Geschichten, Geister und Gerüchte – ein Nachwort
Die Newamündung im Sommer 1706: Tausende von Leibeigenen rammen Eichenpfähle in den Boden, schaufeln mit bloßen Händen Erde in Säcke oder oft auch nur in Rockschöße und Jacken und schütten das sumpfige Erdreich auf. Man hat bereits damit begonnen, die Erdwälle der Peter-und-Paul-Festung auf der Haseninsel durch Steinmauern zu ersetzen. Noch gleicht die Stadt, die hier den Sümpfen abgetrotzt wird, an vielen Stellen einer schlammigen Barackensiedlung. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, die Arbeiter, die aus allen Teilen des Zarenreiches zur Fronarbeit rekrutiert wurden, leiden unter den Mücken und Krankheiten, den Winterstürmen und der Nahrungsknappheit. Viele von ihnen kommen zu Tode. Erst wenige Jahre zuvor war die schwedische Festung Nyenschanz, die an diesem Ort gestanden hatte, gefallen; nach wie vor tobt der Nordische Krieg gegen Schweden unter Karl XII. Endgültig gesichert ist die Stadt, deren Grundstein (wahrscheinlich war es eher eine Torfsode) im Mai 1703 gelegt wurde, noch lange nicht. Manchmal hören die Arbeiter an Land sogar die Geschützfeuer der Seeschlachten.
Den Entschluss, mitten in diesem sumpfigen Ufergebiet der Newamündung eine große Stadt buchstäblich aus dem Boden zu stampfen, fasste einer der größten russischen Herrscher: Zar Peter I. auch Peter der Große genannt. Eine Festungsstadt sollte Sankt Petersburg werden, mit einer gewaltigen Werft und einem Hafen, der einen direkten Zugang zur Ostsee bot. Peters Bestrebungen gingen dahin, das Russische Reich zu einer großen Seemacht zu machen. Bisher hatte das Land nur über einen einzigen Meerhafen verfügt – Archangelsk an der Weißmeerküste. Nach Peters Vorstellungen nahm die am Reißbrett entworfene Stadt Formen an. Häuser und Paläste aus Stein statt – wie in Moskau – aus Holz sollten es sein, Kanäle wie in Amsterdam und Venedig, prächtige Gärten und steinerne Prachtstraßen. Um diese Vision zu verwirklichen warb Peter unzählige Architekten, Wasserwerker, Kanalbauer und Zimmerleute aus Deutschland, Holland, Frankreich, Italien und anderen Ländern an. Manche kamen aus dem Ausland, viele aber auch aus Moskau, aus der »Nemezkaja Sloboda« (»Deutsche Vorstadt«), wo Einwanderer aus den verschiedensten Ländern lebten, von der einheimischen Bevölkerung mit Argwohn betrachtet und nicht selten als »Ketzer« beschimpft.
Wenige Jahre später war die Stadt aus dem Sumpf Wirklichkeit geworden und wurde sogar zur neuen Hauptstadt des russischen Zarenreiches bestimmt – eine Idee, die Zar Peter vermutlich erst während der Bauphase gekommen war. Heute wird Sankt Petersburg auch als »Peters Tor zum Westen« oder »Tor zu Europa« bezeichnet. Die Stadt zu besiedeln stellte das geringste Problem dar – Peter befahl den Adligen, Bürgern, Arbeitern sich dort anzusiedeln und ihr Baumaterial gleich mitzubringen.
Manche Historiker sind der Ansicht, die Bezeichnung »groß« würde nur für Zar Peters Körpergröße zutreffen (Peter maß mehr als zwei Meter) und der Beiname »Der Schreckliche« würde viel besser zu ihm passen. Mit eiserner Hand ordnete er sein Reich neu, schaffte eine Verwaltung nach westeuropäischem Muster, baute eine straff organisierte Armee auf, kümmerte sich um Industrie und Medizin. Er sprach Deutsch und Holländisch und liebte es, sich in der »Ausländervorstadt« in Moskau aufzuhalten. Seinen Charakter umschrieb ein Historiker mit dem Begriff »barbarische Brutalität«. Zweifellos war Peter eine schillernde und ambivalente Persönlichkeit, manchmal sanft und großzügig, oft unberechenbar, aufbrausend und grausam.
