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Der Weg vom Konferenzraum zum Saal war eine schmale, steile Treppe, auf der höchstens zwei Personen nebeneinander Platz hatten. Wie durch ein Nadelöhr mussten sich die Ratsuchenden nach oben zwängen.

»Wer war der Mann?«, fragte ich den Wächter.

»Niemand von Bedeutung«, antwortete der knapp. Jetzt war mir erst recht unbehaglich zumute. Wenn jemand, der im Vorzimmer der Méganes saß, als unbedeutend bezeichnet wurde, konnte man sicher sein, dass es eine Lüge war. Immer noch hatte ich eine Gänsehaut und war verstört von der Begegnung.

Um mich zu beruhigen, zählte ich die Stufen, schätzte ihren Abstand und berechnete ganz mechanisch die Höhe der Treppe. Die fünfzigste Stufe endete an einem nur brusthohen Durchgang aus Marmor. Jeder musste sich hier ducken, man betrat den Saal der Méganes zum Zeichen der Ergebenheit mit gebeugtem Nacken. Mein Schritt bekam einen Hall, die Luft wurde kühl. Der Duft von Lilien vertrieb die Erinnerung an den Wüstenhauch des Verrückten. Ich ging die vorgeschriebenen dreizehn Schritte mit gesenktem Kopf und blieb stehen.

»Willkommen, Canda.« Es war die freundliche Stimme einer älteren Frau. Ich hob den Kopf. Manja und Oné saßen ganz vorne an einem hufeisenförmigen Steintisch – gegenüber von meinen Eltern. Ich hätte eine völlig Fremde sein können, so neutral blickte meine eigene Familie mir entgegen. Tians Verwandte zweiten Grades saßen im Hintergrund. Ich entdeckte seine beiden jüngeren Brüder, die in der Ritualnacht bei ihm gewesen waren. Sie hatten tiefe Ringe unter den Augen und wirkten trotz ihrer Bronzehaut heute so blass, dass die roten kultischen Zeichnungen auf ihrer Haut leuchteten wie Peitschenstriemen.

Der Mégan und die Mégana erwarteten mich am Scheitelpunkt des Hufeisentisches. Aus der Ferne hatte ich das Herrscherpaar schon oft gesehen. Doch so nahe war ich ihnen noch nie gekommen. Die graue Beamtenkleidung ließ sie beide glanzlos und nüchtern erscheinen, zwei achtzigjährige Menschen mit verwitterten Gesichtern. Das weiße Haar unserer Herrscherin wurde mit einem Kupferreif straff nach hinten gehalten, ihre Haut war so hell gepudert, dass ihre braunen Augen schwarz wirkten. Der Mégan war ein sehniger, immer noch kräftiger Greis mit tiefen Furchen neben den Mundwinkeln. Er trommelte mit den Fingern ungeduldig auf dem Tisch herum.

»Höchste Mutter«, begrüßte ich die beiden tonlos. »Höchster Vater …«

Ich wollte mich verbeugen, aber die Mégana gab mir nur einen Wink, und ich gehorchte und trat in die Mitte des Hufeisens.

»Zeugin Moreno«, wandte sich die Mégana an meine Mutter. »Wie alt ist sie genau?«

»Siebzehn Jahre und zehn Tage, Höchste Schwester. Wie Ihr wisst, sollte sie vorgestern mit Tian Labranako verbunden werden.«

Der Mégan verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. »Soweit ich gehört habe, ist sie nicht so hässlich, dass sie ihr Gesicht verbergen müsste.«

»Sie ist in Trauer, Höchster Bruder«, erwiderte Manja anstelle meiner Eltern. Die Miene meiner Mutter blieb völlig ausdruckslos, aber ich konnte mir denken, dass sie Manja am liebsten geohrfeigt hätte. Und auch mir wurde heiß. Manja wollte mich nur schützen, aber natürlich bewirkte sie damit das Gegenteil. Jeder wusste, dass der Mégan wie ein Jagdhund war. Beim geringsten Hauch eines Verdachts nahm er die Fährte auf. Und meine klanglose Stimme hatte ihn sicher ohnehin schon neugierig gemacht.

