Maigrets erste Untersuchung

Georges Simenon

1913

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Maigret ist noch nicht am Quai des Orfèvres bei der berühmten Mordkommission, sondern Sekretär von Kommissar Le Bret im ruhigen Quartier Saint-Georges. Sein Chef gilt als Weltmann; er verkehrt in eben jenen Kreisen, in denen der Mord geschieht, dessen furchtlose Aufklärung Maigret die Beförderung zum Kommissar einträgt.

Maigrets erste Untersuchung spielt im Jahre 1913; Simenon schrieb diesen Roman aber erst 1948, also fast zwei Jahrzehnte nach Maigret und Pietr der Lette (detebe 20502), in dem der berühmte Kommissar zum erstenmal erscheint.

Inhaltsverzeichnis

Die Aussage des Flötisten

Richard hat gelogen

Père Paumelle und seine Runden

Der alte Herr von der Avenue du Bois

Maigrets höchster Ehrgeiz

Eine kleine Familienfeier

Madame Maigret

Einer schweigt, der andere spricht zuviel

Déjeuner auf dem Land

Die Aussage des Flötisten

Eine schwarze Schranke unterteilte den Raum. Auf der Seite, die für das Publikum bestimmt war, stand nur eine Bank ohne Lehne, ebenfalls schwarz gestrichen, vor einer weißgekalkten und mit amtlichen Verlautbarungen überklebten Wand. Auf der anderen Seite standen Pulte, Tintenfässer, Regale voll dicker Aktenbündel, alles schwarz. Ein schwarz-weißer Raum. Das Auffallendste darin war ein gußeiserner Ofen, der auf einer Blechplatte stand, einer dieser Öfen, wie man sie heute nur noch in Kleinstadtbahnhöfen sieht. Sein Rohr strebte zuerst zur Decke, bog dann ab und durchquerte das ganze Zimmer, ehe es in der Mauer verschwand.

Der Polizist mit dem runden Kindergesicht, der seine Uniform aufgeknöpft hatte und zu schlafen versuchte, hieß Lecoeur.

Die schwafz umrandete Wanduhr zeigte fünfundzwanzig Minuten nach eins an. Von Zeit zu Zeit zischte die einzige Gasflamme; ab und zu auch begann der Ofen zu keuchen, ohne ersichtlichen Grund.

Draußen war es stiller geworden. Nur noch vereinzelte Knallfrösche, der Gesang eines Betrunkenen, das Rattern einer Droschke auf der schräg abfallenden Straße störten die nächtliche Ruhe.

Am Pult zur Linken saß der Sekretär des Kommissariats Saint-Georges über ein kleines Buch gebeugt und bewegte die Lippen wie ein Schüler. Das Büchlein war soeben erschienen. Es trug den Titel: Das beschreibende Signalement (gesprochenes Porträt). Handbuch für Polizeioffiziere und -inspektoren.

Auf dem Deckblatt stand in Druckbuchstaben mit violetter Tinte geschrieben: J. Maigret.

Schon dreimal seit Beginn der Nachtschicht war der junge Kommissariatssekretär aufgestanden, um das Feuer im Ofen wieder anzufachen, und nach diesem Ofen sollte er sich sein Leben lang zurücksehnen. Den gleichen oder annähernd gleichen Ofen sollte er eines Tages am Quai des Orfévres wiederfinden und noch später, als Oberkom-missar Maigret, Chef der Sonderbrigade, in seinem Arbeitszimmer aufstellen lassen, während alle anderen Räume der Kriminalpolizei längst ihre Zentralheizung hatten.

Es war der 15. April 1913. Damals sagte man noch nicht Kriminalpolizei, man sagte La Sûreté. Am Morgen war ein ausländischer Monarch mit großem Pomp an der Gare de Longchamp eingetroffen. Der Präsident der Republik hatte ihn am Bahnhof empfangen. Flankiert von Nationalgardisten in Galauniform, waren die Staatskarossen zwischen Spalieren von Menschenmengen und Fahnen durch die Avenue du Bois und die Champs-Elysées defiliert.

In der Oper hatten sie eine große Abendvorstellung gegeben. Feuerwerk war abgebrannt worden, festliche Umzüge hatten stattgefunden, und der Lärm der Volksbelustigungen begann erst jetzt nachzulassen.

Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, trotz vorsorglicher Inhaftierungen und geheimer Absprachen mit gewissen Persönlichkeiten, mußte man bis zuletzt mit der Bombe eines Anarchisten rechnen.

Maigret und der Polizist Lecoeur saßen um halb zwei Uhr morgens allein im Quartierbüro Saint-Georges an der stillen Rue La-Rochefoucauld.

Beide hoben den Kopf, als sie von der Straße her eilige Schritte vernahmen. Die Tür flog auf. Ein atemloser junger Mann schaute um sich, geblendet vom Gaslicht.

»Wo ist der Kommissar?« fragte er keuchend.

»Ich bin sein Sekretär«, sagte Maigret, ohne sich vom Stuhl zu erheben.

Er wußte nicht, daß in dieser Sekunde seine erste Untersuchung begann.

Der Mann war blond, schmächtig, hatte blaue Augen und ein rosiges Gesicht. Über seinem dunklen Anzug trug er einen Gummimantel, in der einen Hand hielt er einen steifen Hut, während er mit der anderen ab und zu seine eingeschlagene Nase betastete.

»Sind Sie überfallen worden?«

»Nein. Ich wollte einer Frau beistehen, die um Hilfe rief.«

»Auf der Straße?«

»In einer Villa an der Rue Chaptal. Ich glaube, es ist besser, Sie kommen gleich mit. Sie haben mich hinausgeschmissen.«

»Wer?«

»Irgendein Butler oder Pförtner.«

»Vielleicht wäre es gut, wenn Sie ganz von vorn anfangen würden. Was taten Sie in der Rue Chaptal?«

»Ich kam von der Arbeit. Mein Name ist Justin Minard. Ich bin zweiter Flötist beim Orchester Lamoureux, aber abends spiele ich in der ›Brasserie Clichy‹ am Boulevard de Clichy. Ich wohne an der Rue d’Enghien, gerade gegenüber dem ›Petit Parisien‹. Wie jeden Abend ging ich auf dem Heimweg durch die Rue Ballu, dann durch die Rue Chaptal.«

Als gewissenhafter Sekretär machte Maigret sich Notizen.

»Etwa in der Mitte der Straße, die fast immer menschenleer ist, sah ich einen Wagen stehen, einen Dion-Bouton mit laufendem Motor. Am Steuer saß ein Mann in einem grauen Ziegenfellmantel. Sein Gesicht wurde von einer großen Brille fast ganz verdeckt. Als ich mich etwa auf gleicher Höhe befand, wurde irgendwo im zweiten Stock ein Fenster aufgerissen.«

»Haben Sie sich die Hausnummer gemerkt?«

»Nummer 17a. Es ist eine Villa mit einer Hofeinfahrt. Alle anderen Fenster waren dunkel. Nur das zweite Fenster von links war beleuchtet, eben das, was geöffnet wurde. Ich schaute hinauf. Ich sah eine weibliche Gestalt. Sie versuchte sich hinauszubeugen, und sie schrie: ›Hilfe!‹«

»Was taten Sie?«

»Moment! Jemand, der im Zimmer war, muß sie zurückgezerrt haben. Im gleichen Augenblick knallte ein Schuß. Ich sah mich nach dem Auto um, an dem ich vorbeigegangen war. Es fuhr plötzlich los.«

»Und Sie sind sicher, daß es nicht nur Motorenlärm war, was Sie gehört hatten?«

»Todsicher. Ich bin zum Tor gegangen und hab geklingelt.«

»Sie waren ganz allein?«

»Ja.«

»Bewaffnet?«

»Nein.«

»Was hatten Sie vor?«

»Nun …«

Die Frage brachte den Flötisten so sehr aus der Fassung, daß ihm keine Antwort einfiel. Ohne den blonden, Schnurrbart und die spärlichen Haare am Kinn hätte man ihm sechzehn Jahre gegeben.

»Was ist mit den Nachbarn? Haben die nichts gehört?«

»Offenbar nein.«

»Hat man Ihnen aufgemacht?«

»Nicht gleich. Ich habe mindestens dreimal geklingelt. Dann habe ich mit den Schuhen gegen das Tor getreten. Schließlich hörte ich Schritte. Jemand nahm eine Kette ab und stieß den Riegel zurück. In der Einfahrt brannte kein Licht, aber direkt vor dem Haus steht eine Straßenlaterne.«

Ein Uhr siebenundvierzig. Der Flötist warf dann und wann einen ängstlichen Blick auf die Wanduhr.

»Ein großer Kerl in schwarzer Butlertracht fragte, was Ich wolle.«

»War er vollständig angekleidet?«

»Klar.«

»Mit Hose und Krawatte?«

»Ja.«

»Dabei brannte kein Licht im Haus?«

»Nur im Zimmer im zweiten Stock.«

»Was haben Sie geantwortet?«

»Ich weiß nicht mehr. Ich wollte hinein.«

»Warum?«

»Um nachzuschauen. Er vertrat mir den Weg. Ich erzählte ihm von der Frau, die um Hilfe gerufen hatte.«

»Schien er überrascht?«

»Er starrte mich an, ohne etwas zu sagen, dann drängte er mich mit seinem ganzen Gewicht von der Tür weg.«

»Und dann?«

»Dann schnauzte er mich an, ich hätte geträumt, ich sei betrunken, ich erinnere mich nicht mehr genau, dann hörte ich eine Stimme im Dunkel, als ob jemand auf der Treppe im oberen Stock etwas riefe.«

»Was sagte sie?«

»Beeilen Sie sich, Louis.‘«

»Und?«

»Er stieß mich noch heftiger fort, und als ich mich wehrte, schlug er mir die Faust mitten ins Gesicht. Als ich wieder klarer sehen konnte, stand ich auf dem Gehsteig vor dem verschlossenen Tor.«

»Brannte immer noch Licht im zweiten Stock?«

»Nein.«

»Und der Wagen war nicht wieder zurückgekommen?«

»Nein. Sollten wir jetzt nicht besser hingehen?«

»Wir? Sie meinen, Sie wollen mich begleiten?«

Er wirkte, komisch und rührend zugleich, dieser Flötist mit seinem fast mädchenhaft zerbrechlidaen Äußeren und seiner entschlossenen Miene.

»Habe ich den Fausthieb abbekommen oder nicht? Überhaupt werde ich Anzeige erstatten.«

»Klar, das ist Ihr gutes Recht.«

»Aber das verschieben wir wohl besser auf später, meinen Sie nicht?«

»Wie war schon die Hausnummer?«

»17a.«

Maigret zog die Stirne kraus. Die Adresse kam ihm irgendwie bekannt vor. Er nahm eine Akte aus seinem Regal, blätterte darin, las einen Namen, und die Runzeln auf seiner Stirn vertieften sich.

An diesem Abend trug er sein Jackett. Es war sogar sein erstes Jackett. Eine Dienstmeldung hatte vor einigen Tagen allen Polizeibeamten empfohlen, aus Anlaß der Staatsvisite in zeremonieller Kleidung zu erscheinen, da jeder mit der Order, sich unter die offiziellen Gäste zu mischen, rechnen mußte.

Sein Gummimantel, von der Stange gekauft, glich Minards Mantel wie ein Ei dem anderen.

»Also, kommen Sie! Lecoeur, falls jemand nach mir fragt, ich bin gleich wieder da.«

Er hatte ein ungutes Gefühl. Der Name, den er soeben in der Akte gelesen hatte, war nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben.

Er war sechsundzwanzig Jahre alt und erst seit fünf Monaten verheiratet. Seit seinem Eintritt bei der Polizei vor vier Jahren hatte er alle niederen Dienstgrade durchlaufen, die Straßen, die Bahnhöfe, die Warenhäuser »gemacht«, und es war noch kein Jahr her, seitdem er seinen neuen Posten als Sekretär des Kommissariats Saint-Georges versah.

Und im ganzen Quartier Saint-Georges gab es wohl keinen berühmteren Namen als den der Hausbewohner in Nummer 17a, Rue Chaptal.

Gendreau-Balthazar. Die Cafés Balthazar. Der Name prangte in dicken braunen Buchstaben an allen Wänden der Metro. Und die Lieferwagen der Firma Balthazar mit ihrem prächtig aufgezäumten Vierergespann waren sozusagen ein fester Bestandteil des Pariser Stadtbilds.

Maigret trank Balthazar-Kaffee. Und an der Avenue de l’0péra gab es eine bestimmte Stelle, gleich neben einer Waffenhandlung, wo er im Vorbeigehen jedesmal den feinen Duft des Kaffees einatmete, der hinter den Fenstern des Balthazar-Ladens geröstet wurde.

Die Nacht war klar und kalt. Auf der steilen Straße war keine Menschenseele, keine Droschke zu sehen. In jenen Jahren war Maigret fast so mager wie sein Flötist; man hätte die beiden für zwei halbverhungerte Jünglinge halten können, wie sie da zusammen die Straße hinaufschritten.

»Sie sind nicht etwa betrunken?«

»Ich trinke nie. Der Arzt hat es mir verboten.«

»Und Sie sind ganz sicher, daß Sie gesehen haben, wie ein Fenster aufgestoßen wurde?«

»Absolut sicher.«

Es war das erstemal, daß Maigret auf eigene Faust handelte. Bis zu dieser Nacht hatte er immer nur Monsieur Le Bret, den elegantesten Kommissar von Paris, der sein Vorgesetzter war, bei Haussuchungen begleitet, unter anderem viermal zwecks Feststellung von Ehebruch.

Die Rue Chaptal lag ebenso verlassen da wie die Rue La-Rochefoucauld. In der Villa Gendreau-Balthazar, einem der schönsten Privathäuser des Quartiers, brannte nirgends Licht.

»Sie sagten, ein Auto habe hier gestanden?«

»Ja, genau da.«

Nicht unmittelbar vor dem Eingang. Ein Stück weiter. Maigret, mit den neuesten Theorien über Zeugenaussagen im Kopf, zündete ein Streichholz an und beugte sich über das Holzpflaster.

»Sehen Sie?« triumphierte der Musiker, auf eine große schwärzliche Öllache deutend.

»Schön, kommen Sie mit! Ich finde es zwar nicht ganz in Ordnung, daß Sie mich begleiten.«

»Aber man hat mir die Faust ins Gesicht gerammt!«

Trotzdem war Maigret nicht wohl in seiner Haut. Er verspürte einen Druck in der Magengegend, als er die Hand zur Türklingel hob. Er fragte sich, auf welchen Paragraphen er sich berufen konnte. Er handelte ohne jegliche Befugnis. Außerdem war es lange nach Mitternacht. Konnte man es »auf frischer Tat ertappt« nennen, wenn man als Beweis nur die zerschundene Nase eines Flötisten vorzuweisen hatte?

Auch Maigret mußte dreimal läuten, doch gegen die Tür brauchte er nicht zu treten. Eine Stimme fragte von innen:

»Wer ist da?«

»Polizei!« Maigrets Stimme klang nicht sehr fest.

»Augenblick, bitte. Ich hole den Schlüssel.«

Es klickte in der Einfahrt. Die Villa war schon mit elektrischem Strom versehen. Danach mußten sie lange warten.

»Das war er«, sagte der Musiker. Er hatte die Stimme wiedererkannt.

Ah, endlich! Kette, Riegel, ein verschlafen wirkendes Gesid1t, ein Blick, der an Maigret vorbeiwanderte und sich auf Justin Minard heftete.

»Sie haben ihn also erwischt!« sagte der Mann. »Er hat sich wohl noch anderswo ein Späßchen geleistet, wie?«

»Sie gestatten, daß wir hereinkommen?«

»Wenn Sie es für unbedingt notwendig halten. Aber machen Sie bitte keinen Lärm, damit nicht das ganze Haus aufwacht. Hier entlang!«

Drei Marmorstufen führten links hinauf zu einer Glastür mit Doppelflügeln, durch die man in eine Säulenhalle gelangte. Zum erstenmal in seinem Leben betrat Maigret einen so prunkvollen Raum. Die Dimensionen erinnerten an den Empfangssaal in einem Ministerium.

»Heißen Sie Louis?«

»Woher wissen Sie das?«

Wie auch immer, Louis stieß jedenfalls eine Tür auf, die zwar nicht in die Salons, wohl aber in eine Art von Dienstraum führte. Er steckte nicht mehr in der Butlertracht. Offenbar kam er gerade aus dem Bett und hatte sich eilig eine Hose übergestreift. Der Kragen seines weißen Nachthemds war mit roten Stidsereien verziert.

»Ist Monsieur Gendreau-Balthazar da?«

»Welcher? Vater oder Sohn?«

»Der Vater.«

»Monsieur Félicien ist noch nicht zurückgekehrt. Was den Sohn, Monsieur Richard; betrifft, so ist er bestimmt längst schlafen gegangen. Vor etwa einer halben Stunde kam dieser Trunkenbold …«

Louis war groß und stämmig. Er mochte etwa fünfundvierzig Jahre alt sein. Sein bartloses Kinn schimmerte bläulich. Er hatte sehr dunkle Augen und ungewöhnlich dichte schwarze Bremen.

Maigret schluckte leer, und mit dem Gefühl, daß er sich Kopf voran ins Wasser stüthe, erklärte er:

»Ich möchte Monsieur Richard sprechen.«

»Sie wünschen also, daß ich ihn wecke?«

»Richtig.«

»Würden Sie mir Ihren Ausweis zeigen?«

Maigret reichte ihn ihm.

»Sind Sie schon lange in diesem Quartier?«

»Seit zehn Monaten.«

»Sie sind dem Kommissariat Saint-Georges zugeteilt?«

»Jawohl.«

»Dann kennen Sie Monsieur Le Bret?«

»Er ist mein Vorgesetzter.«

Worauf Louis wie beiläufig, jedoch mit einem drohenden Unterton in der Stimme erwiderte:

»Ich kenne ihn auch. Ich habe öfters die Ehre, ihn zu bedienen, wenn er hier zu Mittag oder zu Abend speist.«

Er ließ etliche Sekunden verstreichen, indem er geflissentlich an Maigret vorbeisah.

»Wünschen Sie immer noch, daß ich Monsieur Richard wecke?«

»Ja.«

»Haben Sie einen Haussuchungsbefehl?«

»Nein.«

»Schön. Warten Sie hier, bitte.«

Ehe er das Zimmer verließ, nahm er eine gestärkte Hemdbrust, einen Kragen und eine schwarze Krawatte aus einem Schrank. Dann zog er seinen Rock an, der an einem Kleiderhaken gehangen hatte.

Ein einziger Stuhl stand im Zimmer. Weder Maigret noch Justin Minard ließen sich darauf nieder. Tiefe Stille umgab sie. Das ganze Haus lag im Halbdunkel, sehr feierlich, sehr eindrucksvoll.

Zweimal zog Maigret seine Uhr aus der Tasche. Es vergingen zwanzig Minuten, ehe Louis wieder zurückkam, immer noch mit eisiger Miene.

»Bitte folgen Sie mir…«

Minard schickte sich an, hinter Maigret herzugehen, doch der Butler hielt ihn auf.

»Sie nicht! Außer Sie wären auch von der Polizei!«

Maigret fand es lächerlich. Aber er kam sich feige vor, weil er den Flötisten allein zurückließ. Das Zimmer mit seinen dunklen Holzverkleidungen wirkte plötzlich wie eine Gefängniszelle, und im Geist sah er den Butler mit dem bläulichen Kinn zurückkehren und sich auf sein Opfer stürzen.

Hinter Louis durchquerte er die Säulenhalle und begann die breite, mit einem dunkelroten Läufer belegte Treppe hinaufzugehen.

Nur wenige Lampen brannten. Die gelblichen Glühbirnen ließen weite Flächen im Schatten. Eine Tür auf dem Treppenabsatz im ersten Stock stand offen. Im Licht, das durch ihren Rahmen fiel, stand ein Mann im Hausrock.

»Ich höre, Sie wollen mich sprechen. Bitte, treten Sie ein! Lassen Sie uns allein, Louis!«

Das Zimmer diente als Wohn- und Arbeitsraum. Die Wände waren mit Leder bespannt. Es roch nach Havannazigarren und nach einem Parfüm, das Maigret nicht kannte. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen; man konnte ein Himmelbett mit zerwühlten Kissen erkennen.

Richard Gendreau-Balthazar trug einen Pyjama unter dem Hausrock; seine nackten Füße steckten in Pantoffeln aus russischem Leder.

Er machte etwa um die Dreißig sein. Er hatte braunes Haar, und sein Gesicht hätte alltäglich gewirkt, wäre nicht die schiefe Nase gewesen.

»Louis sagt, Sie gehören dem Kommissariat unseres Quartiers an.«

Er öffnete ein geschnitztes Kästchen, das Zigaretten enthielt, und schob es seinem Besucher hin. Maigret lehnte dankend ab.

»Sie rauchen nicht?«

»Nur Pfeife.«

»Dazu will ich Sie nicht auffordern. Pfeifenrauch ist mir verhaßt. Ich nehme an, Sie haben meinen Freund Le Bret angerufen, ehe Sie herkamen.«

»Nein.«

»Ach so. Entschuldigen Sie bitte, aber ich kenne mich in den Bräuchen Ihres Gewerbes nicht so gut aus. Le Bret kommt zwar oft hierher, aber — und das sage ich Ihnen gleich — nicht in seiner Eigenschaft als Polizeikommissar. Den sieht man ihm übrigens kaum an! Ein sympathischer Mann, wirklich, und seine Frau ist ausgesprochen charmant. Doch kommen wir zur Sache. Wie spät ist es?«

Er tat, als suchte er nach seiner Uhr. Es war Maigret, der schließlich seine große silberne Zwiebel aus der Tasche zog.

»Fünf vor halb drei.«

»Und in dieser Jahreszeit wird es gegen fünf Uhr hell, nicht wahr? Ich weiß es, weil es hin und wieder vorkommt, daß ich sehr früh im Bois ausreiten gehe. Ich hatte geglaubt, die Wohnung eines französischen Bürgers sei von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang unantastbar.«

»Das stimmt, aber …«

Er fiel Maigret ins Wort:

»Wohlverstanden, ich erwähne das nur, um Ihr Gedächtnis aufzufrischen. Sie sind jung, ohne Zweifel auch jung in Ihrem Beruf. Sie haben das Glück gehabt, einem Freund Ihres Vorgesetzten in die Arme zu laufen. Nun, ich nehme an, Sie sind nicht ohne triftigen Grund in dieses Haus eingedrungen, wie Sie es taten. Louis hat mir berichtet. Der Kerl, den er hinausgeschmissen hat, ist wohl gemeingefährlich, wie? Doch selbst in diesem Fall hätten Sie bis zum Morgen warten können, lieber Freund, glauben Sie nicht? Aber so setzen Sie sich doch!«

Er selbst ging im Zimmer auf und ab, den Rauch seiner Zigarette vor sich her paffend. Es war eine ägyptische Zigarette mit goldenem Mundstück.

»So, und jetzt, nachdem ich Ihnen diese kleine und verdiente Lektion erteilt habe, sagen Sie mir, was Sie wissen möchten.«

»Wer bewohnt das Zimmer im oberen Stock?«

»Wie bitte?«

»Verzeihen Sie, ich weiß, Sie sind nicht verpflichtet, mir zu antworten, zumindest nicht im Augenblick.«

»Verpflichtet, Ihnen …?« wiederholte Richard, als traute er seinen Ohren nicht.

Maigret errötete.

»In dem besagten Zimmer ist heute nacht ein Schuß gefallen.«

»Wie bitte? Was? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost? … Sie haben doch nicht etwa zuviel getrunken, ich meine, bei all den öffentlichen Festlichkeiten…«

Vom Treppenhaus her ertönten Schritte. Die Tür war offengeblieben. Auf dem Treppenabsatz erblickte Maigret eine Gestalt. Sie schien einer Titelseite der Vie Parisienne entsprungen zu sein. Es war ein Mann in Frack, Cape und Zylinder. Er war mager und alt, und. sein dünner Schnurrbart mit den aufgezwirbelten Enden war offensichtlich gefärbt.

Er blieb auf der Schwelle stehen, unschlüssig, erstaunt, vielleicht ängstlich.

»Komm herein, Vater. Du wirst schallend lachen. Der Herr hier ist ein Angestellter unseres Freundes Le Bret …«

Félicien Gendreau-Balthazar machte einen merkwürdigen Eindruck. Er schien nicht betrunken, dennoch wirkte er fahrig, unsicher, irgendwie haltlos.

»Hast du Louis gesehen?« fragte ihn sein Sohn.

»Er ist unten mit einem Mann. «

»Das ist es eben. Ein Betrunkener — es kann auch ein Irrer sein, der aus einer Anstalt entwichen ist — hat heute nacht beinahe die Tür eingeschlagen. Louis ist hinuntergegangen und hat ihn nur mit größter Anstrengung daran hindern können, gewaltsam einzudringen. Und jetzt ist Monsieur …«

Er sah Maigret fragend an.

»Maigret.«

»… Monsieur Maigret, der Sekretär unseres Freundes Le Bret, hier und möchte wissen … Ach ja, was möchten Sie eigentlich wissen?«

»Wer bewohnt das Zimmer mit dem zweiten Fenster von links, gerade über uns?«

Der Vater hat Angst, dachte Maigret, aber es war eine undefinierbare Angst. Die Art, zum Beispiel, wie er seinen Sohn anblickte. Geradezu furchtsam, ja unterwürfig. Er wagte nicht einmal den Mund aufzumachen. Es schien, als wartete er auf Richards Erlaubnis.

»Meine Schwester«, antwortete Richard endlich. »Jetzt wissen Sie’s.«

»Ist sie im Haus?«

Maigret sah nicht den Sohn, sondern den Vater an. Doch wieder war es der Sohn, der antwortete:

»Nein. Sie ist in Anseval.«

»Wie bitte?«

»Auf unserem Schloß. Schloß Anseval bei Pouilly-sur-Loire, Departement Niévre.«

»Das Zimmer ist also unbewohnt?«

»Alles spricht dafür.«

Im gleichen spöttischen Ton fuhr er fort:

»Sie möchten wohl auf sicher gehen? Nur zu, ich begleite Sie! So kann ich morgen unserem Freund Le Bret zum Eifer seiner Untergebenen gratulieren. Bitte folgen Sie mir!«

Zu Maigrets Verwunderung kam auch der Vater mit, ziemlich verschüchtert, wie ihm schien.

»Hier, das ist das Zimmer, das Sie meinen. Glücklicherweise ist es nicht abgeschlossen.«

Er drehte einen Schalter. Die Möbel im Schlafzimmer waren aus weißlackiertem Holz, die Wände mit blauer Seide bespannt. Eine zweite Tür führte in ein Boudoir, und alles sah ordentlich aus, jeder Gegenstand befand sich anscheinend an seinem Platz.

»Ich flehe Sie an, machen Sie Ihre Bestandsaufnahme! Meine Schwester wird sicher entzückt sein, wenn sie erfährt, daß die Polizei in ihren Sachen gewählt hat.«

Maigret ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er trat ans Fenster. Auch die schweren Vorhänge waren aus blauer Seide, aber dunkler als die Tapeten. Er schob sie beiseite. Dahinter kam eine Tüllgardine, die das Tageslicht dämpfen sollte, zum Vorschein. Maigret bemerkte, daß eine Ecke der Gardine im Fensterrahmen festgeklemmt war.

»Heute abend hat wohl niemand das Zimmer betreten?« fragte er.

»Höchstens eines der Mädchen.«

»Sind mehrere im Haus?«

»O ja«, erwiderte Richard sarkastisch. »Zwei. Germaine und Marie. Außerdem die Frau von Louis, die für uns kocht. Wir haben sogar eine Waschfrau, aber die ist verheiratet. Kommt am Morgen und geht am Abend.«

Der alte Gendreau blickte fortwährend vom einen zum anderen.

»Was ist denn passiert?« fragte er endlich, nachdem er sich geräuspert hatte.

»Ich weiß es nicht genau. Frag Monsieur Maigret.«

»Jemnand, der kurz vor halb zwei Uhr an diesem Haus vorüberging, hörte, wie dieses Fenster plötzlich aufgestoßen wurde. Er schaute nach oben und sah eine Frau, die anscheinend verzweifelt um Hilfe rief.«

Maigret sah, wie die Hand des Vaters sich um den Goldknauf seines Stockes spannte.

»Und?« fragte Richard.

»Dann wurde die Frau zurückgezerrt, und im gleichen Moment fiel ein Schuß.«

»Ach nein!«

Mit gespieltem Entsetzen blickte der junge Gendreau um sich. Dann trat er auf die seidene Tapete zu, als suchte er dort die Spuren einer Kugel.

»Mich wundert nur eines, Monsieur Maigret — Sie heißen doch Maigret, nicht wahr? Warum haben Sie angesichts einer so schwerwiegenden Anklage nicht sofort die elementarsten Vorsichtsrnaßnahmen getroffen und Ihre Vorgesetzten benachrichtigt? Mir scheint, es war etwas leichtfertig von Ihnen, gleich hierherzulaufen. Dieser Passant mit seiner blühenden Phantasie — wissen Sie denn überhaupt, wer er ist?«

»Er wartet unten.«

»Was für ein Vergnügen, ihn unter meinem Dach zu wissen! Genaugenommen sind Sie nicht nur mitten in der Nacht hier eingedrungen, unter Mißachtung der Gesetze, die die Freiheit der Bürger schützen; Sie haben auch noch ein Individuum mitgebracht, das ich im besten Fall als zweifelhaft betrachte. Doch da Sie nun einmal hier sind und damit Sie morgen unserem Freund Le Bret ausführlich rapportieren können, bitte ich Sie, tun Sie Ihre Pflicht, machen Sie die üblichen Feststellungen. Sie wollen doch sicher wissen, ob das Bett heute nacht benutzt werden ist.«

Er riß die Seidendecke vom Bett. Die Laken waren glattgestrichen‘ das Kopfkissen makellos.

»Machen Sie sich auf die Suche, bitte! Schnüffeln Sie in allen Winkeln! Sie haben doch sicher eine Lupe mitgebracht«

»Die brauche ich nicht.«

»Verzeihen Sie, doch abgesehen von Le Bret, habe ich noch nie die Ehre gehabt, mit der Polizei Bekanntschaft zu machen, außer natürlich in Kriminalromanen. Sie behaupten, jemand habe geschossen? Vielleicht liegt da irgendwo eine Leiche? Folgen Sie mir! Lassen Sie uns zusammen suchen! In dem Schrank dort? Wer weiß?«

Er öffnete die Schranktür. Man sah nur Kleider darin hängen.

»Hier? Das sind lauter Schuhe von Lise. Wie Sie sehen, ist sie verrückt auf Schuhe. Gehen wir jetzt ins Boudoir hinüber…«

Er wirkte immer gespannter, wurde immer sarkastischer.

»Die Türe dort? Sie ist seit Mamas Tod tabu. Aber man kann auch durch den Flur in die Räume gelangen. Kommen Sie mit! Aber ja, ich bitte darum …«

Die nächste halbe Stunde war ein einziger Alptraum. Maigret blieb nichts übrig als zu gehorchen, denn Richard erteilte ihm buchstäblich Befehle. Und was ihre Irrwege durch die Villa besonders gespenstisch machte, das war die Art, wie der alte Gendreau-Balthazar ihnen auf den Fersen blieb, seinen Zylinder auf dem Kopf, das Cape über den Schultern, den Stock mit dem Goldknauf in der Hand.

»Nein, nein, wir gehen noch nicht hinunter! Sie vergessen, daß es über uns eine weitere Etage gibt, das Stockwerk mit den Mansarden, wo die Dienstboten schlafen.«

Im Korridor hingen nackte Glühbirnen, die Decke war abgeschrägt. Richard klopfte an die Türen.

»Aufmachen, Germaine! Aber ja! Egal, ob Sie im Nachthemd sind. Die Polizei ist hier.«

Ein ziemlich üppiges Mädchen mit verschlafenen Augen. Ein säuerlicher Geruch. Ein verschwitztes Bett. Ein Kamm voll Haare auf dem Waschtisch.

»Haben Sie einen Schuß gehört?«

»Einen was?«

»Wann sind Sie zu Bett gegangen?«

»Ich bin um zehn Uhr heraufgekommen.«

»Und Sie haben nichts gehört?«

Es war Richard, der die Fragen stellte.

»So, und jetzt die Nächste, bitte! Öffnen Sie, Marie … nein, meine Kleine, es spielt keine Rolle …«

Ein Mädchen von sechzehn Jahren, das einen grünen Mantel über das Nachthernd gestreift hatte und an allen Gliedern zitterte.

»Haben Sie einen Schuß gehört?«

Entsetzt starrte Marie die Männer an.

»Sch1afen Sie schon lange?«

»‘Ich weiß nicht …«

»Haben Sie irgend etwas gehört?«

»Nein. Warum? Was ist geschehen?«

»Noch eine Frage, Monsieur Maigret?«

»Ich möchte sie fragen, woher sie stammt.«

»Aus Anseval.«

»Und Germaine?«

»Auch aus Anseval.«

»Und Louis?«

»Aus Anseval, Monsieur Maigret.« In Richards Stimme lag purer Hohn. »Ich sehe, es ist Ihnen nicht bekannt, daß Schloßherren sich ihr Gesinde aus ihrer Umgebung zu beschaffen pflegen.«

»Was ist mit der nächsten Tür?«

»Das Zimmer von Madame Louis.«

»Schläft auch ihr Mann dort?«

»Er schläft unten in der Pförtnerwohnung.«

Es dauerte eine Weile, ehe Madame Louis öffnete. Sie war klein, dunkelhäutig, sehr dick, und ihre Augen blickten argwöhnisch.

»Hört denn der Lärm nie auf? Wo ist Louis?«

»Unten. Sagen Sie mal, haben. Sie vielleicht einen Schuß gehört?«

Mit einem erbosten Gemurmel schlug sie ihnen die Tür fast vor der Nase zu. Und immer noch mehr Türen wurden geöffnet, mit leeren Zimmern dahinter, Abstellräumen, Dachkammern. Selbst der Dachboden blieb Maigret nicht erspart. Danach mußte er auch noch den ersten Stock besichtigen, die Räume des alten und des jungen Gendreau.

»Jetzt bleiben nur noch die Salons. Ja, doch, mir liegt sehr viel daran.«

Er zündete den riesigen Leuchter an. Die Kristalle klirrten.

»Keine Leiche. Kein Verwundeter. Haben Sie jetzt alles gesehen? Möchten Sie nicht auch die Keller inspizieren? Übrigens, es ist jetzt Viertel nach drei.«

Er öffnete die Tür zum Dienerzimmer. Justin Minard saß auf dem Stuhl am Fenster. Louis stand in einer Ecke und schien ihn wie einen Gefangenen zu bewachen.

»Ist das der junge Mann mit der Schießerei-Geschichte? Sehr erfreut, sein interessantes Gesicht gesehen zu haben. Und nun, Monsieur Maigret, habe ich wohl das Recht, Anzeige zu erstatten wegen übler Nachrede und versuchten Hausfriedensbruchs?«

»Gewiß, das Recht steht Ihnen zu.«

»Ja, dann also gute Nacht. Louis, führen Sie die Herren hinaus!«

Der alte Gendreau öffnete den Mund, sagte aber nichts. Maigret stieß ein mühsames »Ich danke Ihnen« hervor.

Louis schritt dicht hinter ihnen bis zum schweren Portal, das gleich darauf ins Schloß fiel.

Allein, verwirrt, ziemlich ratlos standen sie auf dem linken Gehsteig in der Rue Chaptal. Maigret drehte sich mechanisdm nach dem Ölfleck auf dem hölzernen Pflaster um, als hätte er nach alledem das Bedürfnis, sich an etwas Greifbares zu klammern.

»Ich schwöre, daß ich nicht betrunken war.«

»Ich glaube es Ihnen.«

»Und verrückt bin ich auch nicht.«

»Natürlich nicht.«

»Glauben Sie, es wird Ihnen schaden? Ich habe undeutlich gehört, wie…«

In dieser Nacht trug Maigret wie gesagt sein erstes Jackett. Es war ihm eine Spur zu eng unter den Armen.

Richard hat gelogen

Um zehn Minuten vor neun zog eine lächelnde, frisch nach Seife duftende Madame Maigret die Vorhänge im Schlafzimmer hoch und ließ die kecke Aprilsonne herein. Sie war noch nicht so lange verheiratet, und sie konnte sich immer noch nicht an den Anblick eines schlafenden Mannes gewöhnen, an das Zucken der rötlichen Schnurrbartenden, das Stirnrunzeln, wenn eine Fliege sich auf seinem Gesicht niederließ, an das dichte, zerzauste Haar. Sie mußte lachen. Sie lachte immer, wenn sie am Morgen mit einer Tasse Kaffee an sein Bett trat und er zu ihr aufschaute wie ein schlaftrunkenes Kind.

Sie war ein frisches, molliges Ding, wie man sie nur noch in den Konditoreien oder hinter der Marmortheke eines Milchladens sieht. Ein molliges Mädchen voll Lebensfreude, das Maigret trotzdem ganze Tage lang in ihrer kleinen Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir alleinlassen konnte, ohne daß es sich auch nur eine Sekunde langweilte.

»Woran denkst du, Jules?«

Damals nannte sie ihn noch nicht Maigret, doch schon in jenen ersten Zeiten behandelte sie ihn mit einem Respekt, der für sie typisch war. Die gleiche Achtung mußte sie vor ihrem Vater empfunden haben, die gleiche würde sie für ihren Sohn empfinden, sollte sie jemals einen Sohn haben.

»Ich denke…«

Und er sagte ihr eine Lektion auf, die ihm — kaum hatte er nach nur zwei Stunden Schlaf die Augen geöffnet — wieder eingefallen war. Es waren Sätze aus den internen Polizeivorschriften:

Es ist die feste Regel, daß die Beamten der Sûreté ihre ganze Zeit dem Dienst zu widmen haben.

Da jede begonnene Untersuchung oder Überwachung grundsätzlich ohne Unterbrechung durchgeführt werden muß, besteht kein Anspruch auf freie Stunden oder Tage.

Er hatte das Kommissariat um sechs Uhr früh verlassen, als Albert Luce, der Hilfssekretär, ihn ablöste. Die Luft draußen war so erfrischend gewesen, die Straßen von Paris hatten so würzig gerechen, daß er Zu Fuß gegangen war und beinahe den Umweg durch die Hallen gemacht hatte, um den Duft von jungem Gemüse und Obst einzuatmen.

In diesen Tagen gab es in Paris Hunderte, ja Tausende von Menschen, die nicht länger schliefen als er. Der Besuch des fremden Staatsoberhaupts würde genau drei Tage dauern, doch die Polizeibrigaden befanden sich in ständiger Alarmbereitschaft. Einige standen schon seit Wochen im Einsatz, jene zum Beispiel, die die Stundenhotels, die Bahnhöfe, die Fremden, die öffentlichen Verkehrswege überwachten.

Sowohl die verschiedenen Dienststellen als auch die Kommissariate lieben sich gegenseitig Leute aus. Da sich das minuziös geplante Besuchsprogramm des Souveräns außerhalb des Quartiers Saint-Georges abwickelte, waren alle verfügbaren Beamten ins Kommissariat des Ope’ra-Bezirks abkommandiert worden.

Nicht nur die Anarchisten raubten der Polizei den Schlaf. Es gab auch die Verrückten, die in solchen Zeiten unweigerlich in Trance gerieten; es gab die Taschendiebe, die Strichmädchen, die sich während den Festumzügen an die Provinzler unter den Zuschauern heranmachten und sie nach Strich und Faden ausnahmen.

»Ist das Balthazar-Kaffee?« wollte Maigret wissen.

»Warum fragst du? Schmeckt er dir nicht?«

»Ich wüßte gern, warum du gerade diese Marke kaufst. Ist er besser als andere Sorten?«

»Jedenfalls nicht schlechter, und außerdem bekommt man diese Bilder.«

Er hatte das Album vergessen. Sie klebte die Bildchen aus den Kaffeepackungen, die alle Arten von Blumen darstellten, immer sorgfältig ein.

»Wenn man drei vollständige Sammlungen hat, kann man sie gegen ein Nußbaum-Schlafzimmer einlösen.«

Er badete in einem Zuber, denn damals gab es in der Wohnung noch kein Badezimmer. Später aß er seine Suppe, wie er es zu Hause jeden Morgen getan hatte.

»Du weißt wohl noch nicht, wann du heute abend nach Hause kommst?«

Lächelnd dozierte er:

»… besteht kein Anspruch auf freie Stunden oder Tage…«

Sie wußte es auswendig. Sie hatte sich schon den Hut aufgesetzt. Sie liebte es, ihn ins Büro zu begleiten, so wie sie ein Kind zur Schule gebracht hätte. Aber sie kam nie bis zum Büro mit, er sollte sich vor seinen Kollegen nicht genieren müssen.

Punkt zehn Uhr würde der Wagen des Kommissars in der Rue de La-Rochefoucauld vorfahren. Das Pferd würde wiehern und stampfen, und der Kutscher würde anstelle seines Herrn wieder die Zügel übernehmen. Maxime Le Bret war vermutlich der einzige Polizeikommissar in Paris, der eine eigene Equipage besaß und in der Umgebung von Monceau wohnte, in einem der neuen Häuser am Boulevard de Courcelles.

Wenn er beim Kommissariat vorfuhr, war er jeweils schon im Club Hoche gewesen, wo er zu echten und zu schwimmen pflegte und sich anschließend massieren ließ.

Voll Unbehagen dachte Maigret daran, daß sein Rapport jetzt auf dem Schreibtisch des Kommissars lag. Es war sein erster wichtiger Rapport. Bis zum Morgengrauen hatte er daran herumgefeilt, immer darauf bedacht, nur ja nichts von den Lehrsätzen zu vergessen, die er sich eben erst eingeprägt hatte.

