Bitte aufstehen

Euer Ehren, in der dunklen, steinernen Kälte meines Zimmers schlief ich wie vom Taifun gerettet. Eine rastlose Unruhe, die ferne Ahnung irgendeines Unheils flatterte am Rand meiner Träume, aber ich war zu erschöpft, es zu erkunden. Es sammelte und verdichtete sich über die langen Stunden meines Schlafs, bis es mir in dem Augenblick, als ich die Augen öffnete, wie ein fanatischer Schrecken ins Bewusstsein brach. Um Millimeter außerhalb meiner Reichweite erhob sich eine dringende Frage, die eine Antwort brauchte, aber was war die Frage? Ich hatte schrecklichen Durst und suchte im Dunkeln die kleinen Glasflaschen mit kaltem Wasser. Mir fehlte jedes Zeitgefühl, aber durch die Ritze unter den Rollläden sah ich, dass es draußen noch hell oder wieder hell geworden war. Die Frage drängte immer mächtiger nach oben, entzog sich mir jedoch, sobald ich sie zu fassen versuchte. Ich tastete nach dem Schlüssel für die Verandatür und warf dabei eine Flasche um, die auf dem Fußboden zerbrach. Das Schloss klemmte, gab dann aber nach, und die Tür öffnete sich dem blendenden Licht von Jerusalem. Ich schaute auf die alte Stadtmauer, tief bewegt von dem Anblick. Die Frage indes war immer noch da, und meine Gedanken kehrten zu ihr zurück wie eine Zunge, die das weiche Fleisch an der Stelle eines fehlenden Zahns befühlt: Es tat weh, aber ich wollte es wissen. Als die Sonne unterging und die Dunkelheit sich einer Haube gleich über die Hügel senkte, verstärkte sich alles in meinem Kopf wie in einem Theater mit perfekter Akustik, wieder sickerte eine elende Beklemmung ein, und die dringende Frage stieg erneut in mir auf, aber was war es nur, was?, bis sie mit einem Anfall von Übelkeit schließlich an die Oberfläche kam:

Was, wenn ich mich geirrt hatte?

 

Euer Ehren, solange ich mich erinnern kann, habe ich mich für etwas Besonderes gehalten. Oder vielmehr glaubte ich, unter allen anderen für etwas Besonderes bestimmt zu sein, auserwählt. Ich will Ihre Zeit nicht mit den Verletzungen meiner Kindheit verschwenden, mit meiner Einsamkeit oder den angstvollen, traurigen Jahren, die ich in der Bitterkapsel des Ehelebens meiner Eltern, unter der Herrschaft meines tobsüchtigen Vaters zugebracht habe – wer ist schon nicht ein Überlebender seiner zerstörerischen Kindheit? Es erübrigt sich, Ihnen meine zu beschreiben; ich möchte nur sagen, dass ich mich, um diese düstere und oft furchtbare Zeit meines Lebens zu überstehen, darein geflüchtet habe, gewisse Dinge von mir selbst zu glauben. Ich sprach mir keine magischen Kräfte zu, keine über mich wachende Schutzmacht – es war nichts so Konkretes –, noch verlor ich die unabänderliche Realität meiner Situation je aus den Augen. Ich habe mich einfach davon überzeugt, dass erstens die gegebenen Umstände meines Lebens eher zufällig waren und nicht meiner Seele entsprangen und dass ich zweitens etwas Einzigartiges besaß, eine besondere gefühlsmäßige Stärke und Tiefe, die mir erlauben würden, den Verletzungen und Ungerechtigkeiten standzuhalten, ohne daran zu zerbrechen. In den schlimmsten Momenten musste ich mich nur unter die Oberfläche ducken und in jenen Bereich eintauchen, in dem diese geheimnisvolle Begabung in mir lebte, und solange ich den Weg dorthin fand, wusste ich, dass ich ihrer Welt eines Tages entfliehen und mein Leben in einer anderen einrichten würde. In unserem Wohnhaus gab es eine Ausstiegsluke, die zum Dach führte, und wenn mir danach zumute war, rannte ich vier Treppen hinauf und kletterte bis zu dem Punkt an einer Mauer hoch, von dem aus ich den gleißenden Schimmer der Bahnüberführung mit den fahrenden Zügen sehen konnte, und dort, wo ich mir sicher war, dass mich niemand finden würde, durchströmte mich eine heimliche Erregung, ein so freudiges Beben, dass sich mir die Nackenhaare sträubten, weil ich in der rauen Stille des Augenblicks das Gefühl bekam, was die Welt da von sich offenbarte, sei nur für mich allein bestimmt. Wenn keine Möglichkeit bestand, aufs Dach zu gelangen, konnte ich mich unter dem Bett meiner Eltern verstecken, und obwohl es dort nichts zu sehen gab, empfand ich den gleichen Kitzel, spürte den gleichen privilegierten Zugang zum Unterbau der Dinge, zu den Gefühlsströmen, auf denen die ganze menschliche Existenz in ihren Feinheiten beruht, der fast unerträglichen Schönheit des Lebens, nicht meines oder sonst jemandes, sondern des Lebens an sich, unabhängig von denen, die hineingeboren werden oder aus ihm scheiden. Ich sah meine Schwestern straucheln und taumeln, eine, die lügen, stehlen und betrügen lernte, und die andere, die vom Selbsthass zerstört wurde, die sich selbst in Stücke riss, bis sie nicht mehr wusste, wie man die Teile wieder zusammensetzt, aber ich hielt durch, Euer Ehren, ja, ich glaubte daran, irgendwie auserwählt zu sein, weniger beschützt als zu einer Ausnahme gemacht, erfüllt von einer Gabe, die mich unversehrt bewahrte, die aber bis zu dem Tag, an dem ich etwas daraus machen würde, nur ein Potential war, und im Lauf der Zeit, in den Tiefen meiner selbst, verwandelte sich dieser Glaube in ein Gesetz, und das Gesetz begann mein Leben zu beherrschen. Genau genommen, Euer Ehren, ist das die Geschichte, wie ich Schriftstellerin geworden bin.

Verstehen Sie mich richtig: Nicht dass ich frei von Selbstzweifeln gewesen wäre. Mein Leben lang haben mich die Zweifel verfolgt, eine nagende Unsicherheit und der damit einhergehende Hass, ein besonderer Hass, den ich nur gegen mich richtete. Manchmal standen sie in unbehaglichem Gegensatz zu meinem Gefühl der Auserwähltheit, kamen und gingen und verunsicherten mich, bis am Ende mein heimlicher Glaube an das, was ich war, immer die Oberhand gewann. Ich erinnere mich, wie ich damals, vor all den Jahren, fast zusammenfuhr, als die Möbelträger Daniel Varskys Schreibtisch durch die Tür brachten. Er war riesig, so viel größer, als ich ihn erinnerte, als wäre er gewachsen oder hätte sich vervielfältigt (waren es wirklich so viele Schubladen gewesen?), seit ich ihn zwei Wochen vorher in Varskys Wohnung gesehen hatte. Erst dachte ich, er würde nicht hereinpassen, und dann wollte ich nicht, dass die Träger wieder gingen, weil ich mich fürchtete, Euer Ehren, mit dem Schatten, den er ins Zimmer warf, allein zu bleiben. Es war, als wäre meine Wohnung plötzlich in Stille getaucht oder als hätte die Stille eine andere Qualität gewonnen, ähnlich der veränderten Stille einer leeren Bühne, nachdem jemand ein einziges glänzendes Instrument daraufgestellt hat. Ich fühlte mich überwältigt und hätte nur noch weinen mögen. Wie konnte man von mir erwarten, an einem solchen Tisch zu schreiben? Dem Schreibtisch eines großen Geistes, wie S gesagt hatte, als ich ihn Jahre später das erste Mal mit nach Hause nahm, womöglich – um Himmels willen! – sogar Lorcas Tisch? Wenn er umfiel, konnte er einen Menschen erschlagen. Meine Wohnung, die mir bis dahin klein erschienen war, kam mir jetzt winzig vor. Aber als ich zusammengekauert unter ihm hockte, erinnerte er mich aus irgendeinem Grund an einen Film, den ich einmal gesehen hatte, über das Elend der Deutschen in der Nachkriegszeit, wie sie hungerten und gezwungen waren, ihre Wälder abzuschlagen, um Brennholz zu haben und nicht zu erfrieren, wie sie, wenn keine Bäume mehr da waren, ihre Äxte gegen die Möbel schwangen – Betten, Tische, Schränke, Erbstücke aus dem Familienbesitz, nichts blieb verschont –, ja, plötzlich standen sie mir vor Augen, in Mäntel gewickelt, als hätten sie schmutzige Bandagen an, hackten sie alles kurz und klein, ließen Tischbeine und Stuhllehnen durch die Luft fliegen, während zu ihren Füßen schon ein gieriges kleines Feuer knisterte, und auf einmal kitzelte mich ein Lachreiz im Bauch: Stell dir vor, wie es so einem Tisch ergangen wäre. Sie hätten sich darauf gestürzt wie die Geier auf den Kadaver eines Löwen – was für ein Freudenfeuer wäre das gewesen, genug Holz für Tage! –, und jetzt begann ich tatsächlich laut zu glucksen, biss mir auf die Fingernägel, grinste praktisch über diesen armen, unmäßig großen Schreibtisch, der knapp daran vorbeigekommen war, zu Asche zu werden, der stattdessen zu den Höhen eines Lorca oder allermindestens eines Daniel Varsky aufgestiegen war und jetzt jemandem wie mir überlassen blieb. Ich fuhr mit den Fingern über die zerkratzte Oberfläche und befühlte liebevoll die Knäufe der vielen Schubladen, die sich unter die Zimmerdecke duckten, denn jetzt begann ich ihn in einem anderen Licht zu sehen, sein Schatten wirkte fast einladend. Komm, schien er zu sagen, wie ein unbeholfener Riese, der einer kleinen Maus seine Pranke hinhält, und kaum ist sie hineingehüpft, ziehen die beiden miteinander los, über Berg und Tal, durch Wiesen und Wälder. Ich schleifte einen Stuhl heran (ich kann mich noch genau an das Geräusch erinnern, ein langes Kratzen, das sich scharf in die Stille bohrte) und war überrascht, wie klein er vor dem Schreibtisch wirkte, eher ein Kinderstuhl oder einer für den Babybären aus der Geschichte von Goldlöckchen, sicher würde er zusammenbrechen, wenn ich mich darauf setzte, aber nein, er war gerade richtig. Ich legte meine Hände auf die Schreibfläche, erst eine, dann die andere, während sich die Stille auszudehnen, gegen Fenster und Türen zu drücken schien. Ich blickte auf, und ich spürte es, Euer Ehren, dieses heimliche, freudig erregte Beben, und da, entweder sofort oder sehr bald, mit der unabänderlichen Realität des Tisches, der das Erste war, was ich jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlug, sah, erneuerte sich in mir das Gefühl, ich besäße ein ganz eigenes, mir zuerkanntes Potential, eine besondere Fähigkeit, die mich von anderen unterschied und der ich verpflichtet war.

Manchmal traten die Zweifel monate- oder gar jahrelang in den Hintergrund, kehrten dann aber mit einer Macht zurück, die mich bis zur Lähmung überwältigte. Eines Abends, anderthalb Jahre nachdem der Schreibtisch bei mir angekommen war, rief Paul Alpers an: Was machst du gerade?, fragte er, Pessoa lesen, sagte ich, obwohl ich in Wirklichkeit auf dem Sofa eingeschlafen war, und während ich diese Lüge in den Mund nahm, fiel mein Blick auf einen dunklen Speichelfleck. Ich komme rüber, sagte er, und eine Viertelstunde später stand er an meiner Tür, bleich, mit einer verknitterten braunen Tüte in der Hand. Es musste einige Zeit her sein, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte, denn ich war überrascht, wie dünn sein Haar geworden war. Varsky ist verschwunden, sagte er. Was?, sagte ich, dabei hatte ich ihn genau gehört, und wie verabredet drehten wir uns beide nach dem aufgetürmten Schreibtisch um, starrten ihn an, als wäre es möglich, dass unser aufgeschossener dünner Freund mit der großen Nase am Ende lachend aus einer der vielen Schubladen sprang. Aber es geschah nichts, außer dass ein Rinnsal Traurigkeit langsam ins Zimmer sickerte. Sie haben ihn in der Morgendämmerung aus seinem Haus geholt, flüsterte Paul. Darf ich reinkommen?, und ohne die Antwort abzuwarten, ging er an mir vorbei, öffnete den Geschirrschrank und holte zwei Gläser, die er mit Scotch aus der Flasche in der Papiertüte füllte. Wir hoben unsere Gläser auf Daniel Varsky, dann füllte Paul sie neu, und wir stießen noch einmal an, diesmal auf alle verschleppten Dichter Chiles. Als die Flasche alle war und Paul gebeugt in seinem Mantel auf dem Sessel mir gegenübersaß, einen harten, aber leeren Blick in den Augen, überwältigten mich zwei Gefühle: ein Bedauern, dass nichts jemals bleibt, wie es ist, und die Ahnung, dass die Bürde, unter der ich mich mit meiner Arbeit plagte, jetzt unermesslich schwerer geworden war.

