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»Bereit?«, fragte Meon. Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass Juniper am liebsten in der Wand versunken wäre, damit er sie beim Vorbeigehen nicht streifte. Immer noch fühlte sie sich in Gegenwart der Lichter unbehaglich, aber in der Höhle am Schädelhafen konnten wir kaum Abstand halten. Meon trat hinter mich und legte mir die Hände auf die Schultern. Ich hörte nur Junipers scharfes, überraschtes Atemholen, dann wurde mir schwindelig und ich musste mich an der Wand abstützen, als hätte sich das Gewicht eines zweiten Körpers auf mich gesenkt. Ungewohnt war auch die kalte Nähe der Medaswaffe, die Meon gut versteckt am Körper trug. Ein schwarzes, langes Messer, das in beiden Wirklichkeiten bestehen konnte. Aber als ich die Augen wieder öffnete, gehörte die Welt mit ihren Wegen und Pfaden wieder mir. Trinn glitt als Nächster in das Zwischenreich des unsichtbaren Kerkers. Seine Umarmung war wie Seide auf meiner Seele, vertraut und schön und so schwer wie nasser Samt. Wahida folgte mit einem entschlossenen, genau bemessenen Schritt. Ich musste lächeln, als hinter meinen geschlossenen Lidern Zahlen aufblühten, meine Welt Struktur aus Sekunden und Millimetern bekam. Kallas zögerte. Aber schließlich, nach einer Ewigkeit, murmelte sie: »Also gut.«

Ihre Berührung schickte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Es war wie ein zorniger Kuss und alles in mir wurde farbig und grell und bekam den Glanz, nach dem ich so lange gehungert hatte. Trotz allem erfüllte mich eine verzweifelte Sehnsucht, die Schönheit, die ich so sehr vermisst hatte, nie wieder loszulassen.

Dann fühlte ich die Spitze eines schwarzen Dolchs zwischen meinen Schulterblättern. »Gewöhn dich nur nicht wieder zu sehr daran«, flüsterte Kallas irgendwo in mir. »Denk an dein Versprechen: Erst befreien wir Gavran. Und wenn du versuchst, uns reinzulegen, bist du tot.«

»Ich glaube es einfach nicht«, sagte Juniper ehrfürchtig. »Sie sind einfach immer blasser und dann unsichtbar geworden – aber du … du bist …«

»Überirdisch schön«, antwortete ich. »Übermenschlich begabt. Und voller Glanz.« Ich erschrak vor meiner Stimme, so wie sie früher gewesen war – voller Klang, wie ein Lied, das niemand vergaß, der es einmal gehört hatte.

*

Es war einer der kühleren Frühherbsttage, aber nach den Tagen im Schnee erschien mir der Weg zum Sklavenhafen wie ein Gang durch Lavafelder. Ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder nervös nach Amad und den Soldaten Ausschau hielt. Aber wahrscheinlich hatten sie Tibris schon verlassen. Vielleicht auf demselben Weg, wie wir es vorhaben.

Die Passanten machten uns ehrfürchtig Platz – einer jungen, reichen Herrin, die in einem goldbestickten Mantelkleid und einem goldenen Seidenumhang strahlte, und ihrer Dienerin, die das Gepäck trug und einen Jagdhund an einer Leine führte.

Ich hätte lügen müssen, um zu sagen, dass ich mich nicht vollständig fühlte – im ganzen Glanz meiner geliehenen Schönheit, mit den Gaben, die mich die Welt wieder sehen ließen, wie ich es von Geburt an gewöhnt war. Aber heute spürte ich auch die Begrenzungen dieser Existenz wie ein zu eng genähtes Kleid, das mir die Freiheit nahm, mehr als nur genau abgezirkelte Schritte zu machen. Wahidas Zahlen ermüdeten mich und mein Glanz richtete unangenehm viele sehnsüchtige Blicke auf mich.

Händler drängten sich uns in den Weg und wollten mich um jeden Preis zu den Markständen lotsen. Sie priesen ihre lebende Ware an und überboten sich mit Rabatten für die Schönste aller Herrinnen, aber Juniper verscheuchte sie und Meon dirigierte mich zielstrebig zu den Händlerpalästen.

Wie alle Händlerpaläste war auch Manoas Domizil mit Menschenfiguren aus Marmor geschmückt – aber an der Fassade dieser bizarren Villa prangten auch Fratzen von Dämonen und in Stein gemeißelte vergoldete Füllhörner voller Schätze und Versprechungen. Auf dem gebeugten Rücken einer Dämonenfrau ruhte ein kleiner Balkon. Darunter standen Türsteher in Golduniformen.

