Kapitel 26
Im Fegefeuer
Sobald ich die Fondaria von Versailles betrat, war ich endlich wieder zu Hause.
Als Jacques die Werkstatt aufschloss, zu der nur er und sein neuer Lehrmeister einen Schlüssel besitzen würden, sah Corradino sofort, dass man ihm alles zur Verfügung gestellt hatte, was er benötigte. In dem Raum standen Bottiche mit Wasser sowie Versilberungswannen. Der Glasofen war bereits mit rot glühender Glasschmelze bestückt worden. Außerdem gab es Pontils, Glasmacherpfeifen und Holzpaddel, dazu die Formsättel und Zangen. Und da befanden sich auch seine Pigmente, unter anderem Lapislazuliblau, Rot und Blattgold. Die Flaschen und Kolben enthielten Nitrate, Sulfate und Quecksilber. Hier fühlte er sich endlich wieder sicher und konnte mit der Arbeit beginnen.
Nach den langen Wochen auf See und auf der Landstraße juckte es Corradino in den Fingern, die Werkzeuge zur Hand zu nehmen und etwas Neues zu schaffen. Da er bisher stets allein gearbeitet hatte, erschien ihm Jacques' Anwesenheit zunächst sehr ungewohnt. Nun war also der Tag gekommen, an dem er die Geheimnisse seiner Arbeit mit einem anderen teilen musste, so schwer es ihm auch fiel. Zwar hatte er keine Angst, dass der Junge ihn an Kunstfertigkeit jemals übertreffen könnte. Doch seit zehn Jahren war er der Einzige gewesen, der Spiegel auf diese besondere Weise herstellte, und wenn er nun sein Wissen weitergab, war es ihm, als gebe er etwas sehr Kostbares auf - einen Teil seiner selbst.
Dieses Wissen hat mir das Leben gerettet, denn nur um seinetwillen haben mich die Zehn verschont. Und der König hat keine Mühen gescheut. Wenn ich es erst aus der Hand gegeben habe - was schützt mich dann noch vor dem König?
Würde Ludwig ihn aus dem Weg räumen lassen, sobald er, Corradino, sein Geheimnis verraten hatte? Auf diese Frage würde er erst mit der Zeit eine Antwort bekommen. Was blieb dem Glasbläser in der Zwischenzeit anderes übrig, als sein Wissen zu teilen? Man würde Leonora nur holen, wenn er seinen Teil der Übereinkunft einhielt. Die Aussicht, sie eines Tages bei sich zu haben und zudem noch in Freiheit leben zu können, ließ alle Ängste und Zweifel in den Hintergrund treten. Gegen seinen Willen kamen ihm Dantes Verse in den Sinn. Er musste daran denken, dass sein Namensvetter in «II Purgatorio» von einem französischen König getötet wurde. Corradino, der unglückliche Fürst von Sizilien, wurde nach einem missglückten Staatsstreich von Charles von Anjou hingerichtet.
Als Corradino sich jedoch umwandte und in Jacques' warme braune Augen blickte, las er darin Begeisterung und Eifer und die gleiche Liebe für sein Gewerbe, die er selbst empfand. Sofort fühlte er sich getröstet und schob die düsteren Gedanken beiseite. Er hatte keinen eigenen Sohn, an den er sein Wissen weitergeben konnte, und würde vielleicht nie einen haben. Also war dies die einzige Gelegenheit, einen jungen Menschen in die Geheimnisse der Glasbläserkunst einzuweihen.
Natürlich gibt es Leonora. Doch eine Frau ist noch niemals Glasbläserin gewesen, und das wird sich auch nie ändern.
Alles, was er sich für seine Tochter erhoffte, war eine gute Heirat und das glückliche Familienleben, das ihm selbst nicht vergönnt gewesen war.
«Also los», sagte er mit fester Stimme zu Jacques, «fangen wir an.»
Er nahm die größte Glasmacherpfeife zur Hand. Als er den Gluthauch des Ofens auf seinem Gesicht spürte, gingen ihm seine Lieblingsverse aus Dantes «Inferno» durch den Kopf:
«So sah ich von der Glut den Boden röten;
Wie unterm Stahle schwamm, entglomm der Sand.»
Auch jetzt färbte sich der Sand rötlich, als Corradino mit seiner Pfeife eine große Menge Glasschmelze aus dem Feuer holte und unter ständigem Drehen den Külbel blies.
Jacques blickte verwirrt drein und fragte schüchtern: «Maitre, ich dachte, wir wollten einen Spiegel machen und nicht Glas blasen.»
Ohne mit dem Blasen aufzuhören, warf Corradino ihm aus zusammengekniffenen Augen einen verschmitzten Blick zu.
Als der Külbel fertig war, übernahm ihn Corradino mit dem Pontil. Dann trug er ihn hinüber zum Wasserbottich und ließ ihn wie eine längliche Boje auf der Wasseroberfläche treiben. Als die Glasblase ein wenig abgekühlt war, nahm er ein scharfes Messer zur Hand und machte einen raschen Längsschnitt durch das zylinderförmige Gebilde, das sich daraufhin zu beiden Seiten glatt auf das Wasser legte. Dabei erhärtete das bernsteinfarbene Glas langsam zu einer glatten Scheibe.
«Das ist es also», brach Jacques flüsternd sein ehrfürchtiges Schweigen. «So wird es also gemacht.»
Corradino ging in die Knie und prüfte die Glasplatte im Wasserbottich mit geübtem Blick. Er nickte. «Ja. So wird es gemacht. Ich habe es durch reinen Zufall entdeckt. Nur so kann man eine große Glasscheibe von gleichmäßiger Stärke herstellen.»
