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Eine zukünftige Mégana musste ihr Reich kennen, das hatte meine Mutter mir eingeschärft, seit ich sprechen konnte. Angeblich wanderten die Méganes sogar manchmal unerkannt in der Stadt herum. Ich hatte noch nie in meinem Leben den innersten Kreis und die oberen Stockwerke und Dächer verlassen, trotzdem kannte ich Ghan so gut, dass ich auf dem Stadtplan den Weg von jedem beliebigen Punkt der Stadt zu einem anderen hätte einzeichnen können, ohne den Stift auch nur einmal abzusetzen. Aber als die beiden Leibwächter meiner Eltern mich einige Stunden später durch ein Mauertor aus dem innersten Kreis hinausführten, kam es mir vor, als würde ich eine fremde Stadt betreten.

Das Haus der Verwaisten befand sich im zweiten Ring – auf ebener Erde. So tief unten war ich noch nie in meinem Leben gewesen. Meine Welt waren die Spitzen der Hochhäuser, die Dächer und Gärten unter Sonnensegeln. Der Horizont, den ich jederzeit aus einem Fenster sehen konnte. Jetzt betrat ich zum ersten Mal wirklichen Boden. Rötlicher Staub wirbelte bei jedem unserer Schritt auf. In den Gassen war es beängstigend eng, schattig und düster. Jeder Flur im Haus meiner Familie war breiter. Und ganz oben zwischen den Kronen der hohen Häuser schwebte wie ein letzter Gruß meines verlorenen Lebens ein schmaler Streifen Himmel, orangerot leuchtend und unendlich fern.

Auf dem Stadtplan war das Haus der Verwaisten nur als schraffiertes Rechteck eingezeichnet. Die Rückseite war bereits Teil der dritten Ringmauer. Ich war erschrocken, wie düster und heruntergekommen der Bau von außen wirkte. Er musste noch aus der Zeit stammen, als Ghan nur aus zwei Ringen bestand und die Mauer, an die das Gebäude sich lehnte, die äußerste Stadtmauer gewesen war. Vielleicht waren deshalb die Fenster kaum mehr als schmale Scharten. Über dem Tor aus schwarzem Holz prangte ein verwitterter Schriftzug:

Tritt ein und lasse alles zurück.

In Gnade leuchte dir Bruder Mond, der große Einzelne am Firmament.

Als hätte der jüngere Wächter gespürt, dass ich den Impuls hatte, mich einfach umzudrehen und zu fliehen, legte er mir respektvoll, aber nachdrücklich die Hand auf die Schulter. Leute blieben stehen und starrten uns hinterher: Zwei Leibwächter mit entsicherten Schusswaffen und dazwischen eine verschleierte Gestalt, die vom Dunkel hinter der Schwelle verschluckt wurde.

*

Der Übergang vom schattigen Abendlicht in die Düsternis, von Lärm in absolute Stille war ein Schock. Als hätte ich mit dem Schritt über die Schwelle zwei meiner Sinne verloren. Und das ist erst der Anfang, schoss es mir durch den Kopf. Die Panik drohte mich wieder zu übermannen. Doch ich rief mir die Worte der Mégana ins Gedächtnis. Sie würde mich nicht im Stich lassen. Vielleicht würde sie meine Eltern überzeugen, dass ich nicht hierbleiben durfte. Zumindest war das die einzige Hoffnung, die ich noch hatte.

Erst nach einigen Schritten hatten sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt und ich erkannte einen rechteckigen Raum aus schwarzem Marmor. Ein kleines Öllicht, das an einer Kette herabhing, spendete etwas Helligkeit. Unsere Schritte bekamen ein Echo. Der Platz war umfasst von Galerien. Auf jedem Stockwerk gab es eine, von der aus man auf den zentralen Platz des Hauses herabschauen konnte. Die Brüstungen aus dunklem poliertem Holz waren alle gleich. Es war wie in einen Doppelspiegel zu schauen, in dem sich alles endlos vervielfältigte. Bis zum heutigen Tag hätte ich jeden Eid geschworen, dass es keine Gespenster gab, aber beim Anblick der Menschen, die sich über die Brüstungen beugten, war ich mir nicht mehr so sicher. Alle trugen schwarze unförmige Kleidung. Ihre ernsten Gesichter waren so blass, als hätten sie seit Jahren die Sonne nicht gesehen, was vermutlich sogar stimmte. Als hätte ich die Schwelle zu einem Totenhaus übertreten, dachte ich mit einem Frösteln. Rasch senkte ich den Blick.

