978-3-641-59162-5.pdf

Als würden wir der Kälte entgegenlaufen, brach unter meinen Sohlen Eis auf Pfützen; Hagelkörner, die nicht geschmolzen waren, häuften sich in Spalten und auf frosterstarrten Wiesen. Ich fand keine Ruhe mehr, die meiste Zeit rannte ich wie eine Besessene mit Seitenstechen und brennenden Lungen. Oft war ich sicher, hinter der nächsten Biegung meine Schwester zu entdecken. Aber als ich sie und meinen Versprochenen wirklich fand, hätte ich sie beinahe nicht erkannt. Sie liefen an einer halb zerfallenen Hütte in einem flachen Tal vorbei. Soldatenmäntel verhüllten sie. Meine Schwester hatte ihr Haar unter einer Wollmütze verborgen. Hand in Hand kämpften sie sich durch frostkaltes kniehohes Gras die nächste steilere Anhöhe hinauf.

Ich hatte vergessen zu atmen, so groß war der Schock, als mir klar wurde, dass ich am Ziel war. Ich hatte erwartet, dass meine Geschwister meine Gedanken übertönen würden, aber jetzt verstummte jede Ahnung von Flüstern.

Amad gab mir ein Zeichen. Ich verstand und nickte. Überrasche den Gegner von zwei Seiten. Auch diesmal war es gut, einen Plan zu haben, es bewahrte mich davor, die Fassung zu verlieren. Wie Löwen auf der Pirsch trennten wir uns und rannten geduckt weiter, halb verborgen von Sträuchern. Am tiefsten Punkt des Tals sanken meine Stiefel bis zu den Knöcheln in sumpfigen Untergrund ein, in Spalten gurgelte Wasser, als würden unterirdische Bäche durch löchriges Gestein rauschen. Von hier unten wirkte der Rand der Anhöhe wie eine scharfe Kante, die den Himmel vom Land trennte. Wolken ballten sich, als würde ein Sturm aufziehen. Ein Windstoß wälzte sich über das Gras, riss meiner Schwester die Mütze vom Kopf. Ihr Haar wand sich wie ein Kranz aus goldenen Schlangen. Dann hatten die beiden die Himmelslinie erreicht. Vögel flatterten im Tal auf. Ich wollte die Graue packen, damit sie nicht bellte – da fuhr meine Schwester herum, als hätte sie einen Ruf gehört. Auch Tian war stehen geblieben.

Wenn es einen Schnitt in meinem Leben gab, dann war es dieser: Der Anblick zweier Liebender, blendend schön und strahlend vor schwarzen Wolkenstrudeln. Zwei Menschen, die allein gegen die Welt standen.

An meinem Hochzeitsmorgen hatte ich befürchtet, Tian würde mich nicht erkennen. Nun, auch da hatte ich mich getäuscht.

»Canda!« Der Wind übertönte seine Stimme, ich sah nur die Bewegung seiner Lippen. Er starrte mich an wie einen Geist. Hat dir deine blonde Hexe nicht gesagt, wer euch aus Ghan gefolgt ist?, dachte ich bitter. Sicher hat sie mich mit keinem Wort erwähnt. Und ihren Mordversuch auch nicht.

Immer noch konnte ich in ihm lesen wie in einem Buch. Im Bruchteil eines Augenblicks begriff er alles: dass die Kreaturen und Windsbräute mich hätten zermalmen können. Er sah meinen Schmerz, den Verrat und meine ganze Enttäuschung. Sie spiegelten sich in seinen Zügen, als wären wir immer noch verbunden. Paradoxerweise wallte eine jähe, heiße Sehnsucht in mir auf, während meine Hand am Dolch lag. Mein Gesicht wurde kalt vor Tränen. Wärst du fähig, ihn zu töten?, flüsterte es in mir. Ich kannte die Antwort nicht.

