Reager’s Digest Auswahlbücher — Sonderband 1986

Stefan Murr and Henry Denker and Gerry M. Glaskin

1986

Inhaltsverzeichnis

I  Affäre Nachtfrost

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Stefan Murr

II  Horowitz und Mrs. Washington

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Henry Denker

III  Das Geheimins von Landfall

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Gerry M. Glaskin

Teil I

Affäre Nachtfrost

Eine Kurzfassung des Buches von Stefan Murr.

Was will der sowjetische Geheimdienst von dem deutschen Beamten Fritz Seyfried, der glücklich verheiratet ist und in geordneten Verhältnissen lebt?

Die östlichen Strategen wissen, wo sie den Hebel ansetzen müssen.

Was geschah mit Obersturmführer Henning von Loßwitz am 15. januar 1945 beim Rückzug der deutschen Truppen in Polen?

Der KGB hat sogar darauf die Antwort in seiner Kartei.

Was kann Fritz Seyfried tun, um den Kampf mit dem übermächtigen Feind durchzustehen?

Vielleicht findet seine Frau Anne in letzter Minute eine Lösung. Aber auch für die Russen steht viel auf dem Spiel. Sie haben den Mann, auf den es ihnen ankommt, ins Visier genommen, und sie verfolgen ihr Ziel rücksichtslos.

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Der Abend, der sein Leben zum zweitenmal von Grund auf veränderte, war dunkel, windig und kalt. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Stoffel und Steffi hatte er von der Leine gelassen, und die beiden Cockerspaniels schossen schnüffelnd auf der Schneefläche hin und her. Manchmal blieben sie zitternd stehen und blickten mit angewinkeltem Vorderbein zurück zu ihrem Herrn.

Fritz Seyfried hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und einen langen Wollschal lose darumgeschlungen. Er ging diesen Weg jeden Tag um dieselbe Zeit, denn die Hunde brauchten ihre Regelmäßigkeit. Während er sie hier oben im Wald spazierenführte, stellte Anne unten im Haus ein kaltes Abendessen auf den Tisch.

Nach einigen Minuten kam er an die Stelle, wo sich durch eine Schneise der Blick auf das Moseltal öffnete. Als er sich abwendete, um, wie er es stets hier tat, umzukehren, schienen ihn einen Augenblick lang seine Sinne zum Narren zu halten. Er sah auf dem leicht abfallenden Waldweg plötzlich drei anstatt zwei Cockerspaniels tollen. Er rief die Namen seiner beiden Lieblinge, die aufs Wort gehorchten und auf ihn zuliefen. Der dritte Spaniel schoß noch eine Weile in der Schneise hin und her und näherte sich dann auch.

Fritz Seyfried schüttelte den Kopf. »Ich dachte schon, ich sehe Gespenster«, sagte er zu dem Mann, der plötzlich aus dem Dunkeln aufgetaucht war und neben ihm stand. Der Fremde lachte. Das gehe ihm auch manchmal so, und dann stelle sich doch alles als ganz normal heraus. Danach beschäftigte er sich angelegentlich mit einer kalten Pfeife. Fritz Seyfried betrachtete den Mann aus den Augenwinkeln. Ungefähr ein Mensch wie ich selbst, dachte er, fünfzig oder etwas mehr, Wintertrenchcoat mit Seidenlammkragen, glatt zurückgekämmtes, etwas schütteres Haar, wahrscheinlich nicht gerade ein Topmanager, eher einer, der sich unter Ausnutzung aller Bausparfinessen und Staatsdarlehen ein Eigenheim erwirtschaftet hat. Das Gesicht des Mannes war flächig und glatt rasiert, eine Brille, die auch jetzt in der Dunkelheit opalisierte, verdeckte die Augen. Alles in allem erweckte der Fremde einen jovialen, freundlichen, aber unscheinbaren Eindruck — wie Herr Jedermann.

»Originelle Namen haben Sie ihnen gegeben«, sagte der Fremde.

»Ein Rüde und eine Hündin«, antwortete Fritz Seyfried. »Dreieinhalb Jahre alt. Gerade im schönsten Alter.«

»Ich weiß«, sagte der Fremde. »Asta ist im gleichen Alter.«

»Ich muß nach Hause.« Fritz Seyfried schlang die Leine einmal um das Gelenk, nachdem er die Karabinerhaken an die Halsbänder der Tiere geschlossen hatte. Mit der freien Hand deutete er den Waldweg hinunter. »Haben Sie die gleiche Richtung?«

»Nein, nein«, antwortete der Fremde. »Ich bleibe noch, aber wir werden uns sicher Öfter hier begegnen.«

Die Hunde drängten heimwärts, und so nickte Seyfried nur. Unbeweglich stand der Fremde da und sah ihm nach.

Da Fritz Seyfried den Hausschlüssel im anderen Mantel hatte, läutete er. Anne öffnete. Weil sie nasse Hände hatte, tat sie es mit dem Ellbogen, ließ die Tür offenstehen und ging sofort wieder in die Küche. Fritz zog den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und band die Hunde los. Dann rieb er sich die Hände und sah zufrieden um sich. Er liebte das Haus und seine Behaglichkeit. Aus der Küche heraus auf ihn einredend, wollte Anne, wie jeden Abend, alles genau wissen: was er für einen Arbeitstag gehabt habe, wie es mit dem Verkehr gewesen sei, ob er Appetit habe.

Während er pedantisch die Gardinen vor das Panoramafenster zog und die Winternacht aussperrte, brachte Anne das Abendessen. Anne war fünfzehn Jahre jünger als er und dunkelblond. Sie hatte eine stämmige Figur und trug gerne Hosen. In der Gesellschaft für Konzertfreunde, im Tennisclub und bei Veranstaltungen von Fritz Seyfrieds Amt galt sie als apart, war eine begehrte Tänzerin und eine geschickte, diplomatische Gesprächspartnerin.

»Du warst heute ziemlich lange mit Stoffel und Steffi weg«, sagte Anne und biß in ein Käsebrot.

»Ich habe eine Bekanntschaft gemacht«, antwortete Fritz. »Da muß einer zugezogen sein. Hat auch einen Cockerspaniel. Wir würden uns sicher noch öfter treffen, sagte er. Na, irgendwann werde ich schon erfahren, wer er ist.«

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Diese Annahme erwies sich indessen als Irrtum. Den bürgerlichen Namen seines neuen Bekannten sollte Fritz Seyfried niemals kehnenlernen. lernen. Der Name, unter dem ihn sein Vermieter und der Briefträger kannten, war falsch, und seinen richtigen Namen kannten derzeit nur drei Männer, von denen keiner ihn jemals preisgeben würde.

Diese Männer wußten, was sie wollten, und hatten die Macht, es zu tun. Sie waren außerdem überzeugt, daß das, was sie taten, das Richtige war. Zwei von ihnen glaubten überdies daran, daß dem System, dem sie dienten, die Zukunft gehörte. Der dritte, Leonid Konstantinowitsch Alikin, Oberst im KGB, dem russischen Komitee für Staatssicherheit, und Koordinator der Aktivitäten der UdSSR und der DDR zur Auflärung operativer Geheimnisse der westdeutschen Bundeswehr, war der einzige unter den drei Männern, der seine Fähigkeiten jedem System zur Verfügung gestellt hätte, das ihm die höchste Machtfülle verlieh und ihn am großzügigsten bezahlte.

Der zweite jener Männer hieß Fjodor Petrowitsch Popow. Dieser Mann trug stets einen Zivilanzug und hatte im übrigen das Aussehen eines kleinen, ausgemergelten Mathematiklehrers mit schütterem, angegrautem Haar, verkniffenem Mund und einer randlosen Brille. Nichtsdestoweniger zählte er zu den gefährlichsten Männern der Welt. Ihm unterstand der legendenumwitterte Zentralindex des sowjetischen Generalstabes im Zentrum Moskaus, in dessen Akten und auf dessen Datenträgern eine ungeheure Anzahl von Personen, Querverbindungen und Informationen gespeichert sind. Er war der Mann, dessen Lebensaufgabe darin bestand herauszufinden, wie man an Personen irgendwo auf der Welt herankommen konnte, deren Bereitschaft zur Mithilfe der dritte der Männer besonders aus militärischen Gründen für notwendig hielt.

Dieser Dritte war Alexei Adrianowitsch Soltjakin, Chef der II. Abteilung der sogenannten GRU, des Zentralen Geheimdienstes des Generalstabs der Sowjetarmee. Dieser Mann besaß nicht nur einen militärischen Rang, sondern er war wirklich Soldat: ein großer, kräftiger Mensch mit einer Neigung zur Körperfülle, der ein breitflächiges Gesicht hatte, in welchem listige Äuglein glitzerten. Darüber sprangen buschige Brauen vor, die dunkel geblieben waren, obwohl das dichte Haupthaar schon silberweiß glänzte.

Diese drei Männer saßen in einem Konferenzraum des Verteidigungsministeriums. Alikin und Soltjakin waren weit in ihre Sessel zurückgelehnt und hörten Fjodor Petrowitsch Popow zu, der Akten und Papiere vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Nach dem Ende von Popows Vortrag blieb Alikin noch mit halbgeschlossenen Augen in der bequemen Haltung, die er beim Zuhören eingenommen hatte, und dachte nach. Dann öffnete er die Augen.

»Und wie seid ihr auf diesen Mann aufmerksam geworden?« fragte er.

»Durch einen Zufall«, sagte Popow. »Es fing damit an, daß wir den Auftrag erhielten, unser gesamtes Aufklärungsmaterial aus den Kriegstagen zu überprüfen und alle Vorgänge von Bedeutung neu zu systematisieren. Dabei stieß ich auch auf unsere Stabsakte über von Loßwitz. Henning von Loßwitz war uns bekannt als der dienstgradjüngste Obersturmführer der Waffen-SS, soviel also wie ein Oberleutnant. Er war Kompaniechef einer Panzereinheit der Deutschen, der die Fronterprobung der jeweils neuesten Panzerentwicklungen der Faschisten anvertraut war. Ein fanatischer Soldat mit großer Fachkunde und persönlicher Courage. Einer von denen, die wir gerne lebend gehabt hätten. Die Offiziere dieses Verbandes wurden häufig in Hitlers Hauptquartier kommandiert. Als sich 1943 bei Kursk und Orel das Blatt wendete und die Faschisten zurückmußten, stiegen unsere Chancen, solcher Leute habhaft zu werden, und es entstand eine Akte. Diese Akte schloß mit einem schriftlichen Bericht aus dem Februar 1945, als unsere Truppen an der Oder angelangt waren. Von Loßwitz’ Einheit war zum Zeitpunkt unserer Baranów-Offensive am 12. Januar 1945 der 4. Panzerarmee des Generals Graeser unterstellt.«

Soltjakin nickte bestätigend. »Von denen blieb nicht viel übrig damals. Die Front der Faschisten riß schon in den ersten beiden Stunden auseinander, und wir trieben sie im Verlauf von zwei Tagen zurück bis an den Pilica-Fluß.«

»In diesem Bericht hier«, fuhr Popow fort, »steht, daß von Loßwitz an den Kämpfen um den Pilica-Übergang beteiligt war. Am 15. Januar überrannten unsere Truppen einen deutschen Hauptverbandsplatz, auf dem die Faschisten nur ihre Toten zurückgelassen hatten. Unter ihnen fanden wir auch einen Toten, der das Soldbuch und die Erkennungsmarke von Henning von Loßwitz bei sich trug.«

»Und wie kam der Berichterstatter damals darauf, daß der Tote nicht von Loßwitz war?« fragte Alikin.

»Die kamen überhaupt nicht darauf. Er kam darauf, er …« Soltjakins massiges Kinn deutete in die Richtung von Popow. »Und das erst Jahre danach.«

»Nicht nur die Toten des Hauptverbandsplatzes fielen uns damals in die Hände«, fuhr Popow fort, »sondern auch die Dokumente und Listen. Daraus war zu ersehen, daß ein einfacher SS-Mann namens Fritz Seyfried schwer verwundet eingeliefert worden war. Unter den Toten fehlte dieser Fritz Seyfried aber. Und seine Papiere fehlten auch. Sie wissen, daß wir damals die Papiere gefallener Faschisten brauchten, um mit ihnen unsere eigenen Leute nach drüben zu schicken. Aus diesem Grund wurde es vermerkt.«

»Und daraus haben Sie auf der Stelle geschlossen …«, begann Alikin einen Satz, der aber angesichts Popows eisigem Lächeln gefror.

»Ich habe das ad acta gelegt, Genosse Oberst, und es fiel mir erst wieder ein, als einige Jahre später die zweite Komponente dazukam. Einer unserer Leute schickte damals eine Routinemeldung aus Westdeutschland, die besagte, daß ein Mann namens Fritz Seyfried als Experte für Panzerfragen in die damalige Organisation des Generals Gehlen eingetreten war. Die Amerikaner betrieben die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Und dieser Mann, Fritz Seyfried, ging mir monatelang nicht aus dem Kopf. Ich wußte genau, daß ich einer Sache von allergrößter Bedeutung auf der Spur war, und fand das verbindende Glied nicht. Ich hielt mir oft den Verlauf unserer damaligen Fronten vor Augen, versuchte mich in Operationen, Stimmungen, Wetterlagen, Landschaften, Jahreszeiten hineinzuversetzen, und ganz allmählich entstand in meinem Unterbewußtsein wieder dieser 14. Januar an der mit Treibeis bedeckten Pilica. In einer Nacht gegen drei Uhr morgens ließ ich mich ins Amt fahren und zog mit diesen Vorgang von Loßwitz noch einmal heraus. Und da wurde ich dann endlich fündig.« Popow breitete drei engbeschriebene Blätter vor sich auf der Tischplatte aus. »Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß der damalige Obersturmführer Henning von Loßwitz in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar die Identität jenes gefallenen SS-Mannes Fritz Seyfried angenommen hat und unter diesem Namen direkt an derjenigen Stelle in Westdeutschland sitzt, auf die Genosse Rodionowski unsere Bemühungen konzentriert sehen will.«

»Haben Sie Beweise?« fragte Alikin.

»Wie man es nimmt«, antwortete Popow. Er verdunkelte den Raum und betätigte einen Originalvorlagenprojektor. Unversehens befanden sich die drei Männer in jenem unterirdischen Befehlsbunker, von dem aus der Führer in den letzten Kriegsmonaten nach dem Attentat seine Dispositionen getroffen hatte. Hitler selbst war auf der rechten Bildseite zu sehen, wo er durch eine Lupe eine Fotografie betrachtete, die ihm augenscheinlich von einem der drei jungen SS-Führer übergeben worden war, die ihn in schwarzer Panzertruppen-uniform auf der linken Bildseite halbkreisförmig einrahmten. »Mir fiel die Ähnlichkeit sofort auf, als ich es sah. Haben Sie den geringsten Zweifel?«

Popow rückte in dem Projektor an der Vorlage und legte ein Bild Fritz Seyfrieds aus jüngster Zeit daneben. Es zeigte Seyfried, der in gebückter Haltung mit einem seiner Hunde spielte. Das Haar war schütter und das Gesicht satter geworden, doch die Zeichnung der Augenbrauen, der Augenschnitt, die breite Nasenwurzel und die schmale Form der Lippen waren unverkennbar.

»Wie alt ist der Mann heute, Fjodor Petrowitsch?«

»Knapp sechsundfünfzig Jahre. Jahrgang 1924.«

»Und wie alt wäre der echte Fritz Seyfried?«

»Über den echten Fritz Seyfried war wenig in Erfahrung zu bringen. Wir haben einen Suchantrag beim Roten Kreuz stellen lassen. Es scheint niemanden zu geben, der sich um ihn kümmert. Familien dieses Namens gab es im Banat, in den Karawanken, im Sudetenland. Der echte Seyfried scheint Volksdeutscher gewesen zu sein.«

»Und die Familie von Loßwitz? Hat sich da auch niemand um den Sprößling bemüht?«

»Da gibt es nur noch zwei entfernte Verwandte«, erwiderte Popow. »Für die ist von Loßwitz als vermißt gemeldet und die Sache erledigt. Und Seyfried ist niemand, dessen Bilder durch die Presse gehen. Die müßten ihm schon persönlich begegnen und ihn direkt erkennen. Das ist unwahrscheinlich und auch bisher noch nicht geschehen. Auch über von Loßwitz hatten wir einen Suchauftrag beim Roten Kreuz lanciert. Seine Spur endet am 15. Januar 1945, sechsundzwanzig Kilometer westlich der Stadt Tomaszów, wahrscheinlich in einem Sammelgrab.«

Alikin betrachtete nachdenklich das überlebensgroße Foto auf der Projektionsfläche. Nach einer Weile sagte er: »Seyfried ist der Mann, der angeblich Zugang zu allem hat, was wir wissen müssen. Von mir aus haben Sie grünes Licht, Genossen.«

In diesem Augenblick wurde der eine Flügel der schweren eichenen Doppeltür geöffnet. Zwei weitere Männer betraten mit raschen, energischen Schritten den abgedunkelten Raum. Die drei Anwesenden erhoben sich. Der eine der Eintretenden, im dunkelblauen Maßanzug mit Nadelstreifen, mittelgroß, mit randloser Brille und in die Halbglatze übergehender hochgewölbter Stirn, war Dmitri F. Ustinow, Verteidigungsminister der UdSSR. Der zweite, untersetzt, in zweireihigem Waffenrock mit dunklem Binder und langer dunkler Hose, war L. A. Rodionowski, General der Raketentruppen und Chef des Generalstabs der Roten Armee.

Ustinow reichte jedem der drei anwesenden Männer kurz die Hand. Eine weitere knappe Handbewegung ließ die Männer Platz nehmen. Adolf Hitler und seine jungen Offiziere verschwanden von der Projektionsfläche. »Haben Sie die Genossen schon informiert, Soltjakin?« fragte der Minister.

»Wir haben soeben Details besprochen, als Sie eintraten«, antwortete Soltjakin. »Man kommt an jeden Mann im Westen heran. Die Frage ist nur, zu welchem Preis.«

»In diesem Fall ist es anders«, sagte Popow. »Wir wollen keinen V-Mann auf die übliche Ochsentour anwerben, sondern wir brauchen einen bestimmten Mann für bestimmte Informationen.«

»Und diese Informationen sollen so brisant sein, daß Sie von mir verlangen, meine ›Gruppe Nachtfrost‹ dafür zu gefährden?« fragte Alikin fast beiläufig. »Dazu wollten Sie uns etwas sagen, Genosse Ustinow.«

Der Minister ließ seinen Blick über die Gesichter der anwesenden Männer schweifen. Dabei funkelten die Gläser seiner Brille. Dann begann er zu sprechen: »Die Deutschen haben ein Verfahren zur Panzerungsherstellung erfunden, das ihren kommenden Kampfpanzer Leopard 2 praktisch unverwundbar macht. Wenn wir auch von uns aus nach Westen nicht angreifen wollen, so können wir doch eines Tages dazu gezwungen werden. Mit einer konventionell unverwundbaren NATO-Panzerwaffe können auch gegen unsere an Zahl und Feuerkraft überlegenen Korps tödliche Stöße tief in die Flanke geführt werden. Wenn wir nicht innerhalb von etwa zwölf Monaten im Besitz dieses Geheimnisses sind, könnten wir vor der Situation stehen, unsere operative Planung umzukrempeln und neu zu gliedern. Sollten Sie also an eine Person herankommen, die Zugriff zu den Unterlagen hat, dürfte dieser Mann unsere wichtigste Figur der achtziger Jahre auf dem westeuropäischen Schachbrett sein. Haben Sie einen solchen Mann?«

Popow betätigte den Schalter des Projektors. Überlebensgroß erschien wieder der Führer im Kreise seiner jungen Offiziere.

»Wir haben ihn, Genosse Ustinow. Diesen hier.« Ein Lichtpfeil geisterte über die Projektionsfläche, blieb über dem Kopf eines der jungen Männer stehen. »Obersturmführer Henning von Loßwitz, schon damals Hitlers Panzerexperte für die Fronterprobung neuer Typen, arbeitet heute unter geänderter Identität an maßgebender Stelle beim Amt für Wehrtechnik und Beschaffung der Bundeswehr.«

»Und an diesen Mann ist heranzukommen?«

Popow antwortete: »Wir sind schon an ihm dran. Das Ganze läuft im Bereich der Gruppe Nachtfrost an. Das sind unsere am besten getarnten und informierten Leute in Westdeutschland. Nachtfrost hat ihm zunächst Drohne angehängt. Der Kontakt läuft so, daß er jederzeit ausgebaut werden kann.«

»Ist der Mann Ihnen sicher?«

»Absolut sicher«, sagte Popow; »Er kann nur einsteigen oder Selbstmord begehen. An Fritz Seyfried kann man nur auf zwei Wegen herankommen.«

»Und die sind?« fragte Alikin.

»Einmal seine gesellschaftliche Stellung, und zum zweiten seine Frau Anne. Seyfrieds Schwiegervater ist Reinhard Hobarth, ein Altliberaler im Abgeordnetenhaus von West-Berlin. Mann mit Prinzipien, früher Nazigegner, Zentralfigur der Koalitionsquerelen im Berliner Senat. Ein Mann, der eine saubere Weste hat. Der Schwiegersohn ist fest einbetoniert in die bourgeoisen Gesellschaftsstrukturen und voll etabliert. Das wirkt sich bis in seine Stellung im Amt und die gesellschaftliche Reputation des Ehepaares in dessen Kreisen am Wohnort aus. Seyfried gilt in der Gesamtbeurteilung als integer. Wo immer er jemanden ins Vertrauen zöge, würde er sich sein eigenes Grab schaufeln. Die Drohung mit der Enthüllung, daß ein etablierter bürgerlicher Rüstungsfunktionär, Schwiegersohn Hobarths, Geheimnisträger der Bundeswehr, früher Hitlers Vertrauter in Panzerfragen war, Dutzende unschuldiger Zivilisten aus Feigheit in die Luft gesprengt und dann einen Generalstabsmajor des deutschen Heeres kaltblütig ermordet hat, das alles dürfte genügen, um auch einen stahlharten Fritz Seyfried gefügig zu machen.« Und nach einer Pause: »Wenn er überhaupt noch stahlhart sein sollte. So etwas überlebt sich im Westen.«

»Zivilisten? Mord?« fragte Alikin. »Wann ist das geschehen?«

»Diese Details wird General Soltjakin Ihnen anschließend vortragen. Beim Übergang unserer Truppen über die Pilica am 14. Januar 1945 ist nämlich noch mehr geschehen als das, was Sie bereits wissen.«

»Januar ’45 …« Alikin schüttelte den Kopf. »Das ist fünfunddreißig Jahre her. Das ist doch bei denen verjährt.«

Popow lächelte. »Die Abgeordneten des westdeutschen Bundestages haben die gesetzliche Verj ährungsfrist für Mord generell aufgehoben. Danach kann Seyfried wegen eines Mordes im Jahr 1945 unbegrenzt verfolgt und belangt werden.«

»Ein Mord vor fünfunddreißig Jahren, Popow … Wenn Sie da mit; einem Strafprozeß operieren, werden Sie Beweise liefern müssen. Haben Sie daran gedacht?«

»Natürlich habe ich daran gedacht«, sagte Popow. »Und ich versichere Ihnen, ich hätte die Sache gar nicht angefaßt, wenn ich diesen Beweis nicht liefern könnte.« Er wendete sich an Generalmajor Soltjakin. »Und nun bist du an der Reihe, Alexei Adrianowitsch. Erzähle uns, was das 3. Gardeschützenkorps beim Übergang über die Pilica am Morgen des 15. Januar 1945 vorgefunden und protokolliert hat.«

2

Am 12. Februar war die Kälte, die für eine gewisse Zeit geherrscht hatte, längst gebrochen. Fritz Seyfried hatte Anne am Abend vorher gebeten, den Wecker rechtzeitig zu stellen, weil er diesen Tag auf einem Panzerschießplatz der Bundeswehr verbringen mußte und den Hubschrauber bereits um sechs Uhr auf den Start- und Landepunkt vor seinem Amt bestellt hatte. Also hatte der Wecker im Schlafzimmer der Seyfrieds schon um vier Uhr gesummt. Im Morgenmantel hatte Anne rasch ein Frühstück herangezaubert, während Fritz Überfallhosen, Schnürstiefel, ein grobes Hemd und einen Pullover angezogen hatte. Das Frühstück nahm er im Stehen in der Küche ein, nachdem er seiner Frau zuvor zum Geburtstag gratuliert hatte. Dabei hatte er ihr versprochen, pünktlich zu dem kleinen Fondue-Essen wieder zurück zu sein, das sie für ihren Vater, die Schwester und zwei befreundete Ehepaare heute abend arrangiert hatte.

Nachdem er seinen zu solcher Stunde ohnehin nicht sehr großen Appetit befriedigt hatte, zog er seinen schon ziemlich mitgenommenen Parka an, verließ das Haus und fuhr in sein Amt.

Als er in die Nähe des Gebäudes kam, sah er, in das Licht von Scheinwerfern getaucht, den dunkelgrünen Hubschrauber bereits warten. Seyfried fuhr den Wagen vor das Hauptportal und bat den Nachtportier, ihn in die Tiefgarage zu bringen. Er ging rasch hinüber zu der Maschine, wo er die Besatzung und den Major aus dem Ministerium begrüßte, den man ihm zur Begleitung geschickt hatte. Die Männer bestiegen den Hubschrauber, die Türen wurden geschlossen, und knatternd setzten sich die Rototblätter in Bewegung. Die Maschine hob ab und ging auf Kurs. Neunzig Minuten nach dem Start trafen sie auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager ein.

In einer halben Stunde begann die Übung. Es waren starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. In einer Baracke versammelten sich bei einem Becher Kaffee die Offiziere und Techniker, Wissenschaftler und Industriellen, die an diesem Tage an der ersten praktischen Erprobung des epochemachenden, in deutschen Labors entwickelten Panzerstahls teilnahmen. Fritz Seyfried, der bei Entwicklung, Erprobung und Verwendung dieses Materials an einer zentralen Koordinationsstelle saß, begrüßte fast alle der Anwesenden.

Schon nach wenigen Minuten meldete eine Ordonnanz, daß die Fahrzeuge bereitstanden. Man begab sich nach draußen. Die Männer bestiegen offene geländegängige Fahrzeuge. Das Erprobungsgelände war weitläufig und leicht hügelig. Der Konvoi fuhr die Zieldarstellungen ab.

Ein Offizier im schwarzen Barett erläuterte. Es handelte sich um Prototypen des neuen Materials, quadratische Panzerplatten im Durchmesser von etwa zwei mal zwei Meter, die, teils in Betonbettungen, teils in Holzattrappen eingebaut, im Gelände standen. Alle waren angeschlossen an feinnervige Registriersysteme, denn die Reaktion des beschossenen Materials mußte wissenschaftlich-technisch bis in die winzigsten Einzelheiten hinein analysiert und ausgewertet werden. Der so entstehende Bericht war ein Teil jenes Informationsprogramms, das Fritz Seyfried später den Verteidigungsministern des Bündnisses in einer geheimgehaltenen Konferenz in Brüssel präsentieren sollte.

Nachdem das Zielgelände abgefahren war, steuerte der Konvoi einen von einem sonderbaren zuckerhutähnlichen Bunker gekrönten Hügel an, wo Feldstecher hinter einer hölzernen Brustwehr bereitlagen. Nachdem sämtliche Teilnehmer des Erprobungsschießens ihre Plätze eingenommen hatten, führte der Panzergeneral, der die Übung leitete, ein kurzes Telefongespräch und erklärte den übrigen Herren, daß er soeben das Feuer freigegeben habe.

Die Feldstecher richteten sich auf einen etwa zwei Kilometer entfernten Waldrand zur Rechten, wo nach wenigen Augenblicken Panzerfahrzeuge zwischen den Bäumen hervorbrachen und nach einem genau ausgearbeiteten Plan das Feuer auf die Attrappen im Gelände eröffneten. Orangerote Feuerbälle quollen aus den Mündungen der Geschütze, weißgraue Qualmwolken waagerecht vor sich herfegend.

Drei Stunden lang war das Ubungsfeld ein Hexenkessel hin und her jagender Panzerriesen, heulender Geschosse, aufspritzender Einschlagfontänen und im Winde abtreibender weißgrauer Qualmschwaden. Anschließend wurde das Zielgelände abgefahren und die Feuereinwirkung auf die einzelnen Attrappenziele in Augenschein genommen.

Angesichts der offensichtlichen Widerstandskraft des neuentwickelten Materials stieg die Stimmung unter den Herren beträchtlich. Im Barackenlager waren ein einfacher Imbiß und ein Umtrunk vorbereitet. In der Wärme der Baracke und befeuert durch die herumgereichten Schnäpse, lockerte sich die Stimmung noch weiter. Trinksprüche wurden ausgebracht. Fritz Seyfried war der Mittelpunkt mancher Diskussionsgruppe. Gegen drei sah er auf die Uhr und verabschiedete sich. Heute sei der Geburtstag seiner Frau, und er habe versprochen, pünktlich zu sein.

In einem Geländewagen wurde Seyfried zu seinem Hubschrauber zurückgefahren, startete wenig später und landete kurz nach halb fünf auf der kreisförmigen Betonplatte vor seinem Amt. Da er schon einmal hier war, beschloß er, noch nach der Tagespost zu sehen. Serafin Kullnau, der Chefpförtner, staunte nicht schlecht, als er Seyfried mit dreckigen Hosen und Stiefeln die Treppe zum Hauptportal heraufkommen sah. Er eilte zur Schwingtür und riß sie dem Ministerialdirigenten Fritz Seyfried auf.

»’n Abend, Herr Seyfried. Verdammt dreckiges Wetter heute für ’n Flug mit so einem Vogel, was?«

»Es geht, es geht. Tun Sie mir einen Gefallen, Kullnau?«

»Aber immer, Herr Seyfried.«

»Dann rufen Sie meine Frau an, daß wir gut runtergekommen sind. Und sagen Sie ihr, daß ich pünktlich nach Hause komme.«

Kullnau zog Seyfried die Aufzugstür auf. »Mach ich, Herr Seyfried. Herr Lockschmidt wartet auf Ihren Anruf« Die Aufzugstür fuhr zu.

Im neunten Stock verließ Seyfried den Fahrstuhl und schritt den Flur entlang.

In seinem Zimmer angelangt, nahm er den Telefonhörer ab. Lockschmidt war von Kullnau schon verständigt worden, daß Seyfried wieder im Amt war, und stand auf Abruf bereit. Was denn anliege, fragte Seyfried.

»Das Ministerium hat ein Memorandum wegen der NATO-Ministerkonferenz geschickt«, sagte Lockschmidt.

»Wie kommt denn so etwas an dich, Hans?« fragte Seyfried. »Das ist doch gar nicht dein Ressort.«

Hans Lockschmidt hatte im Amt für Wehrtechnik und Beschaffung drei heikle Aufgaben, nämlich die Pflege der Öffentlichkeitsarbeit, die Wahrnehmung der Pflichten als Sicherheitsbeauftragter und den Vorsitz des Personalrats im Amt.

»Es geht dabei nicht um Sachfragen«, beeilte sich Lockschmidt festzustellen. »Es geht nur um Zeitpunkt, Ablauf und Organisation. Aus diesem Grund ist der Vorgang bei mir gelandet. Wenn es dir recht ist, komme ich damit rauf. Wie war das Schießen?«

»Der erwartete Erfolg«, sagte Seyfried. »Es ist mir recht. Ich warte auf dich.«

Seyfried legte den Hörer auf und begann, die Post durchzusehen. Schon nach wenigen Augenblicken trat Hans Lockschmidt in sein Büro, mit dem elastischen Schritt des fünfzehn Jahre Jüngeren. Er hatte einen Schnellhefter in der Hand, den er auf Seyfrieds Schreibtisch klatschen ließ, bevor er sich Seyfried gegenüber setzte. Seyfried blätterte den Schnellhefter flüchtig durch und legte ihn dann zurück auf den Schreibtisch. »In drei bis vier Wochen können sie die Analyse und Auswertung über das heutige Erprobungsschießen fertig haben, sagte General Harms.«

»Das wäre dann ungefähr Anfang bis Mitte März.« Lockschmidt machte sich eine Notiz.

Seyfried öffnete den Seitenschrank und holte eine Kognakflasche hervor. Auf ein aufforderndes Augenzwinkern hin holte Lockschmidt zwei Gläser. Seyfried goß ein und schob eines von ihnen zu Lockschmidt hinüber. Sie prosteten einander zu.

Seyfried sah auf die Armbanduhr. »Jetzt mach ich, daß ich nach Hause komme. Ihr erscheint ja heute abend auch?«

Lockschmidt und seine Frau Ray, eine charmante Indonesierin, gehörten zu den Gästen, die Arme Seyfried zu dem Fondue-Essen erwartete.

»Natürlich«, sagte Lockschmidt. »Wie war das mit dem Anzug?«

»Leger«, meinte Seyfried und hob den Hörer des Telefons ab, um Kullnau zu bitten, ihm den Wagen aus der Tiefgarage zu fahren. Lockschmidt ging aus dem Zimmer, und Seyfried löschte das Licht und verließ den Raum.

Unten in der Eingangshalle kam ihm Kullnau bereits entgegen, die Wagenschlüssel in der erhobenen Hand. »Der Wagen steht vorne, Herr Seyfried. Ihre Batterie hätte es nötig. Wenn Sie ihn mal ein paar Stunden nicht brauchen, lasse ich Ihnen das machen.«

Seyfried nahm die Schlüssel in Empfang. »Danke, Kulinau. Immer dasselbe bei diesem Wetter. Ich komme darauf zurück.«

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Als Seyfried den Berg hinauffuhr und um die Kurve bog, sah er Friskas Wagen vor dem Haus stehen. Obwohl er gewußt hatte, daß Friska und sein Schwiegervater heute zum Geburtstagsfondue kommen würden, hatte er den Tag über nicht mehr daran gedacht. Er mochte seinen Schwiegervater, den weißhaarigen alten Herrn, mit fast achtzig noch immer angefüllt mit liberalen Prinzipien und demokratischen Idealen. Friska war Annes Zwillingsschwester und folglich ebenfalls heute Geburtstagskind, in Wesen, Äußerem und Charakterzügen Anne außerordentlich ähnlich, einstmals Franziska getauft, was Anne nicht hatte aussprechen können. Deshalb wär ihr das kürzere Friska geblieben.

Als Fritz den Wagen geparkt hatte und das Haus betrat, hörte er bereits die dröhnende Stimme des alten Herrn und das Lachen der Frauen. Er hängte seine Feldmütze an einen Haken in der Garderobe und betrat, während erdie Knöpfe des Parka öffnete, das Wohnzimmer mit dem schönen Blick auf das Lichtermeer des Mosel- und Rheintales. Der alte Herr stand mit einem halbgeleerten Whiskyglas in der Hand vor dem Kamin.

»Hallo!« tiefer, als er seinen Schwiegersohn sah, und hob sein Glas. »Da bist du ja.« Er wartete, bis Fritz die Frauen begrüßt hatte, und hielt ihm dann die Rechte hin.

»Wo hast du Heinz gelassen?« fragte Seyfried seine Schwägerin.

»Der hat schon früh einen Termin. Wir feiern morgen abend zusammen in Berlin nach.«

Heinz Pankraz war seit ein paar Jahren Rechtsanwalt in Berlin, Partner einer großen Kanzlei, die sich in erster Linie mit Wirtschaftsrecht befaßte.

Der alte Hobarth goß jetzt auch Fritz einen Whisky ein und drängte ihm das Glas jovial auf. Sie prosteten auf die beiden Geburtstagskinder. Während dieser Zeremonie läutete es an der Eingangstür. Es kamen neue Gäste. Anne schickte Fritz nach oben, damit er sich duschen und umkleiden konnte. Als er nach einer halben Stunde erfrischt wieder nach unten kam, waren Lockschmidts eingetroffen, und Bastians aus Bad Godesberg wurden noch erwartet. Fritz wehrte Stoffel und Steffi ab, die an ihm hochsprangen. »Am besten gehe ich noch mit den beiden raus«, rief er Anne zu, die mit der Stundenfrau in der Küche wirtschaftete.

Arme erklärte, daß es bis zum Essen noch zwanzig Minuten dauern werde. Fritz fuhr in einen hellen Regenmantel und stülpte sich eine Mütze auf den Kopf. Er nahm die Leine vom Brett, hakte sie bei den beiden Spaniels an den ledernen messingbeschlagenen Halsbändern ein und machte sich mit den Hunden auf den gewohnten Weg.

Auf den Mann, den sie Drohne nannten, traf er an der Weggabelung in der Waldparzelle, dort, wo der alte Meilenstein stand. Der Schnee war verschwunden. Es war feucht, finster und kalt. Die beiden Männer standen nebeneinander und beobachteten das Herumtollen ihrer Lieblinge.

Der Fremde machte eine Bemerkung über das Wetter. Er hatte diese Szene lange erwogen. Es kam alles darauf an, einen alarmierenden Einstieg zu finden, der Seyfried so schockierte, daß er von vornherein in die Defensive geriet. Aber sein Opfer machte es ihm leichter, als er zu hoffen gewagt hatte. Seyfried rückte mit der Linken an seiner Mütze und sagte: »Eigentlich wird es Zeit, daß wir uns bekannt machen …«

Er hielt dem anderen die Rechte hin und stockte, als der Fremde keinerlei Anstalten traf, sie zu ergreifen.

»Das ist nicht notwendig, Loßwitz. Ich weiß genau, wer Sie sind.«

Seyfried zog seine Rechte zurück. Er hatte nicht damit gerechnet, daß es noch einmal kam. Er schwieg und starrte den anderen an. Was wollte dieser Mann von ihm?

Die erste und einfachste Möglichkeit war, daß der Mann durch einen Zufall auf die Spuren seiner, Seyfrieds, früheren Existenz gestoßen war, aber keine Detailkenntnisse besaß; daß er nun auf gut Glück versuchte, in Erfahrung zu bringen, was aus der Sache herauszuschlagen war. Diese Möglichkeit wäre harmlos. Er würde dem Mann die kalte Schulter zeigen.

Die zweite Möglichkeit lag in intimerer Detailkenntnis und einer gezielten privaten Erpressung. Auch in diesem Fall, überlegte Fritz Seyfried kühl, war es zweifellos das beste, Hochmut zu zeigen und ohne ein weiteres Wort nach Hause zu gehen.

Die dritte Möglichkeit war die gefährlichste. Es war die Möglichkeit, daß hinter diesem Mann andere Männer standen, andere Interessen, Systeme und Welten. Fritz Seyfried wußte natürlich, daß seine waffentechnischen Kenntnisse für viele andere von unschätzbarem Wert waren. In seinem Amt war er deshalb Geheimnisträger Nummer eins.

Mehr und mehr verdichtete sich während der wenigen Sekunden, die er schwieg, die Befürchtung, daß es sich um diese dritte und gefährlichste Möglichkeit handelte. In diesem Fall mußte er erfahren, was der Mann wußte und was er wollte.

Nachdem ihm all dies in computerhafter Schnelligkeit durch den Kopf gegangen war, fragte Fritz Seyfried den Fremden, wer er sei, woher er den genannten Namen zu kennen glaube und was er mit all dem wolle.

Der Fremde schien etwas Ähnliches erwartet zu haben. »Wer ich bin, muß ich Ihnen leider verheimlichen. Es zu wissen, würde Ihnen auch nichts nützen. Was ich von Ihnen will, werde ich Ihnen zu gegebener Zeit mitteilen. Und was ich von Ihnen weiß, sage ich Ihnen jetzt. Ich habe vor mir Klaus Heinrich, genannt Henning von Loßwitz, geboren am 25. April 1924 in Rodtkau in Schlesien. Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt von Feldafing am Starnberger See, zuletzt Obersturmführer in der 7. SS-Panzerdivision. Träger des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes und gefallen am 15. Januar 1945 in Tomaszów an der Pilica.« Der Fremde machte eine bedeutsame Pause, bevor er fortfuhr: »Ihr Leichnam ruht in polnischer Erde, Loßwitz. Trotzdem werden Sie kaum bestreiten können, daß ich diesem Mann derzeit gegenüberstehe.«

Fritz Seyfried brauchte den Mann gar nicht mehr zu fragen, woher er so viel wußte. »Ihre Informationen können nur aus Unterlagen in den Archiven der sowjetischen Armee stammen«, sagte er mit rauher Stimme. »Ich nehme das zur Kenntnis. Ich gebe zu, ich bin derjenige, den Sie in mir vermuten. Was wollen Sie damit erreichen? Ich war Soldat wie Millionen andere, überzeugt, für die richtige Sache einzutreten. Mein Jahrgang und mein Dienstgrad fallen unter die Jugendamnestie.«

Der Mann ihm gegenuber lachelte. »Dann lst die Frage also nur noch, Loßwitz, weshalb Sie damals in die Identität des Gefreiten Fritz Seyfried geschlüpft sind und warum Sie diese bis zum heutigen Tage behalten haben. Hatten Sie etwas zu verbergen?« Der Mann, den sie Drohne nannten, machte eine Pause und fragte mit verändertem Tonfall: »Der Name Kayser ist Ihnen doch gegenwärtig, Loßwitz? Herbert Kayser, Major im Generalstab, 1a der 103. Volksgrenadierdivision, oder?«

In Fritz Seyfried glomm die Vergangenheit auf. Womit zum Teufel hatte er es verdient, daß diese Erinnerungen gerade heute aus der Vergessenheit emporstiegen? »Ich habe das Haus voller Gäste«, fuhr er den Fremden an. »Hat das nicht Zeit bis …«

»Nein«, erwiderte der andere kurz. »Der tote Major läßt sich aus Ihrem Leben nicht mehr tilgen. Sie haben gehofft, daß die Verjährungsfrist für Mord verstreichen würde, bevor man Ihre wirkliche Identität entdeckte.«

»Das war alles ganz anders«, sagte Seyfried.

»So was können Sie leicht behaupten«, antwortete der Fremde ungerührt. »Aber haben Sie dafür Zeugen? Können Sie das beweisen?«

»Zeugen?« fragte Seyfried. »Beweise? Wie wollen Sie heute nach Fünfunddreißig Jahren noch etwas beweisen?«

»Wir können das«, sagte der andere. »Wir werden einen Prozeß aufrollen. Wir werden beweisen, daß es so war, wie wir sagen. Unsere Akten besagen, daß Sie in der Nacht von Tomaszów die Pilicabrücke aus Angst zu früh gesprengt haben …«

»Nein«, rief Seyfried, »das ist nicht wahr.«

»Und daß Sie«, fuhr der Fremde fort, »den Generalstabsmajor Herbert Kayser, der Sie daran hindern wollte, durch zwei Pistolenschüsse in den Rücken ermordet haben.«

»Sie müssen wahnsinnig sein. Das wollen Sie also alles beweisen?«

»Ja«, sagte der Mann mit der opalisierenden Brille. »Die Sache hat mehrere Seiten. Die Angehörigen des toten Majors leben noch. Wenn wir sie davon in Kenntnis setzen, daß der Major nicht im Kampf vor dem Feind‘gefallen, sondern hinterrücks von einem Untergebenen erschossen worden ist, der noch lebt und sich der Verantwortung bis heute entzogen hat, werden sie sicher diesem Prozeß beitreten und außerdem Schadenersatzansprüche stellen. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, wie all das von Ihren Vorgesetzten im Amt, von der Öffentlichkeit oder von Ihrem Schwiegervater aufgenommen würde, von Ihrer Frau ganz zu schweigen.«

»Hören Sie auf«, herrschte Seyfried den Unbekannten an. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich das Haus voller Gäste habe. Ich brauche Bedenkzeit.« Zwischen den Bäumen hallte eine suchende Stimme. »Was soll ich denen denn sagen?«

»Ihnen wird schon etwas einfallen«, antwortete der Mann. »Und denken Sie daran: Sie haben es mit einer Organisation zu tun, die erreicht, was sie erreichen will. jeder Kontakt, jeder falsche oder für uns verdächtige Schritt würde tödliche Folgen haben. Wir kennen Ihre Gewohnheiten, wir hören jedes Wort, das Sie in Ihrem Hause und auch in Ihrem Amt sprechen. Wir kennenjedes Telefonat, das Sie oder Ihre Frau führen. Sie können uns nirgends entrinnen, Seyfried. Sie haben nur zwei Möglichkeiten, entweder Sie schließen sich uns an, oder …«

»Oder …?« fragte Seyfried.

»Oder Sie nehmen alles in Kauf, was sich daraus ergibt, daß Sie es nicht tun. Sie haben ein paar Tage Zeit, um sich auf Ihre neue Situation einzustimmen. Danach werden Sie erneut angesprochen werden. Man wird Ihnen dann Einzelheiten mitteilen. Gute Nacht.« Mit diesem zynischen Gruß verschwanden der Mann mit der Brille und sein Hund zwischen den Fichten.

Fritz Seyfried war mit Stoffel und Steffi, die sich inzwischen ausgetobt hatten, allein. Weiter unten erkannte er jetzt in der Dunkelheit Hans Lockschmidt an dessen weißem Regenmantel.

Seyfrieds erster Impuls bestand in dem übermächtigen Wunsch, niemanden zu sehen, mit keinem zu reden, bevor er nicht den Schock dieser Viertelstunde überwunden hatte.

So wie die Dinge lagen, half jetzt aber nur der Versuch, Haltung zu bewahren.

»Fritz, Menschenskind, warum sagst du denn nichts«, hörte er die atemlose Stimme des Freundes. »Steht hier mitten im Wald herum …« Hans Lockschmidt hatte Seyfried erreicht, stand ihm schnaufend und vorwurfsvoll gegenüber. »Was ist denn mit dir? Anne ist Völlig aus dem Häuschen wegen des Essens.«

»Bei einem Fondue kann doch nichts verderben«, sagte Seyfried tonlos.

Lockschmidt faßte ihn unter und sah ihm ins Gesicht. »Dir ist doch nichts passiert, Fritz? Du siehstja völlig verstört aus.«

Seyfried schüttelte den Kopf. »Mir ist nichts passiert, Hans. Mir ist nur nicht ganz wohl. Der Streß auf dem Schießplatz heute, die Fliegrei bei diesem Schweinewetter. Wer weiß …«

»Du solltest dir vielleicht wirklich nicht mehr alles zumuten, was sie von dir verlangen«, sagte Lockschmidt und drängte Seyfried in Richtung auf den Nachhauseweg.

___________

Der Abend war verdorben. Nicht einmal die lautstarke vitale Bonhomie des alten Hobarth vermochte daran noch etwas zu ändern. Anne bekämpfte ebenso verbissen ihren Ärger wie Friska ihre Verwunderung. Lockschmidt und seine Frau Ray versuchten, eine Konversation aufrechtzuerhalten, und Dr. Bastian, der Hausarzt der Seyfrieds, beobachtete Fritz, sein leichenblasses Gesicht, seine zerfahrenen Antworten und seine unruhigen Hände mit wachsender Sorge.

Fritz Seyfried sah die Runde seiner Gäste, den gepflegten Tisch mit den schimmernden Kerzen wie durch einen Schleier. Zweifellos hatte seine Welt seit heute abend einen tiefen, klaffenden Sprung. In seinem Kopfbegann sich alles zu drehen.

Plötzlich bemerkte er das bärtige Gesicht Doktor Bastians neben sich, auf der anderen Seite spürte er Lockschmidt. Die beiden Männer brachten ihn nach oben. Schließlich lag er ohne Jackett, mit offenem Hemdkragen auf seinem Bett und sah das sorgenvolle Gesicht Doktor Bastians über sich schweben. Er spürte die nach seinem Puls suchenden Fingerspitzen. Etwas später brachte Anne das Instrumentenköfferchen, das sie aus Doktor Bastians Wagen geholt hatte. Er hörte, Wie Bastian Anne mitteilte, daß sein Blutdruck 160 zu 100 betrage und mithin für sein Alter etwas zu hoch sei.

»Bleib ein paar Minuten ruhig liegen«, sagte der Arzt. »Dann kannst du ja wieder runterkommen, wenn dir danach ist.«

Ein Glas Wasser auf dem Nachttisch, zwei Dragees daneben, das Klicken der sich schließenden Tür, dann empfand Fritz Seyfried endlich das beruhigende Gefühl des Alleinseins. Er verschränkte die Hände unter dem Nacken und überdachte seine Lage.

Diese Schweine hatten ihn möglicherweise ziemlich fest im Griff. Durch die Aufliebung der Verjährungsfrist war dem Geheimdienst eines potentiellen Feindstaates Tür und Tor geöffnet worden, seine persönliche Existenz, seine Reputation, seine gesellschaftliche Stellung zu vernichten — und sei es auch mittels eines kaltblütigen Meineids. Viele Stimmen hatten Zweifel darüber erhoben, ob eine exakte Beweisführung nach mehr als dreißig Jahren überhaupt noch möglich war. Mochte für die Befürworter der Gesetzesänderung die Vielzahl der Fälle und die Schrecklichkeit einzelner von ihnen maßgeblich gewesen sein, für ihn, Fritz Seyfried, war nur sein eigener Fall maßgeblich.

Während Fritz Seyfried über alles das nachdachte, hörte er unten jemanden Klavier spielen. Das konnte nur Friska sein. Über diesem Klavierspiel mußte er eingeschlummert sein. Er bemerkte nicht, wie es schließlich äufhörte, vernahm auch nicht, wie die Gäste sich verabschiedeten.

Er wachte auf, als Anne kam. Er hörte sie nebenan im Bad rumoren wie jeden Abend. Danach kam sie herüber, stand vor dem Bett, sah auf Fritz herunter und bemerkte, daß er die Augen geöffnet hatte. Sie sah, daß er weder die Dragees genommen noch das Glas Wasser getrunken hatte.

»Willst du dich nicht endlich ausziehen, Fritz?« fragte sie, während : sie unter die Decke schlüpfte. Fritz erhob sich wortlos und begann, sich auszukleiden.

»Was ist eigentlich in dich gefahren?« fuhr sie fort. »Erst kommst du eine halbe Stunde zu spät zu unserem Geburtstagsessen, dann redest du kein Wort, entschuldigst dich damit, daß dir nicht gut ist, denkst aber nicht daran, Doktor Bastians Mittel zu nehmen.«

Fritz legte sich neben Anne ins Bett und blieb mit offenen Augen auf dem Rücken liegen.

»Mit dir ist doch irgend etwas los«, hörte er sie sagen. »Du verschweigst mir etwas.«

»Nichts«, antwortete Seyfried. »Schlaf jetzt. Für mich war heute ein anstrengender Tag. Morgen früh sieht alles anders aus.«

Anne murmelte »gute Nacht« und Wälzte sich vorwurfsvoll im Bett herum.

Plötzlich spürte sie die Hand ihres Mannes, die zu ihr herübertastete und sich fest auf ihren Mund preßte. Fritz näherte seinen Mund ihrem Ohr und flüsterte: »Keine Angst, Anne. Kein lautes Wort. Sprich auf keinen Fall. Tu, was ich tue.«

Sie fuhr hoch und starrte ihn an, als er sich in dem schwachen, durch das Fenster hereinfallenden Licht aus dem Bett schwang und dabei warnend den Finger auf den Mund legte. Er öffnete die Tür zum Bad, nahm ihre beiden Morgenmäntel, warf Anne den ihren zu und schlüpfte in seinen eigenen. Sie tat kopfschüttelnd, was Fritz ihr vormachte, und folgte ihrem Mann.

Sie schlichen abwätts in das Erdgeschoß, Fritz bog um die Ecke zum Keller. Im Tiefgeschoß öffnete er zwei Stahltüren. Schließlich befanden Sie sich im Heizungsraum. Fritz schaltete das Licht ein.

»Hier kannst du reden, aber leise«, sagte er, holte zwei Kisten unter dem Regal hervor und schob eine Anne hin.

»Was soll dieses Theater, Fritz?«

»Wir werden uns für lange Zeit nur noch hier unten offen unterhalten können, Anne. Dieser Raum ist wahrscheinlich abhörsicher. In jedem anderen werden wir überwacht. Auch am Telefon.«

»Also ist doch etwas los.«

»Natürlich ist etwas los. Jemand will uns brutal unter Druck setzen. Was immer aus dieser Sache wird, oben mußte ich vortäuschen, daß ich dir gegenüber schweigen würde. Und das müssen wir auch weiterhin aufrechterhalten.«

»Unter Druck setzen«, wiederholte Anne. »Hängt es mit deiner Arbeit zusammen?«

»Wahrscheinlich.« Fritz Seyfried ergriff beschwörend die Hände seiner Frau. »Anne«, sagte er, »was du jetzt hören wirst, wird dich ziemlich schaffen. Die anderen rechnen damit, daß ich nicht den Mut habe, es dir zu sagen. Aber ich werde es doch tun. Hör mir zu und versuche, mich zu verstehen.«

Danach erzählte Fritz Seyfried seiner Frau die Geschichte seines Lebens, so wie Fjodor Petrowitsch Popow sie den zusammengetragenen Akten entnommen und in die Datenspeicher des Zentralindex der GRU in Moskau eingespeist hatte. Er brauchte dazu etwas mehr als eine halbe Stunde.

Dieser Bericht nahm seine Frau stark mit. »Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll«, murmelte sie, als er geendet hatte. »Vielleicht kannst du nicht verstehen, was das bedeutet, wenn eine Frau ihren Mann neu einordnen muß. Ich bin so schrecklich bürgerlich. Für mich ist das sehr schwer.«

»Wirst du es versuchen?« fragte er bittend.

»Natürlich«, antwortete sie. »Und mit dieser Geschichte wollen sie dich fertigmachen? Oder gibt es noch etwas? Dann sage mir bitte alles.«

»Es gibt noch etwas«, sagte er nach einer Weile. »Wenn meine Vermutung stimmt, dann haben wir den ganzen Geheimdienstapparat der Russen gegen uns. Und das ist verdammt ernst. Sie haben da eine alte Geschichte aus den letzten Kriegstagen ausgegraben. Es geht um eine Sache, wegen der sie mir mit einer Mordanklage drohen. Eine Sache, die jetzt auch nicht mehr verj ährt, nachdem die Fristen aufgehoben worden sind.«

»Einer Mordanklage? Um Gottes willen, Fritz …«

»Ich habe am 14. Januar 1945 einen deutschen Generalstabsmajor erschossen. Wenn sie das so nachweisen, wie sie es darstellen, wäre es nach Motiv und Begehungsart tatsächlich ein Mord. Sollten sie wirklich einen haben, der das beschwört, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu tun, was sie von mir wollen.«

»Was ist dann?«

»Dann lassen sie das alles ruhen, behaupten sie. Sie sagen, daß dann äußerlich alles beim alten bleibt.«

»Äußerlich«, wiederholte Anne. »Und sonst? Zwischen uns?«

»Zwischen uns kann es nur die Wahrheit geben, Anne.«

»Und was ist die Wahrheit?«

»Die Wahrheit ist, daß ich keinen Mord begangen habe. Wieviel Zeit auch inzwischen vergangen ist, was auch immer unaufgeklärt geblieben ist, eines weiß ich gewiß: Ich habe mir nichts vorzuwerfen.«

3

Seit den frühen Morgenstunden des 12. Januar 1945 befanden sich Hitlers Armeen erneut auf der Flucht nach Westen. Nachdem vor eineinhalb Jahren die sowjetischen Armeen mit zermalmender Wucht aus dem Raum von Orel zum Gegenangriff angetreten waren, hatte es für des Führers Heeresgruppen kein Atemholen mehr gegeben.

Im Spätherbst 1944 war eine Linie von der Ostsee entlang der Weichsel bis hinunter an die schneebedeckten Waldberge der Karpaten erreicht worden. Niemand hatte den geringsten Zweifel daran, daß jetzt, nachdem auch die entscheidende Schlacht in Frankreich für die Deutschen verloren war, die Sowjets den Willen und die Mittel aufbringen würden, die geschwächten deutschen Armeen den restlichen Weg durch Polen vor sich herzujagen.

Nur Adolf Hitler und sein Wehrmachtführungsstab hatten die sich jenseits der Weichsel aufbauende Offensivmacht bagatellisiert und die den Winter über eingefrorene Weichselfront mit Kräften besetzt, die den sowjetischen Armeen im Schnitt um das Zehnfache unterlegen waren. Hitler vertrat zwanzig Meter unter den zerbombten Ruinen der Reichskanzlei mit fanatisch glänzenden Augen, jedoch bereits mit gebeugter Gestalt und fahrigen Händen, seine unreflektierten Vorstellungen. »Der Gegner ist verbraucht, meine Herren. Er hat keine Kräfte mehr, jetzt mitten im Winter über die Weichsel eine Offensive vorzubringen, die ihn über ungedecktes Gelände in einem Zuge bis an die Oder führen müßte.«

Hitler sah hoch, nahm die Brille, mit der er nicht fotografiert werden durfte, von den Augen, blickte auf die drei Offiziere ihm gegenüber und dann auf Keitel und Jodl. Beide stimmten ihrem Führer vorbehaltlos zu, während die drei jungen Männer, keiner von ihnen älter als dreiundzwanzig Jahre, in strammer Haltung vor Hitler standen. Einem, dem Obersturmführer Henning von Loßwitz, glänzte am Hals das Ritterkreuz, das sein Führer ihm vor wenigen Minuten eigenhändig umgehängt hatte.

Hitler wendete sein aufgedunsenes Gesicht jetzt den drei Offizieren in der schwarzen Uniform der Panzertruppe zu. »Und wenn das wider alle Erwartungen doch geschehen sollte«, sagte er mit seiner brüchig gewordenen Stimme, »dann werden der Fanatismus, der Todesmut und die Tapferkeit der deutschen Soldaten, wie schon so oft in der Geschichte, auch mit diesem Tatarenansturm aus dem Osten fertig werden.«

Keitel und Jodl nickten beif‘ällig, die drei jungen Männer nahmen eine noch straffere Haltung an, die Bunkertür wurde geöffnet, und Hitler entfernte sich mit schlurfendem Schritt. Damit endete für Henning von Loßwitz, damals noch keine einundzwanzigj Jahre alt, die erste und einzige Begegnung mit seinem Führer.

Sie wurde festgehalten in einer auf Hitlers Wunsch aufgenommenen Fotografie, jener Fotografie, die sechsunddreißig Jahre später vor den kritischen Augen Dimitri Ustinows von der Projektionsfläche im Konferenzraum des Verteidigungsministeriums in Moskau zurückstrahlte.

Die jungen Männer wurden nach einem weiteren flüchtigen Händedruck durch Keitel und Jodl entlassen. Sie stiegen, von bewaffneten Leibwächtern begleitet, zahllose Stufen nach oben und erblickten das Tageslicht durch die treibenden Qualmschwaden eines amerikanischen Bombenangriffs, der soeben über einen Teil der Stadt hinweggerollt war. Die drei jungen Männer hatten einen zusätzlichen Urlaubstag erhalten und würden sich auf dem Gefechtsstand der Einheit, zu der sie gehörten, westlich der Weichsel wieder treffen.

Für den jungen von Loßwitz war die Audienz bei Hitler, der er mit der Begeisterung seiner zwanzig Jahre entgegengefiebert hatte, eine entsetzliche Enttäuschung. Wie es an den Fronten stand, konnte jeder, der wollte, täglich sehen. Seitdem von Loßwitz in dem muffigen Bunker jenem bleichen, schwammigen und phrasendreschenden Hitler gegenübergestanden hatte, wußte er, daß dieser Mann die Dinge nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Jahrelang hatte man ihm Führungseigenschaften eingebleut wie Härte gegen sich selbst, Zielbewußtsein, mitreißende Begeisterungsfähigkeit, schnelle und mutige Entschlüsse. Mit diesen Leitsprüchen hatte er sich sein Ritterkreuz erkämpft, und nichts von alledem hatte er bei dem kranken und verklemmten Mann bemerkt, der es ihm soeben umgehängt hatte.

Er brauchte eine Nacht und den ganzen folgenden Tag, um sich über seine Eindrücke klarzuwerden. Am Abend des nächsten Tages bestieg Henning von Loßwitz am Bahnhof Friedrichstraße einen Zug, der ihn nach Kielce brachte.

Zwei Tage später riß in der allerersten Morgenfrühe das Vorbereitungsfeuer des russischen Angriffs bei Baranów von Loßwitz aus einem unruhigen Schlaf. Das Bauernhaus, das ihm und seinen Männern als Quartier diente, lag nicht in der vordersten Linie, und das schlagartig einsetzende Feuer ging drei bis vier Kilometer weiter vorne auf die Stellungen der Grenadiere nieder. Dennoch warf seine Erschütterung den Verputz von den Wänden und schlug die Scheiben klirrend nach innen. Die Männer sprangen von den Strohsäcken auf und stürzten nach draußen. Es war noch vollständig dunkel, aber der gesamte östliche Horizont war eine einzige feuerspeiende Wand.

In der Kate schrillte das Telefon. Loßwitz wurde mit seiner Kompanie Alarmbereitschaft befohlen. Aufsitzen, anwerfen und weitere Befehle abwarten. Mit dröhnenden Motoren standen die Panzer da, nach Osten gerichtet, die Kanonen feuerbereit. Nach einer halben Stunde sah von Loßwitz von dort ein Beiwagenkrad kommen. Der Fahrer hielt an und schrie zu Loßwitz hinauf: »Der Iwan ist durch! Bei den 170ern und bei den 212ern auch! Er kommt mit Panzern und Infanterie!«

Von Loßwitz meldete seinem Kommandeur, daß er mit seiner Kompanie nach vorne in den Abschnitt der 170er und 212er fahren wolle, wo der Russe durchgebrochen sei. Er bekam jedoch Anweisung, die Umfassung zu umgehen und schnellstmöglich bis zum Fluß Pilica zurückzufahren. Offenhalten der Brücke für Trosse, Versprengte und Flüchtlinge bis zum letzten Augenblick vor dem Eintreffen der Russen. Erst dann würden Pioniere die Brücke sprengen.

Von Loßwitz war es durch Einsatz seiner überlegenen Feuerkraft und größeren Schnelligkeit geglückt, sich mit vier seiner Panzer von den russischen Verfolgern zu lösen. Rechts und links der Straße bemerkte er zurückgehende Fahrzeuge, fliehende eigene Grenadiere, Leute in Gruppen, darunter Offiziere in Stabswagen. Dazwischen sah er Gefallene, brennende Gehöfte, verqualmende Fahrzeuge, die ganze zerstörerische Kraft des Krieges. Ihm zuckte das Wellington-Wort durchs Gehirn, daß das Schlimmste nach einer verlorenen Schlacht eine gewonnene Schlacht sei. Und dies hier war eine verlorene Schlacht.

Das Kriegstagebuch der vierten Panzerarmee meldete, daß die russische Offensive von Baranów die deutsche Front in weniger als zwei Stunden aufgerissen habe. Die kleine Einheit von Henning von Loßwitz’ Panzern glich einem Kiesel in einem reißenden Hochwasser, der schneller und schneller von den unaufhaltsamen Fluten mitgerissen wird.

In den späten Vormittagsstunden des 14. januar 1945 näherten sich Henning von Loßwitz und seine Kameraden der Schleife, wo in einer flachen Senke das Flüßchen Pilica an der kleinen Stadt Tomaszów, damals ein Ort mit fünfzehntausend Einwohnern, vorbeifließt. In diesen Tagen war die Pilica von Treibeis bedeckt, gesäumt von flachen, schneebedeckten Uferhängen, die verbunden waren durch eine eiserne Bogenbrücke, über die auch die Gleise einer Schmalspurbahn liefen. An dieser Brücke herrschte noch ein Anflug von militärischer Ordnung. Eine Einheit Feldgendarmerie unter Führung eines brutalen und unsympathischen Hauptmanns regelte den ununterbrochenen Strom der Truppen, Verwundetentransporte und Zivilisten, die zu Fuß oder mit Fahrzeugen jeder Art an die Brücke herandrängten. Es gab einen Wortwechsel, bis der Junge von Loßwitz sich verständlich gemacht hatte, daß er Befehl hatte, westlich der Pilica eine Riegelstellung aufzubauen und die Sowjets so lange als irgend möglich am Übergang über den Fluß zu hindern.

In dem Städtchen war die Hölle los. Durch die Straßen drängte sich der Flüchtlingsstrom, und wer in der Stadt selbst nur irgend konnte, rüstete sich zum Aufbruch, während deutsche Heeresverbände sich zögernd sammelten, um sich auf eine vorübergehende Verteidigung des Pilicaübergangs einzurichten.

Dem jungen Loßwitz leuchtete es ein, als man ihm sagte, diese Verteidigung sei notwendig, um weiter rückwärts die in alle Winde zerstreuten eigenen Einheiten notdürftig wieder zusammenzufassen, damit der Iwan nicht in einem einzigen Anlauf deutschen Boden erreichte. Denn die letzten Illusionen waren mittlerweile zerstoben. Jedem war klargeworden, daß es nicht mehr darum ging, diesen Krieg zu gewinnen oder zu verlieren, sondern nur noch darum, nicht in einem Strom von Blut und Chaos von ihm verschlungen zu werden.

Im Lauf des Tages richtete von Loßwitz eine Kompaniebefehlsstelle in einem dem Flußlauf und der Brücke zugekehrten Haus am östlichen Stadtrand ein. Es mußte einem Schneidermeister gehört haben, denn er fand Stoffpuppen mit halbfertigen Anzügen, darunter sogar den unvollendeten Waffenrock für einen deutschen Heeresbeamten im Majorsrang. Im Oberstock gab es Schlafstuben mit Betten.

Der relativ massive Keller war zu drei Vierteln in den Boden versenkt und von hinten zugänglich. Nach vorne zum Fluß hin gab es in Höhe des Bürgersteigs zwei Luken, durch eiserne Lochplatten verschließbar, die nach innen an die niedrige Decke hochgeklappt und dort befestigt werden konnten. In diesen Raum ließ Loßwitz seine Nachrichtenmittel verlegen. Die Kellerfenster boten einen günstigen Ausblick auf die Brücke und auf die zu ihr hinführende Straße am gegenüberliegenden Ufer des Flusses.

Auf dieser Straße herrschte ein von Viertelstunde zu Viertelstunde zunehmendes Chaos. Nachdem die Feldpolizisten den fliehenden deutschen Verbänden die Brücke bevorrechtigt frei machen ließen, sammelte sich auf der gegenüberliegenden Seite ein stetig größer werdender Haufen von Menschen, Fahrzeugen und Tieren an.

Von Loßwitz ging hinaus, um seine Besatzungen zu inspizieren. Unterwegs beobachtete er einen feldgrauen Geländewagen des Heeres, der sich den durch die Gassen von Tomaszów fliehenden Kolonnen entgegendrängte und an der Stelle, wo die Straße zwischen den Häusern heraustrat, anhielt. Ein jüngerer Major im Mantel mit Pelzkragen und ein Oberleutnant, der ein Kartenbrett in den Händen hielt, stiegen aus. Die beiden Offiziere begutachteten die Lage, die sie an der Brücke vorfanden. Sie bemerkten die Kabel, welche in den Keller hineinliefen, und schlossen daraus das Vorhandensein einer Vermittlung oder einer Befehlsstelle. Von Loßwitz eilte dort hinüber und meldete. Er bemerkte, als der Major den Mantel zurückschlug, um eine Zigarettenpackung hervorzuholen, die karmesinroten Streifen an seiner Reithose, welche die Zugehörigkeit zum Generalstab anzeigten.

Diesen Mann stellte der Oberleutnant als Major Kayser, 1a der 103. Volksgrenadierdivision vor, sich selbst als Oberleutnant Sturm eines dieser Division unterstellten Pionierbataillons.

»Wann, glauben Sie, werden die Russen hier sein?« war die erste Frage, die der Major dem jungen von Loßwitz stellte.

»Das kann jeden Augenblick der Fall sein, Herr Major«, antwortete von Loßwitz.

»Die 103. kommt hier zur rechten Zeit«, sagte der Major. »Wir haben sie gerade neu aufgestellt. Sie wird im Lauf der Nacht an die Pilica-Front geschoben. Und so lange, bis unsere Bataillone hier eingewiesen sind, halten Sie die Flußschleife und den Stadtrand, Obersturmführer. Zeigen Sie mir bitte jetzt Ihre Befehlsstelle.«

»Dann dürfte ich Ihnen unterstellt worden sein, Herr Major?«

»Unterstellt, jawohl. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?«

Das Telefon schnurrte. Der Fernsprechgefreite nahm ab und reichte von Loßwitz den Hörer. Auf diese Weise erfuhr von Loßwitz, daß er für die kommende Nacht der 103. direkt unterstellt sei und deren Weisungen zu befolgen habe. Von Loßwitz legte auf. Der Major nickte.

»Den Laden hier werden wir schon schmeißen. So eine Pleite wie an der Weichsel wird uns nicht passieren. Dafür sorgen wir schon.«

Major Kayser forderte von Loßwitz durch eine Bewegung seines Kinnes auf, zur Kellerluke hinauszublicken. Er tat es und sah, daß draußen an der Brücke weitere Feldgendarmen und Offiziere aufgetaucht waren, die mit gezogener Pistole die versprengten Soldaten aus dem Menschenstrom fischten und zu einem frierenden und vor Angst schlotternden Haufen antreten ließen.

»Waren Sie zufällig vorgestern um ein Uhr dreißig am Brückenkopf, Herr Major?«

Der Major wußte nicht recht, wie er diese Frage auffassen sollte.

»Nein«, sagte er. »Warum?«

»Weil Sie dann wüßten, daß man Konjews Artillerie und Panzer mit denen da nicht aufhalten kann.«

Der Major schnaufte vor Wut, und sein Gesicht lief rot an. »Was erlauben Sie sich!« schrie er von Loßwitz an. »Glauben Sie, wegen dieses Lamettas da am Hals oder weil Sie Ihren Verein für eine Art Garde halten, können Sie Dienstälteren gegenüber unverschämt werden? Nehmen Sie Haltung an und hören Sie zu, was ich Ihnen für Weisungen gebe: Die Brücke ist zur Sprengung vorbereitet. Der Kommandeur hat befohlen, daß das Pionierbataillon vorsorglich zum Bau einer Auffangstellung weiter südlich eingesetzt wird. Ich lasse Ihnen den Zündapparat durch Oberleutnant Sturm hier hereinlegen. Sie können die Brücke selbst sprengen, wenn es brenzlig wird.«

Von Loßwitz bestätigte den ihm erteilten Befehl, und der Oberleutnant verschwand, um die Zündschaltung einrichten zu lassen. »Und Ihnen rate ich, nicht noch einmal eine solche Lippe zu riskieren, sonst komme ich Ihnen disziplinarisch.«

Loßwitz wendete sich abrupt zum Fenster um. Er hatte für diesen trockenen, hustenden Ton ein äußerst feines Ohr. Das war der Abschußknall der Kanone eines T 34.

»Was haben Sie denn?« wollte der Major wissen.

»Merken Sie nichts?«

»Was soll ich denn merken?« fragte der Major und trat auch ans Fenster.

»Der Russe kommt«, sagte von Loßwitz.

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte der Major.

»Erstens höre ich es«, antwortete von Loßwitz. »Und zweitens …«

Er reichte dem Major das Glas, und der richtete es ein.

»Kaum noch Flüchtlinge«, bestätigte er und erstarrte. »Wann?«

Von Loßwitz hob die Schultern. »Nicht vor einer Stunde, schätze ich. Wenn wir Glück haben, kriegen wir den größten Teil der Leute dort drüben herüber.«

»Was gehen Sie denn diese Leute an?«

»Sie haben mir die große Lippe verboten, Herr Major.«

»Also reden Sie schon, Mann«, sagte der Major.

»Weil der Russe«, sagte von Loßwitz, »nach unseren Erfahrungen in solchen Situationen alles rücksichtslos zusammenschießt, was ihm im Wege ist, wenn er eine Brücke unzerstört haben will. Möchten Sie sich das ansehen, Herr Major?«

»Nein«, erwiderte der Major entgeistert.

»Eben«, sagte der junge Loßwitz. »Ich auch nicht. Deshalb gehen mich die Leute dort drüben etwas an.«

Jetzt hörte auch der Major durch das stärker werdende Schneetreiben das leise, trockene, noch weit entfernte Pochen. Er biß sich auf die Unterlippe und drehte sich auf dem Absatz herum. »Ich muß zum Gefechtsstand«, sagte er.

Unter der Tür prallte der Major fast mit Oberleutnant Sturm zusammen, der, den kastenförmigen Zündschalter unter dem Arm, den Kellerraum betrat. Er schloß das Gerät an das freie Kabelende an und stellte den viereckigen Kasten auf die umgeworfene Kabeltrommel. Der Fernsprechgefreite nahm ein Gespräch entgegen und übermittelte Sturm einen neuen Befehl. Hastig erläuterte Sturm Loßwitz die Bedienung des Zündschalters. Dann verschwand er.

___________

En hübscher Junge, etwa zwölf Jahre alt und mit klarem Blick, stand, seitdem er in einem schiebenden und stoßenden Pulk von Pferden, Wagen und Menschen über die Brücke gekommen war, an ihrem westlichen Ende und wartete. Dabei fielen ihm die grauen Pakete auf, mit denen die frisch ausgebohrten Löcher in dem Betonsockel der Brücke ausgefüllt waren. Er war intelligent genug, um zu wissen, daß die Brücke gesprengt werden würde. Sein Blick folgte dem schwarzen Kabel, das diese Pakete und Löcher miteinander verband, dann in einem langen Bogen durchhing, an zwei hohen Masten befestigt die Uferstraße überspannte und weiter drüben in einer Kellerluke verschwand.

Der Junge überlegte nur kurz, blickte noch einmal zurück über den Fluß und überquerte die Straße.

Dort sah Henning von Loßwitz ihn stehen, als er zur Luke blickte. »Was ist los, Junge!« rief er dem Buben zu.

Der Junge hatte schöne braune Augen, einen blonden Haarschopf, auf dem eine unförmige Ballonmütze saß, und schlotterte vor Kälte, weil er nur ein kariertes Hemd mit offenem Kragen und darüber eine Leinenj acke trug.

»Sind Sie der Offizier, der die Brücke sprengt?« fragte der Junge zu Loßwitz’ Überraschung in einem etwas ungewohnt klingenden Deutsch.

»Komm herein, Junge«, sagte Henning von Loßwitz und schickte den Fernsprechgefreiten hinaus, um den Kleinen hereinzubringen. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Sorgsam schüttelte der Junge die Flocken von der Mütze, bevor er zu von Loßwitz in den Kellerraum trat, wo ein flackerndes Wachslicht brannte.

»Warum willst du das wissen?« fragte von Loßwitz den Jungen.

»Meine Eltern und meine Schwester«, der Junge deutete mit dem Daumen, »sind noch drüben. Mich haben welche auf einem schnelleren Wagen mitgenommen. Wenn Sie rausschauen, können Sie sie vielleicht sehen. Darf ich mal?« Der Junge griff nach dem Fernglas und sah durch das Fenster. »Da«, sagte er. »Ich sehe sie. Das ist das rote Kopftuch meiner Mutter. Sie sind ziemlich weit hinten, Herr Offizier. Aber sie werden doch noch herüberkommen?«

Von Loßwitz suchte mit den Augen den Kamm der jenseitigen Uferböschung ab und sah zweimal einen aufleuchtenden gelblichweißen Schein, dem ein zweimaliger scharfer Knall ziemlich weit hinten folgte. Das waren Konjews T 34. Von Loßwitz schätzte, daß sie noch gut fünfhundert Meter hinter dem Böschungskamm standen. »Wir sprengen erst im allerletzten Moment«, sagte er.

»Sie werden doch herüberkommen«, flehte der Junge noch einmal.

»Das verspreche ich dir. Vielleicht haben sie Glück. Und jetzt nimm eine Kiste, und setz dich da hinten in die Ecke.«

Vor der Brücke bahnte sich eine Panik an. Rascher und rascher aufeinander folgte jetzt der scharfe Doppelknall von jenseits der Höhe. An der Brücke verkeilten sich Wagen, Pferde und Menschen. Sekundenlang suchte von Loßwitz in der einfallenden Dämmerung nach der Mutter des Jungen mit dem roten Kopftuch und fand sie auch. Aber sie war zu weit zurück, um ernsthaft Hoffnung zu haben. Er bemerkte, daß die nächsten Knalle bereits dreifach hallten. Und dann sah er die verhaßte Kontur des T 34 mit dem wanzenförmigen Turm.

Der Russe feuerte, kaum daß von Loßwitz ihn gesehen hatte. Die Granate schlug in ein Gebäude ein und setzte es sofort in Brand. Aber auch einer von Loßwitz’ eigenen Richtkanonieren hatte ihn entdeckt. Von dem Dach des Hauses, neben dem der Panzer getarnt stand, fegte Schnee, als er schoß. Und er traf exakt. Drüben stieg eine öliggelbe Flammensäule auf. Die Panzerschlacht hatte begonnen.

Von Loßwitz schickte die Männer, die sich noch im Keller befanden, auf ihre Gefechtspositionen. Sie stießen, als sie den Keller verließen, mit Major Kayser zusammen. Fluchend drängte sich der Offizier durch die ihm entgegenstürmenden Soldaten.

»Was ist mit der Brücke?« schrie er.

»Noch zu früh.«

Der Major stürzte ans Fenster. Am anderen Ende der Brücke drängten noch immer Gespanne und mehrere hundert Menschen, die schrien und gestikulierten. Er sah weiter drüben auf dem flachen Hügelkamm die beiden nächsten T 34 auftauchen.

»So lassen Sie doch endlich diese verdammte Brücke hochgehen!« brüllte der Major.

»Wo haben Sie denn Ihre Nerven, Mann?« schrie von Loßwitz und deutete hinaus. Er kannte seine Richtkanoniere, und er behielt recht. Zweimal feuerten seine Kanonen und setzten dort drüben einen weiteren Panzer in Brand. Der dritte Schuß traf den zweiten von ihnen. »Die kriegen keinen Fuß auf den Boden, solange wir sie so erledigen können. Lassen Sie doch den Menschen da drüben ihre Chance, über den Fluß zu kommen. Brenzlig wird’s erst, wenn die schwere Werfer nachziehen und uns hier mit Stalinorgeln eindecken. Solange haben wir Zeit mit der Brücke.«

»Sie sind ein Hasardeur, Mann!« kreischte der Major.

»Wenn wir das nicht wären, wären wir gar nicht bis hierher gekommen.«

Der Gefechtslärm verstärkte sich. Quer über den Fluß lieferten sich Konjews T 34 und von Loßwitz’ Tiger-Panzer ein Wildes Gefecht. Keiner der Russenpanzer kam so weit, daß er gezielt auf die kleiner werdende Menschentraube am anderen Ende der Brücke schießen konnte.

Noch hatte jeder Fliehende eine Chance.

Jedoch hielt der Major dieser Nervenbelastung nicht stand. Mit verzerrtem Gesicht und erhobenen Fäusten drohte er Loßwitz. »Ich bin verantwortlich dafür, daß kein Sowjetpanzer über den Fluß kommt. Sprengen Sie jetzt die Brücke. Das ist ein Befehl.«

»Ich weigere mich, diese Brücke zu früh zu sprengen«, sagte von Loßwitz. »Ich gebe Ihnen die Garantie …«

»Ich wünsche keine Garantien, ich befehle die sofortige Sprengung.«

Von draußen kroch ekliger Gestank in den Keller. In der Ecke heulte der verängstigte Junge vor sich hin. Der Major wendete sich abrupt um. Von Loßwitz hatte etwas zu lange gebraucht, um die Nullacht aus der Halfter zu bringen, nachdem er die Absicht des Majors erkannt hatte. Eigentlich hatte er ihn nur mit vorgehaltener Waffe davon abhalten wollen, durch einen übereilten Hebeldruck für die Menschen dort drüben die unwiderrufliche Katastrophe auszulösen. Aber der Major hatte den Zündhebel schon nach oben gezogen. Von Loßwitz konnte ihn nur noch daran hindern, den Schalter wieder nach unten zu stoßen. Wenn er das erreichen wollte, mußte er schießen.

Schnell entschlossen tat er es. Zweimal kurz hintereinander. Danach ließ von Loßwitz die Pistole fallen und stürzte nach vorn, aber der taumelnde Körper des Offiziers stieß den Zündhebel wieder nach unten und löste im Fallen die Sprengung aus.

Sekundenlang glich die Nacht einem berstenden Inferno. Geblendet suchte von Loßwitz sich in dem durch die Kellerluken eingedrungenen Explosionsqualm zurechtzufinden. Er hörte das Schluchzen des Jungen in der Ecke, tastete nach ihm und zerrte ihn aus dem Keller. Draußen sah er, daß sich Panzer von drüben auf einen oder zwei seiner Panzer eingeschossen hatten. Sein eigener war dabei. Einer seiner Männer kam ihm entgegen.

»Alles in Ordnung, Henning?«

»In Ordnung. Hier, pack den Jungen, kümmert euch um ihn. Seine Leute hat es eben erwischt … oder es erwischt sie in diesem Augenblick …«

Von drüben war das Schnarren feuernder Maschinengewehre zu hören. Im Chaos der Brückenexplosion war es den Russen geglückt, in Schußposition zu kommen.

Wenige Sekunden später wurde Henning von Loßwitz beim Einsteigen in seinen Panzer von den Splittern einer russischen Panzergranate getroffen und an Hüfte, Gesäß und Oberschenkel schwer verletzt.

___________

Er erwachte von dem Rütteln und Stoßen eines Lkw, in dem er und zahlreiche andere auf einer Strohschütte lagen. Es war Nacht. Der Hauptverbandsplatz befand sich auf einem weitläufigen Gutshof, und man war im Aufbruch. Aber noch operierten die letzten Ärzte im Dunst von Alkohol und schwelenden Petroleumlampen, noch waren die letzten zurückgebliebenen Schwestern in Aktion. In Reihen warteten die mit Morphiumspritzen zwischenversorgten Verwundeten auf das Skalpell.

Manche kamen indessen nicht unter das Messer, weil sie ihre Leiden überstanden hatten. Zu diesen gehörte der SS-Mann Fritz Seyfried, dem man die Augen zudrückte, nachdem er schon zur Operation vorbereitet gewesen war.

Als sie Henning von Loßwitz operiert hatten, mußte eine junge, energische 0perationsschwester den noch in tiefer Bewußtlosigkeit liegenden jungen Mann wieder ankleiden und für einen der letzten Transporte fertigmachen.

Sie griff nach seinen Uniformstücken.

»Doktor«, sagte sie zu einem der Arzte und hielt dem völlig erschöpften Chirurgen das Dienstgradabzeichen Henning von Loßwitz’ vor die Augen, »die Russen sind morgen früh über der Pilica. Das meinen alle hier. So dürfen sie den nicht erwischen. Sonst war Ihre ganze Mühe umsonst, verstehen Sie, Doktor?«

Der Arzt verstand nur zu gut. »Was wollen Sie dagegen machen, Schwester? Denken Sie nicht daran, sonst drehen Sie durch.«

Die Schwester sah zu dem Leichnam des Fritz Seyfried hinüber. »Mit dessen Uniform könnte er durchkommen.«

»Ich habe nichts gesehen, Schwester«, sagte der Arzt. »Die Toten, die wir hierlassen müssen, werden ohnehin als vermißt gelten. Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

So zog die energische Rote-Kreuz-Schwester dem bewußtlosen von Loßwitz die verdreckte Uniform des SS-Mannes Fritz Seyfried über, in deren Taschen das Soldbuch steckte, und hängte ihm auch Seyfrieds Erkennungsmarke um den Hals.

In der gleichen Nacht verließ der Verwundetenkonvoi den Gutshof und erreichte die Oder vier Tage später. Auf dem verschneiten, mit blutigem Mull, Uniformen und Tragbahren übersäten Gutshof blieben siebenundzwanzig tote Soldaten zurück, einer davon mit Uniform und Papieren des Obersturmführers Klaus Heinrich von Loßwitz. Jedoch gab dieser Tote der Kommission der Sowjets, die damit beauftragt war, die Papiere gefallener Deutscher für ihre subversiven Aufträge hinter der deutschen Front aufzubereiten, Rätsel auf.

Am 15. Januar in den frühen Morgenstunden beschoß ein ganzes Regiment sowjetischer Geschütze das Städtchen Tomaszów und machte es dem Erdboden gleich.

Nur kleine Teile der kampfunerfahrenen 103. Volksgrenadierdivision und nur wenige Männer aus der Kompanie des jungen von Loßwitz entkamen nach Westen.

Der sowjetische Kommandeur ließ am Ostufer des Flusses die toten Zivilisten und Pferde beiseite schaffen und die Trümmer wegräumen. Dann schlugen seine Pioniere eine Pontonbrücke über den Fluß. Einer der ersten, die ihren Fuß in das zerstörte Städtchen setzten, war der Hauptmann im Stabe des 3. Gardeschützenkorps, Alexei Adrianowitsch Soltjakin, damals neunundzwanzig Jahre alt.

Er besichtigte die zerstörten Stellungen und kam auch in den Keller des Schneidermeisters, wo er die Leiche des Majors Herbert Kayser fand, der von rückwärts aus einer deutschen Armeepistole erschossen worden war.

Er fand die Befehle und Papiere, die in dem Bunker zurückgeblieben waren und wonach der SS-Obersturmführer von Loßwitz den Auftrag gehabt hatte, die Pilica-Brücke rechtzeitig vor der Inbesitznahme durch die Sowjets zu sprengen. Dieser Wehrmacht-Stabsoffizier hier konnte, soweit Soltjakin das zu beurteilen vermochte, nur ein Opfer eines Restes von Menschlichkeit geworden sein, den er sich vielleicht noch bewahrt gehabt hatte. Wahrscheinlich hatte er die Zivilisten drüben noch retten wollen. Aber Kapitän Soltjakin hatte die Totenkopfteufel als fanatische und rücksichtslose Kämpfer kennengelernt. Über diesen Vorgang fertigte er befehlsgemäß ein Protokoll an.

4

Stunden waren vergangen, als Fritz Seyfried in seinem Heizungskeller den Bericht über die Nacht von Tomaszów beendet-hatte. Seine Frau hatte ihn ohne Unterbrechungsprechen lassen.

»Und das ist die volle Wahrheit?«

»Das ist die volle Wahrheit, Anne.«

»Und damit wollen sie dich jetzt fertigmachen.«

Fritz Seyfried nickte.

»Du warst doch völlig im Recht,; Fritz.«

»Moralisch gewiß. Aber wie Juristen das sehen, weiß ich nicht. Wenn sie mich damals erwischt hätten, wäre mir-das Standgericht sicher gewesen. Heute sieht man das vielleicht anders.«

»Du hast mir noch nicht erzählt, wie es war, als du merktest, daß du in eine andere Uniform gesteckt worden warst.«

»Stimmt«, sagte Seyfried. »Wir fuhren von dem Gutshof in Polen vier Tage und vier Nächte und kamen eines Nachts in der Festung Glogau an. Dort wurden wir in einen Güterzug mit Viehwagen verfrachtet. Ich sehe noch den Sani vor unseren. Pritschen stehen und unentwegt ›Seyfried Fritz, Seyfried Fritz‹ rufen und in die Runde blicken Bis mich endlich einer von uns angestoßen hat. ›Heißt du nicht Seyfried? Mensch, melde dich doch.‹ Als ich immer noch nicht reagierte, fummelte mir der Kamerad das Soldbuch aus der Brusttasche, drückte es mir in die Hand und schrie ›hier‹. ›Na endlich‹, sagte der Sani und las meine Verletzungen vor, die stimmten. Der Kamerad neben mir sagte zu dem Sani: ›Und einen Dachschaden hat er auch, schreib das gleich noch mit dazu.‹ Nun fing ich zu überlegen an, überprüfte meine Erkennungsmarke, die Uniform, die Wäsche, die Rangabzeichen, die zu Fritz Seyfried und nicht zu mir paßten. Irgend jemand mußte diese also absichtlich ausgetauscht haben. Wenn es ein Versehen gewesen wäre, hätte irgend etwas differiert. Nachdem ich wieder so weit auf den Beinen war, daß ich alle Ereignisse der letzten Tage beurteilen und auseinanderhalten konnte, beschloß ich, es bei Fritz Seyfried zu belassen. Zunächst hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich war schließlich Offizier. Andererseits hatte ich Adolf Hitler gesehen. Ich hatte der Wahrheit ins Gesicht geblickt. Für mich war die Hoffnung lächerlich, daß die Russen ihren Triumphzug in Reichweite des endgültigen Sieges stoppen würden. Außerdem hatte ich einen von unseren Leuten kaltblütig und von rückwärts erschossen. Mit diesem Vorfall quälte ich mich noch jahrelang herum. Man wußte ja damals nicht, ob man im Recht war, wenn man etwas aus Gewissensgründen tat. Wochenlang lebte ich mit der Angst, daß mich jemand erkennen würde. Aber es geschah nichts. Wir lagen in dem Gebiet, das die Engländer übernahmen, als das Ende kam. Als Henning von Loßwitz war ich schlesischer Adliger. Von meiner Familie wußte ich nichts. Ich konnte nur ahnen, was auf dem Gut passiert war. Und alle diese Befürchtungen wurden mir später in schrecklicher Weise bestätigt. Als Fritz Seyfried las ich in meinem Soldbuch, daß ich am 9. August 1921 geboren worden war. Du hast also einen drei Jahre jüngeren Mann, als du bisher dachtest.«

Anne lächelte. »Damit werde ich fertig.«

»Meinen Geburtsort konnte ich dem Soldbuch entnehmen. Aber ich brauchte volle Fünf Jahre, um herauszubekommen, wo der überhaupt lag. Es ist ein Dreihundertseelendorf im tiefsten Banat. Eine Rückkehr in den Familienschoß derer von Loßwitz hätte mich in eine Mühle von Untersuchungen, Überprüfungen und Verhören gebracht. Deshalb beließ ich es bei Fritz Seyfried.«

»Dann bin ich also jetzt doch endlich adlig geworden«, spottete Anne. »Das habe ich mir schon immer gewünscht. Wenn Papa das wüßte.«

»Er darf auf keinen Fall jemals etwas davon erfahren. Die wissen genau, wo sie ansetzen. Die rechnen damit, daß ich es nicht einmal dir sage. Aber ich bin froh, daß ich es getan habe. Mir ist wohler jetzt.«

»Fritz«, sagte Anne, »wir haben doch bei uns auch einen Geheimdienst oder so etwas. Kann man denn denen das nicht sagen?«

»Ich habe schon dran gedacht«, sagte Fritz. »Aber die überwachen uns mit den raffiniertesten Mitteln, da darfst du gewiß sein. Immerhin, es gibt vielleicht eine schwache Möglichkeit. Lange bevor ich in das Amt eintrat, hatte ich mit denen zu tun. Damals hat der Bundesnachrichtendienst damit gerechnet, daß einem seiner Leute einmal so etwas passieren könnte wie mir jetzt. Für so einen Fall war vorgesehen, ein bestimmtes Inserat in einer bestimmten Zeitung aufzugeben. Die hatten dann die Möglichkeit, das zu überwachen und sich hintenrum an den Betreffenden heranzupirschen.«

»Was für eine Zeitung und was für ein Inserat?« fragte Anne.

Fritz sah seine Frau an. »Keine Ahnung. Weder von der Zeitung noch von dem Text. Ich erinnere mich nur, daß es ein verschlossener Umschlag war, den sie mir übergeben haben. Er war ockerfarben, mit dern Behördenaufdruck und dem Bundesadler darauf.«

»Und wo hast du diesen Umschlag aufgehoben?«

Fritz Seyfried sah seine Frau schuldbewußt an. »Ich habe keine Ahnung. Es ist ja auch schon viele Jahre her. So lange, daß es zweifelhaft ist, ob die Zeitung noch existiert, ob der Dienst noch in Funktion ist, der diese Inserate überwacht hat.«

»Gesetzt den Fall«, sagte Anne, »Wir finden diesen Umschlag mit dem Bundesadler, und gesetzt den Fall, das mit der Übermittlung klappt noch so, wie du es dargestellt hast, und die kommen mit dir ins Gespräch: Was kann dir dann passieren?«

Fritz Seyfried hob die Schultern. »Weiß ich es, Anne? Wegen der Identität habe ich die wenigsten Sorgen. Waffen-SS-Männer, die nichts Besonderes verbrochen haben, sind heute rehabilitiert. Aber schließlich habe ich etwas Besonderes verbrochen. Ich habe einen Major des deutschen Generalstabs erschossen, was Hunderte von Flüchtlingen dann das Leben gekostet hat, und diese Kerle von KGB und GRU wissen es. Ich kann mich nicht vor ein Schwurgericht zerren und feststellen lassen, ob ich damals einen Mord begangen habe oder nur einen Totschlag, oder ob ich sogar nur Nothilfe geleistet habe. Genausogut könnte ich mich vorzeitig pensionieren lassen und mich aus der Gesellschaft zurückziehen.«

»Wir müssen dieses Risiko mit dem Inserat eingehen, Fritz«, sagte Anna »Irgend etwas wird schon geschehen. Alles ist besser, als sich widerspruchs- und tatenlos in diese Sache hineinziehen zu lassen. Wem würdest du es anvertrauen, dieses Inserat aufzugeben?«

»Am unverfänglichsten ginge das noch von meinem Amt aus. Der alte Kullnau tut mir schon mal einen Gefallen. Oder Hans …«

Seyfried brach so plötzlich ab, daß Anne ihn anblickte. »Was denkst du?«

Fritz antwortete nicht. Er konnte seiner Frau unmöglich sagen, was ihm bei Nennung dieses Namens durch den Kopf geschossen war. Daß Hans Lockschmidt mit fast allen sein Ressort berührenden Organisations- und Öffentlichkeitsfragen direkt zu tun hatte. Daß Hans schließlich auch sein persönliches Leben so genau kannte …Mein Gott, das traf zum Beispiel aber auch auf Bastians zu oder auf jeden beliebigen anderen, mit dem er oder Anne Verbindung hatte oder befreundet war.

Nein, er konnte Anne unmöglich sagen, daß mit dem Einbruch dieses Eishauches in ihr Leben unsichtbar und lautlos auch die Angst und das Mißtrauen eingetreten waren und sie nicht mehr verlassen würden, bis diese Affäre zu einem Ende gelangt wäre. Er schob das alles mit einem innerlichen Ruck zur Seite.

»… Hans, ja«, wiederholte er. »Ich glaube, das ist das richtige. Und jetzt laß uns nach oben gehen und sehen, ob wir diesen Umschlag finden. Aber kein Wort.«

Fritz schaltete das Licht aus.

Im Dunkeln begaben sie sich nach oben und betraten Fritz Seyfrieds Arbeitsraum.

Sie verständigten sich durch Kopfnicken und Handzeichen und begannen lautlos und vorsichtig in dem von der Straße hereinfallenden ungewissen Licht ihre Suche nach dem gelben Umschlag, durchwühlten Schubladen und Konferenzmappen, inspizierten Hängeregistraturen, leerten Kartons und Schachteln, die schon Jahrzehnte nicht mehr berührt worden waren.

Endlich fanden sie den Umschlag mit dem Aufdruck des Bundesadlers. Vorsichtig öffnete Fritz die Hülle. Mit dem darin befindlichen Bogen traten beide ans Fenster und lasen ihn im fehlen Lichtschein der Straßenlampe. Der Text auf dem Bogen war mit Maschine geschrieben und lautete: »Streng vertraulich. Zeitschrift: Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel. Text: Gebrauchte Bügelmaschine zu verkaufen. Chiffre: KR 799 B 14.«

___________

Beim Frühstück lud Friska Arme zu einem schon lange versprochenen Besuch bei ihr und ihrem Mann in Berlin ein und konnte sich keinen Reim auf den Blick machen, den Anne ihrem Mann zuwarf. Fritz jedoch verstand seine Frau sofort. Sehr gut, hieß das, dann kann ich alles gefahrlos mit Heinz durchsprechen. Dann wissen wir über das Rechtliche Bescheid, ohne daß du dich exponierst.

Im Amt angekommen, verhielt Fritz sich so normal wie möglich. Er zwang sich dazu, mit der Vorstellung zu leben, daß jeder, der ihm hier begegnete, auch zur Gegenseite gehören könnte. Er stellte fest, daß die Zeitschrift »Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel« tatsächlich noch erschien. Er nahm Füller und Papier und schrieb den Text, den sie nachts so mühevoll gesucht hatten, nieder. Eine Briefmarke und einen Briefumschlag hatte er in seinem Schreibtisch. Er legte dem Text einen Geldschein bei und verschloß den Brief. Dann bat er Hans Lockschmidt zu sich.

Als Lockschmidt das Zimmer betrat, war er erfreut, daß Seyfrieds Zustand sich anscheinend gebessert hatte. »Was hast du gestern abend nur gehabt? Das war ja beängstigend. Und jetzt? Geht es wieder?«

Ja, es gehe wieder, bestätigte Seyfried. Vielleicht sei es gestern doch ein kleiner Kollaps gewesen. Ach hier, übrigens, wenn Hans so nett sein wolle, er verlasse doch mittags fast immer das Haus, einfach in den nächsten Briefkasten. »Du bist doch so nett?«

»Natürlich«, sagte Lockschmidt. Damit schob er den Brief in die Brusttasche seines Jacketts, stand auf und verließ das Zimmer.

Fritz Seyfried wußte nicht, daß Hans Lockschmidt in seinem eigenen Büro den Umschlag sorgfältig öffnete und auf dem Tischkopierer im Nebenraum eine Fotokopie davon anfertigte, wie es sein Auftrag war. Dann schob er das Original und das Geld wieder in den Umschlag, verschloß diesen erneut und tat im übrigen das, worum Fritz ihn gebeten hatte.

Der Tag und der Abend verliefen wie in normalen Zeiten. Friska und der alte Hobarth wollten am nächsten Tag zurück nach Berlin reisen. Abends saß man um den Kamin. Der alte Hobärth erzählte aus seinem Leben, die Frauen strickten, und Seyfried tauchte seit langer Zeit zum erstenmal eine Pfeife.

Befriedigt machte er sich klar, daß niemand, der jetzt etwa die Gespräche abhörte, auf den Gedanken kommen könnte, daß sich in diesem Hause etwas Ungewöhnliches ereignet hatte.

Als das Feuer herabgebrannt war, erhoben sie sich, um schlafen zu gehen.

Nach einer halben Stunde war das Haus ruhig. E1ne weitere halbe Stunde später tastete Fritz im Bett nach dem Arm seiner Frau und schüttelte ihn leicht, um sie zur nächtlichen Lagebesprechung im Heizungskeller aufzufordern. Anne hatte bereits darauf gewartet und war sofort aus dem Bett.

»Hat es geklappt mit dem Inserat?« wollte sie von Fritz wissen, als sie sich neben dem brausenden Ölbrenner eingerichtet hatten.

»Ja«, sagte Fritz. »Hans hat es gemacht. Ich bin gespannt, ob da überhaupt noch jemand reagiert.«

»Wie habe ich das mit dem Besuch bei Friska gemacht, heute früh?«

»Hervorragend, Anne. Du hast völlig recht, das ist alles besser, als widerspruchslos den Kopf in den Sand zu stecken. Und Heinz wird uns gut beraten.«

»Ich habe mir deine ganze Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Der Mann mit dem Spaniel hat dich gefragt, ob du Zeugen hättest?«

»Natürlich. Ich habe ihm angedeutet, daß alles ganz anders war, als es vielleicht aus gesehen hat. Da fragte er, ob ich das beweisen könne.«

»Und du sagtest nein?«

»Ja. Was sollte ich sonst sagen?«

»Du warst mit diesem Major, während die Brücke in die Luft flog, allein?«

»Ja. Es gab keine Zeugen.«

»Fritz, wie wollen die denn dann beweisen, daß es so war, wie sie behaupten?«

»Nichts leichter als das. Ich denke, daß die Sowjets auf diese ganze Sache aufmerksam geworden sind, nachdem sie die Stadt eingenommen hatten. Da ist wahrscheinlich ein Bericht aufgenommen worden, und auf den ist jetzt die GRU oder der KGB gestoßen. Und die haben das überprüft. Und jetzt kaufen sie sich irgend jemanden, der ihnen den Eid dazu schwört. Auf diesem Gaul reiten sie vollkommen sicher. Die wissen doch auch, daß ich es mir gar nicht leisten kann, die Sache bis vor ein Gericht kommen zu lassen, wenn ich nicht sicher bin, daß ich mich entlasten kann.«

»Ich hab da einen verrückten Gedanken, Fritz.«

»Was für einen?«

»Aber lach mich nicht aus. Mir geht der Junge nicht aus dem Kopf, von dem du erzählt hast.«

»An den Jungen habe ich auch schon gedacht, Anne. Aber das ist sinnlos, glaube es mir.«

»Erzähl es mir trotzdem noch einmal, Fritz.«

Fritz erzählte also die Geschichte der Nacht von Tomaszów noch einmal bis dahin, wo er sich nach der Sprengung der Pilica-Brücke in dem raucherfüllten Bunker wieder zurechtzufinden versuchte.

»Und da hörtest du das Weinen dieses Buben«, sagte Anne. »Also warst du doch gar nicht mit dem Major allein, als es passierte?«

»Der Junge saß in einer Ecke auf einer Kiste und heulte«, erklärte Fritz Seyfried.

»Wie alt war das Kind, sagtest du?«

»Zehn, elf«, sagte Seyfried. »Vielleicht auch zwölf.«

Anne dachte nach. »Wenn der Junge den Krieg überlebt hat, dann ist er heute 47 Jahre alt. Und diese Nacht war ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Vielleicht, nein sicher sogar eines der entscheidendsten Erlebnisse seines ganzen bisherigen Daseins. Wenn er noch lebt, dann kann er sich an diese Nacht in allen Einzelheiten erinnern.«

Fritz Seyfried schüttelte zweifelnd den Kopf. »Du kannst dir nicht recht vorstellen, wie es damals zwischen Weichsel und Oder ausgesehen hat. Es spricht nichts dafür, daß der Junge da durchgekommen ist, und wenn ja, daß wir ihn jemals finden.«

»Sag das nicht. Es sprach auch nichts dafür, daß du es überleben würdest, und du hast es doch geschafft. Über seinen Namen, seine Familie, seine Herkunft hat er dir nichts gesagt?«

»Ich kann mich nicht erinnern, Anne. Ich glaube, er war ein Wolhyniendeutscher, so klang seine Aussprache.«

»Als du ihn in dem verqualmten Bunker gefunden hattest, was hast du da gemacht?«

»Ich zerrte ihn hinter mir her zum Ausgang. Draußen war es schon fast dunkel. Die Russen hatten sich auf zwei meiner Panzer eingeschossen. Einer davon war mein eigener. Da mußte ich rein. Wir standen mitten im Panzerfeuer, als mir einer von meinen Unterführern entgegenkam, dessen Panzer sie noch nicht ausgemacht hatten. Ich habe ihm den Jungen gegeben und ihn gebeten, sich um ihn zu kümmern. Ich glaube, daß ich ihm gegenüber eine flüchtige Andeutung gemacht habe, was mit den Eltern des Kindes passiert war. Was dann weiter geschehen ist, weiß ich nicht, Ich wurde wenige Sekunden danach aus dem Verkehr gezogen.«

»Und was war das für ein Mann?«

»Das war der Hauptscharführer Ansgar Gottwald, der Kommandant meines Panzers drei. Ich weiß noch, daß er aus Solingen stammte. Die Eltern hatten einen kleinen Kürschnerladen.«

»Vielleicht existiert die Firma noch«, sagte Anne.

»Ich habe deine angeborene Hartnäckigkeit manchmal ein bißchen belächelt, Anne. Aber du hast recht. Wir müssen den Versuch wagen. Gottwald muß ja, wenn er noch lebt, wissen, was er mit dem Buben gemacht hat. Nur, ich kann das nicht tun.«

»Dann werde ich es tun«, sagte Anne. »Auf ein Postamt werde ich ja noch gehen können. Da hole ich mir die Adresse aus dem Telefonbuch. Und wenn ich sie finde, dann fahre ich hin. Ob sie uns beschatten?«

»Wahrscheinlich.«

Anne überlegte. »Wenn ich will, daß sie etwas wissen, brauche ich nur zu telefonieren?«

Fritz lächelte. »Sieh dich vor, Liebling, daß diese Sache nicht anfängt, dir Vergnügen zu machen. Vergiß nie, wie gefährlich sie ist. Frag mich bei allem, was du machst. In dieser Sparte habe ich mehr Erfahrung als du.«

»Also gut«, sagte Anne. »Morgen früh mache ich telefonisch einen Termin bei meiner Friseuse aus. Das dauert bei einer Frau immer zwei, drei Stunden. Solange ich in der Stadt bin, wird keiner auf mich aufpassen, falls es überhaupt jemand tut. Wenn ich fertig bin, versuche ich auf irgendeinem Postamt herauszufinden, ob es Gottwald in Solingen noch gibt. Wenn ich eine Adresse finden sollte, fahre ich nach Hause und rufe Doris in Köln an. Ich werde mich bei meiner besten Freundin bitter beklagen, daß das Vertrauensverhältnis zwischen dir und mir immer schlechter wird. Ich fürchte, daß eine Frau im Spiel ist. Ich muß mich einfach mal richtig ausheulen, verstehst du. Ich werde mit Doris einen Besuch ausmachen und zu ihr fahren. Da muß ich ohnehin vorbei, wenn ich nach Solingen will. Übermorgen fahr ich von dort aus nach Solingen und spreche mit Gottwald. Was hältst du davon?«

»Klingt alles recht unverfänglich. An dir ist eine Agentin verlorengegangen.«

»Was ist zwischen dir und dem Kerl mit dem Hund abgemacht worden?«

»Ich soll in Kürze an einem unerwarteten Ort und zu einem unerwarteten Zeitpunkt wieder angesprochen werden. Ich werde so tun, als stiege ich auf die Sache ein, um ihnen keinen Grund zu geben, die Schraube anzuziehen. Dann können wir nur noch warten, ob sich auf das Inserat hin jemand meldet. Wie es weitergeht, steht in den Sternen.«

Am nächsten Tag verlief alles wie abgesprochen. Kurz nach dem Frühstück reisten Friska und der alte Hobarth ab. Friska brachte ihn zum Flughafen und fuhr selbst von dort aus weiter nach Berlin.

Soweit Anne sich überzeugen konnte, hatte man ihr keinen Schatten angehängt, als sie in die Stadt fuhr. Nach dem Friseur begab sie sich auf das Postamt und sah mit Spannung das Telefonbuch der Stadt Solingen durch.

Unter dem Namen Gottwald fand sie den Eintrag: »Gottwald, Lilli und Ansgar, Moden.«

Anne schrieb sich die Adresse und Rufnummer auf. Anschließend betrat sie eine Konditorei, bestellte sich eine heiße Schokolade und überlegte. Nach dem Eintrag im Telefonbuch war das ein Geschäft, in dem beide Ehegatten arbeiteten. Dort konnte man tagsüber also nur stören. Ebenso unklug wäre es, bei diesen Leuten anzurufen. Es schien ihr am erfolgversprechendsten zu sein, mit Gottwald spontan in Kontakt zu kommen. Und das würde sie am besten morgen abend versuchen.

Sie holte ihr schwarzes, kleines Kabriolett aus dem Parksilo, fuhr nach Hause und führte das Telefongespräch mit Doris.

Die Freundin fiel aus allen Wolken. Da sie eine verwöhnte und etwas geschwätzige Arztwitwe war, deren Mann eine Menge Geld hinterlassen hatte, hatte Fritz Seyfried niemals besondere Sympathie für sie aufbringen können. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber was Anne ihr jetzt über Fritz und ihre Ehe auftischte, schlug dem Faß den Boden aus.

Anne gelang es, ihre Lage so bemitleidenswert darzustellen, daß Doris vor Teilnahme zerfloß. »Pack deinen Koffer, setz dich ins Auto und komm zu mir«, sagte sie resolut.

Dieses Angebot kam Anne wie gerufen. Sie rief Fritz im Amt an und bereitete ihn darauf vor, daß er sie heute abend nicht antreffen würde, wenn er nach Hause käme. Er nahm es mit Fassung auf. Anne versorgte den Haushalt, richtete für Fritz etwas zu essen und verließ gegen drei Uhr das Haus.

Es fiel ihr nicht leicht, bei Doris die vernachlässigte Ehefrau zu spielen, zumal Doris Fragen stellte, auf die Anne nicht vorbereitet war. Schließlich gelang es ihr, sie abzulenken, und sie überlegten, wie sie die beiden geschenkten Tage am schönsten ausnützen konnten.

___________

Der Abend war windstill und von trockener, angenehmer Kälte. Wie auch an den Abenden vorher, sah Fritz zuerst den dritten Hund mit Steffi und Stoffel in der Dunkelheit herumtollen. Unmittelbar danach trat der Mann aus dem Schatten der Fichten heraus und gesellte sich zu ihm.

»Wohin ist Ihre Frau verreist, Seyfried?«

»Woher wissen Sie, daß sie verreist ist?«

»Wir wissen, was bei Ihnen vorgeht, Seyfried. Also, wohin?«

»Wenn Sie ohnehin alles wissen, wozu dann die Frage?« sagte Seyfried. »Sie haben es tatsächlich geschafft, zwischen mir und meiner Frau eine Krise heraufzubeschwören. Meine Frau ist deshalb zu einer Freundin nach Köln gefahren.«

»Mit Ihrer Frau werden Sie schon einig werden, Seyfried. Wie haben Sie sich entschlossen?«

»Ich bin mir nicht klar, ob Sie vertrauenswürdig genug sind, um mit Ihnen zusammen eine Sache von solchem Umfang durchzuziehen.«

Etwas Ähnliches war Drohne während seiner langen Tätigkeit als Agent noch nie vorgekommen. Wie sollte er sich Verhalten? Die Angriffsvorbereitung war ja nicht seine Sache, sondern die Sache von Nachtfrost selbst gewesen. Er kannte Nachtfrost nur als Stimme. Dieser bei verschiedenen Telefongesprächen mit unterschiedlichen Methoden verstellten Stimme hatte Drohne Datum und Stunde des Angriffs aufFritz Seyfried vorgeschlagen. Nachtfrost war nach kurzer Überlegung damit einverstanden gewesen. Aber als er sich dies jetzt alles noch einmal blitzschnell durch den Kopf gehen ließ, durchfuhr Drohne Angst. Plötzlich stand die Erkenntnis vor ihm, daß es ihm niemals gelingen würde, der Stimme eine Verantwortung zuzuschieben. Wenn irgend etwas bei dieser Sache schiefging, war er es, er ganz allein, der dafür bezahlte. »Sie haben sich also entschlossen, Seyfried«, sagte er nach einer langen Pause.

»Ich bin nicht daran interessiert, daß die Vorgänge von damals unterdrückt bleiben«, sagte Seyfried, »und ich statt dessen wegen Landesverrats vor Gericht komme. Was für Garantien können Sie mir geben?«

»Garantien, in diesem Job?«

»Wissen Sie, was Sie von mir verlangen?« antwortete Seyfried. »Landesverrat. Es geht Ihnen doch wohl um den Panzerstahl aus Herne? Ich bin verpflichtet, mein Fachwissen vor Ihnen geheimzuhalten. Aber meine Frau ist mir wichtiger als dieser Halbstaat, von dem keiner so recht weiß, ob er ein Vaterland oder eine Zweckschöpfung ist. Also sagen Sie schon, was Sie mir zu sagen haben.«

»Es wird in absehbarer Zeit zu einer Konferenz von sieben Verteidigungsministern interessierter NATO-Staaten kommen, denen Sie Ihre Neuschöpfung in einer streng geheimen Sitzung präsentieren werden.«

Seyfried nickte.

»Es ist uns bekannt«, fuhr Drohne fort, »daß die wissenschaftliche Denkschrift über Forschung, Entwicklung, Fertigung und Anwendung dieser Substanz bei den Vereinigten Hütten in Herne ausgearbeitet und dokumentiert wird. Auch das Testergebnis des Probeschießens in Munsterlager vom vergangenen Donnerstag fließt in diesen Bericht mit ein.«

»Sie sind wirklich sehr gut informiert«, sagte Seyfried. »Was soll ich tun?«

»Wir wollen zwischen dem Tag, an dem Sie in Herne diese Denkschrift abholen, und der Ministerkonferenz in den Besitz der Denkschrift kommen. Wir erwarten demzufolge, daß Sie den Termin der Ministerkonferenz so vorschlagen, daß Sie dazu Gelegenheit haben.«

»Glauben Sie denn, daß diese Schrift in Form eines Schnellhefters ausgeliefert wird, Mann, den man einfach unter den Kopierer legt?«

»Nein«, sagte der Fremde höflich. »Sie erhalten diese Denkschrift auf einem Magnetband gespeichert, das in Ihrem Rechenzentrum auf Mikrofilm umgesetzt wird. Ein Exemplar davon möchten wir gerne haben. Das ist alles.«

»Welche Sicherheiten haben Sie eigentlich, daß ich Ihnen bei der Stange bleibe?«

Drohne fuhr mit der Hand in die Innentasche seines Mantels und zog ein Instrument heraus, das nicht größer als eine Zigarettenschachtel war.

»Sie haben soeben hier und ebenfalls bei unserem letzten Gespräch auf einen hochsensibilisierten Tonträger gesprochen«, sagte er freundlich. »Sie selbst haben auf die Ereignisse von damals angespielt, die Sie gerne verheimlichen möchten. Ich glaube nicht, daß es sich für Sie lohnen würde, uns Schwierigkeiten zu machen.« Nach diesen Worten pfiff er seinem Hund und war kurz darauf im Schatten der Fichten verschwunden.

5

Anne Seyfried erreichte Solingen gegen achtzehn Uhr dreißig am folgenden Tag. Das Haus, das sie suchte, lag am anderen Ende der Stadt in einer Straße, die wohl früher einmal eine ruhige Wohnstraße gewesen war, in der sich aber jetzt ebenso viele Autos stauten wie in allen anderen Straßen auch. Es war zweistöckig und lag an der Ecke zu einer Seitenstraße, in die Anne einbog, um das Kabriolett in einem Hof zu parken.

Sie stieg aus. Das Untergeschoß des Hauses war zu einem Laden umgebaut worden. Der Ladeneingang befand sich zwischen geschickt angeordneten Spiegeln. »Gottwald-Moden« stand in geschwungenen Goldbuchstaben quer über der Tür.

