Strang 1 / Kapitel 1
„Und hier haben wir das zweite Schlafzimmer mit direktem Zugang zum geräumigen und modernen Badezimmer auf der einen Seite und dem Ankleidezimmer auf der anderen.“ Emma machte eine kurze Pause, um die Räume auf die potentiellen Käufer wirken zu lassen. Sie wusste genau, an welchen Stellen sie solche kleinen Kunstpausen einzusetzen hatte, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen. Genauso wie sie wusste, wann sie die Räume besser schnell wieder wechselte, bevor die Interessenten zu genau hinschauten. Solche Überraschungen gab es in dieser Liegenschaft zum Glück keine. Hier konnte sich jeder umschauen, solange er wollte. Es gab keine Leichen im Keller. Das schlug sich allerdings auf den Preis nieder. Und genau daran scheiterte der Verkauf bislang immer.
„Wann haben Sie gesagt, ist dieses Haus renoviert worden?“
„1998 wurde es runderneurt. Man hat das Haus komplett ausgeweidet und anschliessend neu ausgestattet. Sehen Sie hier“, Emma durchquerte den Raum und kam am anderen Ende zu stehen. Dort schob sie eine Vorhangbahn leicht zur Seite, um die dahinter verborgenen Schalter zu erreichen. Sie drückte auf die Taste und die Vorhänge glitten wie von Geisterhand zur Seite. Bodenlange Fenster erstreckten sich über die gesamte Breite des Raumes und gaben den Blick auf den grünen Rasen und das blau schimmernde Schwimmbecken frei. Die gesamte Grünfläche war eingesäumt mit Pflanzbeeten. Derzeit strahlte ein Meer aus roten Tulpen und gelben Gartenhyazinthen um die Wette. Emma kippte ganz beiläufig eines der Fenster. Sofort strömte der süssliche Geruch der Hyazinthen in den Raum. „Ist der Ausblick nicht herrlich?“
Das Ehepaar Adler, eine Frau mit kugelrundem Babybauch, ansonsten langen, schlanken Gliedern, einem feinen schmalen Gesicht und langem braunen Haar und der Mann, an den Schläfen bereits leicht ergraut, gross und stattlich, traten ebenfalls an die lange Fensterfront. Zufrieden registrierte Emma, wie sich der Gesichtsausdruck der Ehefrau entspannte, die Falten auf der Stirn sich glätteten. Sie gab ihre Straffe Haltung auf und legte ganz selbstverständlich die Hand auf ihren Bauch. In kreisenden Bewegungen streichelte sie zärtlich ihr Ungeborenes, während sie tief einatmete und verträumt in den Garten schaute.
Volltreffer.
„Schatz, was meinst du?“ Ungerührt von dem Ausblick und dem betörenden Geruch wandte sich Herr Adler seiner Frau zu.
Musste er das im Ernst noch fragen? Sah er denn nicht den verträumten Ausdruck in den Augen seiner Gattin?
Frau Adler war scheinbar in einer ganz anderen Welt. Sicher sah sie da draussen nicht den perfekten grünen ungenutzten Rasen. Sondern ein Klettergerüst und eine rote Schaukel, auf der ein Kind immer höher und höher zu schwingen versuchte, während sie selbst mit einem grossen Sonnenhut in der Erde der Rabatten kniete. Zumindest war dies das Bild, das Emma sich ausmalte, während sie Kathrin Adler beobachtete. Versuchsweise wollte Emma an diesen Gedanken anknüpfen. Lag sie falsch, hatte sie zumindest nichts verloren.
„Im Sommer wird die ganze gegenüberliegende Wand dicht bewachsen sein mit wundervoll blühenden Clematis und Kletterrosen. Sicherlich ist Ihnen auch das Spalier vorne am Eingang aufgefallen. Dort ist derzeit noch nichts gepflanzt, aber ich könnte mir vorstellen, dass ein Bogen aus Kletterrosen sich hervorragend machen würde. Oder wie wäre es mit wildem Wein? Er ist es doch, der sich im Herbst so wundervoll leuchtend bunt verfärbt, oder nicht?“
Emma spürte den verächtlichen Blick des potentiellen zukünftigen Hausherrn auf ihr ruhen.
