Tian hatte mir oft mit leuchtenden Augen erzählt, dass Reiten wie Fliegen sei. Aber in Wirklichkeit fühlte es sich an, wie auf einer Gerölllawine rasend schnell talabwärts zu rutschen, ohne Halt und ohne jede Chance, das Gleichgewicht zu halten. Die Graue hielt sich auf dem Pferderücken besser als ich. Meine Beine schmerzten und die Innenseiten meiner Knie scheuerten sich am hölzernen Sattel wund. Aber ich biss die Zähne zusammen und stand aufrecht wie Amad in den Holzbügeln, während die Pferde vorwärtsstürmten, ohne müde zu werden. Längst zog die Landschaft nur noch wie ein Fiebertraum an mir vorbei. Sand und Geröllhügel wurden zu Stein und Granitklippen und nach einem weiteren Tag jagten wir an den ersten Ausläufern des südwestlichen Berggürtels bergauf. Sobald der Weg zu steil zum Reiten wurde, stiegen wir ab und Amad ließ die Pferde vorauslaufen. Ich staunte, dass sie wie Ziegen klettern konnten. Für uns war es, als müssten wir über ein Feld aus Messern balancieren. Der Fels hatte zwar die zarte Pastellfarbe von hellen Rosen, aber er war hart, an vielen Stellen gebrochen, als hätten Blitze den Berg gespalten und glasscharfe Bruchkanten und Spitzen hinterlassen. Wenn wir ein solches Splitterfeld hinter uns gebracht hatten, hielt ich nach Luft ringend inne und blickte über die Schulter zurück in den Abgrund: Weit unter uns erstreckte sich die Wüste. Mein ganzes Leben lang hatte ich sie durch Fenster betrachtet. Aber noch nie hatte ich sie so gesehen wie jetzt: ein goldenes Land, dessen Schönheit ich zum ersten Mal mit dem Herzen spürte. Meine Spuren waren längst verweht, aber ein Teil von mir war immer noch dort unten, fühlte den Knochensand unter den Füßen, schmeckte den Wind und die Gefahr und las die vergängliche Schrift, die Schlangen und Wüstenkäfer auf den Dünen hinterließen.
Seltsamerweise fiel mir in diesen Tagen nicht auf, dass der Horizont leer war und meine Stadt sich nicht als Silhouette in der Ferne erhob.
*
Trotz allem war es ein angespannter Friede, den Amad und ich geschlossen hatten. Vor allem mir fiel es nicht leicht. Zum ersten Mal in meinem Leben gab es kein Oben und Unten, kein sicheres Wegenetz aus Gesetzen und Konventionen. Wenn ich Worte finden wollte, bewegte ich mich im Niemandsland, also schwieg ich lieber und auch Amad hielt Abstand. Aber wenn der Weg mir zu steil wurde, holte er zu mir auf und streckte mir die Hand hin. Und ich ergriff sie, obwohl ich bei seiner Berührung immer noch fröstelte, als würde sich etwas in mir gegen seine Nähe sträuben. Verstohlen betrachtete ich ihn oft von der Seite. Eine Moreno muss ihre Feinde kennen, redete ich mir ein. Aber es war nicht die ganze Wahrheit. Seit ich ahnte, dass auch Amad ein Herz hatte, das um jemanden bangte, fielen mir Dinge an ihm auf, die mich auf seltsame Weise berührten: die Art, wie er seinem Pferd im Vorbeigehen nur scheinbar beiläufig mit den Fingern durch die Mähne fuhr. Die Tatsache, dass er meine Graue an einem scharfkantigen Felsspalt auf die Arme nahm und sie sicher über das nächste Messerfeld trug. Und obwohl er dabei fluchte und mir an den Kopf warf, dass wir ohne sie schneller wären, entging mir nicht, dass er beinahe lächelte, als sie ihm über die Wange leckte.