Drinnen gab es von bunten Kleidern bis hin zu Regenmänteln mit pelzbesetzten Kragen und modischen Mützchen und Pullovern so ziemlich alles für Damen. Eine Etagere mit lässig darübergestreutem Modeschmuck und ledernen Accessoires war von innen vor die Tür geschoben.

Anne fand den Privateingang auf der Rückseite des Hauses. Im Oberstock waren zwei Fenster erleuchtet.

Als sie läutete, wurde eines von ihnen geöffnet. Sie erkannte die Silhouette eines Mannes.

»Ja bitte, zu wem möchten Sie denn?« rief er.

»Zu Ihnen«, antwortete Anne. »Falls Sie Herr Gottwald sind.«

»Herr Gottwald? Wissen Sie nicht, daß Herr Gottwald im vorigen Jahr gestorben ist? Was hätten Sie denn von ihm gewollt?«

Anne war unschlüssig. »Das kann ich Ihnen so zwischen Tür und Angel schwer erklären. Wer sind Sie denn?«

»Ich bin Rolf Schubert. Ich … naja, ich kümmere mich sozusagen ein bißchen um das alles hier. Kommen Sie privat oder geschäftlich? Wenn Sie privat kommen, sollten Sie vielleicht besser mit Frau Gottwald sprechen.«

»Ist sie da?« rief Anne nach oben.

»Nein«, sagte der Mann. »Heute abend ist im Eugeniensaal eine Modenschau. Da hat sie die Conférence.«

»Wo ist der Eugeniensaal?« fragte Anne.

»Warten Sie«, sagte der Mann. »Ich fahre Sie hin.«

Das Fenster klirrte, oben erlosch das Licht. Kurze Zeit später stand der Mann ihr gegenüber. Ungefähr Annes Alter, mittelgroß, dunkle Haartolle, sonnengebräuntes Gesicht. Ein unkomplizierter Typ. Zu allem, um das er sich hier kümmerte, gehörte ganz sicher auch Ansgar Gottwalds Witwe.

Er gab ihr die Hand, musterte fachkundig ihren Zobelmantel, warf bei dieser Gelegenheit einen ebenso fachkundigen Blick auf Annes Beine und öffnete schließlich das Kipptor einer Garage. »Bis Sie sich in den Einbahnstraßen zurechtfinden und dann auch noch einen Parkplatz kriegen, bin ich dort und wieder zurück«, sagte er, als sie neben ihm im Wagen saß.

Das Hotel Eugenienhof besaß einen Saal mit Balustraden, Emporen und Tischnischen sowie einer Bühne. Es gab blitzendes Messing, schwere Plüschportieren und riesige Lüster. Aus dem Saal klangen die Rhythmen einer Band.

Am Eingang verkaufte eine Frau Anne eine Eintrittskarte und zeigte ihr Frau Gottwald.

Kurz darauf saß Anne an einem der Tische, nippte an einem Glas Orangensaft und betrachtete die Frau, von der für sie und Fritz möglicherweise eine Menge abhing. Sie beobachtete, wie die Einlaßdame Frau Gottwald auf sie aufmerksam machte und Lilli Gottwald, die mit einem Mikrofonkabel kämpfte, zu ihr herübersah. Das Licht der Lüster erlosch, Spotlights flammten auf, und die Show begann abzurollen.

Auf dem erhöhten Laufsteg tänzelten Mannequins in Hosenanzügen und Kleidern, schwangen und wendeten Pelze, Mäntel, Kasacks, Kostüme. Und Lilli Gottwald sagte das alles mit etwas verkrampftem Humor an.

Sie mußte, wie Anne selbst, etwa vierzig sein, war sehr blond und wohlfrisiert und trug ein Abendkleid aus flaschengrünem Taft, dessen Rock kokett geschlitzt war. Anne wartete geduldig. Als in der Pause die Kronleuchter wieder heller wurden, die Band pausierte und die Leute den Saal verließen, um frische Luft zu schnappen, kam Lilli Gottwald an Annes Tisch.

»Ich bin Lilli Gottwald«, sagte sie und setzte sich auf einen der freien Stühle. »Sie sind nicht von hier, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Anne. »Ich bin eigentlich gekommen, um mit Ihrem Mann zu sprechen.«

»Kannten Sie meinen Mann?«

»Nein, ich kannte ihn nicht«, sagte Anne.

»Ach so. Ich dachte … Frau …, wie darf ich Sie anreden?«

Anne nannte ihren Namen. »Sie haben das ja ziemlich groß aufgezogen, hier.«

»Das hätte er alles gar nicht sehen dürfen«, antwortete Frau Gmtwald. »Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann säßen wir noch immer in einer überalterten Werkstatt und würden die Pelzkrägen der Hautevolee reparieren. Als er aus dem Krieg zurückgekehrt ist, hat er gemeint, daß er nur mit Arbeit zu etwas kommen würde, der arme Kerl.«

»Nun«, sagte Anne, »anscheinend ist er wirklich zu etwas gekommen.«

Lilli Gottwald sah Anne ein wenig mitleidig an. »Ja, zu einer Kürschnerlunge ist er gekommen. Das war alles, und daran ist er dann auch gestorben. Mein Mann hat nie begriffen, daß man durch mehr Arbeit nicht unbedingt mehr Geld bekommt. Man muß Geld zu mehr Geld machen. Aber was wollten Sie eigentlich von meinem Mann?« fragte sie und erhob sich, weil die Musiker ihre Plätze wieder einnahmen.

Die Gäste der Modenschau strömten zurück in den Saal.

»Ich will etwas ganz Persönliches. Ein paar Fragen, die Ihren verstorbenen Mann betreffen.« Lilli Gottwalds Gesicht drückte unverhohlene Ablehnung aus.

Deshalb beeilte sich Anne Seyfried hinzuzusetzen: »Es ist für mich und meinen Mann sehr wichtig und bringt für Sie keinerlei Nachteile.«

Lillis Gesichtsausdruck wurde freundlicher. »Dann ist es am besten, wenn Sie nachher mit mir und Rolf nach Hause fahren. Hier kommen wir doch zu keinem ruhigen Wort.« Dann wendete sie sich wieder ihrer Tätigkeit zu.

Nach Ende des zweiten Teiles stiegen die beiden Fräuen zu Rolf, der schon auf sie wartete, in den Wagen. »Ich habe mir schon gedacht, daß sie noch mal mit heraus zu uns kommt«, sagte er, als er den Wagen beschleunigte. »Ich habe was kalt gestellt.«

Später, als sie oben zusammensaßen und Lilli berichtet hatte, wie die Show abgerauscht war, wie sie es ausdrückte, fragte sie Anne, um was es denn nun eigentlich ginge.

»Tja«, sagte Anne, »eigentlich geht es um die Zeit, als Ihr Mann Soldat war.«

»Ausgerechnet«, sagte Lilli. »Muß das sein?«

»Er hat ihr nämlich immer die Geschichten von seinen Heldentaten erzählt, und das ist Lilli ganz schön auf die Nerven gegangen«, sagte Schubert.

Anne hatte verschiedene Annäherungsstrategien durchgespielt, dann aber beschlossen, nach Möglichkeit bei der Wahrheit zu bleiben, »Haben Sie jemals von ihm den Namen von Loßwitz gehört?« fragte sie.

»Den Namen habe ich sogar oft von ihm gehört. Das war eine ganze Weile sein Boß, damals. Und was haben Sie mit diesem Loßwitz zu schaffen?«

»Ich bin seine Frau.«

»Ich denke, Sie heißen Seyfried«, sagte Lilli. »Wie verstehe ich denn das alles? Dieser Loßwitz ist gefallen, ziemlich zum Schluß. Irgendwo in Polen, wie hieß das doch gleich …?«

»Tomaszów«, sagte Anne.

»Sie schwindeln doch«, sagte Lilli. »So hat das nicht geheißen.«

»Dann war es ein Fluß«, sagte Anne. »Er heißt Pilica.«

»Ja, so hat es geheißen«, sagte Lilli Gottwald kopfschüttelnd. »Aber was kann von dem ganzen Blödsinn von damals heute noch wichtig sein? So wichtig, daß Sie extra hierher fahren … In was wollen Sie uns denn da reinbringen? Und dann wollen Sie mir noch aufbinden, daß Sie Loßwitz’ Witwe sind.«

»Seine Frau«, verbesserte Anne. »Das ist ein Unterschied.«

Rolf Schubert schaltete sich ein. »Bevor wir überhaupt weiterreden — können Sie beweisen, was Sie sagen?«

»Nein«, sagte Anne. »Nichts kann ich beweisen. Sie müssen mir glauben, daß Henning von Loßwitz noch am Leben ist und daß ich wirklich seine Frau bin.«

»Aber ich kann das Gegenteil beweisen«, sagte Lilli und verließ das Zimmer. Gleich darauf trat sie wieder ein. Sie hatte eine Fotografie in der Hand, auf der sich sechs oder sieben junge Männer mit nackten Oberkörpern an einem russischen Sommertag vor einem verstaubten Panzer hatten fotografieren lassen. Lilli legte das Bild vor Anne auf den Tisch. »Welcher von denen ist denn nun Ihr Mann?« fragte sie triumphirend.

Anne brauchte das Foto gar nicht ein zweites Mal anzusehen. Figur, Gesichtsschnitt und Haarschnitt des zweiten von links waren so unverkennhar die von Fritz, daß sie ohne Zögern auf diesen zeigte und sagte: »Da steht er doch. Und welcher ist Ihr verstorbener Mann?«

»Der rechts neben ihm«, sagte Lilli Gottwald verblüfft.

»Vertrauen Sie mir jetzt?« fragte Anne.

»Eins zu null.« Lilli Gottwald warf sich wieder in ihren Sessel, starrte Anne neugierig an und fügte hinzu: »Also, dann schießen Sie los.«

Anne Seyfried weihte Rolf Schubert und Ansgar Gottwalds Witwe so weit in die Geschichte Fritz Seyfrieds ein, wie es ihr notwendig erschien, und beendete ihren Bericht mit den Worten: »An diesem Abend erschoß mein Mann in dem Befehlsstand einen deutschen Major, der die Nerven verloren hatte und die Brücke zu früh in die Luft jagen wollte, während noch Hunderte von Menschen auf ihr waren. Daraus will man ihm jetzt einen Mordprozeß machen.«

»Also Erpressung?« sagte Rolf Schubert fachkundig.

»So ähnlich«, antwortete Anne. »Aber er hat eine Chance. Während sich das alles im Bunker abspielte, war bei ihm ein etwa zwölf Jahre alter volksdeutscher Junge. Wenn wir den finden würden, könnten wir versuchen, die Wahrheit zu beweisen. Das letzte, was meinem Mann vor seiner schweren Verwundung noch bewußt in Erinnerung geblieben ist, war, daß er das Kind Ihrem Mann übergeben und ihn gebeten hat, sich darum zu kümmern. Das war es, was ich Ihren verstorbenen Mann fragen wollte: Was ist mit diesem Kind geschehen?«

Anne Seyfried schwieg. Auch die beiden anderen sagten lange nichts. Schließlich war es Lilli, die redete: »Ich kann Ihnen sagen, wie es weiterging. Mein Mann hatte also plötzlich ein schreiendes verzweifeltes Bündel Mensch in den Armen. Das ganze Ufer lag unter Beschuß. Loßwitz hatte es soeben erwischt. Er hob das Kind seinem Richtkanonier hinauf. Dann stieg Ansgar auch ein und ließ den Lukendeckel zufallen. Sie hielten diese Stellung bis etwa Mitternacht, wurden dann aus ihren Deckungen geschossen und mußten türmen. Es ging rückwärts. Irgendwo zwischen Weichsel und Oder trafen sie dann in einem Dorf noch auf eine deutsche Zivildienststelle. Rotes Kreuz oder so. Denen konnte er den Jungen übergeben.«

»Und der Name?« fragte Anne. »Wußte er denn den Namen nicht?«

»Doch«, sagte Lilli Gottwald. »Den Namen dieses Jungen wußte mein Mann. Als mein Mann ihn abgab, klammerte sich das Kind an ihn, und mein Mann hat ihm dann einen Zettel mit seinem Namen und seiner Adresse aufgeschrieben. Wenn er mal einen Freund brauchte nach dem Krieg, hat mein Mann gesagt, dann solle ihm der Junge schreiben.«

»Und? Hat er das getan?«

»Mein Mann sagt, er habe es getan. Zweimal sogar.«

»Hat er Ihnen den Namen denn nicht genannt?«

»Nein«, sagte Lilli Gottwald. »Er hat mir den Namen nicht gesagt, und ich habe nicht danach gefragt. Aber warten Sie mal …« Sie wendete sich an Rolf Schubert. »Hast du die Kiste mit den Sachen von Ansgar schon fortgebracht?«

»Sie steht noch unten in der Garage«, antwortete Schubert. Lilli Gottwald wendete sich wieder Arme zu.

»Mein Mann hat nämlich nie etwas weggeworfen. Die beiden Postkarten müßten noch in dieser Kiste sein.«

Die zum Abtransport bestimmte Kiste war von Rolf Schubert zugenagelt worden und stand an der Rückwand der Garage. Schubert hatte die Strickjacke ausgezogen und brach den Deckel mit Hammer und Stemmeisen wieder auf.

Beim Schein einer schirmlosen Deckenbirne begannen Rolf Schubert und Lilli Gottwald die Papiere noch einmal zu durchwühlen. Endlich richtete Lilli Gottwald sich auf. In der Hand hielt sie zwei durch eine verrostete Büroklammer zusammengehaltene, stark mitgenommene Postkarten.

»Kommen Sie, lesen wir das oben«, sagte sie. »Laß alles hier liegen, Rolf. Wir können es morgen in Ordnung bringen.«

Im Wohnzimmer hielt Anne die Postkarten unter das helle Licht einer Stehlampe.

Die erste stammte aus dem Jahr 1945. Sie begann mit der noch kindlichen Anrede: Lieber Onkel Ansgar. Als Absender trug sie den Namen Jost Marschal.

Die Karte stammte aus einem der zahlreichen Sammellager für verschleppte Personen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Ihr Inhalt schilderte in gedrängter Kürze den Leidensweg des jungen Marschal bis in dieses Lager und drückte den Wunsch aus, daß Onkel Ansgar ihn dort doch bald einmal besuchen möge.

Die zweite Karte aus dem Jahre 1949 begann förmlich mit den Worten: »Sehr geehrter Herr Gottwald.« Der Absender wohnte im Bezirk Berlin, Stöttnerstraße 14, Rückgebäude. In dieser Karte teilte Jost Marschal mit, daß er das große Glück habe, von dem verdienten Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiterklasse, Max Wentzell, adoptiert zu werden, und daß ihm eine Laufbahn im Dienste der Errichtung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden offenstehe.

Lilli Gottwald überließ Anne die beiden Karten zu treuen Händen. Als Anne sie und Rolf Schubert noch einmal eindringlich darauf hinwies, wie gefährlich es sein könnte, wenn jemand von ihrem Besuch erfahren würde, versprachen beide, niemandem gegenüber auch nur ein Sterbenswort zu sagen.

6

Einige Kilometer südlich von München liegt Pullach. Hier residiert, ins Leben gerufen in enger Zusammenarbeit zwischen Amerikanern und Deutschen durch den ehemaligen Wehrmachtgeneral Gehlen, der Nachrichtendienst der Bundesrepublik unter der Bezeichnung BND.

Am 14. Februar 1980 herrschte im südlichen Bayern starker Föhn. Günther Mallée hatte am Morgen nicht die Bundesstraße genommen, sondern war auf Nebenwegen von Thalkirchen aus über Großhesselohe nach Pullach gelangt.

Er fuhr an der Mauer entlang, welche das Dienstgelände umgab, und betätigte frühzeitig die Lichthupe. Der Polizist in seiner vorspringenden Glaskanzel bemerkte das Zeichen und sorgte dafür, daß das Tor offenstand, als Mallée in das Gelände einbog. Ein anderer Polizist kontrollierte wie jeden Morgen Mallées Papiere und Wagen und bedeutete ihm dann weiterzufahren.

Günther Mallée war beim BND Chef derjenigen Abteilung, die sich mit der Abwehr operationeller Aktivitäten ausländischer Geheimdienste auf dem Boden der Bundesrepublik beschäftigte.

Zu seinem festen Tagesablauf gehörte es, morgens als erstes die schriftlichen Eingänge durchzusehen. Da die Vormittagspost noch nicht zugestellt und sortiert war, handelte es sich nur um dienstinterne Vorgänge. Es genügte, sie zur Kenntnis zu nehmen und das jeweilige Blatt mit dem kurzen Handzeichen zu versehen. Als Mallée das erledigt hatte, rief er die Sekretärin und gab ihr die Mappe. »Und dann bitten Sie Herrn Pless zu mir.« Auf diesen Auftrag folgte regelmäßig Mallées Morgenzigarette, deren erste Züge er in den wenigen Minuten genoß, die Rüdiger Pless brauchte, um aus dem Nachbarbau zu ihm herüberzukommen.

Mallée war groß, schlank und sportlich, obwohl er die Vierzig überschritten hatte. Sein Gesicht, das gleichzeitig Ehrgeiz und Charme ausdrückte, sein Typ, wirkten auf Frauen.

Pless kam nicht durch das Vorzimmer, und er kam, wenn Mallée ihn gerufen hatte, ohne anzuklopfen. Er war mittelgroß, zehn Jahre jünger als sein Chef, mit beginnender Stirnglatze und randloser Brille. Ein agiler, fleißiger Kanzleibeamter und hervorragender, loyaler und vertrauenswürdiger Mitarbeiter.

Die erste Begrüßung der beiden Männer geschah seit Jahr und Tag durch Handschlag.

Danach setzte sich Pless vor den Schreibtisch, und Mallée schob ihm eine ausfahrbare Platte entgegen, auf der Pless für gewöhnlich seine Unterlagen ausbreitete, während er vortrug.

»Noch etwas?« fragte Mallée, nachdem alles erledigt war.

»Ja«, antwortete Pless und zog aus dem letzten Fach der Vorgangsmappe eine handgeschriebene Notiz hervor. »PÜ Bonn gibt ein Notinserat durch.«

Mallée sah Pless erstaunt an. »Ein Notinserat? Wen betrifft es?«

»Ich weiß es noch nicht«, sagte Pless. »Ich weiß nicht einmal, was ich damit anfangen soll. Sie haben es gerade eben durchtelefoniert, und ich wollte nicht fragen. Die Zentrale muß informiert erscheinen, auch wenn sie es nicht ist. Darf ich Sie um eine Information bitten?«

»Na, so lange sind Sie ja noch nicht bei uns«, sagte Mallée. »PÜ, was das ist, wissen Sie?«

»Natürlich«, antwortete Pless. »Die Presseüberwachung. Sie arbeiten die Anzeigen aller Zeitungen durch. Aus der Chiffrenummer des Inserats ist zu ersehen, um wen es sich handelt.«

»Geben Sie mal her«, sagte Mallée, und Pless reichte ihm die Notiz über den Schreibtisch. »Haben Sie auf die Chiffre geachtet?«

»Ich habe den Vorgang noch nicht überprüft«, sagte Pless. »Ich sprach gerade mit Bonn, als Sie mich rufen ließen.«

»Sehen Sie mal«, begann Mallée und wartete, bis Pless um den Schreibtisch kam und ihm über die Schulter sah. »KR 799 B 14. Das ist eine alphanumerische Chiffre von acht Zeichen. Daß dies ein elektronisches Zuordnungsmerkmal ist, kann jeder sehen, der das Inserat überprüft. Deshalb sind in den letzten Jahren diese Chiffren nicht mehr vergeben worden.«

»Die haben auch nicht mitgeteilt, in welcher Zeitung das Inserat erschienen ist«, sagte Pless.

»Das ist gleichgültig«, antwortete Mallée und erhob sich hinter seinem Schreibtisch. »Die Chiffre enthält alle wichtigen Merkmale. Kommen Sie, begleiten Sie mich runter ins Rechenzentrum.«

Mallée öffnete die Tür und hinterließ seiner Sekretärin, wo er zu finden sei.

Der Zugang zum Tiefbunker der Elektronik befand sich im Inneren eines der Gebäude, die wie gewöhnliche Siedlungshäuser über das Gelände verteilt waren. Mit einem Aufzug ging es abwärts. Als die Männer den Fahrstuhl verließen, befanden sie sich zwanzig Meter unter dem Erdboden in einem mit Spannteppichen ausgelegten und durch gedämpftes Licht erhellten Vorraum. Als sie eine Lichtschleuse durchschritten hatten, leuchtete ein in die Wand eingelassenes Transparent auf, wo sich der Kennungsschlitz befand.

Mallée fütterte ihn mit seiner Sicherheitskarte, und eine Stahltür schwang zurück.

Sie befanden sich jetzt in einem ebenfalls mit gedämpftem Licht und gedämpften Geräuschen angefüllten Großraum. Zahllose Bildschirme schimmerten in fluoreszierendem Grün.

Mallée fragte sich zu dem Chef der Systemtechnik durch und zeigte ihm die Notiz. Nachdem der Mann im weißen Mantel eine Weile überlegt hatte, forderte er die beiden Besucher auf, ihm zu folgen. In einer entfernteren Ecke des Großraums sprach er einen Operator an, der gerade eine neue Bandspule auf ein kompliziertes Gerät legte.

»Sehen Sie mal, das gehört doch zu Ihrem Bereich?«

Der Operator prüfte die Kennziffer. »Ja«, sagte er. »Ein ziemlich altes Programm. Wollen Sie es gleich haben?«

Mallée nickte. »Es kann sehr wichtig sein.«

Der Operator nahm das Band wieder heraus, verschwand damit und kam nach einigen Minuten mit einem anderen Speicherband und einer Programmspule zurück. Nachdem er beides eingelegt hatte streckte er die Hand noch einmal nach dem Zettel aus. Von diesem ablesend gab er Programm und Kennung ein. Dann deutete er auf einen freien Bildschirm und ließ Mallée und Pless allein.

Über die gewölbte Glasscheibe geisterten grünliche Striche und Schatten. Schließlich formierten sich diese Lichtpunkte und bildeten Zeilen. Mallée und Pless lasen ab, daß die Chiffre sich auf ein Inserat bezog, das in der Fachzeitschrift Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel eingerückt worden war.

Der Auftraggeber mußte laut Kennziffer ein gewisser Fritz Seyfried sein, geboren am 9. August 1921 in Kronenfeld im Banat, von April 1951 bis Juni 1961 Angehöriger der Organisation Gehlen und später des Bundesnachrichtendienstes, danach versetzt zum Amt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz, Leiter der Projektstelle 14, zuständig für gepanzerte Fahrzeuge des Heeres und deren Ausrüstung.

Als zusätzliche Information flimmerten auf dem Bildschirm die Feststellungen, daß Seyfried Geheimnisträger sei, verheiratet sei und in geordneten finanziellen Verhältnissen lebe. Über Leichtsinn, Schulden, Leidenschaften sei nichts bekannt. Seyfried sei als loyaler Beamter von bürgerlicher Lebensweise und gefestigtem Charakter anzusehen.

»Können Sie mir diesen Text ausdrucken lassen?« fragte Mallée den Operator, der inzwischen wieder hereingekommen war.

»Selbstverständlich, Herr Mallée«, antwortete er.

Mallée und Pless schritten durch den riesigen unterirdischen Raum zurück zum Ausgang und fuhren mit dem Aufzug wieder an die Erdoberfläche. In Mallées Arbeitszimmer angelangt, zündeten sie sich Zigaretten an.

»Nichts von erpreßbarer Vergangenheit«, sagte Mallée. »Wie beurteilen Sie die Sache?«

»Entweder steht der Mann unter Druck«, erwiderte Pless. »Oder die Gegenseite testet, was bei uns auf so ein Inserat hin passiert.«

»Dann müßten sie Seyfried schon angeworben oder umgedreht haben, denn über die Chiffre verfügt er allein. Ich möchte unterstellen, daß Seyfried das Inserat selbst aufgegeben hat. Das beweist, daß der Mann überwacht wird oder mindestens glaubt, daß er überwacht wird. Das heißt im Klartext, daß wir mit unserer Reaktion äußerst vorsichtig sein müssen.« In diesem Augenblick wurde die Tür zum Sekretariat geöffnet und der Ausdruck des Textes überbracht. Mallée nahm die Papierfahne in Empfang, lehnte sich in seinem Sessel zurück und las den Ausdruck noch einmal aufmerksam durch. Schließlich legte er das Papier vor sich auf den Schreibtisch, stützte die Arme auf die Seitenlehnen seines Sessels und sah Pless über die Spitzen der aneinandergelegten Finger an. »AWB, Projektstelle 14.« Mallée rückte nach vorne, seine Hand pochte energisch auf das Blatt Papier. »Pless … das da … das ist der erste Auftritt von Nachtfrost, so wahr ich hier sitze.«

Mit vor der Brust verschränkten Armen sprach Mallée weiter: »Seit Jahren ist mir klar, daß Rodionowski und Alikin hinter dem Projekt SR 707 her sind. Wir wissen aber auch noch etwas anderes, nämlich daß die Leute um Alikin eine Operationsgruppe auf das Projekt angesetzt und eingeschleust haben, die drüben unter dem Deckwort Nachtfrost läuft. Das ist aber auch alles. Hinter SR 707 verbirgt sich eine Panzerungsentwicklung für den Leopard 2, die durch ein Zusammenwirken von metallurgischer Legierung und fahrzeugtechnischer Verarbeitung praktisch eine neue Dimension im Panzerbau darstellt und jede mit dem Leopard 2 ausgerüstete Panzertruppe bis auf weiteres unverwundbar macht. Projektstelle 14 ist die Nahtstelle, an der Planungsanstoß, Entwicklung, Fertigung, Erprobung und Lieferung dieses Materials zusammenlaufen. Die Panzerung ist das einzige, was an dieser Kiste wirklich geheimgehalten wird. Und dieser Seyfried scheint der Mann zu sein, auf den die Sowjets ihre Bemühungen konzentrieren. Es könnte sein, Pless, daß es uns jetzt gelingt, Nachtfrost auf die Spur zu kommen.«

»Wenn es kein Bluff ist«, sagte Pless.

Aber davon wollte Mallée nichts hören. »Stellen Sie sich nur mal vor, da schleust Alikin vor drei Jahren eine ganze Operationsgruppe ein, von der wir zwar genau wissen, was sie beabsichtigt, aber sonst nichts. Und die stellt sich tot, als gäbe es sie überhaupt nicht, um in dem Augenblick aufzutauchen, wo ihre Operationen Erfolg versprechen. Und jetzt meldet sich genau der Mann, den ich auch anvisieren würde, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Das ist kein Zufall. Und auch kein Bluff. Das ist System. Und ich will wissen, was dahintersteckt. Was schlagen Sie vor?«

»Wenn Sie recht haben, daß der Mann beschattet wird, geht nichts schriftlich und auch nichts über das Telefon«, überlegte Pless.

Mallée nickte zustimmend. »Wir haben doch für solche Fälle eine Klempnerfirma an der Hand«, fuhr Pless fort. »Wie wäre es mit der?«

»Gut«, sagte Mallée. »Lassen Sie Seyfried in einem Werbebrief durch Boten eine Aufforderung zukommen, daß er sich unter einer Adresse, die wir ihm ebenfalls mitteilen, einen Klempner ins Haus bestellen soll. Diese Briefe müssen aber in jedes Haus und jeden Briefkasten der ganzen Gegend kommen, damit der Einwurf bei Seyfried nicht auffällt.«

Pless stand auf. »In Ordnung, Herr. Mallée. Ich werde Sie auf dem laufenden halten.«

»Und lassen Sie einmal die Archive durchsehen, Pless. Ich bin sicher, daß es über Seyfried eine Akte gibt. Die möchte ich hier auf meinem Schreibtisch haben. Je schneller, desto besser.«

7

Anne sah den Jungen kommen. Er benützte ein Mofa und hatte eine Segeltuchtasche umgehängt, aus der er jedesmal so viele Briefe nahm, wie zu dem Haus Briefkästen gehörten. Sie sah ihn die Vorgärten durchqueren und die Umschläge in die Schlitze stecken. Sie hörte ihr eigenes Gartentor klappen und dann die Schritte des Jungen auf dem Plattenweg.

Hätte Anne nicht nasse Hände gehabt, so hätte sie ihm zugerufen, daß er sich seine Mühe sparen solle, denn bei Seyfrieds landeten Werbeschriften ausnahmslos im Papierkorb.

So geschah es auch mit dem hektographierten Schreiben einer Schneiderfirma für Herrenmaßhemden, das außerordentlich günstige Angebote bei Abnahme von mindestens drei Stück verhieß.

Nachdem Anne mit dem Namen und der Adresse des Jungen von Tomaszów aus Solingen zurückgekehrt war, hatte sie in der Nacht im Heizungskeller Fritz alle Einzelheiten ihres Besuches bei Lilli Gottwald berichtet. Sie sei fest entschlossen, sich in Berlin mit ihrem Schwager zu beraten und zu versuchen, im Ostteil der Stadt etwas über das Schicksal von Jost Marschal in Erfahrung zu bringen. Neben alldem hofften sie auf eine Reaktion des eigenen Abwehrdienstes auf das Inserat. Dies allerdings hatte sich Anne viel zu dramatisch vorgestellt, um es mit einem Werbebrief in Verbindung zu bringen.

Kurz bevor sie nach oben gingen, fragte ihr Mann nach der Post, und Anne antwortete, daß nur die Stromrechnung und ein Werbebrief gekommen seien. In seinem Arbeitszimmer deutete sie, mit den Schultern zuckend, auf den Papierkorb.

Fritz bückte sich und Wühlte das Werbeschreiben wieder zwischen den anderen Papieren hervor. Im Licht der Lampe auf seinem Schreibtisch zeigte er Anne die unauffällig mitten in den übrigen Text lancierten Zeilen:

Rufen Sie unter der Nummer 24738 die Firma Wallmann an, und bestellen Sie wegen verstopfter Toilette einen Installateur. Warten Sie auf jeden Fall, bis dieser Sie auf das Problem anspricht.

Anne war so überrascht, daß Fritz sie nur mit Mühe daran zu hindern vermochte, auf der Stelle offen über die Mitteilung zu sprechen. Sie mußte ihre Ungeduld bezähmen, bis sie wieder im Keller waren. Als Fritz endlich die Eisentür hinter sich geschlossen hatte, sagte er: »Das mit dem Installateur mußt du in die Hand nehmen. Der Mann wird zu einer Zeit kommen, wenn ich nicht hier, sondern im Amt bin. Du mußt ihn über alles informieren. Frage ihn nach allem, was dir unklar ist. Dann rufst du Friska an und verabredest mit ihr deinen Besuch in Berlin. Auch bei Friska beklagst du dich über meine Unausstehlichkeit. In Berlin berätst du dich eingehend mit Heinz und läßt dir sagen, wie wir uns verhalten sollen.«

»Ich gehe auch in den Ostteil und versuche, etwas über Jost Marschal zu erfahren.«

Die Vorstellung, daß Anne in einer so komplizierten Sache ausgerechnet in Ost-Berlin Nachforschungen anstellen wollte, gefiel Fritz gar nicht. Nach kurzem Überlegen aber nickte er zustimmend. »Frage aber auf alle Fälle Heinz über notwendige Vorsichtsmaßnahmen und riskiere nichts, hörst du? Und jetzt müssen wir die Toilette verstopfen. Wir dürfen nichts an einer Nachlässigkeit scheitern lassen. Such altes Zeitungspapier zusammen, das möglichst stark aufquillt, und mach alles, wovon es immer heißt, daß man es nicht darf. Nimm das WC im Erdgeschoß, damit du den Monteur unverfänglich in den Keller führen und dort ungestört mit ihm sprechen kannst.«

»Kindereien«, sagte Anne, aber Fritz überzeugte sie davon, daß in ihrer Situation Kindereien und Ernst gefährlich nah beieinanderlagen. Schweigend arbeiteten sie die nächsten zwanzig Minuten daran, die Toilette im Erdgeschoß in einen für einen Installateur glaubwürdig verstopften Zustand zu versetzen, bevor sie sich wieder zu Bett begaben.

Nachdem sie sich am nächsten Morgen lang und breit über den Defekt im Abfluß der unteren Toilette unterhalten hatten, rief Anne die ihnen durch den Werbebrief übermittelte Telefonnummer mit etwas klopfendem Herzen an, sobald Fritz das Haus verlassen hatte. Es meldete sich die angekündigte Firma. Anne teilte dem Mann den Defekt mit, und der versprach, in den nächsten Tagen den Monteur zu schicken. Anne bat, daß dieser Besuch schon heute stattfinden solle, da sie eine Reise nach Berlin beabsichtige und sonst tagsüber niemand zu Hause sei. Schließlich sagte der Mann zu, daß ein Installateur am späten Vormittag bei Seyfrieds vorbeikommen würde.

Um so überraschter war Anne, als sich bereits gegen zehn Uhr dreißig ein Mann sehen ließ. Er kam mit einem unscheinbaren Kleinwagen, trug einen fast neuen hellblauen Arbeitsoverall und einen gelben Plastikhelm und hatte keine Tasche bei sich. Er erklärte, er komme von der Firma Wallmann. Danach verlangte er den defekten Toilettenabfluß zu sehen. Anne führte ihn dorthin. Der Mann begutachtete den Schaden und sagte dann, dafür habe er nicht das notwendige Gerät mitgebracht.

»Aber ich habe Ihrem Chef doch genau gesagt, um was es sich handelt«, meinte Anne.

»Ja, wissen Sie«, erwiderte der Mann, »der hat mich nur über Funk erwischt, weil Sie es eilig gemacht haben. Ich hole mir die Spirale und komme noch einmal wieder.«

Der von der Installationsfirma Wallmann wirklich geschickte Mann kam über eine Stunde später. Auch er in einem blauen Monteuranzug, jedoch ohne Helm, dafür aber mit dem erforderlichen Arbeitszeug. Auch er ließ sich die Schadensstelle zeigen und machte sich sofort an die Arbeit.

Anne erwähnte, daß ja nun ein anderer Mann geschickt worden sei als der, der die Sache begutachtet habe.

Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, sagte der Handwerker: »Von uns ist kein Mann geschickt worden, Frau Seyfried. Das kann nur ein Irrtum sein. So … und jetzt zeigen Sie mir noch den Keller, wo das Rohr durchläuft.«

Im Keller zog der Installateur Notizbuch und Stift hervor und sagte: »Wir können hier nur wenige Minuten bleiben. Geben Sie mir bitte knappe Antworten, Frau Seyfried.« Er fragte Anne nach dem Zeitpunkt des Kontaktes, nach der Art, auf die man an Fritz herangetreten war, nach dem Aussehen und nach Besonderheiten des Agenten, der das gemacht hatte, und nach den Informationen, um die es ging.

Anne antwortete ihm, so gut sie es vermochte, mit Ausnahme aller Fakten, die den Tod des Majors Herbert Kayser betrafen. Denn bezüglich dieser Vorgänge, so hatte Anne mit ihrem Mann abgesprochen, sollte sie so lange schweigen, bis Klarheit darüber herrschte, ob es Fritz gelingen würde, sich zu entlasten. Als letztes stellte der Mann die Frage, ob Fritz Seyfried im Zusammenhang mit dieser Affäre jemals den Begriff Nachtfrost gebraucht habe.

»Nachtfrost?« sagte Anne. »Nein, ich glaube, das Wort hat mein Mann noch nie verwendet. Weshalb fragen Sie danach?«

»Es wäre am besten, wenn Sie dieses Wort wieder vergessen würden«, antwortete er. »Aber Sie sind bei uns an der richtigen Adresse. Sagen Sie Ihrem Mann, daß er sich so verhalten soll, als ginge er auf die Sache ein, weil ihm gar nichts anderes übrigbleibt.«

»Das hat er bisher auch schon getan.«

»Das war richtig. Wir schalten uns zum notwendigen Zeitpunkt wieder ein. Er soll mit niemandem mehr über diese Sache sprechen. Auch und gerade nicht in seinem Amt.«

»Ich nehme an, Sie werden den Burschen mit dem Hund verhaften, sobald er sich wieder an meinen Mann wendet?«

»Das werden wir nicht tun, Frau Seyfried. Hinter dem Burschen mit dem Hund stehen andere Männer. Und auf die kommt es uns an.«

»Aber das kann doch gefährlich werden.«

»Diese ganze Sache ist gefährlich. Ihr Mann muß Vertrauen zu unserer Umsicht und unserer Erfahrung haben.«

Der Mann verließ das Haus ebenso unverdächtig, wie er es betreten hatte, nachdem er Anne einen Personal-Leistungsschein hatte unterschreiben lassen.

Als er fortfahr, bemerkte Anne, daß der Lieferwagen, mit dem er gekommen war, tatsächlich den Schriftzug der Installationsfirma Wallmann & Sohn trug.

Mit dem Verschwinden des Kombiwagens war für Anne der Zeitpunkt gekommen, mit ihrer Schwester Friska in Berlin zu sprechen.

Am Abend sprach sie sich auf die gewohnte Weise mit Fritz ab und berichtete ihm von dem Besuch am Vormittag.

»Dann haben wir jetzt Zeit bis kurz vor meinem Flug zu den Stahlwerken nach Herne«, sagte er und überprüfte seinen Kalender.

»Das sind knapp drei Wochen.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Anne.

»Aber begib dich nicht in Gefahr«, bat Fritz. »Sprich alles, was du tust, mit Heinz ab.«

»Fritz«, sagte sie, »hast du im Zusammenhang mit dieser Affäre jemals das Wort Nachtfrost gehört?«

»Nachtfrost? Nein«, erwiderte Fritz. »Warum willst du das wissen?«

»Der Mann wollte es wissen. Und er fügte hinzu, ich sollte dieses Wort so schnell wie möglich vergessen.«

Fritz sah seine Frau eine Weile an. »Im Gegenteil«, sagte er. »Merke dir dieses Wort gut. Und wenn du irgendwann daraufstößt, sieh dich vor.«

Am nächsten Tag saß Anne Seyfried in der zweiten Morgenmaschine nach Berlin-Tegel. Heinz erwartete sie am Gate. Anne fand es besser, ihn nicht schon jetzt über den wahren Grund ihrer Reise aufzuklären.

Er brachte Arme nach Kohlhasenbrück, wo sie wohnten, und fuhr anschließend in seine Kanzlei.

Das spitzgiebelige Haus, das Heinz und Friska bewohnten, bot Geborgenheit und Wärme. Es war in den dreißiger Jahren gebaut worden und strahlte Behaglichkeit aus. Das ebenerdige Wohnzimmer stand voller Bücher. Hier klärte Anne ihre Schwester bei mehreren Gläsern trockenem Martini über den wirklichen Grund ihres Besuches auf — ohne dabei jedoch schon die ganze Geschichte ihres Mannes preiszugeben.

Wie immer, wenn Friska etwas aufregte, bekam sie Hunger. In der Küche machten sich die beiden Frauen Spiegeleier und Bratkartoffeln. Das habe sie ja alles gar nicht gewußt, sagte Friska kauend. Sonst hätte sie Papa nicht zum Abendessen eingeladen. Aber jetzt konnte sie ihn natürlich auch nicht wieder ausladen, denn sonst müßte sie ihm den Grund erklären. »Dann müssen wir eben über uns ergehen lassen, zwei Stunden zu politisieren«, fügte sie hinzu. »Aber danach wird Heinz dir sicher helfen, soweit er kann.«

Heinz Pankraz kam kurz nach sieben und brachte den alten Herrn gleich mit.

Friska hatte das Abendessen schon vorbereitet, und sie saßen um den runden Tisch und ließen es sich schmecken.

»Heinz will den Kamin schüren«, sagte Friska nach dem Essen. »Laßt uns rübergehen.«

»Mein Weinglas nehme ich aber mit, um es auszutrinken«, meinte der alte Herr. »Danach ruf mir bitte ein Taxi. Ich will frühzeitig nach Hause.«

Heinz Pankraz kämpfte eine Weile mit dem feuchten Holz, bis der Kamin brannte. Eine halbe Stunde blieb der alte Hobarth noch, dann brach er auf. Friska bestellte ein Taxi und brachte ihren Vater hinaus, als der Fahrer läutete.

Als Friska zurückkam, hatte ihr Mann sich eine Kaschmirweste übergezogen und seine Pfeife angezündet.

»Also Anne, schieß los«, sagte sie. Und zu Heinz gewendet: »Was du jetzt hören wirst, Heinz, hättest du dir nicht träumen lassen.«

Heinz Pankraz schob die Pfeife in den anderen Mundwinkel. »So schlimm wird’s schon nicht sein.« Er sah seine Schwägerin aufmerksam an. »Ist etwas mit Fritz?«

»Es ist etwas mit Fritz«, antwortete Anne. »Ob du es glaubst oder nicht, er ist in eine Spionageaffäre verwickelt worden.«

Nun nahm der Anwalt seine Pfeife aus dem Mund und sah Anne mit zurückhaltendem Staunen an. »Das glaubst du doch selber nicht«, brachte er endlich heraus.

»Es geht um Verschlußsachen aus seinem Amt«, erklärte Anne. »Um die Panzerung der nächsten Leopard-Generation, sagt er. Wir können uns in unseren eigenen vier Wänden nicht mehr offen unterhalten und müssen uns nachts in den Heizungskeller schleichen, wenn wir es tun wollen. Wir sind mit unseren Nerven schon fast am Ende.«

»Warum geht Fritz nicht zum nächsten Polizeirevier und meldet es? Er ist doch normalerweise ein entschlossener Charakter.«

»Leider ist alles viel komplizierter«, sagte Anne. »Aus diesem Grund bin ich auch hergekommen. Wir brauchen deinen juristischen Rat. Es geht schon damit los, daß Fritz gar nicht Fritz heißt, auch nicht Seyfried, sondern Henning von Loßwitz. Und damit, daß er in den beiden letzten Kriegsjahren Obersturmführer in der Waffen-SS und Ritterkreuzträger war und am 14. Januar 1945 einen deutschen Generalstabsmajor erschossen hat, mit dem er bei einer Brückensprengung in Konflikt geraten war.«

Heinz Pankraz sah seine Schwägerin sprachlos an. Auch Friska wendete sich überrascht ihrer Schwester zu.

»Und das haben die ausgegraben und erpressen ihn damit?« fragte der Anwalt schließlich.

»Ja«, erwiderte Anne.

»Was hat denn die Sache mit dem deutschen Major auf sich? Du mußt mir alles erzählen, was du weißt.«

Anne begann mit ihrem Bericht. Sie benötigte fast zwei Stunden, bis sie alles wiedergegeben hatte — bis zu dem Augenblick, als die Brücke in die Luft geflogen war.

»Also in den Rücken«, sagte Heinz nachdenklich. »Für den, der die Sache nach den äußeren Tatumständen beurteilt, liegt danach ein klarer Mordfall vor. Heimtückisch aus niedrigen Beweggründen … Das sieht ziemlich übel für Fritz aus. Aber du wolltest noch weiter erzählen, Anne.«

Nun berichtete Anne Seyfried, wie sie auf den Gedanken gekommen war, den Jungen ausfindig zu machen, und wie es ihr tatsächlich geglückt war, über den Verbleib des Kindes etwas in Erfahrung zu bringen. Sie zog die beiden Postkarten hervor und reichte sie ihrem Schwager.

Der Anwalt beugte sich vor, um sie im Licht der Stehlampe sorgfältig und genau zu lesen.

Schließlich lehnte er sich wieder zurück. »Wenn du diesen Mann wirklich findest«, sagte er, »und wenn er bereit ist, so könnte das an der Sache eine ganze Menge ändern.«

Anne atmete hörbar auf.

»Du darfst nicht zu früh hoffen, Anne«, sagte Pankraz. »Aber nehmen wir einmal das Günstigste an — Fritz war in einer ausgesprochenen Notstandssituation. Allerdings — die Notstands- oder Notwehrsituation muß derjenige beweisen, der sich auf sie beruft. Und die da drüben werden wissen, daß das ziemlich schwierig für Fritz werden dürfte.«

»Fritz meint, daß sie sich jemand gekauft haben, der gegen ihn einen Meineid schwört«, sagte Anne.

Pankraz nickte. »Damit hat er wahrscheinlich recht.«

»Er meint aber, daß das nicht gelingen könne, wenn wir jemanden finden, der seine Darstellung bestätigt. Er meint, auf den Prozeß könnte er es ankommen lassen, wenn er sicher ist, sich entlasten zu können.«

»Auch damit hat er recht, Anne«, sagte der Anwalt. »Aber was ist, wenn ihr diesen Mann nicht findet? Oder wenn er nicht bereit ist auszusagen? Oder wenn er nicht kann?«

»Wieso nicht kann?« sagte Anne. »Eine Zeugenaussage kann doch jeder machen.«

Heinz Pankraz zog die beiden Postkarten auseinander und hielt Anne die eine von ihnen hin. »Hast du dir das genau durchgelesen, Anne? Der Mann ist drüben … Selbst wenn du ihn finden würdest, ist es sehr zweifelhaft, ob die ihn in einem westdeutschen Strafprozeß auftreten ließen. Zumal es immerhin um einen Offizier der Waffen-SS geht. Was macht Fritz also, wenn ihr nicht mit einem Zeugen rechnen könnt?«

»Dann wird er tun, was diese Leute von ihm verlangen, wenn er keine Möglichkeit sieht, die Wahrheit zu beweisen.«

»Um Himmels willen«, sagte Friska, »das darf doch einfach nicht passieren. Kann Fritz nicht einfach hingehen — ich meine, zu einem Gericht oder zu einem Staatsanwalt — und denen alles sagen und um eine Aussetzung der Strafverfolgung bitten?«

»Das würde heißen, daß Fritz Vertrauen zu einer Strafbehörde aufbringen müßte«, entgegnete der Anwalt.

»Was hat das mit Vertrauen zu tun?« fragte Friska.

Heinz Pankraz antwortete: »Wenn jemand erpreßt wird, dann kann die Staatsanwaltschaft von der Strafverfolgung eines Delikts, mit dem er erpreßt wird, absehen, wenn nicht wegen der Schwere der Tat eine Sühne unerläßlich ist. Du bist doppelt vom persönlichen Ermessen eines beliebigen Juristen abhängig. Er kann die Strafverfolgung aussetzen, aber muß es nicht. Im Fall von Fritz kann die Frage, ob seine Tat so schwer war, daß — immer nach Ansicht des Staatsanwaltes, wohlgemerkt — eine Sühne unerläßlich ist, nur entschieden werden, wenn ein Verfahren gelaufen ist. Wenn also das geschieht, was wir nicht wollen. Ich kenne keinen Staatsanwalt, dem ich dieses Problem anvertrauen möchte. Nein, nein, eure größte Chance wäre, zu einer Aussage dieses Jost Marschal zu kommen. Wenn ihr das sicher habt, könnt ihr den Prozeß riskieren. Sonst nicht.«

»Dann fahre ich morgen rüber in den Ostteil«, sagte Anne, während sie die beiden Postkarten, die Pankraz ihr zurückgegeben hatte, wieder in die Handtasche schob. »Wie fange ich das an?«

»Indem du einfach durch die Grenzübergangsstelle gehst«, erklärte Friska. »Mit deinem westdeutschen Paß brauchst du für einen Eintagesausflug keine Formalitäten zu erfüllen. Nachts um zwölf mußt du nur wieder im Westteil sein, und du darfst kein Geld mit herausnehmen.«

»Stell dir das trotzdem alles nicht so leicht vor«, warf der Anwalt ein. »Schließlich bewegst du dich dort auf dem Boden eines Polizeistaates — und du stellst Nachforschungen in einer sehr heiklen Angelegenheit an. Du mußt dich also so unauffälhg wie möglich benehmen. Wenn du etwas falsch machst, kannst du in recht unangenehme Situationen kommen. Am besten nehme ich dich morgen früh im Wagen mit in die Stadt und setze dich an der richtigen Stelle ab.«

___________

Das Frühstück am nächsten Morgen war um Viertel vor acht. Eine halbe Stunde später saß Anne neben Heinz Pankraz im Wagen auf dem Weg ins Zentrum. Im Bezirk Tiergarten bog Heinz auf die Fahrbahn am Landwehrkanal ein, wo sie nach kurzer Fahrt die Potsdamer Brücke erreichten. Er blieb auf dem südlichen Ufer des Kanals, den er erst an der übernächsten Brücke kreuzte. Von dort aus ging es hinüber zur Sektorengrenze und dann entlang den mit Inschriften bemalten Quadern der Mauer. Sie kreuzten die Friedrichstraße und erreichten nach wenigen Minuten den reizlosen Moritzplatz.

Hier ließ Heinz Pankraz seine Schwägerin aussteigen und erklärte ihr den Weg.

Dieser Weg führte vorbei an einer Baracke westlicher Grenzpolizei auf eine Lücke in der Betonmauer zu. Anne Seyfried durchschritt die Mauer, danach die Sperren. Ein Grenzpolizist forderte ihren Ausweis.

Sie stand einige Minuten an einem Schalter, um Geld umzuwechseln, danach an einem anderen, um ihren Paß wieder in Empfang zu nehmen.

Ein zweiter Grenzpolizist prüfte ihn, verglich wiederholt mit mißtrauisch auf ihr Gesicht gerichteten Blicken dieses mit dem Paßfoto und wies ihr, nachdem er ihr das Dokument und die in ihm liegenden Informationspapiere übergeben hatte, den Weg zu dem rückwärtigen Ausgang der Grenzübergangsstelle. Dort prüfte ein dritter Grenzpolizist ihren Paß zum letzten Mal, wünschte ihr stereotyp einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR und ließ sie passieren.

Nachdem Anne einige Minuten in Richtung Innenstadt gegangen war, sah sie am Bordstein eines der in hechtgrauer Farbe gespritzten Taxis stehen. Sie blieb stehen und fragte den Fahrer, ob das Taxi frei sei.

Der Mann nickte. Anne stieg ein und zog die Tür zu.

»Wo soll’s denn hingehen, junge Frau? Zum erstenmal hier bei uns im Arbeiter- und Bauernstaat?«

Anne schmunzelte. Das war ein Berliner Taxifahrer, wie er ihr ebensogut drüben auf der anderen Seite der Mauer hätte begegnen können.

»Gibt es hier ein Einwohnermeldeamt?« fragte sie ihn, und der Mann sah sie erstaunt an.

»Und ob es hier ein Meldeamt gibt, junge Frau. Wollen Sie dorthin?«

»Ja, ich brauche eine Adresse«, sagte Anne.

Der Mann nickte, ließ den Motor an und legte den Gang ein. »Sie müssen aber vorsichtig sein«, sagte er nach einiger Zeit. »Hier bei uns gibt es jede Menge Leute, die Westverbot haben. Es könnte sein, daß Sie die Leute in Schwierigkeiten bringen, wenn Sie auf dem Meldeamt nach ihnen fragen. Zu wem wollen Sie denn?«

Anne öffnete ihre Handtasche und zog die vergilbten Postkarten hervor. Sie nannte dem Mann die Adresse: Stöttnerstraße 14, Rückgebäude, zweiter Stock.

»Das ist oben am Prenzlauer Berg«, sagte der Mann. »Haben Sie sich da auch nicht geirrt, junge Frau?«

»Nein«, sagte Anne. »Warum meinen Sie?«

Das sei nicht gerade die feinste Gegend in der Hauptstadt der DDR, antwortete der Fahrer. »Ziemlich alte Kästen und stehengeblieben von früher. Soll ich Sie da erst mal hinfahren? Vielleicht kriegen Sie was raus, ohne daß Sie zur Polizei müssen.«

»Aber die Adresse ist fast dreißig Jahre alt«, sagte Anne zweifelnd.

»Versuchen können wir es trotzdem.«

Anne war einverstanden, und der Mann steuerte den Wagen quer über die Karl-Marx-Allee und durch die Hans-Beimler-Straße nordwärts in Richtung Prenzlauer Berg. Nach etwa zwanzig Minuten hielt er vor dem Haus Stöttnerstraße 14 an. Anne blickte durch das Wagenfenster auf vierstöckige Mietskasernen, von deren Fronten der Verputz in großen Platten abgesprungen war. Unter den Balkonen fehlten Gesimseteile, leere Wäscheleinen baumelten im Wind.

Anne zog aus ihrer Handtasche einen größeren Geldschein in westdeutscher Währung hervor und steckte ihn dem Fahrer zu, während sie ihn bat, hier auf sie zu warten. Der Mann strich den Geldschein sorgfältig glatt und legte ihn wie einen Schatz zwischen die Seiten seines Fahrtenbuches.

Sie stieg aus. Die Namensschilder befanden sich in der Durchfahrt, daneben hingen Briefkästen. Anne überflog die Namen. Der, den sie suchte, war nicht dabei. Sie durchquerte den Hof. Aber auch im Hausflur des Rückgebäudes fand sie weder Marschal noch Wentzell irgendwo verzeichnet. Dennoch stieg sie die vier Treppen nach oben, um sich an den Wohnungstüren selbst zu überzeugen. Jedoch war auch dieser Versuch vergeblich.

Im obersten Stockwerk läutete Anne an einer der beiden Wohnungstüren. Eine noch junge Frau in ordentlicher Kleidung, die gerade dabei war, sich ihre Lockenwickler aus dem Haar zu entfernen, öffnete die Tür.

Anne nannte ihren Namen und fragte nach Jost Marschal oder Wentzell.

»Der wohnt nicht hier. Der hat auch in den letzten fünf Jahren nicht hier gewohnt, so lange leben wir nämlich schon in diesem Haus. Aber unten, im ersten Stock rechts, wohnt Frau Elisabeth Butte. Das ist eine alte Dame, die schon seit vor dem Krieg hier wohnt. Die müßte etwas darüber wissen. Warten Sie, ich gehe eben mit Ihnen runter.«

Die junge Frau nahm ihren Wohnungsschlüssel vom Brett. Dann trat sie zu Anne ins Treppenhaus und begleitete sie hinunter in den ersten Stock. Dort läutete sie an der Tür, auf der der Name E. Butte stand. Als sie geöffnet wurde, spannte sich die vorgelegte Sperrkette. Frau Butte war mindestens achtzig Jahre alt. Sie hatte matte, hellgraue Augen und feine schlohweiße Haare.

»Ich bin’s nur, Frau Butte«, sagte Annes Begleiterin. »Ich bringe Ihnen eine Dame, die gern eine Auskunft von Ihnen gehabt hätte.«

Das Mißtrauen schwand ein wenig aus den Augen der alten Frau. »Ach, Sie sind’s, Frau Jung. Kommen Sie nur herein. Und Sie auch …« Die Tür wurde ganz geöffnet. Frau Jung verabschiedete sich wieder.

Frau Butte führte Anne in eine einfache Wohnküche, nötigte sie, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst auf die Kante des Stuhls. Womit sie Anne denn nun helfen könne?

Anne stellte auch ihr die Frage nach Jost Marschal oder Wentzell. Dabei zog sie die Postkarten des Jungen aus ihrer Handtasche und reichte die spätere von ihnen Frau Butte. Die alte Frau setzte umständlich ihre Brille auf und las Text und Absender der Karte.

»Ja, an den Namen Wentzell erinnere ich mich. Damals, als alles zusammenbrach, rückten die Freunde, so haben wir nämlich die Russen zu nennen, hier ein. Und dann fingen die Freunde an, von drüben die alten Kommunisten einzufliegen, denen sie leitende Posten zuschanzen wollten. Und die mußten dann ja bevorzugt untergebracht werden. Da waren natürlich auch Idealisten dabei. Zu denen hat der Max Wentzell gehört. Und dann war plötzlich auch dieser Junge da. Den hat er schließlich adoptiert.«

»Und das war Jost Marschal?« fragte Anne.

»So wie es hier steht, ja.«Die Frau gab Anne die Karte zurück.

»Und bis wann hat Max Wentzell mit dem Jungen hier gewohnt?« fragte Anne.

»Ja, warten Sie mal …« Frau Butte dachte nach. »Der Junge hatte dann eines Tages Uniform an, kasernierte Volkspolizei hieß das zuerst, dann später Volksarmee. Da war er nur noch selten hier. Der Wentzell ist dann nach einer Nierenoperation in der Charité gestorben. Vielleicht bis ‘55 oder ‘56. Später habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Und wo er hingezogen ist, Frau Butte, wissen Sie das?«

»Nein«, sagte die alte Frau. »Aber ich hoffe, daß Sie ihn finden werden.«

Schweren Herzens verließ Anne die Wohnung der alten Frau. Geduldig wartete draußen das hechtgraue Taxi. Anne fuhr zurück in die Innenstadt. Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Fahrer an.

»Na, dann wünsche ich Ihnen recht viel Erfolg mit Ihrem Jost Marschal, junge Frau«, sagte er und ließ das Wechselgeld in ostdeutscher Mark, das Anne ihm wieder zuschob, in seine Jackentasche klimpern. Er sah Anne nach, als sie entschlossenen Schrittes in dem Gebäude verschwand, vor dessen Portal ein Volkspolizist hin und her wanderte.

Anne suchte auf der Orientierungstafel nach der Meldestelle. Die befand sich im ersten Obergeschoß. Sie stieg die breite steinerne Treppe empor und betrat einen größeren, durch hölzerne Pultbarrieren unterteilten Raum, über deren einzelnen Arbeitsplätzen Pappkartons die Anfangsbuchstaben der Namen anzeigten, die hier verwaltet wurden. Anne begab sich zu dem Platz, über dem sie den Buchstaben W entdeckte.

Hinter diesem Schalter saß eine vollbusige Frau mit einem schwarzen Haarwust auf dem Kopf, die nach einiger Zeit wortlos und fragend zu Anne hochsah.

»Ich hätte gerne die jetzige Adresse eines Herrn Jost Wentzell gewußt«, sagte Anne. »Seine letzte Adresse war Stöttnerstraße 14.«

Die Frau rollte sich den Karteiwagen näher heran und begann zu suchen. Anne blickte sich im Saal um und bemerkte dabei auch eine zweite, unscheinbare Angestellte, die der Vollbusigen gegenüber saß geduckt wie eine kleine graue Maus. Sie warf verstohlen ab und zu einen Blick durch ihre nickelgeränderte Brille. Anne lächelte ein wenig und senkte grüßend den Kopf, während die Frau sofort wieder ihren Blick auf das Papier richtete, das sie bearbeitete. Anne hörte die Stimme der Vollbusigen. Sie hielt eine Karteikarte in der Hand.

»Darf ich Sie fragen, was Sie von Herrn Wentzell wünschen? Wentzell-Marschal übrigens.«

Anne beschlich ein beunruhigendes Gefühl, als sie die kalten Augen der Frau sah. »Ich möchte nur seine jetzige Adresse wissen«, antwortete sie.

»Sie sind doch aus dem Westen, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Anne. »Aus Westdeutschland, warum?«

»Woher haben Sie den Namen des Herrn Wentzell?« fragte die Frau. »Wie kommen Sie dazu, sich darum zu kümmern, wo er wohnt?«

»Es geht um eine ziemlich alte Sache«, sagte Anne und reichte der Frau Jost Marschals Postkarten über den Tresen. »Ich möchte nur eine Auskunft von ihm haben.«

Die Frau las aufmerksam, was auf den Karten stand. »Die Karten sind an Herrn Ansgar Gottwald gerichtet. Sind Sie Frau Gottwald?«

»Nein«, sagte Anne. »Mein Name ist Seyfried.«

»Wie kommen Sie dann zu diesen Karten?«

»Ich sagte Ihnen doch schon, daß das ziemlich kompliziert ist, es ist eine rein private Angelegenheit«, murmelte Anne. »Können Sie mir nicht endlich die neue Anschrift geben?«

Die Frau erhob sich und schob den Drehstuhl zurück. »Sie müssen ein paar Minuten warten«, sagte sie zu Anne. »Dort drüben ist eine Bank. Sie werden aufgerufen!« Mit diesen Worten wendete sie sich um, ging zwischen den Arbeitstischen hindurch und verschwand durch eine Tür.

Anne spürte den Blick der kleinen grauen Maus teilnahmsvoll auf sich gerichtet. Sie lächelte der Maus noch einmal zu und ging dann hinüber zu der Holzbank.

Es verging fast eine Viertelstunde, bis Anne die Frau wieder erblickte. Sie winkte Anne, ihr zu folgen. Anne erhob sich, durchschritt eine Tür und dann einen kurzen Flur. Die Frau öffnete eine Tür und ließ Anne in ein Büro vorangehen.

In diesem Büro befanden sich zwei Männer. Der eine von ihnen war in Zivil, hatte ein fliehendes Kinn und blondes, glatt zurückgekämmtes Haar über abstehenden Ohren und trug eine dunkle Hornbrille.

Der andere war ein Volkspolizist in zu kurzen Stiefeln und zu kurzem Mantel. Der Blonde saß hinter seinem Schreibtisch, der Uniformierte stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen in einer Ecke und beobachtete den Vorgang.

»Das ist sie, Genosse Amtsvorsteher«, sagte die Vollbusige.

»Es ist gut, Genossin Angerer. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit.«

Arme hörte das Klappen der Tür. Der Blonde erhob sich, reichte Anne die Hand über den Schreibtisch und nannte seinen Namen, den sie sich nicht merkte. Er wies flüchtig auf einen der beiden Holzstühle, die vor dem Schreibtisch standen, und Anne setzte sich. »Frau Seyfried, wenn ich richtig gehört habe?«

Anne bejahte. Der Amtsvorsteher hielt die Postkarten Jost Marschals zwischen den Fingern und las sie noch einmal durch. »Und Sie interessieren sich für den Genossen Jost Wentzell-Marschal?«

»Ja«, sagte Anne.

»Und was möchten Sie gerne von dem Genossen Wentzell-Marschal wissen, Frau Seyfried?«

»Ich möchte ihn um Auskunft über persönliche Angelegenheiten bitten, über ein Ereignis, das im Januar 1945 stattgeunden hat.«

Der Amtsvorsteher nahm die Karteikarte, die vor ihm lag, in die Hand und sagte staunend: »1945 war Wentzell-Marschal noch ein Kind. Haben Sie Herrn Wentzell-Marschal jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen?«

»Nein«, sagte Anne.

»Wissen Sie irgend etwas Näheres über ihn? Über seinen Beruf, über sein Aufgabengebiet?«

»Nichts«, antwortete Anne. »Ich wußte nicht einmal, ob er noch lebt.«

»Und glauben Sie wirklich, daß Ihnen der Genosse Wentzell eine Auskunft zu Ereignissen geben kann, die er als Kind erlebt hat?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe es«, sagte Anne.

»Sehen Sie, Frau Seyfried«, der Amtsvorsteher faltete die Hände vor sich auf der Schreibtischplatte, »uns sind hier in gewisser Weise die Hände gebunden. Wir haben bestimmte gesetzliche Vorschriften für die Staatssicherheit, die wir beachten müssen. Ich kann Ihnen in dieser Sache leider nicht helfen.«

»Es ist aber sehr wichtig, daß ich mit ihm spreche«, wiederholte Anne entmutigt. Der Amtsvorsteher hob bedauernd die Schultern.

Der Volkspolizist trat an Anne heran. »Sie sind heute aus Berlin-West eingereist, Frau Seyfried?« Anne nickte. »Bitte, weisen Sie Ihre Ausweis- und Reisepapiere vor.«

Anne zog ihren Reisepaß hervor, in welchem auch die Einreisepapiere lagen, die man ihr am Grenzübergang ausgehändigt hatte. Der Polizeibeamte verglich lange das Paßfoto mit Annes Gesicht und die Einreisepapiere mit den Angaben im Paß. Schließlich reichte er Anne den Reisepaß zurück. Der Amtsvorsteher öffnete Anne die Tür.

»Kann ich bitte die Karten von Jost Marschal zurückbekommen?« bat Anne.

Der Amtsvorsteher zögerte. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte er dann. »Wir werden diese Karten dem Genossen Wentzell-Marschal übermitteln. Und wenn er es für zweckmäßig hält, wird er sich selbst mit Ihnen in Verbindung setzen.« In diesem Augenblick läutete schrill durch das ganze Gebäude die Glocke. »jetzt müssen Sie sich aber beeilen«, sagte der Amtsvorsteher. »Sonst müssen Sie bis vierzehn Uhr dreißig hier im Haus bleiben. Und das werden Sie kaum wollen.«

Als Anne die Schalterhalle durchschritt, befanden sich fast alle Angestellten in der Mittagspause. Einzig die kleine graue Maus hockte vor ihren Akten, und es schien Anne, als gebe sie ihr ein Zeichen. Anne durchquerte die Halle und beugte sich über die Barriere. Unruhig ließ die kleine Frau ihre furchtsamen Augen hin und her wandern. »Stellen Sie keine Fragen, meine Dame«, flüsterte sie hektisch. »Prägen Sie sich ein: Strausberg, General-Tschuikow-Kaserne.«

Anne war so aufgeregt, daß sie sich anschickte, trotz der Warnung der Maus eine Frage an sie zu richten. Aber ein kurzes energisch abwehrendes Kopfschütteln der kleinen Frau hielt sie zurück. »Sie tut sich immer dick mit ihrer Linientreue, die Angerer«, fuhr die Maus fort. »Es macht mir Spaß, ihr mal eins auszuwischen. Jetzt gehen Sie. Und merken Sie sich: Strausberg, General-Tschuikow-Kaserne.«

Die Maus blätterte in ihren Papieren, als hätte sie nie mit irgend jemandem gesprochen. Anne durchquerte die Halle und kam durch die Schwingtür ins Treppenhaus. Unten im Vestibül kam ihr der Volkspolizist entgegen.

»Auf welcher Dienststelle sind Sie gewesen?« fragte er.

»Ich war bei dem Vorsteher des Meldeamtes«, erwiderte Anne.

»Warten Sie«, sagte der Uniformierte und begab sich in die glasumkleidete Pförtnerkabine. Anne sah ihn den Telefonhörer aufnehmen, eine Nummer wählen und dann mit jemandem sprechen. Endlich legte er auf, verließ die Loge und schloß das Portal auf. »In Ordnung, meine Dame«, sagte er, als er Anne hinausließ. »Und Weiterhin noch einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR.«

Die Stimmung dieses Wintertages schien Anne Seyfried, als sie hinaus auf die Straße trat, noch trostloser als vorher. Niedergeschlagen machte sie sich auf den Weg zurück zu dem Grenzübergang, durch den sie West-Berlin wieder betreten mußte.

Sie absolvierte die Formalitäten und hielt erschöpft auf der anderen Seite der Sperrmauer ein Taxi an, dessen Fahrer erfreut zur Kenntnis nahm, daß Anne bis in den äußersten südwestlichen Winkel der Stadt wollte.

In Kohlhasenbrück angekommen, sehnte sich Anne zuerst nach einem heißen Bad und dann nach einer Stunde Ruhe. Als sie zum Abendessen in einem Kaminkleid mit langem Rock nach unten kam, war Heinz Pankraz schon zu Hause. Sie sprachen fast ausschließlich über das, was Anne an diesem Tag erlebt hatte.

»Das erste und das wichtigste«, sagte der Anwalt, »ist, daß Marschal überhaupt noch am Leben ist. Und daß er auch zu finden ist. Das zweite‘ daß es nicht so leicht zu sein scheint, ihn zu sprechen. Hattest du den Eindruck, daß das Mißtrauen auf der Meldebehörde auf der Nennung des Namens beruhte oder auf einem Vermerk auf der Karteikarte?«

»Auf einem Vermerk«, sagte Anne. »Die Angerer wurde schlagartig anders, als sie die Karte in der Hand hatte.«

»Und es gehe um die Staatssicherheit, sagten sie?«

Anne nickte. »Vielleicht gehört er zu den Leuten mit Westverbot, wie die es ausdrücken. Dann wäre dieser Jost Wentzell-Marschal mit Gewißheit ein hohes Tier.«

»Bei denen hat so ziemlich jeder Huster etwas mit Staatssicherheit zu tun«, sagte Pankraz nachdenklich. »Hast du die Postkarte noch mal zur Hand, Anne?«

»Nein«, sagte Anne. »Ich habe sie denen leichtsinnigerweise gezeigt, und die haben sie behalten. Sie sagten, sie würden die Karte Wentzell-Marschal übermitteln. Und wenn er das für zweckmäßig hielte, würde er sich selbst mit mir in Verbindung setzen.« Anne schwieg einen Augenblick. »Aber das kann er gar nicht«, fuhr sie fort, »Denn die haben von mir nicht einmal eine Adresse.«

»Mein Gott, Anne, das wäre das wenigste. Sie haben deinen Paß gesehen, deinen Namen und deinen Wohnort notiert.«

Anne wurde plötzlich leichenblaß. »Dann kann es ja sein, daß ich Fritz viel mehr geschadet als genützt habe, Heinz.«

»Das kann durchaus sein«, meinte Friska. »Aber das konnten wir alle nicht wissen.«

»Doch«, sagte der Anwalt. »Wenn wir ein bißchen mehr auf die Formulierung auf der Postkarte geachtet hätten.«

»Du hast also nicht den geringsten Anhaltspunkt, Anne?« fragte Friska.

»Doch«, antwortete Anne. »Als ich durch die Schalterhalle zum Ausgang zurückging, machte mir die Frau, die der Angerer am Arbeitstisch gegenüber sitzt, ein Zeichen. Sie flüsterte mir zu, ich solle mir zwei Worte einprägen: Strausberg und General-Tschuikow-Kaserne.«

»Strausberg ist ein Städtchen, vielleicht dreißig Kilometer östlich von Berlin«, erläuterte Heinz. »Dort sitzen die obersten Kommandostellen der Nationalen Volksarmee und die Verbindungsstäbe zur Besatzungstruppe und zum Warschauer Pakt. Und Tschuikow hieß der General, der 1945 Berlin eingeschlossen und erobert hat. Ich möchte glauben, daß dein Jost Marschal in dieser Kaserne einen wichtigen Posten hat, Anne.«

»Dann muß ich versuchen, dorthin zu kommen, Heinz«, sagte Anne. »Ich muß diesen Mann finden und mit ihm selbst sprechen. In zwei bis drei Wochen muß ich den Zeugen haben, weil dann die Sache für Fritz brisant wird.«

»Aber Anne«, widersprach Friska, »an so etwas ist gar nicht zu denken. Nach Strausberg kannst du nicht in einem Tagesausflug mit deinem westdeutschen Paß kommen. Dorthin brauchst du eine persönliche Einladung und eine Bestätigung der dortigen Polizei. Dann kannst du ein Visum beantragen. Das alles dauert schon allein drei bis vier Wochen.«

»An Wentzell-Marschal kommst du mit ziemlicher Sicherheit nicht ran«, fuhr Heinz Pankraz fort. »Und selbst wenn, so lassen die doch nie einen Militär vor einem westdeutschen Gericht aussagen. Wir müssen außerdem damit rechnen, daß sie drüben deine Personalien notiert haben und früher oder später darauf kommen, daß du mit dieser Sache in Verbindung stehst, die für sie so wichtig ist. Es bleibt Fritz eigentlich gar nichts anderes übrig, als das Spiel der eigenen Nachrichtenleute mitzuspielen. Denn wenn er jetzt aussteigt und denen da drüben liefert, was sie haben wollen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis man ihn dafür zur Rechenschaft zieht. Daß die drüben diese Informationen haben, kann auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Und von wem sollen sie sie nach allem, was der BND von der Sache weiß, schon anders haben als von Fritz?«

»Aber denen ist ganz egal, was aus uns wird«, sagte Anne. »Denen geht es ausschließlich um die Sache.«

»Das kann sein«, sagte Heinz Pankraz. »Dennoch weiß ich im Augenblick keinen besseren Rat.«

Anne bemerkte, daß ihre Schwester sie nachdenklich ansah. Friska stand auf. »Aber ich weiß einen«, sagte sie. »Komm mal mit, Anne, dann zeig ich dir was.«

Anne stand ebenfalls auf und folgte Friska hinaus in die Diele. Dort hing über einer Konsole ein Wandspiegel. Friska schaltete das Deckenlicht ein, stellte sich vor den Spiegel und zog Anne neben sich.

»Wozu sind wir schließlich Schwestern«, sagte sie. »Sieh mal …«

Sie griff in Annes Haar und raffte es so nach hinten, daß die Ohren frei wurden.

Heinz Pankraz stand in der Tür. »Ihr seid verrückt!« rief er. »Das ist ein Risiko, das ihr nicht eingehen könnt.«

»Ich verstehe gar nichts«, sagte Anne.

»Sie will dich mit ihrem Berliner Personalausweis nach drüben schicken«, erklärte Pankraz trocken. »Mit dem kann sie nämlich einen Antrag für eine Fahrt nach außerhalb Berlins stellen. Das dauert keine drei Wochen, sondern nur drei Tage.«

»Hol mir deinen Ausweis, Friska. Aber rasch«, bat Anne.

»Ich warne euch«, mahnte Pankraz.

Friska brachte den Ausweis und schlug die Lichtbildseite auf. Anne verglich das Foto mit ihrem Gesicht im Spiegel.

»Ich bringe sie zu meinem Friseur, der färbt und schneidet ihr das Haar genau wie meines, da ist überhaupt nichts dabei.«

»Beim Haarefärben vielleicht nicht«, sagte der Anwalt. »Aber wenn du dann mit Friskas Papieren wegen einer heißen Sache bei denen dort drüben illegal einreisen willst, da ist schon etwas dabei. Ich verstehe dich nicht, Friska. Seit Jahr und Tag wohnst du in dieser Stadt, verfolgst die Tagespolitik. Du kennst diesen ganzen perversen Überwachungsapparat, den die drüben aufgebaut haben, und ermutigst deine eigene Schwester, da blindlings reinzutappen.«

»Du willst es Friska also verbieten?« fragte Anne trocken.

Heinz Pankraz antwortete: »Ich habe meiner Frau nichts zu verbieten. Friska ist ein erwachsener Mensch. Was dazu zu sagen ist, habe ich gesagt.« Er verließ die Diele und knallte die Tür hinter sich zu.

»Was sagst du dazu?« fragte Arme nach einer Weile ihre Schwester.

»Daß er recht hat.«

»Was würdest du an meiner Stelle tun?«

»Ich würde trotzdem fahren«, antWortete Friska dann. »Ich weiß, daß Fritz erledigt ist, wenn sie ihm das alles mit Erfolg anhängen. Ich würde versuchen, diesen Mann zu finden.«

8

Für Fritz Seyfried vergingen die Tage viel zu langsam. Sein Kalender über dem Schreibtisch wurde mehr und mehr für ihn zur Uhr, die nicht Monate, Wochen oder Tage, sondern allenfalls noch Stunden anzeigte.

Im Zusammenwirken mit dem Leiter seines Amtes und dem Ministerium auf der Hardthöhe war die Konferenz der NATO-Minister für Donnerstag, den 12. März, vorgesehen. Das bedeutete, daß sein Flug zu den Vereinigten Hütten nach Herne am Dienstag, dem 10. März, stattfinden mußte. Um seine Präsentation vor den Ministern zu vervollständigen und zu koordinieren, mußte er bis spätestens Mittwoch, den 4. März, im Besitz der Denkschrift über das Ergebnis des Testschießens sein.

Neben der Organisation der Geheimkonferenz galt es, auch die Tagesarbeit abzuwickeln, ohne daß in seinem Verhalten eine Veränderung erkennbar wurde. Das fiel ihm schwer, aber es glückte. Obwohl er seine gesamte Umgebung, vom Pförtner bis zum Amtschef, vom Nachbarn bis zum Postboten, mit geschärfter Aufmerksamkeit beobachtete, gab es nichts, was ihm als ungewöhnlich oder verdächtig aufgefallen wäre. Auch im Verhalten Hans Lockschmidts stellte er keine Veränderungen fest. Mit Lockschmidt besprach er die Einzelheiten der Reise nach Herne.

»Wir müssen das Material aus Herne am 11. März hier haben, damit es noch vervielfältigt werden kann«, sagte Seyfried.

»Wie hast du dir das gedacht?« fragte Lockschmidt. »Willst du selbst fliegen, oder willst du es holen lassen?«

»Ich fliege selbst«, antwortete Fritz. »Bei mir scheint das Zeug am besten aufgehoben zu sein. Wir werden uns auf eine Vervielfältigung des in Herne gespeicherten Materials vorbereiten müssen. Du kannst das schon mal mit dem Rechenzentrum abklären.«

»Gut«, sagte Lockschmidt und steckte seinen Schreibstift weg. »Das wäre im Augenblick alles. Was hörst du von Anne?«

»Nichts«, entgegnete Fritz. »Sie ist für ein paar Tage bei Heinz und Friska. Ich habe das Gefühl, daß ihr das recht gut tut.«

»Bei euch hat es in der letzten Zeit Spannungen gegeben, nicht wahr?« Lockschmidt schob seine Unterlagen zusammen und erhob sich.

Seyfried sagte: »Wir sind recht gute alte Freunde, Hans, aber Spannungen zwischen Anne und mir sollte ich mit ihr ausmachen.«

»Ich wollte mich nicht aufdrängen«, entschuldigte sich Lockschmidt.

»Ich weiß«, antwortete Fritz.

Nachdenklich sah Fritz Seyfried seinem Mitarbeiter nach, als dieser das Zimmer verließ. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, daß es vielleicht auch Hans Lockschmidt sein könnte, der skrupellos genug war, Anne und ihn in die schwerste Krise ihres Lebens zu stürzen.

Der Rest des Tages verlief wie Hunderte von anderen Tagen. Da er zu Hause allein war, blieb Fritz länger als gewöhnlich im Amt. Als es Zeit wurde, sich um die Hunde zu kümmern, war es meist schon ziemlich ruhig geworden. In dem marmorverkleideten Vestibül sah er Kullnau mit sorgenvollem Gesicht auf sich zukommen, als er das Haus verließ.

»Gut, daß ich Sie mal allein erwische, Herr Seyfried«, sagte der alte Pförtner.

Seyfried blieb stehen. »Was gibt es, Herr Kullnau?«

Der alte Mann druckste herum. »Ich wollte Sie schon seit einiger Zeit darauf ansprechen … Sie bearbeiten doch in Ihrem Büro auch vertrauliche Vorgänge, nicht wahr?«

»Ja, gewiß«, sagte Fritz verwundert. »Warum fragen Sie danach?«

»Es kommt mir manchmal So vor, als würde in Ihrem Zimmer herumspioniert, Herr Seyfried.«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Fritz. »Haben Sie denn Beobachtungen gemacht?«

»Ich bin schon ein alter Mann«, sagte der Pförtner. »Ich kann mich natürlich auch täuschen. Aber manchmal habe ich mir in der letzten Zeit eingebildet, ich hätte Lichtschein dort oben gesehen, vor allem, wenn ich bei meinen nächtlichen Runden durch den Garten komme und zufällig mal nach oben sehe.«

»Wie? Die Raumbeleuchtung etwa?« fragte Fritz.

»Nein«, sagte Kullnau. »Eher wie eine Taschenlampe oder auch ein Blitzgerät. Haben Sie denn noch nie irgend etwas Verdächtiges bemerkt?«

»Nein«, sagte Fritz. »Noch nie. Ich kann mir das auch gar nicht vorstellen. Wer noch im Haus ist, können Sie doch feststellen. Und anders als auf dem normalen Weg ist hier gar nicht hereinzukommen.«

»Das stimmt nicht, Herr Seyfried. Für den, der sich auskennt, gibt es mehr als einen Weg, in dieses Gebäude zu kommen.«

»Haben Sie das schon einmal mit dem Sicherheitsbeauftragten besprochen, Herr Kullnau?«

»Jawohl, Herr Lockschmidt weiß das und will auch Abhilfe schaffen.«

Wirre Gedanken schossen Fritz Seyfried durch den Kopf. Gedanken an Dutzende von Sekretärinnenfällen, wo Vertrauenspersonen Nachschlüssel und Minikameras besaßen und damit mehr oder weniger wichtige Dokumente fotografierten. Irgendwoher mußte Drohne die Einzelheiten der Arbeitsunterlagen seines Bereiches kennen. Demnach konnte Fritz bereits drei verschiedene Funktionsträger ausmachen: Drohne, einen zweiten, der ihm wahrscheinlich hier im Hause zuarbeitete, und einen dritten, der alles in der Hand hatte, das Ergebnis in Empfang nahm und zur Auswertung an seine Auftraggeber weiterleitete.

Um diesen dritten ging es den Leuten vom Bundesnachrichtendienst, die den Klempner zu Anne geschickt hatten. Mit der Bezeichnung Nachtfrost mußte der Drahtzieher gemeint sein. Und das war ein anderer als der, der möglicherweise mit Taschenlampe und Minikamera in seinem Büro zweitrangige Vorgänge abbildete.

»Gut, daß Sie mich darauf angesprochen haben, Herr Kullnau«, sagte Fritz. »Wenn Ihnen wieder etwas auffallen sollte, verständigen Sie mich.«

Kullnau grüßte und verschloß hinter Fritz Seyfried gewissenhaft die Tür. Wenn Kullnau recht hatte, überlegte Fritz, dann mußte er von Drohne schon in Kürze wieder angesprochen werden.

So geschah es auch. Und zwar bereits am folgenden Abend.

Fritz hatte nicht erwartet, daß der Mann ohne seinen Hund auftauchen würde. »Wo haben Sie denn Asta?« fragte er, als er den Fremden neben sich bemerkte.

»Ich brauche Asta nicht mehr«, sagte der andere. »Wir sind ja nun ins Gespräch gekommen. Wohin ist Ihre Frau verreist, Seyfried?«

»Warum fragen Sie eigentlich, wenn Sie es doch ohnehin schon wissen? Sie ist bei ihrer Schwester in Berlin, weil sie der Stimmung überdrüssig ist, die Sie uns ins Haus geliefert haben.«

Der Mann nickte. »Ich habe noch eine Frage an Sie. Was, glauben Sie, wird mit Ihnen geschehen, wenn Sie uns die gewünschten Details geliefert haben?«

»Ich nehme an, dann werden Sie mich in Frieden lassen.«

»Wie kommen Sie zu diesem Schluß, Seyfried?«

»Ganz einfach: Es ist nur eine einmalige Sache, die Sie von mir haben wollen, keine laufende Information. Wenn Sie haben, was Sie brauchen, werden Sie daran interessiert sein geheimzuhalten, daß Sie es haben. Sie können nicht daran interessiert sein, daß meine Verbindung zu Ihnen durch eine weiterhin aufrechterhaltene Erpressung herauskommt. Aus dem gleichen Grund können Sie an mir keinen Mord riskieren. Daß Ihre Auftraggeber meine Information tatsächlich besitzen, wird, wenn überhaupt, erst viel später bekanntwerden, wenn über das alles längst Gras gewachsen ist. Es ist für Sie also das Vernünftigste, Ihre Zusagen einzuhalten.«

»Das ist Ihre Begründung dafür, daß Sie bereit sind, unsere Bedingungen zu erfüllen?«

»So ist es.«

Der Fremde war äußerst zufrieden. »Sie lassen sich von der Vernunft leiten. Das ist sehr selten. Dafür habe ich eine gute Nachricht für Sie.«

»Und die wäre?«

»In zwei oder drei Wochen ist das alles für Sie erledigt. Sie werden bis zum 5. März im Besitz des Berichtes über das letzte Probeschießen sein und ab 10. März die Fertigungsunterlagen aus Herne in der Hand haben. Dazu kommen die verarbeitungstechnischen Verfahrensanweisungen für den Einbau der Panzerung in den Kampfwagen, die jetzt schon in Ihrem Tresor liegen. Von allen diesen Unterlagen werden in Ihrem Haus voraussichtlich Kopien für die Ministerkonferenz am 12. oder 13. März in Brüssel gefertigt. Hiervon brauchen wir je ein auf Mikrofilm genommenes Exemplar zu einem Zeitpunkt zwischen dem 11. und dem 13. März. Die genaue Zeit, der genaue Ort und die Übergabemodalitäten werden Ihnen durch den Fensterschlitz Ihres Wagens rechtzeitig zugeben. Hieran müssen Sie sich sehr genau halten.«

»Dann werden wir uns also bei der Übergabe zum letztenmal sehen?«

»Vermutlich«, sagte der Fremde. »Tut Ihnen das leid?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Fritz Seyfried und pfiff seinen Hunden.

»Ich habe mich fast ein bißchen an Sie gewöhnt.«

Dieses Mal blieb Drohne auf dem Waldweg stehen und sah Fritz nach, wie er mit Stoffel und Steffi zwischen den Bäumen davonschritt.

Nach einer Weile glaubte Fritz Seyfried in seinem Rücken ein sonderbares Geräusch zu hören. Er dachte, der Fremde habe ihm ein Zeichen gegeben, blieb stehen und wendete sich um. Aber er konnte den Mann mit der Brille nirgends mehr entdecken.

Am nächsten Morgen schlang Fritz Seyfried — wie immer, wenn seine Frau verreist war —- sein Frühstück in der Küche stehend herunter. Als er dabei nachdenklich durch das Fenster auf die Straße schaute, fuhren drei Polizeifahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Wald: ein normaler Funkstreifenwagen, ein Kastenwagen mit kriminalistischem Gerät und als letzter ein Transportwagen.

Er stellte die Kaffeetasse ab, ging nach draußen in die Garderobe und fuhr in den grüngrauen Parka. Er nahm die Hausschlüssel vom Haken, pfiff den Hunden und verließ mit ihnen das Haus. Oben im Wald bemerkte er schon aus der Ferne die Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen, ungefähr an der Stelle, wo er am vergangenen Abend geglaubt hatte, das sonderbare Geräusch zu hören.

Als er sich der Gruppe genähert hatte, sah er, daß Vermessungen vorgenommen und in der Dämmerung des Wintermorgens Blitzlichtaufnahmen gemacht wurden. Mitten auf dem Wege lag auf dem Rücken mit leicht gespreizten Beinen und verkrampften Händen die Leiche eines Mannes, dessen Mantel Fritz Seyfried sofort erkannte. Sein Gesicht war mit einem roten Gummituch zugedeckt.

Einige andere Bewohner der Häuser am Habichtsberg standen herum; ihren Gesprächen entnahm Fritz, daß die Polizei schon ziemlich früh durch einen Anwohner verständigt worden war, der beim Jogging den Leichnam entdeckt hatte.

Die Taschen des Mannes seien sorgfältig geleert gewesen, hieß es. Die Frage, ob irgend jemand aus der Nachbarschaft diesen Mann schon einmal gesehen hatte, hätte gar nicht erst gestellt werden können, weil der Mann mit einem stumpfgefeilten Projektil in das Gesicht geschossen worden und infolgedessen bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet war. Fritz Seyfried wurde von niemandem eine Frage gestellt.

Der Tote konnte auch späterhin nicht identifiziert werden. In einer Entfernung von einer Viertelstunde zu Fuß entdeckte man einen bei einer bekannten Firma gemieteten Leihwagen. Aber der Name des Mieters war falsch.

Am Tatort fand man weder Fingerabdrücke noch die Hülse der abgefeuerten Patrone, noch das Geschoß selbst. Auch Fußspuren waren nicht zu entdecken. Entweder hatte es keine gegeben, oder sie waren sorgfältig verwischt worden. Der Leichnam mußte auf Gemeindekosten bestattet werden.

9

Anne Seyfried gestand sich ein, daß sie Angst hatte. Sie trug den mit Pelz gefütterten Wildledermantel Friskas, dazu ihre Wollmütze. Die Ledertasche hing über ihrer Schulter. Sie hielt es für unauffälliger, nicht den Wagen ihrer Schwester zu benutzen, sondern die Grenze zu Fuß zu überschreiten. Anne war auf der westlichen Seite des Überganges Sandkrugbrücke aus einem Bus gestiegen und bewegte sich auf die Baracken des Übergangs zu.

Sie schritt direkt auf die verglaste Wachkanzel zu und passierte die Durchfahrt der Sperrmauer. Der Grenzbeamte unmittelbar dahinter überprüfte lediglich die Gültigkeit der Dokumente und bildete keine Gefahr. Er gab Anne den Personalausweis ihrer Schwester zurück und deutete auf die überdachte Durchfahrt, wo die Kontrolle der Identität und der Geldwechsel vollzogen wurden. Sie gab dem Beamten den Ausweis. Er gehörte zu der blassen, überkorrekten Sorte mit stechenden Augen.

Mit größter Sorgfalt hatte Anne sich unter Friskas Mithilfe im Frisiersalon ihrer Schwester das Haar genauso schneiden, tönen und legen lassen, Wie auch Friska es trug. Selbst Heinz Pankraz hatte zugeben müssen, daß eine glänzende Täuschung geglückt war.

Mit Erleichterung vermerkte Anne, daß auch der Blasse mit der kerzengerade auf dem dunklen Haar sitzenden Schirmmütze die Täuschung nicht durchschaut hatte. Er gab ihr den Ausweis zurück und legte die Hand an den Mützenschirm.

Die Zollkontrolle fand weiter hinten statt. Der dortige Beamte prüfte die Zettel, die Arme mit Friskas Hilfe schon vorgefertigt hatte. »Sie wollen nach Strausberg, Frau Pankraz?« Der Mann gab ihr die ineinandergesteckten Papiere zurück und sah sie interessiert an.

Anne lächelte. »Märkische Schweiz, es soll sehr hübsch dort sein.«

»Aber sicher«, sagte der Mann. »Ich stamme aus einem Dorfdort in der Nähe. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik.«

Anne umrundete die rot-weiß bemalten Sperrbalken und befand sich im Ostteil der Stadt. Zu Fuß ging sie die wenigen hundert Meter bis zur Chausseestraße. Dort hielt sie ein Taxi an und ließ sich zum Ostbahnhof fahren. Anne bezahlte, betrat die ebenerdig gelegene Schalterhalle und löste eine Rückfahrkarte nach Strausberg. Sie hatte Glück, denn der nächste Zug fuhr in etwas weniger als zehn Minuten. Sie stieg nach oben zu den Bahnsteigen und in einen der bereits wartenden Waggons ein. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung, rumpelte über eiserne Brücken, die stille Kanäle überspannten, und fuhr endlich über flaches, mit winterlich entlaubten Bäumen bestandenes Land, das allmählich hügeliger wurde. Auf einem Bahnhof namens Eggersdorf mußte sie umsteigen. Für den Rest der Strecke brauchte der Zug nicht mehr viel länger als eine Viertelstunde. In Strausberg herrschte reges Leben. Es schien vollgestopft zu sein mit feldgrau uniformierten Soldaten. Anne fand ein Taxi und fragte den Fahrer, ob er die General-Tschuikow-Kaserne kenne.

»Natürlich kenne ich die«, antwortete der Mann. »Wollen Sie etwa dorthin?«

Der Fahrer war ein noch junger Mann, nicht älter als fünfundzwanzig, schätzte Anne. Er trug eine sportlich karierte Schirmmütze mit einer flauschigen Bommel darauf. Er musterte Anne interessiert.

»Nicht von hier, was? Na, dann steigen Sie mal ein.«

Anne setzte sich neben ihn und zog die Tür zu. Der Mann fuhr los.

»Die Kaserne liegt aber ziemlich weit außerhalb«, sagte er. »Die lassen nicht gernejeden die Nase da reinstecken, verstehen Sie?«

»Mich interessiert nicht, was die dort machen«, sagte Anne. »Ich möchte jemanden besuchen.«

Der Mann warf ihr einen zweifelnden Blick zu: Noch nie war ihm jemand begegnet, der zu einem privaten Besuch in die Tschuikow-Kaserne wollte. Schon gar nicht eine Frau, die aus dem Westen kam.

Der Wagen ließ die letzten Häuser des Städtchens hinter sich. Die Fahrt ging jetzt durch eine sanfte Hügellandschaft. Nach einigen Kilometern dehnte sich links ein großer Gebäudekomplex in einer Geländemulde. Zahlreiche Bauten waren von einer stacheldrahtbewehrten Mauer umgeben, und in regelmäßigen Abständen erhoben sich Wachtürme. Die Straße weitete sich zu einem ausgedehnten Platz, auf dem zahlreiche zivile und militärische Fahrzeuge abgestellt waren. Die Mauer war durchbrochen von einer breiten Einfahrt. Im Hintergrund sperrte eine Schranke die Einfahrt, vor der ein bewaffneter Posten patrouillierte. Auf dem Platz vor dem Wachgebäude hielt der Taxifahrer an und nannte Anne den Fahrpreis. Anne hielt ihm einen aufgerundeten Betrag in Westmark hin.

»Dürfen Sie das so nehmen?«

»Nee, nee, gute Frau«, sagte der Mann. »Wir sind ein volkseigener Betrieb. Da müssen Bons und Kasse zusammenstimmen. Sie müssen mir das schon in der Landeswährung zahlen.«

Anne suchte also das Geld in Östlicher Währung zusammen und gab es ihm, fügte aber einen westlichen Schein hinzu. »Das dürfen Sie aber sicher annehmen.«

Der Mann dankte, steckte das Geld weg und ließ Anne aussteigen. »Da drüben müssen Sie sich anmelden.«

Vor der Kaserne herrschte starker militärischer Verkehr. Anne fiel auf, weil sie die einzige Frau war, die die mit modernem Mobiliar ausgestattete Eingangshalle betrat. Über dem Empfangstisch prangte ein Hinweis, sich hier anzumelden und seine Ausweispapiere bereitzuhalten. Anne trat heran und sagte: »Ich hätte gern Herrn Jost Wentzell-Marschal gesprochen. Ist er im Haus?«

Der junge diensttuende Unteroffizier hatte ein breitflächiges gutmütiges, von einer Tolle dunkelblonder Haare gekröntes Gesicht. Er blickte Anne erstaunt an, als habe sie soeben nach dem Oberkommandierenden der Truppen des Warschauer Paktes persönlich gefragt. Er stemmte die Hände auf die Tischkante und sagte: »Den Genossen Wentzell-Marschal, so. Würden Sie mir bitte sagen, was Sie von ihm wollen?«

»Das möchte ich ihm gerne selbst mitteilen«, antwortete Anne. »Können Sie mir nicht sagen, ob er hier ist?«

Der Mann hatte sein Erstaunen überwunden und fand zu seinem normalen dienstlichen Ton zurück. »Darf ich bitte Ihre Personaldokumente sehen?« Anne zog aus der Umhängetasche den Westberliner Ausweis ihrer Schwester und gab ihn dem Mann. Er öffnete ihn nicht einmal, sondern ließ ihn zwischen zwei Fingern wippen und sagte: »Das geht nicht, meine Dame. Mit einem Westausweis ist jedes Betreten des Dienstgeländes verboten. Strenggenommen dürften Sie sich nicht einmal in diesem Raum hier aufhalten. Hier, nehmen Sie Ihre Papiere. Ich habe nichts gesehen. Aber gehen Sie.«

Anne nahm den Personalausweis nicht entgegen. »Könnte darüber nicht Herr Wentzell-Marschal entscheiden? Ich bin sicher, er würde erlauben, daß ich ihn besuche, wenn er hört, um was ich ihn bitten möchte.«

»Ausgeschlossen«, sagte der gutmütige Unteroffizier. »Das sind Anordnungen, an denen auch ein Oberst nicht rütteln kann. Hier können Sie den Genossen Wentzell-Marschal nicht sprechen.«

»Können Sie mir denn nicht wenigstens die Privatadresse oder die Telefonnummer geben?« fragte Anne. »Es ist wirklich sehr wichtig.«

Die Kompetenz des Unteroffiziers war überfordert. Er legte Annes Ausweis vor sich auf die Tischplatte und schlug ihn auf. »Nehmen Sie Platz und warten Sie«, sagte er. Zwei oder drei Soldaten, die hinter Anne warteten, machten ihr neugierig Platz. Während sie zu einer Sitzgelegenheit hinüberging, telefonierte der Mann mit seinem Vorgesetzten. Er erhielt die Zusicherung des Vorgesetzten, daß dieser in Kürze selbst nach dem Rechten sehen werde, legte auf und wendete sich den anderen Wartenden zu.

Es dauerte nicht lange, bis der wachhabende Offizier die Halle betrat. Er schritt zu dem jungen Mann hinter dem Schalter, ließ sich von ihm informieren und nahm Annes Ausweis entgegen. Dann sah Anne ihn auf sich zukommen. Sie erhob sich. Der Mann blieb vor ihr stehen, legte die Hand an den Mützenschirm und nannte seinen Namen.

»Frau Klara Franziska Pankraz?« las er von dem Ausweis ab. »Sie haben nach Oberst Wentzell-Marschal gefragt?«

»Ja«, sagte Anne. »Ich möchte ihn gern sprechen.«

»Das können Sie hier nicht, Frau Pankraz. Dies ist ein Stabsquartier der Streitkräfte des Warschauer Paktes. Personen aus dem westlichen Ausland sind auf diesem Gelände nicht zugelassen. Sie kennen den Obersten?«

»Nein«, sagte Anne. »Auch er kennt mich nicht.«

»Was wollen Sie dann von ihm, Frau Pankraz?«

»Das kann ich Ihnen nur schwer erklären«, sagte Anne. »Es geht um eine Sache aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges.«

»Aus dem Zweiten Weltkrieg? Frau Pankraz, seit damals hat sich Vieles auf der Welt verändert.« Der Mann klappte den Ausweis zu und gab ihn Anne zurück. »Ich gebe Ihnen den Rat, nach Berlin-West zurückzureisen und den Oberst Wentzell-Marschal so rasch wie möglich zu vergessen.«

Der Offizier salutierte, ging Anne voran und hielt ebenso höflich wie unmißverständlich die Tür auf.

Diesen Vorgang beobachtete der Fahrer des Taxis, das Anne hierher gebracht hatte. Er hatte ohnehin nicht daran gezweifelt, daß es so und nicht anders kommen würde. Als Anne sah, daß er noch nicht fortgefahren war, ging sie quer über den weitläufigen Platz zu ihm hinüber. »Nicht geklappt, was?« fragte er und öffnete Anne von innen die Tür. Anne stieg vorne ein.

»Nein«, sagte sie und fügte hinzu: »Sie sagten vorhin, daß Sie sich hier sehr gut auskennen.«

»Ja, sicher«, sagte der Mann. »Warum?«

Anne zog einen größeren Geldschein aus ihrer Tasche, reichte ihn dem Fahrer und sagte: »Kennen Sie den Oberst Wentzell-Marschal?«

Der Mann faltete den Geldschein wie beiläufig zusammen und schob ihn in die äußere Tasche seines Blousons. »Ja, ich kenne ihn. Ich habe ihn schon öfter gefahren. Wollen Sie zu dem?«

»Ja«, sagte Anne. »Wie kann ich das anstellen?«

Der Fahrer sah auf die Armbanduhr. »In etwa Fünfundzwanzig Minuten wird der Oberst die Kaserne verlassen und wie jeden Montag nach Karlshorst fahren. Wenn Sie mir die Zeit bezahlen, warte ich hier und zeige ihn Ihnen.«

Anne sah den Mann dankbar an, der jetzt die Einfahrt zur Kaserne beobachtete.

Der Oberst war äußerst pünktlich. Zwei Minuten nach halb eins näherte sich ein eisengrauer Wartburg dem Schlagbaum. Die Schranke schnellte hoch, der Posten trat zur Seite und nahm Haltung an.

»Das ist er«, sagte der Taxifahrer. »Er fährt nach Karlshorst.«

»Können Sie dem Wagen folgen? Vielleicht kann ich ihn ansprechen, wenn er dort fertig ist.«

»Wissen Sie eigentlich, was das ist, wo er hinfährt?«

»Nein«, sagte Anne, »keine Ahnung.«

»Das sowjetische Oberkommando«, erklärte ihr der Fahrer.

Der Wartburg bog jetzt aus dem Kasernengelände auf die Straße nach Südwesten ein. Das Taxi fuhr hinter dem Armeefahrzeug in einer Entfernung von etwa siebzig Metern her. Nach einiger Zeit bog das Armeefahrzeug nach rechts auf eine kleinere, aber ebenfalls geteerte Straße ab, die zwischen zwei Reihen entlaubter knorriger Apfelbäume dahinlief. Der Fahrer des Wartburg wendete sich halb zu dem Obersten um. »Uns folgt ein Taxi, Genosse Oberst.«

Der Oberst ließ sich nicht in der Lektüre seiner Dokumente stören, »Das ist Zufall, Dirk«, sagte er. »Wer soll uns in einem Taxi folgen.«

Aber der Fahrer beobachtete das Taxi im Außenspiegel. »Jetzt gibt er mir ein Blinkzeichen«, sagte er.

»Also laß ihn vorfahren«, brummte der Oberst.

»Nein«, erwiderte der junge Soldat. »Er will nicht vorfahren. Er will, daß wir anhalten.«

Der Oberst drehte sich um. In diesem Moment betätigte der Fahrer von Annes Taxi seine Lichthupe erneut.

»Also, halt an, Dirk«, sagte der Oberst. »Steig aus und frag, was er will.«

Der Fahrer bremste und ließ den Wartburg ausrollen.

»Was machen Sie denn da?« fragte in dem Taxi Anne den Fahrer.

»Ich denke, Sie wollen ihn sprechen«, sagte der Taxifahrer. Er hielt das Taxi etwa zwanzig Meter hinter dem Armeefahrzeug auf der winterlich einsamen Landstraße an. Der Taxifahrer stieg aus und ließ die Tür offen. Auch aus dem Wartburg stieg der Fahrer aus. Er ließ die Tür seines Fahrzeugs geöffnet und kam nach hinten. Anne sah, wie der Fahrer ihres Taxis die Brusttasche seines Blousons öffnete, den Geldschein hervorzog, den sie ihm gegeben hatte, und ihn dem Uniformierten zeigte. Dabei deutete er mit dem Daumen nach rückwärts.

»Ich hab da eine Frau drin, aus dem Westen. Die hat mit Geld gegeben, damit ich ihr behilflich bin, deinen Chef zu bespitzeln. Sag das dem Genossen Oberst. Du hast doch den Genossen Oberst Wentzell bei dir drin?«

»Hab ich«, sagte der Soldat. »Was will sie von dem Oberst?«

Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern. Anne sah, wie er sich umwendete und mit dem Soldaten auf das Taxi zukam. Neugierig beugte sich der junge Mann herab und starrte sie an.

»Was wollen Sie von dem Genossen Oberst Wentzell?«

»Fragen Sie Herrn Wentzell-Marschal, ob er sich nicht an den 14. Januar 1945 erinnert«, sagte Anne. »Das war der Tag, an dem seine Eltern ums Leben kamen. Gehen Sie und fragen Sie ihn.«

Anne sah den jungen Mann nach vorne zu dem Wartburg stapfen. Dort öffnete er die Fondtür. »Die Frau läßt fragen, ob Sie sich noch an den 14. Januar 1945 erinnern.«

Der Oberst sah ihn fragend, voll ungläubiger Uberraschung an.

»Sie sagte, das sei der Tag, an dem Ihre Eltern ums Leben gekommen seien.«

»Das gibt es doch nicht«, erwiderte der Oberst nach einer Weile.

»Ich habe es genau verstanden«, entgegnete der Soldat.

»Schon gut, Dirk«, sagte der Oberst. Der Soldat sah zu seinem Erstaunen, wie sein Chef die Papiere neben sich auf den Rücksitz legte und sich anschickte, den Wagen zu verlassen. Der junge Mann richtete sich auf, nahm Haltung an und legte die Hand auf den Türgriff, als Wentzell-Marschal ausstieg.

Anne sah ihn auf das Taxi zukommen und verließ ebenfalls ihren Platz. Der Mann, der ihr entgegenkam, war groß und stattlich. Er hatte ein breites und dennoch scharfgeschnittenes Gesicht, in dem das Auffallendste die weit auseinanderstehenden, dunkelbraunen Augen und ein Mund mit ein wenig aufgeworfenen Lippen waren.

Außer seiner straffen Haltung und einem ablehnenden Gesichtsausdruck hatte der Mann nichts Militärisches an sich. Er trug einen bräunlichen Mantel, einen karierten Allerweltsschal und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Er hatte beide Hände in die Taschen des Mantels geschoben und blieb vor Anne stehen.

»Ihr Name?« fragte er.

»Ich heiße Franziska Pankraz.«

»Der Fahrer sagt, daß Sie mir nachspionieren.«

Ein kalter scharfer Wind wehte über die flachen Felder, Anne schlug den Pelzkragen hoch. »Ich habe nicht die Absicht, Ihnen nachzuspionieren. Aber ich muß Sie sprechen.«

»Wieso müssen?« sagte Wentzell. »Was haben Sie mit diesem Datum zu schaffen, das mein Fahrer mit übermittelt hat?«

»Sie erinnern sich also an dieses Datum?« fragte Anne.

»Zeigen Sie mir bitte Ihre Papiere«, sagte der Oberst anstelle einer Antwort.

Anne entnahm ihrer Tasche den Ausweis, den sie dem Obersten hinhielt. Sie bemerkte, daß der Fahrer des Obersten und der Fahrer des Taxis in einiger Entfernung beieinanderstanden und zu ihr und Wentzell-Marschal herübersahen. Der Mann nahm den Ausweis schlug ihn auf, verglich Gesicht und Foto mit prüfendem Blick und behielt ihn in der Hand, nachdem er ihn wieder zugeklappt hatte. Mit der anderen Hand griff er in den Mantel. Er zog einen Briefumschlag aus der Brusttasche und entnahm ihr die Postkarten, die man Anne auf der Meldebehörde abgenommen hatte. »Sind Sie die Dame, von der diese Karten stammen?«

»Ja«, bestätigte Anne. »Und Sie sind wirklich Jost Wentzell-Marschal. Sonst hätte man sie Ihnen nicht geschickt.«

»Dann sind also jetzt drei verschiedene Namen im Spiel«, sagte Wentzell-Marschal. »Der erste ist Ansgar Gottwald in Solingen, an den diese Karten hier gerichtet sind. Der zweite ist Klara Franziska Pankraz, der in diesem Ausweis steht. Und der dritte ist Anne Seyfried, den mir die Meldebehörde in Berlin als Überbringerin dieser Karten genannt hat. Können Sie mir sagen, was ich davon halten soll?«

»Das ist eine sehr komplizierte Sache, Herr Wentzell-Marsthal. Sie hängt mit dem 14. Januar 1945 zusammen.«

»Was wollen Sie?«

»Herr Wentzell«, sagte Anne, »es geht um das Schicksal meines Mannes. Es war nicht einfach, Sie zu finden und bis hierher vorzudringen. Ich habe viel auf mich genommen. Das hat seinen Grund. Ich bin die Frau des damaligen Obersturmführers Henning von Loßwitz, der am 14. januar 1945 die Sprengung der Brücke über die Pilica hinausschieben wollte, bis Hunderte von Flüchtlingen die Brücke passiert haben würden, und dabei einen deutschen Major erschoß, der die Nerven verloren hatte. Später kam mein Mann durch verschiedene Umstände zu dem Namen, den er noch heute trägt.«

»Ein SS-Obersturmführer? Frau Loßwitz, Seyfried, Pankraz oder wie Sie wirklich heißen, ich zweifle an Ihrem Verstand, mich mit einer solchen Geschichte zu belästigen.« Der Oberst klappte noch einmal den Ausweis auf. »Und was ist das für ein Ausweis?«

»Es ist der Ausweis meiner Zwillingsschwester«, antwortete Anne.

»Ich mußte Sie schnell sprechen, und der ordentliche Weg hätte Wochen gedauert.«

»Dann sind Sie also mit einem falschen Dokument in die Deutsche Demokratische Republik eingereist«, stellte Oberst Wentzell-Marschal fest. »Und das sagen Sie mir direkt ins Gesicht.«

»Was hätte ich sonst tun sollen?« erwiderte Anne. »Es war die einzige Chance für meinen Mann und für mich.«

Der Mann sah hinüber zu der Stelle, wo die beiden Fahrer sich unterhielten. »Hallo, Sie da!« rief er dem Taxifahrer zu, der sofort zu ihm herüberkam. »Ich belobige Sie wegen Ihrer Aufmerksamkeit und Sozialistischer Wachsamkeit. Wie heißen Sie?«

»Wilfried Turner, Genosse Oberst.«

»Haben Sie gedient?«

»Jawohl, Genosse Oberst. Sechste Panzer in Jüterbog.«

»Gut. Genosse Turner, nennen Sie der Dame ihren Fahrpreis. Sie wird mich nach Karlshorst begleiten müssen.«

Der Mann sah Anne triumphierend an und nannte einen korrekten Preis.

Anne bezahlte, und der Mann gab ihr mit dem Wechselgeld auch den Westgeldschein zurück, den sie ihm zugesteckt hatte.

»Bestechen und bespitzeln können Sie dann im Westen wieder«, sagte er, nahm vor dem Oberst in Zivil Haltung an, bestieg seinen Wagen und wendete.

»Was habe ich ihm nur getan?« sagte Anne.

»Dazu sind die Taxifahrer in unserer Republik verpflichtet. Verfolgungsjagden a la Chikago sind hierzulande Sache der Polizei. Steigen Sie jetzt bitte ein.«

»Was haben Sie mit mir vor?« fragte Anne, während sie in den Wartburg stieg. Wentzell-Marschal schob sich von der anderen Seite neben sie.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte er. »Wahrscheinlich werde ich Sie dem nächsten Polizeiposten übergeben.«

Der Fahrer stieg ebenfalls ein.

»Fahr zu, Dirk«, befahl der Oberst. »Wir sind ziemlich spät dran.«

Jedoch ging Oberst Jost Wentzell-Marschal jener 14. Januar 1945 nicht mehr aus dem Kopf. Wie schon bei der überraschenden Ankunft der alten Postkarten wanderten seine Gedanken — völlig gegen seinen Willen — wieder zurück, verdichteten sich bruchstückhafte Erinnerungen, Fakten, die er erst später durch Nachforschungen erfahren hatte, zu einem immer klareren Bild. Denn in einem Punkt hatte Anne Seyfried bei den Besprechungen mit ihrem Mann durchaus recht gehabt: Die damaligen Ereignisse gehörten zu den entscheidendsten im bisherigen Leben des Obersten.

Vor seinen Augen zog wieder jener kalte Winterabend vor mehr als fünfunddreißig Jahren vorbei. Er spürte förmlich die beißende Kälte, fühlte, wie er zitterte und vor Angst schrie. Aber sein Weinen vermochte absolut nichts auszurichten gegen den Höllenlärm, der diese Nacht erfüllte. Der Fahrer, dem Ansgar Gottwald das weinende Kind hinaufreichte, zerrte Jost nach oben und hob ihn durch das Turmluk in das Innere des Panzers. Drinnen war es finster und gleichzeitig stickig und kalt. Die Männer, die in dieser Stahlhölle lebten, erschienen dem Kind wie riesige schwarze Teufel. Sie schoben ölgetränkte Lumpen, zerfetzte Ladehandschuhe und Werg zusammen, legten ihn darauf und deckten ihn mit einer Uniformbluse zu. Einer hielt ihm ein hart gewordenes Stück Brot hin und strich Marmelade darauf. Während Jost Marschal das in sich hineinschlang, schlief er ein, erschöpft und übermüdet.

Umgeben vom Gestank des Wergbündels und unter dem dürftigen Schutz der verschwitzten Uniformbluse, entwickelte sich bei dem Kind allmählich ein Gefühl des Geborgenseins, vor allem seit der Panzer nicht mehr getroffen wurde und auch die Explosionen seiner eigenen Kanone verstummt waren. Damals war dem Jungen noch nicht bewußt, daß die Fahrt, die er miterlebte, nicht etwa ein geordneter Rückzug war, sondern eine wilde Flucht.

Gegen Abend des 17. Januar erreichten die Flüchtenden ein polnisches Dorf im Warthegau. Auch hier trafen sie auf disziplinlose Truppen, Versprengte und eine im vollen Aufbruch befindliche Bevölkerung.

In diesem Dorf gab es noch die Reste einer Versorgungsorganisation, eine Frontleitstelle und eine Dienststelle des Roten Kreuzes. Hier übergab Ansgar Gottwald den kleinen Jost Marschal, den er drei Tage bei sich im Panzer gehabt hatte, an Angehörige des Roten Kreuzes. Das Kind weinte und schrie und klammerte sich so heftig an Gottwald, daß dieser ihm hastig einen Zettel zuschob, auf dem er ihm seine Heimatadresse aufgeschrieben hatte.

Jost Marschal zog mit einem großen Treck in nordwestliche Richtung. Noch bevor dieser Elendszug die Oder erreichte, überholte ihn die vormarschierende Sowjetarmee. Für die sowjetischen Truppen, welche den letzten Ansturm auf das Deutsche Reich in einer ungeheuren Anstrengung und ohne nennenswerte Reserven vollzogen, bildeten diese Menschen schon bald ein größeres Problem als der fliehende Feind. Mit dem Überschreiten der deutschen Grenzen jedoch fielen den Sowjets auch diejenigen Anlagen und Einrichtungen in die Hände, in denen die Deutschen ihre Kriegsgefangenen untergebracht hatten und die jetzt leer standen. Nach und nach bedienten Sich die Russen dieser Lager, um einen Teil des menschlichen Strandgutes, welches der große Sturm zurückgelassen hatte, zu sammeln und zu registrieren.

Der Frühsommer des Jahres 1945 war heiß und staubig. Es war die Zeit, da die sonnendurchglühten Landstraßen zwischen Weichsel und oder voll waren von Kolonnen von Menschen, die auf Leiterwagen ihre Habe westwärts schleppten.

An einem dieser Tage wurden schon frühmorgens zwischen den Großraumbaracken des Lagers Woldenberg rohe Holztische in den Schatten getragen und wackelige Stühle dahinter gestellt. Kurz danach saßen auf diesen Stühlen die Offiziere einer sowjetischen Kommission mit ihren Gehilfinnen. Vor den Tischen stauten sich in langen Schlangen die Lagerinsassen, um registriert zu werden.

Zu der verantwortlichen Kommission gehörte auch der Major beim Stabe des 3. Gardeschützenkorps, Alexei Adrianowitsch Soltjakin, der sich erfolgreich damit beschäftigt hatte, das deutsche Operationsgebiet durch eigene Leute mit den Papieren gefallener Deutscher unterwandern zu lassen, wodurch der sowjetische Vormarsch noch beschleunigt werden konnte. Eine Qualifikation übrigens, die ihn viele Jahre später dazu befähigte, den wichtigen Posten des Leiters der Abteilung II der GRU, zuständig für die Auflärung in westeuropäischen Ländern, einzunehmen.