»Hier ist kein Ort für Trauerschleier. Nimm ihn ab, Mädchen.«

»Höchster Bruder!« Selten hatte meine Mutter so freundlich und so verbindlich gewirkt. »Bitte erinnere dich an unser Gesuch von heute Morgen, dem ihr beide stattgegeben habt. Bis wir allein mit euch über die … die Erkrankung unserer Tochter sprechen können, bitten wir nochmals um strengste Vertraulichkeit. Das habt ihr uns zugesichert, als ihr uns und Canda als Zeugen geladen habt.«

So verschieden die Herrscher in ihrem Wesen und Temperament waren, ihr absoluter Gleichklang war so deutlich spürbar wie die Schwingung einer Gitarrensaite an der Fingerkuppe. In einer Sekunde hatten sie sich entschlossen.

»Geh, Mädchen«, sagte die Mégana freundlich zu mir. »Warte im Konferenzsaal. Wir entscheiden später, ob wir deine Aussage noch brauchen.«

Meine Eltern konnten ihre Erleichterung kaum verbergen. Aber ich rührte mich nicht. Wenn ich gehorchte, hatte ich keine Chance mehr, Einfluss zu nehmen. Wie eine Spielfigur würde ich am Rand stehen und jede Entscheidung akzeptieren müssen, die andere für Tian und mich treffen würden.

Ich räusperte mich, und als ich endlich ein Wort herausbrachte, war es, als würde ich meinen Eltern hinterrücks ein Messer in den Rücken stoßen.

»Mit Verlaub, aber ich … möchte nicht gehen. Niemand steht Tian näher als ich. Auch meine Zukunft und die meiner Familie hängt davon ab, ob er gerettet werden kann. Ich muss hierbleiben, Höchste Herrscher.«

Der Mégan hob die linke Augenbraue. »Ich will jedem, der etwas zu diesem Fall zu sagen hat, ins Gesicht sehen.«

Meine Mutter schüttelte kaum merklich den Kopf. Unter dem Schleier glühte mein Gesicht vor Scham, ich bekam kaum noch Luft. Meine Hände zitterten, als ich den Saum ergriff und das federleichte Grau nach hinten streifte. Es war schlimmer, als sich vor Fremden nackt auszuziehen. Entsetztes Flüstern wallte auf. Zumindest an diese Reaktion bin ich inzwischen gewöhnt, dachte ich bitter.

»Bevor ihr fragt: Sie ist es wirklich«, sagte meine Mutter. »Wir verbürgen uns dafür, dass dieses Mädchen unsere Tochter Canda ist. Auch wenn sie im Augenblick … verändert wirkt.«

Das Flüstern verstummte abrupt, vermutlich auf ein Zeichen der Herrscher. Als ich endlich wagte, den Kopf wieder zu heben, blickte ich in angewiderte und erschrockene Mienen. All diese Menschen hatten mich vor zwei Tagen noch lachend begrüßt, umarmt, mich Schwester, Tochter und Freundin genannt.

Vater starrte demonstrativ an mir vorbei. Für die Schande, die ich ihm nun zufügte, würde er mich lange nicht mehr ansehen – vielleicht nie wieder.

»Du musst Tian wirklich sehr lieben«, bemerkte die Mégana sanft.

Um ein Haar wäre meine beherrschte Fassade zusammengebrochen. »Mehr als mein Leben, Höchste Mutter«, brachte ich mit erstickter Stimme heraus. »Ihr müsst ihn finden und retten, ich bitte Euch!«

Die Mégana lächelte, Fältchen tanzten um ihre Augen und ich begriff, dass ich zwar mein Strahlen verloren, aber eben ihr Herz gewonnen hatte.

»Wir tun alles, was in unserer Macht steht. Und nun beantworte die Fragen für das Protokoll: Tian Labranako ist also dein Versprochener?«

»Seit Geburt an, Höchste Mutter. Und mehr als das: Er ist mein Freund, mein Geliebter, mein Vertrauter – er ist die zweite Hälfte meines Herzens.«

Ein Schreiber, der etwas abseits saß, begann mit einem Füller auf Papier zu kratzen.