Der Flötist hatte ihn bis zum Büro zurückbegleitet.

Vor der Tür waren sie stehengeblieben.

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja.«

»Glauben Sie nicht, daß Ihre Frau sich ängstigen wird?«

»Das spielt keine Rolle.«

Justin Minard war mit hineingegangen. Maigret hatte seine Aussage protokolliert, und der Musiker hatte unterschrieben, war aber sitzengeblieben.

»Und wenn Ihnen Ihre Frau eine Szene macht?«

Mit sanfter Beharrlichkeit hatte Minard wiederholt:

»Es spielt keine Rolle.«

Warum mußte Maigret jetzt daran denken? Er hatte ihn beinahe vor die Tür setzen müssen, als es dämmerte. Und obendrein hatte ihn der Flötist halb schüchtern, halb verwegen gefragt:

»Ich darf Sie doch wieder aufsuchen?«

Er hatte gegen einen gewissen Louis Anzeige erstattet. Er bestand darauf. Alle diese Papiere lagen jetzt wohlgeordnet auf Le Brets Schreibtisch, zuoberst auf dem Stapel der weniger wichtigen Tagesrapporte.

Kaum jemals konnte man Maxime Le Bret hereinkommen sehen, denn er ging stets durch den Flur und von dort direkt in sein Arbeitszimmer. Aber man konnte ihn hören, und diesmal versetzte es Maigret einen Stich ins Herz.

Auf der Bank an der Wand saßen die üblichen »Kunden«, meist arme Kerle. Er rief sie der Reihe nach auf, stellte Niederlassungsbewilligungen aus oder Zeugnisse, die ihre Bedürftigkeit bestätigten; er notierte Anzeigen von verlorenen oder gefundenen Gegenständen, schickte Bettler, die man von den Boulevards aufgelesen hatte, oder Hausierer, die keinen Gewerbeschein besaßen, hinter Schloß und Riegel.

Unmittelbar unter der schwarz umrandeten Wanduhr befand sich eine elektrische Klingel. Wenn es klingeln würde …

Er hatte sich ausgerechnet, daß es etwa zwölf Minuten dauern würde, bis Le Bret seinen Rapport und Minards Aussage gelesen hatte. Zwanzig Minuten verstrichen. Niemand rief nach ihm. Aber ein leises Klicken verriet, daß der Chef telefonierte.

Eine Polstertür trennte Le Brets Arbeitszimmer vom Büro der Polizeibeamten. Man hörte kaum mehr als ein schwaches Gemurmel.

Ob Le Bret sich schon mit Richard Gendreau hatte verbinden lassen, bei dem er so oft zu Gast war?

Die Klingel schlug nicht an. Dafür ging die Tür auf.

»Maigret?«

War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

»Kommen Sie doch mal herüber, mein Lieber!«

Eine Zigarette rauchend, ging der Kommissar im Zimmer auf und ab, ehe er sich an seinen Schreibtisch setzte. Endlich legte er die Hand auf das Aktenbündel vor ihm. Er schien nach Worten zu suchen, dann seufzte er:

»Ich habe Ihr Dingsda gelesen.«

»Jawohl, Herr Kommissar.«

»Sie haben getan, was Sie für Ihre Pflicht hielten. Ihr Bericht ist sehr klar, sehr ausführlich.«

»Danke, Herr Kommissar.«

»Sogar von mir ist darin die Rede.«

Mit einer Handbewegung brachte er Maigret, der gerade den Mund öffnen wollte, zum Schweigen.

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus, im Gegenteil.«

»Ich habe mich bemüht, möglichst alles, was gesagt wurde, im Wortlaut wiederzugeben.«

»Sie konnten demnach das Haus in aller Ruhe besichtigen?«

»Man hat mich von einem Zimmer zum andern geführt.«

»Und Sie konnten feststellen, daß alles in Ordnung war?«

»In dem von Justin Minard bezeichneten Zimmer war die Tüllgardine im Fenster festgeklemmt, als ob das Fenster hastig geschlossen worden wäre.«

»Das könnte aber irgendwann passiert sein, nicht wahr? Nichts beweist, daß die Gardine nicht schon seit Tagen festgeklemmt war.«

»Außerdem schien der Vater, Monsieur Félicien Gendreau-Balthazar, von meiner Anwesenheit im Haus sehr überrascht zu sein.«

»Sie schreiben hier, er sei ›erschrocken‹ gewesen.«

»So habe ich es empfunden.«

»Ich kenne Gendreau persönlich. Wir treffen uns mehrmals wöchentlich im Club.«

»Ich weiß, Herr Kommissar.«

Der Kommissar war ein sehr stattlicher, sehr gutaussehender Mann, dem man an allen gesellsdmaftlichen Anlässen begegnen konnte. Er hatte eine der reichsten Frauen von Paris geheiratet. Das mochte auch der Grund sein, weshalb er sich trotz seines aufwendigen Lebens zu einer geregelten Arbeit zwang. Seine Augenlider waren von feinen Fältchen durchzogen, die Schläfen von Krähenfüßen gezeichnet. Offenbar hatte er letzte Nacht oder alle die letzten Nächte nicht viel mehr geschlafen als Maigret.

»Rufen Sie Besson herein!«

Besson war der einzige Inspektor, den man während der Staatsvisite im Kommissariat zurückbehalten hatte.

»Ich habe eine kleine Arbeit für Sie, mein Lieber.«

Er notierte den Namen und die Adresse des Flötisten Justin Minard auf einen Zettel.

»Ich möchte, daß Sie sich über diesen Herrn erkundigen, möglichst diskret und je schneller, desto besser.«

Besson warf einen Blick auf die Adresse. Offensichtlich erleichtert, daß sie in Paris war, versicherte er:

»Wird gemacht, Chef.«

Wieder allein mit Maigret, lächelte der Kommissar fast unmerklich.

»So«, sagte er in mildem Ton, »ich glaube, das ist das einzige, was wir im Augenblick tun können.«

___________

An seinem schwarzen Pult sitzend, verbrachte Maigret die wohl bittersten Stunden seines Lebens damit, fettige Ausweise zu überprüfen, Beschwerden von Concierges und Beteuerungen von Hausierern anzuhören.

Die ausgefallensten Gedanken gingen ihm durch den Kopf, wie zum Beispiel, daß er um fristlose Entlassung nachsuchen wollte.

Der Kommissar meinte also, es sei damit getan, daß man über den Flötisten diskrete Informationen einholte. Warum den Mann nicht gleich verhaften, warum ihn nicht gleich in die Zange nehmen?

Maigret hätte auch den höchsten Chef anrufen oder aufsuchen können. Denn Xavier Guichard, den Leiter der Sûreté, kannte er persönlich. Guichard hatte seine Ferien oft auf dem Land verbracht, in der Nähe des Dorfes, wo Maigrets Familie lebte, und er war mit Maigrets Vater jahrelang befreundet gewesen.

Man konnte es nicht gerade Protektion nennen, doch Maigret wußte, daß Guichard seine Laufbahn diskret und von fern oder vielmehr von oben verfolgte. Zweifellos war er es, der Maigret seit vier Jahren ständig von einer Abteilung in die andere versetzen ließ, damit er sich mit dem ganzen Polizeiapparat schneller vertraut machte.

»Minard ist nicht verrückt. Er war nicht betrunken. Er sah, wie ein Fenster aufgestoßen wurde. Er hörte einen Schuß. Und die Öllache auf der Straße habe ich mit eigenen Augen gesehen.«

Das würde er sagen. Wütend. Er würde verlangen …

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er verließ das Büro, ging drei Stufen hinunter und betrat die Wachstube, wo uniformierte Polizisten Karten spielten.

»Sagen Sie mal, Wachtmeister‘ haben alle Leute, die letzte Nacht Dienst taten, ihre Rapporte schon geschrieben?«

»Noch nicht alle.«

»Ich möchte, daß Sie etwas fragen. Ich möchte wissen, ob einer von ihnen zwischen Mitternacht und zwei Uhr einen Dion-Bouton im Quartier gesehen hat. Der Fahrer trug einen grauen Pelzmantel und eine große Autobrille. Ich weiß nicht, ob jemand im Fond saß.«

Mochte der Kommissar sagen, was er wollte … jede begonnene Untersuchung oder Überwachung

Er hatte seine Theorien im Kopf. Und Balthazar hin oder her, aber normalerweise wäre die Untersuchung seine Sache gewesen.

Gegen Mittag begann er sich schläfrig zu fühlen, doch zum Essen war es zu früh, die Reihe war noch nicht an ihm. Seine Lider brannten. Mehrmals ertappte er sich dabei, wie er seinen »Kunden« zweimal die gleiche Frage stellte.

Besson kam zurück. Sein Schnurrbart roch nach Absinth. Maigret mußte an ein kühles Bistro denken, an gedämpftes Sonnenlicht auf einer Kaffeehausterrasse.

»Ist der Chef noch da?«

Er war nicht mehr da, und Besson setzte sich hin, um seinen Bericht abzufassen.

»Der arme Kerl«, brummte er.

»Wer?«

»Der Musiker.«

»Erstens ist er tuberkulös«, fuhr der kerngesunde, rotbackige Inspektor fort, »und das ist nicht lustig. Seit zwei Jahren versuchen sie ihn in die Berge zu schicken, aber er denkt nicht daran.«

Von der Place Saint-Georges her ertönte Pferdegetrappel. Am Vormittag waren die Truppen vor dem Invalidendom aufmarschiert; jetzt kehrten sie in ihre Kasernen zurück. Die Stadt lag immer noch wie im Fieber. Fahnen, Uniformen, Musikkapellen defilierten durch die Straßen, und feierlich gekleidete Herren eilten ins Elysée, wo ein offizielles Déjeuner stattfand.

»Sie bewohnen zwei Zimmer über dem Hof, im fünften Stock, und das Haus hat keinen Fahrstuhl.«

»Sind Sie hinaufgegangen?«

»Erst habe ich mit dem Kohlenhändler geplaudert, der auch im Haus wohnt, dann mit der Concierge. Sie stammt aus meiner Gegend. jeden Monat beschweren sich die Mieter bei ihr, weil er den lieben langen Tag bei offenem Fenster Flöte spielt. Sie kann ihn gut leiden. Der Kohlenhändler auch, obwohl ihm Minard seit zwei, drei Monaten das Geld für die Kohle schuldet. Was seine Angetraute betrifft…«

»Sie haben sie gesehen?«

»Sie kam gerade vorbei, während ich mit der Concierge schwatzte. Eine stämmige Brünette, dunkle Haut, feurige Augen. Eine wahre Carmen! Immer im Morgenrock und in Pantoffeln. Lungert in den Läden des Quartiers umher. Läßt sich die Karten legen. Sie schnauzt ihn an. Die Concierge sagt, sie verprügle ihn sogar. Der arme Kerl!«

Mühsam schrieb Besson ein paar Sätze hin. Rapporte waren nicht seine Stärke.

»Ich habe die Metro genommen und bin zur Brasserie Clichy gefahren, zu seinem Chef. Kein böses Wort über Minard. Er trinkt nicht. Er kommt immer fünf Minuten zu früh. Er ist mit allen freundlich, und die Kassiererin betet ihn an.«

»Wo war er heute morgen?«

»Ich weiß nicht. Jedenfalls nicht zu Hause. Die Concierge hätte es mir gesagt.«

Maigret verließ sein Büro und ging in eine kleine Bar an der Place Saint-Georges, wo er zwei hartgesottene Eier aß und ein Helles trank. Als er zurückkam, fand er einen Zettel auf seinem Pult. Der Wachtmeister hatte geschrieben:

Der Schutzmann Jullian hat um ein Uhr dreißig in der Rue Mansart, vor dem Haus Nr. 28, den Dion-Bouton stehen sehen. Im Wagen saß nur der Fahrer, auf den Ihre Beschreibung paßt. Er blieb etwa zehn Minuten in der Rue Mansart und fuhr dann in Richtung Rue Blanche davon.

Die Klingel unter der Wanduhr schlug an. Maigret fuhr hoch, öffnete die Polstertür. Der Kommissar war schon zurück. Maigret konnte die losen Seiten seines Rapports auf dem Schreibtisch ausgebreitet sehen. An den Rändern standen Vermerke in roter Schrift.

»Kommen Sie herein und setzen Sie sich, mein Lieber!«

Das war eine seltene Gunst. Der Kommissar ließ seine Mitarbeiter gern stehen.

»Sie haben mich sicher den ganzen Vormittag über verflucht?«

Auch er trug ein Jackett, doch dieses stammte vom besten Schneider an der Place Vendôme, und die Weste darunter war wie alle seine Westen in den zartesten Tönen gehalten.

»Ich habe Ihren Rapport nochmals gründlich durchgelesen. Übrigens ein ausgezeichneter Bericht. Ich glaube, das habe ich Ihnen schon gesagt. Ich hatte auch eine Unterhaltung mit Besson über Ihren Freund, den Flötisten.«

Maigret unterbrach ihn dreist:

»Haben Gendreau-Balthazars noch nicht angerufen?«

»Gewiß, aber nicht in dem Ton, den Sie vermuten. Richard Gendreau war reizend, auch wenn er sich ein klein wenig über Sie und Ihren Eifer mokiert haben mag. Sie waren wohl auf massive Beschwerden gefaßt, nicht wahr? Nun, das Gegenteil ist der Fall. Daß er Sie für noch sehr jung und überschwenglich hält, wird Sie ja nicht verwundern. Deshalb auch hat er sich das boshafte Vergnügen geleistet, Ihnen alle Türen zu öffnen.«

Stirnrunzelnd saß Maigret da, während sein Chef ihn mit einem leisen Lächeln beobachtete, einem Lächeln, dachte Maigret, das in seinen Kreisen den blasierten »Lebemann«, wie man damals sagte, kennzeichnete.

»Und jetzt sagen Sie mir eines, lieber Freund. Was hätten Sie denn heute morgen an meiner Stelle getan?«

Da Maigret stumm blieb, fuhr er fort:

»Einen Haussuchungsbefehl erlassen? Ich frage Sie: mit welchem Recht? Hat jemand Anzeige erstattet? Jedenfalls nicht gegen Gendreaus. Wurde jemand auf frischer Tat ertappt? Keineswegs. Ist ein Verletzter, eine Leiche vorhanden? Nicht daß ich wüßte. Dabei haben Sie heute nacht das Haus von oben bis unten durchsucht. Sie haben alle Bewohner gesehen, einige sogar in höchst notdürftiger Bekleidung.

Verstehen Sie mich richtig. Ich weiß ziemlich genau, was Ihnen seit heute früh durch den Kopf geht. Ich bin ein Freund der Familie Gendreau. Ich verkehre in ihrem Haus. Ich gehöre dem gleichen Club an wie sie. Ich bin sicher, Sie haben mich im stillen verflucht. Geben Sie es zu!«

»Immerhin liegen eine Aussage und eine Anzeige von Minard vor.«

»Auf den Flötisten komme ich gerade zu sprechen. Gegen halb zwei Uhr morgens hat er versucht, mehr oder weniger gewaltsam in ein Privathaus einzudringen, angeblich weil er Hilferufe gehört hatte.«

»Er hat gesehen…«

»Vergessen Sie nicht, daß er der einzige ist, der etwas gesehen haben will. Keiner der Nachbarn ist aufgeschreckt worden. Versetzen Sie sich jetzt einmal in die Lage des Butlers, der von Fußtritten gegen das Tor aufgeweckt wird.«

»Verzeihung, der Mann namens Louis war um halb zwei Uhr früh vollständig angezogen, samt Krawatte, und dabei brannte nirgends mehr Licht im Haus, als Minard klingelte.«

»Nun gut. Bedenken Sie aber, daß es wiederum Ihr Flötist ist, der behauptet, der Butler sei angekleidet gewesen. Und selbst wenn das stimmt: ist es ein Verbrechen? Minard wurde ziemlich brutal hinausgeworfen, gewiß. Aber wie würden Sie sich denn verhalten, wenn mitten in der Nacht ein Verrückter bei Ihnen eindringen und behaupten würde, Sie seien im Begriff, Ihre Frau zu ermorden?«

Er hielt Maigret sein goldenes Etui hin, und sein Sekretär mußte ihn vielleicht zum hundertsten Mal daran erinnern, daß er keine Zigaretten rauchte. Es mochte ein Tick bei ihm sein, eine Geste aristokratischer Herablassung.

»Betrachten wir die Sache jetzt einmal vom rein amtlichen Standpunkt aus. Sie haben ein Protokoll erstellt, und dieses muß den üblichen Dienstweg gehen, das heißt, es wird dem Polizeipräfekten vorgelegt, der entscheidet, ob es der Staatsanwaltschaft unterbreitet werden soll oder nicht. Auch die Anzeige des Flötisten gegen den Butler geht diesen Weg.«

Maigret starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an und dachte von neuem an seinen Rücktritt. Er wußte, was jetzt kam.

»Gendreau-Balthazars gehören zu den angesehensten Familien in Paris. Jedes kleine Skandalblatt würde sich mit Wonne auf den Fall stürzen, wenn auch nur die geringste Indiskretion begangen würde.«

»Ich verstehe«, bemerkte Maigret trocken.

»Und Sie finden mich ekelhaft, nicht wahr? Sie glauben, ich nehme diese Leute in Schutz, weil sie Macht besitzen oder weil sie meine Freunde sind.«

Maigret streckte die Hand nach den Papieren auf dem Schreibtisch aus. Er würde sie zerreißen, da dies doch offenbar von ihm erwartet wurde. Dann würde er in sein Büro zurückkehren und mit fester Hand, jawohl, sein Entlassungsgesuch schreiben.

»Und jetzt, mein lieber Maigret, habe ich noch eine Neuigkeit für Sie.«

Sonderbar. Die spöttische Stimme klang auf einmal liebevoll.

»Heute morgen, während ich Ihren Rapport las, und später, als ich mich mit Ihnen unterhielt, plagte mich etwas, das ich nicht zu deuten vermochte. Eine schwache Erinnerung. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bisweilen nicht auch so ergeht. Je mehr man sich etwas zu vergegenwärtigen sucht, um so mehr verflüchtigt es sich. Und doch wußte ich genau, daß es etwas Wichtiges war, ja daß es unter Umständen die ganze Sachlage verändern konnte. Beim Mittagessen fiel es mir wieder ein. Entgegen meiner Gewohnheit aß ich heute zu Hause, weil wir Gäste hatten.

Ich sah meine Frau an, und die Erinnerung stellte sich wieder ein. Was mich den ganzen Vormittag verfolgt hatte, war eine nebensächliche Bemerkung von ihr gewesen. Sie hatte irgend etwas gesagt … aber was? Plötzlich wußte ich’s. Ehe ich gestern das Haus verlassen hatte, hatte ich sie, wie ich es oft tue, gefragt:

›Was tust du heute nachmittag?‹

Meine Frau antwortete:

›Ich treffe mich zum Tee mit Lise und Bernadette im Faubourg Saint-Honoré.‹

Bernadette ist die Gräfin d’Estirau. Und Lise, das ist Lise Gendreau-Balthazar.«

Er verstummte, schaute Maigret an. Seine Augen glänzten.

»Jawohl, mein Lieber. Danach ging es nur noch darum zu wissen, ob Lise Gendreau gestern um fünf Uhr nachmittags tatsächlich im Salon Pihan gesessen und mit meiner Frau Tee getrunken hatte. Sie war dort, meine Frau hat es mir bestätigt. Kein einziges Mal hat Lise erwähnt, daß sie nach Anseval fahren wollte. Daraufhin habe ich Ihren Bericht noch einmal genau studiert.«

Maigrets Gesicht hatte sich aufgehellt. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, seine Freude bekunden.

»Moment! Keine voreiligen Schlüsse! Heute nacht fanden Sie das Zimmer dieser gleichen Lise Gendreau leer vor. Ihr Bruder erklärte, sie sei in Anseval.«

»Also …«

»Das beweist noch gar nichts. Richard Gendreau hat nicht unter Eid ausgesagt. Sie hatten keinerlei Befugnis, keinerlei Recht, ihn zu verhören.«

»Aber jetzt …«

»Auch jetzt nicht. Deshalb rate ich Ihnen …«

Maigret begriff nichts mehr. Erst wurden ihm Hoffnungen gemacht, dann kam die kalte Dusche. Es war ihm nicht klar, welche Haltung er einnehmen sollte. Er bekam einen roten Kopf. Er fand es demütigend, daß man ihn wie ein Kind behandelte.

»Haben Sie schon Pläne für Ihren Urlaub gemacht?«

Fast hätte er etwas Ungehöriges gesagt.

»Es ist mir bekannt, daß unsere Beamten meist lange im voraus wissen, wie sie ihre freien Tage und Wochenenden verbringen werden. Nun, mein Lieber, Sie können Ihren Urlaub schon heute antreten, wenn Sie wollen. Ich glaube sogar, es würde mein Gewissen beruhigen. Vor allem, wenn Sie nicht die Absicht hätten, Paris zu verlassen. Ein Polizeibeamter im Urlaub ist kein Polizeibeamter mehr. Er kann sich dann auch Handlungen erlauben, die sonst von seinen Vorgesetzten kaum gebilligt werden könnten.«

Ein neuer Hoffnungsschimmer. Aber die Angst blieb. Er machte sich auf den nächsten Widerruf gefaßt.

»Selbstverständlich hoffe ich, daß ich Ihretwegen keine Klagen zu hören bekomme. Falls Sie mir etwas mitteilen wollen oder irgendeine Auskunft brauchen, können Sie mich am Boulevard de Courcelles erreichen. Meine Privatnummer finden Sie im Telefonverzeichnis.«

Wieder öfinete Maigret den Mund, diesmal um zu danken, aber der Kommissar drängte ihn sachte zur Tür, schien sich dann plötzlich einer unbedeutenden Einzelheit zu entsinnen und bemerkte wie nebenbei:

»Übrigens steht Félicien Gendreau, der Vater, schon seit sechs oder sieben Jahren unter der Vormundschaft eines Familienrats, ganz wie ein unzurechnungsfähiges Kind. Der Sohn Richard leitet die Firma seit dem Tod seiner Mutter.

Und wie geht es Ihrer Frau? Hat sie sich in Paris und in ihrer neuen Wohnung gut eingelebt?«

Ein trockener Händedruck, dann stand Maigret wieder diesseits der gepolsterten Tür. Er war immer noch völlig verwirrt. Mechanisch schritt er auf sein schwarzes Pult zu. Sein Blick blieb an einer der Gestalten hängen, die jenseits der Schranke, die er die »Theke« nannte, auf der Bank saßen.

Es war Justin, der Flötist, diesmal jedoch nicht im Smoking, sondern in einem schwarzen Anzug, und ohne Gummimantel. Geduldig wartete er zwischen einem Clochard und einer dicken Frau, die unter ihrem grünen Schal einen Säugling stillte.

Der Musiker blinzelte ihm zu, wie um zu fragen, ob er an die Schranke treten dürfe. Maigret blinzelte zurück, ordnete seine Papiere und übergab einem Kollegen die laufenden Geschäfte.

»Urlaub!« verkündete er.

»Urlaub? Im April? Mit einem ausländischen Staatsoberhaupt am Hals?« wunderte sich der Kollege.

»Jawohl, Urlaub!«

Dem anderen schien einzufallen, daß Maigret frisch verheiratet war.

»Baby?« fragte er.

»Kein Baby.«

»Krank?«

»Nicht krank.«

Der Kollege musterte ihn besorgt, dann schüttelte er den Kopf.

»Na ja, das ist deine Sache. Schöne Ferien, trotzdem. Es gibt doch immer noch Glückspilze auf der Welt!«

Maigret ergriff seinen Hut, zog die Manschetten an —– er streifte sie immer ab, wenn er zur Arbeit kam — und ging durch die Schwingtür, die das Büro vom Warteraum trennte. Mit größter Selbstverständlichkeit erhob sieh Justin Minard von seiner Bank und folgte Maigret unaufgefordert und wortlos ins Freie.

Bekam er wirklich Prügel von seiner Frau, wie Besson erzählt hatte? Da ging er, sehr blond, sehr schmächtig, mit seinen rosigen Wangen und blauen Augen dicht hinter Maigret her, so wie ein verirrtes Händchen sich einem Passanten an die Fersen heftet.

Draußen schien die Sonne. Von allen Fenstern wehten Fahnen. Die Luft schien von Trommeln und Trompeten zu vibrieren. Die Menschen blickten fröhlich drein, und viele Männer marschierten im Taktschritt, was nach all den Militärparaden kein Wunder war.

Endlich kam der Flötist nach vorn.

»Hat man Sie entlassen?« fragte er schüchtern.

Er war offenbar überzeugt, daß ein Beamter ebenso leicht entlassen werden konnte wie ein Orchesterflötist, und er war unglücklich beim Gedanken, daß es eigentlich seine Schuld war.

»Man hat mich nicht entlassen. Man hat mich beurlaubt.«

»Ach!«

Dieses »Ach!« tönte betreten. Es drückte Befremden aus, schon fast Tadel.

»Man will Sie jetzt lieber nicht in der Nähe haben, ist es das? Ich nehme an, sie lassen die Sache fallen. Und meine Anzeige?«

Sein Ton wurde härter.

»Sie werden doch meine Anzeige nicht einfach unter den Tisch wischen? Das lasse ich mir nämlich nicht gefallen, soviel kann ich Ihnen jetzt schon sagen.«

»Die Anzeige wird weitergeleitet.«

»Um so besser! Zumal ich Neuigkeiten für Sie habe, oder jedenfalls eine Neuigkeit…«

Sie hatten die Place Saint-Georges erreicht, den stillen, ländlich wirkenden Platz mit seinem kleinen Bistro, wo es nach Weißwein roch. Ohne Zögern stieß Maigret die Tür auf. An diesem Nachmittag lag wirklich Ferienstimmung in der Luft. Der Zinkbelag der Theke war frisch poliert. Der Vouvray in den Gläsern schimmerte grünlich, und das machte durstig.

»Sie haben zwei Dienstmädchen im Haus gesehen, nicht wahr? Das sagten Sie mir selber.«

»Germaine und Marie«, bestätigte Maigret, »Madame Louis, die Köchin, nicht mitgerechnet.«

»Und ich sage Ihnen, es war nur eine da!«

Die Augen des Musikers strahlten vor kindlicher Freude. Mehr denn je glich er einem anhänglichen Hund, aber jetzt war es ein Hund, der seinem Meister ein Stück Holz appertierte.

»Ich habe mit der Milchhändlerin an der Rue Fontaine gesprochen, gleich neben dem Tabakladen an der Ecke. Sie bringt Gendreaus die Milch ins Haus.«

Überrascht, etwas verlegen auch, starrte Maigret ihn an. Er mußte an Carmen und ihre Prügel denken.

»Das ältere Mädchen, Germaine, ist seit Samstag auf dem Land, wo ihre Schwester ein Kind erwartet. Tagsüber habe ich immer frei, verstehen Sie?«

»Und Ihre Frau?«

»Das tut nichts zur Sache«, wiederholte Minard mit einem Anflug von Ungeduld. »Ich dachte mir, ich könnte Ihnen vielleicht da und dort behilflich sein, falls Sie die Untersuchung weiterführen. Meist sind die Leute nett zu mir. Ich weiß eigentlich auch nicht, warum.«

»Außer Carmen«, dachte Maigret.

»Jetzt spendiere ich aber eine Runde. Doch! Daß ich selber nur Erdbeerlimonade trinke, will schließlich nicht heißen, daß ich nicht auch eine Runde bezahlen kann. Das mit dem Urlaub ist ein Bluff, oder?«

Ob man ein Berufsgeheimnis verriet, wenn man mit den Augen zwinkerte?

»Wenn nein, würden Sie mich nämlich enttäuschen. Ich kenne diese Leute nicht, ich habe persönlich nichts gegen sie. Aber ihr Louis hat eine Mördervisage, und gelogen haben sie auch.«

Ein kleines Mädchen in einem roten Kleid verkaufte frische Mimosen aus Nizza, und Maigret kaufte einen Strauß für seine Frau, weil sie die Côte d’Azur nur von einer farbigen Ansichtskarte her kannte, auf welcher die Engelsbucht abgebildet war.

»Sie brauchen mir nur zu sagen, was ich tun soll. Und seien Sie ganz unbesorgt, ich werde Ihnen keine Scherereien machen. Ich bin es so gewohnt, den Mund zu halten!«

Seine Augen flehten. Am liebsten hätte er Maigret noch einen Vouvray spendiert, um ihn zu überzeugen, aber er wagte es nicht.

»In diesen Häusern wird immer viel Schmutz unter den Teppich gekehrt. Nur bleibt er nicht, jedermann verborgen Die meisten Dienstboten reden zuviel, und die Lieferanten wissen ziemlich genau Bescheid.«

Mechanisch und ohne zu bedenken, daß er damit ein Bündnis mit dem Flötisten besiegelte, erklärte Maigret:

»Mademoiselle Gendreau ist nicht in Anseval, wie ihr Bruder behauptete.«

»Wo ist sie?«

»Da Germaine, die Kammerzofe, nicht im Haus war, war es vermutlich Lise Gendreau, die ich in der Mansarde im Nachthemd sah.«

Die Vorstellung war ihm peinlich. Er hatte seine Jugend im Schatten eines Schlosses verbracht, als Sohn des Verwalters. Das hatte ihn die Großen, die Reichen achten gelehrt, wenn auch wider Willen. Merkwürdigerweise schien jetzt auch der Flötist verlegen zu sein; eine ganze Weile blieb er stumm und starrte auf seine Erdbeerlimonade.

»Glauben Sie das wirklich?« fragte er endlich bedrückt.

»Jedenfalls befand sich eine Frau im Nachthemd in jenem Zimmer. Eine üppige Person, die säuerlich roch.«

Auch das störte ihn, als ob die Töchter aus gutbürgerlichem Hause, deren Name in großen Lettern an den Wänden der Metro prangen, nicht ebenso säuerlich hätten riechen können wie die Mädchen vom Land.

So hingen beide Männer ihren Gedanken nach, jeder vor seinem Glas, im Duft von Mimosen, Weißwein und Erdbeerlimonade, einen Sonnenstrahl im Nacken. Maigret fuhr zusammen, als ihn die Stimme seines Gefährten in die Wirklichkeit zurückrief und im natürlichsten Ton der Welt fragte:

»Was machen wir jetzt?«

Père Paumelle und seine Runden

Den Inspektoren wird nahegelegt, stets über einen Frack, einen Smoking sowie einen dunklen Anzug zu verfügen, ohne die es unmöglich ist, sich in gewissen Gesellschaftskreisen Zutritt zu verschaffen.

Das stand in den Vorschriften, die er so gut auswendig wußte wie ein Erstkommunikant seinen Katechismus. Aber die Vorschriften mußten allzu optimistisch abgefaßt werden sein. Oder aber man mußte den Ausdruck »in gewissen Gesellschaftskreisen« in höchst einschränkendem Sinn verwenden.

Mit der Absicht, sich Zutritt zu den Kreisen zu verschaffen, in denen Gendreaus verkehrten, im Club Hoche, zum Beispiel, oder im Club Haussmann, hatte er am Vorabend seinen Frack anprobiert. Eine Bemerkung seiner Frau hatte genügt, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen.

»Schön siehst du aus, Jules!« hatte sie gerufen, während er sich im Schrankspiegel betrachtete.

Sie meinte es keineswegs ironisch, das hätte sie sich nicht erlaubt. Sie meinte es sicher ehrlich. Dennoch lag in ihrem Tonfall, ihrem Lächeln etwas, das er nicht zu deuten vermochte und das ihn davon abhielt, den jungen clubman spielen zu wollen.

Auf der Place de la Bastille erscholl im Fackelschein der Zapfenstreich. Sie lehnten beide am Fenster, und je kühler die Nacht sie umfing, um so schwerer fiel es Maigret, seine Zuversicht zu bewahren.

»Weißt du, wenn ich Glück habe, kann ich sozusagen fest damit rechnen, daß sie mich gleich an den Quai des Orfévres versetzen. Und wenn ich erst einmal dort bin …«

Konnte er sich etwas Besseres wünschen? Gab es überhaupt etwas Besseres als der Sûreté anzugehören, vielleicht sogar der berühmten Chefbrigade, wie man damals die Mordkommission nannte?

Um dieses Ziel zu erreichen, genügte es, wenn er diese eine Untersuchung mit Erfolg zu Ende führte, und das bedeutete, daß er die verborgensten Geheimnisse einer Luxusvilla an der Rue Chaptal aufdecken mußte, ohne Aufsehen zu erregen.

Er hatte unruhig geschlafen und schon beim Erwachen um sechs Uhr morgens von neuem Grund gehabt, mit einer gewissen Ironie an sein »Handbuch« zu denken.

Eine Mütze, ein Halstuch, eine abgetragene Jacke bilden erfahrungsgemäß eine sehr wirkungsvolle Verkleidung.

Diesmal hatte Madame Maigret nicht gelächelt, während er sich im Spiegel betrachtete. Fast gerührt hatte sie gesagt:

»Nächsten Monat mußt du dir unbedingt einen neuen Anzug kaufen.«

Sehr subtil. Mit anderen Worten: Sein alter Rock war nicht viel »abgetragener« als sein sogenannter guter Anzug. Also brauchte er sich gar nicht erst zu verkleiden.

So kam es, daß er sich am Ende seinen Kragen und seine Krawatte umband und seinen steifen Hut aufsetzte.

Es war immer noch herrliches Wetter, als wäre es eigens für den Souverän bestellt werden, der an diesem Vormittag nach Versailles fahren sollte. Hundert-, zweihunderttausend Pariser hatten sich schon auf den Weg zur königlichen Residenzstadt gemacht, und die berühmten Gärten würden an diesem Abend mit Butterbrotpapier und leeren Weinflaschen übersät sein.

Justin Minard dagegen würde mit der Bahn nach Conflans fahren und versuchen, Germaine zu finden, die seltsame Kammerzofe aus dem Hause Gendreau.

»Wenn ich sie erst einmal aufgestöbert habe«, hatte er mit seiner entwaffnenden Kindlichkeit gesagt, »dann erzählt sie mir sicher auf der Stelle alles, was sie weiß. Ich kann es mir selber nicht erklären, aber die Leute haben immer das Bedürfnis, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen.«

Es war sieben Uhr morgens, als Maigret auf seine Weise von der Rue Chaptal Besitz ergriff, und er beglückwünschte sich zu seinem Entschluß, auf Mütze und Halstuch zu verzichten, denn der erste Mensch, dem er begegnete, war ein Polizist vom Kommissariat, der ihn als »Monsieur Maigret« begrüßte.

Es gibt Straßen, in deren Gewirr von Menschen, Läden und Cafés sich ein Einzelner postieren kann, ohne aufzufallen. Die Rue Chaptal gehört nicht zu dieser Sorte. Sie ist kurz und breit; es gibt hier keine Geschäfte und nur wenig Verkehr.

In der Villa Gendreau-Balthazar waren alle Vorhänge geschlossen, und mit den meisten anderen Fenstern längs der Straße verhielt es sich ebenso. Maigret blieb bald an der einen Ecke, bald an der anderen stehen. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, und als das erste Dienstmädchen aus einem der Häuser trat, um zum Milchhändler neben dem Tabakladen, Ecke Rue Fontaine, zu gehen, bildete er sich ein, daß sie ihn argwöhnisch musterte und ihre Schritte beschleunigte.

Es war die schlechteste Stunde des Tages. Trotz der Sonne war die Luft immer noch kühl, und Maigret war ohne Mantel ausgegangen, da es bald warm werden würde. Die Gehsteige lagen völlig verlassen da. Der Tabakladen an der Ecke wurde erst um halb acht geöffnet, und Maigret trank dort einen Kaffee, der so schlecht war, daß es ihm den Magen umdrehte.

Wieder ein Mädchen mit einer Milchkanne, dann noch eines. Sie sahen aus, als kämen sie schnurstracks aus den Bett und hätten sich noch nicht gewaschen. Da und dort wurden Jalousien hochgezogen, Frauen mit Lockenwicklern schauten auf die Straße hinaus und beobachteten ihn ausnahmslos mit Mißtrauen. Bei Gendreaus rührte sich immer noch nichts. Erst um ein Viertel nach acht bog ein Chauffeur in enganliegender schwarzer Livree in die Straße ein, ging auf das Haus zu und klingelte.

Ein Glück, daß der »Vieux Calvados« eben geöffnet worden war! Es war weit und breit der einzige Zufluchtsort. Er lag an der Ecke der Rue Henner, der Villa Gendreau fast direkt gegenüber, und Maigret hatte gerade noch Zeit, hineinzuschlüpfen.

Ein Louis in gestreifter Weste öffnete das Portal. Er wechselte ein paar Worte mit dem Chauffeur. Das Tor blieb offen. Wahrscheinlich würde es den ganzen Tag geöffnet bleiben. Durch die Einfahrt konnte man einen übersonnten Hof sehen, grüne Büsche, eine Garage. Hufgeklapper ließ vermuten, daß es irgendwo auch Ställe gab.

»Möchten Sie eine Kleinigkeit essen?«

Ein sehr dicker Mann mit einem sehr roten Gesicht und winzigen Augen, musterte Maigret in aller Seelenruhe. Maigrets Nerven flatterten.

»Wie wär’s mit ein paar Scheiben Wurst und einem Glas Most? Das ist immer noch das Beste gegen einen Kater.«

Damit begann der Tag — einer jener Tage, die Maigret in seinem späteren Leben noch oft auf ähnliche Weise verbringen sollte, damals aber wie im Traum erlebte.

Schon allein das Lokal war ziemlich ungewöhnlich. In dieser Straße, wo es nur Villen und Miethäuser gab, wirkte der »Vieux Calvados« wie ein Landgasthof, den man versehentlich stehen gelassen hatte, als Paris sich nach dieser Seite hin auszubreiten begann. Das Haus war niedrig und schmal. Über eine Stufe gelangte man in einen eher dunklen, sehr kühlen Raum, wo die Zinktheke nur selten einen Sonnenstrahl widerspiegelte und die Flaschen seit ewigen Zeiten an ihrem Platz festgefroren schienen.

Auch der Geruch war eigenartig. Das mochte mit der Falltür im Fußboden zusammenhängen, die in den Keller führte.

Ein säuerlicher Hauch stieg von dort auf, Most und Calvados, alte Fässer, Schimmel. Dazu kamen die Gerüche aus der Küche. An der Hinterwand führte eine Wendeltreppe ins Obergeschoß. Das Ganze wirkte wie eine Theaterkulisse, und der Wirt kam und ging wie ein Schauspieler auf seinen kurzen Beinen, mit seinem dicken Bauch, seiner eigensinnigen Stirn und den funkelnden kleinen Augen.

Was blieb Maigret anderes übrig als anzunehmen, was ihm aufgetischt wurde? Er hatte noch nie Most zum Frühstück getrunken. Es war eine neue Erfahrung, und wider Erwarten wurde ihm warm davon.

Er empfand das Bedürfnis, seine Anwesenheit zu rechtfertigen.

»Ich warte auf einen Bekannten«, sagte er.

»Ist ja egal!«

Oder sollte das Zucken der fetten Schultern etwa besagen: »Ist ja gar nicht wahr!«?

Denn in den Augen des dicken Mannes lag Spott, so viel Spott, daß Maigret schon nach kurzer Zeit ein ausgesprochenes Unbehagen empfand.

Auch der Wirt aß an der Theke. Er verschlang dicke Wurstscheiben, und der Krug Most, den er vom Faß im Keller gezapft hatte, war eine Viertelstunde später leer.

Drüben bei Gendreaus konnte man den Chauffeur im Hof werken sehen. Er hatte seine Jacke abgelegt und wusch mit dem Schlauch ein Auto, von dem man nur die Vorderräder sah. Es war kein Dion-Bouton, sondern eine schwarze Limousine mit großen, kupfernen Scheinwerfern.

Nach wie vor kam selten ein Fußgänger vorbei, dann und wann ein Angestellter auf dem Weg zur Metro, ein Dienstmädchen oder eine Hausfrau, die an der Rue Fontaine einkaufen ging.

Niemand kehrte im »Vieux Calvados« ein. Dafür kam auf der Wendeltreppe, Füße voran in roten Pantoffeln, eine gewaltige Frau zum Vorschein, die wortlos in der Küche verschwand.

Die mit einer Überwachung betreuten Beamten sind nicht mehr unabhängig. Ihre Handlungen werden durch die des überwachten Individnums diktiert.

Vorhänge wurden im ersten Stock beiseitegeschoben, dort, wo Richard Gendreaus Schlafzimmer lag. Mittlerweile war es neun Uhr geworden. Der Wirt vom »Vieux Calvados« bewegte sich schwerfällig durch den Schankraum, einen Lappen in der Hand, offensichtlich darauf bedacht, einem Gespräch auszuweichen.

»Es scheint, man läßt mich warten«, sagte Maigret, um sich Haltung zu geben.

Es war keine Bar, eher eine Stammkneipe. Auf den Tischen lagen rot-weiß karierte Tücher vom gleichen Stoff wie die Vorhänge. Durch die Tür, die in die Küche führte, drangen appetitliche Düfte, und man hörte, wie die Kartoffeln, die dort offenbar geschält wurden, eine nach der anderen in einen Wassereimer plumpsten.

Weshalb wohl sprachen der Wirt und seine Frau nicht miteinander? Seitdem die Frau heruntergekommen war, schienen alle beide, oder vielmehr alle drei, eine seltsame Pantomime aufzuführen.

Der Wirt rich seine Gläser blank, seine Flaschen, die Zinkplatte auf der Theke. Dann musterte er unschlüssig eine Reihe von Tonkrügen und holte schließlich einen herunter. Ohne Maigret zu fragen, goß er zwei Gläser voll, deutete auf die Uhr, die neben einem Reklamekalender an der Wand hing, und erklärte lakonisch: »Genau der richtige Moment.«

Seine Äuglein lauerten auf Maigrets Reaktion beim ersten Kontakt mit seinem Calvados. Er selbst schnalzte mit der Zunge, nahm den Lappen wieder in die Hand, den er an seinem Hosenträger befestigte, wenn er ihn nicht benutzte.

