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Unter der Oberfläche einer Welt – in den Felsen, im Humus und den Sedimentschichten – findet man das Gedächtnis des Planeten, das vollständige Geschichtsbuch seiner Existenz, seine ökologische Erinnerung.
Pardot Kynes, Eine Arrakis-Fibel
In dichter Formation fielen schwere imperiale Gefangenenschiffe aus dem Laderaum des Heighliners und trieben wie eine fliegende Prozession auf den schwärenden Planeten hinunter.
Selbst aus dem Weltraum betrachtet wirkte Salusa Secundus wie eine eitrige Wunde mit dunklen Scharten und Wolkenschleiern, die die Oberfläche wie ein zerrissenes Leichentuch verhüllten. Nach offiziellen Angaben lag die Sterblichkeitsrate von Sträflingen während ihres ersten Standardjahrs auf Salusa bei sechzig Prozent.
Nachdem die neue Lieferung von Gefangenen und Vorräten zu den bewachten Ladestationen geschafft worden war, hielten Mitarbeiter der Raumgilde die Hangartore lange genug geöffnet, dass eine weitere ramponierte Fregatte und zwei schnelle Leichter ohne Hoheitszeichen ablegen konnten. In keinem Logbuch wurde festgehalten, wie Dominic Vernius und seine Männer durch eine Lücke im Überwachungsnetz der Satelliten zum Planeten flogen.
Liet-Kynes saß in einem Passagiersitz der Fregatte und hatte die Finger an das kühle Plazglas der Sichtscheibe gepresst. Seine Augen waren groß wie die eines Fremen-Kindes beim ersten Wurmritt. Salusa Secundus!
Der Himmel hatte eine kränklich gelbe Färbung und war sogar am hellen Mittag von schmutzigen Wolken durchzogen. Kugelblitze schossen durch die Luft, als würden unsichtbare Titanen ein elektrisches Kegelturnier veranstalten.
Dominics Fregatte wich den imperialen Überwachungsbojen aus und näherte sich über die schorfige Einöde dem Landeplatz. Sie überflogen Flächen aus glasiertem Gestein, die wie Seen glitzerten, aber in Wirklichkeit aus geschmolzenem und erstarrtem Granit bestanden. Selbst nach so vielen Jahrhunderten reckten sich nur vereinzelte Büschel aus kargem braunem Gras empor – wie die verkrallten Finger der Menschen, die in der Explosion umgekommen waren.
Zwischen zwei Herzschlägen verstand Liet, warum die unverheilten Wunden dieser tristen Welt seinen Vater so nachhaltig beeindruckt hatten. Er stieß einen leisen, kehligen Laut aus. Als Dominic sich ihm mit neugierigem Blick zuwandte, erklärte Liet: »In uralten Zeiten lebten die Zensunni-Wanderer – die Fremen – neun Generationen lang auf dieser Welt.« Er starrte auf die geschundene Landschaft und fügte leise hinzu: »Manche sagen, man könnte immer noch ihre Blutflecken am Boden erkennen und ihre Schreie im Wind hören.«
Dominic ließ die breiten Schultern sinken. »Weichih, Salusa hat mehr Schmerz und Leid als irgendein anderer Ort erfahren.«
Sie näherten sich den Ausläufern einer einstmals ausgedehnten Stadt, die jetzt nur noch eine Narbe in der Landschaft war. Die Stümpfe von Gebäuden und geschwärzte Säulen aus Milchmarmor waren die einzigen Überreste der Pracht, die einst hier residiert hatte. In den kahlen Hügeln umgab eine neuere Mauer ein paar einigermaßen intakte Bauten – eine verlassene Stadt, die den Holocaust überlebt hatte.