Den Auftritt einer Hohen hatte ich nicht verlernt. Ich wartete gar nicht erst, dass sie mich ansprachen. »Führt mich zu Eurer Herrin!«

»Habt Ihr einen Termin?«

»Wozu sollte ich einen brauchen?«, erwiderte ich kühl, aber schon leicht verärgert. »Richtet Manoa aus, ihre Verwandte will sie sprechen. Canda Moreno, aus Ghan!«

Zumindest die Erwähnung der Stadt wirkte. Der Türsteher riss die Augen auf, aber immer noch wusste er nicht, ob er mir glauben sollte. Neben mir hielt Juniper die Luft an. Ich machte nicht den Fehler, ihn mit Worten zu überzeugen. Zu gut kannte ich die Sprache wirklicher Macht: Schweigen. Also ließ ich die Pause unangenehm lang werden und fixierte den Mann mit dem kalten, ruhigen Blick einer Prinzessin, die langsam die Geduld verlor. Wie erwartet, gewann ich das Kräftemessen. Der Wächter senkte den Blick.

»Einen Augenblick, Herrin. Ich gebe Manoa Bescheid.« Auf seinen Wink hin verschwand sein Kamerad nach drinnen. Kurze Zeit später klappte über uns eine Tür. Manoa erschien auf dem winzigen Balkon. Ihre blinden Augen fanden mich sofort. Besonders erfreut schien sie nicht zu sein. »Sieh an, vier«, bemerkte sie nur.

*

Manoas Empfangssaal glich einer Räuberhöhle, in der jemand alles, was er an Prunk und Schätzen erbeutet hatte, voller Stolz präsentierte. Wir versanken fast bis zu den Knöcheln in kostbaren Teppichen. Umrahmt von goldenen Lüstern und Seidentapeten thronte Manoa in einem Sessel mit geschnitzten Löwenfüßen. An dünnen Ketten angeleint, lagen zwei junge Wüstenlöwen vor diesem Thron. Einer von ihnen fauchte der Grauen entgegen. Jetzt war ich froh, dass ich auf Juniper gehört und der Hündin eine Leine umgelegt hatte. Juniper konnte sie kaum halten. »Sag deiner Dienerin, sie soll draußen mit dem Hund warten«, wandte sich Manoa an mich. Juniper wartete auf meinen Wink, dann zog sie sich gehorsam zurück.

Obwohl die Händlerin blind war, schien sie mich zu mustern. »Moreno, hm? Scheinst meine Geschenke gut angelegt zu haben. Ich höre raschelnde Seide. Aber wo hast du deine zwei Toten gelassen?«

»Ich habe sie weggeschickt.«

»Und dafür hast du ein neues Licht eingefangen? Und dazu noch so ein kostbares, ein Vermögen wert. Schönheit will jeder haben.«

»Das mag sein. Aber sie gehört mir.« Kallas verharrte zwar reglos, aber trotzdem spürte ich, wie angespannt sie war.

Eine flirrende Minute war Stille. Jetzt wurde auch ich nervös. Gelbe Löwenaugen waren auf mich gerichtet, aber als ich diesem Raubtierblick auswich, fing ich an einer Kette ein Detail ein, das mich fast aus dem Konzept brachte: eine vielfarbige Haarsträhne. Amad! Sehnsucht wallte in mir auf wie ein jäher, heißer Schmerz, fast konnte ich seine Nähe spüren. Er und Tian waren hierhergebracht worden. Ich konnte mir denken, wie die Löwen zu Amad strebten und ihm über die Hände leckten. Und wie er unauffällig das Zeichen an mich um die Glieder der eisernen Löwenleine knotete, während Manoa mit den Soldaten verhandelte. Wir sind auf dem richtigen Weg.

»Also schön«, brach die Alte die Stille. »Genug der Höflichkeitsspielchen. Was willst du?«

»Ich bringe den Méganes eine Kundin. Juniper will eine Gabe kaufen.«

»Das Fischermädchen, aha. Was zahlt die Hungerleiderin dafür? Zwölf Heringe?« Manoa lachte rasselnd und hustete.