Daniel Varsky ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Gedanken wanderten zu jenem Abend zurück, an dem ich bei ihm gewesen war, mit großen Augen vor den an die Wände gepinnten Karten all der Städte stand, in denen er gelebt hatte, und er von Orten erzählte, die mir ein Geheimnis waren – einem aquamarinblauen Fluss außerhalb von Barcelona, in dem man unter Wasser durch ein Loch tauchte und in einem Tunnel, halb Luft, halb Wasser, wieder an die Oberfläche kam, wo man meilenweit gehen und nur dem Echo seiner eigenen Stimme lauschen konnte, oder von unterirdischen Gängen in den Bergen Judäas, so eng, wie die Hüfte eines Mannes breit ist, wo die Anhänger des Bar Kochba beim Ausharren gegen die Römer den Verstand verloren hatten und durch die Daniel geschlüpft war, mit einem Streichholz als einziger Beleuchtung, um den Weg aus dem Labyrinth zu finden –, während ich, schon immer leicht klaustrophobisch, kleinmütig nickte und mir danach anhörte, wie er – ohne mit der Wimper zu zucken und ohne den Blick zu senken – sein Gedicht vortrug. Vergiss alles, was ich je sagte. Es war wirklich ziemlich gut, Euer Ehren, in Wahrheit war es ein erstaunliches Gedicht, und ich habe es keineswegs vergessen. Es war von einer Natürlichkeit, die ich, so schien mir, nie besitzen würde. Es tat weh, mir das einzugestehen, aber ich hatte schon immer diesen Verdacht gegen mich gehegt, die kleine Lüge unter der Oberfläche meiner Zeilen geargwöhnt, die darin bestand, dass ich die Wörter gleichsam zur Dekoration anhäufte, während er alles mehr und mehr abstreifte, bis er sich gänzlich entblößt hatte, wie eine sich windende kleine weiße Larve (es war etwas Unanständiges daran, das es noch atemberaubender machte). Bei dieser Erinnerung, Paul vor Augen, der inzwischen auf dem Sessel gegenüber in den Schlaf gesunken war, spürte ich einen Schmerz im Brustraum, direkt unter dem Herzen, wie den tiefen Stich eines kleinen Taschenmessers, und ich krümmte mich auf seinem Sofa, diesem Sofa, auf dem ich beim Einschlafen so oft an nichts gedacht, Belanglosigkeiten nachgehangen hatte, auf welchen Wochentag mein Geburtstag fiele oder dass ich ein Stück Seife kaufen müsse, während Daniel Varsky irgendwo in der Wüste, den Ebenen, den Kellern Chiles zu Tode gefoltert wurde. Danach hatte ich beim morgendlichen Anblick des Schreibtisches nur noch das Bedürfnis zu weinen, nicht allein weil er das grausame Schicksal meines Freundes verkörperte, sondern auch weil er jetzt nur noch dazu diente, mir in Erinnerung zu rufen, dass er mir nie wirklich gehört hatte und nie gehören würde, dass ich nur seine zufällige Hüterin war, die sich wahnwitzigerweise eingebildet hatte, sie besäße etwas, eine fast magische Fähigkeit, die sie in Wahrheit nie gehabt hatte, und dass der wahre Dichter, der daran sitzen sollte, höchstwahrscheinlich tot war. In einer Nacht träumte ich, Daniel Varsky und ich säßen auf einer schmalen Brücke über dem East River. Aus irgendeinem Grund trug er eine Augenklappe wie Mosche Dajan. Aber spürst du nicht tief innen, dass etwas Besonderes an dir ist?, fragte er, indem er ungezwungen seine Beine baumeln ließ, während unter uns Schwimmer oder vielleicht Hunde gegen die Strömung kämpften. Nein, flüsterte ich, bemüht, die Tränen zu unterdrücken. Nein, ich spüre es nicht, während Daniel Varsky mich mit einer Mischung aus Bestürzung und Mitleid ansah.

Einen Monat lang schrieb ich so gut wie gar nichts. Um diese Zeit bestand einer meiner vielen seltsamen Jobs zum Geldverdienen darin, für einen chinesischen Cateringservice, der dem Onkel eines Freundes gehörte, Origami-Vögel zu falten, und ich übertraf mich selbst damit, Vögel, Kraniche in allen Farben zu falten, bis meine Hände erst taub wurden, dann so steif, dass ich meine Finger nicht mehr um einen Becher biegen konnte und direkt aus dem Wasserhahn trinken musste. Trotzdem, es kümmerte mich nicht, irgendwie fand ich es fast tröstlich, die Welt einmal anders zu sehen, ein jegliches Objekt als Variation der elf Faltungen, deren ein Kranich bedurfte, tausend Kraniche pro Schwarm, die in Schachteln gepackt den wenigen Platz einnahmen, der nicht von dem Schreibtisch besetzt war. Um die Matratze, auf der ich schlief, zu erreichen, musste ich mich so zwischen den Schachteln und dem Tisch hindurchwinden, dass mein ganzer Körper einen Moment lang gegen den Schreibtisch gepresst war, dessen undefinierbaren, schmerzlich vertrauten Holzgeruch zu atmen mich jedes Mal in akutes Elend stürzte, sodass ich die Matratze schließlich aufgab und meine Nächte lieber auf dem Sofa verbrachte, bis der Tag kam, an dem der Mann die ganzen Kranichschachteln abholte (er gab ein anerkennendes Pfeifen von sich, ehe er das Geld abzählte) und meine Wohnung wieder leer war. Oder, besser gesagt, leer bis auf die Sachen – Schreibtisch, Sofa, Truhe und Stühle – von Daniel Varsky. In der Folgezeit tat ich mein Bestes, um den Tisch zu ignorieren, aber je weniger ich ihn beachtete, umso mehr schien er zu wachsen, und es dauerte nicht lange, bis ich Platzangst bekam und trotz der Kälte dazu überging, bei offenem Fenster zu schlafen, was meinen Träumen eine merkwürdige Strenge verlieh. Dann, als ich eines Abends an dem Tisch vorbeiging, fiel mir ein Satz auf einer Manuskriptseite ins Auge, die ich vor ein paar Monaten geschrieben hatte. Der Satz blieb mir im Kopf, während ich weiterging zum Klo, irgendetwas stimmte nicht damit, und als ich auf der Toilette saß, war plötzlich die richtige Wortkonstellation da. Ich kehrte an den Schreibtisch zurück, strich den alten Satz aus und schrieb den neuen hin. Dann setzte ich mich und begann einen anderen Satz zu bearbeiten, danach noch einen, mein Kopf belebte sich, die Gedanken knisterten, die Wörter schnappten wie Magnete zusammen, und bald vergaß ich mich umstandslos in meiner Arbeit. Ich erinnerte mich wieder an mich selbst.

So erging es mir immer wieder, die unausgesprochene Überzeugung kehrte jedes Mal zurück und setzte sich gegen die ängstliche Unsicherheit durch. Obwohl im Lauf der Jahre ein Buch nach dem anderen hinter meinen Erwartungen zurückblieb, jedes eine neue Form des Versagens, hielt ich an dem eingeschworenen Glauben fest, dass der Tag kommen und ich mein Versprechen zu guter Letzt erfüllen würde, bis es mich plötzlich mit völliger Klarsicht packte, als hätte ein Schlag auf den Kopf meine Perspektive verändert und alles an seinen Platz gerückt – Was, wenn ich mich geirrt hatte? Jahrelang geirrt, Euer Ehren. Von Anfang an. Wie offensichtlich es auf einmal schien. Und wie unerträglich. Wieder und wieder durchfuhr und zerriss mich die Frage. An meine Matratze geklammert, als wäre sie ein Floß, in den Strudel der Nacht geschleudert, drehte und wälzte ich mich im Bett, verzehrt von fieberhafter Panik, und wartete verzweifelt auf den ersten Schimmer Licht im Himmel über Jerusalem. Als es endlich Morgen war, wanderte ich erschöpft, halb träumend, durch die Straßen der Altstadt, und einen Augenblick fühlte ich mich an der Grenze eines erleuchteten Verstehens, als müsste ich nur um die nächste Ecke biegen, um endlich das Zentrum aller Dinge zu entdecken, das, wonach ich mein Leben lang gestrebt, was ich immer hatte sagen wollen, und von da an würde es nicht mehr nötig sein, zu schreiben oder auch zu reden – wie die Nonne, die vor mir ging und, in das Geheimnis Gottes gehüllt, durch eine Tür in der Wand verschwand, würde ich den Rest meiner Tage in der Fülle des Schweigens verbringen. Aber einen Moment später zerschellte die Illusion, und ich war nie weiter vom Ziel entfernt gewesen, nie hatte mein Versagen so atemberaubende Ausmaße gehabt. Ich hatte mich für etwas Besonderes gehalten, mich in Verbindung mit dem Wesen der Dinge geglaubt, nicht mit dem Geheimnis Gottes, das selbstverständlich verschlossen ist, aber – wie soll ich es nennen, Euer Ehren? – mit dem Geheimnis des Daseins, und doch entfaltete sich jetzt, während die Sonne herniederbrannte und ich, über holprige Pflastersteine stolpernd, durch die nächste schmale Gasse wankte, das wachsende Grauen der Vorstellung, ich könnte mich geirrt haben. Wenn dem so war, würden die Auswirkungen dieses Irrtums so verheerend sein, dass nichts unbeschädigt bliebe, die Säulen würden zusammenbrechen, das Dach einstürzen, eine gähnende Leere würde sich auftun und alles verschlingen. Verstehen Sie? Ich hatte mein Leben diesem Glauben geweiht, Euer Ehren. Ich hatte alle und alles dafür aufgegeben, und jetzt war er das Einzige, was mir noch blieb.

Es war nicht immer so gewesen. Es gab eine Zeit, da hatte ich mir mein Leben anders vorgestellt. Sicher, ich nahm schon früh die Gewohnheit an, lange Stunden allein zu verbringen. Ich entdeckte, dass ich Menschen nicht so brauchte wie andere. Wenn ich den ganzen Tag geschrieben hatte, kostete es mich eine Anstrengung, mich zu unterhalten, als müsste ich mich durch eine Schicht Zement arbeiten, und oft entschied ich mich einfach dagegen, aß lieber allein mit einem Buch im Restaurant oder unternahm lange Spaziergänge, entspannte mich in der Stadt vom täglichen Alleinsein. Aber Einsamkeit, wahre Einsamkeit ist etwas anderes, daran kann man sich unmöglich gewöhnen, und solange ich jung war, dachte ich mir meine Situation eher als einen vorübergehenden Zustand, immer begleitet von der Hoffnung und der Vorstellung, irgendwann einem Mann zu begegnen und mich zu verlieben, ein gemeinsames Leben mit ihm zu führen, jeder frei und unabhängig, aber durch die Liebe miteinander verbunden. Ja, es gab eine Zeit, in der ich mich noch nicht gegen andere abgeriegelt hatte. Als R mich damals verließ, habe ich es nicht verstanden. Was wusste ich schon von wahrer Einsamkeit? Ich war jung und erfüllt, strotzte vor Gefühlen, vor überschäumendem Verlangen; ich lebte näher an der Oberfläche meiner selbst. Eines Abends kam ich nach Hause und fand R zu einer Kugel zusammengerollt auf der Matratze. Als ich ihn berührte, zuckte sein Körper, und die Kugel zog sich zusammen. Lass mich allein, flüsterte er oder sagte es mit erstickter Stimme, die wie aus der Tiefe eines Brunnens klang. Ich liebe dich, sagte ich, indem ich ihm übers Haar strich, doch die Kugel rollte sich noch fester ein, wie der Körper eines verängstigten oder kranken Stachelschweins. Wie wenig habe ich ihn damals verstanden, wie wenig davon begriffen, dass es, je mehr man sich versteckt, umso notwendiger wird, sich zurückzuziehen, wie schnell es einem nicht mehr möglich ist, mit anderen zu leben. Ich versuchte mit ihm zu argumentieren, dachte in meiner Vermessenheit, meine Liebe könnte ihn retten, könnte ihm seinen eigenen Wert beweisen, wie schön und wie gut er war. Komm heraus, komm heraus, wo immer du bist, sang ich ihm ins Ohr, bis er eines Tages aufstand und ging, mit Sack und Pack und seinen ganzen Möbeln. Hat es da für mich begonnen? Die wahre Einsamkeit? Dass auch ich anfing, mich nicht mehr zu verstecken, sondern mich zurückzuziehen, ganz langsam, zuerst fast ohne es zu merken, in jenen stürmischen Nächten, die ich, bewaffnet mit dem kleinen Schraubenschlüssel, in Bereitschaft saß, aufzuspringen, um die Bolzen an den Fenstern festzuziehen, sie von innen dicht machte, damit der heulende Wind draußen blieb? Ja, womöglich war das der Anfang, oder so ungefähr, ich weiß es selbst nicht ganz genau, aber es dauerte Jahre, bis die Reise nach innen abgeschlossen war, bis ich alle Fluchtwege versiegelt hatte, erst folgten andere Lieben und andere Trennungen, dann die zehn Jahre meiner Ehe mit S. Als ich ihn kennenlernte, hatte ich schon zwei Bücher veröffentlicht, mein Leben als Schriftstellerin war gefestigt und desgleichen der Bund, den ich mit meiner Arbeit geschlossen hatte. An unserem ersten Abend bei mir zu Hause liebten wir uns auf dem Flokati neben dem in der Dunkelheit fast über uns gebeugten Schreibtisch. Das ist ein eifersüchtiges Ungeheuer, scherzte ich und glaubte, ihn stöhnen zu hören, aber nein, es war nur S, der in diesem Moment vielleicht etwas vorhersah oder das Körnchen Wahrheit in dem Scherz erkannte: dass meine Arbeit immer über ihn siegen, mich zurücklocken, ihr großes schwarzes Maul aufreißen und mich hineinschlüpfen, mich tiefer und tiefer den Schlund hinuntergleiten lassen würde bis in den Bauch des Ungeheuers, wie ruhig es dadrinnen war, wie still. Trotzdem habe ich noch lange Zeit an die Möglichkeit geglaubt, mich meiner Arbeit zu widmen und mein Leben zu teilen, ich hielt es nicht für nötig, den anderen zu streichen, obwohl ich im Herzen vielleicht schon wusste, dass ich niemals gegen meine Arbeit Partei ergreifen würde, es ebenso wenig wollte oder konnte, wie gegen mich selbst Partei zu ergreifen. Nein, wenn man mich mit dem Rücken zur Wand vor die Wahl gestellt hätte, ich hätte mich nicht für ihn, nicht für uns entschieden, und S, der es von Anfang an geahnt hatte, sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben, ja schlimmer noch, denn ich wurde nie mit dem Rücken zur Wand gestellt, Euer Ehren, es war weniger dramatisch und dafür umso grausamer, wie ich nach und nach immer bequemer wurde, zu faul für die Anstrengung, deren es bedurft hätte, uns zu erhalten und zu bewahren, die Anstrengung, das Leben zu teilen. Zumal es kaum damit endet, dass man sich verliebt. Ganz im Gegenteil. Ich brauche Ihnen das nicht zu erzählen, Euer Ehren, ich spüre, dass Sie verstehen, was wahre Einsamkeit bedeutet. Wie man sich verliebt, und dann fängt die ganze Mühsal erst an: Tag für Tag, Jahr für Jahr muss man sich selbst ausgraben, den Inhalt von Geist und Seele exhumieren, damit der andere ihn sichten und dich kennenlernen kann, und du selbst musst ebenfalls Tage und Jahre damit verbringen, dich durch den Berg dessen zu wühlen, was er, allein für dich bestimmt, von sich ausgräbt, die Archäologie seines Seins studieren – wie anstrengend wurde das, dieses ewige Graben und Wühlen, während meine eigene, meine wahre Arbeit liegenblieb und auf mich wartete. Ja, ich dachte immer, ich hätte noch Zeit, wir hätten noch Zeit, auch mit dem Kind, das wir vielleicht eines Tages bekommen würden, hätte es noch Zeit, nur mit meiner Arbeit war es anders, da dachte ich nie, ich könnte sie beiseiteschieben wie meinen Mann oder die Idee unseres Kindes, eines kleinen Jungen oder Mädchens, die ich mir manchmal sogar vorzustellen versuchte, aber immer nur so vage, dass er oder sie ein geisterhafter Sendbote unserer Zukunft blieb, gerade einmal ihren Rücken, während sie mit Bauklötzen spielend auf dem Fußboden saß, oder seine Füße, zwei winzige Füße, die unter unserer Bettdecke hervorlugten. Aber egal, es war noch Zeit genug für sie, für jenes Leben, das sie verkörperten und das zu leben ich noch nicht bereit war, das warten musste, bis ich mit dem, was ich mir in diesem vorgenommen hatte, fertig war.