»Diese Mauer sollte ursprünglich die Gefangenen am Ausbruch hindern«, sagte Dominic, »doch nachdem sie einstürzte und die Häftlinge entflohen, blieben die Verwalter und bauten sie wieder auf, diesmal als Schutz vor der Außenwelt.« Er lachte, was wie eine Mischung aus Husten und Schnaufen klang. »Als die Häftlinge bemerkten, dass es ihnen vorher besser ergangen war, dass sie im Gefängnis wenigstens Essen und Kleidung bekamen, versuchten sie, wieder hinein zu kommen.«
Er schüttelte den kahlgeschorenen Kopf. »Inzwischen haben die Zähesten unter ihnen gelernt, sich draußen aus eigener Kraft am Leben zu erhalten. Alle anderen sterben einfach. Die Corrinos importierten gefährliche Tiere wie Laza-Tiger oder salusanische Stiere, um die Überlebenden in Schach zu halten. Verurteilte Verbrecher werden hier ... einfach ausgesetzt. Niemand rechnet damit, diese Welt jemals wieder zu verlassen.«
Liet studierte die Landschaft mit dem Auge eines Planetologen und versuchte sich an alles zu erinnern, was sein Vater ihn gelehrt hatte. »Hier scheint es genügend Potenzial zu geben, genügend Wasser. Auf dem Boden könnte Vegetation überleben, man könnte Land- und Viehwirtschaft betreiben. Man könnte diese Welt verändern.«
»Die verdammten Corrinos würden das niemals zulassen.« Dominics Miene verdüsterte sich. »Es gefällt ihnen, wie es ist. Dieser Planet ist die angemessene Strafe für jeden, der es wagt, sich dem Imperium zu widersetzen. Für jeden neuen Gefangenen beginnt ein grausames Spiel. Der Imperator verfolgt, wer sich hier am besten durchschlägt, wer am längsten überlebt. Im Palast schließen die Mitglieder des imperialen Hofs Wetten auf berühmte Häftlinge ab, ob sie überleben oder nicht.«
»Das hat mein Vater mir nicht erzählt«, sagte Liet. »Er lebte hier vor vielen Jahren, als er noch jünger war.«
Dominic lächelte matt, doch seine Augen behielten den düsteren und besorgten Blick bei. »Wer immer dein Vater ist, Junge, er muss nicht alles wissen.« Der abgekämpfte Flüchtling lenkte die Fregatte über die Trümmer des Stadtrandes zu einem eingestürzten Hangar, dessen Dach nur noch aus einem Spinnennetz von verrosteten Trägern bestand. »Als Graf von Ix ziehe ich es vor, unterirdisch zu leben. Zumindest müssen wir uns dort unten keine Sorgen wegen der Aurorastürme machen.«
»Von diesen Stürmen hat mein Vater mir erzählt.«
Die Fregatte versank im dunklen Loch des Hangars und tauchte tiefer in die gewaltigen Frachthallen ein. »Das hier war einmal ein imperiales Lagerhaus, das besonders dauerhaft angelegt wurde.« Dominic schaltete die Scheinwerfer des Schiffes an, und gelbe Strahlen stachen durch die Dunkelheit. Eine Staubwolke senkte sich wie grauer Regen herab.
Die zwei Leichter unterschiedlicher Bauweise schoben sich an der Fregatte vorbei und landeten zuerst. Andere Schmuggler kamen aus der versteckten Basis, um die Schiffe im Empfang zu nehmen. Sie entluden Fracht, Werkzeuge und Vorräte. Die Piloten der kleineren Schiffe eilten zur großen Rampe hinüber und warteten darauf, dass Dominic ausstieg.
Als Liet dem kahlköpfigen Anführer nach draußen folgte, schnupperte er. Ohne Destillanzug und Nasenfilter kam er sich nackt vor. Die Luft roch trocken und verbrannt, nach Lösungsmitteln und Ozon. Liet sehnte sich nach der warmen Härte natürlichen Gesteins, nach der Gemütlichkeit eines Sietches. Hier waren zu viele Wände künstlich mit Metall oder Plastein verkleidet, hinter denen sich weitere Räume verbargen.
Über eine Rampe, die rings um den Landebereich herumführte, näherte sich ihnen ein muskulöser Mann. Er kam mit anmutiger Wildheit eine Treppe heruntergeeilt, obwohl sein Körper plump und unbeholfen wirkte. Eine grellrote Inkvine-Narbe verunzierte sein kantiges Gesicht, und sein strähniges blondes Haar hing ihm in einem seltsamen Winkel über das linke Auge. Er machte den Eindruck eines Mannes, der schwere Schäden erlitten hatte und dann schlampig wieder zusammengeflickt worden war.