Und wieder: Volltreffer.
Kathrin Adler konnte die Hand in der Erde bereits spüren. „Liebling, ich will dieses Haus.“ Sie drehte sich zu ihrem Mann um, fasste ihn an den Händen und sah ihn aus diesen sanften braunen Augen an. Selbst Emma schmolz dahin, obwohl der Blick nicht ihr galt. Er musste einfach anbeissen.
Den Blick noch etwas intensiver fügte Frau Adler an: „Es ist einfach zauberhaft! Dieses Zimmer, dieser Ausblick, dieses wundervolle Badezimmer mit der freistehenden Wanne und den süssen Löwenfüssen. Ich weiss, dass dir dieser Schnickschnack nichts sagt, aber bedenke, nicht nur unser Kleines bekommt ein eigenes Spielzimmer, sondern auch du.“
Emma fragte sich, wie oft sie das heute noch denken würde, aber sie tat es schon wieder. Volltreffer! Diese Frau war eindeutig sensationell.
„Und diese Küche erst! So viel Platz! Das Kirschholz ist so wunderschön und diese schwarze Schieferarbeitsplatte erst! Stell dir vor, wie du dort drin deine Kreationen zubereiten könntest!“
Moment. Diese imposante Erscheinung von Mann kochte? Emma hatte Mühe, sich das vorzustellen.
„Du hast ja recht. Wenn die liebe Frau Maklerin vielleicht noch ein bisschen am Preis schrauben würde?“ Erwartungsvoll drehte er sich zu Emma um, die unauffällig in den Hintergrund gerückt war.
„Selbstverständlich. Wir können uns die Möglichkeiten gerne im Detail betrachten. Wie wäre es mit einem Kaffee in der Küche? Dort hätten wir genügend Platz, die Einzelheiten in Augenschein zu nehmen.“
„Sie haben Kaffee hier?“
„Sicher. Das gehört bei mir zum Service. Es ist doch wesentlich angenehmer, geschäftliche Dinge in angenehmer Atmosphäre zu klären.“
Zwei Stunden, drei Kaffees, vier Packungen Schokolade und genauso viele kleine Flaschen Wasser später öffnete Emma die Haustür und entliess zwei lächelnde Gesichter aus deren neuem Heim. Als Emma die Tür hinter sich wieder schloss, massierte sie sich als erstes ihr eigenes Lächeln aus dem Gesicht. Dann tat sie, was sie in ihren Verkaufsobjekten nie tat. Sie schüttelte die hohen Schuhe von den Füssen. Es war zwar erst vier Uhr nachmittags und im Büro wartete noch einiges an Arbeit, aber für heute war Schluss. Sie würde nichts mehr tun, ausser diesen Verkauf zu zelebrieren. Endlich, endlich hatte sie es geschafft. Und das Beste war, dass diese beiden Menschen genau die richtigen für diese vier Wände waren. Bevor Emma alles zusammenräumte, streifte sie ihre Strumpfsöckchen ab, trat barfuss auf die hintere Veranda und von dort weiter in das saftige, weiche Gras. Sie atmete tief ein und genoss dieses herrlich kühle Gefühl unter den Fusssohlen.
Als sie schliesslich ihre Strumpfsocken und Schuhe wieder montiert und die Arbeitsmappe unter den Arm geklemmt hatte, verliess sie das Haus ebenfalls durch die Vordertür.
Und da war er wieder. Dieser Mann mit den weissen Haaren, dem leicht eingefallenen, faltigen Gesicht und den wachen blauen Augen.