In der langen Reihe der Lagerinsassen, die darauf warteten, in die vorbereiteten Listen eingetragen zu werden, stand auch Jost Marschal, der eben an diesem Tage seinen dreizehnten Geburtstag recht freudlos feierte. Er fiel dem Major schon auf, als er nach einer Stunde Wartezeit an den Tisch herantrat und dabei höflich, wie er erzogen war, die Mütze vom Kopf nahm. Außerdem war der Fall selten, daß ein Kind allein, ohne Familie, die Flucht überlebt hatte.

Dem Offizier gefielen die großen, braunen, traurigen Augen des Jungen. Er stellte ihm in gutmütig holprigem Deutsch die sich aus der vorgedruckten Liste ergebenden Fragen: Name, Vorname, Vorname des Vaters, Geburtsort. Nachdem ein weiblicher Feldwebel alles das eingetragen hatte, fragte der Major, was aus den Eltern des Kindes geworden war, und erfuhr, daß sie ums Leben gekommen seien. Als er hörte, daß dies in Tomaszów an der Pilica passiert war, wurde sein Interesse größer. Er fragte den Jungen Jost Marschal nach Einzelheiten seiner Erlebnisse in Tomaszów aus, und der Junge erzählte dem sowjetischen Offizier alles, was er wußte.

Nur eines wußte er nicht mit Sicherheit, nämlich den genauen Augenblick, in dem seine Eltern und seine Schwester den Tod gefunden hatten. Er glaubte aber, daß sie mit der Brücke in die Luft gejagt worden waren.

Der Major Soltjakin klopfte dem Jungen auf die Schulter und sprach ihm Mut zu. In der Seele des Jungen nahm er nun als dritter nach dem SS-Obersturmführer von Loßwitz und dessen Oberscharführer Gottwald die Stelle ein, die durch den Tod seines Vaters vakant geworden war.

»Was machen wir mit ihm?« hörte der Junge ihn in russischer Sprache den weiblichen Feldwebel fragen.

»Sehen Sie ihn für ein Waisenhaus oder ein Erziehungsheim vor, Genosse Major«, antwortete die Frau.

Der junge sagte in russischer Sprache: »Bitte, bitte nicht in ein Heim, Herr Offizier.«

»Du sprichst Russisch, junge?«

»Ich kann mich mit dem Herrn Offizier in Russisch, Ukrainisch, Polnisch und Deutsch unterhalten. Aber bitte, bitte nicht in ein Heim.« Er sei auch fleißig, sagte der Junge, sei an Arbeit gewöhnt, Kartoffeln schälen, Schweine füttern, Kühe melken, das alles sei besser als ein Heim.

In ukrainischer Sprache fragte ihn der weibliche Feldwebel nach seinem Geburtsdatum. Der 27. Juni 1932, antwortete Jost Marschal in der gleichen Sprache. Der weibliche Feldwebel und der Major sahen einander erstaunt an.

»Dann hat der Junge heute Geburtstag«, stellte der weibliche Feldwebel fest. Und diese einfache Bemerkung entschied über das weitere Leben von Jost Marschal.

Der Major winkte den Jungen aus der Reihe der übrigen Wartenden heraus, an die sonnendurchglühte Barackenwand, wo das Kind den ganzen Nachmittag auf einem Sägebock hockte und die Beine baumeln ließ. Als die Sonne sank und die Kommission zusammenpackte, nahm Major Soltjakin den jungen Jost Marschal, der heute dreizehn Jahre alt geworden war, mit aus dem Lager. In einem rumpeligen Geländewagen der Roten Armee hielt Jost Marschal seinen Einzug in Berlin, wo der Major zum Stab der sowjetischen Militäradministration gehörte, die in einer Kaserne in Karlshorst ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Es war nicht zu vermeiden, daß Oberst Jost Wentzell-Marschal auf dem gleichen Wege, auf dem heute, fünfunddreißig Jahre später, sein Fahrer Dirk den Wartburg der Nationalen Volksarmee steuerte, an all dies dachte.

Er dachte auch daran, wie er die folgenden Monate bei den Russen in der Kaserne zugebracht hatte, verwöhnt und verhätschelt von den dicken Küchenfrauen. Er dachte an die Zeit, als die siegreichen Russen aus Moskau diejenigen deutschen Kommunisten der ersten Stunde in das von ihnen besetzte Gebiet einflogen, die vor den Verfolgungen Hitlers geflohen waren. Zu ihnen hatte Max Wentzell gehört, ein Dreher aus Oranienburg bei Berlin, den Oberst Tulpanow für einen wichtigen Posten beim Wiederaufbau der Stadt und später beim Aufbau des sozialistischen deutschen Staates vorgesehen hatte.

Major Soltjakin, auf der Suche nach Adoptiveltern deutscher Herkunft, war auf Max Wentzell aufmerksam gemacht worden und hatte ihn zu sich nach Karlshorst bestellt. Der alte Wentzell und der Junge Jost hatten sich gut leiden können, und Soltjakin hatte Wentzell beschworen, die außerordentlichen Fähigkeiten in sprachlicher, organisatorischer und praktischer Hinsicht, die er bei dem jungen Jost entdeckt hatte, zu fördern und zu entfalten.

So war Max Wentzell mit dem Jungen in eine Wohnung im Bezirk Prenzlauer Berg gezogen und hatte ihn kurz darauf adoptiert. Er hatte ihn auf Schulen geschickt und ausbilden lassen. Als Jost die Zwanzig überschritten hatte, erbot sich Soltjakin, seinen Einfluß für eine bedeutende Laufbahn Josts im Rahmen des militärischen Paktsystems geltend zu machen. Aus Jost Wentzell-Marschal war einer der ersten Offiziersanwärter der kasernierten Volkspolizei geworden. Als diese in die Nationale Volksarmee überführt wurde, stand Jost Wentzell-Marschal kurz vor der Beförderung zum Oberleutnant.

Der Oberst schreckte aus seinen Gedanken hoch und wurde sich der Frau wieder bewußt, die neben ihm saß. »Was machen wir nun mit Ihnen?«

»Ich kann Ihnen keinen Rat geben, was Ihre Dienstpflichten betrifft«, sagte Arme nach einer Weile. »Aber ich habe nicht grundlos diese Reise gemacht und dabei gesetzliche Vorschriften übertreten. In dieser Sache geht es um Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.«

»Ich kann mich nicht mit Ihnen auf eine Grundsatzdiskussion über Moralfragen einlassen«, sagte der Offizier.

»Die Sache ist so, daß mein Mann wegen eines Mordes verurteilt werden kann, an dem ihn keine Schuld trifft, weil er in einer Notstandssituation für bedrängte Menschen gehandelt hat.«

»Sie verlangen also einfach von mir, daß ich Ihnen glaube, was Sie sagen. Sie haben sich hier eingeschlichen, ich begegne Ihnen zum ersten Mal, Sie kommen aus einem Land, für das ich nichts übrig habe. Und Sie verlangen von mir, daß ich Ihnen glaube.«

»Es wäre für Sie zweifellos die einfachste Lösung, mir nicht zu glauben«, sagte Anne. »Ich kann Sie natürlich nicht daran hindern, es sich leichtzumachen.«

Nach einiger Zeit sagte der Oberst: »Ich habe mir angehört, was Sie vorzubringen haben. Und ich habe Ihnen dazu nichts weiter zu sagen.«Er beugte sich vor. »Dirk, wo ist das nächste Polizeirevier?«

»In Neuenhagen, Genosse Oberst.«

»Dann fahr dorthin.«

Das Revier der Volkspolizei befand sich in einem bauernhausähnlichen einstöckigen Backsteingebäude. Dirk konnte den Dienstwagen fast unmittelbar vor dem Eingang anhalten. Er öffnete die Tür. Wentzell verließ den Wagen und ließ auch Anne aussteigen. Anne und Oberst Wentzell-Marschal betraten die Revierstube. Der Oberst nahm den Hut ab und wies sich aus. »Wentzell«, sagte er. »Oberst der Nationalen Volksarmee.«

Der eine Beamte nahm dienstliche Haltung an, und der andere hörte zu tippen auf.

»Diese Frau hat mich angehalten«, fuhr der Oberst fort. »Sie behauptet, aus Berlin-West zu sein. Sie hat ihre Geldmittel irgendwie verschlampt und muß zurück zum Grenzübergang. Überprüfen Sie das.«

»Jawohl, Genosse Oberst«, sagte der Polizist und wendete sich an Anne. »Ihre Ausweispapiere bitte.«

Wie in Trance zog Anne Seyfried ihre Papiere aus der Umhängetasche und reichte sie dem Polizisten. Der Mann überprüfte sie.

»Und Sie haben keinerlei Zahlungsmittel?«

Anne wußte nicht, wie ihr geschah. Endlich begann sie zu begreifen, daß Jost Wentzell-Marschal beabsichtigte, ihr eine Chance zu geben. Der Wachtmeister konnte nicht wissen, daß der Oberst ihre unzutreffende Identität bereits entdeckt hatte. Der Fahrer saß draußen im Wagen. Sie stotterte: »Ja … nein … vielmehr, ich meine … ich habe mein Portemonnaie verloren, irgendwo … im Taxi vielleicht oder auf der Straße. Jetzt kann ich mit keinem Verkehrsmittel fahren. Und zu Fuß kenne ich mich nicht aus.«

Der Polizist gab Anne die Dokumente zurück. »Die Papiere sind in Ordnung, Genosse Oberst. Was soll geschehen?«

»Geben Sie der Frau das Geld, daß sie fahren kann … sonst gibt es nur Scherereien. Oder warten Sie …« Oberst Wentzell öffnete den Mantel und brachte Kleingeld hervor. »Was kostet die Stadtbahn? Man kann doch von hier direkt bis Bahnhof Friedrichstraße fahren?«

Der Polizist nannte einen geringen Geldbetrag, den Oberst Wentzell Anne hinhielt. »Sie bringen das in Ordnung, Wachtmeister. Die Dame wird eine Verlustanzeige aufgeben wollen.«

Noch bevor Anne sich darüber schlüssig werden konnte, wie sie sich verhalten sollte, hatte Wentzell-Marschal die Revierstube verlassen. Anne starrte auf das Kleingeld in ihrer Hand.

Draußen stieg Wentzell-Marschal in den Wartburg. »Fahr zu, Dirk«, sagte er und begann sich erneut in die Papiere zu vertiefen.

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Der sowjetische Feldpolizist prüfte mit äußerster Gewissenhaftigkeit die Papiere des Obersten Wentzell, salutierte und ließ den Wartburg passieren. Dirk wußte, zu welchem Gebäude er in dem ausgedehnten Kasernenkomplex fahren mußte, und hielt davor an. Der Oberst schob die Papiere in die Mappe, verschloß diese und verließ das Fahrzeug.

Wentzell war beim Verbindungsstab des Sowjetischen Oberkommandos zur Nationalen Volksarmee wohlbekannt. Er wurde begrüßt, grüßte wieder und betrat schließlich ein Büro, in dem General Rajewski hinter seinem mächtigen Schreibtisch saß.

Der Besuch, den Oberst Wentzell General Rajewski jeden Montag abstattete, war eine Routinesache. Als das Sachliche erledigt war, erhob sich General Rajewski.

»Und jetzt habe ich noch eine persönliche Überraschung für Sie, Oberst Wentzell.«

Der General war ein noch jugendlicher Mann mit hagerem Gesicht, scharfer Nase und schwarzem Schnauzbart. Seine Figur war schlank, fast hager. Er ging zu einer Tür, die sich hinter seinem Schreibtisch befand, und schloß sie auf. Sie führte in einen kleineren Konferenzraum. Dort stand am Fenster ein weiterer Mann in Generalsuniform, der sich umwandte, als die Tür geöffnet wurde.

Wentzell blieb verblüfft stehen. »Alexei Adrianowitsch«, sagte er langsam. »Das ist wirklich eine Überraschung. Du hast mir gar nichts mitgeteilt.«

Die beiden Männer umarmten sich. General Soltjakin hielt Wentzell an den Oberarmen fest und betrachtete ihn fast väterlich. Er sagte: »Es ist ziemlich plötzlich gekommen, Jostin. Und General Rajewski hat mir am Telefon gesagt, daß du jeden Montag hier bist. Bist du heute abend frei? Natürlich bist du frei, wenn dein alter Kumpel eigens aus Moskau kommt, um mit dir einen heben zu gehen.«Soltjakin sah auf seine teure Armbanduhr. »Es ist gerade die richtige Zeit, Jostin. Ich ziehe mich um, dann fahren wir in die Stadt und essen zu Abend. Ich lade dich ein, und wir plaudern von alten Zeiten.«

Beide Männer zogen ihre Mäntel an und verabschiedeten sich von Rajewski. Sie verließen das Gebäude und gingen zu Fuß zur Wache. Als sie die Kontrollprozedur überstanden hatten, begaben sie sich zu der von einer hohen Mauer umgebenen Siedlung, wo höhere Offiziere aus Moskau ihre Bleibe hatten, wenn sie sich in Karlshorst aufhielten. Dort standen ältere Einfamilienhäuser. In einem von ihnen war für Soltjakin ein Geschoß mit Schlafraum, Wohnraum und Bad reserviert.

Die Angehörigen der sowj etischen Streitkräfte hausten spartanisch, auch die Generale. Die Zimmer waren klein, fast unmöbliert und erleuchtet durch eine von der Decke herunterbaumelnde Glühbirne. In diesem Appartement bewahrte General Soltjakin Zivilkleidung auf. »Setz dich«, sagte er zu Jost Wentzell. »In einer Viertelstunde bin ich bereit.« Er verschwand in dem kleinen Schlafgemach. Dort hörte Jost Wentzell ihn sich auskleiden und später die Brause aufdrehen. Kurz danach kam er in das Zimmer, in dem Jost Wentzell aufihn wartete. Er trug einen altmodischen Anzug.

»Also«, dröhnte er, fuhr in einen zweireihigen Mantel und hieb Jost Wentzell auf die Schulter, als dieser sich erhob. »Ich habe Appetit, Jostin. Laß uns in die Stadt fahren.«

Die beiden Männer verließen das Haus. Das silberweiße volle Haupthaar ließ der General unbedeckt.

»Na, wohin gehen wir?« fragte Soltjakin auf dem Weg zum Taxistandplatz.

»Wie wäre es mit dem ›Ganymed‹?« sagte Wentzell. »Das ist an der Weidendammer Brücke, Schiffbauerdamm, neben dem Brecht-Theater.«

»Nicht schlecht.« Soltjakin nickte zustimmend.

Über Treptow nahm das Taxi seinen Weg in die Innenstadt. Es passierte den Alexanderplatz, bog ab, links das Rote Rathaus mit seinem charakteristischen viereckigen Turm, dann der Dom. Schließlich gelangte es in die noblen, von warm leuchtenden Scheinwerfern bestrahlten Gebäudezeilen, die den oberen Teil der Straße Unter den Linden säumten. Grünlich angestrahlt sah General Soltjakin am Ende der Allee den weltberühmten Klotz des Brandenburger Tores, bevor das Taxi nach rechts in die Friedrichstraße einbog.

Der General ließ es sich nicht nehmen, das Taxi zu bezahlen. »Ob überhaupt noch etwas frei ist?« fragte Jost Wentzell, als sie die Tür zum Lokal aufstießen.

»Wo denkst du hin, Jostin? Ich bekomme überall Platz, wo ein Resident der GRU sitzt. Und hier in Berlin sitzen gleich mehrere.«

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Der Oberkellner zuckte bedauernd mit den Schultern, leider seien alle Tische reserviert. Der General öffnete den Mantel, zog wie beiläufig einen Ausweis aus der Brusttasche und hielt ihn dem Ober vors Gesicht. Die Wirkung war erstaunlich. Der Kellner wurde um mehrere Zentimeter kleiner, half Soltjakin und Wentzell aus dem Mantel, eilte wieselgleich zu der Schwingtür, die in das Innere des Lokals führte, hielt sie auf und machte eine ruckartig befehlende Geste mit der Hand.

Er wies auf einen behaglichen Ecktisch, von welchem gerade ein Kellner die Reservierungskarte nahm, um sie auf einen anderen Tisch zu stellen. Dann brachte er die Speisekarten, für den General in russischer Sprache.

Wentzell und Soltjakin waren schon beim Dessert und der dritten Flasche Tokajer, als Soltjakin auf das zu sprechen kam, was ihn nach Karlshorst geführt hatte. »Weißt du eigentlich, Jostin«, sagte er, »daß du drauf und dran bist, zur Schlüsselfigur unserer Strategie für den Rest dieses Jahrhunderts zu werden?«

Jost Wentzell lachte. »Du machst wohl einen Scherz.«

»Nein«, erwiderte der General. »Es ist mein Ernst, Jostin. Paß auf: Die Westdeutschen haben einen Panzerstahl entwickelt, bei dem wir das Nachsehen haben, wenn es je zum Ernstfall kommen sollte. Generalstabschef Rodionowski meint, daß unser Offensivkonzept gefährdet ist, wenn wir die NATO-Panzer nicht mehr wirksam ausschalten können. Deshalb will er wissen, wie die das gemacht haben. Ich habe ihm versprochen, es herauszukriegen. Und du mußt mir dabei helfen, Jostin.«

»Und wie soll ich das machen, Alexei Adrianowitsch?«

Der General rückte näher an Jost Wentzell heran. »Wir haben da einen Mann im Fadenkreuz«, sagte er, »der sitzt an der Schaltstelle für diese Dinge, drüben in Westdeutschland. Und du kennst diesen Mann.«

»Ich? Alexei Adrianowitsch, ich habe strenges Westverbot in der Republik. Ich kenne überhaupt keinen westdeutschen Bürger.«

»Und doch kennst du ihn«, beharrte der Russe. »Nur war er damals noch nicht Bürger der westdeutschen Revanchistenrepublik, verstehst du. Du hast mir damals, als wir uns kennenlernten, von der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1945 berichtet … Was hast du? Was siehst du mich so an?«

Bei der Nennung dieses Datums war dem General nicht entgangen, daß die Augen Jost Wentzells sich verengt und einen verblüfft fragenden Ausdruck angenommen hatten. Der Deutsche war eine kurze Zeit versucht, seinem Freund zu erklären, wie erstaunt er war, heute schon zum zweiten Mal auf dieses Datum angesprochen zu werden.

Doch war an diesem Tisch vielleicht nicht der richtige Platz, um darüber zu reden.

»Sprich nur weiter«, sagte Jost Wentzell. »Was ist mit dieser Nacht vom 14. zum 15. Januar 1945?«

»Ich bin darauf aufmerksam geworden, Jostin, als du mir erzähltest, was du in dem Befehlsstand der Faschisten an der Pilica erlebt hast.«

Wentzell nickte. »Das habe ich dir erzählt, ja.«

»Und da wußtest du noch nicht, daß mich das besonders deswegen interessiert hat, weil ich zu dem Stab gehörte, der über diese Ereignisse das Protokoll gemacht hat.«

»Stimmt«, sagte Jost Wentzell. »Das hast du mir erst viel später gesagt. Aber was hat das alles mit dem westdeutschen Rüstungsboß zu tun, den ich angeblich kennen soll?«

»Du hattest mir doch erzählt, daß einer von den Faschisten einen anderen erschossen hat, als sie die Brücke in die Luft jagten. Der, der erschossen wurde, war Herbert Kayser, Major im Generalstab der Faschisten. Sein Mörder ist nicht belangt worden.«

»Was geht es uns heute, nach so langer Zeit, noch an, ob die Faschisten bestraft werden, die sich damals gegenseitig umgebracht haben?«

»Es geht uns etwas an. Es geht nämlich nicht um den, der erschossen worden ist, sondern um den, der ihn erschossen hat.« Der General zog die Brieftasche heraus, entnahm ihr eine Fotografie und reichte sie Jost Wentzell.

Oberst Wentzell-Marschal erkannte den Obersturmführer Henning von Loßwitz sofort. »Tatsächlich«, sagte er. »Dieser hier.« Soltjakin nickte befriedigt und nahm die Fotografie wieder an sich.

»Das ist der Mann, der uns über den neuen Panzerstahl der Westdeutschen Bundeswehr alles sagen kann, was wir darüber wissen müssen. Prost, mein Junge.«

Die beiden Männer stießen die Gläser aneinander, tranken und setzten sie ab. Soltjakin schob die Fotografie zurück in die Brieftasche, aus der er gleichzeitig ein doppelt gefalztes Blatt Papier zog, das er auseinanderfaltete und vor Jost Wentzell auf den Tisch legte. »Lies dies hier durch, mein Sohn, und unterschreib es. Dann wirst du verstehen, daß ich sagte, daß du unsere strategische Schlüsselfigur werden wirst.«

Jost Wentzell-Marschal nahm das Papier und begann zu lesen.

Ich, Jost Wentzell, Angehöriger der Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik, gebe hiermit folgendes zu Protokoll und bin damit einverstanden, daß diese Aussage vor allen zur Entgegennahme einer eidesstattlichen Erklärung berechtigten Stellen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland als solche gewertet wird:

Am 14. Januar 1945 erreichte ich auf der Flucht vor den zu erwartenden Kämpfen zwischen der zurückweichenden Naziarmee und den siegreichen Sowjettruppen die an dem Fluß Pilica gelegene polnische Stadt Tomaszów. Über den Fluß führte eine Brücke, die noch intakt war, als ich die Stadt erreichte. Ich konnte über diese Brücke gelangen. Auf dem Westufer des Flusses wurde ich gewahr, daß die Brücke bereits zur Sprengung vorbereitet war.

Da ich von meiner Familie getrennt worden war, ging ich in den Keller, von dem ich vermutete, daß von ihm aus die Sprengung vorgenommen werden sollte. Dort traf ich den Obersturmführer der Waffen-SS, Henning von Loßwitz, wie ich beeide, identisch mit dem jetzigen Fritz Seyfried, wohnhaft in Koblenz, Am Habichtberg 14. Ich flehte ihn an, mit der Sprengung so lange zu warten, bis meine Eltern und meine Schwester außer Gefahr seien, die ich unter zahlreichen anderen Flüchtlingen am jenseitigen Ufer schon sehen konnte.

Dieser SS-Offizier wies mich barsch zurecht. Die militärischen Erfordernisse könnten nicht an den persönlichen Wünschen einzelner orientiert werden. Er habe den Befehl, die Brücke zu sprengen, und das werde er tun. Noch während ich den SS-Offizier anflehte, Menschlichkeit zu üben, betrat ein Major der deutschen Wehrmacht den Bunker. Er sah die Menschen auf der anderen Seite der Brücke und befahl dem SS-Offizier, mit der Sprengung zu warten, bis die Flüchtenden vom anderen Flußufer die Brücke überschritten hätten. Der SS-Offizier widersetzte sich. Es kam zu einem scharfen Wortwechsel, in dessen Verlauf der Major den angeschlossenen Zündapparat aus der Reichweite des SS-Offiziers zu bringen suchte. Um die Sprengung doch sofort ausführen zu können, tötete der SS-Offizier den Major mit zwei Schüssen in den Rücken. Anschließend löste der SS-Offizier die Sprengung aus, obschon sich zu diesem Zeitpunkt Hunderte von Menschen, darunter auch meine Eltern und meine Schwester, auf der Brücke befanden und weitere Hunderte auf der anderen Seite noch daraufwarteten, sie zu überschreiten.

Ich bin bereit, diese Aussage im Rechtshilfeverfahren vor Richtern oder Staatsanwälten der Bundesrepublik Deutschland auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik auch mündlich zu wiederholen.

Jost Wentzell ließ das Papier sinken. »Und damit willst du diesen Seyfried vor Gericht bringen?«

»Nein, nein«, sagte der General. »Damit will ich vermeiden, daß das geschieht. Wenn er uns sagt, was wir von ihm wissen wollen.«

»Wer hat dir diese Geschichte erzählt?«

»Niemand, Jostin. Ich habe sie persönlich recherchiert. An Ort und Stelle. Am Morgen, nachdem es geschehen war. Warum fragst du?«

»Weil sie nicht wahr ist«, entgegnete Oberst Wentzell-Marschal.

Der General starrte Jost Wentzell sprachlos an. »Nicht wahr? Was fällt dir ein? Du hast sie mir doch erzählt. Und ich habe mich selbst überzeugt …« Der General hielt inne und rief den Oberkellner. »Alles zusammen.« Er legte Jost Wentzell die Hand auf den Unterarm. Nicht hier, mein junge, hieß das, laß uns draußen weitersprechen, wo wir sicher sind, daß uns niemand zuhört.

Der General bezahlte die Rechnung, und sie traten sofort ins Freie.

»Wieso ist es ›nicht wahr‹?« setzte Soltjakin das Gespräch fort, als sie über die Weidendammer Brücke gingen.

»Ein Teil des Berichts ist wahr«, sagte Wentzell. »Aber es war nicht der Major, der die Leute retten wollte, sondern der andere.«

»Jostin«, sagte der General. Er blieb stehen. »Es kann doch nicht der SS-Mann gewesen sein …, du mußt dich täuschen.«

»Ich täusche mich nicht, Alexei Adrianowitsch. Ich erinnere mich genau.«

Die beiden Männer erreichten wieder die Straße Unter den Linden. Es war spät geworden, und der Verkehr hatte nachgelassen. Jost Wentzell hob den Arm, und ein Taxi hielt. Der General versank im Rücksitz. Wentzell sah im Dämmerlicht des Wageninneren den weißen Haarschopf des alternden Offiziers sich hin und her bewegen, als verstehe er noch immer nicht recht, daß die Sache nicht so gewesen sein sollte, wie er sie sich zurechtgelegt hatte.

Jost Wentzell nannte dem Fahrer als Ziel die Kaserne in Karlshorst. Die beiden Männer schwiegen, bis das Taxi vor dem Haus anhielt, das General Soltjakin bewohnte. Soltjakin raffte sich auf und stieg aus. »Warten Sie hier«, sagte er in seinem harten Deutsch. »Sie’müssen meinen Freund nach Strausberg fahren.«

Auch Jost Wentzell verließ das Taxi. Sie schlenderten die nächtlich stille Villenstraße entlang. Der Nebel des Alkoholrausches war verflogen. General Soltjakin sah in diesem Augenblick sehr klar. »Ich habe Angst, ich habe Angst um dich, mein Sohn. Jost«, sagte er und zog Wentzell mit sich, zurück in Richtung auf das Taxi, »ich muß dir nicht erst sagen, welche Dimension die Sache hat, in der wir stecken. Du mußt das Persönliche davon trennen. Du mußt, verstehst du. Alles andere wäre tödlich. Wir brauchen den Druck gegen Seyfried. Du weißt, was diese Information für uns bedeutet. Man kennt deinen Namen bis hinauf ins Politbüro. Mit dir steht und fällt die wichtigste Auflärung in Westeuropa seit dem Zweiten Weltkrieg. Auf dich setzen Ustinow, Rodionowski und Alikin.«

»Und du«, fügte Jost Wentzell hinzu.

»Ich auch«, antwortete Soltjakin. »Ich kann erst wieder ruhig schlafen, wenn ich deinen Namenszug auf diesem Papier habe.«

Jost Wentzell bemerkte mit Erstaunen die fahrige Erregung des Älteren, als er den Mantel öffnete, das Papier aus der Brusttasche zog, es auseinanderfaltete und es ihm fast flehentlich hinhielt.

»Dann gib es her.« Wentzell ergriff den Bogen und legte ihn vor sich auf die noch warme Motorhaube des wartenden Taxis. Er nahm den Schreibstift, den der General ihm hinhielt, und setzte im kalten Licht der Peitschenlampe mit fester Hand seinen vollen Namen unter den Text. »Hier, Genosse«, sagte er. »Damit du wieder ruhig schlafen kannst. Ich habe niemals vergessen, was du für mich getan hast. Du warst zu mir wie ein echter Freund, noch mehr, wie ein wirklicher Vater, Alexei Adrianowitsch. Alles, was ich erreicht habe und bin in diesem Staat, verdanke ich dir.« Er faltete das Papier und gab es mit dem Stift dem älteren Mann mit den silbergrauen Haaren. Der General umarmte Jost Wentzell-Marschal, holte dann die Aktentasche und übergab sie dem Obersten. Der stieg in das wartende Taxi und fuhr davon.

10

Über Moskau schien eine strahlende winterliche Sonne. Sie leuchtete auf einer zarten Schneedecke, die sich über die Parks, Flußufer und Hausdächer gebreitet hatte und die grünlichen Kuppeln des Kreml wie ein heiteres Schmuckstück ausjade und Eis wirken ließ. Um zehn Uhr war die Besprechung in Ustinows Ministerium angesetzt. Man traf sich dieses Mal nicht im Konferenzsaal, sondern in den Diensträumen des zuständigen Ressortchefs der GRU für Westeuropa, Generalmajor Alexei Adrianowitsch Soltjakin. Als der KGB-Oberst Alikin eintraf, bemerkte er zu seinem Mißvergnügen, daß er nicht der erste war. Er fiel nicht gern auf und schätzte es nicht, wenn andere sich erhoben, um ihn zu begrüßen. Außer Alikin und dem General befand sich derzeit nur noch Fjodor Petrowitsch Popow im Zimmer, der Chef des Zentralindexes, wie stets in unscheinbarern Zivilanzug und mit betont gleichgültiger Miene.

Generalstabschef Rodionowski kam nur wenige Minuten später, gab den Anwesenden flüchtig die Hand und versank in einem freien Sessel. Soltjakin reichte ihm eine Mappe mit Unterlagen. »Also, Genossen, berichten Sie«, sagte Rodionowski. »Wie ist diese Sache mit dem Panzerstahl der Westdeutschen angelaufen?«

»Ausgezeichnet«, erwiderte Alikin. »Der Mann, den wir anvisiert haben, ist vorbehaltlos eingestiegen.«

»War das nicht die Operation, die über die Hunde ging?« fragte General Rodionowski, der als passionierter Jäger und Hundefreund galt.

»So ist es«, knurrte Alikin. »Und dennoch hat sich der Hundetrick als gefahrvoll erwiesen.«

»Wieso?« fragte Soltjakin.

»Weil sich der V-Mann mit dem. Decknamen Drohne, den Nachtfrost eingesetzt hatte, einen unverzeihlichen Fehler hat zuschulden kommen lassen. Hätte Seyfried nicht wider Erwarten gut gespurt, hätten wir fünf Jahre verloren und mehr.«

»Wie hat er das angestellt?« fragte Rodionowski.

Alikin zog den ledernen Aktenkoffer auf seine Knie, öffnete ihn und entnahm ihm ein Wiedergabegerät von der Größe einer kleinen Zigarrenschachtel. »Am besten hören Sie selbst«, sagte er und legte einen Schalter um. Ein wenig krächzend und mit störenden Geräuschen unterlegt, klang aus dem Gerät das zweite Gespräch, das Drohne mit Fritz Seyfried geführt hatte: »Ich bin mir nicht klar, ob Sie vertraunswürdig genug sind, um mit Ihnen zusammen eine Sache von solchem Umfang durchzuziehen.«

»Das ist der Gipfel der Frechheit«, murmelte Popow.

Rodionowski war der einzige, der das Deutsche nicht verstand. Er ließ sich den Sinn dieser Worte von Soltjakin übersetzen. »Von wem haben Sie diese Aufnahme, Leonid Konstantinowitsch?«

»Von Nachtfrost über Seidenschwang«, sagte Alikin.

»Und wer ist Seidenschwang?«

Soltjakin antwortete: »Wir haben der Nachtfrost-Gruppe einen Führungsoffizier des Staatssicherheitsdienstes der DDR gegeben, der wiederum von Genosse Alikin direkt überwacht wird. Auf diesem Weg ist das Tondokument hierher gekommen.«

»Ich habe diesen Menschen, der Drohne hieß, nur ein einziges Mal persönlich gesehen«, sagte Alikin. »Ich war schon damals skeptisch. Ich hielt ihn für zu alt und zu geschwätzig. Wollen Sie den Genossen Viktor Seidenschwang hereinbitten lassen, Alexei Adrianowitsch?«

General Soltjakin erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch und betätigte die Gegensprechanlage, die ihn mit seinem Vorzimmer verband. Er ließ wissen, daß die Anwesenheit des deutschen Oberstleutnants Seidenschwang jetzt erwünscht sei.

Viktor Seidenschwang betrat das Zimmer kurze Zeit danach. Er trug die feldgraue Uniform der NVA, silberne geflochtene Fangschnüre unter der rechten Achsel, die Mütze vorschriftsmäßig zwischen Arm und Körper geklemmt. Er sah General Rodionowski und erstarrte in straffer Haltung. Der General erhob sich mühsam, um Seidenschwang die Hand zu reichen. Er wies auf den letzten noch freien Sessel, und der Oberstleutnant nahm Platz, blieb jedoch auf der vorderen Kante sitzen.

»Berichten Sie kurz über unser Gespräch im Wagen auf der Fahrt nach Karlshorst, nachdem wir Drohne eingewiesen hatten.«

»Sie äußerten Zweifel an der Tauglichkeit dieses Mannes für die gestellte Aufgabe, Genosse Alikin. Sie sagten, der Mann sei zu alt, zu wenig belastungsfähig.«

»Und warum ist es dann doch bei diesem Mann geblieben?« fragte Rodionowski.

»Weil alles schon eingeleitet, ein Terminplan erstellt und die Gesamtoperation zeitlich festgelegt war, Genosse General.«

»Es scheint«, sagte Alikin, »als ob auch Nachtfrost zu dem gleichen Urteil über Drohnes Qualifikation gekommen ist wie ich selbst. Dieser Mann ist nämlich nicht mehr am Leben. Und zwar seit dem Tag, an dem er Seyfried die entscheidenden Weisungen zur Beschaffung des von uns gewünschten Materials gegeben hat.«

»Weiß man etwas über die polizeilichen Ermittlungen?« fragte Popow.

Alikin antwortete: »Es ist dafür gesorgt, daß die Untersuchungen im Sand versickern, wie bei Todesfällen dieser Art üblich.«

»Dann wird Seyfried das Material an Nachtfrost persönlich übergeben müssen«, sagte Popow.

»Das ist richtig«, sagte Alikin nach einer Pause.

»Aber es bringt unsere ganze Front in Westdeutschland zum Einsturz, wenn wir Seyfried mit Nachtfrost konfrontieren.«

»Falls Seyfried das überleben sollte«, setzte Alikin kalt hinzu.

»Seyfried hat keine Ahnung, was Drohnes Tod für ihn bedeuten kann. Er weiß ja nicht einmal etwas über die Existenz von Nachtfrost. Es ist Ihre Aufgabe, Seidenschwang, dafür zu sorgen, daß er darüber auch weder etwas erfährt noch vermutet. Wie Nachtfrost dann agiert, muß ihm überlassen bleiben. Wir brauchen Seyfried nur ein einziges Mal. Danach ist er für uns so unwichtig wie ein Blatt im Wind. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ist bekannt, wie Seyfried überhaupt auf die Offensive reagiert hat?« fragte General Soltjakin.

»Er scheint gar nicht reagiert zu haben«, antwortete der Deutsche.

»Wir haben sämtliche Unterhaltungen zwischen ihm und Drohne auf dem Recorder und außerdem drei volle Tonbandspulen mit Telefongesprächen des Ehepaares. Es ist nicht das geringste Verdächtige dabei. Seyfried ist scharf attackiert worden. Er reagiert gereizt. Seine Frau schiebt das auf eine Weibergeschichte. Sie heult sich aus, zuerst bei einer Freundin in Köln, dann in Berlin.«

»In Berlin?« fragte Soltjakin. »Was zum Teufel macht sie in Berlin?«

»Ihr Vater ist bei den Liberalen im Abgeordnetenhaus, die Schwester verheiratet mit einem Anwalt in Kohlhasenbrück.«

»Kohlhasenbrück …«, sagte Soltjakin nachdenklich, »das habe ich schon gehört. Wo ist Kohlhasenbrück?«

Seidenschwang beeilte sich zu antworten: »Im Südwestwinkel von Berlin-West, Genosse General. Dort, wo wir den Schlauch nach Steinstücken abtreten mußten.«

»Das liegt doch direkt an der Grenze«, sagte Soltjakin. »Können Sie danicht mal reinhorchen? Anwalt…das hat einen schlechten Geruch.«

»Haben Sie die Adresse, Seidenschwang?« fragte Alikin.

Der Deutsche bejahte.

»Und die technischen Möglichkeiten haben Sie auch?«

»Gewiß«, antwortete Seidenschwang. »Elektroakustische Richtmikrofone neuester Ausführung. Wir können das versuchen. Aber dazu muß ich telefonieren.«

»Gedulden Sie sich«, sagte Alikin. »Wir sind ohnehin gleich am Ende.« Er wendete sich wieder der Runde zu. »Die Angelegenheit tritt in ihre Endphase, Genossen. Am zehnten März reist Seyfried zu den Vereinigten Hütten nach Herne. Das ist in zehn Tagen. Von dort bringt er das Material mit in das Amt, wo es für die Ministerkonferenz kopiert wird. Eine dieser Kopien ist für uns bestimmt. Den Übergabetreff wird Nachtfrost selbst festlegen.«

»Ach übrigens«, fügte Soltjakin hinzu, »wir haben das Material gegen Seyfried komplett. Hier haben Sie eine Fotokopie der Aussage, die wir in einem Prozeß gegen ihn verwenden werden. Sie können nach Ihrem Ermessen Gebrauch davon machen.«

Der General reichte dem Deutschen eine schmale Konferenzmappe aus weichem Leder, welche die schriftlich festgehaltene Aussage des Obersten Jost Wentzell-Marschal enthielt.

»Gehorsamsten Dank, Genosse General«, sagte Seidenschwang und schob die Konferenzmappe unter den einen Arm. »Kann ich jetzt telefonieren?«

Soltjakin zeigte auf das eine der beiden Telefone auf seinem Schreibtisch. Während er sich wieder den anderen Herren zuwendete, verlangte der Deutsche eine Blitzverbindung mit dem Ministerium für Staatssicherheit in Berlin.

11

Anne Seyfrieds Ausreise aus Ost-Berlin hatte sich unerwartet reibungslos vollzogen. Mit Oberst Wentzells Fahrgeld in der Tasche, hatte sie das Polizeirevier verlassen und sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht.

Mit großer Spannung hatten Heinz und Friska ihrem Bericht zugehört. Wie immer, wenn Heinz Pankraz seine Gedanken besonders konzentrierte, stand er auf. »Versucht doch einmal, euch in Wentzell-Marschal hineinzudenken. Er ist ein wichtiger Mann im Warschauer Pakt, vielleicht sogar eine Schlüsselfigur. Auf jeden Fall ein Mann mit Westverbot, jemand, der einen Westkontakt zu melden verpflichtet ist, wenn er ihn schon nicht vermeiden kann. Und dieser Mann wird nun in unmittelbarer Nähe wichtiger militärischer Stäbe mit einem solchen Westkontakt konfrontiert. Und das auch noch in Anwesenheit eines Taxichauffeurs und seines eigenen Fahrers, die den ganzen Vorgang beobachten und bezeugen können. Was soll er machen? Meldet er die Sache pflichtgemäß, bringt er sich selbst in die größten Schwierigkeiten, setzt Untersuchungen in Gang, gibt Dinge der Vergangenheit preis, die er vielleicht auch lieber ruhen lassen möchte. Nein, für Wentzell-Marschal ist es doch wirklich am besten, er sieht nichts und hört nichts, läßt seinen Westkontakt weder festnehmen noch verhören‘ sondern so schnell wie möglich dorthin abschieben, wo er hergekommen ist. Hat von den beiden Fahrern einer bemerkt, Anne, daß Wentzell dich sozusagen als illegal eingereist entlarvt hat?«

Anne schüttelte den Kopf. »Die Fahrer haben sich in diesem Augenblick die Füße vertreten.«

Der Anwalt nickte bestätigend. »Seht ihr. Gebt euch keiner Täuschung hin. Das alles hat nichts mit Menschlichkeit zu tun. Oder gar mit Mitgefühl. Das ist einfach Berechnung, reiner Selbsterhaltungstrieb.«

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Um so mehr wunderte es Friska Pankraz, als sie am nächsten Tag etwa gegen elf Uhr vormittags den Telefonhörer abhob und eine unbekannte Männerstimme vernahm. Dieser Mann nannte seinen Namen nicht, erkundigte sich aber, ob Friska eine Zwillingsschwester habe. Als Friska diese Frage bejahte, trug der Mann ihr auf, ihrer Schwester zu bestellen, daß sie sich am folgenden Tag, also am Mittwoch, dem 2. März, um Punkt zehn Uhr vormittags in Ost-Berlin im Museum, und zwar im Saal des Pergamonaltars, einfinden solle. Keine Minute früher und auch keine Minute später. Friska stellte Rückfragen, jedoch beantwortete der Fremde keine von ihnen, sondern sagte nur noch, daß Friskas Schwester über alles genau Bescheid wisse und daß keine Erklärungen notwendig seien. Friska erklärte dem Anrufer, daß Annes Koffer schon zur Abreise gepackt bereitstünden. Der Mann erwiderte, die Vereinbarung werde in Annes persönlichem Interesse getroffen und Anne wisse das. Danach knackte es in der Leitung. Friska legte auf. Anne war mit Heinz in die Stadt gefahren, um ihr Flugticket für die Abendmaschine in den Westen zu buchen. Es war durchaus möglich, daß sie jetzt in der Kanzlei erreichbar war. Friska wählte die Nummer und behielt recht. Sie berichtete ihrer Schwester von dem Telefongespräch, das sie soeben geführt hatte. Annes Entschluß war innerhalb von Sekunden getroffen. Sie ließ sich mit dem Büro der Fluggesellschaft verbinden und buchte ihren Flug nach Westen von heute auf die letzte Maschine für den morgigen Abend um. Ein Angebot ihres Schwagers, an ihrer Stelle an dem vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen, lehnte sie ab. Sie verließ das Büro, um bei Friskas Friseur die Ähnlichkeit zu dem Foto in ihrem eigenen Reisepaß so gut wie möglich wiederherstellen zu lassen.

Anne benützte wie bei ihrem ersten Besuch den Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße. Der Weg zur altehrwürdigen Museumsinsel war kurz. Anne Seyfried legte ihn zu Fuß zurück. Zwischen dem Palast der Republik und dem Außenministerium betrat sie den Marx-Engels-Platz. Der Eingang zu den alten Sammlungen befand sich noch immer am Kupfergraben. Man erreichte ihn auf einer Notbrücke, die über einen Kanal führte. Eine schmale Steintreppe klebte an einer hoch aufragenden Mauer. Anne erschrak, als sie die Besucherkolonne auf der Zugangstreppe bemerkte. Keine Minute früher und auch keine später, hatte Friska ihr eingeschärft. Aber noch war genügend Zeit. Die Menschenschlange bewegte sich träge vorwärts. Endlich befand Anne sich im Innern des Gebäudes. Eine beengte Kasse, eine beengte Garderobe, eine schmale steinerne Treppe, dann öffnete sich in diffusem gelblichgrauem, aber warmem Licht ein Saal, angefüllt mit assyrischen Kultfiguren. Es war fünf Minuten vor zehn. Anne drängte sich durch die Menschen zum Saal des Pergamonaltars.

Um Punkt zehn bemerkte sie Wentzell-Marschal mit einem aufgeschlagenen Reiseführer in der Hand. Er war in die Betrachtung des Inhaltes einer Glasvitrine vertieft, welche Details des Pergamonfrieses enthielt. Anne trat neben ihn und betrachtete ebenfalls das Ausstellungsstück.

Unauffällig begann Jost Wentzell-Marschal die Unterhaltung, während er mit Anne von Vitrine zu Vitrine schlenderte. Schließlich zog er sie in die Nische hinter dem Marmorsockel eines der beiden Seitenaltäre, wo er sich mit ihr auf den Treppenstufen niederließ. An dieser Seite fiel das Paar nicht auf, aber Wentzell konnte jeden beobachten, der den Saal betrat.

»Stellen Sie keine Fragen«, sagte Wentzell-Marschal. »Sie werden doch nie verstehen, warum ich Sie gebeten habe, noch einmal hierher zu kommen.«

»Ich nehme an, daß es der gleiche Grund ist, aus dem Sie mich nach Hause geschickt haben, anstatt mich verhaften zu lassen«, gab Anne zurück.

»Ich bewundere Ihren Mut«, entgegnete der Oberst. »Was bringt eine Frau dazu, für ihren Mann das alles zu tun?«

»Ich sagte es Ihnen schon«, antwortete Anne. »Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ich habe keine Geheimnisse.«

»Also, dann reden Sie.«

»Erinnern Sie sich an den Tag, den ich Ihnen genannt habe, Herr Wentzell?«

»Ich erinnere mich an ihn.«

»Glauben Sie mir, daß ich die Frau von Henning von Loßwitz bin?«

»Haben Sie eine Fotografie Ihres Mannes dabei?«

Anne schwieg betreten. »Daran habe ich nicht gedacht«, sagte sie schließlich.

»Das ist das Wichtigste, wenn man auf eine solche Reise geht wie Sie.«

»Sie haben recht. Ich habe nicht daran gedacht. Aber er sieht jetzt auch anders aus als damals.«

»Darauf kommt es nicht an«, erwiderte Oberst Wentzell. »Sie werden verstehen, daß ein Mann in meiner Lage auf einem Nachweis bestehen muß, wenn er aus dem Westen anvisiert wird. Es ist ohnehin illegal, daß ich hier mit Ihnen spreche.«

»Dazu muß ich etwas weiter ausholen. Darf ich erzählen?«

»Erzählen Sie«, sagte der Offizier. »Deshalb habe ich Sie hierherkommen lassen.«

Anne erzählte Jost Wentzell-Marschal in wenigen Sätzen die Lebensgeschichte ihres Mannes bis zu dem Tag, da der Obersturmführer Henning von Loßwitz im Tiefbunker der Reichskanzlei von Adolf Hitler das Ritterkreuz verliehen bekommen hatte.

»Und das hat er wirklich angenommen?« murmelte Jost Wentzell.

»Darauf ist er womöglich noch stolz gewesen.«

»Er war an diesem Tag genau zwanzig Jahre alt«, erklärte Anne. »Er war unter einem autoritären Regime aufgewachsen und erzogen worden. Er hatte von den Verbrechen des Systems, dem er diente, nicht die geringste Ahnung. Und er glaubte, für eine gerechte Sache zu kämpfen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Jost Wentzell.

»Nichts weiter. Jeder anständige Mensch glaubt, für eine gerechte Sache einzutreten. Wer weiß, daß es nicht so ist, und es dennoch tut, ist entweder kein anständiger Mensch, oder er steht unter Zwang. Was können Sie einem zwanzigjährigen Idealisten schon vorwerfen? Daß er Idealist ist?«

Jost Wentzell-Marschal dachte nach. Er dachte dabei an sich selbst und an die Geschichte seines eigenen Lebens. Er erinnerte sich, daß es im höheren operativen Interesse eines militärischen Paktes lag, in einen Erkenntniskomplex einzudringen, zu welchem der Mann dieser Frau den Schlüssel besaß. Er erinnerte sich, daß man diesen Mann dazu zwingen mußte, seine Informationen preiszugeben, da er es freiwillig nicht tun würde. Und er erinnerte sich schließlich, daß sein alter väterlicher Freund und Vertrauter Alexei Adrianowitsch Soltjakin, Generalmajor der Sowjetarmee, um seine, Jost Wentzells, Sicherheit fürchtete, sofern er nicht seine Aussage gegen den Mann dieser Frau abzugeben bereit war. Und das, obwohl der General wußte, daß es eine falsche Aussage sein würde. In was hatte er sich eingelassen?

»Kommen Sie zur Sache«, sagte Wentzell.

Anne Seyfried berichtete hastig weiter. Als sie zum ersten Mal den Jungen mit den braunen Augen erwähnte, unterbrach sie Wentzell.

»Was erzählte Ihr Mann darüber?« fragte der Offizier. »Sprach er den Jungen an, oder hat der Junge ihn angesprochen?«

»Mein Mann sprach den Jungen an«, sagte Anne. »Er sah das Kind vor der Kellerluke stehen. Es herrschte Chaos an der Brücke. Der Junge tat meinem Mann leid.«

Oberst Wentzell-Marschal nickte. Dann drängte er Anne weiterzuerzählen. »Und wie kamen Sie auf den Namen des Jungen?« fragte er, als Anne geendet hatte.

»Ich fragte meinen Mann aus, bis er mir den Namen des Unterführers nannte, dem er das Kind übergeben hatte. Von seiner Witwe erhielt ich die Postkarten des Jungen, die Sie in Ihrer Brieftasche haben. Ich nehme an, Sie werden nicht leugnen, daß Sie der Junge sind.«

»Und was wollen Sie von mir?« wollte Jost Wentzell weiter wissen, nachdem er eine ganze Weile geschwiegen hatte.

»Wegen des Todes des Majors und dem damit verbundenen Tod Hunderter von Menschen droht man meinem Mann jetzt mit einem Mordprozeß. Sie sind der einzige Mensch, Oberst Wentzell, der vor Gericht bezeugen kann, daß mein Mann nicht in Mordabsicht geschossen hat, sondern vielmehr aus Nothilfe für schuldlose und bedrohte Menschen. Und ich will, daß Sie diese Aussage für meinen Mann machen, weil sie die Wahrheit ist.«

Jost Wentzell-Marschal antwortete nicht sofort. »Was ist aus den Eltern des Jungen geworden? Und aus seiner Schwester?«

Nach einer langen Pause antwortete Anne: »Sie wissen so gut wie ich, daß Ihre Familie damals ums Leben gekommen ist, Jost Wentzell. Warum fragen Sie mich danach? Es fällt mir schwer, Ihnen darauf zu antworten.«

»Weil die Faschisten sie in die Luft gesprengt haben, verstehen Sie? Ob das der Mann von der Waffen-SS gemacht hat oder der andere, bleibt sich gleich. Die Sowjets haben diesen Krieg nicht angefangen. Aber ihr habt es getan. Und Ihr Mann gehört zu denen, die da mitgemacht und sie auf dem Gewissen haben.«

»Das stimmt nicht ganz«, entgegnete Anne ruhig. »Zumindest nicht, was diesen Fall und ähnliche Vorfälle betrifft. Nicht nur die Deutschen hatten nämlich beim Rückzugskampf um die Flußübergänge eine besondere Taktik entwickelt, sondern auch die Russen. Keine sowjetische Truppe nahm Rücksicht auf Zivilisten und Flüchtlingstrecks, wenn sie in Reichweite einer Brücke kam, die sie unzerstört in ihren Besitz bringen wollte. Eine zerstörte Brücke hielt die Armee damals einen Tag lang auf. Das wissen Sie als Offizier besser als ich. Und auf einen Tag kam es den Oberkommandierenden in diesen entscheidenden Wochen an. Wer im Wege stand, wurde niedergeschossen. Ihre Familie ist auf diese Weise ums Leben gekommen, Oberst Wentzell. Nicht durch die Sprengung.«

Es entstand erneut eine lange Pause.

»Sie haben mir noch nicht gesagt, ob Sie mir jetzt glauben«, sagte Anne.

»Ich glaube Ihnen«, erwiderte Oberst Wentzell. »Sie haben diese Ereignisse genauso geschildert, wie ich sie in meiner schwachen Erinnerung habe. Aus diesem Grunde glaube ich auch, was Sie über meine Familie berichten.«

»Und werden Sie Ihre Aussagen zugunsten meines Mannes machen?«

»Sehen Sie«, sagte der Oberst. »Sie sind zwar mutig, aber naiv. In dieser Sache stoßen übergeordnete Interessen aufeinander, gegenüber denen Ihre und meine Interessen eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Die Aussage, die Sie von mir wünschen, könnte ich nur drüben machen, in Ihrem Land. Ich könnte sie nur mündlich machen und nur dann, wenn ich dort bliebe. Ich habe für dieses Land nichts übrig, für sein Profitdenken, seine Kriminalität, seinen Egoismus und seinen rücksichtslosen Kommerz. Vielleicht gehörte Ihr Mann wirklich nicht zu den Schlimmsten, die es damals gab. Mein Versprechen, die Aussage zu machen, würde aber bedeuten, daß ich bereit wäre, dieses Land hier zu verraten und zu verlassen. Auch ich habe Bindungen, Freunde, Pflichten. Eine Frau wie Sie wird verstehen, daß ich das nicht kann.«

In diesem Augenblick sah Oberst Wentzell den Mann. Er war allein und hatte soeben den Saal betreten, den er aufmerksam und doch unauffällig mit den Augen absuchte. Er trug einen dunkelblauen Anorak, wie sie derzeit in den Textilgeschäften angeboten wurden, dazu eine braune Pelzmütze; er hatte lange, rötlichbraune Koteletten. Oberst Wentzell wußte sofort, daß dieser Mann beauftragt war, ihn zu beobachten. »Und auch vielleicht gar nicht mehr könnte«, setzte er hinzu. Dann senkte er die Stimme. »Stehen Sie sofort unauffällig auf, und verlassen Sie den Saal … Sofort!« herrschte er sie an, als Anne ihn fassungslos anstarrte. »Gehen Sie und fragen Sie nicht.«

Er versenkte sich in die Lektüre des Reiseführers und spürte, wie Anne neben ihm aufstand und aus seinem Gesichtskreis verschwand. Unter gesenkten Augenlidern beobachtete er, wie sie, an dem Mann sich vorbeidrängend, den Pergamonsaal verließ, wie der Mann im blauen Anorak ihr einen Augenblick lang unschlüssig nachsah und dann wieder den Saal mit den Augen absuchte. Es schien Jost Wentzell-Marschal, als habe ihn dieser Mann soeben erst entdeckt. Aber sicher war er sich nicht.

Als Anne das Museum verließ, fühlte sie sich wie vor den Kopf geschlagen. Nach allem, wie Jost Wentzell-Marschal sich ihr gegenüber verhalten hatte, war es ihr unbegreiflich, warum er sie so abrupt weggeschickt hatte. Wen hatte sie vor sich gehabt? Einen Parteigänger, Opportunisten, Furchtsamen oder Getriebenen? Würde sie jemals erfahren, was in dieser Stunde mit Jost Wentzell-Marschal im Pergamonmuseum wirklich geschehen war?

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Es war kurz vor achtzehn Uhr, als Dirk den Dienstwagen vor dem Block anhielt, in welchem Wentzell-Marschal wohnte, und seinem Chef die Fondtür aufhielt. Wentzell verließ den Wagen und bestellte Dirk für den nächsten Morgen zur gewohnten Zeit. Er schloß die Haustür auf und stieg nach oben zu seiner Wohnung.

Auch höhere Offiziere der Nationalen Volksarmee wohnen nicht komfortabel. Es gibt eine Küche mit Elektroherd und Warmwasserspeicher, ein Bad mit Waschautomat, ein Wohn-, ein Schlaf- und ein Arbeitszimmer sowie einen Abstellraum. In dem kleinen Raum, der ihm für häusliche Arbeiten, Basteleien und Hobbys diente — Jost Wentzell war ein passionierter Anhänger des Modellflugsportes —, erledigte der Oberst ein paar schriftliche Kleinigkeiten und ging dann hinüber ins Wohnzimmer, um sich eine Reportage über Polen im Fernsehen anzuschauen.

Er hörte, daß unten vor dem Haus die Tür eines Wagens zugeschlagen wurde, und trat ans Fenster. Vor der Haustür stand ein geländegängiges Stabsfahrzeug der Armee. Aus dem Fahrzeug stiegen ein Feldwebel und ein Hauptmann. Den Fahrer, der am Steuer sitzen blieb, sah Jost Wentzell schemenhaft durch die Windschutzscheibe. Der Oberst beobachtete, wie der Hauptmann dem Feldwebel die Weisung gab, neben dem Kübelwagen zu warten. Der Mann begann, mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf dem Gehsteig hin und her zu wandern. Wenig später läutete die Türglocke.

Wentzell öffnete dem Hauptmann. Der salutierte und nannte Dienstgrad und Namen. Danach erklärte er Jost Wentzell, daß er ihm ein Schreiben des Genossen Armeegeneral zu übergeben habe, welches er gleichzeitig aus seiner Kartentasche holte. Wentzell nahm es in Empfang und überflog es.

Das Schreiben enthielt einen Befehl des Oberkommandos, Oberst Wentzell-Marschal habe an einem morgen beginnenden gemeinsamen Manöver sowjetischer und deutscher Streitkräfte im Raum Görlitz teilzunehmen.

»Wo muß ich mich melden und wann?« fragte der Oberst, während er das Schreiben zusammenfaltete und zurück in den Umschlag schob. Der Hauptmann antwortete: »Gestatten Sie, Genosse Oberst, daß wir Sie an Ort und Stelle bringen.«

»Wie, sofort?« fragte der Oberst.

»Sofort«, sagte der Hauptmann. »Für Unterkunft und Ausrüstung ist gesorgt.«

»Dann muß ich Sie bitten, sich kurz zu gedulden.«

Der Mann nahm die graue Pelzmütze vom Kopf und stellte sich vor die Flurgarderobe, um zu warten, während Jost Wentzell sich zurückzog, um sich umzukleiden. Das war rasch geschehen. Nach kurzer Zeit trat Wentzell in voller Uniform wieder in den Flur.

»Wir können fahren, Genosse Hauptmann«, sagte er. »Wie lange wird die Übung dauern?«

»Darüber hat man mit nichts mitgeteilt«, erwiderte der Offizier, setzte die Mütze auf und öffnete die Flurtür, um den Oberst vorangehen zu lassen.

Unten sprang der Fahrer aus dem Kübelwagen und riß die Türen auf. Jost Wentzell stieg auf den Rücksitz. Von der anderen Seite her schob sich der Hauptmann neben ihn. Der Feldwebel stieg auf den Beifahrersitz. Die Türen knallten zu, und schwankend setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.

12

Es war der 9. März, und in den feuchten Wäldern sprossen die ersten Palmkätzchen. Mit wachsender Unruhe hatten Fritz und Anne Seyfried den morgigen Tag näherkommen sehen.

Kein Bote war erschienen und hatte eine verschlüsselte Nachricht oder Anweisung in den Briefkasten geworfen, kein Telegramm war eingetroffen, absolut nichts war geschehen, woraus hätte geschlossen werden können, daß Günther Mallée dem von ihm aufgespürten und in seinen Akten unter dem Stichwort Nachtfrost laufenden Nachrichtenkomplex SR 707 überhaupt noch Beachtung schenkte.

Was Anne aus Berlin mitgebracht hatte, war niederschmetternd. Zwar hatte Fritz staunend zur Kenntnis genommen, daß es Anne tatsächlich geglückt war, den Jungen von Tomaszów ausfindig zu machen und sogar mit ihm zu sprechen. Aber die Erkenntnis, daß aus diesem Jungen offenbar ein wichtiger Stabsoffizier der Streitkräfte des Warschauer Paktes geworden war, hatte die Hoffnung, eine Aussage dieses Mannes zugunsten der Sache von Fritz zu erreichen, zunichte gemacht.

Jetzt, am letzten Abend vor dem Flug zu den Vereinigten Hütten nach Herne, hielt es das Ehepaar nicht zu Hause. Gegen sechs Uhr zogen Fritz und Anne sich an, nahmen die Hunde an die Leine, verließen das Haus und machten einen ausgedehnten Spaziergang hinauf in die Wälder des Habichtsberges.

An einer Stelle, wo sie sicher waren, unbeobachtet sprechen zu können, fragte Anne: »Was willst du jetzt tun, Fritz?«

»Von wollen kann ja wohl keine Rede mehr sein, Anne. Wenn unsere Leute nichts von sich hören lassen, werde ich tun, was die anderen von mir verlangen.«

Den einmal eingeschlagenen Weg beschritt Fritz Seyfried am folgenden Tag, dem 10. März. Um elf Uhr vormittags hörte er den Hubschrauber der Luftwaffe auf dem Landepunkt im Garten des Amtes herumknattern, den Lockschmidt für seinen Flug nach Herne geordert hatte. Lockschmidt kam ins Zimmer, um ihm die Ankunft mitzuteilen.

Fritz fuhr in den hellen Trenchcoat. »Hast du alles für die Sicherheit des Materials vorbereitet, das ich mitbringe? Ich will es sofort vervielfältigen und dann in den Stahltresor bringen.«

Hans Lockschmidt nickte. »Das Rechenzentrum ist besetzt. Die warten. Die Maschine, die sie brauchen, ist freigehalten. Und für den Zutritt zum Tresor übernimmt Kulinau den Nachtdienst. Der ist auf das Ding eingespielt und vereidigt. Der Neue noch nicht. Für den Rückflug warten auf dich zwei Gorillas vom MAD in Herne. Es kann nichts passieren. Ich habe für alles gesorgt.«

»Fein«, sagte Fritz Seyfried. »Dann kann’s ja losgehen.«

Von Lockschmidt begleitet, verließ er sein Dienstzimmer und verschloß es.

Als sie aus dem Aufzug traten, grüßte Kullnau.

»Sie haben den Turnus gewechselt, Kullnau«, sagte Seyfried.

»Gleich für die ganze Woche, Herr Seyfried«, erklärte Kullnau. »Das macht mir nichts aus. Meine Frau ist ohnehin auf Kur. Was soll ich abends zu Hause.« Er hielt Seyfried die Tür auf. Fritz verließ das Haus und schlug den Kragen hoch. Hans Lockschmidt begleitete ihn zur Maschine. Der kreisende Rotor ließ die Mäntel flattern. Der Pilot hielt die Tür auf.

»Also dann, bis später«, sagte Fritz, schüttelte Lockschmidt die Hand und bestieg den vibrierenden olivgrünen Kasten. Die Tür schlug zu, die Maschine erhob sich taumelnd in die Luft.

Nach einer Stunde lag das Ruhrgebiet unter ihm. Fritz Seyfried sah hinunter. Eine Stadt ging in die andere über, zusammengekettet durch die Stränge der Autobahnen und Bahnlinien, Fabrikkomplexe und Hochofenbatterien. Fritz bewunderte den Piloten, der es anscheinend verstand, aus dem Wald von Schloten und Fabrikanlagen genau denjenigen Komplex herauszufinden, der zu den Vereinigten Hütten gehörte. Die Maschine legte sich schief, kreiste, blieb stehen. Unten hatte man auf einem Werkshof ein gelbes Landekreuz ausgelegt und winkte mit Kellen. Der Hubschrauber senkte sich zwischen die Schlote und Hochöfen und setzte mit einem sanften Ruck auf. Als der Rotor stillstand, kam ein Techniker herangelaufen und öffnete die Tür. Fritz Seyfried stieg aus. Zwei Herren kamen auf ihn zu, stellten sich vor. Sie wiesen auf einen in der Nähe wartenden Wagen, alle liefen hinüber und stiegen ein. Die Fahrt ging in einen entfernten Teil der Werksanlage.

Der Wagen hielt vor einer modernen Halle. Sie betraten einen Flur ohne Tageslicht, an dessen Ende es eine Tür gab. »Von hier aus wird die Walzstraße gesteuert«, sagte einer von Seyfrieds Begleitern und öffnete sie. Seyfried trat in einen Raum, durch dessen kanzelförmige Glaswände man in eine riesige Werkshalle sah, auf deren Grund weißglühende Stahlmassen wie unmittelbar aus den Pforten der Hölle hervorschossen, in Bettungen geleitet und kanalisiert wurden. Durch eine weitere Tür ging es in einen fensterlosen Raum, an dessen Wänden Plantafeln und Berechnungen angebracht waren. In der Mitte gab es eine Sitzgruppe um einen niedrigen Tisch. Der eine der beiden Männer ließ Seyfried eintreten und schloß die Tür wieder hinter ihm.

Günther Mallée erhob sich und reichte Seyfried die Hand. Auch die beiden anderen anwesenden Männer erhoben sich. Den einen von ihnen stellte Mallée als Rüdiger Pless vor, den anderen als Hauptmann Kurt Steinkopf vom Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr.

»Sie werden überrascht sein, nicht die Herren von den Vereinigten Hütten zu sehen, die Sie erwartet haben«, sagte Mallée. »Wollen Sie nicht Ihren Mantel ablegen?«

Fritz Seyfried öffnete seinen Trenchcoat, und der Hauptmann nahm ihn ihm ab. Sie setzten sich.

»Kaffee, Kognak, Fruchtsaft, Gebäck? Was möchten Sie?« fragte Pless.

»Kaffee und etwas Gebäck«, antwortete Seyfried, und Pless hob den Hörer des Telefons ab, um das Gewünschte zu bestellen.

»Sie haben mich auf eine harte Probe gestellt, meine Herren«, eröffnete Fritz Seyfried das Gespräch.

»Es ging nicht anders«, entgegnete Mallée. »Zeitpunkt und Ort hier boten sich an. Jede frühere Nachricht an Sie wäre gefährlich gewesen. Meine Begleiter und ich haben mit den Massen der Arbeiter und Angestellten heute morgen das Werk betreten. Und dieser Raum ist absolut abhörsicher. Ich hoffe, wir haben Ihnen keine Schwierigkeiten bereitet.«

»Meine Frau hat es ziemlich mitgenommen«, sagte Fritz Seyfried. »Aber es ist sehr wichtig, daß es heute zu diesem Gespräch kommt, denn es ist schließlich fünf vor zwölf. Und wenn Sie mir aus dieser Geschichte heraushelfen wollen, brauchen Sie vielleicht noch ein paar Einzelheiten.«

»Heraushelfen?« Die drei Herren sahen einander überrascht an.

»Wie meinen Sie das? Und von welchen Einzelheiten sprechen Sie?«

»Meinen Sie die Sache mit dem Mord in Ihrer unmittelbaren Umgebung?« fragte Mallée. »Können Sie uns dazu Angaben machen?«

»Natürlich«, sagte Seyfried. »Der Tote war der Mann mit dem Hund, der mich angezapft hat.«

Mallée und Pless lehnten sich überrascht zurück, und Steinkopf verlangte Einzelheiten. Seyfried gab sie ihm, und Steinkopf machte sich Notizen.

»Ich nehme an, Nachtfrost hat mit der ganzen Sache etwas zu tun«, schloß er. »Was oder wer verbirgt sich eigentlich hinter diesem Decknamen?«

Pless antwortete: »Vermutlich hat Ihre Frau Ihnen diesen Namen weitergegeben. Unser Verbindungsmann hatte ihn ihr ja genannt. Zu Ihrer Information: Nachtfrost ist die uns bekannte Chiffre für eine nachrichtendienstliche Operationsgruppe, die der sowjetische KGB eingeschleust hat, mit dem ganz eng umrissenen Ziel, die neue Panzerung für den Leopard 2 zu erkunden.«

Steinkopf schaltete sich ein. »Für diesen Zweck scheinen die Sowjets einen eigens eingeschleusten Agenten eingesetzt zu haben. Zu diesem Mann haben wir bisher nicht die geringste Spur. Unsere Kollegen vom Bundesnachrichtendienst haben zwar in der Sowjetunion den Decknamen herausgebracht und sind darüber informiert, daß es sich um einen sowjetischen Spitzenmann in der Größenordnung von Sorge oder Abel handeln muß, mehr aber nicht. Was hat Ihnen der Mann mit dem Hund für Details gegeben, bevor er starb?«

Fritz Seyfried antwortete: »Sie wollen eine Kopie des für die Ministerkonferenz bestimmten Materials zwischen heute und Donnerstag. Der Übergabetreffsoll mir rechtzeitig mitgeteilt werden. Sie wußten, auf welche Weise das Material gespeichert ist, das ich hier abhole, und mit welcher Technik es vervielfältigt werden kann. Sie erwarten das Material reproduziert auf Mikrofilm.«

»Also warten Sie jetzt auf die Aufforderung zum Übergabetreff?« fragte Pless.

»Ja«, sagte Seyfried. »So ist es vereinbart.«

»Und wie soll Ihnen diese Mitteilung zugeben?«

»Die Vorderfenster meines Wagens haben Tag und Nacht so weit offenzustehen, daß eine schriftliche Mitteilung eingeworfen werden kann«, erklärte Seyfried.

»Und welches Zeichen ist vereinbart, daß Sie das Material in Händen haben?« erkundigte sich Steinkopf.

»Keines«, sagte Seyfried.

Die Männer sahen einander verblüfft an. »Keines?« fragte Mallée.

»Denken Sie doch bitte noch einmal nach, Herr Seyfried. Das ist unmöglich.«

»Keines«, bekräftigte Seyfried. »Ich brauche nicht noch einmal nachzudenken. Wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sagen. Sie rechnen fest damit, daß ich das Material heute hier mit hinausnehme.«

Es klopfte. Eine Kantinenfrau brachte auf einem Tablett Kaffee und Gebäck und verschwand dann wieder.

»Ich dachte eigentlich, daß Sie mich fragen würden, welchen Grund ich hatte, auf diese Sache einzugehen und nicht sofort alles abzulehnen«, sagte Seyfried, während Mallée Kaffee in die Tassen goß.

»Aber warum denn?« fragte Mallée. »Das, worauf Sie da anspielen, wissen wir doch alles.«

»Was wissen Sie?« wollte Seyfried wissen. »Wollen Sie mir das bitte näher erklären, Herr Mallée.«

Mallée griff nach dem Schnellhefter, den Pless auf den Tisch gelegt hatte, und schlug ihn auf. »Sie erinnern sich doch, Herr Seyfried, daß Sie von April 1951 bis zum Juli 1961 in den Diensten unserer Organisation standen?«

»Sehr gut sogar. Sonst hätte ich ja auch die Chiffre für das Inserat gar nicht in Händen gehabt, mit dem ich mich an Sie gewendet habe.«

Mallée nickte und blätterte in der Akte. »Sie haben sich dem General damals als hervorragender, in der Fronterprobung erfahrener und in der Analyse solcher Erfahrungen versierter Experte in Panzerfragen empfohlen. Was Sie natürlich nicht wissen konnten, ist, daß unsere Organisation die hervorragenden Fachkenntnisse, die Ihre Gespräche mit dem General verrieten, nicht in Übereinstimmung bringen konnte mit den Personalien des einzigen Fritz Seyfried, den wir im deutschen Wehrmachtsarchiv ausfindig machen konnten, nämlich eines Fritz Seyfried, geboren am 9. August 1921 in Kronenfeld im Banat, zuletzt SS-Mann in einer Artillerieabteilung der 4. Panzerarmee, vermißt seit dem Gefecht an der Pilica am 15. Januar 1945. Das schien unseren Sicherheitsleuten damals nicht zusammenzupassen. Und da Sie Ihre Einheit, Ihren Dienstgrad und Ihre Verwendung über den uns genannten und als falsch erkannten Namen hinaus verschwiegen, schloß der General, daß Sie einer Eliteeinheit angehört haben, der man Kriegsverbrechen vorwarf, oder daß Sie selbst sich solcher Verbrechen schuldig gemacht hatten. Wir waren natürlich verpflichtet, diesen Widersprüchen nachzugehen, und taten das mit der gebotenen Diskretion. Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen, jedenfalls fanden unsere Leute in mühevoller Kleinarbeit Frau Beate Mengendorff, die damals als Operationsschwester auf dem Hauptverbandsplatz arbeitete, der dem Pilica-Abschnitt zugeteilt war. Wir konnten ihr auch eine Fotografie vorweisen, die Sie zusammen mit zwei Kameraden bei einem Vortrag vor Adolf Hitler zeigte. Frau Mengendorff erklärte uns schriftlich, daß sie damals Ihre Identität gegen diejenige des SS-Mannes Fritz Seyfried austauschte, der auf dem Operationstisch seinen Verwundungen erlegen war.«

Günther Mallée löste ein schon leicht vergilbtes Blatt aus dem Ordner und hielt es Fritz Seyfried hin. »Hier ist ihre eidesstattliche Erklärung. Wollen Sie sie sehen?«

Fritz Seyfried nahm das Blatt und las die Erklärung, die das letzte Rätsel löste, das für ihn bisher noch über den Ereignissen von damals gelegen hatte. Er gab das Blatt zurück. Mallée heftete es wieder in den Ordner. »Seit 1952«, sagte er, »wußte die Organisation, daß sie es mit Henning von Loßwitz, Obersturmführer und Chef einer Panzerkompanie derselben Division wie Fritz Seyfried, zu tun hatte.« Mallée schloß den Ordner. »Kann ich Ihnen noch irgendeine Auflärung geben?«

»Ja, eine Frage noch: Aus welchem Grund haben Sie mir eigentlich das alles verschwiegen?«

Mallée lächelte vielsagend. »Das hat Herr Pless rekonstruiert. Pless, wollen Sie Herrn Seyfried auf seine Frage antworten?«

»Fünf Jahre lang hoffte die Welt damals«, sagte Pless, »daß sie nach diesem wahnwitzigen Krieg und seinen noch wahnwitzigeren Verbrechen eine bessere Welt werden würde. Aber dann zeigte sich, daß diese Hoffnung trog. Bald wurden wieder Experten gesucht. Sie waren einer von ihnen. Und was für eine Vergangenheit ein Mann hatte, den wir brauchten, war — wenigstens vorerst — nicht so wichtig. Der General war froh, Sie zu haben. Es war für ihn auch gleichgültig, was Sie vorher gemacht hatten, wenn Sie Ihr Fach verstanden. Nur wissen mußte er es. Und als er es erfahren hatte, kam es ihm gelegen, daß Sie mit geänderter Identität in seiner Organisation arbeiteten. Warum sollten wir uns in Dinge mischen, die uns nach dem Ergebnis unserer Ermittlungen nichts mehr angingen und geklärt waren? Ihre Identität betrachteten wir von da an als Ihre Privatsache.«

»Soll das heißen«, sagte Fritz Seyfried, »daß Sie wegen des Todes des Majors Kayser auch eine Mordanklage für nicht haltbar ansahen?«

»Tod eines Majors Kayser?« fragte Mallée. »Mordanklage? Wovon reden Sie, Herr Seyfried?«

»Sie haben doch vorhin selbst von dem Verdacht von Kriegsverbrechen gesprochen«, sagte Seyfried konsterniert. »Ich dachte …«

»Das hat Herr Mallée nur ganz allgemein gesagt«, schaltete sich Pless ein. »Haben Sie das auf sich bezogen?«

»Oder haben Sie etwa Anlaß, eine solche Anklage zu fürchten?« sagte Mallée. »Vielleicht jetzt, da die Verjährungsfristen aufgehoben worden sind? Das wäre uns neu.«

»Ich wundere mich«, entgegnete Fritz Seyfried, »daß Ihnen nicht der Gedanke gekommen ist, hinter der Erpressung könnte mehr stecken als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Truppenteil, ein Dienstgrad und eine damals kriegswichtige Aufgabe.«

»Und dieses ›mehr‹ war der Tod eines Majors Kayser?« fragte Mallée interessiert. »Darüber werden Sie uns berichten müssen, Herr Seyfried. Das ist sehr wichtig.«

»Wie Sie wollen«, gab Seyfried zurück. »Zumindest wissen Sie dann, wie es wirklich war, gleichgültig, wie ein Prozeß ausgehen würde.«

»Sprechen Sie«, forderte ihn Mallée auf. Die Herren lehnten sich in ihren Sesseln zurück, und Seyfried begann seinen Bericht.

Als er fertig war, meinte Steinkopf: »Dafür werden Sie Beweise brauchen.«

»Richtig.« Seyfried nickte. »Ich erinnerte mich eines kleinen wolhyniendeutschen Jungen, der sich während dieses ganzen Vorgangs in meinem Bunker am Ufer der Pilica befand. Meine Frau fuhr los und brachte den Namen heraus. Dann reiste sie nach Berlin und auch nach Ost-Berlin, wo sie herausfand, daß dieser Junge noch lebt. Die Spur führte sie nach Strausberg in der Märkischen Schweiz. Dort und später noch einmal in Ost-Berlin konnte sie mit dem Mann sprechen, der damals als Kind Zeuge der Ereignisse an der Pilica war. Er heißt Jost Wentzell-Marschal und ist Oberst der Nationalen Volksarmee der DDR.«

Die Verblüffung der drei zuhörenden Männer war perfekt. Mallée faßte sich als erster: »Sie wollen damit doch nicht andeuten, daß Ihre Frau zweimal mit Oberst Wentzell-Marschal persönlich gesprochen hat, Seyfried?«

»Was heißt andeuten?« sagte Seyfried. »Es war so.«

»Wissen Sie eigentlich, wer Wentzell-Marschal ist?« platzte Pless heraus.

»Keine Ahnung«, erwiderte Seyfried.

»Wentzell-Marschal«, erklärte Mallée, »ist ein Günstling Generalmajor Alexei Adrianowitsch Soltjakins, des zuständigen GRU-Chefs für unseren Bereich. Er spricht vier slawische Sprachen fließend und ist als Koordinator des gesamten Übersetzungswesens im Warschauer Pakt einer der wichtigsten Geheimnisträger dieser Organisation. Über sein Büro läuft alles. Er steht an zur Beförderung zum General. Wentzell-Marschal hat bisher noch kein westlicher Bürger auch nur zu Gesicht bekommen. Und Sie wollen behaupten, daß Ihre Frau zweimal mit diesem Mann gesprochen hat. Bei allem Wohlwollen, Seyfried, aber das nehme ich Ihnen nicht ab.«

»Es ist aber so«, wiederholte Seyfried. »Fragen Sie meine Frau, wenn Sie Einzelheiten wissen wollen.«

»Und was soll Wentzell-Marschal Ihrer Frau gesagt haben?« fragte Pless.

»Er hat ihr bestätigt, daß die Vorgänge sich so abgespielt haben, wie ich sie geschildert habe«, sagte Fritz Seyfried.

»Und ist Wentzell bereit, diese Aussage auch vor einem deutschen Gericht zu machen?«

»Bisher noch nicht«, antwortete Seyfried wahrheitsgemäß.

»Das habe ich mir doch gedacht«, sagte Mallée. »Ihre Frau wird diesen Mann nie wieder zu Gesicht bekommen, Seyfried. Daß es ihr einmal geglückt sein soll, klingt wie ein Märchen. Niemals werden die Ostdeutschen oder die Sowjets diesen Mann einen einzigen Schritt ins westliche Ausland tun oder auch nur vor einer westdeutschen Richterkommission eine Aussage machen lassen. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Mann.«

»Ich kann dazu nichts sagen«, meinte Fritz Seyfried. »Ich war bei diesen Gesprächen nicht anwesend. Wie soll es weitergehen? Was schlagen Sie vor?«

Mallée goß neuen Kaffee nach. »Sehen Sie«, sagte er nach einer Weile des Nachdenkens, »die Sache mit dem toten Major stellt uns natürlich vor eine ganz neue Situation …«

»Und zwar vor keine unangenehme«, vollendete Seyfried den Satz. »Allmählich fange ich an, das richtig zu verstehen. Sobald Sie meine Annonce erhalten haben, vermuteten Sie, endlich an Nachtfrost heranzukommen — von dessen Existenz Sie ja schon lange wußten. Aber solange ich nur mit meiner falschen Identität und meiner militärischen Vergangenheit erpreßt wurde, wie Sie vermuteten, hätte ich ja noch abspringen können. Mit dem fetten Köder eines Mordes dagegen sieht die Sache für mich natürlich ganz anders aus — und damit auch für Sie.«

»Nun ja …«, Mallée zögerte. »Wir wissen noch gar nicht, ob es uns überhaupt glückt, an Nachtfrost heranzukommen. Aber versuchen müssen wir es.«

»Sie sind also entschlossen, mich zu verheizen‘ damit Sie Nachtfrost ausschalten können.«

»So dürfen Sie es nicht nennen, Seyfried.«

»Wie soll ich es sonst nennen? Das ist ein hinterhältiger Trick, Mallé. Da mache ich nicht mit.«

»Alles wird unter einem Höchstmaß von Sicherheitsvorkehrungen ablaufen. Es ist fast kein Risiko damit verbunden.«

»Fast«, sagte Seyfried. »Ich bin kein Mann der Nachrichtendienste, Mallée. Da ist mir ein ›fast‹ als Berufsrisiko schon zu hoch. Ich werde Ihnen diesen Gefallen nicht tun.«

»Sie werden müssen«, erwiderte Mallée. »Sie können Ihren Rechtfertigungsgrund für den Tod des Majors nicht beweisen. Sie müssen mit mir zusammenarbeiten, weil es Ihre einzige Chance ist, der Schlange den Kopf abzuschlagen. Ich wiederhole, Sie müssen, Seyfried. Aber es wäre mir lieber, Sie würden wollen.«

Es entstand eine Pause, in der alle drei Männer Fritz Seyfried gespannt ansahen. »Also gut«, sagte dieser endlich. »Geben Sie mir Ihre Weisungen, Mallée.«

Es war eine Kapitulation vor den Argumenten der Vernunft. Die Spannung wich. Die Männer räusperten sich wieder, tranken Kaffee.

»Schön«, sagte Pless. »Sie erhalten jetzt von uns einen Aktenkoffer, in dem sich Magnetbänder mit gespeichertem wissenschaftlichem Material befinden. Dieses Material ist fingiert, aber das könnte erst festgestellt werden, wenn es systematisch ausgewertet wird. Von entscheidender Bedeutung bei diesem Unternehmen ist, daß wir sofort von dem Übergabetreff Kenntnis erhalten. Sofort, Herr Seyfried, verstehen Sie? Denn die Gegenseite wird auf Tempo drängen, um die Sache hinter sich zu bringen. Unsere Leute liegen in ständiger Bereitschaft, aber wir müssen die Nachricht ebenso schnell in Besitz haben wie Sie.«

»Wie soll ich das machen?«

»Die schriftliche Nachricht wird in Ihren Wagen geworfen, sagten Sie?«

»Ja.«

»Gut. Haben Sie eine Tankstelle, an der Sie regelmäßig tanken?«

»Ja«, antwortete Fritz Seyfried. »Warum?«

»Wie lange ist diese Tankstelle geöffnet?«

»Rund um die Uhr.«

»Wunderbar«, sagte Pless. »Sorgen Sie von jetzt an dafür, daß Ihr Tank immer so weit leer ist, daß es unverfänglich ist, wenn Sie zum Tanken fahren. Und wenn Sie die Nachricht vorfinden, ist Ihr erster Weg zu dieser Tankstelle, wo Sie zusammen mit dem Geld dem Tankwart oder dem Mann an der Kasse auch diese Nachricht übergeben. Wir sorgen dafür, daß kein Mißverständnis auftritt. Dann befolgen Sie genau die Anweisungen, die Ihnen erteilt worden sind. Das ist alles. Das andere machen wir. Welche Tankstelle ist es?«

Fritz Seyfried nannte Namen und Adresse. Pless schrieb beides auf.

»Was passieren wird, kann ich Ihnen nicht voraussagen«, meinte Mallée. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß wir das Menschenmögliche tun werden.«

»… um Nachtfrost in den Griff zu bekommen«, vollendete Seyfried den Satz, stand auf und knöpfte sein Jackett zu. Die anderen Herren erhoben sich ebenfalls.

»Auch, um Ihnen Schutz zu geben«, fügte Pless hinzu.

»Mit allem einverstanden?« fragte Mallée den Hauptmann vom Militärischen Abschirmdienst.

»Wie abgesprochen, Herr Mallée«, antwortete der Offizier. Er bückte sich, um einen neben seinem Sessel stehenden Aktenkoffer aufzuheben.

Fritz Seyfried fuhr in seinen Trenchcoat. Steinkopf schloß mittels der Schlaufe einer kurzen Kette den Koffer an Seyfrieds Handgelenk, und Seyfried nahm den Griff in die Hand. Steinkopf behielt den Schlüssel.

»Dann kann die Sache also anrollen«, sagte Mallée.

Ein kurzes Kopfnicken, eine knappe Verbeugung. Seyfried verließ in Steinkopfs Begleitung das Zimmer und durchschritt den Schaltraum. Draußen auf dem fensterlosen Flur warteten zwei Männer. Ihre Mäntel trugen sie offen, so daß die Neunmillimeter in den Achselhalftern unter den Jacketts sichtbar waren. Steinkopf übergab dem einen von ihnen den Schlüssel zur Stahlkette an Seyfrieds Handgelenk. Anschließend verabschiedete er sich.

Rechts und links begleitet von den beiden Männern, schritt Fritz Seyfried durch den langen Flur, bestieg den Wagen und fuhr zum Landeplatz, wo der Hubschrauber wartete. Zu dritt gingen sie hinüber und verschwanden in der offenen Einstiegluke.

Vor dem Amt erwartete eine Anzahl von Männern die Ankunft der Maschine. Unter ihnen Hans Lockschmidt. In einer eng geschlossenen Gruppe begaben sich die Männer hinüber zum Portal, stiegen die Treppen nach oben und gelangten zum Rechenzentrum. Ein Sicherheitsbeamter postierte sich vor dem Eingang. Hans Lockschmidt überprüfte den Abschluß der Vorbereitungen, die Anwesenheit des nötigen Personals und die Einsatzbereitschaft der erforderlichen Maschinen.

»Ruft mich an, kurz bevor ihr fertig seid, damit ich die Unterbringung im Tresor vorbereiten kann«, sagte Lockschmidt. Damit verließ er das Rechenzentrum. Der Sicherheitsbeamte wanderte in der Nähe des Eingangs hin und her, nachdem er Seyfried den Koffer abgekettet hatte.

Seyfried bestellte ohne Skrupel acht Kopien des gespeicherten Materials auf Mikrofilm, und die Techniker machten sich an die Arbeit. Nach zwei Stunden waren die Abzüge entwickelt, und Fritz Seyfried rief hinauf zu Lockschmidt. Als dieser das Rechenzentrum betrat, hatte Seyfried bereits die acht Päckchen in dem Aktenkoffer bei den Originalbändern verstaut. Im kleinen Konvoi brachten die Männer den Aktenkoffer ins Haupthaus, wo Kullnau mit bereitgehaltenem Schlüs‘sel auf sie wartete.

In Kullnaus Loge befand sich ein Wandtresor. Von diesem aus waren die elektronischen und Selenzellensicherungen des Haupttresors abzuschalten. Zur Öffnung des Wandtresors bedurfte es eines Schlüssels, den der Pförtner in Verwahrung hatte, und eines zweiten, den nur einige Beamte im Rang eines Regierungsdirektors des Amtes besitzen durften. Zu ihnen zählte Hans Lockschmidt. Die Öffnung des Panzertores im Stahlkeller selbst erforderte einen weiteren Schlüssel und die Kenntnis der achtstelligen, täglich wechselnden Chiffrezahl. Diese Öffnung durfte nur durch dazu berechtigte Beamte, ohne Anwesenheit der Pförtner, vorgenommen werden.

Nach diesem Ritual wurde der Tresor geöffnet und der Aktenkoffer in einem mit einer Gitterklappe verschließbaren Fach verwahrt. Während Lockschmidt zu den beiden Sicherheitsbeamten hinüberging, die in einer Ecke, der Vorschrift entsprechend, ihre Neunmillimeterpistolen entluden, zog Kullnau Seyfried zur Seite.

»Seien Sie wachsam, Herr Seyfried. Ich habe vorhin in der Tiefgarage den Eindruck gehabt, als hätte jemand an Ihrem Wagen herumgemacht. Ich habe das Fahrzeug sofort überprüft, aber nichts gefunden.«

Seyfried dankte und stellte keine weiteren Fragen. Als er unten auf seinem reservierten Platz den Citroén aufschloß, sah er die Nachricht in dem Augenblick, als die Innenbeleuchtung sich einschaltete. Im schwachen Schein des Lämpchens las er die kurze Mitteilung:

Fahren Sie morgen nacht Punkt 22 Uhr 30 auf die Autobahn in Richtung Cochem. Sie erhalten dann eine unmißverständliche weitere Weisung.

Fritz Seyfried faltete den Zettel so, daß er zwischen einen zusammengefalteten größeren Geldschein paßte, und steckte beides in die Tasche seines Mantels. Dann fuhr er zu seiner Tankstelle.

Pless’ Leute hatten rasch gearbeitet. Die Frau an der Kasse wußte Bescheid. Sie sah Seyfrieds Wagen an die Zapfstelle fahren. Als er bezahlte, fühlte sie die Mitteilung in dem gefalteten Geldschein und schob ihn unbewegten Gesichtes in die Schublade der Registrierkasse. Ebenso unbewegten Gesichtes gab sie Seyfried das Wechselgeld heraus und wünschte dem Kunden einen guten Abend und angenehme Fahrt.

13

»Sind wir jetzt fertig?« fragte der General und legte die Hände in einer Weise flach vor sich auf die Kante des Mahagonischreibtisches, die keine Zweifel daran aufkommen ließ, daß es für den Besucher angenehmer wäre, wenn er die Frage mit ja beantworten würde.

Der Mann tat es. Er sagte sogar »Jawohl, Genosse General«, sammelte die Blätter, die er beschrieben hatte, ein, faltete sie einmal und schob sie in die Innentasche seiner Jacke. Danach erhob er sich und sah auf General Soltjakin herunter. Der Offizier machte keinerlei Anstalten, sich ebenfalls zu erheben. Nur eine Pranke löste sich von der Schreibtischplatte und wies auf die Tür. »Sie können dort hinausgehen, wo Sie hereingekommen sind«, sagte er und wendete sich der Arbeit zu, bei der ihn der Besucher unterbrochen hatte. Dabei schob er die schwere, dunkle Hornbrille wieder vor die Augen und sah nicht mehr hoch, während der Mann in seinem ungebügelten, zu hellen Anzug mit den zu kurzen Hosenbeinen zur Tür ging.

Soltjakin konnte sich die Kontur der Kanaille, die Alikin ihm auf den Hals gehetzt hatte, auch vorstellen, ohne daß er ihr nachstarrte und sich dabei noch etwas vergab. Welch ein Segen, daß wenigstens die Armee noch einen Staat im Staate bildete, einen Hort der Ordnung und der Disziplin in einer Gesellschaft von Denunzianten, Spitzeln, Karrieremachern und Opportunisten. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und starrte auf die Tür, hinter der sein ungebetener Gast verschwunden war.

Sein erster Impuls war, sofort Rodionowski anzurufen, den alten Waffengefährten aus der Zeit, da sie gemeinsam den Warthegau, den Oderbruch und Berlin erobert hatten. Aber dann überlegte er sich, daß er Rodionowski mit dieser Sache erst kommen durfte, wenn er Fakten besaß. Und Fakten konnte er, so wie die Dinge lagen, nur von einem einzigen Menschen bekommen, und das war Jost Wentzell-Marschal.

Der General zog das Telefon zu sich herüber, das ihn unmittelbar mit den Kommandostellen in Deutschland verband. Er verlangte und erhielt eine Sofortverbindung mit den Stäben der Deutschen in Strausberg. jedoch meldete sich in der Operationsabteilung des Obersten Wentzell niemand. Er fragte sich von Dienststelle zu Dienststelle durch und erhielt überall unklare oder gar keine Auskünfte. Schließlich verlangte er erneut eine Verbindung, dieses Mal mit General Igor Iwanowitsch Rajewski, dem sowjetischen Verbindungsoffizier in Karlshorst.

Der Kamerad in Deutschland war selbst am Apparat. Soltjakin nannte seinen Namen. »Ich kann Jostin Wentzell nirgends erreichen, Igor Iwanowitsch. Ich telefoniere in diesem ganzen verdammten Strausberg herum und kann ihn nirgends erwischen.«

»Hast du es zu Hause versucht, Genosse?«

»Zu Hause … Ich habe nicht einmal Jostins Nummer zu Hause. Weißt du auch nichts, Igor Iwanowitsch?«

»Doch, ich weiß etwas«, sagte der Mann in Karlshorst. »Ich habe einen Zettel hier, daß Oberst Wentzell den nächsten Routinebesuch bei mir nicht wahrnehmen wird. Hier … hier ist es … Das muß eine Sache von höchster Stelle sein. Jost Wentzell ist überraschend zu einer gemeinsamen Übung kommandiert worden. Das kocht schon seit einer Woche. Man will den Polen Dampf machen, damit sie es nicht zu weit treiben.«

Soltjakin empfand Erleichterung. Eine gemeinsame Übung? Und schon seit über einer Woche im Gespräch? Dann konnte es nichts Ernsthaftes sein. »Wann ist diese Übung, Igor Iwanowitsch? Und wo?«

»Sie beginnt übermorgen im Morgengrauen und findet im Raum der unteren Neiße statt. Zwischen Muskau und Görlitz.«

»Ich danke dir, Igor Iwanowitsch.«

Der alternde Mann lehnte sich zurück und starrte vor sich hin. Wenn Alikin seine Spitzel ihm schon hierher ins Ministerium geschickt hatte, dann hatte er sie erst recht zu Jost geschickt. Übung hin, Übung her, zu lange hatte General Soltjakin in nachrichtendienstlichen Stellungen gedient, um nicht allzu genau die hinterhältigen Aktionen der Nachbarn vom KGB zu durchschauen.

Er stand auf, ging zum Fenster hinüber und blickte auf den Innenhof hinunter. Was hatte er eigentlich schon? Er hatte keine Familie und keine Frau. Er hatte keinen Gott. Er hatte auch keine Zukunft. Der eigentliche Sinn seines Lebens hieß Jost Wentzell. Und auf Jost Wentzell hatten sie die Hunde gehetzt. Als Soltjakin sich das klargemacht hatte, wußte er, was zu tun war.

Er ging zurück zu seinem Schreibtisch, griff nach dem Hörer des Telefons und verlangte seinen Ordonnanzoffizier. Der Offizier betrat nach kurzer Zeit den Raum. Soltjakin bedeutete ihm, daß er überraschend morgen sehr früh eine Reise in die Deutsche Demokratische Republik anzutreten habe. Man möge ihm die seinem Stab zur Verfügung stehende Kuriermaschine bereitstellen, um ihn nach Marxwalde zu bringen; und dorthin möge man einen Wagen beordern. Die Fahrt gehe in den Raum Muskau – Görlitz.

Kurz nach halb sieben Uhr, als es gerade hell wurde, startete das Kurierflugzeug von einem Militärflugplatz im Nordosten der Stadt und flog vor einem sich ausbreitenden winterlichen Morgenrot her nach Westen; Soltjakin sah unter sich die eintönigen Ebenen Weißrußlands und erwachende Industriestädte, später dann Polen.

Schon im Glanz eines sonnigen Vormittags rollte die Maschine auf der Landebahn von Marxwalde, nur wenige Kilometer westlich des Oderbruchs, aus. Von der dortigen Kommandantur aus führte Soltjakin ein Telefongespräch mit Rajewski, der ihm den Ort des Gefechtsstandes nannte, von dem aus die Übung geleitet wurde.

Wenig später saß der General in einer Limousine, die südwärts rollte. Vor Cottbus verließ der Wagen die Hauptverkehrsstraße, die nach Görlitz führte, und wendete sich dem Flüßchen Neiße zu, das sich weiter südlich durch sanft abfallende, verschneite Wiesenhänge wand. Soltjakin begegnete fast nur noch Militärfahrzeugen. Von Westen drängten sich Kiefernwälder an die Straße heran. In ihnen befanden sich die Unterkünfte sowjetischer Verbände. Der Zutritt war durch Barrieren versperrt. An einem Schilderhaus bog der Wagen des Generals ein und hielt an. Der Posten prüfte gewissenhaft Papiere und Identität, salutierte und gab die Weiterfahrt frei.

Soltjakins Fahrer folgte den Hinweiszeichen in die Tiefe der Waldungen hinein zum Verbindungsstab der Volksarmee. Überall längs des sandigen Waldweges verbargen die Kiefern das Kriegsgerät einer modernen Armee, Panzer, Geschütze, Raketentransporter, Brückenbau- und Nachrichtenfahrzeuge.

Soltjakin fand den deutschen Obersten in einem Stabszelt. Er übertrug auf einer Generalstabskarte polnisch klingende Ortsnamen aus kyrillischen Buchstaben in lateinische und sah erst hoch, als die Gestalt des Generals den Eingang des Zeltes verdunkelte. Der General kam herein, und die Männer umarmten sich.

Soltjakin nahm die Mütze ab und sah sich interessiert um. »Was habt ihr denn hier zusammengezogen, Jostin?«

»Drei Divisionen, Alexei Adrianowitsch. Aber das müßtest du eigentlich besser wissen als ich.«

»Ich? Nichts weiß ich. Ich habe von diesem Unternehmen durch Zufall gehört, als ich am Telefon nach dir herumfragte. Und was soll das Ganze?«

»Morgen früh in der Dämmerung soll eine Abteilung aus der Bereitstellung ohne Pionier- und Brückenbaugerät die Neiße durchqueren und drüben auf polnischem Boden einen gepanzerten Brückenkopf bilden. Hier, sieh es dir an.«

Soltjakin trat an den Kartentisch und ließ sich von Jost Wentzell die Operation erklären. »Wissen die Polen eigentlich etwas von dieser — Übung?« fragte er.

»Keine Ahnung. Darüber ist nichts bekanntgegeben worden. Ich weiß nur, daß drüben auch Einheiten von euch Bereitschaftsstellungen bezogen haben.«

Der General schüttelte unangenehm berührt den Kopf. Warum hatte man das alles vor ihm verheimlicht? Es ging zwar nicht um sein eigentliches Aufgabengebiet, aber wenigstens hatte er bisher von solchen Operationen Kenntnis gehabt. »Ich muß ausführlich mit dir sprechen, Jostin«, sagte er.

»Vielleicht heute abend«, antwortete Jost Wentzell. »Ich fahre morgen früh in einem der Amphibienpanzer den Angriff mit.«

»Sieh zu, daß du das heute abend möglich machen kannst, mein Junge. Es ist sehr wichtig. Aber jetzt muß ich mich wohl bei deinem Kommandeur melden.«

Oberst Wentzell trat mit dem General hinaus vor das Zelt und wies ihm den Weg. Soltjakin stapfte davon.

Der deutsche Kommandeur, Oberst Kuehne, residierte in einer Baracke, die der hier liegenden sowjetischen Stammeinheit als Kultur- und Gemeinschaftsraum diente. Nach dem obligatorischen Prost mit dem Wodka sagte der Oberst in holprigem, thüringisch gefärbtem Russisch: »Die Übung steht unter der Leitung vom Genossen General Michalionow. Vielleicht sollten Sie doch auch dort sich anmelden. Ich lasse Sie hinbegleiten.«

Wenig später stapfte also Soltjakin neben einer Ordonnanz her weiter durch den Wald und traf General Michalionow in einem Stabszelt.

Der General saß in Hosenträgern auf einem Feldstuhl und las in der Armeezeitung, als Soltjakin eintrat. Er legte die Zeitung beiseite und fuhr in seinen Rock. »Der Genosse Oberst Kuehne hat Sie schon angemeldet«, sagte er, während er den Waffenrock zuknöpfte. »Die GRU schickt Sie, Genosse Soltjakin?«

»Die GRU schickt mich nicht, Genosse Michalionow. Ich bin sozusagen privat hier. Oberst Wentzell ist ein guter Freund von mir. Ich will den Abend mit ihm verbringen. Können Sie für meine Verpflegung und Unterbringung sorgen?«

General Michalionow konnte das. Soltjakin bekam eine Stube in einer Baracke zugewiesen und eine Verpflegungskarte für die Offiziere des Manöverstabes.

»Morgen früh können Sie einen Platz auf der Tribüne bekommen und den Neißeübergang beobachten«, sagte Michalionow. »Diese Operation ist eine Stabsrahmenübung zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit der Führungstechnik gemischtnationaler Verbände.

Stellen Sie sich vor, ein Gehirn und ein gesamtes Nervensystem sind in voller Tätigkeit, aber bewegt wird nicht mehr als eine kleine Zehe. Das ist eine Abteilung des Regiments des Genossen Oberst Kuehne, der auch Oberst Wentzell zugeteilt worden ist. Die sprachliche Synchronisation der Befehlsübermittlung ist mit die wichtigste Aufgabe bei einer solchen Operation.«

General Soltjakin nickte vor sich hin. Das klang alles glaubhaft und plausibel. Für eine kurze Zeit wich die Sorge. Michalionow ließ Soltjakin durch eine Ordonnanz zu seinem Quartier bringen.

Beim Mittagessen hatte der General nur kurz Gelegenheit, mit Jost Wentzell zu sprechen. Der Oberst sagte, daß er sich gegen siebzehn Uhr dreißig freimachen könne. Allerdings dürfe das Stabsgelände nicht mehr verlassen werden.

General Michalionow, der am Kopfende des langen Holztisches saß, machte sich seine eigenen Gedanken, als er Soltjakin und den Obersten beim Gespräch beobachtete. Er dachte an einige Merkwürdigkeiten, die Wentzellg Kommandierung begleitet hatten. Der Offizier sei in einem der ersten Panzer einzusetzen, die durch den Fluß tauchen würden, hatte es geheißen. Dann kam die eigentümliche Anweisung, daß die Nummer dieses Panzers nach oben bekanntzugeben sei. Sie solle außerdem weiß nachgezogen und besonders deutlich kenntlich gemacht werden.

Der Kommandeur hatte alle diese Anweisungen routinemäßig befolgt und nicht nach den Gründen gefragt. Vielleicht war es doch nicht ganz ohne Bedeutung, daß durchgesickert war, die Staatssicherheit der Deutschen sei an dieser Sache beteiligt.

___________

»Wohin gehen wir?« fragte Soltjakin.

»Hier gibt es nichts«, antwortete Jost Wentzell, »außer Kiefern und Sand.«

Nebeneinander herschlendernd, verließen der Russe und der Deutsche den Unterkunftsbereich. Bald umgaben sie dämmrige Stille und der würzige Duft naßkalter Baumrinde und Kiefernnadeln.

»Was ist denn so wichtig, daß du eigens aus Moskau hierhergeflogen bist?« wollte Jost Wentzell wissen. »Die Sache mit dem westdeutschen Revanchisten hatten wir doch erledigt.«

»Du bist mir so wichtig«, antwortete der General. »Hör zu, mein Sohn. Gestern erschien bei mir im Ministerium einer von diesen Herren, deren Besuch man nicht ablehnen kann. Eine Kreatur Alikins mit einer Meerschweinchenvisage. Der sitzt mit mit einem Block auf den Knien gegenüber und fragt mich über dich aus.«

»Über mich? Und was wollte der Bursche von dir wissen?«

»Die ganze Litanei«, antwortete der General. »Wie lange ich dich kenne, woher ich dich kenne, wie gut ich dich kenne. Er fragte mich, ob ich etwas über deine Zuverlässigkeit, über deine Einstellung zur Armee, zur Partei, zum Dienst wisse. Er fragte, ob du meines Wissens Verbindungen zum Westen hast, ob ich dich für fähig hielte, die Fronten zu wechseln. Er fragte …« Der General brach ab und blieb stehen. »Willst du mich nicht endlich unterbreche’n, Jostin? Ich bombardiere dich mit lauter Anschuldigungen, von denen jede einzelne dich nach Sibirien bringen könnte, und du hörst zu und hältst den Mund, als ginge dich das Ganze überhaupt nichts an.«

»Und was hast du dem Meerschweinchen geantwortet?«

»Ich habe ihn gefragt, ob er vielleicht verrückt wäre. Daß es einen verdienten General der Roten Armee automatisch vor das Kriegsgericht brächte, wenn er diese niederträchtigen Fragen mit ja beantworten würde. Weil er dann Kenntnis von einem Hochverratstatbestand besessen und diesen nicht gemeldet hätte. Dann habe ich ihn hochkant aus meinem Büro gefeuert und wollte, aufgebracht wie ich war, Rodionowski und Alikin anrufen.«

»Und? Hast du es getan?«

»Nein, Jostin, das habe ich nicht getan. Ich wollte mit dir reden, bevor ich das tue. Und jetzt will ich von dir die Wahrheit hören. Ich will von dir wissen, ob mein mulmiges Gefühl, das ich seit unserem Treffen in Berlin nicht mehr loswerde, einen Grund hat. Hat Alikin etwas in der Hand?«

»Ich bin nicht fähig, Geheimnisse unserer Länder für Geld oder aus Überzeugung an den Westen zu verraten. Ich beabsichtige nicht, die Fronten zu wechseln oder überzulaufen. Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort als dein Freund.«

»Gibst du mir auch dein Ehrenwort darauf, daß du keine Kontakte zum Westen und keine Zweifel an unserer Regierung hast?«

Jost Wentzell zögerte mit der Antwort ein paar Sekunden zu lange, um nicht in Soltjakin die Sorge wieder wachsen zu lassen. »Jostin, was verschweigst du mir?«

»Es hängt mit der alten Geschichte von damals zusammen«, sagte Jost Wentzell.

»Mit der, die ich dich gebeten habe zu vergessen?«

»Ja. Aber ich schwöre dir, alle Schlüsse sind falsch, die daraus gezogen werden können. Das ist eine private Angelegenheit, sonst nichts.«

»In unserer militärischen Position gibt es keine privaten Angelegenheiten, Jostin. Hast du das nicht gewußt?«

»Vielleicht habe ich es deswegen nicht gewußt, weil diese Sache die erste private Angelegenheit ist, der ich seit der Nacht von Tomaszów begegnet bin.«

Jost Wentzell-Marschal erzählte seinem alten Freund an diesem Abend alles, was er erlebt hatte, seit ihm durch das Einwohnermeldeamt der Hauptstadt der DDR jene vergilbten Postkarten wieder zugeschickt worden waren, die er vor über dreißig Jahren an den ehemaligen SS-Oberscharführer Ansgar Gottwald nach Solingen geschrieben hatte. Der alte General hörte ihm wortlos zu. Es war fast dunkel, als Wentzell seine Erzählung beendet hatte.

»Jetzt weiß ich also die Wahrheit. Wir werden das in Ordnung bringen, Jostin«, sagte der General, während sie durch die Dunkelheit zurück zum Stabsgebäude stolperten. »Ich werde meinen ganzen Einfluß bei Rodionowski geltend machen und dich nach Moskau kommandieren lassen. Wenn wir nur Zeit haben, alles aufzuklären, dann bringe ich dich auf diesem Weg über die Runden. Und morgen abend heben wir einen zusammen, wenn alles vorüber ist«, dröhnte sein Baß durch den Zelt- und Barackenkomplex, als er Jost Wentzell zum Abschied umarmte und ihm eine gute Nacht wünschte.

___________

Die Tribüne für die Beobachter des Neißeübergangs einer T-72-Abteilung des deutschen Panzerregiments Kuehne war am Waldrand aufgebaut. Von dort aus hatte man einen guten Überblick über die Senke, in der sich die Operation abspielen sollte. Es war noch dunkel, als sich die rohen Holzbänke hinter der Barriere mit: den Offizieren der Paktstaaten zu füllen begannen. Unter ihnen war auch Generalmajor Alexei Adrianowitsch Soltjakin.

Es war sechs Uhr zwanzig, als aus den Wäldern der fingierte Feuerschlag der eigenen Artillerie die Übung eröffnete. Die Flußniederung hallte wider von dem Dröhnen der Abschüsse. Schon kurz danach brachen in der frostigen Dämmerung Kuehnes Panzer aus dem Wald, rollten den Abhang in Richtung auf den Fluß hinunter und verschwanden einer nach dem anderen in dem milchigen Weiß des Morgennebels. Viele Minuten lang war nichts anderes zu hören als das Knallen der mit Platzgranaten schießenden Artillerie und das Dröhnen und Gurgeln der den Fluß durchtauchenden Panzerformation. Endlich erschienen die ersten von ihnen drüben auf der anderen Seite des Nebelfeldes, bäumten sich über die Geländewölbung des Hochufers, kippten nach vorne und wälzten sich über die Felder nach Osten.

In diesem Augenblick blitzten drüben an den Waldrändern die Mündungsfeuer der Abwehr auf. Sekunden später erreichte das Grollen der Abschüsse das Ohr der Beobachter. Feuer und Qualm vermischten sich mit dem höhersteigenden Nebel.

Den Offizieren, die auf ihrer Tribüne die Feldstecher auf den östlichen Horizont richteten, bot sich das gespenstisch verwirrende Bild eines beginnenden Gefechtes. Auch vielen der erfahreneren Beobachter fiel es in diesen Augenblicken schwer, auseinanderzuhaten, ob sie einer wohlorganisierten Übung beiwohnten oder einem beginnenden Krieg.

14

Der 11. März verlief für Fritz Seyfried wie ein ganz normaler Arbeitstag. Wie schon so oft im Verlauf dieser Affäre, mußte er sich sehr zusammennehmen, um sich nichts von seiner inneren Anspannung anmerken zu lassen. Er unterschrieb seine Post, führte Telefongespräche, empfing Herren von der Industrie. Am späteren Nachmittag kam noch Hans Lockschmidt mit den letzten Weisungen des Ministeriums für die Ministerkonferenz in Brüssel am 12. März.

Als Seyfried das Amt verließ, stand Neuner, der neue Tagesportier, vor seiner Loge und klimperte mit dem Schlüsselbund.

Seyfried sprach ihn an. »Ich muß heute abend gegen zehn Uhr ins Haus und in den Tresor, Herr Neuner. Ist dafür gesorgt, daß das möglich ist?«

»Aber gewiß, Herr Seyfried. Der Kollege Kullnau kommt um acht Uhr.«

»Ich muß auf die Minute pünktlich sein«, fuhr Seyfried fort.

»Wenn Sie mir sagen, wann Sie kommen, teile ich ihm mit, daß er hier in der Halle sein soll«, meinte Neuner.

»Das wäre mir recht, Herr Neuner. Sagen wir Punkt zehn Uhr.«

»In Ordnung, Herr Seyfried. Ich werde es ausrichten.«

Neuner machte eine entsprechende Notiz, die er an ein Schwarzes Brett heftete, welches der zweite Portier überfliegen würde, sobald er seinen Dienst antrat.

Fritz Seyfried fuhr nach Hause. Während des Essens kam nur ein zähes Gespräch zustande. Beiläufig erwähnte Fritz, daß er heute nacht noch eine dienstliche Verabredung habe. Pflichtgemäß quengelte Anne unzufrieden, er solle so etwas in Zukunft nicht in den Stunden vereinbaren, wo sie schließlich auch einmal etwas von ihm haben wolle. Nach dem Essen schalteten sie den Fernseher ein und setzten sich wortkarg davor.

Kurz vor zehn Uhr machte Fritz sich fertig, um das Haus zu verlassen. Er fuhr in den hellen Trenchcoat, suchte Haus- und Wagenschlüssel zusammen und griff sich eine schmale Konferenzmappe, die er unter den Arm klemmte. In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Anne lief in das Arbeitszimmer, um abzuheben. »Herr Kullnau«, rief sie Fritzzu. »Er muß dich unbedingt sprechen, sagt er.«

Fritz nahm den Hörer hoch und nannte seinen Namen. »Was gibt’s denn, Herr Kullnau? Ich bin in Eile. Ich komme ohnehinjetzt ins Amt. Haben Sie denn Neuners Nachricht nicht gelesen? Er hat sie Ihnen ans Schwarze Brett geheftet. Ich muß für ein paar Minuten in den Tresor.«

»Ich habe das Schwarze Brett noch gar nicht angesehen. Aber Sie haben mir aufgetragen, Sie sofort anzurufen, wenn ich irgend etwas bemerke, was mir komisch vorkommt.«

»Und, haben Sie so etwas bemerkt?« Fritz Seyfried war nervös und sah auf die Armbanduhr.

»Ja«, sagte Kullnau. »Oben auf dem Flachdach. Bei meinem Rundgang. Da ist diese Reinigungsgondel, verstehen Sie. Wenn Sie sich das mal ansehen würden, Herr Seyfried.«

»Herr Kullnau«, sagte Fritz Seyfried, »ich muß nachher auf die : Minute pünktlich eine Verabredung einhalten. Ich habe dafür keine Zeit.«

»Ich bereite Ihnen die Tresoröffnung schon vor, Herr Seyfried. Dann verlieren Sie damit keine Zeit. Aber Sie müssen das überprüfen.«

»Also gut«, sagte Fritz. »Bereiten Sie alles vor, Herr Kulinau. Aber es muß schnell gehen.« Er legte auf. »Pflichtgefühl ist ja schön und gut«, knurrte er. »Aber er hat es immer zur falschen Zeit.«

Die Wagentür flog zu. Seyfried fuhr rasch zwischen den gepflegten Einfamilienhäusern und schmucken Gärten die steile Straße hinunter zur Stadt.

Kullnau hatte das Portal schon aufgeschlossen. Seyfried ließ den Schlüssel im Wagen stecken. Mit der Konferenzmappe unter dem Arm, nahm er zwei Stufen auf einmal. Kulinau hielt ihm die Tür auf. Seyfried sah, daß in Kullnaus Loge der eine Sicherheitsschlüssel bereits in der Panzertür zum Wandtresor steckte. Er zog seinen eigenen und öffnete zusammen mit Kullnau die Tür. Während der Pförtner die äußeren Sicherheitseinrichtungen ausschaltete, verschwand Seyfried auf der Treppe zum Tresorkeller. Unten stellte er die Chiffrezahl ein, und das kreisrunde Panzertor schwang auf. Er öffnete den Aktenkoffer und entnahm ihm das achte Päckchen der Mikrofilme, die er gestern im Rechenzentrum hatte anfertigen lassen. Dieses Päckchen verwahrte er in der Konferenzmappe und brachte alles an seinen alten Platz. Er ließ das Tor zuschwingen, betätigte die mechanische Sperrvorrichtung und stieg die Treppe zur Halle wieder hinauf. Als Kullnau ihn kommen sah, eilte er in seine Loge, schaltete die Sicherungen Wieder ein und verschloß zusammen mit Seyfried die Tür des Wandtresors.

Der Aufzug stand schon im Erdgeschoß.

»Was haben Sie denn für Sorgen mit dem Dach?« fragte Seyfried während er mit dem Pförtner die stille Halle durchquerte. Die schwache Nachtbeleuchtung verbreitete ein geisterhaft gedämpftes Licht.

»Die Reinigungsgondel für die Pflege von Fassade und Fenstern wird heimlich benutzt, Herr Seyfried. Herr Lockschmidt meint immer, ich sehe Gespenster. Aber dieses Mal habe ich etwas entdeckt, das auch Herrn Lockschmidt überzeugen wird.«

»Was denn, Kullnau?«

Der Aufzug war im obersten Stockwerk angelangt, und die beiden Männer verließen die Kabine.

