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Die Kolonne brach vor Sonnenaufgang auf. Aus einer Bodenklappe im untersten Teil der Kirche wurden das Gepäck und Mann für Mann mehr als zehn Meter tief abgeseilt. Die Fesseln schnitten tief unter meinen Armen ein. Mit weichen Knien landete ich auf dem schmalen Vorsprung, nicht einmal breit genug für einen Esel. Im Gänsemarsch setzten wir behutsam einen Schritt vor den anderen, eine Hand am Seil, das am Berg mit Haken an den Stein geschlagen war. Rechts von mir gähnte der Abgrund. Geröll löste sich unter meinen Zehen und fiel echoschlagend ins Tal. Mir brach der Schweiß aus. Juniper, die hinter mir ging, legte mir die Hand auf die Schulter. »Ruhig Blut. Einfach immer nur einen Fuß vor den anderen. Sing von mir aus einen Kinderreim, nur denk nicht an die Tiefe.«

Der Vorsprung führte waagrecht im Bogen um ein Stück Berg herum, dann ging er in einen zerklüfteten Steingarten über. Wie Spinnweben spannten sich Seile über kleine Schluchten. Amad war vorausgelaufen und erwartete die Kolonne bereits an einer Hängebrücke. Das Harpunenbündel, das er für die Fischer getragen hatte, lehnte an der Brücke und Amad kramte noch in seinem Rucksack herum. Was hast du darin? Nur Proviant? Wenn man einmal durch Mauern geblickt hatte, das lernte ich an diesem Morgen, konnte man nie wieder blind sein. Aber noch mehr als das Misstrauen machte mir meine Enttäuschung zu schaffen. Wir waren uns nahegekommen, so nahe, dass ich selbst jetzt seine Umarmung nicht vergessen konnte. Ich hatte ihm vertraut – und völlig vergessen, dass er nicht auf meiner Seite war, sondern immer noch im Auftrag der Méganes handelte.

Abschiedsrufe füllten das Tal, dann begannen die Fischer die schwankende Brücke zu betreten. Sie bestand aus faserigen Seilen und einem Laufsteg aus wetterzerfressenen Holzbrettern. In der Tiefe glitzerte ein Fluss wie ein silbernes Grinsen, das darauf wartete, jeden Fallenden zu verschlingen. Mir wurde das Herz schwer, als die Frauen mich zum letzten Mal umarmten. Amad schulterte seinen Rucksack. Es kostete mich Überwindung, zu ihm zu gehen, aber im Moment hatte ich keine Wahl. Ohne Tians Ruf war ich wieder so orientierungslos wie beim Verlassen der Stadt. Und ich Idiotin erzähle ihm sogar von Tians Verbindung!

Juniper trat zu uns. »Zu schade, dass sich unsere Wege trennen. Ich hätte gerne mit dir getanzt, Amad.«

»Und ich mit dir«, erwiderte Amad mit einem Lächeln, das mich traf wie ein Stich. Er winkte Enou und Perem zu und ging voraus, fort von der Brücke, bergauf nach Süden. Ich packte die Graue am Nackenfell, damit sie ihm nicht hinterherrannte. Es war wohl zu fest, der Hund jaulte auf.

»Ist schon komisch, Schöne«, bemerkte Juniper mit einem Augenzwinkern. »Es gibt viele Arten, auf jemanden wütend zu sein, aber nur eine, die eindeutig nicht für Brüder reserviert ist.«

Wenn du wüsstest, dachte ich niedergeschlagen.

»Viel Erfolg bei der Jagd«, erwiderte ich ebenso vielsagend. »Was auch immer du an Land ziehst.«

Juniper lachte so schallend, dass das Echo im Tal widerhallte. »Schon verstanden. Wenn ich die Nase noch einmal in deine Angelegenheiten stecke, beißt du sie mir ab.« Jetzt musste ich trotz allem lächeln. Ich erwiderte ihre Umarmung aus ganzem Herzen, obwohl ich am liebsten geweint hätte beim Gedanken, sie nie wiederzusehen.

»Wenn dir mal wieder jemand eine Windsbraut auf den Hals schickt, helfe ich dir gerne aus der Patsche«, rief sie mir im Weggehen zu. »Falls mich bis dahin nicht der Hai frisst.«

*

Schweigend kämpften Amad und ich uns bergauf, im Bogen zurück zu den Plateaus, über die wir zurück auf den Talweg nach Süden kommen würden. Jeder Schritt fühlte sich falsch an, aber im Augenblick blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Das Geröll trug uns immer wieder ein Stück talabwärts, als würden wir über ein gekörntes Tuch laufen, das jemand in Richtung Tal zog.

