Amad war schon dabei, die Pferde zu satteln, als ich ihn morgens fand. Er sah mich nicht an, während er den Sattelgurt meines Reittieres festzog. Ich schluckte und stieg ebenso schweigend auf. Heute erschien er mir fremder denn je.
In der Nacht hatte ich nicht mehr gewagt, einzuschlafen. Immer noch konnte ich mir keinen Reim auf unser Gespräch machen. Es blieb nur das unbehagliche Gefühl, dass die Malereien in der Höhle mehr über die Morenos erzählten, als ich in der Stadt gelernt hatte. Und dass Amad mehr darüber weiß, als er mir sagt.
Unser Weg aus der Schlucht führte über einen steilen Pfad zu den Kronen der Klippen. Bald ritten wir in Sichtweite gezackter Schluchtenränder auf felsigen, leicht abfallenden Ebenen in Richtung Südwesten. Amad suchte wie immer die Umgebung ab, als würde er nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau halten. Ich entdeckte nichts Ungewöhnliches – nur erstaunlich geometrische Formationen roter Nadelfelsen rechts von uns. Niemandsland, dachte ich bedrückt. Das nur zu neuen Abgründen führt.
»Bist du sicher, dass Tian hier entlanggegangen ist?«
Amad gab mir keine Antwort.
»Haben dir deine Albträume heute die Sprache verschlagen? Sag mir, wohin wir gehen!«
Ein düsterer Blick traf mich. »Erst einmal noch eine halbe Meile zur Falkenschlucht, dort gibt es Wasser. Es ist nur ein Rinnsal, vor Urzeiten war es ein Wasserfall. Aber es reicht, um die Pferde zu tränken.«
»Und dann?«
»Wohin die Fährte führt: In einer Meile strikt nach Süden. Es gibt einen Serpentinenweg, der uns zu den Ausläufern der Kreideberge führt. Und von dort reiten wir in die Wälder.«
Amad verlagerte nur ein wenig sein Gewicht und sein Pferd trabte los. Als ob er vor mir wegläuft, dachte ich grimmig. Nun, so einfach würde ich es ihm nicht machen. Aber es war wie verhext: Mein Pferd gehorchte mir nicht, als würde es einem anderen stummen Befehl gehorchen. Es stellte sich stur und wich nach links aus – dorthin, wo eben noch Amad an meiner Seite geritten war. Dornige Äste streiften mein Knie, Gestrüpp, das sich an einen mannshohen Findling klammerte. Ich wollte das Tier schon verärgert antreiben, als ich stutzte. Plötzlich war mein Mund noch trockener und meine Hände krampften sich um die Zügel.
Auf den ersten Blick hätte man die schimmernden Fäden für ein Bündel von Spinnweben in den Zweigen halten können, aber ich begriff sofort, dass ich nicht die Einzige war, die sich geweigert hatte, sich das lange Haar für einen Wüstenmarsch abzuschneiden. Also doch?, schoss es mir durch den Kopf. Die Frau gehört zu den Entführern?
