Schwimmlöcher

Lotte erinnerte sich bis zum allerletzten Moment an mich. Ich war derjenige, der oft glaubte, mich nicht mehr an den Menschen zu erinnern, der sie einmal gewesen war. Ihre Sätze begannen ziemlich mühelos, aber dann gerieten sie ins Stocken und versanken in Vergessenheit. Auch verstand sie mich nicht mehr. Manchmal schien es, als hätte sie verstanden, aber selbst wenn es gelang, dass irgendeine Wortkombination, die ich anbot, einen Funken Sinn in ihrem Geist entzündete, war er ihr im nächsten Moment wieder entfallen. Sie starb schnell, ohne Schmerzen. Am 25. November feierten wir ihren Geburtstag. Ich holte einen Kuchen aus ihrer Lieblingsbäckerei in Golders Green, und wir beide pusteten gemeinsam die Kerzen aus. Zum ersten Mal seit Wochen sah ich eine glückliche Röte auf ihren Wangen. In der folgenden Nacht bekam sie sehr hohes Fieber und Atemnot. Ihre gesundheitliche Verfassung war labil, und sie wirkte schon sehr gebrechlich; in ihrem letzten Lebensjahr war sie sprunghaft gealtert. Ich rief unseren Doktor an, der zu einem Hausbesuch kam. Ein paar Stunden später hatte sich ihr Zustand so verschlechtert, dass wir sie ins Krankenhaus brachten. Die Lungenentzündung hat unvermittelt zugeschlagen und sie überwältigt. In ihren letzten Stunden flehte sie, man möge sie sterben lassen. Die Ärzte taten alles, was in ihren Kräften stand, um sie zu retten, aber als nichts mehr zu machen war, ließen sie uns in Ruhe. Ich kletterte zu ihr auf das schmale Bett und streichelte ihr Haar. Ich dankte ihr für das Leben, das sie mit mir geteilt hatte. Ich sagte ihr, niemand könne glücklicher sein, als wir es miteinander gewesen waren. Ich erzählte ihr noch einmal die Geschichte, wie ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Bald darauf verlor sie das Bewusstsein und glitt hinüber.

Ungefähr vierzig Menschen versammelten sich an dem Nachmittag, als ich sie begrub, auf dem Highgate Cemetery. Vor langer Zeit hatten wir beschlossen, dass wir dort zusammen begraben werden wollten, wo wir so viele Male die überwucherten Wege entlanggegangen waren und die Namen auf den umgekippten Grabsteinen gelesen hatten. An jenem Morgen war ich durcheinander und nervös. Erst als der Rabbi das Kaddisch zu sprechen begann, wurde mir bewusst, dass ich irgendwie glaubte, ihr Sohn sei vielleicht anwesend. Warum sonst hatte ich die kleine Anzeige in die Zeitung gesetzt? Lotte hätte das sicher missbilligt. Genau das verstand sie unter Privatleben. Mit tränenverschleierten Augen suchte ich die Bäume nach einer in der Landschaft versteckten Gestalt ab. Ohne Hut. Ohne Mantel vielleicht. Flüchtig angedeutet, wie die großen Meister manchmal ein verstecktes Selbstporträt in eine dunkle Ecke der Leinwand malten oder unauffällig in einer Menge verbargen.

Drei oder vier Monate nachdem Lotte gestorben war, begann ich wieder zu reisen, wie ich es in der Zeit ihrer Krankheit nicht mehr hatte tun können. Meistens in England oder Wales, und immer mit dem Zug. Ich liebte Gegenden, wo ich von Dorf zu Dorf wandern, jeden Abend an einem anderen Ort bleiben konnte. So unterwegs, nur mit einem kleinen Rucksack, empfand ich ein Gefühl von Freiheit, wie ich es viele Jahre nicht erlebt hatte. Freiheit und Frieden. Mein erster Ausflug führte in den Lake District. Einen Monat danach fuhr ich nach Devon. Von dem Dorf Tavistock brach ich quer durch die Landschaft von Dartmoor auf und verlief mich, bis ich in der Ferne die Schornsteine des Gefängnisses aufragen sah. Noch einmal zwei Monate später nahm ich einen Zug nach Salisbury, um Stonehenge zu besichtigen. Ich stand mit den anderen Touristen unter dem gewaltigen grauen Himmel und stellte mir die Neolithiker vor, jene Männer und Frauen, deren Leben so häufig durch stumpfe Gewalteinwirkung auf den Schädel ein Ende genommen hatte. Auf dem Boden lagen verstreute Abfälle, metallisch glänzende Verpackungen und solche Sachen. Ich ging herum, um das Zeug einzusammeln, und als ich mich wieder aufrichtete, waren die Steine noch größer und noch furchterregender als zuvor. Ich fing auch wieder an zu malen, das Hobby meiner jungen Jahre, das ich aufgegeben hatte, als ich merkte, dass es mir an Talent fehlte. Aber Talent, das man als junger Mensch verehrt, weil es einem so viel verheißt, schien am Ende völlig unwichtig zu sein: Nichts konnte mir jetzt noch verheißen werden, und ich hätte es mir auch nicht gewünscht. Ich kaufte mir eine kleine, zusammenklappbare Staffelei, die ich mit auf Wanderschaft nahm, und wann immer mir ein besonderer Blick auffiel, klappte ich sie auseinander. Manchmal blieb jemand stehen, schaute zu, und wir kamen miteinander ins Gespräch, wobei für mich, wenn ich es recht bedachte, keinerlei Notwendigkeit bestand, diesen Leuten die Wahrheit über mich zu erzählen. Ich sagte, ich sei ein Landarzt aus der Umgebung von Hull oder ein Pilot, der in der Luftschlacht um England eine Spitfire geflogen habe, und während ich es sagte, sah ich tatsächlich auf das Muster von Feldern herab, das sich in alle Richtungen nach außen öffnete, wie ein Kode. Es war nichts Hinterhältiges daran, nichts, was ich verbergen wollte, sondern einfach ein gewisses Vergnügen, aus mir herauszuschlüpfen und momentan jemand anders zu werden, und dann noch ein anderes Vergnügen, wenn ich den Rücken des Fremden in der Ferne entschwinden sah und wieder in mich selbst zurückschlüpfte. Etwas Ähnliches empfand ich manchmal nachts, wenn ich in irgendeinem Bed and Breakfast aufwachte und einen Augenblick nicht wusste, wo ich war. Bis meine Augen sich so weit angepasst hatten, dass ich die Umrisse der Möbel erkennen konnte oder mir irgendeine Einzelheit vom Vortag wieder einfiel, schwebte ich im Unbekannten, jenem Grenzbereich, der, noch lose mit dem Bewusstsein verbunden, so leicht ins Unkennbare übergeht. Nur den Bruchteil einer Sekunde – ein Bruchteil reiner, monströser Existenz ohne jeden Anhaltspunkt, eines rauschhaften Schreckens, fast unmittelbar ausgestanzt durch einen Ausreißer der Realität, die mir in solchen Momenten vorkam, als machte sie blind, wie ein Hut, der einem über die Augen gezogen wird, denn obwohl ich wusste, dass das Leben ohne sie fast unbewohnbar wäre, haderte ich doch mit ihr, dass sie mir so viel vorenthielt.

Einmal, in einer solchen Nacht, in der ich wach wurde, ohne mich zu erinnern, wo ich war, schrillte ein Alarm. Oder vielmehr war es der Alarm, der mich geweckt hatte, wenngleich zwischen dem Moment, in dem ich aus dem Schlaf gerissen wurde, und der ersten Wahrnehmung dieses ohrenzerfetzenden Geräuschs ein Übergang gewesen sein musste. Ich sprang aus dem Bett und fegte mit dem Arm die Nachttischlampe auf den Fußboden. Ich hörte die Glühbirne zersplittern, und da fiel mir ein, dass ich mich im Brecon Beacons National Park in Wales befand. Etwas wie beißender Rauch lag in der Luft, während ich nach dem Lichtschalter tastete und meine Kleider überzog. Der Brandgeruch im Flur war überwältigend, ich hörte Schreie aus dem Innersten des Hauses. Irgendwie fand ich die Treppe. Auf dem Weg nach unten traf ich andere, die mit dem Anziehen unterschiedlich weit gekommen waren. Eine Frau hielt ein Kind mit nackten Füßen, das vollkommen reglos war, still und stumm wie das Auge eines Sturms. Draußen hatte sich eine kleine Gruppe auf der Grünfläche vor dem Haus versammelt, manche mit verklärt nach oben gewandten und vom Feuer erleuchteten Gesichtern, andere, die sich vor Husten krümmten. Erst als ich ihren Kreis erreicht hatte, drehte ich mich um. Die Flammen wüteten schon auf dem Dach und schlugen aus den Fenstern der obersten Etage. Das Gebäude musste über hundert Jahre alt sein, ein Pseudo-Tudor mit großen Deckenbalken, die dem Hotelprospekt zufolge aus den Masten eines alten Handelsschiffs bestanden. Es brannte wie Zunder Das teilnahmslose Kind schaute ruhig zu, den Kopf an die Schulter seiner Mutter gelehnt. Der Nachtportier erschien mit einer Gästeliste und begann einen Namensaufruf. Die Mutter des Kindes antwortete auf den Namen Auerbach. Ich fragte mich, ob sie Deutsche sei, vielleicht sogar Jüdin. Sie war allein, kein Mann oder Vater in der Nähe, und einen Augenblick, während die Flammen wüteten, die Feuerwehrmänner mit ihren Löschzügen anrückten und meine Habseligkeiten, die Staffelei und meine Farben und was ich an Kleidung dabeihatte, in Rauch aufgingen, stellte ich mir vor, der Frau meine Hand auf die Schulter zu legen und sie mit ihrem Kind von dem brennenden Haus wegzuführen. Ich malte mir aus, wie sie mich anschaute, ihr dankbares Gesicht und den friedlichen Ausdruck des sich fügenden Kindes, beide gewahr, dass meine Taschen voller Brotbröckchen waren und ich sie hinfort von Wald zu Wald führen, sie beschützen und für sie sorgen würde, als wären sie meine eigenen. Aber diese heldenhafte Phantasie wurde unterbrochen von einer raunenden Erregung, die durch die Gruppe zog: Ein Gast fehlte. Der Portier ging die Liste noch einmal durch, rief jeden Namen mit lauter Stimme, und jetzt verstummten alle, berührt vom Ernst der gegenwärtigen Aufgabe und dem Glück ihrer eigenen Rettung. Als der Portier den Namen Rush aufrief, antwortete niemand. Ms. Emma Rush, rief er noch einmal, aber die Antwort war Schweigen.

Erst nach langem Warten war das Feuer vollständig gelöscht, und ihre Leiche wurde gefunden, mit einer schwarzen Plane bedeckt zur Einfahrt gebracht. Sie war aus dem obersten Stock gesprungen und hatte sich das Genick gebrochen. Nur einer der Gäste erinnerte sich an sie und beschrieb sie als eine Frau mittleren Alters, die immer mit einem Fernglas herumgelaufen war, das sie wahrscheinlich benutzt hatte, um in den Tälern, Schluchten und Wäldern des Brecon Beacons Vögel zu beobachten. Ein Krankenwagen fuhr zur Leichenhalle ab, und der andere, der diejenigen mitnahm, die an Rauchvergiftung litten, zum Krankenhaus. Die übrigen Gäste wurden auf verschiedene Hotels in den umliegenden Ortschaften am Rande des Parks verteilt. Die Frau namens Auerbach war mit ihrem Kind für Brecon eingetragen und ich für Abergavenny, in der entgegengesetzten Richtung. Das Letzte, was ich von ihnen sah, war das verwuschelte Haar des Kindes, als es in dem Transporter verschwand. Am nächsten Tag brachte die Lokalzeitung einen Bericht über das Feuer, in dem es hieß, die Brandursache sei ein elektrischer Defekt gewesen und die Verstorbene eine Grundschullehrerin aus Slough.

Ein paar Wochen nach Lottes Tod war mein alter Freund Richard Gottlieb vorbeigekommen, um zu sehen, wie ich zurechtkam und wie es mit mir weiterging. Er war Anwalt, und Jahre zuvor hatte er Lotte und mich überzeugt, unsere Testamente zu machen – keiner von uns war praktisch genug veranlagt, um von allein darauf zu kommen. Gottlieb selbst hatte ein paar Jahre vorher seine Frau verloren, aber inzwischen jemand anderen kennengelernt, eine Witwe, acht Jahre jünger als er, die auf ihr Äußeres achtete und sich nicht gehenließ. Eine Lebenskraft, so sagte er von ihr, indem er die Milch in seinem Tee umrührte, und meinte damit, wie mir klar war, dass es schrecklich ist, allein zu sterben, alt und tatterig zu werden und mit den vielen Pillen herumzufummeln oder im Bad auszurutschen und sich den Schädel einzuschlagen, dass ich an meine Zukunft denken solle, worauf ich antwortete, ich hätte vor, ein bisschen zu reisen, sobald es wärmer würde. Wie auch immer, er ließ das so flüchtig angesprochene Thema fallen. Bevor er ging, legte er mir die Hand auf die Schulter. Willst du dir nicht überlegen, dein Testament jetzt zu ändern, Arthur?, fragte er. Richtig, sagte ich, natürlich, aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht daran, es zu tun. Zwanzig Jahre vorher hatten Lotte und ich einander alles vermacht. Für den Fall, dass der Tod uns beide auf einen Schlag ereilte, hatten wir die Sachen auf verschiedene Wohltätigkeitseinrichtungen sowie Nichten und Neffen (meinerseits natürlich, Lotte hatte ja keine Familie) verteilt. Die Rechte an Lottes Büchern, die kaum etwas einbrachten, sollten unserem lieben Freund Joseph Kern zufallen, einem meiner ehemaligen Studenten, der versprochen hatte, ihren Nachlass zu verwalten.

Aber auf der Rückreise von Wales, als ich in meiner immer noch nach Rauch und Asche stinkenden Kleidung im Zug saß, auf dem Schoß die Zeitung, aus der mich das Foto von der toten Lehrerin aus Slough anstarrte, schien es mir, als hätte sich das eiserne Tor des Todes geöffnet und mir einen Blick auf Lotte erlaubt. Sie war in sich, wie es in dem Gedicht heißt, und ihr Gestorbensein erfüllte sie wie Fülle. Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, so war sie voll von ihrem großen Tode, der also neu war, dass sie nichts begriff. Und indem ich sie auf diese Weise sah, brach etwas in mir, ein kleines Ventil, das solchem Druck nicht mehr standhielt, und ich begann zu weinen. Ich dachte an das, was Gottlieb gesagt hatte. Vielleicht war es doch Zeit, etwas zu ändern.

Abends, als ich wieder zu Hause war, machte ich mir eine Mahlzeit aus Spiegeleiern und hörte Nachrichten, während ich aß. Es war der Tag, an dem General Pinochet im London Bridge Hospital, wo er sich von einer Rückenoperation erholte, festgenommen wurde. Mehrere chilenische Exilanten, die seiner Folter zum Opfer gefallen waren, wurden interviewt; im Hintergrund hörte man Jubel. Der Junge, Daniel Varsky, kam mir in den Sinn, kurz, aber lebhaft, wie er an jenem Abend vor unserer Tür gestanden hatte. Ich stellte den Fernseher an, um die Sache weiterzuverfolgen, aber wahrscheinlich auch, um zu sehen, ob irgendetwas über das Feuer oder die Frau aus Slough käme, aber es kam natürlich nichts. Man sah Bilder von Pinochet in Militäruniform, beim Vorbeimarsch seiner Truppen oder winkend auf dem Balkon des Moneda-Palasts, eingeblendet in unscharfes Bildmaterial von einem alten Mann in kanariengelbem Hemd, der halb zurückgelehnt im Fond eines Wagens von Scotland Yard saß.

