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Juniper trat lautlos ein. Mit gesenktem Kopf, wie es ihr gesagt worden war. In dieser polierten Pracht wirkte sie in ihren Fischerhosen und ihrer Jacke mit den unzähligen Taschen wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Einer raueren, schöneren Welt, dachte ich. Voller Gefahren, Ungewissheit, Weinen und Lachen.

Der Mégan kam ohne Umschweife zur Sache. »Los, dein Angebot!«

Ich zuckte innerlich zusammen. Noch nie war mir so klar vor Augen geführt worden, dass die hochwohlgeborenen Méganes die rohe Sprache von Seelenhändlern sprachen. Für Juniper mussten die beiden dagegen wie würdevolle, strahlende Dämonenherrscher wirken. Als sie aufblickte, riss sie die Augen auf. Und das war nicht nur Schauspielerei. »Höchste Herren«, hauchte sie und fiel auf die Knie. Und zu mir sagte sie unterwürfig: »Herrin!«

Auf mein Zeichen hin rollte sie die Haihaut auf dem Boden aus. Weißer Glanz funkelte auf. Fisch- und Meeresgeruch überlagerte sogar die Lilien und brachte mir in einem Atemzug alles zurück: das Rauschen des schwarzen Wassers, Amads Umarmung, die Haut seines Halses an meiner Stirn, als ich mich an ihn schmiegte. Und seinen Duft.

»Diese Ware ist fünfundzwanzigtausend Magamar wert«, sagte ich mit belegter Stimme. »Mindestens. Für eine Gabe ein guter Preis.«

Der Mégan kniff die Augen zusammen. »Und das Mädchen ist Haijägerin, sagst du. Du glaubst wirklich, sie kann mit einer so mächtigen Gabe umgehen?«

Heuchler, dachte ich, du hast es im Bericht doch gelesen, dass sie Haie jagt, dein Falke saß auf unserem Boot.

»Sie ist die beste Jägerin, die ich finden konnte, Höchster Vater. Und die würdigste für ein Talent von solcher Größe.«

»Du verlässt dich also auf sie?«

Ich lächelte ihm wissend zu. »So wie Ihr Euch auf Eure Garde.« Damit war es mir gelungen, ihn zu amüsieren. Er nickte mir anerkennend zu.

Das Flirren zwischen den beiden Herrschern war spürbar wie Hitzewellen in der Luft, eine stumme Zwiesprache im geschlossenen Kreis der Zweiheit. Dann nahm der Mégan den Dolch und warf ihn mir mit einer fast verächtlichen Geste zu. Ich schnappte ihn sicher am Griff aus der Luft.

»Die Gabe des Eroberers«, sagten die beiden Méganes wie aus einem Mund in perfektem Gleichklang. »Sieben Monate und keinen Tag länger.«

Ich stutzte. So einfach? »Danke, Höchste Eltern!«

»Danke, Höchste Herren von Ghan!« Juniper verbeugte sich, bis ihre Stirn fast den Boden berührte. Aber von der Seite blitzte sie mir einen triumphierenden Blick zu. Es funktioniert!

Ich war vorsichtiger. Und im selben Moment, als Trinn »Wachen!« flüsterte, wusste ich, dass wir noch lange nicht gewonnen hatten. Juniper wollte aufstehen, aber ich gebot ihr, auf den Knien zu bleiben. Es kostete mich viel, ruhig zu sein, während zwei Soldaten am Hufeisentisch auf mich zugingen und auf halber Höhe zwischen uns und den Mégan stehen blieben.

»Die Gefängnisgarde wird dich nun zu Tian bringen«, sagte die Mégana. »Aber vorher brauchen wir noch einen letzten kleinen Beweis deiner absoluten Vertrauenswürdigkeit.«

In aller Ruhe entsicherten die Soldaten ihre Gewehre und zielten … auf meine Knie. Mir wurde siedend heiß.

»Sie haben gelogen«, zischte Wahida.

»Ruhig bleiben«, murmelte Meon.