»Sehen Sie nur selbst«, sagte Kulinau, während sie eine enge Betontreppe hinaufstiegen, die zu dem Flachdach führte. Oben mündete sie in eine Eisentür, durch die man ins Freie gelangte. Kullnau zog einen Schlüssel hervor und schloß auf. Fritz Seyfried trat auf das Dach hinaus. Er ging zur Reinigungsgondel hinüber. Hinter sich hörte er die Schritte des Pförtners auf dem gekiesten Dach knirschen. Seyfried wurde stutzig, als das Knirschen unvermittelt aufhörte. Er blieb stehen und wendete sich um. In einer Entfernung von wenigen Metern sah er Kullnau, in der rechten Faust eine schwarze Pistole, deren Lauf durch einen Schalldämpfer verlängert war.

»Das wär’s, Loßwitz«, sagte Kullnau. »Geben Sie mir die Abzüge.« Gleichzeitig sah Fritz Seyfried die Leute Mallées hinter Kullnaus Rücken auftauchen, einer rechts und zwei links, Maschinenpistolen auf Kullnaus Oberkörper und Beine gerichtet.

Seyfried blickte nicht mehr in das Gesicht eines subalternen Angestellten, sondern in das eines harten, zu allem entschlossenen Mannes. Warum Mallées Leute nur nicht schossen oder den Mann festnahmen? Seyfried begriff, daß es Mallée darauf ankam, soviel Beweismaterial wie möglich in die Hand zu bekommen. Er begriff allerdings auch, daß er, solange Kullnaus Waffe auf ihn gerichtet war, die Initiative völlig Mallées Leuten überlassen mußte.

»Sie sind das also, Kullnau«, sagte er. »Das hätte ich nicht gedacht. Tun Sie das Ding weg. Ich bin unbewaffnet und nicht lebensmüde.«

»Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte Kullnau und ließ die Waffe zögernd sinken. »Werfen Sie die Mappe hier herüber, vor mir auf den Boden.«

Seyfried griff mit der rechten Hand langsam unter den linken Arm, zog die Konferenzmappe hervor und warf sie zu Kullnau hinüber. Sie landete einen knappen Meter links hinter Kullnau und öffnete sich.

Ohne Seyfried aus den Augen zu lassen, bewegte sich Kullnau zwei, drei Schritte rückwärts, bückte sich, raffte alles zusammen und versuchte zu prüfen, was er aufgehoben hatte.

»Sie können sich das sparen. Es sind elf Folien Mikrofilm mit genau neunundneunzig Seiten Dokumenten, Kullnau«, sagte Seyfried. »Ich habe mich an die Vereinbarung gehalten. Tun Sie es auch.«

»Aber gewiß werde ich das tun«, antwortete Kullnau und bewegte sich, während er die Konferenzmappe zu Boden warf und den Umschlag mit Seyfrieds Material in der Brusttasche verstaute, Schritt für Schritt rückwärts auf die Tür zum Treppenschacht zu. »Ihren Wagenschlüssel, Loßwitz«, sagte er. »Werfen Sie ihn zu mir herüber.«

»Mein Wagenschlüssel steckt, Kullnau. Wollen Sie wirklich meinen Wagen benützen? Sie müssen doch damit rechnen, daß man Sie sofort verhaftet, Mann.«

Kullnau schwieg. Damit, daß Loßwitz seinen Wagenschlüssel hatte steckenlassen, hatte er nicht gerechnet. Und außerdem wußte er nicht, ob Seyfried log oder die Wahrheit sagte. Wenn Seyfried die Schlüssel in Wirklichkeit bei sich trug, war der Ablauf seiner Dispositionen gefährdet. Dennoch ließ er ein leises spöttisches Lachen hören. »Man wird mich nicht verhaften, Loßwitz. Ich habe Befehl, meine Stellung hier zu räumen. Und der Obersturmführer Henning von Loßwitz deckt mit dabei den Rückzug. Das hat er ja 1945 an der Pilica gelernt.«

Das Geschwätz diente Kullnau lediglich dazu, Zeit zu gewinnen für seine Entscheidung, die durch die Komplikation mit dem Wagenschlüssel notwendig geworden war. Er hatte die eiserne Tür beinahe erreicht. »Sie bleiben auf diesem Dach, Loßwitz, denn ich brauche die Zeit, in der Sie sich hier oben aufhalten, um das Gebiet der DDR zu erreichen.«

Kullnau hatte in diesen Sekunden seine Entscheidung getroffen. In dem gleichen Augenblick, in dem er die Pistole auf Fritz Seyfried richtete und sie, geübt in halbe Hocke gehend, mit beiden Händen ergriff, raste ein Feuerstoß aus der Maschinenpistole eines der Männer Mallées über das Dach und ließ Betonbrocken und Kiesel auf der Aufschüttung hochspritzen. Kullnau wurde nicht getroffen. Aber Scheinwerfer flammten an zwei in der Nachbarschaft hochragenden Kränen auf und übergossen die Szene mit weißem Licht. Seyfried warf sich seitlich zu Boden, doch Kullnau schoß nicht mehr.

»Runter mit dem Ding!« schrie Mallée ihm zu. »Oder Sie sind ein Sieb, Mann!«

Kullnau ließ die Waffe fallen und drehte sich um. Mallée stand, auch er eine Neunmillimeter in den Fäusten, in der Tür zur Treppe. Hinter ihm drängten Lockschmidt, Pless und andere nach oben. In einer Reflexbewegung der Enttäuschung und des Zorns zerrte Kullnau den Umschlag mit den Mikrofilmen aus der Brusttasche und schmiß ihn Mallée vor die Füße.

»Ihr verdammten Hunde!«

»Die können Sie behalten, Nachtfrost«, sagte Mallée. »Wir haben Ihnen falsche übergeben. Für alle Fälle.« Er schob die Waffe zurück in seine Achselhalfter und ging Seyfried entgegen.

»Alles in Ordnung?«

»Zufällig«, sagte Seyfried. Trotz der Kälte rann ihm der Schweiß über das Gesicht. »Warum haben Sie nicht zugegriffen, bevor es brenzlig wurde?«

»Ich brauche den Beweis für einen Mordversuch, Seyfried. Sonst kommt mir morgen irgendein lauwarmer Politiker oder Richter daher und tauscht mir den aus, bevor ich alles weiß, was mich interessiert.«

»Sie sind ein verdammter Hasardeur, Mallée«, sagte Seyfried in einer Mischung zwischen Abscheu und Bewunderung.

___________

Das letzte Gespräch zwischen Mallée und Seyfried in der Affäre Nachtfrost fand in einem Büro statt, das der Geheimdienst in Köln unterhielt. Auch Anne und Lockschmidt waren dabei. Pless hatte durch Kaffee und Konfekt für eine persönliche Note gesorgt. Trotz dieser Bemühung herrschte die frostige Atmosphäre einer Anwaltsbesprechung.

»Von der nachrichtendienstlichen Seite her ein voller Erfolg, Herr Seyfried«, sagte Mallée. »Es besteht kein Zweifel, daß Kullnau Nachtfrost ist. Auch daß er Sowjetrusse ist, steht fest. Wie er in diese Stellung kommen konnte, wird überprüft. Da müssen Lücken geschlossen werden.«

»Dafür wird es neue geben«, meinte Seyfried. »Ich habe Lockschmidt für Nachtfrost gehalten.«

»Auch das hätte sein können«, bestätigte Mallée. »Aber Hans Lockschmidt ist, wie Sie sehen, unser eigener Mann im Amt für Wehrtechnik und Beschaffung. Ich muß Sie um Diskretion bitten, denn sonst muß ich jemand anderen dort unterbringen.«

»Ich war schon an Annes Geburtstag mißtrauisch«, sagte Lockschmidt. »Denn damit, daß man dich einmal anzapfen würde, habe ich gerechnet. Als ich deinen Inserattext gelesen hatte, wußte ich Bescheid, Fritz.«

»Du hast das also gelesen?« fragte Seyfried. »Obwohl ich dich um Vertraulichkeit gebeten hatte?«

Lockschmidt zuckte mit den Schultern. »Wir arbeiten in einer extrem exponierten Behörde, mein Lieber. Ich kann meine Pflichten nicht deshalb vernachlässigen, weil es sich zufällig um einen Freund handelt.«

»Ich hatte großes Glück, daß Sie wenigstens brauchbar gearbeitet haben«, sagte Seyfried zu Mallée. »Wenn Sie Ihre Leute auf der Autobahn gehabt hätten, anstatt auf dem Dach, wäre ich ein toter Mann.«

»Sie sind es nicht«, entgegnete Mallée. »Vergessen Sie das andere.«

»Sie haben übrigens selbst mitgewirkt«, ergänzte Pless. »Ihre hartnäckige Behauptung, es sei kein Zeichen zur Bestätigung vereinbart, daß Sie das Material haben, hat uns hellhörig gemacht. Dann kann der Bursche eigentlich nur im Amt selbst sitzen, meinte Herr Mallée. Und zwar an einer Stelle, wo er alles, was er wissen muß, erfährt.«

»Ich setzte auf Kullnau«, sagte Lockschmidt. »Er hatte die Möglichkeit, alle Abläufe am Stahltresor zu beobachten.«

»Wir überwachten Kullnau von dieser Minute an«, fügte Mallée hinzu. »Noch in der Nacht beobachteten wir, wie er die Reinigungsgondel unbrauchbar machte. Wenn Sie versucht hätten, diese zur Flucht zu benützen, wären Sie abgestürzt. Vielleicht schien ihm dies alles in letzter Sekunde nicht mehr sicher genug, jedenfalls entschloß er sich … naja, Sie wissen ja.«

Pless beendete die Geschichte: »Wahrscheinlich hat er von Anfang an beabsichtigt, die Übergabe auf das Dach zu verlegen. Vielleicht war der Treff auf der Autobahn nur ein Ablenkungsmanöver. Wir haben ihm das nicht abgenommen, und das war unser Glück.«

»Und meines auch«, sagte Seyfried. »Ihren Bahnhof da oben haben Sie also sozusagen auf Verdacht aufgebaut.«

»Auf Grund fundierter Überlegungen und logischer Schlüsse«, ergänzte Mallée. »Sogar mit Kameras.«

Pless zog einen großen Umschlag heran und entnahm ihm einen Stoß großformatiger Fotografien, die er Seyfried reichte. Sie zeigten noch einmal die nächtliche Szene auf dem Dach. Kullnau, mit Pistole im Anschlag, hockend, Seyfried, auf den Boden gerollt, Mallée und die anderen, die aus dem Treppenhausaufgang stürmten, den vor Zorn tobenden Kullnau, der Mallée das Material vor die Füße warf, um das er jahrelang gekämpft hatte und das schließlich wertlos war.

Mallée wendete sich an Anne. »Damit ist für Ihren Mann der Kopf der Schlange abgeschlagen, gnädige Frau. Wir hier behalten das für uns, was Ihr Mann uns über bestimmte frühere Ereignisse erzählt hat.«

»Diese früheren Ereignisse würden keine Gefahr bedeuten, wenn Wentzell-Marschal aussagt«, erwiderte Anne.

»Wir werden uns über Ihre Gespräche mit Oberst Wentzell noch sehr intensiv unterhalten müssen. Für uns ist jedes Wort wichtig, das so ein Mann gesagt hat.«

»Das waren private Gespräche«, sagte Anne. »Ich werde Ihnen kein einziges Wort über all das sagen.«

Günther Mallée lächelte nachsichtig. »Sie werden Ihre Meinung ändern, wenn wir Ihnen das Ausmaß der Hintergründe erläutern, die uns dazu zwingen, gnädige Frau.«

Pless holte vom Schreibtisch eine Zeitschrift und blätterte suchend darin herum. Endlich fand er die richtige Seite und reichte sie Anne.

»Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Sie Oberst Wentzell durch eine Aussage schaden können«, sagte er. »Hier, die letzte Ausgabe von Die Volksarmee.«

Anne Seyfried nahm die Zeitung und starrte auf das Bild des Obersten Wentzell-Marschal in großer Uniform mit Achselband und Mütze. Erst nach und nach nahm Anne den Inhalt der Notiz wahr, die das Foto erläuterte:

Jost Wentzell-Marschal, Oberst der Nationalen Volksarmee, betraut mit wichtigen Aufgaben im Paktsystem der Vereinigten Streitkräfte, wurde kurz vor seiner Beförderung zum Generalmajor bei einem gemeinsamen Manöver der Vereinigten Streitkräfte im Raum südlich von Berlin in Ausübung seines Dienstes Opfer eines tragischen Manöverunfalles. Die Armee wird dem verdienten Offizier und Kameraden stets ein ehrendes Angedenken bewahren.

Anne blickte hoch. Alle sahen sie an. »Dein Junge von Tomaszów ist tot«, sagte Anne tonlos und reichte Fritz die Zeitung hinüber.

Seyfried überflog die Notiz. Er schüttelte den Kopf. »Was für ein miserables Geschäft, das ihr da betreibt, Mallée.« Mit diesen Worten gab er die Zeitung zurück. Dann fuhr er in seinen Mantel, den er über einen Stuhl geworfen hatte.

»Ich sagte Ihnen doch«, entgegnete Pless, »die da drüben sind rigoros, wenn hochkarätige Geheimnisträger in die Schußlinie kommen.«

Mallée halfhöflich Anne in ihren Pelz.

»Nehmen Sie es nicht tragisch«, sagte er zu Fritz. »Jetzt gibt es wohl in der Tat niemanden mehr, der noch beweisen könnte, wie es damals an der Pilica wirklich gewesen ist.«

»Womit Sie und ich miteinander am Ende wären«, sagte Seyfried und übersah Mallées ausgestreckte Hand. Er übersah auch die Hand Lockschmidts, der sagte: »Wann sehen wir uns mal, Fritz? Wir haben über eine Menge zu plaudern.«

Der leichte Ton in der Aufforderung Lockschmidts störte Fritz Seyfried. »Darüber muß ich noch nachdenken«, sagte er. »Ich trage mich mit dem Gedanken, um meinen vorzeitigen Ruhestand einzukommen. Ich weiß nicht, wie ich einem Staat gegenüberstehen soll, der mich juristisch nicht schützen will und statt dessen ungestraft als Köder Für seine Zwecke benützen kann. Wenn ich das alles mit mir ins reine gebracht habe, lasse ich von mir hören.«

Unten auf der Straße hängte sich Anne Seyfried bei ihrem Mann ein, während sie die Fahrbahn überquerten. Sie war schweigsam. »Du denkst an Jost Marschal?«

»Ja«, sagte Anne. »Sie haben ihn umgebracht. Und ich habe ihn auf dem Gewissen. Ich hätte wissen müssen, daß ich ihn gefährde, wenn ich noch einmal hinüberfahre. Er ist beobachtet worden, anders kann ich mir sein Verhalten im Saal des Pergamonaltars nicht erklären.«

»Ich weigere mich, das zu glauben«, erwiderte Fritz. »Warum soll es nicht wirklich ein Manöverunfall gewesen sein? Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.«

»Kannst du es ausschließen?« fragte Anne.

Fritz Seyfried schwieg eine ganze Weile. »Nein«, antwortete er schließlich, »das kann ich nicht. Vor Beginn dieser Affäre hätte ich noch geglaubt, es zu können. jetzt nicht mehr.«

Wenige Tage darauf erschien unter der Überschrift »Spionagering aufgedeckt« in der Tagespresse eine unscheinbare Notiz:

Koblenz/Karlsruhe. Im Rheinland ist es gelungen, einen kleinen Spionagering östlicher Geheimdienste zu sprengen. Eine Person soll schon vor einigen Tagen ums Leben gekommen sein. In diesem Zusammenhang wird noch ermittelt. Der Pförtner einer Bundesbehörde wurde festgenommen. Wie die Generalbundesanwaltschaft mitteilt, konnte die Gruppe noch keinen nennenswerten Schaden anrichten. Lediglich eine auf den 12. März angesetzte streng geheime Tagung von sieben Verteidigungsministern des Nordatlantischen Bündnisses mußte um einen Tag verschoben werden.

Diese Notiz hat in der Flut zahlloser Mitteilungen ähnlichen Inhaltes nirgends besondere Aufmerksamkeit erregt.;

Stefan Murr

Stefan Murr ist der beste Beweis dafür, daß sich Erzählbegabung vererben kann. Seine Mutter nämlich war die Tochter des berühmten und beliebten bayrischen Volksschriftstellers Ludwig Ganghofer, und dieser Großvater hat seinem Enkel das Talent zum Schreiben in die Wiege gelegt. Doch auch väterlicherseits ist Stefan Murr vorbelastet: Sein Vater übte den Beruf des Rechtsanwalts in München aus, und der junge Stefan Murr wandte sich nach den Wirren des Krieges dem Studium des Versicherungsrechts zu, in dem er 1957 auch den Doktortitel erwarb.

Der Krieg hatte sich dem 25jährigen Oberleutnant von seiner grauenhaftesten Seite gezeigt: Als 1a-Gehilfe im Stab einer Division waren ihm die Verbrechen der Nazis schon bald zu Ohren gekommen. Ohne zu zögern, trat Stefan Murr zu einer Widerstandsgruppe — ein lebensgefährliches Unternehmen, das viele den Kopf kostete.

Nur der Tod von Roland Freisler, dem fanatischen Präsidenten des Volksgerichtshofes, bewahrte ihn vor der Verurteilung.

Der Autor gehört zu den allerersten deutschen Schriftstellern, die das Genre des deutschen Kriminalromans ernst zu nehmen begannen. Sein erster Kriminalroman erschien 1959 — ihm folgten zwölf weitere, die Stefan Murr seine »Miniaturen« nennt. Schon in ihnen, besonders aber in seinen großen Romanen, wie Affäre Nachtfrost, finden sich alle Ingredienzien für erfolgreiche Bücher: die kritische und zupackende Darstellung der Wirklichkeit, viel Engagement und eine gehörige Portion historisches Interesse.

Während die Journalisten beim Namen »Murr« außergewöhnlich begeistert reagieren (»Stefan Murr — diese Marke ist wie ein Gütesiegel«, schrieb beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung), setzt sich der Autor selbst täglich — freiwillig — einer strengen Kritikerin aus: seiner Frau Charlotte. Der Zusammenarbeit mit ihr verdankt er zahlreiche Denkanstöße und Ideen.

Teil II

Horowitz und Mrs. Washington

Eine Kurzfassung des Buches von Henry Denker. Ins deutsche übertragen von Ulla H. De Herrera.

Samuel Horowitz wird von einer Bande schwarzer Jugendlicher überfallen. Mit einer Stichwunde im Gesicht liefert man ihn ins Krankenhaus ein, wo er einen Schlaganfall erleidet, der ihn halbseitig läbmt.

Wie kann er sich jetzt vor der übertriebenen Fürsorge seiner Tochter Mona retten, die ihn sofort in ihr Haus nach Kalifornien holen will? Schließlich bat er hier etwas zu verteidigen: seine geliebte Stadt New York, die schöne Wohnung am Central Park, all die Erinnerungen an seine verstorbene Frau Hanna und vor allem — seine Freiheit!

Er muß wieder gesund werden, sich selbst versorgen konnen. Aber was mutet man ihm als Hilfe zu: diese Mrs. Washington! Sie ist Krankenschwester und Bewegungstherapeutin, schön und gut. Aber sie ist eine Negerin!

1

»Mister, in Ihrem Alter wehrt man sich nicht, wenn man überfallen wird! Es hätte Ihr Tod sein können!« schalt der verärgerte Polizist Samuel Horowitz energisch.

Horowitz saß schweigend da, während ein nervöser schwarzer Assistenzarzt sich bemühte, die klaffende Wunde zu nähen. Aber innerlich beschäftigte ihn ständig die Frage: Wer war bloß auf den Gedanken gekommen, daß ein junger Neger ein guter Arzt sein könnte? Schließlich hat die Geschichte seit Maimonides bewiesen, daß Juden die besten Ärzte sind. Kein Wunder, daß dieser Praktikant nervös ist. Er weiß, daß seine Arbeit von einem Experten beurteilt wird, der sich bestens mit Ärzten auskennt!

Dann überkam ihn ein seltsames, beängstigendes Gefühl. Er verlor das Bewußtsein und hörte gerade noch, wie der junge Assistenzarzt rief: »O nein! Nicht jetzt!«

___________

Als Horowitz wieder zu sich kam, lag er in einem Einzelzimmer auf der Privatstation. Die Schwester wich seinen Fragen aus, gab ihm eine Spritze, und er schlief ein. Stunden später wachte er auf und sah seinen Sohn Marvin neben dem Bett stehen und auf ihn herunterblicken.

»Marvin?« fragte Horowitz verwirrt. Marvin Hammond, geborener Horowitz, Gesellschafter der Washingtoner und New Yorker Anwaltsfirma Judd, Bristol, Crain and Hammond, sollte doch eigentlich in seinem vornehmen Büro in Washington sitzen.

»Ich habe mit dem Arzt gesprochen, Pa. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es wird alles wieder gut«, beruhigte Marvin ihn.

»Was ist so schlimm, daß du mir sagen mußt, es wird wieder gut?«

»Du hattest, was die Ärzte einen leichten Schlaganfall nennen. Ein Glück, daß du gerade in der Notaufnahme warst.«

»Wahrhaftig ein Glück!« sagte Horowitz erbittert. »Da lag ich und blutete wie ein gestochenes Schwein aus einer Wunde, die man mir mit einem Rasiermesser beigebracht hat, und ich hatte noch das Glück, einen Schlaganfall zu bekommen!«

»Pa …«, versuchte Marvin ihn zu unterbrechen.

»Hat dieser schwarze Assistenzarzt festgestellt, daß ich einen Schlag erlitten habe? Oder hat er mir einen versetzt? Vielleicht wollte er zu Ende führen, was seine lieben ›Brüder‹ mit dem Rasiermesser nicht ganz geschafft haben?«

»Pa, bitte…«

Sam Horowitz schwieg einen Augenblick. »Also, was ist mit mir passiert? Ich will die ganze Wahrheit wissen, Marvin. Lüg mich nicht an.«

»Nun … man nimmt an, daß dein linkes Bein und der linke Arm leicht in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Wenn sich das als richtig erweist, hast du gute Aussichten, durch eine Bewegungstherapie fast vollständig geheilt zu werden. Und wie man hört, bist du der Sprache ja noch mächtig.«

Sein Vater starrte grimmig ins Leere. »Und die Nähte in meinem Gesicht?«

»Die Ärzte glauben, daß die Wunde sehr gut heilen wird. Ja, und was ich dir noch sagen wollte, ich habe Mona angerufen. Sie hat vor zu kommen.«

»Sag ihr, sie soll sich nicht bemühen«, brummte Horowitz. »Es gibt hier nichts zu tun für sie. Außerdem ist sie doch ständig überbeschäftigt. Was sollte San Diego ohne Mona Fields anfangen?« fragte er höhnisch, während er daran denken mußte, daß er seine Tochter in den letzten vier Jahren genau dreimal gesehen hatte.

»Sie hat vorgeschlagen, daß du zu ihr ziehen könntest, um dich zu erholen.«

»Ich werde mich in meinen eigenen vier Wänden erholen«, stellte Sam Horowitz ruhig und mit Nachdruck fest. »Ihre Nächstenliebe kann sie in einer ihrer Organisationen ausüben. Nicht an mir!«

»Pa, bitte…«

»Marvin, tu mir einen Gefallen. Geh in die Wohnung und hol mir meine Lesebrille. Und meine Zahnbürste.«

Nachdem Marvin gegangen war, versuchte Sam Horowitz sein linkes Bein zu bewegen. Es reagierte nur teilweise, als ob eine übermächtige Kraft es zurückhielte. Er beschloß, dem keine große Bedeutung beizumessen. Schließlich, sagte er sich, war er erschöpft von seinen schrecklichen Erlebnissen. Dann versuchte er, die linke Hand an sein Gesicht zu heben, um die Wunde zu befühlen. Aber auch daran hinderte ihn die unsichtbare Kraft.

Sein rechtes Bein ließ sich vollkommen normal bewegen. Die rechte Hand, der rechte Arm ebenso. Er langte zum Nachttisch hinüber und drückte auf die Klingel. Als nach einer Zeitspanne, die ihm in seiner Ungeduld schon reichlich lang vorkam, immer noch keine Schwester erschien, preßte er den F1nger abermals auf den Knopf und klingelte unentwegt.

Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen. Eine große, kräftige Frau mit einem roten Gesicht, roten Haaren und offensichtlich von irischer Abstammung erkundigte sich: »Wo brennt’s denn, bitte schön? Und nehmen Sie gefälligst den Finger von der Klingel!«

Horowitz kam sich ein wenig einfältig vor, als er sagte: »Ich hätte gern einen Spiegel.«

»Ach, einen Spiegel?« erwiderte die Schwester. »Auch wenn man Zweihundertfünfundachtzig Dollar pro Tag für ein Krankenhausbett bezahlt, klingelt man nicht Sturm, nur weil man einen Spiegel haben will! Da werden Sie noch ein Weilchen warten müssen!« Sie wollte die Tür beim Hinausgehen hinter sich zuschlagen, aber der automatische Türschließer hinderte sie daran.

Sam Horowitz war allein. Hilflos. Aber er mußte die Wunde sehen, die ihm die Kerle beigebracht hatten. Im Badezimmer gab es bestimmt einen Spiegel. Er drehte sich auf die Seite und stemmte sich hoch, bis er aufrecht im Bett saß, dann setzte er das rechte Bein auf die blanken Fliesen. Mit Hilfe seiner rechten Hand hob er behutsam das linke Bein vom Bett und versuchte aufzustehen. Zum erstenmal in seinem Leben entdeckte er, daß seine Beine ihn nicht trugen. Er kippte vornüber, schlug auf den Boden und blieb bewußtlos liegen.

Als er zu sich kam, lag er wieder im Bett. Die rothaarige Schwester stand über ihn gebeugt und starrte ihn zornig an. Horowitz schloß die Augen, um ihrem strafenden Blick zu entgehen.

»Versuchen Sie nie, nie wieder ohne Hilfe aufzustehen! Haben Sie mich verstanden, Mr. Horowitz?«

Horowitz öffnete vorsichtig ein Auge und fragte: »Wie heißen Sie?«

»Mrs. Copeland.«

»Copeland? Sie sehen aber wie eine Irin aus.«

»Bin ich auch«, erklärte sie gereizt, als ob jegliche Frage eine Herausforderung zum Kampf wäre. »Mein Mädchenname ist McMennamin.«

»Gut, Mrs. McMennamin, dann sprengen Sie ein paar Gebäude in Belfast in die Luft! Aber ehe Sie das tun, geben Sie mir einen Spiegel! Ich will sehen, wie mich die Burschen zugerichtet haben.«

Das schien die stämmige Krankenschwester ein wenig zu besänftigen. Sie ging hinaus und kehrte kurz darauf mit einem Handspiegel zurück. Vorsichtig löste sie das Pflaster und hob die Gaze von seinem Gesicht. Horowitz blickte starr in den Spiegel und war erschüttert über die brandrote Wunde und die schwarzen Nahtfäden, die kreuz und quer über seine linke Wange liefen. »Wenn es verheilt ist, wird man es kaum sehen«, tröstete ihn die Schwester.

Horowitz schüttelte betrübt den Kopf. »Das ist keine Welt mehr für Menschen. Nur noch für Bestien.«

»Ich habe gehört, daß Sie versucht haben, sich zu wehren«, sagte Sie mißbilligend.

»Sollte ich mich etwa kampflos ergeben? Es ist eine Lüge, daß Juden nicht zurückschlagen! Erinnern Sie sich an den Sechstagekrieg? Und an das, was 1973 geschehen ist? Man hat uns am Jom Kippur hinterrücks überfallen, aber am Ende hatten wir die Agypter in der Zange. Vergessen Sie das nicht!«

»Schon gut«, sagte Mrs. Copeland besänftigend, um seinem Redeschwall ein Ende zu machen. »Ich werde es nicht vergessen.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Wohin gehen Sie?« fragte Horowitz.

»Ich habe Patienten, die wirklich krank sind«, entgegnete sie.

»Was soll das heißen? Bin ich etwa nicht krank?« Er sah sie durchdringend an, und sie erwiderte seinen Blick. Doch dann verschwand der Zorn aus ihren Augen.

Er lächelte. »Sie sind reichlich keck. Aber das gefällt mir. Meine Hannah war auch so.« Er winkte sie mit dem Zeigefinger seiner gesunden Hand näher zu sich heran. »Ich möchte Sie etwas fragen.«

»Ja?«

»Ärzte lügen. Verwandte lügen. Aber jemandem wie Ihnen, einer ehrlichen Frau, würde ich glauben. Was wird man mit mir anstellen?«

»Man wird sich ein genaues Bild von Ihrem Zustand machen und Ihnen dann Bewegungstherapie verordnen. Mit der Zeit werden Sie Ihr Bein, Ihren Arm und Ihre Hand wieder bewegen können. Nach einer Weile wird es sein, als ob nie etwas geschehen wäre.«

»Und hat diese Therapie immer Erfolg?« wollte er wissen.

»Sehen Sie, in der Medizin gibt es keine Erfolgsgarantie. Aber für einen Mann Ihres Alters sind Sie in sehr guter Verfassung. Sie können über fast alles hinwegkommen. Wenn Sie sich Mühe geben.«

Sobald sie fort war, nahm er den Spiegel und starrte sein Gesicht darin an. Samuel Horowitz, achtundsechzig Jahre alt, mit einer zerschnittenen Wange, außerdem mit einem linken Arm und einem linken Bein, die nicht mehr reagierten.

Er runzelte die Stirn. Dann lächelte er. Er war immer noch ein recht gutaussehender Mann. Zumindest war Hannah dieser Ansicht gewesen. Und er wirkte auf den ersten Blick ruhig und gelassen, bis man die Ungeduld in seinen geschürzten Lippen und seinen durchdringenden blauen Augen entdeckte. Er war schon 1mmer halsstarrig gewesen. Aber seit Hannahs Tod vor drei Jahren war er auch reizbar geworden. Er war stets zum Widerspruch bereit, leicht zu verärgern, und er hatte sich selbst zum Schiedsrichter in allen öffentlichen Belangen ernannt.

Jeden Morgen las er die New York Times hauptsächlich deswegen, weil es sein größtes Vergnügen war, anderer Meinung zu sein. Jedesmai wenn er etwas entdeckte, was seiner Auffassung von gesundem Menschenverstand widersprach, pflegte er ein lautstarkes Ho-ho-ho! von sich zu geben. Er hatte seine eigenen Ansichten über das, was eine Zeitung der Öffentlichkeit vorsetzen sollte.

Horowitz war ein selbstbewußter, stolzer Mann. Er war als Kind in die Vereinigten Staaten gekommen, und weil die Familie arm war, hatte er frühzeitig die Schule verlassen müssen. Er machte sich mit dreiundzwanzig in der Verpackungsbranche selbständig und hatte bald genügend Erfolg, um heiraten, sorglos leben und seine zwei Kinder auf angesehene Colleges schicken zu können. Sein Verdienst erlaubte es der Familie, sich ein Hausmädchen, zwei Urlaubsreisen pro Jahr und alle vier Jahre einen neuen Nerzmantel für Hannah zu leisten. Und während ihres gemeinsamen Lebens hatte Hannah nie Entbehrungen kennengelernt oder unter Mangel an Liebe zu leiden gehabt.

Stolz wie er war, fiel es Horowitz nicht leicht, sich zu entschuldigen, selbst wenn er wußte, daß er unrecht hatte. War er dennoch dazu gezwungen, drückte er sich auf eine umständliche Art und Weise aus, die an die talmudische Logik der alten Rabbiner erinnerte. Dabei schloß er beide Augen, als wäre er tief in Gedanken versunken. Dann öffnete er schließlich das rechte Auge, um seinen Gegner anzusehen. So wand er sich, ein Auge offen und eins geschlossen, zu einer Entschuldigung durch, die meistens knapp vor dem Eingeständnis seines Irrtums endete.

Horowitz legte den Spiegel nieder und dachte: Teufel noch mal, die wollen mich in einen Käfig sperren. Das nennen sie dann einen Rollstuhl. Oder ein Pflegeheim. Aber es wird eben ein Käfig sein.

Und mein Sohn, seine Frau und seine beiden Kinder werden in angemessenen Abständen kommen, um mich anzustarren, aber nicht, um mir Mut zu machen, sondern nur, um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen. Mona wird aus San Diego anreisen, und Bruce und Candy werden vielleicht zwischendurch kurz zu Besuch aus Boston kommen. Typisch für Mona, ihre Kinder zum Studium nach Boston zu schicken. Und noch dazu an die Harvarduniversität. In Monas Kreisen an der Westküste gehörte es zum guten Ton, daß man Kinder vorweisen konnte, die mit Erfolg in Harvard studierten.

Mona, Mona, Mona, klagte er. Sie hatte alles erreicht, was sie sich je gewünscht hatte. Warum dachte er bloß immer mit einem Anflug von Kummer an sie? Aber jetzt hatte er andere, dringlichere Probleme. Wie würde es mit ihm weitergehen? Wenn doch Hannah noch am Leben wäre … Sie würde ihm jetzt beistehen.

Er erinnerte sich, einmal irgendwo gelesen zu haben, daß nach dem Tod des Ehepartners der andere ihm meist kurz darauf folgte. Und warum auch nicht? Wofür lohnte es sich noch zu leben?

___________

Zwei Tage später bekam Sam Horowitz Besuch von einem jungen Schwarzen, der eine Brille trug und in einen gestärkten weißen Krankenhauskittel gekleidet war. »Ich bin der Bewegungstherapeut«, stellte er sich vor. »Ich möchte gern feststellen, wie groß die Funktionsstörung ist, die Sie erlitten haben.«

»Wenn man von hinten gepackt wird und ein Rasiermesser an die Kehle gehalten bekommt, ist das für mich keine Störung. Ich nenne so etwas versuchten Mord.«

»Mr. Horowitz«, erklärte der junge Mann, »ich habe das Wort Störung als medizinischen Ausdruck gebraucht. Er besagt, daß der Körper ein Trauma erlitten hat. Es ist meine Aufgabe, das Ausmaß der Störung abzuschätzen, um die entsprechende Therapie anzuordnen.«

»Okay«, sagte Horowitz. »Stören Sie weiter. Schätzen Sie mich ab.«

Der Therapeut schlug das Laken zurück. »Ich werde Druck auf Ihr Bein ausüben, und ich möchte, daß Sie mir Widerstand leisten. Mit aller Kraft, die Sie aufbringen können.«

Er hob Horowitz’ linkes Bein, drückte dagegen und wartete, daß Horowitz sich gegen den Druck stemmte. Der alte Mann versuchte es, aber ohne viel Erfolg. Der junge Therapeut nickte ernst, dann prüfte er die Beweglichkeit und Widerstandskraft in Horowitz’ linker Hüfte, in seinem linken Arm und in der linken Schulter.

»Jetzt die linke Hand, Mr. Horowitz. Bewegen Sie die Finger. Machen Sie eine Faust.«

Horowitz versuchte nach besten Kräften, eine Faust zu machen. Aber er konnte es nicht. Seine Hand glich einer offenen Klaue.

»Wie fühlt es sich an?« fragte der junge Mann.

»Als ob … als ob meine Finger von Gummibändern zurückgehalten würden.«

Der Therapeut nickte abermals. »Ich werde am Reihe von Übungen ausarbeiten, mit denen Sie morgen beginnen können.«

»Was haben Sie nun festgestellt?« fragte Horowitz.

»Sie zeigen einen gewissen Funktionsverlust auf der linken Körperhälfte, im Bein, in der Hüfte, im Arm, in der Hand und in der Schulter. Sie können den Fuß nicht einknicken. Dadurch würden Sie beim Gehen hinken. Sie haben allerdings noch tonische Spannung in Arm und Bein, und das ist ein Glück. Aber die Funktionsstörungen im motorischen Bereich müssen wir sofort bekämpfen, sonst setzen Lähmungserscheinungen ein.«

Obgleich Horowitz nicht viel von dem verstand, was der Therapeut gesagt hatte, erwiderte er freundlich: »Nun, das nenn ich wirklich eine zuvorkommende Antwort.«

Im stillen sagte er sich jedoch: Klugscheißer! Ein bißchen Bildung, und schon fühlen sie sich als etwas Besseres.

Am selben Tag bekam Horowitz den ersten bitteren Vorgeschmack von dem, was ihn erwartete, als ein Rollstuhl in sein Zimmer geschoben wurde. Mrs. Copeland und ein Krankenpfleger halfen ihm beim Hineinsteigen. Die Schwester zeigte ihm, wie er den Stuhl mit der gesunden rechten Hand vor- und zurückbewegen konnte. Dann empfahl sie ihm, alleine weiterzuüben, und sagte im Hinausgehen: »Sie können gern den Gang entlang zur Veranda fahren. Es ist ein schöner Sommertag. Bestimmt macht es Ihnen Spaß, sich ein wenig mit anderen Patienten zu unterhalten.«

Nachdem die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, saß Samuel Horowitz regungslos im Rollstuhl. Nach ein paar Minuten, während deren er einen grimmigen Haß auf den Stuhl und auf die ganze Welt verspürte, legte er die rechte Hand aufs Rad. Er bewegte den Stuhl leicht nach vorn.

Dann hielt er plötzlich inne. Wenn ich lerne, gut mit diesem Ding fertig zu werden, sagte er sich, werde ich den Rest meines Lebens darin verbringen müssen. Ich will wieder gehen können! Ich weigere mich, an diesen Stuhl gefesselt zu bleiben! Tränen liefen ihm über die Wangen. Er hatte seit Hannahs Tod nicht mehr geweint.

___________

Horowitz lernte bald, geschickt mit dem Rollstuhl umzugehen, und fuhr damit zur Veranda hinüber. Von dort aus konnte er den Central Park überblicken und sogar das Haus sehen, in dem er wohnte.

Wenn andere Patienten ihn in eine Unterhaltung zu ziehen versuchten, war er kurz angebunden. Er bemühte sich auf jede nur mögliche Art, von den Kranken und Hilflosen abzurücken. Er war immer ein aktiver Mensch gewesen, und er wollte sich keinesfalls mit weniger zufriedengeben als mit dem, was er gewesen war.

Nach einiger Zeit brachte der Therapeut ihm einen Krückstock. Es war ein Stock aus blankem Metall mit einem gepolsterten Griff und einer kleinen quadratischen Platte am unteren Ende, die auf vier mit Gummi überzogenen Metallfüßen ruhte, was ihm einen sicheren Halt bot. Widerwillig übte er damit, bis er imstande war, zehn Schritte zu machen. Gefühlsmäßig konnte er sich jedoch nie mit dem Krückstock abfinden.

Schließlich kam der Tag, an dem Samuel Horowitz nach Hause entlassen wurde. Er war froh, aus dem Krankenhaus herauszukommen, aber als Marvin ihn abholte, wurde dem alten Mann klar, daß seine Heimkehr gar nicht so einfach war. Er durfte kein Taxi nehmen, sondern mußte in einem Krankenwagen fahren, der geräumig genug war, seinen Rollstuhl aufzunehmen. Schon der bloße Gedanke daran erfüllte ihn mit Grauen.

2

Der Krankenwagen hielt vor dem alten Mietshaus in der Central Park West Avenue. Marvin und der Fahrer hoben den Rollstuhl heraus. Während sein Sohn den Mann bezahlte, wendete Horowitz langsam den Stuhl und sah sich das Gebäude an.

Es war fast neu gewesen, als Hannah, er und die beiden Kinder vor neunundzwanzig Jahren hier eingezogen waren. Jetzt wirkte es schäbig. Das längliche Stoffdach vor der Hausfront war an einigen Stellen ausgefranst, und die Mauer wies Spuren von Wandschmierereien auf — ein Zeichen, wie das Viertel heruntergekommen war.

Dennoch hatte dieses alte Haus ihnen gute Dienste geleistet. Mona und Marvin waren hier aufgewachsen. Von hier aus waren sie aufs College gegangen, und hierher waren sie mit ihren Diplomen zurückgekehrt. Mona hatte damals gleich ihren künftigen Mann mitgebracht. Einem kühnen Entschluß folgend, waren die Neuvermählten nach Kalifornien gezogen, wo Albert ins Immobiliengeschäft einstieg und ein Vermögen scheffelte. Jetzt lebte Mona im Luxus und hatte selbst zwei Kinder.

Bruce und Candy. Seltsame Vornamen für jüdische Kinder, dachte Horowitz. Doch sie paßten gut zu dem Namen, den Monas Albert sich zugelegt hatte, ehe sie nach San Diego zogen: Statt Feldstein hießen sie jetzt Fields.

Aber Horowitz mußte gerechterweise zugeben, daß weder Mona noch Albert jemals ihr Judentum verleugneten. Ganz im Gegenteil: Mona betätigte sich sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde von San Diego, und Albert spendete große Summen für die Gemeindezeitung.

All diese Gedanken schossen Horowitz durch den Kopf. Aber jetzt mußte er sich der Gegenwart stellen. Juan, der Pförtner, würde jeden Augenblick herbeieilen, um ihn zu begrüßen. Juan würde lächeln und sich fröhlich geben, aber Horowitz wußte, daß es diesem kubanischen Flüchtling im Grunde nicht paßte, niedrige Dienste verrichten zu müssen.

Wie anders war es doch damals, sagte sich Horowitz, als mein Vater uns aus Europa herüberbrachte, damit wir den Gefahren des Ersten Weltkriegs entgingen. Die Juden waren an Entbehrungen gewöhnt und bereit, jede ehrliche Arbeit zu tun. Aber die heutigen Einwanderer wollen gleich an der Spitze anfangen. Ganz zu schweigen von den Ansprüchen der Schwarzen. Eine Welt war das!

Gleichzeitig war Horowitz sich bewußt, daß es ihn am meisten störte, sich vor Juan in seinem gegenwärtigen Zustand zu zeigen.

»Mr. Horowitz!« rief Juan herzlich, während er herausgestürmt kam. Er bestand darauf, Marvin zu helfen, den Rollstuhl die vorderen Stufen hinunter zum Aufzug und bis hinauf in die Wohnung zu bringen. Als Marvin ihm ein Trinkgeld geben wollte, weigerte er sich, es anzunehmen. »Ich bitte Sie, das war doch selbstverständlich«, erklärte er. Das ist pure Heuchelei, dachte Horowitz erbittert. Juan spielt den Edelmütigen, weil er genau weiß, daß ich ihm künftig eine Menge Trinkgeld zustecken werde.

Schließlich verabschiedete sich Juan, und Horowitz konnte sich in Ruhe in der Wohnung umsehen, in der er seit neunundzwanzig Jahren lebte. Aber statt erleichtert zu sein, fühlte er sich bedrückt.

»Pa …«, begann Marvin in einem Tonfall, der erkennen ließ, daß dies die Einleitungzu einer ernsten Unterredung war.

Horowitz wünschte sich, daß sein Sohn nicht versuchen möchte, ihm Vorschriften zu machen. Das kannte er nur allzugut. Die Eltern werden alt oder krank, und sofort fangen die Kinder an, ihnen alle Entscheidungen aus der Hand zu nehmen. Mit kaum verhüllter Ungeduld fragte er: »Ja, Marvin?«

»Mona und ich haben es durchgesprochen und, na ja, wir finden, daß diese Wohnung jetzt zu groß für dich ist. Aber vorläufig wirst du in der vertrauten Umgebung besser aufgehoben sein. Deshalb verschieben wir den Umzug lieber auf später.«

Herzlichen Dank, meine lieben Kinder, bemerkte Sam Horowitz im stillen. Und laut sagte er: »Was habt ihr, Mona und du, sonst noch besprochen?«

»Du wirst ein weibliches Wesen brauchen«, sagte Marvin.

»Das ist sehr aufmerksam. Ich hätte gern eine nette zaftike zweiundzwanzigjährige Blondine«, spottete Horowitz. »Deine Mutter könnte dir bestätigen, daß ich schon immer vollschlanke Frauen bevorzugt habe.«

»Mach jetzt keine Witze, Pa! Nachdem wir mit den Ärzten gesprochen haben, sind Mona und ich zu dem Schluß gelangt, daß du eine Pflegerin brauchst, die etwas von Bewegungstherapie versteht und gleichzeitig bereit ist, den Haushalt zu führen.«

»Und folglich?« fragte Horowitz herausfordernd.

»Folglich«, fuhr Marvin unbeirrt fort, »haben Mona und ich beschlossen, uns nach solch einer Frau umzusehen. Es ist nicht leicht, so jemand zu finden. Meine Sekretärin hat Dutzende von Stellenvermittlungen für Krankenschwestern angerufen.«

»Ich verstehe«, sagte Horowitz. »Und was habt ihr an Bernadine auszusetzen? Sie hat elf Jahre lang für eure Mutter gearbeitet und seit dem Tod eurer Mutter für mich!«

»Bernadine ist wirklich eine tüchtige Putzfrau«, räumte Marvin ein. »Aber sie hat keine Ahnung von Therapie. Wir haben eine sehr geeignete Frau gefunden. Mit erstklassigen Referenzen und langjähriger Krankenhauserfahrung.«

Horowitz schwieg. Schließlich fragte er: »Wie heißt diese Perle?«

»Harriet Washington.«

»Ist sie verheiratet?«

»Verwitwet«, erwiderte Marvin.

»Ho-ho—ho! Verschone mich mit Witwen! In der ersten Zeit nach dem Tod deiner Mutter habe ich Witwen zur Genüge kennengelernt.«

»Sie ist bereits Großmutter, und sie hat andere Dinge im Kopf, als einen Mann wie dich heiraten zu wollen.«

»Gut«, willigte Horowitz ein. »Solange wie wir uns darüber im klaren sind …« Er hielt inne. »Washington. Das ist kein sehr häufiger Name. He, Moment mal! Washington ist ein häufiger Name unter Farbigen. Sag mal, ist das eine schvartze?«

»Ja.«

»Die kommt mir nicht ins Haus!« stieß Horowitz wütend hervor.

»Aber Pa, Bernadine ist doch auch eine Schwarze.«

»Bernadine! Das ist etwas anderes. Sie ist ein guter, warmherziger Mensch. Man braucht nicht das Silberbesteck nachzuzählen, wenn sie die Wohnung verlassen hat.«

»Pa …, bitte sprich leise«, bat Marvin.

»Ich werde nicht leise sprechen!« schrie Horowitz. Dann rief er in Richtung der Wohnungstür: »Mrs. Washington, unterstehen Sie sich, hier aufzukreuzen! Ich habe zweiundzwanzig Fäden im Gesicht, die ich irgendwelchen Schwarzen zu verdanken habe. Ich will für den Rest meines Lebens mit keinem Schwarzen mehr etwas zu tun haben!«

In diesem Augenblick hörte Samuel Horowitz eine weibliche Stimme hinter sich. Sie klang sanft, aber ziemlich energisch. Und ein wenig ärgerlich. »Mr. Hammond, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« fragte die Stimme.

Samuel Horowitz drehte langsam seinen Rollstuhl herum. In dem Türbogen, der in sein Schlafzimmer führte, stand eine kleingewachsene Negerin reiferen Alters. Ihr glänzendes schwarzes Haar war zu Zöpfen geflochten und lag wie ein glitzerndes Diadem um ihren Kopf. Eine silbern eingefaßte Brille verdeckte teilweise ihre ebenmäßigen Gesichtszüge. Sie war von kräftiger Statur und trug eine weiße Schwesterntracht. Offenbar war sie gerade im Begriff gewesen, das Bett zu machen, denn sie hielt einen frischen Kissenbezug in der Hand.

Horowitz fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut. Sie sah ihn starr an, aber ihr Blick drückte eher Mitleid als Zorn aus. Das Mitleid ärgerte ihn so sehr, daß er den Rollstuhl wieder herumdrehte.

»Mr. Hammond?« wiederholte die Frau an Marvin gewandt.

»Ja, natürlich«, sagte Marvin. Er und die Frau gingen ins Eßzimmer hinüber.

»Man hätte ihn darauf vorbereiten sollen«, sagte Mrs. Washington.

»Sie hätten ihn nicht so plötzlich damit überfallen dürfen.«

»Es tut mir leid.«

»Und wenn jetzt daraus ein Problem wird, bleibe ich nur ein oder zwei Tage, bis Sie jemand anders gefunden haben. Eine weiße Frau.«

»Es wird nicht leicht sein, eine andere Frau zu finden, ob weiß oder schwarz, die sich für diese Arbeit eignet«, erklärte Marvin. »Wollen Sie es nicht wenigstens versuchen?«

»Das hängt mehr von ihm als von mir ab«, bemerkte sie.

Marvin kehrte zu seinem Vater zurück und schob den Rollstuhl dicht an das große Wohnzimmerfenster. Er zog das Rouleau hoch; die Morgensonne strömte herein, und vor ihnen erstreckte sich der Central Park in seiner ganzen grünen Pracht.

»Pa, diesmal mußt du mich anhören«, begann Marvin.

»Ich höre«, knurrte Horowitz ungeduldig. »Obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich nicht Bernadine behalten kann. Sie gehört praktisch zur Familie.«

»Pa, du brauchst täglich Heilbehandlung. Bernadine kann das nicht machen. Und du brauchst jemanden, der dir drei ausgewogene Mahlzeiten pro Tag zubereitet. Mona und ich haben beschlossen…«

»Ho-ho-ho!« rief Horowitz bei der Erwähnung seiner Tochter. »Nur weiter! Was hat der Stolz von San Diego beschlossen?«

»Wenn du zu Hause nicht die Pflege bekommen kannst, die du brauchst, und wenn du dich weigerst, nach Kalifornien zu Mona überzusiedeln, werden wir dich in einem Pflegeheim unterbringen mussen.«

»Ihr werdet mich in einem Pflegeheim unterbringen? Wenn es nicht so beleidigend wäre, würde ich darüber lachen. Eher gehe ich ins Krankenhaus zurück!«

»Dort wird man dich nicht wieder aufnehmen. Du bist nicht so krank, daß du Anspruch auf ein Krankenhausbett hättest. Du bist gesund genug für ein normales Alltagsleben.«

»Nennst du das Leben in einem Pflegeheim normal?« gab Horowitz zurück. »Lieber will ich tot sein.«

»Sterben ist leicht, Pa. Aber Leben erfordert ein wenig Anstrengung.«

»Ho-ho-ho! Der Talmud nach Marvin Hammond.«

»Pa, hör zu. Was ich immer an dir bewundert habe, ist deine Unabhängigkeit. Es war für mich kein Kunststück, Sozius in einer Anwaltsfirma zu werden. Denn du hast mir die Voraussetzung dazu, meine Ausbildung, auf einem silbernen Tablett serviert. Aber ich habe mich oft gefragt, wenn ich ein Flüchtlingsjunge ohne jede Unterstützung gewesen wäre, hätte ich dann wohl den Mut und die Fähigkeit gehabt, ein eigenes Geschäft zu gründen?«

»Ein Rockefeller war ich auch nicht gerade«, wandte Samuel Horowitz mit gespielter Bescheidenheit ein.

»Aber du hast es allein geschafft. Aus eigener Kraft. Und jetzt brauchst du Hilfe. Es ist keine Schande, das zuzugeben oder sie anzunehmen.«

Horowitz schwieg einen Augenblick, dann fragte er: »Marvin, ist es wahr, was die Ärzte gesagt haben? Werde ich wirklich wieder gesund?«

»Bestimmt!« sagte Marvm. »Aber dazu brauchst du Hilfe.«

»Oder anderenfalls ein Pflegeheim.«

»Das ist die einzige Alternative.«

Horowitz überlegte. »Diese Frau scheint ordentlich und sauber zu sein.« Er schloß die Augen. Dann öffnete er nach einer Weile das rechte Auge und sagte: »Okay.«

»Gut!« Marvin war sichtlich erleichtert. »Ich muß jetzt gehen. Sie hat alle nötigen Anweisungen und kennt die Läden, in denen du einkaufst.« Marvin war bereits an der Tür, als Horowitz rief: »Noch eine Frage, Marvin. Was ist mit Bernadine?«

»Ich habe ihr einen Monatslohn gegeben und sie entlassen.«

»Eine Frau, die so viele Jahre zur Familie gehört hat, speist du mit einem Monatslohn ab? Eine Frau in ihrem Alter, die vielleicht überhaupt keine andere Stellung mehr finden wird?«

»Sie hat ihre Rente«, entgegnete Marvin.

»Die Rente reicht heutzutage vorn und hinten nicht. Ich will, daß diese Frau eine Pension bekommt! Bezahl das von meinem Geld.«

»Pa, du bist nicht verpflichtet …«

»Vergiß deine Paragraphen und werd zur Abwechslung mal ein Mensch!« rief Horowitz zornig.

»Schon gut, Pa, schon gut«, beruhigte Marvin ihn. »Ich werde mich darum kümmern.«

Als Marvin gegangen war, sah sich Horowitz im Wohnzimmer um und ließ den Blick auf den Möbeln ruhen, die Hannah mit soviel Liebe zusammengetragen hatte. Er teilte sich zu dem großen Schrank aus zart schimmerndem Nußbaumholz und ließ die Finger darübergleiten. Er blickte auf das bequeme Sofa, das mit weiß-goldenem Brokat bezogen war. In der Ecke stand der handgearbeitete Bridgetisch mit seinen vier Lehnstühlen, die von einem alten italienischen Handwerker geschnitzt und mit rotem Leder gepolstert waren. An diesem Tisch hatte Horowitz in früheren Zeiten manches Binokelspiel mit Hannah oder Phil Liebowitz ausgetragen.

Mit großer Mühe fuhr Horowitz zum Schlafzimmer, sah aber nur kurz hinein, denn dort drinnen war diese Frau mit Aufräumen und Saubermachen beschäftigt. So schob er sich langsam an Eßzimmer und Küche vorbei ins Wohnzimmer zurück und sagte sich: So einsam es in dieser Wohnung auch seit Hannahs Tod gewesen ist, es ist trotzdem ein Zuhause.

Er hörte die Frau, als sie eilig vom Schlafzimmer in Richtung Diele lief, und rief ihr zu: »Wie war doch gleich Ihr Name?«

»Mrs. Harriet Washington!« rief sie zurück.

»Was ich sagen wollte, Harriet …«

»Mrs. Washington, wenn ich bitten darf«, berichtigte sie ihn energisch.

»Was haben Sie gegen Harriet?« fragte er gereizt.

»Sie können ein Dienstmädchen beim Vornamen nennen, falls es damit einverstanden ist. Aber ich bin Krankenschwester, und meine Berufsehre verlangt, daß man mich Mrs. Washington nennt!«

»Nicht Miß Washington?« spottete Horowitz.

»Ich war mit einem guten Mann namens Horace Washington verheiratet. Ich habe nicht die Absicht, das zu vergessen. Und ich wünsche auch nicht, daß andere es vergessen. Also bleibt es bei Mrs. Washington!«

»Okay, Mrs. Washington!«

___________

Samuel Horowitz war sich klar, daß er mit dieser Frau Frieden schließen mußte. Fragte sich nur wie. Er gelangte zu dem Schluß, daß er sich dabei besser nicht ihrem vorwurfsvollen Blick aussetzen sollte.

Also sah er angestrengt aus dem Wohnzimmerfenster und rief: »Mrs. Washington?«

Anscheinend hatte sie ihn nicht gehört, und so rief er lauter: »Mrs. Washington!«

Als sie nicht antwortete, stieß er wütend hervor: »Wo zum Teufel ist diese Frau?«

»Hier«, flüsterte sie.

Er drehte den Kopf und sah, daß sie direkt hinter ihm stand. Offenbar hatte er auf dem dicken Teppichboden ihre Schritte nicht gehört. »Sie brauchen hier nicht auf Zehenspitzen herumzuschleichen. Ich liebe keine Überraschungen!« erklärte er.

»Möchten Sie, daß ich Schellen an den Schuhen trage?« fragte sie.

Horowitz drehte langsam seinen Rollstuhl herum und sah sie an.

»Sagen Sie mir, Mrs. Washington«, sagte er und war bemüht, einen höflichen Ton anzuschlagen, »was soll das heißen: Schellen an den Schuhen?«

»Nun, Mr. Horowitz, soviel ich weiß, gab es einmal einen berühmten Rabbi, einen … ich kann mich an das andere Wort nicht erinnern …«

»Zaddik«, ergänzte Horowitz. »Ein zaddik ist nicht nur ein Gelehrter und Philosoph, sondern auch ein wunderbarer Mensch. Mit einer unendlichen Liebe zu allen Kreaturen Gottes, selbst zu den kleinsten.«

»Und den schwärzesten?« fragte sie herausfordernd.

Horowitz überhörte die Frage geflissentlich. »Was ist mit den Schellen an den Schuhen?«

»Nach dem, was ich gehört habe, fühlte sich dieser zaddik so Verantwortlich für alle Geschöpfe Gottes, daß er der kleinsten Ameise kein Leid antun wollte. So ließ er Schellen an seinen Schuhen anbringen, damit die Ameisen ihn kommen hören und sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.«

»Sagen Sie, woher haben Sie diese seltsame Geschichte?«

»Ehe ich Krankenpflege lernte, habe ich eine Zeitlang bei den Rosengartens gearbeitet. Herr Rosengarten war der Leiter einer schul in der West 79th Street. So kam es, daß der Rabbiner sehr oft zum Abendessen bei uns war. Und eines Abends habe ich ihn diese Geschichte erzählen hören.«

»Hmm«, bemerkte Horowitz abermals. »Interessant. Aber erzählen Sie mir, daß einige Ihrer besten Arbeitgeber Juden waren, um damit Ihre Anwesenheit hier annehmbarer zu machen?«

»Ich habe das erzählt, weil Sie mir vorgeworfen haben, daß ich mich an Sie heranschleiche.«

»Ich verstehe«, erwiderte Horowitz ein wenig verlegen. »Aber kommen Sie in Zukunft nicht herein, ohne anzuklopfen. Und jetzt machen Sie mir bitte mein Mittagessen.«

»Es ist fertig«, sagte sie.

Er sah sie überrascht an. »Wie kann es fertig sein? Ich habe Ihnen ja noch nicht einmal gesagt, was ich haben will.«

»Was möchten Sie haben?«

»Was ich haben möchte, sind Kolibriflügel auf Toast. Aber der Arzt sagt, ich darf keinen Toast essen«, erwiderte Horowitz bitter.

Plötzlich wandte er den Kopf ab.

»Mr. Horowitz?« fragte sie sanft.

Er antwortete nicht, denn er merkte, daß ihm bald die Tränen kommen würden. Schließlich sagte er: »Eigentlich möchte ich, daß Hannah hier wäre und mir eins der Gerichte machte, auf die sie sich so gut verstand. Sie hatte eine natürliche Begabung fürs Kochen. Und eine Begabung für den Umgang mit Menschen. Die Menschen liebten sie … Manchmal glaube ich, sie haben mich nur geduldet, um in ihrer Nähe sein zu können.«

Er mußte die Nase hochziehen und Wischte sich über die feuchten Augen. »Wenn Sie älter werden, Mrs. Washington, werden Sie merken, daß die Augen manchmal ohne jeden Grund zu tränen anfangen.«

»Ja, Mr. Horowitz«, sagte sie und setzte hinzu: »Ich habe im Eßzimmer für Sie gedeckt.«

»Im Eßzimmer?« Horowitz run2elte die Stirn. »Ich habe seit Hannahs Zeiten nicht mehr im Eßzimmer gegessen. Ein Tablett im Schlafzimmer wäre viel bequemer. Außerdem gibt es im Eßzimmer kein Fernsehen.«

»Sie brauchen nicht fernzusehen, während Sie essen.«

»Vielleicht hält Präsident Carter gerade eine Pressekonferenz ab. So eine Talk-Show, wissen Sie.«

»Sie mögen Präsident Carter nicht?«

»Ich habe keinen Präsidenten seit Roosevelt gemocht. Und ehrlich gesagt, habe ich mir auch aus ihm nicht sonderlich viel gemacht. Also, was gibt’s zum Mittagessen?« fragte er, während er sich mit seinem Stuhl ins Eßzimmer rollte.

Dort angekommen, starrte er verblüfft auf den Tisch. »Hannahs bestes Porzellan? Für ein kleines, mickriges Mittagessen? Sie würde sich im Grab umdrehn.«

»Dann werden wir ihr nichts davon sagen«, erwiderte Mrs. Washington lächelnd.

Er sah sie scharf an. Sie hatte ein warmes Lächeln, blitzende schwarze Augen in einem glänzenden, dunklen Gesicht, regelmäßige weiße Zähne und eine Haut, die so glatt wie edles, handpoliertes Mahagoni war. Er konnte ihrem Lächeln nicht widerstehen.

»Trinken Sie Ihren Tomatensaft«, sagte sie, während sie sich auf den Weg in die Küche machte.

»Ich mag keinen Tomatensaft! Er verursacht mir Sodbrennen.«

»Ihr Sohn sagte, Ihre Frau habe ihn täglich serviert«, erwiderte sie.

»Ach ja, stimmt«, sagte Horowitz ein wenig hilflos. »Aber Hannahs Tomatensaft war anders. Der hatte eine eigene Note.«

Mit dem festen Entschluß, diesen hier scheußlich zu finden, hob er das Glas und trank einen Schluck. Er hielt erstaunt inne, dann nahm er zögernd einen weiteren Schluck.

»Was haben Sie denn da hineingetan?« murrte er.

»Einen Schuß Zitrone, ein wenig Anis.«

»Er … Hm, nicht schlecht. Er schmeckt tatsächlich ganz ähnlich wie der von Hannah«, räumte er widerwillig ein.

»Es ist genau der gleiche wie der von Hannah«, berichtigte sie ihn. »Ich habe ihre Rezepte entdeckt, als ich gestern hier war.«

»Sie haben hier herumgestöbert?« fragte er zornig.

»Keine Sorge, Bernadine hat mir geholfen, mich mit der Wohnung vertraut zu machen«, sagte sie und setzte spitz hinzu: »Sie brauchen also das Silberbesteck nicht nachzuzählen.«

Um seine Verlegenheit zu verbergen, versetzte Horowitz gereizt: »Sagten Sie nicht, das Mittagessen sei fertig?«

Mrs. Washington ging in die Küche, und er hörte sie mit Tellern und Gläsern hantieren. Sie rief: »Ach übrigens, heute früh kam ein Anruf für Sie. Phil Liebowitz. Er sagte, er sei ein Freund von Ihnen. Er möchte mal vorbeischauen.«

»Und was haben Sie geantwortet?«

»Daß Sie nach Ihrer Ankunft zurückrufen werden.«

»Mrs. Washington, wenn ich einmal eine Sekretärin für meine gesellschaftlichen Verpflichtungen brauchen sollte, werde ich eine engagieren. Vorläufig muß ich Sie jedoch bitten, niemandem zu versprechen, daß ich zurückrufen werde! Wenn er nächstes Mal anruft, sagen Sie nichts.«

»Wie Sie wünschen«, erwiderte Mrs. Washington, die jetzt mit einer großen Schüssel durch die Schwingtür kam. Sie stellte sie vor ihn hin.

Er starrte auf das Essen, dann fragte er mit übertrieben süßlicher Stimme: »Mrs. Washington, hat Ihnen irgend jemand gesagt, ich sei Millionär?«

»Ich frage meine Arbeitgeber nie nach der Höhe ihres Bankkontos«, erwiderte sie.

»Steak zum Mittagessen?« rief er in klagendem Ton. »Bin ich denn ein Goldesel?« Wie es von Zeit zu Zeit so seine Art war, sprach er zu einem nicht vorhandenen Publikum: »Diese Frau ist verrückt. Steak zum Mittagessen! « Dann wandte er sich wieder ihr zu: »Mrs. Washington, falls Sie glauben, sich mit solchen Tricks bei mir einschmeicheln zukönnen, machen Sie sich keine Illusionen. Da mir nur die Wahl bleibt zwischen einem Pflegeheim und Ihnen, sind Sie im Augenblick für mich das kleinere Übel. Aber treiben Sie’s nicht zu weit.«

Sie wartete geduldig das Ende seines Ausbruchs ab und sagte dann ruhig: »Ihr Steak wird kalt.«

Er nahm das Messer in die rechte Hand und versuchte die Gabel in die linke zu nehmen. Aber er konnte seine Finger nicht fest genug um den Griff schließen. Als er das Steak schneiden wollte, glitt die Gabel aus seiner kraftlosen Hand und fiel auf den Teppich.

Mrs. Washington hob sie auf, wischte sie sorgfältig an ihrer Schürze ab und gab sie ihm wieder. Aber auch diesmal konnte er sie nicht festhalten.

»Mrs. Washington, servieren Sie künftig zum Mittagessen etwas Einfaches. Zum Beispiel ein Sandwich, das man mit einer Hand essen kann. Nehmen Sie dieses Steak fort, und werfen Sie es weg. Oder essen Sie es selbst, wenn Sie wollen. Haben Sie vielleicht darauf von Anfang an spekuliert? Bin ich Ihnen auf die Schliche gekommen? Nein, nehmen Sie es nicht fort. Schneiden Sie es! Geben Sie es mir zu essen!«

Sie wandte sich jäh um und ging wieder in die Küche. Als sie zurückkam, hielt sie eine zweite Gabel in der Hand, an deren Griff ein dickes Schaumgummipolster mit Klebestreifen befestigt war.

»Versuchen Sie es damit.« Sie reichte ihm die Gabel.

Zögernd schloß er die Finger seiner linken Hand um den dicken Griff. Diesmal konnte er die Gabel greifen und das Steak auf dem Teller festhalten, während er mit der rechten Hand einen Bissen nach dem anderen abschnitt, bis er das kleine Filet aufgegessen hatte.

Da er unbedingt wieder etwas bemängeln mußte, sagte er: »Das Steak hätte etwas mehr durchgebraten sein können.«

»Ich muß mich erst an Ihren Grill gewöhnen«, erklärte sie und verschwand in der Küche. Als sie mit Salat zurückkam, hielt er immer noch die gepolsterte Gabel in der Hand, aber diesmal in der rechten.

»Sie haben mir absichtlich Steak serviert«, sagte er vorwurfsvoll. »Um mit zu beweisen, daß ich ein Krüppel bin! Ich will diese Gabel nie wiedersehn! Niemals!«

Er schleuderte die Gabel quer durchs Zimmer. Sie schlug an die gegenüberliegende Wand und fiel auf den Teppichboden. Dann drehte er seinen Stuhl herum und war bemüht, eine würdevolle Miene aufzusetzen, während er sich langsam aus dem Eßzimmer rollte.

Im Schlafzimmer lenkte er den Rollstuhl an das Fenster, das zum Park ging. Er legte die rechte Hand vors Gesicht und weinte.

Harriet Washington telefonierte unterdessen in der Küche mit dem Arzt. »Er hat sich vom ersten Augenblick an gegen alles gesträubt, Dr. Tannenbaum. Besonders gegen das Steak. Er will nicht daran erinnert werden, daß seine linke Hand geschädigt ist.«

»Wie ist er mit der gepolsterten Gabel zurechtgekommen?«

»Ganz gut. Aber er will sie nicht.«

»Wie ist sein Verhalten im allgemeinen?« fragte der Arzt.

»Feindselig, widerspenstig«, berichtete sie. »Er ist ein Mensch mit sehr viel Stolz.«

»Nun, Stolz kann hilfreich sein, wenn er den Willen zur Genesung in ihm weckt«, sagte Dr. Tannenbaum. »Wenn nicht, kann er sich verhängnisvoll auswirken.«

3

Mrs. Washington hatte das Geschirr vom Abendessen abgewaschen und sich überzeugt, daß Horowitz sicher und wohlbehalten im Bett lag. Ehe sie fortging, ermahnte sie ihn nachdrücklich: »Wenn Sie während der Nacht aufstehen müssen, machen Sie das Licht an. Und seien Sie vorsichtig mit Ihrem Krückstock. Dieser Teppich hat einen etwas zu dicken Flor. Es könnte gefährlich sein mit dem Stock.«

»Vielen Dank, Mrs. Washington«, erwiderte Horowitz. »Diesen Teppich hat Hannah persönlich ausgesucht. Ich bin sicher, sie hätte ihn nicht gewählt, wenn er eine Gefahr für mein Leben bedeuten könnte.« Mrs. Washington zuckte die Achseln und sagte gute Nacht.

Samuel Horowitz machte es sich im Bett bequem und war entschlossen, seine Ungestörtheit zu genießen. Er griff mit der rechten Hand nach der Fernbedienung für das Fernsehgerät. Im Grunde verachtete er dieses Ding, denn er war überzeugt, daß alle Probleme der Menschheit auf Verweichlichung zurückzuführen waren. Wenn die Menschen das Wunder Fernsehen so wenig würdigten, daß sie nicht aufstehen, durchs Zimmer gehen und am Apparat ein anderes Programm einstellen konnten, verdienten sie es gar nicht. Trotzdem mußte er zugeben, daß ein Apparat mit Fernbedienung für einen Kranken eine Notwendigkeit darstellte. Das erste Programm, das er sich ansah, interessierte ihn nicht. Die Polizei war auf der Suche nach einem Mörder. Im zweiten Programm war ein Mörder auf der Suche nach jemandem, den er ermorden konnte. Das dritte brachte ein Klamaukstück mit einer Negerfamilie. Das weckte nur wieder seinen Groll gegen diese dreiste Mrs. Washington.

Er mußte eingeschlafen sein, denn das nächste, was er wahrnahm, waren Geräusche von emsiger Geschäftigkeit. Er öffnete die Augen: Es war Morgen.

Er hörte, wie Möbel herumgerückt wurden, während ein Staubsauger dröhnte. Das war sicher diese Mrs. Washington. Konnte man die Arbeit nicht verrichten, ohne so früh am Morgen solch einen Radau zu machen?

Sein Zorn erlosch, als er auf die Nachttischuhr blickte. Neun Uhr zweiundzwanzig. Seit Jahren hatte er nicht mehr so lange geschlafen. Er stand langsam auf. Mit unsicheren Schritten, den linken Fuß nachziehend und auf seinen Stock gestützt, schleppte er sich ins Badezimmer.

Ihm wurde klar, daß er wieder anfangen mußte, sich selbst zu rasieren. Im Krankenhaus gab es einen Herrenfriseur, der jeden Morgen die Runde machte. Aber jetzt mußte Horowitz wieder allein zurechtkommen. Der weiße Stoppelbart in seinem Gesicht war schon über einen Tag alt. Er befeuchtete sich das Gesicht und preßte mit dem rechten Daumen Rasiercreme aus der Tube, obwohl man ihn gemahnt hatte, soviel wie möglich die linke Hand zu gebrauchen. Jetzt sah er sich vor der schwierigen Aufgabe, mit den Fingern der linken Hand den Schaum auf seinem Gesicht zu verteilen. Es wäre wohl klüger gewesen, das Zeug mit dem linken Daumen herauszupressen und mit der rechten Hand aufzutragen.

Nach den ersten paar Rasierbewegungen merkte er schon, daß die Klinge alt und stumpf war. Er brauchte eine neue. Behutsam nahm er die Klingenpackung in die linke Hand, während er den Rasierapparat in der rechten hielt. Aber er hatte nicht genügend Kraft im linken Daumen, um eine neue Klinge herauszuschieben. Nach einigen vergeblichen Versuchen rief er zornig: »Mrs. Washington!«

Die Badezimmertür wurde fast augenblicklich geöffnet. »Was ist geschehen? Sind Sie gefallen?« Sie war erleichtert, als sie sah, daß er aufrecht gegen das Waschbecken gelehnt dastand.

»Nein, natürlich nicht«, sagte er mißmutig. »Sehen Sie mich an. Ein schönes Bild von einem Mann. Na gut, ein paar Bartstoppeln. Aber die bedecken die Wunde, die Ihre feinen jungen Leute mir beigebracht haben. Zweiundzwanzig Fäden!«

Mrs. Washington sah ihm fest in die Augen. »Es tut mir leid«, sagte sie schlicht. »Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann …«

»Ja, das können Sie! Sie können Ihren jungen Wilden beibringen, menschliches Leben zu achten!« tobte Horowitz. »Hören Sie, ich glaube, Sie und ich, Wir werden nicht miteinander auskommen. Ich sollte mir lieber jemand anderen suchen. Sie können sich nach einer anderen Stellung umsehen.«

»Ich möchte lieber bleiben«, entgegnete sie ruhig.

»Warum? Um Buße zu tun für das, was Ihre Wilden mit mir angestellt haben?«

»Diese Stellung hat gewisse Vorteile für mich. Und daher bin ich bereit, für einen boshaften alten Mann zu arbeiten, der jeden, ausgenommen sich selbst, für seinen gegenwärtigen Zustand verantwortlich zu machen versucht.«

»Wenn das kein Grund ist zu gehen, verstehe ich die Welt nicht mehr«, brummte Horowitz.

»Ich werde es Ihnen erklären, dann werden Sie’s verstehen«, sagte Harriet Washington mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme. »Ich habe eine Tochter mit zwei Kindern. Sehr netten Kindern, möchte ich hinzufügen, ehe Sie irgendwelche Bemerkungen machen. Der Junge ist zwölf, das Mädchen acht. Tagsüber ist meine Tochter zu Hause. Aber abends und nachts beaufsichtigt sie als Oberschwester den Nachtdienst in einem Krankenhaus. Jemand muß bei den Kindern sein. Um sich zu vergewissern, daß sie ihre Hausaufgaben machen, um aufzupassen, daß sie sich nicht draußen auf der Straße herumtreiben, um eben dafür zu sorgen, daß sie keine Wilden werden, Mr. Horowitz. Die Arbeit bei Ihnen ist genau das richtige, damit ich das übernehmen kann.«

»Sie sehen nicht so alt aus, daß Sie schon Großmutter sein könnten.«

»Ich bin alt genug«, erwiderte sie. »Einundsechzig.«

Ein anderer Gedanke drängte sich Horowitz auf. »Sie haben den Mann Ihrer Tochter mit keinem Wort erwähnt. Hat sie …«

»Sie ist Witwe«, unterbrach Harriet Washington ihn schroff. »Ihr Mann ist von einem dieser Wilden getötet worden. Er war Polizist und versuchte, einen Überfall auf einen Supermarkt zu verhindern.«

»Oh, das tut mir leid«, sagte Horowitz.

»Deshalb können Sie mich beleidigen, wütend werden, schimpfen, schreien und toben, ich werde trotzdem bleiben! Also gewöhnen Sie sich an mich!«

»Sie halten sich wohl für ziemlich hart im Nehmen«, spottete er.

»Ich bin hart im Nehmen«, berichtigte sie ihn. »Aber Sie hatten mich gerufen. Was wollten Sie?«

»Ich brauche eine neue Klinge für meinen Rasierapparat.«

Mrs. Washington legte die neue Klinge ein, dann fragte sie: »Warum benützen Sie nicht den elektrischen Rasierapparat, den Ihr Sohn auf meinen Vorschlag hin für Sie gekauft hat? Die meisten Männer in Ihrem Zustand benutzen einen. Das ist viel einfacher.«

»Erstens befinde ich mich in keinem ›Zustand‹. Zweitens werde ich bei der herrschenden Energieknappheit bestimmt keinen elektrischen Rasierapparat benützen. Und drittens bin ich keineswegs damit einverstanden, daß Sie meinem Sohn sagen, was ich tun soll. Außerdem ist das Rasieren mit einem elektrischen Apparat kein Rasieren. Es ist nichts weiter als eine Massage. Und jetzt tun Sie mir den großen Gefallen, mich allein zu lassen.«

Sie war fort, Gott sei Dank. Jetzt konnte er sich endlich dem Luxus einer langsamen, gründlichen Rasur hingehen. Er versuchte, mit dem Apparat über sem Gesicht zu fahren, merkte jedoch, daß er die Gewohnheit gehabt hatte, mit der linken Hand die Wange zu straffen, während er sich mit der rechten rasierte. Die linke Hand konnte er nun aber nicht mehr dafür gebrauchen.

Als er fertig war, musterte er sein Gesicht im Spiegel. Es waren immer noch Stellen mit weißen Stoppeln zu sehen. Er griff nach seinem Stock und machte sich auf den mühevollen Weg ins Wohnzimmer. Als er dort ankam, war er außer Atem. Er mußte sich eingestehen, daß der dicke Teppich tatsächlich hinderlich beim Gehen war.

Mrs. Washington war gerade mit dem Staubwischen fertig.

»Äh …«, begann er. »Mrs. Washington, ich werde Ihnen beweisen, daß ich ein aufgeschlossener Mensch bin. Ich bin bereit, einen Versuch mit dem elektrischen Rasierapparat zu machen.«

»Ich hole ihn«, sagte sie, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht anzusehen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.

Horowitz beobachtete sie, wie sie den Apparat an der Steckdose im Badezimmer anschloß. Dann nahm er ihn entgegen, schaltete ihn an und fuhr sich damit über die Wange, wie er es im Werbefernsehen gesehen hatte. Als er sein Gesicht befühlte, war es unwahrscheinlich glatt. Mühsam erreichte er das Schlafzimmer, wo Mrs. Washington soeben das Bett machte.

»Nun?« fragte sie. »Wie ist es gegangen?«

»Rasieren kann man das eigentlich nicht nennen«, sagte er. »Aber es ist recht bequem. Ich … ich werde ihn noch ein paar Tage ausprobieren. Ich neige nicht zu vorschnellen Urteilen. Aber das haben Sie ja sicher schon bemerkt.«

»Ja«, log sie. »Wie wär’s, wenn Sie jetzt frühstücken würden? Heute ist so ein herrlicher Tag. Vielleicht gehen wir später in den Park, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen.«

___________

Sam Horowitz sah sich dem demütigendsten Augenblick seiner Rekonvaleszenz gegenüber: Er wollte den Reißverschluß seiner Hose schließen, indem er versuchte, den Stoff am unteren Ende mit seiner unbeweglichen linken Hand festzuhalten, doch der Stoff entglitt ihm immer wieder, so daß sich der Reißverschluß aufbauschte und klemmte. Schließlich rief er hilflos: »Mrs. Washington?«

Sie kam ins Schlafzimmer und musterte ihn kritisch. »Sie haben doch wohl nicht die Absicht, so auszugehen, oder?«

»Natürlich nicht. Deshalb habe ich Sie ja gerufen.« Er versuchte, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen. »Ich … ich möchte, daß Sie mir bitte mit … mit meinem Reißverschluß helfen.«

»Gern. So, bitte.« Dann trat sie einen Schritt zurück und schüttelte betrübt den Kopf. »Dieser Aufzug.«

»Was haben Sie gegen meinen Aufzug?« fragte er ungehalten.

»Das ist das älteste, ausgebeulteste Paar Hosen, das ich je gesehen habe. So gehe ich keinesfalls mit Ihnen aus.«

»Wohin gehen wir denn? Zu einem Empfang im Weißen Haus? Na, lassen wir das. Ich habe sowieso keine Lust auszugehen. Damit ist der Fall erledigt. Undjetzt lassen Sie mich bitte allein!«

Mrs. Washington rührte sich nicht vom Fleck. Sie wußte Bescheid; was hier vor sich ging, hatte sich auch bei anderen Patienten abgespielt. Bewußt oder unbewußt wollte Horowitz es vermeiden, auszugehen und im Rollstuhl gesehen zu werden. Sein schäbiger Aufzug, seine älteste Hose, die abstoßende Kombination von Farben, dies alles spiegelte seine augenblickliche Geringschätzung der eigenen Person wider. »Mr. Horowitz, wir gehen in den Park. Aber ich will nicht, daß die Leute glauben, ich hätte Ihnen erlaubt, so in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Ich muß auf meinen guten Ruf achten.«

»Sie können sich ja auf eine andre Bank setzen«, sagte er, »und so tun, als ob Sie mich nicht kennen. Was mir sehr recht wäre!«

»Ziehen Sie sofort dieses Hemd und diese Hose aus!« befahl sie.

Er starrte sie grimmig an. »Selbst Hannah hat es nie gewagt, so mit mir zu sprechen!«

»Ich möchte wetten, daß Sie sich zu Hannahs Lebzeiten nie so angezogen haben!«

»Bitte nennen Sie sie Mrs. Horowitz«, erwiderte er gereizt.

»Wie Sie wollen. Mrs. Horowitz!«

»Schon besser.« Immer noch brummend kämpfte er mit dem obersten Knopf seines Hemdes, bis es ihm schließlich gelang, ihn zu öffnen. »Und übrigens haben Sie vergessen, Ihre Schnürsenkel zu binden«, sagte Mrs. Washington energisch.

»Ich habe meine Schnürsenkel gebunden«, protestierte er. Aber als er hinunterblickte, sah er sie lose herabhängen. Die Verwirrung war so deutlich aufseinem Gesicht zu erkennen, daß Mrs. Washington sich verpflichtet fühlte, ihm sanft zu erklären: »Das kann passieren, Mr. Horowitz. Ein linker Hemi—«

Er unterbrach sie. »Was ist ein linker Hemi? Ein halber Kommunist?«

»Linke Hemiplegiker«, erklärte sie, »sind Menschen, die einen Schlaganfall auf der rechten Gehirnhälfte erlitten haben und daher linksseitig geschädigt sind. Zu Anfang neigen linke Hemiplegiker dazu, alltägliche Dinge wie das Binden von Schnürsenkeln und das Zuknöpfen von Hemden zu vergessen. Aber Sie werden sehen, das gibt sich bald.«

»Ich war sieben, als mir das letzte Maljemand sagen mußte, daß ich meine Schnürsenkel binden soll«, murmelte er bedrückt.

Nachdem er eine Hose mit Bügelfalten und ein frisches weißes Hemd angezogen und mühevoll einen teuren Seidenschlips umgebunden hatte, hinkte er in die Diele zu seinem Rollstuhl. Er war erschöpft und froh, sich setzen zu können. Einundzwanzig Schritte hatte er getan, und er war schweißbedeckt. Es hatte Zeiten gegeben, in denen er flott bis zum Columbus Circle gegangen war. Von dort aus hatte er die Untergrundbahn zu seinem Geschäft genommen.

Sein Geschäft, erinnerte er sich niedergeschlagen. Aber Gottshall führte es für ihn. Abe war ein braver, ehrlicher Mann, aber keine große Leuchte. Sobald der Arzt es zuließ, wollte Horowitz dort selbst nach dem Rechten sehen.

Mrs. Washington schob ihn in den Fahrstuhl, wo Angelo, der Fahrstuhlführer, ihn mit einem strahlenden Lächeln begrüßte.

»Guten Morgen, Mr. Horowitz. Schön, Sie ausgehen zu sehen.«

Horowitz meinte, einen Anflug von selbstgefälliger Überlegenheit in diesem strahlenden Lächeln zu entdecken. Im Erdgeschoß angelangt, gab sich Angelo die größte Mühe, den Fahrstuhl auf genau die gleiche Höhe mit dem Fußboden zu bringen. Schließlich war er zufrieden, und Horowitz rollte mühelos mit seinem Stuhl hinaus.

Er fuhr weiter, bis sie zu den drei Stufen vor der großen gläsernen Eingangstür kamen. Diese elenden drei Stufen! Horowitz fluchte leise. Man sollte den Architekten dieses Gebäudes lebenslänglich hinter Gitter bringen! Der Pförtner Juan und Angelo hoben den Rollstuhl die Stufen hinauf. Dann lenkte Horowitz ihn durch die Tür, ohne irgendwo anzustoßen. Wenigstens das hatte er fertiggebracht.

Er sah sich um. Die Straße war genau wie immer. Selbst die alte Mrs. Goldstein saß in ihrem Rollstuhl auf ihrem gewohnten Platz an der Ecke. Als er mit seinem Stuhl neben ihr hielt, Sagte sie: »Mr. Horowitz, ich habe von Ihrem Unglück gehört, und es tut mir schrecklich leid.« Dann starrte sie bestürzt auf sein entstelltes Gesicht.

»Mein Gott, was hat man mit Ihnen angestellt! Man sollte sich nie zur Wehr setzen. Das hat mein Enkel Sheldon mir geraten. Er arbeitet im Büro des Bezirksstaatsanwalts. Er sagt, sehr viele Leute werden getötet, weil sie sich gegen die Rowdys wehren.«

»Es gibt Schlimmeres, als getötet zu werden«, meinte Horowitz bedrückt, und es war klar, daß er an seine Behinderung dachte.

»Sie werden das nicht immer so empfinden«, tröstete ihn die alte Dame. »Denken Sie an Ihre Enkel. Die wollen Sie doch sicher aufwachsen und etwas werden sehen. Sie haben doch Enkel, oder?«

»Ja, ich habe Enkel«, sagte Horowitz. »Studieren in Harvard.«

»Harvard, wie schön.« Dann setzte sie, gewissermaßen um gleichzuziehen, stolz hinzu: »Ich habe einen Enkel, der an der medizinischen Fakultät der Cornell-Universität studiert.«

»Das hört man gerne, aber jetzt muß ich weiter«, verabschiedete sich Horowitz. Er rollte langsam zur Gehsteigkante. Mrs. Washington folgte ihm.

Als sie die Straße überquert hatten und in den Central Park kamen, suchte sich Horowitz einen sonnigen Platz. Er erinnerte sich, daß Hannah immer gesagt hatte, er sähe am besten aus, wenn er braun gebrannt sei.

Mrs. Washington setzte sich auf eine Bank in seiner Nähe. Sie machte keine Anstalten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

Nach einer Weile des Schweigens, während der ihm der Straßenlärm ungewöhnlich laut vorkam, sagte er: »Diese Mrs. Goldstein ist eine schrecklich geschwätzige Frau. Sie redet und redet und redet! Ein Mann in meiner Lage muß sich vor Witwen hüten. Sie sind alle darauf aus, einen einzufangen Anwesende natürlich ausgenommen«, setzte er rasch hinzu.

Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: »Hatten Sie nie den Wunsch, wieder zu heiraten?«

»Eigentlich nicht«, sagte Mrs. Washington.

»Sie sind eine ungewöhnliche Frau.«

»Nein, er war ein ungewöhnlicher Mann.«

Dann herrschte wieder Schweigen. Horowitz saß mit geschlossenen Augen da und hielt das Gesicht der warmen Sonne zugewandt. Plötzlich öffnete er das rechte Auge und fragte: »Werden Neger in der Sonne auch braun?«

»Ja, aber nicht so wie Sie. Wir haben eine Art Sonnenschutz in der Haut. Warum?«

»Bei den Weißen kann man den Wohlstand eines Menschen an seiner winterlichen Sonnenbräune erkennen. Woran erkennt man ihn bei den Schwarzen?«

»Am Cadillac«, erwiderte Mrs. Washington.

Sie schwiegen wieder eine Weile.

»Was hat eigentlich Ihr Mann gemacht?« fragte Horowitz.

»Wenn er Glück hatte, konnte er als Schweißer arbeiten. Aber zweimal mußte er eine Stellung als Pförtner annehmen. Ich konnte es nicht ertragen, ihn niedere Arbeit verrichten zu sehen. Das ist der Grund, weshalb ich beschloß, Krankenpflege zu lernen.«

»Und was hat er getan, während Sie arbeiteten?«

»Die Kinder betreut, den Haushalt besorgt. Hin und wieder mit Gelegenheitsarbeiten etwas dazuverdient.«

»Das ist doch kein richtiges Leben für einen Mann«, bemerkte Horowitz. »Wie lange ist er schon tot?«

»Neun Jahre«, antwortete sie. »Er ist ganz kurz vor Weihnachten gestorben. Meine Tochter erwartete gerade ihr zweites Kind. Horace hatte das Glück gehabt, eine Stellung in einem Warenhaus zu bekommen. Er überlegte ständig, was er für das Baby zu Weihnachten kaufen wollte. Und plötzlich war er tot.«

»Sehr traurig«, sagte Horowitz mit aufrichtigem Mitgefühl.

»Ach, ich weiß nicht«, erwiderte sie zu seinem Erstaunen. »Wie er dort so in seinem Sarg lag, war sein Gesicht so ruhig und friedlich, als ob es gut wäre, daß der Kampf und all die Enttäuschungen endlich vorüber waren. Ich sagte ihm: ›Keine Sorge, Horace, ich habe immer gewußt, was du warst und was du hättest sein können.‹«

»Das haben Sie gesagt? Zu einem Toten?«

»Haben Sie zu Mrs. Horowitz nichts gesagt?«

Er antwortete nicht sofort, aber nach einer Weile gab er zu: »Während der Rabbiner sprach und so nette Dinge über sie sagte, dachte ich bei mir: Hannah, Liebes, wie kann ein Fremder etwas über dich sagen, was der Wahrheit nahekäme? Niemand hat dich so gekannt, wie ich dich kannte. Wie zärtlich und gut du warst. Wie du einen mit deinen Worten ermutigen konntest, aber gleichzeitig die kostbare Gabe hattest, im richtigen Augenblick zu schweigen. Ich werde es Gott nie verzeihen, daß er dich mit genommen hat, Hannah, niemals.« Horowitz wurde sich bewußt, daß er dies zum erstenmal jemandem erzählt hatte. Und ausgerechnet dieser Mrs. Washington. Plötzlich brach nicht weit von ihnen ein Wildes Getöse los — laute Rufe, heiseres Lachen, das Stimmengewirr von jungen Menschen, die zu ihrer Mittagspause in den Park gestürmt kamen. Es waren Teenager aus der High-School in der Columbus Avenue: eine Flut von schwarzen Jungen und Mädchen.

Als Horowitz sie näher kommen sah, wich er unwillkürlich zurück. Mrs. Washington bemerkte es, sagte jedoch nichts.

»Ich glaube, ich habe für heute genug von der Sonne«, erklärte Horowitz grimmig.

4

Er musste es sich gefallen lassen, wieder die Eingangsstufen in die Halle hinuntergetragen zu werden, und war erleichtert, als er endlich in seinem Schlafzimmer war. Erschöpft sank er aufs Bett und schlief sofort ein.

Kurze Zeit später weckte Mrs. Washington ihn sanft.

»Hmm? Was is’?« Er kam zu sich und öffnete erschreckt die Augen »Oh, Sie sind’s.«

»Wen hatten Sie erwartet? Zsa Zsa Gabor?«

»Marilyn Monroe«, erwiderte er prompt.

»Bedaure. Aber schließlich sind Sie ja auch nicht Clark Gable«, sagte sie. »Zeit zum Mittagessen.«

»Ich will kein Mittagessen.«

»Ich wollte auch kein Mittagessen machen, aber ich habe es gemacht, und folglich werden Sie es essen«, erklärte sie entschieden. »Und beeilen Sie sich, sonst werden Ihre Plinsen kalt.«

»Plinsen?« Seine Augen leuchteten erwartungsvoll. Er wollte jedoch nicht sagen, wie erfreut er war. »Ich mag keine tiefgefrorenen Plinsen! Hab das einmal nach Hannahs Tod probiert. Schmeckt wie Gummi.«Dennoch stand er langsam vom Bett auf.

Als Horowitz ins Eßzimmer kam, empfing ihn der süße Duft von gebratenen Plinsen und weckte in ihm die sehnsüchtige Erinnerung an die, die Hannah zu machen pflegte. Es war eine ihrer Spezialitäten: Zuerst bereitete sie köstliche Pfannkuchen, kreisrund, locker und dünn. Und dann die Füllung! Sie nahm ein Pfund frischen Quark, ein rohes Ei, etwas Vanille, eine Prise Zucker, etwas Zitronenschale und Gewürze und verzauberte diese Pfannkuchen in eine goldfarbene Delikatesse: Sie bestrich sie mit der Füllung, schlug die Enden übereinander und briet die Plinsen aufbeiden Seiten goldbraun.

Manche Leute aßen Plinsen noch mit Marmelade oder Sirup, aber die von Hannah wurden von den meisten ohne weitere Zutaten gegessen, um den Geschmack voll auszukosten. Höchstens mit einem Kleks saurer ahne, der ihnen eine giwisse Herbheit verlieht.

Mrs. Washington stieß die Küchtentür auf und kamt mit einem Teller und einer kleinen Schüssel saurer Sahne herein, die sie vor ihm auf den Tisch stellte. Horowitz bickte mit den kritischen Augen eines Kenners auf das Gericht.

»Das sollen Plinsen sein?« fragte er verächtlich.

»Was gibt’s daran auszusetzen?«

»Erstens haben Sie sie viel zu lang gebraten.«

»Probieren Sie erst einmal«, drängte sie ihn.

Mit der kühlen Zurückhaltung eines Kellermeisters, der den Korken eine frisch geöffneten Weinflasche prüft, beugte er sich vor, um das Aroma zu schnuppern.

»Worin haben Sie sie gebraten? Bestimmt nicht in Butter«, sagte er vorwurfsvoll.

»Ihr Arzt will nicht, daß Sie zuviel Butter bekommen«, erklärte Mrs. Washington. »Ich habe colesterinarme Margerine verwendet. Probieren Sie schon!«

Horowitz nahm die Gabel in die rechte Hand und stach in den leicht gebräunten Leckerbissen. Der Pfannkuchen war zart, das Innere dampfend weiß und verlockend. Mit mehr freudiger Erwartung, als er hatte zeigen wollen, schob er den ersten Bissen in den Mund. Er kaute langsam, genießerisch. Er nahm eine zweite Gabelvoll. Dann eine dritte. Schließlich räumte er zögernd ein: »Nun, nicht ganz so wie die von Hannah, aber nicht schlecht. Wenigstens sind es nich die tiefgefrorenen.«

Während er die letzte der drei Plinsen in Angriff nahm, fragte er beiläufig: »Ist das alles? Bei Hannah bekam ich immer vier oder fünf.«

»Ihr Arzt hat höchstens drei erlaubt.«

Nachdem er den letzten Bissen verzehrt hatte, fragte er: »Wer hat Ihnen beigebracht, solche Plinsen zu machen?«

»Mrs. Rosengarten.«

»Aber der Geschmack — genau wie die von Hannah. Wohl ein Zufall?«

Sie antwortete nicht darauf, sonder sagte statt dessen: »Während Sie schliefen, hat ihre Tochter angerufen.«

»Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?«

»Damit die Plinsen nicht kalt werden.«

»Ein weiser Entschluß«, lobte er. »Ich habe eine Tochter, Mona«, begann er zu klagen, »die Perle von San Diego. Sie ist ein Tatmensch. Und auch ein regelrechtes Klageweib. Sie kann jederzeit in Tränen zerfließen, wenn es erforderlich ist. Sie ist die vollkommene jüdische Frau, Gattin und Mutter. Aber als Tochter läßt sie ein wenig zu wünschen übrig.«

»Sie schien sehr besorgt, stellte viele Fragen, wie es Ihnen geht und wie Sie zurechtkommen«, berichtete Mrs. Washington.

»Oh, natürlich«, spottete er.

»Sie möchten zurückrufen, sobald Sie aufwachen.«

»Tagsüber kostet ein Gespräch nach Kalifornien ein Vermögen.«

»Sie übernimmt die Gesprächsgebühr. Es kostet Sie nichts.«

Seiner letzten Ausrede beraubt, gab sich Horowitz geschlagen. »Meinetwegen. Dann werde ich sie eben anrufen.« Er stand auf und schleppte sich über den dicken Teppich zu seinem Sessel im Schlafzimmer. Mrs. Washington kam mit und reichte ihm das Telefon.

Die Telefonistin im Albert-Fields-Immobilienbüro verband Horowitz mit dem Haus der Familie Fields. Das Hausmädchen seiner Tochter nahm den Hörer ab und unterrichtete ihn, Mrs. Fields sei bei einer Besprechung eines ihrer Frauenkomitees, habe jedoch Anweisung gegeben, daß man sie benachrichtigen solle, sobald ihr Vater anriefe.

Trotzdem dauerte es lange, bis Mona an den Apparat kam. Was Horowitz veranlaßte, Mrs. Washington zu sagen: »Meine Mona ist immer beschäftigt: Gemeindearbeit. Gemeindezeitung. Stiftung. Jüdisches Altersheim. Pfandbriefe für Israel. Meine Mona war öfter Präsident als Roosevelt. Ein Glück für den Papst, daß sie nicht katholisch ist. Anderenfalls würde er sehr bald ohne Job dastehen!«

In diesem Augenblick hörte Sam Horowitz die Stimme seiner Tochter: »Paps!« Und sie fing an zu weinen. »O Paps … Paps …«

»Mona, Mona, Liebling, es gibt keinen Grund zu weinen. Mir geht’s ausgezeichnet. Ich habe gerade ein gutes Mittagessen zu mir genommen. Plinsen! Köstlich!«

»Plinsen?« fragte Mona entsetzt. »Weißt du, wieviel Cholesterin sie enthalten? Wie viele hast du gegessen?«

Um nicht den äußersten Krisenfall zu riskieren, gab Horowitz nur zwei zu.

»Zwei Plinsen!« rief sie empört aus. »Weiß das dein Arzt?«

»Er hat gesagt, es sei in Ordnung, sofern sie in Margarine gebraten sind.«

»Ein Mensch, der einen Schlaganfall erlitten hat, kann einen weiteren erleiden. Du mußt Cholesterin meiden, wo es nur geht. Du mußt deinen Blutdruck niedrig halten. Du mußt streng diät leben. Ich rufe Marvin an. Und ich werde mich mit deinem Arzt in Verbindung setzen.« Plötzhch kam ihr ein Gedanke. »O Paps! Sag mir nicht, daß du saure Sahne mit deinen Plinsen gegessen hast!«

Horowitz überlegte einen Augenblick. Wenn er es ihr sagte, wer weiß, was für Schritte sie unternehmen würde? Hier war eine Notlüge angebracht.

»Mona, Liebling«, erklärte er feierlich, »es hat keine saure Sahne gegeben.«

»Gut!« Sie schien sehr erleichtert.

Horowitz versuchte, das Gespräch zu beenden. »Mona, ich will dich nicht länger von deiner Besprechung abhalten.«

»Schulprobleme in San Diego können noch ein paar Minuten warten, wenn es um das Leben meines Vaters geht. Was ich dir vor allem sagen wollte, du wirst hierherkommen, sobald du reisen kannst. American Airlines hat Nonstopflüge von New York nach San Diego. Es gibt in den Maschinen eigens Plätze für Leute im Rollstuhl. Albert spielt Golf mit einem der leitenden Angestellten von American Airlines; also wird man dich auf dem ganzen Flug bevorzugt behandeln.«

»Mona, Liebling …«

Aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Und jetzt will ich unbedingt mit dieser Frau sprechen, von der Marvin mir erzählt hat. Mrs. Washington. Gib sie mir!«

Horowitz wandte sich an die Schwester. »Sie will mit Ihnen sprechen.«

Harriet Washington zögerte einen Augenblick, dann nahm sie den Hörer. »Hallo.«

»Habe ich richtig verstanden, daß Sie meinem Vater Plinsen zu essen geben?« fragte Mona in dem gestrengen Ton eines Staatsanwalts.

»Ja, In bescheidenen Mengen darf er alles essen.«

»Was ist das für ein Arzt, der so etwas erlaubt?«

»Ein Arzt, der glaubt, daß man einen Patienten, der bei verhältnismäßig guter Gesundheit ist, nicht unnötig zu quälen braucht. Der Cholesterinspiegel Ihres Vaters zeigt ganz normale Werte. Eigentlich ist einzig und allein sein Verhalten nicht in Ordnung. Er hat ein sehr aufbrausendes Wesen.«

Horowitz starrte sie zornig an, aber sie beachtete ihn nicht.

Mona senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.

»Mrs. Washington, passen Sie gut auf meinen Vater auf, und erstatten Sie mir mehrmals in der Woche ausführlich Bericht über seinen Zustand. Wir sagen ihm aber nichts von unseren Gesprächen. Einverstanden?«

»Derartige Versprechungen mache ich nicht«, wandte Mrs. Washington ein.

Monas Stimme wurde noch leiser. »Ich werde mich dafür erkenntlich zeigen. Sagen wir, fünfundzwanzig Dollar die Woche?«

»Bedaure, aber das kann ich nicht«, erwiderte Harriet Washington. »Ich erstatte nur dem Arzt Bericht, mit dem Ihr Bruder, soviel ich weiß, mehrmals in der Woche spricht.«

»Ich verstehe«, sagte Mona enttäuscht und verärgert. »Dann werde ich mich eben selbst um die Sache kümmern müssen!« Mit diesen Worten legte sie auf.

»Ein Schatz, nicht wahr?« bemerkte Horowitz. Er streckte seine rechte Hand aus, um einen Handel zu besiegeln. »Mrs. Washington, wir müssen ein Abkommen treffen. Sie werden Mona gegenüber niemals zugeben, daß ich reisefähig bin. Einverstanden?«

Sie zögerte noch, seine Hand zu ergreifen. »Mr. Horowitz, ein Abkommen muß auf Gegenseitigkeit beruhen. Sie müssen sich auch zu etwas verpflichten.«

»Na schön. Sagen Sie’s mir. Ich tu, was Sie wollen, wenn Sie mich nur vor Mona schützen.«

»Mr. Horowitz, Sie müssen gesund werden. Wenn nicht um Ihretwillen, dann um meinetwillen. Ich muß mein berufliches Prestige wahren.«

»Gesund werden?« fragte Horowitz. »Wofür? Ich habe Kinder, mit denen mich nichts verbindet. Enkel, die ich kaum kenne. Wofür lohnt es sich zu leben? Heutzutage haben alte Leute keine Angst vorm Sterben. Sie haben Angst vor dem Leben. Weshalb sollte es also eine gedillah sein, gesund zu werden? Dieses Wort bedeutet …«

»… große Freude. Mr. Rosengarten hat es mir erklärt.«

»Na prima, Sie Neunmalkluge«, räumte Horowitz verdrießlich ein. »Das Leben ist keine gedillah mehr, aber um Ihretwillen werde ich versuchen, gesund zu werden. Nun?« Er streckte abermals die Hand aus.

»Nicht die rechte, die linke. Sie müssen sie soviel wie möglich gebrauchen.«

Widerwillig und mühsam langte er hinauf, um nach ihrer linken Hand zu greifen, die sie absichtlich so hoch hielt, daß es ihm nicht leichtfiel, sie zu erreichen. »Drücken Sie! Drücken Sie, wann immer Sie Gelegenheit dazu haben. So fest Sie können«, mahnte Mrs. Washington.

Er gab sich Mühe, aber der Druck seiner Hand war schwach.

»Und jetzt beginnen wir mit unseren Übungen«, verkündete sie. »Legen Sie sich aufs Bett. Auf den Rücken.«

»Ubungen«, murrte er, während er aufstand. »Folter wäre das richtige Wort.«

»Sprachtherapeutische Übungen brauchen Sie jedenfalls nicht. Gut. Fangen wir an. Strecken Sie den linken Arm hoch über Ihren Kopf, bis Ihre Hand die Wand hinter Ihnen berührt. Strecken! Langsam! So weit Sie können!«

»Ich versuch’s ja, ich versuch’s«, erwiderte er kampflustig.

»Das geht noch besser!« Aber dann erkannte sie, daß die Behinderung es ihm bei allem guten Willen nicht gestattete, näher als bis auf zwanzig oder dreißig Zentimeter an die Wand heranzukommen.

Nach einigen weiteren Armübungen sagte sie: »Jetzt drücken Sie die Knie durch!«

Widerstrebend befolgte er die Anweisung.

»Bewegen Sie die Zehen Ihres linken Fußes zu sich hin«, befahl sie. Er machte einen zaghaften Versuch, dann sagte er: »Geht nicht.«

»Es geht«, beharrte sie.

»Geht nicht!« gab er wütend zurück.

Sie griff nach seinem Fuß und drückte die Zehen nach oben.

»Au! Sie tun mir weh!« schrie er.

»Gut! Wo Gefühl vorhanden ist, besteht Aussicht auf eine zunehmende motorische Leistungsfähigkeit.«

»Schon gut, schon gut, ich versuch’s allein.« Er wiederholte die Übung mehrmals mit einer leichten Steigerung der Beweglichkeit.

Sie ließ ihn noch eine ganze Reihe von Übungen machen. Er atmete schwer, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Vor dem Schlafengehen mußte sie ihn noch zweimal dieser Qual aussetzen. Sie war nicht zufrieden mit seinen Fortschritten. Er gab sich keine Mühe und befolgte ihre Anweisungen nur unwillig.

Das Telefon klingelte. Mrs. Washington nahm den Hörer ab, und Horowitz bereitete sich auf eine neue unerbetene Einmischung vor.

»Dr. Tannenbaum möchte Sie sprechen«, sagte Mrs. Washington und reichte ihm das Telefon.

»Hallo, Herr Doktor! In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so wohl gefühlt. Ich habe mich nämlich entschlossen, ein neunzehnjähriges Mädchen zu heiraten und als Hochzeitsreise eine Kreuzfahrt in die Südsee zu unternehmen.«

»Mr. Horowitz«, sagte Dr. Tannenbaum, »Ihre Tochter hat mich angerufen. Sie ist sehr erregt.«

»Sie ist schon so geboren worden«, entgegnete Horowitz. »Mit ihrem ersten Atemzug fing sie an zu reden und den ganzen Kreißsaal umzuorganisieren.«

»Sie ist der Meinung, daß Sie nicht die richtige Pflege erhalten. Und wenn sich nichts ändert, wünscht sie, daß Sie nach San Diego kommen«, fuhr der Arzt fort. »Anderenfalls werde sie sich gezwungen sehen, Sie in ein Pflegeheim einzuweisen.«

»Niemand wird mich in ein Pflegeheim einweisen! Hören Sie, niemand!« Zornig versuchte er, den Hörer hinzuknallen, verfehlte jedoch sein Ziel. Mrs. Washington nahm ihn und legte ihn schweigend auf die Gabel.

Horowitz sah sie an. Seine trotzige Angriffslust machte plötzlich einer niedergeschlagenen Besorgnis Platz. »Glauben Sie, daß sie mich wirklich in ein Pflegeheim stecken könnte?« fragte er.

»Nein. Schließlich hat Ihr Sohn ja auch noch ein Wörtchen mitzureden …«

»Mona kann jeden von allem überzeugen.«

»Warum üben Sie sich nicht ein bißchen im Gehen?« schlug Mrs. Washington vor, um ihn abzulenken.

»Eine gute Idee«, pflichtete er ihr ohne jede Begeisterung bei.

Er stand vom Bett auf, griff nach seinem Metallstock und machte ein paar Schritte. Mrs. Washington trat zur Seite und beobachtete ihn. Die Therapie hatte die gleichmäßige Bewegung des linken und des rechten Fußes zum Ziel. Aber davon war er noch weit entfernt. Zweimal setzte er seinen Stock nicht richtig auf und wäre um ein Haar vornüber gekippt. »Warum haben diese Lumpen mich nicht umgebracht«, murmelte er verdrießlich, während er seine Bemühungen fortsetzte. »Das wäre noch am besten gewesen.«

Schließlich schleppte er sich ins Wohnzimmer, wo das helle Licht des Sommernachmittags den Raum durchflutete. Erschöpft ließ er sich in den Sessel vor dem Fenster sinken und seufzte: »An Tagen wie diesem pflegte ich zu Fuß vom Geschäft nach Hause zu gehen.«

»Das werden Sie auch wieder tun«, sagte Mrs. Washington ermutigend. Sie ging zum Bridgetisch in der Ecke, auf dem sie eine Reihe von Gegenständen abgelegt hatte. Einen neuen Pack Spielkarten. Ein Glas mit Murmeln. Eine kleine Pappschachtel und eine Ausgabe der New York Times.

»Wozu ist das alles?« fragte er.

»Setzen Sie sich an den Tisch, und öffnen Sie das Kartenspiel«, befahl sie.

»Ich spiele nie Karten«, sagte er entschieden. Als er ihren fragenden Blick bemerkte, gab er zu: »Höchstens hin und wieder ein wenig Binokel.«

Er setzte sich auf einen der Stühle am Bridgetisch und nahm die Schachtel mit den Karten in die rechte Hand. Dann versuchte er, das Papier mit der linken aufzureißen, konnte jedoch seine Finger nicht fest genug schließen. So probierte er es andersherum, und es gelang ihm, die Schachtel mit der linken Hand zu greifen, während er mit der rechten das Papier entfernte. »Erledigt!« sagte er zufrieden.

»Jetzt öffnen Sie die Schachtel, und mischen Sie die Karten.«

Horowitz holte die Karten heraus und versuchte langsam, sie auf die übliche Art zu mischen. Aber einige entglitten ihm und fielen auf den Teppich.

Mrs. Washington hob sie wortlos auf und reichte sie ihm. »Noch einmal«, befahl sie.

»Zu Befehl, Sie Xanthippe.« Er schaute sie finster an, aber er versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Dann schweifte sein Blick zur New York Times, aber Mrs. Washington zog das Glas mit den Murmeln heran und schüttete ein paar davon auf den Tisch.

»Murmeln?« fragte Horowitz verächtlich.

»Murmeln«, bestätigte sie. »Jetzt heben Sie sie auf, jede einzeln, mit der linken Hand, und tun Sie sie wieder ins Glas.«

Ärgerlich brummend machte er sich an die Arbeit. Hin und wieder glitt ihm eine Murmel aus den Fingern und schoß wie ein Projektil vom Tisch. Mrs. Washington holte die verstreuten Murmeln zurück und beobachtete ihn, bis er die Übung beendet hatte.

Er lehnte sich zurück und beäugte abermals die Times. »Ich bin müde«, erklärte er. »Ich möchte mich ausruhen und ein Weilchen lesen.«

»Noch zwei Übungen.«Sie öffnete die Pappschachtel und schüttete Knöpfe jeder Art und Größe — aus Plastik, Horn, Metall, stumpfe, glänzende, runde und eckige — auf den Tisch.

»Nehmen Sie sie mit der linken Hand einzeln auf, und tun Sie sie wieder in die Schachtel.«

»Ich bin nicht aus der Knopfbranche. Mit Papier und Bindfaden kenne ich mich aus. Aber nicht mit Knöpfen. Man stelle sich vor — ein Mann meines Alters, der wie ein Fünfjähriges Kind Knöpfe einsammelt!«

»Mr. Horowitz«, sagte sie geduldig, »in gewisser Hinsicht sind Sie wie ein Kind. Sie müssen einige Ihrer Muskeln wieder zu gebrauchen lernen. Also fangen Sie an, diese Knöpfe aufzuheben!«

Er starrte sie an, er starrte die Knöpfe an, aber nach einer Weile streckte er die linke Hand aus und tat, wie ihm geheißen. Nachdem er die großen Knöpfe eingesammelt hatte, versuchte er es mit einem der kleineren, bekam ihn jedoch nicht zu fassen. Er saß hilflos und unbeholfen da und starrte schweigend vor sich hin. Mrs. Washington hatte Mitleid mit ihm. »Gut, jetzt die Times«, sagte sie.

Sichtlich erleichtert bat er: »Meine Lesebrille. Ich habe sie auf dem Nachttisch liegenlassen.«

»Diese Times ist nicht zum Lesen, sie ist zum Üben«, unterrichtete sie ihn. »Wir tun jetzt folgendes: Wir nehmen eine ganze Seite und knüllen sie zu einem großen Papierball zusammen. Dabei gebrauchen wir unsere beiden Hände und alle unsere Finger.«

»Und wann kriegen wir das verdammte Ding zu lesen? Schließlich kann ich nicht gleichzeitig lesen und zerknüllen. Können Sie das?«

»Ich brauche es nicht zu können«, erwiderte sie, und ihr Gesicht, das in Augenblicken der Entspannung so warm und freundlich sein konnte, war jetzt ebenso grimmig wie das seine.

Horowitz schloß die Augen. Dann öffnete er verschmitzt das rechte Auge. »Da niemand leugnen kann, daß eine Zeitung, die bereits gelesen worden ist, ebensogut zu Übungen dient wie eine ungelesene, schlage ich folgendes vor: Zuerst werde ich die New York Times lesen. Und wenn ich damit fertig bin, werde ich mit meinen beiden Händen jede einzelne Seite zerknüllen. Was halten Sie davon?«

»Nun, ausnahmsweise …«, willigte sie zögernd ein.

»Ich brauche meine Lesebrille, Mrs. Washington.«

»Natürlich, Mr. Horowitz. Sie ist im Schlafzimmer.«

»Verlange ich schon zuviel, wenn ich um die kleine Gefälligkeit bitte, mir meine Lesebrille zu holen?« klagte er.

»Ist es schon zuviel verlangt, wenn Sie das kleine Stückchen ins Schlafzimmer und zurück selbst gehen sollen?« entgegnete sie.

Wie konnte eine Frau nur so halsstarrig sein? fragte er sich erbost. Wieviel er reden und wie wenig sie sagen mochte, am Ende tat er immer genau das, was sie von ihm verlangte.

Als er mit seiner Brille zurückkehrte, murrte er immer noch.

»Wissen Sie, daß wir Juden schon lange vor euch Negern Sklaven waren? In Agypten, Mrs. Washington.«

Ungerührt von seiner Beschwerde zitierte sie aus dem 2. Buch Mose: »Laß mein Volk ziehen.«

»Genau. Die erste große Freiheitsbewegung in der Geschichte der Menschheit. Sie sehen also, wir sollten Verbündete sein und keine Feinde. Es würde nichts schaden, wenn Sie etwas weniger tyrannisch wären.« Inzwischen hatte er seine Lesebrille aufgesetzt und ließ sich mit seiner Zeitung nieder. Mrs. Washington ging hinaus, um sein Abendessen zu richten.

Selbst in der Küche konnte sie noch seine Wutausbrüche über eine Nachricht oder den Leitartikel hören. Immer wieder unterbrach ein lautes »Ho-ho-ho!« die Stille, oder er rief: »Laßt die Times das Land regieren, dann sind wir in Kürze bankrott.« Aber er hielt sein Versprechen. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, war er dabei, die Zeitungsseiten zu zerknüllen. Es fiel ihm nicht leicht, aber zumindest versuchte er es. Er verkündete: »Ich hebe die Seite mit dem Leitartikel für zuletzt auf. Oh, wie ich den zerknüllen werde!«

___________

Er hatte ein leichtes Abendessen zu sich genommen. Um die Lammkoteletts zerschneiden zu können, brauchte er beide Hände. Dazu gab es eine gebackene Kartoffel und Salat. Zu seinem koffeinfreien Kaffee servierte Mrs. Washington ihm frische Pfirsiche auf einem Stück trockenem Kuchen.

Während der Mahlzeit rief er sie: »Mrs. Washington?«

Sie erschien im Türrahmen und sah ihn fragend an.