Es gab einen alten, freilebenden Kater, der manchmal durch unseren Garten schlich und wusste, dass er bei mir etwas zu fressen bekam. Nachts schrie er wie ein Neugeborenes. Zum Zeichen, dass ich wieder da war, stellte ich ihm ein Schälchen Milch nach draußen. Aber in dieser Nacht kam er nicht, und morgens schwamm eine tote Fliege mit dem Bauch nach oben in der Milch. Sobald es neun Uhr war, nahm ich unser altes, mit Lottes Handschrift gefülltes Adressbuch und suchte Gottliebs Nummer heraus. Er antwortete gut gelaunt. Ich erzählte ihm von meinem Ausflug in den Brecon-Beacons-Nationalpark, sagte aber nichts von dem Feuer; ich glaube, ich wollte die Stille, die es umgab, nicht stören oder es nicht verraten, indem ich eine Geschichte daraus machte. Ich fragte, ob ich vorbeikommen dürfe, um persönlich mit ihm zu sprechen, er zeigte sich begeistert, rief seine Frau, und nach einer Pause mit abgedämpftem Hörer lud er mich für nachmittags zum Tee ein.

Ich verbrachte den Morgen damit, Ovid zu lesen. Ich las jetzt anders, sorgfältiger, in dem Bewusstsein, den Büchern, die ich liebte, wahrscheinlich zum letzten Mal so nahe zu sein. Um kurz nach drei ging ich los, durchs Heath zum Well Walk, wo Gottlieb wohnte. Die Fenster waren mit Papierschnitten seiner Enkelkinder dekoriert. Als er die Tür öffnete, hatte er hochrote Wangen, und das Haus verströmte einen Geruch von Nelkenpfeffer, wie die kleinen Duftsäckchen, die Frauen gern in die Schubladen mit ihrer Unterwäsche legen. Wie schön, dass du kommst, Arthur, sagte er, indem er mir auf den Rücken klopfte, und führte mich in einen sonnigen Raum neben der Küche, wo der Tisch schon für den Tee gedeckt war. Lucie kam herein, um mich zu begrüßen, und wir unterhielten uns über ein Stück, das sie am Vorabend im Barbican gesehen hatte. Dann entschuldigte sie sich, sie müsse eine Freundin besuchen, und ließ uns allein. Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, nahm Gottlieb seine Brille aus einem kleinen Lederetui und setzte sie auf – eine Brille, die seine Augen um ein Vielfaches vergrößerte, wie die Augen eines Koboldäffchens. Dass du mich besser sehen kannst, dachte ich unwillkürlich, oder gar durch mich hindurch.

Was ich dir erzählen will, wird dich sicher überraschen, begann ich. Es hat mich selbst überrascht, als ich es ein paar Monate vor Lottes Tod entdeckte. Seitdem habe ich mich nicht besser an den Gedanken gewöhnt, dass die Frau, mit der ich fast fünfzig Jahre zusammengelebt habe, fähig war, mir etwas so Ungeheuerliches zu verbergen, ein Geheimnis, das all diese Jahre, daran habe ich keinen Zweifel, ein lebhafter und quälender Teil ihres Innenlebens gewesen sein muss. Es ist wahr, sagte ich zu Gottlieb, Lotte sprach selten über ihre in den Lagern ermordeten Eltern oder über ihre Kindheit, als sie aus Nürnberg deportiert worden war. Dass sie eine Fähigkeit, ja sogar ein Talent zum Schweigen an den Tag legte, hätte mir vielleicht eine Warnung sein müssen, dass es möglicherweise noch andere Kapitel ihres Lebens gab, die sie mir lieber vorenthalten, wie ein Schiffswrack tief in ihrem Inneren versinken lassen wollte. Aber schau, die Sache mit dem Schicksal ihrer Eltern und der Verlust ihrer früheren Welt waren mir bekannt. Sie hatte es verstanden, mir diese albtraumhaften Teile ihrer Vergangenheit zu einem recht frühen Zeitpunkt unserer Beziehung in Form eines Schattenspiels mitzuteilen, ohne je näher darauf einzugehen oder zu viel davon preiszugeben, und zugleich hatte sie mir klargemacht, ich dürfe nicht erwarten, dass diese Dinge je zum Gesprächsthema gemacht würden, weder von ihr noch von mir. Dass ihre geistige Gesundheit, ihre Fähigkeit, weiterzumachen mit dem Leben, ihrem eigenen ebenso wie dem, das wir uns gemeinsam geschaffen hatten, von ihrer Fähigkeit und von meinem feierlichen Einverständnis abhing, diese albtraumhaften Erinnerungen vollständig abzuriegeln, sie schlafen zu lassen wie Wölfe in einer Höhle, und nichts zu tun, was sie aus dem Schlaf schrecken könnte. Dass sie diese Wölfe in ihren Träumen besuchte, dass sie sich zu ihnen legte und sogar über sie schrieb, wenn auch in verwandelter Gestalt, wusste ich nur allzu gut. Ich war ein Beteiligter, wenn nicht gar gleichgestellter Partner ihres Schweigens. Und in diesem Sinne war es nicht das, was man ein Geheimnis nennen würde. Ich muss aber auch sagen, dass ich trotz meiner Einwilligung in diese Bedingungen und meines Wunsches, Lotte zu beschützen, trotz des zärtlichen Verständnisses und Mitgefühls, die ich ihr immer zu zeigen versuchte, und trotz meiner Schuldgefühle deswegen, ein behütetes Leben ohne solche Qualen und Leiden gelebt zu haben, nicht immer über jeden Verdacht erhaben war. Ich gestehe, es gab unrühmliche Zeiten, auf die ich nicht gerade stolz bin, in denen ich mich in die Niederungen der Vorstellung begab, sie verheimliche mir etwas, um mich vorsätzlich zu verraten. Aber mein Verdacht war stets kleinlich und belanglos, das Misstrauen eines Mannes, der fürchtet, seine Kraft (ich vertraue darauf, dass ich mit dir offen darüber reden kann, sagte ich zu Gottlieb, dass dir nicht fremd ist, was ich zu sagen versuche), seine Sexualkraft, die über Jahrzehnte dieselben Erwartungen erfüllen soll, sei im Ansehen seiner Frau gesunken, sie, die er immer noch schön findet, die immer noch Lustgefühle in ihm weckt, fühle sich von seinem abgewrackten, schlaffen Zustand unter der Bettdecke nicht mehr erregt – eines Mannes, der, um die Sache noch komplizierter zu machen, das Beispiel seiner eigenen Lust auf vollkommen fremde weibliche Geschöpfe, auf manche seiner Studentinnen oder Frauen seiner Freunde als unbestreitbaren Beweis für die Lust nimmt, die seine Frau in Bezug auf andere Männer als ihn empfinden muss. Verstehst du, wenn ich ihr misstraute, waren es Zweifel an ihrer Loyalität, wobei ich allerdings zu meiner eigenen Verteidigung auch sagen möchte, dass es nicht oft vorkam und dass es im Übrigen nicht immer einfach ist, das Recht seiner Frau auf Schweigen so zu respektieren, wie ich es versucht habe, das eigene Bedürfnis nach Bestätigung zu unterdrücken, Fragen zu ersticken, bevor sie richtig aufgekommen oder gar über die Lippen geschlüpft sind. Ein Mann müsste schon besser als ein Mensch sein, wenn er sich unter diesen Bedingungen nicht gelegentlich gefragt hätte, ob Lotte in jene größeren, vor langer Zeit mit gegenseitiger Zustimmung vereinbarten Formen des Schweigens nicht andere, gewöhnlichere Formen – nenn sie Unterlassungen oder sogar Lügen – geschmuggelt hatte, um etwas zu verdecken, was einem Verrat gleichkam.

Hier blinzelte Gottlieb, und in der Ruhe dieses sonnigen Nachmittags hörte ich, wie seine vielfach vergrößerten Wimpern die Brillengläser streiften. Ansonsten schienen sich der Raum, das Haus, der Tag selbst aller Geräusche außer meiner Stimme entleert zu haben.

Ich vermute, es war noch etwas anderes, das den Nährboden für mein Unbehagen schuf, fuhr ich fort, etwas aus Lottes Leben, bevor ich sie kannte. Da es ein Teil ihrer Vergangenheit war, hatte ich das Gefühl, ich dürfe sie nicht danach fragen, obwohl ich manchmal frustriert war von ihrer Verschlossenheit und ihr den unausgesprochenen Anspruch auf Verschwiegenheit in dieser Sache übelnahm, die, soviel ich wusste, nichts mit ihrem Verlust zu tun hatte. Natürlich wusste ich, dass sie vor mir andere Liebhaber gehabt hatte. Schließlich war sie, als ich sie kennenlernte, achtundzwanzig Jahre alt und viele Jahre vollkommen allein auf der Welt gewesen, ohne jede Familie. Sie war in vieler Hinsicht eine sperrige Frau, keine von der Sorte, mit der Männer ihres Alters leicht angebandelt hätten, aber wenn meine eigenen Gefühle irgendwie als Beispiel dienen können, muss ich annehmen, dass dies die Männer nur umso mehr anzog. Ich weiß nicht, wie viele Liebhaber sie hatte, aber es dürften genug gewesen sein. Ich vermute, dass sie nicht nur darüber schwieg, um ihre Vergangenheit unter Kontrolle zu halten, sondern auch, weil sie keine Eifersucht bei mir erregen wollte.

Und doch, eifersüchtig war ich trotzdem. Vage eifersüchtig auf sie alle – auf die Art, wie andere Männer sie berührt hatten, auf das, was Lotte ihnen von sich erzählt haben mochte, und auf ihr Lachen über etwas, was andere gesagt hatten –, aber quälend eifersüchtig auf einen ganz Bestimmten. Ich wusste nichts von ihm, außer dass er der Wichtigste gewesen sein musste, der Wichtigste für sie, weil sie nur ihm gestattet hatte, eine Spur zu hinterlassen. Du musst wissen, dass es in Lottes Leben, einem auf den kleinstmöglichen Raum reduzierten Leben, so gut wie keine Spur ihrer Vergangenheit gab. Keine Fotos, keine Andenken, keine Erbstücke. Nicht einmal Briefe, jedenfalls keine, die ich je gesehen hätte. Die paar Sachen, mit denen sie sich umgab, waren ausschließlich praktisch und hatten für sie keinen emotionalen Wert. Dafür trug sie Sorge; es war eine der Regeln, nach denen sie damals lebte. Die einzige Ausnahme war ihr Schreibtisch.

Von einem Tisch kann man allerdings kaum sprechen. Das Wort beschwört einen heimeligen, anspruchslosen Arbeits- oder Haushaltsgegenstand herauf, ein selbstloses, praktisches Objekt, das jederzeit seinen Buckel anbietet, damit der Besitzer es benutzen kann, und das, wenn es gerade nicht gebraucht wird, bescheiden den ihm zugewiesenen Raum einnimmt. Nun, sagte ich zu Gottlieb, dieses Bild kannst du einfach streichen. Lottes Tisch war etwas ganz und gar anderes: ein riesiges, bedeutungsträchtiges Ding, das die Bewohner des Zimmers, in dem er stand, bedrückte, sich als unbelebt ausgab, sich aber ständig wie eine Venusfliegenfalle in Bereitschaft hielt, über sie herzufallen und sie via einer seiner schrecklichen kleinen Schubladen zu verdauen. Vielleicht hältst du meine Beschreibung für eine Karikatur. Ich würde es dir nicht verdenken. Man muss diesen Tisch mit eigenen Augen gesehen haben, um zu begreifen, dass das, was ich darüber sage, absolut korrekt ist. Er nahm fast die Hälfte des Zimmers ein, das Lotte damals gemietet hatte. Als sie mir zum ersten Mal erlaubte, die Nacht mit ihr in dem armseligen kleinen Bett zu verbringen, das sich in den Schatten des Schreibtisches duckte, wachte ich in kalten Schweiß gebadet auf. Dräuend erhob er sich über uns, eine dunkle, ungestalte Form. Einmal habe ich geträumt, ich hätte eine seiner vielen Schubladen geöffnet und eine verfaulende Mumie darin gefunden.

Sie sagte nur, er sei ein Geschenk gewesen; es gab keinen Bedarf, vielleicht sollte ich besser sagen, sie sah keinen Bedarf oder widersetzte sich dem Bedarf, mir zu sagen, von wem. Ich hatte keine Ahnung, was aus dem Mann geworden war. Ob er ihr das Herz gebrochen hatte oder sie ihm seines, ob er endgültig weg war oder ob die Möglichkeit bestand, dass er doch noch wiederkäme, ob er am Leben war oder tot. Ich war überzeugt, dass sie ihn mehr geliebt hatte, als sie mich je lieben würde, und dass irgendein unüberwindliches Hindernis zwischen sie getreten war. Es zerriss mich. Ich sah Gespenster, phantasierte, ihm auf der Straße zu begegnen. Manchmal dichtete ich ihm ein Hinkebein oder einen schmutzigen Kragen an, nur damit er mich in Ruhe ließ und ich ein bisschen Schlaf fand. Das Geschenk dieses Tisches kam mir vor wie ein grausamer Geniestreich dieses Mannes – eine Art, seinen Anspruch festzuschreiben, sich in Lottes unerreichbare Welt der Imagination einzuschleichen, auf dass er sie besitze, auf dass sie sich jedes Mal, wenn sie sich zum Schreiben daran niederließ, seiner Schenkung inne sei. Manchmal rollte ich mich im Dunkeln auf die andere Seite und sah der schlafenden Lotte ins Gesicht: Entweder er oder ich, sagte ich dann im Geiste. Während dieser langen, kalten Nächte in ihrem Zimmer machte ich in Gedanken keinen Unterschied zwischen ihm und dem Tisch. Aber ich brachte nie den Mut auf, es zu sagen. Stattdessen schob ich eine Hand unter ihr Nachthemd und streichelte ihre warmen Oberschenkel.

Am Ende löste sich alles in Rauch auf, sagte ich zu Gottlieb, oder jedenfalls fast. Mit jedem Monat, der verging, wurde ich mir der Gefühle, die Lotte für mich empfand, sicherer. Ich fragte sie, ob sie mich heiraten wolle, und sie sagte ja. Er, wer immer er sein mochte, gehörte ihrer Vergangenheit an und war, wie der Rest, unwiederbringlich in ihren dunklen Tiefen versunken. Wir lernten, einander zu vertrauen. Und für den allergrößten Teil unserer fünfzig Jahre erwies sich der Verdacht, den ich manchmal hegte, die lächerliche Vorstellung, Lotte könnte mich mit einem anderen betrügen, als unbegründet. Ich glaube nicht, dass sie fähig war, irgendetwas zu tun, was unser so sorgfältig miteinander aufgebautes Heim gefährdet hätte. Ich denke, sie wusste, dass sie in einem anderen Leben, einem Leben mit unbekanntem Ablauf, nicht hätte überleben können. Ich glaube auch nicht, dass ihr danach zumute war, mich zu verletzen. Am Ende verpufften meine Zweifel stets von selbst, ohne die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung, und in meinem Geist wurde alles wieder so, wie es immer gewesen war.