Um halb zehn zog der Chauffeur drüben im Hof seine Jacke wieder an. Bald darauf hörte man, wie der Motor angelassen wurde. Das Auto fuhr im Torbogen vor. Wenige Minuten später stieg Richard Gendreau ein. Er trug einen grauen Anzug und eine Nelke im Knopfloch.

War der Wirt nur ein mürrischer Trottel? Oder hatte er im Gegenteil schon alles erraten? Er folgte dem vorüberfahrenden Auto mit den Blicken, sah Maigret an, stieß einen kleinen Seufzer aus und machte sich wieder an die Arbeit.

Um Viertel vor zehn begab er sich wieder hinter die Theke, ergriff einen neuen Krug, füllte wortlos zwei Gläser und schob seinem Gast eines hin.

Erst später am Tag sollte Maigret entdecken, daß dies ein Ritual war, vielleicht auch eine Manie. Jede halbe Stunde gab’s ein Gläschen Calvados, was die Kupfernase und den wässerigen Blick des Wirtes erklärte.

»Vielen Dank, aber …«

Nein, man konnte unmöglich ablehnen. Etwas so Gebieterisches lag in den kleinen Augen, die Maigret fixierten, daß er den Schnaps lieber gleich hinuntergoß, obwohl er sich schon leicht benebelt fühlte.

Um zehn Uhr fragte er:

»Gibt es hier ein Telefon?«

»Oben, neben den Toiletten.«

Maigret kletterte die Wendeltreppe hinauf und kam in einen kleinen Raum, wo nur vier Tische mit karierten Tüchern standen. Die Decke war niedrig. Die Fenster reichten vom Fußboden bis zur Decke.

Balthazar-Café … Avenue de l’Opéra … Lager … Quai de Valm’y … Direktion … Rue Auber …

Er rief die Rue Auber an.

»Ist Monsieur Richard Gendreau zu sprechen?«

»Wer ist am Apparat?«

»Sagen Sie, Louis sei am Telefon.«

Gleich darauf hörte er Gendreaus Stimme.

»Hallo! Louis?«

Es klang besorgt. Maigret hängte auf. Durch das Fenster konnte er den Butler in seiner gestreiften Weste sehen. Er hatte sich auf dem Gehsteig häuslich niedergelassen und rauchte geruhsam eine Zigarette. Aber er blieb nicht lange. Er mußte das Telefon läuten gehört haben.

Sein Chef war beunruhigt und rief ihn an.

Sehr gut. Richard Gendreau war also in seinem Büro, wo er offenbar jeweils den größten Teil des Tages verbrachte. Louis kam nicht wieder zum Vorschein, doch das Hoftor blieb offen.

An einem Fenster im zweiten Stock wurden die Vorhänge zurückgezogen, und ein sehr junges Gesicht tauchte im Rahmen auf. Es war Marie, das junge Dienstmädchen. Sie hatte eine spitze Nase, einen Hals wie ein gerupfter Vogel, und auf dem wirren Haarschopf balancierte ein hübsches Spitzenhäubchen. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine kokette Sdhürze, wie Maigret sie bisher nur im Theater gesehen hatte.

Er fürchtete, den Argwohn des Wirtes zu erregen, wenn er zu lange oben blieb. So ging er hinunter, gerade zur rechten Zeit, um den dritten Calvados ebenso gebieterisch wie die früheren vorgesetzt zu bekommen. Mit dem Glas wurde ihm eine Untertasse hingeschoben, auf der eine Portion Wurstscheiben lag.

»Ich bin aus Pontfarcy«, bemerkte der dicke Mann.

Er sprach den Namen so feierlich aus, daß man dahinter gleich eine geheimnisvolle Bedeutung witterte. Ob das die Wurst erklärte? Ob die Bürger von Pontfarcy die Gewohnheit hatten, jede halbe Stunde ein Glas Calvados zu trinken?

»Bei Vire«, ergänzte der Wirt.

»Kann ich nochmal telefonieren?«

Es war noch nicht halb elf, und schon fühlte er sich mit den Örtlichkeiten vertraut. Eine angenehme, geradezu heitere Stimmung überkam ihn. Wie lustig, dieses Fenster vom Boden bis zur Decke! Wenn man von der Straße hereinschaute, konnte man die Gäste von unten sehen.

»Hallo! Ist dies die Residenz von Monsieur Gendreau-Balthazar?«

Diesmal antwortete die Stimme des finsteren Louis.

»Kann ich Mademoiselle Gendreau sprechen, bitte?«

»Mademoiselle ist nicht da. Wer ist am Apparat?«

Wie zuvor legte Maigret den Hörer auf und kehrte in den Schankraum zurück, wo der Wirt, bedächtiger denn je, das Tagesmenü auf eine Schiefertafel schrieb, vor jedem Wort eine nachdenkliche Pause einschaltend.

Viele Fenster längs der verlassenen Straße standen jetzt offen, und viele kleine Teppiche wurden geklopft. Eine alte Dame in Schwarz mit einem malvenfarbenen Hutschleier führte ein Hündchen spazieren, das an jedem Türpfosten das Hinterbein hob, aber nichts von sich gab.

Mit gezwungenem Lachen erklärte Maigret:

»Ich glaube, mein Freund hat unsere Abmachung vergessen.«

Was mochte der andere denken? Hatte er erraten, daß Maigret von der Polizei war?

Um elf Uhr spannte drüben ein Kutscher einen Braunen vor eine Kalesche. Aber der Kutscher hatte das Haus nicht durch den Torbogen betreten. Vermutlich schlief er auch nicht in der Villa. Folglich mußte das Haus einen zweiten Eingang haben.

Eine Viertelstunde später kam Félicien Gendreau aus dem Haus. Er trug einen Straßenanzug, gelbe Handschuhe, einen beigefarbenen Hut, seinen Spazierstock und einen tadellos gewachsten Schnurrbart. Der Kutscher half ihm in den Wagen, dann fuhr das Coupé in Richtung Rue Blanche davon. Der alte Herr machte wohl eine Runde durch den Bois de Boulogne, ehe er in seinem Club frühstückte.

… den Inspektoren wird nahegelegt, stets über einen Frack, einen Smoking sowie einen dunklen Anzug zu verfügen

Bitter lächelnd betrachtete sich Maigret im Spiegel zwischen den Flaschen. Warum nicht auch gelbe Handschuhe? Und einen Spazierstock mit Goldknauf? Und helle Gamaschen über den Lackschuhen?

Zum Teufel, wenn das nicht Pech war! Sein erster Fall! Er hätte ja in Ausübung seiner Pflicht in irgendwelche Kreise eindringen können, bei Kleinbürgern, Händlern, Lumpensammlern, Clochards. Nichts leichter als das, dachte er. Aber diese Villa, dieses Tor, das ihn mehr beeindruckte als ein Kirchenportal, diese Säulenhalle, ja sogar der Hof, wo man für einen der Herren eine Limousine blankrieb, ehe man für den zweiten ein Rassepferd vor den Wagen spannte …

Calvados! Das war das einzige, was ihm blieb. Er würde durchhalten bis zum Ende. Er würde sich an den »Vieux Calvados« klammern, so lange es notwendig war.

Madame Louis hatte er nicht gesehen. Wahrscheinlich ging sie nicht jeden Morgen auf den Markt, wahrscheinlich hatte sie Vorräte im Haus. Wo die Herren mittags ohnehin auswärts speisten.

Justin Minard hatte Glück. Er war jetzt auf dem Land. Er beschäftigte sich mit Germaine Baboeuf —- den Namen hatten sie von der Milchfrau erfahren —, und die war bei ihrer Schwester, in einem zweifellos blitzsauberen Häuschen mit einem Garten, wo Hühner gackerten.

»Aber Ihre Frau?«

»Tut nichts zur Sache.«

Er mußte an Madame Maigret denken, die beschlossen hatte, an diesem Tag die Wohnung gründlich reinzumachen.

»Wozu?« hatte er ihr gesagt. »Wir werden ja doch nicht lange hier wohnen. Sicher finden wir bald etwas Besseres in einem angenehmeren Quartier.«

Er ahnte nicht, daß sie dreißig jahre später immer noch am Boulevard Richard-Lenoir hausen würden, wenn auch etwas bequemer, da sie zu jenem Zeitpunkt auch über die benachbarte Wohnung verfügten.

Um halb zwölf erschienen die ersten Gäste im »Vieux Calvados«. Maler in weißen Kitteln, die sich hier offenbar heimisch fühlten, denn einer begrüßte den Wirt vertraulich mit: »Salut, Paumelle!«

Sie bestellten einen Aperitif und tranken ihn im Stehen, während sie das Menü auf der Schiefertafel studierten. Dann ließen sie sich an einem Fenstertisch nieder.

Mittags waren alle Tische besetzt. Immer wieder tauchte Madame Paumelle mit Tellern und Schüsseln aus ihrer Küche auf, während ihr Mann sich um die Getränke kümmerte, wobei er ständig zwischen Keller, Schankraum und Obergeschoß pendelte. Die meisten Gäste waren Arbeiter von den benachbarten Baustellen, aber Maigret sah auch zwei Kutscher, deren Droschken vor dem Haus standen.

Er hätte gern Le Bret angerufen und ihn um Rat gebeten. Er hatte zuviel gegessen, zuviel getrunken. Er war schläfrig, und wäre er jetzt statt des Flötisten an der Oise gewesen, so hätte er sich ein Nickerchen gestattet, im Gras, unter einem Baum, eine Zeitung auf dem Gesicht.

Er begann an sich selber zu zweifeln, schlimmer noch, er zweifelte plötzlich an seinem Beruf, empfand ihn sogar als sinnlos. War das denn eine Männerarbeit, wenn man einen ganzen Tag in einem Bistro hockte und ein Haus beschattete, in dem nichts passierte? Die Menschen, die hier saßen, hatten alle ihre Aufgabe. In der ganzen Stadt liefen die Leute wie Ameisen umher, aber wenigstens wußten sie, wohin sie liefen.

Kein Mensch mußte zum Beispiel alle halben Stunden ein Glas Calvados austrinken, noch dazu mit einem dicken Burschen, der einen immer glasiger anblickte und immer komischer anlächelte.

Paumelle amüsierte sich auf seine Kosten, das stand fest. Und was konnte er, Maigret, dagegen tun? Sich draußen auf dem Gehsteig aufpflanzen, an der prallen Sonne, in Sichtweite all der zahllosen Fenster längs der Straße?

Die Vorstellung rief eine unangenehme Erinnerung wach. Das peinliche Erlebnis, damals, hatte ihn um ein Haar bewogen, seinen Polizistenberuf aufzugeben. Es waren noch keine zwei Jahre her. Man hatte ihn im »Straßendienst« eingesetzt, und seine Hauptaufgabe bestand darin, daß er in der Metro nach Taschendieben fahndete.

Eine Mütze, ein Halstuch, eine abgetragene jacke bilden

Zu jener Zeit glaubte er noch daran. Im Grunde glaubte er immer noch daran. Die Geschichte trug sich vor dem Warenhaus Samaritaine zu. Er stieg die Treppe der Metro hinauf. Genau vor ihm schnitt ein Mann in steifem Hut mit einer flinken Bewegung die Kordel am Beutel einer alten Dame durch. Maigret stürzte sich auf ihn, entriß ihm den schwarzen Samtbeutel, versuchte den Mann festzuhalten. Der begann zu schreien:

»Haltet den Dieb!«

Worauf die Menge mit den Fäusten auf Maigret losging, während der Herr im steifen Hut sich unauffällig verdrückte.

Er war jetzt so weit gekommen, daß er sogar an seinem Freund Justin Minard zu zweifeln begann. Jemand hatte das Fenster im zweiten Stock vielleicht aufgestoßen, vielleicht auch nicht. Und wenn schon! Jeder Mensch hat das Recht, mitten in der Nacht sein Fenster zu öffnen. Es gibt Leute, die nachtwandeln, die zu schreien anfangen …

Im »Vieux Calvados« war es stiller geworden. Den ganzen Vormittag über hatten der Wirt und seine Frau kein Wort miteinander gewechselt. Jeder verrichtete seine Arbeit stumm wie in einem gut einstudierten Ballett.

Dann aber, um zwei Uhr fünfundzwanzig, ereignete sich endlich etwas. Ein Wagen fuhr langsam die Straße entlang. Es war ein grauer Dion-Bouton, und der Fahrer trug einen Ziegenpelz und eine große Autobrille.

Das Auto hielt vor Gendreaus Haus nicht an. Es fuhr langsam daran vorbei, und Maigret konnte sehen, daß niemand im Fond saß. Als er zum Fenster lief, konnte er auch die Nummer erkennen: B. 780.

Der Wagen bog in die Rue Fontaine ein. Nachlaufen war sinnlos. Klopfenden Herzens blieb Maigret am Fenster stehen, und da, kaum fünf Minuten später, fuhr das gleiche Auto wieder im Schrittempo vorbei…

Als er sich umdrehte, stand Paumelle hinter der Theke und beobachtete ihn interessiert. Nichts in seinem Gesicht verriet, was er dachte. Wortlos füllte er zwei Gläser und schob das eine seinem Gast hin.

Das Auto kehrte nicht mehr zurück. Um diese Zeit huschten wohl gerade die Balletteusen von der Opéra als Nymphen durch die Gärten von Versailles, zum Entzücken all der Herren in Galauniform und Frack, im Gewimmel von hunderttausend Zuschauern, die einander gegenseitig erdrückten, Kindern, die auf Schultern gehoben wurden, roten Luftballons, Kokosnußverkäufern, Papierfähnchen.

Die Rue Chaptal dagegen döste vor sich hin. Selten nur fuhr eine Droschke vorbei, und der Hufschlag der Pferde klang gedämpft auf dem hölzernen Pflaster.

Um zehn vor vier trat Louis aus dem Haus. Er trug einen schwarzen Rock über der gestreiften Weste und einen schwarzen Hut. Im Torbogen blieb er einen Augenblick stehen, zündete sich eine Zigarette an, atmete den Rauch ein uhd stieß ihn lässig wieder aus, bewegte sich dann gemächlich auf die Rue Fontaine zu und verschwand in dem Tabakladen an der Ecke.

Bald darauf kam er wieder heraus und kehrte zur Villa zurück. Sekundenlang verweilte sein Blick auf dem Schild des »Vieux Calvados«. Draußen war es zu hell und innen zu dunkel, als daß er den Sekretär des Kommissariats Saint-Georges hätte erkennen können.

Wartete er auf jemanden? War er unschlüssig, was er tun sollte? Er ging bis zur Ecke der Rue Blanche, schien dort jemand zu entdecken, den Maigret nicht sehen konnte, und war gleich darauf verschwunden.

Maigret wollte ihm folgen, doch dann hatte er Hemmungen. Er spürte den verschwommenen Blick des Wirtes auf sich ruhen. Er hätte eine Erklärung finden müssen, fragen, was er schuldete, Kleingeld wechseln, und bis er die Rue Blanche erreicht hätte, wäre der Butler bestimmt schon längst über alle Berge gewesen.

Er hatte eine andere Idee: ruhig seine Rechnung bezahlen, sich die Abwesenheit des Butlers zunutze machen und drüben klingeln und dann nach Mademoiselle Gendreau fragen, oder einfach nach der kleinen Marie.

Er tat weder das eine noch das andere. Noch während er nachdachte, bog eine Droschke in die Rue Chaptal ein. Unter seiner Ledermütze hervor betrachtete der Kutscher prüfend die Hausnummern und hielt unmittelbar neben der Villa Gendreau an. Er stieg nicht vom Bock. Offenbar hatte er bestimmte Anweisungen bekommen. Das Fähnchen an seiner Taxuhr war nach unten geklappt.

Zwei, drei Minuten verstrichen. Im Torgewölbe tauchte Maries Mausgesicht auf. Sie trug immer noch ihr Schürzchen und das Spitzenhäubchen. Sie kehrte ins Haus zurück, kam mit einer Reisetasche wieder heraus, blickte die Straße hinauf und hinunter und trat auf den Wagen zu.

Durch die Fensterscheibe konnte Maigret nicht hören, was sie dem Kutscher sagte. Der Mann beugte sich von seinem Sitz hinab, hob die Tasche, die nicht schwer sein konnte, hoch und stellte sie neben sich auf den Bock.

Munter hüpfend kehrte Marie ins Haus zurück. Sie war so schlank und so zierlich, daß es schien, sie müsse unter der Last ihrer Haare zusammenbrechen.

Sie verschwand, und gleich darauf erschien eine neue Gestalt, eine Frau oder vielmehr ein junges Mädchen, groß, üppig. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm und einen blauen Hut mit einem weißen, großgepunkteten Schleier.

Maigret wurde rot. Warum? Etwa weil er die junge Frau im Nachthemd erblickt hatte, in einem unaufgeräumten Dienstbotenzimmer?

Daß dies kein Dienstmädchen war, sah ein Blinder. Es konnte nur Lise Gendreau sein, die jetzt trotz ihrer Eile sehr würdevoll und mit leicht wiegenden Hüften die Droschke bestieg.

Maigret war so verwirrt, daß er fast vergessen hätte, sich die Wagennummer zu merken: 48. Er notierte sie und wurde wieder rot, als er Paumelles Blick begegnete.

»Das wär’s«, seufzte dieser, indem er sich nach einem neuen Krug umsah.

»Was wäre was?«

»So geht’s eben bei den sogenannten besseren Leuten zu.«

Er schien innerlich zu jubeln, brachte aber trotzdem kein Lächeln zustande.

»Das ist es, worauf Sie gewartet haben, wie?«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Verächtlich stellte der Wirt ein Glas vor Maigret hin. Seine Miene schien zu sagen: »Sie sind mir ein schöner Geheimniskrämer!«

Um sich seine Gunst nicht ganz zu verscherzen, bemerkte Maigret einlenkend:

»Das war Mademoiselle Gendreau, nicht wahr?«

»Balthazar-Kaffee, jawohl, Monsieur. Und ich glaube, wir werden sie in unserer Straße nicht so bald wiedersehen.«

»Sie meinen, sie ist abgereist?«

Paumelles Gesicht verfinsterte sich. Er schien seinen jungen Gast mit dem ganzen Gewicht seiner fünfzig oder sechzig Jahre, mit all den Gläschen, die er mit Menschen aller Art getrunken hatte, mit seinem Wissen um alle Geheimnisse des Quartiers erdrücken zu wollen.

»Für wen arbeiten Sie?« fragte er plötzlich.

»Ich? Aber … ich arbeite für niemanden.«

Ein Blick nur, aber er sagte deutlicher als Worte: »Du lügst«. Dann, achselzuckend:

»Ist ja egal.«

»Was dachten Sie denn?«

»Sie haben sich schon früher im Quartier herumgetrieben, geben Sie’s zu!«

»Ich schwöre Ihnen …«

Es war die Wahrheit. Er empfand das Bedürfnis, seine Ehrlichkeit zu beweisen. Der andere musterte ihn gelassen, schien zu überlegen, dann seufzte er:

»Ich hatte Sie für einen Freund des Grafen gehalten.«

»Welches Grafen?«

»Das spielt keine Rolle mehr, jetzt, wo es nicht wahr ist. Sie haben den gleichen Gang, die gleiche Art, in bestimmten Momenten die Schultern hochzuziehen.«

»Sie glauben, Mademoiselle Gendreau ist zu einem Grafen gefahren?«

Paumelle antwortete nicht, weil er Louis beobachtete, der eben wieder an der Ecke der Rue Fontaine aufgetaucht war. Er mußte um den ganzen Häuserblock gewandert sein. Er blickte heiterer als noch vor einer halben Stunde. Er schien wirklich nur zu spazieren, den Sonnenschein zu genießen und an nichts anderes zu denken. Nach einem Blick in die schnurgerade, verlassene Rue Chaptal betrat er von neuem die Tabakbar an der Ecke, ein Mann, der sich einen wohlverdienten Schluck Weißwein gönnt.

»Kommt er manchmal hierher?«

Ein Nein, trocken, kategorisch.

»Er hat eine unsympathische Visage.«

»Es gibt viele Leute, die eine unsympathische Visage haben, aber das läßt sich nun einmal nicht gut ändern.«

Spielte er auf Maigret an? Während das Klappern von Geschirr aus der Küche drang, fuhr er wie im Selbstgespräch fort:

»Es gibt auch Leute, die aufrichtig sind, und andere, die es nicht sind.«

Maigret spürte, daß ihn nur noch eine Kleinigkeit von wichtigen Entdeckungen trennte, aber diese Kleinigkeit war, leider, das Vertrauen des dicken, von Calvados durchtränkten Mannes vor ihm. Ob es zu spät war, sein Vertrauen zu gewinnen? Vermutlich hatte er es verloren, als er erklärte, er sei kein Freund des Grafen. Er hatte das deutliche Gefühl, daß der ganze Vormittag ein einziges Mißverständnis gewesen war.

»Ich arbeite für ein privates Detektivbüro«, sagte er aufs Geratewohl.

»Sieh mal an!«

Schließlich hatte ihm der Chef geraten, die offizielle Polizei aus dem Spiel zu lassen.

Er gab sich als Lügner aus, um die Wahrheit zu erfahren. In diesem Augenblick hätte er viel darum gegeben, zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel und außerdem das Gewicht, die Statur seines Gesprächspartners zu haben.

»Ich vermutete, daß etwas passieren würde.«

»Und es ist passiert, sehen Sie!«

»Sie glauben also, daß sie nicht mehr zurückkommt?«

Es schien, daß er fortwährend danebentraf, denn Paumelle zuckte nur die Achseln, fast mitleidig. Maigret versuchte es auf anderem Weg.

»Das ist meine Runde«, verkündete er, auf die Tonkrüge deutend. Würde der Wirt sich weigern, mit ihm anzustoßen? Wieder zuckte der die Achseln und brummte:

»Um diese Zeit trinkt man besser ein anständige Flasche.«

Er ging in den Keller, um sie zu holen. Während Maigret sich nach all den Calvados-Gläsern dieses Tages reichlich benommen fühlte, bewegte sich Paumelle noch immer auf sicheren Beinen, und auch die Treppe, die kein Geländer hatte und eher einer Leiter glich, schien ihm keinen Eindruck zu machen.

»Sehen Sie, junger Mann, wenn man lügen will, muß man ein alter Affe sein.«

»Glauben Sie denn, ich …«

Der andere füllte die Gläser.

»Wer würde denn einen Privatdetektiv beauftragen, sich mit dieser Sache zu befassen? Doch sicher nicht der Graf, oder? Und erst recht nicht diese Herren Gendreau, weder der alte noch der junge. Was Monsieur Hubert betrifft…«

»Was für ein Hubert?«

»Sehen Sie? Sie kennen nicht einmal die ganze Familie!«

»Ist da noch ein zweiter Sohn?«

»Wie viele Häuser stehen in dieser Straße?«

»Was weiß ich? … Vierzig? … Fünfzig? …«

»Schön, dann zählen Sie sie … Und dann gehen Sie und klopfen Sie an jede Tür. Vielleicht finden Sie einen, der Sie aufklärt. Ich muß Sie jetzt bitten, mich zu entschuldigen. Ich schmeiße Sie nicht hinaus, Sie können bleiben, so lange Sie wollen, aber mein Mittagsschläfchen ist fällig, und das, junger Mann, ist mir heilig.«

Hinter der Theke stand ein Stuhl mit einem Sitz aus Strohgeflecht. Paumelle ließ sich darauf nieder, den Rüccken zum Fenster gekehrt, faltete die Hände über dem Bauch, schloß die Augen und schien sogleich in Schlaf zu versinken.

Wohl weil sie nichts mehr hörte, steckte seine Frau den Kopf durch die Küchentür, ein Spültuch in der einen Hand, einen Teller in der anderen. Beruhigt kehrte sie zu ihrem Geschirr zurück. Sie hatte Maigret keines Blickes gewürdigt. Wie ein armer Sünder trat Maigret ans Fenster und setzte sich.

Der alte Herr von der Avenue du Bois

Er hatte mit Minard abgemacht, daß dieser nach seiner Rückkehr aus Conflans eine Nachricht am Boulevard Richard-Lenoir hinterlassen würde.

Erst hatte Maigret protestiert:

»Meine Wohnung liegt doch überhaupt nicht an Ihrem Weg!«

Er hatte die übliche Antwort erhalten:

»Das tut nichts zur Sache.«

Maigret hatte ihm auch eine Frage gestellt, schüchtern, weil er fürchtete, sie könnte den Flötisten entmutigen:

»Wie wollen Sie dort auftreten? Was gedenken Sie den Leuten zu sagen?«

Erst jetzt, aus der Distanz, nach einem zermürbenden Tag, auf dem Heimweg durch die großen, hellerleuchteten Boulevards erschrak Maigret, als er an Minards Antwort dachte:

»Etwas wird mir schon einfallen, machen Sie sich keine Sorgen!«

Dennoch, nach einer kurzen Phase der Niedergeschlagenheit am Nachmittag, ausgelöst vielleicht durch die erdrürkende Persönlichkeit des Wirts vom »Vieux Calvados«, vielleicht auch durch die schwerverdaulichen Gläschen Calvados, die er seit den frühen Morgenstunden geleert hatte, fühlte Maigret sich jetzt bedeutend besser gelaunt.

Es ging sogar etwas in ihm vor, das er noch nicht zu deuten vermochte. Er konnte nicht wissen, daß dieses Umschalten jetzt eben so typisch für ihn werden sollte, daß es ihn eines Tages zur legendären Figur am Quai des Orfévres machen würde.

Mittlerweile empfand er nichts als eine wohlige Wärme im ganzen Körper, ein Bedürfnis, strammer auszuschreiten, die Menschen ringsum, die Schatten und Lichter, die Droschken und Straßenbahnen genauer ins Auge zu fassen.

Eben noch hatte er an der Rue Chaptal seinem Kommissar gegrollt, weil er ihm gestattet hatte, diesen Fall weiterzuverfolgen, denn er war fast sicher gewesen, daß Le Bret ihm damit bewußt einen bösen Streich spielte.

Konnte denn ein einzelner Mann eine Festung wie die Villa Gendreau-Balthazar überhaupt erstürmen? Arbeiteten so die Großen von der Chefbrigade? Die hatten doch Unmengen von Mitteln zur Verfügung, Akten, Karteien, Mitarbeiter, Spitzel überall. Wenn sie Lust hatten, zehn Leute überwachen zu lassen, so setzten sie eben zehn Inspektoren auf ihre Fährten, und Schluß.

Doch jetzt war Maigret mit einemmal froh, daß er allein war, allein in den Winkeln umherschnüffeln konnte.

Er konnte auch nicht voraussehen, daß dies eines Tages seine ganz persönliche Methode sein würde. Selbst als Chef der Sonderbrigade, von einem kleinen Heer von Polizeibeamten umgeben, sollte er später immer wieder auf eigene Faust einem Verdächtigen nachspüren, ihn beschatten, stundenlang in einem Bistro warten …

Ehe er das »Vieux Calvados« verlassen hatte, wo Paumelle ihn nur noch mit herablassender Gleichgültigkeit behandelte, hatte er zweimal telefoniert. Zuerst mit der Urbaine, weil die Droschke, mit welcher Lise Gendreau abgefahren war, das Firmenzeichen dieser Gesellschaft trug. Lange hatte er am Apparat warten müssen.

»Nr. 48 gehört zum Depot von La Villette. Der Kutscher heißt Eugene Cornille. Er ist heute mittag zum Dienst angetreten und wird kaum vor Mitternacht ins Depot zurückkehren.«

»Wissen Sie nicht, wo ich ihn vorher erreichen könnte?«

»In der Regel steht er an der Place Saint-Augustin, aber das kommt natürlich auf seine Fahrten an. Es gibt dort ein Restaurant, das ›Au Rendez-vous du Massif Central‹ heißt. Er ißt dort, sagt man, wann immer er kann.«

Das zweite Gespräch führte er mit der Automobilkontrolle in der Polizeipräfektur. Es dauerte lange, bis sie die Wagennummer in der Kartei fanden. Da Maigret angeblich vom Kommissariat aus telefonierte, sagte ihm der Beamte, er würde ihn dort anrufen.

»Ich bleibe lieber am Apparat.«

Endlich nannte man ihm einen Namen und eine Adresse: Marquis de Bazancourt, Avenue Gabriel Nr. 3.

Schon wieder ein Luxus-Quartier, zweifellos eine Villa mit Fenstern, die auf die Champs-Elysées hinausgingen. Er konnte es sich nicht leisten, hinzugehen und einfach zu klingeln, deshalb ging er in einen Tabakladen und rief an.

»Verbinden Sie mich bitte mit dem Marquis de Bazancourt.«

Eine hochmütige Stimme am anderen Ende:

»Handelt es sich um etwas Persönliches?«

Ja, sagte er, worauf die Stimme fortfuhr:

»Monsieur le Marquis ist vor drei Monaten gestorben.«

Reichlich naiv fragte er:

»Ist niemand da, der ihn vertritt?«

»Wie bitte? Ich verstehe nicht. Sein ganzer Besitz ist verkauft worden. Nur für die Villa hat sich noch kein Käufer gefunden.«

»Wissen Sie nicht, wer den Dion-Bauton gekauft hat?«

»Ein Mechaniker an der Rue des Acacias, Nähe Avenue de la Grande-Armée. Den Namen habe ich vergessen, aber meines Wissens gibt es an dieser Straße keine andere Garage.«

Um fünf Uhr war Maigret mit der Metro zur Place de l’Etoile gefahren. Tatsächlich fand er eine Garage in der Straße, die man ihm genannt hatte, aber sie war geschlossen, und jemand hatte auf einen Zettel die Worte gekritzelt:

Bitte nebenan fragen!

Auf der einen Seite befand sich eine Schusterwerkstatt, auf der anderen ein Bistro. Er mußte sich wohl im Bistro erkundigen. Leider wußte der Wirt nichts.

»Dédé war heute nicht da. Er macht in Geschäften, wissen Sie. Manchmal fährt er für seine Kunden.«

»Kennen Sie seine Privatadresse?«

»Er wohnt in einer Pension bei der Place des Ternes, wo, weiß ich nicht genau.«

»Ist er verheiratet?«

Maigret war seiner Sache nicht sicher, denn er durfte nicht zu viele Fragen stellen, aber er vermutete, daß Dédé ein etwas besonderer Herr war, und wenn er eine Gefährtin hatte, so würde er sie am ehesten auf der Straße zwischen der Etoile und der Place des Ternes antreffen.

Den Rest des Nachmittags verbrachte er mit der Suche nach dem Kutscher Camille. Er entdeckte das »Rendez-vous du Massif Central«.

»Es kommt selten vor, daß er mal nicht zum Essen erscheint.«

Pech, daß das ausgerechnet an diesem Tag vorkam. Cornilles unberechenbarer Fahrplan hatte ihn kein einziges Mal in die Nähe seines Standorts an der Place Saint-Augustin geführt.

Maigret ging nach Hause. Als er den Eingang betrat, öffnete die Concierge das Schalterfenster an ihrer Glastür.

»Monsieur Maigret! … Monsieur Maigret! … Ich habe hier etwas Wichtiges für Sie!«

Er müsse die Nachricht lesen, sagte sie, ehe er seine Wohnung betrete.

Geben Sie nicht gleich hinauf. Erst muß ich Sie sprechen. Ich habe gewartet, so lange ich konnte. Kommen Sie in die »Brasserie Clichy.« Das Fräulein ist oben bei Ihrer Frau.

Ihr sehr ergebener

Justin Minard

Die Nacht war hereingebrochen. Maigret stand auf dem Gehsteig, schaute empor, bemerkte, daß die Vorhänge in seiner Wohnung zugezogen waren und stellte sich die beiden Frauen im Eßzimmer vor, das als Salon diente. Worüber mochten sie sprechen? Wie er Madame Maigret kannte, hatte sie bestimmt den Tisch gedeckt, vielleicht auch schon das Abendessen aufgetragen.

Er, nahm die Metro bis zur Place Blanche, stieg aus und ging in die Brasserie. In der großen Halle roch es nach Bier und Sauerkraut. Das kleine Orchester bestand aus fünf Musikern und war mitten in einem Konzertstück. Justin spielte nicht Flöte, sondern Baßgeige, und hinter dem riesigen Instrument wirkte er schmächtiger denn je.

Maigret setzte sich an einen der Marmortische, überlegte, bestellte schließlich eine Portion Sauerkraut und ein Helles. Als das Stück zu Ende war, setzte sich Minard zu ihm.

»Es tut mir leid, daß ich Sie herbitten mußte, aber ich wollte Sie unbedingt sprechen, bevor Sie ihr begegneten.«

Minard war sehr aufgeregt, vielleicht auch besorgt, und Maigret spürte, wie seine Unruhe auf ihn überging.

»Ich hatte nicht daran gedacht, daß ihre Schwester als verheiratete Frau einen anderen Namen trägt als sie, deshalb verlor ich Zeit, ehe ich sie fand. Der Mann arbeitet bei der Eisenbahn. Er ist Schaffner und bleibt oft zwei bis drei Tage von zu Hause fort. Sie wohnen in einem Häuschen im Grünen, an einem Abhang. Im Hof ist eine Ziege angebunden, und hinter einem Zaun sah ich Gemüsebeete.«

»Und Germaine?«

»Als ich hereinkam, saßen beide Frauen am Tisch vor einer Riesenportion Blutwurst, und im ganzen Haus roch es nach Zwiebeln.«

»Hat die Schwester noch nicht geboren?«

»Nein. Sie warten. Es kann noch ein paar Tage dauern. Ich sagte, ich käme von der Versicherung. Ich hätte erfahren, daß die junge Dame ein Kind erwarte, und das sei der beste Augenblick, um eine Police zu unterschreiben.«

Der Geiger, der zugleich Dirigent war, hängte ein Pappschild mit einer Nummer an eine Stange, klopfte mit dem Bogen an sein Pult. Justin entschuldigte sich und kehrte auf das Podium zurück.

Etwas später war er wieder da.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte er schnell, »ich glaube, alles kann noch gut werden. Im Versicherungswesen kenne ich mich ziemlich gut aus. Das ist nämlich eine Marotte von meiner Frau. Sie behauptet, ich hätte keine drei Jahre mehr zu leben, und … Aber das gehört nicht hierher. Die Germaine ist ein hübsches Mädchen, gut gewachsen. Hat einen Haarknoten, den sie immer wieder hochstecken muß. Ihre Augen haben etwas Sonderbares. Sie werden sehen! Sie schaute mich fortwährend an. Einmal fragte sie plötzlich, bei welcher Gesellschaft ich angestellt sei. Ich habe aufs Geratewohl einen Namen genannt, worauf sie wissen wollte, wer mein Abteilungschef sei. Sie stellte mit noch eine Menge Fragen und erklärte zum Schluß:

›Ich hab drei Monate lang einen Freund gehabt, der auch dort arbeitet.‹

Dann, wie aus der Pistole geschossen:

›Hat Louis Sie hergeschickt?‹«

Danach stieg Justin wieder auf das Podium und blinzelte Maigret einen ganzen Wiener Walzer lang zu, wie um ihn zu heschwichtigen, wie um zu sagen: »Keine Angst, die Geschichte geht weiter!«

Die Geschichte ging folgendermaßen weiter:

»Ich versicherte ihr, ich hätte nichts mit Louis zu tun.

›Auch nichts mit dem Grafen?‹ wollte sie wissen.

›Nein.‹

›Und was ist mit Monsieur Richard? He, Sie! Sie sind doch nicht etwa einer von Monsieur Richards Leuten?‹

Jetzt wissen Sie, was das für ein Mädchen ist. Ich mußte einen Entschluß fassen. Ihre Schwester ist jünger als sie. Erst seit einem Jahr verheiratet. Sie war Mädchen für alles im Quartier Saint-Lazare und hat dort ihren Mann kennengelernt. Germaine hatte es nicht ungern, daß sie sich vor ihr aufspielen konnte. Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Sie ist ein Mädchen, das sich sehr gern vor anderen Leuten aufspielt. Sie will um jeden Preis interessant erscheinen, verstehen Sie?

Sicher hat sie einmal davon geträumt, Schauspielerin zu werden. Nadm dem Essen zündete sie sich eine Zigarette an, obschon sie keine Ahnung hat, wie man eine Zigarette raucht.

In dem Haus gibt es nur ein einziges Zimmer mit einem Doppelbett. An der Wand hängt eine Vergrößerung des Hochzeitsfotos in einem ovalen Rahmen.

›Sind Sie ganz sicher‹, wiederholte sie, ›daß Sie keiner von Monsieur Richards Leuten sind?‹

Sie hat vorstehende Augen, und beim Sprechen bekommt sie manchmal einen starren Blick. Es ist ziemlich peinlich. Sie sieht dann aus, als ob sie nicht mehr ganz bei Sinnen sei, aber der Eindruck täuscht. Sie weiß ganz genau, was sie will.

›Siehst du, Olga‹, bemerkte sie zu ihrer Schwester und verzog angewidert das Gesicht, ›so kompliziert ist das Leben in diesen Kreisen! Ich hab ja immer gesagt, daß das noch mal schief herauskommt.‹

Ich fragte sie, wann sie ihren Dienst wieder antreten wollte. Sie antwortete:

›Ich glaube, ich werde nie mehr einen Fuß in diese Bude setzen.‹

Sie wollte immer noch wissen, ob ich … Ja, und dann…«

Musik! Die Augen des Flötisten flehten Maigret an, sich zu gedulden und sich ja keine Sorgen zu machen.

»Also, ob es falsch war oder nicht, ich hab ihr jedenfalls die Wahrheit gesagt.«

»Was für eine Wahrheit?«

»Daß das Fräulein um Hilfe gerufen hat, daß Louis mir die Faust ins Gesicht schlug, daß man Ihnen ein Mädchen im Nachthemd vorführte und behauptete, es sei Germaine. Sie war erbost. Ich habe betont, daß es sich nicht um eine offizielle Untersuchung handelte. Ich erklärte ihr, Sie befaßten sich als Privatmann mit der Affäre und würden sich freuen, sie kennenzulernen, worauf sie sich sofort anzukleiden begann, ohne das Ende meiner Rede abzuwarten. Ich sehe sie jetzt noch vor mir, wie sie in ihrer bestickten Unterhose und ihrem Mieder im Koffer wühlte, während sie ihrer Schwester erklärte:

›Du mußt mich verstehen. Ein Bébé kommt immer irgendeinmal zur Welt, bei mir aber geht’s jetzt um Leben und Tod.‹

Ich wußte nicht, wie ich es anstellen sollte, aber ich dachte, es könnte Ihnen weiterhelfen, wenn Sie mit ihr sprechen. Ich wußte auch nicht, wohin ich sie bringen sollte. Da hab ich sie eben zu Ihnen gebracht. Draußen im Treppenhaus konnte ich mit Ihrer Frau noch schnell ein paar Worte wechseln. Gott, was für eine liebenswürdige Frau Sie haben! Ich hab ihr geraten, auf Germaine aufzupassen und sie nicht entwischen zu lassen.

Sind Sie mir böse?«

Wie hätte man ihm böse sein können? Maigret war zwar nicht übermäßig erfreut, dennoch atmete er tief ein und sagte:

»Vielleicht ist es gut so.«

»Wann sehe ich Sie wieder?«

Maigret fiel ein, daß er um Mittenacht den Kutscher Gornille treffen sollte.

»Vielleicht noch heute abend.«

»Wenn nein, komme ich morgen bei Ihnen vorbei, falls Sie nichts dagegen haben. Ich weiß ja jetzt, wo Sie wohnen. Ach, noch etwas…«

Er stockte, zögerte.

»Sie hat gefragt, wer für ihre Auslagen aufkomme, und ich habe ihr gesagt … Es fiel mir nichts Besseres ein … Ich sagte, sie brauche sich deswegen keine Sorgen zu machen… Aber wenn es schwierig ist für Sie, kann ich Ihnen schon…«

Diesmal verließ Maigret das Lokal, noch während die Kapelle spielte, und nahm die nächste Metro. Zu Hause angekommen, sah er Licht durch die Türritze schimmern. Seine Spannung wuchs. Den Schlüssel brauchte er nicht aus der Tasche Zu kramen, denn Madame Maigret erkannte seine Schritte immer schon von weitem.

Mit einem vielsagenden Blick und in heiterem Ton rief sie ihm entgegen:

»Ein reizendes junges Mädchen wartet hier auf dich!«

Gut gemacht, Madame Maigret! Sie meinte es auch gar nicht ironisch, sie wollte ganz einfach freundlich sein. Das Mädchen saß am Tisch, die Ellbogen aufgestützt, vor einem leeren Teller und hatte eine Zigarette im Mund. Die runden Augen starrten Maigret an, als wollten sie ihn verschlingen. Dennoch zögerte sie.

»Sind Sie wirklich von der Polizei?«

Wortlos zeigte er ihr seinen Ausweis. Danach ließ sie ihn nicht mehr aus den Augen. Ein kleines Glas stand vor ihr. Madame Maigret hatte ihren Festtagskirsch aus dem Schrank geholt.

»Du hast wohl noch nicht zu Abend gegessen?«

»Doch, ich hab gegessen.«

»In diesem Fall lasse ich euch allein. Ich muß noch aufwaschen.«

Sie räumte den Tisch ab, betrat die Küche, schloß langsam die Tür hinter sich.

»Ist Ihr Freund auch bei der Polizei?«

»Nicht ganz, nein. Er ist nur zufällig …«

»Ist er verheiratet?«

»Ich glaube, ja.«

Er fühlte sich etwas unbehaglich in der doch so vertrauten Umgebung, mit diesem sonderbaren Mädchen, das sich hier offenbar wie zu Hause fühlte. Germaine war aufgestanden, hatte vor dem Spiegel über dem Kamin ihren Haarknoten aufgesteckt und ließ sich jetzt in den Sessel seiner Frau fallen.