Wie hatte der Alte die Reisende beschrieben? Strahlend wie die Sonne selbst. Fast konnte ich sie sehen wie eine flirrende Fata Morgana in der heißen Luft: eine Schönheit mit weißer Lilienhaut und, wie ich jetzt wusste, lichtblondem Haar. Lachend ritt sie hier vorbei, auf dem Pferd, das die Hirtenbrüder ihr überlassen hatten, der Wind spielte mit den Strähnen; eine streifte die Zweige. Aber nein, das Bild des Zufalls stimmte nicht: Die Strähne war um einen abgebrochenen Zweig geknotet worden – zusammen mit einer kürzeren Locke von ganz anderer Farbe. Kupferrot! Ganz von selbst entfachte sich das Lächeln in meinem Gesicht, schoss das Blut in meine Wangen. Meine Fingerspitzen kribbelten, als ich das Ästchen aus dem Gestrüpp fischte. Die Berührung von Tians Haar weckte in mir ein Echo, dann überspülte die Vertrautheit jäh jeden Teil von mir, verband mich mit dem zweiten Teil meiner Seele. Das rote, pulsierende Glühen füllte mich aus und brachte mich zum Strahlen, durchströmte mich wie eine Welle aus Lava, die nicht verbrannte, nur wärmte. Erst jetzt spürte ich, wie leer ich gewesen war. Der Wind wurde zu Tians Umarmung, seinem Duft nach Meer und Weite, zu seiner Stimme, die mir ins Ohr raunte. Folge mir, mein Stern! Als ich die Augen schloss, stand mein Geliebter vor mir: geschunden und schwach, aber immer noch entschlossen genug, um mir eine Nachricht zu hinterlassen, eine Spur aus Gold und Kupfer, die mir sagte, wohin seine Entführer ihn brachten. Die Entführer, zu denen ein blondes Mädchen mit lilienweißer Haut gehört.
*
Meine Wangen waren heiß, mein Herz raste immer noch, als ich zu Amad aufgeholt hatte. Den Zweig barg ich in meiner Hand. Ich wagte nicht, Amad anzusehen, aus Angst, mich zu verraten, als würde ich noch von einem verbotenen Kuss glühen. Aber nach einer Weile befühlte ich verstohlen den Fund. Das blonde Haar hatte eine ganz andere Struktur als das von Tian. Es war fein und so glatt, dass der Haarknoten fast von selbst aufging.
Die Pferde legten die Ohren an und duckten sich vor dem Wind, der immer stärker wurde. Amad beobachtete die Staubwirbel, bizarre Tänzerinnen, die der Wind über die schräge Ebene wehte. Links trudelte ein Falke in einem Fallwind über der Schlucht und fing sich nur mit Mühe wieder. Noch bevor ich Amad fluchen hörte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ich streifte das Haar vom Zweig, ließ das Stückchen Holz hastig fallen und wollte meinen Fund einstecken. Aber dazu kam ich nicht mehr. Eine Windfaust beförderte mich fast aus dem Sattel. Mein Pferd machte einen Satz, warf den Kopf panisch hoch und zerrte an den Zügeln. Die Graue prallte gegen mich und sprang – und das Haarbündel rutschte aus meiner Hand. Gold- und Kupferfäden vermischten sich mit flatterndem Mähnenhaar und trudelten einzeln in der Luft davon.
Die Pferde tänzelten, gingen seitwärts. Mühsam rang ich nach Luft und bekam keine. Noch nie hatte ich einen solchen seltsamen Sturm erlebt. Als hätte sich alles umgekehrt, sogen Windwirbel alle Luft aus meiner Lunge, der Druck in meinen Ohren wurde unerträglich und ließ mich alles nur noch wie durch Watte hören. Amad packte meine Zügel, zwang beide Pferde umzukehren und trieb sie zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Knie an Knie preschten wir dahin. Mähnenhaar schnitt in meine Finger. Nur aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie Amad den Rucksack nach vorne riss