Kapitel 20
Die Scharf sieht des Alters
An diesem Abend fuhr sie niedergeschlagen und zornig nach Hause. Ihr war noch immer schlecht, und selbst der romantische Anblick der Lichter von San Marco vermochte sie nicht aufzuheitern. Sie verließ das Boot an den Zattere und wartete auf das Vaporetto der Linie 1, das sie durch den Canal Grande zum Campo Manin bringen sollte. Als das Boot mit dröhnendem Motor anlegte und von einem jungen Mann geschickt vertäut wurde, dachte sie zum ersten Mal seit Wochen wieder an ihren Vater. Verglichen mit der Beziehung, die sie mit dem vor so langer Zeit verstorbenen Corradino verband, erschien ihr Brunos Existenz flüchtig und schemenhaft. Ihr wurde langsam klar, wie stolz sie auf Corradino gewesen, wie viel Liebe sie für ihn empfunden hatte. Es hatte sie härter getroffen, als wäre ihr eigener Vater des Verrats angeklagt worden. Roberto del Pieros Vorwürfe hatten sie vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Leonora kam sich hilflos und verwundbar vor. Noch nicht einmal der Anblick der Paläste, die im silbernen Zwielicht die Ufer des Canal Grande säumten, war ihr ein Trost.
Die Dunkelheit senkte sich langsam herab, und plötzlich sahen die Fassaden der Häuser gar nicht mehr so heiter aus, wie sie es tagsüber taten. Die schönen Fenster blickten Leonora ausdruckslos und abweisend an. Sie hätte zu gern gewusst, ob Corradino zu geheimen Treffen in diese Gebäude geeilt war, bevor er seine Vaterstadt verriet. Als sie das Boot bei Santa Stephano verließ und mit gesenktem Kopf durch die finsteren Calli zum Campo Manin lief, wuchs ihre Beklommenheit. Sie hatte das Gefühl, jemand sei hinter ihr her, als würden jeden Augenblick leise Schritte aus den Schatten hinter ihr erklingen.
Wenn er das wirklich getan hat, hat das auch für mich große Auswirkungen. Corradinos Schande zieht mich mit in den Schmutz.
Die vertrauten Häuser am Campo Manin boten Leonora an diesem Abend keine Sicherheit. Noch immer fühlte sie sich verfolgt.
Schau nicht hin!
Sie schalt sich eine Närrin. Wovor fürchtete sie sich? Doch es nützte nichts - immerhin hatte sie keine Angst vor irgendwelchen Spukgestalten, sondern vor Roberto del Piero, der in ihren Augen eine konkrete Bedrohung darstellte. Durch ihre Schuld - so glaubte er wenigstens - war seine Karriere in der Fondaria zu Ende und seine Familientradition nichts mehr wert. Selbstverständlich konnte er woanders Arbeit finden, doch sie war es, die ihn aus seiner angestammten Umgebung hinausgedrängt und - noch schlimmer - seinen Aufstieg verhindert hatte. Da war es weiß Gott kein Hirngespinst, zu glauben, dass er sich an ihr rächen würde.
Leonora lief über das noch immer warme Pflaster des Campo und tastete dabei in ihrer Tasche nach den Schlüsseln. Wie ein Kind, das seinen unsichtbaren Häschern entkommen will.
Wenn ich es bloß bis zur Tür schaffe ...
Fahrig fummelte sie mit dem Schlüssel im Schloss herum. Dabei rechnete sie jeden Augenblick damit, dass sich eine Hand auf ihren Arm legen oder ihr die Kehle zudrücken würde. Endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Leonora stieß die Tür auf und stürzte in den Flur. Dann lehnte sie sich im Dunkeln schwer atmend gegen die geschlossene Tür. Als wenige Sekunden später das Telefon klingelte, fuhr sie entsetzt zusammen. Vor Angst bebend ging sie in die Küche und nahm den Hörer ab. Doch am anderen Ende ertönte kein heiseres Krächzen wie in einem Horrorfilm. Er war es.
«Alessandro!»
