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Wenn du aufgibst, hast du bereits verloren. Wenn du dich weigerst aufzugeben, wie schlecht deine Chancen auch stehen mögen, hast du es zumindest versucht.
Herzog Paulus Atreides
Wenn er seine Schwester retten wollte, musste Gurney Halleck allein handeln.
Zwei Monate lang bereitete er sich vor, obwohl es ihn drängte, seine Pläne in die Tat umzusetzen, obwohl er wusste, dass Bheth in jeder Nacht, in jedem Augenblick litt. Aber sein Vorhaben wäre zum Scheitern verurteilt, wenn er nicht jede Möglichkeit in Betracht zog. Er besorgte sich Karten von Giedi Primus, die nicht sehr detailliert waren, und plante seine Route nach Mount Ebony. Der Berg schien sehr weit entfernt – weiter, als er jemals zuvor in seinem Leben gereist war.
Er war angespannt und befürchtete, die Dorfbewohner könnten etwas von seinen Aktivitäten bemerken, aber sie trotteten wie üblich mit gesenktem Blick durch ihr tägliches Leben. Selbst seine Eltern sprachen kaum mit ihm und achteten nicht auf seine Stimmungen, als wäre ihr Sohn genauso wie ihre Tochter vor langer Zeit verschwunden.
Als er schließlich so gut vorbereitet war, wie es ging, wartete Gurney bis zum Anbruch der Dunkelheit. Und dann ... ging er einfach.
Mit einem Sack voller Krall-Knollen und Gemüse über der Schulter und einem Erntemesser im Gürtel machte er sich auf den Weg durch die Felder. Er hielt sich von Straßen und Patrouillen fern, schlief während des Tages und wanderte im fahlen Mondlicht. Er bezweifelte, dass irgendjemand nach ihm suchen würde. Die Bewohner von Dmitri würden davon ausgehen, dass Folterknechte der Harkonnens den Störenfried im Dunkel der Nacht geholt hatten. Wenn er Glück hatte, würden sie es aus Angst nicht einmal wagen, sein Verschwinden zu melden.
In mehreren Nächten gelang es Gurney, sich in unbemannte Frachttransporter zu schleichen, die westwärts durch das Land fuhren. Die klobigen Gefährte schwebten einfach weiter, ohne anzuhalten, die ganze Nacht hindurch. Dadurch ersparte er sich mehrere hundert Kilometer Fußmarsch und konnte sich ausruhen und nachgrübeln, was er tun würde, wenn er die Militäranlage erreicht hatte.
Während der langen Stunden lauschte er auf das Summen der Suspensoren, die Waren oder Mineralien zu den Weiterverarbeitungsstätten brachten. Er sehnte sich nach seinem Baliset, das er zu Hause gelassen hatte, weil es zu sperrig war, um es auf dieser Mission mitzunehmen. Mit dem Instrument hatte er immer noch seine eigene Musik machen können, ganz gleich, wie viel die Herrschenden seiner Familie geraubt hatten. Er vermisste diese Zeiten. Jetzt konnte er nur leise und allein vor sich hin summen.
Schließlich sah er den gewaltigen Kegel von Mount Ebony – das kahle, düstere Überbleibsel eines Vulkans mit scharfen Bruchkanten. Der Fels war tiefschwarz, als hätte man ihn mit Teer übergossen.
Der militärische Komplex war ein Puzzle aus regelmäßig angeordneten Gebäuden, allesamt schmucklose, rechteckige Kästen, die etwas höher gelegen waren und gegen den Wind zu den Sklavenbergwerken und Obsidian-Minen standen. Zwischen den eingezäunten Bergwerken und dem ordentlichen Militärlager breitete sich ein Durcheinander aus Häusern, Versorgungseinrichtungen und Gaststätten aus ... darunter auch ein kleines Freudenhaus, das der sexuellen Entspannung der Harkonnen-Truppen diente.
Bis hierher hatte sich Gurney unbemerkt bewegen können. Die Harkonnens konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein geknechteter Arbeiter ohne Bildung und finanzielle Mittel es wagen würde, sich ganz allein gegen Giedi Primus zu stellen, dass er auch nur versuchen würde, die Truppen mit einem klaren Ziel vor Augen auszuspionieren.
Aber er musste das Gebäude finden, in dem Bheth offensichtlich festgehalten wurde. Gurney versteckte sich und wartete ab, beobachtete das Militärlager und versuchte seinen Plan zu verfeinern. Er hatte nur wenige Alternativen.
Trotzdem würde er sich dadurch nicht entmutigen lassen.
* * *
Ein Mann von niederem Stand und ohne Ausbildung hatte keine Chance, sich als jemand auszugeben, der hier zu Hause war, also konnte sich Gurney nicht auf dem normalen Weg ins Freudenhaus einschleusen. Stattdessen entschied er sich für einen gewagten Überfall. Er schnappte sich ein Metallrohr, das er in einem Abfallhaufen entdeckt hatte, und hielt sein Erntemesser in der anderen Hand. Da er nicht heimlich vorgehen konnte, musste er schnell handeln.
Er stürmte durch eine Seitentür des Freudenhauses und lief zum Verwalter, einem verkrüppelten alten Mann, der im Eingangsbereich an einen Stuhl gekettet war. »Wo ist Bheth?«, brüllte der Eindringling und war überrascht, als er nach so langer Zeit wieder seine eigene Stimme hörte. Er hielt dem alten Mann die Messerspitze an die sehnige Kehle. »Bheth Halleck, wo ist sie?«
Gurney wurde einen Moment lang schwindlig. Was war, wenn sich in den Freudenhäusern der Harkonnens niemand um die Namen der Frauen scherte? Zitternd sah der alte Mann die Narben in Gurneys Gesicht und die Mordlust in seinen funkelnden Augen. »Zimmer einundzwanzig«, sagte er krächzend.
