Ich keuchte auf, als wir hinter einer Biegung fast über einen Hund gestolpert wären. Er lag auf der Seite, als wäre er im Sprung gestorben und noch ein Stück weitergeschlittert. »Vielleicht hat ein Querschläger ihn getötet«, flüsterte Meon. »Sie haben sich im oberen Trakt verteilt!«
Wir flüchteten zwei Stockwerke weiter nach unten, verharrten am Endpunkt mehrerer Gänge. Rufe echoten, Schritte entfernten sich, Türen donnerten, aber wir machten nicht den Fehler, auf die Tricks einer solchen Treibjagd hereinzufallen. Eng aneinandergedrängt harrten wir hier aus, bereit, jederzeit eine Richtung zu wählen. »Wie viele sind es, Canda?«, flüsterte Kallas.
»Ich weiß es nicht«, wisperte ich zurück. »Ich bin vor ihnen geflohen, bevor ich sie zählen konnte.«
»Sechs oder sieben«, schätzte Meon. »Den Stimmen nach zu urteilen, die wir im Wald gehört haben. Minus den Kommandanten, den haben wir bereits auf der Treppe erledigt. Aber vielleicht wartet vor dem Palast ein Söldnerheer.«
Ich reichte Kallas Amads Revolver und starrte auf die Biegung zum Gang, den Finger am Abzug der Waffe des Soldaten, die ich aufgehoben hatte. Sie lag ungewohnt schwer in meinen Händen. Die Stille war nun dicht wie Wasser, nur unser Atem hallte hier wider. »Von hier kommen wir über zwei Nebengänge zur Halle am Nordausgang«, flüsterte Meon. »Los!«
Wir warteten an jeder Etappe, bis wir sein Zeichen sahen, und folgten ihm erst dann weiter durch das Labyrinth nach unten. Über uns klackerten Mechaniken, hallten ferne Echos. Meon verschwand und wir harrten an die Wand gelehnt aus, im Sichtschutz einer Nische. »Wie damals«, wisperte mir Trinn zu. Sein Atem kitzelte mein Ohr und seine Worte waren so leise, dass sie fast wie Gedanken waren. »Wir saßen in der Falle. Wir wollten die Überlebenden unter unseren Verbündeten aus dem Festungsring befreien, damit sie fliehen konnten – über die Wege der Hautwanderer. Sie hätten ihre Stadt aufgeben müssen, aber sie konnten über die geheimen Wege von der Wüste direkt in die Berge gelangen, oder ans Meer. Dort wären sie in Sicherheit gewesen …«
»Sei still!«, zischte Kallas. Trinn verstummte gehorsam. Aber wir sahen einander aus nächster Nähe an. Schau hin!, formte Trinn mit seinen Lippen. Dann rückte er näher heran und küsste mich sacht, ganz sacht auf die Wange. Es war wie ein Erschrecken in tiefster Seele. Lautlos wie in einem Stummfilm flackerten Trinns Erinnerungen in mir auf und verloschen, um neuen Szenen Platz zu machen Ein schwarzes Heer mit Maskenhelmen, das die Stadt stürmte. Wasser, das aus Pumpen schoss und den Wüstenboden tränkte. Die Mitglieder der Familie Labranako zückten handlange Metallspitzen. Sie verwundeten die schwarzen Krieger, als diese sie mit Waffenschutz aus einem Gebäude führen wollten, aus dem Hinterhalt. Blut floss, vermischte sich mit Wasser, wurde zu einem Flackern von Blau, das die Krieger ergriff und straucheln ließ, ihnen alle Kraft nahm. Hinter blauem Glas verloschen schreiende Münder und wurden unsichtbar. Ein neuer Schauplatz: Die Wüste, Krieger auf dem Rückzug, die zu einem Höhleneingang strebten. Wasser floss daraus wie ein Strom aus einem flachen Maul, Waffen zerbrachen bei der Berührung mit dem Nass, die Luft glühte vor Magie. Krieger der Familie Siman trieben die Flüchtenden zurück, ein erbitterter Kampf. Eine zierliche Kriegerin in schwarzem Harnisch mit Armschonern aus Kupfer tötete einen Labranako und rettete damit einen der Ihren. Ich wusste, dass die Frau Meda war. Zierlich, mit flammend rotem Haar, kämpfte sie mit einem gebogenen Schwert voller Entschlossenheit und Zorn. Bis ein Pfeil sie in den Nacken traf und ihre Hände und Beine alle Kraft verloren. Tana Blauhand senkte den Bogen. Meda fiel und rollte zur Seite. Für einen Moment kreuzten sich die Blicke der Sterbenden und der Siegerin. Aber nur in Medas Bernsteinaugen war der Abglanz von Trauer und maßloser Enttäuschung zu sehen. Es erschütterte mich, dass Tana mir so ähnlich sah. Die schrägen Wüstenaugen, die geschwungenen Brauen. Aber die Grausamkeit und der Triumph in ihrer Miene machte sie dennoch zu einer Fremden.