Kein Wunder, dass sich viele Geschichten um ihn und seine neue Stadt ranken. Sankt Petersburg sei, so lautet ein oft zitierter Satz, auf den Knochen unzähliger Fronarbeiter erbaut. In manchen Quellen wird von Zehntausenden oder gar Hunderttausenden von Toten gesprochen. Wie bei vielen Legenden hält sich die tatsächliche Zahl der Todesopfer vermutlich in einem gemäßigteren Bereich der Skala auf. So sagt zumindest der Sankt-Petersburg-Kenner Nikolai von Michalewsky, den viele besser als den Science-Fiction-Autor Mark Brandis kennen. An seine Zahlen und Fakten habe ich mich hier gehalten.
Sehr spannend war es, in einem alten »Tagebuch einer Reise nach Russland« zu lesen, das der Gesandte Johann Georg Korb Ende des 17. Jahrhunderts verfasst hat. Die Schilderungen der Bräuche, der Lebensart in der Deutschen Vorstadt in Moskau und auch die Beschreibung des Zaren gründet auf Korbs Schilderungen – ebenso die Wiedergabe des »Blutgerichts«, das Zar Peter über die Strelizen hielt. Im Buch »Ärzte im Russland des 18. Jahrhunderts« fand ich das Vorbild für den Medicus Dr. Thomas Rosentrost, der im Roman eine wichtige Rolle spielt. Im wirklichen Leben hieß dieser Arzt Laurentius Blumentrost d. J. und verwaltete unter anderem Zar Peters »Kunstkammer«.
Apropos Zeit: Die Geschichte spielt zwar im Jahr 1706, ich habe aber hier und da gemogelt und bestimmte Ereignisse bei Bedarf ein bisschen vorverlegt, damit sie besser zur Romanhandlung passen. Einige Beispiele: Das Newator an der Peter-Paul-Festung wurde erst in späteren Jahren gebaut, Zar Peters »Monster-Erlasse« stammen ebenfalls aus späterer Zeit. Bei der Stadtplanung habe ich mich an einen Plan von 1712 gehalten, der vorsah, die Wassilijewskij-Insel zum Zentrum der neuen Stadt zu machen. Ein Vorhaben, das sich aus logistischen Gründen nicht verwirklichen ließ. Für eine wirklich realistische Darstellung der Arbeiten im sumpfigen Gelände hätte zudem eine Beschreibung der unglaublichen Stechmückenplage nicht fehlen dürfen. Buschwerk und Bäume entlang des Ufers finden sich zwar auf einigen alten Kupferstichen, als Sichtschutz habe ich sie jedoch etwas größer gemacht, hier und da ein »Wäldchen« hinzugefügt und das Ganze näher am Ufer wachsen lassen. Das Städtchen Jesengorod dagegen ist völlig frei erfunden und steht an einem für damalige Verhältnisse wirklich unrealistischen Ort. An dieser Stelle hätte es zu jener Zeit, als einige Gebiete des heutigen Russlands noch zu Schweden gehörten, sicher keine altrussische Stadt gegeben. Dafür zeigt das fiktive Jesengorod aber ein paar authentische bauliche Besonderheiten aus dem Moskau jener Zeit. Anachronistisch ist der im Mittelalter verwendete Kienspanhalter, auch »Maulaffe« genannt, aber auf dem Tisch in Karpakows Kammer macht er sich einfach gut. Unwahrscheinlich ist natürlich, dass der große Architekt Domenico Trezzini zu einem kleinen Handwerker in die Werkstatt kommt, unwahrscheinlich sind auch viele andere Szenen und Situationen, aber historische Märchen blühen eben nicht ausschließlich auf dem harten Boden der Rechercherealität. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Fakten und Fantastik so geschickt zu vermischen, wie es in den russischen Märchen der Fall ist. Denn da heißt es am Ende ja auch so schön traumtänzerisch und doch realistisch: »Und sie lebten glücklich und häuften Güter an.« Womit wir schon beim märchenhaften Teil der Geschichte wären! Ob es »Leschij« ist, der Geist des Waldes, oder »Bannik«, der Geist des Bades – im russischen Sagen- und Märchenschatz wimmelt es von übernatürlichen Gestalten. Angeblich gibt es in Russland noch heute den Brauch, beim Umzug in ein neues Haus als ersten Bewohner eine Katze über die Schwelle zu schicken. Das, so sagt man, stimme den Hausgeist »Domowoj« gnädig. Mitten unter diesen sagenhaften Gestalten tummelt sich auch ein ganz besonderer Elementargeist, die slawische Variante der Melusine, Nixe oder Undine – die »Russalka«.