»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

»Am Abend, bevor wir uns zu unserer Zeremoniennacht verabschiedet haben.«

»Was hat er gesagt und getan?«, übernahm der Mégan das Wort. Es war der barsche Ton eines Verhörs. Mein Mund wurde auf der Stelle trocken. Aber der Teil von mir, der in Zahlen und Strategien dachte, begriff, was zu tun war. Die Mégana und der Mégan waren wie Feuer und Stein. Ich hatte das Wohlwollen des Feuers, jetzt musste ich zeigen, dass ich die nüchterne Faktensprache des Steins beherrschte.

»Er hat mich zum Abschied umarmt, Höchster Vater, vor der Tür des Prunkzimmers.«

»Benahm er sich anders als gewöhnlich?«

»Er schien nur etwas zerstreut zu sein. Ich schob es aber auf die bevorstehende Zeremonie. Er war schon seit einigen Tagen nachdenklicher als sonst. Vielleicht … wusste er bereits, dass er in Gefahr war.«

»Warum hast du nicht sofort mit deinen Eltern über diesen Verdacht gesprochen?«

»Es war kein Verdacht, mir wird der mögliche Zusammenhang erst jetzt bewusst, im Rückblick.«

Der Mégan schnaubte spöttisch. »Du hast also nicht gespürt, woran er in den vergangenen Tagen dachte? Und du hast die Stirn, hier zu behaupten, dass ihr zwei Teile eines Herzens seid? Wie kann das sein, wenn du nicht einmal seine einfachsten Gefühle teilst?« Das Schlimme war, dass er recht hatte. Ja, ich hatte versagt, ich hätte spüren müssen, dass mein Geliebter Angst hatte. Jetzt musste ich doch die aufsteigenden Tränen unterdrücken.

»Es ist nicht Candas Schuld, höchster Bruder«, warf meine Mutter ein. »Tian hat sich ihr mit Absicht verschlossen.«

»Das sind Unterstellungen!«, rief Oné. »Vergiss nicht, du bist heute als Zeugin hier, nicht als Richterin, Isané!«

»Stattgegeben«, sagte der Mégan trocken. »Was genau hat er zum Abschied gesagt, Canda?«

»›Schlaf tief und traumlos‹«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »›Aber vorher denk an mich, wenn du den Mitternachtswein trinkst.‹«

»Mitternachtswein? Was soll das sein?«

»Eine Art privater Zeremonie, Höchster Vater. In letzter Zeit saßen Tian und ich ab und zu auf dem Dach. Wir redeten und tranken Wein, den Tian mitgebracht hatte. Er liebte den Geschmack von Zillagewürz. In der Nacht vor der Verbindung wollten wir beide von dem Wein trinken. Es …« Ich musste krampfhaft schlucken, um weitersprechen zu können. »Es … sollte das Zeichen unseres Versprechens sein.«

»Aha. Und worüber habt ihr geredet?«

»Tian … sprach über seine Vorfahren. Damals, als sie noch auf den Perlinseln lebten. Er erklärte mir, wie sie mit Hilfe der Sterne navigierten und in ferne Länder reisten.«

»Hat er angedeutet, dass er dorthinwollte?«

Ich schüttelte erstaunt den Kopf. Es war eine seltsame Frage. »Natürlich nicht! Warum sollte er?«

»Die Fragen stelle ich! Sonst hat er nichts gesagt?«

Meine Mutter warf mir einen warnenden Blick zu.

»Er sagte: ›Möge kein Traum deinen Schlaf stören.‹«

Der Mégan kniff die Augen zusammen. In dem kalten Licht des Saales wirkten sie so schwarz und tot wie Onyx-Steine. »Und? Hast du geträumt?«

Mit einem Mal war es im Raum so still, dass sogar das kaum wahrnehmbare Surren der Klimaanlage unangenehm laut klang.