»Deine Provision wird hoch genug ausfallen. Sie zahlt mit der Haut eines Eisenhais. Dreimal zwei Meter siebenundzwanzig. Ich bürge für die Echtheit.«

Manoas Brauen zuckten nach oben. Jetzt war sie ganz Händlerin, hellwach und sachlich. »Wenn es stimmt, was du sagst, setze ich sie auf meine Warteliste. Aber sie wird Geduld haben müssen, wie alle meine Kunden. Ich bin gerade erst von meiner letzten Tour aus Ghan zurückgekehrt. Die nächste findet erst wieder in fünf Monaten statt.«

Jetzt kam es darauf, gut genug zu bluffen. »Ich weiß. Die Reisen sind sehr anstrengend. Du kannst deine Kunden zwar mit einem Wimpernschlag in die Wüste bringen, aber zurück musst du zu Fuß gehen und mit dem Zug fahren wie alle anderen auch.« Vielsagend senkte ich die Stimme. »Denn leider ist der blaue Weg von Ghan nach Tibris versperrt.«

Manoa wirkte völlig ruhig, aber ihre Schoßtiere fingen an, nervös zu werden, als würden sie etwas ganz anderes auffangen. Immerhin wusste sie jetzt, dass sie es mit einer Moreno zu tun hatte, die das Geheimnis der Wege kannte. »Du solltest lernen, wann man besser schweigt, Tochter der Stadt.«

»Darin bist du ja eine gute Lehrmeisterin«, erwiderte ich mit einem Lächeln. »Du hast sofort erkannt, dass ich eine Hohe bin. Und du sagtest mir zwar, deine Vorfahren seien Hautwanderer gewesen. Aber du hast ganz vergessen zu erwähnen, dass die Übersetzung für Hautwanderer Moreno lautet. Folglich sind wir verwandt. Und innerhalb der Familie sollte man doch niemals Geheimnisse haben.«

Ihre Miene verdüsterte sich. »Moreno!« Sie schnaubte und schüttelte den Kopf. »So nenne ich mich nicht, denn das sind wir doch schon lange nicht mehr. Wie du ganz richtig bemerkt hast, kann ich nur einen Weg gehen, einen einzigen, in eine Richtung. Und den habe ich nicht mal selbst durch die Weltenhaut gebahnt. Das Geheimnis meiner Ahnen starb mit den mächtigsten von ihnen. Meine ganze Kunst besteht darin, die Geister zu sehen. Ich kann nicht einmal mit ihnen sprechen, das glauben nur die Trottel, die auf Botschaften aus anderen Wirklichkeiten hoffen. Also konzentriere ich mich lieber darauf, Käufer und Ware zusammenzubringen.«

Wie Gänsehaut auf meiner Seele spürte ich den Hass und Widerwillen meiner Lichter, und auch ich musste mich zwingen, freundlich zu bleiben.

»Das scheint dir nicht viel auszumachen. Obwohl du siehst, dass die Lichter eigene Wesen sind?«

Manoa lachte leise auf. »Sklaven sind Sklaven, egal ob mit Haut, aus Rauch oder Licht bestehend, oder mit Fell.« Sie deutete auf ihre angeketteten Raubkatzen, die sich die Tatzen leckten. »Im Grunde ist es gleichgültig. Jede Zeit hat nun einmal ihr Handelsgut. Einst waren es Pelze und Muscheln, Beute von Jagdzügen. Später Wissen und Erfindungen. In anderen Zeiten bezahlte man mit Blut, das waren die Zeiten der Kriege. Es gab die Friedenszeiten von Gold und Perlen, von Reichtum und Musik, von Überfluss. Und jetzt? Haben wir nun mal die Zeit der Ketten. Auch sie wird vorbeigehen, vielleicht schneller als wir denken. Vielleicht handeln wir dann mit Knochensand oder Geschichten, die Hoffnung bringen. Nun, ich werde immer meinen Gewinn haben. Denn ich weiß immer, auf welcher Seite ich mich am besten schlage. Und welchen Preis ich für meine Dienste verlangen kann.« Sie klopfte mit dem Rosendiamanten an ihrem Ring auf das Holz der Armlehne.

»Aber noch sind wir deine Handelspartner«, sagte ich. »So gute, dass du es uns schuldig bist, eine Reise mehr im Jahr zu machen.«

Manoa lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch. »Schuldig?«, sagte sie fast gelangweilt. »Weißt du, was komisch ist? Auf dem Dach des Zuges hätte ich geschworen, du seist ein Stadtmädchen auf der Flucht.«

Ich hoffte, sie würde nicht spüren, wie schnell mein Herz schlug. Weiß sie es?Hat sie mich durchschaut und wird mich verraten?

»Vorsicht«, raunte mir auch Kallas zu.