Ein Knoten saß in meiner Kehle, heiß und würgend wie die Schuld, die nicht die meine war und doch zu mir gehörte. »Wasser«, flüsterte ich. »Das zeigt auch die Zeichnung in der Höhle. Aber wie kommt Wasser in die Wüste?«
Klackern von Fahrstuhlmechanik hallte durch Gänge, dann gab es über uns eine Explosion. Das Gebäude knackte unter einer Druckwelle wie eine Eierschale, spinnwebfeine Risse kletterten an den Wänden herunter. Das helle Geklimper von fallenden Scherben sprang durch die Gänge.
Trinn und ich rannten Hand in Hand. Es war, als würden zwei Wirklichkeiten durch mich hindurchfließen. Meine Gegenwart voller Panik und Angst – und Trinns Erinnerungen. Die leeren Räume füllten sich mit geisterhaften Gestalten, Krieger, die schwarze Maskenhelme von den Wänden nahmen und sie aufsetzten. Ich ertappte mich dabei, wie ich nach Amad Ausschau hielt. Aber an einer Steinsäule fand ich jemand ganz anderen. Einen Mann mit langem schwarzem Haar. Sein Blick war scharf wie der Dolchstoß, den er mir im Traum versetzt hatte. Trinn stolperte, als ich mit einem Keuchen zurückprallte. Ich riss die Waffe hoch. Aber es war nur eine Erinnerung und der Mann sah gar nicht mich an. Sondern Prinzessin Meda, die auf ihn zutrat. Der Rabenmann gehört auch zum Medasvolk?
Das Bild aus der Vergangenheit verwandelte sich mit einem Blinzeln – in einen Söldner mit einem Gewehr, der hinter der Säule hervorsprang. Er sah meine Waffe und reagierte im selben Wimpernschlag. Ein Schuss prallte an meiner Haihaut ab. Noch einmal abdrücken konnte der Söldner nicht, er fiel nach hinten, schlitterte ein Stück und blieb reglos liegen. Drei Schüsse verhallten. Gleichzeitig senkten wir unsere Waffen. Ich konnte nicht fassen, dass ich tatsächlich abgedrückt hatte. Ein weiterer Schuss explodierte. Ich wirbelte herum. Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie einem zweiten Söldner das Gewehr aus der Hand gerissen wurde, als hätte ein unsichtbares Seil es nach rechts gezogen. Ein zweiter Schuss umkreiste uns, Funken stoben von den Steinsäulen, dann brach der Soldat zusammen. Die Kugel hatte ihn von vorne getroffen. Mitten in die Stirn. Ich stutzte. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel? Jemand hat aus dem Hinterhalt die Kugel über mehrere Säulen gelenkt?
