Das Dornenschiff lag eine Meile weiter auf der Seite wie ein stacheliges Ungeheuer, das sich noch mit letzter Kraft an Land geschleppt hatte. Immer noch starb es, stöhnend und klagend, mit Spanten, die sich bogen und brachen, wenn das Meerwasser durch die Lecks strömte. An den Klippen fächerte sich donnernde Brandung zu schäumenden Fingern auf, die versuchten, nach dem Schiff zu greifen. Kaum eine halbe Meile dahinter erhob sich die Nebelwand. Im Sand zeugten frische Spuren davon, wohin sich die Verbannten davongeschleppt hatten. Die Flut hatte die Spuren noch nicht erreicht. Ich spürte meine Schwester so nahe wie vor wenigen Tagen beim Schädelhafen. Mit geschlossenen Augen hätte ich ihrer Spur folgen können. »Sie sind in die andere Richtung bergauf gegangen!«
Ich wartete nicht auf Amad, sondern rannte los.
Ich hatte mir eingebildet zu wissen, was Kälte ist. Aber dieser Wind schnitt mit Messerklingen und meine nasse Kleidung verwandelte sich in einen schabenden, starren Panzer. Ich taumelte mehr, als ich lief, und als ich zum dritten Mal anhielt und nach Luft rang wie eine Ertrinkende, hob Amad mich kurzerhand hoch und trug mich den Steilweg zwischen den Uferfelsen hinauf. Über seine Schulter hinweg sah ich auf die Küste. Die Soldaten hatten die Verbannten, nun holten sich Plünderer ihren Teil. Zerlumpte Gestalten ballten sich um das Schiff, Äxte bissen Löcher in den Rumpf. Seile und Segel wurden heruntergeschnitten. Ich schauderte. Und für einen unbehaglichen Moment bildete ich mir ein, dass zwei der Gestalten flackerten wie Rauch.
Amad setzte mich vor einem schmalen Felsspalt ab. »Geh voraus!«
Ich wollte protestieren, dass der Weg im Bogen nach Osten bergauf führte, aber meine Lippen waren gefühllos und wie gelähmt. Amad schüttelte den Kopf, als hätte er meine Gedanken gehört. »Willst du Tian und seine Geliebte in Gestalt eines Todesschattens verfolgen?«, fragte er lakonisch. »Glaub mir: Die Kälte tötet schneller als die Hitze.«
Nur ein Körper passte durch den Spalt, aber dahinter führte ein Gang in eine flache, niedrige Höhle, deren Wände im hinteren Teil erstaunlicherweise zu einer glatten Kammer gemeißelt waren. Vielleicht war es ein Unterschlupf von Plünderern. In einer Kuhle im sandigen Boden befanden sich die Reste einer Feuerstelle. Einige Zweige und ein halb verkohltes Stück Holz lagen noch darin. Ein Luftzug zeigte, dass die Kammer einen Abzug im Fels hatte. Amad warf den Rucksack neben die Feuerstelle und griff zu seinem Messer und dem Kurzgewehr.