In solchen Momenten tastete ich nach dem Ring. Er war schwarz und glatt, wie der Dolch. Feine Silberintarsien in Form von drei Wellenlinien waren darin eingearbeitet. Ich versuchte mir das Mädchen, dem er gehörte, vorzustellen. War Amad wegen ihr im Konferenzraum gewesen? Sicher war sie eine Geisel, eine Gefangene der Mégan. In meiner Fantasie war sie zierlich und hübsch – mit verzweifelten Augen, vielleicht so blau wie die ihres Geliebten. Und seltsamerweise glaubte ich, dass sie eine schöne Stimme hatte und mit ihrem Gesang alle Herzen gewann.
*
Am vierten Tag erreichten wir eine Ebene, die wie eine breite Straße zwischen steilen Felswänden nach Süden führte. Immer noch suchte ich nach Hinweisen und Spuren – einer Feuerstelle, Resten eines Lagers – Zeichen, die Tian an die Wände gekratzt oder geschrieben hatte, aber die Landschaft wirkte so unberührt, als wären wir die ersten Menschen. »Ab hier können wir wieder reiten.« Amads Worte hallten von dem rosenfarbenen Stein wider. »Schau lieber nicht nach oben, wenn du ruhig schlafen willst.« Natürlich hob ich den Blick und wünschte sofort, ich hätte es nicht getan. An den oberen Kanten der Felsschluchten türmten sich Felsbrocken und Steine. Bizarre Formationen, die zum Teil nur auf schmalen Felsspitzen ruhten, als könnte schon ein Windhauch sie aus der Balance bringen. »Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?«
Amads Augen blitzten spöttisch auf. »Hast du etwa Angst? Wir müssen nur schnell genug sein. Was aber vermutlich auch nichts nützt, falls jemand plant, uns mit Felsbrocken zu erschlagen.«
»Sehr witzig!«
Amad griff in die Mähne seines Pferdes und zog sich mühelos auf dessen Rücken. Es war mir immer noch ein Rätsel, wie er es ohne Zaum lenkte und dazu brachte, ihm zu gehorchen. Meines versuchte mich jedes Mal wieder an den Felswänden abzustreifen. »Es hilft außerdem, sich ganz am Rand des Weges zu halten«, rief Amad mir über die Schulter zu. »Die Felskante hat einen Überhang, wenn Steine herunterkommen, verfehlen sie dich.«
Eine Herde von unsichtbaren Pferden schien uns zu begleiten, als mit dem ersten Galoppschlag die Echos erwachten. Ab und zu prasselten kleine Steine an den Schluchtwänden herunter und ich krallte mich fester in die Mähne, drückte mich an die Graue und betete zu allen Weisen mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnungen, dass das Echo keine Felslawine auslöste.
*
Wenn jemand vor uns diesen Weg genommen hatte, hatte er seine Spuren auch hier gut verwischt. Ich fand keine Zeichen, dafür lernte ich in diesen Tagen, wie man aus Gestrüpp und kargem Buschholz ein Feuer entfachte und die Echsen häutete, die die Graue jagte. Wir rösteten die Reptilien über der Glut, im Ohr die Schreie der Falken, die über uns kreisten, die scharfen Augen auf unsere Beute gerichtet. Nachts lagerten wir unter Felsvorsprüngen.
In den klimatisierten Räumen der Stadt, in der Sicherheit von Bibliotheken und Schulzimmern war es so einfach gewesen, über Ängste erhaben zu sein. Aber jetzt erschreckte mich auch das kleinste Geräusch. Manchmal knurrte meine Hündin in die Dunkelheit, ohne dass ich wusste, warum. Dann verkroch ich mich tief unter den Sonnenmantel und umklammerte den Dolch. Aber er bewahrte mich nicht vor den Schatten und dem Klagegesang, den der Wind den Felsharfen weit über uns entlockte. In meinem Kopf verschmolzen die Laute mit den Figuren aus der Höhle, sterbende Menschen auf dem Schlachtfeld, die ihren letzten Schmerz hinausheulten. Die Einzigen, die schwiegen, waren die gefesselten Kriegerinnen, darunter meine Ahnin, die kniend ihre Hinrichtung erwartete. Immer noch suchte ich in meinem Gedächtnis nach Fragmenten meiner Familiengeschichte, die ich vielleicht vergessen hatte. Aber ich wusste, es war unmöglich: Niemals, niemals würde ein Mitglied der Familie Moreno seinesgleichen töten und niemals hätte ein Teil einer Zweiheit die Waffen gegen den anderen Teil seiner eigenen Seele erhoben. Tana Blauhand starb nicht im Krieg, sie wusch sich die blaue Kriegsbemalung von den Händen und wurde die erste Mégana unserer Stadt. Nie wieder nahm sie eine Waffe in die Hand. Und nur an einem einzigen Festtag im Leben tragen wir Morenos seither die Farbe unserer Geschichte auf der Haut: in der Nacht vor unserer Zweiwerdung. Und doch steht es am Fels anders geschrieben. Ich schüttelte den Kopf und multiplizierte Primzahlen, bis ich vor Erschöpfung in den Schlaf glitt. Aber dort retteten mich auch meine Zahlen nicht mehr.