»Gurney Halleck!«, schallte Dominics Stimme durch den großen Hangar. »Komm her und schau dir unseren neuen Kameraden an. Er ist auf Arrakis geboren und als Fremen aufgewachsen.«
Der Mann grinste breit und näherte sich mit verblüffender Schnelligkeit. Er streckte eine große Pranke aus und packte Liets Hand, als wollte er versuchen, sie zu zerquetschen. Er zitierte eine Passage, die Liet aus der Orange-Katholischen Bibel bekannt war: »Begrüße alle, die du dir zum Freund wünschst, und heiße sie mit der Hand und dem Herzen willkommen.«
Liet erwiderte die Geste und antwortete mit einem traditionellen Fremen-Spruch in der uralten Chakobsa-Sprache.
»Gurney ist von Giedi Primus zu uns gekommen«, sagte Dominic. »Er hat sich in einem Frachtcontainer versteckt, der für meinen alten Freund Herzog Leto Atreides bestimmt war. Dann wechselte er auf Hagal das Schiff und gelangte über verschiedene Transporter und Raumhäfen zu uns, wo er genau die richtigen Kameraden fand.«
Gurney zuckte verlegen die Achseln. Nach einem harten Schwertkampftraining war er verschwitzt und seine Kleidung unordentlich. »Zur Hölle, ich habe mich immer tiefer nach unten gegraben und mich ein halbes Jahr lang an immer schlimmeren Orten versteckt, bis ich schließlich auf diesen wilden Haufen stieß ... und zwar ganz unten.«
Liet kniff misstrauisch die Augen zusammen und ging nicht auf das gutmütige Geplauder ein. »Sie kommen von Giedi Primus? Der Harkonnen-Welt?« Er legte eine Hand an den Gürtel, wo sein Crysmesser in der Scheide steckte. »Ich habe hundert Harkonnen-Hunde getötet.«
Gurney bemerkte die Bewegung, doch er blickte dem bärtigen jungen Fremen fest in die Augen. »Dann werden wir beide dicke Freunde sein.«
* * *
Als Liet später mit den Schmugglern im Gemeinschaftsraum der unterirdischen Basis zusammensaß, lauschte er den Diskussionen, dem Gelächter, den angeberischen Geschichten und den offensichtlichen Lügen.
Sie öffneten Flaschen eines seltenen, teuren Jahrgangs und reichten Gläser mit dem hochprozentigen bernsteingelben Getränk herum. »Das ist imperialer Brandy, mein Junge«, sagte Gurney zu Liet, der Schwierigkeiten hatte, die likörartige Flüssigkeit zu schlucken. »Aus Shaddams privaten Vorräten. Das Zeug ist das Zehnfache seines Gewichts in Melange wert.« Der narbige Mann zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Wir haben eine Lieferung von Kirana abgefangen und alles, was für den Imperator bestimmt war, für uns behalten. Den Brandy haben wir gegen Skunk-Essig ausgetauscht. Ich rechne damit, dass wir schon bald davon hören werden.«
Dominic Vernius betrat den Raum und wurde von allen Schmugglern begrüßt. Er hatte sich eine ärmellose Jacke aus brauner Merh-Seide angezogen, die mit schwarzem Walpelz besetzt war. In seiner Nähe schwebten wie Geister mehrere Holobilder seiner geliebten Frau, damit er ihr Gesicht jederzeit im Blickfeld hatte.
In der Festung war es warm und gemütlich, doch Liet hoffte, mehr Zeit draußen verbringen zu können, die Landschaft von Salusa erkunden zu können, wie es sein Vater getan hatte. Doch er hatte versprochen, zuerst seine Fähigkeiten als Fremen einzusetzen, um das Versteck der Schmuggler zu studieren und die Tarnung zu verbessern. Allerdings musste er Dominic beipflichten, dass an diesem Ort kaum jemand nach einem geheimen Versteck suchen würde.
Niemand kam freiwillig nach Salusa Secundus.