und etwas daraus hervorzerrte. Ich erschrak, als im nächsten Moment ein Seil um mein Handgelenk lag, eine Doppelschlinge, die er mit einem Ruck festzurrte. Bevor ich reagieren konnte, ließ Amad meine Zügel los und verdoppelte sein Tempo. Er ließ mich zurück und hetzte sein Pferd in gestrecktem Galopp auf die roten Felsnadeln zu, die wir vor einer Weile hinter uns gelassen hatten. Kurz vor den Felsen sprang er noch im Lauf vom Pferd und rettete sich mit dem losen Seilende zwischen die Felsnadeln. In letzter Sekunde: Der Himmel hörte auf, nur Atem zu holen und begann zu brüllen. Entwurzelte Sträucher fegten über die Ebene. Eine Wand aus Luft traf mich von der Seite mit einer Wucht, die mein Pferd von den Beinen holte und mich aus dem Sattel schlug. Der Aufprall war hart, ich überschlug mich, aber ich spürte mein eigenes Gewicht kaum. Wind kroch unter mich, hob mich an. Kaum vierzig Schritte hinter mir gähnte ein Abgrund, und ich rutschte auf ihn zu wie eine Feder, die jemand über einen Tischrand pusten wollte. Ich schrie, ohne dass ich mich selbst hörte. Dann ruckte das Seil, schnitt in mein Handgelenk und hielt mich, ein lächerlich dünnes Band zwischen mir und dem Tod. Mein Pferd hatte weniger Glück. Voller Entsetzen musste ich mitansehen, wie es versuchte, auf die Beine zu kommen und sein linkes Vorderbein dabei nur schlimmer in den Zügeln verhedderte. Es stürzte wieder, kam voller Panik halb hoch, wurde vom Wind gefällt und davongetrieben wie ein Spielball – bis es von einer letzten gewaltigen Sturmbö über die Kante gerissen wurde. Das Letzte, was ich von ihm sah, war ein Hinterhuf, der verzweifelt in die Luft schlug. Mein Seil ruckte, zog mich, Fels schrappte über meine Knie. Und endlich begann ich zu kämpfen. Roter, bitterer Sand füllte meinen Mund und brachte mich zum Husten. Halb blind ließ ich mich weiterziehen, kroch weiter, stemmte Zehen und Knie gegen die Felsfalten des Bodens. Im wirbelnden Sand konnte ich das Seil erkennen, das Amad an einem Felsen befestigt hatte, seine Beine, die er gegen Stein stemmte, sein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht, als er mich Hand über Hand heranzog.
Mit einem letzten Ruck entriss er mich der Windfaust. Wir schlugen beide lang hin und krochen zwischen die Felsen. »Weiter! Bleib dicht am Boden!« Obwohl Amad mir ins Ohr schrie, klang er körperlos. Der Himmel hatte sich verdunkelt wie bei einer Sonnenfinsternis. Irgendwo im Halbdunkel sah ich voller Erleichterung die goldenen Augen der Grauen aufleuchten, wie in einem Stummfilm bellte sie lautlos im Tosen des Sturms. Auf Knien und Ellenbogen robbte ich zwischen die Felsen, in ein erstaunlich geometrisches Labyrinth.
Der Sturmwind drehte abrupt. Wie ein Raubtier, das unsere Spur wieder aufgenommen hatte, drängte er nun mit voller Wucht zwischen die Felsnadeln.
Mein Arm rutschte ins Leere. Entsetzt fing ich mich und krallte mich in die Steinkante unter meinem Schlüsselbein. Unter mir: senkrechter Abgrund. Mir wurde schwindelig und übel vor Entsetzen. Durch Wolken, die wie verirrte Geister mindestens dreißig Meter unter mir trieben, erahnte ich Ebenen und Hügel, die mit blassgrünem Moos bewachsen waren – nur dass das Moos Bäume waren. Wir haben keine Chance mehr, schrie es in meinem Kopf. Verzweifelt versuchte ich zurückzukriechen – aber der Wind schob mich unbarmherzig auf den Abgrund zu. Es war Amad, der mich am Gürtel packte und zurückhielt.