An der Stirnseite des Platzes hielten die Wächter an. »Die Verwalterin wird Euch gleich hier abholen«, brummte der Ältere. Er schluckte und räusperte sich. Ich kannte ihn seit meiner Geburt, seine Gegenwart war für mich so selbstverständlich gewesen wie das Vorhandensein von Stühlen und Tischen. Aber nun kam es mir so vor, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Er musste schon fünfzig sein und hatte ein breites, grimmiges Gesicht mit buschigen Brauen. Narben zeichneten seine Hände und seine rechte Wange. Jetzt wurde mir bewusst, dass ich ihn nie gefragt hatte, woher sie stammten.

Als wären die Standesgrenzen an diesem Ort aufgehoben, berührte er mit einer erstaunlich zarten, bedauernden Geste meine Hand. Seine Finger, die seit vielen Jahrzehnten Tag für Tag die Waffe umfasst hielten, waren schwielig und hart wie Holz. »Es tut mir unendlich leid für Euch, Canda«, sagte er leise. »Lebt wohl.«

»Danke«, war alles, was ich mit erstickter Stimme herausbrachte. Er nickte niedergeschlagen, und dann schritten die beiden Leibwächter davon, stumm beobachtet von den Gespenstern der oberen Stockwerke.

»Willkommen.«

Die Verwalterin musste die Kunst beherrschen, völlig lautlos heranzuschweben. Oder vielleicht hatte sie schon die ganze Zeit vor einer der ebenholzfarbenen Türen gestanden, mit ihrem schwarzen Gewand eins mit den Schatten. Sie war zierlich, fast einen Kopf kleiner als ich. Ihr graues Haar fiel zu einem langen Zopf geflochten über ihre linke Schulter. Und sie lächelte wohl nur selten, kein Fältchen störte die ledrige Glätte ihrer Haut. Sie nahm meine Hände in ihre, eine Vertraulichkeit, die seltsam plump und unpassend wirkte.

»Mein Beileid zu deinem Verlust.« Sie flüsterte, als dürfte kein Laut die Grabesstille hier stören. »Hat man dir schon gesagt, wer ich bin?«

»Die … Verwalterin«, erwiderte ich ebenso leise.

»Ja, und außerdem bin ich deine Großtante Maram. Mein Mann starb an einer Krankheit, als wir beide fünfundvierzig Jahre alt waren, lange vor deiner Geburt. Damals war es nicht mehr möglich für mich, einen neuen, passenden Partner zu finden. So kam ich hierher.«

In Gedanken durchforstete ich die alten Fotografien, die meine Schwester und ich als Kinder heimlich aus Schubladen geholt hatten. Und tatsächlich erinnerte ich mich vage an das Bild einer schwarzhaarigen Frau auf einem Foto. Sie war ebenso zierlich wie Maram, allerdings hatte sie auf dem Foto gelacht. Als ich meine Mutter einmal gefragt hatte, wer die fröhliche Frau war, hatte ich die Antwort bekommen, sie sei schon vor langer Zeit gestorben. Wie ich, dachte ich.

»Ich freue mich, Euch kennenzulernen, Großtante Maram.« Und wie es sich vor einer älteren Verwandten gehörte, beugte ich zum Zeichen des Respekts den Nacken. Sie strich mir über das Haar und streifte dabei den Schleier ab. »Den brauchst du nicht mehr. Hier gibt es keine Geheimnisse.«

Ein erschrecktes Murmeln echote in den Galerien. Ich fand es grausam, mich vor diesen Fremden bloßzustellen, aber sicher war sich die Alte dessen gar nicht bewusst. Offenbar war sie gewarnt worden, sie seufzte nur. »Ein Jammer, dass du deinen Partner so jung verloren hast. Du hattest alles noch vor dir.« Und es gibt wohl die Abmachung, nicht zu sehen, was mit mir passiert ist. »Eine so junge Bewohnerin gab es hier noch nie«, plauderte sie weiter. »Die meisten sind viel älter, wenn sie herkommen. Sie verbringen hier nur ihre letzten Jahre.« Sie umfasste mit einer genau abgezirkelten Geste die Menschen an den Balustraden. Einige wandten sich ab und flohen in die Dunkelheit. Türen schlugen so laut zu, als wollten die Gespenster mich aussperren. Vielleicht brachte ich die Erinnerung an bessere Tage zurück.