Wie immer hatte er seinen Gehstock dabei und wirkte leicht verwirrt. Emma hatte ihn schon mehrfach gesehen und ab und zu beschlich sie das seltsame Gefühl, von ihm beobachtet zu werden. Angesprochen hatte er sie aber noch nie. Und sie ihn auch nicht. Heute war sie voraussichtlich aber das letzte Mal hier…
„Entschuldigen Sie bitte!“
Der Mann reagierte nicht.
„Hallo?“
Jetzt sah er auf.
„Entschuldigung, wohnen Sie hier in der Nähe?“
Keine Antwort. Einfach nur ein fragender Blick aus gutmütigen Augen.
„Tut mir leid, dass ich Sie einfach so überfalle…“
Der Mann wich erschrocken zurück.
„Oh, nein! Das habe ich nicht im wörtlichen Sinn gemeint. Ich habe gerade dieses Haus hier verkauft. Deshalb war ich auch lange Zeit ziemlich oft in der Gegend. Da habe ich Sie so manches Mal gesehen. Also fragte ich mich, ob Sie vielleicht hier in der Nähe wohnen? Sie müssen wissen, es ziehen wunderbare Menschen hier ein. Ein Ehepaar, und sie ist schwanger. Könnte also gut sein, dass es in Zukunft etwas lauter wird, als Sie es sich vielleicht gewohnt sind.“ Emma versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln. Nichts. Dann eben nicht. Emma wandte sich ab und wollte auf die andere Strassenseite gehen, wo sie ihren roten Mini Cooper geparkt hatte.
„Kinder tun dieser Gegend gut. Es belebt sie.“
Emma blieb stehen und drehte sich wieder zu dem alten Mann um.
„Über die ganzen Jahre hinweg gab es hier viel zu wenig Nachwuchs.“
„Dann wohnen Sie schon seit geraumer Zeit hier?“
„Wohnte. Inzwischen musste dieses lauschige Plätzchen einer Wohnung weichen. Dumm nur, dass ich immer wieder Schwierigkeiten habe, mich zu erinnern, wo diese Wohnung liegt, wenn ich mich zu weit davon weg wage.“
Eine Welle des Mitgefühls überkam Emma. Gab es etwas beängstigenderes, als mutterseelenallein an einem Ort zu sein und keine Ahnung zu haben, wie man von dort zurück in die eigenen vier Wände findet?
„Haben Sie denn wenigstens einen Anhaltspunkt? Ich meine, ich habe Sie hier schon öfter gesehen, als ich jemandem das Haus zeigte. Wie kamen Sie denn da jeweils wieder nach Hause?“
„Meine Liebe, ich habe von Erinnerungsschwierigkeiten gesprochen, nicht von Erinnerungsverlust! Die Richtung aus der ich komme, weiss ich. Und bin ich erstmal unterwegs, kommt mir die Strecke auch bekannt vor. Also gehe ich einfach den bekannten Anhaltspunkten nach und wundere mich dann immer wieder, wie weit ich gelaufen bin.“
„So? Nun, aus welcher Richtung kamen Sie denn?“
„Von da hinten!“ Der Mann hob nur die Hand über seine Schulter und wies mit dem Daumen auf die Umgebung hinter sich.
Emmas Blick folgte der angezeigten Richtung. Sie legte fragend den Kopf schief. „Sie kamen also durch den Wald, durchquerten den Bach und spazierten weiter über die mit Stromdraht eingezäunte Kuhweide?“ Skeptisch musterte Emma den hageren, gebrechlich wirkenden Menschen, den sie vor sich hatte. „Sagen wir, Sie hätten das tatsächlich alles gemeistert, aber wie sieht es mit der anschliessenden, abgesperrten Baustelle aus, deren Betretung nebenbei noch verboten ist?“
Der Mann schien sich Emmas Argumente durch den Kopf gehen zu lassen und wagte schliesslich ebenfalls einen Blick. Er musste feststellen, dass dies nicht ganz dem Weg entsprach, den er genommen hatte.