»Würden Sie sich bitte dorthin setzen?«

Verwirrt setzte sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber. »Nun?«

»Bleiben Sie einfach dort sitzen«, bat er leise, bevor er gestand: »Nach Hannahs Tod konnte ich nicht mehr allein in diesem Zimmer essen. Es ist schrecklich, einsam zu sein.«

»Ich weiß «, sagte sie mitfühlend.

»Sie wissen es nicht«, widersprach er. »Sie haben eine Tochter und Enkelkinder, für die Sie sorgen müssen.«

»Sie haben einen Sohn, eine Tochter und vier Enkelkinder.«

»Ja, aber sie brauchen mich nicht. Wenn wir beide, Hannah und ich, uns zum Essen an diesen Tisch setzten, waren wir eine Familie. Sie brauchte mich, ich brauchte sie.« Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: »Mrs. Washington, darf ich Sie um einen Gefallen bitten?«

»Natürlich.«

»Würden Sie jeden Abend hier mit mir essen?«

»Mr. Horowitz, bitte haben Sie Verständnis …«

Er schüttelte betrübt den Kopf. »Sobald jemand sagt: ‘Bitte haben Sie Verständnis‘, ist die Antwort nein. Sicher habe ich Sie irgendwie gekränkt. Sie nehmen mich zu ernst. Glauben Sie wirklich, Mrs. Washington, daß ich Sie hierfür verantwortlich mache?« Er deutete auf die Narbe, die quer über seine Wange lief.

»Es ist wegen meiner Enkel«, erklärte sie. »Wir essen immer zusammen zu Abend. Das gibt ihnen ein Nestgefühl, auch wenn ihr Vater fehlt und ihre Mutter arbeiten geht. Es wäre nicht fair, mit dieser Gewohnheit zu brechen.«

»Stimmt«, mußte er wider Willen zugeben, »das wäre nicht fair.«

Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah, machte sie ihm den Vorschlag: »Natürlich könnte ich einfach hier sitzen und Ihnen Gesellschaft leisten, während Sie essen.«

»Das wäre schön«, murmelte er erleichtert. »Und vielleicht möchten Sie dabei eine Tasse Kaffee trinken, ja?«

»Warum nicht?« Sie ging in die Küche, kehrte mit einer dampfenden Tasse zurück und setzte sich ihm gegenüber. Er sah sie über seine eigene Tasse hinweg an. Und lächelte.

Es war das erste Mal, daß Mrs. Washington ihn lächeln sah.

5

Als Mrs. Washington am nächsten Morgen die Wohnung betrat erkannte sie sofort, daß Mr. Horowitz eine schwierige Nacht durchgemacht haben mußte. Sie hatte sich vor dem Fortgehen vergewissert, daß er im Bett lag, aber offensichtlich war er noch einmal ins Wohnzimmer zurückgekehrt. Neben einem Sessel hatte der Teppich Falten, als ob er hingefallen und mühsam wieder aufgestanden wäre. Sie schlich auf Zehenspitzen zum Schlafzimmer, öffnete leise die Tür und horchte. Er atmete regelmäßig und tief im Schlaf. Beruhigt ging sie in die Küche, wo sie eine zerbrochene Tasse und einen großen trockenen Fleck von verschüttetem Kaffee auf dem Linoleumboden vorfand. Als sie aufgeräumt hatte, war Horowitz wach.

Mrs. Washington erwähnte nichts von der Küche und dem Wohnzimmerteppich. Sie servierte ihm ein einfaches Frühstück, verringerte jedoch dazu das Griffpolster an seiner Gabel um die Hälfte. Es kostete ihn sichtlich Mühe, die Gabel zu handhaben, aber er kämpfte schweigend und verbissen, bis es ihm schließlich gelang. Noch hatte er nicht guten Morgen gesagt. Er saß da, aß und starrte schweigend ins Leere.

Nach einer Weile sagte sie schroff: »Guten Morgen, Mr. Horowitz!«

»Was soll daran gut sein?« wollte er wissen.

»Sie hatten eine schlechte Nacht?« fragte sie sanft.

Er gab keine Antwort. Später zeigte er sich äußerst widerspenstig bei den Übungen, zu denen sie ihn förmlich zwingen mußte. Er murmelte wenig schmeichelhafte Beinamen, die sich wie Idi Amin und Mohammed Ali anhörten.

»Wenn in Ihrem Arm und in Ihrer Hand soviel Widerstandskraft steckte wie bei schlechter Laune in Ihrem Kopf, wären Sie bereits geheilt«, bemerkte Mrs. Washington.

Mit diesen gegenseitigen Beschimpfungen brachten sie allmählich die erste Übungsrunde des Tages hinter sich.

»Jetzt ziehen Sie sich an«, sagte Mrs. Washington, als sie fertig waren. »Wir gehen in den Park.«

___________

Sie saßen schon beinahe eine Stunde in der Sonne, ohne ein Wort zu sprechen. Man hörte nur die Verkehrsgeräusche, die während der Sommertage in der Stadt noch lästiger als sonst waren. Hin und wieder drang Kinderlachen vom Spielplatz herüber oder der plötzliche angstvolle Aufschrei eines Kindes, das sich beim Spiel weh getan hatte.

Horowitz sprach als erster. »Ich habe Mona, als sie noch klein war, oft zu diesem Spielplatz gebracht. Schon damals sagte sie den anderen Kindern immer, was sie spielen sollten und wie. Glauben Sie, daß Kinder bereits mit all den Charaktereigenschaften geboren werden, die sie im späteren Leben haben?«

»Ja«, sagte Mrs. Washington. »Bei meinem Enkel Conrad war das so. Wenn er einen Finger zu packen bekam, klammerte er sich daran; fest, als ob sein Leben davon abhinge. Und so ist er heute noch immer. Knauserig. Gibt keinen Pfennig aus, wenn’s nicht unbedingt nötig ist. Er wird Erfolg haben.«

»Conrad … ein netter Name«, sagte Horowitz. »Und offensichtlich ist er auch ein netter Junge.«

»O ja, und er wird’s weit bringen, sehr weit!« erklärte Mrs. Washington entschieden. »Er ist schon jetzt der Erste in seiner Klasse.«

»Das ist gut. Sie sind sicher sehr stolz aufihn. Und das Mädchen?«

»Louise«, sagte Mrs. Washington. »Sie ist auch sehr intelligent. Ihr Zeugnis in der zweiten Klasse war ebenso gut wie das von Conrad.«

Der Verkehrslärm und die Geräusche der spielenden Kinder zwangen sie einen Augenblick zum Schweigen. Schließlich sagte Horowitz: »Mrs. Washington, Sie haben sich wahrscheinlich schon gedacht, daß ich letzte Nacht im Wohnzimmer gestürzt bin. Und den Fleck auf dem Küchenboden haben Sie auch gesehen?«

»Ja.«

»Sie sollen wissen, wie sehr ich es anerkenne, daß Sie es nicht erwähnt haben. Sie sind eine sehr taktvolle Frau.«

»Vielen Dank.«

»Ich möchte nicht, daß irgendjemand erfährt, daß ich gefallen bin. Sie werden Marvin doch nichts davon erzählen, nicht wahr? Oder Mona?«

»Nein, vorausgesetzt, Sie versprechen mir, daß Sie sich nicht noch einmal in solch eine Gefahr begeben.«

»Ich … ich konnte letzte Nacht nicht schlafen«, versuchte er zu erklären, um dann mit einer Handbewegung die Unterhaltung über dieses Thema zu beenden. Nach ihrer Rückkehr in die Wohnung saß Mrs. Washington ihm am Tisch gegenüber und trank ihren Kaffee, während er aß. Er kam jetzt besser mit der Gabel zurecht. Aber irgend etwas schien ihn immer noch zu beunruhigen. Und bei den Übungen später war er widerspenstig wie eh und je.

Als Entschädigung für seine mangelnde Bereitschaft zur Mitarbeit machte er ihr einen Vorschlag: »Wenn ich jedesmal die Karten mischte und beim Spielen soviel wie möglich meine linke Hand gebrauchte, würden Sie dann Binokel lernen?«

»Ich will es gern versuchen«, willigte sie ein.

Er deutete eifrig auf den großen Wohnzimmerschrank. »In der obersten Schublade werden Sie einen Pack Binokelkarten finden. Sie liegen dort seit Hannah …« Er sprach das Wort nicht aus.

Mrs. Washington brachte ihm die Karten, und er begann, sie mühsam zu mischen. »Ich spiele Binokel mit achtundvierzig Karten. Es gibt nur Asse, Könige, Damen, Buben, Zehner und Neuner. Zwei von jeder Farbe. Und es gibt zwei Arten, wie man bei diesem Spiel Punkte gewinnen kann. Man kann Stiche machen, und man kann melden.«

»Melden?« fragte Mrs. Washington.

»Kombinationen hinlegen wie beim Rommé«, erklärte Horowitz. »Aber man kann nur melden, nachdem man einen Stich gemacht hat. Es gibt zwei Arten von Kombinatiqnen, die sich zum Melden eignen: Es gibt Kartenfolgen wie zum Beispiel eine Flöte in Trumpf — As, König, Dame, Bube, zehn. Und es gibt ein Paar — einen König und eine Dame in derselben. Farbe. Das ist zwanzig Punkte wert. Aber ein Trumpfpaar — ein König und eine Dame in Trumpf — ist vierzig Punkte wert.«

»Was ist Trumpf?« fragte sie.

»Das erkläre ich Ihnen später«, sagte er ungeduldig. »Zuerst die Stiche! Mit jedem Stich, den man macht, gewinnt man Punkte, denn jede Karte hat einen Punktwert. Ein As zählt zum Beispiel elf, ein König vier, eine Dame drei, ein Bube zwei, und eine Zehn ist zehn Punkte wert.«

Mrs. Washington schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ein seltsames Spiel, wo eine Zehn mehr wert ist als ein König und eine Dame.«

»Das können Sie mir schon glauben!« schrie Horowitz erzürnt. Doch dann gewann er seine Fassung wieder und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Also bitte, der Geber teilt zwölf Karten aus, immer drei auf einmal.«

Er nahm den Pack zur Hand. »Die oberste Karte des Spiels wird umgedreht, und diese Farbe ist Trumpf. Das beantwortet Ihre Frage.« Dann teilte er die Karten aus. »Nachdem wir alle Karten ausgespielt haben, zählen wir die Kombinationen und Stiche zusammen, und wer die meisten Punkte hat, ist der Gewinner. Verstanden?«

»Verstanden«, sagte sie, um weitere Wutausbrüche zu vermeiden.

»Gut, fangen wir an.« Er hob seine Karten auf und ordnete sie, während Mrs. Washington ihn heimlich beobachtete, um zu sehen, wie gut er seine linke Hand dabei gebrauchte. Mitten im Spiel hielt Horowitz inne. »Ich möchte etwas sagen …«, begann er zögernd.

»Ja?«

Er sah sie an. »Nachdem ich gestern abend eingeschlafen war, wachte ich plötzlich wieder auf. Irgend etwas quälte mich. Aber ich wußte nicht, was. Ich konnte nicht wieder einschlafen. Gerade als das erste Licht durch die Rolläden drang, fiel es mir ein. Jahrzeit! Wissen Sie, was Jahrzeit bedeutet, Mrs. Washington?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Jahrzeit ist ein sehr trauriger Jahrestag, der Tag, an dem ein geliebter Mensch gestorben ist. Meine Hannah, möge sie in Frieden ruhen, starb am zehnten juni 1974, was im jüdischen Kalender der zwanzigste Tag des Monats Siwan war. In diesem Jahr fiel der zwanzigste Tag auf den sechsten Juni. Zu der Zeit lag ich gerade im Krankenhaus. Warum war ich also letzte Nacht so beunruhigt? Weil ich diesmal nicht an Hannahs Jahrzeit gedacht habe. Ich habe nichts unternommen. Nichts! Hören Sie? Ich habe ihr Andenken geschändet. Ich habe kein Kaddisch gesprochen, Marvin hat kein Kaddisch gesprochen — das Gebet für die Toten. Wir haben am Abend zuvor keine Jahrzeitkerze angezündet. Wir sind am nächsten Morgen nicht in die schul gegangen. Marvin ist natürlich zu vornehm, um in die schul zu gehen. Er geht in den Tempel. Und auch da nur zu Vorstandssitzungen. Er ist Treuhänder. Und Mona — nun, Frauen gehen zur Jahrzeit nicht in die schul. Wem bleibt es also überlassen, Hannahs Andenken zu ehren? Mir.«

Er schwieg einen Augenblick, dann machte er sich selbst Vorwürfe: »Ich hätte mich erinnern müssen! Denn in der Tüte mit Lebensmitteln, die ich bei mir hatte, als ich überfallen wurde, waren zwei Jahrzeitkerzen. Aber als ich im Krankenhaus war, habe ich … habe ich überhaupt nicht mehr an die Jahrzeit gedacht. So war es, als hätte Hannah Horowitz niemals gelebt. Niemand hat sich an Gott gewandt und gesagt: Erinnere dich an diese gute Frau. Sie war ein Engel. Entschädige sie für den Verdruß, den ich ihr so oft zu ihren Lebzeiten bereitet habe.«

Er sah Mrs. Washington an und sagte in vollem Ernst: »Offen gestanden, Mrs. Washington, ich kann Ihnen versichern, daß es manchmal sehr schwer ist, mit mir auszukommen.«

»Nein, wirklich?« sagte sie mit gespielter Überraschung.

»O ja«, beharrte er. »Deshalb bin ich letzte Nacht aufgewacht. Hannah. Keine Jahrzeit in diesem Jahr. Und deshalb bin ich heute so mürrisch. Ich hoffe, Sie verstehen das.«

»Sicher.«

»Ich möchte mich jetzt hinlegen. Ich muß eine Weile allein sein.«

Als sie später bei ihm anklopfte, antwortete er nicht. Sie öffnete behutsam die Tür und spähte hinein. Das Zimmer war dunkel. Er hatte die Rolläden heruntergelassen, ehe er sich niedergelegt hatte. Aber er schlief nicht. Er sagte leise: »Ja, Mrs. Washington, ich weiß. Zeit für die Übungen.«

Erst als sie mit ihm die Widerstandsübungen zu machen begann — er mußte versuchen, das linke Bein zu heben, das sie nach unten drückte —, sah sie, daß seine Augen vom Weinen getötet waren. »Mr. Horowitz, ist es wirklich von Bedeutung, an welchem Tag Jahrzeit ist?«

»Natürlich!« erwiderte er. »Jahrzeit ist Jahrzeit. Vielleicht kann der Kongreß ein Gesetz verabschieden und erklären: In diesem Jahr wird der Unabhängigkeitstag nicht am vierten juli, sondern am fünften August gefeiert. Aber mit Jahrzeit kann man so etwas nicht machen.«

»Ich mußte gerade an das Jom-Kippur-Fest denken. Als ich bei den Rosengartens arbeitete, zündeten sie manchmal die Kerzen schon am zwölften September an und manchmal erst am zehnten Oktober«, sagte Mrs. Washington.

»Weil das jeweils der Tag war, auf den Jom Kippur in dem Jahr fiel«, erklärte er ungeduldig.

»Wenn man also eine Jom-Kippur-Kerze mal im September und mal im Oktober anzünden kann, nimmt Gott es anscheinend doch nicht so genau mit den Daten. Besonders bei einem Menschen mit einer guten Entschuldigung wie der Ihren.«

»Was schlagen Sie vor?« fragte er.

»Daß Sie ebensogut auch morgen in die schul gehen könnten.«

»Vor Ihm gibt es keine Entschuldigungen!« wandte er ein.

»Oh, dessen bin ich nicht so sicher. Ich erinnere mich an einen Jom Kippur, an dem Mrs. Rosengarten mit Grippe zu Bett lag. Obwohl sie normalerweise am Jom Kippur fastete, sagte Mr. Rosengarten, ich dürfe ihr in diesem Jahr ein wenig Hühnerbrühe geben, weil sie krank sei.«

»Nun«, räumte Horowitz ein, »das ist etwas anderes.«

Aber als sie mit den Übungen fertig waren, murmelte er: »Es wäre jedoch denkbar, daß man morgen früh in der schul noch jemanden braucht, um das minjan zu vervollständigen. Das ist die erforderliche Mindestzahl von zehn Teilnehmern für einen Gebetsgottesdienst, falls Sie es nicht wußten. Ja, ich werde hingehen und meine Dienste anbieten.«

»Um wieviel Uhr?« fragte Mrs. Washington.

»Früh. Um halb acht. Damit die Männer, die Jahrzeit haben, ihre Pflicht erfüllen und trotzdem pünktlich zur Arbeit erscheinen können.«

»Ich werde rechtzeitig hiersein«, sagte Mrs. Washington schlicht.

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Um sieben Uhr fünfundzwanzig am nächsten Morgen schob Mrs. Washington Samuel Horowitz in seinem Rollstuhl durch die Doppeltür der Synagoge. Der Chasan, der Vorbeter, ein kurzbeiniger, behäbiger Mann mit einem kleinen weißen Spitzbart und einer schwarzseidenen Kappe, begrüßte sie.

»Oh, Mr. Horowitz, ich habe Sie vermißt. Was ist geschehen?« fragte er mit einem entsetzten Blick auf den Rollstuhl.

»Ich … ich hatte einen kleinen Schlaganfall.«

»Einen Schlaganfall«, wiederholte der Vorbeter in klagendem Ton. »Da haben Sie aber noch großes Glück gehabt. Erinnern Sie sich an Mischkin? Den Rechtsanwalt? Tot. Krebs. Jeden Tag trifft es jemanden. Sie sind einer der Glücklichen.«

»Vielen Dank«, erwiderte Horowitz verbittert.

Mrs. Washington fuhr ihn zur Tür des Gebetsraumes. Etwa zehn Männer saßen in den vorderen Reihen. Als sie sich anschickte, den Rollstuhl durch die Tür zu schieben, hob Horowitz abwehrend die Hand. Er stand aus seinem Stuhl auf und arbeitete sich, die Stuhllehnen als Stütze benutzend, den Seitengang entlang zu den anderen Männern nach vorn. Er wählte einen Gebetsschal und ein Gebetbuch und nahm seinen Platz ein. Obwohl es eine große Anstrengung bedeutete, stand er während des Gottesdienstes auf und setzte sich, wie der Ritus es erforderte. Als zum Schluß der Augenblick für das Gebet zur Erinnerung an die Toten gekommen war, sprach Horowitz lauter als alle anderen, die Jahrzeit hatten.

Auf dem Heimweg sagte er zu Mrs. Washington: »Ich hoffe, daß ich Sie in der Synagoge nicht gekränkt habe. Es ging nicht darum, daß ich Sie nicht dort drinnen haben wollte, weil Sie keine Jüdin sind. Ich wollte Hannah nicht zeigen, daß ich auf Ihre Hilfe angewiesen bin.«

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Zu Hause aß er sein Frühstück mit größerem Appetit als gewöhnlich. Das morgendliche Gebet hatte offensichtlich sein Gewissen erleichtert.

Während Mrs. Washington den Tisch abräumte, fragte sie ihn: »Wollen Sie jetzt die Jahrzeitkerze anzünden?«

»Woher sollen wir eine Jahrzeitkerze nehmen?«

»Wir haben eine.«

Er stand auf und folgte ihr humpelnd in die Küche. Und dort sah er auf der Abtropfplatte der Spüle zwei weiße Jahrzeitkerzen in kleinen Gläsern mit einer Schachtel Streichhölzer daneben.

An den Spültisch gelehnt, nahm er ein Streichholz aus der Schachtel und zündete einen der kleinen Dochte an. »Woher stammen diese Kerzen?« fragte er.

»Ich bin gestern auf dem Heimweg zufällig an einem Supermarkt vorbeigekommen.«

»Sagen Sie, Mrs. Washington, führen viele Supermärkte in Harlem Jahrzeitkerzen?«

»Es kommt vor.«

»In wie viele Läden mußten Sie gehen, ehe es ›vorkam‹?«

»In einen oder zwei. Vielleicht auch in drei«, gab sie lächelnd zu.

Er tätschelte ihr liebevoll die Wange. »Schon allein um Ihretwillen, glaube ich, wird Er nichts dagegen haben, daß ich diesmal mit dem Jahrtag ein wenig zu spät dran war.«

Er ging, auf seinen Stock gestützt, zur Küchentür, drehte sich aber nach ein paar Schritten zu ihr um.

»Nächstes Jahr«, sagte er, »möchte ich es gerne ohne fremde Hilfe schaffen und durch den Seitengang gehen, ohne mich an den Bänken festhalten zu müssen.«

Während er sich auf den Weg ins Wohnzimmer machte, legte Mrs. Washington ein feierliches Versprechen ab: ja, Mr. Horowitz, nächstes Jahr werden Sie am richtigen Tag und auf Ihren eigenen zwei Beinen in diese Synagoge gehen!

6

Am Tag darauf begab sich Samuel Horowitz zur allwöchentlichen Kontrolluntersuchung in die physiotherapeutische Abteilung des Krankenhauses. Mrs. Washington stand da und beobachtete, wie die Physiotherapeutin, eine energische junge Frau, die Tests mit Horowitz durchführte. Er befolgte ihre Befehle gelangweilt und gleichgültig. Schließlich sagte sie: »Okay, Opa, mal sehn, ob Sie Ihre Schuhe wieder anziehen können.«

»Erstens bin ich nicht Ihr Opa. Und zweitens kann ich meine Schuhe natürlich selbst anziehen, wie ich es achtundsechzig Jahre lang getan habe!«

Worauf er sich daranmachte, es zu beweisen, indem er, wenn auch ein wenig ungeschickt, beide Schuhe anzog und die Schnürsenkel des einen zu einem achtenswerten Knoten schlang. »Da! Zufrieden?« fragte er.

»Sie haben vergessen, den anderen Schuh zuzubinden«, bemerkte die junge Frau.

Er blickte hinunter. Wahrhaftig, er hatte es wieder vergessen.

Dann überließ die Physiotherapeutin ihn der Beschäftigungstherapeutin, bei der er Karten mischen und eine Anzahl von anderen Übungen und Tests absolvieren mußte. Mrs. Washington sah, daß er es widerwillig tat und nicht halb so gut wie zu Hause.

Als die Beschäftigungstherapeutin fertig war, bat sie Horowitz und Mrs. Washington zu warten und ging mit ihrer Kollegin zu Mrs. Wolff, der Leiterin der physiotherapeutischen Abteilung, um ihr Bericht zu erstatten. Mrs. Wolff, eine hochgewachsene blonde Amazone mit einer Gretchenfrisur, erschien schließlich in der Tür ihres Arbeitszimmers und bat Mrs. Washington herein.

Die Leiterin musterte die zwei Berichte, die sie in den Händen hielt. »Leider nicht sehr gut. Der Haken bei euch Schwestern ist, daß ihr entweder den Patienten verhätschelt oder ihm Beruhigungsmittel gebt, damit er euch nicht zur Last wird.«

»Ich verhätschele ihn nicht«, erklärte Mrs. Washington energisch. »Und wenn Sie glauben, daß er unter Sedativa steht, sprechen Sie mal mit ihm!«

»Er macht keine nennenswerten Fortschritte. Sie müssen ihn mehr antreiben.«

»Er macht die Übungen zu Hause besser als hier. Er kommt sehr ungern hierher.«

»Daran muß er sich eben gewöhnen. Er macht keine Fortschritte und ich werde seinen Arzt davon unterrichten müssen.«

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Auf der Heimfahrt im Taxi sprachen sie kein Wort. Aber sobald sie in der Wohnung waren, fragte Horowitz: »Nun, was hat Brünhild zu sagen gehabt?«

»Brünhild?«

»Na ja, diese blonde Riesin«, erklärte Horowitz.

»Sie ist unzufrieden mit Ihrer Einstellung zu den Übungen«, sagte Mrs. Washington. »Sie glaubt, das beeinträchtige Ihre Genesung, und Sie machten keine Fortschritte mit Ihren Übungen.«

»Keine Fortschritte? Ich bin bald reif für die Olympiade!« protestierte er. Dann sagte er verbittert: »Ach, bobe meises! Wissen Sie, was bobe meises bedeutet? Märchen! Mein Freund Kantrowitz ist nach seinem Schlaganfall nie wieder aus dem Rollstuhl herausgekommen. Es ist eben unheilbar. Man läßt uns die Übungen nur machen, um uns in dem Glauben zu wiegen, daß wir wieder gesund werden können.«

Er wandte den Kopf zur Seite, um scheinbar aus dem Fenster zu blicken, aber in Wirklichkeit wollte er seine Tränen verbergen. Aber schon einen Augenblick später war er erneut der bärbeißige alte Mann. »Wissen Sie«, sagte er, sichtlich bemüht, wieder schroff zu erscheinen, »wenn man älter wird, fangen die Augen an zu tränen. Vor allem in der Sonne. Ich sollte eine Sonnenbrille tragen.« Dann fragte er: »Was ist los, ist heute Jom Kippur? Gibt’s kein Mittagessen?«

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Er hatte gerade seine Mahlzeit beendet, da klingelte das Telefon. Mrs. Washington kam ins Eßzimmer. »Sie ist dran.«

»Mona«, seufzte er resigniert und rollte seinen Stuhl zum Telefon.

»Paps, ich bin’s«, sagte Mona streng. »Was sind das für Geschichten, die ich höre?«

»Da du sie gehört hast und ich nicht, kannst du sie mir vielleicht erzählen.«

»Marvin erhielt einen Anruf von Dr. Tannenbaum, der einen Anruf von deiner Physiotherapeutin bekommen hat. Sie sagt, du machst keine Fortschritte.«

»Und das bedeutet?«

»Das bedeutet, daß wir Schritte unternehmen müssen, falls sich das nicht sehr bald ändert.«

»Du willst sagen, wenn ich keine Schritte mache, werdet ihr Schritte unternehmen.«

»Hör zu, Paps, es ist mir ernst damit! Die Therapeutin sagt, daß Krankenschwestern dazu neigen, ihre Patienten zu verhätscheln. Sie machen nicht genügend Druck dahinter. Wir werden Mrs. Washington möglicherweise entlassen müssen.«

»Glaub mir«, erklärte Horowitz entschieden, »diese Schwester ist ein Tyrann. Sie ist die niederträchtigste Person, die mir je begegnet ist.«

Als er Mrs. Washingtons zornigen Blick bemerkte, legte er die Hand über die Muschel und erklärte ihr: »Ich verteidige Sie nur. Wirklich!«

»Das ist nicht zum Scherzen, Paps!« hörte er Mona sagen.

»Schon gut, Liebling, es tut mir leid. Sie ist eine nette, gewissenhafte Frau, die ihr möglichstes tut.«

»Das hoffe ich. Denn wenn sich die Dinge nicht zum Besseren wenden, werde ich nach New York kommen und die Sache in die Hand nehmen müssen«, sagte Mona. »Also versuch es, Paps, versuch es! Gib dir Mühe!«

»Ja, Liebes, ich werde mir Mühe geben. Anderenfalls — Schritte!«

Als er den Hörer auflegte, wurde ihm klar, in welch kurzer Zeit alle diese Gespräche zwischen der Therapeutin und seinem Arzt, zwischen seinem Arzt und Marvin, zwischen Marvin und Mona und zwischen Mona und ihm geführt worden waren. Nachrichten waren in Sekundenschnelle über Tausende von Kilometern hin und her geflitzt, damit die ganze Welt erfuhr, daß Samuel Horowitz in seinen Tests bei der Physiotherapeutin versagt hatte.

Mit einem Gefühl der Leere und Ziellosigkeit kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Mrs. Washington folgte ihm und verkündete: »Zurück zu den Murmeln und Knöpfen. Und ich will keine Klagen hören!«

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Am nächsten Morgen gingen sie wie üblich vor dem Mittagessen in den Park. Die drückende Schwüle kündigte eine für New York typische Hitzewelle an.

Mrs. Washington ließ Horowitz nur kurz in der Sonne sitzen, ehe sie ihn in den Schatten einiger großer, dicht belaubter Bäume schob. Sie saßen schweigend da und lauschten auf das Geschrei und Gelächter der Kinder und die gelegentlichen Rufe eines Vogels, der so vermessen war, sich über die anderen Geräusche hinweg Gehör zu verschaffen.

Schließlich sagte Horowitz: »Hannah hat diesen Park geliebt; Natürlich habe ich sie in den letzten Jahren ihres Lebens nie mehr allein hierherkommen lassen. Zu gefährlich. Aber es genügte auch schon, aus dem Fenster zu blicken und ihn sehen zu können. Im Winter, wenn es schneite, war der Park ein Märchenland. Bei Nacht glitzerte alles im Licht der Lampen. Im Frühling trugen herrliche Bäume in der Nähe des Metropolitan Museums eine rosa Blütenpracht. Wenn ein Windstoß die Blüten herabfallen ließ, war es, als stünde man in einem rosigen Regen. Und dann der Herbst. Den Herbst liebte Hannah am meisten. Die roten und goldfarbenen Blätter unter den Füßen. Es tat einem fast leid, auf ihnen zu gehen, so schön waren sie. All das haben wir zusammen genossen, Hannah und ich.« Er machte eine Pause, dann sagte er: »Sie und Ihr Mann haben sicher ähnlich schöne Dinge gemeinsam erlebt.«

»Ja«, erwiderte sie leise. »Jedes Jahr zu Ostern kauften wir den Kindern neue Kleider und spazierten stolz die Lenox Avenue entlang zur Kirche. Oder Weihnachten. Wenn Horace gerade Arbeit hatte und gut verdiente, sorgten wir immer für ein schönes Weihnachtsfest, da wir wußten, daß er gleich danach wieder entlassen werden würde. Nur im Krieg hatte er eine feste Arbeit. Ist es nicht traurig, daß die Menschen Kriege herbeisehnen müssen, weil sie nur im Krieg eine erträgliche Arbeit bekommen können?«

Horowitz konnte sie in Ruhe ansehen, denn sie hielt den Kopf gesenkt. Sie hatte ein charaktervolles, energisches Gesicht. Aber man konnte darin die Spuren entdecken, die ein Leben mit Kummer und Sorgen hinterlassen hatte. Ihr Haar, das so pechschwarz erschien, war mit silbernen Strähnen durchsetzt. Ihre Augen hinter der Brille waren nicht so kampflustig wie sonst. Sie waren ein wenig feucht.

»Es wird besser werden«, tröstete er sie. »Unsere Generation war diejenige, die all die Kämpfe und Ängste durchzustehen hatte, damit unsere Kinder es besser haben sollten. Und sie haben es besser.«

»Die Enkel werden es noch besser haben, wenn sie richtig erzogen sind«, pflichtete sie ihm bei.

»Bei einer Großmutter wie Ihnen zum Beispiel werden sie ganz bestimmt richtig erzogen«, versicherte er ihr.

»Vergessen Sie nicht all die Dinge, denen sie ausgesetzt sind. Die Gewalttätigkeit, die Drogen. Mädchen, die mit dreizehn schwanger werden. Jungen, die dealen und stehlen lernen. Wie kann man verhindern, daß sie in Versuchung geraten?«

»Das ist wirklich ein Problem«, bestätigte er.

Sie schwiegen.. Schließlich sagte Mrs. Washington: »Es wird zu heiß hier draußen. Ich bringe Sie lieber in die Annehmlichkeit Ihrer Klimaanlage zurück.«

___________

An diesem Abend sah Horowitz nach dem Abendessen fern, während Mrs. Washington das Geschirr abwusch.

Aus dem Wetterbericht nach der Tagesschau war zu erfahren, daß die Hitzewelle unvermindert fortdauern würde. Der Sprecher verlas eine Empfehlung, den Stromverbrauch so niedrig wie möglich zu halten. Horowitz tröstete sich mit dem Gedanken, daß er seine Klimaanlage sehr sparsam eingestellt hatte. Er betrachtete sich als einen vernünftigen Mann mit bescheidenen Ansprüchen.

Als Mrs. Washington hereinkam, um sich zu verabschieden, forderte er sie auf, sich ein Weilchen zu setzen und auszuruhen. Aber sie lehnte dankend ab, da sie die Kinder nicht allein lassen wollte. »An einem Abend wie diesem«, sagte sie, »werden sie draußen sein wollen. Es wird sehr heiß in der kleinen Wohnung.«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte Horowitz. »In meiner Kinderzeit in Brooklyn legte Mama an solchen Abenden Decken auf der Feuertreppe aus, und wir schliefen draußen. Manchmal brach mitten in der Nacht plötzlich ein Gewitter aus, und wir wurden klitschnaß und mußten in die Wohnung zurück. Aber am nächsten Morgen war die Luft frisch, und es ging ein kühler Wind. Daher weiß ich Bescheid«, sagte er. »Ja, ich weiß Bescheid.«

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Mitten in der Nacht schreckte Horowitz aus dem Schlaf auf. Seine Klimaanlage hatte aufgehört zu funktionieren, und die plötzliche Stille hatte ihn geweckt. Er griff nach dem Schalter seiner Nachttischlampe. Kein Licht. Er drückte abermals auf den Knopf, dann noch einmal. Nichts.

Einen Augenblick lang war er wie gelähmt vor Schreck. Der Schweiß brach ihm aus. Hatte sich ein Einbrecher in die Wohnung geschlichen und alle Leitungen durchgeschnitten, um ihm jede Möglichkeit zur Verteidigung zu nehmen?

Dann wurde ihm klar, daß auch von draußen kein Licht hereindrang. Er hinkte zum Fenster. Die Stadt lag in völlige Dunkelheit gehüllt. Seine Angst legte sich, als ihm einfiel, daß in der Tagesschau von Energieknappheit die Rede gewesen war.

Er tastete auf dem Nachttisch nach dem Batterieempfänger, den Marvin ihm ins Krankenhaus gebracht hatte, und stellte ihn an. Sein Verdacht bestätigte sich. Der Nachrichtensprecher berichtete Von einem Stromausfall in der ganzen Stadt.

Horowitz erinnerte sich an den letzten Stromausfall vor zehn oder zwölf Jahren. Damals hatte er bis spätabends gearbeitet und mußte zu Fuß nach Hause gehen. Aber der Mond hatte hell geschienen, und die Menschen fanden sich gut gelaunt mit der Notlage ab, halfen einander, gingen munter in Gruppen die Straßen entlang, lachten und scherzten. Als er endlich zu Hause ankam, mußte er Hannahs Sorgen und Ängste mit seinen Küssen verscheuchen.

Er erinnerte sich auch, daß Hannah an diesem Abend von irgendwoher Kerzen hervorgezaubert hatte; es waren ihre Freitagabendkerzen und diejenigen, mit denen sie den Tisch für kleine Abendgesellschaften schmückte.

Aber jetzt gab es schon seit drei Jahren keine Abendgesellschaften und keine Freitagabendkerzen mehr. Dann fiel ihm ein, daß doch eine Kerze da war: die zweite Jahrzeitkerze, die Mrs. Washington mitgebracht hatte.

Er griff nach seinem Krückstock und tastete sich durch die Dunkelheit vorsichtig in die Küche. Er fand die Jahrzeitkerze im Geschirrschrank über der Spüle. Erleichtert zündete er ein Streichholz an und hielt es an den Docht.

Siehst du, Hannah, sagte er im stillen, du hast mich auch diesmal mit einer Kerze versorgt.

Er nahm das Glas mit der Kerze in die linke Hand und kehrte, mit der rechten Hand auf seinen Stock gestützt, ins Schlafzimmer zurück.

Der Nachrichtensprecher berichtete jetzt mit erregter Stimme von Plünderungen und Krawallen in Harlem. Männer und Jungen, Frauen und junge Mädchen. waren aus ihren Mietshäusern geströmt, zerschmetterten Schaufenster und fuhren sogar mit Wagen durch die Eisengitter der Geschäfte, um alles zu stehlen, was nicht niet- und nagelfest war: Fernsehgeräte, Radios und Plattenspieler, Juwelen, Schnaps.

»Die Polizei«, murmelte Horowitz ein ums andre Mal, »wo ist die Polizei?«

Aber aus nachfolgenden Berichten ging hervor, daß die Polizei Befehl erhalten hatte, sich nicht einzumischen, um keinen Rassenkrawall zu provozieren. Die Plünderungen dauerten die ganze Nacht fort; es wurden sogar Häuser in Brand gesteckt.

Samuel Horowitz starrte in die Dunkelheit und lauschte, wie die Stadt, die er liebte und nicht verlassen wollte, zerstört wurde. Er hörte das endlose Heulen von Polizeisirenen und Feuerwehrwagen, die unter seinem Fenster vorbeirasten. Eine Stadt war dem Wahnsinn verfallen.

Schließlich schlief er ein. Als er aufwachte, war es Morgen. Die Luft stand schwer und dumpfig in der Wohnung. Offensichtlich gab es immer noch keinen Strom. Sein Telefon klingelte.

»Pa?« Es war Marvin, der aus Washington anrief. »Geht es dir gut?«

»Ja, warum?«

»Als ich heute morgen die Nachrichten hörte, habe ich mir Sorgen gemacht«, sagte Marvin. »Ist Mrs. Washington da?«

»Nein, noch nicht.«

»Es ist schon Viertel nach neun, Pa. Nun, vielleicht hat sie Schwierigkeiten, nach Manhattan zu kommen. Es muß ja heute in New York ein schreckliches Chaos herrschen. Aber zumindest geht es dir gut. Ruf mich an, wenn du irgend etwas brauchst. Ich bin den ganzen Tag im Büro.«

»Ja, natürlich, wenn ich irgend etwas brauche«, wiederholte Horowitz und hängte ein. Er machte sich große Sorgen um Mrs. Washington. Schreckliche Dinge konnten ihr Widerfahren sein. Vielleicht waren Plünderer in ihre Wohnung eingedrungen. Natürlich hätte sie Widerstand geleistet. In diesem Fall könnte ein schwarzer Rowdy ihr den Schädel eingeschlagen haben.

Das Telefon klingelte abermals. Er nahm sofort ab. »Ja? Hallo?«

»Mr. Horowitz?« Es war ihre Stimme, dem Himmel sei Dank.

»Geht es Ihnen gut?« fragte er.

»Ja, ja, mir geht’s gut. Es tut mir leid, daß ich mich verspäten werde. In einer Stunde bin ich da.«

So besorgt Horowitz um Mrs. Washington auch gewesen war, bis sie dann schließlich eintraf, war er wieder zum bissigen Nörgler geworden und begrüßte sie mit der sarkastischen Bemerkung: »Ein schönes Schauspiel habt ihr gestern abend geliefert. Darauf könnt ihr wahrhaftig stolz sein.«

Mrs. Washington erwiderte nichts, sondern ging in die Küche, um das Frühstück zu machen.

Mit lauter Stimme stichelte er weiter: »Ein Mann schuftet sein ganzes Leben lang, um ein Geschäft aufzubauen. Alles, was er auf der Welt besitzt, steckt in diesem kleinen Laden, und sie brechen ein und ruinieren ihn in einer einzigen Nacht.«

Sie antwortete immer noch nicht.

»Irgend etwas muß geschehen«, fuhr er fort, als sie im Eßzimmer erschien. »Sonst sind wir unsres Lebens nicht mehr sicher. Gestern nacht, das war nur der Anfang.«

Mrs. Washington ging nicht darauf ein, sondern sagte nur, daß er vielleicht nach der langen, heißen Nacht gern duschen würde.

»Okay, ich werde duschen«, willigte er verdrießlich ein. Dann setzte er hinzu: »Und später werden wir es vielleicht wagen, in den Park zugeben. Hmm?«

»Heute nicht«, sagte sie ruhig. »Die Aufzüge funktionieren nicht Es gibt immer noch keinen Strom.«

»Aber Sie sind doch heraufgekommen«, begann er, bis ihm plötzlich ein Licht aufging. »Wollen Sie damit sagen … Mrs. Washington, sind Sie etwa alle zehn Stockwerke zu. Fuß heraufgestiegen?«

Sie antwortete nicht, sondern wandte sich schweigend ab und ging hinaus.

Eine Stunde später begann seine Klimaanlage leise zu summen. Es gab wieder Strom. Er machte den Fernseher an. Anstelle des regulären Programms wurden Sonderberichte über die Plünderungen gesendet. Ein Film, der am Abend zuvor an Ort und Stelle aufgenommen worden war, zeigte meist schwarze Plünderer, die in die Läden stürmten und Möbel, Bettzeug und elektrische Geräte aller Art fortschleppten.

Horowitz konnte nicht an sich halten und rief: »Mrs. Washington! Kommen Sie herein und sehen Sie sich das an! Überzeugen Sie sich selbst! Bestien!«

Nichts rührte sich. Mit Hilfe seines Krückstocks schleppte er sich langsam in die Diele. Sie war weder im Eßzimmer noch im Wohnzimmer. Einen Augenblick fürchtete er, daß sie ihn verlassen hatte. Vielleicht war er zu schroff gewesen.

Die Küchentür war angelehnt, und er meinte, ein leises Schluchzen zu vernehmen. Behutsam stieß er die Tür auf.

Mrs. Washington saß am Tisch und hatte die Ellbogen auf die Platte gestützt. Sie hielt ein feuchtes Taschentuch an die Augen gepreßt und schluchzte so hemmungslos, daß ihr ganzer Körper bebte.

Horowitz erkannte, daß er sich entschuldigen mußte. »Mrs. Washington«, begann er zögernd, »es tut mir leid, daß ich das vorhin gesagt habe. Auch wenn es die Wahrheit ist, ich hätte es nicht sagen dürfen.«

Sie fuhr fort zu weinen und flüsterte nur: »O Gott, O Gott.«

»Mrs. Washington, bitte, wenn es Sie erleichtert, mich anzuschreien, schreien Sie. Ich könnte das verstehen.« Er stand da wie ein reumütiger kleinerjunge und wartete.

Sie schüttelte hilflos den Kopf. Was es auch sein mochte, es war zu schmerzlich, als daß sie darüber reden konnte.

»Gut, Sie sind heute ein wenig zu spät gekommen. Was macht das? In all den Jahren habe ich in meinem Geschäft nie einen Angestellten bestraft, der sich wegen eines Gewitters oder irgend etwas anderem, was nicht seine Schuld war, verspätet hatte. Also hören Sie auf zu weinen. Bitte.«

Immer noch wurde sie vom Schluchzen geschüttelt.

»Was ist denn? So schlimm kann es doch gar nicht sein, daß Sie es mir nicht sagen könnten«, bat er. »Schließlich sind wir uns ja nicht mehr ganz fremd.«

Endlich sagte sie: »Ich mußte heute morgen zum Gericht.«

»Zum Gericht?«

»Ja. Letzte Nacht als die Lichter ausgegangen waren wimmelte die Straße von Menschen. Sie lachten, jubelten, zerbrachen Fensterscheiben.«

»Und weiter?« fragte Horowitz.

»Mein Enkel … Conrad … er sah vom Fenster aus zu. Dann sagte er plötzlich: ›Ich hol uns unsern Teil!‹ Ich habe versucht, ihn zurückzuhalten. Aber er stieß mich fort und lief hinaus. Er ist in dieser Nacht nicht mehr nach Hause gekommen.«

»Hat man ihn verhaftet?«

Sie nickte. »Sie haben ihn erwischt, als er einen Ventilator zu stehlen versuchte.«

»Ich verstehe«, sagte Horowitz betrübt. »Ja, ich verstehe.«

»Dieser Junge! Ein guter Schüler, Sohn eines Polizisten, gottesfürchtig — und in einer einzigen Nacht wurde er zu einem von denen«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

»Ist es Ihnen gelungen, ihn aus dem Gefängnis zu holen?«

»Ja. Einer der Beamten dort hat seinen Vater gekannt. Er hat uns geholfen. Aber Conrad muß noch einmal zu einem Verhör.«

»Ich werde Marvin anrufen. Jemand im New Yorker Büro seiner Anwaltsfirma wird den Fall übernehmen. Ohne Honorar!« versprach Horowitz.

»Es war meine Schuld«, sagte sie. »Ich habe in den letzten Tagen dauernd geklagt, wie heiß es sei. Wieviel erträglicher es wäre, wenn Wir wenigstens einen Ventilator hätten.«

Horowitz strich ihr tröstend übers Haar. »Ich verspreche Ihnen, er wird den besten Rechtsbeistand bekommen. Wir werden dafür sorgen, daß der Richter erfährt, warum er es getan hat. Es wird ihm nichts Schlimmes geschehen.«

»Es ist bereits geschehen«, sagte sie traurig. »Schon allein das Leben in dieser Stadt ist eine Krankheit. Ein Kind ist ihr ständig ausgesetzt. All die Jahre der Erziehung — sie sind in einer einzigen Nacht zunichte gemacht worden.« Sie fing wieder an zu weinen.

»Mrs. Washington, wenn die ganze Welt verrückt wird, wie können Sie von einem kleinen Jungen erwarten, daß er vernünftig bleibt? Sagen Sie, wie heißt der Junge mit vollem Namen?«

»Bruton. Conrad Bruton.«

Horowitz humpelte zum Telefon. Er wählte Marvins Nummer, und als er ihn an den Apparat bekam, erklärte er ihm das Problem.

»Er hat einen Ventilator gestohlen?« rief Marvin empört. »Pa! Was hast du mit Leuten zu schaffen, die solche Diebstähle begehen?«

»Erstens war es nur ein Diebstahl. Zweitens bestreiten wir, daß es Diebstahl war. Und drittens handelt es sich um den Enkel einer sehr guten Freundin von mir, und ich will sicher sein, daß er freigesprochen wird! Er ist ein guter Junge. Also unternimm etwas!«

»Wir befassen uns nicht mit Strafrecht, Pa.«

»Und wie steht’s mit diesen Kartellen, die ihr vertretet? Diese Fälle von Preisabsprachen, über die man so viel in der Times liest?«

»Das ist etwas anderes«, wandte Marvin ein. Aber schließlich gab er nach. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Sieh nicht! Tu es!« befahl Horowitz. »Und wenn ich’s bezahlen soll, wenn du deinem eigenen Vater, der dir den Besuch der juristischen Fakultät von Harvard ermöglicht hat, eine Rechnung schicken willst — bitte, von mir aus!« Er legte den Hörer auf und wandte sich an Mrs. Washington. »Erledigt! Machen Sie sich keine Sorgen!«

»Vielen Dank, Mr. Horowitz«, sagte sie.

»Was gibt’s da zu danken? Das ist doch selbstverständlich zwischen Freunden.«

7

Einige Tage später gingen sie wie üblich in den Park. Diesmal führte Mrs. Washington ihn jedoch zu dem kleinen See unweit des Shakespeare-Freilichttheaters.

»Sind Sie jemals dort drinnen gewesen?« erkundigte sich Horowitz.

»Nein.«

»Muß interessant sein, ein Theaterstück bei Nacht unter dem Sternenhimmel zu sehen. Hannah und ich hatten immer vor, einmal dorthin zu gehen. Aber wir haben es nie getan.« Sie schwiegen einen Augenblick. Dann fragte er: »Würde es Ihnen Spaß machen, einmal solch eine Vorstellung zu besuchen?«

»Am Abend? Das geht nicht.«

»Natürlich, die Enkel.« Er zögerte, bevor er weiterfragte: »Wann kommt Conrads Fall zur Verhandlung?«

»Morgen.«

»Hat er gesagt, wie ihm der junge Anwalt gefällt, den Marvin ihm geschickt hat?«

»Er findet ihn sehr nett. Aber es heißt, die Richter hätten Anweisung, sehr streng mit den Plünderern zu verfahren«, sagte sie grimmig.

»Es wird bestimmt alles gutgehen«, versprach er. Nach einer Pause fragte er: »Wenn es sich einrichten ließe, daß jemand einen Abend bei den Kindern bliebe, glauben Sie, wir könnten dann einmal ins Shakespeare-Theater gehen?«

»Vielleicht«, antwortete sie ausweichend.

»Versuchen Sie es. Ich würde gerne gehen, damit ich Hannah davon erzählen kann, wenn ich sie wiedersehe.«

»Sie werden sie noch lange nicht wiedersehen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Bei Ihrer verflixten Halsstarrigkeit werden Sie nicht mit dem erstbesten Todesengel mitgehen.«

___________

Am nächsten Nachmittag klingelte das Telefon. Diesmal war es für Mrs. Washington.

»Ja, Liebling, geh jetzt nach Hause. Direkt nach Hause«, hörte Horowitz sie sagen. Als sie den Hörer auflegte, strahlte sie ihn an. »Der Richter hat Conrad mit einer Verwarnung davonkommen lassen. Wegen seiner guten Leistungen in der Schule und weil zwei seiner Lehrer sich für ihn eingesetzt haben.«

»Gut!« sagte Horowitz. »Ich muß Marvin mitteilen, daß er wenigstens einen gescheiten jungen Anwalt in der Firma hat.«

Als sie später seine Bewegungsübungen mit ihm mächte, fragte er plötzlich: »Haben Conrad und Louise schon jemals ein Stück von Shakespeare gesehen?«

»Nein. Warum?«

»Wie wär’s, wenn Sie sie einmal abends mitbrächten? Wir könnten alle zusammen zu Abend essen und dann ins Freilichttheater gehen.«

»Ich werde es mir überlegen.« Mehr wollte sie nicht versprechen.

»Mrs. Washington, da gibt es nichts zu überlegen. Ich will Ihre Antwort. Jetzt! Wir gehen! Einverstanden?«

Da er sich noch nie zuvor so entschlossen und optimistisch gezeigt hatte, antwortete sie: »Einverstanden!«

»Gut!« rief er voll Vorfreude. »Und am nächsten Tag rufe ich Mona an. Und ich werde ganz beiläufig bemerken: ›Gestern abend war ich im Theater und habe mir ein Stück von Shakespeare angesehen.‹ Das wird sie vielleicht davon abhalten, hierherzukommen und zu versuchen, mein Leben für mich zu organisieren.«

Horowitz lachte, und Mrs. Washington stimmte mit ein.

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Am Tag des Theaterbesuchs durchwühlte Samuel Horowitz die Schubladen seiner Kommode. Er schien etwas Bestimmtes zu suchen. Als Mrs. Washington fragte, ob sie ihm helfen könne, murmelte er, daß er lernen müsse, allein zurechtzukommen.

Nach seinem Mittagsschlaf wählte er eine blaue Hose, ein lange vernachlässigtes grellfarbiges Sporthemd und eine blau-weiß karierte Sportjacke. »Nicht schlecht«, urteilte er. »Was meinen Sie?«

»Nicht schlecht«, pflichtete Mrs. Washington ihm bei.

Sie gingen am frühen Abend in ein kleines französisches Restaurant in der Columbus Avenue, wo Horowitz mit allem Eifer, dessen er fähig war, den Gastgeber spielte. Er kommandierte den Kellner herum. Er studierte die Speisekarte von oben bis unten und schlug ein Gericht nach dem anderen für Conrad und Louise vor. Er war lebhaften als Mrs. Washington ihn je gesehen hatte.

Aber sein Hauptinteresse galt den Kindern. Conrad war ein magerer, hoch aufgeschossener Junge mit den strahlenden schwarzen Augen seiner Großmutter. Er war höflich und respektvoll. Kein Wunder bei einer solchen Tyrannin von Großmutter, dachte Horowitz. Die achtjährige Louise war vier Jahre jünger als Conrad und ein zartes Kind. Trotz ihrer Brille hatte sie ein hübsches Gesicht, und sie würde bestimmt einmal hochgewachsen und anmutig werden. Hervorragende Manieren hatte sie schonjetzt.

Als sie mit dem Hauptgang fertig waren, rief Horowitz den Kellner. »Garçon, bringen Sie ein Tablett mit den schönsten Nachspeisen, die Sie haben!«

Der Kellner trug eine Platte, auf der sich Mengen von köstlicher Schokolade und Schlagsahne türmten. Horowitz sah stolz und freudig zu, wie die Kinder ihren Nachtisch verzehrten. Er warf Mrs. Washington über den Tisch hinweg einen Blick zu und gab ihr durch ein freundliches Kopfnicken zu verstehen, wie sehr er mit ihrer Erziehung einverstanden war.

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Das Stück, eines von Shakespeares Königsdramen, war turbulent und hochdramatisch und mit Schwertkämpfen und Toten angefüllt. Der nahe Straßenlärm wurde auf wunderbare Weise von der Handlung auf der Bühne ausgelöscht. Selbst ein fernes Gewitter, das die Nacht mit Blitzen und dem dumpfen Rollen von Donner erfüllte, störte nicht.

Hinterher strömten die Zuschauer rasch zum Ausgang. Horowitz bahnte sich einen Weg in seinem Rollstuhl. Conrad half ihm unaufgefordert und setzte dabei eine Miene auf, als tue er das jeden Tag. Er wollte den Stolz des alten Mannes nicht verletzen.

Als sie bei seiner Wohnung angelangt waren, bestand Horowitz darauf, daß sie alle noch für ein Weilchen hereinkamen. Im Wohnzimmer steuerte er auf den Bridgetisch in der Nähe des Fensters zu. Er legte die Hand auf eine rubinrote Dose aus geschliffenem Glas und wandte sich an die zwei Kinder.

»Conrad … Louise …«, begann er, »ich möchte, daß ihr beide euch immer an diesen Abend erinnert. Nicht, weil ihr gut gegessen habt. Glaubt mir, eure Großmutter kocht sehr viel besser. Nicht, weil wir ein großartiges Drama von Shakespeare gesehen haben. Ihr werdet noch mehr gute Theaterstücke in eurem Leben sehen. Und auch nicht, weil ihr einem alten Mann geholfen habt, sich etwas weniger einsam zu fühlen. Das war sehr nett von euch. Ich möchte, daß ihr euch an diesen Abend erinnert, weil unsere Welt sich wandelt. Ihr könnt Dinge erreichen, die euer Großvater nicht erreichen konnte. Ebenso wie ich hier Möglichkeiten hatte, die mein Großvater nicht gehabt hat.« Er berührte Conrads Arm. »Aber, mein junge, man nutzt eine Gelegenheit nicht aus, indem man in die Nacht hinausstürmt und schreit: ›Ich hol mir meinen Teil!‹ und sich dann nimmt, was einem anderen gehört.

Glaub nicht, daß ich das Gefühl der Ungeduld nicht kenne. Ich mußte als Junge zusehen, wie meine Mutter zu Hause schwer arbeitete und dann noch meinem Vater in unserem kleinen Lebensmittelgeschäft half. Ich wollte irgend etwas Kühnes und Verzweifeltes tun, um ihr zu zeigen, wie zornig ich darüber war, was die Welt ihr angetan hatte.

Aber damit erreicht man nichts. Bekämpfe die Welt, und sie wird dich vernichten. Sei schlauer als die Welt, und sie wird dich belohnen. Du hast noch viel Zeit, Gutes für deine Mutter und deine Großmutter zu tun. Aber tu es auf redliche Art. Damit du ihnen in die Augen sehen kannst.«

Er öffnete die Glasdose und nahm eine kleine Münze heraus. Sie war abgegriffen, aber sie glänzte. Behutsam legte er sie Conrad in die Hand.

»Mein Junge, dies ist eine goldene Fünfdollarmünze. Sie stammt, wie du sehen kannst, aus dem Jahr 1901. Mein Vater gab sie mir, als ich Bar-Mizwa wurde. Das bedeutet in unserer Religion: Mit dreizehn Jahren ist man volljährig. Nicht viel älter, als du heute bist. Und er sagte: ›Dies ist nur eine Verheißung dessen, was du haben kannst, wenn du fleißig arbeitest.‹ Und das gleiche sage ich dir heute.«

Er schloß die Hand des jungen zu einer festen Faust. »Behalte sie. Immer. Bis die Zeit gekommen ist, sie deinem Sohn zu geben.«

»Danke«, sagte Conrad. »Vielen Dank.«

Horowitz wandte sich an das kleine Mädchen. »Und für dich, liebe Louise, habe ich auch etwas.«

Er griff wieder in die Dose, holte eine kleine, mit winzigen Zuchtperlen besetzte Goldnadel heraus und sah sie liebevoll an.

»Diese Nadel«, sagte er, »hat zwölfeinhalb Dollar gekostet, als das noch eine Menge Geld war. Ich arbeitete damals als Laufbursche für sechzehn Dollar die Woche. Zu Weihnachten wurde ich zum Verkäufer befördert, und mein Gehalt wurde auf zwanzig Dollar pro Woche erhöht. An diesem Tag kaufte ich diese Nadel für meine Mutter. Jetzt sollst du sie haben. Sieh sie dir oft an, und erinnere dich an diesen Abend.«

Er schloß ihre Hand über der Nadel und sagte leise: »Ich wünschte, meine Enkel hätten weniger, damit sie lernen würden, kleine Dinge mehr zu schätzen. Ich hatte einmal daran gedacht, ihnen die Münze und die Nadel zu schenken, aber das hätte kaum Eindruck auf sie gemacht.«

Nachdenklich und betrübt streichelte er Louises Hand. Plötzlich beugte sich das kleine Mädchen zu ihm hinüber und küßte ihn auf die Wange.

Horowitz sagte: »Das, mein Liebes, ist der schönste Dank.«

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Zum drittenmal, seit sie nach Hause zurückgekehrt waren, lauschte Mrs. Washington an der Tür des Kinderzimmers. Zuvor hatten die beiden lebhaft geschwatzt, aber jetzt war alles still.

Sie öffnete leise die Tür. Conrad schlief auf der linken Seite, und seine rechte Hand ruhte auf dem kleinen Nachttisch. Mrs. Washington trat näher heran und sah, daß seine Finger die Goldmünze umklammert hielten, die Mr. Horowitz ihm gegeben hatte.

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Als Mrs. Washington am nächsten Morgen eintraf, war Horowitz nicht nur auf, sondern auch schon fix und fertig angezogen.

Er verkündete stolz: »Wir bekommen heute Besuch, Mrs. Washington!«

»Schön!« rief sie, erfreut darüber, daß er endlich Kontakt mit der Außenwelt suchte.

»Marvin ist in New York. Einer seiner Klienten hat hier eine Verhandlung vor dem Bundesgericht. Mein Marvin«, prahlte er, »praktiziert nicht mehr bei den örtlichen Gerichten der Bundesstaaten. Nur noch am Bundesgericht! Wenn er heute bei Gericht fertig ist, kommt er zu einem Drink und Horsd’œuvres heraufl Können Sie Horsd’œuvres machen?«

»Natürlich.« Sie war entzückt. Noch nie hatte sie ihn so begeistert gesehen.

»Wissen Sie, Mrs. Washington«, gab er plötzlich zu, »vielleicht sind wir mit zunehmendem Alter zu schnell bereit, andere zu kritisieren. Ich will damit sagen, daß ich mich eigentlich über Marvin nicht beschweren sollte. Wenn man bedenkt, daß er ein so vielbeschäftigter Anwalt ist und sich trotzdem die Zeit nimmt, seinen alten Vater zu besuchen.«

Er hielt inne, als wäre er im Begriff, ein welterschütterndes Geständnis abzulegen. »Und, um ehrlich zu sein, vielleicht bin ich auch Mona gegenüber ein wenig zu kritisch. Sie müßten die Plaketten und die anderen Auszeichnungen sehen, die sie von den Wohltätigkeitsvereinen erhalten hat, für die sie arbeitet. Und erst die Briefe! Hunderte von Briefen! Von jungen Leuten, die sie mit ihren Jugendproj ekten auf den rechten Weg gebracht hat.«

»Sie können mit Recht stolz auf sie sein«, sagte Mrs. Washington.

»Wenn sie nur mich nicht wie ein Projekt behandeln würde«, klagte Horowitz.

An diesem Nachmittag beobachtete er Mrs. Washington auf Schritt und Tritt, während sie all die Horsd’œuvres zubereitete, die Marvin besonders liebte. Weichkäse mit rosa Räucherlachs auf Schwarzbrotschnittchen. Toast mit Schinken und Käse. Und feingehackte Leber.

Horowitz probierte gerade die Leber, da rief Marvin an.

»Hallo, Marvin«, sagte er. »Hör zu, mach dir keine Sorgen, wenn es etwas später wird. Ich weiß, wie es heutzutage bei den Gerichten zugeht. Also nimm dir Zeit. Was? Du kommst nicht? Ich verstehe …«

Einen Augenblick fürchtete Mrs. Washington, daß Horowitz den Hörer fallen lassen würde, so sehr zitterte seine Hand.

»Hör zu, Marvin, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich weiß, wie es ist. Natürlich mußt du mit deinem Klienten zu Abend essen. Und nächstes Mal, wenn du nach New York kommst, sehen wir uns.«

Er legte den Hörer auf. Noch ehe Mrs. Washington ein Wort des Trostes sagen konnte, erklärte er: »Schließlich ist er einer der meistbeschäftigten Anwälte des Landes. Er kann nichts dafür …«

Aber er wich Mrs. Washingtons Blick aus und humpelte ins Wohnzimmer, um die Times zu lesen.

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Ein paar Tage später hatte Horowitz die Lektüre seiner Zeitung gerade beendet, als Mrs. Washington mit dem Staubsaugen fertig war.

»Wenn Sie wollen, daß ich meine Übung mache und die Seiten zerknülle, besorgen Sie mir eine andere Zeitung!« sagte er. »Diese will ich aufheben. Damit die Welt nie vergißt, wie der Untergang dieses Landes angefangen hat.«

»Was ist es diesmal?« fragte sie. Sein Gezeter über die New York Times war ihr nichts Neues mehr.

»Die Times schreit nach Détente. Wissen Sie, was Détente bedeutet, Mrs. Washington? Das ist ein französisches Wort für Entspannung. Aber Entspannung trauen sie sich nicht zu sagen, weil es gleichbedeutend ist mit Kapitulation! Stellen Sie sich vor, dies war einmal das mächtigste Land der Welt! jetzt machen wir Détente mit den Russen, die ständig neue Raketen aufstellen, um uns zu vernichten.«

Sie nahm ihm die erste Seite aus der Hand. »Zerknüllen Sie die Zeitung!«

»Zerknüllen«, brummte er. »Wo soll ich anfangen? Mit dem Wirtschaftsteil? Die Wirtschaft ist schon zerknüllt genug. Mit der Sportseite? Das ist der einzige Teil der Times, wo man wenigstens noch ein wenig Ehrlichkeit erwarten kann. Oder vielleicht mit den Kochrezepten? Wenn ich etwas über Kochkunst wissen will, besorge ich mir das Ladies’ Home Journal.«

»Zerknüllen Sie«, wiederholte Mrs. Washington.

»Warum nicht Binokel? Fünfundzwanzig Cent Einsatz«, schlug er vor.

»Sie schulden mir bereits zwölf Dollar Fünfundsiebzig«, erinnerte sie ihn.

»Also spielen wir um das Doppelte.«

»Zerknüllen Sie! Dann die Murmeln. Danach Knöpfe! Und dann, wenn vor dem Essen noch Zeit bleibt, ein wenig Binokel.«

»Zerknüllen Sie! Das ist das einzige, was sie zu sagen weiß! Und es klingt nicht einmal wie eine ärztliche Anweisung!« Er hielt ihr ein Blatt hin. »Sehen Sie sich diesen Artikel an! Er stammt von einem schwarzen Universitätsprofessor, der für positives Handeln ist! Als wir Juden nach Amerika kamen, war uns gegenüber nicht die Rede von positivem Handeln. Wir verstanden nicht einmal die Sprache.

Ich werde nie meinen ersten Schultag vergessen. Ich war sieben und sprach kein Wort Englisch. Aber meine Mutter sah eines ganz klar: Ich mußte zur Schule gehen. Jedes jüdische Kind weiß, daß Lernen das Wichtigste ist. So nahm meine Mutter am ersten Schultag ein Buch meines Vaters. Sie tat einen Tropfen Honig darauf und sagte: ›Iß, mein Kind.‹ Denn ein Kind muß wissen, daß Lernen süß ist.

Sie steckten mich in die Klasse einer gewissen Miß McLanahan. Ein Tag verging. Noch ein Tag. Ich verstand nicht, was sie sagte. Deswegen meldete ich mich nie. Aber eines Tages rief sie mich schließlich auf. Ich saß da und kam mir schrecklich dumm vor. Ich hatte nicht einmal die Frage verstanden, wie sollte ich die Antwort wissen? Die anderen Kinder lachten mich aus. Und dann fing ich an … Mrs. Washington, ich fing an zu weinen.«

»Das kann ich sehr gut verstehen«, sagte Mrs. Washington mitfühlend.

»Nach Unterrichtsschluß nahm mich Miß McLanahan bei der Hand, und wir gingen in ein Zimmer, in dem eine kleine dunkelhaarige Frau saß. Sie war sehr dünn und hatte ein schmales, zartes Gesicht. Sie zog mich an sich und sagte mit der sanftesten, freundlichsten Stimme, die ich je gehört habe: ›Verstehst Jiddisch, mein Kind?‹

Ich fing wieder an zu weinen. Aber diesmal aus Erleichterung. Sie sagte, sie werde jeden Tag nach der Schule eine Stunde lang mit mir auf jiddisch durchnehmen, was die anderen Kinder an diesem Morgen gelernt hatten. Am Ende des Quartals sprach ich ebenso gut wie alle anderen!« schloß er stolz. »Das war uneigennütziges Handeln aus freien Stücken. Dazu benötigte man keine Vorschriften, Gesetze und Behörden!«

Als er Mrs. Washingtons mahnenden Blick bemerkte, fing er wieder an, die Times zu zerknüllen, und warf die Papierbälle mit dem rechten Arm quer durchs Zimmer.

»Es würde mir nichts ausmachen, sie aufzuheben, wenn Sie sie mit Ihrem linken Arm so weit werfen würden«, sagte sie.

»Ich habe schon in der Schule die Bälle mit der rechten Hand geworfen«, entgegnete er. »Aber Ihnen zuliebe werde ich sie mit der linken werfen.« Er formte einen weiteren Ball und warf ihn mit der linken Hand.

Mrs. Washington begann unterdessen Staub zu wischen und gab dabei gleichzeitig ihre eigene Meinung zum besten. »Manche Leute vergessen, daß es hierzulande Jahrhundertelahg gegen das Gesetz war, einem Neger das Lesen beizubringen. Kein Wunder, daß wir so weit zurück sind und staatliche Unterstützung brauchen. Oder sollen wir unsren jungen Leuten sagen: Weil dein Urgroßvater Sklave war, wirst du dein Leben lang allen anderen gegenüber im Nachteil sein und bleiben? Wollen Sie, daß ich das meinen Enkeln sage?«

Horowitz verteidigte sich: »Ich habe nie in meinem Leben einen Sklaven besessen. Meine Familie war vor Hunderten von Jahren noch nicht einmal in diesem Land. Was habe ich damit zu tun?«

Noch ehe Mrs. Washington etwas erwidern konnte, klingelte das Telefon. Sie ging in die Küche und nahm den Hörer ab.

Horowitz erwartete jeden Augenblick, daß sie rufen würde: »Ihre Tochter!« Aber statt dessen trat eine seltsame Stille in der Küche ein.

Wenige Minuten später kehrte Mrs. Washington mit Tränen in den Augen zurück. »Oh, Mr. Horowitz, Conrad …«, begann sie, »Conrad ist in eine Schlägerei verwickelt worden. Er hat einen Messerstich abbekommen.«

»Einen Messerstich? Allmächtiger!« sagte Horowitz. »Wo ist er?«

»Harlemer Krankenhaus.«

»Dann gehen Sie! Hier.«Er zog eine Handvoll Geldscheine aus der Tasche. »Nehmen Sie ein Taxi! Und rufen Sie mich an, sobald Sie etwas wissen!«

»Was ist mit Ihnen?«

»Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich komme schon zurecht!«

Sie war fort.

Während seine Besorgnis wuchs, was Mrs. Washington wohl im Krankenhaus erfahren würde, wurde Horowitz allmählich wütend auf den Jungen. Seine Mutter und seine Großmutter mühten sich ab, ihm eine gute Erziehung und Schulbildung zu ermöglichen, und er mußte sich in Raufereien verwickeln lassen! Vielleicht hatte er sogar versucht, jemanden zu berauben, und damit hatte die ganze Geschichte begonnen!

Nach einer Stunde war immer noch kein Anruf von Mrs. Washington gekommen. Dieser elende Junge, der einer so guten Frau wie seiner Großmutter Solchen Kummer bereitete! Kinder sollten eine Quelle der Freude sein, aber wie oft machten sie den Eltern nur Sorgen!

Es war jetzt ein Uhr vorbei. Zeit zum Mittagessen. Mühsam schleppte er sich zum Kühlschrank. Er wollte sich zwei weichgekochte Eier machen, aber seine kraftlose linke Hand ließ ihn im Stich. Ein Ei fiel zu Boden, zersprang, und auf dem Linoleumboden breitete sich ein schmieriger, gelb-weißer Klecks aus.

Er verfluchte sich wegen seiner Ungeschicklichkeit. Und er verfluchte diesen Conrad, der ihn in eine solch mißliche Lage gebracht hatte.

___________

Horowitz rasierte sich, dann wählte er aus Rücksicht auf Mrs. Washington einen einfarbigen dunklen Anzug.

Langsam und mühevoll zog er sich an; als er fertig war, musterte er sich in dem großen Spiegel in der Tür des Einbauschranks und stellte zu seiner Zufriedenheit fest, daß er wieder einigermaßen dem Samuel Horowitz von vor einigen Monaten glich. Selbst die Narbe auf seiner Wange war schon so gut verheilt, daß er sich nicht mehr allzusehr darüber ärgerte.

Er steckte zwanzig Dollar in die Tasche und griff nach seinem vierfüßigen Stock. Jetzt war er soweit, sich zum erstenmal seit seinem Schlaganfall allein auf einen weiten Weg zu machen.

Er empfand einen gewissen Stolz, als er auf seinen eigenen zwei Beinen den Aufzug betrat und das Erstaunen in Angelos Augen sah.

»He, Mr. Horowitz, wir machen Fortschritte!« rief Angelo aus.

Horowitz brachte ein gleichmütiges Lächeln zustande. »Jeden Tag geht’s ein wenig voran.«

Er hatte jedoch nicht erwartet, daß es ihn soviel Mühe kosten würde, die Eingangshalle zu durchqueren. Seine Gehübungen mit dem Krückstock hatten sich auf die Länge des Wohnzimmers und der Diele beschränkt — alles in. allem dreiundzwanzig Schritte. Die Eingangshalle war über vierzig Schritte lang. Aber als Juan, der Pförtner, ihm zu Hilfe kommen wollte, wehrte er ab und sagte:

»Keine Sorge, ich komme allein zurecht.«

Draußen schien die Sonne strahlend hell und heiß. Juan rief ihm ein Taxi und halfihm behutsam hinein.

»Wohin, Mister?« fragte der Fahrer.

»Ins Harlemer Krankenhaus.«

»Harlemer Krankenhaus?« wiederholte der Mann zweifelnd. »Sind Sie sicher?«

»Seh ich aus wie jemand, der nicht weiß, wohin er will?« fragte Horowitz.

»Schon gut, Mister«, erwiderte der Taxifahrer zögernd.

Das Taxi hatte keine Klimaanlage. Es wehte ein heißer und staubiger Wind, und Horowitz fühlte Ruß auf seinen Wangen brennen.

Er verabscheute diese Fahrt, verabscheute den jungen, dem er so gern ein Freund hatte sein wollen und der sich als ein Taugenichts wie alle anderen entpuppt hatte. Wie mußte Conrad sich im stillen amüsiert haben bei der langen Predigt, die Horowitz ihm über ernsthafte Arbeit gehalten hatte. Aber offensichtlich hatte dieser Rowdy seinen verdienten Lohn erhalten. Gut so!

Der Fahrer hielt am Eingang des Harlemer Krankenhauses, und Horowitz machte sich an die schwierige Aufgabe, sich aus dem Taxi herauszuwinden. Er konnte die Tür nicht weit genug aufstoßen, so daß die Arretierung nicht einschnappte. Sie schlug wieder zu. Der Taxifahrer stieg aus, kam um den Wagen herum und half ihm heraus.

Dicht beim Eingang zum Krankenhaus standen einige Gruppen von jungen Schwarzen. In den letzten zehn Jahren seines Lebens in dieser Stadt hatte sich in Horowitz ein Automatismus entwickelt, der ihn jetzt ängstlich und mißtrauisch werden ließ. Nichtsdestoweniger machte er sich entschlossen auf den Weg zur Eingangstür des Krankenhauses. Niemand belästigte ihn oder nahm auch nur Notiz von ihm.

Er ging zur Auskunft. Die Empfangsdame warf einen Blick auf ihn und seinen Krückstock. »Die Ambulanz ist auf der anderen Seite«, sagte sie.

»Wer hat Sie nach der Ambulanz gefragt?« erwiderte Horowitz schroff. »Ich will einen Patienten besuchen. Sein Name ist Conrad Bruton.«

Die Empfangsdame nahm den Telefonhörer auf, wählte eine Nummer und wiederholte den Namen. Dann wandte sie sich wieder an Horowitz. »Er liegt auf der Chirurgie. Zweiter Stock.« Sie deutete auf einen Fahrstuhl.

»Und was hat man über seinen Zustand gesagt?« wollte Horowitz wissen.

»Diese Informationen gehen nicht an die Öffentlichkeit«, erwiderte die Frau.

»Der Junge sollte nicht in die Öffentlichkeit gehen, dieser Lump!«

Horowitz nahm den Fahrstuhl zum zweiten Stock, wo er das Schild an einer Tür sah: BITTE RUHE. CHIRURGIE. Er blickte durch die Glasscheibe. Längs der Wände standen sechs Betten, aber eines war durch einen Vorhang abgetrennt. In diesem Bett mußte Conrad liegen. Unter dem Vorhang sah er zwei Füße, die in derben weißen Halbschuhen steckten. Mrs. Washington!

Er ging hinein und zog den Vorhang beiseite. Da lag Conrad mit geschlossenen Augen. Er hatte einen Sauerstoffschlauch in der Nase, und seine Brust war dick bandagiert. Er sah so unschuldig und mitleiderregend aus, daß Horowitz dachte: Der Heuchler! Er versucht, wie ein Engel auszusehen, aber in Wirklichkeit ist er ein Taugenichts. Seine Großmutter saß leise weinend neben dem Bett. Sie hatte Horowitz’ Eintreten gar nicht bemerkt.

Weinen Sie, Mrs. Washington, weinen Sie laut, dachte Horowitz erbittert. All Ihre Arbeit, all Ihre Hoffnungen, all. Ihre Träume —- und jetzt dieses Ende!

Nun mußte er sich aber für eine angemessene Eröffnungssalve entscheiden. Sollte er mit einem läuten, anklagenden »Aha!« beginnen? Oder unumwunden Sagen: »Es ist schändlich von dir, deiner Großmutter so etwas anzutun!«

Horowitz entschied sich in seinem Grimm für die kürzere Lösung. »Also?« brüllte er. Seine Stimme hallte durch den ganzen Saal.

Mrs. Washington sprang erschrocken auf. »Mr. Horowitz! Was machen Sie denn hier?«

Ohne seine Stimme auch nur eine Spur zu senken, entgegnete er: »Was ich hier tue? Fragen Sie lieber, was er hier tut!«

Aus einem Bett am anderen Ende des Saales rief eine Stimme: »Schafft diesen Irren hier raus!«

Mrs. Washington kannte Horowitz gut genug, um seine voreiligen Rückschlüsse zu erahnen. Sie hat mit leiser, aber energischer Stimme: »Mr. Horowitz, sagen Sie nichts, was Sie hinterher bereuen werden.«

»Bereuen?« fragte Horowitz so laut wie zuvor. »Ich sollte es bereuen, die Wahrheit gesprochen zu haben?«

Die Tür des Krankensaals wurde aufgerissen, und eine Krankenschwester kam schnell an Conrads Bett. »Verlassen Sie diesen Raum!« forderte sie Horowitz auf. »Sofort!«

»Nicht, bis ich gesagt habe, was ich sagen will!« erklärte Horowitz störrisch.

»Bitte, Mr. Horowitz«, flehte Mrs. Washington. »Sehen Sie Sich wenigstens noch dies hier an.«

»Ich habe genug gesehen«, stellte Horowitz grimmig fest.

Mrs. Washington wandte sich um und sprach leise zu dem Jungen. »Conrad? Kannst du mich hören?«

Der Junge nickte, ohne die Augen zu öffnen.

»Zeig es ihm«, sagte seine Großmutter nur noch.

Der Junge öffnete die Faust. Horowitz blickte hinunter und erkannte auf Conrads Handfläche die Goldmünze, die er ihm vor ein paar Tagen geschenkt hatte. Horowitz hob den Blick und sah Mrs. Washington fragend an.

»Er war so stolz auf diese Münze, daß er sie ständig bei sich trug. Zwei Jungen versuchten, sie ihm zu stehlen. Er hat sich gewehrt.«

»Und dabei … dabei hat er die Stichwunde abbekommen?«

»Er wollte die Münze nicht hergeben. Sie bedeutet ihm zu viel.«

»Er … er …«, versuchte Horowitz zu sagen, zog aber statt dessen die Nase hoch. »Das Alter«, erklärte er der Krankenschwester. »Die tränenden Augen des Alters.«

»Sie müssen wirklich gehen«, beharrte die Schwester jetzt in einem etwas freundlicheren Ton.

»Schon gut, schon gut, ich gehe«, erwiderte Horowitz zerknirscht und kleinlaut. »Aber lassen Sie mich bitte noch kurz etwas sagen.«

Sie gestattete es mit einem Kopfnicken.

»Conrad, mein Junge, kannst du mich hören?« fragte er. »Ich bereue aufrichtig alles, was ich beinahe gesagt hätte. Denn das muß man bereuen, auch wenn es nur Gedanken waren. Also verzeih mir. Und werde bald wieder gesund. Du bist ein guter Junge.« Er wandte sich an Mrs. Washington. »Werde ich Sie nach dem traurigen Schauspiel, das ich heute hier gegeben habe, je Wiedersehen?«

»Ja, natürlich. Morgen.«

»Gut, gut. Morgen. Und vielen Dank. Vielen Dank, daß Sie mich daran gehindert haben, Dinge zu sagen, die in ungerechtfertigtem Haß und Zorn ausgesprochen worden wären.«

8

Woher sollte ich das wissen? fragte Horowitz sich ein ums andre Mal, während das Taxi die heiße, sonnendurchglühte Avenue entlangfuhr. Woher sollte ich wissen, daß der Junge nur verteidigen wollte, was ihm gehört?

Mrs. Washington würde ihn jetzt sicherlich hassen, weil die Münze, die er dem Jungen geschenkt hatte, der Anlaß zu dieser ganzen Geschichte war. Er konnte es ihr nicht verübeln. Schließlich drehte sich ihr ganzes Leben um diesen jungen und seine Schwester.

Die schwierige Aufgabe, aus dem Taxi zu steigen, den Fahrer zu bezahlen und ins Haus zu gelangen, nahm jetzt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit einer ungeschickten Handbewegung wies er Juans Hilfe ab. Juan trat zurück, blieb jedoch in Reichweite, um Horowitz auffangen zu können, falls er ins Stolpern geraten sollte.

Obwohl er ein wenig wankte, gelang es ihm, die drei Stufen in die Halle hinunter zu bewältigen. Schließlich erreichte er den Fahrstuhl, wo Angelo ihn lächelnd begrüßte: »Schön, Sie allein gehen zu sehen, Mr. Horowitz!«

Eine großartige Leistung, grollte Horowitz in Gedanken. Eine der Beleidigungen des Alters war, daß man zu etwas beglückwünscht wurde, das man von frühester Kindheit an schon gekonnt hatte.

Wohlbehalten in der Wohnung angelangt, ließ er sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf sein ungemachtes Bett fallen. Er schlief mit dem Gedanken ein, daß es nicht das Schlimmste wäre, nie wieder aufzuwachen.

Das hartnäckige Klingeln des Telefons riß ihn unsanft aus dem Schlaf. Er griff nach dem Hörer, ließ ihn fallen und mußte ihn an der Schnur heraufziehen.

»Paps? Ist alles in Ordnung?« fragte Mona erregt. »Was ist geschehen?«

»Du hast mich aufgeweckt, das ist geschehen. Und ich habe noch halb im Schlaf nach dem Hörer gegriffen und ihn fallen lassen.«

»Ich spreche von heute nachmittag. Ich habe pausenlos versucht, dich zu erreichen, aber es hat sich niemand gemeldet. Wo warst du?«

Er wollte es ihr eigentlich nicht sagen, aber Mona etwas zu verschweigen war unmöglich. So erzählte er ihr, was Conrad widerfahren war.

Monas einzige Antwort war: »Soll das heißen, daß Mrs. Washington nicht da ist, um dich zu versorgen?«

»Das soll heißen, daß sie da ist, wo sie hingehört: bei ihrem Enkel.«

»Ich habe den Eindruck, ich sollte nach New York kommen!« erklärte Mona.

Großer Gott, nur das nicht! dachte Horowitz. Er sagte diplomatisch: »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Mir geht’s ausgezeichnet. Und wenn Mrs. Washington mal einen Tag nicht da ist, kann ich ausprobieren, wie ich allein fertig werde.«

»Aber wie kommst du zu deinem Abendessen? Wer wird es dir machen?«

»Ich rufe Fine and Shapiro, das Delikatessengeschäft um die Ecke, an und lasse mir Hühnerbrühe mit Matzeklößen und eine Portion gekochtes Huhn heraufschicken.«

»Gut!« stimmte Mona zu. »Aber sag ihnen, sie sollen das Fett von der Suppe abschöpfen. Und zieh die Haut vom Huhn ab. Die Haut enthält das ganze Cholesterin«, erklärte sie fachmännisch. »Und keine Gewürzgurken!«

»Gewürzgurken? Daran würde ich nicht im Traum denken«, beteuerte Horowitz.

Schließlich legte sie auf. Er wählte sofort die Nummer des Feinkostgeschäfts.

Ein Mann meldete sich. »Fine and Shapiro!«

»Irving?« fragte Horowitz. »Sam Horowitz.«

»Ja, hallo, Mr. Horowitz! Was kann ich für Sie tun?«

»Irving, ein schönes, dickes Corned-beef-Sandwich. Viel Fleisch und wenig Brot. Sie wissen schon, wie ich es gerne habe.«

»Ich weiß, ich weiß. In der Mitte mager, aber das Fett am Rand dranlassen.«

»Genau!« bestätigte Horowitz befriedigt. »Und außerdem eine schöne frische Dillgurke, Kartoffelsalat, Kohlsalat und eine Flasche kaltes Bier!«

»Eine besondere Sorte?«

»Ja, ein Bier ohne Cholesterin«, sagte Horowitz im Brustton der Rechtschaffenheit.

»Bier enthält nie Cholesterin, Mr. Horowitz.«

Als die Türklingel sein Essen ankündigte, wäre er vor lauter Hast fast über den Teppich gestolpert. Er gab dem Fahrstuhlführer, der den Nachtdienst versah, ein Trinkgeld, nahm begierig das kostbare Paket entgegen und ging in die Küche. Dort öffnete er die Tüte mit der erwartungsvollen Vorfreude eines Kindes, das ein Weihnachtsgeschenk auspackt.

Oh, dieser köstliche, herzhafte Geruch von koscherem Corned beef! Er entfernte die Aluminiumfolie, die das Fleisch warm hielt. Dann nahm er die obere Roggenbrotscheibe ab und strich etwas Senf aus der Tube, die Irving mitgeschickt hatte, auf das Corned beef. Er öffnete die Plastikbehälter mit den Salaten. Mit einiger Mühe schnitt er schließlich die Gurke der Länge nach in zwei Hälften. Sein Festmahl war bereitet. Er setzte sich an den Küchentisch und biß in das warme Sandwich. Es entsprach all seinen Erwartungen. Wenn das Cholesterin ist, sagte er sich, und wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich einen neuen aromatischen Extrakt, Cholesterin genannt, auf den Markt bringen und ein Vermögen damit machen!

Es war die beste Mahlzeit, die er seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, zu sich genommen hatte. Und der Genuß wurde noch erhöht durch die Atmosphäre von Heimlichkeit. Er hatte Mona überlistet. Und seinen Arzt. Ganz zu schweigen von Mrs. Washington.

Mona, mit all deinem Geld könntest du in San Diego nicht solch ein Corned beef kaufen, dachte Horowitz. Und du willst, daß ich dort leben soll. Nicht um alles in der Welt!

Nach dem Essen erwog er, Mrs. Washington zu Hause anzurufen, um sich nach Conrads Befinden zu erkundigen, aber schon der Gedanke an ein Gespräch mit ihr brachte ihn in Verlegenheit. Was konnte er ihr nach seinem lächerlichen Auftritt am Nachmittag überhaupt sagen?

Viermal griff Horowitz nach dem Telefon, zögerte aber jedesmal, die Nummer zu wählen. Schließlich gab er den Gedanken, sie anzurufen, aus Unschlüssigkeit auf. Nach diesem Entschluß nahm er den Hörer zur Hand und wählte ihre Nummer.

Mrs. Washingtons Tochter meldete sich.

»Möchten Sie meine Mutter sprechen, Mr. Horowitz?«

»Wenn es möglich wäre«, sagte er kleinlaut.

Er hörte, wie sie den Hörer ablegte und rief: »Er ist dran, Mama.«

Horowitz schloß die Augen. Die nennen mich also einfach er?

Mrs. Washington kam an den Apparat. »Mr. Horowitz?«

Er war in Versuchung zu sagen: Nein er ist’s. Statt dessen erkundigte er sich besorgt: »Wie geht es Conrad?«

»Soweit ganz gut«, erwiderte sie freundlich.

»Das freut mich für ihn, für Sie und für Louise. Es muß schlimm für sie gewesen sein.«

»Sie hört gar nicht mehr auf zu weinen. Sie hat schreckliche Angst.«

»Kein Wunder. Hören Sie, ich möchte ihr gern eine Kleinigkeit schenken. Irgendein Spielzeug, oder vielleicht eine Puppe. Suchen Sie etwas aus. Sagen Sie, es sei von mir, und lassen Sie mich wissen, was es gekostet hat. Es muß doch etwas geben, wovon sie schon lange träumt …« Er wußte nichts mehr zu sagen.

»Ihr größter Wunsch ist, daß ihr Vater zurückkommt«, sagte Mrs. Washington leise. »Wenn sie Angst hat, ruft sie nach ihm.«

»Ach, was für eine schreckliche Welt«, klagte Horowitz. »Kaufen Sie ihr trotzdem etwas. Bitte. Und kommen Sie morgen nicht. Sie haben zuviel um die Ohren, um auch noch einen törichten alten Mann zu versorgen.«

»Meine Schwester wird bei Louise bleiben. Dann kann meine Tochter tagsüber bei Conrad sein, und ich komme zu Ihnen.«

»Um meinetwillen brauchen Sie es nicht zu tun«, protestierte er.

»Ich tue es nicht Ihretwegen, sondern meinetwegen«, erklärte sie energisch. »Die beste Medizin gegen solchen Kummer ist, daß man seine Pflichten erledigt.«

Schließlich konnte er die Frage nicht mehr zurückhalten: »Verzeihen Sie mir wegen heute nachmittag?«

»Ich verzeihe Ihnen«, sagte sie sanft.

Mit einem Gefühl der Erleichterung hängte er ein. Eine bemerkenswerte Frau, diese Mrs. Washington, stark und doch gleichzeitig sehr sensibel. Hannah hatte die gleichen Eigenschaften besessen. Aber irgendwie war bei Mona etwas davon verlorengegangen. Auch Mona war stark. Doch sie hatte nicht die Sensibilität ihrer Mutter geerbt. Mona könnte eine Revolution anführen, aber sie würde sich nie die Zeit nehmen, auch nur einen Augenblick um die Opfer zu trauern.

Er wandte sich der Droge des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Fernsehapparat, zu. Red mit mir, dachte er, zeig mir Bilder, unterhalte mich, vertreib mir die Zeit. Lösch meine Gefühle aus.

Er stellte ein Programm mit einem Theaterstück ein, das schon seit einer halben Stunde lief. Für den Augenblick war sein einziges spürbares Gefühl ein leichtes Sodbrennen, das von der sauren Gurke herrührte. Gelohnt hat es sich trotzdem, tröstete er sich.

Mit der Fernbedienung suchte er auf allen erreichbaren Kanälen ein Programm, das ihn hätte fesseln können. Schließlich entschied er sich für ein nächtliches Baseballspiel im Yankee-Stadion. Die Yankees führten — keine sonderlich erfreuliche Tatsache. Horowitz war überzeugt, daß es seit den Zeiten eines Babe Ruth und eines Lou Gehrig keine echten Yankees mehr gab. Was hat man heute? »Gastarbeiter« mit phantastischen Gehältern, die nicht für die Mannschaft, sondern fürs Geld spielen. Wo war der alte Stolz geblieben?

Er schlief ein. Als er aufwachte, flimmerte der leere Bildschirm vor seinen Augen, und ein lautes Summen war zu hören. Der Knoblauch, den er mit der Gewürzgurke gegessen hatte, brannte jetzt stärker. Er mußte etwas dagegen tun.

In der Hausapotheke sollte eigentlich Alka-Seltzer sein. Wenn nicht, gab es bestimmt doppeltkohlensaures Natrium in der Küche. Er konnte sich noch lebhaft erinnern, daß sein Vater immer Natron genommen hatte, um das Brennen zu löschen, das die gebratenen Zwiebeln seiner Mutter verursacht hatten. Beim nächsten Mal, gelobte er reumütig, würde er auf die Gewürzgurke zum Corned beef verzichten.

Auf seinen Krückstock gestützt, ging er langsam ins Badezimmer. Im Arzneischrank war kein Alka-Seltzer zu finden. Er steuerte auf die Küche zu und achtete sorgsam darauf, den linken Fuß zu heben, um nicht über den dichten Flor des Dielenteppichs zu stolpern. Es war dunkel, und plötzlich blieb einer der Metallfüße seines Stocks im Teppich hängen, so daß er das Gleichgewicht verlor.

Er fiel vornüber und stieß mit dem Kopf gegen die Tür. Als er auf dem Boden aufschlug, war er bereits bewußtlos.

9

Um acht Uhr stieg Mrs. Washington aus dem Fahrstuhl und sah zu ihrem Erstaunen, daß die New York Times noch auf der Fußmatte ver der Wohnungstür lag. Mr. Horowitz muß verschlafen haben, sagte sie sich. Zweifellos hatte er eine unruhige Nacht verbracht.

Als sie die Tür öffnen wollte, spürte sie einen Widerstand. Sie spähte durch den schmalen Spalt. Horowitz lag auf dem Fußboden der Diele.

Sie wurde von panischem Schrecken ergriffen und hätte beinahe laut aufgeschrien. Aber dann gewann sie die Beherrschung wieder und schob die Tür behutsam auf, bis sie sich hineinzwängen konnte.

Sie ließ sich auf die Knie sinken und fühlte seinen Puls. Er ging langsam, aber er ging. Sie drehte Horowitz auf den Rücken und sah eine große Beule an seiner Stirn.

»Mr. Horowitz«, flüsterte sie. »Mr. Horowitz?«

Er stöhnte, hustete leicht und öffnete schließlich die Augen. Dann blickte er sich um und bemerkte das Tageslicht. »Ist es schon Morgen?«

»Was ist denn passiert?« fragte Mrs. Washington statt einer Antwort. Da sie sich vergewissert hatte, daß er am Leben und wohlauf war, klang ihre Stimme schon wieder etwas diktatorischer.

Zögernd erzählte er es ihr, ohne jedoch den wahren Grund für sein Sodbrennen zu erwähnen. Es ginge ihm gut, erklärte er, der Teppich allein sei daran schuld, daß er gefallen sei. Mrs. Washington musterte aufmerksam die Wunde an seiner Stirn.

»Wir müssen den Arzt rufen«, sagte sie.

»Wozu denn?« protestierte er. »Es geht mir gut!«

»Es ist meine Pflicht als Krankenschwester, diesen Vorfall zu melden«, erklärte sie entschieden. Dann half sie ihm auf die Beine und hob seinen Stock auf.

»Sie wollen sich nur für all die bösen Dinge rächen, die ich beinahe über Conrad gesagt hätte«, murrte er. »Ich habe mich doch entschuldigt, oder? Was wollen Sie noch? Meinen Kopf?«

Sie tat seinen Protest mit einer ungeduldigen Handbewegung ab und ging in die Küche, um Dr. Tannenbaum anzurufen.

___________

Mrs. Washington hatte die leere Tüte des Delikatessengeschäfts im Abfalleimer entdeckt, als sie den Müll hinaustragen wollte. Sie ging mit langen Schritten ins Wohnzimmer, wo sie Horowitz nach dem Frühstück zu seiner Arbeit mit den Murmeln allein gelassen hatte.

»Und was hat das hier zu bedeuten?« fragte sie, die Tüte schwenkend.

»Ich habe mir gestern abend eine Kleinigkeit zum Essen bestellt«, erwiderte er ausweichend und beschäftigte sich übereifrig mit den Murrneln. »Ein wenig Hühnerbrühe mit Matzeklößchen.«

»Ach, wirklich? Wenn man bei Fine and Shapiro Hühnerbrühe mit Matzeklößchen bestellt, wird sie in einem Topf geliefert. Ich habe keinen Topf gesehen.«

»Woher wissen Sie denn über Fine and Shapiro so genau Bescheid? Nein, sagen Sie nichts! Die Rosengartens!«

»Genau.«

»Mein Pech!« klagte er. »Ich hätte es mir denken können. Schön, es war keine Hühnerbrühe! Es war ein Sandwich.«

»Und was noch?« fragte sie, ungeduldig mit den Fingern auf die zerknitterte Tüte trommelnd.

»Ein wenig Kartoffelsalat. Was ist schließlich ein Sandwich ohne ein wenig Kartoffelsalat?« Den Blick fest auf die verhaßten Murmeln geheftet, fuhr er in seinem Geständnis fort: »Kohlsalat. Corned beef. Senf.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Und ein oder zwei Stückchen saure Gurke.« Dann verteidigte er sich sofort wieder: »Es ist kein Verbrechen, etwas Corned beef zu essen. Wollen Sie wissen, weshalb ich es getan habe?«

»Ja, sagen Sie mir, weshalb.«

»Mona hat angerufen. Sie bestand darauf, daß ich Hühnerbrühe ohne Fett bestelle. Und gekochtes Huhn ohne Haut esse. Die Haut ist das Beste daran. Da wollte ich ihr für ihre ständige Einmischung in meine Angelegenheiten einen Denkzettei verpassen.«

Mrs. Washington nickte. Jetzt war ihr alles klar. Sie setzte gerade zu einer wütenden Bemerkung an, da klingelte es an der Haustür.

»Tannenbaum!« sagte Horowitz, der den Feind schon witterte.

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Dr. Tannenbaum, ein hochgewachsener, magerer Mann mit buschigem Schnurrbart und dicken Brillengläsern, verbrachte eine beträchtliche Zeitspanne damit, die Wunde an Horowitz’ Kopf zu untersuchen. Dann ließ er ihn husten und tief durchatmen. Horowitz fragte sich die ganze Zeit über im stillen: Wie ist es möglich, daß ein Stethoskop mitten im Sommer so kalt sein kann? Bewahrt man es den ganzen Tag in einem Gefrierschrank auf?

Schließlich sagte Tannenbaum: »Es scheint soweit alles in Ordnung zu sein.«

Horowitz sah Mrs. Washington mit triumphierender Miene an.

»Aber …«, fuhr Tannenbaum fort.

»Ho-ho-ho, die Wenn und die Aber«, klagte Horowitz. »Die Wenn und die Aber bringen mich noch ins Grab.«

»Aber ich werde morgen vorbeikommen müssen, und vielleicht auch übermorgen, um sicher zu sein, daß sich nichts daraus entwickelt.«

»Ich werde nicht zu Hause sein«, drohte Horowitz.

Tannenbaum fixierte ihn durch seine dicken Brillengläser. »Wo werden Sie sein? Werden Sie im Baseballfinale auf der zweiten Linie spielen?«

Am Ende seiner Weisheit angelangt, gab Horowitz kleinlaut bei: »Hören Sie, wenn Sie kommen wollen, habe ich nichts dagegen. Aber Sie sollten vorher Ihr Stethoskop ein wenig anwärmen. Und tun Sie mir noch einen Gefallen: Sagen Sie Marvin nichts.«

»Sie sind schwer gestürzt, Mr. Horowitz. Ich betrachte es als meine Pflicht, Ihren Sohn davon zu unterrichten.«

»Pflicht … Pflicht …«, jammerte Horowitz. »jeder fühlt sich jedem außer mir gegenüber verpflichtet.«

»Es ist nur zu Ihrem Besten«, tröstete ihn Tannenbaum.

»Sagen Sie mir, Herr Doktor, in welchem Alter verliert ein Mensch das Recht, selbst zu entscheiden, was zu seinem Besten ist? Gibt es da irgendein Gesetz? Steht etwas darüber in der Bibel geschrieben? Oder in der Verfassung?«

»Glauben Sie einfach, was ich Ihnen sage.«

»Einfach glauben?« Horowitz schüttelte betrübt den Kopf. »Wir haben diesem Südstaatler Jimmy Carter geglaubt, daß er weiß, wie man das Land regieren muß. Sehen Sie sich an, was daraus geworden ist. Was immer die Nordstaaten im Sezessionskrieg den Südstaaten angetan haben, jetzt sind wir quitt!«

___________

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon, und Mrs. Washington eilt in die Küche, um abzunehmen.

»Lassen Sie sich Zeit. Es ist nur Mona«, sagte Horowitz.

»Woher wissen Sie das?«

»Wenn man Mona kennt, kennt man auch ihr Anläuten.«

»Das ist lächerlich.«

»Lächerlich oder nicht, ich wette, daß es Mona ist.«

Mrs. Washington nahm den Hörer ab.

»Ist mein Vater zu sprechen?« fragte eine strenge, weibliche Stimme.

Mrs. Washington nickte Horowitz zu. »Mona«, bestätigte sie.

Er nahm den Hörer. »Mona, mein Liebling. Wie geht es dir heute?«

»Es ging mir gut, bis ich von Marvin hörte, daß du gefallen bist und dich am Kopf verletzt hast. Wie konnte es dazu kommen?«

»Nun«, begann Horowitz, »du hast doch sicher diesen neuen Tanz gesehen, den sie im Fernsehen zeigen? Diesen Hustle? Nun, ich wollte Mrs. Hess, der Witwe aus dem dritten Stock, den Hustle beibringen, und dabei haben sich unsere Füße irgendwie verheddert, und ich bin hingefallen und …«

»Paps, die Sache ist ernst«, unterbrach Mona ihn ungeduldig.

»Mit Mrs. Hess? Sei nicht albern. Sie ist eine miserable Köchin.«

»Sagst du mir jetzt endlich, was genau geschehen ist?« fragte sie.

»Es war wirklich nichts von Bedeutung. Ich bin in der Nacht aufgestanden, um mir ein Alka-Seltzer zu holen, und bin über den Teppich gestolpert.«

»Warum hast du ein Alka-Seltzer gebraucht?«

»Ich weiß nicht«, sagte er ausweichend. »Vielleicht war die Hühnerbrühe schuld daran.«

»Kein Mensch hat je von Hühnerbrühe Sodbrennen bekommen«, erklärte Mona entschieden. »Du bekommst ganz offensichtlich nicht die Pflege, die du brauchst. Du solltest nachts nicht allein sein.«

»Ich will nicht die ganze Nacht Krankenschwestern um mich haben!

Es genügt vollauf, daß ich tagsüber die Anwesenheit von Mrs. Washington ertragen muß«, erklärte er und deutete der Betroffenen dabei mit einer beschwichtigenden Geste an, daß er lediglich seine Sache vertrat.

»Was du brauchst, ist ein Haushalt mit festem Personal. Albert und ich haben ein Hausmeisterehepaar, das bei uns wohnt. Wenn du hier wärst und etwas mitten in der Nacht passierte, brauchtest du nur zu klingeln. Oh … du hättest … sterben können!« sagte sie und begann zu weinen.

Horowitz flüsterte Mrs. Washington zornig zu: »Verstehen Sie jetzt, warum ich nicht wollte, daß Sie den Arzt rufen? Sie weint. Weinen ist ihre große Stärke. Als sie Albert dazu bringen wollte, nach San Diego zu ziehen, hat sie vier Tage lang ununterbrochen geweint.«

Ins Telefon sagte er tröstend: »Mona, Liebling, du hast keinen Grund zum Weinen. Es geht mir von Tag zu Tag besser. Siehst du jetzt zum Beispiel, während ich mit dir spreche, halte ich den Hörer mit der linken Hand. Und um dir zu beweisen, wie gut ich das ohne Hilfe meiner rechten Hand kann, werde ich ihn jetzt auflegen.«

Woraufhin er auflegte, ohne mehr ihr verzweifeltes »Nein, Paps!« zu beachten. »Sehen Sie, Mrs. Washington, was Sie angerichtet haben? Das wird Ihr Gewissen für den Rest Ihres Lebens belasten.«

»Machen Sie kein Drama daraus, Mr. Horowitz.«

»Ist das etwa kein Drama? Man packt einen armen, wehrlosen Mann und steckt ihn ins Gefängnis. Genau das würde mich dort erwarten. So eine Art Nobelgefängnis. Mit wem könnte ich mich unterhalten? Mit niemand. Mit wem könnte ich Binokel spielen? Mit niemand! Ich würde verkümmern und vor Einsamkeit sterben. Es gibt keinen Central Park in San Diego. Es gibt kein Fine and Shapiro!«

»Und kein Sodbrennen!« erinnerte Mrs. Washington ihn.

»Kein Sodbrennen?« Dankbar griff er das Wort auf. »Ich sage Ihnen, die Luft dort ist so voll von Smog, daß man schon allein vom Atmen Sodbrennen bekommt!«

Das Telefon klingelte wieder. »Gehen Sie nicht ran!« befahl er.

»Es ist sicher wieder Ihre Tochter.«

»Sehen Sie«, sagte er triumphierend, »Sie können sie bereits an ihrem Klingeln erkennen.«

Er nahm den Hörer ab und sagte freundlich: »Hallo, Liebling!«

»Paps, du darfst nie wieder einhängen, wenn du mit mir sprichst!«

»Ich dachte, wir seien fertig. Was gibt es noch zu sagen?«

»Ich komme nach New York«, erklärte sie. »Und ich nehme dich mit zurück. Also triff Vorkehrungen, die Wohnung aufzulösen.«

»Wann kommst du?« fragte er zutiefst besorgt.

»Ich habe einen Freund von Albert angerufen, der einen eigenen Lear-jet hat. Er hat versprochen, ihn mir am Montag in einer Woche zur Verfügung zu stellen. Am übernächsten Montag gegen Mittag komme ich in New York an, dann werde ich wohl ein oder zwei Tage brauchen, bis alles erledigt ist, und wir können am Mittwoch abend in San Diego sein.«

»Mona …«, versuchte er, sie zu unterbrechen.

»Paps, ich kann nicht zulassen, daß du weiter allein lebst. Mutter würde es mir nie verzeihen.« Sie begann wieder zu weinen. »Sie hat mir immer gesagt: ‘Wenn ich zuerst sterbe, kümmere dich um deinen Vater.«

»Mona«, sagte er bedrückt, »mir gefällt’s hier. Das ist mein Zuhause. Ich möchte bis zu meinem Tod hier leben.«

Die Erwähnung seines Todes rief einen neuen Tränenstrom hervor.

»Montag in einer Woche!« Diesmal war es Mona, die auflegte.

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Das ganze Mittagessen über war Horowitz verdrießlich und bedrückt. Er aß eine der frischen goldbraunen Plinsen, die Mrs. Washington ihm vorgesetzt hatte, um ihn etwas aufzuheitern, und hatte kaum mit der zweiten begonnen, als er den Teller zurückschob und erklärte: »Wir müssen verhindern, daß sie hierherkommt!«

»Wie denn?«

»Das weiß ich auch nicht.« Plötzlich erhellte sich sein Gesicht zu einem breiten Lächeln. »Ich hab’s!« rief er triumphierend. »Ich hab’s!«

»Was?«

»Mrs. Washington, würden Sie mir die Ehre erweisen, mich zu heiraten? Und mir gleichzeitig das Leben zu retten!«

Mrs. Washington starrte ihn völlig verblüfft an. »Was für eine lächerliche Idee! Wieso würde ich Ihnen damit das Leben retten?«

»Ich werde es Ihnen erklären. Angenommen, wir heiraten. Mona kommt. Sie will mich nach San Diego mitnehmen. Ich sage: ›Mona, Liebling, das mußt du mit meiner Krankenschwester besprechen.‹ Und dann fechten Sie es mit ihr aus.«

»Bei einer Auseinandersetzung mit ihr wäre ich immer die Unterlegene«, sagte Mrs. Washington.

»Hören Sie zu! Das ist wie beim Binokel. Wer die meisten Trümpfe hat, gewinnt. Und Sie haben alle Trümpfe in der Hand, Mrs. Washington.«

»Wirklich?« fragte sie mißtrauisch, denn sie ahnte, was er als nächstes sagen würde.

»Mona läßt Sie nicht zu Wort kommen, Sie sind ihr nicht gewachsen, sie beharrt eisern auf ihrer Meinung. All das wird sich zweifellos so abspielen. Dann sagen Sie einfach: ‘Ich kann Ihren Standpunkt sehr gut verstehen. Samuel und ich haben gerade geheiratet, und wahrscheinlich wäre es für ihn das beste, wenn wir zu Ihnen nach San Diego ziehen.«

»Warum sollte ich das sagen?« fragte Mrs. Washington.

Horowitz rief triumphierend: »Weil meine Mona bei dem Gedanken, daß ihr Vater mit einer schwarzen Ehefrau zu ihr zieht, bestürzt sein wird, daß sie sogar zu weinen vergißt. Sie wird froh sein, allein nach San Diego zurückkehren zu können. Sie wird mich nicht einmal mehr anrufen. Ist das nicht phantastisch?« fragte er mit einem strahlenden Lächeln.

Dann bemerkte er den seltsamen Ausdruck in Mrs. Washingntons Gesicht. Hinter ihren Brillengläsern schimmerten Tränen auf.

Sein Siegesgefühl verschwand. »Was ist los? Was haben Sie?«

Sie wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen. »Ich finde das sehr grausam von Ihnen«, brachte sie schließlich hervor.

»Was habe ich getan?« fragte er in aller Unschuld.

»Sie haben mich als Waffe in diesem lächerlichen Spiel benutzt.«

»Ich wollte nicht …«

»Sie wollten nicht, aber Sie haben’s getan. Sie haben mich, haben meine schwarze Hautfarbe als Waffe gegen Ihre Tochter benutzt. Ich bin keine Waffe, Mr. Horowitz. Ich bin ein menschliches Wesen mit Gefühlen. Ich werde nicht gern daran erinnert, daß Ihre Tochter mich nicht in ihrem Haus dulden würde.«

»Sie verstehen nicht …«, wandte er ein.

»O doch, ich verstehe sehr wohl. Aber ich habe auch meinen Stolz. Und der duldet solche grausamen Scherze nicht.«

Sie drehte sich um und ging rasch hinaus.

Horowitz blieb fast eine Stunde grübelnd im Wohnzimmer sitzen, dann ging er in die Küche. Mrs. Washington saß am Tisch. Sie hatte ihr Mittagessen nicht angerührt.

»Mrs. Washington …«, begann er stockend. »Es war grausam von mir. Verzeihen Sie. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich ein verzweifelter Mann bin, der um sein letztes biß chen Freiheit und Selbstachtung kämpft. Ich möchte auf meine alten Tage unabhängig sein. Das ist doch das mindeste, was ich vom Leben verlangen kann. Aber Mona will das nicht zulassen. Deswegen mußte ich irgend etwas finden …«

Ehe er sich abwandte, um hinäuszugehen, fragte er: »Mrs. Washington, angenommen, nur einmal angenommen, ich hätte Sie gebeten, meine Frau zu werden, nicht aus diesem Grund, sondern weil ich eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen gefaßt habe, was hätten Sie geantwortet?«

Sie drehte sich langsam um und sah ihn an. »Ich hätte mich sehr geehrt gefühlt. Aber die Antwort wäre trotzdem nein gewesen.«

___________

Als Mrs. Washington am nächsten Morgen eintraf, fand sie das Wohnzimmer in völliger Unordnung vor. Ihr erster Gedanke war, daß Einbrecher in der Wohnung gewesen seien.

»Mr. Horowitz!« rief sie erschrocken und lief eilig ins Schlafzimmer.

Dort herrschte ein noch größeres Durcheinander. Horowitz’ gedämpfte Stimme kam aus dem riesigen Kleiderschrank. Er stand da, mit einer Hand auf seinen Stock gestützt, während er mit der anderen in einem der oberen Fächer herumtastete.

»Was ist hier los?« fragte Mrs. Washington.

»Ich treffe Vorbereitungen«, erklärte er dramatisch.

Sie befahl ihm mit einem gebieterischen Zeigefinger, aus dem Kleiderschrank herauszukommen. »Wie ist es Ihnen bloß gelungen, diese Wohnung derartig in Unordnung zu bringen? Waren Sie die ganze Nacht auf?«

»Nicht die ganze Nacht. Aber den größten Teil«, gab er zu.

»Auf Ihren Nachttisch habe ich doch eine Schlaftablette gelegt.«

»Soll ich etwa die wenigen Tage der Freiheit, die mir noch vergönnt sind, verschlafen?« fragte er in kummervollem Ton. »Ich gehe nicht widerspruchslos in die Sklaverei. Denken Sie daran, was Ihr Verwandter, Booker T. Washington, gesagt hat: ‘Schenkt mir die Freiheit, oder schenkt mir den Tod!«

»Booker T. Washington war nicht mit mir verwandt, und er hat das nie gesagt«, erwiderte sie. »Patrick Henry hat es gesagt.«

»Nun, Washington könnte es ebensogut gesagt haben«, wandte er ein.

Mrs. Washington musterte die Kleidung, die Nippsachen und persönlichen Andenken, die ringsum verstreut lagen. »Ich werde einen Monat brauchen, bis ich das alles wieder aufgeräumt habe«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Einen Monat?« jammerte er. »Mir bleiben nur noch ein paar Tage! Ein paar Stunden!« Mit einer theatralischen Geste streckte er die linke Hand aus, um die Zeitspanne anzudeuten, die vor ihm lag. »Manche Menschen werden durch die Güte eines barmherzigen Gottes unerwartet niedergestreckt. Aber ich bin dazu verdammt, im voraus zu wissen, daß mich Mona am Montag in einer Woche holen kommt Das jüdische Altersheim! Das ist das Gefängnis, in das sie mich stecken wird!«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich erinnere mich daran, wie sie Geld dafür gesammelt hat«, erwiderte Horowitz. »Sie sagte damals, es sollte das beste, modernste Altersheim des ganzen Landes werden. Ich will nicht mit einem Haufen seniler Greise eingesperrt werden. Ich bin nicht senil. Ich bin nicht einmal alt. Ich bin allenfalls ein Mann, der ein bißchen Schwierigkeiten mit seinem linken Fuß hat.« Um seinen’Worten Nachdruck zu verleihen, breitete er die Arme aus und ließ dabei den Krückstock los. Einen Augenblick wankte er. Als er merkte, daß er den Halt verlor, rief er verzweifelt: »Mrs. Washingtoh!«

Sie fing ihn auf und stützte ihn. Nachdem sie seinen Stock aufgehoben hatte, richtete er sich würdevoll auf und sagte: »Mrs. Washington, das Sammelsurium, das Sie hier herumliegen sehen, ist mein Leben. Es sind Dinge, die Hannah und ich von unseren Reisen mitgebracht haben. Kleinkram ohne jeden Wert — außer für uns.

Gestern abend habe ich versucht, eine Liste von Leuten aufzustellen, die vielleicht gern etwas hätten, was sie an Hannah und mich erinnert.

Es war unmöglich. Hannahs wertvoller Schmuck ist schon fort. Mona, Candy, Marvins Frau und seine Tochter haben ihn bekommen. Ich selbst besitze keine Wertsachen. Ich habe mir nie etwas aus Ringen und teuren Uhren gemacht. Ein paar Manschettenknöpfe sind noch da. Eine kunterbunte Sammlung von Münzen, die ich von unseren Europareisen mitgebracht habe.«

Er wühlte in den Habseligkeiten, die auf seiner Bettdecke lagen.

»Die könnten Sie doch mitnehmen«, schlug Mrs. Washington vor.

»Wozu? Um sie den anderen Juden im jüdischen Altersheim zu zeigen? Nein, es ist besser, alles wegzugeben.«Er wandte sich ihr zu. »Wenn Sie irgend etwas sehen, was Sie haben möchten, nehmen Sie es sich!«

»Ich werde Ihnen erst einmal Ihr Frühstück machen«, sagte sie, um das Thema zu wechseln.

___________

Horowitz saß am Tisch, als sie mit seinem frisch ausgepreßten Orangensaft hereinkam. »Und?« fragte er.

»Was und?«

»Soll ich vielleicht raten, was gestern geschehen ist?«

Sie war überrascht. »Gestern?«

»Ja, gestern!« wiederholte er ungeduldig. »Ein Junge liegt im Krankenhaus. Verletzt. Er wird gottlob wieder gesund. Und gestern sollte er nach Hause kommen. Also, ist er nach Hause gekommen?«

»Ja, er ist zu Hause. Und es geht ihm gut! Abgesehen von der Narbe auf seiner Brust wird nichts zurückbleiben, hat der Arzt gesagt. Und Conrad bedankt sich vielmals für den Chemiekasten.«

»Was für einen Chemiekasten?« fragte Horowitz erstaunt.

»Ich habe Louise ein paarmal gefragt, was sie als Geschenk haben möchte, und sie sagte, einen Chemiekasten. Das kam mir seltsam vor. Dann stellte es sich heraus, daß Conrad sich schon immer einen gewünscht hatte, und sie wollte ihn bei seiner Heimkehr damit überraschen.«

»Na, das nenne ich eine liebevolle, aufmerksame SchWester! Und solch eine Schwester hat ein eigenes Geschenk verdient. Also werden Sie…«

Noch ehe er das Thema weiter erörtern konnte, ging sie hinaus.

Horowitz beendete schweigend sein Frühstück. Dann schleppte er sich ins Wohnzimmer und begann unter Mrs. Washingtons wachsamen Blicken mit den Bewegungsübungen Für seine Hand. Nach einer Weile sagte er leise: »Mrs. Washington, ich werde Sie sehr vermissen.« Sie erwiderte nichts.