Das Echo verklang. Dann hörte ich Meon zum ersten Mal lachen. »Wahida?«, rief er. »Was bist du? Ein Jahrmarktsschütze?«
»Ich schieße meinen Gegnern nun mal nicht gerne in den Rücken«, kam die trockene Antwort. Eine schwarzhaarige junge Frau trat um die Ecke. Wie ein Beutestück trug sie den dunkelgrauen Militärmantel eines Gardekommandanten. In der Rechten hielt sie einen Revolver, am Gürtel hatte sie ein bluttriefendes Sichelschwert und zwei Stangen Dynamit. Mit der Linken umfasste sie einen weißblonden Haarschopf, an dem der abgeschnittene Kopf des älteren Kommandanten baumelte. »Nummer zwölf«, sagte mein mathematisches Mädchen. »Das war’s dann.« Sie warf den Kopf mit dem lässigen Stolz des Siegers in die Ecke. Mir war schlagartig übel. Wahida quittierte mein blasses Gesicht mit einem Fuchslächeln und schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Menschen!«, sagte sie mit betont gelangweiltem Tadel. »So wenig Sinn für die Winkelzüge, Millimeter und Hundertstel Sekunden, die einen Kampf entscheiden!«
*
Meons Befürchtung bewahrheitete sich nicht: Vor dem Nordtor warteten keine Bewaffneten auf uns. Als wir hinaustraten, begrüßte uns nur unberührter Schnee, der in der anbrechenden Nacht blaue Schatten fing. Mir hätte kalt sein müssen, aber in mir glühte noch der Schreck nach. Und in jedem meiner Albträume würde es mich verfolgen, dass ich auf einen Menschen geschossen hatte.
Wahida atmete durch und hob Hände und Gesicht zum Himmel. Hier wirkte das mathematische Mädchen groß und aufrecht, viel stärker als hinter der blauen Haut ihres Kerkers. Schnee streifte ihre Wangen. »Das habe ich am meisten vermisst«, sagte sie mit einem Seufzen. »Den Duft nach Schnee und Himmel.«
»Wohin gehen wir jetzt?«, fragte Trinn. Nervös knetete er seine Hände.
»Von hier aus können wir nur zurück«, erwiderte Meon. »Also müssen wir die anderen Paläste suchen, bis wir einen Durchgang gefunden haben. Bis dahin sind wir immer noch gefangen in der Wirklichkeit der Menschen.«
»Ja, dafür haben sie gesorgt«, sagte Kallas spitz. Ich wusste es zu schätzen, dass sie diesmal wenigstens nicht »ihr« sagte.
»Aber wir müssen weg von hier«, rief Trinn. »Sie werden uns weiterhin suchen. Die Méganes lassen keinen von uns entkommen.«
Leider hatte er recht. Ich schluckte und sah an dem Gebäude hoch. Von außen wirkte es nicht wie ein Palast, eher wie eine kantige Konstruktion, in der Fels und Glas ineinanderwuchsen. Ghan.
»Ich gehe zurück!«, sagte ich in die Stille.
Die vier fuhren zu mir herum. Es schnürte mir die Kehle zu, so sehr glichen sie Amad. Ihre Augen waren Kristalle und sie hatten alle diese helle Haut, der kein Sonnenstrahl etwas anhaben konnte. Wieder einmal schalt ich mich dafür, dass ich so blind gewesen war. »Ich … muss zurück nach Ghan«, wiederholte ich lauter.
»Wegen des Verräters?«, fragte Trinn mit banger Stimme. »Den du geküsst hast, obwohl wir dich gewarnt haben?«
Kallas klappte der Mund auf. Natürlich, für sie war es eine Neuigkeit.