Eines Tages, drei oder vier Jahre nachdem S und ich geheiratet hatten, waren wir zum Pessachfest bei einem Ehepaar eingeladen, das wir irgendwo kennengelernt hatten. Ich weiß nicht einmal mehr, wie sie hießen: Leute von der Art, die leicht in dein Leben eintreten und ebenso leicht wieder daraus verschwinden. Das Sederessen begann spät, die beiden kleinen Kinder waren schon im Bett, und wir – die ganze Schar der Gäste – schwatzten und scherzten, ungefähr fünfzehn Personen um einen langen Tisch, in der etwas verlegenen und so überaus witzigen Art von Juden, die eine Tradition pflegen, von der sie sich zu weit entfernt haben, um noch peinlich davon berührt zu sein, aber nicht weit genug, um sie aufzugeben. Plötzlich erschien ein Kind in diesem lärmerfüllten Raum voller Erwachsener. Wir waren alle so miteinander beschäftigt, dass es zuerst niemandem auffiel: ein Mädchen, höchstens drei Jahre alt, in einem Schlafanzug mit Füßen und durchhängendem Hosenboden, noch mit Windeln ausgestopft, das sich ein Tuch oder einen Lappen, vielleicht den Zipfel einer alten Decke, wie ich vermutete, an die Wange drückte. Wir hatten es aufgeweckt. Und auf einmal, verwirrt von diesem Meer fremder Gesichter und dem heillosen Gelärm, stieß es einen Schrei aus. Einen Schrei blanken Entsetzens, so schneidend, dass es schlagartig still im Zimmer wurde. Einen Augenblick herrschte reglose Erstarrung, während der Schrei über uns hing wie die Frage am Ende aller Fragen, die das Ritual dieser besonderen, schicksalhaften Nacht in Erinnerung rufen sollte. Eine Frage, auf die es, da sie wortlos war, keine Antwort gab. Vielleicht war es nur eine Sekunde, doch in meinem Kopf ging der Schrei weiter, und irgendwo setzt er sich bis heute fort, aber dort, an jenem Abend, hörte er auf, als die Mutter aufsprang, dabei ihren Stuhl umwarf und in einer einzigen fließenden Bewegung zu dem Kind eilte, es in die Arme nahm und hochhob. Auf der Stelle beruhigte sich das Mädchen. Einen Augenblick kippte es den Kopf nach hinten und blickte zu seiner Mutter auf, und sein Gesicht begann zu leuchten vor Staunen und Erleichterung darüber, den einzigen, unendlichen Trost, den es auf der Welt gab, wiedergefunden zu haben. Es vergrub sein Gesicht am Hals der Mutter, im Duft ihres langen, glänzenden Haars, und sein Schreien wurde leiser und leiser, während die Unterhaltung wieder in Schwung kam, bis das Mädchen schließlich still wurde, an seine Mutter geschmiegt wie ein Fragezeichen – das war alles, was von der Frage übrig blieb, die sich vorerst erledigt hatte –, und einschlief. Das Essen ging weiter, und irgendwann stand die Mutter auf und trug den schlaffen Körper des schlafenden Kindes über den Flur in sein Zimmer zurück. Aber ich nahm die um mich her wieder anschwellenden Gespräche kaum wahr, so absorbiert war ich von dem Ausdruck, den ich soeben, bevor das Kind sein Gesicht im Haar der Mutter verbarg, aufleuchten gesehen hatte – ein Ausdruck, der mich mit Ehrfurcht erfüllte, mir aber auch einen Stich versetzte, denn in diesem Augenblick, Euer Ehren, wusste ich, das würde ich nie für jemanden sein, diejenige, die in einer einzigen Bewegung retten und Frieden bringen konnte.

Auch S war angerührt von dem Erlebnis, und als wir abends nach Hause kamen, begann er wieder von einem eigenen Kind zu reden. Das Gespräch führte, wie jedes Mal, zu den alten Hindernissen, die ich gar nicht mehr genau beschreiben und benennen kann, außer dass wir beide uns darüber einig waren, worin sie bestanden, und dass sie, so wie wir sie identifiziert hatten, einer Lösung bedurften, ehe wir es verantworten konnten, unser Kind – das wir uns jeder für sich und beide zusammen vorstellten – auf die Welt zu bringen. Aber bezaubert von der Mutter und dem kleinen Mädchen, setzte sich S an diesem Abend stärker dafür ein. Wer weiß, vielleicht komme ja nie der richtige Moment, sagte er, doch trotz des Schmerzes, den der Ausdruck des Kindes in mir aufgerissen hatte, oder gerade deswegen, weil ich Angst hatte, hielt ich genauso stark dagegen. Wie leicht man alles vermasseln könne, sagte ich, das Kind zerstören, genau wie wir beide von unseren Eltern zerstört worden seien. Wenn wir eins in die Welt setzten, müssten wir bereit sein, insistierte ich, und wir seien nicht bereit, weit davon entfernt, und wie um den Beweis gleich mitzuliefern – es dämmerte schon, Schlafen kam nicht in Frage –, ging ich von ihm weg, schloss die Tür meines Arbeitszimmers und setzte mich an den Schreibtisch.

Wie viele Diskussionen und schwierige Gespräche, ja sogar Momente großer Leidenschaft haben nicht im Lauf der Jahre so geendet? Ich muss arbeiten, waren stets meine Worte, wenn ich die Bettdecke abstreifte, mich von seinen Gliedern löste oder vom Tisch aufstand und im Gehen spürte, wie seine traurigen Augen mich verfolgten, wenn ich die Tür hinter mir schloss und an den Schreibtisch zurückkehrte, mich hinhockte, die Knie an die Brust zog und über meiner Arbeit brütete, mein Innerstes in diese Schubladen entleerte, neunzehn an der Zahl, manche groß und manche klein, wie leicht es war, mich in sie zu ergießen, was ich S gegenüber nie gekonnt oder auch nur versucht hatte, wie einfach, mich dort einzulagern; bisweilen vergaß ich ganze Teile meiner selbst, die ich für das Buch aufheben wollte, das ich eines Tages schreiben würde, mein großes Werk, in dem alles enthalten sein sollte. Stunden vergingen, der ganze Tag verging, plötzlich wurde es draußen dunkel, und dann war es so weit – ein vorsichtiges Klopfen an meiner Tür, das kleine Schlurfen seiner Hausschuhe, seine Hände auf meinen Schultern, die sich, ich konnte mir nicht helfen, unter seiner Berührung verspannten, seine Wange neben meinem Ohr, Nada, flüsterte er, so nannte er mich, Nada, komm heraus, komm heraus, wo immer du bist, bis er schließlich eines Tages aufstand und ging, mit seinen ganzen Büchern, seinem traurigen Lächeln, dem Geruch seines Schlafs, seinen Filmkanistern voller ausländischer Münzen und unserem imaginären Kind. Und ich ließ ihn gehen, Euer Ehren, wie ich ihn schon seit Jahren gehen ließ, und sagte mir, ich sei für etwas anderes auserwählt, und tröstete mich mit all der Arbeit, die noch zu tun war, und verlor mich im Labyrinth meiner eigenen Schöpfung, ohne zu merken, dass die vier Wände immer enger, die Luft immer dünner wurden.

 

Bei Nacht auf hoher See, verlor ich mich tagsüber in der Stadt und fast eine Woche lang in einer Frage, die ebenso wenig zu beantworten war wie die wortlose, durch den Schrei des Entsetzens gestellte Frage des Kindes, nur dass es für mich keinen Trost gab, keine wohltuende, liebende Kraft, um mich aufzufangen und die Dringlichkeit der Frage zu mildern. Jene ersten Tage nach meiner Ankunft in Jerusalem verschmelzen in meinem Gedächtnis zu einer einzigen langen Nacht und einem einzigen langen Tag, und ich erinnere mich nur, dass ich eines Nachmittags im Restaurant des Gästehauses von Mishkenot Sha’ananim saß, mit demselben Ausblick wie von der Veranda vor meinem Zimmer: auf die Stadtmauer, den Zionsberg und das Hinnomtal, wo die Verehrer des Molochs ihre Kinder durch Feuer opferten. In Wirklichkeit hatte ich jeden Tag ein- oder sogar zweimal dort gegessen, weil es einfacher war, als mir in der Stadt etwas zu suchen (je hungriger ich wurde, umso unmöglicher kam es mir vor, ein Restaurant zu betreten) – oft genug, um das Interesse des beleibten Kellners zu erregen. Während er die Krümel von leeren Tischen kratzte, schielte er aus den Augenwinkeln zu mir herüber, und bald gab er es auf, seine Neugierde zu verbergen, stützte sich auf den Bartresen und beobachtete mich. Wenn er kam, um meine Teller abzuräumen, machte er sehr langsam und fragte, ob alles zu meiner Zufriedenheit gewesen sei, womit er weniger das von mir oft unberührte Essen zu meinen schien als andere, weniger greifbare Dinge. An diesem Nachmittag, nachdem sich der Speisesaal geleert hatte, kam er an meinen Tisch und brachte mir einen Ständer mit einer Auswahl unterschiedlicher Teebeutel. Nehmen Sie sich, sagte er. Ich hatte keinen Tee bestellt, aber ich konnte kaum ablehnen. Ich suchte einen aus, ohne richtig hinzuschauen. Ich hatte den Geschmack an allem verloren, und je schneller ich mich entschied, umso eher, dachte ich, würde er mich wieder allein lassen. Aber er ließ mich nicht allein. Er holte eine Teekanne mit heißem Wasser, nahm den Teebeutel eigenhändig aus der Verpackung und hängte ihn hinein. Dann ließ er sich auf dem Stuhl mir gegenüber nieder. Amerikanerin?, fragte er. Ich nickte mit zusammengepressten Lippen, in der Hoffnung, er würde meinen Wunsch, allein zu sein, begreifen. Eine Schriftstellerin, hat man mir gesagt, ja? Ich nickte wieder, wobei mir diesmal ein unfreiwilliges Piepsen über die Lippen schlüpfte. Er goss mir Tee in meine Tasse ein. Trinken Sie, sagte er, das tut Ihnen gut. Ich schenkte ihm ein verspanntes kleines Lächeln, das eher eine Grimasse war. Da drüben, wo Sie eben hingeschaut haben, sagte er und deutete mit einem krummen Finger auf den Ausblick. Das Tal unterhalb der Stadtmauer war früher einmal Niemandsland. Ich weiß, sagte ich, indem ich ungeduldig meine Serviette zusammenknüllte. Er zwinkerte und fuhr fort. Als ich 1950 hierherkam, bin ich immer an die Grenze gegangen, um Ausschau zu halten. Auf der anderen Seite, fünfhundert Meter entfernt, sah ich Busse und Autos, jordanische Soldaten. Ich befand mich in der Stadt, auf der Hauptstraße von Jerusalem, und ich schaute auf eine andere Stadt, ein Jerusalem, von dem ich glaubte, ich würde nie einen Fuß hineinsetzen können. Ich war neugierig, ich wollte wissen, wie war es dort? Aber es war auch etwas Gutes an dem Glauben, dass ich nie auf die andere Seite gelangen würde. Dann kam der Krieg von 1967. Alles änderte sich. Zuerst habe ich es nicht bedauert. Es war aufregend, am Ende doch durch diese Straßen zu gehen. Aber später empfand ich es anders. Ich sehnte mich nach den Tagen zurück, als ich hinüberschaute und nichts wusste. Er machte eine Pause und warf einen Blick auf meine nicht angerührte Tasse. Trinken Sie, drängte er wieder. Eine Schriftstellerin, was? Meine Tochter liest leidenschaftlich gern. Ein schüchternes Lächeln zuckte über seine dicken Lippen. Sie ist siebzehn. Sie lernt Englisch. Gibt es Ihre Bücher hier, dass ich eins kaufen kann? Vielleicht schreiben Sie ihr etwas hinein, sie könnte es lesen. Sie ist klug. Klüger als ich, sagte er mit einem ununterdrückbaren Lächeln, das eine große Lücke zwischen den Schneidezähnen und schwarze Dreiecke am Zahnfleisch erkennen ließ. Er hatte schwere Augenlider, wie ein Frosch. Als sie ein kleines Mädchen war, sagte ich ihr immer: Geh raus, Yallah, spiel mit deinen Freunden, die Bücher können warten, aber deine Kindheit geht vorbei und kommt nie wieder. Doch sie hörte nicht, den ganzen Tag hockte sie da, mit der Nase in einem Buch. Das sei nicht normal, sagt meine Frau, wer würde sie heiraten wollen, kein Junge würde so ein Mädchen mögen, und dann schlägt sie Dina über den Kopf und sagt, wenn sie so weitermache, bräuchte sie eine Brille, und was dann? Ich habe es ihr nie gesagt, aber wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich wohl so ein Mädchen mögen, eines, das klüger ist als ich, das viele Sachen über die Welt weiß und glänzende Augen bekommt, wenn es an all die Geschichten in seinem Kopf denkt. Vielleicht könnten Sie ihr ja etwas in eines Ihrer Bücher schreiben: Für Dina, viel Glück bei allem! Oder vielleicht: Lies weiter!, egal, was Sie wollen, Sie sind die Schriftstellerin, Sie finden sicher die richtigen Worte.

Es wurde klar, dass er am Ende seiner langen Wortfolge war, dass alles abgespult war, was er in sich aufgewickelt hatte, und er nun darauf wartete, dass ich etwas sagte. Aber ich hatte seit Tagen nichts gesagt, mit niemandem gesprochen und fühlte mich, als hinge ein Gewicht an meiner Zunge. Ich nickte und murmelte etwas, was nicht einmal ich selbst verstand. Der Kellner senkte den Blick auf die Tischdecke und wischte sich mit seinem behaarten Arm den Schweiß von der Oberlippe. Es tat mir leid, ihn in Verlegenheit zu sehen, aber ich war hilflos, einen von uns dem Schweigen zu entreißen, das sich wie gegossener Beton zwischen uns verhärtete. Schmeckt Ihnen der Tee nicht?, fragte er schließlich. Doch, er ist gut, sagte ich und zwang mich zu einem weiteren Schluck. Das ist kein guter, sagte er. Als Sie den genommen haben, hätte ich fast etwas gesagt. Der schmeckt niemandem. Am Ende des Tages sind in den anderen Fächern höchstens ein oder zwei Beutel übrig, aber das Fach mit dem da bleibt immer voll. Ich weiß nicht, warum sie den im Haus noch anbieten. Nächstes Mal nehmen Sie den gelben, sagte er. Den gelben mögen alle. Dann stand er mit einem Husten auf, räumte meine Tasse ab und verzog sich in die Küche.