Ich hatte mir eingebildet, dass ich wusste, was Träume sind und wie man sie mit Vernunft vertrieb. Die ersten Nächte war es mir noch gelungen, sie mit Distanz zu betrachten, wie flackernde Bilder eines Stummfilms. Aber in der siebten Nacht träumte ich nicht mehr, ich war! …
… in meiner Stadt.
Ich rannte durch endlose Flure, verwirbelte den Duft von Rosenwasser und Räucherwerk. »Ich bin es!«, schrie ich. »Ich bin hier!« Meine Füße waren nackt und schlugen hart auf Marmor. Sand rieselte aus meinem Haar. Andere Geräusche hallten in der Nähe. Schnelle Kinderfüße und Kichern. »Eins, zwei, drei, vier, Sternenzauber, Sonnentier!« Das war ein Kinderreim, an den ich lange nicht gedacht hatte. Aber jetzt war alles wieder da: Der Tag, an dem Tian und ich weggelaufen waren und uns in einem baufälligen Turm versteckt hatten. Er war zugemauert, aber vor Tians Entdeckergeist war kein geheimer Weg und Winkel sicher. Hand in Hand waren wir über ein Dach balanciert und durch die Lücke zwischen zwei Mauersteinen geschlüpft. »… fünf, sechs, sieben, in Tibris frisst man Fliegen«, rief ein kleiner Junge. »Acht, neun, zehn, um Canda ist’s gescheh’n! Hab dich! Gewonnen!« Ein empörter Aufschrei. »Du hast heimlich geschaut!«
Mit brennender Lunge rannte ich um die Ecke – und da sah ich uns, sechs Jahre alt, zwei Kinder mit glühenden Gesichtern, völlig außer Atem. Tians weiche, sanfte Züge erkannte ich sofort, aber ich hatte vergessen, wie hübsch ich schon als Mädchen gewesen war, wie fröhlich und strahlend – ein einziger Glanz, der alle Herzen eroberte. Und schon damals hatte ich Tian geliebt. Die Augen meiner Kindergestalt leuchteten, als der Junge, der damals noch einen ganzen Kopf kleiner war, sie herumwirbelte. Sie balgten sich und kreischten. Und dann jagten sie den Flur entlang zum nächsten Spiel.
»Wartet!« Aber natürlich hörten sie mich nicht. Ich war ein Geist aus einer anderen Zeit. Die Kinder entwischten mir, ich sah nur noch wehende lange Mädchenhaare, in denen Spinnweben hingen, um die Ecke verschwinden, hörte immer ferneres Lachen und das Quietschen einer Tür.
Da war sie schon: Die schweren goldenen Flügel schlossen sich gerade. In letzter Sekunde schlüpfte ich hindurch.
Es war der Prunkraum.