Erleichtert ließ sie sich in einen Sessel fallen und schaltete die Lampe ein. Ihr heller Schein und der Klang der lang ersehnten Stimme vertrieben die Schreckgespenster.
Er lachte über ihre begeisterte Begrüßung. Offensichtlich allerbester Laune, begann er von dem Lehrgang zu berichten, den er gerade absolvierte und der aus ihm einen commissario machen sollte.
Leonora brachte es nicht fertig, seine Hochstimmung mit ihren Sorgen zu trüben. «II Gazzettino» war eine Lokalzeitung, daher hatte er in Vicenza vermutlich noch nicht von den Vorwürfen gehört die auf Corradinos und damit auch auf ihrem eigenen Namen lasteten. Das alles konnte sie ihm immer noch berichten, wenn sie sich wiedersahen.
Während Alessandro ihr von seiner Ausbildung erzählte, legten sich Leonoras Furcht und Panik ein wenig. Beim Klang seiner Stimme wurde sie zunehmend ruhiger. Allmählich richtete sich ihr Selbstbewusstsein, das Roberto mit Füßen getreten hatte, wieder auf. War es nicht wahrscheinlicher, dass Corradino niemanden verraten hatte? Das Ganze war bestimmt nur eine üble Nachrede, die sein Rivale damals in die Welt gesetzt hatte. Und was spielte es unter dem Strich überhaupt für eine Rolle? Corradino war längst tot - sein Werk bestand weiter und sprach für ihn.
Leonora seufzte. Seit diesem Tag war nichts mehr so gewesen wie zuvor. Das Vertrauen in Corradino und die Zuversicht, die sie an jenem Abend nach dem Gespräch mit Alessandro verspürt hatte, hatte nur wenige Tage überdauert. Robertos Giftpfeile waren wohl platziert gewesen und hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Hatte man sie vorher bei der Arbeit geschnitten, so wurde es nach Robertos Enthüllung unerträglich. Sein böser Blick während der Arbeit war an Leonora abgeprallt, die sämtlicher Vetraie ließen sie Tag für Tag Spießruten laufen. Robertos Neid und Eifersucht hatte sie sich nicht zu Herzen genommen, doch der unausgesprochene Vorwurf ihrer Kollegen, ihr Vorfahr sei ein Betrüger und Mörder gewesen, hatte sie in den vergangenen vier Monaten mehr als einmal in ihren Grundfesten erschüttert. Adelino war ihr keine große Hilfe gewesen, er musste jetzt, da seine letzte Hoffnung - die Kampagne - gescheitert war, um das Überleben der Fondaria kämpfen. Traf sein Blick einmal den Leonoras, so schien darin ebenfalls ein Vorwurf zu liegen und trug somit nicht gerade dazu bei, dass sie sich besser fühlte.
Mittlerweile war es in Venedig Herbst geworden. Auch diese Jahreszeit verlieh der Stadt einen besonderen Zauber, doch Leonora hatte schon längst keinen Blick mehr für die Schönheit der Lagunenstadt übrig. Die vergangenen Monate waren für sie nicht leicht gewesen. Ihr Ziel, Glasbläserin zu werden, hatte sich zwar erfüllt, doch zu welchem Preis? Ihre Gesundheit war nach wie vor angegriffen - oft musste sie sich übergeben -, und sie fühlte sich ohne die Unterstützung Corradinos verloren. Mehr als einmal fragte sie sich, ob Venedig wirklich ihre Heimat war oder nur ein schöner Traum, dem sie langsam abschwören musste.
Alessandro hatte sie in dieser Zeit nur selten gesehen, und bei diesen Gelegenheiten hatte Leonora weder das Herz noch Lust gehabt, ihn mit ihren Problemen zu belasten. Dazu war die wenige Zeit, die sie zusammen hatten, zu kostbar, daneben fürchtete sie, dass er nicht verstehen würde, warum sie ihre Zukunft in dieser Stadt von einem längst verstorbenen Familienmitglied abhängig machte. Alessandro, der in den vergangenen Monaten in Vicenza gelebt hatte, um seinen Lehrgang zu absolvieren, hatte seine eigenen Sorgen gehabt. Er befand sich gerade in den Prüfungen; heute Abend würde sie erfahren, ob er bestanden hatte oder nicht.