»Sie gestatten?« fragte sie.

»Kennen Sie Mademoiselle Gendreau schon lange?«

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen.«

»Sie stammen aus Anseval, nicht wahr? Und Mademoiselle Gendreau war dort Ihre Mitschülerin, stimmt’s?«

Daß die Erbin der Firma Balthazar jemals eine kleine Dorfschule besucht hatte, kam ihm reichlich merkwürdig vor.

»Das heißt, wir sind gleich alt, nur ein paar Wochen auseinander. Sie wird nächsten Monat einundzwanzig, und ich hab meinen Geburtstag vor vierzehn Tagen gefeiert.«

»Und Sie gingen beide in Anseval zur Schule?« wiederholte er.

»Sie nicht. Sie war bei den Klosterfrauen in Nevers, aber zur gleichen Zeit.«

Er begriff. Danach mißtraute er ihren Aussagen und war in der Folge stets darauf bedacht, das Falsche vom Wahren, das Wahre vom annähernd Wahren oder Wahrscheinlichen zu trennen.

»Erwarteten Sie, daß in der Rue Chaptal etwas passieren würde?«

»Ich hab mir immer gedacht, daß das noch mal schiefgehen würde.«

»Warum?«

»Weil sie einander hassen.«

»Wer?«

»Mademoiselle und ihr Bruder. Ich bin seit vier Jahren im Haus. Gleich nachdem Madame starb, bin ich dort eingetreten. Sie wissen ja, nicht wahr, daß sie bei einem Eisenbahnunglück ums Leben kam, als sie zur Kur nach Vittel fuhr? Es war entsetzlich!«

Sie sagte es, als wäre sie dabeigewesen und hätte gesehen, wie die über hundert Leichen aus den Wagentrümmern geborgen wurden.

»Solange Madame noch lebte, spielte das Testament keine Rolle, verstehen Sie.«

»Sie kennen die Familie gut.«

»Ich bin in Anseval geboren. Mein Vater ist dort geboren. Mein Großvater war Pächter beim Grafen. Er und der alte Herr haben noch zusammen Murmeln gespielt.«

»Der alte Herr?«

»So nennen sie ihn heute noch in der Gegend. Wissen Sie das denn nicht? Ich dachte, die Polizei sei über alles informiert.«

»Sprechen Sie vom alten Herrn Balthazar?«

»Von Monsieur Hector, ja. Sein Vater war der Dorfsattler gewesen. Er läutete auch die Kirchenglocken. Monsieur Hector begann schon mit zwölf Jahren zu hausieren.

Er ging von Hof zu Hof mit seinem Kasten auf dem Rücken.«

»Und das ist der Mann, der die Kaffeefirma Balthazar gegründet hat?«

»Das ist er. Was meinen Großvater nicht gehindert hat, ihn bis ans Lebensende zu duzen. Lange Zeit blieb er vom Dorf weg. Als er zurückkam, war er schon reich, und dann erfuhr man, daß er das Schloß gekauft hatte.«

»Wem hatte das Schloß gehört?«

»Dem Grafen d’Anseval, wem denn sonst?«

»Es gibt also keinen Grafen d’Anseval mehr?«

»Doch, es gibt noch einen. Den Freund von Mademoiselle. Möchten Sie mir nicht noch ein Gläschen Likör anbieten? Ist das ein Likör aus Ihrer Gegend?«

»Aus der Heimat meiner Frau.«

»Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Luder — ich spreche jetzt nicht von Ihrer Frau — die Frechheit hatte, in meinem Bett zu schlafen und zu behaupten, sie sei ich! Stimmt es, daß Sie sie im Nachthemd gesehen haben? Sie ist dicker als ich. Ich könnte Ihnen noch manches über sie erzählen. Zum Beispiel ihr Busen…«

»Der alte Balthazar, der Kaffee-König, hat also das Schloß Anseval gekauft. War er verheiratet?«

»Früher einmal, ja, aber seine Frau war damals schon tot. Er hatte eine Tochter, eine Schönheit, aber viel zu stolz. Er hatte auch einen Sohn, Monsieur Hubert, der hat nie was getaugt. Der Junge war so weich, wie seine Schwester hart war. Er reiste viel in der Welt herum, in fremde Länder.«

»Das alles ereignete sich vor Ihrer Geburt?«

»Klar, aber es geht noch immer so weiter.«

Automatisch hatte Maigret nach seinem Notizbuch gegriffen. Jetzt begann er Namen aufzuschreiben, etwa so, wie wenn man einen Stammbaum zeichnet. Bei einem Mädchen wie Germaine kam es auf Genauigkeit an.

»Schön. Da hätten wir also zuerst Hector Balthazar, den Sie den alten Herrn nennen. Wann ist er gestorben?«

»Vor fünf Jahren. Genau ein Jahr vor seiner Tochter.«

Maigret dachte an Félicien Gendreau, der selber schon ein alter Herr war, und sagte verwundert:

»Er muß ja steinalt gewesen sein!«

»Achtundachtzig. Er lebte allein in einem riesigen Haus an der Avenue du Bois-de-Boulogne. Er leitete seine Firma noch selber, mit Hilfe seiner Tochter.«

»Nicht mit seinem Sohn?«

»Nie im Leben! Der durfte die Büros nicht einmal betreten. Er bekam eine Rente. Er wohnt an den Quais, irgendwo beim Pont-Neuf. Er ist so eine Art Künstler, wissen Sie.«

»Moment! … Avenue du Bois … Tochter verheiratet mit Félicien Gendreau.«

»Richtig. Aber auch Monsieur Félicien durfte sich nicht um die Geschäfte kümmern.«

»Warum nicht?«

»Sie haben es einmal mit ihm versucht, aber das ist schon lange her … Er ist immer ein Spieler gewesen. Heute noch verbringt er seine Nachmittage auf dem Rennplatz. Es heißt, er habe sich einmal einen bösen Fehltritt geleistet, mit Wechseln oder Schecks. Sein Schwiegervater sprach überhaupt nicht mehr mit ihm.«

Jahre später sollte Maigret den Palast an der Avenue du Bois kennenlernen, einen der häßlichsten und kitschigsten in ganz Paris, mit mittelalterlichen Türmen und farbigen Fenstern. Auch eine Fotografie des Alten sollte er zu Gesicht bekamen: ausgeprägte Züge, ein fahler Teint, ein weißer Badsenbart, ein Gehrock, der zu beiden Seiten der schwarzen Krawatte nur zwei schmale Hemdbruststreifen freigab.

Wäre er mit dem Pariser Leben besser vertraut gewesen, so hätte er gewußt, daß der alte Balthazar sein Haus samt allen Gemälden, die er gesammelt hatte, dem Staat vermachen wollte, unter der Bedingung, daß das Ganze in ein Museum verwandelt würde. Die Experten hatten sich über ein Jahr lang gestritten, und zum Schluß hatte die Regierung die Erbschaft ausgeschlagen, weil die meisten Bilder gefälscht waren.

Eines Tages würde Maigret auch das Porträt der Tochter zu sehen bekommen, das straff zurückgekämmte Haar, die Figur à la Kaiserin Eugénie, das Gesicht genauso kalt wie jenes des Dynastiegründers.

Was Félicien Gendreau betraf, den kannte er bereits, mit seinem gefärbten Schnurrbart, seinen hellen Gamaschen, seinem Stock mit dem goldenen Knauf.

»Man sagt, der Alte habe sie alle zusammen nicht ausstehen können, weder den Sohn noch den Schwiegersohn noch den Enkel, Monsieur Richard, den er gut gekannt hat. Nur bei seiner Tochter und seiner Enkelin, Mademoiselle Lise, machte er eine Ausnahme. Er sagte immer, die beiden seien die einzigen waschechten Balthazars, und er hat ein kompliziertes Testament hinterlassen. Monsieur Braquement könnte Ihnen mehr darüber sagen.«

»Wer ist Monsieur Braquement?«

»Sein Notar. Er muß jetzt etwa achtzig sein. Sie fürchten ihn alle, weil er der einzige ist, der es weiß.«

»Der was weiß?«

»Mir hat man es nicht gesagt. Die ganze Sache kommt an den Tag, wenn Mademoiselle Lise einundzwanzig wird, und deshalb sind sie jetzt so außer sich. Ich persönlich nehme weder für die einen noch für die anderen Partei. Wenn ich gewollt hätte …«

Er hatte eine Eingebung.

»Monsieur Richard?« fragte er, auf ihr Spiel eingehend.

»Er ist mir lange genug nachgelaufen. Ich hab ihm aber deutlich gesagt, daß er bei mir an die falsche Adresse geraten ist. Ich hab ihm gesagt, er soll es bei Marie versuchen. ›Die ist dumm genug, daß sie sich sowas gefallen läß‹, habe ich ihm ins Gesicht gesagt.«

»Und hat er Ihren Rat befolgt?«

»Keine Ahnung. Bei diesen Leuten weiß man nie. Unter uns gesagt, sie sind alle ein wenig verrückt, und ich kenne sie, bei Gott!«

Ihre Augen waren jetzt runder denn je und ihr Blick so starr, daß es Maigret peinlich wurde. Sie beugte sich vor. Es sah aus, als wollte sie ihn gleich bei den Knien packen.

»Stammt Louis auch aus Anseval?«

»Er ist ein Sohn des früheren Lehrers. Es gibt Leute, die behaupten, in Wirklichkeit sei er der Sohn des Pfarrers.«

»Hält er zu Monsieur Richard?«

»Wo denken Sie hin! Im Gegenteil, er lebt überhaupt nur für das Fräulein. Er hat beim Alten gedient, bis der starb. Er hat ihn während seiner Krankheit gepflegt und weiß wahrscheinlich mehr als jeder andere, vielleicht sogar noch mehr als Monsieur Braquement.«

»Hat er Ihnen nie den Hof gemacht?«

»Der?«

Sie lachte schallend.

»Das würde ihm schwerfallen. Er sieht zwar aus wie ein richtiger Mann, mit seinen schwarzen Stoppeln. Aber erstens ist er viel älter, als man glaubt. Mindestens fünfundfünfzig. Und zweitens ist er eben doch kein richtiger Mann, Sie verstehen? Darum hat seine Frau mit Albert …«

»Verzeihung, wer ist Albert?«

»Der Kammerdiener. Kommt auch aus Anseval. Bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahr war er Jockey.«

»Einen Augenblick! Man hat mich durch das ganze Haus geführt, aber ich habe nirgends ein Zimmer gesehen, das …«

»Er schläft über den Ställen, wie Jérôme.«

»Jérôme?«

»Der Kutscher von Monsieur Félicien. Nur Arséne, der Chauffeur, schläft außer Haus, weil er verheiratet ist und ein Kind hat.«

Zu guter Letzt hatte Maigret eine ganze Seite seines Notizbuchs kreuz und quer mit Namen vollgekritzelt.

»Wenn jemand auf Mademoiselle Lise geschossen hat, was mich übrigens nicht wundern würde, so war es bestimmt Monsieur Richard. Sie haben wohl wieder mal Streit gehabt.«

»Streiten sie sich oft?«

»Sozusagen jeden Tag. Einmal hat er sie so fest bei den Handgelenken gepackt, daß sie hernach eine Woche lang zwei blaue Flecke hatte. Aber sie kann sich wehren. Ein paarmal hat er richtiggehende Fußtritte abbekommen, ans Schienbein und vielleicht sogar noch etwas höher. Trotzdem möchte ich wetten, daß man nicht auf das Fräulein geschossen hat.«

»Sondern?«

»Auf den Grafen.«

»Von welchem Grafen sprechen Sie?«

»Sie sind wohl sdmwer von Begriff, was? Vom Grafen d’Anseval natürlich.«

»Richtig, es gibt ja noch einen Grafen d’Anseval.«

»Und sein Großvater hat dem alten Balthazar das Schloß verkauft. Mademoiselle Lise hat den jungen d’Anseval irgendwo ausfindig gemacht.«

»Ist er reich?«

»Der? Der hat keinen Sou!«

»Und er verkehrt bei Gendreaus?«

»Er verkehrt mit Mademoiselle.«

»Er … ich meine …«

»Sie meinen, ob er mit ihr schläft? Ich glaube nicht, daß ihm das Spaß macht. Verstehen Sie endlich? Sie haben alle einen Knacks. Sie raufen sich wie Hunde. Monsieur Hubert ist der einzige, der sich aus der ganzen Sache heraushält, und beide, der Bruder und die Schwester, versuchen ihn zu überreden, damit er für die eine Seite Partei ergreift.«

»Sie sprechen jetzt von Hubert Balthazar, dem Sohn des Alten, nicht wahr? Wie alt ist er?«

»Etwa fünfzig oder auch etwas mehr. Er ist ein feiner Herr, sehr vornehm. Immer wenn er kommt, plaudert er mit mir. Aber was mache ich jetzt? So spät fährt kein Zug mehr nach Conflans, und irgendwo muß ich ja wohl übernachten. Gibt es hier ein Bett?«

In dem Blick, den sie ihm zuwarf, lag etwas so Herausforderndes, daß Maigret hüstelte und unwillkürlich zur Küchentür blickte.

»Leider haben wir kein Gästezimmer. Wir haben uns eben erst eingerichtet.«

»Sie sind frisch verheiratet?«

So, wie sie das sagte, klang es geradezu unanständig.

»Ich besorge Ihnen ein Hotelzimmer in der Nähe.«

»Gehen Sie denn schon schlafen?«

»Ich treffe noch jemanden in der Stadt.«

»Ach ja, die Polizisten schlafen wohl nicht oft in ihren eigenen Betten. Komisch, Sie sehen gar nicht wie ein Polizist aus. Ich hab mal einen gekannt, einen Wachtmeister im hiesigen Quartier, groß, sehr dunkel, Léonard …«

Maigret wollte lieber nichts mehr hören. Sie schien viele Männer gekannt zu haben, unter anderem einen Versicherungsbeamten.

»Ich nehme an, Sie werden mich noch brauchen. Ich könnte ja auch in die Rue Chaptal gehen und so tun, als ob nichts passiert sei. Dann könnte ich Ihnen jeden Abend das Neuste berichten.«

Von der Küche her hörte man Tellergeklapper, doch das war nicht der Grund, weshalb Maigret das Angebot ablehnte. Germaine war ihm buchstäblich unheimlich.

»Ich sehe Sie morgen wieder. Wollen Sie jetzt mitkommen …?«

Ehe sie den Mantel anzog und den Hut aufsetzte, ordnete sie sich nochmals das Haar vor dem Spiegel. Dann griff sie nach der Kirschflasche.

»Darf ich? Ich habe so viel geredet, so viel nachgedacht. Trinken Sie eigentlich nicht?«

Es hatte keinen Sinn, die vielen Gläschen Calvados zu zählen, die er an diesem Tag freiwillig oder unfreiwillig in sich hineingeschüttet hatte.

»Ich kann Ihnen sicher noch eine Menge erzählen. Es gibt Leute, die schreiben Romane, und dabei haben sie nicht ein Viertel von alledem erlebt, was ich erlebt habe. Wenn ich anfangen würde, ein Buch zu schreiben …«

Er ging in die Küche, küßte seine [Frau auf die Stirn. Sie sah ihn lächelnd an. In ihren Augen tanzten kleine Funken.

»Kann sein, daß ich erst später zurückkomme.«

»Laß dir Zeit, Jules«, erwiderte sie neckend.

In der Nähe des Boulevard Voltaire gab es eine Pension. Germaine hatte sich auf der Straße unverfroren bei ihm eingehängt.

»Mit meinen Louis-XV-Absätzen …«

Wo sie sonst, bei Gott, immer Holzpantinen trug!

»Ich finde, Sie haben eine sehr nette Frau. Sie kocht ausgezeichnet.«

Er wagte nicht, ihr Geld für das Zimmer auszuhändigen. Er betrat die Rezeption und wurde rot, als der Nachtportier ihn fragte:

»Für eine Nacht oder eine Stunde?«

»Für eine Nacht. Und nur mit Mademoiselle.«

Während der Portier sein Schlüsselbrett musterte, stützte Germaine sich noch mehr auf Maigrets Arm, obwohl sie jetzt nicht mehr zu gehen brauchte.

»Nummer 18, zweiter Stock, links. Warten Sie, ich gebe Ihnen Handtücher mit!«

Maigret wollte lieber nicht mehr daran denken, wie er sich von ihr verabschiedet hatte. Auf der Treppe lag ein roter Läufer. Sie hielt die beiden Tücher in der einen Hand, ihren Schlüssel, der an einem Kupferplättchen befestigt war, in der anderen. Der Portier hatte sich wieder in seine Zeitung vertieft.

»Sind Sie sicher, daß Sie keine weitere Fragen haben?«

Sie stand auf der ersten Stufe. Ihre Augen waren so rund und starr wie noch nie. Warum nur mußte er an die Gottesanbeterin denken, die ihre Männchen nach dem Geschlechtsakt auffrißt?

»Nein … heute nicht …«, stammelte er.

»Ach ja, ich vergaß, Sie sind noch verabredet!«

Ihre feuchten Lippen verzogen sich spöttisch.

»Also dann morgen?«

»Morgen, ja.«

So etwa hatte es sich jedenfalls abgespielt. Maigret war solche Dinge noch nicht gewohnt. Er konnte sich nur noch an den Waschküchengeruch erinnern, als er die Treppe zur Metro hinunterlief, an das Klicken der automatischen Türen, an eine lange Fahrt durch das Halbdunkel des Untergrunds, an Gestalten, die im Rhythmus des Zuges schwankten, an Gesichter im ätzenden Licht der elektrischen Birnen, an schlaftrunkene Augen.

Er irrte durch menschenleere, schlecht beleuchtete Straßen rings um die Porte de la Villette, fand endlich eine große Halle voll unbenutzter Droschken mit hochragenden Deichseln und dahinter, am anderen Ende eines Hofs, die Wärme der Pferdeställe.

»Cornille? Nein, der ist noch nicht da. Sie können auf ihn warten, wenn Sie wollen…«

Erst um halb ein Uhr morgens starrte ihn ein völlig betrunkener Kutscher fassungslos an.

»Die kleine Dame von der Rue Chaptal? Warten Sie! Das ist die, die mir einen Franc Trinkgeld gegeben hat. Und der große Dunkle …«

»Was ist mit dem?«

»Nun, der, der mich in der Rue Blanche angehalten hat, den meine ich. Ich soll in die Rue Chaptal fahren, hat er gesagt. Zum Haus Nummer … Nummer … Komich, Zahlen kann ich nie behalten … Sollte ich aber, in mei. nem Beruf …«

»Haben Sie sie zum Bahnhof gebracht?«

»Bahnhof? Wer redet denn von Bahnhof?«

Seine Augen tränten, und um ein Haar wäre der Saft seines Kautabaks, den er in einem Bogen ausspuckte, auf Maigrets Hose gelandet.

»Erstens hab ich sie nicht zum Bahnhof gefahren. Zweitens … zweitens …«

Auch Maigret steckte ihm einen Franc in die Hand.

»Es ist das Hotel gegenüber den Tuilerien, auf einem kleinen Platz … Warten Sie … es gibt ein Denkmal, das so heißt … Diese Denkmäler verwechsle ich immer … das Hotel du Louvre … Komm, Kleiner!« Das sagte er zu seinem Pferd.

Es fuhr keine Metro, kein Omnibus, keine Straßenbahn mehr, und Maigret mußte die endlose Rue de Flandre zu Fuß abschreiten, ehe er die Lichter eines belebteren Quartiers erreichte.

Die Brasserie Clichy war sicher schon geschlossen, und Justin Minard war wohl endlich in seine Wohnung an der Rue d’Enghien zurückgekehrt, um seiner Frau Rede und Antwort zu stehen.

Maigrets höchster Ehrgeiz

Maigret rasierte sich vor seinem Spiegel. Der Spiegel hing an einem Fensterriegel im Eßzimmer. Es wurde nachgerade zur Manie, daß er am Morgen seiner Frau immer von einem Zimmer zum anderen nachlief und überall dort Toilette machte, wo sie stand und ging. Vielleicht lag es daran, daß der Morgen ihre schönste Zeit zusammen war. Außerdem hatte Madame Maigret eine schätzenswerte Eigenschaft: Sie war schon beim Erwachen so frisch und lebendig wie den ganzen übrigen Tag. Zusammen öffneten sie alle Fenster, atmeten die neue Luft ein. Von unten hörte man den Hammer einer Schmiede, das Rattern von Lastwagen, das Wiehern von Pferden; man konnte sogar den warmen Pferdemist riechen, wenn die Ställe der Transportfirma nebenan gesäubert wurden.

»Glaubst du, sie ist wirklich überspannt?«

»Wenn sie in ihrem Dorf geblieben wäre, wenn sie geheiratet und zehn Kinder bekommen hätte, so würde es wahrscheinlich nicht auffallen. Es wäre höchstens denkbar, daß die Kinder nicht alle den gleichen Vater hätten.«

»Du, Jules, da unten geht ein Mann auf und ab. Ich glaube, es ist dein Freund.«

Die Wangen noch voll Seifenschaum, beugte er sich aus dem Fenster. Auf dem Gehsteig stand Justin Minard und wartete wie immer ohne ein Zeichen von Ungeduld.

»Willst du ihn nicht heraufkommen lassen?«

»Wozu? In fünf Minuten bin ich fertig. Wolltest du heute ausgehen?«

Maigret fragte sie selten nach ihren Plänen, und sie erriet sogleich, was er dachte.

»Möchtest du, daß ich auf das Fräulein aufpasse?«

»Kann sein, daß ich dich noch darum bitten muß. Wenn ich sie in Paris frei herumlaufen lasse, so weiß der Himmel, mit wem sie zu schwatzen anfängt und was sie daherredet — denn das Reden kann sie nun einmal nicht lassen.«

»Gehst du jetzt zu ihr?«

»Ich mache mich gleich auf den Weg.«

»Sie liegt bestimmt noch im Bett.«

»Das ist anzunehmen.«

»Ich wette, so schnell wirst du sie nicht wieder los.«

Als er aus dem Hauseingang trat, kam Minard auf ihn zu und begann wieder neben ihm herzugehen.

»Was machen wir heute, Chef?« fragte er.

Viel später sollte Maigret sich erinnern, daß der kleine Flötist der erste gewesen war, der ihn jemals Chef genannt hatte.

»Haben Sie sie gesehen? Haben Sie etwas herausgefunden? Ich konnte kaum schlafen. Gerade als ich einschlafen wollte, kam mir etwas in den Sinn.«

Ihre Schritte hallten auf der Straße. Von weitem konnten sie das rege Treiben auf dem Boulevard Voltaire erkennen.

»Eine Frage. Wenn jemand geschossen hat, dann hat er auf eine Person geschossen, das liegt auf der Hand. Und da habe ich mich gefragt, ob diese Person auch getroffen wurde. Langweile ich Sie nicht?«

Ganz im Gegenteil. Auch Maigret hatte sich diese Frage gestellt.

»Angenommen, der Schuß hat niemanden getroffen. Es ist natürlich schwierig, sich an die Stelle solcher Leute zu versetzen … Aber mir scheint, sie hätten nicht dieses ganze Theater aufgeführt, wenn es keinen Verletzten oder Toten gegeben hätte … Sie verstehen, was ich meine? … Nachdem sie mich hinausgeworfen hatten, richteten sie schleunigst das Zimmer so her, daß jedermann annehmen mußte, kein Mensch habe es betreten … Noch etwas: Während der Butler mich vom Tor wegdrängte, wie Sie ja wissen, rief eine Stimme aus dem ersten Stock:

›Beeilen Sie sich, Louis!‹

Als ob dort oben etwas faul gewesen wäre, nicht wahr? Vermutlich haben Sie dann das Fräulein in die Mansarde gesteckt, weil es zu aufgeregt war, um seine Rolle zu spielen …

Ich bin den ganzen Tag frei. Sie können mich schicken, wohin Sie wollen.«

Neben der Pension, wo Germaine übernachtet hatte, gab es ein Café mit einer Terrasse davor, weiße Marmortischchen, einen Kellner mit Backenbart wie auf einem Reklamekalender, der eben die Fensterscheiben mit Kreide reinigte.

»Warten Sie hier auf mich.«

Er hatte gezögert. Am liebsten hätte er Minard an seiner Stelle hinaufgeschickt. Hätte ihn einer gefragt, weshalb er das Mädchen unbedingt sehen wollte, er wäre um eine Antwort verlegen gewesen.

An diesem Morgen hatte er das Bedürfnis, überall zugleich zu sein. Fast hatte er Heimweh nach dem »Vieux Calvados«, und es ärgerte ihn, daß er jetzt nicht dort am Fenster stand, um das Kommen und Gehen im Haus an der Rue Chaptal zu beobachten. Nun, da er die Bewohner der Villa etwas besser kannte, hätte er vermutlich alles mit anderen Augen betrachtet. Die Art, wie Richard Gendreau ins Auto stieg, wie sein Vater auf seinen Wagen zuging, wie Louis auf den Gehsteig trat und frische Luft schöpfte, hätte für ihn eine ganz neue, besondere Bedeutung gehabt.

Er wäre auch gern im Hôtel du Louvre an der Avenue du Bois gewesen, und sogar in Anseval.

Aber eben, von allen diesen Menschen, die er noch vor zwei Tagen überhaupt nicht gekannt hatte, war nur einer für ihn erreichbar, und an diesen Menschen, Germaine, klammerte er sich jetzt instinktiv.

Merkwürdigerweise wurzelte dieses Gefühl in Träumen, die er als Kind, als Heranwachsender gehabt hatte. Der Tod seines Vaters hatte seinem Medizinstudium schon nach zwei Jahren ein Ende bereitet, aber eigentlich hatte er nie ein richtiger Arzt werden und Kranke behandeln wollen.

Kurz und gut, den Beruf, den er seit jeher hatte ausüben wollen, den gab es nicht. Schon als Kind hatte er manchmal das Gefühl gehabt, eine Menge Leute in seinem Dorf seien nicht an ihrem Platz; sie gingen einen Weg, der nicht der ihre war, weil sie es nicht besser wußten.

Und er stellte sich einen sehr klugen oder vielmehr sehr verständnisvollen Mann vor, Arzt und Priester in einem, einen Mann, der das Schicksal eines anderen auf den ersten Blick erfaßte.

Auch das, was er eben seiner Frau erklärt hatte, als sie ihn nach Germaine fragte, paßte dazu: Wenn sie in Anseval geblieben wäre …

Man wäre zu diesem Mann gegangen und hätte ihn um Rat gefragt, so wie man einen Arzt aufsucht. Er wäre so etwas wie ein »Schicksalsflicker« gewesen. Nicht nur, weil er intelligent war. Vielleicht brauchte er gar nicht besonders intelligent zu sein. Nein, weil er sich in das Leben aller Menschen, in die Haut aller Menschen versetzen konnte.

Noch nie hatte Maigret mit jemandem über diese Dinge gesprochen. Er selbst wollte lieber nicht länger darüber nachdenken, denn sonst würde er sich über sich selber lustig machen. Er war bei der Polizei gelandet, weil er sein Medizinstudium nicht beenden konnte. Aus purem Zufall. Oder war das etwa kein Zufall? Sind nicht gerade Polizeibeamte manchmal »Schicksalsflicker«?

Die ganze letzte Nacht hatte er zwischen Wachen und Träumen mit jenen Leuten gelebt, die er doch kaum kannte, von denen er so wenig wußte — angefangen beim alten Balthazar, der vor fünf jahren gestorben war. Und jetzt nahm er die ganze Familie mit zu Germaine, als er an ihre Tür klopfte.

»Herein!« antwortete eine teigige Stimme.

Und gleich darauf:

»Moment! Ich hab vergessen, daß die Tür abgeschlossen ist.«

Ihre nackten Füße patschten über den Teppich. Sie war im Nachthemd. Das Haar hing ihr bis zur Taille, und sie hatte schwere, volle Brüste. Sie mußte schon vor einer Weile aufgewacht sein, denn auf dem Nachttisch sah man ein Tablett mit einem Rest Schokolade in der Tasse und die Krümel eines croissant.

»Gehen wir irgendwohin? Muß ich mich anziehen?«

»Sie können wieder ins Bett gehen oder ein Kleid anziehen. Ich möchte mich nur mit Ihnen unterhalten.«

»Kommt Ihnen das nicht komisch vor — Sie so angezogen und ich im Nachthemd?«

»Nein.«

»Ist Ihre Frau nicht eifersüchtig?«

»Nein. Ich möchte, daß Sie mir vom Grafen d’Anseval erzählen. Oder vielmehr … Sie kennen das Haus mit allen Leuten, die dort wohnen und dort verkehren … Stellen Sie sich vor, es ist ein Uhr morgens … Ein Uhr morgens … Im Zimmer von Mademoiselle Gendreau bricht ein Streit aus … Hören Sie mir jetzt gut zu! Wer könnte Ihrer Meinung nach in ihrem Zimmer sein?«

Sie hatte sich vor dem Spiegel zu kämmen begonnen. Man sah die rötlichen Haarbüschel in ihren Achselhöhlen und ihre rosige Körperhaut unter dem dünnen Hemd. Sie überlegte angestrengt.

»Louis?« fragte er, um ihr zu helfen.

»Nein. So spät wäre Louis nicht hinaufgegangen.«

»Warten Sie mal! Ich habe etwas vergessen. Louis war vollständig angezogen, Rock, Hose, weiße Hemdbrust, schwarze Krawatte. Hat er die Gewohnheit, spät schlafen zu gehen?«

»Es kommt hin und wieder vor. Aber dann bleibt er nicht in seiner steifen Tracht. Jemand von draußen muß oben gewesen sein.«

»Könnte sich zum Beispiel Hubert Balthazar, Mademoiselle Gendreaus Onkel, im Zimmer seiner Nichte befunden haben?«

»Ich glaube nicht, daß er um ein Uhr früh noch gekommen wäre.«

»Aber wenn er gekommen wäre, wo hätte sie ihn empfangen? In einem Salon im Erdgeschoß?«

»Auf keinen Fall! So geht es nicht zu an der Rue Chaptal. Da lebt jeder für sich. Die Salons sind nur für große Empfänge da. In der übrigen Zeit verkriecht sich jeder in seinen Winkel.«

»Hätte Richard Gendreau zu seiner Schwester hinaufgehen können?«

»Gewiß, das hat er schon oft getan. Vor allem, wenn er eine Wut auf sie hatte.«

»Trug er manchmal einen Revolver bei sich? Haben Sie ihn schon einmal mit einem Revolver in der Hand gesehen?«

»Nein.«

»Und Mademoiselle Gendreau?«

»Einen Augenblick! Monsieur Richard besitzt zwei Revolver, einen großen und einen kleinen, aber die liegen in seinem Schreibtisch. Auch Mademoiselle hat einen, in ihrer Nachttischlade, mit einem Perlmuttergriff. Sie legt ihn jeden Abend auf den Nachttisch.«

»Ist sie furchtsam?«

»Nein, aber mißtrauiseh. Wie alle diese Weiber bildet sie sich fortwährend ein, daß andere Leute etwas gegen sie haben. Wenn Sie wüßten, wie geizig sie ist, schon in ihrem Alter! Sie läßt absichtlich Kleingeld herumliegen, das sie vorher gezählt hat, um zu sehen, ob jemand sie bestiehlt. Das Mädchen, das vor Marie im Haus war, ist dabei ertappt worden. Man hat sie fristlos entlassen.«

»Hat sie den Grafen schon früher in ihrem Zimmer empfangen?«

»Vielleicht nicht in ihrem Zimmer, aber im Boudoir nebenan.«

»Um ein Uhr morgens?«

»Kann schon sein. Ich hab mal ein Buch über Elisabeth von England gelesen, eine Königin … Kennen Sie’s? Es ist zwar ein Roman, aber die Geschichte ist sicher wahr. Sie war eine kalte Frau, die nicht mit Männern schlafen konnte. Es würde mich nicht wundern, wenn Mademoiselle so eine wäre.«

Der Kamm knisterte in ihrem Haar. Sie reckte sich, beobachtete Maigret im Spiegel.

»Ein Glück, daß das bei mir nicht der Fall ist.«

»Wäre es denkbar, daß Monsieur Richard mit seinem Revolver nach oben ging, weil er im zweiten Stock ein Geräusch hörte?«

Sie zuckte die Achseln.

»Wozu hätte er das tun sollen?«

»Um den Liebhaber seiner Schwester zu ertappen …«

»Das wäre ihm völlig egal gewesen. Bei diesen Leuten zählt nur das Geld.«

Sie schlug immer noch das Rad vor ihm, nicht ahnend, daß er weit weg war, daß er in jenem Zimmer an der Rue Chaptal war und die Menschen dort auf ihre Plätze zu weisen versuchte wie im Theater.

»Hat der Graf d’Anseval auch schon mal einen Freund mitgebracht?«

»Möglich, aber dann wurde er im Erdgeschoß empfangen, und ich gehe selten nach unten.«

»Rief Mademoiselle Lise den Grafen bisweilen an?«

»Ich bezweifle, daß er Telefon hat. Sie rief nie an. Er rief sie an, vermutlich aus einem Café.«

»Wie nannte sie ihn?«

»Jacques — natürlich.«

»Wie alt ist er?«

»Um die fünfundzwanzig. Er sieht blendend aus, aber er hat so etwas Lausbübisches an sich. Man hat immer das Gefühl, daß er sich über die Leute mokiert.«

»Ist er der Typ Mann, der eine Waffe bei sich tragen könnte?«

»Bestimmt.«

»Weshalb sind Sie so sicher?«

»Weil er eben dieser Typ ist. Haben Sie Fantômas gelesen?«

»Für wen nahm Monsieur Félicien Partei? Für die Tochter oder den Sohn?«

»Für keinen von beiden. Oder vielmehr für mich, wenn Sie’s genau wissen wollen. Er ist hin und wieder in mein Zimmer gekommen, in Pantoffeln, um acht Uhr morgens. Sagte, ich solle ihm einen Knopf annähen.

Die anderen kümmern sich kaum um ihn. Das Personal nennt ihn einen alten Heuchler oder auch ›Schnauzbart‹. Abgesehen von Albert, seinem Kammerdiener, nimmt keiner Notiz von dem, was er sagt. Es ist ohnehin nicht wichtig, das weiß man. Einmal habe ich ihm rundheraus gesagt:

›Wenn Sie so weitermachen, trifft Sie noch mal der Schlag. Und das hilft Ihnen auch nicht weiter.‹

Trotzdem gibt er nicht auf. Jetzt ist Marie an der Reihe, und ich weiß nicht, ob sie nicht schon hat dran glauben müssen.

Hören Sie, macht es Ihnen eigentlich nichts aus, einer Frau bei ihrer Toilette zuzusehen?«

Maigret erhob sich, suchte seinen Hut.

»Wo gehen Sie hin? Sie werden mich doch nicht etwa allein lassen?«

»Ich habe ein paar wichtige Verabredungen. Mein Freund, der Sie nach Paris gebracht hat, wird gleich kommen und Ihnen Gesellschaft leisten.«

»Wo ist er?«

»Unten.«

»Warum haben Sie ihn nicht mitgebracht? Na, gehen Sie! Geben Sie zu, Sie haben sich was gedacht dabei. Sie wollen es nicht zugeben? Ist es wegen Ihrer Frau?«

Sie hatte schon Wasser in die Schüssel gegossen, um sich zu waschen, und Maigret sah den Augenblick kommen, wo sie ihr Nachthemd fallenlassen würde. Die Träger rutschten bei jeder Bewegung etwas tiefer.

»Wir sehen uns nochmal im Lauf des Tages«, sagte er, schon unter der Tür.

Justin Minard saß im schräg einfallenden Sonnenlicht auf der Terrasse und trank Milchkaffee.

»Eben war Ihre Frau da.«

»Wa-as?«

»Gleich nachdem Sie von zu Hause weggegangen waren, kam ein Rohrpostbrief. Sie ist Ihnen nachgelaufen, weil sie hoffte, sie könnte Sie noch einholen. Ich glaube, sie hat Sie überall gesucht.«

Maigret nahm Platz, bestellte automatisch ein Bier, ohne die frühe Stunde zu bedenken, und riß den Umschlag auf. Der Brief war mit Maxime Le Bret unterzeichnet.

Ich wäre froh, wenn Sie heute vormittag im Büro vorbeikommen könnten. Herzlich.

Er mußte es in seiner Wohnung geschrieben haben, denn im Kommissariat hätte Le Bret einen Bogen mit Briefkopf benutzt. Mit der Form nahm er es sehr genau. Er besaß mindestens vier verschiedene Sorten Visitenkarten, jede für einen bestimmten Zweck: Monsieur et Madame Le Bret de Plouhinec — Maxime Le Bret de Plouhinec —– Maxime Le Bret, Offizier der Ehrenlegion — Maxime Le Bret, Polizeikommissar

Diese handschriftliche Botschaft kennzeichnete eine neue Vertraulichkeit zwischen ihm und seinem Sekretär, und er hatte sich gewiß überlegt, wie er beginnen sollte: Mein lieber Maigret? Lieber Monsieur Maigret? Monsieur Maigret? Schließlich hatte er sich aus der Affäre gezogen, indem er auf eine Anrede verzichtete.

»Hören Sie, Minard, haben Sie wirklich Zeit?«

»Soviel Sie wollen!«

»Das Mädchen ist oben. Ich weiß nicht, wann ich wieder frei bin. Ich fürchte aber, daß sie, wenn wir sie allein lassen, an die Rue Chaptal spaziert und dort alles ausplaudert.«

»Ich verstehe.«

»Wenn Sie mit ihr fortgehen, hinterlassen Sie eine Nachricht für mich, damit ich weiß, wo ich Sie finde. Und wenn Sie den Drang nach Freiheit verspüren, bringen Sie sie zu meiner Frau.«

Eine Viertelstunde später betrat er das Kommissariat. Seine Kollegen betrachteten ihn mit jener etwas neidischen Bewunderung, die man für Beamte im Urlaub oder in Sondermission empfindet, weil sie dem Stundenplan, dem täglichen Trott auf wunderbare Weise entronnen sind.

»Ist der Kommissar da?«

»Schon seit einer ganzen Weile.«

In der Art, wie Le Bret seinen Sekretär empfing, lag das gleiche undefinierbare Etwas wie in seinem Brief. Er reichte ihm sogar die Hand, was er sonst nie tat.

»Ich frage Sie nicht, wie weit Sie mit Ihrer Untersuchung gekommen sind. Es wäre wohl etwas verfrüht. Wenn ich Sie hergebeten habe … Ich möchte, daß Sie mich richtig verstehen, denn es handelt sich um eine delikate Angelegenheit. Einerseits geht das, was ich zu Hause am Boulevard de Courcelles erfahre, den Polizeikommissar nicht das geringste an. Andererseits …«

Er ging, eine seiner Zigaretten mit golderiem Mundstück rauchend, im Büro auf und ab. Er wirkte frisch, ausgeruht.

»Ich bringe es nicht über mich, Sie im Dunkel tappen zu lassen, indem ich Ihnen eine Neuigkeit vorenthalte. Gestern abend rief Mademoiselle Gendreau meine Frau an.«

»Vom Hotel du Louvre aus?«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie ist gestern nachmittag mit einer Mietdroschke hingefahren.«

»Tja, denn … Das ist alles … Ich weiß, wie schwierig es ist, in Erfahrung zu bringen, was in gewissen Häusern vor sich geht…«

Es klang irgendwie besorgt, als fragte er sich, was Maigret außerdem in Erfahrung bringen konnte.

»Sie will nicht mehr in die Rue Chaptal zurückkehren. Sie trägt sich mit dem Gedanken, das Haus ihres Großvaters neu herzurichten.«

»An der Avenue du Bois-de-Boulogne.«

»Ja. Ich sehe, Sie wissen manches.«

Maigret gab sich einen Ruck.

»Gestatten Sie mir eine Frage: Kennen Sie den Grafen d’Anseval?«

Le Bret runzelte überrascht die Stirn. Er schien erst nicht zu verstehen, dachte eine geraume Weile nach.

»Ach ja! Balthazars haben das Schloß Anseval gekauft. Das meinen Sie doch, nicht wahr? Aber ich sehe keinen Zusammenhang.«

»Mademoiselle Gendreau und der Graf d’Anseval sehen sich häufig.«

»Sind Sie sicher? Das ist ziemlich merkwürdig.«

»Sie kennen den Grafen?«

»Nicht persönlich, und ich möchte sagen: glücklicherweise. Aber ich habe von ihm gehört. Was mich wundert … es sei denn, sie hätten sich schon als Kind gekannt, oder sie wisse nicht … Bob d’Anseval ist sehr tief gesunken. Er wird nirgends mehr empfangen, er gehört keinem Club an, und ich glaube, die Sittenpolizei hat sich schon öfters mit ihm befassen müssen.«

»Wissen Sie zufällig seine Adresse?«

»Man sagt, er verkehre in gewissen berüchtigten kleinen Bars an der Avenue de Wagram und im Ternes-Quartier. Vielleicht wissen sie bei der Sittenpolizei mehr darüber.«

»Gestatten Sie, daß ich mich dort erkundige?«

»Unter der Bedingung, daß Sie die Familie Gendreau-Balthazar nicht erwähnen.«

Es war offensichtlich, daß ihn etwas beschäftigte. Ein paarmal murmelte er vor sich hin:

»Merkwürdig!«

Kühner werdend, fragte Maigret:

»Halten Sie Mademoiselle Gendreau für normal?«

Diesmal zuckte Le Bret zusammen. Im Blick, den er seinem Sekretär zuwarf, lag ungewollte Entrüstung.

