80
Das Licht der Welt
»Schläft er?«
»Nein. Er ist nur benommen und döst vor sich hin. Er kriegt vorübergehend Dilaudid, um den Schmerz zu lindern. Wenn Sie mit ihm reden, wird er Sie hören.«
Das war wahr. So wahr, dass er lächeln musste. Doch die Droge wirkte nicht nur schmerzlindernd. Sie verwandelte den Schmerz in eine Welle der Zufriedenheit. Es war okay. So okay, dass er lächeln musste.
»Ich will ihn nicht stören.«
»Sagen Sie einfach, was Sie sagen wollen. Er versteht Sie gut, und es stört ihn nicht.«
Er kannte die Stimmen. Die Stimmen von Val Perry und Madeleine. Wunderbare Stimmen.
Val Perrys wunderbare Stimme. »David? Ich bin gekommen, um mich zu bedanken.« Lange Stille. Die Stille eines fernen Segelboots am blauen Horizont. »Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Ich lasse Ihnen einen Umschlag da. Ich hoffe, es ist genug. Zehnmal so viel wie ausgemacht. Wenn es nicht genug ist, lassen Sie es mich wissen.« Wieder Schweigen. Leises Seufzen. Das Seufzen einer Brise über einem roten Mohnfeld. »Danke für alles.«
Er konnte nicht erkennen, wo sein Körper endete und das Bett begann. Er konnte nicht einmal erkennen, ob er atmete.
Dann erwachte er und richtete den Blick auf Madeleine.
»Jack ist hier«, sagte sie. »Jack Hardwick vom BCI. Kannst du mit ihm reden? Oder soll er morgen wiederkommen?«
Er erkannte die Gestalt in der Tür, den grauen Bürstenschnitt, das rötliche Gesicht, die eisblauen Malamutaugen.
»Das passt schon.« Er bemerkte, dass seine Gedanken klarer wurden.
Mit einem Nicken trat Madeleine beiseite. »Ich schau mal runter und hol mir einen furchtbaren Kaffee. Bin gleich wieder da.«
Hardwick kam zum Bett und hob eine bandagierte Hand. »Das weißt du wahrscheinlich noch gar nicht. Eine von diesen Scheißkugeln ist durch dich durchgegangen und hat mich erwischt.«
Gurney betrachtete die Hand, aber die Verletzung war wohl nicht so schlimm. Er erinnerte sich, wie Marian Eliot Hardwick genannt hatte: ein schlaues Rhinozeros. Er fing an zu lachen. Anscheinend war die Dilaudidzufuhr stark gedrosselt worden, denn es tat weh. »Irgendwelche Neuigkeiten, die mich interessieren könnten?«
»Du hast kein Mitgefühl, Gurney.« In gespielter Betrübtheit schüttelte Hardwick den Kopf. »Ist dir eigentlich klar, dass du Giotto Skard das Rückgrat gebrochen hast?«
»Als ich ihn die Treppe runtergestoßen habe?«
»Du hast ihn nicht runtergestoßen. Du bist auf ihm die Stufen runtergefahren wie auf einem Schlitten. Und jetzt sitzt er querschnittgelähmt im Rollstuhl, genau wie du es ihm prophezeit hast. Und da hat er sich wohl Gedanken gemacht über die andere kleine Unannehmlichkeit, die du erwähnt hattest – dass ihm die Mitgefangenen vielleicht gelegentlich ins Gesicht pinkeln könnten. Kurz gesagt, er hat eine Abmachung mit dem Bezirksstaatsanwalt getroffen, damit er bei seiner lebenslänglichen Haft ohne Möglichkeit auf Entlassung nicht mit den normalen Knackis in Berührung kommt.«
»Was für eine Abmachung?«
»Er hat uns die Namen der besonderen Kunden von Karnala gegeben. Die Leute, die gern aufs Ganze gehen.«
»Und?«
»Einige von den Mädchen, die wir bei diesen Typen gefunden haben, waren noch am Leben.«
»Das war die Abmachung?«
»Und er musste den Rest der Organisation hinhängen. Sofort.«
»Er hat seine anderen zwei Söhne verraten?«
»Ohne mit der Wimper zu zucken. Giotto Skard kennt keine Sentimentalität.«
Gurney lächelte angesichts dieser Untertreibung.