Meine Schwester war weniger sentimental. Sie erfasste die Situation mit einem Blick und entdeckte Amad. Sofort ließ sie Tians Hand los und riss einen Revolver hoch. »Nein!« Auch diesen Schrei von Tian spürte ich nur wie eine Interferenz im Wind. Er fiel meiner Schwester in den Arm. Im Heulen des aufziehenden Sturms spielte sich die Szene wie ein Stummfilm vor mir ab. Ein heftiger Kampf, ein Streit, bis Tian meiner Schwester grob den Revolver entriss und sich wieder mir zuwandte. Und dann wurde meine Welt ein weiteres Mal völlig aus den Angeln gehoben, und alles, woran ich felsenfest glaubte, zerbrach: Die Frau, die Tian liebte, zückte ein Messer und riss es hoch. Für einen irrealen Moment war ich sicher, in einem Traum zu sein – nur dass es diesmal nicht der Rabenmann war, der Tian töten wollte.

Noch während mein Schrei in meiner Kehle brannte, zerriss ein Schuss die Luft, blitzte die Klinge auf und zuckte durch die Luft davon. Blondes Haar flog, als Schwester Glanz stürzte, aus der Balance gebracht von der Wucht des Geschosses, das ihr die Waffe aus der Hand geschlagen hatte. Amad senkte den Revolver und sprintete los. Tian stürzte neben dem Mädchen in die Knie, umfasste ihr Gesicht mit verzweifelter Zärtlichkeit, half ihr auf.

Nur ich sah, wie sie dabei einen Stein aufhob.

»Tian, weg von ihr!«, brüllte ich – zu spät. Der Schlag fällte ihn hinterrücks, ohne einen Schmerzensschrei sackte er auf die Knie und kippte vornüber. Meine Schwester umklammerte ihn und zerrte den Bewusstlosen zur Himmelslinie. Meine Lungen stachen, fast hatte ich sie erreicht, aber Amad war schneller. Er stieß sich ab und riss meine Schwester zu Boden. Tian fiel wie eine Puppe, schlug hart auf und rollte ein Stück bergab, bis sein Kopf gegen einen Felsbrocken prallte. Ich kam zu spät, um es zu verhindern. Im Laufen hob ich den Revolver auf. Und dann wurde mir klar, dass ich niemals allein gegen meine Schwester bestehen könnte. Ich hörte nur die dumpfen Schläge, zu schnell waren die Hiebe. Amad und sie kämpften. Das Messer blitzte in ihrer Hand. Ich hatte nicht gesehen, wann sie es aufgehoben hatte. Sie erwischte Amad mit einem Tritt gegen die Brust, der ihn zurückwarf. Er rollte sich ab und nutzte den Schwung, um dem nächsten Schlag auszuweichen. Es krachte, als er ihr den Gewehrkolben gegen das Handgelenk schlug und sie entwaffnete. Amad pflückte das Messer aus der Luft und verharrte.

Schwer atmend stand sie da, ohne Waffen, das Gesicht schmerzverzerrt, und hielt sich den verletzten Arm. Keuchend kam ich neben Amad an, gefolgt von der Grauen. Wie eine Front standen wir ihr gegenüber, hinter uns Tian. Sie presste die Lippen zusammen, dann warf sie einen verzweifelten Blick über die Schulter. Der Wind jagte ihr die Tränen schräg über die Wangen. »Verräter!«, fauchte sie Amad zu.

Ich rannte gleichzeitig mit ihr los. Ihr Haar wehte über meine ausgestreckte Hand, aber sie entglitt mir und … flog davon? Nein, sie fiel! Zwei Arme schlossen sich um meine Taille und rissen mich zurück. Steine lösten sich unter meinen Sohlen und prasselten von der äußersten Kante eines scharf gezogenen Abgrunds. Dann konnte ich nur noch zusehen, wie meine Schwester fünf Meter unter mir auf glattes schwarzes Glas auftraf. Die Angst, sie sterben zu sehen, durchzuckte mich wie ein Schlag. Aber meine Schwester versank, ihr Haar verlosch wie ein weißgoldenes Flackern. Wasser?