Ich hob das Kinn und umschloss den Dolch fest mit der Hand. Am Hals des Mégan sah ich eine Ader pochen. Als könnte er meine Gedanken lesen, lächelte er wie eine Raubkatze, die ihre Krallen an der Kehle der Beute hat.

»Wir haben natürlich nicht vor, einer unserer geliebten Töchter wehzutun«, sagte die Mégana sanft. »Aber du musst uns verstehen. Du warst weit fort von Ghan und seinen Gesetzen. Da müssen wir doch prüfen, ob du uns immer noch so treu bist, wie es ein so wichtiger Auftrag verlangt.«

»Und wozu die Gabe an eine Fischerin verschwenden, wenn wir sie einem unserer loyalsten Kommandanten geben können«, ergänzte der Mégan. »Er wird dir eine fähigere Begleitung sein.« Mit einem Kinnrucken deutete er auf Juniper. Der Auftrag an mich war klar. Töte sie mit dem Dolch.

Ich schluckte. Verdammt, wo sind die Wächterschatten?

Natürlich hatte auch Juniper verstanden. Sie hob den Kopf und starrte mich an. Ihre Augen waren grauer, harter Kristall.

»Du zögerst?«, sagte die Mégana.

Juniper reagierte schneller als ich. In einer Sekunde verwandelte sie sich in eine Person, die sie nicht war. »Bitte, Herrin, nicht!«, flehte sie mich an. »Tut mir nichts an! Ihr habt mir doch versprochen …« Sie krümmte sich zusammen und kroch auf allen vieren im Bogen von mir weg. Ihre Hand kam auf dem Rand der Haihaut zu liegen. Die Haut!

Als Junipers Finger sich in den Rand krallten, erkannte ich, dass zwei Menschen auch ohne eine Zweiheit zu sein exakt denselben Gedanken haben konnten.

Ich drehte den Dolch mit einem Schnappen meines Handgelenks so um, dass ich von oben auf sie herunterstoßen konnte, dann stürzte ich zu ihr, kam neben ihr auf die Knie, packte ihr Haar und bog ihren Kopf zurück.

Unser Kampf war wie ein eingespieltes Theaterstück. Ihr panischer Aufschrei, ihre Hand, die meinen Dolcharm packte. Wir rangen, dann keuchte ich auf, als es ihr mit scheinbar viel Kraft gelang, meine Hand mit dem Dolch herunter auf den Boden zu drücken – am Rand der Haihaut. Ich ließ die Waffe los und packte zu. Die Mégana begriff schneller als ihr Mann. Ihre Stimme gellte schrill im Raum. »Erschießt die Barbarin, setzt die Gefangene außer Gefecht!«

Wir rissen die Haut hoch, ein funkelnder Schild zwischen uns und den Soldaten, sprangen auf und rannten los. Die Lichter verließen mich schon beim ersten Schritt. Die Wucht der zwei Geschosse bremste uns wie ein Schlag und brachte mich zum Stolpern, aber die Schüsse prallten an der Haihaut ab. Der Mégan bellte einen Befehl. Rechts von mir tauchte ein Soldat auf. Und direkt hinter ihm schnippte Meon aus der Unsichtbarkeit. Dann verschmolz die Zeit zu einem Tanz aus schwarzen Klingen, Gebrüll und Schüssen. Juniper und ich duckten uns, die schützende Haut über uns gebreitet.

Juniper zog das Gewehr eines Soldaten zu sich und lud es neu durch.

Doch schon war der Spuk vorbei, die Stille, die folgte, ohrenbetäubend.