Hardwick fuhr fort. »Aber eins ist mir noch nicht klar. Wenn er in geschäftlichen Dingen so … praktisch war und Leonardo so verrückt, warum hat Giotto ihn nicht sofort umgelegt, als er davon gehört hat, dass Leonardo die Karnala-Kunden per Vertrag aufgefordert hat, die Opfer zu enthaupten?«
»Ganz einfach. Das Huhn, das goldene Eier legt, bringt man nicht um.«
»Mit Huhn meinst du Leonardo, alias Dr. Scott Ashton?«
»Ashton war sehr angesehen in seinem Fach, der Magnet von Mapleshade. Nach seinem Tod hätte die Schule vielleicht geschlossen … Eine sprudelnde Quelle für kranke junge Frauen wäre versiegt.« Gurney fielen kurz die Augen zu. »Das konnte Giotto … nicht riskieren.«
»Und warum hat er ihn dann doch umgebracht?«
»Alles aufgelöst … in Rauch aufgegangen. Keine goldenen Eier mehr.«
»Alles in Ordnung, Kumpel? Du klingst ein bisschen benommen.«
»Bestens. Ohne goldene Eier … wird das durchgeknallte Huhn … zur Belastung. Schaden und Nutzen. Am Ende … in der Kapelle fand Giotto seinen Sohn nur noch schädlich. Sache ist gekippt … Auf einmal war er tot nützlicher als lebend.«
Hardwick brummte versonnen. »Wirklich ein praktisch denkender Irrer.«
»Ja.« Nach längerem Schweigen fragte Gurney: »Hat Giotto sonst noch jemanden hingehängt?«
»Saul Steck. Zusammen mit ein paar Jungs von NYPD haben wir ihn in dem Sandsteinhaus aufgespürt. Dummerweise hat er sich erschossen, bevor wir bei ihm waren. Aber da gibt’s eine interessante Sache. Ich hab dir doch erzählt, dass er nach seiner Verhaftung wegen mehrfacher Vergewaltigung in einer psychiatrischen Klinik war. Jetzt rate mal, wer der Fachberater für die Therapie von Sexualstraftätern war.«
»Ashton?«
»Höchstpersönlich. Wahrscheinlich hat er Saul dabei ziemlich gut kennengelernt und sich gedacht, bei dem Potenzial kann man schon mal eine Ausnahme von der Regel machen, dass in der Organisation der Skards nur Familienmitglieder tätig sein dürfen. Und man muss zugeben, dass der Mann ein echter Menschenkenner war. Hat einen nützlichen psychopathischen Drecksack schon aus einer Meile Entfernung gerochen.«
»Hast du was über Sauls ›Töchter‹ rausgefunden?«
»Vielleicht waren das neue Mapleshade-Absolventinnen, die ein Praktikum gemacht haben, wer weiß? Als wir angerückt sind, waren sie weg, und ich wäre ziemlich überrascht, wenn sie wieder auftauchen würden.«
Für Gurney klangen diese Worte wie ein Beruhigungsversuch, doch selbst in seinem sanften Dilaudid-Dunst konnten sie ihn nicht ganz besänftigen. Verlegenes Schweigen trat ein. Schließlich raffte sich Gurney zu einer Frage auf. »Habt ihr in dem Haus was Interessantes gefunden?«
»Was Interessantes? Allerdings. Viele interessante Videos. Junge Damen, die detailliert ihre Vorlieben beschreiben. Krankes Zeug. Echt krankes Zeug.«
Gurney nickte. »Und sonst?«
Hardwick schob die Schultern zu einem übertriebenen Achselzucken hoch. »Könnte sein. Wer weiß? Man strengt sich an, dass man den Überblick behält. Aber manchmal verschwindet einfach was. Wird nie erfasst. Wird aus Versehen vernichtet. Du weißt ja selbst, wie das ist.«
Beide blieben eine Weile stumm.
Hardwicks Blick wanderte durchs Zimmer und kehrte schließlich zu Gurney auf dem Krankenbett zurück. Er schien nachdenklich, dann amüsiert. »Weißt du, Gurney, die meisten Leute haben gar keine Ahnung, wie verkorkst du bist.«
»Sind wir das nicht alle?«
»Auf keinen Fall! Nimm mich zum Beispiel. Rein äußerlich bin ich vielleicht ziemlich verkorkst, aber tief drinnen bin ich ein Fels. Eine fein abgestimmte, ausgeglichene Maschine.«
»Wenn du ausgeglichen bist …« Normalerweise hätte Gurney vielleicht eine treffende Erwiderung gefunden, aber das Dilaudid behinderte seinen Denkfluss, und er verstummte einfach.
Nachdem sie sich noch eine Weile in die Augen geschaut hatten, machte Hardwick einen Schritt zurück. »Also, bis demnächst irgendwann.«
»Klar.«
Kurz vor der Tür wandte er sich noch einmal um. »Entspann dich, Sherlock. Alles unter Kontrolle.«
»Danke, Jack.«
Einige Minuten nach Hardwicks Abschied kehrte Madeleine mit einem kleinen Becher Kaffee zurück. Mit leicht gerümpfter Nase stellte sie ihn auf ein Metalltischchen in der Ecke.
Gurney lächelte. »Nicht besonders?«
Statt einer Antwort trat sie ans Bett. Sie nahm seine Hände in ihre und umschloss sie fest.
Lange stand sie einfach nur bei ihm und hielt seine Hände.
War es eine Minute oder eine Stunde? Er wusste es nicht.
Alles, was er wahrnahm, war ihr unerschütterliches, liebevolles Lächeln – ein Lächeln, das so nur auf ihrem Gesicht erstrahlte.
Es umhüllte ihn, wärmte ihn, beglückte ihn wie nichts anderes auf Erden.
Er staunte, dass eine Frau, die alles so klar erkannte und das Licht der Welt in ihren Augen trug, etwas in ihm sah, das so ein Lächeln verdiente.
Es war ein Lächeln, das in einem Mann den Glauben wecken konnte, dass das Leben schön war.