»Wo gehst du hin?«
»Dafür sorgen, dass wir in den nächsten Tagen nicht erfrieren. Hier, der Revolver ist in seiner Schutzhülle trocken geblieben. Geh nicht raus, was du auch hörst. Und falls ein Soldat auftaucht, frage nicht, schieß!«
Die nasse Kleidung klebte an meiner durchweichten Haut, während ich auf den Gang starrte, die entsicherte Waffe in meinen tauben Händen. Erst jetzt merkte ich, wie erschöpft ich war. Ohne Amad spürte ich meine Geschwister so nah, als würden sie sich an mich schmiegen. Ihr Flüstern verstand ich nicht, aber ich fing ihr Drängen auf, ihre Furcht, ihre stumme Warnung vor meinem Weggefährten. »Ich weiß«, murmelte ich ihnen zu. »Aber ihr irrt euch!«
Nach vierundachtzig Minuten begann ich mir Sorgen um Amad zu machen. Der Wind heulte draußen, ein Prasseln und Klappern setzte ein, als würde es Knochen regnen. Es war so laut, dass mich eine Bewegung im Gang völlig überraschte. Mein Finger zuckte schon am Abzug, aber der Schatten, der in meinen Unterschlupf glitt, war kein Mensch. Der Kopf einer Möwe schlenkerte leblos, ein Flügel schleifte über Sand. Die Graue ließ ihre Beute fallen und zeigte mir ein Beifall heischendes Hundelächeln. Hinter ihr erschien Amad, in eine Wolke aus Kälte und einen schwarzen geflickten Mantel gehüllt, unter dem Arm einen Packen Segeltuch. Ich erschrak über die blutige Schramme, die wie ein roter Halbmond auf seinem Wangenbogen prangte. »Was ist passiert?«
Er zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. »Plünderer teilen nicht gern.« Er entleerte das Bündel neben dem Feuer. Angerostete Konserven rollten in den Sand. In den zerfetzen Resten des Segels waren zudem schwarze Lederstiefel eingewickelt, Decken, ein Filzhemd und eine Jacke, außerdem ein Pullover aus grauer Wolle. »Mit den Haihäuten kommen wir nicht weit. Zieh das hier an!«
»Sind das Soldatenstiefel?«
»Sie werden dir zu groß sein, aber wenn du deine Zehen behalten willst …«
»Du hast doch niemanden dafür umgebracht?«
Er hob nur die linke Augenbraue. »Ich sorge dafür, dass du nicht umgebracht wirst, du stellst keine Fragen. Zieh dich um, in den nassen Sachen holst du dir den Tod, Wüstenblume.«
Ich schluckte und nahm die Sachen mit einem unbehaglichen Kribbeln an mich. Fast erwartete ich, Einschusslöcher im Stoff zu finden, aber er war unversehrt. Amad zückte ein Feuerzeug und kniete sich neben die Kuhle im Boden.
»Wozu willst du Feuer machen? Wir müssen weiter!«
»Nicht jetzt.«
»Das entscheide immer noch ich!«
»Kannst du gerne. Aber vorher habe ich ein Rätsel für dich, Mädchen, das alles weiß: Was ist das?« Er warf mir etwas zu, das wie ein rund geschliffener Bergkristall aussah, allerdings war er mehr als faustgroß. Im Reflex fing ich ihn auf und war überrascht, wie glatt er war, schmerzhaft kalt und nass. Doch als ich ihn trocken reiben wollte, wurde er nur nasser und begann zu tropfen. Amad verbiss sich ein Lachen. Endlich begriff ich. Gefrorenes Wasser! »Ist das … Eis?«, fragte ich fassungslos.
Amad nickte. »Hagel. Schön, aber gefährlich, wenn er so groß ist.«
Ich rannte an ihm vorbei und blickte mit offenem Mund auf einen flirrenden Wasserfall aus gefrorenen Kristallkugeln. Sie fielen vom Himmel, zersprangen knackend und prasselnd auf den Felsen, zerschlugen Sträucher und tanzten bergab. Das Trommeln war beängstigend laut. Und trotzdem konnte ich nur staunen, völlig gefangen genommen von der Gewalt und Schönheit des Schauspiels.
»Juniper hat Glück, dass sie dem Sturm davongefahren ist«, sagte Amad hinter mir. »Er zieht über die Uferberge hinweg ins Landesinnere.«
Dorthin, wo Tian ist, dachte ich.
*
Ich war froh, die Fischhaut und die salzgetränkten Sachen abzustreifen. Die neue Kleidung roch nach Wolle, Teer und Schießpulver, aber die Wärme tat gut. Ich hatte ganz selbstverständlich erwartet, dass Amad mich nicht beobachtete, während ich mich umzog, aber als ich mich umwandte, merkte ich, dass er mir die ganze Zeit über zugesehen hatte. Mir schoss das Blut in die Wangen. »Genug gesehen?«, schnappte ich.