Er stemmte sich mit dem Rücken gegen eine Felsnadel, um die Taille ein Seil, und zog mit der freien Hand etwas aus dem Rucksack. Einen metallisch glänzenden Zylinder mit einem Lederband am Ende, das er mit den Zähnen abriss. Es roch scharf nach Verbranntem, Funken trafen wie Nadelstiche meine Haut. Amad schleuderte den Zylinder über mich hinweg in den Abgrund, dann warf er sich über mich und drückte mich zu Boden, schützte meinen Kopf mit seinen Armen. An meiner Schläfe konnte ich seinen Atem fühlen, erstaunlich ruhig, als würde die Gefahr sein Blut kühl werden lassen. Durch das Tosen hörte ich einen scharfen Knall, unter mir gab es einen Ruck, als würde der Fels selbst sich aufbäumen. Sprengstoff? Aber was …
Dann holte der Wind zum letzten Schlag aus – die Graue wurde neben uns über die Kante gefegt und verschwand, als hätte jemand sie weggeschnippt. Ich konnte nicht einmal schreien. Wie eine Katze krallte ich mich an Amads Arm fest. Schmerzhaft drückte sich die Felskante in meine Rippen – rieb Sand auf meiner Haut. Amads Gewicht schob mich weiter, unaufhaltsam. Ein letzter Windstoß, ein Kippen – und alles kehrte sich um. Der Sog der Tiefe riss uns steil nach unten. Keine Luft mehr in der Lunge, kein Halt. Meine Füße schlugen verzweifelt ins Nichts, als gäbe es immer noch eine Chance, Halt zu finden. Fels und Himmel wechselten rasend schnell wie Blitzlichtaufnahmen. Zehntelsekunden Ewigkeiten, während meine Gedanken sich überschlugen. Wie lange werde ich fallen? Werde ich den Aufprall spüren? Bitte lass mich nicht leiden, bitte …
Ein Ruck ließ mich aufkeuchen. Amads Arme lagen wie Eisenklammern um meinen Körper. Benommen rang ich nach Atem. Wir fielen nicht mehr! Die Zeit hatte angehalten, wir waren in der Luft erstarrt, nein, wir hingen – an Amads dünnem Seil über der Unendlichkeit und drehten uns. Über uns kreiselte der Sturmhimmel.
»Lass mich los!«, schrie Amad mir zu.
»Nein!« Mein Schrei gellte so schrill wie ein Falkenruf in der Schlucht.
Amad lockerte seinen Griff! Ich sackte nach unten, mein Bauch ein einziger kochender See aus Entsetzen. »Bist du verrückt?«, kreischte ich.
Amad griff mit einer Hand zu dem Rucksack, zog ihn von seiner rechten Schulter herunter und warf ihn in die Tiefe. Und dann … ließ er mich ganz los!
Ich sackte noch tiefer, klammerte mich an ihn, umschlang seine Beine mit meinen. Unter mir gähnte das Tal wie ein gieriger Schlund.
»Spring endlich!«, brüllte er. »Vertrau mir!«
Lieber sterbe ich, schrie eine panische Stimme in meinem Kopf. Ach nein: Ich sterbe ja sowieso!
Amad fluchte, zückte sein Messer und – kappte das Seil über seinem Kopf, das uns beide hielt, mit einem entschiedenen Ruck.
Mein Schrei schien zurückzubleiben, während die Zeit weiterraste und einen Schwarm elektrischer Motten in meinem Bauch aufscheuchte. Ich presste die Lider zusammen. Das war’s – wie viele Sekunden falle ich? Wie viele Sekunden dauert der Schmerz, wie viele …
Etwas krachte, ein Ruck brachte uns ins Trudeln wie Stoffpuppen im Orkan. Und dann: ein anderes, dunkleres Rot hinter meinen Lidern, Amad, der mich noch im Fallen grob von sich stieß, schwebende Ewigkeiten in kompletter Orientierungslosigkeit und dann: ein mörderischer Aufschlag, der meinen Körper zusammendrückte, als wäre ich viermal so schwer. Sinken und Zurückfedern in einer Staubwolke, die nach Fischgräten und Salz roch und fernes Winseln, das in meinem Kopf zu absoluter Stille verhallte.