Erst in den letzten Monaten ihres Lebens, sagte ich zu Gottlieb, habe ich entdeckt, dass es etwas Ungeheuerliches gab, das Lotte all die langen Jahre vor mir geheim gehalten hat. Ich erfuhr es fast zufällig, und seither ist mir oft durch den Kopf gegangen, wie nahe sie daran war, ihr Geheimnis bis zum Ende zu bewahren. Dennoch tat sie es nicht, und obwohl ihre Geisteskräfte nachließen, bin ich irgendwie davon überzeugt, dass sie sich bewusst entschieden hat, es nicht zu tun. Sie wählte eine Form des Geständnisses, die zu ihr passte, die in ihrem getrübten Zustand eine Art Sinn ergab. Je länger ich darüber nachgedacht habe, umso weniger kam es mir vor wie eine Verzweiflungstat und umso mehr erschien es als der Höhepunkt einer verdeckten Logik. Ganz allein fand sie ihren Weg zu der Friedensrichterin. Gott weiß wie. Es gab Zeiten, in denen sie kaum den Weg zur Toilette fand. Trotzdem hatte sie immer noch klarsichtige Momente, in denen sich ihr Geist plötzlich versammelte, und dann fühlte ich mich wie ein Seefahrer, der von draußen auf dem Meer plötzlich die Lichter seiner Heimatstadt am Horizont aufleuchten sieht und wie wild aufs Ufer zuhält, aber nur, um sie im nächsten Moment wieder erlöschen zu sehen und genauso allein wie zuvor in der endlosen Dunkelheit zu treiben. So ein Moment muss es gewesen sein, sagte ich zu Gottlieb, der reglos mir gegenübersaß, in dem sich Lotte von ihrem Platz auf dem Sofa erhob, wo sie ferngesehen hatte, und während die Pflegerin in einem anderen Zimmer fleißig telefonierte, in aller Ruhe das Haus verließ. Ein alter Reflex wird sie daran erinnert haben, im Eingang ihre Handtasche vom Haken zu nehmen. Man kann fast sicher sein, dass sie mit dem Bus gefahren ist. Sie musste einmal umsteigen, eine Prozedur, die zu kompliziert für sie war, um allein damit fertigzuwerden, darum stelle ich mir vor, dass sie sich dem Fahrer anvertraute, ihn bat, ihr den Weg zu zeigen, wie wir es als Kinder gemacht hatten. Ich weiß bis heute, wie meine Mutter mich, als ich vier Jahre alt war, in Finchley in einen Bus setzte und den Fahrer bat, ein Auge darauf zu haben, dass ich an der Tottenham Court Road, wo meine Tante mich erwarten würde, aussteige. Ich erinnere mich an mein verwundertes Staunen, während wir durch die nassen Straßen fuhren, an den Blick, den ich von meinem Platz aus auf den muskulösen Nacken des Fahrers hatte, den Schauder von Glück und Stolz, allein mit dem Bus fahren zu dürfen, kombiniert mit einem Schauder Furcht, weil ich nicht glauben konnte, dass am Ende all der scheinbar so beliebigen Drehungen des riesigen, vom Fahrer gelenkten Steuerrads tatsächlich meine Tante mit ihren roten Wangen und ihrem komischen breitkrempigen roten Hut erscheinen würde. Vielleicht hat Lotte sich ähnlich gefühlt. Vielleicht hat sie aber auch, entschlossen wie sie war, überhaupt keine Angst verspürt und dem Fahrer, als er sie auf die richtige Station hinwies, ihr erklärte, in welchen Bus sie umsteigen müsse, eines jener breiten Lächeln geschenkt, die sie Fremden vorbehielt, als wüsste sie um ihre Fähigkeit, ihnen als ganz normale Frau zu erscheinen.

Als ich Gottlieb erzählte, was sich zwischen Lotte und der Friedensrichterin zugetragen hatte, ihm dann den Fund der Krankenhausbescheinigung und der Haarlocke zwischen Lottes Papieren beschrieb, fühlte ich mich erleichtert, von einer ungeheuren Last befreit, allein durch das Bewusstsein, nicht mehr der einzige Verantwortliche für ihr Geheimnis zu sein. Ich sagte ihm, dass ich mir wünschte, ihren Sohn zu finden. Gottlieb richtete sich auf und stieß einen langen Seufzer aus. Jetzt war ich es, der wartete, was er dazu sagte, denn es war klar: Ich hatte mich ihm anvertraut und würde so vorgehen, wie er entschied. Er setzte seine Brille ab, und seine Augen verkleinerten sich, zogen sich wieder zum scharfen Blick eines Anwalts zusammen. Er erhob sich vom Tisch, verließ das Zimmer und kehrte kurz darauf mit einem Schreibblock zurück, dann zog er seinen Füllhalter, den er immer bei sich trug, aus der Tasche. Er bat mich, ihm die Angaben auf der Krankenhausbescheinigung zu wiederholen. Er fragte ferner nach dem genauen Datum von Lottes Ankunft mit dem Kindertransport in London und nach den Adressen, wo sie gewohnt hatte, bevor ich sie kannte. Ich sagte ihm, was ich wusste, und er notierte sich alles.

Als er fertiggeschrieben hatte, legte er den Federhalter nieder. Und der Schreibtisch?, fragte er. Was ist aus dem Tisch geworden? Eines Abends im Winter 1970, sagte ich, klingelte ein junger Mann an unserer Tür, ein Dichter aus Chile. Er war ein Fan von Lottes Büchern und wollte sie kennenlernen. Ein paar Wochen lang wurde er zu einem Teil ihres Lebens. Ich konnte damals nicht begreifen, was an ihm Lotte – normalerweise ein so zurückhaltender, introvertierter Mensch – veranlasste, ihm so viel von sich zu geben. Ich wurde eifersüchtig. Eines Tages kam ich von einer Reise zurück und stellte fest, dass sie ihm den Schreibtisch geschenkt hatte. Ich war geplättet. Der Tisch, an den sie sich geklammert hatte und den sie nicht aufgeben wollte, den sie mit sich herumgeschleift hatte, seit ich sie kannte. Erst später habe ich begriffen, dass der junge Mann, Daniel Varsky, im gleichen Alter war wie der Sohn, den sie weggegeben hatte. Wie muss er sie an ihr eigenes Kind erinnert haben und daran, wie es gewesen wäre mit ihm. Wie bewegend müssen diese Tage mit Daniel für sie gewesen sein, auf eine Art, die er selbst gar nicht verstanden haben konnte. Auch er wird sich gewundert haben, was sie an ihm fand und warum sie ihm so viel von sich gab. All die Jahre hatte sie sich dem monströsen Möbelstück unterworfen, das ihr Liebhaber ihr geschenkt, mit dem er sie an sich gebunden hatte – an sich und später an das dunkle Geheimnis ihres Kindes, das sie zur Adoption freigab. All die Jahre hatte sie nicht nur den Tisch, sondern auch ihre Schuld gehegt. Wir richtig muss es ihr in der geheimnisvollen Poesie geistiger Assoziationen erschienen sein, ihn schließlich diesem Jungen, der sie an ihren eigenen Sohn erinnerte, zu schenken.

Ich schaute aus dem Fenster, müde, nachdem ich so viel gesagt hatte. Gottlieb setzte sich auf seinem Stuhl zurecht. Sie sind aus anderem Holz als wir, sagte er ruhig, womit er offenbar die Frauen oder unsere Frauen meinte, und ich nickte, obwohl ich am liebsten gesagt hätte, Lotte sei aus etwas ganz anderem gewesen. Gib mir ein paar Wochen Zeit, sagte er. Ich werde sehen, was ich finden kann.

 

In diesem Herbst kam der Frost spät. Eine Woche nachdem ich die Frühlingszwiebeln in die Erde gebracht hatte, packte ich meine Tasche, schloss das Haus ab und nahm einen Zug nach Liverpool. Gottlieb hatte weniger als einen Monat gebraucht, um dem Namen des Paares, das Lottes Kind adoptiert hatte, auf die Spur zu kommen und eine Adresse zu finden. Eines Abends war er hereingeschneit und hatte mir ein Stück Papier mit den Informationen überreicht. Ich fragte ihn nicht, wie er dazu gekommen war. Er hatte seine Kanäle – seine Arbeit brachte ihn in Kontakt mit Menschen aller Art, und da er jemand war, der gern etwas für andere tat, gab es viele, die ihm einen Gefallen schuldig waren, und er war sich nicht zu schade, eines Tages wiederzukommen und ihn einzufordern. Vielleicht bin auch ich einer dieser Menschen. Bist du sicher, dass du es machen willst, Arthur?, fragte er, indem er sich seine silbergraue Mähne aus der Stirn strich. Wir standen im Eingang, unter der Sammlung ungetragener Strohhüte, die an der Wand hingen wie Kostüme aus einem anderen, theatralischeren Leben. Draußen lief der Motor seines Autos noch. Ja, sagte ich.

Aber einige Wochen machte ich gar nichts. Ich war halbwegs überzeugt gewesen, alle Spuren des Kindes seien verschwunden, und nicht richtig darauf vorbereitet, die Namen seiner Eltern, derjenigen, mit denen er durchs Leben gegangen war, zu erfahren. Elsie und John Fiske. John, der vielleicht Jack genannt wurde, dachte ich, als ich ein paar Tage später, am Boden kniend, die Funkien teilte, und ich stellte mir einen stämmigen Kerl vor, einen chronischen Huster, der, im Pub über die Bar gebeugt, seine Zigarette ausdrückte. Während ich mit den Fingern die verschlungenen Wurzeln auseinanderfieselte, stellte ich mir auch Elsie vor, wie sie Essensreste von einem Teller in den Abfalleimer kratzte, noch im Morgenrock und mit Lockenwicklern in den Haaren, beleuchtet vom düsteren Licht einer Liverpooler Dämmerung. Nur das Kind bekam ich nicht zu fassen, einen Jungen mit Lottes Augen oder Mienenspiel. Ihr eigenes Kind!, dachte ich, indem ich meine Tasche auf die Gepäckablage über meinem Platz hob, aber als der Zug aus der Euston Station auslief, stellte ich mir in den Fenstern eines vorbeifahrenden Zuges die flimmernden Gesichter derer vor, von denen sich Lotte in ihrem Leben verabschiedet hatte – ihre Mutter und ihr Vater, die Brüder und Schwestern, Schulfreunde und -freundinnen, sechsundachtzig heimatlose Kinder mit unbekanntem Ziel. Konnte man ihr wirklich einen Vorwurf daraus machen, wenn sie in ihren eigenen Tiefen auf eine Ablehnung gestoßen war – die Weigerung, einem Kind das Gehen beizubringen, nur um zu erleben, wie es von ihr wegging? Auf eine Weise, die ich bisher nie bedacht hatte, ergab ihr Gedächtnisverlust, das Schwinden ihres Geistes, einen grotesken Sinn: Es bot ihr eine Möglichkeit, mich mühelos zu verlassen, jede Stunde jedes Tages ein unmessbares bisschen weiter zu entschlüpfen, nur um einen letzten, zerschmetternden Abschied zu vermeiden.

So begann für mich, was der Anfang einer langen, komplizierten Reise werden sollte, von der ich noch nichts wusste. Doch es mag sein, dass ich es irgendwie geahnt habe, denn als ich die Haustür abschloss, überkam mich eine Melancholie, die ich sonst nur von mir kannte, wenn ich auf lange Reisen ging, ein dumpfes Gefühl von Ungewissheit und Bedauern, und als ich über die Schulter zurückblickte und die dunklen Fenster unseres Hauses sah, dachte ich, angesichts meines Alters und all der Dinge, die einem zustoßen können, sei nicht auszuschließen, dass ich es nie wiedersehen würde. Ich stellte mir den verwilderten Garten vor, wieder zugewachsen wie damals, als wir ihn zum ersten Mal gesehen hatten. Es war ein melodramatischer Gedanke, den ich auch als solchen zurückwies, aber unterwegs wurde ich noch oft daran erinnert, dass er mir gekommen war. In meiner Tasche, unter den üblichen Sachen wie Kleidung und Bücher, befanden sich die Haarlocke, die Krankenhausbescheinigung und ein Exemplar von Zerbrochene Fenster, das ich Lottes Sohn geben wollte. Auf der Rückseite des Umschlags war ein Foto von ihr, um dessentwillen ich dieses und kein anderes ihrer Bücher ausgewählt hatte. Darauf sah sie mehr denn je nach einer Mutter aus, so jung, ihr Gesicht so weich und voll, die Kopfhaut noch nicht durchscheinend wie später, als sie über fünfzig war, und ich dachte mir, das sei die Lotte, die ihr Sohn sicher gern sähe, wenn er sie überhaupt sehen wollte. Aber sooft ich etwas brauchte und in meine Tasche griff, begegnete ich ihren verletzten Augen, die mich von unten anstarrten, und manchmal schien es, als ermahnte sie mich, und manchmal, als stellte sie mir eine Frage, und manchmal, als versuchte sie, mir ein paar Neuigkeiten über den Tod mitzuteilen, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und mich anstrengte, sie auf dem Boden der Tasche zu vergessen, und als das nicht gelang (sie kam immer wieder hoch), drückte ich das Buch mit Gewalt in die Tiefe und begrub es unter dem Gewicht anderer Sachen.

Kurz vor drei Uhr nachmittags fuhr der Zug in Liverpool ein. Ich beobachtete gerade einen Gänseschwarm, der durch den stahlgrauen Himmel flog, als wir in einen Tunnel eintauchten und unter dem Glasdach der Lime Street Station herauskamen. Die Adresse, die Gottfried mir von den Fiskes gegeben hatte, war in Anfield. Ich hatte mir vorgenommen, an dem Haus vorbeizugehen, bevor ich mir in der Nähe ein Bed and Breakfast zum Übernachten suchte, und dann am nächsten Morgen anzurufen. Aber als ich den Bahnsteig hinunterging, schmerzten mir die Beine, wurden schwer, als wäre ich zu Fuß von London gekommen, statt zweieinhalb Stunden müßig im Zug zu sitzen. Ich blieb stehen, um meine Tasche über die andere Schulter zu hängen, und spürte, ohne aufzublicken, wie der graue Himmel von oben auf das Glasdach drückte, und als dann die Buchstaben auf der Anzeigetafel zu rauschen und zu klicken begannen, Zeiten und Ziele zerfielen, uns verließen, die neu hinzukommenden noch in der Schwebe, überwältigte mich eine schwindelerregende Welle von Klaustrophobie, sodass ich dem dringenden Bedürfnis, schnurstracks zum Schalter zu gehen und mir eine Rückfahrkarte für den nächsten Zug nach London zu kaufen, kaum widerstehen konnte. Die Buchstaben ratterten erneut, und einen Augenblick erfasste mich der Gedanke, die rauschenden Buchstaben schrieben Personennamen. Nur von welchen Personen, konnte ich nicht sagen. Ich muss eine Zeitlang dagestanden haben, denn ein Mann von der Bahn, einer in Uniform mit goldenen Knöpfen, kam auf mich zu und fragte, ob es mir gutgehe. Es gibt Zeiten, in denen die Freundlichkeit von Fremden alles nur noch schlimmer macht, weil man sich bewusstwird, wie dringend man Freundlichkeit braucht und dass Fremde ihre einzige Quelle sind. Aber ich schaffte es, mich gegen das Selbstmitleid zu wappnen, dankte ihm und ging weiter, ermutigt durch mein Glück, dass ich nicht gezwungen war, so einen Hut zu tragen wie er, ein kesser Aufsatz mit glänzendem Schirm, der den täglichen Kampf um Selbstachtung vor dem Spiegel unermesslich schwieriger machen musste. Doch meine Befriedigung hielt nur so lange an, bis ich mich am Informationsschalter der Schlange von Reisenden anschloss, die mit ihren Fragen die Geduld eines Mädchens strapazierten, das aussah, als wäre es vom Himmel in diesen kleinen runden Stand gefallen, um Informationen über Liverpool zu erteilen, die ihm selbst ganz neu waren.