»Sie sind geflohen!«, sagte Trinn atemlos. »Hinter dem Altar mit den Kerzen ist ein Durchgang.«

In der Ferne erklang ein Alarmsignal. Juniper warf die Haut ab und sprang auf. Der Raum war ein Schlachtfeld. Fünf Soldaten lagen auf dem Boden, kriechendes Rot spiegelte das Licht. Der Stuhl der Mégana war umgefallen – und die Herrscher waren verschwunden. »Was für eine Albtraumstadt«, stieß Juniper hervor. »Und du wolltest wieder so sein wie diese Henker?«

Wahida kam aus der Tür, die in den Gefängnistrakt führte. Offenbar war sie auf einer eigenen Mission unterwegs gewesen. Blut tropfte von ihrem Sichelschwert, in der Linken hielt sie den Revolver einer Wache, am Gürtel steckte eine weitere Beutewaffe. Mein mathematisches Mädchen verließ sich nie auf die Wahrscheinlichkeit, mit nur einer Waffe einen Kampf zu gewinnen. Sie lauschte auf die Schritte, die sich vor der Haupttür näherten. »In vierzehn Sekunden haben wir den Rest der Wache am Hals.«

Ich packte den Dolch. »Amad rechnet damit, dass wir den Méganes folgen. Aber wir gehen in den Gefängnistrakt! Wir müssen Tian finden, er kennt die geheimen Wege der Stadt.«

»Gavran kennt sie«, korrigierte mich Kallas. Dann streckte sie mir die Hand hin und zog mich hoch.

Wir verbarrikadierten die Tür hinter uns mit den Stühlen aus dem Herrschersaal. Wahida hatte ganze Arbeit geleistet. Kein Wärter stellte sich uns in den Weg, weder auf der Treppe noch unten, wo sich das Gefängnis in vier Gänge teilte. Grünliches Kaltlicht flackerte in nackten Birnen. Nur wenige blasse Gesichter hinter dickem Panzerglas wandten sich uns zu. Die Zellen waren winzig. In graue Kleidung gehüllt kauerten die Gefangenen auf nacktem Betonboden. »Hier vorne ist er nicht«, stellte Trinn fest. Wir schwärmten in die Gänge aus. Ich stürzte in den vierten Gang und atmete auf. Kurz geschorenes Kupferhaar. »Tian!« Er lag mit dem Rücken zu mir. Ich trommelte mit den Fäusten gegen die Scheibe, aber er rührte sich nicht.

Wahida schlug mit dem Ellenbogen einen Schalter neben der Scheibe ein. Es knackte, dann umwallte mich plötzlich Atem und Husten aus allen belegten Zellen. »Gegensprechanlage«, erklärte sie.

»Tian!«, wiederholte ich. Aber dann wurde mir bewusst, dass mich meine Hoffnung ein zweites Mal in die Irre geführt hatte. »Jenn?« Der Junge aus dem vierten Ring, der in der Brautnacht Tians Rolle gespielt hatte, richtete sich mühsam auf und wandte sich zu mir um. Man hatte ihm das Haar abgeschnitten. Obwohl meine Lichter mir keinen Glanz mehr liehen, erkannte er mich sofort. Angst huschte über sein zerschundenes Gesicht. Aber als er die anderen sah, die eindeutig keine Gefängniswachen waren, leuchtete Hoffnung darin auf. »Ihr … flieht?«

Ich nickte. »Wir holen dich raus!« Trinn und Meon stürzten los, als hätte ich einen Befehl erteilt. Jetzt war ich allein in dem langen Gang.

»Hast du Tian hier gesehen, Jenn? Den Mann im Mantel, der dich betäubt hatte?« Er wollte antworten, aber dann zuckte er zusammen. Oben donnerten Schläge gegen die verschlossene Tür.

Hier unten bei uns klackte es, Schlösser schnappten, dann glitt das Panzerglas mit einem Surren nach oben. Wahida hatte einen Schlüssel gefunden – oder wohl eher einen Zahlencode geknackt. Kerkergestank brachte mich fast zum Würgen, als Jenn aus der Zelle kroch. Ich half dem Jungen auf die Beine. »Tian?«, fragte ich noch einmal.

Er schüttelte den Kopf. »Durch diesen Gang werden alle Gefangenen geführt. Aber er war nicht dabei.« Jetzt hatte ich Gänsehaut. Die Mégana hatte gelogen. Um mich in die Falle zu führen.