*
Eine kalte Hand strich über meine Stirn. Also bin ich nicht tot?, dachte ich benommen. Irgendwo über mir heulte der Sturm noch mit derselben Wut, aber hier war es windstill. Meine Finger waren verhakt in dicke Schnüre und immer noch roch es nach fauligem Trockenfisch. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Über mir war ein Auge aus Sturm und schwarzen Wolken. Umrahmt wurde es von verstaubten Mosaiken, die geometrischen Muster konnte man noch erahnen, Rauten und Kreise. Ein Kuppeldach? Aber da war kein Gebäude …
Doch es gab keinen Zweifel: Über mir gähnte ein Sprengloch. Und fünf Meter über diesem Loch schwang das abgeschnittene Seilende im Wind und schlug gegen Felsen. Komischerweise rieselte kein Staub durch die Öffnung, fegte kein Wind hindurch. Als sei der Sturm tatsächlich ein Raubtier, das da oben immer noch unsere Fährte sucht. Aber wohin haben wir uns geflüchtet? Mein Herz raste, aber alles in mir war so taub und fremd, als wäre ich gar nicht in meinem Körper. Benommen wandte ich den Kopf. Amad kniete neben mir, jetzt zog er die Hand zurück, als hätte ich ihn ertappt. Neue Kratzer an seinem Unterarm?, dachte ich verwundert. Nicht von mir. So dünne Krallen habe ich nicht. Von mir stammen die Abdrücke der Fingernägel.
»Nichts gebrochen?«, fragte er heiser.
Mir wurde schwindelig, als ich mich benommen aufsetzte. Kein Knochen schien am richtigen Platz zu sein, aber ich konnte mich bewegen.
»Nein.« Es war, als würde jemand anderes mit meiner Stimme sprechen, während ich neben mir stand und mich selbst beobachtete. Schock, dachte ich. Nur der Schock. Werde nicht ohnmächtig!
»Glück gehabt.« Amad sah zu dem Loch hoch, fluchte wieder in seiner fremden Sprache und stand auf.
Ich setzte mich auf. »He! Moment! Wo sind wir hier? Wo kommt das alles her? Da war doch nur der Abgrund.«
Amad wandte sich wieder zu mir um. Die Graue humpelte schwanzwedelnd auf ihn zu und er streichelte ihr den Kopf. Seine Hand zitterte ein wenig. Jetzt erst fiel mir auf, dass er aschgrau im Gesicht war. »Manchmal ist das, was man sieht, nicht die einzige Wirklichkeit«, murmelte er dann.
Das kann nicht sein. Ich falle noch. Ich träume.
Andererseits: Die Kühle in diesem Raum war sehr real, und auch der Berg von … Fischernetzen? Blinzelnd sah ich mich um. Vor langer Zeit war der Raum sicher ein Festsaal gewesen, aus den Wänden ragten verrostete Halterungen für unzählige Kerzenleuchter. Aber heute wurde er wohl nur noch als Lagerraum genutzt. In der Ecke reihten sich Taschen und Rucksäcke und an der Wand lehnten Waffen – Stöcke mit Spitzen und Widerhaken am oberen Ende.
Der Boden schien unter mir zu schwanken, als ich vom Netzberg kroch. »Setz dich lieber wieder hin und atme erst einmal durch«, sagte Amad besorgt. Er wollte mich am Arm fassen, aber ich wehrte ihn mit einem groben Schlag ab und kam auf die Beine. »Du sagst mir nie wieder, was ich zu tun habe!«, stieß ich hervor. »Du verfluchter Lügner! Du hast mich einfach losgelassen!«
Er nickte ernst. »Manchmal muss man jemanden fallen lassen, um ihn aufzufangen.«
»Soll ich jetzt lachen?«
Er schluckte schwer und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er mit dem Anflug von Sanftheit, der die Nacht wieder zu mir brachte. »Wir hatten nur keine Sekunde länger Zeit, und ich wollte, dass du als Erste fällst. Der Netzberg hätte dich allein weicher aufgefangen als mit meinem Gewicht. Wir hatten Glück, dass er höher war, als er von oben aussah, aber wir hätten uns zusammen das Genick brechen können.«
Ich machte ein paar schwankende Schritte und streckte die Hand nach einer der langen Hakenstangen aus, die sich an der Wand reihten. Aus irgendeinem Grund musste ich mich vergewissern, dass sie real waren.