Das hätte das Ende der Geschichte sein können, Euer Ehren, ich würde nicht hier im Halbdunkel mit Ihnen reden, und Sie lägen nicht im Krankenhaus, wäre ich nicht am selben Abend, verfolgt von dem niedergeschlagenen Gesicht des Kellners, das ich nicht vergessen konnte und das ich mir vorhielt wie einen Beweis meiner chronischen Gleichgültigkeit gegenüber allem außer meiner Arbeit, mit dem vor einer Stunde gekauften und Dina gewidmeten Exemplar eines meiner Bücher in das Restaurant zurückgekehrt. Es muss gegen halb acht gewesen sein, die Sonne ging schon unter, aber in der Stadt glühte noch ein heller Schein, und als ich ankam, den Kellner aber nicht entdecken konnte, fürchtete ich schon, seine Schicht sei inzwischen um, bis einer der anderen Kellner gestikulierend auf die Terrasse deutete. Unterhalb der Tischreihe, die draußen stand, war eine Straße, eine Verlängerung der Einfahrt zum Gästehaus, für deren Benutzung man eine Sicherheitsschranke passieren musste. Dort, am Bordstein neben einem haltenden Motorrad, stand der beleibte Kellner in lebhafter Diskussion, vielleicht auch einem Streit, mit dem Fahrer.

Der Kellner hatte mir den Rücken zugekehrt, und hinter dem dunklen Visier des Motorradhelms konnte ich das Gesicht des Fahrers nicht sehen, nur seine hagere, mit einer Lederjacke bekleidete Gestalt. Aber er sah mich, denn auf einmal brach die laute Diskussion ab, mit einem raschen Handgriff löste er den Kinnriemen, zog den Helm ab und schüttelte sein schwarzes Haar heraus, während er das Kinn in meine Richtung streckte, um den Kellner auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Der Anblick seines jungen Gesichts, der großen Nase, der vollen Lippen und seines langen Haars, von dem ich wusste, es roch wie ein schlammiger Fluss, versetzte mir einen Schock, der nicht größer hätte sein können, wenn der junge Mann, dem ich vor so langer Zeit einen Abend lang begegnet war, nach einem Vierteljahrhundert plötzlich unversehrt aus seinem Versteck in den unterirdischen Gängen des Bar Kochba aufgetaucht wäre. Mich durchzuckte ein brennender Schmerz, der mir den Atem stocken ließ. Der Kellner schaute über die Schulter zurück. Als er mich sah, wandte er sich wieder dem Motorradfahrer zu und stieß wie zur Warnung ein paar schnelle Worte aus, dann näherte er sich mir. Hallo, Miss, möchten Sie etwas bestellen? Nehmen Sie bitte Platz, ich bringe Ihnen die Karte. Nein, sagte ich, unfähig, meine Augen von dem rittlings auf dem Motorrad sitzenden jungen Mann abzuwenden, dessen Lippen sich jetzt zu einem verschmitzten kleinen Grinsen verzogen. Ich wollte Ihnen das nur bringen, sagte ich und streckte ihm das Buch entgegen. Der Kellner wich einen Schritt zurück, hob mit übertrieben gespielter Überraschung die Hand an den Mund, kam auf mich zu, als wollte er das Buch nehmen, zog die Hand aber wieder zurück und rieb sich, abermals im Rückwärtsgang, die Bartstoppeln an den Kinnbacken. Das darf doch nicht wahr sein, sagte er, haben Sie wirklich eins gebracht? Ich kann’s nicht glauben. Hier, sagte ich und drückte ihm das Buch in die Hand, für Dina. Jetzt weiteten sich die Nasenflügel des jungen Mannes, als hätte er etwas gerochen. Sie kennen Dina? Der Kellner drehte sich um und warf ihm ein paar weitere scharfe Worte zu. Kümmern Sie sich nicht um ihn, er geht schon. Kommen Sie, setzen Sie sich, wie kann ich Ihnen danken, trinken Sie doch einen Tee. Aber der junge Mann machte keine Anstalten zu gehen. Was ist das?, fragte er. Was das ist, fragt er, hören Sie sich das an, was für ein Barbar, ein Buch ist das, wahrscheinlich hat er nie eins gelesen, und jetzt spuckte er in verändertem Ton ein paar Worte in Richtung des Fahrers, der, einen Fuß auf dem Pedal, den anderen auf der Straße, das Motorrad im Gleichgewicht hielt. Haben Sie es geschrieben?, fragte der junge Mann unerschüttert. Ein Duft erfüllte die Abendluft, als hätte sich irgendwo eine Nachtblüte geöffnet. Ja, das habe ich, sagte ich, als ich im letztmöglichen Moment meine Stimme wiederfand. Entschuldigen Sie, Miss, warf der Kellner ein, er belästigt Sie, kommen Sie rein, drinnen ist es ruhiger, aber jetzt klappte der Fahrer mit dem Hacken den Motorradständer aus, und in drei Sätzen war er bei uns. Aus der Nähe erschien er nicht weniger als das Ebenbild Daniel Varskys, so ähnlich, dass ich mich fast wunderte, wieso er mich nicht wiederzuerkennen schien, ungeachtet der vielen Jahre, die vergangen waren. Darf ich mal sehen?, fragte er. Hau ab hier, knurrte der Kellner und hielt das Buch auf Abstand, aber der junge Mann war nicht nur schnell, sondern auch einen Kopf größer als der kleine untersetzte Kellner, und im Nu hatte er es ihm aus der Hand geschnappt. Vorsichtig klappte er den Deckel auf, blickte von mir zu dem Kellner und dann wieder auf das Buch. Für Dina, las er laut, mit besten Wünschen und viel Glück! Ihre Nadia. Sehr hübsch, sagte er. Ich werde es ihr geben.

Daraufhin ließ der Kellner einen ganzen Schwall wütender Worte los, seine Halsadern pochten und schwollen an, als wären sie kurz vor dem Platzen, und der junge Mann wich einen Schritt zurück, ein Anflug von Traurigkeit zuckte über sein Gesicht, nur ein winziges Beben, aber ich sah es. Mit zarten Fingern blätterte er in aller Ruhe die Seiten durch. Dann gab er es schließlich, ohne die ausgestreckte Hand des Kellners zu beachten, mir zurück. Offenbar bin ich hier nicht willkommen, sagte er. Vielleicht erzählen Sie mir irgendwann, was drinsteht – ein Lächeln trat auf seine Lippen –, Nadia. Es würde mich freuen, flüsterte ich, und im Zimmer meines Lebens öffnete sich eine Tür. Ohne den Kellner eines Blicks zu würdigen, stülpte er sich den Helm über den Kopf, stieg auf seine Maschine, ließ den Motor an und entschwand in der Dunkelheit.

Einen Augenblick später saß ich an einem Tisch, der Kellner umschwirrte mich und legte ein Gedeck aus. Ich weiß gar nicht, wie ich mich entschuldigen soll, sagte er, dieser Junge ist ein Fluch. Ein Cousin meiner Frau, ein Störenfried, bei dem wird nichts Gutes herauskommen. Aber seine Eltern sind gestorben, er hat niemanden mehr, da kommt er zu uns. Er lungert herum, und wir können ihn nicht wegschicken. Wie heißt er?, fragte ich. Der Kellner schaute mein Glas an, hielt es ins Licht, entdeckte etwas Schmieriges und tauschte es gegen ein Glas vom Nachbartisch aus. Was für ein Geschenk, fuhr er fort, könnten Sie nur dabei sein und das Gesicht meiner Dina sehen, wenn ich es ihr gebe. Ich wollte gern wissen, wie er heißt, wiederholte ich. Wie er heißt? Adam, am liebsten hätte ich nie wieder was von ihm gehört, je früher er von hier abdampft, desto besser. Warum ist er hergekommen?, fragte ich. Um mich verrückt zu machen, darum. Vergessen Sie ihn, wie wäre es mit einem Omelett, mögen Sie ein Omelett, oder vielleicht Pasta Primavera? Schauen Sie sich die Karte an, was Sie wollen, es geht aufs Haus. Ich heiße Rafi. Ich bringe Ihnen Tee, nur diesmal nehmen Sie den gelben, Sie werden sehen, den gelben mögen alle.

Aber ich vergaß ihn nicht, Euer Ehren. Ich konnte ihn nicht vergessen, den aufgeschossenen dünnen jungen Mann namens Adam, der jedoch, wie ich wusste, auch mein Freund, der verschwundene Dichter Daniel Varsky war. Vor siebenundzwanzig Jahren war er in New York in jener Wohnung gewesen, die aussah, als wäre ein Sturm hindurchgefegt, er hatte über Poesie geredet und auf den Absätzen gewippt, als würde er gleich den Abflug machen wie ein aus dem Sitz geschleuderter Pilot, und im Nu war er verschwunden, durch ein Loch geschlüpft, in einen Abgrund gefallen, um jetzt hier, in Jerusalem, wieder aufzutauchen. Warum? Die Antwort schien mir vollkommen klar: um seinen Schreibtisch wiederzuholen. Den Tisch, den er als Pfand zurückgelassen und ausgerechnet mir zur Aufbewahrung anvertraut hatte, der mir so viele Jahre auf dem Gewissen gelegen, auf dem ich mein Gewissen abgeladen hatte und dessen Übergang in fremde Hände seinen Wünschen ebenso wenig entsprach, wie es den meinigen entsprochen hatte, das Arbeiten an diesem Schreibtisch zu beenden. So jedenfalls stellte ich es mir in meinem benebelten Kopf vor, obwohl ich auf einer anderen Ebene sehr wohl wusste, dass diese Geschichte nur eine Halluzination war.

Abends, in meinem Zimmer, dachte ich mir verschiedene Begründungen dafür aus, dem Kellner Rafi zu erklären, warum ich Adam wiedersehen wollte: Ich wolle einen Motorradausflug ins Jordantal, ans Tote Meer machen und bräuchte einen Fahrer, der auch mein Führer sein könnte, ja, es müsse unbedingt mit dem Motorrad sein und ich würde den Dienst großzügig bezahlen. Oder: Ich suchte jemanden, um meiner Cousine Ruthie, die ich seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte und nie leiden konnte, ein dringendes Paket nach Herzliya zu bringen, ein Paket, das ich niemandem anvertrauen könne, und ob er so nett wäre, Adam zu schicken, nur eine kleine Gefälligkeit zum Ausgleich für das Buch, das ich Dina geschenkt hatte, wobei ich natürlich glücklich wäre, mich mit einem großzügigen et cetera, et cetera für die Freundlichkeit zu bedanken. Ich fand es nicht einmal unter meiner Würde, Rafi meine «Hilfe» und Bereitschaft anzubieten, den verirrten Cousin seiner Frau, das schwarze Schaf der Familie, ein bisschen an die Hand zu nehmen, als wohlwollende Außenstehende, die Schriftstellerin aus Amerika, auf ihn einzuwirken und ihn eine Weile unter meine Fittiche zu nehmen, ihm etwas Weisheit zu vermitteln, ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag sann ich darüber nach, wie ein weiteres Treffen mit Adam herauszuholen sei, aber am Ende war es gar nicht nötig: Am nächsten Abend, als ich gedankenverloren die Keren Ha’yesod entlang nach Hause ging, ehe die Dämmerung das Tageslicht ablöste, hielt ein Motorrad am Straßenrand. Das bullernde Motorengeräusch war das Erste, was in meine Tagträume drang, doch ich brachte es nicht mit dem jungen Mann zusammen, der mir den ganzen Tag im Kopf herumgespukt war, bis er, noch auf dem Motorrad sitzend, das dunkel getönte Visier hochklappte und mich eindringlich mit blitzenden Augen anschaute, als hätte er sich einen Spaß erlaubt, von dem ich nicht wusste, ob er nur zu seinem oder zu unserem gemeinsamen Vergnügen war, während der Verkehr unruhig wurde und sich hupend einen Weg um ihn herum bahnte. Er sagte etwas, was in dem dröhnenden Motorengeräusch unterging. Ich spürte meinen Atem schneller werden und trat näher heran, sah seine Lippen sich bewegen: Wollen Sie mitfahren? Das Gästehaus war nur zehn Minuten zu Fuß entfernt, aber ich zögerte nicht, jedenfalls nicht im Geist, obwohl mir dann, nachdem ich das Angebot angenommen hatte, nicht so recht klar war, wie ich auf die Maschine aufsteigen sollte. Ich stand hilflos daneben, starrte auf das restliche Stück Sitz, das hinter Adam frei war, und hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen könnte, mich da hinaufzuschwingen. Er reichte mir seine Hand, und ich gab ihm die Linke, die er aber fallen ließ, um mit festem Griff die Rechte zu erfassen und mich mit elegantem und geübtem Schwung hinaufzubefördern, sodass ich mühelos genau richtig zum Sitzen kam. Er zog seinen Helm ab und stülpte ihn, begleitet von demselben unergründlichen Lächeln, das ich am Vorabend gesehen hatte, behutsam über meinen Kopf, indem er mir, um den Riemen festzumachen, sanft das Haar nach hinten strich. Dann nahm er meine Hand und führte sie sicher an seine Hüfte, und das Prickeln, das tief unten im Bauch begonnen hatte, stieg in mir auf und erweckte, ja rüttelte meinen Körper zum Leben. Er lachte mit weit geöffnetem Mund, es kostete ihn nichts, so zu lachen, dann ruckte das Motorrad unter uns und schoss auf die Straße. Er fuhr in Richtung Gästehaus, aber kurz vor der Abzweigung rief er mir nach hinten etwas zu. Was?, schrie ich aus dem gedämpften Inneren des Helms, worauf er etwas anderes rief, von dem ich gerade genug hörte, um zu begreifen, dass es eine Frage war, und als ich nicht rechtzeitig antwortete, ließ er das Gästehaus links liegen und fuhr weiter. Einen Augenblick fragte ich mich düster, ob es naiv gewesen sei, mich in die Hände dieses Störenfrieds zu begeben, der um Rafis Familie herumstrich, aber dann drehte er sich zu mir um und lächelte, und es war Daniel Varsky, der sich umdrehte, ich war wieder vierundzwanzig, und die ganze Nacht lag vor uns – das Einzige, was sich geändert hatte, war die Stadt.