Jetzt musste Emma lächeln. „Kommen Sie. Wir setzen uns in mein Auto und fahren Sie nach Hause. Okay? Haben Sie ein Handy?“
Ohne ein weiteres Wort kramte der Mann sein etwas in die Jahre gekommenes Mobiltelefon aus seiner kleinen Ledertasche, die er um sein Handgelenk trug. Er reichte es Emma und trottete ihr bis zum Auto hinterher.
Als sie die Fernbedienung für die Zentralverriegelung bediente, fand der Alte seine Sprache wieder. „Was, wenn Sie mich um mein Geld betrügen wollen oder eine Massenmörderin sind? Solche Sachen passieren älteren Menschen, die vertrauensvoll genug sind, täglich!“
Emma, die sich gerade zum Adressbuch im Telefon des Mannes durchklickte, hielt inne und sah überrascht auf. „Stimmt. Wissen Sie was? Ich gebe Ihnen Ihr Telefon zurück. Wer weiss, welche Daten Sie dort drin aufheben. Dann rufen Sie jemanden an, der Sie abholen kann.“
Die wachen blauen Augen fixierten Emmas. Was sie darin las, verstand sie nicht. War es Schalk? Belustigung? Zufriedenheit? Auf seltsame Weise eine Art Stolz? Alles auf einmal? Plötzlich wurde sie das Gefühl nicht mehr los, soeben einen Test bestanden zu haben. Und zwar nicht nur einen einfachen Vertrauenstest zwischen zwei Fremden.
Nachdem sie sich dann endlich im Auto eingerichtet hatten, beobachtete Emma, wie der alte Mann einige Sekunden auf die Ziffer zwei auf seinem Mobiltelefon drückte, das Handy an sein Ohr nahm und gleich darauf Luft holte, um zum Sprechen anzusetzen. Aber dazu kam er nicht. Noch bevor er eine Begrüssung aussprechen konnte, donnerte ein sprachlicher Wasserfall aus dem Telefon. Sogar Emma verstand deutlich, was am anderen Ende der Leitung gesagt wurde.
Es schien eine Frau zu sein, die er angerufen hatte. Eine ziemlich energische und vor allem aufgebrachte Frau. Das wunderte Emma nicht weiter, ging sie doch davon aus, dass es sich um eine nahestehende Person handelte, die sich sorgte. Der Vorteil dieses unüberhörbaren Wortergusses war, dass die Dame, die ihren Herrn sehr gut zu kennen schien, ungefragt den Weg zu seiner Wohnung erklärte. Emma startete den Motor und fuhr los. Es war, als hätte sie ein lebendes Navigationsgerät, das sie führte.
Nachdem die Stimme ihre Wegbeschreibung beendet hatte, bediente der Mann den roten Knopf des Telefons und im Auto wurde es bis auf ein leises Summen des Motors mit einem Mal still. Zielsicher lenkte Emma den roten Mini um die nächste Kurve.
„Emma.“
Das Gesicht des Mannes war ein einziges Fragezeichen.
„Mein Name ist Emma. Ich glaube nicht, dass wir uns bisher vorgestellt haben.“ Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihren Beifahrer mit einem kurzen Blick bedachte.
Das Fragezeichen verschwand und wurde zu einem verlegenen Schmunzeln. „Wie unhöflich. Eigentlich sollte ich doch der mit der grösseren Erfahrung über Gepflogenheiten sein. Ich bin Martin.“
„Freut mich, dich kennen zu lernen, Martin.“ Emma stockte. „Mist, jetzt ging ich aber nicht regelkonform vor. Das Du sollte doch eigentlich der Ältere anbieten.“
„Meine Mutter würde sich wohl im Grabe umdrehen, aber das wäre nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein. Also sehen wir darüber hinweg. Einverstanden?“
Es war nur eine Vermutung gewesen. Ein Mann, der sich in der teuren Gegend herumtrieb und von sich behauptete, dort gelebt zu haben, müsste sich eigentlich auch mit den Verhaltensregeln von etwas besser Verdienenden auskennen. Nach seinem Kommentar zu urteilen, schien ihre Einschätzung zu stimmen. „Danke! Nun, Martin, war das vorhin deine Frau am Telefon?“
„Nein. Meine liebe Ingrid wacht seit geraumer Zeit von einem schöneren Ort über uns.“
„Oh. Tut mir leid.“ Betroffen sah Emma weiter auf die Strasse.