Stimmen hallten durch die Gegensprechanlage, Gefangene, die einander riefen, Schläge von Fäusten, die gegen noch geschlossene Zellenwände hämmerten. Und ein Hilfeschrei, der mich wie eine heiße Lavawelle erfasste. Die Stimme, die ich so gut kannte wie meine eigene, kam nicht aus der Sprechanlage, sondern vom vorderen Ende des Ganges. Und sie war so schrill vor Angst, dass meine Beine mich ganz von selbst dorthin trugen, obwohl mein Verstand mir befahl, stehen zu bleiben. Aber da sah ich es schon, und nichts in der Welt hätte mich dazu gebracht, jetzt noch wegzulaufen.

Es war keine Zelle, sondern eine Art Verhörraum, betonglatt und so lichtlos, dass ich nicht erkennen konnte, wo er anfing und aufhörte. In der Mitte, in einem einzelnen, scharf abgegrenzten Lichtkegel, wand sich ein gefesseltes blondes Mädchen mit verbundenen Augen in Todesangst auf einem Metallstuhl.

Mir wich alles But aus dem Gesicht. »Vida!«

Meine kleine Schwester hob ruckartig den Kopf und hörte auf, sich gegen ihre Fesseln zu stemmen.

»Canda?« Ihre Stimme klang hoch und fiepsig wie die eines Kindes. Sie verstummte mit einem erschrockenen Luftschnappen, als sie die Klinge eines Messers an der Kehle spürte. Der Mégan war ins Licht getreten wie herbeigeschnippt.

Und während hinter mir eine Glaswand herunterdonnerte und mich in wattedichte Stille einschloss, wurde mir klar, dass ich in Sachen Täuschung und Fallen immer noch eine Schülerin war. Und eine leichtsinnige dazu. Juniper war nur das Ablenkungsmanöver gewesen. Hier war ich der Eisenhai und meine Schwester der lebende Köder, der mich auf das Boot gelockt hatte.

»Ergib dich oder sie stirbt«, sagte der Mégan ruhig.

Amad. In diesem Moment hasste ich ihn, obwohl er machtlos dagegen war, dass der Mégan sich seiner Strategien bedienen konnte.

»Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?« Die Klinge biss tiefer in die Haut. Vida verzog den Mund zu einem eckigen, grotesken Angstlächeln. Eine Träne rann unter der Augenbinde hervor, folgte der gespannten Linie ihres Mundwinkels und tropfte vom Kinn auf die Schneide. Ich hatte mir eingebildet zu wissen, was es hieß, hilflos und ohnmächtig zu sein, aber das hier war noch schlimmer als der Moment des Ertrinkens. Wahida und Trinn kamen auf der anderen Seite der Scheibe an. Sie waren wie Katzen hinter Fensterglas, ich sah sie, aber ich hörte keinen Laut.

Alle Kraft wich aus mir. Mein Dolch fiel zu Boden. »Tut ihr nichts!« Ich stieß den Dolch mit dem Fuß fort und er rutschte über den Boden und blieb an der Wand liegen.

Der Mégan lächelte. In dem kalten Lichtkegel, der den Stuhl umfasste, wirkte es wie das Grinsen eines hohläugigen Totenschädels.

Waffen wurden mit einem Klicken entsichert. Zwei Soldaten mit den vernarbten Gesichtern von Schlächtern tauchten so unvermittelt von zwei Seiten aus dem Dunkeln auf, als seien sie aus den Wänden getreten. Beide zielten auf mich. Wo kommen sie her? Woher kam der Mégan? Es muss einen Zugang von der Rückseite geben.

Die Winkel waren schwarz vor Schatten, als wären dort versteckte Nischen. Aber die Dunkelheit brodelte. Und als ich erkannte, warum, war ich längst nicht mehr sicher, ob ich erleichtert oder besorgt sein sollte.