Wie aufs Kommando läutete das Telefon.
«Alessandro!» Wenn er wüsste, wie sie sich freute, wenn sie nur seine Stimme hörte.
«Commissario Bardolino, wenn ich bitten darf.»
«Du hast bestanden!»
«Ja.» In seinen Worten klang Stolz mit. «Ich muss hier noch ein kurzes Einführungspraktikum hinter mich bringen, danach fange ich in meiner Abteilung in Venedig an.»
Leonora freute sich mit ihm. Mochte es auch teilweise die Familientradition gewesen sein, die bei seiner Berufswahl eine Rolle gespielt hatte, so sprach seine Begeisterung doch Bände. Als sie seinem Bericht von der Prüfung lauschte, schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie nicht mehr losließ.
Auch ich habe mein Ziel verwirklicht. Spielt es wirklich eine so große Rolle, ob Corradino ein Verräter war? Ist mein Glück nicht unabhängig von dem meiner Vorfahren? -Ja, es spielt eine Rolle. Hier in Venedig kann man seiner Vergangenheit nicht entkommen, sie lebt mit einem. Ich muss einfach herausfinden, ob es wahr ist.
Plötzlich erinnerte sich Leonora an das Angebot, das Alessandro ihr einmal gemacht hatte. «Als wir uns das erste Mal sahen, hast du gesagt, du könntest mir bei den Nachforschungen über meine Familie ... ich meine, über meinen Vater helfen. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und würde gerne etwas über ihn in Erfahrung bringen. Hast du eine Idee, wie ich am besten vorgehe?»
Alessandro überlegte kurz. «Als deine Eltern zusammen in Venedig lebten, hatten sie da vielleicht irgendwelche Freunde oder Kollegen, die noch hier sind?»
«Ja, es gab jemanden. Einen Dozenten an der Ca' Foscari. Ich habe ihn einmal kennen gelernt, als ich noch klein war.»
«Kannst du dich an seinen Namen erinnern?»
«Padovani. Ich habe den Namen behalten, weil meine Mutter mir damals erklärte, dass er <der Mann aus Padua> bedeutet. Sie hat mir einen alten Reim beigebracht...»
«Ach ja: <Veneziani Gran Signori, Padovani Gran Dottori ...>»
«<Vicentini mangia gatti, Veronesi tutti matti>», ergänzte Leonora. «Ich habe mich immer gefragt, warum es für die Leute aus Vicenza typisch sein soll, Katzen zu essen. Aber wahrscheinlich ist das immer noch besser, als für verrückt erklärt zu werden wie die Veroneser.»
«Ja, aber am besten ist es, ein großer Herr zu sein wie die Venezianer», warf Alessandro nicht ohne Stolz ein.
«Auf jeden Fall schickt Dottore Padovani meiner Mutter nach wie vor zu Weihnachten eine Karte. Ich weiß allerdings nicht, ob er noch immer an der Ca' Foscari unterrichtet.»
Sie hörte, wie Alessandro am anderen Ende der Leitung gähnte. Er war offensichtlich müde, und doch schien er an ihrem Problem wirklich Anteil zu nehmen, «Dann solltest du wohl mal mit dem Mann reden, wenn er noch dort ist. Er weiß sicher etwas über deinen Vater oder kann dir einen Rat geben, wie du etwas über ihn in Erfahrung bringen kannst. Geh doch gleich morgen zu ihm.» Nach einer kurzen Pause fügte Alessandro hinzu: «Am Sonntag komme ich übrigens zurück, und dann können wir gemeinsam etwas unternehmen, wenn du Zeit hast.»
Sie umklammerte den Hörer, aufgeregt wie ein Teenager. Doch um sich ihre Begeisterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen, nahm sie noch einmal das Thema von gerade auf. «Glaubst du wirklich, dass ich nach all den Jahren etwas über ihn in Erfahrung bringen kann?» Damit meinte sie in Wahrheit natürlich Corradino und nicht ihren Vater.
