedlich und so wunderschön hier«, sagte Ami. »Schwer vorzustellen, dass hier ein Mord geschehen ist.«
»Es ist unser erster und bisher auch letzter, Gott sei Dank.« Ami schlenderte wieder zum Rasen zurück. Die Vorhänge waren zugezogen, aber zwischen ihnen und dem Fensterbrett war ein Spalt offen. Sie spähte in die Küche.
»Das ist neu«, erklärte Harney. »Die Reynolds haben den supermodernen Herd und neuen Backofen eingebaut. Diese Marmortresen waren damals auch noch nicht da.«
Ami fragte sich, wie sehr man etwas umbauen musste, bevor die Geister einen ruhen ließen. Sie wandte sich von dem Haus ab.
»Danke, dass Sie es mir gezeigt haben.«
»Hat es Sie weitergebracht?« fragte der Sheriff
»Nein. Aber vielleicht finde ich ja etwas in den Akten.«