„Mach dir keine Gedanken. Sie fehlt mir zwar noch manchmal und ich ertappe mich oft dabei, wie ich mir überlege, was sie denn denken würde, wäre sie noch hier, aber das ist weniger traurig, als es sich anhört. Im Gegenteil, so habe ich das Gefühl, sie immer bei mir zu haben.“
„Das klingt sehr schön.“
„Und du? Bist du verheiratet?“
„Ich?“ Emma schnaubte belustigt. „Nein. Es gibt da zwar einen Mann, aber heiraten kommt für ihn nicht mehr in Frage.“
„Er war also schon mal verheiratet?“
„Schon zweimal. Beide Male am Kinderwunsch gescheitert.“
„Sie wollte welche, er nicht?“
„Umgekehrt.“
Erstaunt hob Martin die rechte Augenbraue. „Das ist aber eher ungewöhnlich. Und du, willst du ihm denn diesen Wunsch erfüllen?“
Emma zögerte kurz. Es war seltsam, wie sie, die normalerweise vorsichtig mit persönlichen Informationen umging, keinerlei Bedenken hatte, mit diesem fast völlig Fremden einfach von der Leber weg zu plaudern. „Nein.“
Sie spürte deutlich, wie sich Martins Haltung veränderte. Er schien ehrlich interessiert.
„Ich, wie soll ich sagen, ich denke, seine Exfrauen haben ihm dem Kinderwunsch nicht aus Egoismus verwehrt. Er verdient gutes Geld, kann zuvorkommend, charmant und witzig sein. Er kann eine gute, solide Zukunft bieten. Aber er ist auch zu sehr von sich selbst eingenommen. Ich bin mir nicht sicher, ob das Kind in seinem Schatten nicht wie eine Sonnenblume ohne Sonne eingehen würde.“
„Hat er einen Hund?“
„Wie bitte?“
„Ein Hund. Ein Hund fordert Verantwortung, Zuneigung und Liebe. Dann schenkt er Treue. Bei einem Kind ist es doch irgendwie ähnlich. Hat er also einen Hund, der in jede Ecke pinkelt, beisst und bellt, wenn’s nichts zu bellen gibt, kann man sich vielleicht eine Vorstellung davon machen, wie ein Wesen werden würde, das noch mehr eigenen Charakter und Willenskraft mitbringt.“
Emma konnte nicht anders, sie musste einfach von Herzen lachen. „Nicht übel. Aber beginnt man einen Kindertauglichkeitstest dann nicht besser mit einer Zimmerpflanze, arbeitet sich hoch zum Hamster und holt sich dann einen Hund?“
„Gute Taktik. Hat er schon Pflanzen, die er selbst pflegt? Wenn nicht, dann schenk ihm eine.“
„Das werd’ ich. So, wir sind da.“ Emma setzte den Blinker und stellte ihren Mini souverän seitwärts in eine Parklücke am Strassenrand. Sie kam nicht umhin aus ihrem Schiebedachfenster heraus das alte, aber wundervoll restaurierte Haus zu bewundern, vor dem sie parkten. „Hier wohnst du?“ Die Frage kam ehrfurchtsvoller über ihre Lippen, als sie gewollt hatte.