Nicht nur die russischen Dichter Alexander Puschkin und Michail Lermontow haben sie besungen, sie ist auf Opernbühnen zu Hause, treibt in den Märchenbüchern ihr Unwesen und tritt heute – so habe ich mir sagen lassen -oft auf Spielplätzen in Erscheinung. Als klassische Seejungfrau mit einem Fischschwanz wacht sie hier über die Kinder. Und wenn man in den prächtigen Palastgärten in Sankt Petersburg genau hinschaut, findet man so manche Russalka als Figur auf diesem oder jenen Springbrunnen.
Beschrieben wird die Russalka seit jeher auf ganz unterschiedliche Weise. Oft ist sie eine Nixe mit Fischleib, manchmal auch eine schöne Frau, die nach Sonnenuntergang am Flussufer oder auf Friedhöfen auftaucht. Mit wehendem Haar tanzt sie in den Sommernächten im Mondschein auf den Wiesen und macht die Erde fruchtbar. In manchen Geschichten heißt es, eine Russalka sei der Geist eines ertrunkenen Mädchens, der in Weihern wohne und die Menschen zu sich in das nasse Grab locke. Früher feierte man in den ersten Sommerwochen ein »Russalnaja«-Fest und zelebrierte dabei spezielle Beerdigungsrituale, die die Nixe fern halten sollten.
Geht man davon aus, dass sich in den meisten Sagen und Märchen möglicherweise auch ein Körnchen Wahrheit verbirgt, ist das Gedankenspiel »Und wenn es sie wirklich gegeben hätte?« besonders interessant. Ich habe den Nixen ein Heim in der Newa gegeben und ein Leben ohne Herzschlag, das bedroht ist, als ein mächtiger Zar beschließt, mitten in ihrem Lebensraum seine neue Festungsstadt zu errichten.
Ganz herzlich bedanken möchte ich mich in Sachen Recherche-Unterstützung bei meiner ehemaligen Dozentin Dr. Dorothea König und bei Dr. Jörg Ennen von der Landesbibliothek Baden-Württemberg. Herr Ennen drang tapfer in die tiefsten Tiefen geheimnisvoller Magazine vor, beförderte Informationen zur russisch-deutschen Medizingeschichte ans Tageslicht und spürte dabei auch Kleinode wie das Buch »Blutegel-Therapie im 17. und 18. Jahrhundert« auf. Heroische Recherchetaten verdanke ich zudem Oskar Geppert, den ich mit meinem ersten Roman »Im Bann des Fluchträgers« zum Glück als Fan gewinnen konnte. Zufällig ist er geschäftlich häufig im Sankt Petersburg der heutigen Zeit unterwegs. Und ein nixenhaft inniges Dankeschön natürlich auch an die russisch-deutschen Testleser!