»Finger weg!«, donnerte eine raue, sehr dunkle Stimme. Ich zuckte zurück. Ein Kerl mit schwarzem Bart und ebenso buschigen Brauen kam mit großen Schritten auf uns zu. Er trug eine abgeschabte und an den Taschen ausgebeulte Weste und Hosen aus verschlissenem Leder. Im Gehen entsicherte er ein Schrotgewehr und riss es hoch. »Weg von unseren Harpunen, ihr Diebe, na los!«
Ich musste noch im Schock sein, die Zeit rutschte mir wieder weg. Ich erinnerte mich nicht daran, dass Amad einen Schritt vor mich gemacht hatte. Aber nun stand er mit dem Rücken zu mir. Der Rucksack mit den Waffen lag irgendwo im Raum, aber sein Revolver steckte hinten in seinem Gürtel. Der Bärtige blieb vor uns stehen. Scharfer Tabakgeruch strömte von ihm aus. »Was habt ihr hier zu suchen!«
Ich hätte Angst haben sollen, aber es war, als hätte ich dieses Gefühl bei meinem Sturz verloren. Mir war nur schwindelig und ich hörte alles wie durch Watte. Immer noch schien der Abgrund unter mir zu klaffen, sah ich mein Pferd fallen, fühlte den Sog, der mich nach unten riss.
»Ich bin Amad. Und das ist meine Schwester. Sie … spricht nicht viel. Wir kommen aus Tamrar, Wüstengebiet. Dort herrscht Dürre, unser ganzes Vieh ist verdurstet, es gibt für Monate kein Wasser für Mensch und Tier. Deshalb mussten wir das Dorf verlassen und sind unterwegs nach Süden. Wir wollen es als Saisonarbeiter in den Perlfabriken versuchen.«
»Da seid ihr aber genau auf dem falschen Weg.« Hinter dem Bärtigen kamen noch zwei Männer in den Raum und blickten mit offenen Mündern zu dem Loch in der Decke und dann zu uns.
»Ja, völlig falscher Weg«, bestätigte Amad. »Wir sind schon nach Süden abgebogen, aber dann kam der Sturm und hätte uns fast umgebracht. Uns blieb nichts anderes übrig, als nach Westen zu fliehen. Und … naja, eure Netze haben uns das Leben gerettet.«
»Hungerleider, die unser Lager in Trümmer legen«, sagte einer der anderen Kerle abfällig. »Na danke! Schmeißen wir sie raus, bevor sie hier noch mehr Schaden anrichten.«
Der dritte Mann musterte uns grimmig. »Von da oben kommt ihr? Aus den Geisterbergen? Das ist doch ’ne Lüge. Kein Mensch kann lebendig durch das Dämonenland spazieren!«
Der Bärtige spuckte einen Batzen Kautabak auf den Boden, ohne das Gewehr zu senken. »Es sei denn, sie sind selber Dämonen«, knurrte er. Unwillkürlich drängte ich mich näher zu Amad. Diesmal war ich mir ganz sicher: Es waren die zwei Schatten, die mich verfolgten, seit wir die Stadt verlassen hatten. Sie waren fast durchsichtig und flüchtig wie schwarzer Rauch und niemand außer mir schien sie zu sehen. Nun beugten sie sich zu dem Bärtigen, als würden sie ihm etwas ins Ohr flüstern. Er bekam schmale Augen, ein kaltes Licht entzündete sich darin. »Werden wir ja sehen«, murmelte er. »Dämonen bluten nicht.« Sein Finger rutschte zum Abzug – genau in dem Moment, in dem Amad zur Waffe griff. Immer noch war ich zu benommen, um die Gefahr wirklich zu spüren. Ich sah nur wie in einem Film vor mir, was gleich geschehen würde: wie Amad seinen Revolver nach vorne riss und schneller abfeuerte als der Bärtige seine Waffe. Wie der Schuss aus dem Gewehr ins Leere ging, während der Mann nach hinten geschleudert wurde, sein Blut ein roter Regen, der auf staubigen Boden traf …