„So ist es.“ Martin bemerkte ihr Interesse an dem Gebäude sofort. Wohlwollend betrachtete er ihr Gesicht und die leuchtenden Augen, während sie die Fassade musterte. „Vielleicht möchtest du auch sehen, was hinter der Fassade steckt?“
Welch lebensverändernde Bedeutung diese Frage hatte, konnte Emma nicht annähernd ahnen.
Sie konnte überhaupt nicht nein sagen. Das weisse Haus mit den blauen Fensterläden, schmiedeisernen, elegant geschwungenen Balkonen und dem grossen schweren Holztor sah einfach zu verlockend aus. Also stellte Emma den Motor aus und folgte Martin. Behände stiess er einen Flügel des grossen Tors auf und trat in eine atemberaubend dekorierte Einfahrt. Die Wände wechselten sich in einer Abfolge von Mauern und schmalen Säulen ab. Die Mauern selbst zierten kunstvolle Malereien, während die hellen Marmorsäulen die schlichte weisse Decke auf kunstvoll verzierten Füssen trugen. Emma konnte kaum glauben, was sie sah. Sicher, hinter vielen schlichten Fassaden alter, aber gut gepflegter Häuser verbargen sich solche Schätze. Sie blieben in der Regel aber den Augen der meisten Menschen verborgen.
„Mein Gott, Martin! Das ist wunderschön!“
„Hoffentlich, schliesslich war die Aufbereitung dieser Durchfahrt, entschuldige den Ausdruck, schweineteuer.“
Jetzt blieb Emma der Mund offen stehen. „Willst du damit sagen, das hier ist original?“
„Zumindest einiges. Es war eine Schande, was man daraus gemacht hatte. Die Säulen lagen hinter dunklem Gips verborgen, die Gemälde waren einfarbig übermalt worden. Die Einfahrt sah aus wie der Durchgang zu einer Geisterbahn. Fehlten nur noch die Geister. Als die Renovationsarbeiten begannen, stiess man rein zufällig darauf, was hinter der hässlichen Fassade lag, also entschied man, die alten Strukturen wieder hervorzuzaubern. Was nicht mehr zu retten war, wurde nach dem Muster vom Geretteten neu gemalt und gemeisselt. Eine enorme Arbeit sag ich dir. Aber ich denke, es hat sich gelohnt.“
„Da denkst du verdammt richtig. Es ist einfach… Dafür gibt es keine Worte.“
Emma konnte sich keine Vorstellung davon machen, wie sehr sich Martin über ihre Begeisterung freute. Dieses Werk, und damit war nicht nur die Einfahrt, sondern das gesamte Gebäude gemeint, erfüllte ihn mit Stolz, denn er war dafür verantwortlich, was daraus geworden war. Unter seiner leitenden Hand war entstanden, was man heute zu sehen bekam. Nur gab es so wenige, mit denen er diese tiefe Freude teilen konnte. Bis jetzt.
„Wenn du diese Einfahrt schon beeindruckend findest, will ich doch wissen, wie du auf den Rest des Hauses reagierst.“
„Augenblick, du hast doch gesagt, du wohnst jetzt in einer Wohnung?“
„Sicher. Aber schliesst das aus, dass das Haus mir gehört?“
Emma dachte kurz darüber nach. „Nein, das tut es wohl nicht.“
Sie kam nicht zum Staunen heraus. Die Einfahrt wurde durch ein weiteres Tor von einem grossen Innenhof getrennt, der über und über mit Pflanzen bewachsen war. Umrahmt wurde der Hof von den einzelnen Trakten des Wohnhauses, die früher als Unterkünfte für die Bediensteten gedient hatten und heute zu Wohnungen ausgebaut worden waren. Emma folgte Martin durch eine Tür in einen der Seitenflügel. Dort befand sich ebenfalls ein Wunder der Neuzeit. Der Lift transportierte die beiden zügig in den zweiten Stock des Gebäudes. Die Tür des Fahrstuhls glitt beinahe lautlos auf. Martin wandte sich von Emma ab und wollte ihr voraus die Kabine verlassen. Zu spät bemerkte er die Person, die den Ausgang versperrte. Er prallte geradewegs gegen sie. Erschrocken blickte er auf. Da die Person einige Zentimeter grösser war als er selbst, musste er den Kopf weit in den Nacken legen, um seinem Gegenüber ins Gesicht sehen zu können.