«Ja sicher. Er ist doch erst 1972 gestorben, oder? Und du weißt doch, wenn du etwas herauskriegen willst, ist es nicht schlecht, einen Kommissar zur Hand zu haben.» Sie sah sein Grinsen förmlich vor sich. Er versprach ihr noch einmal, dass sie sich am Sonntag sehen würden, und dann legte er auf.
Leonora war fest entschlossen, das Geheimnis um Corradino zu lüften, und konnte es kaum erwarten, den Dottore aufzusuchen. Sie wusste selbst nicht, warum sie Alessandro nicht die Wahrheit gesagt und ihn in dem Glauben gelassen hatte, es ginge ihr nur darum, etwas über ihren Vater zu erfahren.
Ich will einfach nicht, dass er schlecht über Corradino denkt. Erst muss ich den Beweis erbringen, dass an Robertos Anschuldigungen nichts Wahres ist, dann kann ich ihm alles erzählen.
Sie schlief schlecht, und am nächsten Morgen war ihr wieder übel. Das sind die Nerven, dachte sie.
Aber im Grunde weiß ich, dass es nicht die Nerven sind.
Leonora betrat das Universitätsgelände der Ca' Foscari durch die unauffällige Seitenpforte von der Calle dell Foscari aus und fand sich sogleich mitten in einem ohrenbetäubenden Tumult wieder. Obgleich es Samstagmorgen und damit ein regulärer Unterrichtstag für die meisten Studenten war, schien irgendeine ausgelassene Feier im Gange zu sein. Leonora fühlte sich an ihre eigene Studienzeit auf dem St.-Martins-College erinnert. Damals hatte sie sich für den alljährlichen Studentenumzug immer als Krankenschwester verkleidet und zusammen mit einigen Kommilitonen ein Krankenhausbett die Charing Cross Road entlanggerollt.
Während sie über den Rasen auf die Gebäude zuging, musste sie sich mehr als einmal ducken, da ihr von allen Seiten Eier und Mehl um die Ohren flogen.
Wahrscheinlich feiern sie ihren Promotionsabschluss. Irgendwo habe ich gelesen, dass italienische Studenten sich mit Backzutaten bewerfen, wenn sie ihren Doktor gemacht haben.
Kurze Zeit später überflog Leonora auf der verglasten Anschlagtafel mit wachsender Enttäuschung die Liste der Dozenten, aber dann entdeckte sie schließlich doch noch den Namen, den sie gesucht hatte: «Professore Ermanno Padovani.»
Er ist der Leiter der Abteilung für «Storia di Rinascimento» - Die Geschichte der Renaissance. Vielleicht habe ich tatsächlich Glück. «Padovani gran Dottore», das scheint wirklich zu stimmen.
Sie stieg die alte Treppe zur historischen Fakultät hinauf, ging die leeren Korridore entlang und sah dabei auf die Namensschilder an den Türen. Das fröhliche Geschrei der Studenten drang nur gedämpft bis hier herauf. Das ganze obere Stockwerk wirkte wie ausgestorben, daher hatte Leonora nur wenig Hoffnung, den Professore anzutreffen. Doch als sie schließlich vor seiner Tür stand, ertönte auf ihr Klopfen hin ein leises «Avanti» hinter der dicken Eichentür. Aufgeregt trat sie ein. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie jedoch beinahe ihr Anliegen vergessen. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein großes Fenster, das durch ein überaus kunstvolles, verschlungenes Maßwerk im maurischen Stil in vier Teile geteilt wurde. Durch das Fenster fiel der Blick auf das Rialto-Ufer des Canal Grande, dessen Wellen die Mauern der prächtigen Paläste umspielten, als wollten sie ihre Schönheit unterstreichen. Leonora war so in den Anblick versunken, dass sie bei den Worten des Professors zusammenschrak.
«Dreißig Jahre an der Universität tätig zu sein hat den Vorteil, dass man das schönste Zimmer erhält. Der Nachteil dabei ist, dass ich dadurch manchmal kaum zum Arbeiten komme. Sie haben das Gebäude bestimmt durch die Hinterpforte betreten, nicht wahr? Schade. Dort hat man nicht die beste Aussicht.»