Ich wurde rot. »Er ist kein Verräter. Ja, er hat einen Fehler gemacht und Tana Blauhand vertraut. Aber er ist ebenso gefesselt, wie ihr es wart – auch wenn er frei zu sein scheint.«
Kallas bekam schmale Augen. »Woher weißt du das?«
»Ich habe es erlebt, als ich mit der Mégana gesprochen habe. Und oft genug hat er mich mit Andeutungen gewarnt, als hätte er Angst, belauscht zu werden. Er … ist an jemanden gebunden. Jemand, der nie erfahren darf, dass Amad mich liebt.«
»Dich liebt?« Kallas lachte. »Das ist nur ein Jägertrick. Er war auf dich angesetzt. Du solltest die Fährte zu mir und damit zu den anderen finden, damit Amads Herren sie auch noch versklaven können. Da ist es doch der beste Weg, das Menschenmädchen einzuwickeln, damit es mitspielt. Für Liebe werdet ihr ja blind und tut alles.«
Jetzt hätte ich gute Lust gehabt, dieses wunderschöne Gesicht zu schlagen. »Du musst es ja wissen!«, zischte ich. »Du hast einem Jungen, der dir sein Herz geschenkt hat, mit Lächeln, falschen Küssen und schönen Worten so sehr den Kopf verdreht, dass er mich und seine Zukunft weggeworfen und dich befreit hat. Dabei ging es gar nicht um ihn. Du wolltest Tians Lichter befreien. Ihn hättest du ohne mit der Wimper zu zucken verletzt und im Fluss ertrinken lassen. Und auch mich hättest du fast ertränkt. Also wer beherrscht hier Jägertricks und spielt kaltherzig mit der Liebe und dem Leben anderer?«
Kallas zuckte zusammen, als hätte ich ihr einen Fausthieb versetzt. Sie schluckte schwer und rang nach Luft. Wahida legte ihr die Hand auf die Schulter, aber Kallas wandte sich brüsk ab und stapfte durch den Schnee davon, mit verschränkten Armen und hochgezogenen Schultern.
Feigling, dachte ich. Wegrennen, das kannst du!
»He! Bleib hier und rede gefälligst mit mir!«
»Lass sie gehen«, sagte Wahida. »Sie hasst es, wenn andere ihren Kummer sehen.«
»Das hasse ich auch«, gab ich hitzig zurück. »Aber wer andere verletzt, muss wenigstens die Wahrheit einstecken können.«
»Wegen der Wahrheit weint sie nicht«, flüsterte Trinn. Er trat an mich heran. Unsere Handrücken berührten sich wie zufällig. Wieder war es wie ein kleiner elektrischer Schlag. Mir blieb die Luft weg, als ein weiterer Splitter zum Bild fand. »Ich habe versucht, dich in einem Traum daran zu erinnern, was du in deiner Brautnacht erlebt hast«, sagte Trinn. »Ein Teil von dir weiß es, auch wenn du betäubt warst. Wir sind erwacht, durch die Verbindung, die zerrissen wurde, und wir haben durch deine Augen gesehen. Aber auch in den Träumen kommen wir nicht an euch heran, die Bilder sind verzerrt und verändert und unsere Stimmen hört ihr nur, wenn wir euch als innere Stimme führen. Und wenn ihr doch ahnt, dass wir etwas anderes sein könnten als eure Gaben, dann vergesst ihr es, sobald ihr erwacht.« Diesmal irrte er sich gründlich. Nichts hatte ich vergessen. Nicht den Dolch, der mein Herz durchbohrt hatte – und auch nicht den hellen Glanz einer Spiegelung in fast schwarzen Augen.
*
Kallas kauerte auf einem umgestürzten Baumstamm, die Beine an den Körper gezogen, umhüllt von ihrem Haar, das einen Schleier aus Schneeflocken trug. Im Mondlicht schien sie zu leuchten wie eine Skulptur perfekten Kummers und wieder war ich geblendet von ihrer Schönheit.
Sie sagte nichts, als ich mich neben sie setzte. Ich musste mich beherrschen, ihr keine Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern, aber die Wahrheit saß auch im Schweigen zwischen uns, und nichts konnte sie vertreiben.