»Wie bitte?«

»Verzeihen Sie, wenn ich die Frage nicht richtig gestellt habe. Ich habe jetzt die Gewißheit, daß es wirklich Lise Gendreau war, die ich in der bewußten Nacht im Mädchenzimmer sah. Also muß sich in ihrem eigenen Zimmer etwas so Wichtiges ereignet haben, daß es jenes Täuschungsmanöver notwendig machte. Und ich habe keinen Grund, an der Aussage des Musikers zu zweifeln, der zu diesem Zeitpunkt gerade durch die Rue Chaptal ging und einen Schuß hörte.«

»Sprechen Sie weiter!«

»Ich glaube, Mademoiselle Gendreau war in jener Nacht nicht allein mit ihrem Bruder.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß aller Wahrscheinlichkeit nach eine Drittperson dort war, und zwar der Graf d’Anseval. Wenn wirklich geschossen wurde, wenn sich wirklich drei Personen im Zimmer befanden, wenn wirklich jemand getroffen wurde …«

Insgeheim war Maigret stolz darauf, daß sein Chef ihn so verblüfft musterte.

»Haben Sie noch mehr herausgefunden?«

»Nicht viel.«

»Ich dachte, man hätte Ihnen das ganze Haus gezeigt.«

»Bis auf die Zimmer über den Ställen und der Garage.«

Sekundenlang, und zum erstenmal, wurde das Drama gegenwärtig. Le Bret wies die Möglichkeit eines blutigen Ereignisses, eines Mordes, eines Verbrechens nicht länger von der Hand. Und es hatte sich in seiner Welt zugetragen, bei Menschen, mit denen er verkehrte, denen er in seinem Club begegnete, bei einem jungen Mädchen, das mit seiner Frau eng befreundet war.

Es war seltsam, aber die Erschütterung des Kommissars bewirkte, daß jetzt auch Maigret die Tragödie als solche empfand. Es war nicht mehr nur ein Problem, das der Lösung harrte. Es ging um ein Menschenleben, vielleicht um mehrere Menschenleben.

»Mademoiselle Gendreau ist unermeßlich reich«, seufzte der Kommissar endlich, als ob er diese Tatsache bedauerte. »Wahrscheinlich ist sie die Universalerbin eines der fünf, sechs größten Vermögen von Paris.«

»Wahrscheinlich?«

Sein Chef wußte mehr darüber, doch als Mann von Welt, der er war, widerstrebte es ihm sichtlich, dem Polizeikommissar, der er ebenfalls war, zu Hilfe zu kommen.

»Sehen Sie, Maigret, was diesen Fall betrifft, so sind hier sehr große Geldinteressen im Spiel. In deren Mittelpunkt steht Lise Gendreau, und das weiß sie schon seit ihrer Kindheit. Sie war nie ein Mädchen wie alle anderen. Immer hat sie sich als Erbin der Balthazar-Cafés und vor allem als geistige Erbin des alten Hector Balthazar gefühlt.«

Mitleidig fügte er hinzu:

»Sie ist ein armes Kind.«

Dann, interessiert:

»Was Sie mir von d’Anseval erzählten … sind Sie sicher, daß es stimmt?«

Es war wieder der Weltmann, der sprach. Die Frage interessierte ihn brennend; trotzdem blieb er skeptisch.

»Er hat Mademoiselle Gendreau oft spät abends besucht, wenn nicht in ihrem Schlafzimmer, dann jedenfalls in ihrem Boudoir im zweiten Stock.«

»Das ist ein Unterschied.«

Genügte dieser Unterschied zwischen Boudoir und Schlafzimmer, damit Le Bret aufatmen konnte?

»Ich möchte Ihnen gern noch eine Frage stellen, wenn Sie gestatten, Herr Kommissar. Hat Mademoiselle Gendreau sich jemals mit der Absicht getragen, sich zu verheiraten? Bedeuten ihr Männer überhaupt etwas? Oder glauben Sie, daß sie frigid ist?«

Le Bret verschlug es die Sprache. Fassungslos starrte er den jungen Mann an, der plötzlich auf diese Weise mit ihm sprach, noch dazu über Menschen, mit denen er selber nie verkehrt hatte. Seine Miene drückte unfreiwillige Bewunderung aus, aber auch Unruhe, als sehe er sich unvermittelt einem Zauberer gegenüber.

»Es wird viel über sie getratscht. Sicher ist, daß sie die glänzendsten Partien ausgeschlagen hat.«

»Sagt man ihr Seitensprünge nach?«

»Davon weiß ich nichts.«

Es war offensichtlich, daß der Kommissar log.

In kühlerem Ton fuhr Le Bret fort:

»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mir nie erlauben würde, mich solche Dinge zu fragen, wo es sich um Freundinnen meiner Frau handelt. Sie müssen bedenken, junger Mann …«

Er sprach jetzt fast so schneidend, wie er es vermutlich am Boulevard de Courcelles getan hätte, doch er besann sich noch rechtzeitig.

»… unser Beruf erfordert unendlich viel Vorsicht und Takt. Ich frage mich sogar …«

Maigret überlief es kalt. Man würde ihm seine Untersuchung fortnehmen, man würde verlangen, daß er an seinen Platz hinter dem schwarzen Pult zurückkehrte und wieder tagein, tagaus Protokolle ins Reine schrieb und Armutszeugnisse ausstellte.

Sekundenlang hing der Satz in der Luft. Dann siegte der Beamte der Republik über den Mann von Welt.

»Sie müssen sehr, sehr behutsam vorgehen, glauben Sie mir. Im Notfall, wenn Sie aus irgendeinem Grund nicht weiterkommen, rufen Sie mich zu Hause an. Ich glaube, das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Haben Sie meine Nummer?«

Er notierte sie auf einem Zettel.

»Ich habe Sie heute hergebeten, weil ich Sie nicht im Unklaren lassen wollte. Ich konnte ja nicht wissen, daß Sie selber schon so weit vorangekommen sind.«

Dennoch reichte er ihm zum Abschied nicht mehr die Hand. Maigret war wieder ein Polizeibeamter geworden, ein Beamter, der plump in eine Welt einzudringen drohte, wo nur die Visitenkarte Monsieur et Madame Le Bret de Plouhinec etwas galt.

___________

Es war beinahe Mittag. Maigret war durch den Torbogen am Quai des Orfévres geschritten und hatte im Vorbeigehen in den Raum zur Linken geblickt, der mit Meldezetteln der Fremdenpolizei tapeziert war. Er war die breite, verstaubte Treppe hinaufgegangen, nicht als Überbringer irgendeiner Mitteilung aus dem Kommissariat wie bei früheren Gelegenheiten, sondern gewissermaßen auf eigene Rechnung.

Er hatte zu beiden Seiten des langen Korridors die vielen Türen gesehen, auf denen die Namen der Kommissare prangten. Er hatte auch den Warteraum mit den Glaswänden gesehen und einen Inspektor, der mit einem Mann in Handschellen an ihm vorüberging.

Jetzt stand er in einem Büro, dessen offene Fenster auf die Seine hinausgingen. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Büro im Kommissariat. Männer saßen über Telefonapparate oder Rapporte gebeugt; ein Inspektor balancierte auf einer Tischkante, während er friedlich seine Pfeife tauchte. Das alles lebte, summte, widerspiegelte eine Atmosphäre ungezwungener Kameradschaft.

»Hör zu, Kleiner, von mir aus kannst du ruhig in die Aktenkammer raufgehen, aber ich glaube nicht, daß es ein Dossier über ihn gibt. Meines Wissens ist er nie verurteilt worden.«

Ein etwa vierzigjähriger Wachtmeister hörte sich Maigrets Fragen an, väterlich, als hätte er einen Chorknaben vor sich. Das hier war die Brigade mondaine, die Sittenpolizei, und diese Männer kannten das Milieu, in dem der Graf d’Anseval verkehrte, wie ihre Westentasche.

»He, Vanel, wie lange ist es her, seit du den Grafen gesehen hast?«

»Bob?«

»Ja.«

»Den hab ich das letztemal am Rennen getroffen. Er war mit Dédé.«

»Dédé«, wurde Maigret erklärt, »ist ein Typ, der an der Rue des Acacias eine Garage hat. Eine Garage, wo nie mehr als ein oder zwei Wagen stehen. Kapiert, Junge?«

»Kokain?«

»Auch das, sicher. Daneben vermutlich noch andere kleine Geschäfte. Von den Weibern nicht zu reden. Der Graf — man nennt ihn einfach Graf — steckt bis zum Hals in der Sache. Wir hätten ihn uns schon zwei-, dreimal bei einer krummen Tour angeln können, aber es ist besser, wir behalten ihn von weitem im Auge. Mit ein bißchen Glück bringt er uns die größeren Fische an die Leine.«

»Haben Sie seine letzte Adresse?«

»Willst du damit sagen, dein Kommissar trample in unseren Gartenbeeten herum? Junge, Junge, paß auf! Mach mir Bob nicht kopfscheu! Nicht weil er uns persönlich interessiert, aber so einer wie er, so ein Emanzipierter bringt uns manchmal weiter. Ist was Ernstes dran an deiner Geschichte?«

»Ich muß ihn unbedingt finden.«

»Weißt du die Adresse, Vanel?«

Mürrisch, mit der Verachtung der Leute vom Quai des Orfévres für die kleinen Pinscher vom Kommissariat, antwortete Vanel:

»Hotel du Centre, Rue Brey, gleich hinter der Etoile.«

»Wann war er das letztemal dort?«

»Vor vier Tagen habe ich ihn im Bistro, Ecke Rue Brey, mit seiner Nutte gesehen.«

»Darf man wissen, wie sie heißt?«

»Lucile. Sie ist leicht zu erkennen. Hat eine Narbe auf der linken Wange.«

Ein Kommissar kam herein, Papiere in der Hand, geschäftig.

»Hört mal, Kinder…«

Er hielt inne, als er einen Unbekannten im Büro seiner Inspektoren erblickte, und schaute die Beamten fragend an.

»Der Sekretär des Kommissars von Saint-Georges.«

»Oh!«

Dieses Oh! hatte Maigret gerade noch gefehlt. Heftiger denn je wünschte er sich, dem »Haus« anzugehören. Er selber war nichts, er war weniger als nichts. Kein Mensch kümmerte sich mehr um ihn. Der Kommissar und der Inspektor standen beisammen und besprachen eine Razzia, die für die kommende Nacht im Umkreis der Rue de la Roquette geplant war.

Da es nicht weit war bis zur Place de la République, beschloß Maigret, zum Mittagessen nach Hause zu gehen, ehe er zur Etoile fuhr, um den Grafen oder Lucile zu suchen.

Als er in den Boulevard Richard-Lenoir einbog, sah er in der Brasserie an der Ecke ein Paar an einem gedeckten Tisch sitzen.

Justin Minard und Germaine. Eilig wollte er weitergehen, um nicht aufgehalten zu werden. Ihm schien, Minard habe ihn gesehen und dann absichtlich in eine andere Richtung geschaut. Aber das Mädchen klopfte von innen an die Scheibe, so daß ihm keine andere Wahl blieb als hineinzugehen.

»Ich hatte schon Angst, daß Sie mich in der Pension verpassen würden«, sagte sie. »Haben Sie ordentlich gearbeitet?«

Minard studierte die Speisekarte. Er wirkte sehr verlegen. Das Mädchen dagegen war wie aufgeblüht. Maigret hatte den Eindruck, ihre Haut sei heller, rosiger geworden, ihre Augen strahlender, ihre Brüste noch voller.

»Brauchen Sie uns heute nachmittag? Wenn Sie uns nämlich nicht brauchen… Ich hab gesehen, daß es im Ambigu-Theater eine Matinee gibt.«

Sie saßen nebeneinander auf der Plüschbank, und Maigret bemerkte, wie Germaine ihre Hand mit schöner Selbstverständlichkeit auf dem Knie des Musikers ruhen ließ.

Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Minards Augen schienen zu sagen: »Ich habe nicht anders gekonnt.«

Maigret unterdrückte ein Lächeln.

Schließlich ging er nach Hause und speiste allein mit Madame Maigret in ihrem kleinen Eßzimmer im vierten Stock, von dessen Fenster aus man die Passanten im Kleinformat durch die Straße flanieren sehen konnte.

Es war Madame Maigret, die mitten in einem Gespräch über andere Dinge verkündete:

»Ich wette, sie hat ihn rumgekriegt.«

Keinen Augenblid; wäre ihr der Gedanke gekommen, daß das Mädchen mit dem prallen Busen auch ihren Mann hätte rumkriegen können.

Eine kleine Familienfeier

Erst um acht Uhr abends, als die Gaslaternen die Perspektive der Straßen rund um den Arc de Triomphe mit einem Hohlsaum aus Lichtern nachzeichneten und Maigret nicht mehr viel Hoffnung hatte, kam er mit der Wirklichkeit, die er suchte, in Berührung.

Von seinem Nachmittag blieb ihm die strahlende Erinnerung an den schönsten Frühling in Paris, an eine Luft, die so milde war und so wundervoll roch, daß man stehenblieb, um sie einzuatmen. Sicher gingen die Frauen schon seit Tagen in den lauen Stunden ohne Mantel aus, doch er bemerkte es erst jetzt. Ihm war, als hätte allenthalben ein Blühen von hellen Kleidern begonnen; auf den Hüten wippten schon Margeriten, Kornblumen und Mohn, und viele Männer wagten sich mit dem Strohhut auf die Straße.

Stundenlang hatte er nichts anderes getan, als einen kleinen Abschnitt zwischen Etoile, Place des Ternes und Forte Maillot abzuschreiten. An der Rue Brey stieß man, gleich wenn man um die Ecke bog, auf drei Frauen in hochhackigen Stiefeletten und enggeschnürten Korsetts. Sie sprachen nicht miteinander, sie bildeten kein Grüppchen, doch sowie ein Passant auftauchte, stürzten sich alle drei auf ihn. Ihr Ankerplatz war das Hotel, wo der Graf wohnte, und neben dem Eingang wartete eine vierte Frau, viel dicker als die anderen, zu träge, um weiter draußen auf Kunden zu lauern.

Warum fiel Maigret auf, daß sich gleich gegenüber eine Wäscherei voll frischer junger Mädchen befand, die emsig mit dem Bügeleisen hantierten? Lag es am Kontrast?

»Ist der Graf oben?« erkundigte er sich in der Rezeption.

Er wurde von Kopf bis Fuß gemustert. Alle Menschen, denen er an diesem Tag noch begegnen sollte, hatten die gleiche Art, ihn prüfend anzusehen, bedächtig, wie im Zeitlupentempo, eher gelangweilt als verächtlich, und alle antworteten ihm widerstrebend.

»Gehen Sie rauf und sehen Sie nach!«

Er sah sich schon am Ziel seines ersten Vorhabens.

»Können Sie mir seine Zimmernummer sagen?«

Ein Zögern. Die Frage hatte bewiesen, daß er den Grafen nicht näher kannte.

»32 …«

Er ging nach oben. Es roch nach Menschen und nach Küche. Am Ende des Korridors stand ein Zimmermädchen und stapelte Bettlaken, die aussahen, als wären sie noch feucht von Schweiß. Vergeblich klopfte er an eine Tür.

»Wollen Sie zu Lucile?« rief das Mädchen von weitem.

»Zum Grafen.«

»Er ist nicht da. Niemand ist da.«

»Wissen Sie zufällig, wo ich ihn treffen kann?«

Das schien eine so alberne Frage zu sein, daß das Mädchen sich nicht mal die Mühe nahm, darauf zu antworten.

»Und Lucile?«

»Ist sie denn nicht im ›Coq‹?«

Wieder hatte er sich verraten. Sie wurde sofort mißtrauisch. Was tat er hier, wenn er nicht einmal wußte, wo Lucile zu finden war?

»Le Coq« war eines der beiden Cafés an der Ecke der Avenue de Wagram. Die Terrassen waren breit. Ein paar Frauen ohne Begleitung saßen an den Tischen, und Maigret vermutete, daß es zwischen ihnen und jenen, die an der Ecke der Rue Brey auf der Lauer lagen, gewisse unterschiedliche Nuancen gab. Es gab noch eine dritte Sorte, Frauen, die bis zur Emile schlenderten, dann langsam, immer wieder vor den Schaufenstern stehenbleibend, zur Place des Ternes zurückkehrten.

Einige von ihnen hätte man für achtbare Bürgerfrauen halten können, die sich einen kleinen Spaziergang gönnten.

Er suchte eine Narbe. Er sprach den Kellner an.

»Ist Lucile nicht da?«

Augen, die forschend die Runde machten.

»Ich hab sie heute noch nicht gesehen.«

»Glauben Sie, daß sie heute noch kommt? Und haben Sie auch den Grafen nicht gesehen?«

»Den habe ich seit mindestens drei Tagen nicht bedient.«

Er ging in die Rue des Acacias. Die Garage war immer noch geschlossen. Der tabakkauende Schuhflicker gegenüber fand seine Fragen ebenfalls mäßig.

»Mir ist, ich hätte das Auto heute morgen wegfahren sehen.«

»Ein grauer Wagen? Ein Dion-Bouton?«

Für den Tabakkauer war ein Auto ein Auto; er achtete nicht auf die Marke.

»Können Sie mir nicht sagen, wo ich ihn finde?«

Etwas wie Mitleid lag im Blick des Mannes, der da in seiner düsteren Werkstatt saß.

»Ich befasse mich mit Schuhen …«

Maigret kehrte in die Rue Brey zurück, ging die Treppe hinauf, klopfte an die Tür Nr. 32. Keine Antwort. Er suchte weiter, vom »Coq« bis zur Place des Ternes, drehte sich nach allen Frauen um, musterte sie, suchte die Narbe, so daß sie ihn über eine Stunde lang für einen Freier hielten, der sich nicht entschließen konnte.

Dann und wann überkam ihn die Angst. Er warf sich vor, daß er hier seine Zeit vergeudete, während anderswo vielleicht irgendwelche Dinge geschahen. Er hatte vorgehabt, den Eingang zu den Büros der Firma Balthazar zu überwachen. Er hatte sich auch vergewissern wollen, daß Lise Gendreau immer noch im Hotel du Louvre wohnte. Und er hätte gern die Menschen beobachtet, die im Haus an der Rue Chaptal ein- und ausgingen.

Weshalb harrte er hier aus? Er sah Männer das Hotel an der Rue Brey betreten, gesenkten Kopfes, wie von einer unsichtbaren Hundeleine gezogen. Er sah Männer herauskommen, noch kläglicher, mit unsteten Augen; sie durchquerten eilig den leeren Raum, der sie von der Menschenmenge auf der Straße trennte, und in der sie ihre Sicherheit wiederfanden. Er sah Frauen, die einander Zeichen gaben, und Geld, das von Hand zu Hand ging.

Er ging von einer Bar in die andere. Er war auf die Idee verfallen, Minard nachzuahmen, und bestellte Erdbeerlimonade, doch das Zeug widerte ihn an, und um fünf Uhr nachmittags kehrte er wieder zum Bier zurück.

»Nein, den Dédé hab ich auch nicht gesehen. Sind Sie mit ihm verabredet?«

In diesem Quartier schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Erst gegen sieben Uhr sagte jemand:

»War er denn nicht am Rennen?«

Auch von Lucile keine Spur. Schließlich hatte er eine der Frauen, die nicht so unfreundlich aussah wie die anderen, nach ihr gefragt.

»Vielleicht ist sie aufs Land gefahren.«

Er begriff nicht gleich.

»Fährt sie oft aufs Land?«

Sie sah ihn an, lachte.

»Nun, der ergeht’s eben wie allen Frauen. Wenn’s so weit ist, kann man ebensogut ein bißchen frische Luft schnappen gehen …«

Drei-, viermal war er nahe daran, aufzugeben. Er war sogar schon am Eingang zur Metro stehengeblieben, ein paar Stufen hinuntergegangen.

Und dann, kurz nach halb acht, noch während er auf- und abpatrouillierte und die vorübergehenden Frauen musterte, fiel sein Blick zufällig auf die stille Rue de Tilsit. Am Bordstein standen Mietdroschken, ein Herrschaftswagen und gleich davor ein graues Auto, dessen Marke und Nummer er sogleich erkannte.

Es war Dédés Wagen. Niemand saß darin. Ein Wachtmeister in Uniform vertrat sich die Füße an der Straßenecke.

»Ich bin vom Kommissariat Saint-Georges. Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Falls der Besitzer dieses Wagens zurückkommt und wegfahren will, könnten Sie ihn wohl unter irgendeinem Vorwand daran hindern?«

»Können Sie sich ausweisen?«

Sogar die Friedenshüter in diesem Quartier trauten ihm nicht! Es war die Stunde, da alle Restaurants voll waren. Da Dédé nicht im »Coq« war — man hatte es ihm eben wieder bestätigt —, aß er wahrscheinlidu irgendwo in der Nähe zu Abend. In einer offenbar ziemlich beliebten Kneipe wurde Maigret erst herumgeschubst, dann warf man ihm über die Schulter zu:

»Dédé? Kenn ich nicht …«

Auch in der Brasserie daneben kannte man Dédé nicht.

Zweimal ging Maigret in die Rue Tilsit, um zu sehen, ob das Auto noch dort stand. Am liebsten hätte er mit seinem Taschenmesser vorsichtshalber einen der Reifen aufgeschlitzt, doch die Nähe des Polizeiwachtmeisters, der schon so viele Jahre länger Dienst tat als er, hinderte ihn daran.

Er stieß die Tür eines italienischen Restaurants auf, trat ein, stellte seine Fragen:

»Haben Sie den Grafen heute nicht gesehen?«

»Bob? Nein. Weder heute noch gestern.«

»Und Dédé?«

Das Lokal war klein und ziemlich elegant mit seinen Sitzpolstern aus rotem Samt. Im Hintergrund trennte eine Zwischenwand, die nicht ganz bis zur Decke reichte, das Restaurant von einer Art Privatsalon, und im Eingang sah Maigret einen Mann in kariertem Anzug stehen. Er hatte ein rötliches Gesicht und blondes, gescheiteltes Haar.

»Was gibt’s?« rief er an Maigret vorbei dem Wirt zu, der hinter der Theke stand.

»Er fragt nach dem Grafen und nach Dédé.«

Mit vollem Mund, eine Serviette in der Hand, kam der Mann auf Maigret zu, trat dicht an ihn heran und begann ihn gelassen zu mustern.

»Nun?« fragte er.

Maigret suchte nach Worten.

»Ich bin Dédé«, fuhr der Mann fort.

Maigret hatte sich verschiedene Verhaltensweisen ausgedacht für den Fall, daß er dem Mann endlich gegenüberstehen würde, doch jetzt fiel ihm eine neue Variante ein.

»Ich bin gestern angekommen«, erklärte er linkisch.

»Von wo angekommen?«

»Von Lyon. Ich wohne in Lyon.«

»Interessant.«

»Ich suche einen Freund von mir, einen Schulkameraden, der mit mir im Internat war.«

»Wenn er im Internat war, bin ich’s nicht.«

»Es ist der Graf d’Anseval, Bob.«

»Ach, sieh mal an!«

Er lächelte nicht. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Zähne und dachte nach.

»Und wo haben Sie Bob gesucht?«

»Überall. In seinem Hotel habe ich ihn nicht angetroffen.«

»Weil er Ihnen seine Hoteladresse gegeben hat, als Sie zusammen im Internat waren, ja?«

»Die Adresse hab ich von einem Freund.«

Dédé gab dem Barmann ein kaum merkliches Zeichen.

»Schön. Da Sie ein Freund von Bob sind, müssen Sie mit uns anstoßen. Wir feiern heute abend gerade ein kleines Familienfest.«

Er bedeutete Maigret, ihm in den Privatsalon zu folgen. Maigret erblickte einen gedeckten Tisch, Champagner in einem silbernen Kübel, Sektgläser, eine Frau in Schwarz mit aufgestützten Ellbogen, einen Mann mit gebrochener Nase und stierem Blick, der sich langsam wie ein Boxer vor der nächsten Runde von seinem Sitz erhob.

»Das ist Albert, ein Kollege von mir.«

Dédé blickte Albert mit dem gleichen rätselhaften Ausdruck an wie eben noch den Wirt. Er sprach nicht lauter als vorher, er lächelte immer noch nicht, dennoch spürte Maigret den ätzenden Hohn in seiner Stimme.

»Und das ist Lucile, Bobs Frau.«

Maigret sah die Narbe. Sie hatte ein sehr schönes, sehr ausdrucksvolles Gesicht, und als er sich über sie beugte, um sie zu begrüßen, standen Tränen in ihren Augen. Sie wischte sie mit dem Taschentuch fort.

»Machen Sie sich nichts daraus! Sie hat gerade ihren Papa verloren. Drum mixt sie jetzt ihren Champagner mit ein paar Tränen. Angelino! Noch ein Glas und ein Gedeck!«

Sonderbar, wie eisig, ja drohend seine Herzlichkeit wirkte! Maigret warf einen Blick auf den Eingang hinter ihm. Er hatte das sichere Gefühl, daß er hier nicht wieder herauskommen würde, solange es dem kleinen Mann im karierten Anzug nicht paßte.

»Sie sind also aus Lyon hergereist, um Ihren alten Kameraden Bob wiederzusehen?«

»Nicht nur deswegen. Ich hatte in Paris geschäftlich zu tun. Ein Freund sagte mir, Bob lebte hier. Ich habe ihn schon vor langer Zeit aus den Augen verloren.«

»Vor langer Zeit, soso. Nun dann, auf Ihr Wohl! Die Freunde unserer Freunde sind auch unsere Freunde. Trink, Lucile!«

Sie gehorchte. Das Glas stieß gegen ihre Zähne, so sehr zitterte ihre Hand.

»Sie bekam heute nachmittag ein Telegramm, ihr Papa sei gestorben. Das macht einem immer Eindruck. Zeig das Telegramm, Lucile!«

Verwundert schaute sie ihn an.

»Zeig diesem Herrn …«

Sie kramte in ihrer Tasche.

»Ich muß es in meinem Zimmer liegengelassen haben.«

»Mögen Sie Ravioli? Der Chef bereitet gerade seine Spezialität für uns zu. Übrigens, wie heißen Sie?«

»Jules.«

»Jules gefällt mir. Es tönt gut. Also los, alter Jules, erzähl!«

»Ich hätte Bob vor meiner Rückreise gern noch gesehen.«

»Fahren Sie schon so bald wieder nach Bordeaux zurück?«

»Ich sagte: Lyon.«

»Lyon, ach ja! Schöne Stadt, Lyon! Bob wäre sicher untröstlich, wenn er Sie verpassen würde. Zumal er seine Internatsfreunde heiß liebt, nicht wahr? Versetzen Sie sich an seine Stelle. Kameraden vom Internat sind ehrbare Leute. Ich wette, Sie sind ein ehrbarer Mensch. Lucile, was, glaubst du, ist der Herr von Beruf?«

»Ich weiß es nicht.«

»Denk mal ein bißchen nach. Ich möchte wetten, er züchtet Hühner.«

War das nur so hingesagt? Warum gebrauchte er das Wort »Hühner«, das in gewissen Kreisen als Spitzname für die Polizei verwendet wurde? War es als eine Warnung an die beiden anderen gedacht?

»Ich bin in der Versicherungsbranche tätig«, sagte Maigret. Er mußte das Spiel bis zum Schluß weiterspielen, es blieb ihm nichts anderes übrig.

Das Essen wurde serviert. Eine neue Flasche wurde gebracht, von Dédé offenbar durch einen Wink herbeigezaubert.

»Komisch, wie man sich wiedertrifft. Man kommt nach Paris, einfach so. Man erinnert sich halb und halb an einen alten Schulkameraden und stößt zufällig auf einen Bekannten, der einem die richtige Adresse gibt. Andere hätten zehn Jahre lang suchen können, schon weil es im ganzen Quartier keine Menschenseele gibt, die den Namen d’Anseval kennt. Es ist wie mit meinem Namen. Fragen Sie den Wirt, fragen Sie Angelino nach meinem Namen! Die kennen mich seit Jahren. Sie werden Ihnen sagen, ich sei Dédé. Schlicht und einfach Dédé. Hör auf zu heulen, Lucile! Der Herr wird denken, du hättest keine Tischmanieren.«

Der mit der Boxernase sagte nichts. Er aß, trank, machte ein mürrisches Gesicht, und doch schien er hin und wieder ein Gelächter zu unterdrücken, als fände er die Scherze des Garagisten ungeheuer lustig.

Einmal zog Lucile eine kleine goldene Uhr, die an einem Band hing, aus ihrem Gürtel. Dédé beruhigte sie:

»Keine Angst, du wirst den Zug schon noch erwischen!«

Seinem Gast erklärte er:

»Ich setze sie später in den Bummelzug. Wenn sie nur rechtzeitig zum Begräbnis kommt, das ist die Hauptsache. Tja, so ist nun mal das Leben. Heute zum Beispiel geht ihr Vater ins Jenseits, und ich gewinne in Longchamps. Ich schwimme im Geld. Ich lasse eine kleine Bombe steigen. Und jetzt ist Bob nicht da., um mit uns anzustoßen.«

»Ist er verreist?«

»Du sagst es, Jules. Er ist verreist. Trotzdem werden wir gleich dafür sorgen, daß du ihn zu sehen kriegst.«

Wieder schluchzte Lucile auf.

»Trink, Mädchen! Es gibt nichts Besseres, um den Kummer zu ersäufen. Hätten Sie jemals gedacht, daß sie so sensibel sein könnte? Seit zwei Stunden tu ich alles, was ich kann, um sie anfzuheitern. Auch Väter müssen nun mal eines Tages in ein besseres Jenseits übersiedeln, stimmt’s? Wie lange hast du ihn nicht gesehen, Lucile?«

»Sei still!«

»Eine Flasche vom gleichen, Angelino! Und was ist mit dem Soufflé? Sag dem Chef, das Soufflé darf er mir nicht verpatzen. Auf dein Wohl, Jules!«

Maigret mochte noch so viel trinken, sein Glas blieb immer voll, und Dédé hatte eine Art, es wieder zu füllen und mit ihm anzustoßen, daß es schon fast eine Drohung war.

»Wie heißt denn der Freund, der so gut Bescheid weiß?«

»Bertrand.«

»Muß ein Schlaukopf sein. Hat dich nicht nur über den alten Bob aufgeklärt, sondern dich auch zur Garage geschickt.«

Demnach wußte er, daß jemand sich in der Rue des Acacias umgesehen und nach ihm gefragt hatte. Wahrscheinlich war er noch am späten Nachmittag dort vorbeigegangen.

»Zu welcher Garage?« fragte Maigret trotzdem.

»Ich dachte, du hättest von einer Garage gesprochen. Jedenfalls hast du nach mir gefragt, als du hier hereinkamst, ja oder nein?«

»Ich weiß, daß Sie mit Bob befreundet sind.«

»Was seid ihr doch für Schlaumeier, ihr Lyoner! Prosit, Jules! Auf russisch! In einem Zug! Los! Oder paßt dir das nicht?«

Der Boxer in seiner Edge sah aus, als heulte er innerlich vor Wonne. Lucile dagegen hatte ihren Kummer offenbar etwas vergessen und schien von Maigrets wachsender Unruhe angesteckt zu sein. Einige Male glaubte Maigret den fragenden Blick, den sie Dédé zuwarf, deuten zu können.

Wie würde das alles enden? Der Garagist, das war sonnenklar, hatte etwas ganz Bestimmtes mit ihm vor. Er gab sich immer ungezwungener, auf seine besondere Art, ohne ein Lächeln, ein eigenartiges Glitzern in seinen Augen. Bisweilen blickte er die anderen beifallheischend an wie ein Schauspieler, der sich in Form fühlt.

»Vor allem kaltes Blut bewahren!« dachte Maigret, während er gezwungmermaßen ein Glas Champagner nach dem anderen hinunterstürzte.

Er war unbewaffnet. Er war zwar kräftig, aber gegen die beiden Männer, den Garagisten und vor allem den Boxer vermochte er nichts auszurichten. Er fühlte ihre kalte Entschlossenheit mit jeder Minute stärker.

Ob sie wußten, daß er von der Polizei war? Es war anzunehmen. Vielleicht war Lucile in die Rue Brey gegangen, vielleicht hatte man ihr von ihrem hartnäckigen Besucher erzählt, der am Nachmittag ins Hotel gekommen war? Wer weiß, vielleicht hatten sie hier auf ihn gewartet!

Und doch wirkte diese Champagner-Party echt. Dédé hatte verkündet, er schwimme im Geld, und es war offenkundig, daß das stimmte. Er befand sich in jenem Zustand freudiger Erregung, in den Leute seines Schlags geraten, wenn sie plötzlich über eine pralle Brieftasche verfügen.

Beim Rennen gewonnen? Sicher ging er oft zum Rennen, aber Maigret hätte geschworen, daß er an diesem Nachmittag nicht in Longchamps gewesen war.

Und was Lucile betraf, so war es nicht der Tod ihres Vaters, weswegen sie in fast regelmäßigen Abständen in Tränen ausbrach. Die Augen liefen ihr über, sowie Bobs Name erwähnt wurde. Weshalb?

Es war zehn Uhr, und sie saßen immer noch am Tisch, immer noch vor ihrem Champagner. Und Maigret kämpfte weiter gegen seine wachsende Benommenheit an.

»Du gestattest, Jules, daß ich eben mal telefoniere?«

Die Telefonkabine befand sich im Restaurant vorne links. Von seinem Platz aus konnte Maigret sie deutlich sehen. Dédé mußte zwei oder drei Nummern verlangen, ehe er die gewünschte Verbindung bekam. Maigret sah, wie sich seine Lippen bewegten, konnte aber die Worte nicht erraten. Lucile wurde nervös. Der Boxer dagegen hatte sich eine dicke Zigarre angezündet, lächelte verklärt und zwinkerte Maigret sogar dann und wann zu.

Hinter dem Kabinenfenster schien Dédé jemandem Anweisungen zu geben, langsam, jedes Wort betonend. Jede Spur von Heiterkeit war aus seinem Gesicht gewichen.

»Entschuldige, mein Lieber, aber es wäre mir nicht recht gewesen, wenn du deinen Freund Bob verpaßt hättest.«

Da verlor Lucile vollends die Fassung. Hinter ihrem Taschentuch brach sie in lautes Weinen aus.

»Haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Nicht direkt, aber es kommt aufs selbe raus. Ich habe es so arrangiert, daß ihr zwei euch trefft, das ist alles. Ist ja die Hauptsache, nein? Du willst ihn doch unbedingt treffen, wie?«

Offenbar war das sehr witzig, denn der Boxer geriet förmlich in Ekstase und gab einen bewundernden Gluckser von sich.

Bildeten sie sich etwa ein, Maigret hätte nicht genau so gut kapiert wie sie, was vor sich ging? Der Graf war tot oder jedenfalls so gut wie tot. Und wenn Dédé sagte, er wolle Maigret mit ihm zusammenbringen …

»Ich sollte auch mal telefonieren«, sagte er so beiläufig wie möglich.

Trotz Le Brets Warnung hatte er soeben beschlossen, sein Kommissariat zu alarmieren. Er konnte sich nicht gut an die Polizei eines anderen Quartiers wenden. Besson, der Dienst hatte, oder Colombani und Wachtmeister Duffieu saßen um diese Zeit in der Wachstube und spielten Karten. Er mußte nur die Dinge etwas in die Länge ziehen, damit sie Zeit hatten, herzukommen und sich beim Wagen zu postieren.

Hier im Lokal würden sie nicht gegen ihn unternehmen. Es waren noch andere Gäste da, man hörte ihre stimmen jenseits der Trennwand, und machten auch viele yon ihnen zu Dédés Milieu gehören, so gab es doch sicher noch andere darunter.

»Telefonieren möchtest du? Mit wem?«

»Mit meiner Frau.«

»Du hast deine Frau bei dir? Bist ein braver Bürger, wie? Hast du gehört, Lucile? Jules ist ein braver Mann. Nichts für dich! Kannst das Füßchenspiel unter dem Tisch ruhig lassen, es lohnt sich nicht. Auf dein Wohl, Jules! Brauchst dich nicht zu bemühen. Angelino wird für dich anrufen. Angelina! In welchem Hotel ist sie denn abgestiegen, deine Süße?«

Der Kellner stand wartend am Tisch. Auch er schien die Situation zu genießen.

»Es ist nicht so dringend.«

»Weißt du das bestimmt? Wird sie sich nicht sorgen? Wäre es nicht möglich, daß sie sich irgend etwas Hirnverbranntes einbildet und dir die Polizei auf den Hals hetzt. Noch eine Flasche, Angelina! Nein, warte! Jetzt wird Cognac getrunken. Jetzt ist Cognac-Zeit. In Schwenkern. Ich wette, unser Freund Jules hat eine Schwäche für Cognac.«

Sekundenlang spielte Maigret mit dem Gedanken, aufzuspringen und zum Ausgang zu laufen, doch sogleich wurde ihm klar, daß er die Tür nicht ungehindert erreichen würde. Es war mehr als wahrscheinlich, daß die beiden Männer Waffen besaßen. Zweifellos hatten sie auch Freunde im Lokal, wenn nicht gar Komplizen, und der Kellner Angelino würde nicht zögern, ihm ein Bein zu stellen, um ihn aufzuhalten.

Daraufhin wurde Maigret ganz ruhig, ruhig und nüchtern, ungeheuer nüchtern, trotz des ganzen Champagners und Cognacs, der ihm aufgezwungen werden war. Ab und zu warf er einen Blick auf die Uhr. Wie Lucile. Es war noch nicht so lange her, seitdem er Bahnhofdienst getan hatte, und die Fahrpläne der wichtigsten Züge hatte er immer noch im Kopf.

Dédé hatte nicht einfach dahergeredet, als er vom Bahnfahren sprach. Sie reisten tatsächlich ab, vielleicht alle drei. Die Fahrkarten hatten sie wohl schon in der Tasche. Mit jeder halben Stunde, die verstridu, verringerten sich nun aber die Möglichkeiten. Der Zug nach Le Havre, mit welchem sie ein Schiff hätten erreichen können, war vor zehn Minuten von der Gare Saint-Lazare abgedampft. Der Zug nach Straßburg verließ die Gare de l’Est in zwanzig Minuten.

Dédé war nicht der Mann, der sich in irgendeinem ländlichen Winkel verkroch‘ wo man ihn früher oder später aufstöbern würde. Er hatte seinen Wagen draußen stehen, am Bordstein in der Rue de Tilsit.

Sie fuhren ohne Gepäck weg. Das Auto würden sie vermutlich irgendwo stehenlassen.

»Hör auf zu trinken, Lucile! Wie ich dich kenne, wirst du uns noch aufs Tischtuch kotzen, und das wäre unfein. Angelinol Die Rechnung!«

Und zu Maigret gewandt, als hätte dieser Miene gemacht, seine Brieftasche zu zücken:

»Nie im Leben! Ich hab dir doch gesagt, daß dies eine kleine Familienfeier ist.«

Stolz öffnete er seine eigene, von Tausend-Francs-No— ten fast berstende Brieftasche. Ohne die Rechnung zu be— achten, steckte er Angelino eine der Banknoten in die Hand und sagte:

»Behalte den Rest.«

Er mußte seiner Sache sehr sicher sein.

»Und jetzt los, Kinder. Zuerst bringen wir Lucile zum Bahnhof, dann gehen wir zu Bob. Ist dir das recht, Jules? Kannst du noch gerade gehen? Unser Freund Albert wird dich stützen. Aber ja! Faß ihn unter, Albert! Ich kümmere mich um die Kleine.«

Es war elf Uhr dreißig. Die Avenue de Wagram war in dieser Gegend nur spärlich beleuchtet; erst unten gegen die Place des Temes zu wurde es heller.

Als sie das Lokal verließen, blickte ihnen der Wirt mit undurchdringlicher Miene nach, und sie waren noch keine zehn Schritte gegangen, da ließ er hastig die Rolläden herunter, obwohl noch mehrere Gäste im Restaurant saßen.

»Stütz ihn gut, Albert! Wir wollen nicht, daß er sein Porträt beschädigt. Wär ja ein Jammer, wenn sein Freund Bob ihn nicht mehr erkennen würde. Hier entlang, meine Damen und Herren!«

Wenn jetzt ein Polizist an der Straßenecke gestanden hätte, so hätte Maigret um Hilfe gerufen. Er wußte nur zu gut, was ihm bevorstand. Man hatte ihm zuviel gesagt, zuviel gezeigt. Es war ihm klar, daß sein Schicksal sich entschieden hatte im Moment, da er das italienische Restaurant betrat.

Weit und breit war kein Polizist zu sehen. Im Halbdunkel auf der anderen Seite der Avenue zeichneten sich die Umrisse einiger Strichmädchen ab. Am oberen Ende stand ein Straßenbahnwagen an der Endhaltestelle, aber er war leer; durch die Wagenfenster fiel gelbliches, klebriges Licht.

Immerhin blieb ihm die Hoffnung, daß sie nicht schießen würden. Die Zeit hätte nicht gereicht, um ins Auto zu springen und das Quartier auf schnellstem Weg zu verlassen, ehe der Alarm ausgelöst wurde.

Also Messer? Wahrscheinlich. Messer waren jetzt große Mode. Und der Boxer Albert sorgte dafür, daß er den rechten Arm nicht bewegen konnte, indem er so tat, als müsse er Maigret stützen.

Ein Jammer, daß er nicht dazugekommen war, einen der Reifen aufzuschlitzen. Hätte er ein paar Minuten gewartet, bis ihm der Wachtmeister den Rücken kehrte, die Lage wäre eine ganz andere gewesen.

Es war beinahe Mitternacht. Noch zwei Züge blieben übrig. Einer fuhr von der Gare du Nord aus nach Belgien, der zweite von der Gare de Lyon nach Ventimiglia. Aber Ventimiglia war weit.