»Ich … habe im Schlaf wirre Bilder gesehen.«

»Was für Bilder?«

»Gesichter und Stimmen. Aber ich erwachte bald, weil ich spürte, dass Tian etwas zugestoßen war. Und ich bin sicher, die Bilder waren keine Träume – sondern der Widerhall von Tians Leid. Er muss genau um diese Zeit entführt worden sein.« Es war die Erklärung, die meine Mutter mir eingeschärft hatte, aber sie fühlte sich absolut wahr an. Und vielleicht glaubte mir der Mégan deshalb. »Gut. Nimm bei den anderen Zeugen Platz.«

Tians Verwandte rückten von mir ab, sein jüngster Bruder, der mich schon seit Monaten liebevoll Schwesterchen nannte, starrte mich an wie einen Geist.

»Oné und Manja Labranako?«, wandte sich der Mégan an Tians Eltern. »Seid ihr bereit?«

Die beiden waren totenblass geworden, aber sie standen auf und nickten. »Wir sind bereit, Höchster Bruder«, sagten sie wie aus einem Mund.

»Bringt ihn herein!«, befahl der Mégan.

Wachen setzten sich in Bewegung und öffneten eine Seitentür. Ein Scharren kam von draußen, dann erschienen zwei Mitglieder der berüchtigten Gefängnisgarde. Hochgewachsene Männer in grauen Uniformen, Niedere von Geburt, aber für ihre Dienste im Kerker geeignet. Sie schleiften einen kraftlosen, halbnackten Körper über die Schwelle. Der Geruch von ungewaschener Haut, Angst und Eisen füllte den Raum. Einige Labranakos hielten sich parfümierte Taschentücher vor das Gesicht.

Ich spürte kaum, wie ich aufsprang, ich konnte nur das Unfassbare anstarren, den Schrei schon in der Kehle.

Tian! Sein Kopf hing vornüber wie bei einer Puppe. Seine roten, wirren Locken hingen ihm tief ins Gesicht, um seinen Hals wanden sich rote Schlangenornamente. Ich wollte zu ihm stürzen, ihn umarmen, ihn stützen, sein Gesicht mit Küssen bedecken. Aber ich verharrte wie gelähmt im Schock. Keine Verbindung! So nahe und ich spüre ihn nicht! Ist er tot?

»Runter mit ihm«, befahl der Mégan.

Die Männer der Garde stießen Tian grob zu Boden. Er lebte! Er stürzte auf Hände und Knie und stöhnte auf. »Was soll das?«, schrie ich. »Wie behandelt ihr euren eigenen Sohn?« Ich wollte losrennen, aber Tians älterer Bruder sprang auf und hielt mich zurück.

»Canda, beherrsche dich!« Der Befehl meiner Mutter war scharf wie ein Peitschenhieb.

Die Labranakos wandten alle peinlich berührt die Blicke ab. Und ich wusste es auch selbst: Noch nie in der Geschichte unserer Familie hatte eine Moreno sich so vergessen. Auf ein Nicken meines Vaters und einen Wink des Mégan trat ein Gardist zu mir. Ein riesiger schwarzhaariger Mann mit einer Narbe, die seine Wange teilte und ein ständiges schiefes Grinsen in sein Gesicht zerrte. »Ihr missachtet das Gericht, Herrin«, sagte er leise. »Zwingt mich nicht dazu, Euch hinausführen zu müssen.«

Tian rührte sich nicht, nur seine Arme zitterten vor Anstrengung. Seine Stirn berührte fast den Boden, so kraftlos war er. Auch um seine Handgelenke wand sich der traditionelle Hochzeitsschmuck, die roten Korallenschlangen der Familie Labranako. Sie schienen zu schwimmen, aber es war nur mein Tränenschleier. Manja verzog den Mund und wandte so angewidert die Augen ab, als könnte sie den Anblick ihres eigenen Sohnes nicht ertragen. Bisher hatte ich sie bedingungslos geliebt, aber in diesem Moment hasste ich sie.

»Weiter«, befahl der Mégan ruhig.

Ein Gardist packte Tian grob am Haar und … riss seinen Kopf zurück!