Zeit gewinnen!, redete ich mir zu. Vielleicht halten die Wächterschatten ihr Versprechen. Vielleicht findet Wahida einen Weg, die Wand zu entriegeln, vielleicht …

»Die perfekte Falle«, sagte ich zu dem Herrscher. Meine Stimme zitterte. »Ich habe tatsächlich geglaubt, dass Tian im Gefängnis ist. Und Ihr wusstet meine schwache Stelle gut einzuschätzen.«

»Tja, ein Herz stört nur bei der Jagd«, entgegnete der Mégan. »Aber bei einem Gegner ist es die beste Waffe, die sich gegen ihn selbst richtet.« Der Widerhall von Amads Worten war wie ein glühend heißer Stich. Nun, zumindest eine Täuschung war mir gelungen: Der Mégan glaubte tatsächlich, dass ich Tian immer noch liebte und dass es mir nur darum ging, ihn zu befreien.

»Ich habe mich ergeben. Lasst Ihr Vida frei?«

»Kommt darauf an, wie nützlich deine Geheimnisse für uns sind.« Ich konnte die Wächterschatten nur als eine dunklere Bewegung in der Luft wahrnehmen. Sie ragten nun neben den Soldaten auf. Eine Chance. Oder mein Todesurteil. Alles oder nichts.

»Und wenn ich meine Geheimnisse mit ins Grab nehme wie einst Tana?«

»Wir sorgen schon dafür, dass du am Leben bleibst, bis wir wissen, was wir wissen wollen. Nur deine Familie wird denken, du seist tot.«

»Und wie wollt Ihr den Höchsten Richtern erklären, wie ihre Töchter ums Leben kamen?«

Der Mégan war offensichtlich amüsiert. »Sie werden denken, es ist deine Schuld. Du hattest dich im Gefängnis verschanzt und Vida sollte dich über die Gegensprechanlage zur Vernunft bringen. Leider hörte sie nicht auf meinen Befehl und näherte sich dir ohne meine Erlaubnis. Du hast sie angegriffen. Den Soldaten blieb keine Wahl, als dich zu töten. Aber trotzdem war es für deine Schwester zu spät.« Vida gab einen erstickten Laut von sich, der mir durch und durch ging. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Das Lächeln des Mégan war so kalt wie der Onyxfluss. Seltsamerweise war ich mit einem Mal ganz ruhig. Zeit gewinnen!

»Und Ihr denkt, unsere Eltern werden das glauben?«

Der Mégan zog spöttisch den linken Mundwinkel hoch. Auch eine von Amads Gesten. Ich musste wegschauen.

»Du bist verrückt geworden wie so viele in unserer Stadt. Leider. Immer mehr Hohe verfallen der Traumkrankheit. Und Verrückte sind unberechenbar, das weiß niemand besser als die Richterzweiheit. Deine Eltern sind es, die entscheiden, wer so krank ist, dass er in der Öffentlichkeit nur noch eine Gefahr wäre.«

Und deshalb begrabt ihr die Verrückten unter Glas und verkauft ihre Gaben, hätte ich ihm am liebsten entgegengeschleudert.

»So wie Ihr entscheidet, wann Wächter zu viel wissen? Die Leibwächter der Familie Labranako haben mich ohne meine vierte Gabe gesehen. Nur deshalb habt Ihr sie hinrichten lassen. Und euch wird es nicht besser ergehen«, wandte ich mich an die zwei Soldaten, die auf mich zielten. Keiner zeigte eine Regung. Der Mégan lachte. »Nicht schlecht. Aber nutzlos. Wer weder Zunge noch Stimme hat, erzählt keine Lügen. Und im Gegensatz zu den Labranako-Leuten wissen meine Soldaten, was sie sehen – und was nicht. Aber Wächter, die feige genug sind und lügen, um ihre Verfehlungen zu rechtfertigen und ihre erbärmliche Haut zu retten, sind nicht besser als winselnde Hunde, und sie haben es nicht anders verdient, als hingerichtet zu werden wie Hunde. Die zwei Männer haben eine von uns misshandelt und behauptet, sie nicht als Hohe erkannt zu haben. Was, wie jeder weiß, absurd ist.« Die Schatten der Toten schienen einen kälteren Glanz zu bekommen. Darum geht es ihnen also, schoss es mir durch den Kopf. Sie wurden als Feiglinge und Lügner geschmäht und hingerichtet. Offenbar hatten selbst die Toten mehr Stolz und Ehre als ihr Mörder. Hoffentlich.