Die Kinder waren Vergangenheit. Tian war erwachsen, er saß im Schneidersitz auf dem Bett, mit dem Rücken zu mir. Mit einem Aufschrei stürzte ich zu ihm, kroch über das Prunkbett und umarmte ihn von hinten, schmiegte meine Nase in die Wölbung seines Halses, sog seinen Duft nach Meer und warmer Haut ein, weinte und lachte und wiegte ihn. »Den Sternen sei Dank!«, flüsterte ich. »Ich habe dich gesucht. Wo hattest du dich versteckt?« Er drehte sich um und zog mich in die Arme. Ohne Atem zu holen, fiel ich in seinen Kuss, schmeckte das Salz meiner Tränen und war völlig überwältigt von einer Leidenschaft, die mich verwirrte. Noch nie hatte Tian mich so geküsst, wild und fordernd, fast wütend. Ich sank zurück, Seide raschelte unter mir, und sein warmer Körper schmiegte sich an mich, seine Hand strich über meine Hüfte. Ganz anders, dachte ich benommen. Aber ich umklammerte ihn, fuhr mit den Händen über seinen Rücken, zu seinem Nacken – und griff in glattes, langes Haar. Im Kuss riss ich die Augen auf.
Es war ein fremder Mann.
Bevor ich mich losmachen konnte, lösten sich seine Lippen schon von meinen. Ich blickte in ein schmales Gesicht von der strengen, perfekten Schönheit einer Statue. Das schräge Licht brach sich in seinen Augen, grau wie Rauchquarz, aber mit einem Goldschimmer darin. Das glatte, lange Haar hatte den bläulichen Glanz von Rabenfedern.
»Endlich hast du mich gefunden«, flüsterte er.
Er lächelte mir zärtlich zu.
Dann stieß er mir meinen eigenen Dolch ins Herz.
Nur ein Traum! Wach auf! Ich war sicher, dass ich es laut schrie, aber im Traum rang ich nur stumm nach Luft und starrte fassungslos auf die Wunde.
Der Rabenmann war fort und ich musste vom Bett gerutscht sein. Keuchend krümmte ich mich auf dem Glasboden. Mit jedem Herzschlag pulste ein Schwall Blut aus der Wunde. Es war nicht rot, sondern klar wie Wasser. Und ich spürte keinen Schmerz, nur das Pochen dieser entsetzlichen Leere, dort, wo mein halbes verwaistes Herz zuckte und sich wand. Unter mir schlugen Hände gegen das Glas.
»Canda, wach auf!« Es war die ängstliche junge Stimme, die ich schon kannte, und jetzt war ich mir sicher, dass sie nicht von einem Mädchen stammte. Der Junge stand hinter mir, ich spürte seine Nähe genau. Mein ganzer Körper war Gänsehaut, ich wagte nicht, über die Schulter zu sehen. Die Verrückten unter Glas riefen etwas. Leider verstand ich sie nicht, ihr Ruf war ein Echo, in dem sich mehrere Stimmen mischten …
… wie das vielstimmige Heulen des Windes, der um die Felskronen strich. Nach Luft ringend und zitternd saß ich auf meinem Lager und presste mit aller Kraft die Hände auf mein Herz, um die Blutung zu stillen. Aber ich hatte keine Wunde – und mein Dolch steckte immer noch an meinem Gürtel. Immer noch fröstelte ich, als würde der Junge mit der ängstlichen Stimme direkt hinter mir stehen. Ein Windhauch wehte mir ins Gesicht, Ascheflocken fingen sich in meinem Mund. Sie schmeckten bitter nach Tod und Verlust. Ich hustete und spuckte sie aus. Ich musste lange geschlafen haben, die Glut der Feuerstelle war erloschen, aber Morgen war es noch nicht. Ich fuhr herum, die Hand am Dolch, aber niemand war hier. Und trotzdem spürte ich die Gegenwart so deutlich wie meinen eigenen Herzschlag.
»Graue!« Das Echo suchte den Hund und fand ihn nicht.
Irgendwo raschelten Federn, ein scharfer Flügelschlag ließ mich zusammenzucken. Ich hätte jeden Eid geschworen, dass es ein Rabe war, aber als ich aufsprang, verhallte ein schriller Ruf in der Nacht. Es war nur ein Falke, beruhigte ich mich. Er hat mich beobachtet – deshalb habe ich mir eingebildet, dass jemand hinter mir steht. Aber ich war allein.
Das brachte den nächsten Schreck: Ganz allein!