Ich umklammerte seine Hüften, der Wind packte sein Haar, wir fuhren durch die Straßen, vorbei an den weltentrückten Einwohnern der Stadt, die mir inzwischen recht vertraut waren, den Charedim in ihren staubigen schwarzen Mänteln und Hüten, den Müttern mit Scharen kleiner Kinder, an deren Kleidern Hunderte von losen Fäden hingen, als wären die Kinder selbst unfertig vom Webstuhl gerissen worden, an der Horde Jeschiwa-Jungen, die mit zugekniffenen Augen, wie gerade aus einer Höhle entlassen, an einer Ampel über die Straße stürmten, an dem über seine Gehhilfe gebeugten alten Mann, den eine junge Filipina am Ärmel seiner Strickjacke hielt, aus deren abgewetztem Ellbogen sie ein Garn zog, das sie sich um die Hand wickelte, den ganzen Mann aufribbelte, bis mit einem Pluff der Knoten seiner letzten Worte aus ihm herauskäme, vorbei an ihm, an ihr und an dem Araber, der den Rinnstein kehrte, ohne dass ein Einziger von ihnen merkte, was da auf dem Motorrad vorbeirauschte – eine Erscheinung, Geister, die viel weiter aus der Zeit gefallen waren als sie selbst. Am liebsten wäre ich weitergefahren, in die Wildnis der Wüste, aber bald bogen wir von der Hauptstraße ab und rollten auf einen Parkplatz, der einen weiten Blick nach Norden über die ganze Stadt bot. Adam schaltete den Motor ab, während ich widerstrebend von seinen Hüften abließ und mich zerrend von dem Helm befreite. Als ich an mir heruntersah, auf meine zerknitterte Hose und die staubigen Sandalen, löste sich meine kleine Träumerei in Wohlgefallen auf und machte mich verlegen. Aber Adam schien es nicht zu bemerken, er winkte mir, ihm auf die Promenade zu folgen, wo sich kleine Grüppchen von Touristen und Spaziergängern versammelt hatten, um das spektakuläre Drama des Sonnenuntergangs über Judäa zu beobachten.

Wir lehnten uns an die Brüstung. Die Wolken färbten sich in Bronze, dann purpurrot. Ist es nicht schön?, sagte er, die ersten seiner Worte an diesem Abend, die ich verstanden hatte. Ich schaute hinaus auf die dichtgedrängten Dächer der Altstadt, den Zionsberg, den Skopusberg im Norden, den Berg des bösen Rats im Westen, den Ölberg im Osten, und vielleicht lag es am Farbenrausch des Lichts oder am auffrischenden Wind, oder an der Erleichterung eines freien Blicks, vielleicht waren es der Pinienduft oder die Ausdünstungen des Gesteins, das die Hitze des Tages abgibt, ehe es die Nacht einsaugt, oder meine Nähe zu dem Geist von Daniel Varsky, aber es berückte mich, Euer Ehren, und spätestens in diesem Moment gesellte ich mich all denen hinzu, die seit dreitausend Jahren nach Jerusalem strömten und bei ihrer Ankunft die Fassung verloren, ihren Geist fahrenließen und der Traum eines Träumers wurden, der versucht, das Licht aus der Finsternis zu ziehen und es in einem zerbrochenen Gefäß wieder zu sammeln. Ich bin gerne hier, sagte er. Manchmal komme ich mit meinen Freunden her, manchmal allein. Wir standen schweigend da und schauten. Dieses Buch, haben Sie es geschrieben?, fragte er. Das für Dina? Ja. Ist es das, was Sie machen? Ihr Beruf? Ich nickte. Während er darüber nachdachte, riss er sich mit den Zähnen ein angebrochenes Stück Fingernagel ab und spuckte es aus; ich zuckte zusammen, dachte an die Nägel, die sie Daniel Varskys langen Fingern ausgerissen hatten. Wie sind Sie das geworden? Haben Sie dafür eine Schule besucht? Nein, sagte ich. Ich habe schon in meiner Jugend damit angefangen. Warum fragen Sie? Schreiben Sie auch? Er schob seine Hände in die Taschen und presste die Kiefer zusammen. Ich verstehe nichts von solchen Sachen, sagte er. Es folgte ein unbehagliches Schweigen, und jetzt war er es, der verlegen wirkte, vielleicht wegen der Dreistigkeit, dass er einfach mit mir hierhergefahren war. Ich bin froh, dass Sie mich mitgenommen haben, sagte ich, es ist wunderschön. Sein Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln. Es gefällt Ihnen, was? Das dachte ich mir. Wieder ein Schweigen. Um irgendwie im Gespräch zu bleiben, sagte ich, vollkommen idiotisch: Ihr Cousin Rafi hat auch so etwas, einen Blick, den er besonders mag. Adams Ausdruck wurde finster. Dieses Arschloch? Aber dabei ließ er es bewenden. Findet Dina Ihre Bücher gut?, fragte er. Ich glaube kaum, dass sie je etwas von mir gelesen hat, sagte ich. Ihr Vater hat mich gebeten, ihr eins zu widmen. Ach so, sagte er enttäuscht. Mein Blick fiel auf eine kleine Narbe über seiner Lippe, und diese winzige, verschwindend kurze Linie löste eine Sturzflut bittersüßer Gefühle in mir aus. Sind Sie berühmt?, fragte er mich lächelnd. Rafi sagte, Sie seien berühmt. Ich war überrascht, machte mir aber nicht die Mühe, ihn zu korrigieren. Es behagte mir, ihm die Vorstellung zu lassen, ich sei etwas anderes, als ich war. Und was schreiben Sie so? Kriminalromane? Liebesgeschichten? Manchmal, aber nicht nur. Schreiben Sie auch über Leute, die Sie kennen? Manchmal. Er grinste, zeigte sein gesundes Zahnfleisch. Vielleicht schreiben Sie ja über mich. Vielleicht, sagte ich. Er langte in seine Jackentasche, zog eine Zigarette aus einem verknautschten Päckchen und schirmte sie beim Anzünden gegen den Wind ab. Geben Sie mir auch eine? Sie rauchen?

Der Rauch brannte mir im Hals und versengte mir die Brust, der Wind wurde kälter. Ich begann zu frösteln, und er lieh mir seine Jacke, die nach altem Holz und Schweiß roch. Er fragte mich weiter über meine Arbeit aus, stellte Fragen, die mich bei jedem anderen genervt hätten (Haben Sie schon mal eine Mordgeschichte geschrieben? Nein? Also was dann? Schreiben Sie Sachen, die Ihnen selbst passieren? Über Ihr Leben? Oder sagt man Ihnen, was Sie schreiben sollen? Werden Sie engagiert? Wie nennt man das, den Verleger?), aber aus seinem Mund, in der zunehmenden Dunkelheit, machte es mir nichts aus. Als auch er fröstelte und das Schweigen sich verdichtete, war es Zeit zu gehen, und ich suchte unwillkürlich einen neuen Vorwand, um ihn wiederzusehen. Er gab mir den Helm, diesmal allerdings, ohne mir seine Hilfe anzubieten. Hören Sie, sagte ich, in meiner Handtasche kramend, ich muss morgen irgendwohin. Ich zog den knittrigen Zettel heraus, der von meinem Koffer auf das Nachttischchen, zwischen die Seiten meines Buchs und von dort unten in die Tasche gewandert, aber doch nicht verlorengegangen war. Hier, das ist die Adresse, sagte ich. Könnten Sie mich hinbringen? Vielleicht brauche ich einen Übersetzer, ich weiß nicht, ob sie Englisch sprechen. Er schien überrascht, aber erfreut, und nahm mir den Zettel ab. Ha’Oren-Straße? In Ein Karem? Unsere Blicke trafen sich. Ich erklärte ihm, dort befände sich ein Tisch, den ich sehen wolle. Brauchen Sie einen Tisch zum Schreiben?, fragte er, jetzt interessiert, ja sogar erregt. So etwas Ähnliches, sagte ich. Brauchen Sie einen oder nicht?, fragte er. Ja, ich brauche einen Tisch, sagte ich. Und da gibt es einen, er tippte mit dem Finger auf den Zettel, in der Ha’Oren? Ich nickte. Er legte eine Denkpause ein, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, während ich wartete. Dann faltete er den Zettel zusammen und steckte ihn in die Gesäßtasche. Ich hole Sie um fünf Uhr ab, sagte er. Okay?

In dieser Nacht träumte ich von ihm. Oder vielmehr mal von ihm und mal von Daniel Varsky, und weil Träume so großzügig sind, waren es manchmal auch beide auf einmal, und wir gingen zusammen durch Jerusalem, ich wusste, es war gar nicht Jerusalem, aber irgendwie glaubte ich, es sei Jerusalem, eines, vor dessen Toren noch rauchende graue Felder lagen, die wir überqueren mussten, um wieder in die Stadt zu gelangen, ähnlich wie wenn man versucht, eine vor langer Zeit gespielte Melodie wiederzufinden. Aus irgendeinem Grund trug Adam oder Daniel einen kleinen Kasten in der Hand, der ein Instrument enthielt, das er für mich spielen wollte, falls und wenn wir den Platz, den er suchte, erreichten, eine Art Horn, das aber, wer weiß, auch eine Waffe sein konnte. Am Ende führte der Traum in ein Zimmer. Aber da war der Kasten schon weg, und Adam oder Daniel zog sich vor meinen Augen langsam aus, indem er jedes Kleidungsstück peinlich genau auf dem Bett zusammenlegte, mit der zwanghaften Ordentlichkeit eines Mannes, der viele Jahre unter einer strengen Autorität gelebt hat, in einem Gefängnis vielleicht, wo er gedrillt worden ist, seine Kleider so und nicht anders zu falten. Es war eine Qual, ihn nackt zu sehen, traurig, aber auch süß, und ich erwachte voller Zärtlichkeit und Begehren.

Am Nachmittag des nächsten Tages saß ich um Viertel vor fünf, nachdem ich zu oft in den Spiegel geschaut und mich für eine rote Perlenkette und baumelnde Silberohrringe entschieden hatte, wartend in der Eingangshalle. Er war zwanzig Minuten zu spät, und ich begann, auf und ab zu gehen, krank beim Gedanken daran, was mich auf meinem Zimmer erwartete, wenn er sich eines anderen besonnen hätte und nicht käme, an die endlos vor mir liegende Nacht, in der ich mich zerfleischen würde. Aber schließlich hörte ich in einiger Entfernung das Motorrad, er bog um die Ecke, und das üble Gefühl versank in einem glatten See strahlender Freude, die nichts trüben konnte, nicht einmal der Reservehelm, den er mir diesmal reichte, ein glitzernder roter, der gewöhnlich, man brauchte es mir nicht zu sagen, die Köpfe von Mädchen seines Alters zierte, die dieselben Bands hörten wie er und seine Sprache sprachen, Mädchen, die sich bei Tageslicht ausziehen konnten, mit Babyspeck an den Füßen.

Wir fuhren durch die Straßen, im Leerlauf bergab, und ich war glücklich, Euer Ehren, glücklich wie seit Monaten oder gar Jahren nicht. Wenn er sich in eine Kurve legte, spürten meine Hände die Bewegung seiner Hüften, und das war genug, mehr als genug für jemanden, dem so wenig geblieben war, und ich dachte nicht viel darüber nach, was ich sagen würde, wenn wir bei der Adresse von Leah Weisz ankamen, der jungen Frau, die vor fünf Wochen bei mir erschienen war, um den Schreibtisch abzuholen. Als wir das verschlafene Dorf Ein Karem erreichten, hielt Adam an, um nach dem Weg zu fragen. Wir setzten uns in ein Café, und er bestellte in forschem Ton für uns beide, mit ein paar schnellen hebräischen Worten, scherzte mit der jungen Bedienung, knackte mit den Fingern und warf sein Handy auf den Tisch. Ein räudiger Hund schleppte sich hinkend über die Straße, aber auch das konnte mir die Stimmung nicht verderben oder von der Schönheit des Ortes ablenken. Adam rührte ein Stück Zucker in seinem Kaffee um und sang den Popsong mit, der aus den Lautsprechern des Cafés ertönte. Das Licht fiel auf sein Gesicht, und ich sah, wie jung er war. Hinter dem ungenierten, falschen Gesang gewahrte ich einen nervösen Schatten von Unsicherheit und begriff, dass er nicht wusste, was er zu mir sagen sollte. Erzählen Sie mir von sich, sagte ich. Er straffte sich, zündete sich eine Zigarette an, grinste und leckte sich die Lippen. Dann wollen Sie also doch über mich schreiben? Kommt drauf an, sagte ich. Worauf? Was ich über Sie erfahre. Er kippte den Kopf nach hinten und blies eine Rauchsäule aus. Also gut, sagte er. Sie können mich in Ihrem Buch benutzen. Ich bin dabei. Was wollen Sie wissen?

Was ich wissen wollte? Wie es dort aussah, wo er hinkam, wenn er abends nach Hause ging. Was an den Wänden hing und ob er einen Ofen hatte, den man mit Streichhölzern anzünden musste, ob die Fußböden gefliest oder aus Linoleum waren und ob er Schuhe trug, wenn er darüber ging, und was für einen Ausdruck er aufsetzte, wenn er beim Rasieren in den Spiegel schaute. Wie es vor seinem Fenster und wie sein Bett aussah, ja, Euer Ehren, so weit war ich schon, dass ich mir sein Bett vorstellte, die zerwühlten Decken und billigen Kissen, sein Bett, in dem er manchmal, wenn er die Nacht allein verbrachte, in diagonaler Schräglage schlief. Aber ich fragte nichts dergleichen. Ich konnte warten, meine Zeit abwarten. Er sang ja, verstehen Sie, und bald würde es Abend werden, und jetzt sah ich, dass etwas anders war, ja, er hatte sich das Haar gewaschen.