Madame Maigret saß zu Hause bei ihrer Näharbeit und wartete auf ihn. Justin Minard spielte Kontrabaß in der Brasserie Clichy, wo die Nummer des Stücks jeweils auf einem Pappschild angekündigt wurde. Ob es ihm gelungen war, Germaine loszuwerden? Maigret hätte geschworen, daß sie jetzt in der Brasserie saß und daß der Musiker sich überlegte, was er mit ihr anfangen sollte.

In der Rue de Tilsit war kein Mensch zu sehen, nicht einmal eine Droschke. Nur das graue Auto stand am Bordstein. Dédé setzte sich, nachdem er Lucile auf dem Rücksitz verstaut hatte, ans Steuer, und ließ den Motor an.

Vielleicht würden sie ihn in eine noch verlassenere Gegend bringen, ans Ufer der Seine oder des Kanals Saint-Martin, und seine Leiche ins Wasser werfen.

Maigret hatte keine Lust zu sterben, und doch hatte er sich irgendwie damit abgefunden. Er würde sich wehren, so gut er konnte, aber das würde ihm nicht viel nützen. Mit der linken Hand umklammerte er den Schlüsselbund in der Tasche.

Wenn nur der Motor nicht hätte anspringen wollen! Aber nach ein paar hüstelnden Geräuschen begann er zu laufen, und der Wagen bebte auf den Rädern.

Der Ziegenpelz lag auf dem Sitz. Dédé dachte nicht daran, ihn anzuziehen. War es Dédé, der zuschlagen würde, von oben nach unten? Oder war es der Boxer, der hinter Maigret stand und seinen rechten Arm fest gepackt hielt.

Der Augenblick war gekommen, und niemand weiß, ob Maigret nicht betete: »Lieber Gott, gib, daß …«

Als hätte der Zufall es gewollt, ertönten laute Schritte. Zwei ziemlich beschwipste Männer kamen die Avenue de Wagram herunter. Sie trugen Fräcke und schwarze Mäntel, hatten den Knauf ihrer Spazierstöcke in die Tasche gesteckt und trällerten einen Gassenhauer, der in den Caféconcerts gerade im Schwang war.

»Komm, Jules!« rief Dédé mit einer Hast, die Maigret eben noch registrieren konnte.

Als er den rechten Fuß hob, um ins Auto zu steigen, wurde ihm ein heftiger Schlag auf den Kopf versetzt. Er hatte sich noch rechtzeitig gebückt, so daß der Schock geringer war als erwartet. Er glaubte Schritte zu hören, die sich näherten, Stimmen, Motorengeknatter, danach wußte er nichts mehr.

Als er die Augen aufschlug, sah er als erstes Beine, Lackschuhe, dann Gesichter, fahl im Dunkel. Es schienen viele Gesichter zu sein, eine ganze Menge, dann stellte er fest, daß nur fünf Personen um ihn herumstanden, und das verwunderte ihn sehr.

Eines der Gesichter gehörte zu einem dicken, gutmütigen Mädchen, das wohl auf der anderen Seite der Avenue auf den Strich ging und vom Lärm angelockt werden war. Er hatte es am Nachmittag ein paarmal dort stehen sehen, und vermutlich hatte es kein Glück gehabt, da es zu dieser späten Stunde noch auf einen Freier wartete. Auch die zwei angeheiterten Festbrüder waren da. Einer von ihnen stand über ihn gebeugt und fragte mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen: »He, alter Freund, geht’s besser? He, alter Freund, hörst du mich? Geht’s dir besser?«

Er wußte nicht, warum da ein Korb stand und warum es nach Veilchen roch. Er versuchte sich auf einen Ellbogen zu stützen. Der Festbruder half ihm. Eine alte Blumenverkäuferin stand da. Sie jammerte:

»Wieder diese Banditen! Wenn es so weitergeht…«

Und ein Hotelpage, ein Junge in roter Livree, setzte sich in Trab mit dem Ruf:

»Ich hol die Polente!«

»Geht’s besser, Freundchen?«

Mit der Stimme eines Schlafwandlers erkundigte sich Maigret:

»Wie spät ist es?«

»Fünf nach Zwölf.«

»Ich muß telefonieren.«

»Klar, alter Freund, gleich kannst du das. Sie bringen dir ein Telefon her. Sie sind es holen gegangen.«

Er trug keinen Hut mehr auf dem Kopf, statt dessen klebten seine Haare oben am Schädel. Albert, der Schweinehund, hatte ihn wohl mit einem Totschläger niedergestreckt. Albert hätte ihn fertiggemacht, wenn die beiden Nachtvögel nicht gewesen Wären und wenn Maigret sich nicht gebückt hätte …

»Ich muß telefonieren«, sagte er wieder.

Es gelang ihm, sich auf allen Vieren aufzurichten. Blut tropfte von seinem Kopf auf das Pflaster. Er hörte, wie einer der Festbrüder schrie:

»Er ist besoffen, mein Lieber. Ich lach mich kaputt! Er ist immer noch besoffen!«

»Ich versichere Ihnen, ich muß …«

»… telefonieren … gewiß, mein Bester! Hören Sie, Armand? Holen Sie ihm ein Telefon!«

Das dicke Mädchen sagte entrüstet:

»Sehen Sie denn nicht, daß er völlig hinüber ist? Sie würden besser einen Arzt holen.«

»Kennen Sie einen in dieser Gegend?«

»In der Rue de l’Etoile gibt’s einen.«

Doch schon kam der Hotelpage atemlos zurück, gefolgt von zwei Polizisten auf Fahrrädern. Die anderen machten Platz. Die Beamten beugten sich über Maigret.

»Ich muß telefonieren …« sagte er.

Sonderbar, den ganzen langen Abend hatte er sich nicht betrunken gefühlt, und jetzt lallte seine Zunge, alle seine Gedanken waren durcheinandergeraten. Alle bis auf einen. Der blieb klar, gebieterisch.

Es ärgerte ihn maßlos, daß er so dahockte, auf dem Boden, in einer lächerlichen Haltung und unfähig, sich zu erheben.

»Polizei«, stammelte er, »… sehen Sie in meiner Brieftasche nach … Kommissariat Saint-Georges … Man muß sofort anrufen, Gare du Nord … Der Zug nach Brüssel … fährt in wenigen Minuten … sie haben einen Wagen.«

Einer der Beamten war unter die Gaslaterne getreten, um den Inhalt seiner Brieftasche zu prüfen.

»In Ordnung, Germain.«

»Hören Sie … es eilt … sie haben ihre Fahrkarten. Eine Frau in Schwarz mit einer Narbe auf der Wange … einer der Männer trägt einen karierten Anzug, der andere hat eine Boxernase.«

»Germain, los!«

Bis zum Posten an der Rue de l’Etoile war es nicht weit. Einer der Polizisten schwang sich auf sein Rad. Der Hotelpage hatte das Ganze nicht richtig mitbekommen.

»Ist er einer von der Polente?« fragte er.

Maigret fiel wieder in Ohnmacht, während einer der Festbrüder stotternd verkündete:

»Und ich sage euch, er ist total besoffen!«

Madame Maigret

Er wollte sie mit der Hand wegstoßen, aber seine Hand war schlaf? und kraftlos. Er wollte sie anflehen, ihn in Ruhe zu lassen. Oder hatte er das schon getan? Er wußte es nicht mehr. Er hatte so vieles im Kopf, daß es schmerzte.

Ein Gedanke beherrschte alle anderen: Es war unerläßlich, daß man ihn bis ans Ende gehen ließ. An wessen Ende? Gott, was sind die Leute doch schwer von Begriff! Bis ans Ende!

Aber nein, man behandelte ihn wie ein Kind, oder wie einen Kranken. Man fragte ihn nicht nach seiner Meinung. Noch ärgerlicher war, daß man sich mit lauter Stimme über seinen Fall unterhielt, als wäre er unfähig, ihre Worte zu verstehen. Weil er auf dem Boden gelegen hatte wie ein großes zerquetsches Insekt? Nun gut, da waren die vielen Beine um ihn herum gewesen. Dann der Krankenwagen. Er hatte genau gewußt, daß es ein Krankenwagen war, und er hatte sich gewehrt. Kann man denn nicht einmal einen Schlag auf den Kopf kriegen, ohne daß man ins Krankenhaus gefahren wird?

Auch das dunkle Portal des Beaujon-Hospitals hatte er wiedererkannt, die gewölbte Einfahrt mit der grellen elektrischen Lampe, die einem in den Augen weh tat. Leute kamen und gingen, völlig unbeteiligt, ein großer junger Mann im weißen Kittel war da, der aussah, als machte er sich über alle Welt lustig.

Als ob er nicht wüßte, daß dies der Arzt vom Dienst war! Eine Krankenschwester schnitt ihm das Haar oben aauf dem Kopf, und der Arzt redete dummes Zeug dazu. Sie war sehr hübsch in ihrer Tracht. So wie sie einander anschauten, hatten sie sich vermutlich gerade geküßt, als Maigret eingeliefert wurde.

Er wollte sich nicht übergeben und erbrach sich dann trotzdem, wegen dem Äther.

»Das wird ihm eine Lehre sein«, dachte er.

Wäs gaben sie ihm da zu trinken? Er weigerte sich zu trinken. Er mußte nachdenken. Hatte der Polizist mit dem Fahrrad nicht gesagt, er sei ein Kriminalbeamter, ein mit einer wichtigen, einer vertraulichen Untersuchung betrauter Kriminalbeamter?

Niemand glaubte ihm. Das war die Schuld des Kommissars. Er wollte nicht, daß sie ihn trugen. Und warum lachte Madame Maigret, als sie eilig das Bett aufdeckte?

Er war sicher, daß sie gelacht hatte, daß es ein nervöses Lachen war, das er an ihr nicht kannte, danach hatte er sie noch lange im Zimmer umhergehen hören, so lautlos wie möglich.

Hätte er anders handeln können? Sie mußten ihn nachdenken lassen. Sie mußten ihm einen Bleistift und Papier geben. Irgendein Stück Papier, ja. So.

Angenommen, der Strich hier ist die Rue Chaptal … Sie ist sehr kurz … Gut … Es ist etwa ein Uhr morgens, und niemand ist auf der Straße.

Verzeihung, es ist doch jemand da. Dédé ist da, am Steuer seines Wagen. Beachten Sie, daß er den Motor nicht abgestellt hat. Dafür kann es zwei Gründe geben. Entweder er hat den Wagen nur für ein paar Minuten angehalten — oder er rechnet damit, daß er rasch abfahren muß. Es ist schwierig, ein Auto anzulassen, wenn es draußen kalt ist, und im April sind die Nächte kalt.

Nein, nicht unterbrechen! Also hier, dieser Strich. Und hier ein kleines Viereck, das Balthazar-Haus. Er sagt Balthazar, weil es echter tönt als Gendreau. Im Grunde dreht sich das Ganze um die Balthazar-Familie, das Balthazar-Geld, das Balthazar-Drama.

Wenn Dédés Auto dort steht, so hat das seinen Grund. Der Grund ist, daß es vermutlich den Grafen hergebracht hat und daß es mit ihm wieder davonfährt, wenn er herauskommt.

Ein sehr wichtiger Punkt. Bitte nicht unterbrechen … Es ist sinnlos, ihm irgendwelche Sachen auf den Kopf zu legen oder Wasser aufzukochen in der Küche. Sie kochen Wasser, er hört es genau. Sie verbringen ihre Zeit mit Wasserkochen, und am Ende wird man nur nervös davon, es hindert am Denken.

Hat sich der Graf schon früher von Dédé begleiten lassen, wenn er Lise besuchte? Das zu wissen wäre ungeheuer wichtig. Wenn nein, dann ist dieser Besuch um ein Uhr morgens etwas ganz Besonderes, dann hat er einen ganz bestimmten Zweck.

Warum hat Madame Maigret so gelacht? Was gibt’s denn da zu lachen? Glaubt vielleicht auch sie, er habe sich mit Mädchen vergnügt?

Justin Minard, der hat mit der Germaine geschlafen. Sie hat ihn todsicher nicht mehr losgelassen und macht ihm vermutlich noch lange das Leben sauer. Und Carmen? Er hat Carmen nie gesehen. Es gibt eine Menge Leute, die er noch nie gesehen hat.

Das ist ungerecht. Wenn man eine vertrauliche Untersuchung leitet, sollte man das Recht haben, alle Menschen zu sehen, von innen zu sehen.

Man soll ihm seinen Bleistift zurückgeben. Das Viereck hier ist ein Zimmer. Das Zimmer von Lise, klar. Die Möbel sind nicht wichtig. Es stört nur, wenn man die Möbel einzeichnet, es verwirrt nur. Höchstens den Nachttisch, weil in der Schublade oder auf dem Tisch ein Revolver liegt.

Jetzt kommt es darauf an. Lag Lise im Bett, ja oder nein? Erwartete sie den Grafen oder erwartete sie ihn nicht? Wenn sie im Bett lag, mußte sie den Revolver aus der Lade genommen haben.

Sie sollen aufhören, ihm den Kopf einzudrücken, verdammt noch mal! Man kann doch nicht nachdenken, wenn sie einem ständig etwas Gott weiß wie Schweres auf den Kopf drücken.

Wieso ist es überhaupt taghell? Wer ist das? Ein Mann ist im Zimmer, ein kleiner Herr mit Glatze, er kennt ihn, aber auf den Namen kann er sich nicht besinnen. Madame Maigret flüstert etwas. Sie stecken ihm einen kalten Gegenstand in den Mund.

Haben Sie Erbarmen, meine Herren! Gleich wird er vor Gericht aussagen müssen, und wenn er sich verhaspelt, wird Lise Gendreau in Gelächter ausbrechen und behaupten, er könne das alles nicht verstehen, weil er nicht im Club Hoche verkehrt.

Er muß sich auf das Viereck konzentrieren. Der kleine Kreis, das ist Lise, und in der Familie haben nur die Frauen den Charakter des alten Balthazar geerbt, des alten Einsiedlers in der Avenue du Bois. Er hat es selber gesagt und er muß es wissen.

Aber warum stürzt sie dann aus Fenster, zerrt die Vorhänge weg und schreit um Hilfe?

Warten Sie, Herr Kommissar … Vergessen Sie Minard nicht, den Flötisten, denn jetzt kommt Minard, und das ändert alles.

Niemand hat Zeit gehabt, das Haus zu verlassen, wie Minard an der Tür klingelt, und während er mit Louis verhandelt, ruft eine Männerstimme im Treppenhaus:

»Beeilen Sie sich, Louis!«

Und Dédé ist abgefahren. Halt! Er ist nicht endgültig abgefahren. Er macht die Runde um den Häuserblock. Also hat Dédé auf jemanden gewartet.

Ist er das zweitemal nur vorbeigefahren, um Nachschau zu halten? Oder hat er angehalten? Ist die Person, auf die er wartete, eingestiegen?

Bei Gott, wenn sie ihn nur in Ruhe ließen! Er mag nicht mehr trinken. Er hat es satt. Er arbeitet. Hört ihr? Ich ar-bei-te! Ich re-kon-stru-iere!

Es ist heiß. Er wehrt sich. Er wird nicht zulassen, daß man sich über ihn lustig macht. Niemand darf das, nicht einmal seine Frau. Es ist zum Heulen. Ihm ist wirklich nach Weinen zumute. Es ist sinnlos, ihn so zu demütigen, wie sie es tun. Sie dürfen ihn nicht verachten und über alles, was er sagt, spöttisch lachen, nur weil er auf dem Gehsteig hockt.

Man wird ihm keine Untersuchungen mehr anvertrauen. Schon bei dieser ersten haben sie gezögert. Was kann er denn dafür, daß man manchmal gezwungen wird, mit anderen Leuten zu trinken, damit man weiß, wie’s in ihrem Bauch aussieht?

»Jules …«

Er schüttelt den Kopf.

»Jules! Wach auf …«

Er wird sie bestrafen, er wird die Augen nicht aufmachen. Er beißt auf die Zähne. Er hofft, daß er furchterregend aussieht.

»Jules, es ist …«

Und eine andere Stimme sagt:

»Nun, mein kleiner Maigret?«

Er hat seinen Vorsatz vergessen. Mit einem Satz schnellt er hoch, und es ist, als schlage er sich den Schädel an der Zimmerdecke ein. Automatisch greift er sich an den Kopf und entdeckt, daß er einen dicken Verband trägt.

»Verzeihen Sie, Herr Kommissar…«

»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie geweckt habe.«

»Ich habe nicht geschlafen.«

Seine Frau ist auch da. Sie lächelte ihm zu und macht unverständliche Zeichen hinter Le Brets Rücken.

»Wie spät ist es?«

»Halb elf. Als ich ins Büro kam, erzählte man mir, was passiert ist.«

»Haben sie einen Rapport gemacht?«

Einen Rapport über ihn! Wie demütigend! Wo er es ist, der immer die Rapporte schreibt und weiß, wie sowas zustande kommt:

Vergangene Nacht um elf Uhr fünfundvierzig, als wir durch die Avenue de Wagram patrouillierten, wurde uns gemeldet

Und weiter:

… lag ein Individuum auf dem Gelästeig und erklärte, sein Name sei Maigret Jules, Amédée, Frangois

Aber der Kommissar sah frisch aus wie immer. Er war von Kopf bis Fuß in Perlgrau gekleidet und hatte eine Blume im Knopfloch. Sein Atem roch nach Vormittags-Portwein.

»Die Polizei an der Gare du Nord hat sie noch rechtzeitig geschnappt.«

Ach ja, die hätte er fast vergessen, die drei. »Tut nichts zur Sache« möchte er sagen, wie der Flötist.

Es stimmt. Auf Dédé kommt es jetzt nicht an, auch nicht auf Lucile und schon gar nicht auf den Boxer, der ihm, wie es im Rapport heißen wird, »mit einem stumpfen Gegenstand« den Schädel eingeschlagen hat.

Es ist ihm peinlich, vor seinem Chef im Bett zu liegen, und er streckt ein Bein hinaus.

»Bewegen Sie sich nicht.«

»Ich versichere Ihnen, es geht mir ausgezeichnet.«

»Das meint auch der Arzt. Trotzdem brauchen Sie ein paar Tage Ruhe.«

»Kommt nicht in Frage!«

Sie wollen ihm seine Untersuchung stehlen. Er weiß es. Er wird es nicht zulassen.

»Regen Sie sich nicht auf, Maigret!«

»Ich bin ja ruhig, vollkommen ruhig. Und ich weiß genau, was ich sage. Nichts hindert mich, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.«

»Das hat keine Eile. Ich verstehe Ihre Ungeduld, aber was Ihre Untersuchung betrifft, wird alles so gemacht, wie Sie es für richtig halten.«

Ihre Untersuchung, hat er gesagt, weil er ein Mann von Welt ist. Er hat sich gedankenlos eine Zigarette angezündet und sieht jetzt Madame Maigret betreten an.

»Genieren Sie sich nicht! Mein Mann raucht von morgens bis abends Pfeife, sogar im Bett.«

»Ach ja, reich mit die Pfeife herüber!«

»Glaubst du …?«

»Hat der Arzt gesagt, ich dürfte nicht rauchen?«

»Davon hat er nicht gesprochen.«

»Also!«

Sie hat alles, was sich in seinen Taschen fand, säuberlich auf die Spiegelkommode gelegt. Jetzt stopft sie ihm eine Pfeife, reicht sie ihm samt einem Streichholz.

»Ich lasse die Herren allein«, sagt sie und verschwindet in der Küche.

Maigret möchte sich alles, woran er in der Nacht gedacht hat, wieder ins Gedächtnis rufen. Er erinnert sich nur verschwommen, und doch weiß er, daß er der Wahrheit nahegekommen ist. Maxime Le Brét hat sich hingesetzt. Man sieht ihm an, daß ihn etwas beschäftigt. Er wird noch viel unruhiger, da sein Sekretär zwischen zwei Zügen aus der Pfeife erklärt:

»Der Graf d’Anseval ist tot.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Ich habe keine Beweise, aber ich würde darauf schwören.«

»Tot! Wie ist es passiert?«

»Die Kugel hat ihn getroffen.«

»An der Rue Chaptal?«

Maigret nickt.

»Sie glauben, Richard Gendreau hat …«

Zu präzis, diese Frage. So weit ist Maigret noch nicht. Er erinnert sich an sein Viereck mit den kleinen Kreuzen.

»Auf dem Nachttisch oder in der Schublade lag ein Revolver. Lise Gendreau hat am Fenster um Hilfe gerufen. Man hat sie vom Fenster fortgezerrt. Dann fiel der Schuß.«

»Was hat dieser Dédé mit der Geschichte zu tun?«

»Er wartete draußen auf der Straße, er saß am Steuer des Dion-Bouton.«

»Hat er es zugegeben?«

»Das ist nicht mehr nötig.«

»Und die Frau?«

»Sie war die Mätresse des Grafen, den übrigens alle Welt Bob nannte. Aber das wissen Sie wohl ebenso gut wie ich.«

Maigret möchte sich gern von diesem lächerlichen Turban befreien, der auf seinem Kopf lastet.

»Was hat man mit ihnen gemacht?« Auch er stellte jetzt Fragen.

»Man hat sie provisorisch in Haft gesetzt.«

»Was heißt: provisorisch?«

»Vorerst lautet die Anklage nur auf bewaffneten Überfall auf offener Straße. Man könnte sie vermutlich auch des Diebstahls beziehtigen.«

»Inwiefern?«

»Der Mann namens Dédé hatte neunundvierzig Tausend-Francs-Scheine in der Tasche.«

»Er hat sie nicht gestohlen.«

Der Kommissar muß seine Gedanken erraten haben, denn seine Miene verdüstert sich.

»Wollen Sie behaupten, jemand habe sie ihm gegeben?«

»Ja.«

»Damit er schweigt?«

»Ja. Dédé war gestern nachmittag unauffindbar. Als er wieder auftauchte, wenn man so sagen darf, strahlte er über das ganze Gesicht und brannte nur noch darauf, einen Teil der Banknoten, die seine Brieftasche garnierten, wieder loszuwerden. Während Lucile den Tod ihres Geliebten beweinte, feierte er seine Glückssträhne. Ich war dabei.«

Armer Le Bret! Er kann sich nicht an Maigrets Verwandlung gewöhnen. Er ist wie jene Eltern, die gewohnt; sind, ihr Kind als Baby zu behandeln und dann plötzlich einen Menschen vor sich haben, der als Erwachsener denkt und handelt.

Wer weiß? Während Maigret seinen Chef beobachtet, kommt ihm ein leiser Verdacht. Allmählich verdichtet sich der Verdacht zur Gewißheit.

Man hat ihn mit dieser Untersuchung betraut, weil man hoffte, er würde nichts herausfinden.

So hat sich das abgespielt. Dem Weltmann Le Bret-Courcelles ist keineswegs daran gelegen, daß man einem anderen Weltmann und Clubfreund Scherereien macht, und noch viel weniger einer intimen Freundin seiner Frau, einer Erbin der Balthazar-Cafés.

Verflucht sei der Flötist! Kommt und steckt seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen.

Und geht das, was sich auf einer höheren Ebene abspielt, nämlich in einer Villa an der Rue Chaptal, geht das die Zeitungen, die Öffentlichkeit oder gar das Schwurgericht, diese Ansammlung von vorwiegend kleinbürgerlichen Händlern oder Bankangestellten, überhaupt etwas an?

Der Kommissar Le Bret kann nun aber nicht einfach vor den Augen seines Sekretärs ein Protokoll vernichten.

Sie verstehen, mein Junge…

Diskretion. Nur kein Skandal. Äußerste Vorsicht. Wetten wir, daß Maigret nichts herausfindet. Und dann, nach ein paar Tagen, hätte man ihn mit lächelnder Herablassung empfangen:

»Aber mein Lieber, machen Sie sich keine Vorwürfe! Verlieren Sie nicht den Mut. Sie haben getan, was Sie konnten. Es ist nicht Ihre Schuld, wenn sich dieser Flötist als Phantast entpuppt hat, der Träume für Wirklichkeit hält. Und jetzt zurück ins Büro, mein Bester! Ich verspreche Ihnen, daß man Ihnen den nächsten wichtigen Fall übergeben wird.«

Jetzt ist er natürlich besorgt. Vielleicht wäre es ihm sogar lieber gewesen, Maigret hätte sich nicht im richtigen Moment gebückt und dadurch die Wirkung des Schlages abgeschwächt. Dann wäre er, Maigret, jetzt tagelang, wochenlang zur Unbeweglichkeit verurteilt.

Wie, zum Teufel, hat dieser Bursche bloß all das entdeckt, was er entdeckt hat?

Der Kommissar hüstelt, bemerkt so gleichgültig wie möglich:

»Kurz und gut, Sie beziehtigen Richard Gendreau des Mordes.«

»Nicht unbedingt. Vielleicht hat seine Schwester geschossen. Es könnte auch Louis gewesen sein. Vergessen Sie nicht, daß der Flötist lange klingeln und hämmern mußte, ehe man ihm öffnete, und daß der Butler vollständig angekleidet war.«

Ein Hoffnungsstrahl! Welche Entlastung, wenn der Butler der Täter wäre!

»Finden Sie diese letzte Hypothese nicht logischer?«

Er errötet, weil Maigret ihn unverwandt beobachtet.

Überstürzt beginnt er zu sprechen:

»Ich für mein Teil sähe die Dinge gern folgendermaßen …«

Gern hat er gesagt, und das ist das kostbare Stichwort. Maigret freut sich darüber.

»Ich weiß nicht genau, was der Graf nun eigentlich in der Villa wollte…«

»Es war nicht sein erster Besuch.«

»Das haben Sie mir schon gesagt, und es überrascht mich. Er war schon immer ein unberechenbarer Mensch. Sein Vater wahrte immerhin noch eine gewisse Würde, obwohl er ruiniert war. Er lebte in einer kleinen Wohnung im Quartier Latin und ging Menschen, die er in seiner Jugend gekannt hatte, sorgfältig aus dem Weg.«

»Hat er gearbeitet?«

»Nicht eigentlich, nein.«

»Wovon lebte er?«

»Wenn er Geld brauchte, verkaufte er Sachen, die er aus dem Zusammenbruch gerettet hatte, Bilder, eine Tabakdose, Familienschmuck. Es ist auch denkbar, daß Leute, die seinen Vater gekannt hatten und mit ihm auf die Jagd gegangen waren, dem alten d’Anseval diskret unter die Arme griffen. Bob dagegen, der ist so eine Art Anarchist geworden. Er hat es darauf angelegt, sich in den verrufensten Kreisen zu zeigen. Einmal ließ er sich als Page im Restaurant Voisin anstellen, nur um die Freunde seiner Familie in Verlegenheit zu bringen, indem er ihre Trinkgelder annahm. Er sank immer tiefer und ist schließlich bei einer Lucile, einem Dédé gelandet. Aber worüber haben wir eben gesprochen?«

Maigret denkt nicht daran, ihm zu helfen.

»Ach ja! In jener Nacht ist er bestimmt mit unlauteren Absichten zu Gendreaus gegangen.«

»Wieso?«

»Das beweist die Tatsache, daß er sich von diesem Dédé begleiten ließ, daß der auf der Straße wartete und nicht einmal den Motor abnellte.«

»Bob wurde aber in der Villa erwartet.«

»Woher wissen Sie das?«

»Glauben Sie, man hätte ihn ins Schlafzimmer eines jungen Mädchens gehen lassen, wenn es anders gewesen wäre? Und warum war Louis um ein Uhr früh noch angekleidet?«

»Schön, nehmen wir also an, er wurde erwartet. Das heißt aber noch nicht, daß er auch erwünscht war. Vielleicht hatte er seinen Besuch tatsädflich angekündigt.«

»Im Schlafzimmer, vergessen Sie das nicht!«

»Nun gut. Ich gehe noch weiter und gebe zu, daß Lise sich ihm gegenüber unvorsichtig verhielt. Über ihr Verhalten haben wir nicht zu befinden.«

Soso!

»Kann sein, daß sie miteinander ein Verhältnis hatten. Immerhin ist er ein d’Anseval geblieben. Seine Großeltern waren Schloßherren, wogegen der alte Balthazar, der ihnen das Schloß abkaufte, nur einer ihrer kleinen Pächter gewesen war.«

»Das hat der Enkelin des Hausierers vielleicht imponiert.«

»Warum nicht? Möglich wäre auch, daß sie wußte, was für ein Leben er führte, und daß sie ihn retten wollte.«

In Maigret stieg die Wut hoch. Er hatte den Eindruck, daß Le Bret ihm seine ganze Untersuchung in einem Zerrspiegel zeigte. Auch der unaufrichtige Ton gefiel ihm nicht. Der Kommissar schien ihm eine Lektion erteilen zu wollen.

»Es gibt noch eine Möglichkeit«, sagte er leise.

»Welche?«

»Daß Mademoiselle Gendreau-Balthazar ihrem Vermögen einen Titel anhängen wollte. Es ist ja schön und gut, wenn man das Schloß d’Anseval erworben hat. Aber vielleicht fühlte sie sich dort eher als Eindringling? Auch ich habe meine Kindheit in der Umgebung eines Schlosses verbracht, und mein Vater war nur der Verwalter. Ich weiß noch gut, wie eifrig sich gewisse neureiche Herrschaften um eine Einladung zur Jagd bemühten.«

»Soll das heißen, daß Lise ihn heiraten wollte?«

»Bob d’Anseval heiraten? Warum nicht?«

»Darüber will ich nicht diskutieren, aber eine solche Vermutung finde ich reichlich gewagt.«

»Die Kammerzofe ist anderer Meinung.«

»Sie haben die Kammerzofe verhört, trotz…«

Um ein Haar hätte er gesagt: »… trotz meiner Warnungen.«

Was bedeutet hätte: »Trotz meiner Befehle!«

Er sagte es nicht, und Maigret fuhr fort:

»Ich habe sie sogar gewissermaßen entführt. Sie ist nicht weit von hier.«

»Hat sie Ihnen Einzelheiten berichtet?«

»Sie weiß nichts Genaues, außer daß Mademoiselle Gendreau sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Gräfin zu werden.«

Resigniert hob Le Bret die Hand. Es fiel ihm offensichtlich schwer, etwas von seinem Glauben an die Würde, die Menschen seines Standes eigen war, preiszugeben.

»Nun, das mag stimmen. Im übrigen ändert es nichts an den Ereignissen. Sie werden zugeben, daß Bob durchaus imstande war, sich rüpelhaft aufzuführen.«

»Wir wissen nicht, was sich in jenem Zimmer abgespielt hat. Wir wissen nur, daß ein Schuß fiel.«

»Damit kommen Sie zu den gleichen Schlüssen wie ich. Ein Mann, von dem wir wissen, daß er sich schlecht benimmt, benimmt sich schlecht. Der Bruder des Mädchens ist im Haus, ebenso der Butler. Das Mädchen ruft um Hilfe. Einer der beiden eilt nach oben und greift, außer sich vor Empörung, nach dem Revolver, der, wie Sie selber sagen, auf dem Nachttisch liegt.«

Ausnahmsweise schien Maigret dem Kommissar zuzustimmen. Er sog an seiner Pfeife — es war eine der besten Pfeifen, die er jemals geraucht hatte — und erwiderte milde:

»Was hätten Sie an der Stelle des Betreffenden getan? Stellen Sie sich vor: Sie haben den Revolver noch in der Hand, die rauchende Waffe, wie es in der Zeitungssprache heißt, und auf dem Boden liegt ein Toter oder Schwerverletzter.«

»Wenn wir den Fall eines Verletzten annehmen wollen: Ich hätte einen Arzt rufen lassen.«

»Das hat man nicht getan.«

»Und Sie schließen daraus, daß auf dem Boden ein Toter lag?«

Geduldig spann Maigret seinen Gedankengang weiter. Er schien selber nach einer Antwort zu suchen.

»In diesem Augenblick klopft es an die Haustür. Es ist ein Passant, der Hilferufe vernommen hat.«

»Sie müssen zugeben, mein lieber Maigret, es ist nicht angenehm, wenn irgendeine wildfremde Person sich in die Privatangelegenheiten anderer Leute mischt.«

»Jemand ruft im Treppenhaus: ›Beeilen Sie sich, Louis!‹ Was soll das heißen?«

Er war sich kaum bewußt, daß er die Initiative an sich gerissen hatte, daß die Rollen irgendwie vertauscht waren, daß sein Chef immer ratloser dasaß.

»Vielleicht war der Mann noch nicht tot«, antwortete Le Bret. »Oder Lise verlor die Nerven. Ich weiß es nicht. Ich nehme an, in solchen Augenblicken weiß man nicht mehr genau, was man tut.«

»Louis hat den Eindringling mit der Faust auf die Straße befördert.«

»Das hätte er nicht tun sollen.«

»Aber deswegen hat offenbar niemand die Nerven verloren. Sie müssen sich doch gesagt haben, daß der junge Mann, der soeben malträtiert werden war, zur Polizei gehen würde. Und daß diese umgehend erscheinen und Erklärungen verlangen würde.«

»Was Sie getan haben.«

»Es blieben ihnen nur soundsoviele Minuten. Sie hätten ja selber die Polizei anrufen können:

›Hören Sie, das und das ist passiert. Es ist kein Verbrechen, sondern ein Unglücksfall. Ein Irrer hat uns bedroht. Wir mußten ihn unschädlich machen.‹

Ich glaube, das hätten Sie an ihrer Stelle getan, Herr Kommissar.«

Wie anders war die Situation, nur weil er hier war in seinem Zimmer, in seinem Bett, anstatt im Büro. Hinter der gepolsterten Tür des Kommissariats hätte er nicht ein Drittel von dem, was er soeben gesagt hatte, zu sagen gewagt. Er hatte entsetzliche Kopfschmerzen, aber das war jetzt unwichtig. Madame Maigret in ihrer Küche war gewiß erschrocken, als sie ihn in diesem selbstbewußten Ton reden hörte.

Er wurde sogar aggressiv.

»Nun, Herr Kommissar, und genau das haben sie nicht getan. Ich werde Ihnen sagen, was sie getan haben. Zuerst brachten sie die Leiche oder den Verwundeten irgendwohin, wahrscheinlich in eines der Zimmer über den Ställen, da dies die einzigen Zimmer sind, die man mir nicht gezeigt hat.«

»Das ist nur eine Vermutung.«

»Gestützt auf die Tatsache, daß die Leiche nicht mehr vorhanden war, als ich kam.«

»Und wie, wenn Bob das Haus lebend und heil verlassen hätte?«

»Dann hätte sein Freund Dédé gestern keine fünfzigtausend Francs in der Tasche gehabt, vor allem aber wäre er nicht im Begriff gewesen, mit Lucile nach Belgien zu fahren.«

»Da mögen Sie recht haben.«

»Unsere Freunde an der Rue Chaptal hatten also etwa eine halbe Stunde Zeit. Genügend Zeit, um alles wieder in Ordnung zu bringen und auch die kleinste Spur zu verwischen. Und sie sind auf eine fast geniale Idee verfallen: Um die Aussage des Flötisten zu entkräften, um die Polizei im Glauben zu lassen, sie habe es mit den Phantasien eines Trunkenbolds zu tun, gab es kein geeigneteres Mittel, als zu beweisen, daß das von Minard bezeichnete Zimmer unbewohnt war. Das bot einen weiteren Vorteil. Lise Gendreau war vielleicht trotz allem wirklich durchgedreht, wie man so sagt. Sie in ihrem Bett liegend zeigen und behaupten, sie schlafe? Sie in wachem Zustand vorführen und versichern, sie habe nichts gehört? Beides war zu riskant.

Deshalb steckte man sie in ein — o Wunder! — leerstehendes Mädchenzimmer. Würde denn ein armer Trottel vom Kommissariat den Unterschied überhaupt merken? Man brauchte ihm ja nur zu sagen, das Fräulein sei abwesend, im Familienschloß auf dem Land. Nichts gehört, nicht gesehen, ein Schuß? Wo denn?

Leute, die nachts um ein Uhr noch auf der Straße herumlungern, sind ohnehin meist nicht ganz zurechnungsfähig.

Morgen ist auch ein Tag. Wer wird es wagen, die Fimilie Gendreau-Balthazar zur Rechenschaft zu ziehen?!«

»Sie sind hart, Maigret.«

Seufzend erhob sich der Kommissar.

»Aber vielleicht haben Sie recht. Ich gehe jetzt gleich zum Chef der Sûreté, um den Fall mit ihm zu besprechen.«

»Muß das sein?«

»Wenn es sich tatsächlich um Mord handelt, und Sie haben mich davon überzeugt …«

»Herr Kommissarl« Maigret rief es mit dünner, fast flehender Stimme.

»Bitte?«

»Können Sie nicht noch vierundzwanzig Stunden warten?«

»Eben noch haben Sie mir beinahe Vorwürfe gemacht, weil ich nicht schneller handelte.«

»Ich kann doch schon aufstehen, glauben Sie mir! Sehen Sie?«

Trotz Le Brets Einwänden schälte er sich aus den Bettlaken, stand gleich darauf, wenn auch wacklig, auf den Beinen, etwas verlegen, weil er sich vor seinem Chef im Nachthemd zeigte.

»Es ist meine erste Untersuchung …«

»Und ich beglückwünsche Sie zu dem Eifer, den Sie …«

»Wenn Sie jetzt schon die Sûreté einschalten, dann wird die Chefbrigade den Fall erledigen.«

»Vermutlich ja. Falls Bob umgebracht wurde, geht es jetzt vor allem darum, daß wir die Leiche finden.«

»Ein Mann, der tot ist, kann warten, nein?«

Wieder waren die Rollen vertauscht. Der Kommissar wandte lächelnd den Kopf ab.

Nachdem Maigret sich eben noch so heftig gebärdet hatte, wirkte er jetzt in seinem Nachthemd mit dem rotgestickten Kragen wie ein großes Kind, das sich um eine Freude betrogen sieht.

»Das Ding auf dem Kopf brauche ich überhaupt nicht.«

Er versuchte den Verband fortzuzerren.

»Ich kann ausgehen und die Untersuchung allein beenden. Ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, Dédé und Lucile zu verhören. Vor allem Lucile. Was haben die beiden ausgesagt?«

»Heute früh, als der Kommissar vom Dienst sie einvernahm, fragte Dédé als erstes:

›Ist Jules tot?‹

Ich nehme an, damit meinte er Sie.«

»Wenn ich den Fall morgen um diese Zeit nicht aufgeklärt habe, können Sie ihn der Sûreté übergeben.«

Madame Maigret hatte die Tür einen Spalt breit geöffnet und erschrak, als sie ihren Mann vor dem Bett stehen sah. Im gleichen Augenblick klingelte es. Sie durchquerte das Zimmer, öffnete die Tür. Man hörte ein Flüstern im Korridor.

»Wer ist es?« fragte Maigret, als sie allein zurückkam.

Sie machte ihm ein Zeichen, das er nicht verstand. Als er nochmals fragte, erwiderte sie achselzuckend:

»Der Musiker.«

»Ich gehe«, sagte Le Bret. »Ich kann Ihnen Ihren Wunsch nicht gut abschlagen.«

»Verzeihung, Herr Kommissar. Ich möchte noch … Da die Ereignisse nun einmal diese Wendung genommen haben und da die Sûreté es ohnehin täte, möchte ich Sie fragen, ob Sie mir gestatten, mich im Notfall an Mademoiselle Gendreau zu wenden.«

»Vorausgesetzt, Sie wissen die Form zu wahren. Seien Sie trotzdem vorsichtig!«

Maigret strahlte. Er hörte, wie die Tür ins Schloß fiel. Während er seine Hose suchte, trat Justin Minard ins Zimmer, gefolgt von Madame Maigret. Der Musiker blickte kläglich drein.

»Sie sind verletzt?«

»Nicht der Rede wert.«

»Ich bringe Ihnen eine schlechte Nachricht.«

»Heraus damit!«

»Sie ist abgehauen.«

Fast hätte Maigret laut herausgelacht, so komisch war Justins Miene.

»Wann?«

»Gestern abend oder vielmehr nachts. Sie wollte mich unbedingt in die Brasserie Clichy begleiten. Sie behauptete, sie sei verrückt nach Musik und wolle mich spielen hören.«

Madame Maigrets Anwesenheit machte ihm die Beichte sichtlich schwer. Sie spürte es und zog sich wieder in die Küche zurück.

»Sie saß am gleichen Platz wie Sie damals, als Sie mich besuchen kamen. Mir war nicht sehr wohl dabei. Ich war zum Abendessen nicht nach Hause gegangen, ich war überhaupt den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen, daher mußte ich jeden Augenblick damit rechnen, daß meine Frau auftauchte.«

»Und sie ist gekommen?«

»Ja.«

»Haben die beiden sich ausgesprochen?«

»Es war gerade zwischen zwei Stücken. Ich saß am Tisch. Meine Frau riß Germaine zuerst den Hut vom Kopf, dann packte sie sie am Haarknoten.«

»Hat man sie hinausgeworfen?«

»Ja, alle beide. Ich kehrte auf das Podium zurück. Das Orchester spielte, um den Skandal zu übertönen. Wie bei einem Schiffsuntergang, wissen Sie. Man hörte, wie der Streit draußen weiterging. Nach dem Stück kam der Wirt zu mir und sagte, ich solle zu meinem Harem hinausgehen. Harem, sagte er.«

»Haben die beiden auf Sie gewartet?«

»Nur eine. Meine Frau. Sie brachte mich nach Hause. Sie nahm mir die Schuhe weg und schloß sie ein, damit ich nicht weggehen konnte. Ich bin trotzdem weggegangen, etwa vor einer Stunde, und habe mir Schuhe von der Concierge geliehen. Germaine ist nicht mehr in ihrer Pension. Sie hat ihren Koffer geholt.