Es war fast dunkel, als ich das Hotel erreichte. Das beengte, überheizte Foyer war mit einem Blumenmuster tapeziert, auf den kleinen Tischen, die sich hinten im Raum drängten, standen Seidenblumensträußchen, und an der Wand hing, obwohl es noch ein paar Wochen bis Weihnachten waren, ein großer Plastikkranz. Das Ganze vermittelte einem das Gefühl, man hätte ein Museum zur Erinnerung an längst ausgestorbene Blumensorten betreten. Eine Welle der schon im Bahnhof empfundenen Platzangst kehrte wieder, und als die Empfangsdame mich bat, das Anmeldeformular auszufüllen, war ich in Versuchung, irgendetwas zu erfinden, als könnte mir die Angabe eines falschen Namens und falschen Berufs die Befreiung einer neuen, noch unerschlossenen Dimension verschaffen. Mein Zimmer ging auf eine Backsteinmauer hinaus, und innen setzte sich das florale Thema in weiteren Ausschmückungen fort, sodass ich in den ersten Minuten, die ich in der Türöffnung stand, nicht glaubte, dort bleiben zu können. Wären nicht die Schmerzen in meinen schweren Beinen und meine Füße wie Bleiklumpen gewesen, hätte ich mich ziemlich sicher umgedreht und wäre gegangen; nur die Erschöpfung trieb mich hinein und ließ mich auf den Sessel mit seinen üppigen Rosenmotiven sinken, wo ich allerdings über eine Stunde wie gebannt sitzen blieb, unfähig, die Tür zu schließen, vor lauter Angst, allein mit so viel ersticktem künstlichem Leben eingeschlossen zu sein. Während die Wände mir immer näher zu rücken schienen, drängte sich mir, nicht in Worten ausbuchstabiert, sondern in der fragmentarischen Kurzschrift von Gedanken, die man allein für sich denkt, die Frage auf: Mit welchem Recht drehe ich einen Stein um, den sie nicht umgedreht haben wollte? Und da kam plötzlich dieses Gefühl wie Galle in mir hoch, eine Ahnung, die ich unterdrücken wollte, aber nicht konnte: dass ich mit dem, was ich tat, in Wirklichkeit ihre Schuld ans Licht bringen wollte. Sie gegen ihren Willen ans Licht bringen wollte, um sie zu bestrafen. Wofür, werden Sie vielleicht fragen, wofür die arme Frau bestrafen? Und die Antwort, die mir darauf einfällt und die nur ein Teil der Antwort sein kann, ist, dass ich sie für ihren unerträglichen Stoizismus bestrafen wollte, der es mir unmöglich machte, wirklich von ihr gebraucht zu werden, im tiefsten Sinne, in dem ein Mensch einen anderen Menschen brauchen kann, auf eine Art, die oft als Liebe bezeichnet wird. Natürlich brauchte sie mich – zum Aufräumen, zur Erinnerung der Einkäufe, um die Rechnungen zu bezahlen, ihr Gesellschaft zu leisten, ihr Freude zu machen, und am Ende um sie zu baden, abzutrocknen und anzuziehen, um sie ins Krankenhaus zu bringen und sie schließlich zu begraben. Aber dass sie mich als denjenigen brauchte, der diese Pflichten erfüllte, mich und nicht irgendeinen anderen, gleichermaßen in sie verliebten, gleichermaßen einsatzbereiten Mann, konnte ich nie so recht erkennen. Man wird vielleicht einwenden, ich hätte sie nie um einen Beweis ihrer Liebe gebeten, aber da muss ich sagen, ich habe mich nie so gefühlt, als hätte ich das Recht dazu. Vielleicht hatte ich auch Angst, dass sie, so ehrlich, wie sie war, unfähig, die geringste Unaufrichtigkeit zu ertragen, den Beweis am Ende nicht erbringen, dass sie stottern und verstummen würde, und was hätte ich dann noch für eine Wahl gehabt, außer aufzustehen und für immer zu gehen, oder weiterzumachen wie eh und je, aber nun mit dem zweifelsfreien Wissen, dass ich nur eine unter vielen Eventualitäten war? Nicht dass ich gedacht hätte, sie liebte mich weniger, als sie einen anderen Mann zu lieben in der Lage gewesen wäre (obwohl es Zeiten gab, in denen ich genau das befürchtete). Nein, wovon ich spreche oder wenigstens zu sprechen versuche, ist etwas anderes, nämlich das Gefühl, dass ihre Selbstgenügsamkeit – der Beweis, den sie in sich trug, dass sie unvorstellbaren Tragödien allein standhalten konnte, ein Standhalten, zu dem sie nur durch die extreme Einsamkeit, die sie um sich her geschaffen hatte, befähigt wurde, indem sie sich zurücknahm, sich in sich selbst verkroch, einen stummen Schrei in das Gewicht eigener Arbeit verwandelte – es ihr unmöglich machte, mich jemals so zu brauchen, wie ich sie brauchte. Mochten die Geschichten, die sie schrieb, noch so trostlos oder tragisch sein, das Ringen um ihre Entstehung, ihre Schöpfung, konnte immer nur eine Form von Hoffnung sein, eine Absage an den Tod oder ein Lebensschrei in sein Gesicht. Und darin hatte ich nun einmal keinen Platz. Ob ich unten im Haus existierte oder nicht, sie fuhr fort, das zu tun, was sie immer allein an ihrem Schreibtisch getan hatte, und es war diese Arbeit, die ihr das Überleben erlaubte, nicht meine Fürsorge oder Gesellschaft. Unser Leben lang hatte ich darauf bestanden, dass sie es war, die von mir abhing. Sie, die beschützt werden musste, die schwach war und dauernde Umsorgung brauchte. Aber in Wahrheit war ich es, der das Gefühl brauchte, gebraucht zu werden.

Unter großen Schwierigkeiten schleppte ich mich nach unten in die Hotelbar, um mich mit einem Gin Tonic zu beruhigen. Die einzigen anderen Trinker im Raum waren zwei alte Frauen, Schwestern, glaube ich, vielleicht sogar Zwillinge, zum Fürchten gebrechlich, die ihre Gläser mit verkrümmten Händen hielten. Zehn Minuten nachdem ich gekommen war, stand die eine auf und ging, die andere allein zurücklassend, so langsam hinaus, als führte sie eine Pantomime auf, bis die andere mit einiger Verzögerung ihren Platz im selben Schneckentempo räumte, wie eine grotesk verblödete Imitation der Trapp-Familie beim Abgang zu der Weise von «So Long, Farewell», und als sie an mir vorbeiging, schwenkte sie den Kopf und schenkte mir ein fürchterliches Grinsen. Ich lächelte zurück; die Bedeutung von Manieren, hat meine Mutter immer gesagt, verhält sich umgekehrt proportional zu der Neigung, sie anzuwenden, oder, in anderen Worten, manchmal steht nur Höflichkeit zwischen einem selbst und dem Wahnsinn.

Als ich eine Stunde später in Zimmer 29 zurückkehrte, schien sogar die Luft einen Übelkeit erregenden Blumenduft angenommen zu haben. Ich kramte die Telefonnummer, die Gottlieb mir gegeben hatte, aus der Tasche. Ich wählte, und eine Frau antwortete. Könnte ich bitte Mrs. Elsie Fiske sprechen?, fragte ich. Am Apparat, sagte sie. Wirklich?, hätte ich fast gesagt, weil ich zu einem nicht geringen Teil immer noch die Möglichkeit favorisierte, Gottliebs Detektivarbeit könnte in einer Sackgasse enden und ich, nachdem ich versucht hatte, Lottes Kind zu finden, und damit gescheitert war, nach London zurückkehren, nach Hause, in meinen Garten und zu meinen Büchern und der maulenden Gesellschaft des Katers. Hallo?, sagte sie. Es tut mir leid, sagte ich, das ist alles sehr misslich. Ich wollte Sie nicht unangenehm überraschen, aber es geht um eine ziemlich persönliche Angelegenheit, die ich gern mit Ihnen besprechen möchte. Wer ist da?, fragte sie. Mein Name ist Arthur Bender. Meine Frau – es ist mir wirklich sehr unangenehm, entschuldigen Sie bitte, ich versichere Ihnen, ich möchte Ihnen keinerlei Unannehmlichkeiten machen, aber meine Frau ist vor einiger Zeit gestorben, und ich habe erfahren, dass sie ein Kind hatte, von dem ich nichts wusste. Einen Jungen, den sie im Juli 1948 zur Adoption gegeben hat. Am anderen Ende der Leitung breitete sich ein drückendes Schweigen aus. Ich räusperte mich. Sie hieß Lotte Berg – begann ich, aber sie unterbrach mich. Was wollen Sie genau, Mr. Bender? Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, dass ich so offen sprach, vielleicht lag es irgendwie am Tonfall ihrer Stimme, an der Klarheit oder Intelligenz, die ich herauszuhören glaubte, jedenfalls sagte ich: Wenn ich diese Frage ehrlich beantworten wollte, Mrs. Fiske, hätte ich Sie vielleicht die ganze Nacht am Telefon. Um es so direkt wie möglich zu sagen, bin ich nach Liverpool gekommen und frage mich, ob es nicht eine zu große Zumutung für Sie wäre, Sie um ein Treffen zu bitten, und wenn Sie es sich überlegt hätten und für richtig hielten, um ein Treffen mit Ihrem Sohn. Es folgte eine neue Pause, diesmal eine, die lang genug erschien, um die Vegetation wachsen und die Mauern entlangkriechen zu lassen. Er ist tot, sagte sie schlicht. Er ist seit siebenundzwanzig Jahren tot.

Es war eine lange Nacht. Die Hitze im Zimmer war unerträglich, und immer wieder stand ich auf, um das Fenster zu öffnen und mich dann daran zu erinnern, dass es nicht zu öffnen war. Ich warf sämtliche Decken auf den Fußboden, lag, alle viere von mir gestreckt, auf der Matratze und atmete die Hitze, die aus dem Heizkörper aufstieg und meine Träume wie ein Tropenfieber infizierte. Es waren Träume ohne Worte, jenseits der Sprache, groteske Bilder von rohem, feuchtem, aufgedunsenem Fleisch, das in schwarzen Netzen von der Decke hing, und weißen Beuteln, die, Tröpfchen für Tröpfchen, auf dem Fußboden ein farbloses Rinnsal absonderten, Bilder aus den Albträumen meiner Kindheit, die jetzt zu guter Letzt wiederkehrten, sogar noch grässlicher als damals, weil ich in diesem halb halluzinatorischen Zustand begriff, dass sie nur meinem Tod angehören konnten. Wir müssen ein paar Unterschiede machen, sagte ich mir im Kopf wieder und wieder, oder vielmehr nicht ich, sondern eine geisterhafte Stimme, die ich für meine eigene hielt. Aber es gab einen Traum, der sich von dieser monströsen Parade abhob, einen einfachen Traum von Lotte an irgendeinem Strand, wie sie mit ihrem knöchernen Zeh lange Linien in den Sand zog, während ich, in Rückenlage auf den Ellbogen gestützt, zuschaute – ich im Körper eines sehr viel jüngeren Mannes, von dem ich ahnte, dass er, gleich einer Regenwolke am fernen Horizont dieses strahlenden Tages, nicht meiner war. Als ich aufwachte, blieb mir der Schreck über ihre Abwesenheit wie ein Kloß im Halse stecken. Ich trank hastig von dem Wasserhahn im Bad, und als ich pinkeln wollte, kam unter brennenden Schmerzen nur ein Tropfen, es fühlte sich an, als versuchte ich Sand herauszuspülen, und plötzlich, aus dem Nichts heraus, eben so, wie man Erkenntnisse über sich nur allzu oft erhält, dämmerte mir, wie lächerlich es doch war, sein Leben als Erforscher der sogenannten romantischen Dichter verbracht zu haben. Ich betätigte die Spülung. Dann nahm ich eine Dusche, zog mich an und räumte das Zimmer. Als die Empfangsdame mich fragte, ob alles zu meiner Zufriedenheit gewesen sei, lächelte ich und sagte, gewiss.

Ein langer Spaziergang in den Stunden nach dem Morgengrauen, an den ich mich kaum erinnere. Außer dass ich schon vor neun Uhr an dem Haus war, obwohl Elsie Fiske mich für zehn eingeladen hatte. Mein Leben lang hatte ich mich immer, wenn ich zu früh kam, befangen in einer Ecke herumgedrückt, vor einer Tür oder in einem leeren Raum gestanden, aber je mehr ich mich dem Tod nähere, desto früher komme ich an, desto länger mag ich warten, vielleicht um mir den falschen Eindruck zu verschaffen, es sei eher noch zu viel Zeit als zu wenig. Es war ein zweigeschossiges Reihenhaus, abgesehen von der Nummer neben dem Eingang nicht zu unterscheiden von den anderen an der Straße – die gleichen langweiligen Spitzengardinen, die gleiche eiserne Gardinenstange. Es nieselte, und um mich warm zu halten, ging ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab. Etwas am Anblick dieser Spitzengardinen erfüllte mich mit beißenden Schuldgefühlen. Der Junge war tot, die Geschichte, um deren Erzählung ich Mrs. Fiske gebeten hatte, würde schlecht ausgehen. All die Jahre hatte Lotte mir die Geschichte von ihrem Sohn verborgen. Sosehr er sie auch geplagt hatte, er durfte unser Leben nicht stören. Unser Glück nicht stören, sollte ich besser sagen, denn das gehörte wirklich uns. Wie ein Gewichtheber unter einer riesigen Last hatte sie ihr Schweigen ganz allein getragen. Ihr Schweigen war ein Kunstwerk. Und ich stand im Begriff, es zu zerstören.

Um Punkt zehn Uhr klingelte ich. Die Toten nehmen ihre Geheimnisse mit ins Grab, sagt man. Aber das ist nicht wahr, oder? Die Geheimnisse der Toten haben virale Eigenschaften, sie finden einen Weg, sich in einem anderen Wirt am Leben zu erhalten. Nein, ich machte mich nur insofern schuldig, als ich das Unvermeidliche vorantrieb.

Ich glaubte zu sehen, dass die Gardinen sich bewegten, aber es dauerte eine Weile, ehe jemand an die Tür kam. Schließlich hörte ich Schritte, und ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Frau, die vor mir stand, hatte sehr langes graues Haar, das ihr, wenn sie es offen fallen ließ, den ganzen Rücken hinunterreichen musste, aber sie trug es geflochten und oben auf dem Kopf aufgedreht wie eine, die gerade von der Bühne kommt, wo sie Tschechow gespielt hat. Sie hatte eine sehr aufrechte Körperhaltung und kleine graue Augen.

Sie führte mich ins Wohnzimmer. Ich wusste sofort, dass ihr Mann gestorben war und sie allein dort lebte. Vielleicht hat jemand, der selbst allein lebt, einen besonderen Sinn für die Schatten, die Töne und eigentümlichen Echos, die sich damit verbinden. Sie deutete auf das mit Posamenten verzierte Sofa, das überquoll von gehäkelten Kissen, alle, soweit ich sehen konnte, mit Motiven unterschiedlicher Hunde- und Katzenrassen. Ich setzte mich dazwischen; ein oder zwei Exemplare schlüpften mir auf den Schoß und machten es sich dort bequem. Ich begann einem ausgestopften kleinen schwarzen Hund über den Kopf zu streichen. Auf dem Tisch hatte Mrs. Fiske eine Teekanne und einen Teller mit Getreidekeksen bereitgestellt, obwohl sie sich lange nicht rührte, um einzuschenken, und als sie es tat, war der Tee zu stark. Ich weiß nicht mehr, wie wir anfingen zu reden. Ich erinnere mich nur, dass ich Bekanntschaft mit dem ausgestopften kleinen Hund schloss, irgendeine Spaniel-Art, und dann waren Mrs. Fiske und ich ins Gespräch vertieft, ein Gespräch, auf das wir beide, ohne es zu wissen, seit langer Zeit gewartet hatten. Es gab kaum etwas (so schien es jedenfalls, während wir in diesem Zimmer saßen, das, wie ich bald bemerkte, mit Hunde- und Katzenähnlichem aller Art gefüllt war, nicht nur die Kissen, sondern auch ein ganzes Gedränge kleiner Figuren auf den Regalen und die Bilder an der Wand), was wir einander nicht sagen konnten, auch wenn wir es nicht unbedingt alles aussprachen, und doch entstand zwischen uns keine Vertraulichkeit, mit Sicherheit keine Wärme, sondern eher etwas Verzweifeltes. Zu keinem Zeitpunkt redeten wir uns anders an als mit Mr. Bender und Mrs. Fiske.