»Komm mit. Ich zeige dir dein Zimmer.«

Mit lautlosen Schritten setzte sie sich in Bewegung und ließ meine Hand dabei nicht los. Irgendwo unter ihrem schwarzen Gewand klirrten Schlüssel. Es war, als würde ich an der Seite einer mechanischen Aufziehpuppe quälend langsam dahintrippeln. Schrittchen für Schrittchen hielt sie auf eine halb verborgene, schmale Treppe zu. Ebenso langsam krochen wir in das erste Stockwerk hinauf, umrundeten eine Galerie. Wie im Erdgeschoss reihten sich auch hier schwarze Türen auf. Die meisten standen offen, dahinter sah man leere Kammern, in jeder ein kahles Bett, ein Tisch, ein Wasserkrug.

Im dritten Stock blieb Tante Maram vor einer Tür stehen, holte umständlich einen kleinen Schlüsselbund hervor und schloss auf. »Dein neues Reich«, sagte sie munter.

Sie schritt in die Mitte des Raumes und strich sich das lange Gewand glatt – mit einer Geste, die so langsam und abgezirkelt war, dass ich fröstelte. Wie viele dieser Gesten strukturierten ihre Tage?

Das Bett war mit einfachem steingrauem Stoff bezogen. Zusammengefaltete schwarze Kleidung lag darauf für mich bereit. Aber auch hier kein Fenster, keine Regale, keine Bücher, nur auf dem Tisch lag eine Ledermappe voller Papiere. Und daneben ein lackiertes Podest mit drei roten Kerzen. Dort, wo die vierte sein müsste, prangte nur ein kreisrundes Loch. Die Wände schienen mich zu erdrücken, ich schnappte nach Luft und hatte trotzdem das Gefühl, zu ersticken. Wo ist mein viertes Licht? Maram zwang mich mit sanfter Gewalt, mich auf das Bett zu setzen, und eilte zum Wasserkrug. Mit einem vollen Glas kam sie zurück. »Armes Kind. Genauso ging es mir auch, als ich hier ankam. Du wirst lernen, als Einzelne zu leben. Die erste Zeit ist es zwar so, als müsste man ohne die Hälfte seiner Sinne und Gliedmaßen zurechtkommen. Aber es ist nicht das Ende des Lebens, auch wenn es dir im Augenblick so erscheint.« Das winzige Zucken der Mundwinkel mochte ein Lächeln sein. Ich schauderte beim Gedanken an eine solche Zukunft: Zur Maske erstarrt in einem Mausoleum der lebenden Toten, in denen nur noch das Echo von Erinnerungen hallte.

Das Glas klapperte gegen meine Zähne, als ich trank. Ich bemerkte kaum, dass Maram flink die Knöpfe meines Kleides öffnete. »Kein Wunder, dass du keine Luft bekommst, das ist viel zu eng! Zieh dich aus, hier habe ich Kleidung in deiner Größe bereitgelegt. Deine Mutter ließ mir ausrichten, du trägst am liebsten Hosen.«

Im Augenblick blieb mir nichts anderes übrig, als ihr zu gehorchen. Zögernd gab ich ihr das Glas zurück und streifte mein Kleid ab. Nun stand ich nur noch im dünnen Unterkleid da, sandfarbene Seide, die sich bis zu den Knien um meine Oberschenkel schmiegte.

»Alles!«, befahl sie. Alles in mir wollte sich auflehnen, aber ich zwang mich dazu, auch das letzte Stück meiner alten Welt abzustreifen. Ich fror, als die Seide von meinem Körper glitt. Nackt stand ich da, doch Maram gab mir die neue Kleidung nicht. Brüsk wandte sie sich ab und nestelte an dem schwarzen Hemd herum. »Es ist nicht so schlimm, wie du vermutest«, erzählte sie ungerührt weiter. »Wären wir von niederem Stand, würde man solche wie uns töten. In anderen Städten töten sie sogar die Hohen, die verwaist zurückbleiben, hat man mir erzählt. Wir müssen also dankbar sein. Unsere Familien schenken uns das Leben und sind bereit, unseren Aufenthalt hier zu bezahlen, obwohl wir für die Stadt kaum noch Nutzen haben. Unser Lebenssinn besteht darin, uns dankbar zu zeigen und so viel wir noch können, an unsere Familien und die Stadt zurückzugeben. Es ist ein Privileg. Das einzige, das uns bleibt. Du hast immer noch dein hervorragendes Gedächtnis und kannst mit Zahlen umgehen, wirst also in der Verwaltung arbeiten. Wir müssen ja schließlich genau belegen, dass wir nicht mehr Geld verbrauchen, als unsere Familien bereit sind zu zahlen. Außerdem musst du deinen Verstand beschäftigen, sonst beginnst du nachts mehr und mehr zu träumen und dann verlierst du ihn.« Vielsagend senkte sie die Stimme und flüsterte: »Träume führen in den Wahnsinn. Solche haben wir hier auch – tragische Schicksale.«

Ich ließ mich wieder aufs Bett sinken und krallte meine Hände in die Matratze. So ließ es sich besser aushalten.