«Und wozu das Wasser?»
«Eine unbewegte Wasseroberfläche, wo sie sich auch befinden mag, ist immer vollkommen glatt und eben. Wie ein natürlicher Spiegel. Selbst wenn man das Gefäß ankippt, bildet das Wasser darin wieder eine glatte Fläche. Ich hoffe nur, dass sich mit dem Wasser eures verpesteten Flusses genauso gutes Glas machen lässt wie mit dem süßen acqua aus der Lagune von Venedig. Und jetzt müssen wir das Neugeborene kleiden.» Vorsichtig hob er die abgekühlte Scheibe hoch und legte sie in einen daneben stehenden Bottich, in den er eine geschmolzene Silberverbindung gegeben hatte, die selbst wie ein Spiegel wirkte. «Das hier ist Quecksilber mit Silbersulfat», erklärte Corradino. «Doch bildet es nur eine dünne Schicht, unter der sich ebenfalls Wasser befindet.» «Warum das, Maitre?»
«Weil diese Silberverbindungen sehr kostspielig sind. Selbst euer König wäre nicht verschwenderisch genug, um einen ganzen Bottich damit füllen zu lassen. Aber die dünne Schicht hier genügt, um das Glas mit einer spiegelnden Haut zu überziehen. Du musst immer darauf achten, dass du die Lösung gleichmäßig auf dem Wasser verteilst, sonst bleiben unverspiegelte Flecken auf dem Glas zurück. Und hüte dich vor dem Quecksilber - es ist ein übler Stoff, der mühelos durch die Haut in den Körper eindringt. Viele Männer aus unserem Gewerbe sind schon daran gestorben, darunter auch jemand, der mir sehr nahe stand.»
Corradino musste schmunzeln, während er daran dachte, wie er seine Quecksilbervergiftung simuliert hatte. Zu diesem Zweck hatte er sich die Zunge mit Holzkohle geschwärzt und dann ein wenig schwarzen Speichel auf sein «Totenbett» tropfen lassen. Als er sich jedoch vorstellte, welchen Eindruck sein Anblick auf Giacomo gemacht haben musste, verging ihm das Lächeln.
Er wandte sich erneut an Jacques. «Pass einfach auf, dass du so wenig wie möglich mit der Mischung in Berührung kommst», sagte er und hob die große silberne Scheibe mit Hilfe zweier Lederpolster aus dem Bottich. «Bei der Hitze hier trocknet die Versilberung sehr schnell - siehst du?»
Staunend sah Jacques über die Glasplatte gebeugt zu, wie sein Spiegelbild im Verlauf des Trocknungsvorgangs immer schärfer und klarer wurde.
«Hier kannst du erkennen, dass die Kanten, wo ich den Külbel aufgeschnitten habe, noch rau und ungleichmäßig sind. Um sie zu glätten, benutzen wir wieder das Messer und ein Lineal aus Metall. Damit brauchst du nur die Silberschicht sauber anzuritzen, dann bricht das Glas darunter genau entlang der Linie, die du gezogen hast.» Corradino machte es ihm vor. «Hier gibt es viele unterschiedlich geformte Metalllineale, denn die Spiegel sollen, wie du ja weißt, an ihrer Oberkante einen bogenförmigen Abschluss erhalten. Dafür brauchen wir so etwas.» Er hielt einen biegsamen Metallstreifen in die Höhe. Als Jacques nickte, wandte sich der Meister wieder der Spiegelscheibe zu. «Und zum Schluss nehmen wir ein Stück Chamoisleder», fuhr er fort, «tauchen es in Alaun und polieren damit die Scheibe. Siehst du, so.»
Jacques hätte nicht gedacht, dass der Spiegel noch stärker blitzen und blinken konnte, doch unter Corradinos flinken Händen begann das Glas jetzt förmlich zu singen. Auf dem Gesicht des Lehrlings malten sich Staunen und Bewunderung, aber auch Wissbegierde ab. Er hatte so viele Fragen! «Maitre, wie fertigen die anderen Glasbläser Spiegel?»
«Etwas, worin man sein Spiegelbild sieht, hat es immer schon gegeben. Die ungläubigen Araber pflegten ihre Schilde auf Hochglanz zu polieren, damit sie sich darin sehen konnten. In anderen Ländern versucht man heutzutage, Glas ganz dünn auszurollen, wie einen Kuchenteig. Die Ergebnisse sind passabel, doch eine wirklich große Scheibe kann man auf diese Weise nicht herstellen. Denn wenn das Glas abkühlt und aushärtet, wird es holprig und uneben. Einen Külbel dagegen kannst du so groß machen, wie es dein Atem zulässt. Und wenn du den Glaszylinder dann aufschneidest, erhältst du eine Scheibe in fast jeder gewünschten Größe. Das lässt sich einfach berechnen.» Corradino zuckte ein wenig verlegen die Achseln, als er Jacques' bewundernden Blick bemerkte. Doch er stellte auch noch etwas anderes fest: Dem Jungen ging es genauso wie ihm - es juckte ihn geradezu in den Fingern, es selbst einmal zu versuchen.
Was habe ich jetzt alles zusammengeschwafelt! Wenn ich über meine Arbeit spreche, bin ich viel mitteilsamer als gewöhnlich. So mancher, der mich kennt, glaubt, ich sei stumm wie eine Auster. Doch wenn die Rede auf das Glas kommt, plappere ich los wie ein Papagei. Aber genug jetzt.
Und dann sagte er etwas, was er früher für undenkbar gehalten hätte: «Und jetzt bist du dran.»