Jede Faser meines Körpers war so angespannt, dass die Muskeln bereits zitterten. Komm dem Feind so nahe, dass du das Weiße in seinen Augen siehst.

Deine einzige Chance, Canda. Zwei Schritte! Nur zwei Schritte. Aber das war es nicht, was mich die größte Überwindung kosten würde.

»Ich glaube Euch zwar, dass ihr so kaltblütig wärt, eine Tochter der Stadt zu töten«, sagte ich betont langsam. »Aber nicht den Köder. Den opfert Amad nämlich nie.« Ich schnellte aus dem Stand los. Und alle Augenblicke implodierten zu einem einzigen Moment, in dem alles gleichzeitig geschah: Zwei Schatten, die in Soldatenohren flüsterten, Gewehrläufe, die wie fremdgesteuert ihre Richtung änderten. Der Doppelschuss machte mich taub und ließ Vida aufschreien. In der gleichen Sekunde: Mein Kuss, der das Herz des Jägers aus dem Takt brachte und Amad aus seinem Albtraum weckte. Das Messer, das dem Mégan vor Überraschung aus der Hand fiel. Als ich ihn losließ, blickte Amad mich eine Sekunde durch seine Augen an. »Du hattest recht: Ein Herz stört nur bei der Jagd«, flüsterte ich ihm zu.

Der Herrscher sackte auf die Knie, getroffen von dem Schuss, der mir gelten sollte. »Canda!«, schrie meine Schwester. Der Soldat, der auf Befehl der Toten seinen eigenen Herrscher erschossen hatte, schien aus einem Traum zu erwachen. Dann blickte er benommen auf seine Brust, wo sich seine Uniform dunkel färbte. Er fiel, niedergestreckt von dem Schuss des zweiten Soldaten, den die Wächterschatten gelenkt hatten. Ich wirbelte herum, als das Gewehr ein zweites Mal schnappte. Mein Ellenbogen traf ein Kinn, der Soldat stürzte gegen die Wand. Ich entriss ihm das Gewehr.

Hinter der Glaswand standen Wahida und die anderen. Und die Graue! Sie bellte wie verrückt, ein Stummfilmhund. Wahida deutete nach links. Ich entdeckte eine kleine Metallfläche, packte ein Gewehr und schlug mit dem Kolben dagegen.

Es surrte, die Glaswand fuhr hoch, die Graue fegte mir entgegen. Lärm flutete in den Raum wie eine Sturmwelle. Alarmschrillen, Bellen und trampelnde Schritte.

Wahida war als Erste im Raum und schlug den Soldaten nieder, der sich wieder auf mich stürzen wollte. »Wir müssen weg!«, rief sie. »Wir haben die Sicherungswände in den Fluren geschlossen, aber lange wird sie das nicht aufhalten.«

Trinn hatte schon Vidas Fesseln durchschnitten, ich nahm ihr die Binde ab. Allein für diesen Blick hätte ich den Mégan ohne zu zögern eigenhändig ermordet. Ich nahm sie in die Arme, ein zitterndes Bündel Elend. »Alles gut, Floh. Hab keine Angst!«

»Du bist wirklich hier!«, wimmerte Vida. »Aber du bist ganz anders und was … wer sind …«

»Freunde!«, erwiderte ich.

»Zwei Fluchttüren«, sagte Meon irgendwo in einem Schattenwinkel. »Hier ist der Mégan in den Raum gekommen.«

»Wir müssen fliehen«, flüsterte ich Vida zu. »Tu, was sie dir sagen.« Ich versuchte mich trotzdem an einem Lächeln, strich meiner Schwester über die Wange und bat Trinn, sie zu stützen.