Wir sprachen über Ehemänner und Ehefrauen, über den Tod ihres Mannes, der vor elf Jahren am Schlag gestorben war, während er im Fußballstadion «You’ll Never Walk Alone» gesungen hatte, über den Dauerzustand, dass einem immer wieder Hüte, Schals oder Schuhe von den Toten in die Hände fielen, über nachlassende Konzentrationsfähigkeit, Briefe, die zurückkamen, über das Zugfahren und wie es ist, an Gräbern zu stehen, über all die verschiedenen Arten, wie das Leben aus dem menschlichen Körper herausgepresst werden kann – zumindest habe ich jetzt den Eindruck, dass wir über all diese Dinge sprachen, obwohl es zugegebenermaßen auch möglich ist, dass wir über die Schwierigkeit sprachen, Lavendel in einem feuchten Klima anzubauen, und dass jene anderen Dinge nur der Subtext waren, über den Mrs. Fiske und ich uns so klar verständigen konnten. Aber eigentlich glaube ich es nicht, ich glaube nicht, dass wir überhaupt von Lavendel oder Gärten gesprochen haben. Der bittere Tee wurde kalt, trotz des Teewärmers. Ein paar Strähnen von Mrs. Fiskes grauem Haar lösten sich aus dem Gebilde, das sie frühmorgens arrangiert hatte.

Sie müssen verstehen, sagte sie schließlich. Ich war dreißig, als ich John kennenlernte, und ein paar Wochen vorher hatte ich in einem Ladenfenster einen Blick auf mein Spiegelbild erhascht, ohne Gelegenheit, vorher mein Gesicht zurechtzurücken, und danach, auf der Busfahrt nach Hause, habe ich einiges eingesehen. Es war keine Offenbarung, sagte sie, eher so, dass die Dinge an einen bestimmten Punkt gekommen waren, und das Bild, das mir zurückgespiegelt wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. Kurze Zeit später war ich bei meiner Schwester zu Besuch, und ihr Mann brachte einen Freund aus dem Büro mit nach Hause. Plötzlich versuchten John und ich, uns in dem engen Flur vor der Küche aneinander vorbeizuquetschen, ohne uns zu berühren, und da fragte er mich ziemlich unbeholfen, ob er mich wiedersehen dürfe. An dem Abend, als er mich das erste Mal ausführte, war ich bestürzt darüber, wie man seine Füllungen sah, wenn er lachte, und auch über die Dunkelheit, die sich hinten in seiner Kehle sammelte. Er hatte eine Art, lachend den Kopf zurückzuwerfen und den Mund dabei aufzureißen, an die ich mich nur langsam gewöhnen konnte. Ich war, was Sie vielleicht einen ernsten Typ nennen würden, sagte Mrs. Fiske, indem sie an mir vorbei aus dem Fenster schaute, ernst und schüchtern, und trotz der Musik seines Lachens fürchtete ich mich vor dem, was ich dort hinten in seiner Kehle zu sehen glaubte. Aber wir fanden unseren gemeinsamen Weg und heirateten fünf Monate später vor einer kleinen Gruppe Familienangehöriger und Freunde, von denen manche überrascht waren, weil sie geglaubt hatten, ich würde eine alte Jungfer, wenn ich es in ihren Augen nicht schon war. Ich machte John klar, dass ich mit dem Kinderkriegen keine Zeit verschwenden wollte. Wir versuchten es, aber es ging nicht so einfach. Als ich endlich schwanger wurde, hatte ich – es ist seltsam, das zu beschreiben – ein Gefühl wie Ebbe und Flut, die in mich hinein- und aus mir herausspülten: Wenn die Flut kam, war das Kind in mir sicher, und wenn sie ging, wurde es von mir weggezogen, als hätte es anderswo etwas leuchten und schimmern gesehen, und sosehr ich mich auch anstrengte, es zurückzuhalten, ich konnte es nicht. Der Sog dieser anderen Sache, dieses anderen schimmernden Lebens, war einfach zu stark. Und dann, eines Nachts im Bett, merkte ich, wie die Ebbe mich endgültig leer sog, und als ich aufwachte, blutete ich. Danach versuchten wir es weiter, aber in meinem tiefsten Inneren glaubte ich nicht mehr, dass ich fähig wäre, ein Kind zu gebären. Das waren schmerzliche Zeiten für mich, und wenn ich schon gewöhnlich wenig lachte, war es jetzt ganz aus damit, aber ich erinnere mich an den Gedanken, dass Johns Lachen unverändert blieb. Nicht dass er nicht auch traurig gewesen wäre, aber er war einfach eine Frohnatur, er konnte die Kurve kriegen und die Dinge anders betrachten, oder er hörte einfach einen Witz im Radio, und das reichte ihm. Und wenn er dann vor Lachen den Kopf zurückwarf, ließ mich die Dunkelheit hinten in seiner Kehle noch Schlimmeres ahnen als zuvor, und mir lief ein kleiner Schauder über den Rücken. Ich möchte aber keinen falschen Eindruck erwecken. Er hat mich sehr unterstützt und gab sein Bestes, um mich aufzuheitern. Irgendwie, ich kann es nicht erklären, sagte Mrs. Fiske, hatte die Dunkelheit, die ich dort sah, nichts oder sehr wenig mit John selbst zu tun, sondern ausschließlich mit mir; hinten in seiner Kehle war nur der Ort, wo es hauste. Ich begann mich abzuwenden, wenn er lachte, um es nicht zu sehen, aber dann hörte ich eines Tages, wie ihm das Lachen so plötzlich verging, als hätte man ein Licht ausgeknipst, und als ich mich umdrehte, kniff er den Mund fest zusammen, und die Scham stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich fühlte mich ganz fürchterlich, kam mir richtig grausam vor, albern und selbstsüchtig, und bald danach begann ich dafür zu sorgen, dass sich zwischen uns etwas änderte. Nach und nach wurde eine Art Zärtlichkeit zugelassen, die vorher nicht da gewesen war. Ich lernte, gewisse Gefühle zu beherrschen, nicht immer gleich der ersten spontanen Regung nachzugeben, und ich weiß noch, dass ich damals dachte, diese Art von Disziplin sei der Schlüssel zur geistigen Gesundheit. Ungefähr sechs Monate später beschlossen wir, ein Kind zu adoptieren.

Mrs. Fiske beugte sich vor und rührte um, was in ihrer Teetasse geblieben war, als wollte sie es trinken oder als ruhten die Worte für den Rest ihrer Geschichte zwischen den Fitzeln der Teeblätter auf dem Grund der Porzellantasse. Aber dann schien sie sich eines Besseren zu besinnen, stellte die Tasse auf der Untertasse ab und lehnte sich wieder in ihrem Sessel zurück.

Es klappte nicht gleich, sagte sie. Wir mussten endlose Anträge ausfüllen, es gab ein Eignungsverfahren. Eines Tages kam eine Dame in einem gelben Kostüm zu uns nach Hause. Ich erinnere mich, wie ich ihr Kostüm anstarrte und dachte, es sei wie ein Fleckchen Sonnenschein und sie eine Botschafterin aus einem anderen Klima, in dem Kinder gediehen und glücklich waren, und sie sei in unser Haus gekommen, um es auszuleuchten und zu sehen, wie das wirkte, wie so viel Licht und Glücklichkeit von unseren farblosen Wänden zurückstrahlen würden. Vor ihrem Besuch hatte ich tagelang auf den Knien gelegen und die Fußböden geschrubbt. Am frühen Morgen vor ihrer Ankunft hatte ich sogar einen Kuchen gebacken, damit der Duft von etwas Süßem in der Luft lag. Ich trug ein blaues Seidenkleid und hatte John dazu gebracht, ein Hahnentrittsakko anzuziehen, das er sich niemals freiwillig ausgesucht hätte, weil ich fand, dass es etwas Optimistisches ausstrahlte. Aber als wir mit unbehaglichen Gefühlen in der Küche saßen und auf sie warteten, sah ich die zu kurzen Ärmel und dass die ganze Jacke, so wie John mit krummem Rücken in diesem lächerlichen Ding am Tisch saß, im Gegenteil unsere Verzweiflung verriet. Aber zum Umziehen war es zu spät, es klingelte, und da war sie, mit ihrer Lackledertasche, die unsere Akte enthielt, unter dem Arm, diese leuchtend gelbe Hüterin aus dem Land der winzigen Fingernägel und Milchzähne. Sie setzte sich an den Tisch, und ich stellte ihr ein Stück Kuchen hin, das sie nicht anrührte. Sie zog ein paar Schriftstücke heraus, die wir unterschreiben sollten, dann begann sie mit ihrer Befragung. John, der sich leicht von Autoritäten einschüchtern ließ, fing an zu stottern. Verlegen und unsicher, innerlich zitternd wegen der Macht, die sie über uns besaß, verhedderte ich mich bei den Antworten, die ich zu geben versuchte, wurde aufgeregt und machte mich zum Affen. Als sie sich, ein verkniffenes, künstliches Lächeln auf den Lippen, im Haus umschaute, sah ich sie frösteln und bemerkte, wie kalt es bei uns war. Da wusste ich, uns würde sie kein Kind geben.

Danach verfiel ich in einen Zustand, den man wohl, was ich damals noch nicht wusste, eine Depression nennt. Als ich viele Monate später wieder daraus auftauchte, hatte ich mich an den Gedanken eines Lebens ohne Kinder gewöhnt. Aber dann besuchte ich eines Tages meine Schwester, die nach London gezogen war, und beim Zeitungslesen fiel mein Blick zufällig auf eine kleine Anzeige ziemlich weit unten auf der Seite. Ich hätte sie leicht übersehen können, es waren nur ein paar kleingedruckte Worte. Aber ich sah sie: Baby, drei Wochen alter Junge, zur sofortigen Adoption abzugeben. Darunter stand eine Adresse. Ohne zu zögern, nahm ich ein Blatt Papier und schrieb einen Brief. Irgendwie hatte es mich gepackt. Mein Stift flog nur so über die Seite, versuchte mitzuhalten mit den Worten, die aus mir herausquollen. Ich schrieb alles auf, was ich der Dame in Gelb, die von der Adoptionsstelle gekommen war, einfach nicht hatte sagen können, und während mir die Buchstaben aus der Feder flossen, wusste ich, die Anzeige war nur für mich bestimmt. Der Junge nur für mich allein. Ich warf den Brief in den Postkasten und sagte John nichts davon. Ich wollte ihm nicht noch mehr zumuten, als ich es schon getan hatte; nachdem er mich in den schlimmsten Zuständen meiner Depression erlebt hatte, wäre es zu viel für ihn gewesen, jetzt mit anzusehen, wie ich einer blinden Hoffnung zum Opfer fiel. Aber ich wusste, es war keine blinde Hoffnung. Und tatsächlich, als ich ein paar Tage später nach Liverpool zurückkehrte, lag dort ein Brief für mich. Er war nur mit ihren Anfangsbuchstaben unterschrieben: L. B. Bis Sie gestern Abend anriefen, kannte ich ihren Namen nicht. Sie bat mich, ich solle sie in fünf Tagen, am 20. Juli, um vier Uhr nachmittags in der Schalterhalle der West Finchley Station treffen. Morgens wartete ich ab, bis John um acht zur Arbeit ging, dann machte ich mich schleunigst auf die Beine. Ich war auf dem Weg zu meinem Kind, Mr. Bender. Zu dem Kind, auf das ich so lange gewartet hatte. Können Sie sich vorstellen, was ich empfand, als ich in diesen Zug stieg? Ich war kaum in der Lage, still zu sitzen. Ich wusste, ich würde ihn Edward nennen, nach meinem geliebten Großvater. Natürlich musste er schon einen Namen haben, aber ich vergaß zu fragen, und sie sagte ihn mir nicht. Überhaupt sagten wir so wenig. Ich konnte kaum sprechen, und ihr ging es genauso. Vielleicht konnte sie auch sprechen, wollte aber nicht. Ja, ich glaube, das muss es gewesen sein. Sie hatte eine seltsame Ruhe an sich – es waren meine Hände, die zitterten. Erst später, irgendwann in den ersten Tagen, als das ganze Haus von neuen Babygerüchen erfüllt war, dachte ich wieder an den Namen, der sich wie ein Schatten hinter dem verbarg, den wir ihm gegeben hatten. Aber mit der Zeit vergaß ich es, und wenn schon nicht ganz, so dachte ich jedenfalls selten daran, außer in komischen Momenten, wenn irgendwo auf der Straße, in einem Laden oder im Bus ein Name gerufen wurde und ich stehen blieb und mich fragte, ob es der nicht gewesen sein könnte.

Als ich in London ankam, nahm ich die U-Bahn bis West Finchley. Es war ein warmer, sonniger Tag, und sie war die Einzige, die sich in der Schalterhalle aufhielt. Sie fixierte mich mit ihrem Blick, tat aber keinen Schritt vorwärts. Ich spürte, wie sie in mich hineinsah, unter die Haut. Eine seltsame Ruhe, ja, das hat mich verblüfft. Einen Moment lang dachte ich, es sei möglich, dass sie gar nicht die Mutter war, sondern jemand, den sie ersatzweise geschickt hatte, um ihr die bittere Aufgabe abzunehmen. Aber als sie die Decke beiseiteschob, ich hinging und das Gesicht des Babys sah, konnte es nur ihr eigenes sein. Als sie endlich etwas sagte, hörte ich ihren starken Akzent. Ich wusste nicht, woher sie kam, aus Deutschland oder Österreich vielleicht, aber ich begriff, dass sie ein Flüchtling war. Das Baby schlief, die verkrampften kleinen Fäuste von beiden Seiten am Gesicht zusammengeballt. Da standen wir also in der leeren Schalterhalle. Er mag es nicht, wenn ihm die Mütze zu tief über die Stirn rutscht, sagte sie. Das waren ihre ersten Worte an mich. Ein paar Momente später, sehr gedehnte Momente, sagte sie: Wenn Sie ihn über die Schulter legen, nachdem er gegessen hat, schreit er weniger. Und dann: Er bekommt leicht kalte Hände. Als sei sie dabei, mir zu erklären, wie man mit einem zickigen Auto umgeht, statt ihr eigenes Baby wegzugeben. Und doch begann ich es später, als er ein paar Wochen bei mir war, anders zu sehen. Mir wurde klar, dass diese paar Dinge die kostbaren Entdeckungen einer Mutter waren, die das Geheimnis ihres Kindes beobachtet und versucht hatte, es zu verstehen.