»Blaue Flecken und Schrammen.«
»Ist das alles, worauf du gestarrt hast?«
Er lächelte wie ein Dieb. »Du glaubst, da gibt es noch mehr zu sehen?«
Seine Worte machten mich verlegen – und trotzdem hätten sie beinahe ein Lächeln auf meinem Gesicht entfacht. Und diesmal, da war ich mir sicher, suchte er mit seinem Blick nicht nach meinen Geschwistern.
»Was … siehst du jetzt?« Die Stimmung veränderte sich schlagartig. Ich erschrak, so schnell verschwand alles Weiche aus seinem Ausdruck. Seine Augen wirkten noch umschatteter als sonst, die Wunde und der schwarze Mantelkragen verliehen ihm die düstere Aura eines Soldaten. Eines traurigen Soldaten, der auf der Hut ist, dachte ich.
»Ich sehe eine Jägerin«, murmelte er nach einer langen Pause.
Ich weiß nicht, warum mich diese sachliche Antwort so enttäuschte. »Das bin ich nicht. Ich habe den Hai nicht getroffen.«
»Wer beim ersten Mal trifft, wiegt sich nur in falscher Sicherheit. Du hast die schwächste Stelle gefunden – darauf kommt es an. Und es war nicht ›nichts‹! Erinnere dich! Weißt du noch, wie du deinen ersten guten Schlag gegen mich gesetzt hast?«
So oft hatte ich Tian gelauscht, aber jetzt, als Amad unsere letzten Stunden noch einmal zum Leben erweckte, begriff ich, wie farblos die Geschichten in Ghan gewesen waren – Abenteuer fremder Menschen, makellose, übermenschliche Helden mit perfekten Strategien, die niemals nur aus Glück überlebten. Aber Tian hatte diese Geschichten geliebt, als wären sie echte Abenteuer. Weil wir es beide nicht besser wussten, dachte ich. Wir haben in einem Kokon aus Marmor gelebt, jeder zu bunte Traum betäubt von Schlafmitteln! So fern von allem, was Leben und Atmen und Lachen ist.
Und noch etwas war anders: Diesmal war es auch meine Geschichte. Immer öfter unterbrach ich Amad und erzählte eine Begebenheit neu, mit meinen Augen. Während draußen die Welt unter Eis begraben wurde, verwoben sich unsere zwei Wege zu einem, füllte sich jedes Wort mit Leben und Farben – schöner, als sie tatsächlich gewesen waren, aber umso kostbarer. Ich schmeckte das Meersalz und den Sandwind, durchlebte den Sturz in die Bergkirche und die Prügelei im Gasthaus, und jede Gefahr glomm wie ein wärmendes Feuer – auch dann noch, als wir längst verstummt waren und das wirkliche Feuer fast verloschen war.
Der Sturm ließ nicht nach, der Hagel vermischte sich mit Donnerschlägen. Das Knochengetrommel war wie eine einschläfernde Melodie. Die Reste der Möwe und die leeren Konserven lagen im Sand. Amad und ich waren eng zusammengerückt und fingen die letzte Wärme. Die alte Graue schlief schon seit Stunden an mich gedrängt, ihr Kopf lag schwer und warm auf meinem Oberschenkel, sie winselte manchmal, als würde sie träumen. Ihre Hinterpfote zuckte im Schlaf. Meine Alte, dachte ich liebevoll. Schrecken der Schlangen, Möwen und Haie.
»Wie lange wird der Hagelsturm noch dauern?«
»So lange, bis das Lösegeld bezahlt ist. Hast du es so eilig, wieder in die Kälte zu kommen?«
»Sie laufen uns sonst davon.«
»Wir holen sie ein! Der Sturm wird sie aufhalten. Wenn er ihnen nicht sogar die Knochen bricht, falls sie keinen Unterschlupf finden.«
Ich wusste nicht, was schlimmer war: Die Vorstellung, dass Tian verletzt wurde, oder das Bild, wie die beiden in einem anderen Unterschlupf ausharrten, eng umschlungen.