Ich lächelte. »Und du hättest eine flüchtige Hohe laufen lassen?«

Manoa stutzte. Ich konnte ihre Gedanken fast sehen. Welche Strafe steht darauf?

»Du hast natürlich recht«, ergänzte ich. »Vielleicht bin ich eine Verurteilte, die gegen das Stadtgesetz verstoßen hat. Aber dann würde ich wohl kaum wieder nach Hause wollen. Vielleicht bin ich aber auch im Auftrag der Méganes unterwegs.«

»Warum sollten die Méganes ein Stadtkind in die Wüste lassen?«

Ich senkte die Stimme. »Sie sagten zu mir, eine zukünftige Mégana sollte ihre Länder kennen. Und sich zu behaupten wissen. Nun, bisher habe ich meine Prüfung bestanden.«

Manoas blinde Augen wurden schmal. Zum ersten Mal hatte ich sie wirklich verunsichert. Ich konnte fast hören, wie sie ihre Chancen und Zweifel gegeneinander aufwog.

»Soweit ich weiß, gibt es mehr Anwärter auf diesen Titel«, setzte sie dagegen. »Vielleicht wirst du gar nicht Mégana.«

»Aber wenn ich es werde, dann wird in den Geschichtsbüchern stehen, dass eine Händlerin namens Manoa die neue Herrscherin einst zu Fuß nach Hause gehen ließ wie eine Bettlerin.«

Manoa leckte sich über die indigoblauen Lippen und schwieg.

Ich ging vorsichtig an den Löwen vorbei. Einer fauchte, aber er wich vor mir zurück und verkroch sich hinter Manoas Thron. Als ich die Hand auf ihren Arm legte, zuckte sie zusammen. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass sie blind war. »Manoa, es ist eine wichtige Mission. Du hast heute Nacht schon zwei Gefangene auf die Reise zurück nach Ghan geschickt. Einen Sklaven namens Amad und einen Hohen mit vier Lichtern. Er ist der flüchtige Gefangene, und Juniper hat mir wertvolle Dienste dabei geleistet, ihn für die Méganes zu finden. Mein Auftrag ist es, ihn vor Gericht zu bringen und zu töten. Das habe ich den Méganes mit meinem Blut geschworen – das blaue Mal an meiner Hand kennst du ja. Und die nächsten Reisenden, die du hier erwartest, sind zwei Kommandanten der grauen Garde, darunter Kommandant Taled. Er sollte mich zurück nach Ghan begleiten, aber er hat noch einen Auftrag zu erfüllen.« Ich zog das silberne Abzeichen des Kommandanten hervor und legte es in Manoas Linke. »Hier, prüfe die Rangnummer.« Manoa war ein wenig blass geworden, soweit ich es bei den ganzen Tätowierungen erkennen konnte. Aber wie erwartet, schluckte sie den Köder, ein Geheimnis zu erfahren.

»Eine Mission«, sagte sie. »Dann gib mir ein Stichwort, Verwandte. Sonst läufst du.«

Ich beugte mich noch weiter vor. »Die Zeit der Ketten ist noch lange nicht vorbei«, flüsterte ich. »Sie beginnt erst. Wir haben Tausende von neuen Gaben gefunden, Manoa, in ihrem Versteck. Jede von ihnen ein halbes Königreich wert. Du wirst reicher werden, als du es dir jetzt schon erträumen kannst.«

Ich hatte erwartet, die Sonne in ihrem Gesicht aufgehen zu sehen, aber die Alte wirkte seltsamerweise enttäuscht. »So?«, sagte sie nur und gab mir das Abzeichen zurück. »Tja, weißt du, um ehrlich zu sein, ich habe Geld genug.«

»Dann such dir selbst Gaben aus, die dir gefallen. Gesundheit, Schönheit, vielleicht sogar die Gabe des Sehens. Ich werde dafür sorgen, dass du sie bekommst. Du weißt ja, wir Morenos bezahlen unsere Schulden immer.«

Sie lachte leise auf. »Wenn ich Gaben wollte, hätte ich schon lange welche. Aber mal ehrlich, was soll das? Ich kann einer Frau ihr schönes Haar stehlen und es mir um den Kopf flechten, wenn ich selbst keines habe. Und trotzdem bleibe ich kahlköpfig. Nichts gegen euch, aber dann wäre ich doch nichts weiter als … ein Dieb, der mit gestohlenem Gold bezahlt, oder nicht, Canda Moreno?«

Für einen Augenblick war ich mir gar nicht mehr sicher, auf welcher Seite sie wirklich stand. Und ob ich wollte oder nicht: Ich bewunderte sie für ihren Mut.