Wir saßen nebeneinander auf der harten Bank, sagte Mrs. Fiske. Sie tätschelte das Bündel in ihren Armen noch einmal, dann gab sie es mir. Ich fühlte die Wärme seines Körpers durch die Decke. Es regte sich ein bisschen, schlief aber weiter. Ich dachte, sie würde noch etwas sagen, aber nein. Auf dem Boden stand eine Tasche, die sie mit dem Fuß zu mir hinschob. Dann schaute sie aus dem Fenster und schien auf dem Bahnsteig etwas zu bemerken, was sie irritierte, jedenfalls stand sie abrupt auf. Ich blieb sitzen, weil meine Beine so schwach waren, dass ich Angst hatte, das Baby fallen zu lassen. Sie entfernte sich, einfach so. Erst an der Tür blieb sie stehen und schaute zurück. Ich zog das Baby fest an meine Brust. Ich fühlte, wie es zu schnüffeln begann, wiegte es ein bisschen, und es entspannte sich und gluckste sogar etwas. Sehen Sie!, wollte ich ihr zurufen. Aber als ich aufblickte, war sie verschwunden.

Ich saß da und rührte mich nicht vom Fleck. Ich wiegte das Baby und sang ihm leise etwas vor. Ich beugte meinen Kopf über seinen, damit das Licht nicht in seine Augen fiel, und als ich meine Lippen auf seine Stirn drückte, schien es eine Wärme auszuströmen, ich roch die süßen Düfte seiner Haut und auch etwas Stinkendes von hinter den Ohren. Es fuhr mit dem Gesicht zu mir herum und öffnete den Mund. Seine Augen wurden weit, und die Ärmchen sprangen auf, als wollte es sich festhalten, um nicht hinunterzufallen. Es fing an zu schreien. Mir stieg eine plötzliche Hitze in den Kopf, und ich kam ins Schwitzen. Ich rüttelte es, aber es schrie noch lauter. Ich blickte auf, und da spähte jemand durchs Fenster, ein junger Mann in einem seltsamen, fast erbärmlichen Mantel mit einem abgeschabten Pelzkragen. Er hatte sehr schwarze, leuchtende Augen. Ein Schauder lief mir über den Rücken, als er uns so anstarrte, das Baby und mich. Gierig, mit dem Hunger eines Wolfs schaute er uns an, und ich wusste, das konnte nur der Vater sein. Der Moment schien sich zu dehnen, bis zum Äußersten in die Länge zu ziehen, während irgendeine unterdrückte Sehnsucht oder schreckliche Wehmut ihn innerlich aufwühlte. Dann kam eine Bahn, und er stieg allein ein – das war das Letzte, was ich von ihm sah. Als Sie gestern Abend anriefen, Mr. Bender, war ich mir sicher, Sie wären er. Erst als Sie vor der Tür standen, wurde mir klar, dass das nicht sein konnte.

 

An diesem Punkt stand ich auf und fragte Mrs. Fiske, wo die Toilette sei. Der schwarze Spaniel fiel zu Boden und schlug erbärmlich hoppelnd auf. Ein Schwindel hatte mich erfasst, ich fühlte mich der Ohnmacht nahe. Ich schloss die Tür und sank auf den Toilettensitz. Im Bad stand ein Holzgestell, an dem zwei oder drei Strumpfhosen zum Trocknen hingen, die schrumpeligen braunen Füße tropften noch, und über der Wanne war ein Fenster, ganz von Feuchtigkeit beschlagen. Ich stellte mir vor, es als Fluchtweg zu benutzen und die Straße hinunter davonzurennen. Ich steckte meinen Kopf zwischen die Knie, um die Schwindelgefühle zu beruhigen. Achtundvierzig Jahre lang hatte ich mein Leben mit einer Frau geteilt, die fähig gewesen war, ihr Kind ungerührt an eine Fremde abzugeben. Mit einer Frau, die ihr eigenes Baby – ihr eigenes Baby – in der Zeitung annonciert hatte, wie man ein Möbelstück zum Verkauf annonciert. Ich wartete darauf, dass dieses neue Wissen sein krasses Licht warf, wartete, dass das Tor aufschwang und ich verstand, wartete, in eine lebenslang gehortete Wahrheit einzutreten. Aber es tat sich nichts, keinerlei Erleuchtung.

Ist alles in Ordnung?, fragte Mrs. Fiske mit einer von weit her kommenden Stimme. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, nur dass sie mich ein paar Minuten später die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer mit einem Einzelbett führte, auf das ich mich ohne Protest legte. Sie brachte mir ein Glas Wasser, und als sie sich herunterbeugte, um es auf das Nachttischchen zu stellen, sah ihr Hals so aus wie der meiner eigenen Mutter. Darf ich etwas fragen?, sagte ich. Sie sagte nichts. Wie ist er gestorben? Sie seufzte und presste die Hände zusammen. Es war ein schrecklicher Unfall, sagte sie. Dann ließ sie mich ruhen, indem sie sanft die Tür hinter sich schloss, und erst als ich hörte, wie ihre Schritte sich die Treppe hinunter entfernten, leiser und leiser wurden und das Zimmer sich langsam, fast gemütlich, zu drehen begann, ging mir auf, wo ich mich befand, dass ich in dem Zimmer lag, das Lottes Kind gehört hatte.

Ich schloss die Augen. Sobald das vorbei ist, dachte ich, werde ich mich bei Mrs. Fiske bedanken, mich verabschieden und mit dem nächsten Zug nach London zurückfahren. Aber schon während ich es dachte, glaubte ich nicht ernsthaft daran. Wieder hatte ich das Gefühl, es würde noch lange dauern, bis ich, wenn überhaupt, das Haus in Highgate wiedersah. Es wurde allmählich kalt, der Kater würde sich sein Fressen woanders suchen müssen. Die Schwimmlöcher würden zufrieren. Was war es, das dort unten schlummerte, an dem weichen, schlammigen Grund, und Lotte Tag für Tag hinunterzog? Jeden Morgen stieg sie hinab wie Persephone, verschwand in den schwarzen Tiefen, um das dunkle Etwas zu berühren. Vor meinen Augen! Und ich konnte ihr nie folgen. Verstehen Sie, wie das für mich war? Als wäre sie allein durch einen kleinen Riss im Vorhang des Tages geschlüpft. Ein Spritzer, und dann Stille, die ewig zu dauern schien. Jedes Mal beschlich mich eine Art Panik. Und genau in dem Moment, in dem ich überzeugt war, sie sei mit dem Kopf an einen Stein gestoßen oder hätte sich das Genick gebrochen, bewegte sich die Oberfläche, und sie tauchte wieder auf, blinzelte sich mit blauen Lippen das Wasser aus den Augen. Etwas hatte sich erneuert. Auf dem Rückweg waren wir schweigsam. Man hörte nur das knirschende Geräusch der Blätter und Zweige unter unseren Füßen, wie von zerbrochenem Glas. Seit sie gestorben ist, war ich nicht mehr dort.

Es muss ein paar Stunden später gewesen sein, als ich wieder aufwachte. Draußen dämmerte es. Ich lag still da und schaute in das stumme, rechtwinklige Himmelseck hinauf. Ich drehte das Gesicht zur Wand. Und da kam mir ein Bild von Lotte im Garten vor Augen. Ich habe keine Ahnung, woher diese Erinnerung stammt, ja, ich kann nicht einmal sagen, ob die Szene überhaupt stattgefunden hat: Lotte steht nahe an der hinteren Mauer, ohne zu merken, dass ich sie aus einem Fenster im Obergeschoss beobachte. Zu ihren Füßen schwelt ein kleines Feuer, das sie, konzentriert über ihre Aufgabe gebeugt, einen gelben Schal über den Schultern, mit einem Stock oder vielleicht mit dem Schürhaken unter Kontrolle hält. Von Zeit zu Zeit wirft sie ein paar Blatt Papier in die Glut oder schüttelt ein Buch, dessen Seiten ins Feuer segeln. Der Rauch steigt spiralförmig in einer violetten Fahne auf. Was sie da verbrannt hat und warum ich sie heimlich aus dem Fenster beobachtet habe, wusste ich nicht, und je mehr ich mich zu erinnern versuchte, umso schwächer wurde das Bild und umso heftiger meine Erregung.

Meine Schuhe standen ordentlich nebeneinander unter einem Stuhl, obwohl ich mich nicht entsinnen konnte, sie ausgezogen zu haben. Ich schlüpfte hinein, strich die Spitzendecke auf dem Bett glatt und ging die Treppe hinunter. Als ich in die Küche kam, stand Mrs. Fiske mit dem Rücken zu mir am Herd. Es war jene Stunde vor Einbruch der Dunkelheit, in der man noch nicht daran gedacht hat, das Licht anzumachen. Aus dem Topf, in dem sie rührte, stieg Dampf auf. Ich zog einen Stuhl unter dem Küchentisch hervor, und sie drehte sich um, das Gesicht von der Hitze gerötet. Mr. Bender, sagte sie. Bitte, sagte ich, nennen Sie mich Arthur, was ich sofort bereute, weil ich wusste, dass allein meine Fremdheit ihr so frei zu sprechen erlaubte. Sie sagte nichts, nahm nur eine Schale aus dem Regal, schöpfte etwas Suppe hinein und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Dann stellte sie die Schale vor mich hin und nahm mir gegenüber Platz, genau wie ich es von meiner Mutter kannte. Ich hatte keinen Hunger, aber was blieb mir anderes übrig, als zu essen?

Nach einem langen Schweigen begann Mrs. Fiske wieder zu sprechen: Ich dachte immer, sie würde sich bei mir melden. Sie wusste natürlich, wo wir wohnten. Am Anfang war ich dauernd in Angst, einen Anruf oder einen Brief zu bekommen oder dass sie einfach an der Tür erschiene, um zu sagen, es sei alles ein Irrtum gewesen, sie wolle Teddy zurückhaben. Wenn ich ihn abends in den Schlaf wiegte oder reglos im Dunkeln stand, um ihn nicht durch das Knarren der Dielen zu wecken, legte ich mir im Stillen oft meine Verteidigung zurecht. Sie hat ihn weggegeben! Und ich habe ihn genommen. Ich liebte ihn wie mein eigenes Kind! Trotzdem bedrückte mich ein Schuldgefühl. Er schrie so viel, und immer dieses verzerrte Gesicht, der aufgesperrte Mund. Der Doktor sagte, das seien Koliken, aber ich glaubte es nicht. Ich war mir sicher, dass er nach seiner Mutter schrie. Manchmal, wenn ich es nicht mehr aushielt, schüttelte und schimpfte ich ihn, damit er aufhörte. Dann sah er mich einen Augenblick an, überrascht oder vielleicht stumm vor Schreck. In seinen dunklen Augen sah ich den harten Funken eigensinniger Entschlossenheit. Und dann ging das Kreischen erst richtig los. Manchmal knallte ich die Tür zu und ließ ihn schreien. Ich saß hier, wo ich jetzt sitze, und hielt mir die Ohren zu, bis ich nervös wurde wegen der Nachbarn, die es hören und Verdacht schöpfen könnten, ich würde das Baby vernachlässigen.

Aber es kam weder ein Anruf noch ein Brief, sagte Mrs. Fiske. Und nach drei oder vier Monaten beruhigte sich Teddy und schrie weniger. Wir entdeckten Dinge miteinander, er und ich, kleine Rituale, Lieder zum Einschlafen. Eine Art Verständigung, wie tastend auch immer, entwickelte sich zwischen uns. Er lernte mich anzulächeln, ein schiefes Lächeln mit offenem Mund, aber es erfüllte mich mit Freude. Ich wurde sicherer. Zum ersten Mal, seit ich ihn mit nach Hause gebracht hatte, fuhr ich ihn im Kinderwagen spazieren. Wir gingen durch den Park, und er schlief im Schatten, während ich auf der Bank saß, fast genau wie jede andere Mutter. Fast, aber nicht ganz, denn jeden Tag überfiel mich aus irgendeinem Schlupfwinkel – meistens in der Dämmerung oder nachdem ich das Baby schlafen gelegt hatte und mir ein Bad einlaufen ließ, aber gelegentlich auch ohne Vorwarnung genau in dem Moment, in dem meine Lippen seine Wange berührten – das Gefühl, eine Betrügerin zu sein. Es legte sich mir um den Hals wie zwei kleine kalte Hände, und sofort war der ganze Rest wie ausgelöscht. Zuerst erfüllte es mich mit Verzweiflung, sagte Mrs. Fiske. Ich hasste mich dafür, dass ich mich benahm, als wäre ich wirklich seine Mutter, obwohl ich das – so empfand ich es in diesen erschreckenden, klarsichtigen Momenten – nie sein konnte. Während ich ihn fütterte, ihn badete oder ihm etwas vorlas, war ich immer halbwegs irgendwo anders, fuhr in einer fremden Stadt mit der Straßenbahn durch den Regen oder ging über eine Promenade am nebligen Ufer eines Alpensees, der so groß war, dass ein Schrei verhallt und erloschen wäre, bevor er das andere Ufer erreichte. Meine Schwester hatte keine Kinder, und ich kannte nicht viele andere junge Mütter. Diejenigen, die ich kannte, hätte ich nie zu fragen gewagt, ob sie das Gleiche empfanden. Ich nahm es als mein eigenes Versagen, eine Störung, die irgendwie daher rühren musste, dass ich Teddy nicht selbst empfangen hatte, die aber letztlich als Unzulänglichkeit im Kern meiner selbst zum Ausdruck kam. Und doch, was sollte ich tun, als es ungeachtet dessen zu versuchen? Niemand fragte nach ihm. Er hatte nur mich. Ich unternahm eine riesige Anstrengung, verschwendete endlose Aufmerksamkeit an ihn, um es wiedergutzumachen. Teddy wuchs zu einem vergnügten Kind heran, obwohl ich manchmal den flüchtigen Schimmer einer lange angestauten Verzweiflung in seinen Augen sah oder zu sehen glaubte, mir anschließend aber auch nicht so sicher war, ob es nicht einfach Nachdenklichkeit gewesen sein könnte, die in Kindergesichtern aus irgendeinem Grund ja immer ein wenig traurig wirkt.

Zu dieser Zeit machte ich mir keine Sorgen mehr, dass sie kommen könnte und ihn wiederhaben wollte, sagte Mrs. Fiske. Ich empfand ihn als mein Eigen, ganz unabhängig von meinen Fehlern, meiner mangelnden Aufmerksamkeit, die er mir immer entschiedener abverlangte, und egal, wie ungeduldig ich mit manchen seiner kleinen Spiele war, die er pausenlos wiederholen wollte, egal, was für eine lähmende Langeweile mich manchmal befiel, nachdem ich ihn angezogen hatte und wieder ein sich ewig dehnender Tag wie ein endloser Parkplatz vor uns lag. Ich wusste, er liebte mich trotz allem, und wenn er auf meinen Schoß krabbelte und dort seinen natürlichsten Platz fand, hatte ich das Gefühl, es gebe keine zwei Menschen, die sich so gut verstanden wie er und ich, und das müsse schließlich mit dem gemeint sein, was man Mutter und Kind nennt. Mrs. Fiske stand auf, um meine Suppenschale abzuräumen, stellte sie in die Spüle und schaute aus dem Fenster in den kleinen Garten hinter dem Haus. Sie schien fast in Trance zu sein, und aus Angst, sie herauszureißen, sagte ich nichts. Sie füllte den Wasserkessel, stellte ihn auf den Herd und kehrte an den Tisch zurück. Da sah ich, wie müde sie wirkte. Sie schaute mir in die Augen. Warum sind Sie hergekommen, um was herauszufinden, Mr. Bender?

In meiner Betroffenheit antwortete ich nicht sofort.

Wenn Sie nämlich gekommen sind, um Ihre Frau irgendwie besser zu verstehen, kann ich Ihnen nicht helfen, sagte sie.