Amads Lager war leer, und auch der Rucksack, der neben dem Feuer gelegen hatte, war verschwunden. Er hat mich im Stich gelassen, ohne Wasser und …
»Canda?«
Ich fuhr herum und wusste nicht, ob ich Amad schlagen und beschimpfen oder erleichtert sein sollte.
»Pirschst du dich immer an wie ein Geist? Oder warst du gerade dabei, dich davonzuschleichen?«
»Weder noch. Was ist los?«
Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an das Sternenlicht, aber ich konnte erkennen, dass er den Rucksack geschultert hatte. »Wo zum Henker warst du?«, brach es aus mir heraus. »Warum nimmst du das Gepäck mit? Und wo ist der Hund?«
Sogar im Sternenlicht konnte ich die Bestürzung in seiner Miene erkennen. »Du hast im Ernst geglaubt, ich würde dich hier zurücklassen?«
»Was würdest du denken, wenn ich samt Gepäck verschwunden wäre!«
»Das Logische: dass du wohl einen Grund haben wirst. In der Nähe gab es Steinschlag und ich wollte nach den Pferden sehen. Den Rucksack habe ich mitgenommen, falls ich Seile und Licht brauche. Und deine Graue hat darauf bestanden, mir dabei vor den Füßen herumzustolpern. Ich habe sie bei den Pferden gelassen.«
»Warum hast du mich nicht geweckt!«
»Weil du geschlafen hast wie eine Tote. Nicht einmal das Donnern der Steine hat dich gestört und du hast … Was ist los?«
Ich konnte nicht antworten. Ich war erstarrt, lauschte, kaum fähig, Atem zu holen. Jedes Härchen an meinem Nacken stellte sich auf, Flüstern in meinem Kopf mit fremder, angsterfüllter Stimme. »Canda! Sieh genau hin!« Die Gegenwart, ich spürte sie wieder, dichter bei mir, fast Haut an Haut.
»Amad?« Meine Worte waren ein kaum verständliches, ersticktes Flüstern. »Hier … hier ist jemand! Direkt bei mir!« Und plötzlich fügte sich die Stimme zu einem Gesicht aus einem anderem Traum – vor Tagen, als ich nach meiner Flucht unter einem Karren weggedämmert war: ein dreizehnjähriger Junge mit blondem Haar und Bernsteinaugen. Es war verrückt, aber ich hätte jeden Eid geschworen, dass er hier war, körperlos, unsichtbar. Und er hatte noch größere Angst als ich. Vor mir?
Amad musterte mich so beunruhigt, als würde er überlegen, ob ich nun endgültig den Verstand verlor. »Hier ist niemand außer uns.« Er berührte vorsichtig meinen Arm, als wollte er mich vor einem Fall bewahren – oder aus einem Traum wecken. »Canda, ist wirklich nichts passiert? Du zitterst ja!«
Beinahe hätte ich aus Verzweiflung gelacht. »Was soll passiert sein? Ich verliere nur den Verstand!« Ich wollte mich abwenden, aber ich konnte nicht – Amad hielt mein Handgelenk umfasst, nicht grob oder fest, sondern so behutsam, dass es fast eine Liebkosung war.
»So schlimm geträumt, dass du immer noch mit einem Fuß in der anderen Welt bist?« Die Sanftheit, mit er nun sprach, brachte mich endgültig aus der Balance.
»Ich weiß nicht«, flüsterte ich. »Es ist ja keine andere Welt. Träume bedeuten überhaupt nichts, aber dieser …« Das Zittern erfasste mich ganz, ohne dass ich es verhindern konnte. Meine Knie gaben nach – und dann lagen Amads Arme um mich, bewahrten mich davor, auch den letzten Halt zu verlieren.
Ein Teil von mir schrie danach, mich sofort loszumachen und so weit zu laufen, wie ich konnte. Aber es gab einen anderen Teil, der verharrte. Wie in Trance spürte ich Amads Nähe nach, die mein Herz zum Stolpern brachte, suchte die Wärme seines Körpers, den Duft seiner Haut, fremd und doch auf beunruhigende Weise vertraut.