»Noch zehn Meter bis zum nächsten Plateau«, rief Amad mir über die Schulter zu. Im selben Moment rutschte der Boden unter mir weg, ich landete auf Knien und Händen, Staub brachte mich zum Husten. Ich fand keinen Halt mehr und riss die Graue mit. Amad streifte den Rucksack ab, riss ein Seil heraus, überall klapperten und klackten die Steine. Meine Handflächen brannten, aber kurz bevor Amad mich erreichte, gelang es mir, einen Fuß gegen einen kleinen Felsen zu stemmen, der wie ein Zahn aus dem Grau ragte. Ich fing das Seil auf, das Amad mir zuwarf. Im Schlepptau ließ ich mich nach oben ziehen. Die Hündin kämpfte an meiner Seite und ich half ihr, so gut es ging, mit einer Hand. Oben fiel der Rucksack um und rutschte uns ein Stück entgegen. Geröll sprang uns an, und ich ließ die Graue für einen Moment los, um mein Gesicht mit dem Arm zu schützen. Als ich mich das nächste Mal nach ihr umsah, rutschte sie unter dem Steingetrommel an einer besonders steilen Stelle wieder bergab. Im ersten Impuls wollte ich meinen sicheren Stand aufgeben und ihr folgen, aber dann begriff ich, dass es eine Chance war. Vielleicht die einzige. »Amad?«, rief ich. »Kannst du sie holen? Ich rutsche sonst ab.«

Amad fluchte, aber er machte sich noch einmal auf den Weg.

So schnell ich konnte, kroch ich zum Rucksack und durchsuchte ihn mit fieberhafter Hast. Ich erfühlte Seile, Proviant, einige kleine Holzkisten und eine kleine bauchige Flasche, die mit Fischleder bezogen war, eindeutig ein Geschenk der Fischer. Aber erst als ich sie fand, wusste ich, wonach ich gesucht hatte. Drei Zweige. Amad hatte sie mit Draht umwickelt, damit das Haar sich nicht lösen konnte. Die Berührung des Haars brachte die Verbindung zu Tian wieder zurück: ein Funkenschlag in meiner Seele. Amad mochte Tians Spur tatsächlich wittern wie ein Jagdhund. Ich dagegen fühlte sie: als Zupfen an meiner Seele mit sehnenden, verzweifelten Fingern. Sie führte nach Westen.

»Glaubst du, ich führe dich nach Süden, wenn er genau vor unserer Nase abgebogen wäre?«

Amads Beteuerungen echoten wie höhnischer Steinschlag. Nicht einmal von meinen Eltern hatte ich mich so verraten gefühlt.

»Du lässt dich verwirren und verlierst deinen Weg aus den Augen.«

»Glaube deinen Träumen kein Wort. Sie sind die Lügen, die die Nacht dir ins Ohr flüstert.«

»Der Lügner bist du, Amad«, flüsterte ich.

Jetzt bekam alles einen ganz neuen Sinn. Die Tatsache, dass Amad in der Wüste versucht hatte, mich zum Aufgeben zu bringen. Seine nächtliche Abwesenheit und seine ständige Spurensuche. Aber Spuren war es nicht, wonach er Ausschau gehalten hatte, sondern Hilferufe und Wegzeichen von Tian. Er hatte sie gefunden und vor mir versteckt. Aber warum führt er mich absichtlich in die falsche Richtung?

Mit grausamer Logik fügte sich der letzte Mosaikstein zum Bild. Vielleicht war ich nicht die Einzige, die ein falsches Spiel mit der Mégana spielte. Gestern, als ich Amad das Fresko des Mädchens beschrieben hatte, blondes Haar und grüne Augen, war tatsächlich ein Schatten auf sein Gesicht gefallen. Seine Geliebte gehört zu den Entführern. Er will sie entwischen lassen. Oder … die Angst verschlug mir endgültig den Atem … hat er selbst etwas mit der Entführung zu tun? Bin ich Teil eines ganz anderen Spiels?

Ich warf Tians Zeichen zurück in den Rucksack, als hätte ich mich daran verbrannt, und kroch weg, Sekunden bevor Amad zu mir hochblickte.

Die Zeit verschwamm, denn im nächsten Moment leckte die Graue über meine Hände und Amad ließ sich neben mich ins Geröll fallen und klopfte sich den Staub von der Kleidung. »Irre ich mich oder ist das immer noch dein Hund?«, sagte er verärgert. »Das nächste Mal darfst du ihn selbst den Berg hochzerren.«

Ich hätte lügen müssen, meinen Schock überspielen, aber ich brachte kein Wort heraus. Jeder Luftzug schmeckte wie Staub und Galle, und ich hasste mich dafür, dass mir plötzlich die Tränen über das Gesicht liefen.