Es war tatsächlich ein Fluss, der kaum floss, das Einzige, was sich bewegte, waren die Spiegelungen jagender Wolken. Ich wartete darauf, dass sie wieder auftauchte, aber sie blieb verschwunden. Immerhin hatte ich nun die Antwort, wozu ich fähig war – und wozu nicht. »Du musst sie retten«, keuchte ich. »Amad, du kannst schwimmen, hol sie raus, bitte!«

»Sie schwimmt besser als ich.« Er deutete nach links.

Hundertvier Meter in elf Sekunden? Es war absolut unmöglich, kein Mensch konnte so schnell tauchen, schon gar nicht mit einem verletzten Arm. Aber sie war am anderen Ufer, dort, wo Bäume aus dem Wasser ragten, überschwemmt von Schmelzwasser, so weit fort von uns, als wäre ihr Verschwinden und Wiederauftauchen ein Zaubertrick gewesen. Zierlich wie eine nasse Katze stand sie dort, bebend, unendlich schön in ihrer Verzweiflung. Plötzlich krümmte sie sich und weinte, dass es sie schüttelte. Sie weint um den Mann, den sie ermorden wollte?, dachte ich fassungslos. Und trotzdem – ihr Leid schnitt mir ins Herz, und für einen Moment fühlte ich mich beschämt, so als wären Amad und ich die Jäger, gnadenlose Raubtiere, die sie hetzten, bis sie starb. Sie wandte sich um und floh. Dann brach der Himmel wie ein morsches Fass.

*

Der Regensturm hatte vergeblich versucht, auch den letzten Rest des Daches von dem alten Steinhaus, in das wir uns geflüchtet hatten, herunterzuwaschen. Ich hatte nicht protestiert, als Amad Tian an einen Eisenring neben dem halb zerfallenen Kamin gefesselt hatte. Noch war er bewusstlos. Die Platzwunde am Hinterkopf hatte aufgehört zu bluten, aber an der Schläfe prangte ein hässlicher Riss. Amad lehnte an den Resten der wetterzerfressenen Tür, die Arme verschränkt, und beobachtete mit finsterer Miene, wie ich Tians Wunde behutsam mit einem nassen Stück Tuch reinigte. Draußen rauschte nur noch Nieselregen. Mir war unbehaglich zumute, mit beiden Männern in einem Raum zu sein. Amad machte mich nervöser als Tian. Sein vielfarbiges Haar klebte nass und dunkel an seiner Stirn und ließ seine Haut noch heller wirken. Im Gegensatz dazu kam mir Tians Gesicht vor wie das eines Fremden, weich und hübsch, aber ohne Schärfe und den düsteren Glanz, der mein Herz sogar jetzt schneller schlagen ließ. Die beiden sind wie Schatten und Licht, dachte ich beklommen. Dort, wo Amad stand, war die Nacht, dunkler und kälter.

Seit wir den Bewusstlosen hergebracht hatten, hatte Amad noch kein Wort gesagt. Ich fragte mich, ob er Tians Lichter studierte. Die Leidenschaft des Eroberers, zählte ich im Stillen auf. Das Talent für Stadtplanung, die Analytik des Entscheiders, der Blick für Paragrafen und Regeltexte. Heute versuchte ich mir Gesichter dazu vorzustellen.

»Was du auch tust, lass ihn nicht frei«, sagte Amad plötzlich in die Stille. Er wandte sich brüsk ab und verschwand nach draußen. Als könnte er unseren Anblick nicht ertragen.

Tian kam zu sich, er hustete, seine Arme zitterten, so schwach war er, als er versuchte, sich zu befreien. Aber erst als die Graue knurrte, begriff er wohl, dass er gefangen war. Als er zu mir aufblickte, sah ich nur fassungslose Überraschung. Mir galt sie diesmal nicht. »Kallas«, stieß er hervor. Die Sorge in seiner Stimme verletzte mich mehr als ein Hieb. So heißt sie also, dachte ich. Na wunderbar, nach Ydrinn schon der zweite Name, den ich lieber nie gehört hätte. »Wo ist sie?«, flüsterte Tian.