Leonora drehte sich zu dem alten Mann um, der sich gerade mit Hilfe eines Gehstocks von seinem Schreibtisch erhob. Er war eine gepflegte Erscheinung, hatte einen weißen Bart und blickte sie mit seinen durchdringend scharfen Augen freundlich, wenn auch leicht belustigt an. «Es ist einfach zu schön für eine -», begann Leonora entschuldigend.
«Für eine Universität, wollten Sie sagen? Nun, früher war die Ca' Foscari auch der Palast des Bischofs von Venedig, und Sie wissen ja, wie sehr die geistlichen Herren um ihr Wohlergehen besorgt waren. Aber Sie haben ebenso schöne Unterrichtsstätten in Ihrem Land, nicht wahr, Signorina? In Oxford und Cambridge zum Beispiel.»
Leonora war verblüfft. Sie war sicher gewesen, dass ihr englischer Akzent nicht mehr zu hören war. Trotzdem ärgerte sie sich nicht über die Bemerkung, sondern holte tief Luft. «Professore, entschuldigen Sie bitte die Störung. Doch wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, würde ich Ihnen gern ein paar ... Fragen zur Geschichte Venedigs stellen.»
Der alte Herr lächelte, und dabei bildeten sich in den Augenwinkeln zahlreiche Fältchen. «Aber natürlich»,
erwiderte er. «Für die Tochter meiner alten Freundin Elinor Manin habe ich mehr als nur einen Augenblick Zeit. Wie geht es Ihnen, meine liebe Nora? Oder» - seine Augen funkelten - «sollte ich lieber Leonora sagen, jetzt, wo Sie ja eine ... Einheimische geworden sind?»
Leonora staunte, dass der Professore sie nach all den Jahren noch wiedererkannt hatte. Sie lächelte ihn an.
«Sie haben recht. Ich heiße tatsächlich Leonora. Ihr Gedächtnis ist wirklich hervorragend. Dass Sie sich noch an mich erinnern - ich muss damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein.»
«Sechs», verbesserte Padovani sie. «Wir haben uns in London bei einem Umtrunk in der Universität kennengelernt. Sie haben mir damals ganz stolz Ihre neuen Schuhe gezeigt. Sie waren übrigens hübscher als die, die Sie jetzt tragen.» Damit wanderte sein Blick zu ihren Füßen in den abgetretenen Turnschuhen, mit denen sie leicht verlegen auf dem Boden herumscharrte. «Es ist übrigens nicht meinem Gedächtnis zu verdanken, dass ich Sie erkenne», klärte er sie auf. «Immerhin sind Sie ja mittlerweile eine Art... Berühmtheit.»
«II Gazzettino». Natürlich. In Venedig wurde die Zeitung fast in jedem Haushalt gelesen.
«Schon als Kind konnte man sehen, dass aus Ihnen mal eine Schönheit werden würde. Sie erinnern mich an die Primavera. Botticelli passt viel besser zu Ihnen als diese Tizian-Posen in den Anzeigen. Aber ich nehme an, das haben Sie alles schon oft zu hören bekommen und noch dazu von jüngeren Männern als mir.» Er lachte sie offen an. «Sie sind sicher nicht gekommen, um sich Schmeicheleien von mir anzuhören. Was kann ich denn für Sie tun?»
Von seiner charmanten Art ermutigt, kam Leonora gleich zum Thema. «Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen über meine Familie stellen ... wenn Sie ein wenig Zeit haben.»
Wieder lächelte der Professore. «In meinem Alter hat man eine Menge Zeit.» Er ging zu der Gruppe von Sesseln am Fenster hinüber und bot ihr einen Platz an, bevor er sich selbst niederließ.
«Selbst auf die Gefahr hin, etwas mysteriös zu klingen», begann er, «muss ich gestehen, dass ich Ihren Besuch erwartet habe. Ich nehme an, Elinor weiß nicht, dass Sie hier sind.»
Leonora schüttelte den Kopf. «Nein. Ich meine, sie weiß, dass ich in Venedig bin, aber nicht, dass ich Sie aufsuche.»