Maram seufzte tief. »Tja, wir sind wie abgetrennte Glieder. Und du hast natürlich noch mehr verloren als jeder hier.« Mit einer so verschämten Geste, als würde sie auf etwas unendlich Peinliches deuten, zeigte sie auf mein Gesicht.

Das heißt wohl, ich bin doppelt so nutzlos, dachte ich. Und dass ich nackt hier herumsitzen muss, soll mir das zeigen. Bisher hatte ich keine Gefühle gegenüber der alten Frau gehabt – weder Ab- noch Zuneigung, jetzt aber wusste ich ganz sicher, dass ich sie nicht mochte. »Ich will mit meiner Familie sprechen!«

Maram seufzte und legte den Kopf schief. »Oh, hat man dir gar nicht gesagt, dass es keinen weiteren Abschied mehr geben wird? Du wirst sie leider nie wiedersehen. Tut mir leid, Kind, du gehörst nicht mehr zu ihrer Welt.« Beiläufig pflückte sie eine Staubfluse von dem Hemd, aber aus den Augenwinkeln lauerte sie auf eine Reaktion von mir. »Natürlich verstehe ich deine Angst und deinen Kummer«, setzte sie hinzu. »Verlassen zu werden, muss tausendmal schlimmer schmerzen, als den Partner durch den Tod zu verlieren.«

Es war ein wohlüberlegter Hieb. Und ich verstand, dass auch meine Entschleierung keine Gedankenlosigkeit gewesen war. Hexe. Du genießt es also, unter dem Mäntelchen deines Mitleids Macht über mich zu haben wie über ein gefangenes Tier. Aber so demütigend es war, den Sticheleien dieser alten Harpyie nackt ausgeliefert zu sein, ich blieb beherrscht.

»Man soll nicht alles glauben, was die Leute sagen. Ich wurde nicht verlassen.«

»So?« Maram nahm die Ledermappe vom Tisch und klappte sie auf. Papier raschelte. Sie hob ein Formular hoch und las vor: »Nach Rücksprache mit weiteren Zeugen wurde der Fall Tian Labranako amtlich beglaubigt durch die Unterschrift der Méganes ad acta gelegt. Ergebnis der Untersuchungen: Tian Labranako hat die Stadt unehrenhaft heimlich verlassen, um sich der Verbindung mit Canda Moreno zu entziehen.« Beim Blick in mein Gesicht lächelte sie zum ersten Mal wie eine Katze, die eben eine Maus verschluckt hatte. »Lies es selbst, wenn du mir nicht glaubst«, setzte sie mit süffisantem Mitleid hinzu.

Ich musste mich beherrschen, ihr das Blatt nicht aus der Hand zu reißen. Hastig überflog ich die Zeilen. »Ich muss mit meinen Eltern sprechen.« Meine Stimme echote in der kahlen Kammer.

Maram lachte – vermutlich zum ersten Mal seit Jahren. Es klang wie Mäusescharren auf Holz. »Wie stellst du dir das vor?«

»Ich kenne die Gesetze. Niemand kann mir verbieten, Nachrichten aus dem Haus der Verwaisten zu schicken.«

Maram schnalzte tadelnd mit der Zunge und reichte mir einen Stapel zusammengehefteter Papiere. »Das mag schon sein. Aber Leute wie du haben dieses Recht leider verwirkt.«

Eben noch hatte ich gefroren, aber jetzt schoss mir eine heiße Welle durch das Zwerchfell. Das, was Maram mir nun in die Hand drückte, war ein Gerichtsurteil. Es roch stechend nach frischem Siegellack und musste in aller Eile erstellt worden sein. Das Datum stammte von heute, die Zeit: vor drei Stunden! Also knapp zwei Stunden, nachdem ich abgeführt worden war.

In dem Urteil wurde ich für schuldig befunden, mein Talent unehrenhaft verloren zu haben, indem ich die Rituale in meiner Brautnacht falsch ausführte und missachtete. Als Hauptzeugin war Vida aufgeführt. Sie schwor, die vierte Kerze sei beim Ritual durch meine Unachtsamkeit ausgegangen. Und meine Freundinnen bestätigten mit ihrer Unterschrift, dass ich die Zeichnungen auf ihrer Haut zu nachlässig ausgeführt hätte. Der Urteilsspruch, der mich für immer verdammte, war unterschrieben und amtlich beglaubigt. Durch die höchste Richterzweiheit der Metropole Ghan.

Meine Eltern.