Es wurde dumpf und still, als die Wand uns wieder von der Außenwelt abschloss. Meon winkte uns, ihm zu folgen. Aber ich schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht ohne Amad!« Ich kniete mich neben den Herrscher. Er war schon bewusstlos, aber noch atmete er. »Kallas, wie hat Tian dich befreit? Was muss ich tun?«

Das Medasmädchen bekam schmale Augen. »Du kennst unsere Abmachung!«

»Ja, ich habe versprochen, erst Gavran zu retten, und du weißt, ich würde es tun – aber Tian war niemals hier. Wir werden ihn finden, aber wenn der Mégan stirbt, dann weiß ich nicht, wo Amad sein wird, wer sein nächster Herr ist. Ich verliere ihn!«

Für einen Moment, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, sahen wir einander in die Augen, zwei Frauen, zu allem bereit, um ihre Geliebten zu retten. Ich war einen langen Weg gegangen seit meiner Brautnacht. Hier lag ich auf den Knien vor einem Mädchen, das mich verlassen hatte und wahrscheinlich immer noch hasste, und flehte sie an, mir zu helfen. Und auch das war auf eine Art so richtig wie das Tanzen ohne Gabe. »Bitte, Kallas! Würdest du einfach gehen, wenn Gavran hier gefangen wäre?«

Kallas’ Schönheit hatte die Härte von poliertem Marmor. Sie schluckte schwer und senkte den Blick auf den Mégan. Noch strahlte er im Glanz seiner Lichter, aber diese Aura begann im Sterben zu verblassen, ein anderes, gewöhnlicheres Gesicht schien wie das wahre Antlitz durch eine Maske aus Milchglas zu schimmern.

Kallas stürzte sich ohne Vorwarnung auf mich. Ich schnappte erschrocken nach Luft, als sie Amads Dolch aufhob und grob meine rechte Hand aufbog. Vida begann zu schreien, Trinn und Meon mussten sie zu zweit festhalten. Wahida packte meine Hündin am Halsband, bevor sie nach Kallas schnappen konnte. Ich krampfte mich zusammen in Erwartung eines Schmerzes, eines Schnittes, aber Kallas schabte nur mit der Klinge ein Stück Schorf von meiner Handfläche. Eine der alten Schnittwunden begann wieder leicht zu bluten. Kallas griff in eine Seitentasche ihrer Hose. Als sie die Hand hervorzog, erkannte ich sogar im Halbdunkel blaue Farbe, die eine dünne Felskruste durchtränkte – Farbe von alten Höhlenzeichnungen. »Zusammen mit dem Blau der Hautwanderer öffnet das Blut Wege durch Weltenhäute«, flüsterte Kallas. »Tian hat die Farbe in deiner Brautnacht von einer Zeichnung auf Anibs Haut genommen und sich eine Wunde an der Handfläche beigebracht. Dann hat er das Schattenblau der Hautwanderer mit seinem Blut vermengt. Gavran hat es ihm eingeflüstert. Es war ein Versuch, wir wussten nicht, ob es funktionieren würde.«

Es brannte wie Feuer, als sie die alte Farbe wie Kreide in die Wunde rieb. Dann erblühte ein kühles Funkennest in meiner Handfläche, breitete sich aus. Eisregen schien meine Haut zu überströmen, als sich Blut mit Blau vermischte. Kallas ließ mich los. »Schließ die Augen und sieh hin! Dein Herz ist der Schlüssel für dieses Schloss. Wenn du Amad liebst, können sich eure Hände nun berühren!«

»Der Mégan atmet nicht mehr«, stellte Meon fest.