»Sie sollen wissen, daß ich Ihnen sehr dankbar bin für alles, was Sie für mich getan haben. Und noch mehr Für das, was Sie versucht haben und wo ich nicht mitgearbeitet habe. Ich weiß, daß ich ein alter Dickschädel bin.« Plötzlich wurde er von Wut und Verzweiflung gepackt. »Diese verdammte Gurke! Wenn diese verdammte Gurke nicht gewesen wäre, wäre ich nie gefallen, und diese ganze Geschichte wäre nie passiert. Es ist doch nicht zu glauben, daß ein Mensch wegen einer lausigen Gurke seine Freiheit verlieren kann!«

Mit diesen Worten stand er auf, hob seinen Krückstock und stieß ihn weg, worauf er das Gleichgewicht verlor und zu taumeln begann. Ohne Mrs. Washingtons rasches Eingreifen wäre er vornüber auf den Teppich gestürzt.

Sie sagte sanft: »Jetzt sehen Sie, warum Sie zu Mona ziehen sollten. Sie brauchen jemanden, der Sie betreut.«

»Was ist mit Ihnen?«

»Ich werde eine andre Stellung finden.«

»So eine wie diese?«

Sie schwieg.

___________

Er war gerade dabei, die Spielkarten zu mischen, da kam ihm plötzlich ein Gedanke, und er rief in Richtung Küche: »Mrs. Washington, kommen Sie doch mal!«

»Ja?« fragte sie, als sie das Zimmer betrat.

»Mrs. Washington«, erklärte er feierlich, »was ich zu sagen beabsichtige, kann nicht mit bloßen Worten gesagt werden. Dazu ist Musik nötig. Erraten Sie diese Melodie, dann bekommen Sie ein zusätzliches Wochengehalt! Hören Sie gut zu!« Er begann, eine atonale Melodie auf »Didel di di di di dideldo! Dideldo! Dideldo!« zu singen. Dann wartete er gespannt.

Als sie nicht reagierte, sagte er erzürnt: »Ein Glück, daß wir nicht im Fernsehen sind. Sie hätten jetzt zehntausend Dollar verloren. Ich fürchte, ich werde Ihnen die Antwort geben müssen.«

Woraufhin er sang: »Josua schlug die Schlacht von Jericho, Jeridcho, Jericho! Haben Sie’s jetzt erkannt, Mrs. Washington?«

»Ja, ich hab’s erkannt. Und deshalb haben Sie mich hereingerufen?«

»Merken Sie denn den tieferen Sinn nicht?« fragte Horowitz ungeduldig. »Ich sitze hier und überlege mir: Was kann ich alter Jude tun, um dem jüdischen Altersheim zu entgehen? Und ich erinnere mich an einige andere alte Juden. Da gab es Abraham, Isaak, Jakob. Sie hatten keine nennenswerten Kämpfe auszufechten. Aber wer war der erste Held, der die erste bedeutende Schlacht gegen eine große Übermacht gewonnen hat? Josua! Also sagte ich mir: Was der kann, kann ich schon lange! Na?!«

»Sicher weiß ich nur eins, Mr. Horowitz. Josua ist so oft um Jericho herumgegangen, bis dieMauern eingestürzt sind.«

»Volltreffer!« rief Horowitz aus. »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur weil ich einmal hingefallen bin, ist Mona überzeugt, daß ich eingesperrt werden muß. Aber ich werde ihr beweisen, daß ich sehr gut gehen kann. Daß ich ohne jede Hilfe alles Nötige tun kann! Dann hat sie keine Argumente mehr.«

»Wie wollen Sie ihr das beweisen?«

»Wie?« fragte er unwirsch. »Indem ich tue, was ich gesagt habe. Indem ich ohne Hilfe gehe, ohne Hilfe esse, alles ohne Hilfe tue!«

»Dazu müßte ein Wunder geschehen«, sagte sie.

»Und Sie, Mrs. Washington, werden mir dabei helfen! Statt viermal am Tag werde ich meine Übungen achtmal machen. Kartenspielen kommt nicht mehr in Frage. Nur noch Übungen! Wir werden Mona gemeinsam überlisten. Sie behalten Ihre Stellung und ich meine Freiheit.«

»Es bleiben uns nur zehn Tage«, erinnerte sie ihn.

»Na und? Gott hat in sechs Tagen eine ganze Welt geschaffen.«

10

»Streeecken«, verlangte Mrs. Washington, während sie Horowitz’ Arm nach oben und über seinen Kopfhob. Er zwang sich, seinen Arm weiter als je zuvor auszustrecken. Beim zehnten Versuch gelang es ihm schließlich, die Wand zu berühren.

»Ho-ho-ho!« tiefer. »Nicht schlecht, nicht schlecht. Weiter!«

Sie ließ ihn eine Reihe anderer Übungen machen. »Noch einmal. Aber schneller und mit mehr Schwung!« befahl sie.

»Schwung? Wofür trainiere ich, für die Schwergewichtsmeisterschaft? Bin ich der neue Stern am Boxhimmel?«

»Ich sage nur: Mona!« drohte sie.

»Schon gut, schon gut.« Es bedurfte keiner weiteren Ermahnungen.

Als sie fertig waren, machte sie sein Frühstück. Sie servierte ihm ein verlorenes Ei auf Toast, damit er sowohl das Messer als auch die Gabel benutzen mußte. Und diesmal hatte seine Gabel keinerlei Polsterung. Er zögerte, sie in die Hand zu nehmen, aus Angst, daß es ihm nicht gelingen würde. Schließlich versuchte er es. Die Gabel fiel klirrend zu Boden.

»Vielleicht übertreiben wir es jetzt ein wenig«, sagte er.

Mrs. Washington zog eine andere Gabel aus ihrer Schürzentasche. »Wenn Sie im Flugzeug nach San Diego sitzen und man Ihnen Ihr Mittagessen serviert, werden Sie’s wahrscheinlich schaffen«, bemerkte sie sarkastisch. »Noch einmal!«

Beim achten Versuch gelang es ihm, die Gabel aufzunehmen. Er hielt sie fest, blickte auf sie hinunter, bewunderte seine Tüchtigkeit und begann zu essen.

»Wie kommt es, daß Sie so viele Gabeln zur Hand hatten?« fragte er,

Sie griff in die Tasche und holte vier weitere heraus.

»Sie dachten, ich würde es zwölfmal versuchen müssen?« fragte er, dann setzte er stolz hinzu: »Und ich habe es beim achten Mal geschafft, sehen Sie!«

Nach dem Frühstück übte er sich im Gehen mit dem Krückstock.

»Mrs. Washington!« erklärte er plötzlich. »Es ist Zeit, daß ich dieses vierfüßige Ungetüm loswerde. Wir gehen in die Stadt und kaufen einen schönen, eleganten Stock.«

»In der Achtzigsten Straße gibt es ein Orthopädie-Fachgeschäft.«

»Ich will keinen orthopädischen Stock, ich will einen, der Mona beeindruckt«, sagte er. »Zum Beispiel vom Kaufhaus Saks in der Fifth Avenue!«

»Na schön«, willigte sie schließlich ein. »Wir gehen gleich nach dem Mittagessen los.«

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Der junge Verkäufer im vornehmen Warenhaus Saks warf einen Blick auf Horowitz’ Krückstock und zog als erstes einen Aluminiumstock heraus. Horowitz lehnte ihn mit einer geringschätzigen Handbewegung ab.

»Ich will einen Stock, den man bei zwanglosen Gelegenheiten benutzen kann, der aber auch nicht fehl am Platz wirkt, wenn man abends ins Theater geht«, sagte er großspurig.

Der Verkäufer nahm drei weitere Stöcke aus dem Ständer: einen mit einem Griff aus giänzendem Elfenbein, einen zweiten aus feinem hellem Palmenholz aus Malakka und einen dritten mit einem Ledergriff. Horowitz probierte jeden von ihnen. Mrs. Washington hatte den Eindruck, daß sie ihm nicht den notwendigen Halt gaben.

Er schwankte noch zwischen dem Malakkastock und dem Stock mit dem Ledergriff, als er plötzlich einen knorrigen, aus Irland importierten Stock entdeckte.

»Zeigen Sie mir den!« befahl er.

»Das ist eher ein Knüttel als ein Stock«, wandte der Verkäufer ein, als er ihn Horowitz reichte.

Horowitz befühlte ihn, dann stützte er sich auf ihn und betrachtete sich im Spiegel. »Genau wie Sir Harry Lauder!« rief er aus.

Mrs. Washington und der Verkäufer sahen ihn verblüfft an.

»Harry Lauder, der Alleinunterhalter«, erklärte Horowitz. »Ich habe ihn gesehen, als er seine zwölfte Abschiedsvorstellung in New York gab. Er hatte einen Stock wie diesen dabei.«

Horowitz begann zu singen: »Didi di di didi« und versuchte ein schottisches Volkslied nachzuahmen. »Erkennen Sie das Lied nicht?«

Plötzlich bemerkte er, daß andere Kunden sich neugierig um ihn geschart hatten. Er hielt inne und sagte, zum Verkäufer gewandt: »Ich nehme diesen!«

»Sollen wir ihn mit der Rechnung zuschicken?« fragte der Verkäufer.

»Was ist los? Ist Bargeld aus der Mode gekommen?« entgegnete Horowitz. »Ich nehme ihn gleich mit. Ich muß ein wenig üben.«

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»Versuchen Sie’s noch einmal«, sagte Mrs. Washington. Sie sah kritisch zu, wie Horowitz, auf seinen knorrigen, irischen Stock gestützt, über den Dielentepplch ging. Er bewegte each schwerf‘ällig, aber weniger mühsam als vor einer Woche. Den linken Fuß zog er allerdings immer noch nach. Mrs. Washington schüttelte betrübt den Kopf.

Horowitz schlurfte niedergeschlagen ins Wohnzimmer und ließ sich in einen Sessel sinken. »Mrs. Washington«, begann er, »ich bin, wie Sie wissen, sehr halsstarrig. Aber es kommt der Augenblick, wo man sich fragen muß: Bin ich zu halsstarrig? Zu … stolz?«

Sie wußte, wie schwer es ihm fiel, diese Frage zu stellen, und deshalb überlegte sie sorgfältig, ehe sie antwortete.

Er legte ihr Schweigen falsch aus. »Geben Sie’s ruhig zu. Sie meinen, ich sollte es aufgeben, sollte mit Mona nach San Diego gehen und mich aufs Sterben vorbereiten.«

»Nein, Mr. Horowitz, das meine ich nicht.«

»Dann erklären Sie mir doch bitte, warum ich’s nicht schaffe! Warum habe ich ständig dieses schreckliche Bild vor Augen, daß Mona in drei Tagen an der Wohnungstür klingelt und ich auf dem Weg zur Tür in der Diele stolpere und falle. Und daß sie mich, ihren Vater, dort als hilflosen Krüppel auf dem Boden liegen sieht.«

Mrs. Washingtons Augen blickten ruhig und ehrlich, als sie sagte: »Ich glaube, Sie sind erschöpft, weil Sie sich überanstrengt haben. Aber ich bin überzeugt davon, daß Sie es schaffen, wenn Sie es sich ernsthaft vornehmen.«

»Mrs. Washington, wenn Sie daran glauben, will ich es weiter versuchen. Probieren wir’s noch einmal.«

»Nein. Ich finde, Sie sollten sich erst einmal eine Weile in Ihrem Sessel ausruhen.«

»Werden Sie bei mir bleiben und sich auch ausruhen?«

»Wenn Sie es gerne wollen.«

»Ja, ich will es«, erwiderte er. »Ich brauche Gesellschaft, Mrs. Washington. Ich fühle mich jetzt manchmal sehr einsam«, gestand er zögernd. »Es war etwas anderes, als ich mich noch frei bewegen konnte. Ich konnte im Park spazierengehen, den Zoo besuchen, die Tiere ansehen und die Kinder beobachten, wie sie die Tiere beobachteten. Ich hatte nicht teil an ihrem Leben, aber ich hatte teil am Leben. Jetzt …«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Unten auf der Straße waren die Geräusche des mittäglichen Verkehrs zu hören.

»Mr. Horowitz«, sagte sie schließlich sanft, »Sie haben in letzter Zeit selbst dafür gesorgt, daß Sie einsam sind. Ihr Freund Phil Liebowitz hat sechsmal angerufen. Mrs. Braun vom vierten Stock hat gefragt, ob sie heraufkommen und Ihnen Gesellschaft leisten solle, Mrs. Clevenger hat Sie zum Abendessen eingeladen, und Sie haben abgelehnt.«

Er antwortete mit einer leisen Stimme, die um Verständnis bat. »Mrs. Washington, ich kann diesen Menschen nicht gegenübertreten. Liebowitz ist jemand, den ich seit vierundvierzig Jahren kenne. Wir haben unzählige Male zusammen Binokel gespielt, sind zusammen in die schul gegangen. Unsere Frauen waren Freundinnen. Er hat mich noch nie so gesehen. Ich will nicht, daß er auf meine Narbe starrt, während er seine Karten ansehen sollte. Ich will nicht, daß er sieht, wie ich vergeblich versuche, eine Karte aufzuheben. Verstehen Sie das?«

»Ja.«

»Also, was meinen Sie?«

»Ich meine, es ist Zeit, wieder mit unseren Übungen anzufangen.«

Er starrte sie an, dann lächelte er. »Mrs. Washington, Sie sind ein Tyrann. Aber ein sehr geschickter Tyrann.« Er stand auf und fragte: »Vielleicht haben Sie den Eindruck, daß ich mich eben ein wenig selbst bemitleidet habe?«

»Ein wenig.«

Er blickte in ihre glänzenden schwarzen Augen, sagte jedoch nichts mehr.

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Samuel Horowitz strich einen weiteren Tag auf seinem Kalender durch. Zwei Tage, achtundvierzig Stunden, blieben nur noch bis zu Monas Ankunft.

Er rechnete sich seine Chancen aus. Manches konnte er schon besser, erheblich besser. Aber das Gehen mit dem neuen Stock war immer noch ein Problem. Wenn sein Fuß sich doch nur so bewegte, wie er sich bewegen sollte!

Als es Zeit für den Spaziergang in den Park war, sah er seinen Rollstuhl in der Nähe der Tür bereitstehen. Zum Teufel mit dem Stuhl, sagte er sich, ich brauche ihn nicht mehr! »Mrs. Washington«, verkündete er, »der Rollstuhl bleibt hier!«

»Gut, wenn Sie glauben, daß Sie’s schaffen«, willigte sie ein.

Würdevoll betrat Horowitz den Aufzug, dann ging er langsam durch die Eingangshalle. Mrs. Washington hielt sich dicht neben ihm. Er bewältigte die drei Stufen und trat auf die Straße hinaus. Die Strecke bis zur Straßenecke legte er langsam und bedäch’tig zurück. Zwar schaffte er es nicht ganz, die Straße bei Grün zu überqueren, aber angesichts seinur Behinderung warteten die Fahrer geduldig, bis er auf der anderen Seite angelangt war.

Im Park suchten sie sich eine Bank in der Sonne. »Haben Sie sich schon überlegt, was Wir Mona zum Mittagessen versetzen könnten?« fragte Horowitz plötzlich. »Es muß gesund aussehen und schmecken.«

»Wie wär’s mit Fisch? Frischer, in wenig Margarine gebratener Fisch enthält praktisch überhaupt kein Cholesterin.«

»Und schmeckt auch nach nichts. Oje«, jammerte er, »ich kann mich noch an Hannahs Schollen erinnern. Sie panierte sie und briet sie in Butter. Köstlich! Aber einverstanden: ein einfaches Fischgericht. Und außerdem?«

»Fettarmen Quark auf Kopfsalatblät’tern. Und wir könnten mit einem schönen Erdbeer- und Orangensalat anfangen.«

»Mit etwas Zucker und Sahne?« fragte er. Dann berichtigte er sich: »Nein, wenn Mona weißen Zucker und Sahne sieht, besorgt sie sich eine gerichtliche Verfügung, mit deren Hilfe sie mich nach Kalifornien schaffen kann. Also trockenen Fisch, trockenen Quark und trockenen Kopfsalat. Erledigt!«

Aber dann kam ihm noch ein Gedanke: »Mrs. Washington, wie wär’s, wenn Sie doch ein klein wenig Butter verwendeten? Nur, um den Fisch etwas schmackhafter zu machen.«

»Butter?« fragte sie kritisch. »Was Würde Mona dazu sagen?«

»Nun, angenommen, Wir nehmen einen leeren kleinen Margarinebecher und tun Butter rein. Wer würde schon auf den Gedanken kommen, daß keine Margarine drin ist? Was meinen Sie?«

»Ich werd’s mir überlegen«, sagte sie nur.

Als sie in die Eingangshalle zurückkehrten, stießen sie sehr zu Horowitz’ Mißvergnügen auf Mrs. Fine, die Witwe aus dem zweiten Stock, die er seit seiner Erkrankung nicht mehr gesehen hatte.

»Mr. Horowitz!« rief sie. »Sie sehen aus, als kämen Sie gerade aus Florida. Richtig braun gebrannt! Und ich hatte gehört, Sie seien krank. Da sieht man mal wieder, daß man niemandem glauben darf.«

»Es geht mir sehr gut, Mrs. Fine«, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen, und marschierte aufrecht und stolz an ihr vorbei zum Fahrstuhl.

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Am Sonntag morgen schien die Sonne strahlend hell. Samuel Horowitz erwachte früh. Er lag auf dem Rücken, und seine Gedanken kreisten um die beiden Wörter: Mona und Montag.

Nach einer Weile hörte er Mrs. Washingtons Schlüssel an der Wohnungstür und rief: »Mrs. Washington!«

Als sie das Schlafzimmer betrat, verkündete er: »Heute ist der große Tag.«

»Morgen ist der große Tag«, berichtigte sie ihn.

»Aber heute ist der entscheidende Tag. Heute, meine liebe Mrs. Washington, sind Sie der Kritiker. Und ich bin ein Schauspieler. Wir halten die Generalprobe eines Theaterstücks ab, das ›Hallo, Mona‹ heißt.«

Er drehte den Kopf so, daß er ihr in die Augen sehen konnte. »In sechsundzwanzig Stunden ist sie hier. Ich will sicher sein, daß alles bis ins kleinste Detail tadellos klappt. Und dabei gibt es so viele Fragen, über die wir noch nicht einmal nachgedacht haben.«

»Zum Beispiel?« fragte sie lächelnd und ließ sich von seinem Eifer anstecken.

»Zum Beispiel: Wer geht zur Tür, wenn Mona klingelt? Sie? Oder ich? Und wenn Sie gehen, wo bin ich dann? Der erste Eindruck ist entscheidend.«

»Lassen Sie uns beim Frühstück darüber reden.« Dann befahl sie: »Aufstehen, waschen, Zähne putzen, und dann sehen wir uns im Eßzimmer!«

»Mrs. Washington, Sie könnten einen tatsächlich dazu bringen, mit Freuden nach San Diego zu gehen!« erwiderte er erbost. Aber er stand gehorsam auf.

Beim Frühstück hielt er ihr so lange Vorträge über Strategie, daß er kaum zum Essen kam. Während sie mit einer Tasse Kaffee am anderen Ende des Tisches saß, knabberte er an seinem mit Margarine bestrichenen Toast.

»Es kommt auf jede Einzelheit an!« rief er erregt. »Wenn Sie zum Beispiel die Tür aufmachen, soll ich derweil am Fenster sitzen und hinausschauen oder lesen? Das sind alles Dinge, die kranke Menschen tun. Ein Mann, der seine geliebte Tochter fast ein Jahr lang nicht gesehen hat, sollte zur Tür stürmen, um sie zu begrüßen, wenn er einigermaßen bei Kräften ist.«

»Sie wollen zur Tür stürmen?« fragte Mrs. Washington skeptisch. »Haben Sie vielleicht auch das Kunststück mit der wunderbaren Brotvermehrung einstudiert?«

»Mrs. Washington, Ihre Anspielung auf das Neue Testament entgeht mir nicht. Und ich mochte Sie daran erinnern, daß der Mann, der das getan hat, auch ein Jude war. Wir haben Erfahrung, was Wunder betrifft. In diesem Fall bedarf es nur eines verhältnismäßig einfachen Wunders. Der Portier unten ist ein vortrefflicher Mann namens Juan. Wenn er uns benachrichtigt, daß Mona gerade im Fahrstuhl nach oben fährt, kann ich in aller Ruhe die Tür erreichen, ehe sie hier ankommt. Sie klingelt. Ich zähle langsam bis vier, dann öffne ich die Tür! Wenn sie glaubt, daß es ein Wunder ist, kann ich sie nicht daran hindern!«

»Und woran haben Sie sonst noch gedacht?« fragte sie.

»Nun, unter anderem ans Mittagessen. Vielleicht sollte ich mich da noch in einigen Dingen üben. Es würde doch zum Beispiel einen guten Eindruck machen, wenn ich die Tasse mit der Untertasse aufhebe, um meinen Ersatzkaffee zu trinken.«

»Können Sie das?« fragte Mrs. Washington.

»Als ich gestern allein war, habe ich ein wenig geübt«, gestand er zögernd. »Sie werden bemerken, daß jetzt drei Untertassen fehlen.« Um seine Verlegenheit zu verbergen, sagte er: »Aber sehen Sie sich das an.« Er strich Marmelade auf seinen Toast.

Seine linke Hand war etwas unbeholfen, und Mrs. Washington riet ihm warnend: »Nicht so hastig. Lassen Sie sich Zeit, das wirkt sicherer.«

Horowitz spielte einmal den Gebrauch von Messer, Gabel und Löffel für das ganze Mittagessen durch, das sie geplant hatten. Nachdem das Frühstücksgeschirr abgeräumt war, erklärte er energisch: »Also, Vorhang auf zum ersten Akt!«

Mrs. Washington war an seine Theatralik gewöhnt und fragte nur lächelnd: »Proben wir jetzt von dem Augenblick an, wo uns Juan von unten das Zeichen gibt?«

»Genau!« Er sah sich um. »Lassen Sie uns überlegen. Wo bin ich, wenn der Summer ertönt? Höchstwahrscheinlich sitze ich am Fenster und lese die Times. Aber in Wirklichkeit werde ich sie nur in den Händen halten. Denn wenn ich darin zu lesen anfange, bin ich so wütend, bis Mona kommt, daß ich alles vergesse, was wir geübt haben. So … gehen Sie hinunter!«

»Warum?«

»Damit wir die Zeit stoppen können. Ich will genau wissen, wie lange Sie von der Halle bis zur Wohnungstür brauchen!«

Sie ging hinaus. Er saß in seinem Sessel und wartete. Nach einigen Minuten hörte er den Summer in der Küche. Er nahm seinen Stock, stand auf und machte sich auf den Weg. Als er die Diele erreichte, war er gut in Schwung gekommen, und sein linker Fuß schleifte nur noch leicht über den Flor des Teppichs. Er war an der Tür, als es klingelte. Langsam zählte er bis vier, dann machte er auf.

»Mona, mein Liebling!« rief er, als Mrs. Washington eintrat. Dann: »Wie war ich?«

»Wundervoll! Sidney Poitier hätte es nicht besser machen können.«

»Gut, das wäre das. jetzt küßt Mona mich. Vielleicht umarmt sie mich. Das könnte ein Problem darstellen, denn wenn Mona einen umarmt, könnte ein achtarmiger Tintenfisch noch etwas von ihr lernen, glauben Sie mir. Also, Sie gehen jetzt hinaus. Ich öffne die Tür. Ich sage: ›Mona, mein Liebling‹, und Sie umarmen mich und küssen mich auf die Wange.«

»Ich soll Sie umarmen und küssen?«

»Das ist nicht persönlich gemeint! Es ist doch nur eine Probe!« beruhigte er sie.

»Ich werde mein möglichstes tun«, sagte sie, alles andere als begeistert.

Sie ging hinaus, klingelte, Horowitz zählte bis vier und riß die Tür auf. »Mona, mein Liebling!« Mrs. Turtletaub, die Witwe von gegenüber, war gerade dabei, in ihre Wohnung zu gehen, als Mrs. Washington Horowitz umarmte und ihn auf die Wange küßte.

»O mein Gott!« rief Mrs. Turtletaub entsetzt.

Horowitz schloß die Tür. »Gut, ausgezeichnet, Mrs. Washington! Das wäre die Begrüßung. jetzt ist sie in der Wohnung, und ich sage: ›Komm, Mona, mein Liebes, laß mich dich bei Tageslicht ansehen.‹« Er führte Mrs. Washington ins Wohnzimmer.

»Dreh dich um, laß dich anschauen. Es ist so lange her«, deklamierte er und bedeutete ihr mit einer Geste, sich umzudrehen. Mrs. Washington tat ihm lächelnd den Gefallen und drehte sich wie eine Tänzerin im Kreis.

»Gut, sehr gut! Besser als Mona!« rief Horowitz, dann fuhr er eilig fort: »So, das Mittagessen haben wir schon geprobt. Wie wär’s mit einem kleinen Kartenspiel nach dem Essen?«

»Spielt Mona Binokel?« fragte Mrs. Washington erstaunt.

»Natürlich nicht. Aber ich könnte einfach so ganz nebenbei die Karten aus der Schachtel nehmen, sie mischen und eine kleine Patience legen, als ob das etwas ganz Alltägliches wäre.«

»Keine schlechte Idee«, pflichtete Mrs. Washington ihm bei.

»Gut! Unterdessen schwatzt sie in einem fort über San Diego, und dann sage ich ihr klar und deutlich, daß es sehr nett von ihr gewesen sei, hierherzukommen und zu sehen, was für gute Fortschritte ich mache, daß ich aber keinesfalls mit ihr nach San Diego gehen werde. Sie wird protestieren, aber ich sage …«

Mrs. Washington hörte ihm mit einem wehmütigen Lächeln zu. Er war wie ein kleiner Junge, der seinem Tagtraum nachhing. Nur mit dem Unterschied, daß die Träume kleiner jungen von Tag zu Tag wechseln und die Zeit sich ihrer annimmt. Aber einem Mann im Alter von Mr. Horowitz waren nicht mehr viele Träume vergönnt, und jeder von ihnen war kostbar.

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Horowitz hatte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. Als er aufwachte, sah er Mrs. Washington neben seinem Bett stehen.

»Es ist schon nach neun«, sagte sie. »Sie haben anscheinend verschlafen.«

»Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan«, stöhnte er.

»Ich habe auch nicht schlafen können«, tröstete Mrs. Washington ihn. »Habe mich die ganze Nacht im Bett herumgewälzt. Und dabei hatte ich eine Idee.«

»Aha! Wir laufen zusammen davon, stimmt’s?«

»Nein! Waschen Sie sich, frühstücken Sie, und dann zeig ich’s Ihnen.«

Er sah sie erbost an. »Nur weil Sie jetzt eine starke Position haben, dürfen Sie nicht glauben, daß Ihnen die ganze Welt gehört, Mrs. Washington!« Nichtsdestoweniger stand er auf.

Nachdem er gefrühstückt hatte, führte sie ihn ins Wohnzimmer. Er blieb an der Tür stehen, sah sich mit weit äufgerissenen Augen um und stieß einen Schrei aus.

»Was haben Sie getan? Hannahs Wohnzimmer! Sie hat es erst vor sechs Jahren neu eingerichtet. Und Sie haben es ruiniert!«

Unbeeindruckt von seinem übertriebenen Gehabe sagte sie gelassen: »Ich habe nur die Möbel etwas umgestellt.«

Horowitz sah sie durchdringend an. »Das ist also Ihre großartige Idee?« fragte er geringschätzig. »Sie ist über Nacht zur Innenarchitektin geworden!«

»Gehen Sie doch einmal durch das Zimmer.«

Auf seinen knorrigen Stock gestützt, ging er langsam hinein. Er war so darauferpicht, seine Mißbilligung deutlich zur Schau zu stellen, daß er vergaß, auf seine Schritte zu achten. Sein Fuß verfing sich im Teppich, und einen Augenblick sah es so aus, als ob er fallen würde. Er Streckte instinktiv die Hand nach einem Halt aus — und sie blieb fest und sicher auf dem Lehnstuhl liegen, der jetzt so praktisch nahe stand.

Als er sich umsah, erkannte er, daß die Möbel geschickt umgruppiert worden waren, so daß er sich immer irgendwo abstützen oder anlehnen konnte, wenn er ins Wanken geriet.

Er ging zum Fenster hinüber und berührte der Reihe nach die einzelnen Möbelstücke.

Dann wandte er sich Mrs. Washington zu. »Nicht schlecht, nicht schlecht.« Das war das höchste Lob, das man von Samuel Horowitz erwarten konnte.

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Über eine Stunde war vergangen, seit Horowitz seine Probe mit der neuen Anordnung der Möbel beendet hatte. Er hatte all seine Übungen gemacht und blickte jetzt starr auf seine Uhr. Mona war unterwegs, und nichts konnte sie mehr auflaalten. Horowitz fühlte, wie angespannt seine Nerven waren.

Mrs. Washington hatte den Tisch mit dem besten Leinentischtuch, dem guten Porzellan und dem massiven Silberbesteck gedeckt. Sie hatte in der Küche alles sorgfältig vorbereitet, so daß sie nur eine halbe Stunde brauchen würde, um das Mittagessen zuzubereiten und aufzutragen.

Als die festgesetzte Zeit näher rückte, wurde sie allmählich ebenso nervös wie Horowitz. Sie ging ins Wohnzimmer, wo er am offenen Fenster stand, hinunterblickte, jedes vorbeifahrende Taxi forschend beobachtete und sich fragte, ob es wohl am Eingang seines Hauses halten würde.

Um ihn abzulenken, schlug sie vor: »Wie wär’s mit einer Partie Binokel? Vergessen Sie nicht, Sie schulden mir inzwischen fünfundzwanzig Dollar fünfzig.«

»Fünfundzwanzig Dollar fünfzig!« brüllte er. »Wir haben letztesmal um das Doppelte gespielt!«

»Und Sie haben verloren«, erinnerte sie ihn.

»Ach ja.« Er setzte sich und teilte mit leicht zitternden Händen die Karten aus. Sie gewann den ersten Stich und meldete einhundert in Assen. Als sie die vier Asse — Herz, Kreuz, Karo und Pik — säuberlich geordnet niederlegte, sah er sie durchdringend an. »Das tun Sie nur, um mich zu ärgern’!« sagte er vorwurfsvoll.

Sie spielten die Runde zu Ende. Er hatte weniger Punkte als sie gemeldet, aber sie machte während des Spiels absichtlich einen Fehler, der dazu führte, daß er gewann. Das schien ihn zu besänftigen, bis er die Karten umdrehte und die Sache durchschaute.

»Ho-ho-ho, Mrs. Washington …«, schalt er.

Sie konnte nur lächeln‘ als sie sich ertappt sah.

»Das zählt nicht«, sagte Horowitz. »Ich schulde Ihnen immer noch fünfundzwanzig Dollar fünfzig. Aber ich weiß es trotzdem zu schätzen, was Sie getan haben. Ich brauche jedes Quentchen Selbstbestätigung, das ich bekommen kann.« Plötzlich rief er aus: »Die Kleidung! Ich Wollte für Mona ganz besonders gut angezogen sein. Das habe ich vollkommen vergessen!«

Er ging mit Mrs. Washington ins Schlafzimmer. »Ein Weißes Hemd«, befahl er, »aus dem obersten Hemdenfach.« Er wandte sich dem Krawattenhalter an der Schranktür zu. »Und dazu einen Schlips …« Er wählte seine neueste blau-rot gestreifte Seidenkrawatte. »Und diesen Anzug«, sagte er und deutete auf einen blauen, den er seit Monaten nicht mehr getragen hatte. »Aber jetzt, Mrs. Washington, lassen Sie mich bitte allein.«

»Sie brauchen in diesem Augenblick vielleicht eher Hilfe als Schamgefühl.«

»Es handelt sich nicht um Schamgefühl, meine liebe Mrs. Washington, sondern ich will allein damit fertig werden, einschließlich des Reißverschlusses der Hose. Daß ich das kann, soll nicht sie erfahren, sondern ich will es auch selbst wissen.«

Wenige Minuten später erschien Hozrowitz zur Inspektion. »Nun?« fragte er. »Zufrieden?«

»Nicht ganz«, erklärte sie mit kritischem Kennerblick. »Ich glaube, es würde besser aussehen, wenn Sie ein Taschentuch in der Brusttasche hätten.«

»Sie und Hannah«, sagte er. »Also gut, ein Taschentuch.«

Mrs. Washington hatte gerade die Schublade der Kommode geöffnet, da hörten sie das durchdringende und anhaltende Geräusch des Summers in der Küche.

»Das ist Juan!« rief Horowitz. »Mona ist da!«

In seiner Erregung drehte er sich zu hastig um, ließ den Stock fallen und Wäre gestürzt, wenn Mrs. Washington ihn nicht aufgefangen hätte.

»Vergessen Sie nicht«, sagte sie, »langsam und vorsichtig!«

11

Samuel Horowitz stand an der Wohnungstür, seine linke Hand lag auf der Klinke.

Er hörte, wie die schwere Fahrstuhltür sich öffnete. Er hörte Monas spitze Absätze auf den Fliesen des Korridors. Er hörte das Klingeln. Wie geprobt, zählte er langsam bis vier, dann öffnete er die Tür und rief: »Mona, mein Liebling!«‘ während er sich für ihre ungestüme Umarmung wappnete.

Aber Mona sah ihn nur starr an. Keine Umarmung. Nichts, außer diesem starren Blick.

Dann verlor sie die Fassung. »O Paps, Paps!« jammerte sie unter Strömen von Tränen.

»Mona, was ist los?«

»Dein Gesicht! Was haben sie mit deinem Gesicht gemacht!«

»Du meinst die Narbe? Das hat nichts zu bedeuten. Mona, bitte«, flehte er, während er nach seinem frischen weißen Taschentuch griff. »Hier, Mona, trockne dir die Tränen. Komm ins Wohnzimmer, Liebes, setz dich und entspanne dich.«

Er ging voran und hoffte, daß sie bald zu weinen aufhören würde, um die Geschicklichkeit zu bewundern, mit der er den Weg von der Diele zum Wohnzimmerfenster zurücklegte.

Aber als er sich umwandte, sah er, daß sie nur die Tränen wegwischte.

Sie blickte sich im Zimmer um. »Es ist nicht mehr so, wie es war«, bemerkte sie mißbilligend.

»Wir haben die Möbel ein wenig umgestellt«, gab er zu.

»Ich glaube nicht, daß es Mutter so gefallen hätte«, sagte Mona. Dann kam ein neuer Tränenstrom. »Mutter!«

Horowitz wartete ihren zweiten Ausbruch ab.

Als sie allmählich zu weinen aufhörte, sagte er: »Mein Liebes, so ist das Leben. Die Dinge geschehen, und wir müssen uns mit ihnen abfinden und damit leben.«

»Ich weiß«, pflichtete sie ihm ein wenig ruhiger bei. »Dr. Drees sagt das auch immer. Er ist mein Psychoanalytiker. Er sagt, ich neige dazu, mich gefühlsmäßig zu sehr zu engagieren. Das heißt’nicht, daß das immer ein Nachteil ist. Er sagt, mein Erfolg beim Sammeln von Geld oder bei der Arbeit für eine gute Sache wie das jüdische Altersheim ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß ich mich gefühlsmäßig so stark engagiere.«

Horowitz bemerkte im stillen: Sie hat diese Institution erwähnt!

Sie fuhr fort: »Das Heim ist ein prachtvolles neues Gebäude. Im letzten Bericht über Altersheime wurde das unsrige als das modernste und am besten ausgestattete im ganzen Land erwähnt. Du wirst schon sehen!«

Horowitz dachte bei sich: Mona, Liebes, ich weiß, du meinst es gut …

Mona sprach weiter. »Ich finde, es genügt nicht, nur Geld zu sammeln. Wenn einem das Wohl dieser alten Menschen wirklich am Herzen liegt, sollte man ihnen auch Zeit widmen. Am letzten Passahfest bin ich zum Seder des ersten Abends gegangen. Es hätte dir das Herz erwärmt, die alten Leute an diesem langen Tisch sitzen zu sehen. Diese Gesichter! Wie aus der Bibel! So voller Charakter! Nun, sie fanden es einfach wundervoll. Die meisten hatten Tränen in den Augen. Ich konnte nicht anders, ich mußte ebenfalls weinen.«

Es schien, als ob die Erinnerung daran einen weiteren Tränenstrom heraufbeschwören würde.

Aber es gelang Mona, ihn zurückzuhalten.

»Mona, Liebes«, sagte Horowitz behutsam, »ist dir je der Gedanke gekommen, daß sie vielleicht Tränen in den Augen hatten, weil es soviel schöner gewesen wäre, mit den Ihren zu feiern statt mit Fremden?«

Noch ehe Mona etwas erwidern konnte, kam Mrs. Washington herein und verkündete: »Das Essen ist angerichtet.«

___________

Der Fisch war trocken genug, um Mona von seinen gesundheitsfördernden Eigenschaften zu überzeugen. Horowitz griff unbekümmert nach der mit Butter gefüllten Margarinedose und bestrich damit seine Portion.

»Nimm etwas davon, Liebling«, forderte er Mona auf.

Sie tat ein Stück auf ihre Portion und probierte. »Wundervoll!« rief sie. »Was für eine Sorte Margarine ist das?«

»Es ist genau genommen keine Margarine. Nur eine Art Margarine-Ersatz.«

»Sehr schmackhaft. Ich muß Mrs. Washington nach der Marke fragen.«

»Ich glaube, es gibt sie nur in unserem Viertel zu kaufen«, bemerkte Horowitz.

»Schade. Ich habe Albert auf eine cholesterinarme Diät gesetzt, und er beklagt sich immer über den Geschmack der Speisen. Dies hier würde ihm bestimmt gut schmecken.«

Horowitz nahm eine Scheibe Toast aus der zusammengefalteten Serviette in dem silbernen Brotkorb und brach ein Stück ab. Das Brot in der linken Hand und das Messer in der rechten, strich er dick Butter darauf.

»Hmm«, meinte er, »vor einem Monat hätte ich das noch nicht gekonnt. Da zeigt es sich eben, welch eine bemerkenswerte Frau diese Mrs. Washington ist. Es ist ihr Verdienst.«

Als wollte er vermeiden, daß man ihn in der Küche hörte, beugte er sich zu Mona hinüber und flüsterte: »Ein regelrechter Tyrann. Streng? Frag mich lieber nicht! Aber Gold wert! Als sie hier anfing, war ich ein kranker Mann im Rollstuhl. Jetzt gehen wir im Park spazieren.«

Er hoffte, das würde Mona etwas Bewunderung entlocken. Aber die Entschlossenheit, mit der seine Tochter weiter aß, ließ deutlich erkennen, daß sie zu einer solchen Äußerung nicht zu bewegen war.

Als sie ihren Fisch und den Magerquark auf Kopfsalat gegessen hatte, fragte Horowitz: »Einen kleinen Nachtisch, Liebes? Etwas Ersatzkaffee?« Er griff mit der linken Hand nach der silbernen Glocke, die seit Hannahs letzter Abendgesellschaft nicht mehr benutzt worden war.

Mrs. Washington kam auf sein Klingeln sofort herein. »ja, Mr. Horowitz?«

»Mrs. Washington, ein ausgezeichnetes Essen. Jetzt hätten wir gern den Nachtisch, und ich hoffe«, sagte er in freundlichem, aber nachdrücklichem Ton, »daß er nicht aus lauter Zucker und Cholesterin besteht. Ich meine, nur weil wir Besuch haben, wollen wir nicht von unserer üblichen Ernährungsweise abweichen.«

»Ich glaube, Sie werden zufrieden sein, Sir«, erwiderte sie.

Sie servierte einen kalorienarmen, leichten Kuchen und Ersatzkaffee. Mona aß den Kuchen und nippte an ihrem Kaffee, ohne ein Wort zu sagen.

Horowitz wußte, daß Schweigsamkeit bei ihr ein untrügliches Zeichen von Entschlossenheit war. Ihre Mutter pflegte sie farbissen zu nennen: entschlossen, hartnäckig, unerschütterlich bis zur Unvernunft.

Diesen farbissenen Ausdruck hat sie jetzt, sagte sich Horowitz zu seiner eigenen Warnung.

Als sie mit dem Mittagessen fertig waren, kehrten sie ins Wohnzimmer zurück. »Paps«, begann Mona, »wir müssen miteinander reden. Und zwar sehr ernsthaft.«

Horowitz hatte sich an den Bridgetisch unweit des Fensters gesetzt. Er sagte in beiläufigem Ton: »Du hast doch sicher nichts dagegen, mein Liebes, wenn ich eine kleine Patience lege, während wir uns unterhalten?«

Mit der Miene eines erfahrenen Spielers mischte er sorgfältig auf drei verschiedene Arten die Karten. Dann begann er, sie zur Patience auf dem Tisch auszubreiten, wobei er sorgsam daraufbedacht war, die linke Hand zu gebrauchen.

»Ja, Liebling, was wolltest du sagen?«

»Marvin und ich haben in der vergangenen Woche mehrere lange Gespräche geführt.«

»Das ist nett«, sagte er und war bemüht, unbekümmert zu erscheinen.

Aber sein Mut begann zu sinken. »Deine Mutter und ich haben uns immer Sorgen gemacht, seit du in San Diego bist und Marvin in Washington lebt, daß ihr durch die räumliche Trennung den Kontakt miteinander verlieren könntet.«

Ohne sich ablenken zu lassen, fuhr Mona fort: »Und wir sind zu dem Schluß gelangt, daß es das vernünftigste ist, wenn du mit mir nach San Diego kommst. Wir wollen nicht, daß du noch länger allein lebst. Wenn du wieder krank wirst, hast du dort eine Familie. Und wenn nötig, gibt es immer einen Platz für dich im jüdischen Altersheim.«

»Mona«, sagte er, »ich lebe jetzt seit neunundzwanzig Jahren hier …«

»Ich habe schon mit einem Altwarenhändler gesprochen, der bereit ist, die ganze Einrichtung für eine Pauschalsumme zu übernehmen. Die persönlichen Dinge, die du behalten möchtest, lassen wir nach San Diego schicken. Wenn du willst, können wir gleich damit anfangen, die Sachen zu sortieren. Der Mann kommt morgen früh um zehn, um sich alles anzusehen und uns ein Angebot zu machen.«

»Uns ein Angebot zu machen?« erwiderte Horowitz. Er war so erzürnt, daß er vorübergehend seine Angst und seine Vorsicht vergaß. »Mein Leben! Meine Ehe! Mein Heim! Und er wird uns ein Angebot machen? Kommt nicht in Frage!«

»Paps«, beharrte sie, »es geht um deine Gesundheit und Sicherheit. Was ist, wenn etwas geschieht?«

»Was sollte geschehen?«

»Ein weiterer Schlaganfall«, sagte sie warnend. »Das Heim hat besondere Einrichtungen für derartige Fälle.«

»Ich will keine besonderen Einrichtungen«, protestierte er. »Ich will mein eigenes Heim … Mona, Liebling, ich will meine Freiheit.«

»Die Freiheit, überfallen zu werden?« fragte sie.

»Die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie es mir beliebt.«

»Paps, wir haben drei Wagen. Und einen Fahrer, der dir jederzeit zur Verfügung steht. Du wirst soviel Freiheit haben, wie du willst.«

»Mona, Liebes«, sagte er, die Karten beiseite schiebend, »laß mich dir etwas erklären. Was nützt mir die Freiheit hinzugehen, wohin ich will, wenn es nichts gibt, wohin ich gehen will? Hier habe ich vieles, was ich kenne und liebe. Einen Park. Eine Synagoge. Ein paar Läden. Freunde! Wie Liebowitz zum Beispiel. Er kommt zweimal in der Woche, um Binokel zu spielen. Mit wem soll ich in San Diego Binokel spielen? Wer in SanDiego hat jemals auch nur etwas von Binokel gehört?«

»Im Heim gibt es sicherlich Leute, die es kennen!« beharrte sie in ihrer farbissenen Art.

Seine Entschlossenheit wurde allmählich von Angst untergraben. Er fragte sich: Bin ich kränker, als ich dachte? Schwächer, als ich dachte? All die Arbeit, die Übungen, mit denen Mrs. Washington und ich uns abgemüht haben, soll das alles durch den eisernen Willen meiner Tochter zunichte gemacht werden?

»Paps, du mußt die Dinge sehen, wie sie sind. Diese Wohnung ist zu groß für dich allein. Und sie erinnert dich nur immer wieder an Mutter.«

»Ich werde gern an deine Mutter erinnert. Sie war das. Beste, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist!« erklärte er. »Einsamkeit bedeutet für mich nicht, daß die Lösung darin liegt, vor den Erinnerungen, vor dem Leben, das ich gelebt habe, davonzulaufen. Was soll ich an einem Ort, den ich nicht kenne und wo immer die Gefahr besteht, daß ich eines Tages, wenn es dir paßt, in das jüdische Altersheim abgeschoben werde — natürlich in einer großen Limousine mit Chauffeur, aber eben abgeschoben!«

»Paps«, begann sie wieder, und er merkte sofort, daß seine Worte nicht den leisesten Eindruck auf sie gemacht hatten. »Marvin und ich …«

»Wir leben in einem freien Land!« schrie er. »Ich habe auch das Recht zu wählen! Und es interessiert mich nicht, was ihr, du und Marvin, beschlossen habt!«

Sein Wutausbruch ließ Mrs. Washington aus der Küche herbeieilen »Mr. Horowitz, ist was geschehen?«

»Geschehen?« echote er bitter. »Nichts ist geschehen, gar nichts. Man will mich lediglich an Händen und Füßen fesseln und nach San Diego schleppen — das ist alles.«

Er stand mit einer so ungestümen und unbedachten Bewegung von seinem Stuhl auf, daß der knorrige Stock ihm aus der Hand glitt. Er verlor das Gleichgewicht und fiel schließlich hilflos quer über den Tisch.

Mrs. Washington war im Handumdrehen an seiner Seite und half ihm auf. Er bemühte sich, wieder eine ruhige, würdevolle Haltung anzunehmen.

Aber er konnte das Urteil in Monas Augen lesen.

»Nun, Paps, jede weitere Diskussion erübrigt sich wohl, nicht wahr?«

Er spürte einen schalen Geschmack im Mund und verfluchte sich selbst, daß er Mrs. Washingtons eindringliche Mahnung vergessen hatte: erst überlegen, dann handeln.

Er hatte den Kampf verloren.

Mona wandte sich an Mrs. Washington. »Mein Vater fliegt morgen mit mir nach San Diego. Sie werden die Wohnung in Ordnung bringen, damit ein Altwarenhändler sie auflösen kann.«

Mrs. Washington entgegnete mit ruhiger Stimme: »Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf, diese Entscheidung sollte wohl einem Arzt überlassen bleiben. Ich finde, ehe Sie Mr. Horowitz zwingen, hier fortzugehen …«

»Ich zwinge meinen Vater zu nichts«, unterbrach Mona sie scharf. »Dieser kleine Vorfall eben dürfte sogar ihm klargemacht haben, was das beste für ihn ist.«

Mrs. Washington ließ sich nicht abschrecken. »Er hat in den letzten zehn Tagen bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Deshalb meine ich, er sollte keine Entscheidungen treffen, ehe er nicht Gelegenheit hatte, Dr. Tannenbaum zu konsultieren.«

»Ich habe bereits mit Dr. Tannenbaum gesprochen!« warf Mona ein. »Er ist vollkommen meiner Meinung.«

»Dr. Tannenbaum hat den Patienten seit fast zwei Wochen nicht mehr gesehen«, erklärte Mrs. Washington. »Ich finde, er sollte ihn jetzt noch einmal untersuchen.«

»Oh, ich verstehe«, spottete Mona, »Sie haben hier eine sehr angenehme Stellung, die Sie nicht verlieren wollen!«

»Untersteh dich!« fuhr Horowitz energisch dazwischen. »Sie ist eine ausgezeichnete Hilfe! Eine freundliche und pflichtbewußte Frau! Und sehr rücksichtsvoll!«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Mona eiskalt. »Aber sie hat hier nichts zu befehlen.«

Mrs. Washington stellte sich zwischen Mona und Horowitz. »Ich kann nicht zulassen, daß irgend etwas mit meinem Patienten geschieht, ohne daß sein Arzt benachrichtigt wird und Gelegenheit hat, seine Meinung zu äußern.«

»Und was beabsichtigen Sie zu tun?« fragte Mona.

»Ich werde Dr. Tannenbaum anrufen und ihn bitten hierherzukommen, um Mr. Horowitz zu untersuchen.«

»Das wird nichts an der Sache ändern, aber tun Sie, was immer Sie für Ihre berufliche Pflicht halten«, sagte Mona. »In der Zwischenzeit können wir die Dinge aussuchen, die du behalten willst, Paps. Ein paar Erinnerungsstücke können wir nach San Diego schicken lassen.«

Erinnerungsstücke, dachte Horowitz. Als ob nicht alle diese Gegenstände Erinnerungsstücke wären! Hannah hat Stunden damit verbracht, jeden einzelnen Gegenstand sorgsam und liebevoll auszuwählen.

Bitte, machen wir uns ans Aussortieren: ein Stückchen Erinnerung hier, ein anderes dort, und überlassen den Rest einem Lumpenhändler.

In Brooklyn, wo Horowitz seine Kindheit verbracht hatte, zog früher ein Mann die Straße entlang, der einen ausgebeulten Sack in der Hand und mehrere Hüte übereinander auf dem Kopf trug. Er rief: »Bargeld! Ich zahle Bargeld für Kleider!« Frauen kamen mit schäbigen alten Kleidungsstücken und ausgetretenen Schuhen aus den Mietskasernen, und der Lumpenhändler gab ihnen ein bißchen Kleingeld dafür.

Jetzt sollte Horowitz’ ganzes Leben wie alte Kleider gegen eine Handvoll Kleingeld verschleudert werden.

Er sollte kein eigenes Heim, keine vertrauten Dinge mehr besitzen. Er würde aufliören, Samuel Horowitz, ein menschliches Wesen, ein Individuum zu sein. Er würde Mona Fields’ Vater oder Albert Fields’ Schwiegervater sein. Oder der Mann in Zimmer soundso viel im jüdischen Altersheim.

Er hatte verloren. Jetzt konnte er ebensogut tun, was Mona wünschte.

___________

Während der dreieinhalb Stunden zwischen Mrs. Washingtons Anruf in der Praxis von Dr. Tannenbaum und dem Eintreffen des Arztes widmete sich Samuel Horowitz der schwierigen, herzzerreißenden Aufgabe, seine Habseligkeiten in drei Gruppen einzuteilen; diejenigen, die er mitnehmen wollte, diejenigen, die er verschenken wollte, und diejenigen, die er dem Altwarenhändler überlassen würde.

Horowitz kniete vor einer Kommode und kramte in der untersten Schublade, als es an der Wohnungstür klingelte.

Kurz darauf kam Mrs. Washington ins Schlafzirhmer und half ihm aufstehen.

»Der Doktor ist da«, sagte sie und setzte in energischem Flüsterton hinzu: »Haben Sie Vertrauen! Überlegen Sie zuerst, packen Sie’s langsam an, dann werden Sie es schaffen!«

Der Ausdruck in Horowitz’ feuchten Augen verriet seine Unsicherheit und Schwäche.

Sie hob die Hand und wischte ihm sanft die Tränen aus den Augenwinkeln. »Diese Alterserscheinung der tränenden Augen könnte einen falschen Eindruck erwecken«, sagte sie leise.

Plötzlich griff Horowitz nach ihrer Hand und erklärte mit verzweifelter Entschlossenheit: »Ich tu’s für Sie. Um Ihnen Ihre Stellung zu erhalten. Sie werden sehen!«

Als sie aus dem Schlafzimmer traten, hörten sie, wie Dr. Tannenbaum Mona fragte: »Wo ist er? Was ist geschehen?«

»Bin schon da, Herr Doktor!« rief Horowitz, während er langsam das Wohnzimmer durchquerte.

»Was ist geschehen?« fragte Tannenbaum abermals. »Sind Sie wieder gefallen?«

»Nein, Herr Doktor«, erwiderte Horowitz. »Wir haben Sie gerufen, weil wir hier eine kleine Meinungsverschiedenheit haben.«

»Sie haben mich von einem dringenden Fall weggeholt, nur weil es eine kleine Meinungsverschiedenheit zu klären gibt?«

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Herr Doktor. Schicken Sie mir die Rechnung!« sagte Mona kühl. »Nun, das Problem ist folgendes: Mein Bruder und ich sind der Meinung, daß mein Vater mit mir nach San Diego kommen sollte. Wir haben ein großes Haus. Festangestelltes Personal. Er bekommt sein eigenes Zimmer mit Bad. Er wird sehr gut betreut werden.«

»Ich will nicht betreut werden!« protestierte Horowitz. »Ich bin kein Baby und kein Tier in einem Zoo. Ich will hierbleiben und mein eigenes Leben leben. Wir zwei, Mrs. Washington und ich, kommen sehr gut zurecht!«

Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest, um die Verbundenheit zwischen ihnen zu demonstrieren.

»Hm-mm«, brummte Tannenbaum nachdenklich. »Nun« — er zwirbelte ein Ende seines dicken Schnurrbarts —, »wenn der Patient solch eine entschiedene Meinung hat, müssen wir das berücksichtigen.«

Horowitz und Mrs. Washington wechselten miteinander hoffnungsvolle Blicke.

»Aber offengestanden«, fuhr Tannenbaum fort, »als ich den Patienten das letztemal sah« — hier wandte er sich an Mona —, »schien er nicht auf die Behandlung anzusprechen. Er machte nicht die Fortschritte, die man hätte erwarten können.«

»Genau«, pflichtete Mona ihm bei.

»Nun, lassen Sie uns überlegen«, erklärte Tannenbaum. »In erster Linie muß man bedenken, daß das Klima in San Diego viel milder ist als die strengen Winter in New York, wo die Temperaturen oft tagelang unter dem Gefrierpunkt bleiben …«

»Herr Doktor«, unterbrach ihn Horowitz, »Wetterberichte bekomme ich in den Elfuhrnachrichten. Von Ihnen will ich nur die Erlaubnis, in meinem eigenen Heim bleiben zu können, statt ans Ende der Welt verfrachtet zu werden!«

»Paps, bitte!«

»Schluß mit deinem ewigen ›Paps, bitte!‹« schrie Horowitz wütend. »Wenn du mich hier rauskriegen willst, muß dein Albert dieses Haus kaufen und abreißen lassen!«

»Mr. Horowitz«, mischte sich Dr. Tannenbaum ein, »wir dürfen uns nicht aufregen.«

»Das ist mein Leben. Und wenn ich mich aufregen will, rege ich mich auf. Und jetzt, Doktor, setzen Sie sich! Und du, Mona, setzt dich auch!«

Als sie beide saßen, sagte Horowitz: »Meine lieben Richter, ich möchte, daß Sie sich eine kleine Vorführung ansehen. Als erstes nehmen Sie bitte zur Kenntnis; daß der Patient keinen Rollstuhl mehr benutzt. Er benutzt nicht einmal einen Krückstock, sondern einen einfachen Spazierstock. Und er kommt sehr gut damit zurecht. Überzeugen Sie sich selbst!«

Horowitz bot all seine Willenskraft auf und ging im Zimmer umher. So gelang es ihm zu vermeiden, daß sein linker Fuß auf dem Teppich nachschleifte. Oh, frohlockte er im stillen, die Tage, an denen ich doppelt und dreifach geübt habe, machen sich jetzt bezahlt.

»Mrs. Washington! Knöpfe, Murmeln und Karten!« rief er.

Während Mrs. Washington sie holte, machte sich Horowitz daran, seinen Schlips zu lösen und wieder zu binden. Als er damit fertig war, sagte er: »Beachten Sie die Schnürsenkel! Gebunden! An beiden Schuhen! Und das Hemd: jeder Knopf geschlossen. Mit diesen beiden Händen!«

Mrs. Washington breitete die gewünschten Utensilien auf dem Bridgetisch aus.

Horowitz setzte sich und sah seine Richter an.

»Wann darf ich mit der Vorstellung beginnen, Herr Doktor?« fragte er. »Wollen Sie sehen, wie ein erwachsener Mann von achtundsechzig ein paar Knöpfe aufnimmt? Passen Sie auf!«

Horowitz nahm mit der linken Hand ein Dutzend Knöpfe auf, wobei er vor allem die kleinen wählte, um seine wiedererworbene Geschicklichkeit zu zeigen.

»Und jetzt vielleicht eine Partie Binokel, Mrs. Washington?« schlug er mit einer galanten Handbewegung vor. Sie setzte sich. Er mischte und teilte die Karten aus.

»Paps!« Mona stand ungeduldig auf. »Der Doktor ist nicht gekommen, dir beim Kartenspielen zuzusehen!«

»Spiel?« entgegnete Horowitz und wandte sich an Dr. Tannenbaum. »Herr Doktor, nennen Sie das Spiel?«

Tannenbaum mußte zugeben: »Das ist kein Spiel, Mrs. Fields, sondern eine Übung.«Er schien sehr beeindruckt. »Seit wann machen Sie das so gut, Mr. Horowitz?«

»Seit etwa einer Woche.«’

»Hm-mm«, brummte Tannenbaum bedeutungsvoll. »Sie brauchen nicht weiterzumachen.«

Zu Mona gewandt, erklärte er: »Mrs. Fields, dies ist sehr bemerkenswert.«

»Ach, wirklich?« fragte Mona verwirrt.

»Bei der letzten Untersuchung vor zwei Wochen zeigte Ihr Vater nicht die Fortschritte, die wir zu sehen wünschen. Denn Patienten, die bis zum dritten Monat keine Fortschritte gemacht haben, machen für gewöhnlich überhaupt keine mehr. Ob es an den körperlichen Fähigkeiten oder am Willen mangelt, spielt keine Rolle. Am Ende des dritten Monats ist ihre Zukunft im allgemeinen besiegelt. Deshalb war ich damals auch Ihrer Meinung, daß Mr. Horowitz am besten zu Ihnen nach San Diego zieht. Aber heute bietet sich mir ein völlig anderes Bild. Ich finde, er hat seine Bewegungen sehr gut unter Kontrolle. Wenn er wollte, könnte er meiner Meinung nach sogar seine Arbeit wiederaufnehmen. Deshalb muß die Entscheidung ihm selbst überlassen bleiben, wo er leben will.«

»Aber, Herr Doktor«, protestierte Mona, »wir können so viel für ihn tun.«

»Mrs. Fields, der eigentliche Zweck der Behandlung ist es, den Patienten zu befähigen, alles selbständig zu tun.«

»Nun, ich hätte nie …«, sagte Mona, führte ihren Satz jedoch nicht zu Ende.

___________

Horowitz tat sein möglichstes, großes Bedauern über Monas Abreise vorzutäuschen, und nickte zustimmend zu allem, was sie sagte.

»Und zu Neujahr und Jom Kippur kommst du zu uns«, fuhr sie fort. »Vielleicht bleibst du die ganzen zehn Tage.«

Horowitz nickte.

»Und zu Passah mußt du auch kommen. Wir haben einen sehr eindrucksvollen Seder im Tempel. Sechshundert Personen!«

»Das sind fast so viele juden, wie aus Ägypten ausgezogen sind. Nur im Film von Cecil B. De Mille waren es natürlich mehr«, sagte Horowitz, um deutlich zu machen, wie beeindruckt er war.

An der Tür verlor Mona die Fassung und brach noch einmal in Tränen aus, Während sie mit dem Finger über die Narbe auf der Wange ihres Vaters fuhr. »O Paps, Paps!«

Endlich schloß sich die Tür hinter ihr. Horowitz lehnte sich dagegen und horchte, bis die Fahrstuhltür sich geöffnet und wieder geschlossen hatte.

Aber selbst dann wagte er noch nicht, seinem Glück zu trauen. Er ging zum Wohnzimmerfenster und spähte hinunter. Erst als er Mona in die wartende Limousine steigen sah, stieß er den ersten Seufzer der Erleichterung aus.

Er wandte sich vom Fenster ab und bemerkte, daß Mrs. Washington ihn ansah. »Stehen Sie nicht so herum!« rief er jubelnd. »Singen Sie!«

Und er sang mit dröhnender Stimme: »California, here she comes!« Dann setzte er triumphierend hinzu: »Aber ohne Samuel Horowitz!«

Als er bemerkte, daß Mrs. Washington seine Begeisterung nicht teilte, beharrte er: »Freuen Sie sich, Mrs. Washington! Es ist auch Ihr Sieg! Heute abend feiern wir. Wir gehen aus und essen das größte Dinner aller Zeiten!«

»Ich muß zu den Kindern«, erinnerte sie ihn.

»Bringen Sie sie mit! Nehmen Sie jetzt gleich ein Taxi, und holen Sie sie. Wir gehen essen und dann vielleicht ms K1no. Ich habe von einem neuen Film ›Krieg der Sterne‹ gehört. Es heißt, die Kinder seien ganz verruckt danach. Und ich fuhle mich heute selbst wie ein Kind.«

Sie blieb ruhig und sagte: »Ich finde, Sie haben für heute schon genügend Aufregung gehabt.«

»Dann feiern wir eben morgen, einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte sie leise.

»Aber in der Zwischenzeit muß ich trotzdem meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich hab’s! Liebowitz!« Der Name kam wie ein Schlachtruf von seinen Lippen.

Er wählte die Nummer. »Liebowitz? Hier Horowitz!«

»Sam! Wie schön, von dir zu hören!« rief Liebowitz. »Ich habe so oft bei dir angerufen, aber du hast nie zurückgerufen. Daher nahm ich an, du wolltest mich nicht sehen.«

»Wollte dich nicht sehen? Wie kommst du auf diese meschuggene Idee, daß ich einen alten Freund nicht mehr sehen will? Ich war nur sehr beschaftigt. Du weißtp, wenn man wochenlang weg war, gibt’s eine Menge nachzuholen.«

»Ich verstehe«, sagte Liebowitz nur.

»Hör zu, Phil, ich muß dich etwas Wichtiges fragen.« Horowitz lachte. »Kannst du noch Binokel spielen?«

12

Horowitz schlief lange. Es war bei Liebowitz später geworden, als er es gewöhnt war. Beim Binokel war es ihm sehr gut ergangen. Er hatte sieben Runden gewonnen und seinem Freund am Ende Vier Dollar abgenommen.

Als er sich verabschiedete, umarmte ihn Liebowitz’ Frau. »Mach dich nicht so rar, Sam. Wir sehen dich so gerne hier.«

Jetzt hörte er vom Bett aus draußen im Wohnzimmer die übliche Geschäftigkeit. Mrs. Washington. Die gute, freundliche, treue Mrs. Washington. Was für ein Glück, daß Marvin sie gefunden hatte. Das war wohl die großartigste Leistung, die Marvin je vollbracht hatte. Horowitz mußte sich irgendwie für ihren gemeinsamen Sieg erkenntlich zeigen. Vielleicht mit einem Geschenk. Er würde einen Vorwand erfinden, um heimlich in die Stadt zu fahren.

Er stand auf, frühstückte und sagte Mrs. Washington, er müsse seinen Buchhalter aufsuchen. Statt dessen nahm er ein Taxi zum Juwelier Tiffany.

Er schlenderte durch die mit grünem Teppich ausgelegten Gänge des Juweliergeschäftes und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um sich ein teures, mit Diamanten oder Rubinen besetztes Schmuckstück anzusehen. Das tat er allerdings nur, um die Verkäufer zu beeindrucken. Schließlich wandte er sich dem einfacheren Schmuck aus massivem Gold zu. Dort ließ er sich zwei Armbänder zeigen. Während er sie noch in den Händen hielt, fiel sein Blick auf eine Anstecknadel, die aus einer verknoteten Goldschnur gefertigt war.

»Ich möchte diese hier sehen«, sagte er, auf die Nadel deutend.

Der Verkäufer legte sie auf das schwarze Samttablett. Horowitz prüfte ihr Gewicht, das eindrucksvoll war. Die feine Handarbeit gefiel ihm. Er war sicher, daß Mrs. Washington sich über dieses Schmuckstück freuen würde. Ein ausgefallener Schmuck hätte nicht zu ihr gepaßt.

Er fragte mit betonter Gleichgültigkeit: »Wieviel kostet diese Nadel?«

»Vierhundertfünfundsiebzig Dollar«, erwiderte der Verkäufer.

»Polieren Sie sie, machen Sie den Preis ab, tun Sie sie in ein hübsches Etui, und packen Sie es als Geschenk ein. Mit einem roten Seidenband.«

___________

Was für ein Film mit all den Schießereien und dem Herumfliegen im Weltraum, wer soll da der Handlung folgen können? dachte Horowitz. Aber als er zur Seite blickte und den verzückten Ausdruck auf Conrads Gesicht sah, sagte er sich, daß es sich lehnte, diesen ganzen Lärm und Tumult über sich ergehen zu lassen. Und als Louise im Augenblick größter Spannung instinktiv nach seiner Hand griff und sie festhielt, war er tief gerührt. Er bedeckte ihre Hand mit der seinen und sagte sich: Es liegt etwas ganz Besonderes in der Wärme und Weichheit der schutzsuchenden Hand eines Kindes.

Nach dem Kino gingen sie zur Tavern-on-the-Green im Central Park. Der Oberkellner führte sie zu einem Tisch, von dem man den Innenhof überblicken konnte. Horowitz bestellte Champagner und für die Kinder Limonade.

Als die Getränke kamen, brachte er einen Toast aus: »Conrad und Louise, ein Wort über eure Großmutter. Sie ist eine wundervolle Frau. Man begegnet im Leben zu selten einem Menschen wie ihr. Was Lincoln für die Neger getan hat, hat sie für mich getan. Also trinken wir auf ihr Wohl!«

Er hob sein Glas und trank. Die Kinder schlossen sich ihm mit ihrer Limonade an.

»Und jetzt«, erklärte Horowitz, »die Überraschung des Abends!« Er holte das kleine Päckchen aus der Tasche, hielt es Mrs. Washington hin und sagte: »Das ist für Sie, Mrs. Washington.«

Sie starrte auf das Päckchen. »Nein …nein, das kann ich nicht annehmen.«

»Ich habe es eigens für Sie gekauft. Es ist ein Dankeschön und das Pfand für eine lange Freundschaft.«

»Wirklich, ich kann nicht.«

Horowitz lächelte verständnisvoll. »Mein Fehler. Ich hätte Sie nicht so damit überfallen dürfen. Ich mache es auf!« Er machte das rote Band und das Papier ab und öffnete das kleine Samtetui. »Hier!« Während er ihr die Nadel hinhielt, forschte er in ihrem Gesicht nach einem Lächeln der Freude und Anerkennung. Als sich nur ihre Augen ein wenig verschleierten, sie aber sonst nicht reagierte, sagte er: »Bitte! Stecken Sie sie wenigstens einmal an. Das kann doch nichts schaden?«

Sie griff nach der Nadel und hielt sie an ihren Kragen. Das Gold glänzte in elegantem Kontrast zu ihrem schlichten dunkelblauen Kleid.

»Sehr hübsch, Oma«, sagte Louise.

»Phantastisch!« setzte Conrad zutiefst beeindruckt hinzu.

Zögernd legte Mrs. Washington die Nadel wieder auf ihre samtene Unterlage. »Nein, ich kann sie wirklich nicht annehmen.«

»Warum nicht?« fragte Horowitz bestürzt. »Erklären Sie es mir wenigstens.«

»Nicht jetzt«, sagte sie leise. »Morgen.«

___________

Am nächsten Morgen kam Mrs. Washington wie gewohnt mit ihrer Tasse Kaffee herein und setzte sich ans andere Ende des Eßzimmertisches.

Üblicherweise redete sie dann lebhaft und ungezwungen. Jetzt sprach sie kein Wort.

Schließlich sagte Horowitz: »Mrs. Washington, wenn jemand nach allem, was Sie für ihn getan haben, seine Anerkennung durch ein kleines Geschenk ausdrücken will, warum müssen Sie ihn dann beleidigen? Das frage ich Sie.«

»Mr. Horowitz, ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Aber ich fand es einfach nicht richtig.«

»Nicht richtig?« schalt er. »Was ist da nicht richtig? Es ist einfach eine Art, danke zu sagen. Ihnen zu danken, daß Sie all meine Klagen und Launen ertragen haben, die wahrhaftig nicht immer besonders erfreulich waren. Ihnen zu danken, daß Sie mich veranlaßt haben, im Rollstuhl auszufahren. Ihnen zu danken für die unzähligen Male, wo Sie mich dazu gebracht haben zu tun, was ich nicht tun wollte. Und Ihnen vor allem zu danken, daß Sie mir dazu verholfen haben, ein freier Mensch zu bleiben.«

Er schwieg eine Weile, und als er sah, daß ihr die Tränen in die Augen stiegen, fragte er ein wenig sanfter: »Mrs. Washington? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich Sie gekränkt?«

»Sie machen es mir sehr schwer, Mr. Horowitz.«

»Was ist schwer? Hören Sie, wenn Sie es jetzt nicht annehmen wollen, behalte ich das Päckchen hier, bis Sie es sich anders überlegen. Das kann in einer Woche sein oder erst in einem Jahr. Einverstanden?«

»Mr. Horowitz«, sagte sie entschlossen, »ich kann Ihr sehr großzügiges und schönes Geschenk nicht annehmen, weil Sie erwarten, daß ich in einem Jahr noch hier sein werde. Oder auch nur in einem Monat.«

Er griff mit beiden Händen nach der Tischkante. »Mrs. Washington, was wollen Sie damit sagen?«

»Ich versuche Ihnen zu sagen, daß ich bald fortgehen werde«, erwiderte sie.

»Fortgehen? Das können Sie nicht!« protestierte er. »Warum?«

»Weil ich hier nicht mehr gebraucht werde.«

»Das ist eine Ausrede!« rief er erregt. »Eine Ausrede, nichts anderes!«

Er stand auf, ging ins Wohnzimmer und setzte sich an seinen Tisch. Mit verschränkten Armen starrte er durchs Fenster auf den Park. Kurz darauf kam sie herein, um Staub zu wischen. Er begann zu sprechen, aber er sprach nicht zu ihr, sondern zu einer imaginären dritten Person.

»Es ist kaum zu glauben, daß ein Mensch imstande ist, all diese Wochen solch einen Groll zu hegen. Nur weil ich damals am ersten Tag ein paar Dinge gesagt habe … Schön, sie waren nicht sehr nett und ich wußte ja nicht, daß sie bereits hier war. Ist das ein so großes Verbrechen, daß sie mich deswegen im Stich läßt?

Wenn man’s recht bedenkt, hat sie wahrscheinlich gar kein Recht, mich zu verlassen. Ich werde Marvin anrufen und ihn fragen, ob es Rechtens ist, daß eine Krankenschwester einen Patienten im Stich läßt. Da muß es doch ein Gesetz geben!«

Er blickte verstohlen zu ihr hinüber, um zu prüfen, ob seine Worte Eindruck gemacht hatten. Aber diese schweigsame, störrische Frau wischte immer noch Staub.

Plötzlich tobte er los: »Ich weiß, daß New York schmutzig ist. Aber soviel Staub kann es nicht einmal in der Sahara geben!«

»Sie schreien mich an«, sagte sie.

»Ja, es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Aber, wenn Sie jetzt aufhören würden, Staub zu wischen, könnten Sie sich vielleicht setzen und mir sagen, weshalb Sie mich so mir nichts, dir nichts im Stich lassen wollen.«

Sie setzte sich ihm gegenüber. »Nicht im Stich lassen«, berichtigte sie ihn. »Verlassen.«

»Von mir aus verlassen. Aber warum? Wir …wir haben uns aneinander gewöhnt. Wir haben gelernt, einander zu verstehen. Und, wie ich hoffe, einander zu achten. Sie sind ein sehr guter Mensch, Mrs. Washington. Und Sie haben auch etwas von Hannah an sich. Und noch etwas, das ich schlecht ausdrücken kann. Manchmal habe ich in Büchern ein Wort gelesen: Noblesse. Ich glaube, das könnte das richtige Wort für Sie sein.«

»Mr. Horowitz«, sagte sie ruhig. »Ich bin Krankenschwester. Sie brauchen mich nicht mehr. Aber irgendwo gibt es einen Patienten, der mich braucht.«

»Ich brauche Sie nicht? Ich, Samuel Horowitz, dessen Tag beginnt, wenn ich Sie die Tür aufschließen höre? Der jeden Morgen darauf wartet zu erfahren, was Sie über Conrad und Louise zu berichten haben? Der sich auf die Gespräche mit Ihnen im Park freut?«

»Aber verstehen Sie denn nicht?« sagte Mrs. Washington. »Was Sie brauchen, ist jemand, der Ihnen den Haushalt führt und für Sie kocht. Aber Sie brauchen keine Krankenschwester. Das sagt selbst Dr. Tannenbaum.«

»Tannenbaum!« brummte Horowitz mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Tannenbaum ist ein Roßarzt! Sprechen Sie nicht mehr von ihm!«

»Mr. Horowitz, Sie sind kein Patient mehr. Sie sind fast völlig wiederhergestellt. Das haben Sie Dr. Tannenbaum und Mona bewiesen. Aber vor allem haben Sie es mir bewiesen.«

»Und dies ist der Dank, den ich dafür bekomme? Im Stich gelassen zu werden?«

Aber schließlich sah er ein, daß er sie nicht von ihrem Entschluß abbringen konnte. »Wann wann haben Sie vor wegzugehen?« fragte er.

»Dr. Tannenbaum hat mit Ihrem Sohn gesprochen, und Ihr Sohn hat mit Ihrer früheren Haushälterin, Bernadine, gesprochen. Sie kann am Montag wieder hier anfangen.«

»Also werden Sie mich Ende der Woche verlassen?« fragte er niedergeschlagen.

Sie nickte.

___________

Es war ein strahlender, kühler letzter Sonntag im August, der in der Regel einen schönen September und Oktober in New York verheißt. Im Park wimmelte es von Baseballmannschaften, Spaziergängern, Joggern und Liebespaaren.

Alle Welt schien das Ende eines heißen Sommers und den Beginn des Herbstes zu feiern.

Mr. Horowitz und Mrs. Washington schlenderten einen Weg unter grünen Laubbäumen entlang.

Horowitz gebrauchte noch seinen Stock, aber er ging viel müheloser als vor einigen Wochen.

Mrs. Washington mußte zugeben, daß sie stolz auf ihn war. Und sie mußte sich auch eingestehen, daß sie eine Zuneigung zu diesem Mann gefaßt hatte. ja, sie liebte ihn sogar, nicht so, wie Frauen Männer lieben, sondern so, wie ein Mensch einen anderen Menschen lieben und achten kann. Er war zäh, und er besaß eine eigene Art von Stolz. Genau wie Horace.

Als sie einem Eisverkäufer begegneten, fragte Mr. Horowitz: »Mögen Sie ein Eis, Mrs. Washington?«

Sie zögerte.

»Ja, ganz gern«, antwortete sie schließlich.

»Zu unserem Abschiedsfest«, sagte er etwas spitz.

Sie setzten sich auf eine alte grüne Bank und aßen ihr Eis. »Von morgen an wird es nicht mehr das gleiche sein«, sagte er. »Und doch wird es wieder das gleiche wie zuvor sein. Bernadine wird da sein, Spaziergänge im Park werden gemacht werden. Und Witwen werden da sein. Diese unvermeidlichen Witwen: Sie werden mich allein sitzen sehen, mich wie Aasgeier umkreisen und zustoßen, sobald sich eine Gelegenheit bietet.«

»Sie sollten nicht so schlecht über Witwen reden«, sagte Mrs. Washington ruhig. »Wir haben uns ein Leben lang an bestimmte Dinge gewöhnt. Wir brauchenjemanden, dem wir unsere Zuneigung schenken, um den wir uns sorgen und auf den wir abends zu Hause warten können.«

»Verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht kränken. Werde ich Sie wiedersehen? Bin ich für Sie nur irgendein Patient, den Sie einmal betreut haben? Oder darf ich annehmen, daß wir Freunde sind?«

»Es gibt keinen Grund, weshalb wir nicht Freunde sein können.«

»Heißt das, daß ich Sie hin und wieder anrufen könnte? Wenn ich zum Beispiel einmal zwei Eintrittskarten habe. Sie wissen ja, wie das ist, es gibt immer Theatervorstellungen für wohltätige Zwecke. Welchen Eindruck würde es machen, wenn man nur eine Karte kauft? Für eine wohltätige Sache muß man mindestens zwei kaufen. Verstehen Sie, was ich sagen will?«

»Hm-mm«, erwiderte sie.

»Ist das hm-mmja? Oder hm-mm nein?«

»Hm-mm vielleicht«, sagte sie und setzte hinzu: »Und es würde nichts schaden, wenn Sie auch hin und wieder Mona anriefen. Sie mag ein wenig despotisch sein, aber sie liebt Sie.«

»Sie ein wenig despotisch zu nennen, ist ungefähr das gleiche, als ob man eine Sturmflut als ein wenig feucht bezeichnete«, spottete er.

»Sie ist Ihre Tochter, und das gibt ihr gewisse Rechte.«

»Schon gut, ich werde sie anrufen«, willigte er schließlich ein.

»Vielleicht werde ich sie sogar von Neujahr bis Jom Kippur besuchen. Ja, zehn Tage, zehn Tage mit Mona kann ich ertragen. Aber nicht eine Minute mehr.«

___________

Er hatte sein Abendessen beendet. Mrs. Washington war gerade im Begriff, ihren Hut aufzusetzen, als er fragte: »Mrs. Washington, eingedenk alter Zeiten eine letzte Runde?« Und er mischte die Binokelkarten.

Sie zögerte einen Augenblick. »Es ist Sonntag. Meine Tochter ist zu Hause bei den Kindern, Ja, ich glaube, wir haben Zeit für eine letzte Runde.«

Er teilte die Karten aus. »Alles oder nichts?«

Da er noch all seine Spielschulden zu zahlen hatte, willigte sie seufzend ein: »Alles oder nichts.«

Gleich darauf machte sie den ersten Stich und meldete achtzig mit Königen. Am Schluß war er vernichtend geschlagen.

»Mrs. Washington, wenn hier auf dem Tisch eine Bibel läge, könnten Sie darauf schwören, daß Sie nie im Leben Binokel gespielt hatten, ehe Sie dieses Haus betraten?« fragte er sichtlich gereizt.

»Ja.«

»Erstaunlich«, räumte er ein. »Es genügt Ihnen nicht, daß die Schwarzen Basketball, Baseball und Rugby an sich gerissen haben. Jetzt auch noch Binokel! Und morgen die ganze Welt!«

Als sie schließlich aufbrechen wollte, kam Horowitz mit dem kleinen Schmucketui und einem Kuvert aus dem Schlafzimmer. Beim Anblick des Etuis sah sie ihn abweisend an.

»Nehmen Sie es um meinetwillen«, sagte er sanft. »Um einen alten Mann glücklich zu machen. Wie würde das aussehen, wenn ich zu Tiffany zurückgehen und sagen müßte: ›Ich will mein Geld wiederhaben. Die Nadel hat ihr nicht gefallen.‹«

Er nahm ihre Hand und versuchte, ihre Finger um das Etui zu schließen. Als sie Widerstand leistete, schimpfte er scherzhaft: »Wenn Sie das nicht können, Mrs. Washington, werden wir Sie mit Murmeln und Knöpfén üben lassen müssen.« Seine Augen wurden jetzt ein wenig feucht. Mrs. Washington sah ihn forschend an. »Kümmern Sie sich nicht darum«, sagte er. »Wenn man älter wird, tränen manchmal die Augen von selbst.«

Sie nahm das Etui. Dann gab er ihr das Kuvert.

»Was ist das?« fragte sie.

»Neunzehn Dollar!« sagte er mit gespieltem Zorn. »Binokelgewinne! Blutgeld! Sie sollten sich schämen, Mfs. Washington! Eine Falschspielerin wie Sie könnte auf einer Kreuzfahrt ein Vermögen machen! Eine perfekte Tarnung: eine Großmutter, die zudem noch Krankenschwester ist. Ich bin jedenfalls ein Ehrenmann, der seine Schulden zahlt.«

___________

Als Mrs. Washington zu Hause eintraf, fragte ihre Tochter: »Wie war’s, Mama?«

»Der Arme, er war ziemlich außer Fassung.« Sie öffnete ihre Handtasche und holte das Etui heraus. »Ich mußte die Nadel nehmen.«

Sie nahm das Kuvert aus der Tasche und lächelte. »Und das dazu Binokelgeld.«

Sie riß den Umschlag auf. Eine Zehn-, eine Fünf- und vier Eindollarnoten fielen heraus.

Außerdem steckte in dem Kuvert ein Brief, an den ein Stück Papier geheftet war.

Liebe Mrs. Washington, da Sie eine sehr stolze Frau sind, mußte ich diesen Weg wählen. Der beigefügte Scheck ist nicht für Sie. Er ist für Conrad und Louise. Richten Sie mit diesem Betrag ein Sparkonto auf den Namen der Kinder ein. Bis sie das Geld fürs College oder einen anderen Zweck brauchen, dürfte daraus eine ganz ansehnliche Summe geworden sein. Auf keinen Fall aber haben Sie das Recht, den Scheck zurückzuschicken. Er gehört den Kindern. Alsö erfüllen Sie bitte meinen Wunsch um ihretwillen und um meinetwillen.

Ihr treuer Freund

Samuel Horowitz

Er hatte mit dem gleichen schwungvollen Namenszug unterschrieben, der auch am unteren Ende des angehefteten Schecks über fünftausend Dollar stand.

Mrs. Washington starrte auf den Scheck, und ihre Augen wurden feucht.

»Mama?«

Sie zog die Nase hoch und sagte: »Es ist nichts. Wenn man älter wird, tränen manchmal die Augen von selbst.«

___________

Es war Frühsommer, der fünfundzwanzigste Juni, der zwanzigste Tag des Monats Siwan im jüdischen Kalender. In einen korrekten, dunklen Anzug gekleidet, trat Samuel Horowitz aus dem Haus und blieb unter dem Stoffdach stehen. Die Sonne schien angenehm warm.

»Ein Taxi, Mr. Horowitz?« fragte Juan lächelnd.

»Nein danke, Juan.«

Er machte sich auf den Weg die Central Park West Avenue entlang. Aus reiner Anhänglichkeit benützte er immer noch seinen Stock, den er gar nicht mehr benötigte. An der Ecke angelangt, überquerte er die Straße und steuerte auf die Synagoge zu. Der Vorbeter, der an der Tür stand, fragte teilnahmsvoll: »Jahrzeit, Mr. Horowitz?«

»Jahrzeit«, erwiderte er.

Dann ging er den Seitengang entlang und setzte sich in die vorderste Reihe des Gebetsraumes. Er sah zu der mit rotem Samt überzogenen, goldbestickten Lade empor, in der die Thora aufbewahrt wird. Die Thom ist ein Zeichen-für die Anwesenheit Gottes, an das die meisten Juden ihre Gebete richten, und manchmal auch ihre Gebete für die Toten.

Samuel Horowitz blickte sie fest an und sagte im stillen: Hannah, Liebes, letztes Jahr war ich zu spät dran. Aber es gab einen Grund dafür. Dieses Jahr bin ich, wie du siehst, rechtzeitig da. Und nicht nur rechtzeitig, sondern ich bin auch zu Fuß hierhergekommen. Ohne fremde Hilfe.

Also sollst du wissen, daß ich wieder gesund bin. Gestern habe ich mit Mona telefoniert. Es geht ihr gut. Und auch den Enkeln. Bruce hat von Harvard zum Massachusetts Institute of Technology übergewechselt, wo er Physik studiert. Wenn er einmal sein Diplom bekommt, wird er imstande sein, die ganze Welt in die Luft zu sprengen. Und Candy wird gehirngeschädigte Kinder unterrichten. Ich habe sie beide zu Passah in San Diego gesehen.

Das ist die Hauptsache, Hannah, Liebes, daß alles in Ordnung ist, daß es der Familie gutgeht.

Und wenn du hier sein könntest, dann wäre alles bestens. Hannah, ich liebe dich, und ich vermisse dich. Nicht nur heute, sondern immer.

Der Vorbeter begann mit dem Frühgottesdienst. Und als der Augenblick gekommen war, sprach Horowitz das Kaddisch für seine geliebte Hannah.

Nach Beendigung des Gottesdienstes verließ er die Synagoge und ging die Central Park West Avenue entlang in Richtung seines Hauses. Auf der Straßenseite, die an den Park grenzte, saß eine adrett gekleidete Schwarze unauffällig auf einer Bank im Schatten eines Baumes und beobachtete ihn.

Er hat es geschafft, dachte sie. Er hat die Jahrzeit seiner Frau pünktlich eingehalten und ist so mühelos zur Synagoge und zurück gegangen, daß niemand auf den Gedanken gekommen wäre, daß er vor einem Jahr emen Schlaganfall erlitten hatte.

Zufrieden stand Mrs. Washington auf und machte sich auf den Weg zur U-Bahn-Station. Sie mußte sich um ihren neuen Patienten kümmern.

Henry Denker

»Der einzige Vorteil, den ich mir davon versprechen könnte, von New York wegzuziehen, wäre ein Steuervorteil«, bekennt Henry Denker, auf sein Verhältnis zu dieser Stadt angesprochen. Denker ist ein Bewohner dieser Weltstadt, auf die man so selten trifft: Er ist in New York selbst geboren. Er kennt und liebt die Stadt und ihre Menschen.

Von seiner Wohnung genießt er den herrlichen Blick auf den Central Park, in dem er häufig und ausgiebig spazierengeht. Dabei ist er oft weißen Patienten begegnet, die von einer schwarzen Pflegerin im Rollstuhl ausgefahren wurden. Mit der Zeit beschäftigte ihn die Frage, welche Geschichte in der Beziehung eines solchen »Paares« stecken könnte.

Das Vorbild für den Charakter von Horowitz ist zum großen Teil Denkers Vater gewesen, ein österreichischer Jude, der um die Jahrhundertwende nach Amerika ausgewandert ist.

Denker ist von Haus aus Jurist. Während des Zweiten Weltkriegs begann er journalistisch, vor allem für den Rundfunk, zu arbeiten. Später schrieb er Theaterstücke und Romane. Als freier Schriftsteller hat er sich mit wachsendem Erfolg auf spannende Romanthemen aus dem Bereich der Medizin spezialisiert. Der Kunstfehler und Umstrittene Diagnose von Henry Denker sind bereits in den Auswahlbüchern erschienen.

Doch nicht nur im Operationssaal kennt sich der Autor aus. Sein neuester Roman Recht oder Rache — ebenfalls in den Auswahlbüchern veröffentlicht — zeigt Henry Denker auch im Gerichtssaal als sachkundigen Experten.

Teil III

Das Geheimins von Landfall

Eine Kurzfassung des Buches von Gerry M. Glaskin. Ins Deutsche übertragen von Lutz Wolff.

1942: Die Eroberung Singapurs durch die Japaner zwang viele Tausende Europäer in Niederländisch-Indien, eine Fluchtmöglichkeit aus dem sicheren Holocaust zu finden. Mit einem der letzten, in aller Eile startklar gemachten Flugzeuge, die Java verlassen, nimmt der Pilot Dirk van Dooren Kurs auf Australien. Aber kurz bevor die Maschine in Sicherheit ist, greifen die Japaner über der Großen Sandwüste im Nordwesten Australiens an

Dies ist die Geschichte von sieben einander sehr verschiedenen Überlebenden einer Bruchlandung und davon, wie sich die Beziehungen unter Angst und Gefahr ändern, wie Liebe und Haß wachsen, welche merkwürdigen Formen die Habgier annehmen kann, wenn man Menschen die Bequemlichkeit des modernen Lebens entzieht und sie in die fremde Unwirklichkeit einer Wüste versetzt.

1

Der australische Winter hält im Juni seinen Einzug. Ich entfliehe diesem Winter in den Norden des Landes. Nicht um Urlaub zu machen. Aber es ist in diesen Breiten wärmer, und mir macht dort das Schreiben mehr Spaß. Ich fliege 2400 Kilometer nach Norden und lasse den Wendekreis des Steinbocks hinter mir, und doch bin ich immer noch im selben Kontinent, im selben Land, ja, ich bin sogar noch im selben Bundesstaat Westaustralien. Man könnte zwar glauben, daß das subtropische Kimberley in einem völlig anderen Land liegt als die Gegend von Perth im gemäßigten Süden, aber diesen Unterschied sehen nur Geographen.

Die Übergänge sind fließend. Aus der Luft sieht es aus wie eine riesige, unendliche Wildnis.

Sogar unter den Australiern gibt es nur wenige Leute, die ihr Land wirklich kennen.

Einige Tage bevor ich nach Broome an die Nordwestküste abfliegen wollte, lud ich einige Freunde und Familienangehörige zu einem kleinen Abschiedsfest ein. Immerhin wollte ich zwei oder drei Monate wegbleiben.

»Ich möchte Sie noch um etwas bitten, bevor Sie abreisen«, sagte Arnold, der Schwiegervater einer meiner Schwestern. »Es handelt sich um eine Angelegenheit, die der Regierung Sorgen bereitet. Selbstverständlich muß die Sache äußerst vertraulich behandelt werden.«

Ich mußte lächeln. Arnold ist ein erfolgreicher Politiker, aber er neigt dazu, die Dinge zu dramatisieren. »Geheime Kommandosache?« fragte ich leichthin.

»Streng geheim«, sagte er ruhig. »Könnten Sie mich vielleicht morgen in meinem Büro aufsuchen? Robert Thomas, der Minister für den Nordwesten, wird auch an dem Gespräch teilnehmen. Wir möchten, daß Sie etwas für uns herausfinden — ehe Tausende von Leuten verrückt spielen und in die Wildnis gehen, wo viele von ihnen unweigerlich umkommen würden.«

Sein Gesichtsausdruck war so ernst, daß mir das Spotten verging. Ich wußte, daß sich in der Öde des australischen Buschs auch heute noch gelegentlich solche Tragödien abspielen.

»Nun, Arnold«, erinnerte ich ihn, »ein Sachverständiger oder Minensucher bin ich eigentlich nicht, sondern nur Schriftsteller.«

»Das genau ist der Grund, warum Thomas und ich Sie ausgesucht haben. Sie sind doch dauernd unterwegs, um neues Material für Ihre Bücher zu sammeln. Wenn Sie irgendwo auftauchen, fällt das niemandem auf. Wann paßt es Ihnen morgen am besten? Ich schicke Ihnen einen Wagen vorbei.«

»Um halb elf wäre mir recht.«

___________

Als ich in Arnolds großes Büro geführt wurde, hatte ich augenblicklich das Gefühl, in eine rätselhafte und abenteuerliche Affäre hineingezogen zu werden. Robert Thomas saß bereits in einem Sessel, man brachte uns Tee, und wir plauderten über die Golfsaison und das Wetter.

Aber ich wurde bald ungeduldig. »Nun«, sagte ich, »worum geht es denn überhaupt?«

Arnold setzte seine Teetasse ab und beugte sich mit ernstem Gesicht vor.

»Was würden Sie sagen«, fragte er mich, »wenn ich Ihnen verriete, daß im Gebiet um Halls Creek Gerüchte über einen Diamantenfund im Kimberley-Distrikt aufgetaucht sind?«

»Diamanten!« rief ich verblüfft. »Wir sind doch in Australien, nicht in Südafrika. Sind hier überhaupt schon einmal Diamanten entdeckt worden?«

»Soviel ich weiß, nicht.«

»Gibt es denn Anhaltspunkte, die diese Gerüchte stützen?«

»Merkwürdigerweise, ja. Kennen Sie die Rinderfarm Landfall, südöstlich von Christmas Creek? Sie gehört einem Holländer mit Namen van Dooren.«

»Ich dachte, da oben gäbe es überhaupt nichts außer der Großen Sandwüste. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß es in dieser gottverlassenen Gegend auch nur ein paar verirrte Ochsen aushalten können.«

»Niemand hat das geglaubt, bis sich nach dem Krieg dieser van Dooren und seine Frau dort niedergelassen haben. Ihm, seiner Frau und seinen Kindern geht es offenbar ziemlich gut. Er hat kein Vermögen, und soweit wir wissen, werfen wohl auch seine Farm und seine Herde nicht soviel ab, wie er aus gibt.«

»Ich hoffe, Sie haben nicht schon daraus geschlossen, daß er ein Diamantenfeld entdeckt haben müsse?«

»Nun, irgendwoher müssen er oder seine Frau Diamanten bekommen haben. Eines Tages erschien sie jedenfalls in der Stadt und verkaufte einen zwanzigkarätigen Stein für etwas mehr als zwanzigtausend Pfund. Sie zahlte die Summe auf das Konto ihres Mannes ein und pachtete Landfall. Niemand hatte dieses Land bis dahin gewollt, und soviel ich gehört habe, hielt man die van Doorens für ziemlich verrückt, weil sie sich dort niederlassen wollten. Aber ein paar Jahre später kam Frau van Dooren wieder.«

»Mit weiteren Diamanten?«

»Ja, und diesmal brachte sie gleich drei, zwar nicht so groß wie der erste, aber immer noch eine Menge Geld wert. Diesmal stellte man ihr einige Fragen. Sie erklärte, sie hätten die Diamanten im Krieg von Singapur mit nach Australien gebracht. Das konnte stimmen. Unmittelbar bevor die Japaner Niederländisch-Indien besetzten, waren die van Doorens mit einem Flugzeug aus Surabaya geflohen, das in Nordwestaustralien notlandete. Sie konnten offenbar nachweisen, daß sie die rechtmäßigen Besitzer der Diamanten waren, oder zumindest wurde dieser Anspruch niemals bestritten. Und wir können es auch jetzt nicht.«

»Ist das denn überhaupt nötig?«

»Nun, wir würden gern wissen, wo sie — oder ihr Mann — immer neue Steine hernehmen. Vor kurzem erschien sie nämlich schon wieder. Diesmal brachte sie zWei Rohdiamanten. Und weil sich ihr Vorrat als scheinbar unerschöpflich erwies, entstanden natürlich Gerüchte. Demnächst werden alle möglichen Leute auf der Suche nach Diamanten in diese grauenhafte Wüste hinausfahren. Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, was den meisten dieser Abenteurer passiert.«

Es fiel mir nicht schwer.

In der Gibsonwüste und der Großen Sandwüste sind mehrere Forscher spurlos verschwunden. Auch heute noch kommen Abenteurer dort um. Wenn sich unkundige Städter in diese dünnbesiedelten Gebiete aufmachten, um nach Diamanten zu suchen, würden Tragödien nicht ausbleiben. Und in diesem Riesengebiet, wo es kaum Einwohner gab, konnte niemand sie daran hindern. Selbst die Regierung wäre hilflos gewesen. Es war nicht weiter erstaunlich, daß Arnold und Bob Thomas, der für dieses Gebiet zuständige Minister, beunruhigt waren.

»Und was erwarten Sie von mir?« fragte ich.

»Arnold hat mir gesagt, daß Sie nach Broome fliegen«, sagte Thomas.

Er stand auf und tippte auf eine Karte, die an der Wand hing. »Wir würden es begrüßen, wenn Sie weiter nach Derby und dann zu dieser Farm fliegen könnten. Der Medizinische Flugdienst könnte Sie mitnehmen. Jack Mills, der Pilot, ist schon einmal draußen bei den van Doorens gewesen, denn er war neugierig. Er hatte noch nie einen Anruf von dort, weil die van Doorens ein eigenes Flugzeug besitzen. Mills kann auch nicht bleiben, wenn er Sie abgesetzt hat. Er muß zu seiner Station zurück, falls Notrufe kommen. Aber er holt Sie jederzeit wieder ab, wenn Sie ihn über Funk rufen.«

»Die van Doorens haben noch nie den Medizinischen Flugdienst gerufen?« fragte ich. »Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich? Wie hat denn Frau von Dooren die Kinder zur Welt gebracht?«

»Ja, also das erste kam draußen auf der Farm zur Welt, und bei der Geburt hat nur eine alte Frau, eine Eingeborene, geholfen, soviel ich gehört habe. Die beiden anderen wurden in Derby geboren. Damals hatte van Dooren schon ein eigenes Flugzeug. Viel mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Niemand weiß so recht über die van Doorens Bescheid. Diejenigen, die sie etwas näher kennengelernt haben, scheinen allerdings sehr viel von ihnen zu halten.«

»Und was soll ich machen, wenn die van Doorens meinen Besuch nicht gern sehen? Wenn sie tatsächlich in der Nähe ihrer Farm Diamanten gefunden haben und den Fundort geheimhalten wollen?«

»Wir haben uns das schon überlegt. Mills könnte ja erst einmal sehen, wie man Sie empfängt. Und außerdem können Sie uns natürlich jederzeit über Sprechfunk benachrichtigen.«

»Warum haben Sie nicht die örtliche Polizei eingeschaltet?«

»Wir möchten die Sache nicht offiziell machen.«

Ich schwieg. Noch zögerte ich, aber schon reizte es mich, dieser rätselhaften Angelegenheit nachzugehen. Die Geschichte klang allzu romantisch, und ich wußte genau, daß die Gegend da oben mit Romantik nicht das geringste zu tun hatte. Ich war schon mit dem Flugzeug im Gebiet um Landfall gewesen. Dort gab es nichts als dornige Akaziensträucher und Stachelkopfgrassteppen, hin und wieder Geröllfelder und schieferbedeckte Senken, die wie Ollachen glänzten. Ich erinnerte mich aber, gelegentlich auch einzelne plötzlich auftauchende Felsen gesehen zu haben, die selbst aus der Luft noch gespenstisch aussahen. Diese Felsen erheben sich nicht etwa aus dem flachen Land, wie man erwartet, sondern bilden die Ränder von tief eingeschnittenen Schluchten, die den Eindruck erwecken, als ob ein riesiges Messer die Erdkruste aufgeschlitzt und eine offene blutende Wunde hinterlassen hätte. Auf dem Grund dieser Schluchten hatte an einigen Stellen Wasser geblitzt, obwohl es ringsum keine Flüsse gab, sondern nur sandige Hügelketten und Wüste. Abgesehen von diesen wenigen tief eingeschnittenen Tälern sind die Gibson- und die Große Sandwüste riesige wasserlose Einöden. Wie dort irgend jemand ohne die Erfahrung eines Eingeborenen überleben sollte, überstieg meine Vorstellungskraft.

»Werden Sie uns helfen?« fragte Arnold.

Ich sagte ihm, daß ich dazu bereit wäre.

___________

Zwei Tage später stieg ich mit meiner Schreibmaschine und meinem Koffer ins erste Flugzeug, das morgens von Perth abflog. Ich freute mich, den winterlichen Süden verlassen zu können, und war fast schon ungeduldig, nach Derby zu kommen. Aber selbst im Flugzeug schrumpfen die gewaltigen Entfernungen dieses Landes nicht so zusammen wie in anderen Teilen der Welt. Fünf Zwischenlandungen gab es auf dem Wege nach Norden — Geraldton, Carnarvon, Wittenoom, Port Hedland und Broome. In Derby sollten wir erst am späten Nachmittag sein.

Von meinem Fensterplatz aus konnte ich das ungeheuer weite, flache Land unter mir sehen, das sich endlos, sonnenverbrannt und voller Runzeln ausbreitete. Es war, als ob der Sonnenglanz aus der Erde selbst käme, die lediglich eine dünne Kruste auf geschmolzener Lava zu sein schien.

Jack Mills, der Pilot des Medizinischen Flugdienstes, wartete in Derby auf mich. Mills war ein hochgewachsener, knochiger junger Mann Ende Zwanzig.

Er stellte sich vor und sagte: »Ich werde Sie morgen nachmittag in Landfall absetzen. Die van Doorens erwarten Sie schon. Sie möchten Sie für ein paar Tage einladen.«

»Aber woher wußten sie denn, daß ich komme?«

»Nun, wir haben hier so unsere Kanäle«, meinte er. »Wahrscheinlich wurde Ihr Name im Radio erwähnt. Sie haben ja auf der Passagierliste gestanden. Und wie es der Zufall so will, hat Mrs. van Dooren wohl einige Ihrer Bücher gelesen und sich erkundigt, ob Sie sich auch die kleineren Ansiedlungen in der Umgebung ansehen wollten. Nun, davon habe ich natürlich wieder gehört. Also faßte ich mir ein Herz und sprach über Funk mit ihr. Ich erzählte ihr, daß Sie einige Orte in der Wildnis aufsuchen wollten, besonders solche, wo es noch ein paar Ureinwohner im Stammesverband gibt. Sie sagte, ihre Farm sei gleichzeitig eine Art Missionsstation, und Sie könnten auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich hoffe, das ist Ihnen recht.«

»Ja, bestimmt«, versicherte ich.

___________

Als wir am folgenden Tage mit der kleinen Cessna vom staubigen Flugplatz in Derby aufstiegen, bildete der Horizont einen gewaltigen Kreis, der von einer unregelmäßigen Küstenlinie in zwei Hälften geteilt wurde. Den einen Halbkreis füllte die Timorsee, die am Rockzipfel des Indischen Ozeans hängt, die andere Hälfte bildete die unendliche Weite eines trockenen und nahezu unfruchtbaren Erdteils.

Als das Flugzeug höher stieg, schienen die mächtigen Affenbrotbäume, deren kahle Äste wie Arme ängstlich gen Himmel gereckt waren, nur noch Karikaturen von‘ Bäumen zu sein. Ausgetrocknete Flußläufe wurden erkennbar. Über einer rötlichen Straße erhob sich eine Staubwolke, die scheinbar von einem Ameisenschwarm stammte. Hier wurden Rinder nach Derby gebracht, die entweder in die Fleischfabriken der Stadt getrieben oder lebend verschifft werden sollten. »Ich würde gern weiter heruntergehen, damit Sie etwas mehr sehen«, rief Mills, »aber dann würde da unten bloß Panik ausbrechen.«

Er schwieg eine Weile, und als er das nächste Mal etwas zu mir sagte, bekam ich fast einen Schrecken. »Wissen Sie«, sagte er, »meiner Meinung nach sollten Sie nicht lange um den heißen Brei herumreden, wenn Sie nach Landfall kommen. Fragen Sie die van Doorens am besten ganz direkt nach dieser Diamantengeschichte. Sie kriegen bestimmt eine ehrliche Antwort.«

»Hat Ihnen Thomas gesagt, weshalb ich hier bin?« fragte ich.

Mills grinste. »Nicht direkt«, antwortete er, »aber früher oder später zählt man eben zwei und zwei zusammen.«

Der letzte Teil des Fluges war genauso; wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Unter uns war nur noch eine unendliche Ebene mit gelegentlichen Felsen zu sehen. Nichts regte sich. Ab und zu krümmte sich ein ein hagerer Baum in der sengenden Hitze. Dann wieder erinnerte mich ein riesiges Geröllfeld, auf dem mächtige Felsbrocken herumlagen — die Plappernde Prärie —, an die Gefahren einer Notlandung. Wieder einmal wurde mir klar, daß diese Gegend nicht umsonst die Große Sandwüste heißt.

»Da hinten liegt unser Ziel«, sagte Mills plötzlich und zeigte zum Horizont. »Wenn Sie genau hinsehen, sind da zwei Hügel, die so eng zusammenstehen wie die Brüste einer Frau. Ich glaube, die Eingeborenen nennen diese Hügelkette die ›Schlafende Frau‹. Rechts kann man einen noch größeren Berg erkennen, das ist gewissermaßen der Kopf, und nach links bildet der Hügelkamm weitere weibliche Formen bis zu diesen kleinen Höckern, die sozusagen die Knie und die Schenkel darstellen. Und ganz links — sehen Sie? — sind die Füße. Halten Sie die Augen offen, Landfall muß jeden Moment auftauchen.«

Das Flugzeug senkte sich in ein Tal. Was zunächst eine weißblühende Baumgruppe zu sein schien, löste sich Sekunden später in einen riesigen Schwarm weißer Kakadus auf, die kreischend davonstoben. Der Boden der Senke war fast vollkommen flach. Hohes, gelbliches Gras, das in den regenlosen Sommermonaten völlig verdorrt war, wogte in langen Wellen. In dem Gras weidete Vieh. Am oberen Ende des Tales lag in der Geborgenheit der beiden Hügelketten die Farm.

Weiter unten, in der Mitte des Tales, fing die tief eingeschnittene Schlucht an. Sie begann als schmaler Riß in der Erde, der immer weiter auseinanderklaffte, je breiter das Tal wurde. Dort, wo das Tal in die Ebene überging, knickte die Schlucht scharf nach links ab.

Riesige Steinbrocken türmten sich am Rande der Felswände, die mit zahlreichen Vorsprüngen in die Tiefe abstürzten. Der Grund der Schlucht war in schwarze Schatten getaucht.

Die Landebahn war nur ein von Hindernissen geräumter, mit großen Steineneingefaßter Streifen der Wüste. Sie wirkte gefährlich, aber Mills hatte das Flugzeug schon lange vor den Anhöhen abstoppen können, die auf uns zu kamen.

Nach der Landung drehte er seitlich ab, ließ die Maschine noch hundert Meter weit rollen und kam schließlich vor einem notdürftig zusammengezimmerten Hangar zum Stehen.

Wir stiegen aus, und bald kam ein offener Lastwagen in Sicht. An der Bretterwand hinter der Fahrerkabine klebten drei Gestalten, ein Eingeborener und zwei junge weiße Burschen. Als der Lastwagen hielt, flogen die Türen auf beiden Seiten gleichzeitig auf. Auf der einen Seite sprang ein kleines Mädchen heraus, auf der anderen ein hagerer, hochgewachsener, sonnenverbrannter Mann Mitte Vierzig. Durch sein kurzgeschnittenes, blondes Haar zogen sich graue Strähnen. Schon aus einiger Entfernung fiel mir das durchdringende Blau seiner lebhaften Augen auf. Das kleine Mädchen hüpfte aufgeregt hinter ihm her, aber die übrigen blieben auf dem Lastwagen. Als er uns erreicht hatte, streckte der Mann dem Piloten die Hand hin.

»Tag, Jack«, sagte er. »Wie geht’s denn?« Dann streckte er seine Hand auch mir hin. Der Händedruck war so kräftig, daß meine rechte Hand ganz weiß war, als er sie losließ.

Jetzt fiel mir auf, daß sein linker Arm leicht verkrüppelt war und schlaff herabhing.

Erst als er seine Tochter Fleure vorstellte, bemerkte ich den leichten holländischen Akzent. Der fremde Klang war kaum hörbar, als er sagte: »Willkommen in Landfall. Wissen Sie, daß Sie der erste Gast in all den Jahren sind, die wir hier leben?«

2

Als die Cessna nur noch ein winziger schwarzer Punkt am Horizont war und die Wüste wieder verlassen dalag, sagte van Dooren: »Meine Frau bittet um Entschuldigung, daß sie nicht ebenfalls zu Ihrem Empfang hier ist, aber eine der Eingebofenenfrauen ist krank geworden, und meine Frau besucht sie gerade.«

Die beiden jungen wurden mir als Johnny und Robert vorgestellt.

Meine Ankunft war offensichtlich ein Ereignis für sie, denn sie starrten mich die ganze Zeit an.

Der Schwarze war der letzte, dessen Bekanntschaft ich machte. »Das ist Harry«, sagte van Dooren, »er ist mein Vorarbeiter — und außerdem ein sehr guter Freund.«

Ehe ich wußte, wie mir geschah, saß ich in der Fahrerkabine, und der Lastwagen rumpelte die holprige Piste entlang. Die Luft war mit Vogelstimmen erfüllt und der Himmel so hell, daß er nahezu weiß schien.

Überall sonst blendeten leuchtende Farben das Auge: weißgelbes Stachelkopfgras, grüne Baumgruppen, rote, ockerfarbene Erde, blaugraue Hügel und violette Schatten dazwischen. Als wir ein Stückchen gefahren waren, hielt van Dooren, und wir stiegen aus dem Lastwagen.

»Ehe wir weiterfahren, möchte ich Ihnen etwas zeigen«, sagte van Dooren. »Sie haben es zwar sicher schon vom Flugzeug aus gesehen, aber wenn es direkt vor Ihnen liegt, können Sie die Ausmaße erst richtig erkennen.«

Wir marschierten querfeldein, wobei wir nur gelegentlich einem verkümmerten Baum, einem Felsen oder dichtem Stachelkopfgras ausweichen mußten. Ich bemerkte, daß wir eine leichte Steigung hinaufgingen.

Während ich noch überlegte, ob die raschelnden Bewegungen im Gras wohl von Schlangen oder nur von Eidechsen herrührten, erstarrte ich plötzlich vor Schreck. Unmittelbar vor meinen Füßen war die Erde geborsten, und ein tiefer Abgrund tat sich auf. Das war die Schlucht.

Als sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte ich unter dem Überhang, auf dem wir standen, gewaltige Felsvorsprünge erkennen.

Weit unten erkannte ich einen schwarzglänzenden Teich, dessen Oberfläche glatt und unbewegt wie eine Glasscheibe war. Dieser Teil der Schlucht wirkte unheimlich. Als ich aufschaute, war ich ungeheuer erleichtert.

»Was liegt hinter diesen Hügeln dort drüben?« fragte ich. Ich dachte an die Wüste, die wir überflogen hatten.

»Nichts als Wüste«, sagte van Dooren. »Aber auf der anderen Seite der Hügelkette liegt die Ebene höher als die Küstenebene, über die Sie gekommen sind. Eigentlich sind die Erhebungen eher eine Felswand als ein Hügelkamm, obwohl sie auch nach Osten leicht abfallen.«

»Dann ist dieses Tal also ein Kessel und einmalig in dieser Gegend, ringsum nichts als Wüste?«

»Ja. Und das ist ein Wunder.«

Er hatte die Worte mit solcher Andacht gesprochen, daß ich ihn rasch prüfend ansah. »Die Schlucht«, erklärte er weiter, »ist hier ungefähr siebenhundert Meter breit und über hundert Meter tief. Später werde ich Ihnen zeigen, wo das Wasser am oberen Ende der Hauptschlucht aus dem Felsen herauskommt und über Becken in Kaskaden herabstürzt. Wenn Sie genauer hinsehen, können Sie am Rand dort unten eine schwache Bewegung feststellen.«

Ich beschattete meine Augen mit einer Hand und konnte am Rand ein Schmelzen des schwarzen Glases wahrnehmen, das langsam hinabtropfte.

»Das Wasser fließt immer gleichmäßig, und der Wasserspiegel steigt nie und fällt nie. Es tritt am einen Ende der Schlucht zutage, und hier verschwindet es einfach in einer tiefen Felsspalte. Wohin es dann fließt, wissen wir nicht. Die Eingeborenen glauben, daß es sich in einem ewigen Kreislauf zwischen Erde und Hölle bewegt und an dieser Stelle der Himmel darauf herabschaut. Vielleicht ist es so. Sicher kennen sie sich hier besser aus als wir, denn es ist ihr Land.«

Wir kehrten zurück zum Lastwagen, und erst als wir einen weiteren Kilometer zurückgelegt hatten, wurde mir klar, daß van Dooren schon lange unterwegs gewesen sein mußte, ehe wir mit der Cessna über seinem Haus gekreist waren.

»Wir wußten, daß Sie im Anflug waren«, sagte van Dooren, als ich ihn fragte. »Die Eingeborenen haben nach Ihnen Ausschau gehalten. Manche von ihnen können einen Geier in dreißig Kilometer Entfernung erkennen.«

Wieder hielt er an.

»Diesen Teil der Schlucht müssen Sie sich auch noch ansehen«, sagte er, als wir ausstiegen.

Diesmal bot sich ein völlig anderer Anblick. Es gab keinen lotrechten Abfall unter überhängenden Felsen, sondern terrassenartige rötliche Steinschichten. Auf den Absätzen wuchsen Pflanzen und Gräser wie in einem hängenden Garten. Die Felsränder schienen von einem Filigranmuster glänzender Metalle überzogen zu sein, und vor diesem Hintergrund von Rot und Gold, Bernstein und Ocker, Rosa und Gelb leuchteten grün das Blattwerk der Bäume und weiß ihre Stämme.

Ganz unten auf dem Grund war ein großer Teich, ein jadegrünes Oval, von dem aus wie in einem natürlichen Amphitheater verschiedenfarbige Felsstufen aufstiegen. Uber die Steingalerien stürzte ein Wasserfall aus großer Höhe herab. Vögel flogen auf, als wir uns näherten, Schmetterlinge flatterten langsam davon. Es erschien fast unglaublich, daß jenseits der Hügel um uns herum nur Wüste sein sollte.

»Es gibt noch ein paar andere Stellen, die man sich ansehen sollte«, sagte van Dooren. »Aber die Kinder werden Ihnen sicher auch noch etwas zeigen wollen. Ich hoffe, Sie bleiben etwas länger?«

»Ich fühle mich jetzt schon so wohl, daß ich am liebsten für immer hierbleiben würde.«

»Das freut mich. Wie ich schon sagte: Sie sind unser erster Gast.«

»Ich nehme an, Sie meinen: der erste weiße Gast.«

»Die Eingeborenen sind für uns keine Gäste«, sagte er. »Wir betrachten dieses Land nicht als unsere Heimat, sondern als ihre.«

»In dieser Gegend lebt der Godadji-Stamm, nicht wahr?«

»Ich freue mich, daß Sie etwas über Ihr Volk wissen.«

Angesichts meiner Hautfarbe war das eine eigenartige Bemerkung, fand ich.

»Sehr viel weiß ich nicht«, gab ich zu, »deshalb bin ich hier oben. Ich würde gern wissen, welche Auswirkungen es auf sie hat, wenn sie sich unserer Lebensweise anpassen.«

»Eines scheinen sie nie zu verlieren — ihre enge Verbindung zur Natur«, sagte er leise. »Sie können etwas, was nur sehr wenigen Weißen gelingt — sie erkennen die Zusammenhänge in der Natur intuitiv. Da hilft uns auch unsere sogenannte Intelligenz nicht.«

In diesem Augenblick zupfte mich das kleine Mädchen am Ärmel. »Siehst du dir nachher meinen Garten an? Ich habe ihn zwar nicht angelegt — er war schon immer da —, aber ich pflege ihn. Deshalb sage ich, es ist meiner.«

»Das würde mir großen Spaß machen, Fleure«, sagte ich.