Was machen wir jetzt?«

Einer schweigt, der andere spricht zuviel

»Tu mir wenigstens den Gefallen und nimm den wollenen Überzieher mit«, hatte Madame Maigret ihn beschworen. In jenen Jahren besaß er zwei Mäntel, einen langen schwarzen mit Samtkragen, reichlich abgewetzt, und einen sehr kurzen Gummimantel, den er eben erst erstanden hatte. Von einem Gummimantel hatte er schon als Knabe geträumt.

Er hatte seine Frau im Verdacht, daß sie Minard beim Verlassen der Wohnung zugeflüstert hatte: »Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht aus den Augen!«

Sie mochte den Flötisten, auch wenn sie über ihn lächelte; sie fand, er sei sehr sanft, sehr höflich und überaus bescheiden. Am Himmel zogen Wolken auf, leichte, durchsichtige Wolken von einem schönen Hellgrau. Nach einer Weile begann es zu regnen, zum erstenmal seit etwa zehn Tagen, und zwar in Schauern. Der warme Regen durchnäßte Maigret trotz seines Mantels bis auf die Haut, so daß er allmählich nach nassem Tierfell zu riechen begann.

Seinen steifen Hut trug er in der Hand. Er konnte ihn nicht aufsetzen, solange er das dicke Zeug auf dem Kopf trug. Minard begleitete ihn zum Arzt am Boulevard Voltaire, wo Maigret es durchsetzte, daß man ihm einen unauffälligen Verband anlegte.

»Müssen Sie wirklich unbedingt in die Stadt?«

Der Arzt gab ihm eine Schachtel mit Pillen, die mit einer gelben Pulverschicht überzogen waren.

»Für den Fall, daß Sie sich benommen fühlen.«

»Wie viele kann ich einnehmen?«

»Vier bis fünf bis zum Abend, nicht mehr. Ich sähe Sie lieber im Bett.«

Maigret wußte offen gestanden nicht recht, was er mit dem Musiker anfangen sollte. Er wollte ihn auch nicht enttäuschen und einfach nach Hause schicken, jetzt, da er ihn nicht mehr brauchte.

Schließlich schickte er Minard mit einem angeblich wichtigen Auftrag in die Rue Chaptal.

»Schräg gegenüber der Villa, die Ihnen ja bekannt ist, befindet sich ein kleines Restaurant, das ›Vieux Calvados‹. Ich möchte, daß Sie sich dort häuslich niederlassen und alles, was bei Gendreaus vorgeht, genau beobachten.«

»Und wenn Ihnen übel wird?«

»Ich werde nicht allein sein.«

Minard verließ ihn erst beim Eingang zur Hauptwache am Quai de l’Horloge. In diesem Augenblick war Maigret noch voll Zuversicht; sogar die Luft in der düsteren Einfahrt fand er belebend. Alles hier war schmutzig, verdreckt. Nacht für Nacht brachten die Polizisten alles verdächtige Zeug, das sie auf den Straßen aufgelesen hatten, hierher. Hier luden die grünen Minnas, die »Salatkörbe«, wie die Pariser sagen, das verlauste Gesindel ab, das im Lauf einer Razzia eingesammelt werden war.

Er betrat die Wachstube, die nach Kaserne roch, und fragte nach dem Kommissar. Man musterte ihn, wie ihm schien, auf eine merkwürdige Weise, doch er dachte nicht weiter darüber nach. Von einem kleinen Kommissariatssekretär hielt man hier offenbar nicht viel.

»Nehmen Sie Platz.«

Drei Polizisten saßen im Raum; der eine schrieb, die beiden anderen taten nichts. Das Büro des Kommissars lag gleich nebenan, doch niemand meldete ihn an, keiner kümmerte sich um Maigret; sie behandelten ihn wie einen Außenseiter, nicht wie einen Kollegen. Es war so peinlich, daß er seine Pfeife nicht zu stopfen wagte.

Nach einer Viertelstunde nahm er einen Anlauf und fragte:

»Ist der Kommissar nicht da?«

»Besetzt.«

»Wo sind die Leute, die gestern nacht eingeliefert wurden?«

Denn als er an dem großen Raum vorbeigegangen war, wo das gefangene Wild eingesperrt wurde, hatte er niemanden gesehen.

»Sie sind oben.«

Er hatte nicht den Mut zu fragen, ob er hinaufgehen dürfe. Oben, das hieß in der Anthropometrie, bei den Männern vom Erkennungsdienst. Dort mußten sich die Häftlinge auf Geheiß in einer Reihe aufstellen wie in der Säule, einer hinter dem anderen und völlig nackt. Jeder einzelne wurde untersucht, jede Tätowierung, jedes noch so kleine besondere Merkmal wurde registriert. Wieder angekleidet, mußten sie sich messen und fotografieren lassen, dann wurden ihnen die Fingerabdrücke abgenommen.

Ob Dédé immer noch so großspurig tat, während er zwischen Clochards und Vagabunden Schlange stand?

Auch Maigret würde eines Tages das Recht haben, sich im ganzen Haus frei zu bewegen. Eines Tages, wenn er der Chefbrigade angehörte.

Die Frauen wurden in einem anderen Raum von einem Polizeiarzt untersucht. Kranke schickte man ins Gefängnislazarett Saint-Lazare.

»Sind Sie ganz sicher, daß der Kommissar immer noch beschäftigt ist?«

Er wartete jetzt schon über eine halbe Stunde. Die drei Männer schienen belustigte Blicke zu wechseln.

»Man wartet, bis er klingelt.«

»Aber er weiß ja gar nicht, daß ich hier bin. Ich bin in wichtiger Mission hier. Man muß es ihm melden.«

»Sie sind vom Quartier Saint-Georges, nicht wahr?«;

Einer der Polizisten, der Schreiber, warf einen Blick auf den Zettel vor ihm.

»Jules Maigret.«

»Jawohl.«

»Sie müssen warten, junger Mann, ich kann es nicht ändern.«

Aus dem Nebenzimmer, wo der Chef sich angeblich aufhielt, drang kein Ton. Nachdem Maigret über eine Stunde lang dagesessen hatte, kam der Kommissar herein, aber er kam nicht aus seinem Büro, sondern von draußen.

»Sie sind Le Brets Sekretär?«

Endlich kümmerte man sich um ihn, nachdem sie ihn auf seiner Bank hatten warten lassen wie irgendeinen Bittsteller.

»Sie sind verletzt?«

»Es ist nicht schlimm. Ich möchte …«

»Ich weiß. Sie sollen einen gewissen Dédé verhören. Ich glaube, er ist wieder unten. Sehen Sie bitte mal nach, Gérard. Wenn er da ist, bringen Sie ihn in mein Büro.«

Und zu Maigret gewandt:

»Bitte treten Sie ein! Ich werde Ihnen mein Büro für eine Weile überlassen.«

»Ich muß auch die Frau verhören.«

»In Ordnung. Sie brauchen es nur dem Wachtmeister zu sagen, wenn er sie bringen soll.«

Konnte das alles mit rechten Dingen zugehen? Maigret hatte sich den Ablauf anders vorgestellt, doch noch machte er sich darüber keine Gedanken. Er kannte sich in den Bräuchen dieses Hauses nicht aus und er war von seinen Eindrücken benommen.

Ein Polizist führte Dédé herein. Mit ihm verließ auch der Kommissar den Raum, und die Tür schloß sich hinter ihnen.

»Na, Jules?«

Der Garagist von der Rue des Acacias trug immer noch den gleichen Anzug wie am Vorabend. Nur die Krawatte und die Schnürsenkel hatten sie ihm weggenommen, wie es die Vorschrift verlangte. Es verlieh ihm ein etwas liederliches Aussehen. Maigret ließ sich zögernd am Schreibtisch des Kommissars nieder.

»Ich bin froh, daß wir Sie nicht allzu schlecht behandelt haben«, erklärte Dédé. »Sie können die Herren hier fragen. Als ich herkam, habe ich mich als erstes nach Ihrem Befinden erkundigt.«

»Ihr habt gewußt, wer ich bin, nicht wahr?«

»Klar.«

»Und ich«, sagte Maigret trocken, »ich hab gewußt, daß ihr es wußtet.«

»Sie waren demnach darauf gefaßt, daß wir Sie zusammenschlagen würden? Und wenn wir Sie endgültig erledigt hätten?«

»Setz dich!«

»In Ordnung. Sie können ruhig du zu mir sagen.«

Maigret war das Duzen noch nicht gewohnt, aber er wußte, daß es hier so üblich war.

»Ich weiß eine ganze Menge und im glaube, wir werden uns noch verständigen können.«

»Das würde mich aber sehr wundern.«

»Der Graf ist tot.«

»Glauben Sie?«

»In der Nacht vom 15. auf den 16. April hast du den Grafen in deinem Wagen in die Rue Chaptal gefahren und dort auf ihn gewartet, mit laufendem Motor.«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Ein Fenster flog auf, eine Frau rief um Hilfe, dann fiel ein Schuß. Darauf bist du in Richtung Rue Fontaine und von dort um den Häuserblock herumgefahren. In der Rue Victor-Massé hast du ziemlich lange gewartet, dann bist du noch einmal durch die Rue Chaptal gekommen, um zu sehen, ob Bob das Haus schon verlassen hatte.«

Dédé betrachtete ihn mit einem gutmütigen Lächeln.

»Sprechen Sie ruhig weitere«, sagte er. »Haben Sie eine Zigarette für mich? Die Schweinehunde haben mir alles weggenommen, was ich in den Taschen hatte.«

»Ich rauche nur Pfeife. Du warst im Bild über das, was der Graf in der Villa wollte.«

»Nur weiter.«

»Du hast gemerkt, daß etwas schiefgegangen war. Am nächsten Tag stand nichts in den Zeitungen. Der Graf kam nicht wieder zum Vorschein. Auch am zweiten Tag geschah nichts.«

»Es wird immer spannender.«

»Du bist nochmals durch die Rue Chaptal gefahren. Dann hast du dir die Geschichte zusammengereimt und bist zu Richard Gendreau gegangen. Nicht in die Villa, sondern in sein Büro.«

»Was soll ich ihm gesagt haben, diesem Herrn?«

»Daß du gegen Bezahlung einer bestimmten Summe, sagen wir mal fünfzigtausend Francs, den Mund halten würdest. Da du wußtest, weshalb Bob in die Villa gegangen war, weißt du auch, weshalb er ermordet wurde.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles.«

»Was schlagen Sie mir vor?«

»Nichts. Daß du auspackst.«

»Was wollen Sie von mir hören?«

»Der Graf war mit den Gendreaus bekannt. Er hat die Tochter mehrmals besucht. War er ihr Geliebter?«

»Haben Sie ihn jemals gesehen?«

»Nein.«

»Wenn Sie ihn gesehen hätten, würden Sie nämlich nicht fragen. Er war nicht der Mann, der eine Chance verpaßte.«

»Es ging um Heiratspläne, nicht wahr?«

»Wissen Sie, daß Sie mir eigentlich sympathisch sind? Ich hab’s auch zu Lucile gesagt: ›Schade, daß er ein Schroter ist!‹ Wie kann man nur auf die Idee kommen und ein flic werden, wenn man so gebaut ist wie Sie und gar nicht heuchlerisch.«

»Möchtest du lieber ins Kittchen?«

»Lieber als was?«

»Wenn du auspackst, wird man vielleicht vergessen, daß du Richard Gendreau erpreßt hast.«

»Sie glauben, er zeigt mich an?«

»Man wird auch den versuchten Mord vergessen, der mich fast das Leben gekostet hat.«

»Hör zu, Jules! Die Chancen sind ungleich. Also verschwend keine Spucke, denn davon kriege ich Bauchweh. Du bist ein guter Kerl. Vielleicht treffen wir uns wieder eines Tages und heben einen zusammen. Aber hier in diesem Haus stehen wir nicht auf gleichem Fuß. Du bist so naiv wie ein Meßdiener. Die machen mit dir, was sie wollen.«

»Wer?«

»Ist ja egal. Aber jetzt will ich dir eines sagen: Bob war ein Prachtskerl. Er hatte zwar so seine eigenen Ideen, was das Leben betrifft und das Verhalten im allgemeinen. Gewisse Leute konnte er nicht riechen. Aber zu einer Gemeinheit wäre er nicht fähig gewesen. Merk dir das ein für allemal.«

»Er ist tot.«

»Möglich. Ich weiß von nichts. Oder wenn ich etwas weiß, dann geht das andere Leute einen Dreck an. Und jetzt sag ich dir als Kollege: Gib auf, Jules! Hörst du mich? Gib die ganze Sache auf, Jules! Mehr habe ich nicht zu sagen. Mehr werde ich auch nicht sagen. Diese faulen Tricks da, die sind nichts für dich. Die gehen über unseren Horizont, würde ich sagen, deinen und meinen.

Ich weiß von nichts, ich habe nichts gesehen, nichts gehört. Die fünfzigtausend Lappen? Die habe ich in Longchamps gewonnen, und das werde ich behaupten bis zum Schluß, wenn’s sein muß.

Von wegen hier herauskommen — das wird sich ja zeigen, nicht wahr?«

Das sagte er mit einem sonderbaren Lächeln.

»Und jetzt, wenn du deinerseits ein bißchen nett sein willst, so mach der armen Lucile die Hölle nicht heiß. Sie hat ihren Bob wirklich geliebt. Kannst du das verstehen? Ein Mädchen kann auf den Strich gehen und trotzdem an seinem Mann hängen. Nimm sie nicht in die Zange, und ich werde es dir vielleicht eines Tages vergelten. Das ist alles.«

Er stand auf und ging unbekümmert zur Tür.

Auch Maigret stand auf.

»Dédé!« rief er.

»Fertig. Von jetzt an halte ich die Klappe. Aus mir kriegst du keinen Ton mehr heraus.«

Er öffnete die Tür, rief nach dem Polizisten.

»Wir zwei sind fertig miteinander«, wiederholte er mit seinem hintergründigen Lächeln.

Der Wachtmeister stand in der Tür.

»Soll ich Ihnen jetzt die Frau bringen?« fragte er.

Sie lehnte den angebotenen Stuhl ab. Kerzengerade stand sie vor ihm am Schreibtisch.

»Wissen Sie, unter welchen Umständen Bob gestorben ist?«

Sie seufzte:

»Ich weiß nichts.«

»Er wurde in einem Haus an der Rue Chaptal umgebracht.«

»Das glauben Sie?«

»Er war der Geliebte einer anderen Frau.«

»Ich bin nicht eifersüchtig.«

»Warum wollen Sie nicht sprechen?«

»Weil ich nichts zu sagen habe.«

»Wenn Sie gewußt hätten, daß Bob am Leben gewesen wäre, so wären Sie nicht nach Belgien gefahren.«

Sie schwieg.

»Warum möchten Sie nicht, daß Bob gerächt wird?«

Sie biß sich auf die Lippen und wandte den Kopf ab.

»Sind Ihnen ein paar Geldscheine wichtiger als die Verurteilung seines Mörders?«

»Sie haben kein Recht, so zu sprechen.«

»Dann sprechen Sie.«

»Ich weiß nichts.«

»Und wenn ich Ihnen helfen würde?«

»Ich würde nichts sagen.«

»Mit wem haben Sie gesprochen, seitdem Sie hier sind?«

Denn jetzt hatte er endlich begriflen. Nicht weil der Kommissar beschäftigt war, hatten sie ihn warten lassen. Vom Erkennungsdienst da oben gab es eine direkte Verbindung zum Quai des Orfévres.

War Dédé überhaupt durch die ganze Prozedur im Obergeschoß gegangen? War Lucile ärztlich untersucht worden? Kaum.

Fast sicher dagegen war es, daß jemand die beiden verhört hatte. Jemand von der Sûreté.

Bei Maigrets Eintreffen war mindestens eine Stunde verflossen, Seitdem Le Bret sich in der Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir von ihm verabschiedet hatte.

Es schien undenkbar, und doch: Hatte nicht Dédé selber angedeutet, daß Maigret hintergangen wurde?

Er verließ das Büro, wähnte ein heimliches Grinsen auf den Gesichtern zu sehen. Wie zufällig kehrte der Kommissar in diesem Augenblick zurück.

»Nun, mein Lieber! Erfolg gehabt? Haben sie gestanden?«

»Was geschieht mit ihnen?«

»Das ist noch nicht klar. Ich warte auf Weisungen.«

»Von wem?«

»Von oben, wie üblich.«

»Ich danke Ihnen.«

Als er wieder auf der Straße stand, goß es gerade in Strömen, und er fühlte sich so mutlos, daß er erneut drauf und dran war, um seine Entlassung zu bitten.

»Du bist so naiv wie ein Meßdiener«, hatte ihm der Garagist fast mitleidig gesagt.

Er, der so gern zu diesem Haus gehört hätte, das er jetzt mit gesenktem Kopf und einem Brechreiz im Hals verließ!

Er betrat die Brasserie Dauphine, wo immer ein paar Inspektoren vom Quai des Orfévres bei einem Glas Bier saßen.

Er kannte sie alle vom Sehen, doch für sie war er ein Niemand.

Er würgte eine der Pillen hinunter, die ihm der Arzt gegeben hatte, in der Hoffnung, sie würde ihn aufpulvern; dann goß er einen großen Schnaps hinterher.

Er sah sie an einem Tisch sitzen, etwas beschwipst oder jedenfalls sehr ungezwungen. Die dort durften ungestraft überall ein- und ausgehen, sie kannten alles und jeden, tauschten Informationen über ihre laufenden Fälle aus.

Hatte er, Maigret, nach alledem noch Lust, auch einer von ihnen zu sein? War er nicht vielmehr im Begriff zu entdecken, daß das Bild, das er sich von der Polizeiarbeit gemacht hatte, völlig falsch war?

Nach dem zweiten Schnaps war er entschlossen, seinen höchsten Chef und Gönner Xavier Guichard aufzusuchen und ihm sein Herz auszuschütten.

Sie hatten ihn übertölpelt. Le Bret hatte an seinem Bett gesessen und ihm die Würmer aus der Nase gezogen. Er hatte den Wagen vor der Tür warten lassen. Zweifellos war er stracks zum Quai des Orfévres gefahren, und ihn hatten sie bestimmt nicht stundenlang hingehalten.

»Mein Sekretär tobt«, konnte Maigret ihn sagen hören. »Er wird eine Ungeschicklichkeit begehen, uns Unannehmlichkeiten bereiten.«

Wer weiß, vielleicht hatte er noch höheren Orts vorgesprochen, zum Beispiel beim Polizeipräfekten oder gar beim Innenminister.

Vielleicht gehörte auch der Innenminister zu den ständigen Gästen an der Rue Chaptal?

Sie hatten Maigret den Fall übergeben — und mit welchen Ermahnungen zur Vorsicht! — damit er sich das Genick breche, dessen war er jetzt sicher.

»Sie möchten Dédé verhören? Warum nicht? Nur zu, mein Bester!«

Nur eben, sie hatten den Garagisten noch vorher ins Gebet genommen. Der Himmel mochte wissen, was sie ihm versprochen hatten, damit er den Mund hielt. Es war ein Leichtes. Er war vorbestraft. Was Lucile betraf, so konnte man sie immer noch für eine Weile nach Saint-Lazare verfrachten, falls sie nicht schwieg.

»Du bist so naiv wie ein Meßdiener.«

Er verzog den Mund, denn daheim in seinem Dorf war er wirklich Ministrant gewesen.

Sie zogen ihm alles in den Dreck, sie zogen ihm seine Polizei in den Dreck. Er war nicht verärgert, weil man ihn um einen kleinen Erfolg gebracht hatte. Das Gefühl ging tiefer. Es glich eher der Enttäuschung eines Verliebten.

»Garçon!«

Er wollte einen dritten Schnaps bestellen, besann sich anders, zahlte und verließ das Lokal mit dem Gefühl, daß die Männer am Tisch ihm ironisch nachblickten.

Er wußte, daß fortan alles, was er zu sehen und zu hören bekam, lauter Schwindel sein würde. Was konnte er tun? Den Flötisten aufsuchen. Ha! Ein Flötist! Der einzige Trumpf, der ihm verblieben war. Justin Minard, über den Le Bret schon am ersten Tag Erkundigungen hatte einziehen lassen.

Und er, Maigret, konnte sich empören noch und noch —– sie würden höchstens behaupten, der Schlag auf den Kopf habe bei ihm einen Hirnschaden bewirkt.

Er stieg in den nächsten Omnibus und blieb verdrossen auf der Plattform stehen, in der Nase den Geruch von nassem Hundefell, der von seinem Mantel ausging. Er schwitzte. Vielleicht hatte er Fieber.

In der Rue Chaptal hätte er beinahe kehrtgemacht, als ihm einfiel, wie gönnerhaft auch Paumelle, der Wirt vom »Vieux Calvados« ihn behandelt hatte.

Wie konnte er wissen, ob am Ende nicht doch die anderen recht hatten? Vielleicht hatte er sich auf der ganzen .. Linie getäuscht, vielleicht eignete er sich überhaupt nicht für den Polizeiberuf?

Und doch spürte er deutlich, wie es gewesen wäre, wenn man ihm freie Hand gelassen hätte. Er hätte in diesem Haus, das er jetzt von der Straße aus betrachtete, jeden Winkel gekannt, er hätte auch die Bewohner gekannt, es hätte für ihn keine Geheimnisse mehr gegeben, vom alten Balthazar bis zu Lise Gendreau oder zu Louis wäre ihm nichts mehr verborgen geblieben.

Es ging nicht mehr darum, zu wissen, was sich in der Nacht vom 15. auf den 16. wirklich zugetragen hatte, denn das war nur der letzte Akt. Wenn er gewußt hätte, was in den Köpfen der Menschen da drinnen vorging, wäre es ein Leichtes, ihre Handlungen zu rekonstruieren.

Nun aber war dieses Haus, wie übrigens auch jenes an der Avenue du Bois, eine Festung, zu der man ihm den Zugang verwehrte. Beim geringsten Alarm kam von allen Seiten Hilfe herbei. Dédé wurde plötzlich schweigsam, und Lucile wünschte nicht mehr, daß Bob gerächt wurde.

Er merkte, daß er laut mit sich selber sprach, zuckte die Achseln, stieß heftig die Tür zum kleinen Restaurant auf.

Justin war da. Er stand an der Theke, in der Hand ein Glas. Er hatte Maigrets Nachfolge angetreten in seinem Téte-à-téte mit Paumelle, der beim Anblick des Neuankömmlings keinerlei Erstaunen zeigte.

»Das gleiche«, sagte Maigret.

Das Hoftor stand weit offen. Der Regen ließ nach, und durch die fallenden Tropfen schimmerte die Sonne. Das Pflaster glänzte; man spürte, daß es bald trocken sein würde.

»Ich wußte, daß Sie wiederkommen würden«, sagte der Wirt. »Mich wundert nur, daß Sie nicht bei den Herren da drüben sind.«

Maigret drehte sich mit einem Ruck um, sah Justin Minard an. Der Flötist setzte zum Sprechen an, stieß schließlich lich hervor: »Eine Menge Leute’befinden sich im Haus. Sie sind vor etwa einer halben Stunde gekommen.«

Man sah keine Wagen auf der Straße. Wahrscheinlich hatten die Besucher eine Mietdroschke benutzt.

»Was für Leute?«

»Ich kenne sie nicht; es ist etwa so, wie ich mir immer einen ›Lokaltermin‹ vorgestellt habe. Ein Herr mit weißem Bart ist dabei. Er kam zusammen mit einem jungen Mann. Vielleicht der Staatsanwalt und sein Schreiber?«

Maigrets Finger krampften sich um das Glas.

»Wer noch?« fragte er.

»Leute, die ich noch nie gesehen habe.«

Justin war zu taktvoll, um zu sagen, was er dachte, doch Paumelle brummte dazwischen:

»Kollegen von Ihnen. Nicht vom Kommissariat. Vom Quai. Einen der Männer habe ich wiedererkannt.«

Der arme Minard wand sich vor Verlegenheit. Im Grunde, dachte Maigret bitter, hatte er auch seinen treuen Helfer hinters Licht geführt. Er hatte ihn im Glauben gelassen, er, Maigret, leite die Untersuchung, und der Flötist war ihm voll Begeisterung gefolgt.

Jetzt aber war Maigret ein Niemand geworden, eine Null. Man hielt ihn nicht einmal mehr auf dem laufenden über das, was vorging.

Wieder war er nahe daran, aufzugeben, nach Hause zu gehen, wütend sein Entlassungsgesuch zu schreiben und sich dann ins Bett zu legen. Sein Kopf glühte. Er verspürte stechenden Schmerz. Der Wirt hob eine Flasche Calvados hoch, und Maigret nickte.

Es spielte keine Rolle mehr. Sie hatten ihn von A bis Z betrogen. Sie hatten vollkommen recht. Er war nur ein Meßdiener.

»Germaine ist im Haus«, bemerkte Minard leise. »Ich hab sie am Fenster gesehen.«

Die auch, zum Teufel! Natürlich. Sie mochte ja nicht eben intelligent sein, aber sie hatte einen Riecher wie alle Frauen. Sie hatte begriffen, daß sie auf die falsche Karte gesetzt hatte, daß Maigret und sein Flötist nichts als Strohpuppen waren.

»Ich gehe rüber«, enklärte er plötzlich und stellte das Glas auf die Theke zurück.

Die Angst, im letzten Moment den Mut zu verlieren, trieb ihn über die Straße. Als er die Einfahrt betrat, sah er am anderen Ende des Hofes zwei Männer in der Erde graben. Neben der Tür, die in die Halle führte, stand ein uniformierter Wachtposten.

»Ich gehöre dem Kommissariat dieses Quartiers an«, sagte Maigret.

»Sie müssen warten.«

»Warten? Worauf?«

»Bis die Herren hier fertig sind.«

»Aber ich habe diese Untersuchung geleitet.«

»Möglich, aber ich muß mich an meine Weisungen halten, mein Junge.«

Noch einer vom Quai des Orfévres!

»Sollte ich jemals bei der Sûreté dienen«, dachte Maigret ungeachtet seines festen Entschlusses, den Polizeichenst zu quittieren, »ich schwöre, daß ich die armen Teufel vom Kommissariat nie so verächtlich behandeln werde.«

»Der Staatsanwalt?«

»Alle sind da.«

»Mein Kommissar?«

»Kenne ich nicht. Wie sieht er aus?«

»Grauer Anzug. Groß, schlank, schmaler blonder Schnurrbart.«

»Nicht gesehen.«

»Wer ist vom Quai dabei?«

»Kommissar Barodet.«

Der Mann, dessen Namen man wohl am häufigsten in den Zeitungen las. In Maigrets Augen war er der berühmteste Mann der Welt, mit seinem glattrasierten Gesicht, das ihm das Aussehen eines Butlers verlieh, und den kleinen Wieselaugen, die ständig an einem vorbeizusehen schienen.

»Was ist mit den beiden dort drüben?«

»Sie graben nach der Leiche.«

Der Polizist antwortete nur zögernd auf Maigrets Fragen, und die Antworten klangen herablassend.

»Ist Richard Gendreau im Haus?«

»Wie sieht er aus?«

»Dunkles Haar, lange, schiefe Nase.«

»Ja, der ist drinnen.«

Also war Gendreau entweder nicht wie üblich ins Büro gegangen oder aber in aller Eile zurückgekehrt.

In diesem Augenblick hielt eine Droschke auf der Straße an. Eine junge Frau stieg aus, lief auf die Tür zu, vor der sich die beiden Männer unterhielten.

Sie mußte Maigret übersehen haben.

»Mademoiselle Gendreau«, hauchte sie.

Beflissen öffnete ihr der Polizist die Tür, dann erklärte er seinem Kollegen:

»Ich habe meine Befehle.«

»Wird sie erwartet?«

»Man hat mir nur gesagt, ich soll sie einlassen.«

»Haben Sie den Butler gesehen?«

»Der ist jetzt gerade mit den Herren zusammen. Sind Sie über die Affäre im Bild?«

Maigret schluckte die Demütigung hinunter.

»Einigermaßen«, erwiderte er.

»Man sagt, er sei ein lausiger Bursche gewesen.«

»Wer?«

»Der Kerl, der sich vom Diener hat umlegen lassen.«

Mit offenem Mund starrte Maigret ihn an.

»Sind Sie sicher?«

»Sicher, daß was?«

»Daß Louis …«

»Sehen Sie, ich selber weiß noch nicht einmal, wer dieser Louis ist. Ich hab nur so ein paar Fetzen aufgeschnappt. Das einzige, was ich weiß, ist, daß ich einen Menschenauflauf verhindern soll.«

Einer der beiden Männer im Hof, offensichtlich ein Polizist, kam in die Einfahrt gelaufen; der andere, wahrscheinlich der Kammerdiener, blieb bei der Grube zurück. Der erste Mann hatte Erde an den Händen, Erde an den Sohlen und einen Ausdruck des Abscheus im Gesicht.

»Kein schöner Anblick!« sagte er zu den beiden am Tor.

Die Haustür wurde ihm geöffnet, und er verschwand im Innern. In den wenigen Sekunden, da die Tür offenstand, konnte Maigret Lise Gendreau und ihren Bruder in der Halle erkennen. Die anderen, die von der Staatsanwaltschaft, hielten sich vermutlich in einem der Salons auf und tagten hinter verschlossener Tür.

»Werden Sie erwartet?« fragte der Polizist, als er Maigrets Nervosität bemerkte.

»Ich weiß es nicht.«

Es war zum Heulen. Noch nie hatte er sich so tief gedemütigt gefühlt!

»Ich glaube, am meisten fürchten sie die Journalisten. Deshalb treffen sie alle diese Vorsichtsmaßnahmen. Das Komischste ist, daß bei uns nur Balthazar-Kaffee getrunken wird. Ich hätte nie gedacht, daß ich eines Tages …«

Im Haus schien man viel zu telefonieren, denn ständig hörte man es klicken und klingeln.

»Wenn Ihr Kommissar Sie hergeschickt hat, kann ich ja mal reingehen und ihnen sagen, daß Sie draußen warten.«

»Es ist nicht die Mühe wert.«

Der andere zuckte die Achseln. Er begriff nichts mehr. Er sah, wie Maigret eine Pille schluckte.

»Ist etwas nicht in Ordnung mit Ihnen?«

»Wissen Sie zufällig, wie das Ganze angefangen hat?«

»Wie was angefangen hat?«

»Sie waren am Quai des Orfévres?«

»Ja. Ich wollte gerade ins La Villette-Quartier fahren, um einen Burschen zu beschatten. Kommissar Barodet war im Begriff, sich einen Galgenvogel vorzuknöpfen.«

»Einen Kleinen in kariertem Anzug?«

»Ja, einen auf Bewährung.«

»Kam ein Anruf für den Kommissar?«

»Nein, der Allerhöchste persönlich hat ihn zu sich rufen lassen. Inzwischen mußte ich den Kleinen bewachen. Ein Spaßvogel, das. Er wollte mir eine Zigarette abbetteln, aber ich hatte keine.«

»Und dann?«

»Als Monsieur Barodet zurückkam, schloß er sich nochmal eine Weile mit dem kleinen Karierten ein, nachdem er uns gesagt hatte, wir sollten uns bereithalten.«

»Wir?«

»Wir von der Brigade. Wir sind zu dritt hierhergefahren, plus der Kommissar. Die zwei anderen sind da drinnen. Der, der gegraben hat, ist Barrére. Das ist der, der angeschossen werden ist. Vor einem Monat. Als er den Polen in der Rue Caulaincourt verhaftete.«

Jedes Wort schmerzte. Maigret stellte sich das Büro am Quai vor, die freundschaftliche Autorität des Kommissars, der seine Leute »Kinder« nannte.

Warum hatten sie ihm, Maigret, das angetan? Hatte er etwas falsch gemacht? Hatte er die Sache nicht richtig angepackt? War er nicht so diskret wie nur möglich vorgegangen?

Nach Le Brets Krankenbesuch an diesem Morgen hatte Maigret das Gefühl gehabt, sein Vorgesetzter hätte ihm eine Blankovollmacht erteilt. Und danach war Le Bret Hals über Kopf zum Quai des Orfévres gefahren. Und dann? War er vielleicht hierhergekommen?

»Der Butler hat also gestanden?«

»Soviel ich gehört habe, ja. Sicher ist, daß er eine widerliche Schnauze hat.«

»Ich begreife überhaupt nicht mehr.«

»Haben Sie sich denn schon mal eingebildet, daß Sie etwas begreifen?«

Es war vielleicht die erste wirkliche Lektion in Bescheidenheit, die Maigret jemals erteilt worden war. Der Polizist war älter als er. Er hatte die Dreißig überschritten. Er besaß die Ruhe, die Gelassenheit derer, die schon viel gesehen haben. Er paffte aus seiner Pfeife und kümmerte sich einen Deut um das, was im Haus vorging.

»Es ist immer noch besser als in einer Sackgasse von La Villette Gott weiß wie lange den Aufpasser spielen.«

Ein Wagen hielt am Bordstein, diesmal ein Auto. Ein junger Mann mit braunem Bart stieg eilig aus. Er trug einen kleinen Koffer, und Maigret erkannte ihn, weil er sein Bild in den Zeitungen gesehen hatte. Es war Doktor Paul, Gerichtsmediziner und eine angehende Berühmtheit.

»Wo sind die Herren?«

»Drinnen, Doktor. Der Tote liegt im Garten, aber zuerst werden Sie den Staatsanwalt sehen wollen.«

Alle betraten das Allerheiligste, alle außer Maigret. Er allein war dazu verdammt, im Torbogen zu stehen und zu warten.

»Sie werden sehen«, sagte der andere, »das wird in den Zeitungen mit drei Zeilen abgetan.«

»Warum?« ’

»Darum.«

Tatsächlich konnte man am Abend in La Presse lesen:

In der Nacht vom 15. auf den 16. dieses Monats schlich sich ein Einbrecher in die Villa der Familie Gendreau-Balthazar an der Rue Chaptal ein. Er wurde vom Butler Louis Viaud, 56, gebürtig aus Anseval (Nièvre) ertappt und durch einen Schuß in die Brust getötet.

Doch da lag Maigret schon mit neununddreißig Grad Fieber im Bett, und Madame Maigret wußte nicht, wie sie den Flötisten loswerden sollte. Der rührte sich nicht aus dem Zimmer und erinnerte mehr denn je an einen Hund, der sich verlaufen hatte.

Déjeuner auf dem Land

Es dauerte drei Tage. Erst hatte er gehofft, er sei ernstlich erkrankt, und das würde sie maßlos ärgern. Doch alles, was er am ersten Morgen, als er vorsichtig die Augen öffnete, an sich feststellte, war ein anständiger Stirnhöhlenkatarrh.

Danach hatte er gemogelt. Mit einem simplen Stirnhöhlenkatarrh hätte er sich sogar vor seiner eigenen Frau lächerlich gemacht, deshalb stöhnte und hustete er und klagte über Schmerzen in der Brust.

»Ich leg dir ein Senfpflaster auf, Jules. Das ist gut gegen Bronchitis.«

Sie war heiter wie immer. Sie pflegte ihn zärtlich, mehr, sie verwöhnte ihn. Dennoch hatte er sie im Verdacht, daß sie ihn durchschaute.

»Kommen Sie nur herein, Monsieur Minard«, hörte er sie im Vorzimmer sagen. »Nein, es geht ihm nicht schlechter. Ich möchte Sie nur bitten, ihn nicht zu ermüden.«

Das hieß, daß sie auf sein Spiel einging.

»Wie ist die Temperatur?« fragte der Flötist besorgt.

»Nicht mehr so hoch«, antwortete sie.

Womit sie es geschickt vermied, eine Zahl zu nennen. Tatsächlich lag Maigrets Temperatur eher unter als über siebenunddreißig.

Sie liebte es, Lindenblütentee zu kochen, Umschläge zu machen, Rührei und Hühnerbrühe zuzubereiten. Sie liebte es auch, sorgsam die Vorhänge zu schließen, auf den Zehenspitzen umherzugehen, dann und wann durch die Tür zu blicken, um sich zu vergewissern, daß er schlief.

Der arme, unerwünscht gewordene Minard! Maigret machte sich Vorwürfe. Er mochte ihn. Er hätte ihm gern eine Freude gemacht.

Schon gegen neun oder zehn Uhr morgens sah man ihn immer anmarschieren. Er klingelte nie, er klopfte nur sachte an die Tür, weil er annahm, daß Maigret schlief. Dann hörte man ihn flüstern, hörte auch, wie er sich der Wand entlang ins Zimmer schob und sich dem Bett näherte.

»Nein, bleiben Sie liegen! Ich wollte nur wissen, wie’s Ihnen geht. Haben Sie keine Arbeit für mich? Ich wäre so froh, wenn ich Ihnen irgendeinen Dienst erweisen könnte!«

Nicht mehr Detektiv spielen; das war vorbei. Aber irgend etwas tun! Er bot sich auch Madame Maigret an.

»Darf ich nicht für Sie einkaufen gehen. Das kann ich nämlich gut, wissen Sie.«

Schließlich ließ er sich mit einer Hinterbacke auf dem Stuhl am Fenster nieder, nur für einen Augenblick, und dort blieb er stundenlang sitzen. Fragte man ihn nach seiner Frau, so antwortete er wie aus der Pistole geschossen:

»Das tut nichts zur Sache.«

Jeden Spätnachmittag kam er wieder, im Smoking, ehe er zur Arbeit ging, denn er spielte jetzt in einem Tanzorchester am Boulevard Saint-Michel. Er spielte nicht mehr Kontrabaß, sondern Kornett, und das war sicher hart für ihn, denn auf seinem Mund hatte sich ein rosaroter Kreis gebildet, der nicht mehr verschwand.

Auch Le Bret ließ sich jeden Morgen durch einen Boten nach Maigrets Befinden erkundigen, sehr zur Enttäuschung der Concierge. Sie hatte zwar gewußt, daß ihr Mieter beim Staat angestellt war, aber er hatte ihr nie gesagt, daß er bei der Polizei diente.

»Der Kommissar läßt Ihnen sagen, Sie sollen sich gut pflegen und sich keine Sorgen machen, alles stehe zum Besten.«

Er vergrub sich tiefer in sein feuchtes Bett, in den guten Schweißgeruch, der von ihm ausging. Es war seine Art, sich in sich selbst zu verkriechen. Er wußte noch nicht, daß auch dies eine Manie werden würde, daß er später, wenn er mutlos oder ratlos war, oft zu diesem Mittel Zuflucht nehmen würde.

Dieses Absinken erfolgte fast wie auf Befehl. Statt daß seine Gedanken sich klärten, gerieten sie durcheinander wie bei einem, der Fieber hat. Allmählich glitt er in einen Halbschlaf hinüber, und die Wirklichkeit nahm neue Formen an, vermengte sich mit Jugenderinnerungen; auch die Schatten und Lichter im Zimmer spielten dabei ihre Rolle, sogar die Blumen auf den Tapeten, sogar die Gerüche aus der Küche und Madame Maigrets gedämpfte Schritte.

Er begann immer wieder am gleichen Punkt, ordnete seine Figuren wie auf dem Schachbrett: der alte Balthazar, Félicien, Lise, Richard Gendreau, Schloß Anseval, Louis, Germaine, die Zofe Marie.

Er sah sie kommen und gehen, wechselte sie aus. Dann war die Reihe an Le Bret, wie er Maigrets Wohnung verließ, wie er in seinen Wagen stieg, dem Kutscher zurief:

»Quai des Orfévres!«

Ob er seinen Vorgesetzten, den großen Xavier Guichard duzte? An dieser Stelle setzte die Angst ein. Was erzählte Le Bret seinem Chef in diesem riesigen Büro, das Maigret nur zweimal in seinem Leben betreten hatte und das ihn beeindruckte wie kein anderer Ort auf der Welt?

»Mein Sekretär, dieser junge Mann, den Sie mir empfohlen haben, beschäftigt sich mit einem Fall. Ich mußte ihm die Sache übergeben, ich hatte keine andere Wahl. Ich fürchte nur, er wird ins Fettnäpfchen treten.«

Würde er so reden? Es war denkbar. Le Bret war in erster Linie ein Weltmann. Jeden Morgen ging er im Club Hoche fechten, er verkehrte in den mondänen Salons, ging in alle Premieren und zeigte sich auf dem Turf im hellgrauen Zylinder.

Aber Xavier Guichard? Der war mit Maigrets Vater befreundet und von der gleichen Art. Er wohnte nicht in der Monceau-Gegend, er hatte eine kleine Wohnung im Quartier Latin und zog seine Bücher der Gesellschaft schöner Frauen vor.

Nein, Guichard ließ sich nicht auf schmutzige Dinge ein, auch nicht auf Kompromisse.

Und doch hatte er Barodet zu sich bestellt? Welche Weisung mochte er ihm gegeben haben?

Und wenn sich wirklich alles so verhielt, war es nicht Maigret, der unrecht hatte? Gewiß, er hatte seine Untersuchung nicht zu Ende geführt. Er wußte nicht, wer den Grafen erschossen hatte. Er wußte auch nicht, warum er erschossen werden war. Aber er hätte es herausgefunden.

Er war überzeugt, daß er gute Arbeit geleistet hatte, und zwar in kurzer Zeit. Das bewies schon allein die Tatsache, daß sein Kommissar es mit der Angst bekam.

Also, warum das alles?

Die Zeitungen berichteten schon nicht mehr über die Affäre. Sie war vertuscht worden. Sie hatten den toten Bob gewiß schon zur Autopsie in die Leichenhalle gebracht.

Er sah sich wieder im Hof an der Rue Chaptal, der letzte in der Reihe, weit hinter all den Herren, die ihn nicht beachteten. Barodet kannte ihn nicht persönlich und hielt ihn wohl für einen Hausangestellten. Der Staatsanwalt, der Untersuchungsrichter, der Gerichtsschreiber dachten, er sei einer von Barodets Leuten.

Nur Louis hatte ihn mit einem höhnischen Blick bedacht. Ohne Zweifel hatte Germaine ihm von Maigrets Nachforschungen erzählt.