»Dämonen? Spinnst du, Perem?« Eine kleine, knochige Faust packte den Gewehrlauf und riss ihn hoch. Ein hübsches Koboldgesicht mit blitzenden grauen Augen wandte sich uns zu. Die junge Frau war zierlich, sie ging mir kaum bis zur Schulter, aber sie war sicher schon zwanzig. Schwarzes, kurzes Haar stand von ihrem Kopf ab. Wie die Männer trug sie auch eine Weste mit vielen Taschen und Hosen. »Und Diebe?« Sie lachte. »Seid ihr betrunken, Jungs? Bisschen viel Aufwand, um ein paar alte Harpunen zu stehlen, meint ihr nicht? Und die Kleine sieht aus, als hätten die Dämonen sie rückwärts durch die Dornenhecken gezogen. Die zwei sind nur knapp einer Windsbraut entwischt und ihr führt euch auf wie die Barbaren.«
Erstaunlicherweise ließ die gefährliche Spannung im Raum schlagartig nach. Die geisterhaften Schatten der getöteten Leibwächter verwehten wie Rauch. Der Bärtige senkte das Gewehr und sicherte es.
Amads Hand löste sich nur zögernd vom Revolver. »Wir fallen euch nicht zur Last«, sagte er. »Sobald wir unsere Sachen zusammengesucht haben, reisen wir heute noch weiter.«
»Das wollen wir hoffen«, knurrte einer der Männer.
Das Mädchen warf ihm einen tadelnden Blick zu.
»Ihr bleibt zumindest, bis ihr eure Knochen wieder zusammengesammelt habt«, bestimmte sie. »Wenn Enou auch anderer Meinung ist, gut. Aber bei mir seid ihr willkommen.« Das Mädchen drängte sich einfach an Amad vorbei und streckte mir eine Hand mit schwarz geränderten Fingernägeln hin. Dann entschied sie wohl, dass ich zu langsam reagierte, packte meine Rechte und schüttelte sie. »Soso, du sagst also nicht viel?« Sie grinste mich an. »Macht nichts. Die anderen behaupten, ich rede genug für uns alle. Ich bin Juniper. Perem ist mein Zwillingsbruder, ihn habt ihr ja gleich richtig kennengelernt.« Mit dem Daumen deutete sie über die Schulter auf den Bärtigen. »Das da hinten sind Enou und Loth, sie kommen aus dem Dorf Kahalo, wie wir alle. Wir sind nämlich auch Saisonarbeiter. Allerdings nicht auf dem Weg nach Süden, sondern nach Tibris, in drei Tagen beginnt dort die Fangsaison für die Haie. Sag mal, Schöne, hast du auch einen Namen oder seid ihr in Tamrar so arm, dass sich zwei Geschwister nur einen leisten können?«
Sie war ungestüm und fremdartig, aber ich mochte sie sofort. Gerne hätte ich ihr Lächeln erwidert, aber ihre Stimme wurde zu einem Echo, grelle Lichtpunkte tanzten vor meinen Augen. Der Schock holte mich ein. Der Raum begann sich um mich zu drehen.
»Sie heißt Smila«, echote Amads Antwort in meinem Kopf.
Juniper lachte. »Ach, immerhin zwei Namen, aber nur eine Zunge?«
Die Lichtpunkte wurden zu grellen Blitzen und meine Kopfhaut wurde erst heiß und dann kalt. »Hoppla«, hörte ich Juniper in weiter Ferne ausrufen, während alles um mich herum dunkel wurde. »Na, ich schätze, du gehst heute nirgendwohin, kleine Schwester!«