Professor Padovani nickte und tippte mit den knotigen Fingern leicht auf die Krücke seines Stocks. «Ich verstehe. Zunächst einmal muss ich Ihnen sagen, dass ich nichts von dem preisgeben werde, was Elinor mir im Vertrauen mitgeteilt hat. Ansonsten werde ich versuchen, Ihnen zu helfen, wo immer ich kann.» Er schaute Leonora offen und erwartungsvoll an. Als er sah, dass ihre Finger nervös mit dem gläsernen Herz spielten, das um ihren Hals hing, umspielte seine Lippen ein wissendes Lächeln. Er ahnte bereits, in welche Richtung ihre erste Frage gehen würde. Und so war es dann auch.
«Was wissen Sie über Corradino Manin?»
«Corrado Manin war der beste Glasbläser seiner Zeit - oder sagen wir besser aller Zeiten. Er entging dem Massaker an seiner Familie und versteckte sich auf Murano , wo er die Kunst der Glasherstellung erlernte und schließlich ein maestro wurde. Besonderen Ruhm erlangte er durch seine Spiegel. Es heißt, dass das Quecksilber, das bei der Herstellung der Spiegel verwendet wurde, ihn am Ende umbrachte - wie so viele Glasbläser seiner Zeit.»
«Er starb also auf Murano?»
«Das weiß ich nicht genau. Aber es ist sehr wahrscheinlich.»
Erleichtert atmete Leonora auf. Doch sie hatte noch etwas auf dem Herzen.
«Haben Sie jemals davon gehört, dass er nach Frankreich gegangen sein soll?»
Zum ersten Mal wirkte der Professor ein wenig verlegen. «Nun ja, ich habe den Artikel gelesen. Ihr Kollege scheint ja eine ganz schöne Wut auf Sie zu haben. Ich würde zu gern wissen, worum es sich bei der besagten <ersten Quelle> handelt. Sie können ihn nicht zufällig fragen, oder?»
«Es ist völlig ausgeschlossen, dass Roberto mir auch nur das Geringste erzählen würde, was Corradino entlasten könnte. Er ist so wütend auf mich, dass ich geradezu Angst vor ihm habe. Ich drehe mich schon dauernd auf der Straße um, ob er mir nicht irgendwo in einer dunklen Ecke auflauert!» Sie stieß ein kleines, nervöses Lachen aus. Ohne näher auf ihre Befürchtungen einzugehen, fuhr der Professor fort: «Und die junge Dame von der Zeitung? Könnte man die fragen?»
frühen gemeinsamen Vorfahren. Das nennt man Simultanentwicklung.»
Leonora hakte noch einmal nach. «Warum halten Sie es für unwahrscheinlich, dass Corradino nach Frankreich ging?»
«Weil die Zehn, das oberste Gremium des Consiglio Maggiore, ganz und gar nicht damit einverstanden waren, dass ihre Künstler und Handwerker die Stadt verließen. Wagte es doch einmal jemand, seine Fähigkeiten in den Dienst eines fremden Herrschers zu stellen, dann drohte seiner Familie der Tod. Murano war praktisch ein Gefängnis, auch wenn ein berühmter und hoch begabter Künstler wie Corrado zuweilen die Erlaubnis erhielt, in die Stadt zu fahren, um dort seine Arbeit auszuüben.»
An diesem Punkt drängte sich Leonora eine Frage auf. «Aber Professore, was hatten die Zehn denn gegen Corradino noch in der Hand? Seine ganze Familie war doch schon tot.»
«Dazu müssen Sie wissen, meine liebe Leonora, dass eben nicht seine ganze Familie ermordet wurde. Ich verstehe zwar nicht allzu viel von Biologie, doch ich bin ziemlich sicher, dass es Sie als Nachfahrin nicht gäbe, wenn keiner von der Familie überlebt hätte. Corradino hatte eine Tochter.»