Das Summen in meinem Kopf schwoll an, Stimmen, die wirr durcheinanderredeten. »Aber das … das sind alles Lügen!«, flüsterte ich.

»Ja, Schuld schmerzt lange, wie ein Brandmal«, sagte Maram mit funkelnden Augen. »Verständlich, dass du sie nicht wahrhaben willst. Aber es ist ohnehin nicht mehr wichtig. Hier zählen deine Sünden nicht mehr.« Sie nahm mir das Urteil ab, legte es in die Mappe zurück und schlug sie mit Schwung zu. Ein Stück Papier rutschte heraus und blieb an der Kante des Schreibtischs liegen, federleicht, schwebend zwischen Fallen und Halt.

Maram beugte sich dicht zu mir. Ihr maskenhaftes Gesicht schwebte vor meinem. »Ich würde dir gerne einige Freiheiten lassen. Und wenn du tust, was ich dir sage, wird es nicht nötig sein, dich einzusperren und festzubinden.« So klebrig-freundlich hatte noch keine Drohung geklungen, die ich in meinem Leben gehört hatte. Weg von hier!, zischelten die Stimmen, als läge ich in einem Schlangennest. Sie hat die Schlüssel. Spring ihr ins Gesicht und lauf!

Offenbar wartete sie auf eine Antwort. Ich konnte nicht halb so gut lügen wie Vida, also wich ich ihrem Harpyienblick aus. Das schwebende Blatt verlor seine Balance und segelte auf den Boden. Ich starrte auf die Kostenaufstellung, die nun zu meinen Füßen lag. Alles war aufgelistet – jährliche Aufwendungen für meine Kleidung, Seife, Wasser, Essen. Ein Sonderposten für Medizin, Schlafmittel für traumlosen Schlaf in sehr hoher Dosierung. Mit Stempel bestätigt für die nächsten … dreißig Jahre. »Die Kosten trägt die Familie Labranako. Nach Ablauf der Garantiefrist Wiedervorlage vor Gericht«, stand dort in der steilen Handschrift meines Vaters.

Tians Eltern zahlen für mich? Ich verstand überhaupt nichts mehr. Aber unter dem Urteil prangten die Unterschriften – und als Bestätigung … das Siegel der Méganes. Jetzt war es endgültig: Auch die Mégana hatte mich verraten. Ich war vom Himmel gefallen wie ein verglühender Stern. Und ebenso unwiderruflich.

So ist es also, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, dachte ich benommen. Und eine wütende, verzweifelte Stimme in meinem Inneren schluchzte und schrie: Aber wenn ich schon sterbe, dann ganz bestimmt nicht in dieser Gruft.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich es tat. Die Canda, die ich bisher gewesen war, hätte sich eher aus dem Fenster gestürzt, als gegen ein Gesetz zu verstoßen. Aber nun beobachtete sie voller Entsetzen, wie das nackte Mädchen vom Bett hochschoss, das Hemd aus den Händen der alten Frau riss und den Stoff über deren Kopf zurrte. Maram war viel zu überrascht, um sich zu wehren, und ich war stärker als sie, viel stärker. Wir fielen zusammen auf den Boden und ich umschlang ihren dürren Körper mit den Beinen und hielt sie unten. Ihre welken Hände flatterten wie fahle Motten auf dem Ärmel, den ich wie einen Knebel um ihren Mund festzurrte. Ein Wimmern drang aus der schwarzen Stoffmaske, die sich über Nase und Augen spannte. Plötzlich hörten Marams Mottenhände auf zu flattern, sie verlor halb das Bewusstsein. Bist du verrückt? Erstick sie nicht, fessle sie und nimm die Schlüssel! Erschrocken ließ ich die Schlinge los und sprang auf. An die folgenden Minuten erinnere ich mich wie in einem Traum, in dem ich mir dabei zusah, wie ich ein Hemd in Stücke riss und die Alte knebelte und fesselte, sie aufs Bett wuchtete und an einen Bettpfosten band, damit sie nicht zur Tür kommen konnte. In fliegender Hast zog ich die schwarze Kleidung über – weite Hosen und ein unförmiges Hemd. Mein Zeremonienkleid und das Unterkleid stieß ich mit dem Fuß unter das Bett. Dann nahm ich Marams Schlüsselbund und stürzte zur Tür. Seltsamerweise waren es nur sieben Schlüssel. Der kleinste gehörte zu meiner Kammer. Ohne mich umzusehen, zog ich die Tür hinter mir zu, schloss ab – und lief.