»Hör auf zu reden«, ermahnte mich Meon. »Wir überwältigen sie und gehen allein durch das Tor!«

Die alte Traumdeuterin schloss die Lider. Indigoblaue Augen schienen mich zu mustern. Dann begann sie zu meiner Überraschung leise zu lachen. »Also schön, Prinzessin Moreno. Du und das Fischermädchen bekommt eure Passage.« Ächzend stand sie auf. Ihre Knochen knackten, als sie den Rücken durchstreckte. »Je eher ich dich und deinen Anhang los bin, desto besser, scheint mir.«

*

Ich hatte ein goldverziertes Portal erwartet, aber zu meiner Überraschung führte Manoa uns über steile Treppen in einen felsigen Keller mit langen Gängen.

»Bist du sicher, dass wir nicht irgendwo in einem staubigen Lagerkeller erschlagen und verscharrt werden?«, flüsterte mir Juniper zu. Aber als ich die ersten Glaswände sah, erkannte ich, dass die Händlervilla nur eine Fassade war, die das wahre Wesen dieses Ortes maskierte: Einst war dieses Gebäude ein kleiner Medaspalast gewesen, vielleicht nur ein Stützpunkt. »Wir sind auf dem richtigen Weg«, raunte ich Juniper beruhigend zu.

Der letzte Gang endete in einem Raum ohne Fenster und weitere Türen, ein Glaswürfel, hinter dessen Wänden man im Schein von Manoas antiker Öllampe blau bemalten Fels erkennen konnte. Manoa stellte die Lampe auf den Boden, zog aus ihrer Reisetasche zwei blaue Tücher hervor und reichte sie mir. »Verbinde dem Fischermädchen und dir die Augen.« Wir zögerten beide. »Sonst kehrt um und geht zu Fuß«, sagte Manoa trocken. »Ich bin immer noch die Hüterin dieses Weges. Und wie ihr ihn geht, bestimme ich.«

Ich nahm die Tücher. »Dein Weg, deine Regeln.«

»Na, wenigstens der Hund wird sehen, wohin sie uns führt«, murmelte Juniper. Sie musste sich sichtlich überwinden, aber kurz darauf standen wir Hand in Hand im Dunkeln. Ich konnte hören, wie Manoa das Licht auspustete.

Dann sog uns der Boden ein wie ein gieriges Maul aus Glasstaub und Sand und spuckte uns …

*

… in eine Welt ohne unten und oben. Hustend und nach Luft ringend kamen wir zu uns, auf Knien und Händen, umwabert von glühender Hitze. Am liebsten hätte ich gejubelt. Wüstenduft! Zu Hause! Ich riss mir die Binde herunter und blinzelte in das staubige Halbdunkel. Über mir leuchteten blaue Zeichnungen, zerkratzt von den Klauen der Kreaturen, die hier eingesperrt gewesen waren. Die Höhle am alten Schlachtfeld!

Etwas brach unter meinem rechten Knie, Stücke von der obersten, schieferartigen Schicht der Felswand, die die Kreaturen von der Wand gekratzt hatten. Fragmente der Zeichnungen. Ich hob eines davon auf. Es war sandiger Stein, durch und durch gefärbt. Und wie bei einem Stück Kreide blieb etwas Farbe an meiner Haut haften.

Die Wüste überwältigte mich wie eine Umarmung, nach der ich mich wie ein Kind gesehnt hatte. Mein Herz wurde weich und weit, als ich den trockenen Duft nach Sand einsog. Und gleichzeitig wurde ich traurig. In der Nähe lag der mumifizierte Kadaver der Kreatur, die Amad vor wenigen Wochen erlegt hatte, und zwischen den Felsen waren die Grabstätten der Medaskrieger, die vor hundert Jahren hinterrücks ermordet worden waren. Jetzt konnte ich in den Höhlenzeichnungen lesen wie in einem Buch: Das Medasvolk, das in die Wüste gelockt wurde. Ein Krieg in zwei Wirklichkeiten. Kein Geschichtsbuch erzählt davon. Die Wahrheit als Aberglaube gebrandmarkt, Träume mit Schlafmitteln betäubt, Bücher neu verfasst, um uns eine Welt vorzugaukeln, die draußen gar nicht mehr existiert.

»Der Rest ist Fußmarsch«, erklang Manoas trockene Stimme aus der Höhle. »Tja, ich hoffe, du bist’s wert, Prinzessin Moreno.«