Da, wo sie hingehört – auf dem Grund des Flusses. Diese Gemeinheit lag mir schon auf der Zunge. »Fort«, sagte ich stattdessen. »Nachdem sie dich niedergeschlagen hat. Und – ach ja – vorher wollte sie dir noch ein Messer zwischen die Rippen jagen.«

Wenn ich erwartet hatte, ihn demütig und verängstigt zu sehen, wurde ich nun enttäuscht. Der Blick, der mich traf, sprühte vor Zorn. »Du lügst!

Der Ärger schmeckte wie ein Mundvoll Galle. »Du weißt, dass Lügen nicht meine Gabe ist«, gab ich trocken zurück. »Und du kennst mich lange genug, um zu merken, wenn ich es doch versuchen würde. Schon als wir Kinder waren, konnte ich dir nichts vormachen, erinnerst du dich?« Dieser Hieb saß. »Tja, jetzt weißt du wenigstens, wie es sich anfühlt, von jemandem, den man liebt, verraten zu werden«, setzte ich nach.

Nun, ich war vielleicht nicht fähig, einen Menschen zu töten oder mit einem Dolch zu verletzen, aber mit Worten traf ich umso besser.

Tian wurde noch blasser. Er schüttelte den Kopf, aber auch ich kannte ihn lange genug.

»Warum bist du hier, Canda?« Seine Stimme hatte eine Kälte und Härte, die jedoch neu für mich war. »Wollen die Mégan ein Zeichen setzen? Die stolze Moreno-Prinzessin nimmt persönlich Rache und führt den Deserteur im Triumphmarsch in Ketten nach Ghan zurück?«

Jetzt hätte ich gute Lust gehabt, mit der Faust auszuholen. »Du wagst zu fragen, warum ich hier bin?« Die Graue duckte sich und wich ein Stück zurück. »Du weißt genau, was du mir genommen hast! Und ich habe dich geliebt!«

»Hast du das?«, gab er leise zurück. »Wirklich? Oder war es nicht doch eher die Macht, die wir beide in den Händen hielten? Hättest du mich geliebt, wenn deine Familie es dir nicht befohlen hätte? Und wenn unsere Unterschriften nicht auf einem siebzigseitigen Vertrag prangen würden?«

Er war gefesselt, verletzt und ausgeliefert. In einem anderen Leben hätte ich fair und vernünftig reagiert, aber vielleicht war ich ja noch nie eine freundliche Person gewesen. Meine Finger gruben sich so fest in seine Kehle, dass er aufkeuchte. Ich spürte eine grimmige Genugtuung, als ich nun doch Angst in seinen Augen aufflackern sah. »Ich habe dich geliebt!«, zischte ich. »Und wir hatten uns geschworen, eine Seele zu sein. Aber jetzt habe ich nur noch drei Gaben, meine vierte hat versucht, mich zu ertränken wie eine räudige Katze. Mein Versprochener hat mich an unserem Hochzeitstag verlassen – mit Rate-mal-wem. Und hintergangen hat er mich offenbar schon länger. Und abgesehen davon, dass du Bastard keinen Funken Reue zeigst, schuldest du mir wenigstens eine Antwort auf meine Frage: Warum, Tian?«

Er schluckte schwer, aber er wäre nicht Tian Labranako gewesen, wenn er mir nicht weiterhin ins Gesicht geschaut hätte. Seine grünen Augen blitzten vor Wut und Verzweiflung. Noch nie hatte er mich so hasserfüllt angesehen. Ich bin sein Feind, dachte ich. Ich hatte hart sein wollen, aber jetzt saß mir doch ein Kloß in meiner Kehle. Ich ließ ihn los. Ich hatte zu fest zugepackt, meine Fingernägel hatten tiefe Abdrücke in seiner Haut hinterlassen. Jetzt schämte ich mich dafür, mich so vergessen zu haben. »Warum?«, wiederholte ich leiser. »Was ist passiert? Wann haben wir aufgehört, Freunde zu sein?«