»Niemand wird verrückt, nur weil er träumt«, sagte Amad.
»Ich offenbar schon!«, gab ich leise zurück.
Diesmal konnte ich sein Lächeln fast spüren, gefangen in seinem Atemhauch an meiner Schläfe. »Alle Menschen träumen und das hat nichts mit Wahnsinn zu tun. Ich verspreche es dir!«
Zumindest mussten Träume sehr verletzlich machen, denn ich schloss die Augen und vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Und noch etwas Seltsames geschah: Obwohl Amad mich in die Arme genommen hatte, zuckte er nun ein wenig zurück. Aber dann, so zögernd, als würde er sich selbst nicht ganz trauen, schloss er vorsichtig seine Arme fester um mich, zog mich an sich, so dicht, dass ich seinen Herzschlag spüren konnte. Mir wurde schwindelig, als er mir über das Haar strich, mit einer Sanftheit, die ich nicht an ihm kannte. Es war nur ein Moment, aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich tatsächlich in Sicherheit. Was oder wen ich mir auch immer eingebildet hatte – es war fort, als hätte Amad es aus meiner Nähe vertrieben. Seine Fingerspitzen strichen über meinen Nacken und lösten einen Funkenschauer aus Empfindungen aus, ganz anders, als ich es von Tians Berührungen kannte …
Tian! Das brachte mich in die Wirklichkeit zurück. Bei allen Sternen, was tust du da? Ich riss mich los und brachte ein paar Schritte zwischen uns. Hastig wischte ich mir mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht. Ein paar Sekunden standen wir einander nur gegenüber, atemlos wie zwei Fremde, die etwas Verbotenes geteilt hatten. Amad fing sich als Erster. »Du solltest lieber Angst vor Steinschlag und Fallen haben als vor Albträumen«, sagte er mit belegter Stimme. Er ging mit großen Schritten an mir vorbei und ließ sich neben dem toten Feuer nieder. »Wir sollten noch etwas schlafen. Morgen verlassen wir den Schluchtenweg und reiten talabwärts.«
Es klang so bemüht sachlich, als wollte er wieder einen Abstand zwischen uns bringen.
Mit weichen Knien ließ ich mich auf dem Felsen nieder. Verwirrt und auf eine andere Art zittrig schlang ich die Arme um meine Beine. Immer noch hallten die Empfindungen in mir nach, und gleichzeitig schämte ich mich unendlich dafür, wenn ich an Tian dachte. Ich musste verrückt sein, einen anderen Mann zu umarmen. Und noch verrückter, weil mein Körper immer noch darauf reagierte, immer noch Amads Arme spürte, seinen Herzschlag und den Funkenflug der fremden Haut. Sei vernünftig!, schalt ich mich. Du bist nur verwirrt und schwach.
»Träumst du auch?«, fragte ich. »Ich meine … Albträume?«
Amad streckte sich aus und schob sich den Rucksack unter den Kopf.