»Was meinst du mit Lösegeld?«
Amad warf mir einen Seitenblick zu. »Du kennst die Geschichte von dem Mann, der die Sterne stahl, nicht?«
»Ist das eine Frage oder ein Witz?«
Er lachte leise, ich konnte es mehr spüren als hören. »Weder noch. Hör zu!«
Diesmal verstand ich genau, was Juniper für Amad empfand. Seine Stimme trug mich hinauf zum höchsten Berg in Medas Land, zu einem Mann, der reicher als alle anderen sein wollte. Ich stieg mit ihm in den Himmel, stahl Stern für Stern und floh mit der Beute in die tiefste Höhle. Ich hörte seinen enttäuschten Schrei, als er entdeckte, dass Sternenglanz kein Gold ist, nur Licht. Aber er ließ die Sterne nicht frei, zu groß war sein Zorn. »Der Mond versprach ihm Reichtum«, raunte Amad mir ins Ohr. »Ein Lösegeld, tausendmal kostbarer als Gold. Und als der Mann unter den großen, leeren Himmel trat, löste der Mond sein Versprechen ein. Er warf Perlen und Diamanten vom Himmel, so kostbar und groß, dass der Mann erschlagen wurde. Nichts blieb von ihm als Blut und zerbrochene Knochen. Der Mond verwandelte die Juwelen zu Eis, so kalt wie das Herz des gierigen Mannes. Sie schmolzen zu Wasser, das Wasser versickerte und floss in Höhlen, und schließlich erreichte es die Sterne, schwoll zu einem Fluss an und trug sie aus den Höhlen in die Nacht, wo sie auf den Mondstrahlen in ihre Heimat zurückkehrten.«
Die Milchstraße, war mein letzter Gedanke. Ich erinnerte mich daran, dass ich immer gewusst hatte, wie viele Sterne sie barg, aber zum ersten Mal in meinem Leben fiel mir eine Zahl nicht ein.
*
Diesmal hatte ich nicht geträumt, mein Schlaf war weich wie Samt, durch den kein Bild schimmerte, und als ich nun die Augen aufschlug, war es um mich so dunkel, dass ich mich fragte, ob ich wirklich wach war. Ich erinnerte mich, dass ich noch im Wegdämmern Amads Stimme gehört hatte. Draußen rauschte nur noch Regen und an meiner Wange waren Wärme und … ein Herzschlag. Sofort war ich hellwach und mein Herz raste. Im Schlaf hatte ich mich an Amad geschmiegt, meine Wange lag an seiner Halsbeuge. Seine Lippen waren so nah, dass sein Atem über meine Haut strich. Die Dunkelheit war wie ein eigener Raum, zeitlos und unwirklich, als würde nichts, was darin geschah, mehr gelten als ein Traum. Und dieser Raum schien leer zu sein – keine Stimmen, keine Lichter. Noch nie war ich so allein gewesen und noch nie so froh darüber. Das Einzige, was mir hier nahe war: die Wärme von Amads Haut, sein Duft nach Wüste und Feuer. Und ein Kuss voller Verrat und Leidenschaft, an den sich mein Mund mit solcher Intensität erinnerte, dass mir heiß wurde.
Ich wusste nicht, warum ich gerade jetzt an die Jagdlektionen denken musste, an die verwundbaren Stellen, die es zu finden oder zu schützen galt. Und hier, im Dunkeln, konnte ich mir eingestehen, was ich vor mir selbst am sorgfältigsten verborgen hatte.
Meine Finger strichen über rauen Mantelstoff, fanden die Stelle, an der der Kragen zusammenfand, schoben sich darunter und berührten Haut. Und dann konnte ich nicht mehr widerstehen, obwohl ich wusste, dass ich diese Sekunden einer fremden Liebenden stahl.
Amads Lippen waren ein wenig rau, aber sie gaben meinem Mund in einer Weichheit nach, die mich schwindelig machte. Ich schloss die Augen und fand hinter meinen Lidern eine andere Art der Dunkelheit – leuchtend wie die Fische im Meer. Es fiel mir so schwer, mich von diesen Lippen zu lösen, dass ich fast übersah, wie sehr ich mich getäuscht hatte.