Ich presste mir die Hand auf den Mund, so schrecklich war das, was ich dort sah: ein verzerrtes Gesicht, blau und grün geschlagen und völlig verschwollen. Getrocknetes Blut klebte am Kinn, eine alte Narbe am Mund … die Tian nicht hat! Und braune Augen, angstvoll aufgerissen. Nicht grün, wie die von Tian.

»Das haben Minas Moreno und die Wächter am Morgen des Hochzeitstages also gesehen«, bemerkte der Mégan. Er blickte auf die Aufzeichnungen, die vor ihm lagen. »Dieser Mann lag anstelle von Tian auf dem Prunkbett, das Gesicht in den Kissen verborgen, betäubt von Schlafmitteln. So wie Tians Brüder und Freunde. Wir sollten also alle getäuscht werden. Und wie gut die Täuschung funktioniert, sehen wir daran, dass sogar Canda auf diese Maskerade hereingefallen ist.«

Meine Knie gaben nach, zitternd setzte ich mich hin. Ich fühlte mich beschämt und betrogen – von Manja, von den Labranakos, aber auch von den Méganes, die genau wussten, was sie mir zum Zweck der Beweisführung gerade angetan hatten.

»Sein Name ist Jenn«, erklärte der Gardist mit dem Narbengrinsen. »Niederer aus dem dritten Ring. Er handelt mit Wasser.«

»Du weißt, warum du hier bist, Jenn?«, fragte der Herrscher.

Der Junge hatte Angst, aber erstaunlicherweise schien er trotz seiner niedrigen Stellung so etwas wie Stolz zu besitzen, denn er kam schwankend auf die Beine, obwohl es ihm Schmerzen bereitete. Dort, wo Bäche von Schweiß an seiner Brust entlanggelaufen waren, zeigten sich Streifen heller Haut und Sommersprossen. Der Bronzeton war also nur Farbe, vermutlich mit Goldpartikeln durchmischt, die den typischen Sonnenteint der Labranakos vortäuschten.

»Ja, Höchster Herrscher«, brachte er mühsam und verwaschen heraus. »Mir wird unterstellt, ich sei an einem Verbrechen beteiligt. Das bin ich aber nicht!«

»Du behauptest, du hast nichts mit Tian Labranakos Verschwinden zu tun?«

»Ich kenne doch überhaupt keinen Tian! Und wenn mir Eure Garde alle Knochen bricht, ich bin unschuldig. Es war der Kerl im Mantel – er hat mich reingelegt.«

»Welcher Kerl im Mantel?«

Trotz allem tat der Junge mir leid. Als er Hilfe suchend zu mir blickte, vermutlich, weil ich die Einzige war, die über seinen Anblick entsetzt gewesen war, schaute ich nicht weg. Aber er und ich wussten, dass seine Chancen, mit heiler Haut davonzukommen, gleich null waren.

»Ich bin Händler!«, rief Jenn. »Vor zehn Tagen kam einer zu mir, der mir Wasser abkaufte. Er trug einen gelben Mantel mit Kapuze und sagte mir keinen Namen, sein Gesicht hatte er hinter einem Tuch verborgen, aber ich hab trotzdem gesehen, dass er einer aus dem inneren Ring ist. Nach ein paar Tagen kam er wieder. Ich sollte Dinge für ihn einkaufen. Er wollte mir so viel Geld nicht auf dem Markt geben, also habe ich ihm gesagt, wo ich lebe. Dachte, er würde keinen Fuß in die Gegend setzen, aber er kam dorthin. Und er scherte sich nicht darum, in der Unterkunft eines Niederen zu sitzen.«

»Was solltest du für ihn kaufen?«

»Alles Mögliche – Decken, ein Mittel gegen Schlangengift, Proviant, vierzig Ellen dünnes Seil und einen weißen Sonnenmantel, wie man ihn für die Wüste braucht.«

Zum ersten Mal seit meiner grauenhaften Brautnacht war ich erleichtert. Seile für Fesseln? Und unter einem Mantel konnte man einen Entführten verbergen. Es waren Gegenstände für eine Reise, nicht für einen Mord.