Ich ertappte van Dooren dabei, daß er mich mit einem merkwürdigen Lächeln in den Augen ansah. »Wir lassen Landfall so, wie wir es vorgefunden haben.«

Dann kletterten wir wieder in den Lastwagen. Ein letzter Blick in die Schlucht, als wir um die Kurve fuhren, hinterließ in mir den Eindruck eines Paradieses. Fast hatte ich vergessen, daß Landfall auch eine Rinderfarm war.

»Links können Sie einen Teil meiner Viehherde sehen«, sagte van Dooren. »Am Abend kommt sie herunter ins Tal.«

»Wieviel Stück haben Sie hier?« fragte ich. Auf diese Weise konnte ich vielleicht etwas über seine finanzielle Situation erfahren. »Nur ungefähr vier- bis fünfhundert Tiere«, erklärte er mir. »Solange ich keine Bewässerungsanlagen baue und Getreide anpflanze, werden es auch nie viel mehr sein. Der Boden ist einfach zu karg. Aber für uns reicht es. Wir schlachten etwa jede Woche zwei Rinder, um uns zu ernähren. Wir bauen unser eigenes Gemüse an, und wir haben sogar Weinstöcke und Obstbäume. Meine Frau kocht sehr viel ein, und die Eingeborenen sammeln wilden Honig für uns.«

Zwischen dürren Bäumen wurden das Windrad und das Farmhaus allmählich sichtbar. Auf einer sandigen Lichtung saß eine Gruppe von Eingeborenenfrauen und Kindern, von denen einige nackt waren. Struppige Köter kamen uns kläffend entgegen. Hinter der Gruppe standen unter den Bäumen halb verborgen einige Hütten aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk.

Diese primitiven Behausungen waren alles, was die Eingeborenen je für sich bauten. Wenn der Schmutz unerträglich wurde und ein Wasserloch versiegte, zogen sie zum nächsten weiter. Niemals machte sich ein ganzer Stamm zugleich auf die Reise, sonst hätte das Land nicht genügend Nahrung geboten, und die Wasserstellen wären allzu rasch ausgetrocknet.

Man konnte sich leicht vorstellen, daß die ersten weißen Siedler die Eingeborenen ein »heruntergekommenes, elendes Volk« genannt hatten.

Nur wenige erkannten in ihnen das vielleicht hervorragendste Beispiel dafür, wie Menschen so in Harmonie mit der Natur leben können, daß sie ganz deren Teil bleiben — und dies, wo sie sicher am unwirtlichsten ist.

»Früher hatte ich einmal die Vorstellung«, sagte van Dooren, »ihnen irgendwelche Unterkünfte bauen zu müssen. Aber dann hörte ich im Radio, daß die großen Rinderfarmen im Westen damit überhaupt keinen Erfolg gehabt hatten. Die Eingeborenen lebten ein paar Wochen in den Häusern und gingen dann wieder in ihre Hütten zurück. Soviel ich gehört habe, hinterließen sie überall einen furchtbaren Saustall. Daraufhin sah ich ein, wie überheblich und überflüssig solche Einmischung war. Diese Leute brauchten mich nicht.«

Das Haus war von einem engmaschigen Drahtzaun umgeben. Hinter dem Tor waren einige Bäume und Sträucher gepflanzt und ein großes Blumenbeet angelegt wie in einem Garten. Am Fliegendraht, der die große Veranda umgab, rankte sich eine Kletterpflanze mit leuchtenden Blüten hoch.

»Hallo!« rief van Dooren jäh. »Meine Frau ist noch gar nicht zurück. Ihr Pferd ist nicht im Hof. Aber kommen Sie nur schon herein.«

Ehe ich van Dooren ins Haus folgte, drehte ich mich noch einmal um und blickte hinunter ins Tal. Es war ein großartiger Anblick. Die letzten langen Sonnenstrahlen fielen auf das Gras, und an den Hügeln im Osten stiegen schon die Schatten hinauf.

Ich fragte mich, wann Mills wohl wieder in Derby sein würde und wann ich ihm den Funkspruch schicken könnte, der ihm mitteilte, daß man mich mit großer Gastfreundschaft in Landfall empfangen hatte.

___________

Im Hause roch es nach Bohnerwachs und gebratenem Fleisch. Van Dooren führte mich ins Wohnzimmer, in dem es Sessel und eine Couch aus rohem Holz gab, die mit Rinderfellen bedeckt waren. In einer Ecke stand ein Harmonium. An, den Wänden hingen einige schöne Rindengemälde, die von den Eingeborenen stammten, und eine Waffensammlung: Bumerangs, Speere und Schilde. Darunter standen Bücherregale.

Ein offener Kamin, in dem noch angekohlte Holzscheite lagen, erinnerte mich daran, wie kühl es nachts im Binnenland wurde. Hier und da standen Kerosinlampen, und voller Überraschung stellte ich fest, daß es auch einige Glühbirnen gab.

»Die Kerosinlampen sind für Notfälle da«, erklärte van Dooren.

»Unser Dynamo wird von einem Dieselmotor angetrieben, und wenn es etwas zu reparieren gibt, was ich nicht selbst machen kann, dann dauert es eine Weile, bis jemand kommt.«

Er führte mich durch das Eßzimmer, wo Stühle aus rohem Holz um den Tisch standen, in die Küche. Das war vermutlich der größte Raum des ganzen Hauses. Er wurde beherrscht von einem riesigen Herd. An den Wänden standen geräumige Schränke, sie reichten vom Boden bis unter die Decke. Hinter Fliegendrahttüren stapelten sich dort die Vorräte.

Schon auf dem Korridor hatte ich zwei kerosinbetriebene Kühlschränke gesehen, und hier stand der dritte. Außerdem gab es zwei Coolgardie-Kühlapparate. Bei diesen ebenso primitiven wie nützlichen Geräten handelte es sich um verzinkte Eisengestelle, die mit Sackleinwand umspannt waren. Der Inhalt der Gestelle wurde dadurch gekühlt, daß aus einer flachen Zinkwanne, die das Gestell nach oben hin abschloß, ständig Wasser herabtropfte und die Leinwand feucht hielt. Über einem Lehmofen hing ein großer rußiger Kupferkessel von der Art, wie man sie früher zum Wäschekochen benutzte.

»Darin kochen Wir jeden Tag einen Eintopf für die Eingeborenen. Das scheint so ungefähr das einzige Gericht aus der westlichen Küche zu sein, das sie überhaupt mögen, wenn man von Brot und Tee einmal absieht. Natürlich backen wir unser Brot selbst. Der Lehmofen war unsere erste Kochstelle, als wir hier anfingen. Inzwischen hat sich einiges verändert. Aber es hat alles sehr lange gedauert — und auch einiges Geld gekostet.«

Vermutlich hätte ich gleich an dieser Stelle ein paar Erkundigungen über die Herkunft dieses Geldes einholen können. Aber ich wollte nicht unverschämt sein.

Van Dooren fiel noch etwas anderes ein. »Ach ja«, sagte er, »das müssen Sie auch noch sehen. Wir nennen es unsere Apotheke. Sie gehört in die Domäne meiner Frau.«

Er stieß eine Tür auf, die in eine Kammer mit verschlossenen Schränken und einigen offenen Regalen führte, auf denen sich Medikamente und Vorräte häuften.

Ein länglicher Tisch war mit einem sauberen Bettlaken bezogen, auf dem ein Kopfkissen lag. Der Raum ähnelte dem Behandlungszimmer eines Arztes.

Hinter der Küche und der »Apotheke« befand sich ein Klassenzimmer mit Tischen und Bänken für etwa ein Dutzend Kinder. Die Wände waren mit Zeichnungen und Malarbeiten der Schüler geschmückt, und auf der Tafel war noch die saubere Kreideschrift einer Rechtschreibübung zu lesen. Auf einem Pult stand die Funk- und Radioausrüstung.

»Das hier«, sagte van Dooren und tätschelte das Gehäuse des Funkgeräts, »ist unsere Zeitung, unser Telefon, unser Radio, unser Lehrer, unser Kaffeekränzchen und bester Freund. Wie Sie sehen, kann man es mit Batterien oder über den Dynamo betreiben, aber für Notfälle haben Wir immer noch das Notstromaggregat, das mit Pedalen angetrieben wird. Ohne dieses Ding« — und er tätschelte das Funkgerät erneut mit unverkennbarer Zuneigung — »wäre das Leben ziemlich schwierig für uns. Ohne ein bißchen Zivilisation kommt man einfach nicht aus, ganz egal wie weit man sich davon entfernt hat.«

Ich hörte draußen Hufe klappern. Van Doorens Gesicht schien sich aufzuhellen. »Das muß meine Frau sein«, sagte er und lief zur Eingangstür.

Ich sah sie nur kurz. Sie war dunkelhaarig, klein, mit einer gewissen Neigung zur Rundlichkeit, und trug ein Männerhemd, Reithosen und eine große Ledertasche.

»Ach Dirk, es tut mir leid, daß ich so spät dran bin«, sagte sie. »Habt ihr schon Tee getrunken? Es ist sicher am besten, wenn ich mich erst einmal wasche und ihr ohne mich Tee trinkt.«

Van Dooren kehrte zurück. »Wir wollen uns draußen auf die Veranda setzen«, sagte er. »Da kriegen wir noch etwas vom Sonnenuntergang mit.«

Wenn Mrs. van Dooren wegen meines Besuchs nervös war, dann verbarg sie es gut.

Jedenfalls spürte ich nichts davon, als sie eine halbe Stunde später wieder auftauchte und mich begrüßte.

»Wir freuen uns, daß Sie gerade unsere Farm für Ihren Besuch ausgesucht haben«, sagte sie. »Wir haben im Radio gehört, daß Sie hier heraufkommen wollten. In der ›Plauderstunde‹« — das war die Hausfrauensendung der örtlichen Radiostation — »erfährt man ja beinahe alles. Diese Sendung ist viel besser als eine Zeitung. Irgend jemand erwähnte, daß Sie sich für die abgelegenen Missionsstationen und Farmen interessierten, und da dachten wir, Sie würden vielleicht gerne Landfall besuchen. Wir sind nämlich der Ansicht, daß diese Gegend hier etwas ganz Besonderes ist. Für meinen Mann und mich ist Landfall immer noch das, was es immer schon war. Eine sehr schöne und kostbare Zufluchtsstätte. Wir haben hier eine völlig neue Art zu leben kennengelernt. Das ist auch der Grund, warum wir in Landfall leben. Und wir geben uns alle Mühe, dieses Heiligtum nicht nur für uns und unsere Kinder, sondern auch für die Eingeborenen zu erhalten, die seit Tausenden von Jahren hierherziehen. Wir versuchen, ihre Sitten und Gebräuche zu schützen und zu bewahren. Aber wir sind vielleicht nicht mehr lange in der Lage dazu.«

»Wollen Sie denn weggehen?« Ich fragte mich plötzlich, ob sie vielleicht wirklich Diamanten gefunden hatten und die Aussicht auf ein bequemeres Leben plötzlich eine allzu große Versuchung für sie darstellte.

»Nein«, sagte sie, »ich glaube, wir werden für den Rest unseres Lebens hierbleiben, oder jedenfalls so lange, wie man uns das Bleiben erlaubt. Wie fast überall in diesem Gebiet, hat man uns das Land bis zum Jahre 1982 verpachtet. Man weiß ja nie, ob die Verträge erneuert werden. Wir würden gern Ihre Meinung über Landfall hören. Aber sehen Sie sich erst mal alles an. Es gibt hier zum Beispiel Höhlenmalereien, die wahrscheinlich mehrere tausend Jahre alt sind. Wir sind die einzigen Weißen, die sie jemals gesehen haben. Vielleicht war es unrecht von uns, daß wir bisher niemandem davon erzählt haben. Wir haben lange darüber nachgedacht, aber wir fürchteten, daß dann bloß ein Haufen Archäologen und Touristen herkommen würden. Dann wäre Landfall keine Zufluchtsstätte mehr, und die Eingeborenen würden nie mehr zurückkehren. Aber jetzt ist es Zeit zum Abendessen.«

Die Kinder durften lange aufbleiben.

Im Wohnzimmer spielte Mrs. van Dooren auf dem Harmonium, während wir Lieder sangen, wie sie vor ungefähr zwanzig Jahren beliebt waren. Beim Anblick dieser Familie war ich lächerlicherweise oft den Tränen nahe.

___________

Es schien mir, als hätte ich mich kaum niedergelegt, als es auch schon Morgen war und die Glocke im Haus tönte. Ich hörte Gelächter und lebhafte Unterhaltung, und aus der Küche drangen Geräusche eifriger Geschäftigkeit.

Als ich herunterkam, trug Mrs. van Dooren wieder ihr Männerhemd und Reithosen. »Ich habe schon meine Patientin besucht«, sagte sie.

Ich erinnerte mich an die kranke Eingeborene draußen im Tal. »Wie geht es ihr?« fragte ich.

»Sie lebt noch. Sie sagt, ihre Seele könne sie nicht verlassen, ehe nicht die Regenbogenschlange kommt, um sie in den Himmel zu bringen. Zwei junge Frauen bedienen sie. Und diese behandelt sie wie Sklavinnen, die alte Tyrannin. Sogar den größten Teil ihrer Tabakration müssen sie der Alten abtreten. Und all ihre Hunde springen um sie herum — ungefähr dreißig. Ich habe Midjimidjau, einen der jungen Burschen, geschickt, damit er Delikatessen für sie sammelt, vor allem wilden Honig und Raupen, die sie eimerweise verschlingt. Wenn ich den Frühstückstisch abgeräumt habe, bringe ich ihr die Sachen hinunter. Dirk hat mir den Lastwagen dagelassen. Wollen Sie vielleicht mitkommen?«

Nach dem Frühstück kletterten wir in den Lastwagen. Mrs. van Dooren setzte sich hinter das Lenkrad. Zwischen uns saß Fleure, und auf der Ladefläche alberten die beiden Jungen und Midjimidjau herum.

Es dauerte eine halbe Stunde, ehe wir anhielten und ein Stück durch das Gras gingen. »Da ist es«, sagte Mrs. van Dooren und wies auf drei Hütten unter ein paar knorrigen Bäumen. Neben einer Hütte standen zwei Eingeborenenfrauen wie Störche auf einem Bein, und im Schatten konnte ich eine riesige unförmige Gestalt erkennen.

Trotz der Hitze hatte sich die alte Frau in eine Unmenge schmutziger Lumpen gewickelt, die sie mit krallenartigen Händen festhielt. Sie lag bewegungslos, bis wir dicht herangekommen waren, dann hob sie eine der zitternden Hände und sagte etwas in ihrem Eingeborenendialekt. Mrs. van Dooren antwortete ihr in der gleichen Sprache und gab ihr zwei Kannen. Die Alte hob einen Deckel hoch, blickte hinein und tauchte einen krummen Finger in den flüssigen Honig. Dann faßte sie in die andere Kanne und holte einige Raupen heraus.

Wenig später wandte sie sich wieder an Mrs. van Dooren. Meine Gastgeberin machte ein ratloses Gesicht, als sie zu mir sagte: »Das ist merkwürdig. Die alte Frau hat sich von mir verabschiedet. Sie meint, die Regenbogenschlange werde heute noch kommen, um ihre Seele in den Himmel zu bringen. Es muß doch regnen, bevor ein Regenbogen erscheint, aber sehen Sie sich den Himmel an … Kein Wölkchen, und in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten, wird auch keines auftauchen.«

Ich sah zu der alten Frau hin, die vollauf mit dem Inhalt der beiden Kannen beschäftigt war. Doch ihre Augen blickten ruhig und gefaßt. Es schien, als ob sie eine letzte Mahlzeit vor einer langen Reise zu sich nähme.

Trotz der Hitze lief mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Ich war froh, als wir wieder im Lastwagen waren. Mühselig holperten wir auf der staubigen Straße zum Farmhaus zurück.

Fleure rutschte während der Fahrt auf ihrem Sitz aufgeregt herum. »Jetzt können Sie sich meinen Garten ansehen«, sagte sie.

»Ja gut«, sagte die Mutter, »aber vergeßt nicht, eine Taschenlampe mitzunehmen, und achtet darauf, wenn ich zum Mittagessen läute.« Ich fragte mich, warum man in diesem grellen Sonnenlicht wohl eine Taschenlampe brauchte.

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»Es ist wirklich sehr schön hier«, sagte ich zu Fleure. Wir waren in die Schlucht hinabgestiegen und standen an dem kleinen See unter dem Wasserfall. Die Jungen und Midjimidjau waren vorausgelaufen und tobten irgendwo vor uns in den Felsen herum.

»Aber das ist noch gar nicht der Garten«, erklärte mir Fleure. »Von hier bekommen wir unser Wasser.«

Sie winkte mir zu folgen und kletterte um einige Felsen herum Einige Schritte weiter blieb sie stehen — und da war der Garten.

Er erhob sich über dem Wasser auf einer Felsenterrasse, auf der sich genügend Erde gesammelt hatte, so daß dort zahllose Blumen und Fame, Sträucher und Kletterpflanzen, schlanke junge Bäume und Eukalyptus wachsen konnten. Auch von den schmalen darüberliegenden Felsstufen hingen Blumen herab und wanden sich mit den aufragenden Pflanzen des »Gartens« zu einem unentwirrbaren Knäuel.

Kaskaden von blühenden Akazien und zahllose Margeriten, die so üppig wie in einem Blumenbeet standen, färbten den Garten golden und gelb. Hier und da waren ein blasses Blau, Rosa und Violett und die schlanken weißen Kelche blühenden Tabaks eingestreut. Die Farbenpracht blendete mich.

Fleure nahm mich an der Hand und sagte: »Wir müssen sehr langsam gehen, wenn Sie alles richtig ansehen wollen.«

Ich bemerkte, daß einige Steine zu niedrigen Mauern und Standbildern aufgeschichtet waren.

»Das könnte ein alter Mann sein, der angelt«, erklärte mir Fleure, »das dort ein Vogel, und sehen Sie: dort drüben sitzen drei Frauen.«

»Haben das deine Eltern gebaut?«

»Nein, ein Freund meiner Eltern. Er hieß Henkie, aber jetzt ist er tot. Wollen Sie vielleicht sein Grab sehen?«

Die van Doorens hatten mit deutlich zu verstehen gegeben, daß ich ihr erster Gast sei, und nun erklärte mir ihre Tochter in kindlicher Unschuld, daß ein »Freund« die Steinbilder und Mauern des Gartens errichtet hätte. Außerdem sollte mir das Grab dieses Freundes gezeigt werden! Wie war er gestorben? Waren die Diamanten schon einem Menschen zum Verhängnis geworden?

»Woran ist denn dieser Henkie gestorben?« fragte ich.

»Blinddarmentzündung, hat Mami gesagt. Hier ist das Grab.«

Es war ein schlichtes Denkmal, ein Stück unebenen Bodens, von Steinen eingefaßt. Einer der Steine war hohl und wie ein Vogelbad zum Teil mit Wasser gefüllt. Eine einsame Blüte trieb auf dem Wasser, aber sie war schon verwelkt. Unter dem Becken befand sich ein Stein mit den eingemeißeiten Worten:

HENKIE

»KLEINER BRUDER«

»Am anderen Ende der Schlucht sind noch mehr Gräber«, sagte Fleure. »Zwei sind nahe beieinander, und eines liegt abseits für sich, so wie Henkies.«

Wir traten näher an die Felswand heran. Hinter Fleures Garten öffnete sich eine Höhle. Sie knipste die Taschenlampe an, und augenblicklich war die Luft mit Plattern und Pfeifen angefüllt.

»Alleine gehe ich hier gar nicht gern hin«, flüsterte Fleure. »Ich sage mir immer, daß es nur Fledermäuse und Vögel sind, aber trotzdem bleiben sie Geister und Dämonen für mich.«

»Warum kommst du denn überhaupt hierher?« fragte ich.

»Ach, ich sehe die Bilder so gerne, vor allem die, wo die Geisterkinder geboren werden.« Sie ließ den Strahl der Taschenlampe über die Höhlenwand gleiten, wo ein großartiges Gemälde nach dem anderen auftauchte.

Es war die eindrucksvollste Höhlenmalerei, die ich je gesehen hatte. So wie bei den meisten Eingeborenengemälden überwogen die Rot-, Braun-, Gelb- und Ockertöne. Die Motive waren primitiv: Helden und Jäger, Krieger und Geister, Regenmacher und Medizinmänner, Säugetiere, Reptilien und Vögel. Gespenstisch wirkende Hände, ausgestreckt zu einer drohenden Gebärde, waren zu sehen und eine sehr schöne Regenbogenschlange. Sie war aus Rechtecken zusammengesetzt, und an einigen Stellen standen Geisterkinder auf ihrem gewundenen, langen Körper.

Als ich die Malereien betrachtete, wußte ich, daß Landfall so erhalten werden mußte, wie es war. Sie waren unendlich viel wertvoller als Diamanten.

Jetzt hatte ich die Scheu verloren, meine Gastgeber nach der Herkunft der Steine zu fragen.

Als wir wieder Fleures Garten durchquerten, kamen auch die Jungen heran, um mit uns nach Hause zu gehen. Ich spürte einen Luftzug über unseren Köpfen. Der Wind fuhr über den Wasserfall hin und blies den Sprühnebel vor sich her, bis er eine zarte Welle aus feinem Gespinst bildete.

In den winzigen Tröpfchen fing sich die Sonne, und zwei farbige Säulen erhoben sich und neigten sich zueinander, bis ein vollkommener Regenbogen entstand.

»Da, schauen Sie nur!« jubelte Fleure. »Ich hoffe nur, daß er bleibt, damit ihn Mami auch sieht.«

Wir waren außer Atem, als Wir zur Farm kamen. Der Regenbogen war ein wenig verblaßt, überspannte aber noch immer die Schlucht. Ich hatte erwartet, daß Mrs. van Dooren über seine Schönheit entzückt sein würde, aber ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schreckens.

»O mein Gott!« sagte sie leise. »Jetzt ist er doch noch gekommen. Fahren wir zusammen?«

Erst da fiel mir wieder die alte Frau ein.

Der Lastwagen schien Ewigkeiten zu brauchen. Nur Mrs. van Dooren und ich saßen in der glühendheißen Kabine. Als wir die Stelle erreichten, wo wir zuvor geparkt hatten, glaubte ich, zwei Schatten zwischen den Bäumen zu sehen. Jammern und Kreischen waren zu hören.

Die alte Frau saß noch genauso da, wie wir sie verlassen hatten.

Noch bevor Mrs. van Dooren die Hand der Schwarzen ergriffen hatte, wußten wir jedoch beide, daß die alte Frau gestorben war.

Zwar hatte ich eine Gefühlsregung von Mrs. van Dooren erwartet, aber ich war doch überrascht, als sie die schmutzigen Finger der Greisin an ihr Gesicht drückte. Ihre Augen waren tränenlos und ohne Ausdruck, als hätte sie einen großen Verlust erlitten. »Lebe wohl, liebe Seele! Möge Gott …«

Hörte ich sie noch ein weiteres Wort murmeln? Ich war meiner Sache nicht sicher, weil es so unwahrscheinlich erschien.

Dennoch klang es noch in meinen Ohren, als wir zum Wagen zurückgingen. Ich hätte schwören mögen, daß ich das Wort »Mutter« gehört hatte.

___________

»Meine Frau hat mich gebeten, sie für den Rest des Tages zu entschuldigen«, sagte van Dooren.

»Aber natürlich«, antwortete ich. »Sie muß die alte Frau sehr gemocht haben.«

»Es ist vielleicht schwer zu verstehen«, sagte er, »aber diese alte Frau war wohl eine der engsten Freundinnen, die sie jemals gehabt hat. Sie betrachtete sie als ihre eigentliche geistige Mutter. Meine Frau hat sich ein bißchen hingelegt. Später wird sie wohl an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen. Sie ist die einzige Weiße, der das erlaubt ist. Es ist natürlich kein Begräbnis in unserem Sinne, der Leichnam wird in Blätter und Rinde eingehüllt und auf zwei schulterhohe Astgabeln gelegt. Früher gab es bei diesen Riten auch Kannibalismus. Aber diese Bräuche sind heute ausgestorben. Nach einiger Zeit wird der Leichnam begraben. Später wird er exhumiert, und die Knochen werden in die Grabhöhle gebracht.«

Die Stimmung beim Mittagessen war gedrückt; kaum jemand sprach, denn unsere ganze Aufmerksamkeit galt dem Jammern und Wehklagen unten im Tal.

Schließlich ging van Dooren auf die Veranda hinaus, und ich folgte ihm.

»Ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen«, sagte er nach einiger Zeit. »Um ganz ehrlich zu sein, haben wir Sie deshalb zu uns auf die Farm gebeten, weil Sie aus dem Süden kommen und über diese Gegend hier informiert sind. Wir hoffen, daß Sie uns vielleicht einen Rat geben können. Meiner Frau und mir ist zu Ohren gekommen, daß irgendwo hier in der Gegend Diamanten gefunden worden sein sollen. Haben Sie vielleicht etwas davon gehört?«

»Ja, ich hörte davon«, sagte ich.

»In der Klatsch- und Tratschsendung im Radio war kürzlich die Rede davon, daß die Regierung deswegen jemanden zur Untersuchung herschicken wolle. Wenn die Fundstelle der Diamanten hier in den Millyit-Bergen ist, dann werden bald viele Leute in unser Tal kommen, und wir können dagegen nichts tun. Unser Pachtvertrag sieht keine Abbaurechte vor, und etwaige Diamantensucher könnten nur in Landfall Wasser bekommen. Schon ihr bloßes Kommen und Gehen würde dieses Tal vollkommen verändern. Es wäre in kürzester Zeit nicht mehr das Heiligtum, das wir zu bewahren versucht haben. Meine Frau ist ganz krank vor Sorge …«

»Sie wissen also nicht, wer diese Diamanten gefunden haben soll?« fragte ich.

»Das ist das Problem«, antwortete er. »Wir haben keine Ahnung, wer das sein könnte.«

»Nun, ich weiß etwas mehr«, sagte ich. »Vor allen Dingen, daß die Diamanten angeblich hier in Landfall gefunden wurden, und zwar von Ihnen. Richtig ist auch, daß die Regierung den Fall untersucht.«

Ich machte eine Pause. »Und man hat mich mit der Sache betraut. Wenn Sie keine Diamanten entdeckt haben, dann wäre es das beste, wenn Sie mir das mitteilen würden, damit die Regierung eine öffentliche Erklärung abgeben kann. Sollten Sie aber tatsächlich einen solchen Fund gemacht haben, dann brauchen Sie sich nur um die Abbaurechte zu bemühen, und der Anspruch ist Ihnen sicher. Allerdings werden Sie andere wohl kaum davon abhalten können, ebenfalls in dieser Gegend zu suchen. Deshalb könnte ich Ihnen in diesem Falle nur mein Bedauern ausdrücken. Es wäre eine Tragödie.«

Eine Zeitlang sagte er nichts. Er war offensichtlich verblüfft. Dann sagte er: »Also wir haben bestimmt keine Diamanten hier draußen gefunden.«

»Aber Sie können nicht leugnen, daß Sie selbst Diamanten in die Stadt gebracht haben.«

»Aber wir haben die Steine nicht hier gefunden. Meine Frau hat doch gleich beim ersten Mal, als sie welche verkaufte, die nötigen Erklärungen abgegeben.«

»Es weiß aber niemand, wie Sie in den Besitz der Steine gelangt sind.«

»Das war ein Geschenk«, sagte er. »Der ursprüngliche Besitzer hatte keine Verwendung mehr dafür. Wollen Sie die ganze Geschichte hören?«

»Ja, sehr gern«, versicherte ich. »Abgesehen von meiner eigenen Neugier bin ich verpflichtet, einen Bericht für die Regierung zu verfassen.«

»Die Sache fing damals in Singapur an. Es war Krieg, und bald darauf besetzten die Japaner die Stadt. Ich war damals Pilot bei der niederländischen Luftwaffe. Mein Stützpunkt war auf Java, in Surabaya, wo wir auch unser Haus hatten. Unser erstes Kind war gerade geboren worden, als ich nach Singapur geschickt wurde, um ein Flugzeug zu überführen, das wir den Briten zur Verteidigung Singapurs gegen die Japaner ausliehen.«

Er machte eine Pause und blickte hinunter ins Tal. Das Wehklagen und Jammern war lauter geworden.

»Sie war damals noch ein völlig anderer Mensch«, sagte er, »und niemand hätte gedacht, was aus ihr werden würde.«

»Wer?« fragte ich.

»Ach, Entschuldigung«, sagte er rasch. »Ich dachte gerade an ein junges Mädchen in Singapur. Sie war eine typische Kolonialengländerin, die Tochter des kommandierenden Luftwaffenoffiziers in Singapur, Sir Robert Scott-Fraser. Sir Robert und seine Frau waren hochangesehene Persönlichkeiten, was man von ihrer Tochter Fiona nicht gerade sagen konnte.«

Er zögerte erneut und nahm den Faden seiner Erzählung dann wieder auf.

»Es war Anfang 1942, Januar oder Februar. Man hatte mich, wie schon gesagt, mit einem der holländischen Flugzeuge nach Singapur geschickt. Ich sollte es Generalleutnant Sir Robert Scott-Fraser übergeben. Meine Frau, Marianne, hatte zeitweise in England gelebt und dort dieselbe Schule wie Fiona Scott-Fraser besucht. Ich kannte die Familie des Generalleutnants nicht, aber Marianne hatte mich gebeten, sie zu besuchen. Ich sollte Fiona einladen, mit mir zusammen auf dem Schiff nach Surabaya zurückzufahren und so lange bei uns zu bleiben, bis Singapur wieder außer Gefahr war. Die Scott-Frasers waren einverstanden, aber nachdem ich Fiona kennengelernt hatte, war ich von der Vorstellung, sie als Gast in unserem Hause zu haben, nicht mehr übermäßig begeistert …«

3

Sie saß auf dem Balkon des Tanglin Clubs und wartete darauf, daß ihr Vater sie abholte. Sie hatte Tennis spielen wollen und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als ihr der Clubsekretär erklärte, wegen dieses albernen Krieges wären die Tennisplätze geschlossen. Wenn das so weiterging mit dem Krieg, würde er bald alles verderben.

Sie war siebzehn, und weil ihre Eltern daraufbestanden, daß sie eine sinnvolle Beschäftigung haben müsse, machte sie einige halbherzige Versuche, Stenografie und Maschineschreiben zu lernen. Sie beeilte sich keineswegs, denn sie war durchaus nicht begierig, ihr bequemes Leben zu beenden. In Singapur lebten nicht mehr viel junge Mädchen, und es gab genügend reizvolle Dinge, mit denen sie ihre Tage zubringen konnte. Für die Abende war ohnehin schon bestens gesorgt, denn sämtlichejungen Männer schienen sich nach ihrer Gesellschaft zu sehnen.

Sie wußte, daß sie auf Männer anziehend wirkte, und sie wählte ihre Kleidung und ihr Make-up entsprechend. Sie hatte eine schlanke, wohlproportionierte Figur und große Augen, die sie schon als Kind wirkungsvoll einzusetzen gewußt hatte. Es genügte, wenn sie unter ihren langen gebogenen Wimpern Blicke abschoß, um die Leute zu hypnotisieren.

Dennoch saß sie jetzt hier allein und langweilte sich über alle Maßen, und zu allem Überdruß brauchte der chinesische Boy eine Ewigkeit, um ihr Milchmixgetränk zu bringen. Als er schließlich erschien, blickte sie drohend auf die Uhr und teilte ihm mit, sie habe zwanzig Minuten gewartet. Der Boy antwortete nichts, sondern stand mit halbgeschlossenen Augen und jenem Gesichtsausdruck da, der nur Chinesen gelang und der sie jedesmal schrecklich ärgerte. Die Burschen wurden immer unverschämter, das hatten die Frauen im Club schon lange gesagt.

Als sie ihr Glas schließlich nahm, bemerkte sie, daß es keineswegs ein Schokoladen-Milchmixgetränk mit Eiskrem war, wie sie es bestellt hatte, sondern nur Milch mit Schokoladeneiskrem. Es war wirklich unglaublich, die Burschen hörten nicht mal mehr zu. Nun, sie war keineswegs bereit, sich das gefallen zu lassen, und wenn tausendmal Krieg war.

»Boy«, sagte sie, »was habe ich bestellt?«

»Es tut mir sehr leid, Missie«, antwortete er. »Die Schokolade ist alle. Aber das ist genauso gut, Missie. Schokoladeneiskrem in Milch.«

»Es ist keineswegs dasselbe«, sagte sie mit mühsam unterdrücktem Zorn. Am liebsten hätte sie dem Boy das Getränk ins Gesicht geschüttet, konnte sich aber, obwohl er es bestimmt verdient hatte, nicht dazu entschließen. Sie wußte, daß ihr Vater das übelnehmen würde.

»Trag es zurück«, befahl sie, »und bring mir, was ich verlangt habe.«

»Es tut mir sehr leid«, sagte der Boy und hatte dann noch die Unverschämtheit, ihr das Quittungsbuch zur Unterschrift vorzulegen.

Das war zuviel. Sie schleuderte die Quittungen über die Brüstung in den darunterliegenden Swimmingpool.

»Das nächste Mal wirst du dir merken, was ich bestelle, und das Richtige bringen.« Sie nahm das Glas und goß den Inhalt über die Brüstung, wobei sie zusah, wie die Milch auf die Pflanzen des Gartens tropfte. Sie war lange nicht mehr so zufrieden mit sich gewesen. Sie fühlte sich wieder wie das kleine Mädchen, das bei einem Wutanfall seine Puppen zerschmettert hatte.

Doch ausgerechnet in diesem Augenblick tauchte ihr Vater auf. Noch schlimmer allerdings war es, daß er einen jungen Mann in einer Offiziersuniform mitbrachte.

»Fiona!« Wenn er wollte, konnte seine Stimme sehr scharf klingen.

»Findest du nicht, daß es an der Zeit wäre, sich ein wenig erwachsener zu benehmen? Du bist jetzt siebzehn, nicht sieben!«

Das war ja genau das Problem. Ihre Eltern behandelten sie immer noch wie ein Kind, und sie sollten sich nicht wundern, wenn sie sich manchmal wie ein kleines Kind aufführte.

Besonders demütigend war es für sie, als ihr der junge Mann vorgestellt wurde und sie erfuhr, daß er der Mann ihrer alten Schulfreundin, dieser gräßlichen kleinen Heiligen, Marianne van der Veen, war. Sie hatte sich gewundert, daß irgendjemand diese häßliche kleine Maus geheiratet hatte. Und da stand dieser kräftige, hochgewachsene Holländer, den sich Marianne geangelt hatte, während sie selbst noch nicht mal verlobt war. Sobald sie sich von der angenehmen Überraschung über seine eindrucksvolle Erscheinung erholt hatte, haßte sie ihn auch schon. Warum mußte er sie denn ansehen, als ob ihm sogar der Stuhl, auf dem sie saß, widerwärtig erschien. Er war so … so, fürchterlich überheblich.

»Es ist ganz gut, wenn du mal ein Weilchen aus Singapur rauskommst, Fiona«, sagte ihr Vater mit scharfer Stimme. »Mr. van Dooren wird dich nach Surabaya mitnehmen. Vielleicht wirst du dich dort ein biß chen besser aufführen. Hier in Singapur scheinst du dich ja offensichtlich nicht benehmen zu können.«

Damit wandte er sich van Dooren zu und sagte: »Ich hoffe, Sie wissen, was Marianne und Sie sich da aufhalsen. Ihre Mutter und ich scheinen nicht mehr richtig fertigzuwerden mit ihr. Wenn es Ihnen zuviel wird, schicken Sie Fiona ruhig zurück. Vielleicht haben sich die Dinge dann hier auch gebessert.«

Fiona sank vor Scham sichtlich in sich zusammen. Nun, es war ihr nur recht, wenn sie ihre Eltern für einige Zeit verließ. Surabaya war sicher nicht viel anders als Singapur, nur kleiner. Und wenigstens war es nicht gleich Australien, das nach allem, was sie gehört hatte, das Allerletzte sein mußte.

Am nächsten Tag aber, als die Stunde des Abschieds heranrückte und ihr klar wurde, daß sie ihre Eltern vielleicht monatelang nicht mehr sehen würde, bereute sie nicht nur ihr lächerliches Verhalten, sondern spürte auch eine kindische Sentimentalität in sich aufsteigen.

Wäre es nicht besser, bei ihren Eltern zu bleiben, wenn es in Singapur eine schwierige Zeit geben sollte, anstatt einfach wegzulaufen?

Aber inzwischen war es zu spät. Es sei ohnehin schon sehr schwer, eine Schiffspassage zu buchen, sagte ihr Vater, und er wolle nicht riskieren, daß sie später überhaupt nicht mehr aus Singapur herauskäme. »Aber was ist mit Mami?« protestierte Fiona.

»Deine Mutter hat sich entschlossen, bei mir zu bleiben«, sagte ihr Vater. »Außerdem wird sie beim Roten Kreuz gebraucht.«

»Na gut«, sagte sie. »Dann werde ich jetzt die letzten Sachen zusammenpacken.«

Sie hätte sich gern für das entschuldigt, was sie gestern im Club getan hatte. Aber eine Entschuldigung bedeutete immer, daß man eine Niederlage oder eine Schuld eingestand, und dazu war sie viel zu leicht verletzlich.

Sie brauchte ihren Schutzschild aus Trotz und Hochmut. Und außerdem konnte sie ihren Eltern schlecht erklären, daß sie sich oft wie eine Fremde fühlte. Sie lebten ihr Leben für sich, und sie hatte keinen Anteil daran.

Ihre Mutter folgte ihr in ihr Zimmer hinauf, setzte sich auf das Fußende des Bettes und sprach über dieses und jenes. Als Fiona gerade die Schlösser ihres letzten Koffers zuschnappen ließ, sagte ihre Mutter: »Fiona, ich möchte, daß du noch etwas mitnimmst. Du brauchst es vielleicht.«

In der ausgestreckten Hand ihrer Mutter befand sich das einzige wertvolle Stück, das sie besaß—ihre Perlenkette. »Aber Mutter«, sagte Fiona, »das geht doch nicht. Du wirst doch deine Perlen vermissen, und mir stehen sie sowieso nicht.«

»Ich … ich dachte weniger daran, daß du sie trägst, Fiona. Aber wenn nun etwas passiert sicher, du hast natürlich das Geld, das Vater dir mitgibt. Aber vielleicht brauchst du noch mehr.«

Und plötzlich geschah etwas, was sich Fiona schon lange gewünscht hatte: Sie lagen sich in den Armen und weinten. Vielleicht, wenn nur etwas mehr Zeit geblieben Wäre, hätten sie sich endlich doch noch verstanden.

Aber ihre Mutter verlor selten die Beherrschung. Die Tränen verschwanden alsbald wieder, und nur eine Perlenkette blieb in Fionas Händen zurück … nichts weiter.

Van Dooren wartete schon. Ihre Mutter mußte sie hinunter zum Schiff bringen, denn ihr Vater hatte eine dringende Konferenz. Als sie davonfuhr, sah sie seine aufrechte, große Gestalt auf den Stufen des Hauses. Er winkte langsam und etwas geistesabwesend mit einer Hand, als ob er sich von einem Gast verabschieden wolle, den er zum Mittagessen eingeladen hatte. Es gab wohl nirgends eine so große Entfernung, dachte Fiona, wie die zwischen zwei Menschen derselben Familie.

___________

Bei den Docks gab es einen Verkehrsstau. Soldaten kontrollierten an einer Straßensperre die Autos. Dann konnten sie den Schlagbaum passieren, und Fiona sah einen kleinen Dampfer von der holländischen KPM-Linie.

Die Decks sahen wie die kümmerlichen Flure in einem schäbigen Wohnblock aus: sauber, aber sehr eng. Für einen Swimmingpool war sicher kein Platz, und womöglich gab es nicht einmal eine Bar, ganz zu schweigen von einer Tanzfläche, Gott sei Dank waren es nur ein paar Tage.

Van Dooren ließ Fiona und ihre Mutter allein und kümmerte sich um das Gepäck. Die beiden Frauen küßten sich auf die Wange, dann standen sie sich mit unerträglicher Verlegenheit gegenüber. Abschiednehmen war wohl nicht ihre Stärke, dachte Fiona.

Van Dooren kehrte zurück. »Das ist mir sehr peinlich«, sagte er, »aber sie lassen nur die Passagiere an Bord.«

Ihre Mutter sah einen Augenblick lang verwirrt aus, erholte sich aber rasch wieder. »Ach, das macht doch nichts«, sagte sie. »Ich verstehe das vollkommen. Es ist schließlich Krieg.«

Fiona wußte selbst nicht so genau, was für eine Kabine für sie reserviert war, aber sie hatte zumindest geglaubt, daß sie allein reisen würde. Jetzt aber stand sie an der Schwelle einer Vierbettkabine, in der sich Frauen und Kinder drängten und gräßlicher Lärm herrschte. Schließlich sagte ihr eine der Frauen, es gebe keinerlei Schränke, nur ein einziges kleines Fach, und das sei schon voll.

Sie schob sich durch die Menge zurück zur Gangway, um wenigstens ihrer Mutter noch einmal richtig auf Wiedersehen zu sagen, aber sie mußte feststellen, daß man sie nicht mehr von Bord ließ.

Die Menschenmenge auf dem Kai war so dicht, daß sie weder ihre Mutter noch das Auto erkannte. Während sie noch danach suchte, sah sie einen anderen, sehr ähnlichen Wagen vorfahren. Der Fahrer riß den Schlag auf, und der dickste Mann, den sie je gesehen hatte, zwängte sich heraus. Seine gewaltigen Ausmaße wurden durch einen weißen Leinenanzug und einen altmodischen Tropenhelm noch betont. Sein Gesicht, das im Widerschein des grünen Innenfutters seines Tropenhelms fahl wirkte, wurde beherrscht von Tränensäcken, Hängebacken und einem Doppelkinn. Sein Umfang und seine Häßlichkeit faszinierten Fiona.

Er wedelte mit einem Fächer herum und gab dem Fahrer nervös gestikulierend Befehle. Aber plötzlich heulten die Sirenen, sie konnte ihn nicht länger beobachten.

Die ersten drei Flugzeuge kamen ganz niedrig über dem Hafen herein und beschossen die Kai-Anlagen und Schiffe. Mehrere Menschen fielen zu Boden.

Dann war die Luft von einem neuen gräßlichen Kreischen erfüllt, aber erst als die zweite Welle der japanischen Maschinen über sie hinwegzog und die Menge plötzlich verstummte, wurde ihr klar, daß sie selbst geschrien hatte.

In diesem Augenblick kam unglaublicherweise ihre Mutter mit einer Gruppe anderer Leute aus einer Baracke. Sie schien völlig unversehrt und winkte mit ihrem Spitzentaschentuch, um zu zeigen, daß es ihr gutging. So würde sie sie in Erinnerung behalten, dachte Fiona.

Am eindrucksvollsten an diesem Morgen aber war der Anblick des dicken Mannes, der mittlerweile seinem Fahrer mit hektischer Betriebsamkeit und lauter Stimme Befehle erteilte. Der Fahrer ging zum Wagen zurück, setzte sich halb auf den Fahrersitz und ließ den Motor an.

Mit einem Fuß auf dem Gaspedal und offener Tür ließ er den Wagen an die Kaimauer rollen und sprang dann heraus, während sich das große Fahrzeug langsam neigte, eine Sekunde lang in der Luft hing und schließlich ins Meer stürzte.

Die Menschenmenge auf dem Kai und an Bord verstummte vor Schreck, und in der plötzlichen Stille hörte sie die überraschend hohe Stimme des Dicken, der den Flugzeugen nachsah. »Von mir kriegt ihr nichts!« rief er.

Als er vor seinem Fahrer die Gangway hinaufkeuchte, sah er sehr zufrieden mit sich aus. Während der Bedienstete drei große Koffer und eine Art Hutschachtel schleppte, trug der dicke Mann lediglich ein kleines Lederköfferchen. Er drückte es an die Brust, als ob er ein kleines Kind hielte.

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Die Überfahrt war keineswegs so strapaziös, wie sie befürchtet hatte. Sie vermied es nach Möglichkeit, die Kabine aufzusuchen, duschte nach dem Essen, wenn die meisten Frauen schliefen, und ging abends mit ihrem Bettzeug an Deck.

Es gab keine Luftangriffe, obwohl sie hörte, daß sowohl in den Häfen von Niederländisch-Indien als auch auf See verschiedene holländische Schiffe versenkt worden waren. Sie konnte sich später nur noch an wenige Ereignisse dieser Reise erinnern, und abgesehen von van Dooren und dem dicken Mann, den sie kaum jemals sah, blieben auch die anderen Passagiere und die Besatzung lediglich Schemen.

Van Dooren war sehr ruhig und drängte sich keineswegs auf. Dennoch fragte er täglich, ob er ihr irgendwie behilflich sein könnte. Sie begann ihn zu mögen, und sie duzten sich jetzt.

Täglich übersetzte er die Nachrichten für sie. Singapur wurde fast jeden Tag angegriffen, und es hieß, daß die Japaner von Thailand aus auf die malaische Halbinsel vorstießen. Verlustlisten wurden verlesen. Bald hatte sie Angst vor den Nachrichtensendungen, weil sie glaubte, daß eines Tages auch die Namen ihrer Eltern genannt werden könnten.

»Glaubst du, daß die Japaner Singapur einnehmen werden?« fragte sie van Dooren. »Daddy war fest überzeugt, sie könnten es nicht.«

»Es ist nicht sehr wahrscheinlich.«

Sein zögerndes Lächeln war tröstlieh für sie. »Ist Singapur nicht die stärkste Festung der Briten im Fernen Osten?« Er verzog den Mund, als ob er Churchill bei einer seiner aufmunternden Reden nachahmen wollte.

Sie beobachteten, wie die müde Dämmerung verblaßte. »Woran denkst du?« fragte er.

»Wenn du es schon wissen mußt«, sagte sie, »ich dachte, daß ich vermutlich gerade in den Tanglin Club gehen würde, wenn ich noch in Singapur wäre, um viel zuviel zu essen und die ganze Nacht durchzutanzen.«

»Hast du Heimweh?«

»Würdest du es schrecklich finden, wenn ich sage, daß ich kein bißchen Heimweh habe? Mein Leben in Singapur … nun, irgendwie war es ziemlich absurd. Ich glaube, weil es so leer war.«

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Marianne stand schon am Kai, um sie vom Schiff abzuholen. Sie war schon immer ein ziemlich unscheinbares, schwerfälliges Mädchen gewesen, und jetzt, nachdem sie ihr Baby gehabt hatte, sah sie noch ein bißchen unscheinbarer und außerdem rundlicher aus.

»Du meine Güte, Fiona! Du hast dich ja überhaupt nicht verändert! Und guck mal, wie ich aussehe!« Dabei strich sie mit den Händen über ihr Kleid, wo es sich um die fülligen Hüften und ihre Brust spannte. Längere Gelegenheit zu Betrachtungen ergab sich allerdings nicht, weil Marianne sofort ihrem Mann in die Arme sank. Als Fiona den beiden zusah, spürte sie, daß das kameradschaftliche Verhältnis zu Dirk, das sich an Bord gebildet hatte, bereits wieder vorbei war. Jetzt war sie wieder allein.

Nur der Anblick des dicken Mannes heiterte sie wieder etwas auf. Er wurde von einem Chinesen, sicher sein Sekretär, und einem Fahrer in abgeholt, der die drei Koffer und die Hutschachtel trug. Der dicke Mann umklammerte immer noch sein Aktenköfferchen und wedelte mit seinem Fächer.

Er stieg in einen Wagen, der ganz ähnlich wie jener war, von dem er sich in Singapur so großspurig getrennt hatte. Ob ihn wohl überall auf der Welt Diener, Sekretäre und andere Wagen erwarteten, fragte sich Fiona.

»Ich habe für heute abend nichts weiter geplant«, sagte Marianne entschuldigend zu Fiona, »aber morgen zum Mittagessen kommen ein paar von den Mädchen.«

Mädchen! Das konnte ja heiter werden! Bestimmt gab es auch Komitees, patriotische Kaffeekränzchen und einen Wohltätigkeitsbasar. Wer weiß, womit sie sich noch alles abfinden mußte. Sie und Marianne würden wieder Schulmädchen sein und das Baby eine richtige lebendige Puppe. Dirk hatte, kaum daß sie zu Hause waren, erklärt, er müsse sich beim Befehlshaber zum Rapport melden, von ihm war also nicht viel zu erwarten. Vielleicht konnten sie in der Offiziersmesse wenigstens einen halbwegs präsentablen Junggesellen für sie auftreiben, der genauso albern war wie alle, die sie schon kannte.

In weniger als einer Woche hatten sie und Marianne alle gemeinsamen Erinnerungen ausgetauscht, und Fiona kannte Mariannes kleine Tochter so gut, als wäre es ihr eigenes Baby gewesen. Sie hatte Mariannes Freundinnen kennengelernt, sämtlich Holländerinnen und alle verheiratet und oft sehr viel älter.

Die Damen unterhielten sich in gequältem Englisch — aus Höflichkeit ihr gegenüber, während sie ihre Teetasse hielt und sich grauenhaft langweilte.

Sie kannte die Signale der Luftschutzsirenen und wußte, was man in den Keller mitnehmen mußte. Sie kannte die Namen der Diener und Dirks rasche Schritte, wenn er die Treppe heraukam. Auch seinen ersten Ruf der Begrüßung, der niemals ihr galt.

Die holländischen Nachrichtensendungen wußten wenig darüber zu sagen, was in Singapur vorging. Aus zwei Briefen ihrer Mutter konnte sie fast gar nichts entnehmen.

Noch ehe die erste Woche vorbei war, versuchte sie hinter dem Rücken der van Doorens in Erfahrung zu bringen, wann sie zurückkehren könnte.

Wenige Tage später aber erfuhr sie, daß sie alle Hoffnungen auf eine Rückkehr aufgeben mußte. Marianne war plötzlich während einer Nachrichtensendung erschrocken zusammengefahren. »Um Gottes willen, Fiona«, sagte sie und brach in Tränen aus. »Singapur ist gefallen. Die Briten haben sich den Japanern ergeben!«

Es dauerte lange, bis Fiona die ganze Bedeutung dieser Worte erfaßte.

Konnten sich die Briten den niemals ergeben? Und dann auch noch diesen Gelben, diesen Japanern?

Der dritte und letzte Brief ihrer Mutter traf eine Woche nach dem Fall von Singapur ein. Er war drei Tage vor der Übergabe abgeschickt worden und enthielt keinerlei Hinweis, daß ihre Mütter oder ihr Vater die Ereignisse vorausgeahnt hätte.

Die Luftangriffe auf Surabaya schienen häufiger zu werden, aber Fiona hatte keine Angst mehr davor. Dirk war Tag und Nacht im Einsatz, und sie konzentrierte sich ganz darauf, alles Nötige in den Luftschutzkeller zu bringen und darauf zu achten, daß Marianne und das Baby versorgt waren. Lediglich wenn sie Dirks Wagen hörte, empfand sie noch so etwas wie Freude.

Jedesmal fragte Fiona, ob es ihm gelungen sei, mit Singapur Kontakt aufzunehmen und ihren Eltern eine Nachricht zu schicken. Sie wußte im voraus, wie die Antwort lauten würde, aber dennoch mußte sie fragen.

Dann kam der Abend, an dem Dirk sagte: »Der Befehlshaber hat sich entschlossen, auf eigene Faust einen Ausweg zu suchen. Er hat uns vor die Alternative gestellt, entweder mit den eigenen Flugzeugen nach Australien zu fliehen oder abzuwarten, bis wir von den Japanern gefangengenommen und interniert werden — was das bedeuten würde, könnt ihr euch vorstellen.«

Fiona saß da wie gelähmt. Glaubte man denn, daß Australien und Neuseeland dem Angriff der Japaner standhalten konnten, wenn diese Singapur und die ostindischen Inseln so mühelos besetzt hatten? Wenn man sie hier gefangennahm, konnte sie die Japaner vielleicht überreden, sie wieder nach Singapur zu schicken, damit sie mit ihren Eltern zusammensein konnte.

»Für uns ist morgen abend ein Flug reserviert«, sagte Dirk. »Viel mitnehmen können wir nicht, Marianne, nur das, was wir am Leibe tragen und natürlich Geld und Wertgegenstände, soweit wir welche besitzen, damit wir nicht ganz mittellos dastehen, wenn wir in Australien ankommen.«

Dann wandte er sich Fiona zu und sagte: »Es tut mir leid, daß wir nichts mehr von deinen Eltern gehört haben vor unserer Abreise. Aber vielleicht erfährt man in Australien ohnehin mehr.«

»Oh, ich glaube nicht, daß ich mitfliegen werde«, sagte Fiona. »Es ist lieb von euch, daß ihr an mich gedacht habt, aber ich möchte nicht nach Australien. Wenn irgend möglich, werde ich nach Singapur zurückkehren oder hierbleiben.«

Wollte denn niemand endlich begreifen, daß sie kein Kind mehr war?

Offenbar wollte man auch diesmal wieder über sie verfügen, denn Dirk sagte: »Ich fürchte, du hast keine Wahl. Dein Vater hat mir die Verantwortung für dich übertragen, und wenn wir nach Australien fliegen, wirst du wohl oder übel mitkommen müssen.«

»Was ist, wenn wir es gar nicht bis dorthin schaffen?«

»Ich glaube, das wäre kein größeres Unglück, als von den Japanern gefangengenommen zu werden.«

Sie konnte sich schlecht widersetzen, und in einer so kritischen Situation wäre es unfair gewesen, die Schwierigkeiten noch zu vergrößern. Aber wenn sie zum Flughafen aufbrechen würden, wollte sie sich irgendwo verstecken und erst zum Haus zurückkehren, wenn die van Doorens weg wären. Sie glaubte nicht, damit die Flucht der van Doorens zu gefährden.

Der Tag der Abreise schien nicht enden zu wollen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als Marianne beim Verpacken des Porzellans und beim Verstauen der Bilder und anderer persönlicher Dinge zu helfen. Sie deckten die Möbel mit Leintüchern zu, als ob sie nur für ein paar Wochen in Urlaub fahren wollten und bald wieder zurück wären.

Schrecklich peinlich empfand sie es, als sie beim Abendessen den beiden gegenübersaß. Endlich war es vorbei, Dirk ging zum Wagen hinaus, während Marianne in ihrem Zimmer nachsah, ob sie auch nichts vergessen hatte.

Fiona erklärte, sie müsse noch ihren Mantel und ihre Handtasche holen. Sie lief in ihr Zimmer, zog wegen der kühlen Nachtluft ihren Mantel an, nahm ihre Handtasche, drehte das Licht aus und öffnete die Fensterläden. Dann setzte sie sich auf das Fensterbrett und ließ sich in den Garten hinunter.

Leise schlich sie über den Rasen zu der Hibiskushecke, die den Garten vom unbewohnten Nachbargrundstück trennte, und schob sich hindurch. Dann hockte sie sich in der Dunkelheit hin und wartete ab.

Sie hörte, wie die van Doorens im Haus nach ihr riefen, und wenige Minuten später erschien das Ehepaar in der Haustür. Noch einmal riefen sie mit verzweifelten Stimmen und kamen sogar in den Garten herunter. Der Strahl einer Taschenlampe bohrte sich durch die Dunkelheit zwischen die unheimlich wirkenden Büsche und Bäume.

Dann gingen sie wieder ins Haus, und als sie wieder herauskamen, trug Marianne das Baby und Dirk einen kleinen Koffer. Sie hatten sich also doch für den Abflug entschieden und wollten sie hierlassen.

Noch einmal rief Dirk mit dröhnender Stimme: »Wir gehen jetzt, Fiona! Wenn du nicht sofort kommst, fliegen wir ohne dich ab.«

»Geht doch schon, verdammt noch mal«, flüsterte das Mädchen.

Sie wartete noch ein paar Minuten, ehe sie aufstand, um sicher zu sein, daß die Abfahrt kein Trick war. Sie hatte beschlossen, bis Mitternacht spazierenzugehen.

Dann würde sie ohne Risiko ins Haus zurückkehren können. Sie würde dort schlafen und sich dann überlegen, was sie am Morgen anfangen sollte.

Nach Mitternacht stand sie wieder vor dem Haus. Nirgendwo brannte Licht. Doch als sie die Haustür öffnete, schien ihr plötzlich eine Taschenlampe ins Gesicht. Vor Angst konnte sie nicht einmal schreien. Sie war ungeheuer enttäuscht über ihr Versagen, als van Dooren eher mit Verachtung als Wut auf sie herabblickte.

»Du elender, verzogener Balg!« zischte er. »Hast du eigentlich je in deinem Leben an etwas anderes gedacht als an dich selbst?«

»Ich will nicht mitkommen!« schrie sie heftig. »Du kannst mich nicht zwingen!« Mit hysterischen Ausbrüchen hatte sie ihren Willen oft genug durchsetzen können.

Sie konnte es nicht fassen, als er ihr ins Gesicht schlug. »Du holländisches Schwein!« sagte sie ruhig, und im selben Moment traf sie auch schon der zweite Schlag auf die andere Wange.

»Mein liebes Mädchen«, sagte er, »diesmal wirst du gefälligst tun, was man dir sagt. Ich habe es satt, mich mit einem hysterischen Kleinkind herumärgern zu müssen.«

Sie war zu gedemütigt, um sich zu streiten. Ohne Widerstand ließ sie es zu, daß er sie zum Wagen zerrte, der hinter dem Haus parkte. Er stieß sie hinein und knallte die Tür zu.

»Ich werde hinausspringen!« schrie sie, als van Dooren einstieg.

»Wenn du dich noch einmal muckst«, brüllte er zurück, »dann schlage ich dich k. o., Ich habe die Schnauze voll von deinem Gezeter.«

Minutenlang fuhr er in schweigender Wut. Dann drehte er sich zu ihr um und sagte mit kalter Stimme: »Hast du dir eigentlich überlegt, wieviel Sorgen sich Marianne gemacht hat? Nur um ihretwillen bin ich zurückgekommen, um dich zu holen. Wenn ihr irgend etwas passiert, dann gnade dir Gott. Wenn wir sie jemals wiedersehen, dann kannst du ihr danken.«

»Wie meinst du das, wenn wir sie wiedersehen?« fragte sie. Plötzlich wurde sie von Angst überwältigt.

»Sie ist mit der Maschine geflogen, die uns alle hier rausholen sollte«, sagte er, immer noch wütend. »Zwei andere Leute haben unsere Plätze genommen, die erst mit dem nächsten Flugzeug fliegen sollten. Jetzt können wir sehen, ob wir es rechtzeitig zum Flughafen schaffen und ob sie auf uns gewartet haben. Ich hoffe, du bist zufrieden mit dir.«

Erst nach einiger Zeit meinte sie, daß vielleicht Beten helfen könnte, aber mehr als ein »O mein Gott, O mein Gott …« brachte sie nicht über die Lippen.

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Sie rannten über die Piste zum Flugzeug. Dort, wo seine Hand sie am Arm gepackt hielt, brannte die Haut. Ehe sie recht wußte, wie ihr geschah, stolperte sie bereits die Gangway hinauf.

Im Flugzeug war es so dunkel, daß sie nicht viel erkennen konnte, aber sie spürte, daß die Maschine fast völlig mit Menschen gefüllt war.

Sie wurde auf den Boden hinuntergezogen. »Setzen Sie sich. Hier ist noch Platz für Sie«, sagte jemand auf englisch. Van Dooren war verschwunden.

Als sie spürte, wie die Maschine anrollte, liefen ihr die Tränen die Wangen hinunter.

Sie mußte wohl eingeschlafen sein, denn als sie sich vorbeugte, um die Schmerzen im Rücken zu lindern, war es schon ein wenig heller in der Kabine. Ein trübes graues Licht sickerte durch die Fenster.

»Wie weit müssen wir denn noch fliegen?« fragte sie den Mann neben sich.

»Mehr als eintausendzweihundert Kilometer glaube ich. Es wird noch vier oder fünf Stunden dauern, vielleicht sogar länger.«

»Müssen wir nicht zwischendurch auftanken?«

»Sehen Sie den Tank da in der Mitte? Das ist ein Zusatztank. Ohne den würden wir es nie schaffen.«

Van Dooren war nirgends zu sehen. Vielleicht war er der Pilot der Maschine. In der Kabine wurde es immer heller, und sie stellte fest, daß ungefähr zwanzig, vielleicht sogar noch mehr Leute an Bord waren.

Sie ertappte sich dabei, daß sie einen Jungen auf der anderen Seite der Kabine anstarrte, der ungefähr fünfzehn war und fest schlief. Er hatte dunkles, gewelltes Haar und vielleicht das schönste Gesicht, das sie je gesehen hatte.

Im vorderen Teil des Flugzeugs entdeckte sie einen vertraut wirkenden grellweißen Klumpen. Fast hätte sie vor Vergnügen aufgeschrien. Die weiße Gestalt war so gewaltig, daß es sich nur um den dicken Mann vom Schiff handeln konnte. Als die Sonne heraufkam, konnte sie sein Gesicht sehen. Die dunklen, beinahe furchteinflößenden Augen lagen tief in den Höhlen zwischen Fettwülsten.

Sie fragte ihren Nachbarn, ob er den Dicken kenne. »Sein Name ist Jacob Salomonson«, erfuhr sie. »Er behauptet, Holländer zu sein, aber in Wirklichkeit ist er halb Armenier, halb Holländer. Es heißt, er hätte eine Menge Industriediamanten bei sich, die für die Rüstung gebraucht werden. Aber ich würde sagen, daß Schmuckgteine mehr sein Gebiet sind. Er soll, wie es heißt, Millionär sein.«

Es schien ein gutes Omen zu sein, daß ihr der Dicke wieder über den Weg lief. Die Schiffsreise hatten sie gut überstanden; vielleicht würde auch diesmal alles glattgehen. Fiona lehnte sich wieder an den gewölbten Flugzeugrumpf und schloß ihre Augen. Sie brauchte sich nicht mehr zu beunruhigen — das Schicksal hatte ihr ein Zeichen gegeben.

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Die Maschine legte sich in die Kurve. Plötzlich tauchte unter ihnen ein anderes Flugzeug auf. Verzweifelt schrien die Passagiere, als eine Maschinengewehrgarbe durch die Aluminiumwand schlug. Irgendwo stöhnte jemand, und Fiona hörte das Wimmern eines Kindes.

Der junge Mann ihr gegenüber hatte sich aufgesetzt. Er lächelte, und sie lächelte zurück und nickte. Direkt über seinem Kopf hatten die Kugeln ein Muster gefräst. Mit grellen kleinen Flammen brach die Sonne durch die Löcher in der Verkleidung.

Das schrille Geheul der Motoren wurde übertönt vom Donnern des feindlichen Flugzeugs, das noch einmal angriff. Der Körper des dicken Mannes wurde plötzlich zur Seite geschoben, und auf seinem Gesicht zeigten sich Wut und Entsetzen. Mühsam richtete er sich wieder auf. Die Frau, die neben ihm saß, sah merkwürdig aus. Ihre Augen waren starr nach oben gerichtet und ihr Körper verkrümmt. Erst nach Sekunden erkannte Fiona, daß die Frau ebenso tot war wie das Kind in ihren Armen und zwei Männer, die neben ihr saßen. Ein einziger Feuerstoß hatte sie alle durchsiebt.

Als sie sich aufsetzen wollte, stellte sie fest, daß sie den linken Arm nicht bewegen konnte. Er war irgendwie an der Wand festgeklemmt.

Sie zerrte daran und stellte dann fest, daß ihr Nachbar darauflag. Eine Kugel hatte seine Augenhöhle durchschlagen, eine andere war in seinen Mund eingedrungen. Ein Mann breitete einen Mantel über den zerschmetterten Kopf.

»Alles in Ordnung?« fragte er.

Sie konnte nur nicken. Sie schloß die Augen und versteckte sie hinter vorgehaltener Hand.

Sie war wohl eingeschlafen, denn sie spürte, daß einige Zeit vergangen sein mußte. Der Junge saß immer noch da und starrte auf seine Hände, die gefaltet auf seinem Bein lagen. Der dicke Mann hielt ein verletztes Kind auf dem Schoß, das er in seinen Mantel gehüllt hatte, von dem schon die Aufschläge als Decke genügt hätten.

Das grelle Licht im Flugzeug enthüllte rücksichtslos die Schrecken der vergangenen Stunden.

Als ihr Blick wieder auf den jungen fiel, winkte er ihr. Sie kroch hinüber und setzte sich zu ihm. Er sagte etwas aufholländisch.

»Ich bin Engländerin«, sagte sie ihm.

»Oh, ich, kann eure Sprache ein bißchen«, sagte der junge. »Mein Name ist Henkie. Und wie heißt du?«

»Fiona.«

»Fienie?« fragte er.

»Nein, Fiona.«

»Fi …Fi …nein. Ich kann nur Fienie sagen. Das ist auch ein holländischer Name … Vor einiger Zeit, als du geschlafen hast, kam der Pilot, um nach dir zu sehen.«

Also hatte sich van Dooren um sie gekümmert. »Ich habe ihm gesagt, es wäre alles o.k.«, sagte der Junge. »Er meinte, ich sollte dich schlafen lassen.«

Er machte eine Pause, dann murmelte er: »Wir haben viel Glück gehabt, nicht wahr?«

»Ja, vermutlich«, antwortete sie. »Sind deine Eltern auch hier im Flugzeug?«

»Nein, nein«, sagte er rasch. »Sie sind beide tot. Mein Vater ist vor ein paar Wochen in Singapur gefallen, und meine Mutter hat sich umgebracht, als sie davon erfuhr. Ich bin mit meinem Freund Piet gekommen. Er kümmert sich ein bißchen um mich. Er ist der andere Pilot. Du magst ihn bestimmt. Er hat schon einige japanische Flugzeuge abgeschossen.«

Damit versank Henkie in Schweigen.

Kurz darauf bahnte sich van Dooren vorsichtig einen Weg durch die Passagiere. »Ist alles in Ordnung?« fragte er beiläufig.

»Ich wußte nicht, daß du die Maschine fliegst«, stieß sie hervor.

»Ich habe den Piloten nur abgelöst.« Zu ihrer Überraschung wirkte er ziemlich verlegen. »Es tut mir leid, daß ich dich an Bord dieses Flugzeugs gebracht habe, Fiona.«

»Aber wieso denn«, sagte sie. »Es sieht doch so aus, als wären wir jetzt außer Gefahr.«

»Das glaube ich auch, was die Angriffe angeht. Aber wir wissen nicht, wo wir sind. Der Funker ist tot, und das Funkgerät ist kaputt. Wir glauben, daß uns die Luftangriffe zu weit ins Landesinnere : abgedrängt haben. Unter uns ist nur Nebel. Wir müssen einfach weiterfliegen, bis wir wieder etwas sehen …, aber ewig fliegen können wir auch nicht …«

»Meinst du, daß wir notlanden müssen?«

»Ja, wahrscheinlich. Wenn es soweit ist, wird der Pilot oder ich nach hinten kommen, um die Passagiere zu warnen. Du bist die einzige, die kein Holländisch versteht, aber wenn du einen von uns siehst, dann weißt du ja, was los ist. Leg dich einfach flach hin, oder roll dich zusammen wie ein Ball, wenn es geht.« Er verschwand durch die Tür zur Kanzel.

Schon nach wenigen Minuten erschien er erneut und rief den Passagieren etwas auf holländisch zu. Der Junge legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich.

Die Maschine ging langsam nach unten. Wuchtig trafen die Räder den Boden, prallten zurück und schlugen erneut auf.

Nach dem nächsten Stoß glaubte Fiona, sie wären zur Decke geschleudert worden und würden zum Boden zurückstürzen. Aber der Boden war gar nicht mehr da.

Tosende Luftmassen betäubten sie und wirbelten sie wie ein abgerissenes Blatt hin und her.

4

Es dauerte einige Zeit, bevor sie bemerkte, daß der Schmerz in ihrer Schulter daher rührte, daß jemand sie packte und rüttelte. Sie öffnete die Augen. »Alles in Ordnung«, brachte sie mühsam hervor.

»Ach, Sie sind die Engländerin, nicht wahr?« Der Mann sah sie einen Moment lang enttäuscht an, dann humpelte er zu einigen anderen Gestalten, die auf dem Boden ausgestreckt lagen. Mit der Rechten hielt er seinen linken Ellenbogen umklammert.

Sie setzte sich auf. Das erste, was ins Auge sprang, war das Flugzeug. Ein Felsbrocken hatte eine Tragfläche weggerissen, und die Nase war eingedrückt. Die andere Tragfläche brannte, und in diesem Augenblick züngelten auch Flammen aus dem klaffenden Loch in der Kabine.

Rings um das Flugzeug standen und saßen einige Leute, manche lagen mit gespreizten Armen und Beinen auf dem steinigen Boden wie Schaufensterpuppen, die Plünderer aus einem Laden gezerrt hatten. Wieder kam jemand heran, und sie erkannte van Dooren. Er wandte sich plötzlich zur Seite, und sie sah, daß er auf Henkie zusteuerte. Der Junge hielt jemanden auf dem Schoß und strich ihm über das reglose Gesicht und das mattbraune Haar.

Weiter rechts bewegte sich eine der Gestalten am Boden. Es war eine Frau, die leise stöhnte. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Von der anderen Seite des Flugzeuges kam ein Mann angerannt. Er rief und lachte, so laut er nur konnte. Dann stoppte er unversehens und sank in sich zusammen.

Das Unglaublichste aber war der Anblick einer riesigen weißen Masse, die sich langsam wie eine überdimensionale Blüte aus den Büschen erhob. Es war der dicke Mann mit seinem schwarzen Aktenköfferchen.

Ein Schatten fiel auf ihr Gesicht. Van Dooren war zurückgekommen. Der linke Ärmel seiner Jacke war aufgerissen und zeigte das rohe blutende Fleisch. Seine Uniform war verrutscht und ein Hosenbein bis zum Knie aufgeschlitzt. Er nickte müde und wandte sich ab, um das brennende Flugzeug und Henkie zu betrachten, der immer noch über den toten Piloten gebeugt saß. Der Mann mit dem verletzten Ellenbogen hockte neben der Leiche einer Frau; eine Frau strich sich| mit zitternden Fingern über die Haare; der Mann, der zuerst so gerannt war, saß jetzt still auf der Erde; und nur der Dicke stand aufrecht mit seinem Köfferchen in der Hand.

Es waren sieben, die überlebt hatten.

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Zuerst wollten sie die Toten begraben, aber die Erde war zu hart, und sie hatten keine Geräte zum Graben. Deshalb bedeckten die vier Männer die Stelle, wo sie die Leichen auf einen Haufen gelegt hatten, mit trockenen Ästen und Reisig, die sie an den Flammen entzündeten, die immer noch aus dem Flugzeugwrack schlugen.

Henkie hatte sich nicht gerührt, als sie ihm den Leichnam seines Freundes wegnahmen, und als Fiona sich neben ihn setzte, schien er ihre Gegenwart nicht zu bemerken. So blieb sie einfach nur bei ihm sitzen.

Von dem brennenden Flugzeug war nicht mehr viel übrig. Das Feuer war kleiner geworden, aber immer noch stieg eine häßliche schwarze Rauchwolke in den weißglänzenden Himmel. Ein feiner roter Staub, der den Himmel von einem Horizont zum anderen färbte, ließ die Landschaft ringsum im Dunst verschwinden. So weit sie gehen konnte, war das Land platt und von einem schmutzigen Rot. Kieselsteine und Felsbrocken, vertrocknete Sträucher und einige armselige, grausig verkrüppelte Bäume verstärkten nur das Bild der Verlassenheit um sie herum. Nie zuvor hatte sie eine so furchtbare Landschaft gesehen.

Van Dooren kam herüber und erkundigte sich, wie es ihr ginge. Sein Arm blutete immer noch, und Fliegen schwirrten über der Wunde.

»Ich muß deinen Arm waschen«, sagte sie, »und ordentlich verbinden. Sonst infizierst du dich noch.«

»Wir haben weder Wasser noch Verbandszeug«, sagte er. »Außerdem habe ich gefragt, ob du unverletzt bist. Ich muß wissen, in welchem Zustand wir uns alle befinden. Die anderen drei Männer und ich scheinen reisefähig zu sein. Aber die Frau und der Junge haben offenbar einen Schock.«

Sie starrte seinen Arm an und wünschte, sie hätte von ihrer Mutter etwas mehr über Erste Hilfe gelernt.

»Ich habe mir nichts gebrochen und nichts verstaucht, ich habe kaum einen Kratzer! Wenn du nach der Frau siehst, kümmere ich mich um den Jungen«, sagte sie. Doch sie dachte immer noch über die klaffende Wunde am Arm van Doorens nach. Dann fiel ihr ein, daß ihr Mantel gefüttert war, und sie riß einen langen Streifen Stoff heraus. Vorsichtig entfernte sie etwas Schmutz aus der Wunde. Van Dooren zuckte zusammen.

»Sobald wir Wasser finden, muß ich sie richtig säubern«, sagte sie.

»Du mußt sie bedecken, sonst entzündet sie sich.«

»Fiona, fehlt dir wirklich nichts? Mir ist aufgefallen, daß du hinkst. Und du hast Blut im Gesicht.«

»Ich spüre nichts.«Sie fuhr fort, seinen Arm zu verbinden.

»Wo sind deine Schuhe?« fragte er. »Du bist barfuß.«

Überrascht stellte sie fest, daß er recht hatte. Sie war noch nie in der Lage gewesen, längere Strecken barfuß zu gehen, aber jetzt hatte sie trotz der scharfkantigen Steine und Grasstoppeln überhaupt nichts gespürt.

Ihr fiel etwas anderes ein.

»Meine Handtasche«, sagte sie verzweifelt. »Die Briefe meiner Mutter und ihr …«

»Ich hab sie an mich genommen«, sagte er. »Hier ist sie.«

Sie verknotete den notdürftigen Verband und zog den zerfetzten Ärmel darüber. Dann nahm sie ihre Handtasche. Die Briefe waren noch da, auch die Perlen, aber ihre Puderdose und der Spiegel waren völlig zerbrochen. Der gesamte Inhalt der Tasche war mit Puder bedeckt. Schlimmer noch: Ohne Spiegel konnte sie ihr Gesicht nicht richtig zurechtmachen. Dennoch zog sie ihren Lippenstift aus der Tasche und schminkte sich die Lippen. Die Geste beruhigte und tröstete sie.

»Wir müssen versuchen, deine Schuhe oder etwas anderes für deine Füße zu finden«, sagte van Dooren. »Sonst kannst du nicht laufen.«

»Laufen?« fragte sie. »Wohin denn? Wird uns denn niemand suchen und abholen?«

»Ich glaube nicht, daß die Australier wußten, daß wir kommen würden«, sagte er. »Diese Gegend war nie dicht bevölkert, und jetzt, wo alle Zivilisten evakuiert worden sind, ist sie nahezu menschenleer. Ein paar von den anderen wollen hierbleiben, aber es gibt hier kein Wasser, und etwas zu essen haben wir auch nicht. Falls wir abstimmen müssen: Was willst du machen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich richte mich nach dir. Ich glaube, ich versuche lieber nicht mehr, meinen Kopf durchzusetzen. Sehr weit scheine ich nicht damit zu kommen.«

»Ruh dich ein wenig aus«, sagte er. »Wahrscheinlich hast du nur einen Schock erlitten.«

Sie wandte sich ab und blieb dann noch einmal stehen. »Dirk, es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Ohne mich wärst du jetzt in Sicherheit und bei Marianne. Ich … ich hoffe, ihr könnt mir vergeben.«

Ehe er antworten konnte, war sie schon auf dem Weg zu Henkie, der immer noch bewegungslos dasaß. Plötzlich spürte sie jeden Stein unter der zarten Haut ihrer Sohlen.

Sie setzte sich neben den Jungen und nahm seine Hand. »Ich habe mir schon immer einen jüngeren Bruder gewünscht«, sagte sie ruhig. Aber Henkie zeigte keinerlei Reaktion. »Wir dürfen nicht einfach tatenlos am Boden hocken. Dein Freund Piet wäre gar nicht zufrieden, wenn wir uns nicht zu retten versuchten.«

Obwohl er sie noch immer nicht ansah, spürte sie plötzlich den Druck seiner Hand. »ja, du hast recht«, sagte er schließlich. »Ich werde dir helfen, Fienie.«

Er nahm ihren Arm, und wider Willen begann sie plötzlich zu weinen. Nicht aus Mitleid mit Henkie oder sich selbst, sondern einfach deshalb, weil der Schock sich gelöst hatte.

»Ich habe meine Schuhe verloren«, berichtete sie, wobei sie wütend die lächerlichen Tränen wegwischte. »Hilfst du mir, sie zu suchen?«

»Natuurlijk«, antwortete er.

Als sie nach ihren Schuhen suchten, fanden sie Henkies Mütze und gleich daneben einen kleinen Spielzeuglastwagen. Er freute sich sehr, als sie ihm das Spielzeug gab; die kindlichen Züge in seinem Gesicht waren deutlich zu sehen, als er sagte: »Den hat mir Piet vor vielen Jahren geschenkt. Er war so gut zu mir, besser als mein leiblicher Vater. Den Lastwagen nehme ich immer mit, wenn ich verreise.«

Sie sah, daß der dicke Mann sich mittlerweile auf einen runden Felsbrocken gesetzt hatte. Das Köfferchen, in dem er vermutlich seine Diamanten hatte, hielt er immer noch auf dem Schoß. Sein Tropenhelm war offenbar verlorengegangen, aber er hatte an allen vier Ecken seines Taschentuchs einen Knoten gemacht und es als Sonnenschutz auf seine spärlichen Haare gelegt. Es erinnerte sie an manche alten Damen am Strand. Der Dicke hatte eine Zigarre aus der Tasche gezogen und rauchte so gemütlich, als ob er zu Hause in seinem Wohnzimmer säße. Seine Umgebung schien ihm völlig gleichgültig zu sein.

Die Frau saß ebenfalls auf einem Felsbrocken und tastete an ihrem Mund und Unterkiefer herum, wobei sie merkwürdige Geräusche von sich gab, die wie leises Gejammer oder mißglückter Gesang klangen. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und ihr Gesicht war verzerrt.

Als Fiona und Henkie sich näherten, wendete sie sich ab und bedeckte mit einer Hand ihren Mund.

»Sie hat ihre Zähne und ihre Brille verloren«, sagte Henkie, nachdem er mit der Frau einige holländische Worte gewechselt hatte. Sie fanden die Brille, aber ein Glas war zerbrochen, und der linke Bügel hing herab. Die Frau versuchte, sie aufzusetzen, aber sie fiel immer wieder herunter. Sie sagte etwas zu Henkie und warf die Brille dann ärgerlich fort.

»Wir lassen sie besser ein Weilchen allein …, sie ist etwas merkwürdig«, meinte der Junge.

Unter den Überresten des Flugzeugrumpfes fanden sie schließlich einen der Schuhe, aber er war völlig zerquetscht und nicht zu gebrauchen. Henkie meinte, Fiona könne seine Schuhe haben, er sei das Barfußlaufen gewohnt. Aber natürlich waren seine Schuhe zu groß.

»Vielleicht sollten wir jeder einen tragen. Du kannst dir vorn mein Taschentuch hineinstopfen. Nach einer Weile wechseln wir dann.« Sie versuchten es, und Fiona fand den Einfall gut.

Die Sonne stand jetzt schon ziemlich hoch, und es wurde unerträglich heiß. Fiona zog ihren Mantel aus und schlang ihn sich um den Kopf, um etwas Schatten zu haben. Henkie machte mit seiner Jacke dasselbe. Sie sprachen jetzt nicht mehr; denn es genügte ihnen zusammenzusein.

Über der Wüste sahen sie eine Wolkenbank aufsteigen. Aber die Wolken schienen ihrer zu spotten, denn sie kamen nicht näher. Auf der anderen Seite des Horizonts schien der rötliche Dunstschleier seine Farbe zu ändern. Er wurde erst violett und nahm schließlich ein stumpfes Graublau an, in dem Hügelkämme und Wellen erkennbar wurden. Als van Dooren herankam, wies Fiona auf die Färbung hin, aber er maß dem offenbar wenig Bedeutung bei.

»Wir haben uns zu einem Kompromiß entschlossen«, sagte er. »Heute warten wir noch, ob ein Suchflugzeug auftaucht. Wenn nicht, brechen wir heute nachmittag auf und versuchen, in der Dunkelheit so weit wie möglich zu kommen. Das ist aufjeden Fall besser, als in der Tageshitze zu laufen.«

Fiona war plötzlich sehr müde. Deshalb ging sie mit Henkie zu einem Gebüsch, wo sie sich im Schatten niederlegten und schliefen.

»He!« Henkies Stimme weckte sie auf. »Ich glaube, wir brechen bald auf. Du kannst auch den anderen Schuh haben, wenn du willst.«

»Nein, der eine genügt mir. Aber ich hätte gern einen von deinen Socken. Dann tut mein Fuß nicht so weh.«

Sie stand auf, und sie gingen zu den anderen hinüber.

»Daß du die Farbveränderung am Horizont bemerkt hast«, sagte van Dooren, »war eine gute Sache, Fiona. In diesem blauen Dunst liegt wohl eine Hügelkette. Unsere Aussichten, Wasser und Unterschlupf zu finden, sind dort etwas größer.«

Sie brachen auf, van Dooren, sie und Henkie an der Spitze. Van Dooren hatte mit einem Ast eine Nachricht auf den Boden geschrieben und mit großen Steinen Pfeile gemacht, um die Richtung zu zeigen, in der sie laufen wollten. Die Nachricht »Sieben Überlebende« würde vermutlich nach einigen Tagen vom Flugsand zugeweht werden, aber die Steine waren sicher noch länger zu sehen.

Fiona wußte nicht, welcher Fuß ihr mehr weh tat, der mit dem Schuh oder der ohne. Ihre grotesken Schatten gingen vor ihnen über den Sand und die Steine, wobei sie von den Bodenunebenheiten und Felsen noch mehr verzerrt wurden.

»Bist du durstig, Fienie?«

»Ach, mußt du mich daran erinnern? Ich hatte es gerade vergessen.«

»Dann versuch doch mal diesen Stein. Leg ihn dir unter die Zunge. Dann hört der Durst auf.«

Sie schob sich den kleinen glatten Kieselstein in den Mund. Zunächst spürte sie nur die geschmeidige Kühle, dann schien sich ihr Mund mit Speichel zu füllen. »Wo hast du das gelernt?«

»Ich war bei den Pfadfindern«, erzählte ihr Henkie. »Für Mijnheer van Dooren muß ich auch einen suchen.«

Nach einiger Zeit freilich erinnerte der Kiesel in ihrem Mund sie nur noch an ihren Hunger.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon gelaufen waren. Die Sterne waren kalt und trostlos. Trotz der Anstrengung beim Laufen fror sie in der kalten Nachtluft.

Sie fragte sich, ob sie immer noch die geplante Richtung einhielten. Die Wüste sah überall gleich aus. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob sie ein paar hundert Meter oder viele Kilometer vom Wrack des Flugzeugs entfernt waren.

Sie hielt inne, weil sie jemand am Arm faßte, und drehte sich um. Die beiden Männer beugten sich über die Frau, die zu Boden gesunken war und stöhnte. Der dicke Mann holte die anderen ein und blieb dann ebenfalls stehen. Einer der beiden Männer riefetwas, und van Dooren gab Antwort.

»Fienie, wenn du ein bißchen wartest, mache ich ein Lager für uns«, bot ihr Henkie an, doch sie war bereits niedergesunken. Die Erde war kalt, aber sie war ungeheuer erleichtert und fast dankbar, liegen zu dürfen. Sie spürte noch, wie sich jemand an sie schmiegte und einen Arm um sie legte, wahrscheinlich Henkie, im Grunde war es ihr jedoch gleichgültig, wer dort lag.

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Ihre Beine waren bis zu den Knien vor Kälte gefühllos geworden. Merkwürdigerweise schien vom Boden her Feuchtigkeit hochzusteigen, das war sicherlich eine Täuschung, denn sie wußte, daß es weit und breit kein Wasser gab. Dieser erste Gedanke, der Gedanke an Wasser, erinnerte sie wieder an ihren quälenden Durst.

Henkie rührte sich neben ihr; offenbar hatten sie die ganze Nacht in derselben Lage geschlafen. Sie fragte sich, was sie wohl geweckt haben könnte. Dann hörte sie van Dooren rufen.

»Fiona, wach auf! Wir müssen weiter. Wir haben jetzt sechs Stunden geschlafen. Wenn es zu heiß wird, können wir wieder ausruhen.«

Henkie begrüßte sie lächelnd, und sie gab den Morgengruß zurück. Im Dämmerlicht erkannte sie, daß seine Beine völlig zerkratzt waren und oberhalb seines Knöchels ein tiefer Schnitt lag. Und so wüst wie Henkies Gesicht sah ihr eigenes vermutlich auch aus. Aber ohne Spiegel konnte sie nichts machen, wenigstens hatte sie einen Kamm, den sie vorsichtig durch ihr verfilztes Haar zog.

Die Männer waren kaum wiederzuerkennen. Ihre Gesichter waren voller Schmutz und Bartstoppeln.

Der Anzug des dicken Mannes bestand nur noch aus schmutzigen Fetzen. Die Frau, deren Haare struppig abstanden, sah wie eine Gestalt aus einem Irrenhaus aus.

Als sie aufbrachen, wurde es heller. Verschwenderisch goß die Sonne ihr Gold über Himmel und Wüste. Dann kroch sie selbst hinter dem Horizont hervor.

Fast sechs Stunden lang marschierten sie der blendenden Sonne entgegen; dann konnten sie die Hitze nicht mehr ertragen. Es gab auch keine Sträucher mehr, in deren Schatten sie sich hätten äusruhen können.

Van Dooren schlug vor, die heiße Oberfläche des Sandes wegzuscharren und sich auf die kühlere Schicht darunter zu legen. Henkie begann sofort damit, und Fiona bewunderte seine Energie. Immerhin hatte der Junge ihren Mantel getragen.

Sie und Henkie saßen Rücken an Rücken auf einem kleinen Flecken kühlen Bodens. Über sich hatte sie ihren Mantel ausgespannt, um etwas Schatten zu haben.

Fiona döste unruhig in der grellen Sonnenhitze. Immer wieder weckte sie das Stöhnen der Frau.

Henkie erklärte, daß die Frau nach ihrem toten Mann tiefe und Gott wegen seiner Ungerechtigkeit anklage. Keiner von ihnen könne ihr helfen, denn sie wäre nicht ansprechbar.

Die beiden Männer stritten sich dauernd und nörgelten aneinander herum. Van Dooren beobachtete sie mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln, ermahnte aber keinen von beiden.

Sie hatten sich in zwei Gruppen geteilt, in der einen waren die beiden Männer und die Frau, in der anderen van Dooren, Henkie und sie. Lediglich der dicke Mann blieb abseits, er hielt immer noch seinen Koffer an sich geklammert.

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Es War vier Uhr nachmittags. Kurze Zeit vorher waren sie wieder losmarschiert. Jetzt hatten sie die Sonne im Rücken, und der Wind trieb lange Staubbänder vor sich her über die Wüste. Er zerrte an ihren Körpern und Kleidern und blies ihnen Sand in Augen, Nase und Mund. Als die Sonne an diesem zweiten Tag sank, spürte Fiona plötzlich, daß der Wind sich gelegt hatte. Kurz darauf tauchten im blauen Dunst am Horizont die Umrisse eines Gebirges auf. Sie traute ihren Augen kaum. Doch jetzt blieb Henkie erstaunt stehen und starrte die merkwürdige Form der Hügelkette an. Auch van Dooren hielt inne.

»Sie sieht wie eine schlafende Frau aus«, sagte er.

Fiona wußte zwar, daß sie eine uralte Naturerscheinung vor sich hatte, bildete sich aber ein, die Hügel wären in diesem Augenblick aufgetaucht, um sie zum Weitergehen zu ermuntern.

Auch die anderen schienen neuen Mut geschöpft zu haben, denn diesmal gingen sie bis lange nach Mitternacht weiter und lagerten erst, als die Kälte der Wüste sie zwang zusammenzurücken.

Als Fiona und Henkie einen Platz zum Hinlegen freiräumten, entdeckte sie ein weiteres unscheinbares, aber doch ermutigendes Zeichen im Sand. Sie zeigte van Dooren ein trockenes Kügelchen, das; sie gefunden hatte.

Der dicke Mann zündete ein Streichholz an, und jetzt konnte sie erkennen, daß es Tierexkrement war.

»Wenn hier Tiere leben, dann gibt es auch Wasser in dieser Gegend«, sagte van Dooren.

»Ich wäre mir da gar nicht so sicher«, sagte der Dicke. »Das Zeug ist ziemlich trocken und deshalb sehr alt. Möglicherweise hat es hier einmal Wasser gegeben, aber das ist bestimmt längst versiegt. Schade, liebes Mädchen, daß du nicht etwas zu essen gefunden hast, anstelle dieser Köstlichkeit, die offenbar schon jemand anderes verdaut hat.« Er schnippte mit den Fingern und beförderte den Fund hinaus in die Nacht.

Sie war enttäuscht, aber es tröstete sie etwas, als van Dooren sagte: »Nun, vielleicht ist es doch ein gutes Zeichen, Fiona.«

Van Dooren fieberte während der Nacht. Er rief den Namen seiner Frau, der gesperistisch in der menschenleeren Wüste hallte. Fiona ging zu van Dooren hinüber. Sie fühlte sich hilflos und ängstlich, als sie ihn im kalten Sternenlich’t zitternd am Boden liegen sah.

Wenn er am Morgen nicht mehr aufstehen konnte, was würde geschehen? Würden die anderen weitergehen und ihn zurücklassen? Sie konnte ihn doch nicht einfach einem schrecklichen, unabwendbaren Tod überlassen. Aber wenn sie blieb, würde auch sie sterben. »O mein Gott, was soll ich nur tun?« Sie war sich kaum bewußt, daß sie die Worte hervorstieß.

»Wir müssen ihn warm halten.« Henkie wollte sich mit ihr um den Mann kümmern, der für sie alle sehr wichtig war. Er legte sich hinter van Dooren und Fiona vor ihn. Am ganzen Körper zitternd, bewegte sich van Dooren und legte einen Arm um ihre Taille. Ihr stockte bei der Berührung der Atem. Sie wollte sich näher an ihn schmiegen, doch als er wieder den Namen seiner Frau rief, rückte sie erschrocken von ihm ab.

Van Dooren schien überrascht, sie beim Erwachen an seiner Seite zu finden. Sein Fieberwahn war verflogen, und er schien die Besorgnis der anderen gar nicht zu spüren. Fiona entschloß sich zu schweigen, um ihn nicht noch mehr zu belasten.

»Du hast so gezittert«, sagte sie, »und uns war auch ziemlich kalt. Da dachten wir, so wäre es wärmer.«

Der Boden war wieder feucht, und sie war versucht, ein wenig Sand in den Mund zu nehmen und daran zu saugen. Vielleicht hätte sie damit sogar den Hunger ein wenig gestillt. Aber sie wußte, das wäre töricht. Freilich war sie nicht die einzige, die daran gedacht hatte. Henkie hatte sich auf den Bauch gelegt und den Mund auf den Boden gepreßt.

»Was machst du da?« rief sie.

Er hob den Kopf und zeigte auf ein kleines Grasbüschel. »Du mußt daran saugen, Fienie. Reiß es nicht aus, und zerr nicht daran, sonst verliert es sein Wasser.«

Im Nu lag sie da und saugte an einem Grasbüschel wie ein Tier. Vor Erleichterung hätte sie fast geschluchzt.

Schließlich machten es alle. Auf der Suche nach immer neuen Grasbüscheln und Pflanzen bewegten sie sich wie große Eidechsen über den Boden. Fiona war überrascht, wie gesättigt sie sich fühlte, es war fast wie ein richtiges Frühstück gewesen.

Die Hügel rückten endlich näher. Der Himmel schimmerte rosa und goldgelb. Klarer als je zuvor war die Gestalt der schlafenden Frau zu erkennen. Die Sonne stieg hinter den Kuppen hoch, die Gestalt schien in dem flackernden Licht zu heben. Als sie erneut auf sie zu wanderten, war Fiona überzeugt, daß sie ihnen ein Zeichen gab, das Rettung versprach.

Diesmal machten sie erst um die Mittagszeit Rast. Die Gestalt der schlafenden Frau kam näher und näher, die Umrisse der Hügelkuppen erschienen verschwommener, als ob sie mit irgend etwas bedeckt seien.

Fiona fragte sich, ob das Felsbrocken waren. Oder konnten es gar Bäume sein?

Fionas und Henkies Lippen waren mit kleinen Bläschen übersät. Das Gesicht des dicken Mannes sah aus wie eine große zerdrückte Tomate, und er schien schmutziger als die anderen zu sein. Sein Anzug war verschwitzt und staubbedeckt. Er schwitzte gewaltig, aber Fiona empfand keinen Widerwillen, als er sich die Schweißtropfen aus dem Gesicht wischte und dann vom Handrücken leckte. Das hatte sie selbst schon getan, und sie hätte es auch wiederholt, aber ihr Körper gab kein Wasser mehr her.

Bis zu den Hügeln mußten sie nur noch wenige Kilometer zurücklegen, aber ihr Tempo hatte stark nachgelassen. Einer der beiden Männer blieb immer wieder keuchend stehen und starrte auf die Hügel.

Der dicke Mann stürzte fluchend und jammernd. Der Koffer war verschwunden, und er kroch herum, um ihn wiederzufinden. Offenbar wurde er langsam verrückt, denn Fiona sah, daß er in seinen Taschen herumsuchte und mit einem endlich gefundenen Schlüssel den Koffer aufmachte, um nach dem Inhalt zu tasten.

Das sind doch bloß Diamanten, wollte sie ihm zurufen. Die nutzen Ihnen jetzt gar nichts. Sie dachte daran, welch gewaltige Mengen Nahrungsmittel und Getränke man mit diesen Steinen kaufen konnte. Hier in der Wüste war ein Grasbüschel wertvoller.

Die Hitze war unerträglich.

Als ob sie darüber abgestimmt hätten, blieben sie alle gleichzeitig stehen und sanken zu Boden. Seit einiger Zeit zeigten sich Geier über ihnen. Sie hatten sie schon seit längerem nicht aus den Augen gelassen. Jetzt zogen sie immer niedriger ihre Kreise. Fiona konnte ihre gierigen Blicke sehen.

Sie zog den Mantel über den Kopf. Doch auch dann spürte sie die Blicke der Geier. Henkie legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm, und sie schöpfte wieder Mut.

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Sie waren wieder unterwegs. Die Sonne war untergegangen, und im fahlen Dämmerlicht unterschieden sie hinter der schlafenden Frau eine noch längere, höhere Bergkette. Offenkundig waren beide Bergketten nur durch ein Tal voneinander getrennt. Überrascht blieben sie plötzlich stehen: Auf den Kuppen der ersten Hügel wuchsen tatsächlich Bäume, übersät mit weißen Blüten. Fiona wollte schreien vor Freude, aber sie brachte keinen Ton heraus.

Auch die anderen schauten nur schweigend nach vorn. Doch plötzlich bewegten sich die Blüten, und sie erkannten, daß Vögel erschreckt den Baum verließen.

»Wo Vögel leben, gibt es auch Wasser«, sagte van Dooren.

Weiter oben im Tal war das zwischen den Bäumen wachsende Gras nicht mehr so graugelb wie die Pflanzen der Wüste, sondern fast grün. Sie dachte voll Vorfreude daran, wie kühl und frisch dieses Gras war.

Alle ließen sich nieder und suchten den Boden ab. Nur Henkie blieb horchend stehen.

»Ich glaube, ich höre Wasser«, sagte er.

Jetzt vermeinte auch Fiona, das Geräusch von fallendem Wasser zu hören. Das Tal war fast dunkel, aber sie wußte, sie würde nicht bis zum Morgen warten können.

Sie sprang auf, als Henkie laut aufschrie. Am ganzen Körper zitternd wies er vor sich auf den Boden. Van Dooren war sofort neben ihnen.

Vor ihnen schien sich die Erde geöffnet zu haben. Sie starrten in eine Schlucht hinab, doch nur Felsen waren an den Seiten zu sehen, die sich ins Dunkel verloren. Mit letzter Kraft schleuderte sie einen Stein hinunter. Schon hatte sie alle Hoffnung aufgegeben, als ein Laut sie erstarren ließ.

Der Stein war klatschend auf Wasser gefallen.

Die beiden Männer und die Frau holten sie ein. Einer der Männer spähte in den Abgrund hinunter. Sekundenlang starrte er nur, dann begann er zu lachen. Er warf seinen Kopf zurück und heulte wie ein Hund, der den Mond anbellt.

Es war wirklich ein Witz, dachte sie. Dieses schreckliche Land hatte ihnen einen neuen Streich gespielt. Nachdem sie in der öden Wüste endlich eine Oase gefunden hatten, lag diese in unerreichbarer Tiefe.

»Wenn wir versuchen würden, vor Tagesanbruch hinunterzuklettern, wäre das unser sicherer Tod«, sagte’van Dooren.

»Also gibt es Blätter zum Abendessen«, sagte Fiona müde.

»Komm, Henkie. Wir werden ohnehin bald wie Affen aussehen. Suchen wir uns Blätter.« Sie waren zufrieden, wenigstens etwas zu essen zu haben.

Van Dooren lehnte sich zum Schlafen an einen Baumstamm. Er fröstelte und hielt sich den Ellenbogen des verletzten Armes. Fiona und Henkie schmiegten sich vorsichtig an ihn, um ihn nicht zu wecken. Als seine Hand nach einiger Zeit herabglitt, ergriff sie Fiona behutsam. Sie dachte an seine Frau. Es schien ihr ebenso unwahrscheinlich, daß van Dooren zu Marianne und seiner Tochter zurückkehren könnte, wie sie zu ihren Eltern.

Hier in dieser Wildnis zählte nur die Gegenwart.

Vogelzwitschern weckte sie.

Ihr Kopf lag in Dirks Schoß, und sie hielt Henkies Hand. Sie gehörten jetzt zusammen.

Der dicke Mann ging von Baum zu Baum und zog einzelne Zweige zu sich herunter, um den Tau abzulecken, den die Nacht auf den Blättern zurückgelassen hatte. Die beiden anderen Männer und die Frau saßen etwas abseits dicht nebeneinander. Im Hintergrund tauchte die scharfe Kante der Schlucht auf, die im Morgenlicht nicht mehr so gefährlich wirkte.

Fiona bewegte sich erst, als auch van Dooren aufgewacht war. Er zitterte nicht mehr. Alle drei erhoben sich gleichzeitig.

»Nun, liebe Familie«, sagte van Dooren, »es sieht so aus, als ob wir heute einiges vorhätten …«

5

Henkie führte sie ans andere Ende der Schlucht. Immer wieder sagte er, er könne einen Wasserfall hören, während Fiona nur das aufgeregte Schreien der Vögel ausmachen konnte. Aber der Junge gab nicht nach, er drängte sie weiterzulaufen.

Bald erkannten sie, daß die Schlucht nicht nur aus einem, sondern aus zwei verschiedenen Armen bestand, deren zweiter sehr viel länger war als der erste und im rechten Winkel abzweigte. Über dieser zweiten Schlucht schwebte eine merkwürdige weiße Wolke. Es sah aus, als ob dort Rauch aufsteige In beiden Armen schimmerten tief unten herrliche kleine Seen.

Das Problem bestand darin, daß darüber die Felswände senkrecht mehr als hundert Meter aufragten.

Der Junge war noch immer weit vor ihnen und rief: »Da ist noch mehr Wasser! Hier ist sogar viel Wasser!« Aber als sie glaubten, er würde noch lauter schreien, stand er plötzlich ganz still und zeigte auf Felsentreppen, die bis zu den Teichen hinunterreichten. Es war ein gefährlicher Abstieg, aber es gab Bäume und Sträucher, an denen man sich festhalten konnte. Es gab grüne Büsche und — das Unglaublichste von allem — Blumen.

An dieser Stelle stiegen sie einer nach dem anderen hinab. Ihre Haut war von der Sonne verbrannt, alle waren wöllig erschöpft und vor Hunger und Durst dem Zusammenbruch nahe, sie bluteten aus Hunderten von kleinen Schnitten und Rissen. Vorsichtig und mühsam ging es hinab.

Es brauchte nur einer auszurutschen, dann würde er sofort hinabstürzen und die anderen mitreißen.

Henkie erreichte als erster den kleinen See, aber anstatt sich darauf zu stürzen, stand er nur da und tauchte langsam eine Hand in das Wasser. Dann hob er sie an die Lippen. »Es ist nicht salzig!« rief er und lachte und tanzte auf einem Felsen herum.

»Hier, Fienie!« rief er. Er half ihr über die letzten Felsen. Bevor sie nicht trinken konnte, wollte auch er nicht anfangen. Endlich sank sie am Rand des Sees auf die Knie.

»Nicht zu schnell, Fienie! Nicht zu schnell!« Dann lagen sie im Wasser. Sie lachten und weinten und klammerten sich aneinander, wobei sie auf dem nassen Felsen fast ausgerutscht wären.

Die Freude über diesen ersten Schluck war so stark, daß sie glaubte, sie nicht ertragen zu können. Sie kniete nieder, keuchte, ließ das Wasser über sich strömen, aber sie konnte nicht noch einmal trinken.

Van Dooren ging an ihnen vorbei und fand sein eigenes Rinnsal. Der dicke Mann hatte weiter unten einen Weg über die Felsen gefunden und watete direkt in den Teich. Sein Anzug hing klatschnaß um ihn herum, und in der einen Hand hielt er immer noch seinen Koffer. Die Frau und die beiden anderen Männer stolperten gemeinsam bis zum Wasser. Fionas Körper dürstete nach dem Wasser, die Beine von sich gestreckt, setzte sie sich hinein. Sie zog Henkie neben sich, und beide ließen kleine Wasserfälle auf sich herabprasseln.

Sie hätte wohl auf die überwältigende Freude über das strömende Wasser kaum verzichtet, wenn sie nicht bemerkt hätte, daß van Dooren, der sich auf einen trockenen Felsen gesetzt hatte, offenbar starke Schmerzen hatte.

Sie eilte hinüber, und Henkie mit ihr.

»O Dirk, entschuldige«, sagte sie. »Tut dir dein Arm Web? Bitte laß mich die Wunde versorgen.«

Nachdem sie den schmutzigen Verband abgerissen hatte, bot sich ein entsetzlicher Anblick. Von der Schulter bis zum Ellenbogen schien der Arm nur noch aus Eiter und Schmutz zu bestehen. Was konnte sie tun? Natürlich konnte sie aus dem Futter ihres Mantels neue Bandagen herstellen, aber vielleicht war es besser, wenn die Wunde in der Sonne austrocknete. Aber darin lagen neue Gefahren; denn die Fliegen würden die Wunde bald infizieren.

Sie führten van Dooren hinunter zum Wasser. selbst die anderen hielten inne, um zu sehen, was vorging, waren aber bald wieder mit ihren eigenen Bedürfnissen vollauf beschäftigt. Fiona war ein wenig schockiert, als sie sah, daß die Frau und die beiden Männer sich ausgezogen hatten und nackt badeten. Der Dicke saß auf einer Felsplatte. Sein durchweichter Anzug klebte am Körper, und lange dünne Haamträhnen, die eine große kahle Stelle auf seinem Schädel enthüllten, hingen ihm über die Stirn. Er hatte seinen Koffer unter sein gewaltiges Hinterteil geklemmt, Schuhe und Strümpfe ausgezogen und war eifrig bemüht, seine Füße zu waschen.

Nachdem sie für van Dooren ein bequemes Plätzchen gefunden hatten, sagte Fiona zu Henkie: »Könntest du nicht etwas zu essen suchen? Einer von den anderen kann dir doch dabei helfen.«

»Das mache ich lieber allein.«

»Na gut, aber sei vorsichtig, und geh nicht zu weit. Vielleicht kannst du einen Papagei fangen oder wenigstens ein Nest ausnehmen. Hier, ich gebe dir deinen anderen Schuh wieder.« Sie war nur allzu glücklich, das aufgeweichte Wrack von ihren wundgelaufenen Füßen zu streifen.

Es dauerte lange, bis sie van Doorens Arm einigermaßen sauber gewaschen hatte. Sie weinte fast, als sie sah, wie er vor Schmerz die Zähne zusammenbiß und bei jeder Berührung zurückzuckte. Nachdem sie den Arm versorgt hatte, beschloß sie, ihn vollständig zu waschen, damit er sich wohl fühlen sollte. Es war unglaublich, wie schmutzig er war. Außerdem machte es sie glücklich, daß sie etwas tun konnte.

»Du hättest Krankenschwester werden sollen, Fiona«, sagte er.

»Ich glaube nicht, daß ich eine sehr gute Krankenschwester wäre«, erwiderte sie, ohne aufzuschauen, »ich bin so ungeschickt.«

»Davon habe ich gar nichts bemerkt.«

»Hör schon auf. Streck lieber das andere Bein vor. Nein, du kannst es nicht selber machen.« Es machte ihr Spaß, ihn ein wenig zu necken.

»Ich werde deine Sachen auswaschen, und während sie trocknen, werde ich dich zu jenem Felsen in der Sonne bringen. Dort ist es wärmer, du wirst schneller trocken.«

Er war wohl schwächer, als sie geglaubt hatte, denn er stützte sich die ganze Zeit auf ihren Arm. Auf dem Weg mußten sie immer wieder kleine Pausen einlegen, aber schließlich hatten sie es bis zu dem Felsen geschafft. Sie schnappte nach Luft, und ihr war etwas schwindelig, deshalb setzte sie sich eine Weile neben ihn. Er hielt noch immer ihre Hand, und plötzlich drückte er sie.

»Fiona, ich weiß gar nicht, wie ich dir richtig danken soll.«

Sie war überwältigt von diesen Worten und dem zärtlichen Blick seiner Augen. »Ach was, das ist doch noch nicht einmal ein Bruchteil von dem, was ich dir schulde.«

Die beiden Männer und die Frau lagen jetzt nackt auf einer anderen Felsplatte, die ebenfalls im Sonnenschein lag. Aber noch ehe sie die Kleider van Doorens gewaschen hatte, waren die anderen schon wieder angezogen und erkundeten die Schlucht. Fiona beobachtete, daß sie Binsen aus dem unteren Teich herauszerrten und die blassen, zarten Strünke wie Wasserratten abnagten.

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»Fienie, komm schnell!«

Fiona half van Dooren gerade beim Anziehen. Henkie winkte heftig, und sie eilte, so schnell sie konnte, hinüber, wobei ihr von den rauhen Felsen die bloßen Füße schmerzten.

»Hast du etwas gefunden?«

»Ja, jetzt habe ich ihn erwischt. Es ist eine große Eidechse oder ein Leguan. Auf Java gab es ganz ähnliche. Wenn wir ihn braten, schmeckt er sehr gut. Wir müssen ein Feuer machen.«

Plötzlich stand sie wie angewurzelt, ein jäher Schreck ließ sie ihren Hunger vergessen. Es konnte sich doch nur um ein Krokodil handeln.

Als sie sich daran erinnerte, daß sie fast alle im Wasser gewesen waren, liefihr ein kalter Schauer über den Rücken.

Obwohl sie sehen konnte, daß der Kopf des Reptils eingeschlagen war, folgte sie Henkie nur vorsichtig. »Wie hast du das nur gemacht? Du bist wirklich sehr tapfer.«

»Mit einem Felsbrocken. Ich hatte ganz schön Angst, das kann ich dir sagen.«

»Glaubst du wirklich, wir können es essen?«

»Natürlich. Die Javaner und Chinesen tun es doch auch.«

Sie packten das Tier an den Hinterfüßen und am Schwanz und zerrten den Kadaver zum oberen Rand des Wasserfalls. Mit gewaltigem Aufklatschen fiel er unten ins Wasser. Henkie zog seine Jacke aus, rollte die Hosenbeine auf und sprang hinterher. Als er das Reptil ans Ufer geschoben hatte, kamen auch die anderen herbei, um es mit an Land zu ziehen.

Einer der Männer sagte etwas und machte eine Grimasse dazu. Henkie schien plötzlich schrecklich enttäuscht. »Wir können kein Feuer anmachen«, sagte er.

»Ich glaube, der Dicke hat Streichhölzer«, sagte Fiona und sah ihn erwartungsvoll an.

»Mein Name«, zischte der Dicke gedehnt, »ist Salomonson, und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich auch so nennen würden.«

Es war in dieser Situation so absurd, daß sie beinahe gelacht hätte.

»Haben Sie denn Streichhölzer?« fragte sie erneut.

Er suchte in seinen Taschen herum. Die feuchte Streichholzschachtel war auseinandergefallen, und die durchweichten Hölzchen lagen einzeln in seiner Hand.

Die Zündköpfe waren vollständig abgerieben.

»O mein Gott«, hörte sie sich sagen, und dann: »Hat denn niemand sonst ein Feuerzeug oder Streichhölzer?« Aber die einzige Antwort waren verzweifelte Blicke.

Henkie sagte etwas auf holländisch. Salomonson zuckte zusammen, als hätte ihn der Junge geschlagen.

»Henkie hat ihn gefragt«, erklärte van Dooren, »ob wir einen seiner Diamanten als Brennglas benutzen können.«

»Nein, damit kann man kein Feuer machen«, sagte Salomonson.

»Das heißt, wenn ich überhaupt welche hätte. Aber ich habe gar keine!« Wie ein Kind, das vor Erwachsenen Geheimnisse hat, hockte er sich vor einen großen Felsbrocken, wobei er ihnen den Rücken zukehrte. Verstohlen nahm er etwas aus seinem Koffer und verschloß ihn dann wieder sorgfältig.

»Hier, das können Sie eher gebrauchen«, sagte er, als er zurückkam.

»Das ist ein Vergrößerungsglas, jetzt können Sie Ihr Feuer anmachen.«

Fiona wollte danach greifen, aber Salomonson zog seine Hand wieder zurück. »Was kriege ich dafür?« fragte er.

Sie starrte ihn verächtlich an. »Ich kaufe es Ihnen ab«, sagte sie. »Henkie, könntest du mir bitte meine Handtasche geben.«Sie griff in die Tasche und nahm die Perlen ihrer Mutter heraus.

»Hier, genügt das?« fragte sie. »Mehr kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich habe kein Geld.«

Salomonson hätte nicht beschämter aussehen können, wenn sie ihm die Perlen ins Gesicht geworfen hätte.

»Aber das meine ich doch gar nicht«, sagte er. »Ich wollte nur — ich hätte gern auch etwas zu essen.«

Fiona schloß die Augen. »Es tut mir leid.« Es war ihr peinlich, daß sie den Leuten immer falsche Motive unterstellte.

»Es war mein Fehler«, sagte Salomonson, als er ihr das Vergrößerungsglas gab. »Vermutlich ist es nach all diesen Jahren eine Gewohnheit. Bitte vergeben Sie mir.«

Alle sammelten Reisig und trockenes Gras, dann bemühte sich Henkie, den Holzstoß mit dem Brennglas zu entzünden. Als die trockenen Zweige hell aufloderten, warfen sie das Reptil in die Flammen. Das Fleisch begann sofort, zu brutzeln und Blasen zu werfen. Zischend floß der Saft ins Feuer. Sie sahen zu und warteten.

Der Duft des Bratens wurde zur Qual. Fiona sah, daß einer der beiden Männer bereits mit einem Stock eine der Hinterkeulen abgetrennt hatte. Das Fleisch war ihm offensichtlich zu heiß, denn er tauchte es blitzschnell ins Wasser, riß es wieder heraus und schlug wie ein Tier seine Zähne hinein.

Daraufhin ergriffen auch der andere Mann und die Frau einen Stock und stocherten wie Verrückte in dem Fleisch herum. Erst als auch sie sich bedient hatten, nahmen van Dooren und Henkie ihre Stöcke zur Hand. Sie zerrten die Überreste des Reptils aus dem Feuer und zerlegten es mit ihren Stöcken und Händen. Sie waren alle Bestien, dachte Fiona, Hyänen an einem Kadaver. Aber das stimmte nicht ganz. Das erste Stück, das Henkie vorn Braten abgerissen hatte, hielt er ihr hin. Er lächelte.

»Bon appétit!« wünschte er leise und versuchte, das nächste Stück von den Knochen zu lösen.

Mit Mühe hielt sie sich davon zurück, das Fleisch zu verschlingen. »Mister Salomonson«, sagte sie und hielt es ihm hin. »Bitte.«

Der Dicke bot einen kläglichen Anblick. Seine Hand hielt er schon ausgestreckt, als seine Augen plötzlich einen gelassenen Ausdruck annahmen. »Ladies first«, erwiderte er.

»Alter vor Schönheit«, gab sie zurück, was ihr beinahe schon Spaß machte. Es war so beruhigend zu sehen, daß wenigstens vier von ihnen sich noch nicht wie wilde Tiere benahmen.

Inzwischen hatte van Dooren ein noch größeres Stück Braten abgerissen, das er jetzt in zwei Teile zerlegte. »Es ist genug für alle da«, meinte er.

Sie wußte nicht recht, was sie erwartete, aber es zeigte sich, daß der Leguan der schmackhafteste Braten war, den sie seit langem gekostet hatte. »Nicht schlecht, was?« fand Henkie.

Alle drei waren doch gute Menschen, dachte sie. Sie konnte froh sein, daß sie bei ihnen war.

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Sie stellte bald fest, daß sie kaum Zeit hatte, Henkie bei der Nahrungssuche zu helfen. Sie brauchte fast den ganzen Morgen, um van Doorens Arm zu versorgen. Die offene Wunde mußte gebadet und die Bandagen mußten gewaschen und getrocknet werden, ehe sie den Arm wieder verbinden konnte.

Außerdem hatte sie sich vorgenommen, über das Feuer zu wachen. Nur wenige Stunden lang erreichten die Sonnenstrahlen den Talgrund. Die Nächte waren kalt, und sie brauchten das Feuer, um sich daran zu wärmen. Im stillen hofften sie auch, daß etwaige Suchflugzeuge die Flammen entdeckten.