Ein gequälter Ausdruck huschte über seine Miene. »Selbst wenn ich es dir erkläre, du würdest es nicht verstehen, Canda«, brach es aus ihm heraus. »Du bist eine Moreno, du bist stolz darauf, und dein ganzes Leben gründet auf Macht. Du hast dich nie wie eine Gefangene deiner Familie und deines Schicksals gefühlt. Und du weißt nicht, wie es ist, dich nach etwas, das du niemals haben kannst, zu sehnen. Du warst glücklich mit deinem Leben. Ich dagegen … war ein Gefangener, seit dem Tag meiner Geburt. Seit ich denken kann, versuche ich einen Fluchtweg zu finden, schon als Kind, erinnerst du dich nicht?«

Ich hätte jeden Eid geschworen, dass ich Tian nur noch abgrundtief hasste, aber in diesem Moment war alles wieder da: unsere Kindheit in Palasträumen, die Spiele und das Lachen – unsere geheimsten Gedanken, die wir als Freunde geteilt hatten wie Schätze, die wir vor anderen gut verbergen mussten.

»Du weißt gar nicht, wie oft ich wirklich weggelaufen bin und zurückgeholt wurde, meine Eltern vertuschten es. Ärzte verschrieben mir noch mehr Schlafmittel und versuchten mir die Träume auszutreiben, aber ich ließ mich nicht einschläfern, ich lernte nur, mich besser zu verstellen, aber ich … war ein anderer!«

»Warum hast du mir nie etwas gesagt?«

»Einer Moreno wie dir? Du wärst die Erste gewesen, die mich verurteilt hätte.« Diesmal war ich nicht stolz darauf, aber wir kannten einander wirklich gut.

»Es gibt so viel mehr, als wir wissen«, fuhr er hastig fort. »Es ist uns verboten, es zu sehen, weil die Méganes es Aberglaube nennen. Aber ich … träumte, Canda, ich suchte nach den Bildern der Nacht. Und bald träumte ich auch mit offenen Augen. Ich war oft heimlich im vierten Ring unter den Barbaren, ich lernte von ihnen, hörte ihre Geschichten – und sie waren um so viel wahrer als alles, was in unseren Büchern stand. Ich wusste, das ist das Leben! Und bei unserem ersten Kuss – da geschah es. Es war, als wäre ich plötzlich aufgewacht, zum ersten Mal in meinem Leben. Alles war so klar, jedes Geräusch und jede Farbe, jeder Gedanke. Und Kallas war da – in deinen Augen! Ich erkannte, dass ich sie schon so lange liebte, wie ich lebte. Aber bisher hatte ich sie nur in deiner Anmut, deinem Glanz, deinem Lächeln erahnen können.« Er blickte an mir vorbei. Selbst jetzt schien ihr Glanz noch in seinen Augen zu reflektieren. »Und nachts, in meinem Traum, kam sie zu mir. Sie hatte Augen wie grüner Samt und Haar wie Sonnenstrahlen. Begegnen konnten wir uns nur im Traum. Aber dann … gab es diese Nacht auf dem Dach, als du und ich zum ersten Mal den Mitternachtswein tranken. Du bist eingeschlafen, an meiner Schulter. Und da konnte sie zu mir sprechen, mit deinen Lippen.«

Ich fröstelte bei dieser Vorstellung.

»Sie sagte, sie liebt mich«, fuhr er fort. »Schon ihr ganzes Leben lang habe sie darauf gewartet, dass ich sie endlich wahrnehme. Und sie sagte, wir sind frei, wir können gehen. Sie kann sich von dir lösen und mich fortbringen.«

»Deshalb hast du mich immer nur mit geschlossenen Augen umarmt«, sagte ich mit erstickter Stimme. »Um dir vorzustellen, es ist sie! Und seit diesem Abend hast du mich Stern genannt. Es war also immer nur mein Glanz, den du umarmt und geküsst hast? Aber … mich … hättest du mich je geliebt? Ohne das, was sie mir geliehen hat?«

Er sank in sich zusammen und schlug die Augen nieder. Wenn je eine Antwort deutlich gewesen war, dann diese. Ich musste schlucken, um nicht zu weinen.