»Was willst du noch, Canda?«
»Dein Geliebter nennt dich Stern«, begann ich. »›Folge mir, mein schöner Stern‹, das hat er zu dir gesagt, mit Tians Stimme.« Wenn sie überrascht war, verbarg sie es gut. Aber dennoch entging mir nicht, wie sie sich kaum merklich versteifte. »Und später habe ich von deinem Krieger geträumt, er hat langes Haar, so schwarz wie Rabenschwingen. Im Traum hat er mich geküsst und dann – stieß er mir den Dolch ins Herz. Der Kuss war für dich bestimmt, der Tod … für mich.« Kallas schluckte und hob den Blick zum Himmel. Ein heller abnehmender Mond stand dort, gesäumt von Sternen. »Tian sagte zu mir, unser erster Kuss sei für ihn wie ein Erwachen gewesen«, fuhr ich fort. »Aber in Wirklichkeit seid ihr beide erwacht, der Rabenmann und du. Weil ihr euch liebt und euch wiedergefunden habt. Ihr habt einander in unseren Augen gesehen. In dem Traum, den ich in den Geisterbergen geträumt hatte, küsste dein Rabenmann mich. Aber in seinen Augen spiegelte ich mich nicht – da war blondes Haar. Du!«
Kallas lächelte ohne einen Funken Freude. »Rabenmann? So nennst du ihn?« Sie wischte sich mit einer fast wütenden Geste die Tränen von den Wangen. »Sein Name ist Gavran. Kein Land wäre entdeckt worden, kein Kontinent, wenn er die Menschen nicht ruhelos gemacht und den Traum in ihren Herzen entfacht hätte, fortzugehen und etwas Neues zu finden. Früher, als wir noch Lichter waren, da begleiteten wir oft dieselben Menschen. Zu einer Eroberung oder Entdeckung kommt die Schönheit des Triumphs, die wie ein helles Licht brennt. Wir haben Königinnen und Entdeckerinnen auf die Spitze ihres Triumphs begleitet und sind weitergezogen, manchmal gemeinsam, manchmal in verschiedene Richtungen. Aber nie waren wir im Herzen getrennt.«
Der Blick des Eroberers. Tians wichtigste Gabe. Unsere Heimlichkeiten und Kletterpartien in der Kindheit bekamen einen ganz neuen Sinn. Und auch die Unruhe, die Tian dazu getrieben hatte, Auswege aus der Stadt zu suchen.
»Ja, es ist selten, aber manchmal lieben auch Geschöpfe wie wir einander«, ergänzte Kallas fast trotzig. »Und manchmal überdauert diese Liebe sogar ein Jahrhundert voller Einsamkeit in Ketten.«
»Dann hat Gavran Tian eingeflüstert, nachts mit mir auf die Dächer zu gehen und sich die Reisen auszumalen. Und er war es, der eure Flucht geplant hat.«
»Er hat mir von den Reisen erzählt, nicht dir!«
»Und wir waren eure Marionetten?«
Sie schüttelte den Kopf und seufzte. »Oh nein, Marionettenspieler halten die Fäden in den Händen. Wir waren schwach. Deshalb musste ich ja Tian für mich gewinnen, damit er mich aus freiem Willen liebt und befreien will. Er konnte mich in dir sehen, mit Gavrans Augen.«
»Aber es war Tian, der dich aus deinem Gefängnis geholt hat. Wie, Kallas?«
Sie sprang auf und klopfte sich den Schnee von der Kleidung. »Glaubst du wirklich, ich bin so dumm und sage dir noch ein Wort? Ich habe Gavran ein zweites Mal verloren – und dank dir kann ich ihn nie wiederfinden. Du hast mir alles genommen!«
»Du hättest Tian ertrinken lassen!«
»Was hättest du getan, wenn es um das Leben deines Geliebten ginge?«