»Und wie bist du dann in das Prunkzimmer gekommen, Jenn?«, wollte der Herrscher wissen.

Wieder irrte Jenns Blick für einen Moment zu mir, als würde er Halt suchen.

»Weiß nicht«, murmelte er. »Es war mitten in der Nacht, ich lag schon auf meiner Pritsche. Es klopfte – und kaum hatte ich die Tür aufgemacht, da hatte der Kerl mich schon an der Gurgel. Ich war viel zu überrascht, um mich zu wehren – und ich weiß, welche Strafe darauf steht, einen der Höheren auch nur anzufassen. Der Mantelmann drückte mir ein Messer an die Kehle. Er sagte, ich soll trinken, Wein, das konnte ich riechen, schwerer Wein. Er roch so ähnlich wie der Weihrauch, den man beim Gebet anzündet. Ich hatte Angst, dass es Gift ist, aber er zwang mich dazu. Es schmeckte süß und gleichzeitig bitter – das Kräutergewürz darin war Zillawurzel.«

Der Mégan warf mir einen düsteren Blick zu. Aber auch so begann mein Herz schneller zu schlagen. Genauso hatte der Mitternachtswein geschmeckt.

»Dann kippte ich weg«, fuhr Jenn fort. »Als ich das nächste Mal wach wurde … lag ich in einem riesigen Bett in einem Palastzimmer. Meine Haare waren bis zu den Schultern abgeschnitten, jemand hatte mir rote Schlangen auf die Haut gemalt, und ein paar Wächter brüllten mich an. Das ist alles, was ich weiß, ich schwöre es bei den Geistern meiner Ahnen und dem Blut meiner Mutter.«

Manja sackte auf den Stuhl, als hätte sie einen Hieb erhalten. Oné setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Nun, damit sind die Beweise für Tians Schuld so gut wie vollständig«, sagte die Mégana.

Ich hörte die Worte, aber ich brauchte mehrere Sekunden, um wirklich zu begreifen. Sie verurteilten meinen Geliebten! Wie aus weiter Ferne hörte ich die trockene Stimme des Mégan, sah, wie Manja sich vergeblich bemühte, ihre Tränen zu verbergen, und die maskenhaft sachlichen Mienen meiner Eltern.

»… Tians Lehrer hat im Gefängnis die Zeichnungen auf der Haut des Gefangenen begutachtet und bestätigt, dass Tian sie ausgeführt hat. Und der Wein, den Canda Moreno Mitternachtswein nennt, war mit Bithrium versetzt, dem Gift der Felsviper. Tödlich in einer Wunde. Mit Wein oder Wasser vermischt und getrunken ist es ein Betäubungsmittel, sehr stark und in hoher Dosis sehr lange wirkend. Nimmt man zu viel davon, erwacht man erst nach zwei Tagen wieder. Tian brachte seine Brüder dazu, ihre Gläser in einem Zug zu leeren. Nur er trank keinen Schluck. Er wollte also sicher sein, dass niemand vor dem Mittag zu sich kommt. Und für den Fall, dass jemand im Prunkzimmer nach dem Rechten sieht, sorgte er mit sehr viel Sorgfalt dafür, dass sein Platzhalter so echt wie möglich wirkte. Tian Labranako hat Ghan ohne schriftliche Erlaubnis verlassen, was an sich schon strafbar ist. Die nächtlichen Gespräche über Navigation und ferne Länder, die er mit Canda Moreno auf dem Dach führte, deuten darauf hin, dass er seine Flucht schon länger plante. Darüber hinaus hat er die Verbindung mit seiner Versprochenen heimtückisch und vorsätzlich veruntreut. Eine harte Wahrheit für beide Familien. Und eine dunkle Stunde für unsere Stadt. Über die Höhe der Entschädigungszahlung an die Familie Moreno wird verhandelt werden, sobald alle Ansprüche erfasst und beziffert sind. Die Sitzung für die Labranakos ist für heute beendet.«

»Das ist alles nicht wahr!« Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden.