»Jede einzelne Nacht. Sobald ich die Augen schließe. Und oft genug sogar mit offenen Augen.« Mit seinem Spott konnte ich inzwischen umgehen, mit seiner Aufrichtigkeit nicht. Und auch nicht mit dem Dunklen, Ungesagten, das in seiner Antwort mitschwang. Auch wenn wir so taten, als sei nichts geschehen: Die Nähe verband uns immer noch, hob die Unterschiede auf, machte uns einfach nur zu zwei Menschen unter einem Sternenhimmel. Trotzdem wagte ich nicht zu fragen, wen er vor sich sah, wenn er die Augen schloss. Verstohlen musterte ich ihn. Seine Haltung hatte die träge Spannung einer ruhenden Raubkatze. Ich schluckte und wandte schnell den Blick ab. »Und wie vertreibst du solche Träume?«
Die Frage schien ihn zu amüsieren. »Was glaubst du, Canda Nachtgespenst? Gar nicht! Wenn du sie fortjagst, sind sie wie gekränkte Gäste. Sie hämmern nur noch lauter an deine Türen und zertrümmern sie schließlich. Ich kann dir nur einen Rat geben: Lass sie herein. Betrachte sie, höre ihnen zu. Sie können dir nichts anhaben, solange du ihnen nicht glaubst. Sie sind die Lügen, die die Nacht uns ins Ohr flüstert.«
Jetzt musste ich lächeln. »Glaubt man das in deinem Land? Kommst du aus Suvrael?«
»Warum?«
»Dort liegt das ganze Jahr Schnee. Oder sind es die Eiseninseln. Oder Grauland?«
Er setzte sich ruckartig auf, stützte die Arme nur scheinbar locker auf die Knie. »Mein Land kennst du nicht.«
»Ich kenne alle Länder, die jemals bereist wurden.«
»Ach wirklich? Du bist doch nie aus deiner Stadt herausgekommen. Soweit ich weiß, braucht ihr sogar eine Sondererlaubnis der Herrscher, um zwei Meilen in die Wüste zur Jagd zu reiten. Vom fremden Ländern ganz zu schweigen.«
»Aber wir haben Bücher. Die größte Bibliothek …«
»Tinte und Papier, aha. Da, wo ich herkomme, liest man nicht, man sieht lieber mit eigenen Augen. Bücher sind von Menschen geschrieben, die vielleicht die Wahrheit sagen, vielleicht aber auch nicht. Und so oder so leihst du dir die Augen eines Fremden, statt dich auf deine eigenen zu verlassen.«
Ich hatte tatsächlich vergessen, wie verschieden wir waren. Es war nicht nur die Entfernung von Stand und Familie, wir lebten auf völlig unterschiedlichen Kontinenten.
»Keine Bücher?«, sagte ich fassungslos. »Aber wenn ihr nicht schreibt und lest, wisst ihr doch überhaupt nichts von der Welt!«
»Und du weißt etwas davon?«, spottete er. »Dann lies mir mal vor, was da oben geschrieben steht!«
»Was meinst du?«
»Was schon, Papierverschlingerin? Das nachtblaue Buch mit Sternenschrift.«
Ich stutzte, überrascht von diesem Bild des Himmels, das mich trotz allem fast wieder zum Lächeln gebracht hätte. »Das ist leicht! Mit dem bloßen Auge erkennt man dreitausendvierhundertzwanzig Sterne. Aber auf unseren Himmelskarten haben unsere Astronomen insgesamt dreihundertvierundsiebzigtausend verzeichnet, also genau … einhundertneunkommadreimal so viele. Der helle Stern dort im Norden ist Nummer fünfhundertsechzehn, vierhundertsiebzig Milliarden Jahre alt.«
Amad war alles andere als beeindruckt. »Nummer fünfhundertsechzehn?«, murmelte er fassungslos. Er ließ sich zurückfallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Deine Fünfhundertsechzehn ist Prinzessin Meda. Sie war schön wie ein Schneefalter und herrschte über das Land hinter dem Onyxfluss. Du siehst ihn am Himmel – das dunkle Band ohne Sterne. Seine Wasser waren schwarz und wellenlos, und wer hineinblickte, sah die Wahrheit, genauso gut oder grausam, wie sie wirklich war. Wer diesen Fluss überqueren wollte, ließ nichts zurück oder verlor alles, sogar sich selbst. Es gab kaum Menschen, die genug Mut hatten, aber die wenigen, die es wagten und die vom schwarzen Wasser nicht verschlungen wurden, empfing Meda auf der anderen Seite, stolz und leuchtend wie der Mond. Sie half ihnen aus dem Fluss und küsste ihnen die Augenlider.«
Bei Tag hätte ich über solche Märchen vielleicht nur mitleidig gelächelt, aber hier, im fahlen Licht der Nacht, zog Amads Erzählung mich gegen meinen Willen in den Bann. Oder vielleicht war es nur seine Stimme. Sie klang nicht weich und lächelnd wie die von Tian, sondern fast wütend, rau und voller Wehmut. »Als die Menschen die Augen wieder aufschlugen, sahen sie, was andere nicht sahen: den Schmetterling, der noch in seinem Kokon schlief, das gebrochene Herz in der Brust eines Mannes, die Träume, die niemand zu träumen wagte – und andere, die zu oft geträumt wurden, sodass sie verblichen waren wie alte Spitze. Sie waren Medas Menschen geworden, konnten durch Träume reisen, Feuer ohne Glut und Liebe ohne Küsse entfachen, Kriege ohne Waffen und Lachen ohne Stimme. Der Tod war ihnen fern.«
Die Bilder hallten in der Stille nach wie farbige Klänge. Das fremdartige Märchen hatte nichts mit den Legenden unserer Stadt gemeinsam, und nichts mit den Geschichten, die Tian mir ins Ohr geraunt hatte. Es ähnelte einem Traum, aber einem, den man nicht vergessen wollte.