»Jedenfalls hätte ich niemanden ermordet, den ich eben noch geküsst hätte! Hasst du uns wirklich alle so sehr, dass du uns sterben sehen willst?«
Endlich sah sie mich direkt an. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn nicht ein Schatten von Schuld über ihre Miene gehuscht wäre. Ihre Lippen waren blass, so fest presste sie sie zusammen. Hier, im Mondlicht, hätte sie jedes Alter haben können. Und in jedem Alter hätte ihr Glanz jedem Betrachter den Atem geraubt. »Ich will niemanden mehr sterben sehen«, erwiderte sie mit gebrochener Stimme. »Keinen von uns und keinen von euch. Und ob du es glaubst oder nicht: Ich wollte Tian nicht töten, ich wollte ihn nur über den Fluss bringen, um jeden Preis. Und um ein Haar wäre es mir gelungen! Aber Amad hat es verhindert. Er wusste genau, worum es geht. Er erkennt – wie jeder von uns – das Onyxwasser, das nur dort fließt, wo unsere Welt so nah ist, dass wir sie fast berühren können. Aber das schwarze Wasser ist wie eine Grenze, es trennt alle Verbindungen mit den Menschen, und das hat Amad nicht zugelassen, obwohl er uns doch angeblich retten will?« Sie schüttelte den Kopf. »Trau ihm nicht, Canda! Wäre er auf unserer Seite, hätte er Tian gehen lassen, und vier von uns mit ihm. Jetzt wird Tian so oder so sterben – in deiner geliebten Stadt. Und seine vier Lichter werden die Qualen erleiden, wieder zu neuen Herren zu kommen. Auch … Gavran.« Die traurige Zärtlichkeit in ihrer Stimme schwang auch in mir.
»Niemand wird sterben!«, rief ich. »Ich werde zurückgehen und …«
Sie schüttelte den Kopf. »Genau das wollen sie doch! Und das will auch Amad. Du sollst zurückkommen, deine Aufgabe ist erfüllt, du hast unsere Spur gefunden. Und ohne uns bist du in Ghan nichts mehr wert. Ich gebe dir einen guten Rat: Lauf weg, so weit du kannst, verliebtes Mädchen! Du bist als Einzige von uns frei und kannst irgendwo neu anfangen. Vergiss den Verräter. Und vergiss uns!«
Das Schlimme war, sie schaffte es tatsächlich, einen Zweifel in mir aufkeimen zu lassen. Trau mir nicht. Das hatte Amad gesagt. Aber selbst hier glaubte ich noch seine Umarmung und seinen verzweifelten Kuss zu spüren und wusste, dass zumindest das keine Lüge gewesen war.
»Glaubst du wirklich, ich kann nach all dem, was ich weiß, davonlaufen? Ich habe keine Wahl! Kallas, du musst mir sagen, was in der Brautnacht wirklich geschehen ist.«
»Ich muss?« Kallas hob das Kinn. Ihre Augen sprühten Funken. Jetzt war sie eine Kriegerin. »Du befiehlst mir nicht mehr!«
»Um Befehle geht es hier nicht! Es geht um euch, um uns – und auch um Gavran. Du wolltest mich töten und trotzdem stehe ich hier und rede mit dir. Es wäre ein Leichtes gewesen, euch der Garde auszuliefern, stattdessen habe ich mit euch gegen sie gekämpft. Was muss ich noch tun, damit du mir vertraust?«
Kallas blinzelte, aber diesmal gab sie sich nicht die Blöße, vor mir zu weinen.
»Gib mir Gavran zurück«, sagte sie. Ich hörte keinen Schritt, als sie davonging. Und ich hielt sie nicht mehr zurück.
*
Ebenso lautlos trat Wahida neben mich. Schweigend blickten wir Kallas nach, bis sie hinter dem Vorhang aus Schnee verschwunden war.
»Sie hasst mich wirklich«, sagte ich leise.