»Canda!«, zischte mein Vater. »Setz dich und schweig!«

Aber nichts und niemand hätte mich jetzt noch zum Schweigen gebracht. »Warum sollte Tian seine ganze Zukunft wegwerfen? Er wurde Opfer eines Verbrechens!«

»Das Opfer des Verbrechens bist du, Canda«, sagte die Mégana bedauernd. »Aber die Familie Labranako wird alles tun, um dieses Unrecht ihres Sohnes an dir wiedergutzumachen.«

»Wie könnt Ihr das glauben?«, rief ich Tians Eltern zu. »Kein Mensch mit Verstand würde die Stadt freiwillig verlassen. Und Tian hat unsere Verbindung nicht veruntreut. Eher würde er sterben. Ihr könnt Euren Sohn nicht im Stich lassen!«

»Wir haben nur zwei Söhne«, erwiderte Oné mit gebrochener Stimme. »Einst hatten wir einen dritten. Aber er hat beschlossen, uns in Schande zu verlassen. Und damit ist es, als hätte er nie gelebt. Weiter gibt es nichts zu sagen.«

Ketten klirrten, als Jenn fortgeschleppt wurde. Stuhlbeine kratzten über den Boden, teurer roter Stoff raschelte, polierte Lederschuhe scharrten eilig über Stein. Bisher hatte ich mich geborgen gefühlt in meiner Stadt, meiner Familie, mit all den Regeln, die mich einhüllten wie ein sicherer Kokon, aber jetzt hatte ich das Gefühl, unter Verrückten zu sein. Als sei ich ein Geist geworden, mieden Tians Verwandte meinen Anblick, während sie aus dem Raum hasteten. Sogar Manja ging in weitem Bogen um den Tisch herum, die geröteten Augen starr auf die Tür gerichtet, so als wollte sie möglichst viel Abstand zu mir halten. Innerhalb von zehn Sekunden waren meine Eltern und ich mit den Herrschern allein. Meine Schritte hallten überlaut in dem leeren Raum, als ich in das Hufeisenrund rannte. Direkt vor den Herrschern blieb ich stehen.

»Bitte, Höchste Eltern. Ich kenne ihn besser als jeder andere und ich verbürge meine Seele für seine Unschuld. Sucht ihn und holt ihn zurück und Ihr werdet sehen …«

Meine Mutter stand abrupt auf. »Verzeiht, Höchste Schwester, Höchster Bruder. Seit ihr diese … Sache zugestoßen ist, handelt sie sehr unkontrolliert und impulsiv.«

Der Mégan beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. Und dann überraschte mich der steinerne Herrscher. »Nein, lass sie sprechen, Isané. Krank oder nicht – sie ist eine Tochter der Stadt, ihre Stimme zählt. Du glaubst immer noch an ein Verbrechen? Trotz der Beweise?«

»Beweise können lügen, höchster Vater. Aber selbst wenn Tian all das getan hat, muss er dafür Gründe gehabt haben. Vielleicht musste er es so aussehen lassen, als wäre er heimlich gegangen, um … uns zu schützen.«

»Seltsam nur, dass niemand eine Lösegeldforderung gestellt hat. Welcher Entführer verschwindet ohne eine Nachricht mit einer Geisel in die Wüste?«

Fieberhaft suchte ich nach Verbindungen, nach Gründen und Erklärungen.

»Vielleicht geht es um etwas Kostbareres als Lösegeld. Was, wenn er entführt wurde, um Informationen über das Zentrum zu erhalten?«

Das Schlimme war, dass meine eigenen Worte sofort Bilder in mir wach riefen. Jenns zugerichtetes Gesicht überlagerte die Züge meines Liebsten.