„Mensch, Rosaria! Was stehst du denn hier rum! Hast du denn nicht gesehen, dass der Lift in Betrieb ist und jemand kommt?“
Rosaria, eine stämmige Frau mit strengem Gesicht und dunklen, im Nacken zu einem Knoten gebundenen Haaren stand eindrucksvoll vor der Lifttür und sah zu dem halb so breiten Martin hinunter. In ihren dunkelbraunen Augen flackerte Wut. Nein. Nicht Wut. Eher Zorn. Genaugenommen war diese nicht besonders attraktive und irgendwie beängstigende Frau fuchsteufelswild. Mit einem Akzent, der Emma an östliche Länder erinnerte, polterte sie los. „Martin, wo hast du dich schon wieder herumgetrieben? Du bist zu spät. Das Essen ist kalt und die Medikamente hättest du vor einer Stunde nehmen sollen. Und wo hast du diese Frau aufgelesen? Kennst du überhaupt ihren Namen? Was sucht sie hier?“
Emma, von der Schelte ziemlich beeindruckt, fühlte sich wie ein ungehorsames Kind. Obwohl sie Martin nur zurückgebracht hatte und eigentlich die Gute in dieser Szene war, bekam sie auf einmal Schuldgefühle. Martin hingegen schien wenig eingeschüchtert.
„Rosaria, jetzt spiel dich mal nicht so auf. Das ist Emma. Sie hat mich nach Hause gefahren. Meine Medikamente nehme ich sofort und das Essen kannst du mir gerne aufwärmen.“ Damit drückte er sich an Rosaria vorbei und deutete Emma mit einer unauffälligen Handbewegung an, ihm zu folgen. Mit grossen Augen schob sie sich an diesem Baum von Frau vorbei, in der Hoffnung, nicht am Kragen zurückgezogen zu werden. Doch nichts dergleichen geschah.
„Bitte entschuldige. Meine liebe Rosaria sorgt sich um mich, wie um ihren eigenen Sohn. Sie behütet mich wie eine Glucke.“
Der Weg führte Emma durch eine marmorne, im Schachbrettmuster ausgelegte Halle, zu deren Linken und Rechten überdimensionierte Türen in einzelne Räume führten, deren Optik Emma nur zu sehr interessiert hätten. Danach zu fragen, schien ihr aber reichlich anmassend, handelte es sich doch immerhin um die Privaträume eines fast Fremden. Also verfolgte sie das Thema Rosaria weiter.
„Ist sie deine Frau?“
„Wer? Rosaria? Himmel, nein!“ Martin schnaubte belustigt. „Meine grosse Liebe ist mir schon ins Jenseits vorausgegangen. Ingrid, du erinnerst dich? Daher habe ich auch das Haus auf dem Hügel verkauft. Es war einfach zu gross. Der Umbau dieses Stadthauses war eigentlich eine zukunftsorientierte Beschäftigungstherapie.“
Martin schob die Tür vor sich auf und gab den Blick auf einen gemütlich wirkenden Raum frei. In der Mitte stand eine moderne Sitzgruppe, die einen geschmackvollen Kontrast zum alten Kamin an der Wand, dem leicht unebenen Parkettboden und den feinen Seidentapeten ergab. Während Martin sich etwas angestrengt in den Sessel neben dem Sofa sinken liess, forderte er Emma mit einem Kopfnicken auf, sich auf dem Sofa niederzulassen, bevor er seine Erzählung fortsetzte.