»Es … es ging nicht nur um sie«, stammelte Tian. »Du und ich, wir waren verbunden, ja, aber auf eine andere Art. Wie … Freunde.«

»Freunde?«, sagte ich bitter.

Er nickte völlig überzeugt, ohne den geringsten Widerspruch in seinen Worten zu bemerken. »Aber mit ihr war es … Weißt du, wie es ist, zu tanzen ohne Gabe, einfach aus dem Herzen? Zu singen, mit Menschen zu sprechen ohne Kalkül und Bündnisse? Nein, du weißt es nicht, du hast es nie erlebt, du bist nur glücklich, wenn du den zementierten Pfaden deiner Familie folgen kannst. Ich dagegen war nur glücklich, wenn ich kein Labranako sein musste. Meine Gaben sind wertvoll für die Stadt, aber mir bedeuten sie nichts, sie sind eine Last, ich hasse es, diese Talente zu haben! Sie passen nicht zu mir. Ich mochte sie nie, und ich würde alles dafür tun, um sie loszuwerden. Ich will keine Macht, ich will einfach nur leben! Aber in Ghan wurde ich lebendig begraben – am Tag meiner Geburt.«

»Und da hast du entschieden, dass es besser ist, wenn ich statt deiner lebendig begraben werde – im Haus der Verwaisten.«

Sein Erschrecken war echt. Wenigstens das. »Im Haus der Verwaisten?«, flüsterte er fassungslos. »Aber du bist … die Tochter der höchsten Richterzweiheit!« Jede Farbe wich aus seinem Gesicht, Bronze wurde zu Aschgrau. »Es tut mir leid! Ich wollte dir nicht schaden. Ich dachte, dir würde nichts geschehen, du bist zu wichtig. Viele Hohe haben nur zwei oder drei Gaben. Ich dachte, sie würden einen anderen Partner für dich finden …«

»Das wolltest du glauben! Damit du Feigling dich mit besserem Gewissen davonschleichen konntest!«

»Es war der einzige Weg!«, schrie er. »Hätte ich mich ganz offiziell von dir trennen können? Nein, du weißt genau, was ein Vertrag in deiner Stadt wert ist.«

Deine Stadt. Spätestens jetzt wurde mir klar, wie lange wir schon auf verschiedenen Seiten standen. Nur ich Idiotin habe es nicht bemerkt.

»Wie konnte meine Schwester sich von mir trennen und gehen?«, fragte ich. »Du warst in meinem Prunkzimmer, nicht wahr? Wie bist du dorthingekommen? Du hast dich über mich gebeugt und meine Schwester gerufen. Folge mir, mein Stern. Wie konntest du an den Wächtern vorbeikommen? Und wie habt ihr …«

»Oh, jetzt verstehe ich!« Er zog die Brauen zusammen, sein hübsches, weiches Gesicht verzerrte sich zu einer Maske des Misstrauens. »Deshalb haben sie dich aus der Stadt gelassen? Wenn du mich dazu bringst, zu verraten, wie eine Gabe ihre Verbindung zu einem Menschen lösen kann, bekommst du deinen Platz zurück?« Er lachte bitter auf. »Guter Handel. Aber ich hätte auch nichts anderes von dir erwartet. Doch alles, was ich euch sagen werde, ist das, was die Méganes ohnehin schon wissen: Die Stadt ist wie ein Labyrinth und hat mehr Wege, als du dir träumen lässt. Und unsere Gaben sind frei, sie gehören sich nur selbst, und manchmal verlieben sie sich in einen Menschen.«

Warum verlassen dich deine Gaben dann nicht? Diese Frage lag mir auf der Zunge. Wenn sie so frei sind und du sie so sehr hasst – warum schickst du sie nicht fort? Und warum muss Kallas heimlich in der Nacht mit dir durchbrennen und kann nicht hoch erhobenen Hauptes durch das Stadttor gehen?