Vor zwei Jahren sei er mit dem Militärdienst fertig gewesen, sagte er. Zuerst hatte er Arbeit bei einer Sicherheitsagentur bekommen, aber der Boss bezichtigte ihn gewisser Dinge (was das war, sagte er nicht), und er wurde vor die Tür gesetzt, dann hatte er mit einem Freund, der einen eigenen Betrieb aufbauen wollte, Häuser angestrichen, aber die Dämpfe nicht vertragen und aufhören müssen. Jetzt arbeitete er in einem Matratzenladen, aber was er sich wirklich wünschte, wäre eine Schreinerlehre, weil er mit den Händen, sagte er, immer gut gewesen sei und gern etwas gestalte. Und Ihre Familie?, fragte ich. Er drückte seine Zigarette aus, blickte fahrig in die Runde, prüfte sein Handy. Er habe keine, sagte er. Seine Eltern seien gestorben, als er sechzehn war. Er sagte nicht, wo oder wie. Er habe einen älteren Bruder, aber seit vielen Jahren nicht mit ihm gesprochen. Manchmal denke er daran, einen neuen Anlauf zu machen, ohne es je zu tun. Und was ist mit Rafi?, fragte ich. Ich sagte Ihnen doch, das ist ein Arschloch, sagte er. Der einzige Grund, warum ich mich mit ihm abgebe, ist Dina. Wenn Sie Dina sähen, Sie könnten sich nicht vorstellen, wie jemand so Schönes von diesem Pavian abstammen soll. Erzählen Sie mir von ihr, sagte ich, aber er sagte nichts und wandte sich ab, um die krampfartige Verzerrung seiner Gesichtszüge zu verbergen, nur den Bruchteil einer Sekunde, in dem sein ganzes Gesicht zusammenfiel und ein anderes zum Vorschein kam, das er schnell mit seinem Ärmel wegwischte. Er stand auf und warf ein paar Münzen auf den Tisch, verabschiedete sich zurufend von der Bedienung, die ihn anlächelte. Bitte, sagte ich, indem ich meine Geldbörse herauszog, lassen Sie mich das machen. Aber er schnalzte mit der Zunge, schwang den Helm und zog ihn sich über den Kopf, und in diesem Moment dachte ich aus irgendeinem Grund an seine tote Mutter, dachte, wie sie ihn als Kind gebadet, ihn mitten in der Nacht aus seinem Gitterbettchen gehoben und seine feuchten Lippen an ihrem Gesicht gefühlt, seine kleinen Finger aus ihrem Haar gelöst, ihm vorgesungen, ihm eine Zukunft erträumt haben musste, aber dann verrutschte die Nadel auf der Platte meines Gedächtnisses, und es war Daniel Varskys Mutter, die ich mir vorstellte: wie spiegelverkehrt war der Sohn tot, während die Mutter lebte. Zum ersten Mal in den siebenundzwanzig Jahren, die ich an seinem Tisch geschrieben hatte, dämmerte mir das Ausmaß ihres Verlusts, ein Fenster ging auf, und ich sah den unsäglichen Albtraum ihres Leidens. Ich stand neben dem Motorrad. Der Wind war still. Ein Hauch Jasmin lag in der Luft. Wie mag es sein, dachte ich, weiterzuleben, wenn das eigene Kind gestorben ist? Ich kletterte auf das Motorrad und nahm Adams Hüften sanft zwischen meine beiden Hände, die jetzt die Hände dieser Mütter waren, der einen, die ihr Kind nicht berühren konnte, weil sie tot war, und der anderen, die es nicht konnte, weil sie weiterlebte, und dann erreichten wir die Ha’Oren-Straße.

Wir konnten das Haus nicht sofort finden, so zugewachsen war die Nummer von dem wuchernden Wein, der die Mauer rund um das Anwesen bedeckte. Eine Kette verschloss das eiserne Tor, aber dahinter sah man, halb von Bäumen verdeckt, ein großes Steinhaus mit grünen Fensterläden, fast alle zugeklappt. Sich diese junge Frau, Leah, als seine Bewohnerin vorzustellen, verlieh ihr eine ganz neue Dimension, eine Tiefe, die ich nicht gespürt hatte. Während ich in den staubigen Garten spähte, erfüllte mich eine Traurigkeit, wohl aus dem unheimlichen Gefühl heraus, an einem Ort zu sein, den Daniel Varsky, wie indirekt auch immer, berührt hatte: Hier, hinter den geschlossenen Fensterläden, lebte – das vermutete ich zumindest – eine Frau, die ihn gekannt und höchstwahrscheinlich geliebt hatte. Was mochte Leahs Mutter über die Suche ihrer Tochter gedacht, was mochte sie empfunden haben, als man ihr den Schreibtisch jenes Mannes, des Vaters ihres Kindes, der so brutal aus der Welt gerissenen worden war, wie einen riesigen hölzernen Leichnam nach Hause gebracht hatte? Und als wäre es damit nicht genug, stand ich jetzt vor der Tür, um seinen Geist nachzuliefern. Ich überlegte, ob ich nicht eine Entschuldigung erfinden, Adam sagen sollte, ich hätte mich vertan, dies sei nicht der richtige Ort, aber ehe ich etwas sagen konnte, hatte Adam die Klingel unter den Blättern entdeckt und drückte auf den Knopf. Ein dünnes elektrisches Surren ertönte. Irgendwo bellte ein Hund. Als niemand reagierte, drückte er noch einmal. Haben Sie vielleicht eine Telefonnummer?, fragte er, aber da ich keine hatte, versuchte er es ein drittes Mal, ohne dass sich irgendetwas rührte, ohne Antwort außer der verstockten Lähmung, die über den Steinen, den Fensterläden und sogar den Blättern lag. Wissen sie Bescheid, dass Sie kommen wollten? Ja, log ich, woraufhin Adam an den Gitterstäben des Tores rüttelte, um zu probieren, ob die Kette nachgab. Ich fürchte, ich muss wiederkommen, sagte ich gerade, als ein alter Mann auftauchte oder vielmehr wie ein länger werdender Schatten hinter der Wand hervorkam, mit einem eleganten Spazierstock in der Hand. Ken? Ma atem rotzim?, erwiderte Adam, auf mich deutend. Ich fragte ihn, ob er Englisch spreche. Ja, sagte er, an seinen Stock geklammert, dessen Silberknauf, wie ich jetzt bemerkte, einen Widderkopf darstellte. Wohnt hier Leah Weisz? Weisz?, sagte er. Ja, sagte ich, Leah Weisz, sie war vorigen Monat bei mir in New York, um einen Schreibtisch abzuholen. Einen Schreibtisch?, echote der alte Mann verständnislos, und jetzt mischte sich Adam ungeduldig mit ein paar Worten auf Hebräisch ein. Lo, sagte der alte Mann kopfschüttelnd, lo, ani lo jodea klum al schum schulchan. Er weiß nichts von einem Schreibtisch, sagte Adam, während der Mann, auf seinen Stock gestützt, keine Anstalten machte, das Tor aufzuschließen. Vielleicht hat man Ihnen die falsche Adresse gegeben, sagte Adam. Er zog den zerknitterten Zettel aus seiner Jeans und reichte ihn durchs Gitter. Der alte Mann langte gemächlich in seine Brusttasche, klappte eine Brille auseinander und setzte sie sich ins Gesicht. Er schien lange zu brauchen, bis er verstanden hatte, was dort geschrieben stand. Als er mit dem Lesen fertig war, schaute er auf die Rückseite. Und als er sie leer fand, drehte er den Zettel wieder um. Ze ze o lo?, fragte Adam. Der alte Mann faltete den Zettel säuberlich zusammen und gab ihn durchs Gitter zurück. Ha’Oren Nummer 19, das ist richtig, aber hier wohnt niemand dieses Namens, sagte er, und ich war erstaunt über sein Englisch, das fließend und geschliffen klang.

Jetzt kam mir der Gedanke, dass mir etwas Durchtriebenes an Leah Weisz entgangen sein könnte. Dass sie mir vielleicht absichtlich eine falsche Adresse gegeben hatte, für den Fall, dass ich es mir anders überlegte und versuchen sollte, den Tisch wiederzubekommen. Aber warum hätte sie mir dann überhaupt eine Adresse hinterlassen? Ich hatte nicht danach gefragt, und dass sie es tat, war mir, daran erinnerte ich mich jetzt, fast wie eine Art Einladung erschienen. Der alte Mann stand in sorgfältig gebügelten Hemdsärmeln da, während hinter ihm das unter Blättern versteckte Haus den Atem anhielt. Wie mochte es von innen sein?, fragte ich mich. Wie sah der Wasserkessel aus, alt und verbeult?, wie die Teetasse?, gab es Bücher?, und was hing in dem düsteren Flur, etwas Biblisches, eine kleine Radierung mit der Opferung Isaaks vielleicht? Der alte Mann musterte mich mit scharfen blauen Augen, den Augen eines gezähmten Adlers, und ich spürte, dass auch er neugierig auf mich war, als gäbe es etwas, was er mich fragen wollte. Sogar Adam schien es zu bemerken, denn sein Blick wanderte von dem alten Mann zu mir, dann wieder zu dem alten Mann, und wir hingen alle drei in der Schwebe des Schweigens, das über dem Anwesen lag, bis Adam schließlich die Achseln zuckte, mit den Zähnen ein weiteres Fitzelchen Fingernagel abriss, es ausspuckte und zum Motorrad ging. Viel Glück, sagte der alte Mann, während sich seine Rechte fester um die gerollten Silberhörner des Widders schloss. Ich hoffe, Sie finden, was Sie suchen. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, Euer Ehren, ich platzte heraus: Ich wollte ihn nicht wiederhaben, den Schreibtisch, ich wollte nur – aber ich unterbrach mich, weil ich nicht sagen konnte, was ich eigentlich gewollt hatte, und ein schmerzlicher Ausdruck zuckte über das Gesicht des alten Mannes. Hinter mir ließ Adam den Motor an. Gehen wir, sagte er. Ich wollte noch nicht gehen, schien aber keine Wahl zu haben. Ich stieg auf. Der alte Mann hob zum Abschied seinen Stock, und wir fuhren los.

Adam war hungrig. Mir war es egal, wohin die Reise ging, Hauptsache, er brachte mich nicht ins Gästehaus zurück. Ich versuchte zu verstehen, was geschehen war. Wer war Leah Weisz? Warum hatte ich so mir nichts, dir nichts alles akzeptiert, was sie mir ohne den geringsten Beweis erzählt hatte? Ich hatte diesen Tisch, der den Mittelpunkt meines Lebens bildete, so bereitwillig abgegeben, dass man meinen möchte, ich sei erpicht darauf gewesen, froh, ihn endlich los zu sein. Es ist wahr, ich hatte mich immer als seine Hüterin verstanden, mir gesagt, früher oder später würde jemand kommen und ihn holen, aber in Wirklichkeit war das nur eine geeignete Geschichte, die ich mir selbst vormachte, eine unter vielen anderen, die mich von der Verantwortung für meine Entscheidungen befreiten, ihnen den Anschein der Unvermeidlichkeit verliehen, obwohl ich im tiefsten Grunde davon überzeugt war, dass ich an diesem Schreibtisch sterben würde, meinem Erbe und meinem Ehebett – also warum nicht auch meine Bahre?

Adam führte mich in ein Restaurant an der Salomon-Straße, wo er die Belegschaft kannte und mit einigen befreundet war. Sie klopften ihm auf den Rücken und betrachteten mich abschätzend. Er grinste, und was er sagte, löste lautes Gelächter aus. Wir setzten uns ans Fenster. Draußen, auf einem Balkon, der über der schmalen Straße hing, saß ein Mann auf einer alten Matratze und plauderte herzend und liebkosend mit seinem kleinen Sohn. Ich fragte Adam, was er zu seinen Freunden gesagt habe. Ein halbes Lächeln auf den Lippen, schaute er sich im Saal nach den anderen Essensgästen um, wie sie reagierten, als wäre er mit einer Berühmtheit hereingekommen, so absurd das klingen mag. Mit stechenden Gewissensbissen wurde mir klar, dass ich ihn enttäuschte, aber es war zu spät. Was hätte ich sagen sollen: Kein Mensch liest meine Bücher, vielleicht wird man mich bald gar nicht mehr verlegen? Ich habe ihnen erzählt, dass Sie über mich schreiben, sagte er und grinste wieder. Dann schnippte er mit den Fingern, und seine Freunde lachten und servierten uns Platten voller Essen, denen weitere Gerichte folgten. Sie musterten mich, und ich sah den Schalk in ihren Augen, als ahnten sie meine Verzweiflung und wüssten etwas über ihren Freund, was ich nicht wusste. Aus dem hinteren Teil des Restaurants beobachteten sie uns, amüsierten sich über das Glück ihres Freundes, dem diese ältere Frau ins Netz gegangen war, eine reiche und berühmte Amerikanerin oder so ähnlich, wie sie offenbar glaubten, bis Adam erneut mit den Fingern schnippte und sie sich in Bewegung setzten, um eine Flasche Wein zu bringen. Er stürzte sich gierig auf das Essen, als hätte er seit Tagen nichts bekommen, und es war eine Freude, ihn zu beobachten, Euer Ehren, mich mit meinem Glas Wein zurückzulehnen und seine Schönheit, seinen Hunger zu genießen. Als das Mahl beendet war (er hatte fast alles verschlungen), legten seine Freunde mir die Rechnung hin, und ich sah, dass sie den teuersten Flaschenwein für uns ausgesucht hatten. Während ich in meiner Geldbörse fummelte, die richtigen Scheine herauszuzählen versuchte, stand Adam auf und gesellte sich zu den anderen, kaute scherzend auf einem Zahnstocher herum. Als ich mich erhob, merkte ich, wie der Wein mir in den Kopf stieg. Ich folgte Adam aus dem Restaurant, und hinter ihm gehend, wusste ich, dass er meine Blicke spürte, wusste, dass er wusste, wie sehr ich ihn begehrte, obwohl ich, Euer Ehren, zu meiner Verteidigung hinzufügen möchte, dass es nicht nur Lust war, was ich für ihn empfand, sondern auch eine Art Zärtlichkeit, als könnte ich fähig sein, den Schmerz zu lindern, den ich in seinem Gesicht gesehen hatte, ehe er ihn mit dem Ärmel wegwischte. Augenzwinkernd warf er mir den Helm zu, aber es war der hilflose und unsichere junge Mann hinter diesen Posen, der mir den Wunsch eingab, ihn mit nach Hause zu nehmen. Wir erreichten den Eingang des Gästehauses, und ich rang nach den richtigen Worten, aber bevor ich sie aussprechen konnte, kündigte er an, ein Freund eines der Kellner aus dem Restaurant habe einen Tisch, und wenn ich Lust hätte, würde er mich morgen hinbringen, damit ich ihn mir ansehe. Dann küsste er mich keusch auf die Wange und fuhr davon, ohne zu sagen, um welche Zeit er kommen würde.