Es war Abend. Die Gespenster hatten sich in ihre Kammern zurückgezogen; mit etwas Glück würde niemand vor morgen früh bemerken, dass Maram verschwunden war. Aber die erste Enttäuschung wartete schon an der Eingangstür auf mich: Die Tür war von innen verriegelt und keiner der Schlüssel passte.

Denk logisch!, redete ich mir zu, während meine ganze Haut vor Panik kribbelte. Maram muss den Schlüssel zu einer Ausgangstür haben! Vielleicht gibt es einen Hinterausgang? Die Faust fest um den Schlüsselbund geschlossen, huschte ich barfuß die Galerien entlang. Es war hoffnungslos. Keine Seitentüren, keine weiteren Gänge. Schwer atmend landete ich wieder dort, wo Maram mich vorhin abgeholt hatte. Aber auf der Karte war das Haus doch größer gewesen, viel größer! Das winzige Licht, das von einer dünnen Kette von der Decke auf Augenhöhe herunterhing, beschien den schwarzen Marmor. Links und rechts von mir gähnten offene Kammern wie Münder, die darauf warteten, die Unglücklichen zu verschlingen. Nur eine einzige Tür in der Mitte der Stirnseite war geschlossen. Das metallische Glänzen der Klinke fing meine Aufmerksamkeit. Alle anderen Klinken waren dunkel angelaufen, aber diese hier war durch tausend Berührungen poliert, als würde jemand sie täglich benutzen: Maram, die wie ein Geist vor mir aufgetaucht war – weil sie aus dieser Kammer getreten war? Lebte sie hier, genau gegenüber der Eingangstür? Ich rannte zu dem Licht und hakte die kleine Laterne von der Kette los. Mit zitternden Händen probierte ich dann die Schlüssel durch. Und tatsächlich: Der letzte, der Schlüssel meiner eigenen Kammer, rastete so leicht im Schloss ein, als würde er von selbst hineinfinden. Beinahe hätte ich gelacht: Natürlich hatte Maram als Verwalterin den einzigen Schlüssel, der jede Kammertür öffnen konnte. Die Tür schwang lautlos auf. Ich fürchtete schon, auch noch eines der Gespenster niederschlagen und fesseln zu müssen, aber hier gab es nur Regale und Akten und einen Schreibtisch, der fast an das Bett stieß. Ich schloss hinter mir ab. Einige Minuten lehnte ich mich nur keuchend gegen die Tür und schloss die Augen.

Ich muss verrückt sein, echote es in meinem Kopf. Sie werden mich finden und dann werde ich den Rest meines Lebens nie wieder die Sonne sehen.

Irgendwo kratzte etwas hinter der Wand, vielleicht eine Ratte – oder Insekten, die sich in die Kühle von Mauerwerk flüchteten.

Staub brachte mich zum Husten, als ich Schublade für Schublade durchwühlte und die Regale auf der Suche nach Geheimfächern leerte. Es musste hier irgendwo einen Anhaltspunkt geben, einen Plan – oder den Schlüssel zum Ausgang! Aber ich fand nur endlose Abrechnungen, die sich wie Rechtfertigungen für jeden Atemzug lasen. Dutzende Namen, unter denen das Siegel der Méganes prangte. Und darunter die Unterschriften meiner Eltern, als wäre eine Verhandlung vorangegangen. An manche Abrechnungen waren weitere Dokumente angeheftet: So etwas wie Kaufverträge mit fremdartigen Namen, die ich noch nie gehört hatte, Siegel fremder Städte, unterschrieben mit dunkelbrauner Tinte. Nein, es schienen wohl eher Mietverträge zu sein, Zeiten waren angefügt. Und wieder hatten meine Eltern unterschrieben. Ich warf die Papiere zurück und suchte weiter.

Immerhin stöberte ich auch eine kleine Taschenlampe und ein Messer auf. Es diente zwar zum Öffnen von Briefen, aber es war besser als nichts. Wofür?, höhnte mein Verstand. Um die Kreaturen der Wüste damit zu töten? Trotzdem wickelte ich meine Beute in das Stück Stoff, das einige alte Bücher schützte, und band es mir wie einen Geldgürtel um die Taille. Ein paar Münzen, die ich ebenfalls hineingestopft hatte, fielen heraus. Ich ging auf die Knie und sammelte das Geld wieder ein. Mein Blick fiel in das unterste leere Regalfach, aus dem ich die Schublade herausgerissen hatte. Ich leuchtete in die Öffnung und hätte am liebsten einen Triumphschrei ausgestoßen. Ein Türschloss! Es war so gut versteckt wie das Schloss zum Mörderwinkel des goldenen Saals zu Hause. Und Marams größter Schlüssel passte.