Gurney zerrte den Verwalter mitsamt Stuhl in ein kleines Nebenzimmer und sperrte ihn dort ein. Dann hetzte er durch den Korridor.
Ein paar missmutige Kunden, einige unvollständig mit Harkonnen-Uniformen bekleidet, starrten ihm nach. Er hörte Schreie und dumpfe Schläge hinter verschlossenen Türen, aber er hatte keine Zeit, sich um mögliche Gräueltaten zu kümmern. Seine Gedanken waren nur auf ein Ziel konzentriert: Zimmer einundzwanzig. Bheth.
Sein Sichtfeld zog sich zu einem schmalen Tunnel zusammen, bis er die Tür gefunden hatte. Durch sein dreistes Vorgehen hatte er etwas Zeit gewonnen, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis Soldaten der Harkonnens eintrafen. Er wusste nicht, wie schnell es ihm gelingen würde, Bheth von hier fort und in ein Versteck zu schaffen. Sie konnten gemeinsam fortlaufen und sich in die Wildnis flüchten. Aber er hatte keine Ahnung, wie es danach weitergehen sollte.
Er konnte nicht mehr nachdenken. Er wusste nur noch, dass er es um jeden Preis versuchen musste.
Die Nummer war in Galach-Ziffern in den Türsturz geritzt. Von drinnen hörte er ein Poltern. Gurney nahm Anlauf und rammte die Tür mit der Schulter. Die Scharniere brachen, und das Türblatt knallte laut auf den Boden.
»Bheth!« Mit wildem Gebrüll stürmte er ins schwach beleuchtete Zimmer, das Messer in der einen, das Metallrohr in der anderen Hand.
Sie antwortete ihm vom Bett mit einem erstickten Schrei, dann sah er, dass sie mit dünnen Drähten gefesselt war. Ihre Brüste und ihr Unterkörper waren wie in Kriegsbemalung mit schwarzem Öl beschmiert, und zwei nackte Harkonnen-Soldaten fuhren wie erschrockene Schlangen von ihrem Tun auf. Beide Männer hielten seltsame geformte Werkzeuge in den Händen, von denen eins funkensprühend knisterte.
Gurney wollte sich gar nicht vorstellen, welchen Aktivitäten sie sich hingegeben hatten. Die ganze Zeit über hatte er sich gezwungen, nicht über die sadistischen Foltern nachzudenken, die Bheth täglich erdulden musste. Sein Gebrüll erstarb in seiner Kehle, als er sie sah. Der Schock ließ ihn erstarren. Der Anblick der Erniedrigung, der Spuren, die die vergangenen vier Jahre an seiner Schwester hinterlassen hatten, verurteilten seinen Rettungsversuch zum Scheitern.
Er zögerte nur einen kurzen Moment, in dem er mit offenem Mund dastand. Bheth hatte sich so sehr verändert, ihr Gesicht war verhärmt und gealtert, ihr Körper abgemagert und voller blauer Flecken. Sie war ganz anders als das zarte siebzehnjährige Mädchen, das er zuletzt gesehen hatte. Einen Sekundenbruchteil lang stand Gurney wie gelähmt da, als seine Wut im Angesicht der schrecklichen Wirklichkeit verpuffte.
Die Harkonnens benötigen nicht mehr als diesen Augenblick, um vom Bett zu springen und sich auf ihn zu stürzen.
Selbst ohne ihre Panzerhandschuhe, Stiefel und Rüstungen gelang es den Männern, ihn niederzuschlagen. Sie wussten genau, auf welche Stellen sie zielen mussten. Einer der beiden stieß ihm ein elektrisch knisterndes Gerät gegen die Kehle, dann war seine linke Körperhälfte gelähmt. Er schlug unkontrolliert um sich.
Bheth konnte nur wortlose, keuchende Laute von sich geben, während sie sich gegen die Drähte stemmte, die sie ans Bett fesselten. Dann sah Gurney eine lange dünne Narbe an ihrem Hals. Sie hatte keinen Kehlkopf mehr.
Vor Gurneys Augen wurde alles rot. Er hörte schwere Schritte und Rufe, die durch die Gänge hallten. Die Verstärkung war eingetroffen. Er konnte nicht mehr aufstehen.
Deprimiert machte er sich klar, dass er versagt hatte. Sie würden ihn töten und Bheth wahrscheinlich ebenfalls. Hätte ich doch nur nicht gezögert! Dieser Augenblick der Unentschlossenheit war sein Verderben gewesen.
Einer der Männer blickte auf ihn herab, die Lippen zu einer Grimasse der Wut verzogen. Speichel lief ihm aus dem linken Mundwinkel, und seine blauen Augen, die unter anderen Umständen oder an einer anderen Person vielleicht sogar hübsch gewesen wären, funkelten ihn an. Der Mann riss Gurney das Erntemesser und das Rohr aus den schlaffen Händen und hob sie hoch. Grinsend warf er das Messer fort – und behielt das Metallrohr in der Hand.
»Wir wissen schon, wohin wir dich schicken werden, Kleiner«, sagte er.
Gurney hörte wieder Bheths unheimliches Flüstern, aber sie konnte keine Worte artikulieren.
Dann ließ der Mann das Rohr auf Gurneys Kopf niedersausen.