»Wenn es für deine Kallas Liebe ist, dich verletzt zurückzulassen, dann will ich lieber nicht wissen, wie sie mit ihren Feinden umgeht. Also, zum letzten Mal: Was genau habt ihr in dieser Nacht getan?«

»Und wenn du mich tötest, du wirst es nicht erfahren.«

»Die Méganes werden es erfahren, verlass dich darauf. Wenn nicht von dir, dann von ihr. Oder glaubst du im Ernst, deine Liebste entkommt ihnen? Die Garde ist draußen und hat schon ihre Spur aufgenommen.«

Ich hatte offenbar viel bei Juniper und Amad gelernt, denn Tian glaubte mir und holte krampfhaft tief Luft, aber es war ein vergeblicher Versuch, die Fassung zu bewahren. Sein Blick irrte zum Fenster. Feiner Eisregen prasselte gegen die Scheibe. Amad stand mitten auf der Anhöhe mit dem Rücken zu uns. Sein linker Arm war ausgestreckt, jetzt senkte er ihn. Der Schatten eines Raubvogels umkreiste ihn, der graue Falke schraubte sich höher und flog davon. Jäger finden einander, dachte ich.

»Bitte, Canda«, stieß Tian hervor. »Es war meine Schuld, nur meine! Und ich werde für alles büßen, auch für das, was ich dir angetan habe. Aber lass Kallas gehen!«

Schweißtropfen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, Tränen standen in seinen Augen. Wie viel Angst er um sie hat, dachte ich erschüttert. Trotz allem.

Eine letzte, jähe Zärtlichkeit für ihn flammte in mir auf. Zum ersten Mal sah ich ihn nicht als den Labranako-Prinzen, für den ich ihn gehalten hatte. Es war traurig genug, dass ich die Melodie seines Herzens erst jetzt wahrnahm: Vor mir kauerte ein junger Mann, der sein ganzes Leben lang unglücklich gewesen war. Ein Junge, der liebte, der weich war und unstet wie das Feuer, das aufloderte, wenn ihn etwas begeisterte, und der ohne nachzudenken einem Abenteuer folgte, das ihn lockte. Ein Junge, der mit einem Lächeln log, aber nicht aus Bosheit, sondern aus Sehnsucht und Verzweiflung.

Und du, Canda?, dachte ich. Wonach sehnst du dich wirklich? Nach Bronze und Gold? Oder nach Jagdfeuern? Ja, Tian ist feige, aber was bist du? Schäbig genug, um mit seiner Angst zu spielen und ihn mit Lügen zu erpressen. Und ja, ich wusste, wie es war, ohne Gabe zu tanzen und zu singen – und jemanden zu küssen, der einen anderen Bund geschlossen hatte.

»Sie konnte fliehen«, sagte ich. »Keine Sorge. Die Garde wird sie nicht bekommen.«

Ich hatte alles erwartet, nur nicht, dass Tian vor Erleichterung in Tränen ausbrechen würde. So kannte ich ihn nicht.

»Wie kannst du immer noch um sie fürchten?«, fragte ich leise. »Sie hat dich im Stich gelassen!«

Tian schüttelte den Kopf. »Das würde sie niemals tun! Sie hatte keine Chance. Sie musste es so aussehen lassen, als wollte sie mich töten, damit ihr denkt, ich wäre nicht freiwillig geflohen. Sie wollte mich schützen.«

Er ahnte nicht, wie ähnlich wir uns waren. Und wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich vielleicht darüber gelächelt, dieselben Worte, die ich im Gerichtssaal zu seiner Verteidigung gesprochen hatte, nun aus seinem Mund zu hören.

Tian schniefte und blickte durch das Fenster zum Himmel. »Du verstehst es vielleicht nicht«, setzte er leise hinzu. »Aber man liebt, wen man liebt.«

Es war nicht diese Antwort, die das Licht in meinem dunklen Raum entzündete, sondern die Sehnsucht in seinem Blick, die ich nur zu gut kannte.