Zum ersten Mal blitzte so etwas wie Interesse in den kalten Onyxaugen des Mégan auf. »Nehmen wir an, wir verfolgen deine Fährte. Was schätzt du, wie viel würde es kosten, Tian aus Feindeshand zu befreien?«

Ich musste nicht schätzen. Ich kannte jede Zahl in dieser Stadt, jedes Gehalt, jeden Sold, jeden Handelspreis. Es war, als könnte sich mein Geist in eine Kammer zurückziehen, während mein Verstand ganz von allein Zahlen addierte. Ich rechnete den beiden Herrschern den Lohn für bewaffnete Männer, Spurensucher, Material und Spezialisten vor. »Im schlimmsten Fall – wenn wir ihn aus den Händen bewaffneter Entführer befreien müssen – siebenhundertzwanzig Magamar«, schloss ich. »Falls wir ihn nur finden müssen, hundertsechzig.«

»Das ist immer noch viel Geld.«

»Nichts kommt Ghan teurer, als uns beide im Stich zu lassen. Unsere Familien haben unsere Ausbildung finanziert, über siebzehntausend Magamar für jeden von uns. In Zukunft hätten wir ein Vielfaches davon für die Stadt erworben. Die Verschwendung der Talente kostet auf die Jahre gerechnet also weitaus mehr als Tians Rettung.«

»Strategisch und mathematisch denkst du zwar logisch«, bemerkte der Mégan. »Und trotzdem höchst irrational. Du gehst nämlich davon aus, dass du nach seiner Rückkehr noch in der Lage sein wirst, wieder an seiner Seite zu stehen. Er hat dich aber verlassen. Und das hätte er nicht getan, wenn er dich lieben würde, wie du behauptest.« Es war ein Schlag, der mir die Luft für jedes weitere Wort nahm. Der Mégan lächelte fein und so frostig, dass jede Sympathie für ihn erlosch. Noch gestern hätte ich nicht gewagt, dem Höchsten Herrscher etwas anderes als Respekt und Ehrfurcht entgegenzubringen. Aber ich musste mich sehr verändert haben, denn jetzt hätte ich ihm am liebsten dieses herablassende Lächeln aus dem Gesicht geschlagen.

»Beantworte mir noch eine Frage«, fuhr der Herrscher fort. »Was, wenn deine Verfassung so bleibt und du keine Zukunft mit ihm hast? Würdest du dann auch noch alles dafür geben, ihn zurückzuholen?«

Ich wusste, was ich sagen musste, auch wenn sich alles in mir sträubte. Aber es gelang mir tatsächlich, so sachlich wie meine Mutter in ihrer Richterposition zu antworten. »Selbst wenn Tian eine andere heiratet, ist das immer noch besser für die Zukunft unserer Stadt, als uns beide zu verlieren. Ja, auch dann würde ich alles dafür geben.«

Der Herrscher beugte sich vor. Seine Fingerspitzen ruhten aneinander. Durch das Pergament seiner Haut schimmerten die blauen Adern auf den Handrücken. Der alte Mann war niemand, der seine Makel unter Schminke und Puder versteckte. »Und wie hoch wäre dieses ›Alles‹ denn genau?«, fragte er lauernd.

Meine Mutter holte Luft, als wollte sie ihn unterbrechen, aber die Mégana war schneller. »Bei allen Sternen, genug jetzt, Liebster!« Ihre Sanftheit war wie ein warmer Wind in der Kälte des Raums. »Du siehst doch, dass sie erschöpft und verzweifelt ist. Und sie liebt den Jungen so sehr, dass sie sogar ihre Seele dafür geben würde.«

Der Mégan lachte trocken auf und ließ sich in seinen Sessel zurücksinken. Sein Körper verlor die raubtierhafte Spannung, und ich fühlte mich, als hätte mich ein Löwe aus seinen Krallen gelassen. »Meine Gemahlin versteht das Leid der Liebe offenbar weitaus besser als ich.«

Der sarkastische Unterton war kaum zu überhören. Ich wunderte mich über den leichten Missklang zwischen den Herrschern, aber wahrscheinlich bildete ich ihn mir nur ein.

»Wir werden deine Argumente prüfen, Canda«, sagte die Mégana freundlich.

»Danke, Höchste Mutter!«

Die Mégana betrachtete mich besorgt. »Komm mit, Kind«, sagte sie sanft. »Lass uns endlich sehen, wie wir dir helfen können!«