Es war nicht unbedingt notwendig, das Feuer ständig zu schüren, aber wenn es während der Nacht ausging, weckte die Kälte sie bald, und am Morgen war es immer noch so kühl, daß sie sich daran wärmen mußten. Außerdem gab es immer wieder etwas zu kochen: Ab und zu gelang es Henkie und den Männern, mit Steinen einen Kakadu zu erlegen, sie fingen Eidechsen und Goannas und sammelten sogar weiße Maden, die Henkie in einem verfaulten Baumstamm entdeckt hatte. Auf einen Zweig aufgespießt und geröstet, waren sie äußerst wohlschmeckend. Einige aus der Gruppe gewöhnten sich an, Tee aus Eukalyptusblättern zu brauen.

Außerdem fanden sie Eier, von denen manche schön gefärbt und gesprenkelt waren. Sie aßen sie zuerst roh, weil sie kein Gefäß hatten um sie darin zu kochen.

Später fand van Dooren einen hohlen Stein, den sie zwischen Felsbrocken geklemmt über das Feuer stellten. Darin konnten sie Wasser heiß machen, mit dem sie Tee aufbrühen oder die Eier kochen konnten. Außerdem bereiteten sie einmal einen Eintopf aus Papageien- und Taubenfleisch.

Salomonson half ihr, das Feuer zu unterhalten. Henkie kletterte meist in das Tal oberhalb der Felsstufen hinauf, wo die Bäume und Sträucher dichter wuchsen und mehr Reisig herumlag. Er riß abgestorbene Äste ab und warf sie in die Schlucht hinunter. Salomonson zerrte das Brennholz dann keuchend und schwitzend zum Feuer. Manchmal setzte er sich einfach darauf, um die sperrigen Äste zu zerbrechen. Wenn die Zweige unter seinem gewaltigen Hintern krachten, lachten sie und van Dooren, und Salomonson lachte auch.

»Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, mein Gewicht auf ganz andere Weise in die Waagschale zu werfen«, sagte er, »aber so ist es auch gut.«

Fiona, van Dooren, Henkie und Salomonson lachten viel miteinander. Nur die anderen drei beteiligten sich nie an diesen Neckereien und Scherzen. Sie schienen nur derbe Zoten zu kennen. Einer der Männer hatte Fiona schon mehrfach unverschämt gemustert und obszöne Gesten gemacht. Sie hatte Angst vor ihm und ging ihm aus dem Wege.

Die Blasen an ihren Füßen verheilten, und an ihren Fußsohlen bildete sich Hornhaut. Sie und Henkie verzichteten jetzt auf die Schuhe, die sie gemeinsam benutzt hatten, bewahrten sie aber unter einem kleinen Felsvorsprung auf, wo sie auch ihre Handtasche, ihren Mantel, Henkies Jacke und Mütze verstaut hatten. Auch der kleine Lastwagen, mit dem Henkie gelegentlich spielte, wenn er sich ausruhte, war hier versteckt.

Obwohl sie sehr viel Nahrung fanden, schienen sie immer hungrig zu sein.

Das Feuer verlangte ständig ihre Aufmerksamkeit. Sie waren immer in Sorge, daß es ausgehen könnte, was eines Tages auch tatsächlich geschah, als es plötzlich regnete. Sie drängten sich unter den Felsen zusammen, um vor dem frischen Wind und dem kalten Regenguß geschützt zu sein.

Van Dooren erkannte als erster die Gefahr, die jetzt drohte. »Wir müssen daraufachten, ob der Wasserspiegel im See steigt. Wir dürfen uns nicht von plötzlichem Hochwasser hier unten abschneiden lassen.«

Sie beobachteten die Teiche, entdeckten aber bald, daß der Wasserspiegel sich trotz des Regens nicht veränderte. Dies verblüffte van Dooren.

»Henkie«, sagte van Dooren, »wenn morgen gutes Wetter ist, dann sehen wir einmal nach, wo dieses Wasser eigentlich herkommt.«

»Aber dein Arm«, protestierte Fiona. »Außerdem möchte ich nicht allein zurückbleiben, wenn du mit Henkie weggehst.«

»Dann mußt du eben einfach mitkommen.«

»Und das Feuer?« fragte sie.

»Ich kümmere mich schon darum«, sagte Salomonson. »Fürs Klettern bin ich sowieso nicht gebaut.«

Fiona entdeckte, daß er ebenfalls keine Schuhe mehr trug, weil seine Füße geschwollen und mit Blasen bedeckt waren.

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Sie brachen auf, noch ehe die Sonne den Grund der Schlucht erreicht hatte. Trotzdem keuchten und schwitzten sie bald, als sie durch die Büsche und über die Felsen hinaufklommen. Es ging nur langsam voran. Jeder Felsenabsatz, über den das Wasser träge hinabfiel, führte zu einer neuen Stufe, die ihren eigenen Wasserfall hatte. Manchmal waren die Wasserfälle nur einen oder zwei Meter hoch und die Becken darunter vollkommen klar.

In einem der tieferen Teiche entdeckten sie zu ihrer Überraschung einen Schwarm kleiner Fische. »Ich muß mir etwas ausdenken, wie ich sie fangen kann«, sagte Henkie. »Wenn man genug davon fängt, hat man auch eine Mahlzeit.«

Hinter dem Teich ragten die Felsen Wieder steil auf. Sie stiegen über mehrere Absätze, die wie eine Freitreppe wirkten. Als sie oben ankamen, trauten sie kaum ihren Augen.

Vor ihnen lag ein großer Teich, der so tief war, daß sie nicht auf den Grund blicken konnten. Das Wasser hatte die Farbe blaßgrüner Jade. Auf der einen Seite stiegen die Klippen lotrecht in blendendem Rot und Gold auf, dazwischen hier und da ein lieblicher Baum mit weißen Ästen.

Auf der Schattenseite lag unmittelbar über der Wasserfläche eine schmale Felsstufe, auf der sich blühende Pflanzen drängten. Die meisten Blüten zeigten ein leuchtendes Gold, aber es gab auch Rosa und Violett, blasses Blau und Scharlachrot und eine große Pflanze mit riesigen weißen Blüten. Kleine Vögel schwirrten hoch durch die Luft, und ihr schrilles Schreien hallte von den Wänden der Schlucht wider. Fiona war sich fast sicher, daß einige von ihnen dem Gefieder und Zwitschern nach Liebesvögel sein mußten.

»Wahrscheinlich sind es Wellensittiche«, sagte van Dooren. »Soviel ich weiß, stammen sie aus dieser Gegend hier irgendwo. Die kleinen sind vermutlich Finken. Das kommt einem wie ein riesiges Vogelhaus vor, nicht wahr?«

Was Fiona am meisten Ehrfurcht einflößte, war die gegenüberliegende Seite des Teiches. Auch hier gab es Felsen und einen Wasserfall, aber die Felsen stiegen zehn oder zwölf Meter hoch und bildeten ein natürliches Amphitheater. Sie konnte sich geradezu vorstellen, wie dort eine Menschenmenge saß und einem Schauspiel zusah, das sich auf dem Teich abspielte.

Es gab sogar vorspringende Felsplatten in verschiedener Höhe, die wie Sprungbrettei aussahen.

»Hier müssen wir öfter zum Schwimmen hingehen, Fienie«, sagte Henkie.

»O ja!« rief sie. Es fiel ihr auf, daß sowohl Henkie als auch sie selbst ohne weiteres vorausgesetzt hatten, daß sie sich längere Zeit in der Schlucht aufhalten würden.

»Habt ihr gemerkt, daß es hier keine Fliegen gibt?« fragte van Dooren.

»Ich finde, wir sollten hierher umziehen«, schlug Fiona vor, als ob dabei ein ganzer Haushalt mit Möbeln und anderen Besitztümern transportiert werden müßte.

»Das Hinauf- und Hinunterklettern ist gar nicht so weit«, sagte Henkie, »und das Feuerholz kann ich hier auch leichter hinwerfen. Da oben gibt es einen großen Felsvorsprung.«

»Wir können ja die anderen mal fragen«, sagte van Dooren.

Aber Fiona wollte die anderen gar nicht fragen. Salomonson gefiel ihr; er gehörte gewissermaßen schon zur Familie. Aber die anderen drei. Wenn man die bloß zurücklassen könnte, wenn sie bloß bleiben würden, wo sie waren, und für sich selbst sorgten.

Die Schlucht verengte sich jetzt zu einem Paß, wo die Felswände hoch aufragten. Von dort oben stürzte das Wasser herunter und fiel als zartes Band in den ersten der Teiche.

»Dort oben klettern wir heute nicht hin«, sagte van Dooren. »Wir wollen es nicht übertreiben. Aber offensichtlich kommt das Wasser dort irgendwo aus den Hügeln. Wahrscheinlich ist es eine Quelle oder ein unterirdischer Fluß. Wir wissen jetzt, woher es kommt, aber wohin es fließt, müssen wir erst noch herausfinden. Nun, wir haben ja viel Zeit.«

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»Sei vorsichtig, Henkie!« rief Fiona. Sie mußte ihren Kopf weit zurücklehnen, um ihn zu beobachten.

Er kletterte immer so rasch, wobei er manchmal sogar von Ast zu Ast sprang. Wenn er abstürzte und sich dabei verletzte, konnten sie ihm nicht helfen.

Jetzt erreichte er sein Ziel, aber sie sah seinem Gesicht an, daß das Nest leer war. Es war schon fast Abend, und sie hatten noch immer nichts zu essen gefunden. Es sah so aus, als ob sie wieder einmal mit Binsen und Samen vorliebnehmen müßten.

Außerdem blieb noch das Harz. Der Baum war so voller Harz, daß es den ganzen Stamm hinablief und auf dem Boden eine kleine Pfütze bildete.

»Laß nur!« rief sie. »Vielleicht finden wir was auf dem Rückweg.«

Die Kakadus waren scheuer geworden. Sie flogen jetzt weg, ehe man nahe genug herankam, um mit Steinen nach ihnen zu werfen. Wenn man weiterging, kamen die Vögel freilich zurück und kreischten und spotteten hinter den Eindringlingen her.

Henkie kletterte vom Baum herunter, ohne zu antworten. Wenn die anderen nichts gefunden hatten, würden sie auch diese Nacht wieder hungrig einschlafen müssen. Jetzt schon machte der Hunger sie rasend. Fiona war sich durchaus bewußt, daß sie oft reizbar und Henkie, ja sogar manchmal van Dooren gegenüber ungerecht war.

Sie war deshalb wütend über sich selbst, vermochte sich aber nicht zu beherrschen.

Jetzt suchte sie nach einer fröhlichen Bemerkung, um Henkie zu trösten. Aber zu ihrer Verblüffung begann er laut in seiner Muttersprache zu fluchen.

»Was ist los?« fragte sie.

»Schau nur!« sagte er und starrte auf seinen Fuß.

Er war in die Kautschuklache getreten und konnte sich nur mühsam daraus befreien, denn das Harz zog lange Fäden.

»Es ist immer noch genug für uns da«, sagte sie.

Sie hatten sich daran gewöhnt, fast ständig Harz zu kauen. Auf diese Weise blieb der Mund bei der Jagd feucht. Ohne das Harz hätten sie immer wieder in die Schlucht hinabsteigen müssen, um aus den Wasserbecken zu trinken.

Henkie versuchte, das Harz mit einem Stock von seinem Fuß abzustreifen. Fiona lachte, selbst in seinem Ärger war Henkie noch lustig. Schuldbewußt lächelte er. Dann verschwand sein Lächeln plötzlich.

»Ich bin doch ein Dummkopf, Fienie!« rief er. »Warum habe ich nicht schon lange daran gedacht? Die blöden Vögel kommen doch immer wieder auf dieselben Zweige zurück.«

Mit beiden Händen griff er in die Harzpfütze und kletterte dann geschickt zurück auf den Baum. Als er einen der bequemsten Äste erreicht hatte, setzte er sich rittlings darauf und beschmierte ihn mit dem Harz. »Komm«, sagte er, als er wieder neben ihr stand, und sie versteckten sich hinter einem anderen Baum. Die Papageien kreisten und kreischten noch eine Weile, dann ließ sich einer der Vögel langsam auf dem Ast nieder. Er drehte den Kopf hin und her und stellte seinen aufreizend gelben Federkamm auf. Dann kehrte auch der Rest des Schwarms zu seinem Stammplatz zurück, bis der ganze Ast von Vögeln bedeckt war.

»Drück die Daumen, Fienie«, sagte Henkie und sprang aus seinem Versteck. Wieder stoben die Vögel in kreisehender Partik davon. Aber auf dem geleimten Ast saß eine ganze Reihe von ihnen angeklebt fest und schlug verzweifelt mit den schneeweißen Flügeln.

Mit der Geschwindigkeit eines Raubtiers kletterte Henkie hinauf und ließ sich von Fiona seinen Knüppel zuwerfen. Dann saß er lachend und schreiend im Baum und schlug auf die Vögel ein, bis die meisten Von ihnen leblos herabhingen.

Früher hätte sich Fiona vor einem solchen Anblick geekelt, aber jetzt war sie hungrig.

Nachdem er den letzten Vogel heruntergeworfen hatte, stieg er selber vom Baum. Sie teilten die Beute in zwei gleich große Bündel Und schnürten die toten Vögel an einem Bein mit Binsen zusammen.

Fiona War atemlos vor Erregung. »Elf Stück! Das wird ein Braten! Eine prima Idee, Henkie!«

Sie wußten nicht, daß Eingeborene das Harz schon seit Jahrhunderten zu diesem Zwecke benutzten.

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Auch am anderen Ende der Schlucht fanden sie keinen Hinweis dafür, warum der Wasserstand in den Teichen stets gleichblieb. Das Wasser, so hatten sie entdeckt, stammte aus einer Quelle, die oben in den Hügeln versteckt lag, und verschwand am Rande eines großen, düster wirkenden Teiches am Ende des tiefen Tals, das im rechten Winkel von der Hauptschlucht abzweigte.

An diesem unheimlichen Ende der Schlucht entdeckten sie eine weitere Nahrungsquelle. Verwesungsgeruch führte sie zum Kadaver eines Känguruhs.

»Entweder hat es sich hierher verirrt, oder es ist herabgestürzt«, sagte van Dooren. »Das Tal ist nur eine Oase inmitten der Wüste, es ist viel zu klein, als daß es eine größere Anzahl von Tieren ernähren könnte.«

Henkie war anderer Ansicht. »Bei der Jagd«, entgegnete er, »habe ich Spuren und Mist gefunden, und zwar dort oben, wo der Wasserfall ist.«

»Wahrscheinlich kommen sie nachts«, überlegte van Dooren. »Wir sollten vielleicht nicht nur tagsüber auf Nahrungssuche gehen, sondern häufiger nachts jagen.«

»Wenn wir oben beim Wasserfall wohnten«, meinte Henkie, »brauchten wir nicht so weit zu laufen. Außerdem ist es da oben viel schöner, nicht wahr, Fienie?«

Fiona wollte ebensogern wie Henkie in dem Amphitheater oder in dem hängenden Garten unter dem Wasserfall wohnen. Aber sie wünschte, sie könnten das Geheimnis für sich behalten und brauchten die beiden anderen Männer und die Frau nicht mitzunehmen.

»Ich werde mit den anderen darüber reden«, schlug van Dooren vor. Aber seine Stimme klang nicht überzeugend, es schien, als wolle auch er den anderen nicht gern den Wasserfall zeigen. Die Frau und die beiden Männer suchten ihre Nahrung immer noch in den offeneren Teilen der Schlucht, und es schien, als ob sie an dem oberen Ende nicht interessiert seien. Seit Henkie das Harz benutzte, um Papageien zu fangen, bemühten sich die drei anderen überhaupt nur noch selten um Nahrung. Es war ja ausreichend da. Henkie hatte sogar Salzablagerungen in den Felsen entdeckt, und dieses Gewürz schien ihre Mahlzeiten nicht nur schmackhafter zu machen, sondern ihnen auch neue Kraft zu spenden.

Auf dem Rückweg hörten sie ein merkwürdiges Donnern über dem Tal. Sie standen wie gelähmt, als plötzlich ein Flugzeug über die Schlucht jagte. Im Bruchteil einer Sekunde hatte die Maschine den schmalen Himmelsstreifen durchquert und war auf der anderen Seite verschwunden.

»Ein Flugzeug! Ein Flugzeug!« riefen sie hinterher, als ob der Pilot ihre Stimmen hätte hören können. Dann liefen sie, so rasch sie konnten, zum Lager.

Salomonson erzählte, daß die beiden Männer und die Frau zum Rand der Schlucht hinaufgeklettert waren und dabei ständig gerufen und gewinkt hätten. Aber vom Flugzeug seien sie wohl kaum zu erkennen gewesen.

»Eigentlich ist es erstaunlich, daß sie nicht das Feuer gesehen haben«, wunderte sich van Dooren.

Salomonson schwitzte. Er hatte große Äste ins Feuer geworfen, und die Flammen schlugen höher als jemals zuvor. »Ich fürchte, als das Flugzeug über uns wegflog, war es noch nicht so groß«, sagte er. »Ich hatte es wie immer nach dem Frühstück herunterbrennen lassen. Es tut mir leid.«

»Sie haben Ihr Bestes getan.« Van Dooren legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wir hätten eben besser vorbereitet sein müssen. Wir müssen oben im Tal ein paar Zeichen machen, die man aus der Luft sieht.«

Nur einer der beiden Männer kam wieder herunter in die Schlucht.

Er sammelte seine Habseligkeiten ein und nahm auch die seiner beiden Begleiter. Dann sagte er etwas auf holländisch zu van Dooren, spuckte verächtlich auf den Boden und verließ sie. Fiona fragte, was er gesagt hätte.

»Sie wollen sich oben auf den Klippen einrichten«, erklärte van Dooren. »Sie wollen dort ein Feuer unterhalten für den Fall, daß das Flugzeug zurückkommt. Wie sie das Problem mit dem Wasser lösen wollen, weiß ich nicht recht. Wahrscheinlich holen sie es sich täglich hier unten. Er möchte, daß Henkie mit nach oben geht und ihnen mit dern Brennglas das Feuer anzündet.«

Fiona fragte sich, ob sie eigentlich wirklich in die Zivilisation zurückkehren wollte — vorausgesetzt, daß das Flugzeug überhaupt zurückkam und im Tal zu landen vermochte. Sie gewöhnten sich allmählich an das Leben in der Wildnis, und was hatte die Zivilisation schon zu bieten? Nur den Krieg …

Wenn Australien den Japanern in die Hände fiel, waren ihre Chancen zu überleben hier größer als irgendwo sonst auf dem Kontinent. Und wenn die Alliierten diejapaner besiegten, würden sie ohne Zweifel noch schnell genug entdeckt werden. Außerdem war es keineswegs sicher, ob ihr das Leben dort draußen mehr zu bieten haben würde als jetzt in der Gesellschaft van Doorens, Henkies und sogar Salomonsons. Sie hatte echte Kameradschaft erlebt, und ihr war der Gedanke unerträglich, darauf verzichten zu müssen.

Es war schon eine merkwürdige Sache, dachte sie. Sie hatten kein Haus und lebten nur von den Tieren und Früchten der Wildnis, aber zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich geborgen.

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Mit einem Netz, das Fiona aus Binsen geflochten hatte, gelang es Henkie, Fische zu fangen. Nur gelegentlich erlegten sie zur Abwechslung noch ein Reptil, obwohl Salomonson und van Dooren die Schwänze der Goannas sehr gern aßen.

Fiona stellte fest, daß es sich lohnte, die Vögel, Fische und Goannas mit Schlamm zu bedecken, bevor sie sie ins Feuer legte. Auf diese Weise konnten sie die Haut, Schuppen oder Federn mühelos mit der Schlammkruste abreißen und hatten saftiges Fleisch. Man brauchte nur noch hineinzubeißen.

»Du bist ja eine tolle kleine Köchin geworden«, sagte van Dooren. Sie streckte ihm die Zunge heraus, aber wie immer beglückte es sie, wenn er ihr ein Kompliment machte.

Einmal, als sie gerade mit essen fertig waren, seufzte Henkie: »Wäre es nicht schön, wenn wir etwas Süßes zum Nachtisch hätten?«

»Dasselbe dachte ich auch gerade.« Fiona wandte sich an van Dooren und erwähnte etwas, das sie seit Wochen zu vergessen versucht hatte. »Genaugenommen dachte ich gerade an das Milchmixgetränk, das ich im Tanglin Club über die Brüstung gekippt habe.«

Jetzt, nachdem sie es gesagt hatte, war sie erleichtert. Aber der Tadel, auf den sie gewartet hatte, blieb aus; denn van Dooren betrachtete sie nur ruhig über die flackernden Flammen hinweg und sagte: »Ich glaube, Fiona, du hast dich seither ziemlich verändert.«

Nicht immer war sie so glücklich. Sie entdeckte manchmal Traurigkeit in den Augen van Doorens und konnte nur vermuten, daß er an seine Frau und sein Kind dachte. Dann fühlte sie jedesmal Groll und sogar Eifersucht in sich aufsteigen.

Bei solchen Gelegenheiten dachte sie dann auch an ihre eigene Familie. Sie fragte sich, wo ihre Eltern wohl waren und ob sie noch lebten. Sie zog die Briefe aus ihrer Handtasche und las sie noch einmal, obwohl sie schon jedes Wort auswendig kannte. Aber was immer sie dort auch gesucht haben mochte, schien ihr stets zu entschlüpfen, so daß sie wie ein Vogel, der durch die Gitterstäbe seines Käfigs in eine unbekannte Freiheit hinausstarrt, immer unzufriedener wurde.

Die Wunde an van Doorens Arm eiterte nicht mehr, und an einigen Stellen wuchs bereits neue Haut. Dennoch schien er immer noch Schmerzen zu haben, denn er hielt den Arm stets leicht angewinkelt. Während van Doorens Arm heilte, sah es freilich so aus, als ob sie bald einen neuen Patienten versorgen müßte, denn Salomonsons Füße und Waden waren so geschwollen‘ daß er kaum noch zu laufen vermochte. Und offensichtlich nahm er ab, denn sein aufgeschwemmtes Gesicht war seit kurzem von tiefen Falten durchzogen.

Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, während er Henkie weiterhin hartnäckig beim Holzzerkleinern half. Sie baten ihn, damit aufzuhören, aber er sah sie nur mit jenem gequälten, traurigen Gesichtsausdruck an, den er jetzt ohnehin die meiste Zeit hatte, und sagte: »Wenn ich nur herumsitze, kann ich vielleicht bald nicht mehr aufstehen. Nicht einmal Sie alle zusammen wären wohl kräftig genug, mich auf die Beine zu bringen — ganz zu schweigen von dem Weg die Felsen hinauf. Was soll ich dann machen, wenn das Flugzeug zurückkommt?«

Wieder einmal fühlte sich Fiona vollkommen hilflos. Sie wußte nicht, was ihm fehlte. Es waren weder Kratzer noch Schnitte zu sehen, die sich hätten entzündet haben können, und auch die Knochen schienen sämtlich noch heil. Die Beine waren lediglich so schrecklich angeschwollen, daß es schien, als würden sie jeden Moment platzen. Sie wußte sich nicht anders zu helfen, als ihm jeden Tag ein Bad zu verordnen, mal heiß und mal kalt.

Salomonson behauptete auch, dies trage sehr zur Besserung bei. Aber im Verlauf der Wochen schien sich sein Zustand immer mehr zu verschlimmern.

Er war immer noch furchtbar dick, aß aber weniger als alle anderen. Den größten Hunger hatten Henkie und sie selbst. Sie merkte es erleichtert; denn es zeigte ihr, daß wenigstens Henkie und sie gesund und stark waren.

Manchmal betrachtete sie im Spiegel eines Teiches ihre schlanken, braungebrannten Glieder und ihr dunkles Gesicht, das aus einem wilden Haarbusch hervorsah. Belustigt erinnerte sie sich der Zeiten, wo sie ganze Tage beim Friseur oder vor dem Spiegel zugebracht hatte. »Mein Gott, eine Schönheit bist du wirklich nicht mehr, Fiona Scott-Fraser«, sagte sie zu sich selbst, aber sie war nicht weiter beunruhigt darüber.

Es war, als sei sie ein anderer Mensch geworden, dem Henkie den Namen »Fienie« gegeben hatte. Sie mochte diesen Namen; auf diese Weise wurde sie nicht ständig an früher erinnert und an das Leben, das sie geführt hatte.

Bisweilen erschrak sie darüber, daß erst van Dooren und Henkie ihr vor Augen geführt hatten, was für ein unausstehlicher Mensch sie gewesen war. Für ihre Eltern kam die Erkenntnis zu spät, ihnen konnte sie vielleicht nie mehr beweisen, daß sie ihr egoistisches Verhalten abgelegt hatte. Aber ihre drei Gefährten behandelte sie rücksichtsvoll.

Dann wieder gab es Augenblicke, in denen sie verwundert feststellte, daß sie ihr Glück ausgerechnet in der Gesellschaft eines verheirateten Mannes, eines Knaben und eines unmöglichen alten Mannes fand.

Die drei anderen Überlebenden sahen sie jetzt nur noch selten, obwohl sie gelegentlich in die Schlucht herab kamen, um zu trinken oder zu baden. Fiona hätte sich gern mit der Frau unterhalten, um zu hören, wie sie zurechtkamen, aber da immer einer der beiden Männer bei ihr war, zögerte sie. Sie fürchtete sich besonders vor dem einen, der sie ständig angestarrt hatte. Aus dem gleichen Grunde vermied sie es auch, irgendwo allein hinzugehen.

Einmal erstiegen sie, van Dooren und Henkie die Gipfel der beiden Bergketten. Hinter dem niedrigeren Hügelkamm lag die Wüste, durch die sie gekommen waren. Von dem höheren Gipfel aus konnten sie meilenweit sehen, aber sie blickten nur auf Wüste. Der Ausflug hatte sie völlig erschöpft, aber entdeckt hatten sie so gut wie gar nichts.

Das einzige, was sie in der Umgebung noch entdeckten, war die Galerie. Fiona verstand nie so recht, warum sie bei Henkie solche Begeisterung auslöste und warum er so oft mit einem brennenden Zweig in der naßkalten Höhle vor den Bildern stand. Wahrscheinlich waren diese Felsenmalereien wirklich etwas Besonderes und Großartiges. Henkie nahm immerhin an, daß sie einige Jahrhunderte alt waren. Aber in ihren Augen waren es plumpe Gestalten und primitive Muster, sinnlos angeordnet.

Die Wasserbecken, Seen und Teiche, das Amphitheater und die leuchtenden Felsen, die glitzernden Wasserfälle und Gischtschleier faszinierten sie wesentlich mehr. Sie träumte absurderweise davon, ein Haus hier zu bauen. Manchmal glaubte sie geradezu, seine geräumigen Zimmer sehen zu können. Mit einer Mühle konnte man vielleicht etwas Wasser vom Wasserfall ableiten und die Blumen und Pflanzen, die unten in der Schlucht wuchsen, auch oben im Tal züchten.

Einmal erzählte sie sogar van Dooren und Henkie von ihrem T raum. Zu ihrer Überraschung lachte keiner von beiden. Henkie erklärte vielmehr, daß er die Terrasse bei der Bildergalerie mit einer Gartenmauer einfassen wolle.

Van Dooren sah sie mit einem sonderbaren Blick an. »Vermutlich«, sagte er, »ist es das klügste, sich der Umgebung anzupassen.«

6

Als sie die Stimmen hörte, dachte sie zuerst, daß van Dooren und Henkie wohl früher zurückgekehrt waren, als sie geplant hatten. Nachdem die beiden verschwunden waren, hatte sie sich über den Bach auf die andere Seite der Schlucht zurückgezogen, wo sich ihre Toilette befand.

Jetzt kehrte sie über die im Bach verstreuten Felsen eilig zum Lager zurück, aber plötzlich erkannte sie, daß dort gestritten wurde, und verlangsamte ihre Schritte. Bevor sie um den letzten Felsblock ging, blickte sie vorsichtig hinüber.

Salomonson lag auf der Erde, als hätte man ihn niedergeschlagen.

Über ihm stand der Mann, vor dem sie seit Wochen Angst gehabt hatte. Seine Fäuste waren geballt. Sie hatte schon fast den Mut gefunden wegzulaufen, als sie einen schrecklichen Schlag hörte.

Salomonson protestierte mit Verzweiflung in der Stimme. Jetzt wußte sie, was sie tun mußte. Wenn der Bursche hinter ihr her war, konnte sie nicht zulassen, daß Salomonson weiterhin so gequält wurde.

Sie wollte schon rufen, doch das Geschehen vor ihr ließ sie innehalten. Salomonson wühlte am Fuß der Wand ihrer Schutzhütte aus Binsenflechten. Er schien den Mann, der ihn bedrohte, mit Worten und Gesten beschwichtigen zu wollen.

War der Angreifer auf der Suche nach Nahrung? Es war doch bisher nie nötig gewesen, jemand anderem etwas mit Gewalt wegzunehmen.

Auch den beiden anderen hatten sie nie etwas verweigert, wenn sie darum gebeten hatten.

Dann wußte Fiona, was der Mann verlangt hatte. Aber was um alles in der Welt wollte er mit den Diamanten bloß anfangen?

Sie sah, wie er Salomonson das Köfferchen aus der Hand riß und darin herumwühlte. Er nahm einen kleinen Lederbeutel heraus, hob ihn ans Ohr und schüttelte ihn. Dann schob er ihn in sein Hemd, schleuderte den Koffer beiseite und rannte davon …

Zu ihrer Überraschung lachte Salomonson, als sie zum Lagerplatz kam. »Er denkt, er hätte die Diamanten, der Trottel!«

»Ja, hat er die denn nicht?« fragte sie.

»Ja natürlich, die Industriediamanten hat er. Aber die nutzen ihm nichts. Selbst wenn es ihm gelingt, hier herauszukommen. Industriediamanten sind längst nicht soviel wert, wie manche Leute sich einbilden. Ich wußte, daß es eines Tages soweit kommen würde, deshalb habe ich die richtigen Diamanten längst woanders versteckt.« Er flüsterte jetzt. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen List und Verzweiflung. »Schon vor Tagen, schon vor Wochen habe ich sie versteckt.«

Sie hatte geglaubt, Zuneigung für den dicken Mann zu empfinden, aber die Art und Weise, wie er seine gelungeneList genoß und sich am Besitz der kümmerlichen Diamanten herauschte, schreckte sie ab.

»Ich wünschte, Sie hätten die Dinger in einen der Teiche geworfen«, schimpfte sie, während sie sein zerschlagenes, blutiges Gesicht mit einem feuchten Stoffetzen abwischte. »Am besten in den tiefen See beim Amphitheater.«

Er hielt ihre Hand fest. »Ach, Fienie, verachte den Reichtum nicht. Verachte mich, aber nicht meine Diamanten. Sie sind schön, und ihre Schönheit ist so dauerhaft. Das ist auch der Grund, warum ich sie so liebe. Sieh mich an«, sagte er, »hast du jemals ein erbärmlicheres menschliches Wesen gesehen? Aber ich habe etwas, was meine ganze Häßlichkeit ausgleicht. Ich habe ein Vermögen an Diamanten …«

Hätte er nicht so leise gesprochen, hätte sie gewiß geglaubt, daß er phantasiere. »Die Diamanten haben mir alles gegeben, was ich jemals gewollt habe. Selbst Dutzende von schönen jungen Mädchen. Junge Mädchen für einen dicken, häßlichen Mann. Glaubst du mir das?«

Sie hatte sich abgewandt, voller Ekel. Sie setzte sich an den Bach, hielt ihre Füße hinein und starrte in die Klarheit und Schönheit des Wassers. Salomonson sprach immer noch mit sich selbst, und beim leisen Gebrabbel des alten Mannes überfiel sie eine schreckliche Ahnung kommenden Unheils.

___________

Schon als Henkie und van Dooren noch ziemlich weit weg waren, fiel ihr auf, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein mußte. Sie hatten gute Beute gemacht, ein kleines Känguruh und einen wilden Truthahn, aber Henkie hatte noch etwas viel Aufregenderes gesehen.

»Da draußen ist etwas in der Wüste«, rief er Fiona zu. »Wir glauben, daß es Leute sind. Ein Sandsturm kann es nicht sein, denn es bewegt sich viel zu langsam und immer in einer Richtung.«

Der Mann von oben im Tal, dachte Fiona, hatte vermutlich dasselbe gesehen. Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb er die Diamanten geholt hatte.

»Wie weit sind sie noch weg?« fragte sie.

»Mijnheer van Dooren sagt, daß es mindestens noch zehn oder zwölf Meilen sind. Er meint, daß sie heute abend oder morgen früh hier sein müßten — wenn es Menschen sind.«

Salomonson war pessimistisch. »Wahrscheinlich stellt sich heraus, daß es bloß Sand ist«, meinte er, »Sand, wie alles, was man hier sieht.«

Er sank noch mehr in sich zusammen. Er hatte sich an die Felsen gelehnt und seinen Kopf mit der Binsenmatte bedeckt, die sie für ihn gemacht hatte. Zwischen dem Rand des Binsengeflechts und dem Bart war von seinem Gesicht und der Verletzung fast gar nichts zu sehen. Fiona erzählte den anderen von dem Angriff.

»Ich werde mit ihnen reden«, sagte van Dooren. »Vielleicht hat er nur für einen Moment den Verstand verloren.«

»Nichts dergleichen werden Sie tun!« rief Salomonson. »Lassen Sie die Kerle bloß in dem Glauben, sie hätten die Diamanten und wir hätten Angst. Dann kriegen wir sie hoffentlich nie wieder zu sehen.«

»Wenn wir sie nicht zur Rede stellen, erfahren wir nie, was sie als nächstes vorhaben«, erwiderte van Dooren.

»Weshalb wollen Sie gehen?« fragte Salomonson. »Glauben Sie, Sie müßten meine Diamanten zurückholen? Für mich? Oder etwa für sich selbst? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie keinen großen Wert haben. Die anderen habe ich — weggeschafft.«

Van Dooren überhörte die Unterstellung. »Ihre Diamanten interessieren mich nicht«, sagte er. »Ich will nur dafür sorgen, daß der Frieden bewahrt — oder wiederhergestellt wird.« Er wandte sich ab. Salomonson schien beleidigt. Fiona spürte, daß ihre Gemeinschaft ohne besonderen Grund, nur durch absurde Verdächtigungen und Haß zerstört wurde.

Sooft wie möglich wanderte sie zu der Stelle, wo Henkie seine Gartenmauer baute. Am düsteren Eingang zur Galerie ging sie gleichgültig vorbei, es machte ihr viel mehr Freude, den riesigen Wasserfall zu bewundern, über dem gelegentlich im sonnendurchfluteten Nebel ein Regenbogen entstand. Das war die Stelle, an der sie sich ein Haus gewünscht hätte. Hier saß sie oft lange, manchmal allein, manchmal mit van Dooren oder Henkie und dachte über die schönen Seiten ihres Lebens in der Wildnis nach.

Sie erinnerte sich an die Nächte, in denen sie um das Lagerfeuer gesessen und erzählt oder gesungen hatten oder wo sie sich, vor dem Regen geschützt, in ihrer Binsenhütte zusammengedrängt hatten. Oder an das Aufstehen im ersten Morgenlicht, an das Waschen oder Schwimmen im Teich und die Vorbereitungen zum Frühstück. Manchmal sah sie Henkie stolz vom Jagen zurückkehren, manchmal dachte sie daran, wie traurig er war, wenn er nur magere Beute mitbrachte. Van Doorens Lächeln fiel ihr ein, als er sich darüber amüsierte, wie Salomonsons »Zigaretten« aus welken Blättern in seinen dicken Fingern zerfielen und er die Krümel fortwerfen mußte. Salomonson beklagte sich ständig darüber, daß er keine Zigarren mehr hatte, während van Dooren, der früher viel geraucht hatte, sich niemals beschwerte. Sie freute sich, daß van Doorens Arm heilte, obwohl immer deutlicher wurde, daß er verkrüppelt war. Wenn sie an ihrem Wasserfall saß, fragte sie sich, warum es nicht so bleiben konnte.

___________

Die Erscheinung draußen in der Wüste, die Henkie und van Dooren entdeckt hatten, war wieder verschwunden. Als sie in dieser Nacht am Feuer saßen, sagte Salomonson: »Ich wußte doch gleich, daß es nur Staub war. Eine dieser Windhosen, die es hier gibt.«

Aber Henkie schwor Stein und Bein, daß er in der Staubwolke winzige schwarze Gestalten erkannt hatte.

»Ich glaube nicht, daß es bloß Staub war«, sagte van Dooren. »Sie kamen aus derselben Richtung, aus der wir damals kamen, und es ist durchaus möglich, daß sie das Flugzeugwrack entdeckt und nach Überlebenden gesucht haben. Aber wenn sie sich in dieser Gegend auskennen würden, wären sie bestimmt sofort zu dem Tal hier gekommen.«

Er hockte sich hin und zeichnete mit einem Stock eine grobe Skizze dicht am Feuer. »Soweit ich die Karte im Kopf habe«, sagte er, »sah die Küstenlinie ungefähr so aus. Auf jeder Seite dieser großen Landzunge hier liegt eine Stadt. Das eine ist Derby, das andere Broome. Ich glaube, wir haben die Küste irgendwo zwischen beiden Städten erreicht, weit nördlicher, als wir ursprünglich geplant hatten. Unser eigentlicher landfall sollte viel südlicher sein.«

»Landfall?« fragte Fiona. »Was ist das?«

»Das ist die Stelle, an der man Land sichtet und dabei seine Position überprüft. Warum fragst du?«

»Ich habe den Begriff schon früher gehört«, erwiderte sie, »beim Geschwader meines Vaters. Es klingt wie ein Name für ein Dorf oder Haus. Für unsere Schlucht wäre es wirklich sehr treffend.«

Van Dooren lächelte. »Ich dachte gerade darüber nach, was da draußen in der Wüste sein könnte und woher es wohl kommt. Von der Absturzstelle sind wir direkt hierher in die Hügel marschiert, und ihr erinnert euch sicher, wie mühsam das war. Deshalb bin ich fest überzeugt, daß irgend jemand oder irgend etwas uns folgt oder jedenfalls auch hier ins Tal will, wer würde sonst durch solches Gelände marschieren? Die drei im Tal oben haben ihr Feuer wieder hergerichtet. Sie bereiten sich jedenfalls vor …«

»Ach, Dirk«, sagte Fiona, »warum soll man sich etwas wünschen, was vielleicht doch nie geschieht? Ich finde es besser, sich mit dem abzufinden, was man hat, anstatt sich etwas zu wünschen, was man nicht hat.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, sagte van Dooren mehr zu sich selbst als zu den anderen.

War es am nächsten Tag gewesen? Oder am übernächsten. Jedenfalls hatten damals die wirklichen Katastrophen begonnen. Fiona war am oberen Ende der Schlucht und sammelte Samenkörner, die genießbar und nahrhaft waren. Das Tal und die Schlucht waren ein einziges Blütenfeld, und weil es seit einiger Zeit nicht geregnet hatte, war die Luft trockener und kühler. Sie waren jetzt seit über drei Monaten hier. Es war Winter, der diesen Breiten Trockenheit brachte.

Unter ihr auf der Terrasse schichtete Henkie Steine zu einer Mauer auf. Sie diente keinem besonderen Zweck, sie sollte den Garten nur schmücken. Salomonson hatte erklärt, der Junge müsse wohl verrückt sein, in dieser gottverlassenen Wildnis eine Mauer nur zur Zierde zu bauen, und auch Dirk hatte sich darüber lustig gemacht, aber Fiona verteidigte ihn. Bedeutete es nicht, daß Henkie sich in dieser fremden Umgebung zurechtfand und sich heimisch zu fühlen begann. Das Verblüffende war, daß Salomonson demjungen trotz seiner abfälligen Bemerkungen beim Bau der Mauer half. Er saß stundenlang im »Steinbruch«, wo er Steine sortierte und zurechtklopfte. Seine Beine waren jetzt bis über die Knie geschwollen und hatten eine scheußliche graue Farbe angenommen. Aber er klagte ebensowenig wie Dirk über seinen Arm.

Einmal sagte er zu Fiona: »Ist das nicht witzig? Mein ganzes Leben hindurch habe ich alles getan, um nicht körperlich arbeiten zu müssen, und jetzt klopfe ich Steine. Ich muß schon recht verrückt geworden sein!«

»Sie müssen es ja nicht tun«, sagte sie.

»Es wäre mein Ende, wenn ich gar nichts zu tun hätte«, antwortete er.

Henkie holte sich die Steine von dem Haufen, den der dicke Mann vor sich aufgebaut hatte. Seine Mauer, die bis zum Eingang der Galerie führen sollte, wuchs rasch. Wenn er zwischendurch keine Lust mehr hatte, Steine in die Mauer einzupassen, errichtete er zur Abwechslung aus merkwürdig geformten Steinen kleine Standbilder — einen alten Angler, einen Frosch, einen Vogel, drei sitzende Frauen oder ein Vogelbad. Gleichzeitig pflanzte er Blumen und Sträucher.

»Arbeitest du eigentlich gern, Henkie?« fragte ihn Fiona eines Tages. Er war nur mit dem Känguruhfell bekleidet, das er seit einiger Zeit anstelle von Shorts trug. Seine Schultern schienen immer breiter zu werden.

Allmählich wird er erwachsen, dachte sie.

»O ja«, erwiderte er. »Ich glaube, dabei bleibt man gesund.«

»Und wozu legst du einen Garten an?«

»Damit du darin sitzen kannst, wenn da oben dein Haus steht.«

Seine Antwort verblüffte sie. »Woher weißt du, daß ich dort ein Haus haben möchte?«

»Nun, weil ich dich oft dort sitzen sehe. Und wenn ein Mädchen lange an einer Stelle sitzt, denkt es über kurz oder lang an ein Heim und plant die Einrichtung.«

Einen Moment lang wußte sie nicht, was sie sagen sollte, sie war den Tränen nahe.

»Ja, glaubst du denn nicht, daß es dann vernünftiger wäre, erst mein Haus zu bauen und später den Garten?«

Seine Stimme hatte einen befremdlichen Klang, als er sagte: »Fienie, dein Haus kann dir jeder bauen. Aber nur ich kann dir diesen Garten anlegen. Vielleicht bin ich nicht mehr da, wenn dein Haus fertig ist. Deshalb möchte ich den Garten lieber jetzt gleich machen.«

»Was soll das heißen, du bist vielleicht nicht mehr da? Wenn einer von uns hier weggeht, gehen wir doch alle.« Ohne Antwort zu geben, machte er weiter.

»Sag es mir!« verlangte sie und packte ihn energisch am Arm.

»Du wirst mich bloß auslachen«, wich er aus.

»Ach, Henkie! Du weißt doch, daß ich nicht lache.«

»Na gut«, sagte er. »Wenn ich jage oder arbeite, dann … dann sehe ich manchmal, wie alles kommen wird.« Sein starrer Blick flößte ihr Furcht ein. »Ich sehe dein Haus da oben«, fuhr er leise fort. »Aber es ist — noch nicht sehr klar. Ich weiß noch nicht, ob es bloß dein Haus sein wird oder ein Haus für viele andere Leute.«

»Ja natürlich«, unterbrach sie ihn und erinnerte sich, daß sie versprochen hatte, nicht zu lachen. »Wenn das Haus je gebaut wird, leben wir natürlich alle darin, so wie jetzt in unserer Hütte.«

»Ich werde dann nicht mehr dasein. Ich bin dann bei Piet«, flüsterte er.

»Sag so etwas nicht.« Plötzlich hätte sie am liebsten geweint. Um das zu verhindern, beugte sie sich vor und gab ihm einen Kuß. »Du kannst mich doch nicht verlassen. Ich brauche dich viel zu sehr — kleiner Bruder.«

___________

Plötzlich wurde sie abgelenkt. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung in der Ferne wahr. Hinten, am Ende des Tals, prügelten sich die beiden Männer. Staub wirbelte durch die Luft. Die Frau stand reglos daneben.

Sie zeigte Henkie die kämpfenden Männer. Beide fielen jetzt zu Boden. Blitzschnell bückte sich die Frau und nahm etwas auf. Mit kurzen, katzenhaften Schritten ging sie auf die Männer zu. Den Stein, den sie trug, hob sie hoch in die Luft und schmetterte ihn auf den Kopf des einen Mannes. Man hörte kein Schreien. Der Mann fiel nur zur Seite und blieb dann still liegen.

Henkie lief los und rief etwas Unverständliches. Fiona folgte ihm, so schnell sie konnte. Als sie die anderen erreicht hatten, stand die Frau immer noch da. Sie ließ die Arme hängen und starrte auf den zerschmetterten Kopf des Getöteten. Auch der andere Mann gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Seine Augen waren hervorgequollen und blickten starr in den bleichen Himmel empor.

Die Frau stolperte vorwärts und scharrte neben den reglosen Gestalten mit ihren nackten Füßen im Sand. Ein staubiger Gegenstand kam zum Vorschein — der Beutel mit Salomonsons Industriediamanten. Zu Fionas Verblüffung warf die Frau den Beutel mit einem Grinsen über die Felsen hinunter. Die Schlucht war zu tief, als daß man hätte hören können, ob der Beutel im Wasser landete oder auf Felsen. Tiefe Stille herrschte ringsum — nur das gräßliche Kichern der Frau war zu hören.

Fiona erkannte entsetzt, daß die Frau verrückt war. Aber als Henkie sie an der Hand nahm, trottete die Frau brav neben ihnen her und lachte nur noch ab und zu in sich hinein. Gelegentlich schüttelte sie sich fast unmerklich, als ob sie von einer langen Folter erlöst sei.

Sie brauchten zwei Tage, um Gräber für die Männer zu schaufeln, wobei sie flache Steine als Spaten benutzten. Die Frau gab sich keine Mühe, ihnen zu helfen, und Fiona konnte es am zweiten Tag nicht mehr in der Nähe der Leichen aushalten, so daß van Dooren und Henkie sich allein abquälen mußten. Als sie zum Lager zurückkamen, sahen sie müde und erschöpft aus. Besonders Henkie schien niedergeschlagen. Fiona scherzte ein wenig mit ihm und fütterte ihn mit den bescheidenen Delikatessen, die es hier gab. Er reagierte nur wenig.

In der Nacht holte er plötzlich seinen Spielzeuglastwagen hervor und streichelte ihn. Er legte ihn auch nicht an seinen Platz in den Felsen zurück, sondern nahm ihn wie ein Schmusetier in seine Hängematte mit. Fiona erinnerte sich voller Entsetzen daran, was er von seinem Freund Piet gesagt hatte. Von nun an würde sie auf ihn aufpassen müssen. Hatte sie nicht selbst schon die schreckliche Versuchung in sich gespürt, an den Rand der Schlucht zu gehen und in den Abgrund zu springen?

Wenige Tage nach dem Tod der beiden Männer verschwand ihre Niedergeschlagenheit aber wieder. Die täglichen Probleme der Nahrungssuche und die anderen Verrichtungen führten immer wieder dazu, daß etwas Lustiges passierte oder Henkie und van Dooren einen Scherz machten.

Selbst Salomonson beteiligte sich manchmal daran, obwohl er offenbar ständig starke Schmerzen hatte. Er schlief nicht länger bei ihnen in der Binsenhütte, sondern hatte sich mit seiner Matte in den Steinbruch zurückgezogen. Er erklärte, sich damit den täglichen Weg vom Lager in den Steinbruch ersparen zu wollen, aber Fiona wußte, daß dies nicht der wahre Grund war. Er hielt sich vielmehr deshalb jetzt abseits, weil sein faulendes Fleisch-begonnen hatte, scheußlich zu stinken. Und niemand nahm es mit der körperlichen Sauberkeit genauer als Salomonson.

Sie machten es ihm so bequem wie möglich in seinem Steinbruch und brachten ihm auch das Essen, wenn er mit den Krücken, die sie ihm aus jungen Bäumen gefertigt hatten, nicht mehr bis zum Feuer hinaufhumpeln konnte. Fiona webte ihm eine Binsenmatte für seine Schutzhütte, und Henkie errichtete einen Pfosten, um das Dach abzustützen, denn Salomonson hatte sich so weit in das Gestein vorgegraben, daß er unter einem Felsvorsprung lag. Schließlich hatten sie es ihm so gemütlich wie möglich gemacht, und er blickte sich in seiner Schutzhütte um: »Es ist doch nirgends so schön wie zu Haus! Ein bißchen primitiv ist es schon, aber ich werde mich hier wahrscheinlich mehr zu Hause fühlen als in jeder Villa, die ich bisher gehabt habe. Es bleibt mir ja auch gar nichts anderes übrig.« Er blickte sich noch einmal um. »Das neueste der Salomonson-Schlösser!« Er verzog sein Gesicht zu einer hochnäsigen Grimasse. »He, du, Singapur-Mädchen, sag dem Boy, daß er den Tee jetzt hereinbringen kann. Das waren noch Zeiten, was? Die sind jetzt für immer vorbei.« Er vollführte eine wegwerfende Handbewegung. »Einfach weg!«

Sie hatte das Gefühl, daß er sich selbst — und vielleicht auch sie — verspotten wollte, und war beleidigt. Aber dann tätschelte er ihre Hand.

Manchmal erschrak sie über eine hoffnungslose Geste oder den schmerzlichen Zug in seinem aufgedunsenen Gesicht. Außerdem mochte sie nicht an Singapur und andere scheinbar unwiederbringlich verlorene Dinge erinnert werden.

»Oh, diese Zeiten kommen bestimmt bald zurück«, sagte sie mit bemühter Leichtigkeit in der Stimme.

Er sah sie mit seinen kleinen Augen an, die ihr stets so traurig wie die eines Bluthunds vorkamen. »Du solltest dich keinen Illusionen hingeben!« sagte er fast wütend. »Diese Zeiten kommen niemals zurück. Der Krieg bereitet ihnen unbarmherzig ein Ende. Wenn wir hier jemals herauskommen — was ich zumindest lebhaft bezweifle — dann werden wir von der Zeit vor dem Kriege nicht mehr viel vorfinden. In die alte Welt können wir nicht mehr zurück. Deshalb ist es ja so klug von euch, das Beste aus diesem Abenteuer zu machen. Die Wildnis hier ist nicht so schrecklich wie die angeblich zivilisierte Welt, die wir hinter uns zurückgelassen haben. Zivilisation? Dieses Wort wird so furchtbar oft mißverstanden!« Er warf seinen Kopf in den Nacken und schlug sich mit der Hand aufs Knie. »Erst wenn man sich diese Schlucht, ihre Felsen, Bäume, Bäche und Teiche ansieht, erhält man eine Vorstellung davon, was Zivilisation wirklich sein könnte. Vielleicht verwechsle ich es auch mit dem Frieden, ich weiß nicht genau. Aber du weißt, was ich meine, Fienie. Das sehe ich schon daran, wie du die Dinge anpackst. Du und dieser Junge — seine Blumen und seine närrische Mauer und seine Standbilder. In meinem ganzen Leben hat mich nichts soviel Zeit gekostet wie diese Mauer. Und ich war noch nie so dankbar für etwas. Gegenüber all diesen Dingen wirken meine lächerlichen Diamanten ziemlich jämmerlich, nicht wahr? Man kennt sich mit sich selbst nicht mehr aus, wenn so ein junger Bursche wie Henkie einem plötzlich zeigt, was für ein blinder Narr man zeitlebens war.«

Er verzog sein Gesicht auf so komische Weise, daß sie lachte, aber gleichzeitig mußte sie weinen.

»Ach, Jacob«, seufzte sie. »Wer hätte jemals gedacht …« Aber sie spürte, daß es ihm peinlich war. »Sie haben Ihren Koffer vergessen«, sagte sie. »Soll ich ihn holen? Oder wollen Sie Ihre Diamanten lieber dort lassen, wo sie versteckt sind?«

»Diamanten, Diamanten! Könnt ihr Frauen denn nie an etwas anderes denken? Ich dachte, ich hätte dir gesagt, daß ich sie nicht mehr habe. Ich will sie nie wieder sehen, und wahrscheinlich werde ich auch keine Gelegenheit mehr haben, sie zu holen. Was ist denn los? Wenn du heulen willst, dann geh lieber. Geh und koch Essen für uns alle.«

Sie wollte sich auf den Weg machen, aber er war plötzlich so still, daß sie sich noch einmal umblickte. »Fiona«, sagte er. »sprich nicht mehr über die Diamanten. Denk doch nur daran, was sie diesen beiden armen Idioten da oben angetan haben. Ich verrate dir sicher einmal, wo sie sind. Doch laß mir noch ein wenig Zeit. Abgemacht?«

»Ja«, sagte sie und ging den Pfad hinauf. An der Stelle, wo das Haus eines Tages stehen sollte, setzte sie sich in einen Baum. Dort drang das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel und das unaufhörliche Rauschen der Wasserfälle an ihr Ohr. Sie wollte über die Worte des dicken Mannes nachdenken, die sie einerseits sehr glücklich, zugleich aber auch traurig gemacht hatten. Traurigkeit und Glück schienen untrennbar miteinander verknüpft zu sein. Für den dicken alten Mann war sie glücklich. Menschliche Gefühle waren in seinen Augen schließlich wichtig geworden, doch für ihn kam die Einsicht zu spät. Sie wußte, daß er nicht mehr lange zu leben hatte, und auch er war sich dessen bewußt und bereitete sich aufs Sterben vor.

Gleichzeitig hatte er für sie eine Frage beantwortet. Er hatte ihr gezeigt, was sie jetzt vielleicht wollte.

Sie betrachtete die hartgewordene Haut an ihren Füßen und dachte an all die Seidenstrümpfe und Schuhe, die sie früher getragen hatte. Sie blickte an sich herab auf die Stoffetzen und Tierhäute. Sicher war ihr Gesicht völlig verbrannt von der sengenden Sonne und ihr Haar ein Wespennest. Wer hätte in ihr wohl noch die Tochter eines britischen Generals wiedererkannt? Wenn sie an die Töpfchen verschiedenster Salben dachte, mit denen sie sich früher so sorgsam die Hände eingekremt hatte, wäre sie vor Lachen fast vom Baum gefallen.

Jetzt waren ihr die Bäume wichtig, sie strahlten Ruhe aus. Und sie freute sich über die Büsche, Blumen und Kräuter, die sie früher nie bemerkt hatte. Ihre Augen schweiften über das Tal bis zu der Bergkette, der schlafenden Frau.

Wenn sie sich etwas vorbeugte, konnte sie zu den Teichen hinabsehen. Sie erblickte den Bach, die Terrasse, wo Henkie sich immer noch abmühte, ihren Lagerplatz und den Steinbruch, wo sie sich eben von Salomonson getrennt hatte.

Van Dooren war irgendwo in den Bergen und spähte vielleicht hinaus in die Wüste. Sie hoffte, daß die Erscheinung dort draußen eine Sinnestäuschung war. Sie wollte die Schlucht nicht verlassen. Sie spürte, daß sie sonst augenblicklich alles verlieren würde, was ihr inzwischen soviel bedeutete.

Wenn wir das Haus fertig haben, dachte sie, müssen wir Getreide anbauen. Wasser gibt es genug. Viehherden könnten hier weiden …

Henkies Anblick dort unten allerdings erfüllte sie mit beklemmender Angst. Eines Tages werde er nicht mehr dasein, hatte der Junge gesagt. Die Vorstellung war so grauenhaft, daß sie unvermittelt aufsprang und zu ihm hinablief. Sie fiel ihm weinend um den Hals.

»Was gibt es, Fienie?« fragte er alarmiert. »Was ist denn nur los?«

»Ich bin so — glücklich.«

»Glücklich? Hast du das jetzt erst gemerkt, Fienie? Ich dachte, du hättest es die ganze Zeit schon gewußt. Du bist schon lange so glücklich.«

___________

Wieder saß sie in ihrem Baum, als van Dooren von den Hügeln herabkam. Er zerrte eine große Echse hinter sich her.

»Sitzt du schon wieder da oben?« Er lächelte und lehnte sich gegen den Baum.

»Ich dachte gerade«, sagte sie, »eigentlich können wir doch gar nicht mit Sicherheit sagen, ob es nicht eines Tages in der Schlucht doch ein Hochwasser gibt und wir alle ertrinken, während wir schlafen.

Wir sollten doch irgendeine Schutzhütte hier oben errichten. Können wir nicht von dem Wasserfall etwas Wasser ableiten? Vielleicht finden wir einen hohlen Baumstamm, dann hätten wir gleich eine Röhre. Wenn wirklich jemand aus der Wüste kommt, um uns zu holen, sollten wir auch das Feuer in Gang halten, wie damals die anderen drei.«

»Du läßt wirklich nicht locker«, sagte er. »jetzt benutzt du schon das Feuer hier oben als Ausrede für dein Haus. In Wirklichkeit hoffst du doch, daß wir für immer hierbleiben.«

»Wie lange sind wir eigentlich schon hier?« versetzte sie.

»Ungefähr sechs oder sieben Monate, glaube ich.«

»Und du willst also wirklich noch ein halbes Jahr oder wer weiß wie lange so weitermachen? Ich jedenfalls nicht. Ich finde, daß es höchste Zeit ist, wieder ein bißchen zivilisierter zu leben.«

Die Art und Weise, wie er lächelnd am Baum lehnte, machte sie wütend.

»Ich bin ganz deiner Meinung, Fiona«, sagte er. »Aber ich glaube, wir werden kein Haus brauchen. Heute habe ich Fußspuren gefunden, die nicht von uns stammen können. Die Zehen stehen viel weiter auseinander, und die Füße sind breiter.«

»Willst du damit sagen, daß andere Menschen hier waren?«

Er nickte. »Ich bin so gut wie sicher. Wir müssen genau Ausschau halten und auch hier oben wieder ein Feuer entzünden.«

»Aber vielleicht sind es — Wilde?«

»Es könnte sich höchstens um die Aborigines, die australischen Ureinwohner, handeln«, antwortete er ruhig. »Steinzeitmenschen, die sich ähnlich wie wir von den Früchten der Wildnis ernähren. Aber deshalb sind sie noch längst keine Wilden. Wir müssen Ausschau nach ihnen halten und darauf achten, sie nicht zu verscheuchen.«

Sie sah ihn fassungslos an. »Hast du denn überhaupt nicht daran gedacht, daß sie vielleicht Kannibalen sind?«

»Früher vielleicht, aber jetzt nicht mehr.«

Während sie ihm half, die Echse in die Schlucht hinunterzutragen, hoffte sie inbrünstig, er hätte sich geirrt. Aber unabhängig davon, ob seine Wahrnehmung richtig war oder nicht, hatte sich doch mit einem Schlage alles verändert. Von nun an würde sie nicht mehr nur vor plötzlich nachgebenden Felsen, der Schlange unter dem Busch oder einer Spinne in den Zweigen Angst haben müssen. Jetzt zitterte sie vor den ältesten Feinden des Menschen — den Menschen.

Aber die Tage vergingen, ohne daß sie neue Hinweise fanden. Henkie hatte seine Mauer beendet und legte jetzt Blumenbeete an. Salomonson schlug immer noch Steine, obwohl der Junge sie nicht mehr brauchte. Die Frau versuchte gelegentlich, mit Fiona zu reden, aber keine verstand die andere. Van Dooren verbrachte die meiste Zeit beim Jagen und — auf der Suche. Fiona hoffte, diese Suche werde für immer vergeblich sein.

Sie begann schon zu glauben, daß sich van Dooren die Spuren im Sand nur eingebildet hätte, aber als sie eines Tages vom Baden zum Lager zurückging, fand sie selbst einen Abdruck.

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ihr klar wurde, daß der Schatten vor ihr im Sand von einem Menschen stammte. Sie blickte hoch. Einige Meter entfernt stand ein dunkelhäutiger, fast nackter Mann. Er hatte ein rundes Gesicht mit einem breiten riesigen Mund und einer flachen, breiten Nase.

Fiona schrie nicht und vermochte sich auch nicht zu bewegen. Sie starrte den Eingeborenen an. Seine Lippen bewegten sich, und plötzlich waren eigentümlich vertraute Laute zu hören.

»Ach du meine Güte«, sagte sie, »Sie sprechen ja Englisch!«

Das überhörte er freilich und wiederholte statt dessen seine vorigen Worte: »Ich sage, was du hier draußen gemacht?«

Sie lachte. »Lauf nicht fort«, sagte sie. »Bitte lauf nicht fort. Wir haben auf dich gewartet …«

___________

Es waren insgesamt siebzehn. Sie hatten sich schon seit einigen Tagen auf einem der Hügel am Fuß der schlafenden Frau verborgen gehalten.

Es gab nur drei Männer in der Gruppe, aber fünf Frauen und neun Kinder. Als sie von der Wüste aus festgestellt hatten, daß schon jemand anderes in der Schlucht war, hatten sie beschlossen, die Fremden erst einige Zeit zu beobachten, ehe sie Kontakt aufnahmen.

Ein relativ junger Mann in der Gruppe sprach nicht nur Englisch, was er in den Missionen und auf den Rinderfarmen gelernt hatte, sondern schmückte sich auch mit dem Namen Harry.

Die beiden jüngeren Frauen, erzählte ihnen Harry, beherrschten ebenfalls ein paar englische Brocken, benutzten sie aber nur, wenn sie unbedingt mußten. Alle anderen hatten in dieser Gegend stets als Nomaden gelebt. Mit ihren wenigen Geräten und Waffen zogen sie von einem Wasserloch und Jagdgrund zum nächsten über die abgelegenen Hügel und durch die riesigen Wüstengebiete. Jetzt, wo die Wasserlöcher allmählich austrockneten, hatten sie sich in die Schlucht zurückziehen wollen.

Van Dooren und Henkie nahmen Fiona mit sich, als sie mit Harry zum Lager der Aborigines aufbrachen. Salomonson konnte eine solche Reise natürlich nicht wagen, und wie erwartet zeigte die holländische Frau keinerlei Interesse daran.

Van Dooren und Henkie unterhielten sich mit den Eingeborenen, aber beim Anblick von Fiona hatte einer der älteren die Hand gehoben und Kopf und Schultern zurückgeworfen, um sie am Näherkommen zu hindern. Sie befolgte diese dramatische Abwehrgeste und setzte sich auf einen Felsen in der Nähe des Lagers.

Auch die Frauen und Kinder und ein Rudel halbwilder Hunde hielten sich von den Männern entfernt. Vier der Frauen waren noch relativ jung, aber die fünfte war ungefähr sechzig, eine richtige Großmutter mit dünnen grauen Haarsträhnen.

Wie die Männer, waren auch die Frauen fast nackt. Ihre Haut war schwarz, aber es gab leichte Schattierungen. Sie waren übersät mit Narben, verschorften Wunden und Geschwüren.

Die Kinder, einschließlich der beiden Säuglinge, sahen wie verkleinerte Kopien der Erwachsenen aus. Der umfangreichste Teil ihrer mageren Körper waren die vorgewölbten Bäuche. Die Kinder waren vollkommen nackt und wurden von Fliegenschwärm’en verfolgt. Es handelte sich um schmutzige, abstoßende, primitive Wesen. Davon war Fiona fest überzeugt.

Hinter den Männern lehnten Waffen an einem Gestell aus Baumästen: Speere, gebogene Hölzer und Schilde. Fiona schoß die Frage durch den Kopf, ob sie diese Waffen wohl gegen sie einsetzen würden. Doch sie hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Drei kleine Kinder und ein paar Hunde drängten sich an sie heran.

Eines der Mädchen hatte ein scheußlich entzündetes Auge. Die Augenlider waren so geschwollen und eitrig, daß es Fiona bei ihrem Anblick fast schlecht geworden wäre. Ein kleiner Junge hatte riesige Geschwüre an den Beinen, die ähnlich wie die himbeerartigen Wucherungen aussahen, die sie bei manchen Malaien bemerkt hatte. jetzt ängstigte sie nicht mehr die Vorstellung, daß die Eingeborenen Kannibalen sein könnten, sondern der Gedanke, von ihnen oder ihren Hunden berührt und mit einer gräßlichen Krankheit angesteckt zu werden. Erschrocken wich sie vor den Kindern zurück.

Aus der Gruppe der Frauen und Kinder hatte sich ein kleines Mädchen gelöst und trottete auf sie zu. Sie winkte und lachte ihr zu. Der Stein, der auf dem Weg lag, war keineswegs groß. Doch das kleine Mädchen stieß mit dem Fuß dagegen und fiel der Länge nach hin. Fiona hatte es nicht verhindern können. Schnell hob sie das kleine Mädchen hoch, es hatte sich eine Zehe aufgeschürft. Fiona untersuchte die Wunde. Ihren Ekel hatte sie völlig vergessen. Sie bemerkte nicht einmal den durchdringenden Geruch, die Geschwüre oder die fettigen Haare. Leise summte sie ein Kinderlied, und augenblicklich versiegten die Tränen der Kleinen.

Dann blickte sie hoch, denn vor ihr stand jetzt schweigend die abstoßende alte Frau. Eine flüchtige Handbewegung der Alten, eine Geste des Mitleids, erinnerte Fiona eigentümlicherweise an ihre Mutter.

Die Alte sah zu, wie Fiona einen herabhängenden Fetzen ihrer Bluse abriß und den Fuß des Kindes verband. Zappelnd wand es sich aus ihren Armen und lief davon, um den anderen Kindern seine Beute zu zeigen.

Auch die alte Frau kehrte wieder zu der Gruppe zurück. Fiona hatte diese flüchtige Begegnung erschüttert. Ihre Gefühle vermochte sie nicht zu deuten. Sie konnte nicht ahnen, daß es eine schicksalhafte Begegnung war.

___________

Als van Dooren sagte: »Ich habe Harry überredet, mich zur nächsten Farm zu bringen«, erschrak sie. Sie konnte nicht länger verbergen, daß sie eine tiefe Zuneigung zu van Dooren gefaßt hatte.

Bisher hatte sie immer gehofft, es würde etwas geschehen, das ihn seine Frau Marianne vergessen ließ und Zuneigung für sie, Fiona, weckte. Nun mußte sie wohl alle Hoffnung aufgeben. Sie konnte ihn nicht daran hindern, wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Doch sie selbst zögerte, die Schlucht zu verlassen; denn hier hatte sie zum erstenmal Kameradschaft und Glück gefunden.

Wenn sie hier weggingen, würde dieses glückliche Leben zu Ende sein. Wahrscheinlich würden sie sich für immer trennen. Van Dooren kehrte sicher zu seiner Frau und seinem Kind zurück; Salomonson zu seinem Diamantenhandel; Henkie hatte gewiß noch Verwandte, und die Verrückte würde in eine Heilanstalt eingewiesen werden.

Aber sie selbst? Wenn der Krieg vorbei war, würde sie vermutlich zu ihren Eltern zurückkehren und ihr früheres Leben weiterführen. Vielleicht würden sie dann besser miteinander auskommen. Doch die Vorstellung begeisterte sie nicht, während sie sich immer wieder in lebhaften Farben ein Leben in dieser Schlucht, in diesem Tal ausmalte. »Salomonson wird den Weg kaum zu Fuß zurücklegen können«, sagte van Dooren, »und auf die Verrückte ist kein Verlaß. Deshalb wirst du hierbleiben müssen und beide versorgen, bis wir euch holen. Auch Henkie muß bleiben, um dir zu helfen.«

»Du könntest natürlich auch Hilfe schicken. Dann mußt du nicht selbst noch einmal zurückkommen«, schlug sie vor.

»Glaubst du wirklich, das würde ich fertigbringen?« Sein ernster Blick beunruhigte sie.

»Wann willst du denn aufbrechen?«

Fassungslos hörte sie seine Antwort. »Natürlich heute abend«, erwiderte er. »je früher wir aufbrechen, desto früher bin ich zurück. Für uns ist es ziemlich egal; aber wir müssen an Salomonson denken. Ich glaube, er braucht dringend einen Arzt, sonst stirbt er.«

Er hatte nur ausgesprochen, was sie immer gewußt, aber zu verdrängen versucht hatte.

»Wie lange, glaubst du, werdet ihr brauchen?«

»Harry ist der Ansicht, daß wir in vier oder fünf Tagen eine Rinderfarm erreichen können. Wenn wir mit einem Auto zurückkommen — was schon wegen Salomonson notwendig ist —, kann es höchstens zwei Wochen dauern. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde mich beeilen.«

Gerade als sie sich abwenden wollte, fügte er hinzu: »Ich dachte, du würdest dich freuen, Fiona. Was ist denn los?«

»Nichts«, sagte sie rasch. Aber sie wußte sofort, daß das nicht genügte. »Ich mache mir solche Sorgen um dich. Ich erinnere mich nur allzu gut, wie furchtbar es war in der Wüste.«

»Diesmal ist es nicht gefährlich«, beruhigte er sie. »Wir haben Vorräte und Wasser, und Harry ist ein Eingeborener.«

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Der bevorstehende Aufbruch van Doorens bedrückte nicht nur sie. Auch Salomonson war niedergeschlagen. Er konnte sich nicht mehr aus dem Steinbruch zum Feuer schleppen, um mit ihnen zusammen zu essen. Doch Fiona fand, daß sie auf jeden Fall eine Abschiedsmahlzeit veranstalten sollten. Und so trugen sie das Essen zu Salomon hinauf.

Aber trotz aller Bemühungen war das Essen eine trostlose Angelegenheit. Sogar Henkie war still. Seine tiefe Sonnenbräune konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß er krank aussah. Die Frau hockte sowieso nur in einigem Abstand und jammerte vor sich hin.

Plötzlich verlor Fiona die Geduld mit ihr und rief wütend: »Ach, sei doch endlich mal ruhig!« Die Frau verstand natürlich nichts, aber zumindest hörte das Jammern einen Augenblick auf.

»Geh nicht so hart mit ihr um«, sagte van Dooren. »Sie hat ihren Mann in Singapur verloren. Sie waren erst seit wenigen Monaten verheiratet. Ich glaube, sie hat den Schock nie ganz verwunden.«

Es überraschte sie, daß sie erst nach so langer Zeit von dieser Geschichte hörte. Andererseits wurde ihr bewußt, daß sie die Tragödie dieser Frau ohnehin erstjetzt ganz verstehen konnte, da sie an sich selbst erfahren hatte, welchen Kummer die Zuneigung oft mit sich brachte.

Unglaublich plötzlich war das Mahl zu Ende gewesen. Henkie hatte ihnen mitgeteilt, daß Harry oben im Tal warte, und van Dooren nahm die Vorräte auf, die Fiona für die Reise gepackt hatte. »Also dann, Fiona.«

Er sprach nur diese drei Worte. Ein Kuß war undenkbar, und sie konnte nichts tun, als dazustehen.

Van Dooren streckte ihr eine Hand entgegen und legte sie schließlich auf ihre Wange. »Wenn ich daran denke, daß ich dich einmal geschlagen habe«, sagte er und wollte sich abwenden.

Sie ergriff seine Hand, hielt sie für einen Moment und legte sie dann an ihre Wange zurück. »Viel Glück, und möge Gott …«

Anstatt zu beobachten, wie er in die Wüste hinausging, verkroch sie sich bei ihrem Felsen, und Trauer preßte ihr die Brust zusammen. Auch Henkie hatte van Dooren wohl nur ein kurzes Stück weit begleitet und kehrte bald zurück. Als sie die Berührung seiner Hand spürte, nahm sie an, daß er ihr etwas Tröstendes sagen würde.

Aber alles, was er herausbrachte, war: »Fienie, könntest du Eukalypten-Tee machen?« Er hatte immer Schwierigkeiten mit dem Wort Eukalyptus. »Ich habe schreckliche Schmerzen im Bauch …«

Erst als sie sich zum Schlafen niedergelegt hatte, wobei sie schmerzlich den leeren Platz in der Schutzhütte spürte, konnte sie sich ihren Gedanken hingeben. Durch eine Lücke im Flechtwerk schimmerte ein heller Himmelsfleck mit Sternen, obwohl die Dunkelheit in der Schlucht besonders stark war. Aber draußen in der Wüste konnte er, wenn er zurückschaute, sicher ohne Mühe die Hügelkette der schlafenden Frau sehen und daran denken, was er im Tal zurückgelassen hatte.

»Fienie«, sagte der Junge, »wenn wir hier rauskommen und ich noch ein bißchen älter geworden bin, würdest du mich dann heiraten wollen?«

Sie wußte, daß diese Frage Henkies Pflichtbewußtsein entsprang, einem Motiv, das sie für edler als alle anderen hielt. Deshalb wollte sie nicht riskieren, ihn auch nur im geringsten zu kränken. »Ja natürlich, kleiner Bruder«, sagte sie.

»Ich meine«, sagte er zögernd, »ich bin jetzt schon sechzehn. Bis ich einundzwanzig bin, dauert es gar nicht mehr lange.«

»Nein«, sagte sie. »Du … du wirst bald ein Mann sein.« Sie streckte einen Arm aus und gab ihm die Hand. »Du machst mich sehr glücklich, Henkie.«

___________

Jeder der folgenden Tage schien um ein Vielfaches länger zu sein als die Tage zuvor. Vielleicht würde van Dooren die Farm gar nicht erreichen. Vielleicht kam er niemals zurück. Was sollte sie dann nur machen …?

Glücklicherweise gab es Arbeit genug. Salomonson wurde immer abhängiger von ihr und litt dauernd Schmerzen. Seine Krankheit war wesentlich schlimmer, als sie gedacht hatte. Als sie es bemerkte, fragte sie sich, ob sie denn schon so mit sich selbst beschäftigt sei, daß sie das Leiden anderer nicht mehr wahrnehmen könne. Sie entwickelte Schuldgefühle, und deshalb badete sie den alten Mann und unterdrückte die Übelkeit, die sie dabei überfiel. Sie suchte nach Delikatessen, die seinen Appetit wecken könnten, und sorgte dafür, daß er regelmäßig frisches Wasser bekam. Er konnte sich kaum noch ohne Hilfe bewegen, weshalb sie ihm in der Nähe des Steinbruchs eine eigene Latrine graben und dann wieder abdecken mußte. Das Graben war sehr anstrengend für sie, aber noch viel anstrengender war es, den verfallenden, aber immer noch massigen Alten vom Steinbruch zur Latrine und wieder zurück zum Steinbruch zu schleppen.

Die Frau war keinerlei Hilfe; selbst das Feuer konnte man ihr kaum anvertrauen. Henkie war die einzige Stütze, aber zu ihrem Entsetzen mußte sie feststellen, daß sie auch von ihm nicht allzuviel erwärten konnte.

Der Junge war krank, obwohl er es zu verbergen suchte und bei der Nahrungssuche immer noch half. Am dritten Tag mußte sie ihn auf dem Rückweg vom Tal stützen. Erschrocken spürte sie, daß er Fieber hatte. In den letzten Tagen war er auch nicht mehr in der Lage gewesen, auf die Bäume zu steigen, um die gefangenen Papageien zu holen und neues Harz auf die Äste zu streichen. Auch das würde sie jetzt tun müssen.

»Du wirst dich sofort hinlegen«, sagte sie, »und mir versprechen, daß du auch liegenbleibst. Wir müssen dafür sorgen, daß du so bald wie möglich wieder gesund wirst.«

Die Promptheit, mit der er sich fügte, zeigte ihr, daß er wirklich krank war. Er bat sie, die Binsenwand der Schutzhütte tagsüber hochzuklappen, damit er das Feuer beobachten und der Verrückten sagen konnte, wann sie neues Holz auflegen mußte. »Sorge dafür, daß sie hier bei mir bleibt. Ich kann mit ihr reden und dafür sorgen, daß sie dich nicht stört. Vielleicht kriege ich sie sogar dazu, etwas zu tun.«

Als van Dooren vier Tage weg war, fragte Salomonson, wo denn der Junge sei.

»Oh, er hat sehr viel zu tun«, sagte Fiona. Sie log nicht gerne, aber sie wollte den alten Mann nicht beunruhigen.

Salomonson sah sie mit einem seiner durchdringenden Blicke an.

»Er ist also auch krank, oder? Es sieht so aus, als ob man uns hier in deinem Tal alles heimzahlen wolle.«

Sie fürchtete sich vor dem, was er vielleicht noch sagen würde, und versuchte ihn abzulenken. »Wieso mein Tal? Es ist doch unser aller Tal. Und vielleicht sind wir auch gar nicht mehr lange hier.«

»Ich sage, daß es dein Tal ist. Du bist die einzige, die versucht hat, in diesem Tal wirklich heimisch zu werden, obwohl sich dir alles entgegengestellt hat. Sicher wäre es dir auch gelungen, wenn wir dich nicht daran gehindert hätten. Deshalb meine ich auch, daß die Schlucht uns allen das gegeben hat, was wir verdienen. Auf sehr verschiedene Weise natürlich. Diese beiden Männer zum Beispiel …, sie strebten nach dem Reichtum einer Welt, die es vielleicht schon gar nicht mehr gibt, und du weißt ja, was mit ihnen geschah.« Er schüttelte betrübt seinen Kopf. »Es hat lange gedauert, sie zu begraben, nicht wahr? Und ich konnte euch nicht einmal helfen. Aber vielleicht bin ich beim nächsten Begräbnis von Nutzen …«

»Jacob, bitte! Wie können Sie so etwas sagen? Van Dooren ist gewiß bald zurück und bringt Hilfe. Dann ist wieder alles in Ordnung.«

»Ja, van Dooren — für den ist es wirklich nicht einfach, er hat ein großes Problem. Es ist nicht immer einfach, eine Lösung zu finden, aber manchmal stolpert man auch darüber. Ich jedenfalls habe viel Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, wie ich mein Leben vergeudet habe. Aber wenigstens gegen Ende habe ich noch etwas davon gehabt…«

»Jacob, sagen Sie doch nicht solche Dinge! Versuchen Sie doch wenigstens, die Dinge etwas leichter zu nehmen.«

»Aber meine Liebe«, sagte er leise, »ich bin in meinem ganzen Leben nicht so fröhlich gewesen.«

Sie war fest überzeugt, daß er im Fieberwahn sprach. »Kann ich sonst noch irgend etwas für Sie tun, Jacob?«

Das war ihre übliche Frage geworden, wenn sie ihn verlassen und sich ihren anderen Pflichten zuwenden mußte. Für gewöhnlich sagte er dann: »Nein, nein. Du tust schon viel zuviel für mich, Fiona.« Aber diesmal überraschte er sie. »Ja, da wäre noch etwas. Ich möchte, daß du mir meine Diamanten bringst.«

Sie fand es unglaublich, daß er trotz aller Schmerzen noch an seine Edelsteine dachte. »Wo sind sie?« fragte sie vorsichtig.

»In der Galerie.« Voller Abscheu bemerkte sie, daß er plötzlich so erregt war wie ein fettes, gieriges Kind. »Halt dich rechts, wenn du hineinkommst, hinter dem großen Gemälde mit der Regenbogenschlange. Wenn du zum letzten Gemälde kommst, siehst du ein paar Löcher im Felsen. Und da liegt so ein Beutel wie der, in dem sich die Industriediamanten befanden.«

Sie ging zum Lager zurück und nahm einen brennenden Zweig aus den Flammen. Vor der Höhle hatte sie sich immer gefürchtet, aber sie wußte, daß Salomonson sich erst beruhigen würde, wenn er seine Diamanten in der Hand hatte.

Als sie mit dem rauchenden Zweig in die Höhle trat, flatterten die Fledermäuse pfeifend und kratzend durcheinander. Eine Hand hielt sie schützend über ihr Haar und versuchte, sie zu vergessen. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit, dann sah sie jedoch das Bild der Regenbogenschlange und ging an der Felswand entlang. Sie fand den Beutel, preßte ihn an die Brust und lief aus der Höhle hinaus. Ungeheuer erleichtert atmete sie draußen die frische Luft ein.

Sie legte den Ast auf das Feuer zurück, denn das Holzsammeln war jetzt, wo sie alles allein machen mußte, eine mühselige Sache geworden. Dann ging sie zu Salomonson in den Steinbruch zurück. »Ich habe sie gefunden«, sagte sie, ganz außer Atem.

Er lag da und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Sie wollte den Beutel gerade neben ihn legen, als seine Hand sich bewegte. Er legte seine Finger auf ihre Hand und den Beutel.

»Gut«, flüsterte er mit der Stimme eines Verschwörers, in der auch ein wenig Stolz und Befriedigung mitschwangen. »Jetzt leg sie zurück. Wenn mir etwas geschieht, dann wißt ihr jedenfalls, wo sie sind. Du und van Dooren.«

»Aber ich will sie nicht, Jacob«, entgegnete sie entsetzt.

Er winkte mit der Hand ab: »Ich weiß, Fienie. jetzt willst du sie nicht, aber vielleicht kannst du später etwas damit anfangen. Leg sie dahin, wo du sie wiederfindest. Wirf sie nicht weg. Versprichst du mir das?«

»Ich verspreche es Ihnen«, sagte sie. Sie holte aus dem Feuer einen neuen Zweig und ging in die Höhle. Dort schob sie den Beutel wieder in eines der Löcher im Felsen.

Bei ihrer Rückkehr zum Lager schlief Henkie immer noch. Das Feuer glimmte nur noch, und die Holzvorräte gingen zu Ende. Sie mußte Nahrung suchen. Dann mußte der Junge gewaschen werden, und eine neue Latrine war auch nötig. Wenigstens gab es immer zu tun.

Erst als sie die nächste Mahlzeit gekocht hatte, stellte sie fest, daß sie die Frau nirgends sah.

Nach einer Stunde machte sie sich auf die Suche. Weder im oberen Teil der Schlucht noch in der Galerie fand sie die Frau, deshalb rief sie in alle Richtungen: »Frau! Frau! Wo bist du? Komm her!«

Sie ging zum Steinbruch hinunter. Salomonson sprach mit ihr, ohne die Augen zu öffnen. »Wenn du die Frau suchst, die ist nach oben gegangen.«

»Was will sie denn dort?« fragte Fiona. »Hätten Sie sie nicht aufhalten können?«

Salomonson hob resigniert die Arme, krümmte sich jedoch sofort vor Schmerzen. »Ich habe nach ihr gerufen. Aber sie hört ja nicht mehr. Wenigstens uns hört sie nicht mehr. Du mußt sie gehen lassen, Fienie. Was immer sie sucht, sie wird es finden. Wir haben kein Recht, sie aufzuhalten. Es ist ihre freie Entscheidung. Du mußt sie ihr lassen wer weiß? Vielleicht schließt sie sich den Eingeborenen an. Oder springt einfach hinunter. Es kann sein, daß sie gar nicht so verrückt ist, wie wir denken. Vielleicht hat sie längst bemerkt, daß sie eine Belastung darstellt …«

Während er sprach, zeigte er zum oberen Schluchtrand hinauf. Fiona beschattete mit der Hand ihr Gesicht. Jetzt erkannte sie die Gestalten: die beiden Männer, die Stammesältesten, dann die schmalen Figuren der Frauen, die kleineren Körper der Kinder und die Meute der Hunde. Die Eingeborenen verließen das Tal. Fiona sah die Speere und Schilde der Männer und die Kochgeräte und sonstige Habe, die man den Frauen aufgepackt hatte. Ein Säugling wurde getragen.

Als sie über die Felsen zu dem Pfad lief, der aus der Schlucht herausführte, hörte sie Salomonson hinter sich rufen. Sie blieb an Zweigen und Dornenranken hängen. Nichts konnte sie jedoch aufhalten, obwohl ihre Beine fast den Dienst verweigerten. Als sie das obere Ende des Weges erreicht hatte, war der Zug der Eingeborenen schon ziemlich weit weg. Sie mußte weiterlaufen. Während sie dahinstolperte, rief sie laut.

»Halt! Bitte bleiben Sie doch stehen! Frau, bitte bleiben Sie doch stehen!«

Die Verrückte mit ihrem wirren Haar, die halb nackt und abgemagert in der Reihe der Eingeborenen mitlief, unterschied sich in nichts von den anderen. Lediglich die hellen Hautstreifen, die zwischen ihren Kleiderfetzen und Fellstücken vorschimmerten, verrieten, daß sie bisher nicht dazugehört hatte.

Fiona holte die Gruppe erst am Ende der Schlucht ein. Es zeigte sich, daß sie zum Anhalten nicht bereit waren. Sie wollten das Tal und die Hügel verlassen, und weder Worte noch Rufe konnten sie hindern. Fiona sah, wie die Frau sich umdrehte und irgendeine bedeutungslose Geste machte.

Als sie die Verrückte erreicht hatte, stolperte sie ein paar Schritte voraus und packte sie an der Hand.

»Kommen Sie zurück! Bitte kommen Sie!« Aber die Frau zog ihre Hand zurück. Sie schien sie weder zu hören noch zu sehen. Sie sang weinerlich vor sich hin, und ihre Füße glitten über den Boden, fast als ob sie tanzte.

Dann wurde Fiona mit einem Schlag klar, was da eigentlich vorging. Die Frau war vielleicht verrückt, aber sie war keineswegs so geistesabwesend, daß sie nicht gemerkt hätte, daß einer der Männer im Sterben lag, der zweite sich davongemacht hatte und der Junge krank war. Das einzige menschliche Wesen, das übriggeblieben war, Fiona, hatte sich ihr gegenüber nie sehr freundlich gezeigt und sprach auch nicht ihre Sprache. Diese Vorstellungen mußten sich im Kopf der Irren festgesetzt und sie zu dem Schluß gebracht haben, daß es besser wäre zu gehen.

»Sie wissen doch gar nicht, was die vielleicht machen mit Ihnen!« rief Fiona. »Das sind doch Wilde! Woher wissen Sie denn, daß die Sie nicht umbringen? Oder einfach — in der Wüste — irgendwo — zurücklassen …«

Ihre letzten Kräfte waren verbraucht. Sie setzte sich hin und ließ den Kopf hängen. Als sie wieder aufschaute, war der Zug weit fort. Bald war nur noch ein kupferfarbener Staubschleier zu sehen, der rasch verweht wurde.

Als sie zu Salomonson in die Schlucht zurückgekehrt war, sagte sie: »Ich habe es versucht, aber ich habe sie nicht aufhalten können.«

»Ich wußte, daß es zwecklos war«, entgegnete er. »Du hättest dir die Mühe sparen können.«

»Ach, ihr Männer!« schrie sie ihn an. »Ihr könnt doch mit dem Leben überhaupt nichts anfangen! Ihr und eure dummen Kriege und eure Verrücktheit! Und wenn ihr krank werdet, dann habt ihr nicht einmal den Willen zum Leben. Na schön, dann sterbt doch alle. Ihr werdet schon sehen, wie egal mit das ist.«

Sie lief davon, voller Verzweiflung und Kummer. Erst war van Dooren gegangen und jetzt die Verrückte. Am anderen Ende der Schlucht lagen zwei Männer begraben. Sogar die Eingeborenen waren gegangen. Salomonson hatte sich seinem Schicksal ergeben und wartete auf den Tod.

Trotz ihrer Verbitterung hielt Fionas Mißmut nicht lange vor. Sie brachte es einfach nicht fertig, einem der wenigen Menschen weh zu tun, die sie herzlich gern hatte. Sie kehrte also zurück, obwohl sie ihm kaum in die Augen zu sehen vermochte, weil er so erstaunt und verletzt aussah. Sie bückte sich, nahm seine verwelkte Hand hoch und hielt sie sich an die Wange.

»Vergib mir, Jacob«, brachte sie mühsam heraus. »Ich wußte nicht, was ich sagte.«

»Ich weiß«, flüsterte er. Er starrte zur Seite, über sie hinweg. Sie wußte nicht, was es dort zu sehen gab außer der Decke seines Steinbruchs, die von einem Pfosten gestützt wurde. Seine Stimme versagte fast. »Du mußt dich ausruhen, Fiona. Wenn du aufgibst, sind wir alle verloren. Du hast ja schließlich immer noch Henkie.«

»Und dich, Jacob«, sagte sie laut. »Dich habe ich auch noch.«

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Fiona hatte keine Ahnung, wie spät es sein mochte. Als sie sich bei dem fiebernden Henkie niedergelegt hatte, war es schon dunkel. Am Nachmittag war Wind aufgkommen. Er hatte den Staub der Wüste mit sich gerissen, bis der ganze Himmel von einem dünnen, fahlleuchtenden Schleier bedeckt war. Die Sonne war wie ein rotglühender Glastropfen hinter zarten Wolken untergegangen. Dann hatte der Wind sich plötzlich gelegt, aber der Dunstschleier war geblieben und verdeckte die Sterne.

Sie mußte plötzlich aufgewacht sein, es war ihr bewußt, daß ein außergewöhnliches Geräusch sie aufgeschreckt hatte. Der Dunstschleier war jetzt verschwunden und der Mond aufgegangen. Die Schlucht war hell erleuchtet. Zuerst dachte sie, daß sie vielleicht der Donner geweckt hätte. Aber es waren keine Wolken zu sehen.

»Vielleicht war es bei den Wasserfällen«, wisperte Henkie und faßte nach ihrer Hand. »Vielleicht ist einer der großen Bäume umgerissen worden und über die Wasserfälle in den See gespült worden.«

»Es hörte sich so an, als wäre es am Steinbruch gewesen …« Kaum hatte sie die Worte gesagt, da wußte sie auch schon, was den Donner ausgelöst hatte. »O mein Gott, nein!« betete sie. Aber wie zur Bestätigung ihrer Befürchtung hörte man einen großen Stein stürzen. Dann wieder Schweigen.

Salomonson! Wie hatte er doch gesagt? »Vielleicht bin ich beim nächsten Begräbnis von Nutzen.«Sie erinnerte sich, wie er zur Decke seines Steinbruchs hinaufgeschaut hatte, die von dem Pfosten gestützt wurde.

»Ich werde mal eben nachschauen«, flüsterte sie, wobei sie ihrer Stimme einen zuversichtlichen Klang zu geben versuchte. »Ich bin gleich wieder da.«

Als sie die Stelle erreichte, wo der Steinbruch gewesen war, erstarrte sie und schloß dann die Augen. Die Felswand war in sich zusammengebrochen. Zehn Meter hinauf reichte der Bruch. Vielleicht war es Zufall gewesen, aber es hatte wohl keinen Sinn, sich etwas vorzumachen.

Salomonson hatte es aus Rücksicht getan, das glaubte sie sicher zu wissen. Er hatte im Sterben gelegen, und wo hätten sie ihn in der Schlucht schon begraben können?

»Ach, Jacob, lieber Jacob«, sagte sie. Sie dachte daran, wie oft er gesagt hatte, daß sie ihn wohl nie mehr aus der Schlucht würden heraustragen können. »Wir hätten es vielleicht doch noch geschafft, Jacob.« Aber als sie auf der frischen Geröllhalde stand, wußte sie innerlich, daß der Alte recht gehabt hatte.

»Diese Geste verlangt mir Hochachtung ab«, sagte sie leise. Sie erinnerte sich plötzlich, wie Jacob in Singapur seinem Diener befohlen hatte, den Wagen zu versenken. Aber sie erlaubte sich nur diese sechs Worte: »Jacob, ich werde dich sehr vermissen.«

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Auf dem Rückweg zur Schutzhütte nahm sie sich vor, Henkie den Tod Salomonsons zu verschweigen, bis er selbst wieder gesund war. Aber sobald sie zurück war, fragte er: »Was war denn los?«

Sie legte ihm die Hand auf die Stirn; sie glühte vor Fieber.

»Du hattest recht«, antwortete sie. »Ein paar Steine sind heruntergefallen.«

Eine Zeitlang schwieg er, dann sagte er: »Deine Hand ist so wunderbar kühl, Fienie. Darf ich sie küssen?« Er preßte sie an seine Lippen, die ebenfalls brennend heiß waren.

»Du mußt jetzt schlafen«, beruhigte sie ihn. »Hast du immer noch Schmerzen?«

»Nein, nein. Es ist jetzt viel besser geworden«, beteuerte er, aber es klang auch dann noch nicht überzeugend, als er hinzufügte: »Ich glaube, es hat sich jetzt wieder eingerenkt. Vor einiger Zeit tat es plötzlich ein bißchen weh, und es bewegte sich etwas in meinem Bauch. Vielleicht ist jetzt alles vorbei.«

Sie legte sich neben den Jungen. Er hielt ihre Hand. Glücklich ließ sie ihn gewähren, obwohl seine heißen Finger sie daran erinnerten, wie krank er war. Sie glaubte, er schlafe bereits, als er plötzlich ihren Namen rief und seine Hand sich verkrampfte.

»Was ist?« fragte sie. »Halt aus, kleiner Bruder!«

Dann entspannte sich seine Hand, und er schien wieder leichter zu atmen. Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß sich seine Lippen bewegten. »Fienie, ich muß dir etwas sagen. Piet ist gekommen, um mich zu holen.«

Piet — sie hatte ihn fast schon vergessen. Der tote Pilot, der Mann, der Henkie wie seinen eigenen Sohn geliebt hatte. Er war bei der Bruchlandung des Flugzeugs gestorben. Aber Piet ist doch tot, wollte sie rufen und schreckte dann vor der unterschwelligen Bedeutung dieser Bemerkung zurück.

»Nicht doch, Henkie«, sagte sie statt dessen. »So etwas darfst du nicht sagen. Es kann gar nicht mehr lange dauern, dann kommt Mijnheer van Dooren zurück.«

»Ich weiß«, flüsterte er. »Er wird sehr bald hiersein. Aber Piet wartet, und ich weiß, daß ich gehen muß.«’

Sie beugte sich über ihn, als ob sie ihn daran hindern wolle, sie zu verlassen. »Du weißt nicht, was du sagst. Das sind doch nur Phantasien.«

»Fienie, du weißt doch, daß ich nicht weggehen will. Wir waren so glücklich. Aber Piet ist nicht hier, und bei ihm möchte ich auch sein.«

»Ja, Henkie«, sagte sie. »Ich weiß, daß er da ist. Aber es hat doch keine Eile. Ruh dich doch erst einmal aus.« Sie wiegte seinen Kopf in ihrem Schoß und hoffte, ihn zur Ruhe zu bringen.

Wenn sie laut darum betete, würde er vielleicht einschlafen. Und der Schlaf würde die Phantasien und den Todeswunsch verscheuchen. Aber wenn sie laut betete, merkte er sicher, daß sie Angst hatte.

Am besten war es vermutlich, wenn sie nur für sich betete und gleichzeitig etwas fand, was ihn ablenkte. Also begann sie zu singen, alles was ihr nur einfiel — Liebeslieder, Kinderlieder, Choräle und die Nationalhymne. Sie wußte nicht mehr, wie oft sie das Vaterunser vor sich hin gesagt hatte. Dort, wo die Sonne immer aufging, glaubte sie schon einen winzigen Schimmer erkennen zu können, aber die Nacht war noch immer sehr kalt. Sie mußte ihn an sich pressen, um ihn zu wärmen, dann würde Henkie ihr auch nicht genommen. Bald würde die Sonne heraufkommen …

Plötzlich schreckte seine Stimme sie auf. »Ich werde dich nicht verlassen, Fienie. Ich werde mit Piet gehen müssen, aber ich warte noch, bis Mijnheer van Dooren zurückkommt Dann erst werden wir gehen …«

»Schlaf doch, sei still«, sagte sie, während sich seine Finger mit beruhigender Wärme um ihre Hand schlossen. Sie wußte, sie würde gewinnen … wenn sie nur wach bleiben konnte … und über seinen Schlaf wachte …

Ihr Körper war schwach und müde geworden. Sie sank zur Seite und lehnte sich an die harte Felswand. Als sie die Augen öffnete, erblickte sie goldene Lichtstreifen, tastende gelbe Strahlen, die zitternd ins Tal fielen.

Es war schon so hell, daß sie Henkies Lächeln sehen konnte. Seine Augen waren auf das Eingangsloch der Hütte gerichtet, das einen Überblick über die gesamte Schlucht und den Sonnenaufgäng über dem Hügelkamm bot. Aber seine Augen lachten nicht, und auch sehen konnten sie nicht mehr …

Sie hielt ihr Zittern und ihre rasende Angst für ein paar Sekunden zurück, um ihre Hand aus Henkies kalten Fingern zu lösen, die sie noch immer festhielten. Sie tastete nach dem Kopf, der in ihrem Schoß lag, und strich mit den Fingern über das wirre Haar, die Brauen, seine Lippen.

Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Augen und schloß die Lider.

Es würde sehr schwer für sie werden, aber es gab nur einen einzigen Platz, wo sie ihn zurücklassen konnte. In seinem Garten würde die Erde weich genug sein. Ehe sie ihn dorthin brachte, wollte sie sich den leichtesten Weg zur Terrasse suchen.

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Sie wußte, daß sie ihn nicht tragen konnte, deshalb legte sie den Leichnam auf eine Binsenmatte. Auf diese Weise konnte sie ihn zur Terrasse schleifen.

Als das Grab fertig war, mußte sie sich hineinstellen, um Henkie herunterzuheben. Sie wickelte ihn in die Binsenmatte und bedeckte sein Gesicht mit den Blumen, die sie gepflückt hatte. Erst als sie nichts mehr von ihm sehen konnte, war es ihr möglich, ihn zu begraben. Sie brachte es sogar fertig, die Erde über ihm festzustampfen und Steine auf die Stelle zu legen.

Der Tag war schon wieder vergangen, und sie hätte dringend Wärme gebraucht, aber das Feuer in der Schutzhütte war seit langem erloschen. Sie suchte die Felsen und die ganze Schutzhütte ab, aber sie konnte das Brennglas nicht finden. Sie würde ohne Feuer auskommen müssen.

Oben im Tal schien noch immer die Sonne. Dort oben gab es auch Leben, wenn auch nur ein paar Vögel. Außerdem konnte sie besser Ausschau halten von dort.

Sie band ein paar Felle und ihre Matte mit geflochtenen Binsenseilen zusammen. Dann kletterte sie hinauf.

Sie wollte zum Ende des Tales gehen, wo die Wüste begann. Aber am Ende der zweiten Schlucht vermochte sie nicht mehr weiterzugehen.

Sie befand sich jetzt an jenem tiefen und bedrohlichen Teil, der ihr solche Angst gemacht hatte, als sie ihn zuerst entdeckt hatten. Sie stand sogar auf derselben überhängenden Felsplatte wie damals.

Magisch zog der Abgrund sie an. Sie legte sich flach auf die Felsplatte, hielt sich an ihrem Rand fest und spähte hinab. Es mußte leicht sein. Sie schob sich noch ein wenig näher an die Kante heran. Jetzt konnte sie unter den überhängenden Fels sehen, wo Gras und Farnkräuter wuchsen und allmählich im Schatten verschwanden. Nur ein paar Zentimeter weiter, und sie konnte sich der lockenden Finsternis überlassen.

Aber immer noch waren die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu sehen. Die Schönheit des Himmels fesselte ihren Blick. Aus dem Tal hinaus blickte sie in die Wüste, die flach und ohne Unterbrechung bis zum Horizont reichte.

Sie wandte sich wieder der Schlucht zu und starrte in die Tiefe hinunter. Selbst wenn sie die Kälte der Nacht überlebte — wie sollte sie die Einsamkeit des kommenden Tages ertragen? Und danach käme nichts als eine weitere Nacht und ein weiterer einsamer Tag. Sie waren alle gegangen, auch van Dooren.

»Ich kann nicht mehr. Ich halte es einfach nicht aus«, sagte sie laut.

Als sie den Widerhall hörte, wußte sie, daß sie auf das Echo gewartet hatte. Im Tal waren nur noch Schatten, das Licht schwand, und die Dunkelheit kroch heran. Besonders zwei Schattenbilder fielen ihr auf, ein kleines und ein größeres. Die Bilder glichen einer Mutter und ihrem Kind. Die Mutter war der Tod, das sah sie ganz deutlich. Aber warum hatte der Tod einen Begleiter? Und warum gerade ein Kind?

Sie brauchte sich nur hinabzustürzen, bevor die beiden Schatten sie erreicht hatten.

Die größere Gestalt streckte einen Arm nach ihr aus. Und plötzlich bemerkte sie, daß der Schatten auch ein Gesicht hatte, dessen Züge ihr vertraut schienen. »Bist du es, Mutter?« fragte sie in das Dunkel.

Der Schatten gab keine Antwort, aber die Züge traten jetzt klarer hervor. Das Gesicht beugte sich voller Mitleid herunter zu ihr. Fiona begann leise zu wimmern, und als die andere sie bei der Hand faßte, gab sie jeden Widerstand auf.

Sie ließ ihren Kopf an die Brüste der schwarzen Frau sinken und spürte, wie mütterliche Arme sich um ihre Schultern legten und sie sachte davonzogen.

Das schwarze Kind stand daneben. Es hielt den einen Arm an sich gepreßt. Fiona hörte das Wimmern, und nun bemerkte sie auch, daß der Arm des Kindes in merkwürdigem Winkel herabhing. Offensichtlich war er gebrochen. Die Frau hatte in ihrer unverständlichen Sprache auf sie einzureden begonnen. Fiona begriff.

Sie würde den Arm schienen müssen. »Da müssen wir wohl etwas unternehmen«, stellte sie fest. »Wir brauchen immer jemanden zum Liebhaben.«Sie zog das Kind zu sich heran.

Gewiß, sie mußte noch warten. Aber von jetzt würde es nicht mehr so schwer sein. Sie hatte jetzt eine Aufgabe.

7

Van Doorens Geschichte war zu Ende. Ich hatte völlig vergessen, daß ich zwar genau an dem Ort war, wo sich dies alles abgespielt hatte, aber seither mehr als zwanzig Jahre vergangen waren. Auch hier draußen in diesem abgelegenen Winkel der Großen Sandwüste hatte sich vieles geändert, aber es schien fast undenkbar, daß dreihundert Kilometer entfernt ein Pilot des Medizinischen Flugdienstes bereitstand, um mich auf ein Funksignal hin zurück nach Derby zu fliegen, und daß sechzehnhundert Kilometer weiter südlich Arnold und Bob Thomas auf einen Bericht warteten. Der »Diamantenfund« war im Verhältnis zu dem, was ich eben gehört hatte, eine so banale Angelegenheit. Aber die Geschichte war ja noch nicht ganz zu Ende.

»Ich brauchte mehr als zwei Wochen, bis ich zur Schlucht zurückkehrte«, erzählte van Dooren. »Harry — er ist jetzt mein Vormann — brachte mich zur nächsten Farm. Aber dort gab es nicht genügend Leute für eine richtige Rettungsexpedition. Deshalb wurden, Harry und ich mit dem Landrover nach Halls Creek gefahren. Nach ein paar Tagen wurde uns dann eine Maschine des Flugplatzes Corunna Downs zur Verfügung gestellt. Wir luden Kleidung, Nahrungsmittel, Medikamente und andere Ausrüstungsgegenstände hinein, sogar einen primitiven Flaschenzug, um Salomonson auf einer Bahre aus der Schlucht heben zu können, wenn das notwendig sein sollte. Ein Armeearzt begleitete uns.

Ich hatte natürlich nicht erwartet, daß Salomonson und Henkie tot wären, daß die Frau und die meisten Eingeborenen verschwunden sein würden. Können Sie sich vorstellen, wie schrecklich das alles für Fiona gewesen sein muß? Als wir sie fanden, war sie so dünn, daß man glaubte, sie würde jeden Augenblick in der Mitte durchbrechen. Aber sie hatte immer noch Kräfte — sie hatte mehr Zähigkeit und Ausdauer als alle anderen Frauen, die ich je kennengelernt habe.

Später hat mit Harry erzählt, daß schon die bloße Gegenwart von Weißen im Tal genügt hatte, um die Eingeborenen mißtrauisch zu machen. Als sie erfuhren, daß zwei der Weißen krank waren, packten sie sofort ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Weg. Vor Krankheit und Tod haben sie eine natürliche abergläubische Furcht. Was aus der Frau geworden ist, wird wohl niemals jemand erfahren. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß sie immer noch da draußen irgendwo lebt. Aber in dieser Gegend hat es schon Dinge gegeben, die noch merkwürdiger waren.

Fiona war also die einzige, die wir zurückbringen konnten. Als ich sie fand, war sie wieder unten in der Schlucht, zusammen mit der Frau und dem Kind. Die Frau hatte das Feuer wieder in Gang gebracht, indem sie Hölzer aneinanderrieb. Fiona hatte den Arm des Kindes geschient, bandagiert und in eine Schlinge gelegt. Sie wollte die beiden mitnehmen, damit das Kind im Krankenhaus richtig versorgt werden konnte. Aber die Frau weigerte sich, das Flugzeug zu betreten oder ihr Kind herzugeben.

Ich sage Ihnen, es war gar nicht einfach, Fiona dazu zu bringen, daß sie die beiden zurückließ. Obwohl sie selbst sich in einem sehr elenden Zustand befand. Erst als der Arzt das Kind versorgt hatte, ließ sie sich überreden. Das kleine Mädchen ist inzwischen unsere Küchenhilfe geworden, sie ist verheiratet und hat selbst Kinder. Die Mutter ist die alte Frau, die heute gestorben ist. Den Gedanken an eine Ahnlichkeit der Alten mit ihrer eigenen Mutter hat Fiona nie ganz aufgeben mögen.«

Mir war noch so vieles unklar, daß ich gar nicht wußte, was ich van Dooren zuerst fragen sollte. Als ich mich nach seinem Marsch durch die Wüste erkundigte, wußte er nicht viel zu erzählen. »Ach, das zweite Mal war alles viel einfacher. Ich hatte schließlich einen eingeborenen Führer dabei, und wenn man weiß, wonach man suchen muß, gibt es auch in der Wüste erstaunlich viele Dinge, mit denen man sich durchschlagen kann.«

Viel bereitwilliger sprach er über Fiona. »Als wir ihr etwas zu essen brachten, saß sie nur da und machte keinen Versuch, sich etwas zu nehmen. Erst als sie einen der Männer Brot schneiden sah, sagte sie plötzlich: ›Ist das richtiges Brot? Davon hätte ich gern eine Scheibe. Nein, ohne irgend etwas drauf, bitte. Das Brot allein wäre herrlich.‹ Wir konnten sie nicht überreden, irgend etwas anderes als diese eine trockene Scheibe Brot zu essen. Aber sie trank immerhin etwas Tee.

Als wir zum Abflug bereit waren, erklärte sie plötzlich, sie müßte noch ihre Sachen holen. Wir hatten ihr natürlich etwas zum Anziehen mitgebracht — eine Hose, eine Jacke, ein Hemd und ein Paar Schuhe, die alle viel zu groß waren. Deshalb hatte ich keine Ahnung, was sie eigentlich noch mitnehmen wollte.

Zwei Dinge hätten mir allerdings einfallen können: ihre Handtasche und Henkies Spielzeuglastwagen. Auf das dritte wäre ich niemals gekommen: Salomonsons Aktenköfferchen. Sie erklärte, daß sie es die ganze Zeit aufgehoben habe für ihn, obwohl nur noch ein paar Papiere darin waren. An die Diamanten hat sie überhaupt nicht gedacht … wir ließen sie in der Schlucht.

Das Flugzeug stand in der Wüste am Ausgang des Tales, ungefähr dort, wo ich jetzt die Landebahn habe. Ehe wir das Tal verließen, bat uns Fiona, noch einmal stehenzubleiben. Ich fragte, ob sie einen letzten Blick in die Schlucht werfen wolle. Da lächelte sie und sagte: ›Nicht den letzten Blick, Dirk. Es wird vielleicht etwas dauern, aber eines Tages werde ich zurückkehren.‹«

»Was nun diese Diamanten angeht«, sagte van Dooren. »Meine Frau hat jetzt noch drei Steine. Wir wissen nicht, wieviel sie wert sind. Sie sind viel kleiner, als die anderen waren. Ich habe nur die Dokumente behalten, aus denen hervorgeht, wo Salomonson die Steine gekauft hat und so weiter. Ich habe auch nach Verwandten von ihm forschen lassen, aber es gibt keine. Er hat eine Art Testament hinterlassen, sofern ein Fetzen Papier, auf dem mit einem Stein etwas eingeritzt ist, als rechtsgültiges Dokument gelten kann. Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Hier draußen vergißt man leicht die Konventionen der Zivilisation. jedenfalls steht auf dem Zettel, daß er im Falle seines Todes alles Fiona vermache.«

»Ich glaube nicht«, unterbrach ich ihn, »daß mich die Rechtsgültigkeit dieses Dokuments etwas angeht. Soweit ich verstanden habe, haben Sie die meisten Diamanten verkauft und das Geld für einen — in meinen Augen — sehr guten Zweck ausgegeben. Mir hat man lediglich den Auftrag gegeben, bei meinem Besuch festzustellen, ob Sie hier draußen irgendwo Diamanten gefunden haben, und darüber weiß ich jetzt ja Bescheid. Lediglich eine der Kaufurkunden würde ich gern mitnehmen, um in Perth belegen zu können, wo die Steine ursprünglich herkamen. Sie wissen ja, wie beruhigend Dokumente für Regierungsbeamte sein können.«

Diese Frage war also geklärt; und auch daß van Dooren und seine Frau dem alten Diamantenhändler ein ordentliches Begräbnis gegeben hatten, als sie Jahre später zurückgekehrt waren, verstand sich fast schon von selbst.

Nach der Bergungsaktion hatte van Dooren Fiona in der Obhut des kleinen Feldlazaretts in Halls Creek zurückgelassen, wo sie wegen Erschöpfung und Unterernährung behandelt wurde.

Er selbst hatte von den holländischen Behörden den Auftrag erhalten, sich in Perth zum Dienst zu melden. Er zögerte, Fiona zu verlassen, aber er hoffte auch, endlich Nachrichten über seine Frau und sein Kind zu erhalten.

Als Fiona nach Perth kam, stellte sie fest, daß van Dooren inzwischen nach Melbourne in Marsch gesetzt worden war. Sie wäre ihm gerne gefolgt, aber sie war fest überzeugt, daß er bald seine Frau finden würde, und sie wollte nicht im Weg sein. Sie wurde Rote-Kreuz-Schwester und kehrte nach dem Krieg nach Singapur zurück, obwohl sie wußte, daß ihre Mutter im Internierungslager Changi gestorben war und ihr Vater die Zwangsarbeit beim Bau der berüchtigten Siam-Eisenbahn nicht überlebt hatte. Sie blieb in Singapur und suchte sich Arbeit. Sie unternahm keinen Versuch, sich mit den van Doorens in Verbindung zu setzen.

Van Dooren brauchte fast zwei Jahre, ehe er mit Sicherheit wußte, daß das Flugzeug, mit dem Marianne und seine Tochter evakuiert worden waren, Australien erreicht hatte. Er fand sie schließlich in Sydney.

Wie war er dann nach Landfall gekommen? Ich war begierig, das Ende zu hören.

»Die Liebe ist eine merkwürdige Sache«, sagte van Dooren. »Wenn es nicht so zynisch klänge, würde ich sagen, daß sie sich einfach zur Befriedigung einen Menschen aussucht. Wenn dieser Mensch verschwindet, sucht sie sich einen anderen. Ich nehme an, so war es auch bei Marianne. Ich wäre der letzte, der das nicht verstünde … schließlich ist mir ja dasselbe passiert. Wir haben uns scheiden lassen. Marianne lebt heute noch in Sydney mit ihrem australischen Mann. Das Kind ist mittlerweile erwachsen.«

Die Nacht war ruhig geworden. Das Klagen der Eingeborenen um die alte Frau war vorüber, und bald würde van Doorens Frau aus dem Tal zurückkehren.

Ich dachte schon, van Dooren würde nun nichts mehr erzählen. Aber ich irrte mich. »Sie werden es vielleicht nicht glauben …, aber ich begegnete Fiona genau dort, wo ich sie Jahre vorher zum ersten Mal sah. Sie saß auf dem Balkon des Tanglin Clubs beim Swimmingpool. Ich könnte schwören, daß es derselbe Tisch war. Sie war unglaublich überrascht, als sie mich sah …«

Aber das ist eine Geschichte, die nur den van Doorens gehört.

Gerry M. Glaskin

Zwei sehr unterschiedliche Erlebnisse bewegten Gerry Glaskin, seinen siebten Roman, die rätselhaft schöne Geschichte Das Geheimnis von Landfall zu schreiben. Das erste war eine Autofahrt mit einem Freund an der Westküste Australiens entlang, von seiner Geburtsstadt Perth im Süden bis nach Darwin und zurück durch Zentralaustralien. Bald darauf, und dies war das zweite Erlebnis, ging Mr. Glaskin nach Europa und lebte sechs Jahre in Amsterdam.

»Diese beiden Ereignisse verbanden sich für mich, so merkwürdig das auch klingt«, erklärte der Autor. »Uber die Reise in den australischen Nordwesten schrieb ich ein Sachbuch, aber dieses eigentümliche Land beschäftigte mich auch danach noch so sehr, daß ich bei meinem Aufenthalt in den Niederlanden Das Geheimnis von Landfall verfaßte. Ich habe es immer für besser gehalten, mich vom Schauplatz meiner Erzählungen zu entfernen, ehe ich mit dem Schreiben beginne. Sonst gerät man leicht in Versuchung, zuviel in den Text aufzunehmen, anstatt sich auf das zu beschränken, was die Erinnerung als Höhepunkt festhält.«

Obwohl alle Figuren des Romans erfunden sind, gibt es durchaus einen sehr realen Hintergrund für die Handlung. Während des Zweiten Weltkriegs brachten Flüchtlinge aus den niederländischen Kolonien tatsächlich so viele Edelsteine ins Land, daß die australischen Behörden darüber beunruhigt waren und den Zustrom zu kontrollieren versuchten. Die romantische Schlucht, die in der Erzählung eine so wichtige Rolle spielt, gibt es wirklich, wenn auch nicht dort, wohin sie der Autor verlegt hat, sondern in der Nähe der Stadt Wittenoom in Westaustralien. Und schließlich wurde Glaskin durch eine Brieffreundschaft mit einem jungen Holländer (die schon vor dem Zweiten Weltkrieg begann und immer noch fortdauert) überhaupt erst dazu angeregt, Bücher zu schreiben.

Abgesehen von zahlreichen Aufsätzen und Kurzgeschichten in Zeitschriften, hat Glaskin mittlerweile 16 Romane und Sachbücher sowie verschiedene Theaterstücke und Drehbücher geschrieben. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt worden. Gerry Glaskin reist und fotografiert gern und interessiert sich für Parapsychologie. Seine Lieblingssportarten, Wasserski und Surfen, kann er nach einem Unfall leider nicht mehr ausüben.