„Auch wenn man es ihr nicht geben würde, Rosaria ist die gute Seele dieses Hauses. In der Ukraine hat sie als Krankenschwester gearbeitet, bis sie in die Schweiz kam. Hier hat sie zwar nicht als Pflegefachkraft arbeiten dürfen, aber sie kam als Reinigungskraft in einem Krankenhaus unter und liess sich nebenbei noch zur Pflegerin ausbilden. So haben wir uns auch kennengelernt. Nach meinem Aufenthalt im Krankenhaus habe ich sie kurzerhand angefragt, ob sie nicht für mich persönlich arbeiten wolle und jetzt schmeisst sie meinen ganzen Haushalt und hat nebenbei immer ein wachsames Auge auf mich.“
„Rosaria mag dich sehr gerne.“ Woher dieses warme Gefühl der freundschaftlichen Zuneigung kam, das sie nach so kurzer Zeit der Bekanntschaft bereits empfand, wusste Emma nicht. Aber sie wusste, dass es sie erleichterte, Martin in guten Händen zu wissen.
„Sie hat eine raue Art das auszudrücken, aber ja, ich denke, wir verstehen uns ganz gut.“
Einen Vorstoss wollte Emma dann aber doch noch wagen. „Martin“, sie wartete, bis er sie ansah, „Rosaria scheint in gewisser Weise deine Familie zu sein. Was ist mit deiner echten Familie?“
Zwar lächelte sein Mund weiter, aber seine Augen sagten etwas anderes. Emma fürchtete zu weit gegangen zu sein. Doch gerade, als sie zu einer Entschuldigung ansetzen wollte, begann Martin zu sprechen.
„Das ist kompliziert. Für diese Geschichte braucht es Zeit, von der ich nicht weiss, ob du sie aufbringen willst. Interessiert es dich wirklich, erzähle ich sie dir. Entstand die Frage aus höflichem Interesse in der Hoffnung auf eine oberflächliche Antwort, spar ich mir meinen Atem und unser beider Zeit lieber.“
Den wahren Grund für ihre Frage hatte Emma nicht überdacht, sie war ihr einfach spontan in den Sinn gekommen. Aber falls sie eine kurze Antwort erwartet hatte, so wollte sie jetzt auf jeden Fall die lange hören. Sie sah Martin mit ernstem Blick in die Augen. „Ich bin ganz Ohr.“
Martin nickte. Dann rückte er sich in eine bequeme Position und lehnte sich zurück. Bevor er zu erzählen begann tauchte wie auf ein Stichwort aus dem Nichts Rosaria auf und stellte frischen Kräutertee und süsses Gebäck, Martins Essen und seine Medikamente auf dem tiefen Salontisch ab. Wortlos verschwand sie wieder. Erstaunt sah Emma ihr nach.
Gehörte das zum Standart? Hatte sie gelauscht? Woher wusste sie, dass jetzt der exakt richtige Zeitpunkt für diese Handlung war?
Martin beobachtete, wie Emma mit gerunzelter Stirn Rosaria nachblickte. Um ihre Aufmerksamkeit zurückzuerobern räusperte er sich leicht. Sofort wandte sie den Blick von der Tür ab, durch die Rosaria verschwunden war.
„Meine Familie führte eigentlich ein gutes Leben. Wir hatten genug Geld auf der hohen Kante. Man könnte sogar sagen, wir waren ziemlich reich. Aber es war ehrlich verdientes Geld. Mein Vater hatte hart dafür gearbeitet und einen guten Riecher bewiesen, den Gregor, mein jüngster Bruder, geerbt hatte. Entsprechend stieg jener bald in die Geschäfte mit ein. Ich arbeitete auch im Familienbetrieb, die Führung des Hofes lag mir aber nicht. Also übernahm ich Aufgaben in allen anderen Bereichen. Nebenbei sorgten Streitereien mit meinen beiden Brüdern und den Nachbarjungs für spannende Tage. Meine Welt war in Ordnung. Bis ins Jahr 1976. Es war der einundzwanzigste Geburtstag meines Bruders Antonius.“