Alles war so demütigend, so entmutigend. Bisweilen lag er mit geschlossenen Augen und in Schweiß gebadet da und entwarf den Plan einer idealen Untersuchung.

»Das nächste Mal mache ich es so und so…«

Dann, am Morgen des vierten Tages, hatte er das Kranksein plötzlich satt. Noch ehe der Flötist erschien, stand er auf, wusch sich gründlich, rasierte sich mit Sorgfalt, befreite sich vom Verband, den er immer noch um den Kopf trug.

»Gehst du ins Büro?«

Er sehnte sich nach dem Geruch seines Kommissariats, nach seinem schwarzen Pult, den armseligen »Kunden« auf ihrer Bank vor der weißgetünchten Wand.

»Was soll ich Justin bestellen?«

Sie nannte ihn jetzt Justin, wie einen Freund, einen entfernten Verwandten der Familie.

»Wenn er mich um ein Uhr abholen will, können wir zusammen essen gehen.«

Er hatte seine Bartbinde seit Tagen nicht angelegt und mußte jetzt die Enden mit dem Brenneisen hochzwirbeln.

Er ging ein gutes Stück Wegs zu Fuß, um die Atmosphäre der Boulevards einzuatmen, und sein ganzer Groll verflüchtigte sich in der Frische dieses Frühlingsmorgens.

»Was soll ich mich mit diesen Leuten herumplagen!«

Diese Gendreaus in ihrer Festung. Der Charakter des Alten, von der Tochter auf die Tochter vererbt. Ihre Testamentgeschichten. Die Frage, wer die Balthazar-Cafés erben würde …

Denn soviel war ihm klar: Hier ging es nicht mehr nur ums Geld. Von einem gewissen Grad des Reichtums an zählt nicht das Geld, sondern die Macht.

Es ging um den Entscheid, wem die Aktienmehrheit gehören und wer zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt würde. Lise? Richard?

Der Balthazar-Charakter mußte in den Frauen schon sehr tief verwurzelt sein, wenn ein Mädchen seine einundzwanzig Jahre vergaß und, wie vor ihm seine Mutter, nur noch an einen leitenden Posten dachte.

Chef sein — oder Chefin!

»Sollen sie sich darum streiten!«

Richtig. Genau das hatten sie getan. Und dann gab es einen Toten, um den zwar niemand weinte, gewiß, wenn man von einem Mädchen absah, das in der Avenue de Wagram auf den Strich ging.

Er betrat das Kommissariat, schüttelte seinen Kollegen die Hand.

»Bertrand ist eben unterwegs zu dir, um nach deinem Befinden zu fragen.«

Er meldete sich nicht beim Kommissar. Wortlos setzte er sich an seinen Platz, und es wurde halb elf, ehe Le Bret die Polstertür öffnete und ihn erblickte.

»Nanu, Sie sind wieder da, Maigret? Kommen Sie doch mal herüber!«

Er schien sich bewußt leutselig zu geben.

»Setzen Sie sich. Ich frage mich, ob es klug ist, so bald wieder ins Büro zu kommen. Ich wollte Ihnen eben einen Erholungsurlaub vorschlagen. Glauben Sie nicht, ein paar Tage auf dem Land würden Ihnen guttun?«

»Ich fühle mich restlos gesund.«

»Um so besser, um so besser! Übrigens haben Sie sicher schon gehört, daß sich die ganze Geschichte von selbst erledigt hat. Ich möchte Ihnen auch noch gratulieren. Sie waren nicht mehr weit von der Wahrheit entfernt. Genau an dem Tag, da ich Sie besuchte, rief Louis die Polizei an.«

»Freiwillig?«

»Das entzieht sich, ehrlich gesagt, meiner Kenntnis. Hauptsache, er hat sich schuldig bekannt. Er muß von Ihren Nachforschungen Wind bekommen haben und hat vermutlich gewußt, daß Sie die Wahrheit herausfinden würden.«

Maigret starrte auf die Schreibtischplatte. Sein Gesicht drückte keinerlei Gefühle aus. Etwas unsicher fuhr Le Bret fort:

»Er hat sich über unseren Kopf hinweg direkt an die Polizeipräfektur gewandt. Haben Sie die Zeitungen gelesen?«

»Ja.«

»Die wahre Geschichte ist natürlich etwas frisiert worden. Notgedrungen. Eines Tages werden Sie das verstehen. Es gibt Fälle, da mit einem Skandal niemandem gedient ist, da die nackte Wahrheit mehr schadet als nützt. Hören Sie mir jetzt gut zu? Wir wissen beide, daß der Graf nicht als Einbrecher ins Haus gedrungen ist. Kann sein, daß er erwartet wurde. Lise Gendreau hat ihm gewisse Gefälligkeiten erwiesen. Ich möchte diesen Ausdruck im besten Sinn verstanden wissen.

Vergessen Sie nicht, daß sie im Schloß d’Anseval zur Welt kam und daß es zwischen den beiden Familien gewisse Bande gibt.

Bob war unzurechnungsfähig. Er sank immer tiefer, er hatte das, was man den Zerstörungswahn nennt. Es wäre ja denkbar gewesen, daß sie versuchte, ihn wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Dieser Meinung ist jedenfalls meine Frau, und sie kennt Lise gut.

Wie dem auch sei, wir müssen uns fragen, ob Bob in jener Nacht nicht etwa betrunken war, was ja oft genug vorkam. Und ob er sich nicht skandalös benommen hat.

Louis hält mit Einzelheiten zurück. Er hörte Schreie, ging ihnen nach, und als er ins Zimmer trat, sah er Bob im Kampf mit Richard, und in Bobs Hand habe, sagt er, ein Messer geblitzt.«

»Ist das Messer gefunden worden?« fragte Maigret tonlos, ohne vom Schreibtisch aufzusehen.

Er schien einen kleinen Fleck auf der Mahagoniplatte zu fixieren.

»Das weiß ich nicht. Barodet hat das Verhör geleitet. Fest steht, daß auf dem Nachttisch ein Revolver lag und daß Louis schoß, weil er für das Leben seines Herrn fürchtete.

Jetzt sagen Sie mir bitte, junger Freund, wem hätte ein Skandal gedient? Die Öffentlichkeit hätte die Wahrheit nicht ohne weiteres geschluckt. Wir leben in einer Zeit, da gewisse Gesellschaftsklassen nur allzu oft als Zielscheibe herhalten müssen. Mademoiselle Gendreaus Ehre stand auf dem Spiel. Ihre Ehre wäre öffentlich angegriffen werden.

So oder so, wir haben es hier eindeutig mit einem Fall von berechtigter Notwehr zu tun.«

»Sie sind also überzeugt, daß es der Butler war, der Bob erschossen hat.«

»Wir haben sein Geständnis. Bedenken Sie das, Maigret. Überlegen Sie sich, welches die Reaktion einer gewissen Presse und die Folgen dieser Afiäre für ein junges Mädchen gewesen wären, dem wir nichts vorzuwerfen haben außer Unversichtigkeit.«

»Ich verstehe.«

»Mademoiselle Gendreau ist in die Schweiz gereist. Ihre Nerven sind völlig zerrüttet, und sie wird sich wohl mehrere Monate lang erholen wollen. Louis wurde auf freien Fuß gesetzt. Das Verfahren gegen ihn wird höchstwahrscheinlich eingestellt. Sein einziger Fehler war, daß er die Leiche im Garten vergrub, statt sogleich ein Geständnis abzulegen.«

»Hat er sie allein begraben?«

»Versetzen Sie sich in die Lage des jungen Richard Gendreau! Ich sehe, Sie haben noch nicht ganz begriffen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt Fälle, da wir kein Recht haben …«

Noch während er nach Worten suchte, hob Maigret den Kopf und sagte gelassen, fast beiläufig:

»… unserem Gewissen zu folgen?«

Darauf wurde Le Bret plötzlich wieder hart, hochmütig, hochmütiger denn je.

»Mein Gewissen wirft mir nichts vor«, erwiderte er in schneidendem Ton, »und ich bilde mir ein, daß ich ein ebenso empfindsames Gewissen habe wie jeder andere. Sie sind noch jung, Maigret, sehr jung, und das ist der einzige Grund, weshalb ich Ihnen diese Bemerkung nicht verübeln kann.«

Gegen Mittag läutete im großen Büro das Telefon: Inspektor Besson nahm den Hörer auf.

»Für Sie, Maigret. Es ist der Kerl, der schon dreimal angerufen hat, immer um die gleiche Zeit.«

Maigret ergrüf den Hörer.

»Hallo! Jules?«

Er erkannte Dédés Stimme.

»Geht’s Ihnen besser? Sind Sie wieder im Betrieb? Hören Sie, sind Sie zum Mittagessen frei?«

»Warum?«

»Nur so eine Idee von mir. Seit unserer letzten Begegnung hätte ich Lust, mit Ihnen zum Dejeuner aufs Land zu fahren. Keine Angst, ich hole Sie mit meinem Schlitten ab! Vielleicht nicht gerade vor dem Kommissariat, ich hab was gegen Kommissariate, aber Ecke Rue Fontaine. Klappt das?«

Der arme Flötist würde wieder einmal umsonst warten.

»Sagen Sie Minard, ich hätte weggehen müssen. Ein dringender Fall. Ich sehe ihn heute abend oder morgen.«

Eine Viertelstunde später stieg er in den grauen Dion-Bouton. Dédé war allein.

»Haben Sie eine besondere Vorliebe? Mögen Sie gebackene Gründlinge? Aber erst halten wir ein Weilchen an der Forte Maillot und gießen uns eins hinter die Binde.«

Wenig später betraten sie eine Bar, wo Dédé eigenmächtig zwei große Absinth bestellte und dann das Wasser tropfenweise auf das Stüdr Zucker fallen ließ, das sich, auf dem gelochten Löffel schwankend, langsam auflöste.

Er war aufgekratzt, aber in seinen Augen lag eine Spur von Ernst. Er trug seinen karierten Anzug, dazu Schuhe, so gelb wie Gänsekacke und eine knallrote Krawatte.

»Noch einen? Nein? Wie Sie wollen. Heute hab ich keinen Grund, Sie abzufüllen.«

Wieder die Straße, die Ufer der Seine, Fischer mit Angelruten in ihren Kähnen, zuletzt ein kleiner Gasthof am Fluß, mit einer Gartenlaube.

»Was Kleines, Leckeres, Gustave! Wir fangen mit einer guten friture an, aber nur mit Gründlingen.«

Und zu Maigret:

»Für uns wirft er persönlich die Netze aus, damit sie ja lebend in die Pfanne kommen.«

Wieder zum Wirt:

»Was kannst du uns nachher bieten?«

»Wie wär’s mit einem Hähnchen in Rosé de Beaujolais?«

»Hähnchen in Rosé ist in Ordnung.«

Dédé benahm sich hier wie zu Hause. Er lungerte in der Küche umher, ging in den Keller, kam mit einer Flasche Loire-Weißwein wieder herauf.

»Das ist besser als alle Aperitifs der Welt. Und jetzt, bis die friture kommt, können Sie ruhig Ihre Pfeife stopfen. Hier können wir reden.«

Offenbar empfand er das Bedürfnis zu reden, denn er fuhr fort:

»Ich wollte Sie sehen, weil ich Sie eigentlich gut mag. Sie sind noch nicht so verdorben wie die meisten anderen Bullen.«

Auch Dédé war einer von denen, die die Wahrheit frisierten. Maigret war sich darüber klar. Leute von Dédés Sorte waren geborene Schwätzer, und das war es auch, was ihnen bisweilen zum Verhängnis wurde. Sie waren so eingebildet, daß es sie fortwährend drängte, von sich und ihren Taten zu reden.

»Wo ist Lucile?« fragte Maigret. Er hatte damit gerechnet, daß sie mit von der Partie sein würde.

»Ob Sie es glauben oder nicht, sie ist wirklich krank. Das Mädchen hat auf Bob gestanden, wissen Sie. Für ihn hätte sie sich durch den Fleischwolf drehen lassen. Es war ein Sch1ag für sie. Erst wollte sie die Rue Brey überhaupt nicht verlassen. Sie sagte, nur dort finde sie ihn wieder, auf Schritt und Tritt. Gestern habe ich sie überredet, aufs Land zu fahren. Hab sie selber hingebracht. Werde auch wieder hinfahren. Aber Schluß damit! Vielleicht sprechen wir später nochmal darüber.«

Er zündete sich eine Zigarette an, stieß den Rauch langsam durch die Nase aus. In den Gläsern funkelte der Wein, das junge Laub über ihren Köpfen bebte in der Brise, der Wirt stand in seinem Kahn und ließ den Blick prüfend über das Wasser gleiten, ehe er das Netz auswarf.

»Ich nehme an, Sie haben aus purer Neugier einen Blick in meine Akte geworfen. Dann wissen Sie auch, daß ich mich nie auf große Sachen eingelassen habe. Hie und da ein krummer Dreh, ja. Zweimal habe ich ein halbes Jahr lang gesessen. Und mir geschworen, daß es dabei bleibt.«

Er trank, wohl um sich noch besser in Schwung zu bringen.

»Haben Sie die Zeitungen gelesen?«

Maigret nickte.

»Wenn das keine Schlaumeier sind! Sie hätten Lucile sehen sollen. Kreidebleich ist sie geworden. Sie wollte unbedingt hingehen, ihnen die Hölle heiß machen. Ich hab sie beruhigt. Hab ihr zugeredet. ›Wozu?‹ hab ich gesagt.

Sie müssen aber zugeben, die haben ihn ganz schön durch den Dreck gezogen. Und wenn ich den Kerl mit der schniefen Nase, diesen Richard oder wie er heißt, eines Tages in die Finger bekomme, an einem Ort, wo kein Schroter hinkommt, dann schlage ich ihm garantiert die Fresse ein, Ehrenwort.

Er hat fünfzigtausend Mille ausgespuckt und hält sich für einen Schlaumeier. Unter uns gesagt, und obwohl Sie zur Schmiere gehören, kann ich Ihnen versichern, daß er nicht damit wegkommt. Früher oder später kommt der Tag, wo wir einander wieder treffen. Es gibt Schweinehunde und Schweinehunde. Die Gendreau-Sorte kann ich nicht riechen. Sie etwa?«

»Man hat mich die Untersuchung nicht fortsetzen lassen«, antwortete Maigret halblaut.

»Ich weiß. Ich weiß es nur zu gut.«

»Hat man Ihnen befohlen, zu schweigen?«

»Sie haben mir gesagt, ich brauche nur schlau zu sein, dann kriege ich meinen ›Paß‹.«

Mit anderen Worten, man würde ein Auge zudrücken, Dédés kleine Sünden geflissentlich übersehen, den Schlag auf den Kopf vergessen und nicht wissen wollen, woher die neunundvierzigtausend Francs stammten, die man in seiner Brieftasche gefunden hatte.

»Was mich total umgeschmissen hat, das ist der Trick mit dem Butler. Oder glauben Sie etwa an den Schwindel?«

»Nein.«

»Gottseidank. Sie wären nämlich in meiner Achtung gesunken. Der Fall ist klar. Wenn schon jemand geschossen haben muß, dann ist es eben besser, der Diener hat geschossen. Und Sie, was glauben Sie? Wer hat nun eigentlich das Schützenfest veranstaltet? Hier sind wir ja ganz unter uns, nicht wahr? Ich meine, wenn Sie etwa versuchen sollten, das, was ich Ihnen jetzt sage, für Ihre Zwecke auszuwerten, so werde ich hoch und heilig schwören, ich hätte den Mund nie aufgemacht. Ich behaupte, es war das Mädchen.«

»Ich auch.«

»Mit dem Unterschied, daß ich gute Gründe habe, es zu behaupten. Ich gehe noch weiter und sage, sie hat Bob aus Versehen umgelegt. Eigentlich wollte sie den Bruder erschießen. Weil die beiden sich so wenig ausstehen können, wie das nur in solchen Familien vorkommt.

Sie haben Bob nicht gekannt, und das ist ein Jammer. Er war ein Prachtkerl, der beste auf der Welt. Wie der sie alle fertigmachte! Nicht auf gemeine Art, wissen Sie. Es war keine Spur von Bosheit an ihm. Es war mehr. Er verachtete sie dermaßen, daß er sie nur noch lächerlich fand.

Als die Junge anfing, ihm schöne Augen zu machen …«

»Wann war das?«

»Im Herbst. Ich weiß nicht, wie sie ihm auf die Spur gekommen ist. Aber die halbe Welt wußte, daß man Bob gegen halb sechs, nach den Rennen, in einer bestimmten Bar an der Avenue de Wagram antreffen konnte.«

»Und sie ist hingegangen?«

»Und ob! Sogar ohne Schleier und alles. Sie erzählte ihm, wer sie sei, daß sie auf Schloß Anseval wohnte, daß sie sich für ihn interessierte, daß sie sich freuen würde, wenn er sie besuchte.«

»Hat er mit ihr geschlafen?«

»Klar, und wie! Er hat sie sogar in sein Hotel an der Rue Brey mitgenommen. Das kennen Sie ja. Er wollte sehen, wie weit sie gehen würde, verstehen Sie? Der Junge sah blendend aus. Und sie war nicht die Art Puppe, die in so ein Hotel geht, nur um Händchen zu halten.

Bei alledem nicht mehr Temperament als eine Betonmauer. Vor Lucile hatte er keine Geheimnisse. Wenn sie auf alle hätte eifersüchtig sein wollen, die durch seine Hände gingen …! Da kommt unsere friture. Sie werden mir gleich sagen, was Sie davon halten.«

Er konnte essen und reden zugleich und er tat sowohl das eine als das andere ohne Unterlaß, dieweil er ebenso pausenlos der zweiten Flasche zusprach, die man vor sie hingestellt hatte.

»Sie brauchen es nicht zu verstehen, also strengen Sie sich nicht an. Sogar Bob, der doch gerissener war als wir beide zusammen, und das ist jetzt nicht bös gemeint, hat ziemlich lange gebraucht, bis er aus dem Mädchen klug wurde. Was ihn am meisten wunderte, war, weshalb sie ihn unbedingt heiraten wollte.

Sie hat sich ihm auf dem Teller präsentiert. Inklusive daß er nicht zu arbeiten brauchte, daß er soundsoviel im Monat für seine kleinen Hobbies bekamen würde, und so weiter. Er ließ der Sache ihren Lauf. Er sagte sich, daß sie vermutlich scharf darauf war, Gräfin d’Anseval zu heißen. Das kommt vor. Es gibt Leute, die kaufen sich ein Schloß und dann kriegen sie auf einmal Lust, auch den Schloßnamen zu tragen und die Schloßahnen zu kaufen. So hat Bob es erklärt.«

Er schaute Maigret geradewegs in die Augen und endete, den Überraschungsefiekt im voraus auskostend, mit dern lapidaren Satz:

»Es war aber überhaupt nicht so.«

Er knabberte an den gebackenen Fischen, schaute von Zeit zu Zeit hinaus auf die Seine, wo Frachtkähne langsam vorüberfuhren und zu tuten begannen, wenn sie sich der Schleuse bis auf wenige hundert Meter genähert hatten.

»Suchen Sie nicht weiter. Sie finden die Antwort nicht. Bob ist die Spucke weggeblieben, als er die Wahrheit erfuhr, und er kannte die Familie in- und auswendig. Wissen Sie, von wem die Idee zu der Heirat stammte? Vom Alten!«

Seine Stimme triumphierte.

»Sie müssen zugeben, es hat sich bezahlt gemacht, daß Sie heute mit mir zum Mittagessen nach Bougival gefahren sind. Sie haben doch von dem alten Fossil gehört, der sein Haus und seine Gemälde dem Staat als Museum vermachen wollte? Wenn Sie jetzt etwas ganz Lustiges hören wollen, lassen Sie mich weitererzählen. Ich weiß natürlich nicht alles. Auch Bob wußte nicht alles. Aber eines ist sicher: Der alte Herr, der als Hausierer auf dem Land angefangen hat, träumte nur noch davon, Enkel von echt adeligem Geblüt zu haben.

Soll ich Ihnen sagen, was ich glaube? Für ihn war es eine Rache. Es heißt, die d’Ansevals seien ihm gegenüber nicht anständig gewesen. Sie hätten ihm das Schloß und die Pachthöfe verkauft, sie hätten sich diskret zurückgezogen, aber sie hätten ihn kein einziges Mal zum Diner oder auch nur zum Mittagessen einladen wollen.

Deshalb hat er in sein Testament ein paar Klauseln eingebaut, die hinterher die ganze Familie durcheinanderbrachten.

Seine Tochter lebte noch, als er starb, aber Leute mit so vielen Millionen, die planen auf weite Sicht.

Nach dem Tod der Tochter sollten die Aktien in zwei Teile geteilt werden. 51 Prozent für das kleine Fräulein, 49 Prozent für den Schiefnasigen. Man sagt mir, das sei sehr wichtig, es verschaffe dem Mädchen das Stimmenmehr, wie sie sagen.

Ich persönlich bin nicht sehr gebildet. Na ja. Das mit den Aktien sollte übrigens passieren, wenn sie einundzwanzig werden würde.«

»In einem Monat«, unterbrach ihn Maigret.

»Ich nehme noch eine Portion, und wenn für den coq au vin hinterher kein Platz mehr ist! Wo sind wir stehengeblieben? Ach ja! Es gab da noch einen kleinen Haken. Wenn die Kleine einen d’Anseval heiratete, würde sie sämtliche Aktien bekommen, unter der Bedingung, daß sie ihrem Bruder eine Rente in der Höhe seines Anteils ausrichtete.

Mit anderen Worten, er hätte dann mit den Balthazar-Cafés, dem Schloß und allem Drum und Drau nichts mehr zu tun gehabt. Die Familien Balthazar und Gendreau wären samt und sonders d’Ansevals geworden bis hinauf zu den Kreuzrittern.

Auf diesem Gebiet war Bob ein Fachmann, und Sie können sich nicht vorstellen, was für einen Spaß er an dem Vorschlag hatte.«

»Ist er darauf eingegangen?«

»Wofür halten Sie ihn?«

»Wie hat er die Wahrheit erfahren?«

»Durch den Bruder. Und jetzt werden Sie sehen, wie blödsinnig ein Mann seine Haut zu Markte tragen kann. Der Gendreau mit der schiefen Nase ist nämlich nicht auf den Kopf gefallen. Er hat keine Lust, in den Clubs herumzusitzen wie sein Vater und den Dämchen in der Rue de la Paix nachzulaufen. Er will auch der Chef sein.«

»Allmählich beginne ich zu begreifen.«

»Nein. Das ist unmöglich, wo sogar Bob nicht gleich kapiert hat. Er hat ihn zu sich in sein Büro bestellt. Bob sagt, das sei wie eine Sakristei, mit geschnitzten Holzwänden, gotischen Möbeln und einem Porträt des Alten, das vom Boden bis zur Decke reicht und auf dem er aussieht, als halte er jeden zum Narren.

Von der ganzen Familie ist dieser Alte derjenige, den ich eigentlich noch am ehesten verdauen könnte. Bob nannte ihn die bösartigste Kanaille, die ihm jemals begegnet sei. Eine Redensart. Der Alte war ja tot. Lassen wir das.

Da sitzt nun also der Bruder und deckt seine schmierigen Karten auf. Fragt, ob Bob entschlossen sei, seine Schwester zu heiraten. Bob antwortet, er denke nicht im Traum daran.

Der andere erklärt rundheraus, er sei ein Trottel, es wäre für alle Beteiligten ein gutes Geschäft.

Und weshalb wäre es ein gutes Gesdräft? Weil er, Richard Gendreau, dem Mann seiner Schwester eine schöne Stange Geld zustecken würde, soviel Geld, wie er nur wolle. Unter einer Bedingung: daß er mit seiner Schwester in der Welt herumgondelt, daß er dafür sorgt, daß sie sich amüsiert und jedes Interesse am Geschäft verliert.

Kapiert?

Bob erklärt, diese Rolle liege ihm nicht.

Darauf teilt ihm der schiefnasige Schweinehund klipp und klar mit, dann sei das eben sein Pech und könnte ihn teuer zu stehen kommen.

Wenn ich mir überlege, daß Sie mich einbuchten wollten, nur weil ich diesem Erzgauner fünfzig Mille abgenommen habe. Aber im nehm’s Ihnen nicht übel, Sie konnten ja nicht wissen.«

Sie saßen jetzt eingehüllt in den köstlichen Duft von gebratenem Hähnchen und Weinsauce. Dédé legte trotz seinen früher geäußerten Befürchtungen einen beachtlichen Appetit an den Tag.

»Probieren Sie diesen Beaujolais und dann geben Sie zu, daß es ein Jammer gewesen wäre, wenn Sie mich um solche Gaumenfreuden gebracht und statt dessen auf Knastdiät gesetzt hätten.

Wissen Sie, was für einen Trumpf er in der Hand hatte, der Lump? Daß Bob ein Prachtkerl war, habe ich Ihnen schon gesagt, aber ich habe nie behauptet, er sei ein kleiner Heiliger gewesen. Manchmal war er knapp bei Kasse; das kann jedem passieren. Aber er kannte seit seiner Kindheit eine Menge Leute, bessere Leute. Und da hat er eben bisweilen zum Spaß ihre Unterschriften nachgemacht, auf Wechseln und anderen Papierchen.

Es war weiter nicht schlimm. Das kann man schon daraus ersehen, daß die Betreffenden keine Anzeige erstatteten oder daß die Sache sich irgendwie einrenkte.

Aber weißt du was, mein lieber Jules? Der Lump hatte, Gott weiß wie, eine ganze Sammlung solcher Papierchen aufgekauft.

Wenn Sie meine Schwester nicht heiraten, lasse ich Sie verhaften. Und wenn Sie nach der Heirat nicht schnurgerade laufen, lasse ich Sie ebenfalls verhaften.

Ein Gauner. Ein noch größerer Gauner als der Alte!

Ich schwöre Ihnen, Bob hätte sich ohrfeigen können, weil er mit der Kleinen ins Bett gehüpft war und damit die ganze Sache ins Rollen gebracht hatte.

Was die Junge betrifft, die hatte es eilig. Sie wollte ihre Hochzeit sofort, noch ehe sie einundzwanzig wurde. Sie schickte ihm Rohrpostbriefe, Depeschen. Sie schickte ihm eine Einladung nach der anderen.

Er ging hin oder er ging nicht hin. Meist ging er nicht hin, und dann kam sie in die Rue Brey, um ihn abzufangen. Sie wartete an der Straßenecke, und es war ihr egal, wenn man sie für etwas anderes hielt.

Lucile hat sie gut gekannt.«

»Als Sie Bob in die Rue Chaptal fuhren, in der Nacht vom 15. auf…«

»Da wollte er mit ihr Schluß machen. Er wollte ihr die Wahrheit ins Gesicht sagen. Er wollte ihr sagen, er lasse sich nicht kaufen, nicht von ihr und nicht von ihrem Bruder.«

»Sagte er, Sie sollten auf ihn warten?«

»Nicht direkt, aber er meinte, es würde nicht lange dauern. Flügel oder Schenkel? Sie sollten nochmals von den Pilzen nehmen. Gustave sucht sie selber hier in der Gegend und legt sie ein.«

Maigret fühlte sich unendlich wohl. Das lag vielleicht am Beaujolais, zusammen mit dem vorher genossenen Weißwein.

»Sie fragen sich, weshalb ich Ihnen das alles erzähle, nein?«

»Nein.«

»Sie wissen weshalb?«

»Ja.«

Zumindest fühlte er es. Dédé hatte zuviel auf dem Herzen — oder auf der Patate, wie er es genannt hätte —, und wes Herz voll ist, dem läuft bekanntlich der Mund über. Hier riskierte er nicht. Überdies hatte er seinen »Paß«.

Gerade darauf aber war er nicht eben stolz. Mit diesem Mittagessen, diesem Dejeuner wollte er sein Gewissen entlasten. Es war auch ein Mittel, sich im Vergleich mit der schmutzigen Gesellschaft, die er eben beschrieben hatte, in ein besseres Licht zu setzen.

Noch lange danach würde Maigret an jenes Essen in Bougival zurückdenken, und vielleidat lag es an dieser Erinnerung, daß er sich später hütete, vorschnelle Urteile zu fällen.

»Was sich dort oben abgespielt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich hab keine Ahnung.«

Audi Maigret wußte es nicht, aber wenigstens ließen sich die Geschehnisse leichter rekonstruieren. Die Frage war nur, ob es nicht ungewöhnlich war, daß Richard Gendreau sich im Haus befand. Hätte er in jener Nacht nicht in seinem Club oder irgendwo anders sein sollen?

Vielleicht auch hatte der junge Graf ihn selber nach oben gerufen. Warum nicht? Es hätte zu Bobs Charakter gepaßt.

Es wäre ja möglich gewesen, daß Bob beiden zusammen seine Meinung sagen wollte, ihnen erklären wollte, was er von ihren Machenschaften hielt.

»Erstens heirate ich nicht.«

Maigret hatte ihn nie gesehen, aber er begann sich von seinem Wesen und sogar von seinem Äußeren ein Bild zu machen.

»Zweitens bin ich keineswegs darauf erpicht, einen Namen zu verkaufen, den ich selber nicht trage, weil es nicht lohnt.«

Womit er sagen wollte, daß er zwar für gewisse Leute aus der Umgebung der Place des Ternes und der Rennplätze »der Graf« war, daß jedoch die meisten seiner Bekannten dachten, es sei ein Spitzname, und von seinem wirklichen Namen keine Ahnung hatten.

Waren Lise Gendreau in jener Nacht die Nerven durchgegangen? Sprach sie von ihrer Ehre? Geriet der Bruder in Wut?

»Und Sie, halten Sie gefälligst die Klappe! Ich werde Ihrer Schwester jetzt mal von dem kleinen Geschäft erzählen, das Sie sich ausgedacht haben.«

Ob ihm genügend Zeit dazu blieb? Oder war der andere sogleich auf ihn losgegangen?

Hunderttausende von Franzosen tranken Balthazar-Kaffee, klebten wie Madame Maigret die Bilder mit allen Blumensorten drauf in Alben und ahnten nicht, daß ihr Morgenkaffee der Einsatz war, um den in einem Zimmer an der Rue Chaptal so erbittert gekämpft wurde.

Ein wüster Kampf, viel Lärm, ein Butler, der hinter der Tür stand und alles mitanhörte.

Die beiden jungen Männer mußten miteinander gerungen haben, vielleicht sogar auf dem Fußboden.

War Richard Gendreau bewaffnet? Bestimmt gehörte er zu der Sorte Männer, die hinterlistige Mittel gebrauchen.

»Ich behaupte, es war die Junge, die geschossen hat. Sicher nicht in böser Absicht. Sie war schlicht und einfach durchgedreht. Warum sonst hätte sie das Fenster aufgerissen und um Hilfe gerufen, was sie hinterher sicher bereut hat? Vielleicht auch stand das Fenster schon offen. Ehrlich gesagt, ich habe nicht nach oben geschaut.

Sehen Sie, ich frage mich, ob sie am Ende nicht darin noch in Bob verknallt war. Sowas kommt vor. Angefangen hat es mit Geschäftsinteressen. Dann hat es sie erwischt. Nicht in Sachen Bett, das habe ich Ihnen schon gesagt, daß sie aus Holz ist. Aber er war eben ganz anders als alle die Eisheiligen, mit denen sie für gewöhnlich verkehrte …

Ich sehe es so: Als sie merkte, daß Bob nicht mehr hochkam oder daß ihr Bruder ihn auf hinterhältige Art fertigmachen wollte, verlor sie den Kopf. Sie drückte ab. Ihr Pech, daß sie nicht zielen kann. Der Schuß traf Bob. Mitten ins Herz. Wie wär’s mit einer neuen Flasche? Dieses Weinchen! Von wegen giftig! Nicht die Spur! So, alter Jules, das wär’s!

Als ich den Burschen sah, der an die Tür polterte und partout hinein wollte, hab ich mich dünngemacht, dann bin ich zurückgekommen, aber es gab nichts mehr zu sehen. Da bin ich lieber verduftet.

Wir haben uns alles überlegt, Lucile und ich. Wir haben gehofft, daß Bob doch noch zurückkommt oder daß es heißt, sie hätten ihn ins Krankenhaus gebracht.

Schließlich bin ich zum jungen Gendreau ins Büro gegangen. Deshalb weiß ich, wie der Alte auf dem Bild aussieht.

Wäre es denn besser gewesen, wenn keiner von der Sache profitiert hätte?

Er hat die fünfzig Mille sozusagen sofort ausgespuckt, so schnell, daß es mir richtiggehend leid tat, daß ich nicht von Anfang an hunderttausend gesagt hatte.

Das sind mir Schweinehunde!

Sie sind genau im richtigm Augenblick aufgetaucht. Wir wollten gerade türmen. Wir waren Idioten, daß wir uns schnappen ließen, geben Sie’s zu.

Auf Ihr Wohl, alter Freund!

Die haben natürlich das ganze Ding vertuscht, wie man es so macht in ihren Kreisen. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Trotzdem wird mir jedesmal kotzübel, wenn ich auf der Straße einen ihrer Lieferwagen sehe, mit den gestriegelten Pferden und dem geschniegelten Kutscher auf dem Bock.

Gustave! Zwei Kaffees, aber kein Balthazar!«

Wider Willen trank er Balthazar, weil es im Haus keinen anderen gab.

»Verfluchte Scheiße!« stieß er hervor. »Ein Glück, daß wir aufs Land ziehen können.«

»Mit Lucile?«

»Sie hat nicht nein gesagt. Wir haben fünfzigtausend Piepen, oder fast. Ich hab schon immer von einem kleinen Bistro am Wasser geträumt, so wie das hier, mit Gästen, die ich mag. Es wird nicht leicht zu finden sein, weil es nicht allzu weit von einem Rennplatz entfernt sein sollte. Morgen sehe ich mich mal in der Gegend von Maisons-Laffitte um. Dort irgendwo habe ich Lucile untergebracht.«

Er blickte etwas verlegen drein und fügte eilig hinzu: »Deswegen brauchen Sie uns noch lange nicht für Tugendbolde zu halten!«

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Eine Woche verging. Jeden Morgen wurde Maigret durch ein Klingelzeichen ins Büro des Kommissars gerufen, und jeden Morgen legte er seinem Chef die Tagesrapporte vor. Jeden Morgen auch schien Le Bret etwas sagen zu wollen, dann wandte er den Kopf ab.

Sie wechselten kein Wort miteinander, außer über dienstliche Angelegenheiten. Maigret war ernster als früher, scheinbar massiver auch, obwohl er noch nicht Fett angesetzt hatte. Er nahm sich nicht die Mühe zu lächeln. Und er wußte ganz genau, daß er für Le Bret gleichsam ein lebendiger Vorwurf war.

»Sagen Sie mir, mein Lieber…«

Das war Anfang Mai.

»Wann steigen Sie in die Prüfungen?«

Das berühmte Handbuch, das er in jener Nacht studiert hatte, als der Flötist in sein Büro und damit in sein Leben eingedrungen war …

»Nächste Woche.«

»Glauben Sie, daß Sie es schaffen?«

»Ich denke schon.«

Er blieb ungerührt, fast kalt.

»Guichard hat mir gesagt, daß es schon immer Ihr Wunsch war, am Quai des Orfévres zu arbeiten.«

»Stimmt.«

»Und jetzt? Möchten Sie nicht mehr an den Quai?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich finde, Sie wären dort besser am Platz, und ich habe die Absicht, mich in diesem Sinn für Sie zu verwenden, obschon Sie hier wertvolle Dienste leisten.«

Maigret, die Kehle wie zugesdmürt, sagte kein Wort. Er grollte. Im Grunde war er immer noch wütend auf alle, auf seinen Kommissar, auf die Gendreaus, auf die Leute von der Sûreté, vielleicht sogar auf Guichard, den er doch beinahe so hoch verehrte wie seinen eigenen Vater.

Und doch, wenn Guichard …

Sie hatten eben doch recht gehabt, zwangsläufig, darüber war er sich jetzt mehr oder weniger klar. Ein Skandal hätte niemandem gedient. Und Lise Gendreau wäre so oder so freigesprochen werden.

Also?

Grollte er etwa dem Leben selbst, und war es etwa nicht sein Fehler, wenn er das Leben nicht begreifen konnte?

Er dachte nicht daran, sich kaufen zu lassen. Er weigerte sich, dem Herrn Kommissar Le Bret auch nur das geringste zu schulden.

»Ich kann warten, bis ich ordnungsgemäß versetzt werde«, brachte er endlich hervor.

Schon am folgenden Tag wurde er an den Quai gerufen.

Der Große Mann legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Immer noch böse?«

Er konnte sich nicht länger beherrschen. Zornig, wie ein kleiner Junge, stieß er hervor:

»Es ist Lise Gendreau, die Bob erschossen hat.«

»Wahrscheinlich.«

»Sie wußten es?«

»Ich ahnte es. Wäre es ihr Bruder gewesen, so hätte Louis sich nicht geopfert.«

Die Fenster standen offen. Unten floß die Seine vorbei. Schlepper, die einen Rosenkranz aus Frachtkähnen hinter sich herzogen, ließen ihre Sirenen ertönen und zogen ihren Schornstein ein, ehe sie unter der Brücke durchfuhren. Straßenbahnen, Omnibusse, Droschken, Taxis rollten unaufhörlich über den Pont Saint-Michel, und die hellen Kleider der Frauen bildeten fröhliche Farbtupfer im Straßenbild.

»Nehmen Sie Platz, mein Junge.«

Die Lektion, die er an diesem Tag in väterlichem Ton erteilt bekam, war in keinem polizeiwissenschaftlichen Handbuch zu finden.

»Verstehen Sie? So wenig Schaden wie möglich anrichten. Was hätte es genützt?«

»Es hätte der Wahrheit genützt.«

»Welcher Wahrheit?«

Der Große Mann schloß mit den Worten:

»Sie können Ihre Pfeife wieder anzünden. Am Montag treten Sie als Inspektor in die Brigade des Kommissars Barodet ein.«

An jenem Morgen konnte Maigret nicht wissen, daß er eines Tages, zweiundzwanzig Jahre später, Lise Gendreau wiederbegegnen würde, und daß sie dann einen anderen Namen tragen würde, einen adeligen italienischen Namen, den Namen ihres Gatten.

Und auch nicht, daß sie ihn im unveränderten Büro der Kaffeefirma Balthazar empfangen würde, das er nur dank einem gewissen Dédé kannte und wo er endlich mit dem Porträt des Alten, das immer noch an seinem Platz hing, Bekanntschaft machen sollte.

»Herr Kommissar…«

Der Kommissar, das war er, Maigret.

»Ich glaube, es erübrigt sich, Sie um äußerste Diskretion zu bitten…«

Die Sûrete hieß nicht mehr so, sie wurde jetzt Kriminalpolizei genannt.

Und es sollte sich um etwas handeln, das in der Amtssprache mit »Nachforschungen im Interesse der Familie« bezeichnet wurde.

»Leider hat meine Tochter den Charakter ihres Vaters geerbt…«

Sie selbst war sehr beherrscht und kalt wie der alte Balthazar, dessen Bildnis hinter ihrem Sessel aufragte.

»Sie hat sich von einem skrupellosen Individuum nach England entführen lassen, wo er sich eine Heiratslizenz verschafft hat. Sie darf auf keinen Fall«

Nein, an jenem Morgen wußte er noch nicht, daß er eines Tages zum zweitenmal die Ehre der Familie Balthazar zu beschützen haben würde.

Er war sechsundzwanzig Jahre alt. Er hatte es eilig, nach Hause zu gehen und seiner Frau die Neuigkeit zu verkünden:

»Ich trete in die Chefbrigade ein!«

Aber er ging nicht gleich nach Hause. Auf der Straße erwartete ihn Justin Minard.

»Schlechte Nachrichten?«

»Gute Nachrichten. Ich bin befördert werden.«

Der Flötist gebärdete sich freudiger als Maigret.

»Sie verlassen also das Kommissariat?«

»Schon morgen.«

»Trinken wir eins darauf?«

Brasserie Dauphine, zwei Schritte vom Quai entfernt. Inspektoren vom »Bau« sitzen vor ihren Biergläsern. Keiner kümmert sich um die beiden Männer, die sich mit Schaumwein zuprosten und glückliche Gesichter machen.

Noch ein paar Tage, und die Inspektoren werden zumindest einen der beiden kennen. Maigret wird zu ihnen gehören. Er wird hier hereinkommen, als sei er hier zu Hause, und der Kellner wird ihn beim Namen nennen und wissen, was er ihm bringen soll.

Als er an jenem Abend nach Hause kam, war er betrunken. Zehnmal hatten sie einander von einer Straßenecke zur anderen begleitet, der Flötist und er.

»Was wird deine Frau sagen?« hatte Maigret gesagt.

»Spielt keine Rolle.«

»Mußt du nicht zu deiner Tanzkapelle?«

»Was für eine Kapelle?«

Er machte Lärm im Treppenhaus. Unter der Wohnungstür verkündete er feierlich:

»Du kannst einen neuen Inspektor der Chefbrigade begrüßen!«

»Und dein Hut?«

Er langte sich an den Kopf, stellte fest, daß er seinen Hut irgendwo verloren hatte.

»So sind die Frauen! Aber jetzt hör zu, hör gut zu, denn es ist sehr wichtig… Sehr wichtig, hörst du? … Es war nicht der Kommissar … Sie hatten mich im Auge, die ganze Zeit, und ich hatte keine Ahnung … Weißt du, wer es mir gesagt hat? … Der Große Chef … Er hat mir gesagt … Ich kann nicht alles wiederholen, was er gesagt hat, aber der Chef, das ist ein Vater … Das ist ein Vater, verstehst du …«

Worauf sie ihm seine Pantoffeln brachte und einen starken Kaffee kochte.

Oktober 1948

1Deutsch von Roswitha Plancherel-Walter (1978)