*

Ein schmaler Teil des Schrankes schwang mit einem leisen Knarzen wie eine Tür nach innen. Staubiger Kellergeruch wehte mir entgegen. Abgestandene Luft und der Dunst von Schweiß und ungewaschener Kleidung. Ich stand vor einem langen Gang, der zu einer Treppe führte. Ich hatte also recht gehabt, als ich die Abmessungen des Hauses im Kopf berechnet hatte. Hier ging es zum hinteren Trakt des Gebäudes. Das Licht der Taschenlampe warf schwankende Schatten, während ich die Stufen hinaufhetzte. Das müssen Geheimgänge sein, die früher zur Stadtmauer führten. Oder Verteidigungsgänge, durch die heißes Öl zu den Scharten geschafft wurde. Vielleicht führen sie heute zu Vorratsräumen, Kleiderkammern oder …

»Maram? Was machst du denn …«

Hätte ich nicht zufällig nach links geschaut, wäre ich genau gegen die Gestalt geprallt, die von einem Stuhl aufsprang. Bei meinem Anblick riss sie die Augen auf. Ihr empörter Schrei setzte sich als Echo durch die Gänge fort. Und ging in ein schrilles mechanisches Kreischen über, eine Alarmklingel, so laut, dass sie jeden Gedanken zerriss. Wie in einem Albtraum, in dem ich sah, aber nicht hörte, nahm ich wahr, wie sich die kräftige Frau ohne Zögern auf mich stürzte. Mit einem Satz wich ich ihr aus, stolperte und schlug lang hin. Den Schmerz des Aufpralls spürte ich kaum, nur die Hände, die sich in meinen Nacken krallten, das Knie zwischen meinen Schulterblättern. Ich warf mich mit aller Kraft herum. Meine Faust mit den Schlüsseln schnellte nach oben. Die Frau zuckte zurück, als sie die Metallzinken auf ihre Augen zuschießen sah. Und in diesem Moment trat ich zu. Meine Ferse traf ihre Hüfte und schleuderte sie zurück. Sie stieß gegen ihren Stuhl und stürzte, ihr Mund aufgerissen zu einem Schrei, den ich in dem Alarmgeheul nicht hörte. Ich rappelte mich hoch und rannte, gehetzt vom Schrillen, das mir den Schädel auseinanderzusägen schien. Durch den Alarm hindurch glaubte ich Rufe zu hören, zu spüren, wie der Boden unter stampfenden Füßen bebte. Der abgestandene Geruch wurde immer schlimmer, Hitze trieb mir den Schweiß aus den Poren. Aber ich konnte nicht zurück. Der einzige Weg nach vorn war ein schmaler Durchgang. Mit einem Satz sprang ich über eine Schwelle – und schlitterte über viel zu glatten Boden. Keuchend und mit den Armen rudernd fand ich mein Gleichgewicht. Es war eine Art Zwischenboden und er endete an verwitterten Mauersteinen. Am Rand lag altes Holz aufgeschichtet, drei Stühle standen herum, eingesponnen in Kokons aus Spinnweben. Ich bin an der Stadtmauer! Aber kein Ausgang.

Der Alarm verstummte abrupt. »Da ist sie langgelaufen!«, brüllte jemand da draußen.

Der Kegel meiner Taschenlampe huschte im Zickzack über das Mauerwerk. Und fand eine Scharte. Drei Meter Höhe. Zwei Mauerstücke darunter fehlen, genug Halt für eine Hand und einen Fuß?

Und als das Licht zu den Stühlen und dem Holzstapel zurückhuschte, begann mein Verstand zu rennen wie ein Tier, das man von der Kette gelassen hatte.

Es war nicht ganz einfach, die Stühle zu verkeilen und mich an der Konstruktion hochzuziehen. Sie schwankte und knackte – das wahnwitzige Kunststück eines verrückten Akrobaten, der sich gleich den Hals brechen würde.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffte, aber ich gewann zwei Meter, bevor meine Verfolger in den Raum stürzten.

»Holt sie da runter! Sofort!«

Ich sah mich nicht um, schob mir die Taschenlampe zwischen die Zähne und stieß mich ab. Meine Fingernägel kratzten über Mauerwerk, aber ich schaffte es, in den Spalt zu greifen. Mein Fuß fand Halt. Nur noch zwei Handbreit! Unter mir fiel die Stuhlkonstruktion um. Das Gepolter echote im Raum.

»Eine Leiter, schnell!«

Meine Zähne schmerzten, so fest biss ich auf die Taschenlampe, ich keuchte und fluchte in Gedanken, während ich mich mit zitternden Muskeln hochzog – bis ich auf dem Vorsprung der Scharte saß wie auf einem Fensterbrett.