Wahida zuckte mit den Schultern. »Nimm es ihr nicht übel.« Immer noch trug sie über dem Harnisch und der schwarzen Kleidung der Medaskrieger einen Militärmantel. Sie rückte ihren Waffengurt fest und prüfte beiläufig, ob ihre Schusswaffe richtig saß. Es war verstörend, wie sehr sie einer Soldatin Ghans glich. Meinen Blick deutete sie wohl falsch und nahm sofort die Hand von der Waffe.
»Ich hasse dich nicht«, sagte sie beruhigend. »Im Gegenteil: Ich mochte dich immer. Du hast die Zahlen wirklich geliebt, du hast mit ihnen gespielt wie eine junge Katze mit einem Ball. Sie waren dein Trost, deine Beruhigung, deine Freude. In den ganzen Jahren war es das, was mir Hoffnung gab.«
Ich musste schlucken. »Das war wenig genug.«
»Auch die kleinste Zahl hinter einem Komma ist immerhin größer als null«, erwiderte sie und zwinkerte mir zu. »Komm mit, wir bleiben über Nacht in den Soldatenkammern beim Nordtor. Und morgen sehen wir weiter.«
»Warte … bitte.«
Sie verharrte, und selbst jetzt, in dieser angespannten, aufrechten Frage ihrer Haltung war sie von Kopf bis Fuß das, was sie vorgab zu sein.
»Wie … ist es, in diesen Kerkern aus Glashaut?«
»Zum Verrücktwerden einsam«, erwiderte das mathematische Mädchen. »Wie in einem Albtraum, aus dem man glaubt zu erwachen, nur um festzustellen, dass man nur in einem anderen Albtraum gelandet ist.«
»Albträume? Jede einzelne Nacht.« Das hatte Amad gesagt. »Sobald ich die Augen schließe. Und oft genug sogar mit offenen Augen.«
»Ihr schlaft also.«
»Meistens. Aber es ist ein unruhiger, gequälter Schlaf. Getrennt von den anderen, die wir weder sehen noch hören. Ich konnte nicht schreien, nur deine mathematische Stimme sein, dein Leben lang. Du hast meine Zahlen aufgesogen und auch die anderen Gaben. Du hast dadurch geleuchtet und in deinen Talenten übermenschlich hell gestrahlt, aber für uns ist es wie ein langsames Verbluten in einem blauen Sarg. Und ihr bestimmt, wie eng dieser Sarg ist.«
Sie strich sich das Haar hinter das Ohr. Schnee rieselte. Diese mädchenhafte Geste machte diese Kriegerin jünger als Trinn. »Wir können ein Jahrhundert so existieren«, fuhr sie leise fort. »Vielleicht auch länger, aber wir werden von Jahr zu Jahr schwächer – viele von uns sind schon verloschen. Und mit unserem Tod verschwinden Talente, Inspirationen, Funken der Schönheit und Freude und so vieles andere, was euch Menschen ausmacht. Für immer.«
Jetzt war mir eiskalt, aber nicht wegen des Schnees. Sie sterben also. Ich brauchte Wahida nicht mehr, um mir auszurechnen, was in meiner Stadt seit einigen Jahren vor sich ging: Früher hatten alle Hohen vier Lichter, heute war diese Zahl eine Seltenheit. Und seit einigen Jahren gab es auch Hohe, die nur noch ein Licht besaßen und deshalb als missgebildet galten und oft an der Traumkrankheit starben. Lichter sterben, schwindende Ressourcen unserer Macht, aber Ghan wächst.