Leonora presste ihr Gesicht in das feuchte Handtuch. Es war ihr egal, wie viele Studenten bereits ihre schmuddeligen Hände daran abgetrocknet hatten. Sie kam sich so idiotisch vor - wie eine Verrückte war sie urplötzlich aus dem Büro des Professors in den nächstbesten Waschraum gerannt und hatte sich dort in die Toilettenschüssel übergeben. Warum hatten seine Worte sie so erschreckt? Es war doch logisch, dass es zumindest einen Abkömmling von Corradino gegeben haben musste, sonst wäre sie selbst wohl kaum auf der Welt. Und auch das Glasherz hätte nicht weitervererbt werden können. Sie hielt es umfasst, als sie mit weichen Knien unsicher über den Korridor zurückging und schüchtern wieder in das Zimmer des Professors trat. Padovani erhob sich bei ihrem Eintritt und blickte sie besorgt an. Mit einigen entschuldigenden Worten nahm Leonora Platz.
«Verzeihen Sie bitte, aber mir ist schon seit ein paar Tagen nicht gut.»
Der Professore warf ihr einen prüfenden Blick zu. Dann erzählte er weiter.
«Corrados Tochter hieß auch Leonora. Sie entstammte einer unehelichen Beziehung zwischen Corrado und einer Adeligen namens Angelina dei Vescovi, die bei der Geburt ihres Kindes starb. Man brachte Leonora in das Waisenhaus der Pietä, wo sie Musikunterricht erhielt. Zwar trug sie den Namen Manin, doch Familiennamen wurden in der Pietä niemals genannt. Stattdessen bezeichnete man die Mädchen mit dem Namen des Instruments, das sie spielten - cello, violino und so weiter -, damit die Anonymität der Kinder, die teilweise aus höchsten Kreisen stammten, gewahrt blieb. Im Waisenhaus also hieß sie daher immer nur Leonora dalla viola, nach dem Instrument, das sie vortrefflich beherrschte. Selbst die Zehn mussten die Geheimnisse der Pietä respektieren, da sich die Stiftung auf das kirchliche Asylrecht berufen konnte. Niemand erfuhr etwas über ihre Herkunft, da Corradino sich hütete, etwas zu verraten. Ein Jahrzehnt nach Corradinos Tod machte ein entfernter Cousin - ein Mailänder namens Lorenzo Visconti-Manin - Leonora ausfindig, als er sich auf die Suche nach den verstreuten Mitgliedern seiner Familie begab. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten. So kam Corradinos Tochter wieder zu ihrem rechtmäßigen Namen. In den folgenden Jahrzehnten stiegen die Manins in Venedig noch einmal zu Macht und Ansehen auf. Dieser Aufstieg fand seinen Höhepunkt in Lodovico Manin, dem letzten Dogen vor dem Fall der Republik Venedig.»
Um Leonora drehte sich alles, doch diesmal war es kein Anfall von Übelkeit. «Also ist Corradino aus Sorge um die Sicherheit seiner Tochter in Venedig geblieben?»
«Nein», erwiderte der Professor ernst. «Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Die Zehn wussten offensichtlich nichts von dem Kind, das heimlich von seinem Großvater in die Pietä gebracht worden war, Angelina hatte den Namen ihres Liebhabers mit ins Grab genommen. Aber ich nehme stark an, dass Corradino Leonora nicht allein in Venedig zurückgelassen hätte - was für einen Grund sollte es dafür auch gegeben haben? Natürlich war es für ihn ein großes Risiko, seine Tochter in der Pietä zu besuchen, doch es war nicht unmöglich. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass er dieser Versuchung widerstehen konnte.»
Leonora schwieg. Sie musste die Neuigkeiten erst einmal verdauen.
Die Geschichte mit dem Verrat könnte also durchaus wahr sein, auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist. Und jetzt taucht auch noch dieses Mädchen auf, das meinen Namen trug, mutterseelenallein in der Pieta lebte und Trost in der Musik suchte. Wenigstens hat sie am Ende die große Liebe gefunden.
«Wie kann ich noch mehr darüber in Erfahrung bringen?», fragte sie schließlich. «Gibt es eine Möglichkeit, herauszufinden, ob Corradino Venedig nun verlassen hat oder nicht?»