»Canda?« Für die Sorge in seiner Miene hätte ich ihm den Dolch mitten ins Herz stoßen können.

»Mein … Fuß. Verstaucht.« Meine Stimme war nur ein Krächzen. Ich beugte mich nach vorne und tastete meinen Knöchel ab, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

»Ist etwas gebrochen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Komm, ich bringe dich hoch zum Plateau, da kannst du dich ausruhen.« Er legte den Arm um meine Taille und zog mich hoch. Seine Nähe war, als würde ich versengt. Aber während ich auf die Beine kam und hoffte, dass er auf mein vorgetäuschtes Humpeln hereinfallen würde, geschah etwas Seltsames mit mir. Es war, als würde ich mit jedem Schritt, den ich auf das Plateau zuging, eine alte Haut abstreifen wie eine Schlange. Eine kalte, gefährliche Ruhe ergriff mich.

Denk nach, befahl ich mir. Zu den Entführern kann er nicht gehören, das hätten die Méganes herausgefunden. Viel wahrscheinlicher war, dass er nichts davon wusste und dass die Mégana ihn sehr bewusst ausgewählt hatte. Sie war eine kluge Frau, die wusste, dass Liebende zu allem fähig waren – und verratene Liebende noch mehr. Was hatte er vor einigen Tagen gesagt? Dass ich mein Blut ebenso verpfändet hatte wie er. Musste er der Mégana mit seinem Blut versprechen, seine blonde Geliebte zu töten? Ich konnte mir vorstellen, wie das Angebot lautete: Wenn er sie für ihr Verbrechen tötete, blieben ihr die Folter und ein weitaus langsamerer Tod erspart. Aber offenbar hatte die Herrscherin unterschätzt, wie stark die Liebe eines Sklaven sein konnte.

Ich kannte die Logik meiner Stadt nur zu gut: Fliehen und mich zurücklassen konnte er nicht, die Méganes ließen niemanden ohne Pfand gehen. Vermutlich hatten sie Menschen, die ihm wichtig waren, gefangen genommen. Und wenn er nicht zurückkehrte, bedeutete das für sie einen grausamen Tod. Kehrte Amad nach vergeblicher Suche ohne Tian zurück, nur mit mir, dann würde er zwar sterben, aber seine blonde Schönheit könnte entkommen.

Zu dem Preis, dass ich Tian dadurch verliere.

»Nimm den Dolch und töte ihn«, flüsterte der Wind. »Er hat es verdient. Niemand betrügt eine Moreno. Niemand nimmt ihr alles, was sie je liebte!«

Amad ließ mich auf den Boden der Plateaustufe gleiten und holte den Rucksack. Ich packte einen Stein, überlegte es mir aber anders. Es war zu gefährlich, ihn niederzuschlagen. Er war stärker und schneller. Ich hatte ihn gegen die Kreaturen kämpfen sehen. Und außerdem sträubte sich trotz allem alles in mir, ihn wirklich zu verletzen. Nein, dank meiner Grauen hatte ich ein besseres Mittel. Bithrium. Gift der Sandnatter. Wie hatte es bei Jenns Verhör geheißen? »Nimmt man zu viel davon, erwacht man erst nach zwei Tagen wieder.«

»Gibst du mir bitte das Wasser?«, fragte ich. »Ich habe Durst.«

Amad kam mit dem Rucksack zurück und reichte mir die Flasche. Dann beugte er sich über den Rucksack und kramte darin herum. Rasch leerte ich fast die ganze Flasche im Geröll aus, nur einen Schluck ließ ich darin.

»Was hast du da an deinen Handgelenken?«, fragte ich.

»Die alten Narben? Die stammen aus einem Kampf im Krieg. Tja, und diese Bisswunde – das warst du.«

»Das meine ich nicht, ich meine die neuen Kratzer. Sie sind doch höchstens zwei Tage alt.«

Schlangenhaut klebte an meinen Fingern. Das Viperngift war silbrig und trüb. Ich drückte die Giftdrüse aus und ließ den Zahn unauffällig zwischen die Steine fallen.