An diesem Abend suchte ich mir die Nummer von Paul Alpers aus dem Adressbuch. Ich hatte seit vielen Jahren nicht mit ihm gesprochen, und als er nach dem zweiten Klingelzeichen abhob, hätte ich fast wieder aufgelegt. Hier ist Nadia, sagte ich, und weil mir das irgendwie nicht genug vorkam, fügte ich hinzu: Ich rufe aus Jerusalem an. Einen Augenblick war er still, als versuchte er sich dorthin zurückzudenken, wo der Name – meiner oder der der Stadt – ihm etwas bedeutet hatte. Auf einmal lachte er. Ich erzählte ihm, ich hätte mich scheiden lassen. Er erzählte mir, er habe einige Jahre mit einer Frau in Kopenhagen zusammengelebt, aber das sei nun vorbei. Unter Druck wegen des Ferngesprächs, setzten wir das nicht lange fort. Nachdem das Gröbste aus unserem Leben gesagt war, fragte ich ihn, ob er manchmal an Daniel Varsky denke. Ja, sagte er. Vor ein paar Jahren wollte ich dich eigentlich anrufen. Sie haben herausgefunden, dass er eine Zeitlang auf einem Schiff festgehalten wurde. Auf einem Schiff?, echote ich. Im Laderaum, sagte Paul, mit anderen Gefangenen. Einer von ihnen hat überlebt und ein paar Jahre später jemanden getroffen, der Daniels Eltern kannte. Er sagte, sie hätten ihn ein paar Monate am Leben erhalten, aber nur gerade so. Paul, sagte ich schließlich. Ja, sagte er, und ich hörte ein Feuerzeug klicken, dann den Zug an seiner Zigarette. Hatte er ein Kind? Ein Kind?, sagte Paul. Nein. Eine Tochter, fragte ich, mit einer Israeli, mit der er kurz vor seinem Verschwinden zusammen war? Ich habe nie etwas von einer Tochter gehört, sagte Paul. Da habe ich wirklich meine Zweifel. Er hatte eine Freundin in Santiago, ihretwegen kehrte er immer wieder zurück, auch als er nicht gedurft hätte. Sie hieß Inés, glaube ich. Sie war Chilenin, soviel weiß ich. Es ist seltsam, sagte Paul, ich habe sie nie kennengelernt, aber jetzt erinnere ich mich plötzlich, dass ich vor einer Weile von ihr geträumt habe.

Während Paul sprach, kam mir der irgendwie überraschende Gedanke, dass ich ohne die besondere Logik von Pauls Träumen Daniel Varsky nie begegnet wäre und all die Jahre jemand anders an seinem Tisch geschrieben hätte. Nachdem ich aufgelegt hatte, konnte ich nicht schlafen, oder vielleicht wollte ich nicht schlafen, vor lauter Angst, das Licht auszumachen und mich dem zu stellen, was die Dunkelheit bringen würde. Um mich von Grübeleien über Daniel Varsky abzulenken oder, schlimmer noch, vom Nachdenken über mein Leben und die Frage, die mich quälte, sobald ich meine Gedanken schweifen ließ, konzentrierte ich mich auf Adam. In unerschöpflichen Einzelheiten stellte ich mir seinen Körper und die Dinge vor, die ich mit ihm und was er umgekehrt mit meinem Körper machen würde, wobei ich mir in diesen Phantasien allerdings einen anderen Körper gönnte, jenen, den ich gehabt hatte, bevor meiner fleckig wurde, aus der Form ging und sich in eine andere Richtung bewegte als ich selbst – jenen, der im Inneren existierte. Ich duschte, als der Morgen graute, und um Punkt sieben, als das Restaurant des Gästehauses öffnete, war ich dort. Rafis Gesicht umwölkte sich, als er mich sah, er zog sich hinter die Bar zurück, beschäftigte sich damit, Gläser abzutrocknen, und überließ es dem anderen Kellner, mich zu bedienen. Ich trödelte mit dem Kaffee, und da mein Appetit zurückgekehrt war, ging ich noch zweimal ans Büffet. Aber Rafi mied beharrlich meinen Blick. Erst als ich den Saal verließ, rannte er mir bis in den Flur hinterher. Miss!, rief er. Ich drehte mich um. Er knetete eine breite Hand mit der anderen, blickte über die Schulter zurück, ob wir allein waren. Bitte, stöhnte er, ich bitte Sie. Lassen Sie sich nicht mit ihm ein. Ich weiß nicht, was er Ihnen erzählt, aber er ist ein Lügner. Ein Lügner und ein Dieb. Er benutzt Sie, um mich vorzuführen. Ich war kurz vor einem Wutausbruch, was er meinem Gesicht angesehen haben muss, denn er beeilte sich, mir alles zu erklären. Er will meine eigene Tochter gegen mich aufbringen. Ich habe ihr verboten, ihn zu sehen, und er will – begann er, aber in diesem Moment näherte sich der Direktor des Gästehauses vom anderen Ende des Flurs, und der Kellner verbeugte sich, bevor er eiligen Schrittes verschwand.

Von da an hatte ich nichts anderes mehr im Sinn, als Adam zu verführen. Was war er schon, dieser Kellner? Eine summende Fliege, die um ein Begehren kreiste, das ich nicht mehr beherrschen konnte, nicht mehr beherrschen wollte, Euer Ehren, weil es das einzige Lebendige war, das in mir übrig blieb, und weil ich mich, solange es mich verzehrte, nicht mit jenem Blick auf mein Leben, der so unerträglich in den Mittelpunkt gerückt war, auseinandersetzen musste. Es bereitete mir sogar ein gewisses amüsiertes Vergnügen, dass es ausgerechnet einem Mann zufiel, der um mehr als die Hälfte jünger war als ich und mit dem ich nichts gemeinsam hatte, diese Leidenschaft in mir zu wecken. Ich kehrte auf mein Zimmer zurück und wartete; ich konnte warten, von mir aus den ganzen Tag und die ganze Nacht, es machte mir nichts. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit klingelte das Telefon, und ich nahm beim ersten Klingeln ab. Er sei in einer Stunde bei mir. Vielleicht wusste er, dass ich gewartet hatte, auch das war mir ziemlich egal. Ich wartete noch etwas. Anderthalb Stunden später kam er und fuhr mit mir zu einem Haus am Ende einer Gasse irgendwo außerhalb von Bezalel. Eine bunte Lichterkette hing im Feigenbaum, und eine Gruppe junger Leute saß essend an dem Tisch darunter. Eine kurze Vorstellung, von innen wurden Klappstühle geholt, an dem schon reichlich vollbesetzten Tisch wurde Platz für uns geschaffen. Ein Mädchen in einem dünnen roten Kleid und Schaftstiefeln sprach mich an. Sie schreiben über ihn?, fragte es ungläubig. Ich blickte über den Tisch zu Adam hinüber, der eine Flasche Bier trank – ich schmachtete, empfand aber zugleich die besondere Wärme zu wissen, dass ich mit ihm gekommen war und diejenige sein würde, mit der er wieder ging. Ich lächelte das Mädchen an, nahm mir Oliven und gesalzenen Käse. Sie schienen nett zu sein, diese jungen Leute, die einen Lügner und Dieb nicht in ihrem Kreis geduldet hätten; Rafi war ungerecht mit ihm gewesen. Die Nachspeise wurde nach draußen gebracht, dann Tee, und schließlich gab Adam mir ein Zeichen, wir müssten aufbrechen. Wir verabschiedeten uns von der Gesellschaft und gingen mit einem Jungen hinaus, der zu seinen langen blonden Rastalocken eine zierliche Brille trug. Er duckte sich in einen alten silbergrauen Mazda, ließ das Fenster herunter und winkte uns, wir sollten ihm folgen. Doch als wir in seine Wohnung kamen, war der fragliche Tisch auch dort nicht, und ich wartete, während Adam und der Rastalockige in der dreckigen kleinen Küche unter einem verjährten Kalender mit Bildern des Fudschijama einen Joint hin- und herwandern ließen. Sie diskutierten etwas in schnellem Hebräisch, anschließend ging der Junge weg und kam mit einem Schlüsselbund klimpernd wieder, einer Kette mit Davidsternanhänger, die er Adam zuwarf. Dann brachte er uns zur Tür, ließ eine Haschischwolke in den Flur wehen, und wir fuhren an einen dritten Ort, zu einer Gruppe hoher Wohnblocks oberhalb des Sacher-Parks, aus demselben blassgelben Stein wie alles andere in Jerusalem. In der mit Spiegeln verkleideten Kabine eines winzigen Aufzugs zusammengeworfen, fuhren wir in den fünfzehnten Stock hinauf. Der Flur war dunkel, und während Adam nach dem Schalter tastete, spürte ich ein so heftiges Verlangen, dass ich fast meine Arme ausgestreckt und ihn an mich gezogen hätte. Aber genau im richtigen Moment ging sirrend und flackernd das Neonlicht an, und mit einem der Schlüssel, die an dem kleinen metallischen Davidstern hingen, schloss Adam die Tür zu 15B auf.

Innen war es wieder dunkel, aber ich verlor den Mut, und so wartete ich, die Arme um mich selbst geschlungen, bis auch hier das Licht aufflackerte und wir uns, vollkommen unpassend zu der grellen Helligkeit, in einer mit schweren dunklen Möbeln vollgestopften Wohnung wiederfanden: bleiverglaste Mahagonivitrinen, gotische Stühle mit hohen Rückenlehnen, geschnitzten Pfosten und Gobelinbezügen auf den Sitzflächen. Die Metalljalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen, als wären die Bewohner auf unbestimmte Zeit abwesend. An den Wänden gab es kaum eine Handbreit freie Fläche, so überladen waren sie mit dick geschichteten Impasto-Früchten oder -Blumen, düsteren ländlichen Szenen, so düster, dass man meinen mochte, sie hätten den Rauch eines Feuers überlebt, und Radierungen von kleinwüchsigen buckligen Bettlern oder Kindern. Zwischen alledem hingen in einer unwahrscheinlichen Mischung billige Plexiglasrahmen mit vergrößerten Panoramaaufnahmen von Jerusalem, als wäre es den Bewohnern dieser Räume entgangen, dass das wirkliche Jerusalem direkt hinter den Jalousien lag, oder als hätten sie einen Pakt geschlossen, die Wirklichkeit draußen vor den Fenstern zu verleugnen und sich lieber weiterhin nach Eretz Israel zu sehnen, wie sie es während ihres langen Aufenthalts in wer weiß welchem jüdischen Teil Sibiriens, wo sie hergekommen waren, schon immer getan hatten, weil es ihnen jetzt, zu spät im Leben angekommen, nicht mehr gelang, sich den neuen Breitengraden ihrer Existenz anzupassen. Während ich die Ansammlung der farbverblichenen Kinderfotos auf dem Büffet betrachtete – lächelnde, rotwangige Kleinkinder und linkische B’nei Mizwa, die inzwischen wahrscheinlich eigene Kinder hatten –, verschwand Adam einen mit Teppichen belegten Flur hinunter. Nach ein paar Minuten rief er mich. Ich folgte seiner Stimme in ein kleines Zimmer mit Regalen voller Taschenbücher, auf deren aus den einzelnen Blöcken zusammengesetzter Oberfläche sich eine dicke Staubschicht gebildet hatte, die sogar im Licht der schwachen Lampe sichtbar war.

Das ist er, sagte Adam mit einer durch die Luft streichenden Handbewegung. Es war ein Tisch aus hellem Holz, dessen hochgeschobener Rollladen ein kompliziertes Einlegemuster offenbarte, das die ganze Zeit vor der gleichmacherischen Staubdecke geschützt gewesen war und irritierend glänzte, als wäre der Mensch, der daran gesessen hatte, eben erst aufgestanden und weggegangen. Na, sagte Adam, gefällt er Ihnen? Ich fuhr mit dem Finger über das Holzmuster, das sich glatt anfühlte wie aus einem und nicht den vielen hundert Stücken von wer weiß wie vielen Baumarten, deren es bedurft haben musste, um die ausgeklügelte Geometrie von Würfeln und Kreisen, sich verengenden und sich weitenden Spiralen, in sich selbst gefalteten und plötzlich wie ein Ausblick auf die Unendlichkeit expandierenden Flächen zu gestalten, deren verborgene Bedeutung ihr Schöpfer mit einer Überlagerung aus Vögeln, Löwen und Schlangen verdunkelt hatte. Nur zu, drängte Adam, setzen Sie sich dran. Ich war verlegen und wollte protestieren, an einem solchen Tisch könne ich ebenso wenig arbeiten, wie ich meine Einkaufsliste für den Lebensmittelmarkt mit einer Feder schreiben könne, die Kafka gehört habe, aber um ihn nicht zu enttäuschen, ließ ich mich auf den Stuhl sinken, den er herausgezogen hatte. Wem gehört er?, fragte ich. Niemandem, sagte er. Aber sicher wollen die Leute, die hier leben … Sie leben nicht mehr hier. Wo sind sie? Tot. Und warum sind dann die ganzen Sachen noch hier? Das ist Jeruschalajim, grinste Adam, wer weiß, ob sie nicht wiederkommen. Mich packte ein Gefühl von Platzangst, ich musste dringend raus hier, aber als ich aufstand und von dem Tisch zurücktrat, fiel Adams Gesicht zusammen. Was, gefällt er Ihnen nicht? Doch, sagte ich, er gefällt mir sehr. Also was?, sagte er. Er muss ein Vermögen kosten, sagte ich. Weil Sie es sind, wird er Ihnen einen guten Preis machen, erwiderte er mit einem Grinsen, und in seinen Augen blitzte etwas wie verrostet, aber scharf. Wer? Gad. Wer ist Gad? Der, den Sie eben gesehen haben. Aber wer ist er für diese Leute? Der Enkelsohn, sagte er. Warum würde er dann nur den Tisch verkaufen wollen? Adam zuckte mit den Schultern und schloss gewandt den Rollladen. Wie soll ich das wissen?, sagte er. Wahrscheinlich hat er für den Rest noch keine Zeit gehabt.

Adam unternahm eine ausgiebige Besichtigung, öffnete die Schubladen des Büffets und bediente den zierlichen Schlüssel eines Glasschranks, um die Judaika zu inspizieren. Er benutzte das Klo, erleichterte sich in einem langen Strahl, den ich durch die halb offen gelassene Tür hörte. Dann verließen wir die Wohnung, indem wir sie der Dunkelheit zurückgaben. Aber im Aufzug nach unten diskutierten wir wieder über den Schreibtisch, und als das Gespräch in einer schummrigen Bar weiterging, zu anderen Themen wechselte, aber immer wieder zu dem Schreibtisch zurückkehrte, entwickelte sich langsam ein prickelndes Gefühl: der Kitzel des unausgesprochenen Etwas, um das es, wie ich glaubte, eigentlich ging und für die der Tisch mit seinen verborgenen Bedeutungen nur ein Stellvertreter war.

 

Mit den folgenden Tagen und Nächten will ich Sie, Euer Ehren, weitgehend verschonen, ohne aber mich zu schonen:

Da sitzen wir in einem teuren italienischen Restaurant, und Adam, im selben Hemd und denselben Jeans, die er schon vier Tage am Stück getragen hat, stößt mit seinem Bier an mein Weinglas an und fragt mit einem konspirativen Lächeln, ob ich schon auf den Dreh gekommen sei für die Geschichte, deren Held er werden soll. Während wir uns ein Tiramisu mit zwei Löffeln teilen (wobei ich ihm das meiste überlasse), kommt er wie ein Leierkastenmann mit begrenztem Repertoire auf den Tisch zurück. Nachdem er die Lage erkundet hat, glaubt er, er könne Gad dazu bewegen, mit dem Preis noch ein bisschen herunterzugehen, obwohl man nicht vergessen dürfe, es sei ja immerhin ein antikes Unikat, ein Meisterwerk, das auf dem freien Markt ein Vielfaches einbringen würde. Ich spiele mit, tue so, als ließe ich mich von seinen Verkaufskünsten beeindrucken, während ich unter dem Tisch nach seinem Fuß suche. Solange ich mich selbst fast glauben lasse, was ich sage, ist alles gut, zumindest bis ich mich plötzlich mit einem Anfall von Übelkeit daran erinnere, dass ich nicht weiß, ob ich je wieder etwas schreiben werde.