»Komm runter, Mädchen, sonst wird es nur noch schlimmer für dich!«

Eher breche ich mir den Hals, dachte ich grimmig. Nur aus den Augenwinkeln konnte ich die Gruppe schwarz gekleideter Gestalten sehen – und eine Frau, die mit einer Leiter unter dem Arm in den Raum rannte.

Mein Atem hallte in meinen Ohren und ich betete, dass die Scharte nicht vergittert war. Ich tastete über schmutzverkrustetes Glas – und ein weiteres Schlüsselloch. Meine Hände zitterten, als ich nach dem richtigen Schlüssel suchte. Nimm den blanken Schlüssel, den scheint Maram nie zu benutzen, flüsterte mir meine Stimme ein. Wenigstens mein drittes Talent, das mir dabei half, die richtigen Wege zu finden, ließ mich nicht im Stich. Es knirschte, als das Fenster aus seiner Verankerung schwang. Panzerglas, so dick wie ein Backstein. Keuchend zog ich mich hoch. Es war dunkel geworden, die staubige Straße unter mir war leer. Unendlich weit unten lehnten schäbige Marktstände wie müde Bettler an der Mauer. Ich fädelte die Beine durch die Scharte. Sie war so eng, dass ich mich nur seitlich hindurchschieben konnte. Meine lädierten Rippen schmerzten, als ich mich rückwärts nach draußen schob, den Blick auf die Gespenster gerichtet, die Beine draußen in der noch warmen Abendluft. Die Taschenlampe rutschte mir aus dem Mund. Im Fallen fing ihr Licht zwei Gespenster ein, die eben die Leiter an die Wand lehnten. Dann kam die Lampe auf dem Boden auf, sprang zurück und blieb schräg an die Wand gelehnt liegen. Das Licht brach sich in zerkratztem … Glas? Ich zögerte nur eine Sekunde, aber die Zeit schwang in diesem Herzschlag wie eine Ewigkeit. Der Boden bestand tatsächlich aus Glas. Und darunter, wie unter Wasser, Menschen! Die meisten waren älter oder schon Greise. War das eine Station für Sterbende? Nein, sie wirkten eher wie Menschen, die dem Traumwahnsinn verfallen waren. Wie Ertrinkende wanden sie sich auf kargen Lagern, nicht mehr als Matratzen. Manche schrien, aufgeschreckt durch den Lärm und das Licht, unhörbar unter Glas, Wahnsinnige, die nicht bei sich waren. Wie bei Schlafwandlern irrten ihre Blicke. Im Bruchteil dieser Ewigkeit entdeckte ich eine junge Frau, kaum älter als zwanzig, deren langes Kastanienhaar sich über den Boden breitete wie ein Fächer. Sie schrie nicht, ihre Augen waren geschlossen und in ihrem Gesicht nichts außer einer stumpfen Verzweiflung.

Träume führen in den Wahnsinn, hörte ich Maram sagen. Solche haben wir hier auch – tragische Schicksale.

»Ich habe sie!« Eine Hand krallte sich in meinen Ärmel. Das Mädchen unter Glas öffnete die Augen. Ihr leerer Blick fand meinen. Und es war, als würde ich in ein grauenvolles Spiegelbild blicken.

Es war dieser Schreck, der mir die Kräfte verlieh. Mit einem Schrei stieß ich die Frau, die mich gepackt hatte, grob zurück. Sie verlor das Gleichgewicht, rutschte ab, aber sie ließ mich nicht los. Mein Arm wurde mit einem Ruck nach unten gezogen, aber ich verhakte mich in der Scharte und biss die Zähne zusammen. Stoff riss, dann war mein Arm frei. Ich robbte weiter zurück, zappelte und strampelte, damit das Gewicht meiner Beine mich nachzog – und rutschte endlich ins Freie.

Einen Atemzug lang verlor ich jedes Gefühl für oben und unten. Stoff bremste meinen Fall und riss, Holz splitterte, ein reißender Schmerz zuckte durch meinen Knöchel. Ich brach durch das Dach des Markstandes und landete in etwas, das sich anfühlte wie glitschig nasser Samt. Der betäubend süße Duft von Farin-Früchten stieg mir in die Nase. Als Kind hatte ich den goldgelben, zuckrigen Saft geliebt. Jetzt durchweichte er meine Kleidung, klebrig und ekelhaft. Ein angeketteter Hund kläffte mich an. Ich wälzte mich von dem Stand, schlitterte über heruntergefallene Früchte nach draußen und lief humpelnd davon, so schnell ich konnte.