Amad zuckte mit den Schultern. »Dornengestrüpp.«

Erstaunlich, dass er diesmal nicht log. Tian hatte seine Zeichen in Dornbüschen versteckt. Amad drehte sich um und reichte mir eine Lederbandage. »Hier, damit müsste es gehen. Hast du Schmerzen?«

Ich wischte mir mit der Hand über den Mund, als hätte ich eben getrunken, und schüttelte den Kopf. »Nur wenn ich auftrete.«

Ich drückte ihm die Flasche in die Hand und achtete darauf, dass sich unsere Finger dabei wie zufällig etwas zu lange berührten. Mit deinen Waffen kann ich auch kämpfen, dachte ich. »Ich wollte es nicht wahrhaben, aber du hattest recht.« Mein Lächeln gelang mir erstaunlich gut. »Ich habe mich von meiner Liebe und meiner Sehnsucht verwirren lassen. Ohne dich würde ich Tian niemals finden.«

Es war eine Genugtuung, zu sehen, dass er schlucken musste. Doch noch einen Rest von Gewissen, Bluthund? Und wie erhofft, rettete er sich vor einer Antwort, indem er die Flasche an die Lippen setzte und den letzten Schluck nahm. Jetzt musste ich nur noch warten, bis das Gift wirkte.

Aber dann wurde mir klar, dass ich ihn unterschätzt hatte. Er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, er zog die Brauen zusammen und sah die Flasche an. Panik flatterte in mir hoch. Wenn er es jetzt durchschaute, hatte er noch genug Zeit, mich niederzuschlagen und zu fesseln. Und wenn er begreift, dass ich ihn durchschaut habe, wird er mich vielleicht trotz allem töten.

Er wandte sich mir zu. Verwirre ihn!, schrie es in mir. Lenk ihn ab, gewinne Zeit, egal wie. Es war nur noch ein Wimpernschlag vom Ahnen zum Begreifen. Aber diese Zeit gab ich ihm nicht. Ich umfasste sein Gesicht mit den Händen – und küsste ihn. Er holte überrascht Luft und erstarrte. Die Flasche fiel klappernd auf den Fels. Was tue ich da? Das wird nicht funktionieren.

Aber dann war ich es, die völlig überrumpelt war. Amad zog mich an sich und erwiderte meinen Kuss mit einer Leidenschaft und Verzweiflung, die mir den Atem nahm. Es war nicht der besitzergreifende Kuss des Rabenmannes aus dem Traum – und auch nicht Tians Weichheit. Meine Panik zerstob und etwas anderes riss mich davon, kalt und heiß zugleich. Plötzlich gab es nur noch seine Lippen, kühl und rau. Sie schmeckten nach Wüstenwind und Sonne und unter meinen Fingern spürte ich die Bögen seiner Wangen. Dann wurden seine Arme in einem Atemzug schwer, der Griff um meinen Körper lockerte sich. Unsere Lippen lösten sich, er holte mühsam Luft. In seinen Augen glomm die hilflose Wut eines Raubtiers, das begriff, in eine Falle gelaufen zu sein. »Du … du hast …« Aber es war zu spät. Sein Körper verlor jede Spannung, er sank in sich zusammen und glitt mir aus den Armen. Ich ließ ihn los und sprang keuchend auf. Ich schmeckte noch seinen Mund, die Glut seines Kusses – und die raue Kühle seiner Lippen. Ich versuchte den Hass wiederzufinden, aber ich war nur völlig durcheinander und so benommen, dass ich beim Zurückweichen stolperte und fiel. Das Bithriumgift, redete ich mir ein. Es muss noch etwas an seinen Lippen gewesen sein. Schutzlos lag er vor mir auf dem Fels, den Kopf zur Seite gedreht, in seiner Miene noch der bittere Abglanz des Verstehens. Ich hätte triumphieren müssen, aber dieser Sieg schmeckte nur nach Asche und Verrat. Ja, ich war zornig, dass er mich hintergangen hatte. Sogar zornig darüber, dass er meinen Kuss erwidert hatte – natürlich nur, um meine Stimmen zu vertreiben. Und ich war unendlich wütend und enttäuscht, dass er bereit war, mich und Tian für eine Frau zu opfern. Aber gleichzeitig verstand ein Teil von mir nur zu gut, wozu man fähig war, wenn man liebte. Und da war noch etwas. Trotz allem, was vorgefallen war, war ich traurig.

»Töte ihn endlich«, raunte es direkt in meinem Ohr. »Es ist so einfach: Stich ihm den Dolch ins Herz oder stoße ihn in den Abgrund.« Eine Sekunde fühlte es sich tatsächlich so an, als wären es noch meine eigenen Gedanken. Aber dann schüttelte ich den Kopf.

»Haltet verdammt noch mal endlich die Klappe«, zischte ich den Schatten der toten Wächter zu.