Da sitzen wir beim Mittagessen im Café des Ticho-Hauses, einem der beliebtesten Treffpunkte für Schriftsteller, wie Adam von einem Freund gehört hat. Ich trage ein bauschiges Blumenkleid und eine purpurrote Zugbeuteltasche aus feinem Velours, mit Goldbrokat, die ich im Schaufenster einer Boutique entdeckt und mir am Vortag gekauft habe. Seit ewigen Zeiten habe ich mir nichts Neues mehr gekauft, und es ist aufregend und seltsam, diese Sachen zu tragen, wie ein neuer Anfang, als könnte es so einfach sein, mein Leben zu verändern. Die Träger rutschen von den Schultern, und ich lasse sie. Adam spielt mit seinem Handy, steht auf, um einen Anruf zu machen, kommt wieder und schüttet mir den Rest sprudelndes Mineralwasser ins Glas. Irgendwo, irgendwie hat jemand ihm die Rudimente ritterlicher Höflichkeit beigebracht, und er hat sie genommen, sie zurechtgestutzt und seinen eigenen unberechenbaren Regeln unterworfen. Wenn wir die Straße entlanggehen, rennt er mir voraus. Aber sobald wir an eine Tür kommen, hält er sie auf und wartet, egal wie lange ich brauche, bis ich ihn eingeholt habe und hindurchgehe. Oft reden wir nichts. Es ist nicht das Reden, was mich interessiert.

Da sind wir in einer Bar an der Heleni Ha’Malka. Einige von Adams Freunden kommen herein, dieselben, die ich am Tisch unter dem Feigenbaum kennengelernt hatte, das Mädchen mit dem dünnen roten Kleid (jetzt ist es ein gelbes) und ihre Freundin mit einem dunklen Pony über der Stirn. Zur Begrüßung küssen sie mich auf die Wange, als wäre ich eine von ihnen. Die Band hält ihren Einzug auf der Bühne, Trommeln setzen ein, und bei den ersten Klängen der Gitarre beginnt die wachsende Menge zu klatschen, jemand pfeift von hinter der Bar, und obwohl ich weiß, dass ich keine von ihnen, sondern in ihrer Mitte ein vollkommener Fremdkörper bin, erfüllt mich ein Gefühl von Dankbarkeit, so umstandslos akzeptiert zu werden. Ich empfinde ein dringendes Bedürfnis, das Mädchen in dem gelben Kleid bei der Hand zu fassen und ihm etwas zuzuflüstern, aber mir fallen nicht die richtigen Worte ein. Die Musik wird lauter und fetziger, der Frontsänger schreit mit rauer Stimme, und auch wenn ich mich nicht von den anderen unterscheiden will, kann ich mir nicht helfen, ich finde, er geht ein bisschen weit, er überzieht die Sache etwas, und so bahne ich mir einen Weg an die Bar, um mir einen Drink zu holen. Als ich mich umwende, steht das Mädchen mit dem dunklen Pony neben mir. Sie ruft mir etwas zu, aber die Musik übertönt ihre leise Stimme. Was?, rufe ich zurück, jetzt bemüht, ihr von den Lippen abzulesen, und sie wiederholt es, bricht dabei in Kichern aus, irgendetwas über Adam, aber ich habe immer noch nicht verstanden, und so hebt sie sich beim dritten Mal auf die Fußspitzen, direkt an mein Ohr, und schreit: Er liebt seine Cousine!, dann sinkt sie, ihr Lächeln hinter der Hand verbergend, auf die Absätze zurück und schaut, ob ich’s gehört habe. Ich suche mit den Augen die Menge ab, und als ich Adam entdecke, der sein Feuerzeug in die Höhe hält, während der Sänger schnulzig wird, wende ich mich wieder dem Mädchen zu, erwidere ihr Lächeln und erkläre ihr mit einem Blick, wenn sie glaube, die ganze Geschichte zu kennen, habe sie sich geirrt. Ich gehe weg. Ich trinke mein Glas aus und dann ein zweites. Der Sänger verfällt wieder in extremes Geschrei, aber die Musik wird runder, fröhlicher, und als Adam plötzlich von hinten meine Hand packt und mich nach draußen zieht, weiß ich, jetzt muss ich nicht mehr lange warten. Wir steigen aufs Motorrad – inzwischen mache ich das wie nichts, schwinge mich drauf und schmiege mich an ihn –, und ich brauche nicht zu fragen, wohin wir fahren, weil ich zu allem bereit bin.

Und auf einmal sind wir wieder in dem grausig beleuchteten Betoneingang, der zu Gads Wohnung führt. Wir steigen die Treppen hinauf, Adam singt in schiefen Tönen, nimmt zwei Stufen auf einmal. Ich bin außer Atem. Drinnen ist alles wie gehabt, nur dass Gad nicht zu Hause ist. Adam sucht etwas, kramt in Schubladen und Regalen, während ich die Stereoanlage einschalte und auf Play drücke, so sicher bin ich, was er sucht und was passieren wird. Die CD springt an, aus den Lautsprechern ertönt Musik; mag sein, dass ich anfange, mich zu wiegen oder zu tanzen. Stell das aus, sagt Adam, der von hinten an mich herantritt, aber ehe ich ihn fühlen kann, rieche ich ihn, wie ein Tier. Warum?, frage ich und drehe mich mit einem koketten Lächeln um. Darum, sagt er, und ich denke: Dann eben in der Stille, umso besser. Ich strecke mich nach ihm und nehme sein Gesicht zwischen meine Hände. Mit einem Stöhnen presse ich meinen Körper an seinen und versuche, in den unteren Regionen etwas Hartes aufzuspüren, ich öffne meine Lippen und drücke sie auf seine, meine Zunge schiebt sich vor und fühlt, wie heiß es ist in seinem Mund; ich war ausgehungert, Euer Ehren, ich wollte alles auf einmal.

Es währt nur einen Augenblick. Dann schubst er mich weg. Hau ab, lass mich los, knurrt er. Ich begreife nicht, strecke mich wieder nach ihm aus. Mit der flachen Hand schiebt er mein Gesicht zurück, so gewaltsam, dass ich rückwärts auf das Sofa falle. Er wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab, wobei er in der Hand, wie ich jetzt sehe, die Schlüssel zu der Wohnung mit den Möbeln der Verstorbenen hält. Ganz von ferne dämmert es mir, dass sie in Wirklichkeit gar nicht tot sind. Sind Sie verrückt geworden?, zischt er mit einem feindseligen Glanz in den Augen – und noch etwas, was ich gut kenne, aber nicht sofort unterbringen kann. Sie könnten meine Mutter sein, spuckt er, und da erkenne ich, es ist Ekel.

Ich liege ausgestreckt auf dem Sofa, erstaunt und gedemütigt. Er wendet sich zum Gehen, aber an der Tür hält er inne. Die purpurrote Velourstasche liegt im Eingang, wo ich sie beim Hereinkommen gelassen habe. Er hebt sie auf. In seinen Händen wird sie das, was sie an mir immer gewesen sein muss: absurd und lächerlich. Die Augen unentwegt auf mich geheftet, vergräbt er die Hand bis zum Unterarm in ihrem Inneren und wühlt es durch. Als er nicht findet, was er sucht, dreht er die Tasche auf den Kopf und streut den Inhalt auf den Fußboden. Geschwind beugt er sich vor und greift sich meine Geldbörse. Dann wirft er die Tasche hin, versetzt ihr einen Stiefeltritt, um sie aus dem Weg zu räumen, geht mit einem letzten angewiderten Blick in meine Richtung hinaus und knallt die Tür hinter sich zu. Mein Lippenstift rollt weiter, bis er an die Wand stößt.

Der Rest ist kaum von Belang, Euer Ehren. Ich will nur sagen, dass die Verheerung mich zerriss, das Gebäude zum Einsturz brachte. Was war er letztlich schon? Nichts als eine Illusion, die ich heraufbeschworen hatte, um die Antwort zu liefern, die ich mir selbst nicht geben konnte, obwohl ich sie die ganze Zeit gewusst hatte. Als ich mich endlich aufrappelte und mir mit zitternden Händen in der Küche ein Glas Leitungswasser holte, fiel mir ein kleiner Tisch ins Auge, auf dem etwas Kleingeld und Gads Autoschlüssel lagen. Ich zögerte nicht. Ich nahm ihn und ging am verstreuten Inhalt meiner Handtasche vorbei aus der Wohnung. Das Auto war gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite geparkt. Ich schloss es auf und setzte mich ans Steuer. Im Rückspiegel sah ich mein vom Weinen verquollenes Gesicht, mein Haar war verfilzt, das Grau schimmerte durch. Jetzt bin ich eine alte Frau, dachte ich. Heute bin ich eine alte Frau geworden, und fast hätte ich gelacht, ein kaltes Lachen, das der Kälte meines Inneren entsprach.

Über die Bordkante rumpelnd, lenkte ich das Auto auf die Fahrspur. Ich folgte einer Straße und dann einer anderen. Als ich an eine mir vertraute Kreuzung kam, bog ich in Richtung Ein Karem ab. Ich dachte an den alten Mann in der Ha’Oren-Straße. Ich wollte nicht zu ihm, aber ich fuhr dorthin. Bald hatte ich mich verirrt. Die Scheinwerfer glitten über Baumstämme, die Straße führte zum Jerusalemer Wald und fiel auf einer Seite ab, wo es den Hang in eine Schlucht hinunterging. Ein Ruck am Steuer hätte genügt, um das Auto in die dunkle Tiefe zu stürzen. Mit verkrampften Fingern ans Lenkrad geklammert, stellte ich mir den durch die Finsternis hüpfenden Lichtkegel vor, die nach oben gekehrt im Leeren sich drehenden Räder. Aber was es auch sei, was einen Menschen fähig macht, sich auszulöschen – ich habe es nicht. Ich fuhr weiter. Aus irgendeinem Grund dachte ich an meine Großmutter, die ich, bevor sie starb, regelmäßig an der West End Avenue besucht hatte. Ich dachte an meine Kindheit, an meine Mutter und an meinen Vater, die inzwischen beide tot sind, aber deren Kind ich genauso unentrinnbar bin und bleibe, wie ich den ekelhaft vertrauten Dimensionen meines Geistes nicht entrinnen kann. Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt, Euer Ehren. Ich weiß, dass sich für mich nichts ändern wird. Dass sich bald, vielleicht nicht morgen oder nächste Woche, aber schon sehr bald die Wände um mich und das Dach über mir wieder schließen und genauso sein werden, wie sie vorher waren, und dass die Antwort auf die Frage, die alles zum Einstürzen gebracht hat, in einer Schublade verschwinden wird, weggesteckt und weggeschlossen. Dass ich so weitermachen werde wie immer, mit oder ohne den Schreibtisch. Verstehen Sie, Euer Ehren? Sehen Sie, dass es zu spät für mich ist? Was sonst würde ich werden? Wer würde ich sein?

Eben haben Sie die Augen aufgeschlagen. Dunkle, graue Augen, vollkommen wach, die mich einen Moment mit ihrem Blick umfingen und auf mir haften blieben. Dann schlossen sie sich wieder, und Sie dämmerten hinweg. Vielleicht spüren Sie, dass ich zum Ende komme, dass die Geschichte, die von Anfang an auf Sie zugerast ist, gleich um die Straßenkurve biegt, wo sie schließlich mit Ihnen zusammenstößt. Ja, weinend und zähneknirschend wollte ich Sie um Verzeihung bitten, Euer Ehren, und was herauskam, war eine Geschichte. Ich wollte nach dem beurteilt werden, was ich aus meinem Leben gemacht habe, aber nun wird sich das Urteil darauf gründen, wie ich es beschrieben habe. Aber vielleicht ist es recht so. Wenn Sie sprechen könnten, würden Sie vielleicht sagen: So ist das Leben nun einmal. Nur vor Gott stehen wir ohne Geschichten. Aber ich bin nicht gläubig, Euer Ehren.

Die Schwester wird bald kommen und eine neue Dosis Morphium verabreichen, Ihre Wange mit der sanften Leichtigkeit berühren, die denen eigen ist, die es zu ihrem Lebenszweck gemacht haben, sich um andere zu kümmern. Sie sagte, morgen würde man Sie aufwecken, und nun ist es schon beinahe morgen. Sie wusch das Blut von meinen Händen. Sie nahm eine Bürste aus ihrer Tasche und strich mir damit übers Haar, genau wie meine Mutter es immer gemacht hatte. Ich langte hinauf und hielt ihre Hand ruhig. Ich bin diejenige, die – begann ich zu sagen, aber da brach ich ab.

Sie standen wie angenagelt im Scheinwerferlicht, so still, dass ich in dem Bruchteil einer Sekunde, der mir zum Denken blieb, dachte, Sie hätten auf mich gewartet. Dann das Kreischen der Bremsen, der Aufprall des Körpers. Das Auto rutschte und blieb stehen. Mein Kopf stieß gegen das Lenkrad. Was habe ich getan? Die Straße war leer. Wie lange dauerte es, bis ich das vor Schmerzen abgrundtiefe Stöhnen hörte und begriff, dass Sie am Leben waren? Bis ich Sie zusammengebrochen im Gras fand und Ihren Kopf in meine Hände nahm? Bis zum Heulen der Sirene, zu den roten Streifen der Rücklichter, zum Morgengrauen, das durchs Fenster fiel, als ich erstmals Ihr Gesicht sah? Was habe ich getan? Was habe ich getan?

Alles scharte sich um Sie. Man hängte Sie wieder ans Leben wie einen Mantel, der vom Haken gefallen ist.

Sprechen Sie mit ihm, sagte sie, während sie die lockere Elektrode auf Ihrer Brust fixierte. Es tut ihm gut, Sie zu hören. Gut? Sie sagte: Es tut Ihnen gut zu sprechen. Worüber? Sprechen Sie einfach. Wie lange?, fragte ich, obwohl ich wusste, dass ich an Ihrer Seite bleiben würde, solange sie mich ließen, bis Ihre wahre Frau oder Geliebte kam. Sein Vater ist unterwegs, sagte sie und schloss die Vorhänge um uns. Für tausendundeine Nacht, dachte ich. Und länger.