»Woher weißt du das alles, wenn du von den anderen getrennt warst?«
Wahida lächelte mir mit mildem Spott zu. »Glaubst du, wir kämpfen nicht mehr? Ja, wir sind betäubt durch eine Magie, die wir nicht abschütteln können. Aber trotzdem versuchen wir es, und manchmal tauchen wir an die Oberfläche, nehmen die anderen wahr. Wenn ihr jung seid, ist die Verbindung noch nicht fest und endgültig. So finden wir manchmal Fenster in Zeit und Raum. Wir erwachen für Augenblicke, sehen hin, verstehen, suchen nach Fluchtwegen, nach Wunden in der Weltenhaut, durch die wir entkommen könnten. Erst nach eurer Verbindung zu dem, was ihr Zweiheit nennt, sind unsere Ketten ausgehärtet. Wir sind dann wie stabile chemische Verbindungen von Molekülen und Atomen – oder wie Steine in der Mauer, die eure Zweiheit umgibt. Acht von uns plus zwei von euch ist die stabilste Verbindung. Sie dauert, bis der Tod zu euch kommt und mit seinem Kuss auch die Verbindung zu uns durchtrennt. Aber gleich darauf beginnt ein neuer Albtraum, mit einem neuen Menschen. Sobald ein Herr stirbt, wartet schon ein neuer auf uns.«
Ich leckte mir die Lippen, die ich vor Kälte nicht mehr spürte. »Wie viele … Menschen waren es bei dir?«
»In den ersten zweiundfünfzigkommasechsvier Jahren nur der erste Mégan«, erwiderte Wahida bitter. »Aber nach ihm … plötzlich unzählige. Ich war bei meiner neuen Herrin, bis sie in ein Haus voller Glas gebracht wurde. Und dort – wurde ich ihr entrissen. Ich blieb zwar mit ihr verbunden, schmerzhaft straff, aber ich sah nie wieder mit ihren Augen. Keine meiner Zahlen kam über ihre Lippen, sie schwieg. Stattdessen wurde ich an Fremde verkauft, für ein Jahr, manchmal für zwei. Das waren die schlimmsten Zeiten. Ich blieb an meine stumme, bewusstlose Herrin gebunden, und gleichzeitig gehörte ich anderen, die für meine Zahlen bezahlt hatten. Aber bei jedem Wechsel war es wie ein neuer Tod, der mich doch nicht ganz sterben ließ. Er schwächte mich so sehr, dass ich mir oft wünschte, endlich verlöschen zu dürfen.«
Das verschlug mir die Sprache. Ich erinnerte mich an die Reisenden, die mit ehrfürchtigen Gesichtern zu den Türmen hochgeblickt hatten. Reisende, die keine Berater gesucht hatten, sondern … Dämonen, die ihnen gaben, was sie sich erträumten: List, Schnelligkeit, Geschicklichkeit oder andere Fähigkeiten. Und die Dämonen – das waren nicht die Wesen fremder Wirklichkeiten, sondern wir, die fünf Familien. Langsam ahnte ich, mit welcher Art von Sklaven Manoa handelte. Und nicht nur sie.
»Ihr gehört immer zur Stadt?«, flüsterte ich. »Wenn ich in Tibris ertrunken wäre, dann wären Meon, Trinn und du …«
»…wieder in Ghan gelandet, ja. Im nächsten Atemzug. Neue Herren warten dort schon auf uns.«
Ich zog meine Jacke fester um meinen Körper, als könnte ich mein rasendes Herz damit schützen – vor Wahrheiten, die schlimmer waren, als ich noch ertragen konnte.
»Deshalb sollte Amad mich also töten, wenn ich nicht zurückkehren wollte«, murmelte ich. »Für die Méganes war es nie ein Risiko, mich gehen zu lassen. Es ging wirklich nur um den Weg zu den Entflohenen.« Und spätestens wenn Amad zurück in Ghan ist, werden sich die Méganes wundern, warum ich zwar tot bin, aber meine Lichter noch nicht zurückgekehrt sind.
Jetzt schämte ich mich, dass ich für einen Moment an Amad gezweifelt hatte.
»Ja«, sagte Wahida. »Und wenn du Amad vertraust, solltest du ihn fragen, wie es möglich ist, dass einer von uns seinen Kerker verlassen kann.« Vielsagend hob sie die linke Augenbraue. »Wenn es einer weiß, dann doch er! Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mich fragen, woher.«