Er schlief nicht. Seine Hand lag auf meiner Wange, sein Daumen strich sacht über meinen Mundwinkel. Selbst im Dunkeln glaubte ich den Aquamaringlanz seiner Augen zu erkennen. »Canda«, flüsterte er so zärtlich, dass es wie ein Kuss war. Dann zog er mich an sich. Und ich verlor alles: jede Erinnerung, jede Zahl, jeden Namen.
Es war anders, ganz anders als unsere Umarmung auf dem Berg, zart und doch voller Leidenschaft. Wir umschlangen uns wie Ertrinkende, die sich nicht davor fürchteten, immer tiefer zu sinken. Und wir sanken – schwerelos, Haut an Haut, in einem warmen Strom von Licht, das unsere Hände und Lippen auf der Haut des anderen entzündeten. Ich spürte seinen Atem, als wäre es meiner, unseren Herzschlag und unsere Lippen, die sich aneinander festsogen, zärtlich und wild, und so verzweifelt, als könnte diese Wirklichkeit so jäh verglühen wie eine Blume in der Glut. Ich wühlte meine Finger in sein glattes Haar und drängte mich an ihn, spürte seine Hand, die unter meinen Pullover geglitten war. Und dann verharrte die Hand, im selben Moment, als ich meine Lippen von den seinen löste, atemlos, mit pochendem Blut und einer jähen Traurigkeit, die ich erst verstand, als er mich behutsam losließ und sich aufsetzte. Sein Schattenriss ragte neben mir auf. Alles in mir wollte ihn umarmen, aber ich wagte es nicht. Wir waren längst nicht mehr allein. Die Namen kehrten zurück und auch alles andere.
»Ydrinn, ich weiß«, brachte ich mit erstickter Stimme hervor. »Hast du …«
»Hör auf!« Es klang gequält und heiser vor Verzweiflung. Und ja, Juniper hatte recht, ich war eifersüchtig. Schlimmer noch: Ich war eine Diebin mit gierigen gelben Augen, die nichts wieder hergeben wollte, was sie einmal gestohlen hatte. »Du hast meinen Kuss erwidert!«, sagte ich. »Und mehr als das, wir waren wie …« Eine Zweiheit? Es klang falsch, zu sachlich. Eine Flamme, dachte ich, ein Tanz, ein Lied. »Wie … wie kannst du mich so küssen, wenn du eine andere liebst?«
Er holte scharf Luft. »Du liebst Tian, oder nicht? Und trotzdem …«
Wie immer traf er genau die wunde Stelle. Hast du wirklich Liebeskummer, wenn du dich schon dem Nächsten an den Hals wirfst? Und wie kannst du Tian verurteilen, wenn du selbst nicht besser bist? Das hatte Amad nicht gesagt, aber ich bildete mir ein, die Vorwürfe zu hören. Aber vielleicht waren es nur meine eigenen Gedanken. Und trotzdem – unsere Nähe zitterte im Raum noch nach wie eine verklingende Melodie. Nie habe ich Tian so geküsst. Niemals war es … das.
»Liebst du Ydrinn? Ja oder nein, Amad?«
»Ja«, sagte er mit belegter Stimme. »Und du hast mir versprochen, ihr Leben zu retten. Vergiss das niemals, Canda Moreno.«
Das fühlte sich fast so gut an, wie von einem sterbenden Hai unter Wasser gedrückt zu werden. Ich schloss die Augen, weil ich nicht einmal seinen Schattenriss mehr ertragen konnte. »Verschwinde«, flüsterte ich. Ich hörte keinen Schritt, aber als ich die Augen wieder öffnete, war ich allein.
