Kapitel 37
Der Frühling gebiert den Sommer
Nicht zum ersten Mal wurde eine Frau, die ein Karnevalskostüm trug, mit Wehen in das Ospedale Civili Riunti di Venezia eingeliefert. Wie konnte es anders sein - man war hier schließlich in Venedig. Doch der Anblick dieser Primavera, die sich vor Schmerzen krümmte und der das von Fruchtwasser durchweichte Gewand an den Beinen klebte, erregte allgemeine Aufmerksamkeit und erweichte selbst das Herz der abgehärtetsten Gynäkologen.
Im Kreißsaal mussten schnelle Entscheidungen getroffen werden. Die Signorina, die ohne Begleitung gekommen war, hatte lange bis zum Krankenhaus gebraucht, und obwohl es sich um ihr erstes Kind handelte, war die Geburt schon weit fortgeschritten. Für eine Epiduralanästhesie war es bereits zu spät. Die Nonnen gaben sich alle Mühe, Leonora Erleichterung zu verschaffen, doch abgesehen von den Schmerzen litt sie besonders darunter, dass sie allein hier war, in diesem Krankenhaus, in dem sie selbst zur Welt gekommen war. Alle paar Minuten, wenn die Wehen sie überkamen und Krämpfe ihren Körper schüttelten, schrie sie nach Alessandro. Plötzlich fiel ihr ein, was Professore Padovani ihr über die Mutter der anderen Leonora erzählt hatte.
Angelina dei Vescovi, die bei der Geburt starb ... bei der Geburt starb.
Der Schmerz, den sie empfand, verringerte die Kluft zwischen den Jahrhunderten und stellte eine Verbindung zwischen ihr und jener lang verstorbenen jungen Frau her. In diesem Moment fühlte sich Leonora der anderen Frau - der anderen Mutter - ganz nah.
Schließlich verlor Leonora für kurze Zeit das Bewusstsein, und die Nonnen dankten Jesus, dass ihr eine kleine Verschnaufpause vergönnt war. Es würde noch eine lange Nacht werden.