«Sie könnten es in der großen Bibliothek von San Marco - der Sansoviniana - probieren. Dort gibt es Zunftbücher und jahrhundertealte Geburts- und Sterbeurkunden, die man einsehen kann. Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich über Corradinos Leben weiß, den Rest erfahren Sie aus den Quellen seiner Zeit. Dasselbe habe ich damals übrigens auch Elinor gesagt.» Der Professore stand auf und streckte vorsichtig sein krankes Bein. «Ich kann Ihnen nur empfehlen, es daneben auch in Frankreich zu versuchen. So erfahren Sie am schnellsten, ob er dort war oder nicht. Ich habe ein paar Kontakte zur Sorbonne, die Ihnen nützlich sein könnten.»
Leonora erhob sich ebenfalls. «Darf ich Sie noch einmal besuchen kommen - und würden Sie mich anrufen, wenn Ihnen noch etwas einfällt?»
«Selbstverständlich. Und wenn Sie Einblick in die wertvollen Bestände der Sansoviniana nehmen wollen, dürfen Sie sich gern auf mich berufen.»
Ich kann mich noch an meinen ersten Tag in Venedig erinnern, als man mir gerade mal einen Tagesausweis ausgestellt hat. Und jetzt soll ich sogar bis ins Allerheiligste vordringen.
Während der Professor an seinem Schreibtisch ein paar Nummern und Bezeichnungen verschiedener Dokumentensammlungen aufschrieb, die Leonora vielleicht weiterhelfen konnten, kritzelte sie eilig ihre Telefonnummer auf einen Zettel. Padovani überlegte gerade, ob sie wohl gehen würde, ohne ihn nach dem anderen Manin zu fragen, da sagte Leonora auch schon: «Und was ist mit meinem Vater? Kannten Sie ihn?»
Der Professore schüttelte bedauernd den Kopf. «Wie das bei jungen Frauen, die verliebt sind, oft so ist, vernachlässigte Elinor ihre Freunde zu jener Zeit ein wenig und stellte ihnen Bruno auch nicht vor. Ich erfuhr von seinem Tod durch eine Anzeige in der Zeitung.»
Leonora schämte sich, dass sie sich vor lauter Interesse an Corradino nicht früher nach ihrem Vater erkundigt hatte, und fragte: «Lebt noch jemand von seiner Familie in Venedig?»
«Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Elinor erwähnte einmal, dass Brunos Eltern in Verona wohnten, doch vermutlich sind sie längst tot.»
Das war Leonora zwar bekannt, doch erst jetzt wurde ihr bewusst, welchen Verlust der Tod dieser Großeltern für sie darstellte. Sie schluckte. Nur mit Mühe hielt sie sich davon ab, diesen Gedanken weiter zu verfolgen und Padovani Fragen zu stellen, die er ihr sowieso nicht würde beantworten können.
Als sie sich schließlich mit einem herzlichen Dank verabschiedete und Padovani versprach wiederzukommen, umarmte der Professore sie. Er zögerte, doch dann sagte er: «Morgen ist Allerheiligen, da ehren auch die Einwohner von Venedig ihre Toten. Falls Sie das Grab Ihres Vaters besuchen wollen, er liegt auf dem Friedhof San Michele. Auch ihm steht es zu, dass jemand um ihn trauert.»
Leonora hörte neben dem leisen Vorwurf auch die Zuneigung, die in seinen Worten lag.
Ich sollte wirklich sein Grab besuchen. Wir müssen uns endlich kennenlernen. Ich werde Alessandro bitten, mich zu begleiten.
Gemeinsam traten sie auf den Korridor hinaus. Leonora schickte sich schon an, die Treppe hinunterzugehen, da rief der Professor sie noch einmal zurück.
Sie drehte sich um. Padovani blickte sie offen an und sagte: «Es gibt Dinge, die ein alter Mann sieht und ein junger nicht. Geben Sie Acht auf sich.»
«Das werde ich», antwortete sie verblüfft.
Dann schloss sich die Eichentür, und Leonora lief die Treppe hinab.
Ich möchte wissen, woran er es gemerkt hat.