Es folgte ein langes Schweigen. Dann sagte Mrs. Fiske: Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Sie hat nie geschrieben. Manchmal musste ich an sie denken. Ich wachte über das schlafende Baby und fragte mich, wie sie das hatte tun können. Erst später habe ich verstanden, dass das Muttersein eine Illusion ist. Egal, wie sehr man aufpasst, am Ende kann eine Mutter ihr Kind nicht beschützen – weder vor Schmerz oder Schrecken oder dem Albtraum von Gewalt noch vor versiegelten Zügen, die mit rasender Geschwindigkeit in die verkehrte Richtung fahren, vor der Schlechtigkeit anderer Menschen, vor Falltüren, Abgründen, Feuern, Autos im Regen, vor dem Zufall eben.

Mit der Zeit habe ich immer seltener an sie gedacht. Aber als er starb, kehrte sie in meine Gedanken zurück. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, als es passierte. Ich dachte, sie sei die Einzige auf der Welt, die begreifen könnte, wie tief meine Trauer ging. Aber dann wurde mir klar, dass ich falsch gedacht hatte, sagte Mrs. Fiske. Sie hätte es nicht begreifen können. Sie wusste nichts von meinem Sohn.

 

Irgendwie schaffte ich es zum Bahnhof zurück. Es war schwierig, klar zu denken. Ich nahm den Zug nach London. An jeder Durchfahrtsstation sah ich Lotte auf dem Bahnsteig. Was sie getan hatte, mit welcher Kaltblütigkeit, erfüllte mich mit Entsetzen, und als Schlimmstes kam hinzu, dass ich in der langen Zeit unseres Zusammenlebens nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte, wozu sie fähig war. Alles, was sie je zu mir gesagt hatte, musste ich jetzt in diesem neuen Licht bedenken.

Als ich gegen Abend nach Highgate zurückkehrte, war die Fensterscheibe auf der Stirnseite des Hauses eingeschlagen. Von dem großen Loch ging strahlenförmig ein wunderschönes, zartes Netz feiner Sprünge aus. Es war ein unvergesslicher Anblick, der mir Ehrfurcht einflößte. Drinnen, zwischen den Scherben auf dem Fußboden, fand ich einen faustdicken Stein. Kalte Luft hatte sich im Wohnzimmer gesammelt. Es war die besondere Stille, die mich zutiefst bewegte, eine Stille, wie sie nur im Gefolge von Gewalt eintritt. Schließlich sah ich eine Spinne sehr langsam über die Wand krabbeln, und der Bann war gebrochen. Ich holte mir den Besen. Als ich fertig war mit dem Aufkehren, klebte ich ein Stück Plastik über das Loch. Den Stein hob ich auf und legte ihn auf den Wohnzimmertisch. Am nächsten Tag, als der Glaser kam, sagte er etwas über diese kleinen Rowdys, Strolche, schon die dritte Fensterscheibe, die sie innerhalb einer Woche eingeschlagen hätten, und plötzlich merkte ich, dass es mir einen Stich versetzte, dass ich gewünscht hätte, der Stein wäre für mich bestimmt gewesen, das Werk von jemandem, der einen Stein in mein Fenster und nur meines, nicht in beliebige Fenster werfen wollte. Und als der kleine Schmerz vorbei war, ging mir der Glaser mit seiner fröhlich lauten Stimme auf die Nerven. Erst nachdem er das Haus verlassen hatte, verstand ich, wie einsam ich war. Die Zimmer des Hauses sogen mich ein und schienen mich zu schelten, dass ich sie allein gelassen hatte. Siehst du?, schienen sie zu sagen. Siehst du, was passiert? Aber ich sah es nicht. Ich hatte das Gefühl, immer weniger zu verstehen. Es wurde schwierig, mich daran zu erinnern – oder nicht daran zu erinnern, sondern das zu glauben, woran ich mich von unseren Gewohnheiten in diesen Räumen erinnerte, wie Lotte und ich unsere Zeit darin verbracht, wo und wie wir immer gesessen hatten. Ich setzte mich in meinen alten Sessel und versuchte, Lotte heraufzubeschwören, wie sie mir gegenüber dagesessen hatte. Aber alles geriet in den Strudel der Absurdität. Das Plastik wellte sich über dem klaffenden Loch, und das spektakulär gesprungene Glas hing in der Schwebe. Ein schwerer Schritt oder ein Windstoß, so schien es, und das ganze Ding fiele in tausend Stücke. Als der Glaser am nächsten Tag wiederkam, entschuldigte ich mich und ging nach draußen in den Garten. Als ich zurückkehrte, war das Fenster heil, und der Glaser lächelte, stolz auf seine Arbeit.

Ich verstand nun, was ich im tiefsten Inneren die ganze Zeit verstanden hatte: dass ich Lotte nie so hätte bestrafen können, wie sie sich selbst bestraft hatte. Dass letztlich ich es war, der sich nie eingestanden hatte, wie viel er wusste. Der Liebesakt ist immer ein Geständnis, schreibt Camus. Aber das gilt auch für das leise Türenschließen. Einen Schrei in der Nacht. Einen Treppensturz. Ein Husten im Flur. Mein Leben lang hatte ich versucht, in ihre Haut zu schlüpfen. Mich in ihren Verlust hineinzuversetzen. Es versucht und versagt. Nur, vielleicht – wie soll ich das ausdrücken? –, vielleicht wollte ich versagen. Meine Liebe zu ihr war ein Versagen meiner Vorstellungskraft.

 

Eines Abends klingelte es an der Haustür. Ich hatte niemanden erwartet. Es gab nichts und niemanden mehr zu erwarten. Ich legte mein Buch weg, nicht ohne die Seite sorgfältig mit einem Lesezeichen zu markieren. Lotte hatte ihre Bücher immer aufgeschlagen abgelegt, und als wir uns kennenlernten, hatte ich sie mit dem Spruch geärgert: Ich höre schon den schrillen kleinen Schrei, wenn es sich das Rückgrat bricht. Es war ein Scherz, aber später, wenn sie aus dem Zimmer oder schlafen gegangen war, nahm ich das Buch und legte ein Lesezeichen hinein, bis sie es eines Tages hochhob, das Lesezeichen herausriss und es auf den Boden knallte. Tu das nie wieder, sagte sie. Und mir war klar, dass nun erneut etwas allein ihr gehörte und mir von Stund an für immer versperrt sein würde. Von da an fragte ich sie nicht mehr, was sie las. Ich wartete, bis sie freiwillig mit etwas herausrückte – einem Satz, der sie bewegte, einer glänzenden Passage, einer lebhaft beschriebenen Figur. Manchmal kam es, manchmal nicht. Aber fragen durfte ich nie.

Ich ging die paar Schritte den Hausflur hinunter zur Tür. Strolche, dachte ich, das Wort des Glasers, das mir eben wieder in den Sinn gekommen war. Aber durch den Gucker sah ich, es war ein Mann in meinem Alter, der einen Anzug trug. Ich fragte, wer da sei. Er räusperte sich auf der anderen Seite der Tür. Mr. Bender?, fragte er.

Er war ein kleiner Mann, mit schlichter Eleganz gekleidet. Der einzige Schmuck bestand aus einem Spazierstock mit silbernem Knauf. Unwahrscheinlich, dass er gekommen war, um mich niederzuknüppeln oder auszurauben. Ja?, sagte ich, in der offenen Tür stehend. Mein Name ist Weisz, sagte er. Verzeihen Sie, dass ich nicht vorher angerufen habe. Aber er rechtfertigte sich nicht. Ich möchte gern über etwas mit Ihnen sprechen, Mr. Bender. Wenn es nicht allzu sehr stört – er schaute an mir vorbei ins Haus hinein –, darf ich hereinkommen? Ich fragte, worum es sich handele. Um einen Schreibtisch, sagte er.

Ich bekam weiche Knie. Ich war wie gelähmt. Mit Sicherheit, das konnte nur er sein: der, den sie geliebt, in dessen Schatten ich mir ein Leben mit ihr erkämpft hatte.

Wie im Traum führte ich ihn ins Wohnzimmer. Er bewegte sich ohne zu zögern, als kenne er den Weg. Mich durchlief es kalt. Warum war ich nie auf die Idee gekommen, dass er früher schon mal hier gewesen sein könnte? Er steuerte direkt auf Lottes Sessel zu und stand wartend da. Ich bat ihn mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen, während meine Beine unter mir nachgaben. Wir saßen einander gegenüber. Ich in meinem Sessel, er in ihrem. So, wie es immer war, dachte ich jetzt.

Es tut mir leid, dass ich so hereinplatze, sagte er. Aber er sprach mit einer Gelassenheit, die seine Worte Lügen strafte, mit einem Selbstvertrauen, das beinahe zum Fürchten war. Er hatte einen israelischen Akzent, obwohl, dachte ich, durch Vokale und Betonungen von anderswo gemildert. Dem Aussehen nach musste er Ende sechzig, vielleicht siebzig sein, also ein paar Jahre jünger als Lotte. Eben da dämmerte es mir. Wieso war ich nicht schon früher darauf gekommen? Einer ihrer Schützlinge von dem Kindertransport! Ein Junge von vierzehn, vielleicht fünfzehn Jahren. Höchstens sechzehn. Am Anfang mögen die paar Jahre viel erschienen sein. Aber mit der Zeit weniger und weniger. Als er achtzehn war, wäre sie zwanzig oder einundzwanzig gewesen. Sie hätten ein unlösbares Band geteilt, eine Privatsprache, eine in bloßen Silben enthaltene verlorene Welt, Kürzel, die sie nur aussprechen mussten, um einander vollkommen zu verstehen. Oder gar keine Sprache – ein Schweigen, das für alles stand, was nicht laut gesagt werden durfte.

Sein Äußeres war tadellos: kein Haar, das nicht an seinem Platz gewesen wäre, kein Fussel auf seinem dunklen Anzug. Sogar seine Schuhsohlen schienen unzerkratzt, als berührte er selten den Boden. Ich werde nur ein paar Minuten Ihrer Zeit in Anspruch nehmen, sagte er. Dann, verspreche ich, lasse ich Sie in Frieden.

In Frieden!, hätte ich beinahe laut geschrien. Sie, der mich all diese Jahre gequält hat! Mein Feind, der eine Ecke der Frau, die ich liebte, in Beschlag genommen hat, eine Ecke wie ein schwarzes Loch, das durch irgendeine Zauberei, die ich nie verstanden habe, ihr tiefstes Wesen enthielt.

Es fällt mir schwer, anderen meine Arbeit zu beschreiben, begann er. Ich bin es nicht gewöhnt, von mir selbst zu sprechen. Mein Geschäft war immer das Zuhören. Die Leute kommen zu mir. Zuerst sagen sie nicht viel, aber langsam kommt es heraus. Sie schauen aus dem Fenster, blicken auf ihre Füße, starren auf irgendetwas hinter mir im Raum. Sie sehen mir nicht in die Augen. Denn wenn sie sich an meine Anwesenheit erinnerten, wären sie vielleicht nicht mehr in der Lage, sich auszusprechen. Sie beginnen zu erzählen, und ich gehe mit ihnen in ihre Kindheit, in die Zeit vor dem Krieg zurück. Zwischen ihren Worten sehe ich die Art und Weise, wie das Licht auf den Holzfußboden fiel. Wie er seine Soldaten unter dem Gardinensaum aufreihte. Wie sie die kleinen Teetassen aus der Puppenstube deckte. Ich krieche mit ihm unter den Tisch, fuhr Weisz fort. Ich sehe, wie sich die Beine seiner Mutter durch die Küche bewegen, und die dem Besen der Haushälterin entgangenen Brotkrümel. Ihre Kindheit, Mr. Bender, weil jetzt nur noch die zu mir kommen, die damals Kinder waren. Die anderen sind tot. Als ich mit dem Geschäft begann, waren es meistens Liebende. Oder Ehemänner, die ihre Frauen, und Frauen, die ihre Männer verloren hatten. Sogar Eltern. Allerdings nur selten – die meisten hätten meine Dienste unerträglich gefunden. Diejenigen, die gekommen sind, haben kaum etwas gesagt, gerade genug, um das Gitterbettchen eines kleinen Kindes oder seine Spielzeugkiste zu beschreiben. Und ich, ich höre zu wie ein Arzt, ohne ein Wort zu sagen. Aber mit einem Unterschied: Wenn endlich alles ausgesprochen ist, sorge ich für eine Lösung. Es ist wahr, ich kann die Toten nicht ins Leben zurückholen. Aber ich hole den Stuhl zurück, auf dem sie einmal gesessen, das Bett, in dem sie geschlafen haben.

Ich musterte seine Gesichtszüge. Nein, dachte ich jetzt. Ich habe mich geirrt. Er kann es nicht sein. Ich weiß nicht wieso, aber als ich sein Gesicht betrachtete, wusste ich es. Und zu meiner Überraschung empfand ich den bitteren Geschmack einer Enttäuschung. Es gab so vieles, was wir einander hätten sagen können.

Jedes Mal kommt ein großes Staunen über die Menschen, fuhr Weisz fort, wenn ich am Ende mit dem Gegenstand ankomme, von dem sie ein halbes Leben lang geträumt, den sie mit dem ganzen Gewicht ihrer Sehnsucht beladen haben. Es trifft sie wie ein Schock. Sie haben ihre Erinnerungen an etwas Fehlendem festgemacht, und plötzlich erscheint das verschwundene Objekt. Sie können es kaum glauben, als hätte ich das geplünderte Gold und Silber aus dem vor zweitausend Jahren von den Römern zerstörten Tempel erscheinen lassen, die von Titus erbeuteten heiligen Objekte, die durch ihr geheimnisvolles Verschwinden den verheerenden Verlust so vollkommen machten, dass kein sichtbares Zeichen mehr blieb, nichts, was den Juden davon hätte abhalten können, einen Ort in eine Sehnsucht zu verwandeln, die er auf seinen Wanderschaften überallhin mitnehmen konnte, für immer.

Wir saßen schweigend da. Dieses Fenster da, sagte er schließlich, den Blick über mich hinweg gerichtet. Wie ist es zerbrochen? Ich war überrascht. Woher wissen Sie das?, fragte ich. Einen Augenblick war ich verunsichert, ob mir nicht doch etwas Sinistres an ihm entgangen war. Die Scheibe ist neu, sagte er, und der Kitt ist noch frisch. Jemand hat einen Stein hineingeworfen, sagte ich. Sein scharfes Gesicht nahm einen weicheren, nachdenklichen Ausdruck an, als hätten meine Worte eine Erinnerung in ihm geweckt. Der Moment ging vorbei, und er begann wieder zu sprechen:

Aber der Schreibtisch, wissen Sie – der ist nicht wie die anderen Möbelstücke. Ich muss gestehen, manchmal war es unmöglich, genau den Tisch, die Truhe oder den Stuhl zu finden, die meine Kunden suchten. Die Spur endete in einer Sackgasse. Oder es war nicht einmal ein Anfang da. Die Dinge halten nicht ewig. Das Bett, an das ein Mann sich als den Ort seiner seelischen Überwältigung erinnert, ist für einen anderen nur ein Bett. Und wenn es kaputtgeht, sein Stil aus der Mode kommt oder er es nicht mehr braucht, wirft er es weg. Aber der Mann, dessen Seele darin überwältigt wurde, hat das Bedürfnis, bevor er stirbt noch einmal in diesem Bett zu liegen. Er kommt zu mir. Ich sehe den Ausdruck in seinen Augen, und ich verstehe ihn. Also finde ich das Bett, auch wenn es nicht mehr existiert. Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich schaffe es herbei. Aus der Luft, wenn es sein muss. Und wenn das Holz nicht genau so ist, wie er es erinnert, oder ihm die Füße zu dick oder zu dünn erscheinen, wird es ihm nur einen Augenblick lang auffallen, im ersten Schock und Zweifel, aber dann wird seine Erinnerung von der Realität des vor ihm stehenden Bettes überlagert. Weil er so dringend dieses Bett braucht, in dem sie einst mit ihm gelegen hat, braucht er die Wahrheit nicht zu wissen. Verstehen Sie? Und wenn Sie mich fragen, Mr. Bender, ob ich mich schuldig fühle, ob ich das Gefühl habe, ihn zu betrügen, lautet meine Antwort nein. Denn in dem Moment, da dieser Mann seine Hand über den Rahmen gleiten lässt, gibt es für ihn kein anderes Bett mehr auf der Welt.