An der Wand des Gemeinschaftsraums hatte Dominic eine jahrhundertealte Landkarte aufgehängt, die diese Welt so zeigte, wie sie in den Tagen des Ruhms als großartige Hauptstadt eines interstellaren Imperiums gewesen war. Die Linien waren in Gold gezeichnet, Paläste und Städte wurden durch Edelsteine repräsentiert, die Eiskappen bestanden aus Tigeratem-Opal und die Seen aus versteinertem Elacca-Blauholz.
Dominic behauptete, dass die Karte einst dem Kronzprinzen Raphael Corrino gehört hatte, dem legendären Staatsmann und Philosophen (obwohl für diese Behauptung lediglich Dominics feste Überzeugung und keine eindeutigen Beweise sprachen). Er brachte seine Erleichterung zum Ausdruck, dass Raphael – ›der einzige anständige Vertreter der Corrino-Bande‹, wie er es formulierte – nicht mehr hatte miterleben müssen, was aus seiner geliebten Hauptstadt geworden war. All der märchenhafte Prunk, alle Träume, Visionen und guten Taten waren im nuklearen Feuer verbrannt.
Gurney Halleck zupfte die Saiten seines neuen Balisets und sang ein melancholisches Lied. Liet lauschte seinen Worten, die empfindsam und schwermütig waren, die Bilder von vergangenen Menschen und Orten wachriefen.
Ach, die lang vergangnen Tage,
Wieder spüre ich ihren süßen Nektar an den Lippen.
Erinnerungen an Geschmack und Gefühl ...
Lächeln und Küsse des Glücks
voll Hoffnung und Unschuld.
Doch hier seh ich nur Schleier und Tränen
Und die finstren, ertränkenden Tiefen
des Schmerzes, der Plage, des Kummers.
Wende den Blick ab, mein Freund,
Schau ins Licht und nicht ins Dunkel.
Für jeden Anwesenden hatte das Lied seine eigene Bedeutung, und Liet sah, dass Dominic mit Tränen in den Augen auf die Holoporträts von Shando blickte. Liet erschrak über diese offene Zurschaustellung von Gefühlen, die unter Fremen unbekannt war.
Dominic hatte die kostbare Karte an der Wand nur teilweise im Blickfeld. »Irgendwo in den Akten des Imperiums, die zweifellos von einer dicken Staubschicht bedeckt sind, ist der Name der Renegatenfamilie verzeichnet, die hier verbotene Atomwaffen einsetzte und einen Planeten verwüstete.«
Liet erschauderte. »Was haben sie sich dabei gedacht? Selbst Abtrünnige können doch nicht etwas so Schreckliches tun!«
»Sie taten, was sie tun mussten, Weichih«, erwiderte Johdam und rieb sich die Narbe über seiner Augenbraue. »Wir wissen nicht, welches Ausmaß ihre Verzweiflung hatte.«
Dominic versank tiefer in seinem Sessel. »Einige Corrinos – sie und ihre Nachkommen seien verflucht! – blieben am Leben. Der Imperator Hassik III. verlegte die Hauptstadt nach Kaitain ... und das Imperium existierte weiter. Die Corrinos existierten weiter. Und es bereitete ihnen ein infames Vergnügen, die Hölle von Salusa Secundus zu ihrer privaten Gefängniswelt zu machen. Jedes Mitglied jener Renegatenfamilie wurde gejagt und hierher gebracht, um einen schrecklichen Tod zu erleiden.«
Der stoppelhaarige Veteran Asuyo nickte ernst. »Es heißt, dass ihre Geister immer noch auf dieser Welt herumspuken, nicht wahr?«
Verblüfft wurde Liet bewusst, dass der verbannte Graf Vernius Parallelen zwischen sich und dieser verzweifelten und vergessenen Familie sah. Obwohl Dominic einen gutmütigen Eindruck machte, hatte Liet von den Tiefen des Schmerzes erfahren, die dieser Mann hatte erdulden müssen – seine Frau ermordet, sein Volk unter der Knechtschaft der Tleilaxu, seine Kinder zu einem Leben im Exil auf Caladan verurteilt.
»Diese Renegaten ...«, sagte Dominic mit einem seltsamen Funkeln in den Augen, »sie gingen nicht so gründlich vor, wie ich es getan hätte.«