*
Die Soldatenstiefel waren nur ein wenig zu groß, sie trugen mich sicher durch die Nacht und den nächsten Tag, aus dem Gebirge in ein zerklüftetes Land von rauer Schönheit. Ein schwerer, wolkenverhangener Gewitterhimmel drückte auf hagelzerzauste Bäume. Überall schmolz noch das Kristall. Bäche von Schmelzwasser versickerten in Spalten und Furchen. Und das Plätschern vermischte sich mit dem Flüstern meiner Geschwister, das immer lauter wurde und mich Stunde für Stunde weitertrieb. Während ich wie eine Schlafwandlerin der Spur meiner Schwester folgte, spürte ich nur grenzenlose Verwirrung und eine bange Traurigkeit. Noch nie war ich so durcheinander gewesen. Amad war niedergeschlagen, er wich meinem Blick aus, und die Graue blieb dicht bei mir, als hätte sie sich bei diesem Zerwürfnis auf meine Seite geschlagen.
In der Ferne tauchten immer wieder Kolonnen und Lager auf. Rauch stieg am Horizont auf und manchmal trug der Wind Geschützdonner zu uns.
»Welcher Krieg wird hier geführt?«, fragte ich Amad, als wir rasteten.
»Das ist noch kein Krieg, es sind Trainingslager. Hier lernen die Verbannten zu kämpfen. Die Eroberungskriege finden anderswo statt, im Norden und jenseits der Grenzen von Tibris – aber du weißt ja, wer die Ausbilder und Soldaten bezahlt.«
Eine ganze Welt hatte sich verändert, seit ich von zu Hause fortgegangen war. Denn heute war ich nicht stolz darauf, mir die Antwort geben zu können.
Wie oft hatten Tian und ich in der Bibliothek gesessen und die weißen Flächen auf Landkarten mit Vermutungen ausgemalt? Unbekanntes Land, wo keine Handelspartner saßen, keine Verbündeten in Regierungssitzen und keine befreundeten Völker. »Länder, die man nicht kennt, sind wie Bücher, die man noch nicht gelesen hat, und Schatztruhen, die nur darauf warten, geöffnet zu werden.« Das hatte Tian in der Bibliothek gesagt. »Und eines Tages werden wir sie öffnen, mein Stern!« Ich erinnerte mich daran, dass ich ihn in solchen Momenten für das Leuchten seiner Begeisterung besonders geliebt hatte. Aber jetzt fror ich nur vor Unbehagen. Bruder Erinnerung ließ mich auch heute nicht im Stich. Wort für Wort rief er mir ins Gedächtnis, was die Mégana über die Macht Ghans gesagt hatte: »Wir haben die besten Söldner aus allen Ländern, keiner unseres eigenen Blutes muss sein Leben noch für unsere Siege opfern. Herrscher fremder Länder kaufen unseren Rat und Strategien und bezahlen ihr Leben lang in Gold dafür.«
Mein Vater hatte uns Hohe immer Ratgeber genannt. Strategen und Partner für unsere Verbündeten. Die Frau an der Wasserstation in der Wüste hatte ganz andere Worte gefunden: »Sie sitzen nur in ihrer Zitadelle wie Köcherspinnen, die auf ihre Beute lauern. Leid und Kriege werden in den Türmen Ghans geboren!«
Damals, als ich noch eine Hohe war und die Wüstenfrau nur eine Barbarin, hatte ich es als Beleidigung verstanden. Aber jetzt erinnerte ich mich an die Slums, an den alten Arbeiter Kosta und an Manoa, die mit Sklaven und Träumen handelte, als sei das kein Widerspruch, und wunderte mich nicht darüber, wie sehr die einstige Silberstadt Tibris mich an das gestrandete Schiff erinnerte, das Plünderern zum Opfer gefallen war.
Verstohlen musterte ich Amad von der Seite, das scharfe Profil mit der leicht gebogenen Nase, die Haarsträhne, die seinen Wangenbogen nachzeichnete. Sein Atem war klirrend weiß und sein Haar fing sich im Mantelkragen, den er bis zu den Wangen hochgeklappt hatte.
Wie fühlt es sich an, die Uniform des Feindes zu tragen?, dachte ich beklommen.