Amad bemerkte nicht, dass ich ihn von der Seite betrachtete, er war weit fort, irgendwo in Medas Reich.
»Meda verschenkte also Unsterblichkeit?«
»Oh nein, Unsterblichkeit ist etwas für Menschen!« Amad sagte es so gedankenverloren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
»Medas Volk war stark, aber auch verletzlich. Wenn Medas Menschen starben, dann starb ein Teil der Welt mit ihnen, unwiderruflich. Aber wenn sie kämpften, unerkannt unter ihren Masken aus Metall, dann kämpften sie für alles Schöne und Hässliche, das nie vergehen sollte. Und selbst als Gefangene in den Käfigen von Menschen, so nieder und verräterisch, dass sie ihre Geschwister ermordeten, verloren sie niemals Medas Glanz und ihr fühlendes Herz.«
Masken. Käfige und Menschen, die ihre Geschwister ermordeten. Es war, als würde ich mit einem Schlag erwachen. Die beängstigenden Zeichnungen aus der Höhle standen gestochen scharf vor mir. Warum glichen sich die blauen Symbole in der Höhle und Amads Beschreibung so sehr?
Zufall!, redete ich mir ein. Amad kann nichts über meine Familie wissen. Vielleicht hatte er die Zeichnungen in der Höhle gesehen und sich die Geschichte ausgedacht.
Glaubst du das wirklich?, wisperte die ängstliche Stimme. Die Zeichnungen waren verborgen, bis die Kreaturen sie enthüllt haben – und Amad war nicht in der Höhle, der Sand war unberührt. Und glaubst du, er nannte dich ohne Grund Canda Blauhand?
»Alles nur Märchen«, sagte ich hastig. »Das ist kein Wissen, es ist nicht real.« Ich konnte nicht anders, als mich in die Sicherheit der Vernunft zu flüchten.
»Real ist also nur, was dir deine Talente zeigen?«, sagte Amad. »Dein Gedächtnis und dein Sinn für Mathematik? Wie beschränkt musst du sein, die Welt nur durch solche Augen betrachten zu können?«
Schlagartig hatte sich die Stimmung verändert. Es schien kälter geworden zu sein. Amad sprang auf und klopfte sich wütend den Staub von den Ärmeln. »Hast du dich noch nie gefragt, wie für dich der Himmel ohne deine Gaben aussehen würde?«
Seine heftige Reaktion überraschte mich und schüchterte mich ein. »Warum sollte ich darüber nachdenken?«, erwiderte ich vorsichtig. »Ich sehe den Himmel mit meinen Augen, weil meine Gaben zu mir gehören, von Geburt an. Sie machen mich zu dem, was ich bin, sie sind ich …«
Ich stockte. Aber was bin ich noch ohne meinen Glanz? Jetzt hätte ich Amad am liebsten geschlagen, dafür, dass er mich in diese Falle gelockt hatte und mich offenbar mit voller Absicht verletzte. Wie hatte ich jemals glauben können, dass wir einander nahe waren?
»Dann träum weiter unter deinen dreitausendvierhundertzwanzig Sternen, Prinzessin Moreno.«
»Wo gehst du hin?«
Er wandte sich nicht einmal um. »Hundertsiebzehn Schritte nach Nordosten, um es in deiner Sprache zu sagen. In meiner heißt das: weit genug weg von dir!«