Weisz langte sich an den Kopf, rieb sich die Stirn und knetete die Schläfe. Jetzt sah ich, wie müde er wirkte, trotz seiner wachen, scharfen Augen.

Aber derjenige, der diesen Schreibtisch sucht, ist nicht wie die anderen, sagte er. Er ist nicht fähig, das Geringste zu vergessen. Seine Erinnerung lässt sich durch nichts überlagern. Je mehr Zeit vergeht, umso genauer wird sie. Er erkennt die Wollstränge eines Teppichs, auf dem er als Kind gesessen hat. Er kann die Schublade eines Tisches öffnen, den er seit 1944 nicht gesehen hat, und den Inhalt aufzählen, eine Kleinigkeit nach der anderen. Sein Gedächtnis ist für ihn realer, präziser als das Leben, das er lebt und das ihm immer verschwommener erscheint.

Sie können sich nicht vorstellen, wie er mich verfolgt, Mr. Bender. Wie er anruft und anruft. Wie er mich quält. Ich bin für ihn von Stadt zu Stadt gereist, habe Nachforschungen angestellt, Anrufe getätigt, an Türen geklopft, habe jede erdenkliche Quelle ausgekundschaftet. Aber es kam nichts dabei heraus. Der Schreibtisch – ein riesiges Ding, das nicht seinesgleichen hat – war einfach verschwunden, wie so vieles andere. Er wollte es nicht hören. Alle paar Monate rief er mich an. Dann einmal im Jahr, immer am selben Tag. Immer dieselbe Frage: Nu? Was Neues? Und immer musste ich ihm dieselbe Antwort geben: Nichts. Dann kam ein Jahr, in dem er nicht anrief. Ich dachte, nicht ohne Erleichterung, er sei vielleicht gestorben. Aber nein, mit der Post erhielt ich einen Brief von ihm, am selben Datum geschrieben. Eine Art Geburtstag. Und da verstand ich, dass er nicht sterben konnte, bis ich den Tisch gefunden hatte. Er wollte sterben, aber er konnte nicht. Ich bekam es mit der Angst. Ich wollte mit ihm fertig sein. Welches Recht hatte er, mir so etwas aufzubürden? Die Verantwortung für sein Leben, wenn ich den Tisch nicht fand, und für seinen Tod, wenn ich ihn finden sollte?

Trotzdem konnte ich ihn nicht vergessen, sagte Weisz mit gesenkter Stimme. Ich begann wieder zu suchen. Und dann, eines Tages, vor nicht allzu langer Zeit, bekam ich einen Tipp. Als wäre aus den Tiefen, wo meilenweit unter dem Meer etwas atmet, eine kleine Luftblase aufgestiegen. Ich folgte ihr, und sie führte mich zu einer anderen. Und noch einer. Plötzlich war die Spur wieder lebendig. Monate bin ich ihr gefolgt. Und am Ende hat sie mich hierhergeführt, zu Ihnen.

Weisz schaute mich an, er wartete. Ich sackte zusammen unter der Last der Neuigkeiten, die ich ihm mitteilen musste: dass der Tisch, der uns beide verfolgt hatte, schon lange nicht mehr da war. Mr. Bender – hub er an. Er gehörte meiner Frau, sagte ich, nur dass meine Stimme als ein Flüstern herauskam. Aber er ist nicht mehr hier. Er ist seit achtundzwanzig Jahren nicht mehr hier.

Sein Mund zuckte, und einen Moment lang schien ein Zittern sein Gesicht zu erfassen, aber es verschwand wieder und hinterließ einen schmerzlich leeren Ausdruck. Wir saßen schweigend da. In der Ferne läuteten die Kirchenglocken.

Als ich sie kennenlernte, lebte sie allein, nur mit dem Tisch, sagte ich leise. Er dräute über ihr und nahm das halbe Zimmer ein. Er nickte, seine dunklen Augen waren glasig und leuchtend, als sähe auch er ihn vor sich. Langsam, wie mit einem schwarzen Stift und einfachen Linien, begann ich ihm ein Bild von dem Schreibtisch und dem Zimmer, das sein Herrschaftsbereich gewesen war, zu skizzieren. Während ich sprach, geschah etwas. Ich ahnte etwas an den fernen Grenzen meines Verständnisses, was mir durch Weisz’ Anwesenheit näher kam, etwas, was ich spüren, aber nicht fassen konnte. Ich hielt die Luft an, ich flüsterte, tastete nach einem Verständnis, das knapp außerhalb meiner Reichweite lag. Wir lebten in seinem Schatten. Als wäre sie mir aus seiner Dunkelheit heraus, der sie immer gehören würde, ausgeliehen worden, sagte ich. Als – und dann loderte etwas heiß in mir auf, und als es wieder schwarz wurde, spürte ich die plötzliche Kühle einer Klarheit. Als wohnte der Tod selbst mit uns in diesem kleinen Zimmer und drohte uns zu zermalmen, flüsterte ich. Der Tod, der in jede Ecke drang und so wenig Platz ließ.

Es dauerte lange, bis ich ihm die ganze Geschichte erzählt hatte. Der lebendige, schmerzliche Ausdruck in seinen Augen und die Art, wie er zuhörte, als merke er sich jedes Wort, trieben mich voran, bis ich schließlich bei der Geschichte von Daniel Varsky war, der eines Abends an unserer Haustür klingelte, der meine Phantasie quälte und sich dann so schnell verzog, wie er gekommen war. Als ich zu Ende erzählt hatte, schwiegen wir. Dann fiel mir etwas ein. Eine Sekunde, sagte ich und ging ins andere Zimmer, wo ich die Schublade meines eigenen Schreibtischs öffnete und den kleinen schwarzen Taschenkalender herausnahm, das mit der winzigen Handschrift des jungen chilenischen Dichters gefüllte Büchlein, das ich fast dreißig Jahre lang aufgehoben hatte. Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, starrte Weisz geistesabwesend auf das Fenster, das der Glaser ersetzt hatte. Nach einer Weile wandte er sich zu mir um. Mr. Bender, kennen Sie Rabbi Jochanan ben Zakkai aus dem ersten Jahrhundert? Nur dem Namen nach, sagte ich. Warum? Mein Vater war Gelehrter der jüdischen Geschichte, sagte Weisz. Er schrieb viele Bücher, die ich Jahre später, nachdem er tot war, alle gelesen habe. Ich erkannte darin die Geschichten wieder, die er mir früher erzählt hatte. Eine seiner liebsten war die über ben Zakkai, der zu der Zeit, als die Römer Jerusalem belagerten, schon ein alter Mann war. Da er genug hatte von den sich untereinander bekriegenden Parteien in der Stadt, inszenierte er seinen eigenen Tod, sagte Weisz. Die Leichenträger trugen ihn ein letztes Mal durch die Stadttore hinaus und brachten ihn in das Zelt des römischen Generals. Zum Dank für seine Prophezeiung des römischen Sieges erhielt er die Erlaubnis, in Javne eine Schule zu gründen. Später erreichte ihn in dieser kleinen Stadt die Nachricht, dass Jerusalem niedergebrannt war. Der Tempel war zerstört. Die Überlebenden wurden ins Exil geschickt. In seiner Pein dachte er: Was ist ein Jude ohne Jerusalem? Wie kann man Jude sein ohne ein Land? Wie kann man Gott Opfer bringen, wenn man nicht weiß, wo man ihn finden soll? In den zerrissenen Kleidern des Trauernden kehrte ben Zakkai in seine Schule zurück. Er verkündete, der Gerichtshof, der in Jerusalem niedergebrannt war, werde dort, in dem verschlafenen Städtchen Javne, wieder errichtet werden. Statt Gott Opfer darzubringen, würden die Juden hinfort zu Ihm beten. Er wies seine Schüler an, mehr als tausend Jahre mündlicher Gesetzesüberlieferung zusammenzutragen.

Tag und Nacht erörterten die Gelehrten die Gesetze, und aus ihren Erörterungen wurde der Talmud, fuhr Weisz fort. Sie waren so eifrig bei der Arbeit, dass sie manchmal vergaßen, welche Frage ihr Lehrer ihnen gestellt hatte: Was ist ein Jude ohne Jerusalem? Erst später, nachdem ben Zakkai gestorben war, offenbarte sich ganz langsam seine Antwort, auf ähnliche Weise, wie eine riesige Mauer erst erkennbar wird, wenn man sich rückwärts von ihr entfernt: Verwandle Jerusalem in eine Idee. Verwandle den Tempel in ein Buch, ein Buch, das so groß, so heilig und so komplex ist wie die Stadt selbst. Schare ein Volk um die Gestalt des Verlusts, den es erlitten hat, und lasse alles dessen abwesende Form spiegeln. Später wurde seine Schule als das «große Haus» bekannt, so genannt nach dem Buch der Könige: Und steckte das Haus des Herrn, den königlichen Palast und alle großen Häuser Jerusalems in Brand. Jedes große Haus ließ er in Flammen aufgehen.

Zweitausend Jahre sind vergangen, pflegte mein Vater mir zu sagen, und heute ist jede jüdische Seele um das Haus herum gebaut, das im Feuer verbrannt ist, so groß, dass sich jeder Einzelne von uns nur an ein winziges Bruchstück erinnern kann: ein Muster an der Wand, einen Ast im Holz einer Tür, eine Erinnerung an den Lichteinfall auf dem Fußboden. Aber wenn alle jüdischen Erinnerungen, die jedes Einzelnen, zusammengebracht und auch das letzte heilige Bruchstück dem Ganzen hinzugefügt würde, könnte das Haus wiederaufgebaut werden, sagte Weisz, oder vielmehr ein so vollkommenes Gedächtnis des Hauses, dass es in seinem Wesen das Original selbst wäre. Vielleicht meinen die Leute das, wenn sie vom Messias sprechen: eine vollkommene Versammlung der unendlichen Teile des jüdischen Gedächtnisses. In der nächsten Welt werden wir alle zusammen im Gedächtnis unserer Erinnerungen wohnen. Aber das gilt nicht für uns, pflegte mein Vater zu sagen. Nicht für dich oder für mich. Wir leben, jeder von uns, damit wir unser Bruchstückchen bewahren, es bewahren im Zustand unaufhörlichen Bedauerns und andauernder Sehnsucht nach einem Ort, von dem wir nur wissen, dass es ihn gegeben hat, weil wir uns an ein Schlüsselloch, einen Ziegel oder daran erinnern, wie abgetreten die Schwelle unter einer offenen Tür war.

Ich gab Weisz das Notizbuch. Vielleicht hilft es Ihnen weiter, sagte ich. Er hielt es einen Augenblick in der Handfläche, als wollte er sein Gewicht abschätzen. Dann steckte er es in die Tasche. Ich brachte ihn zur Tür. Wenn ich mich Ihnen in irgendeiner Form erkenntlich zeigen kann, sagte er. Aber er gab mir weder seine Karte noch einen anderen Hinweis, wie ich ihn erreichen könnte. Wir reichten uns die Hand, und er wandte sich zum Gehen. Irgendetwas packte mich in einer Weise, dass ich unfähig war, mich zu beherrschen, und ihm nachrief: War er es, der Sie geschickt hat? Wer?, fragte er. Der Lotte den Tisch geschenkt hat. Haben Sie mich über ihn gefunden? Ja, sagte er. Ich begann zu husten. Meine Stimme klang wie jämmerliches Gekrächze: Und ist er noch –? Aber ich brachte es nicht über mich, die Worte auszusprechen.

Weisz musterte mein Gesicht. Er klemmte den Spazierstock unter den Arm, langte in seine Brusttasche und zog einen Stift und ein kleines Lederetui mit einem Notizblock heraus. Er schrieb etwas nieder, faltete den Zettel in der Mitte zusammen und übereichte ihn mir. Dann ging er in Richtung Straße, aber nach einem Schritt hielt er inne und drehte sich noch einmal um, blickte zu den Fenstern des Dachzimmers hinauf. Er war leicht zu finden, sagte er ruhig, sobald ich wusste, wo ich suchen musste.

Die Scheinwerfer eines dunklen Wagens, der vor dem Nachbarhaus geparkt war, gingen an und erleuchteten den Nebel. Auf Wiedersehen, Mr. Bender, sagte er. Ich schaute ihm nach, wie er über den Gartenweg zur Straße lief und sich auf den Rücksitz des Wagens gleiten ließ. Zwischen den Fingern hielt ich das zusammengefaltete Papier mit dem Namen und der Adresse des Mannes, den Lotte einst geliebt hatte. Ich blickte in das feuchte, schwarze Geäst der Bäume hinauf, deren Kronen Lotte von ihrem Schreibtisch aus hatte sehen können. Was hätte sie darin gelesen? Was hätte sie in dieser Schraffur schwarzer Zeichen vor dem Himmel gesehen, welche Echos und Erinnerungen, welche Farben, die ich nie sehen würde? Oder nicht sehen wollte?

Ich steckte den Zettel in die Tasche, ging ins Haus und schloss sanft die Tür hinter mir. Da es frostig war, nahm ich meinen Pullover vom Haken. Ich schob ein paar Holzscheite in den Kamin, knüllte eine Seite Zeitungspapier zusammen und hockte mich hin, um zu pusten, bis das Feuer richtig brannte. Ich setzte den Wasserkessel auf und goss etwas Milch in Katers Schälchen, das ich draußen im Lichtschein der Küche hinterließ. Behutsam legte ich den zusammengefalteten Zettel vor mir auf den Tisch.

Und irgendwo knipste der andere seine Lampe an. Setzte den Wasserkessel auf. Blätterte die Seite eines Buchs um. Oder drehte am Sucher seines Radios.

Wie viel hätten wir einander sagen können, er und ich. Wir, die an ihrem Schweigen mitwirkten. Er, der nie wagte, es zu brechen, und ich, der sich an die gezogenen Grenzen, die errichteten Mauern, die Sperrgebiete hielt, der sich abwandte und nie fragte. Der jeden Morgen dabeistand, sie in den kalten schwarzen Tiefen verschwinden sah und behauptete, er könne nicht schwimmen. Der sich auf Unwissenheit einschwor und erstickte, was im Inneren wühlte, damit alles so weiterging, wie es immer gewesen war. Damit das Haus vor Überschwemmung und die Wände vor dem Einsturz bewahrt wurden. Damit wir nicht von dem durchdrungen, zermalmt oder überwältigt wurden, was in dem Schweigen hauste, um das herum wir uns so zartfühlend, so scharfsinnig ein Leben aufgebaut hatten.

Ich saß viele lange Stunden dort, bis in die Nacht hinein. Das Feuer brannte nieder. Der Preis, den wir für unsere im Dunkeln erstickten Wesenstiefen bezahlten. Schließlich, kurz vor Mitternacht, nahm ich den gefalteten Zettel vom Tisch. Ohne zu zögern, warf ich ihn in die Glut. Er sengte an und ging in Flammen auf, einen Moment brüllte das neubelebte Feuer, und im Nu hatte er sich verzehrt.