Ich schluckte und presste die Lider zusammen. Nur Schwärze. Da ist nichts, gar nichts! Vor Enttäuschung hätte ich am liebsten geweint. Trotzdem streckte ich die Hand aus. Seltsamerweise sah ich sie trotz meiner geschlossenen Augen. Meine Finger berührten etwas Kaltes, Glattes. Blaues Licht erblühte hinter meinen Lidern – Kreise um meine Fingerspitzen. Aber erst als ich die Handfläche flach an die gläserne Haut von Amads Kerker drückte, geschah etwas. Das undurchdringliche Glas wurde weich wie Wasser. Blaue Ringe glitten von der Stelle fort und waberten nach außen, dann tauchte meine Hand ganz ein, mein Handgelenk, der halbe Unterarm – und dort war Amad, allein stehend in schwarzer Unendlichkeit! So wie ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, mit windzerzaustem Haar und umschatteten Augen voller Liebe und Angst um mich. Mein Kuss hatte ihn geweckt. Jetzt hätte ich vor Glück heulen können. »Amad! Nimm meine Hand!«

Er ergriff meine Rechte, und es war so wirklich, dass ich nie wieder die Augen öffnen wollte.

»Er ist tot«, sagte jemand neben mir, oder unendlich weit entfernt. Das Zwischenreich zerfiel in flirrende Tropfen. In einem Blitzlichtmoment sah ich andere Lichter neben Amad. Nicht vier, sondern sechs. Amad war der siebte. Es stimmt also, dass die Herrscher so viele Lichter an sich binden können, wie sie wünschen. Sie verschwanden sofort, vier verloschen einfach, aber die anderen … wurden davongezogen wie von einem wirbelnden Strom. Auch Amad. »Nein!« Ich keuchte und stemmte mich gegen den Sog. Mein Herz kam aus dem Takt und wurde langsamer und langsamer, mir wurde schwindelig. Kallas’ Arme lagen um meine Taille und zogen mich zurück. Amad lächelte mir schmerzlich zu und schüttelte den Kopf. Und dann öffnete er die Hand, die sich an meiner festhielt. Ich hörte nur ein Wort, verklingend, als wäre seine Stimme schon an einem anderen Ort. »Zentrum!« Er wurde von mir fortgerissen, mit meinem Atem, meinem ganzen Schmerz und einem Schrei, der in der Unendlichkeit einer anderen Wirklichkeit verhallte.

Ich riss die Augen auf, in mir eine schreiende Leere und Verzweiflung. Vor mir lag der Tote, der kein Herrscher mehr war. Auf eine Art tat er mir leid. Ohne den Glanz der Lichter war er ein farbloser Greis, verwelkt wie ein Blatt, das bei der leisesten Berührung zerfallen würde. Er war unscheinbar und hart, die Medasmenschen hatten ihm im Leben Schönheit und Würde verliehen, die er selbst nie gehabt hatte. Jetzt blieben nur noch harte Züge ohne jeden Funken Güte.

Das Zentrum des Netzes ist doch nun zerstört, dachte ich benommen. Aber die Lichter sind immer noch gefangen. Wie kann das sein?

»Es tut mir so leid«, sagte Kallas. Sie ließ mich nicht los, sondern umarmte mich fester. Zentrum, hallte es in mir. Vier Lichter sind verloschen, drei wurden fortgezogen. Wohin? Und plötzlich wusste ich es.

Ich drehte mich zu Kallas um. »Der eiserne Turm und die Méganes sind nicht das Zentrum!«, stieß ich hervor. »Der Mégan hat sich Amad als Gabe von einem anderen Menschen genommen. Dieser Mensch lebt noch, Amad ist immer noch mit ihm verbunden. Als der Mégan starb, musste Amad zu seinem wirklichen Herrn zurückkehren. Er ist im Zentrum! Und dort sind auch Tian und Gavran!«

»Wie finden wir Amad?«, sagte Wahida.

Ich wandte mich zu den Wächterschatten um. Sie wirkten dunkler und ruhiger, als hätte das Blut des Mégan sie genährt.

»Wir nicht, aber die Toten«, antwortete ich. »Ich habe mein Versprechen gehalten: Mein Blut oder das ihres Henkers. Und jetzt werden sie mich zu Amad führen.«

Diesmal nickten sie nicht nur, zum ersten Mal antworteten sie mir, mit Stimmen aus Eis und Sand.