32
Heilloser Irrsinn

Am nächsten Tag brach Gurney um halb zwölf zu seiner Verabredung mit Simon Kale auf, was ihm etwas mehr als eine Stunde für die Fahrt nach Cooperstown ließ. Unterwegs trank er einen Magnumbecher der Abelard’s-Hausmischung, und als der Lake Otsego in Sicht kam, war er wach genug, um die klassischen Septemberbilder mit blauem Himmel und rötlichen Ahornbäumen wahrzunehmen.

Am von Schierlingstannen beschatteten Westufer leitete ihn sein GPS zu einem kleinen weißen Kolonialbau auf einer eigenen, zweitausend Quadratmeter großen Halbinsel. Die offenen Garagentüren zeigten einen funkelnden grünen Miata-Sportwagen und einen schwarzen Volvo. Am Rand der Auffahrt parkte ein roter VW Käfer. Als Gurney hinter dem Käfer stoppte, kam ein eleganter grauhaariger Mann mit zwei Leinenbeuteln aus der Garage.

»Detective Gurney, wie ich annehme?«

»Dr. Kale?«

»Richtig.« Nach einem flüchtigen Lächeln schritt er auf einem Plattenweg voran zur offenen Seitentür des Hauses. Drinnen wirkte alles sehr alt, aber sorgfältig gepflegt, mit den für das achtzehnte Jahrhundert typischen niedrigen Decken und handgefertigten Balken. Sie standen in einer Küche mit einem riesigen offenen Kamin und einem Chrom-und-Email-Gasherd aus den Dreißigerjahren. Aus einem anderen Zimmer drangen, auf Flöte gespielt, unverkennbar Bruchstücke von Amazing Grace.

Kale stellte seine Beutel auf den Tisch. Sie trugen das Logo des Adirondack Symphony Orchestras. In einem waren Gemüse und Baguette zu erkennen, im anderen Weinflaschen. »Die Bestandteile des Abendessens. Ich wurde zum Jagen und Sammeln ausgesandt«, bemerkte er schelmisch. »Ich koche nicht. Mein Partner Adrian ist sowohl Küchenchef als auch Flötist.«

»Ist er das?« Gurney neigte den Kopf in die Richtung der Töne.

»Nein, nein, Adrian spielt viel besser. Das muss die Zwölf-Uhr-Schülerin sein, die mit dem Käfer.«

»Mit dem …?«

»Das Auto vor Ihrem, das putzige rote Ding.«

»Ach so«, antwortete Gurney. »Dann bleibt für Sie der Volvo und der Miata für Ihren Partner.«

»Sind Sie sicher, dass es nicht andersherum ist?«

»Ziemlich.«

»Interessant. Was an mir schreit Ihnen ›Volvo‹ entgegen?«

»Sie sind aus der Volvo-Seite der Garage gekommen.«

Kale stieß ein schrilles Gackern aus. »Dann sind Sie also kein Hellseher?«

»Eher nicht.«

»Mögen Sie Tee? Nein? Dann kommen Sie bitte mit in den Salon.«

Der Salon erwies sich als ein kleiner Raum neben der Küche. Zwei Lehnsessel mit Blumenmuster, zwei gepolsterte Fußbänke, ein Teetisch, ein Bücherschrank und ein kleiner, rot emaillierter Holzofen füllten ihn fast ganz aus. Kale winkte Gurney zu einem Sessel und ließ sich in dem zweiten nieder.

»Nun, Detective, der Zweck Ihres Besuchs?«

Zum ersten Mal fiel Gurney auf, dass Simon Kales Augen im Gegensatz zu seinem etwas überspannten Gehabe nüchtern und taxierend wirkten. Diesen Mann konnte man bestimmt nicht leicht um den Finger wickeln. Allerdings bot seine am Telefon verratene Abneigung gegen Ashton vielleicht einen hilfreichen Ansatz.

»Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, was der Zweck ist. Vielleicht ist es wie mit Pornografie: Man erkennt es, wenn man es sieht.« Gurney zuckte die Achseln. »Oder ich muss mit leeren Händen abziehen.«

Kale musterte ihn. »Übertreiben Sie es mal nicht mit der Bescheidenheit.«

Gurney war erstaunt von dem Seitenhieb, blieb aber höflich. »Ehrlich gesagt ist es mehr Ahnungslosigkeit als Bescheidenheit. Bei diesem Fall gibt es so verdammt vieles, was ich nicht weiß – was niemand weiß.«

»Außer der Schurke?« Kale schaute auf die Uhr. »Haben Sie Fragen, die Sie mir stellen wollen?«

»Mich würde alles interessieren, was Sie mir über Mapleshade erzählen können – wer die Schule besucht, wer dort arbeitet, worum es geht, was Sie dort gemacht haben, warum Sie gegangen sind.«

»Mapleshade vor oder nach der Ankunft von Scott Ashton?«

»Beides, aber vor allem zu der Zeit, als Jillian Perry Schülerin dort war.«

Gedankenvoll leckte sich Kale die Lippen. »Ich möchte es so zusammenfassen: In den achtzehn oder zwanzig Jahren, in denen ich an der Mapleshade Academy unterrichtet habe, war es eine nützliche therapeutische Umgebung für die Besserung eines breiten Spektrums leichter bis mäßiger emotionaler Probleme und Verhaltensauffälligkeiten. Vor fünf Jahren ist Scott Ashton mit großem Trara auf der Szene erschienen, ein berühmter Psychiater und avancierter Theoretiker, der die Schule zur ersten Adresse auf diesem Gebiet machen sollte. Doch nachdem er Fuß gefasst hatte, hat er den Schwerpunkt auf immer kränkere Jugendliche verlagert – gewalttätige, manipulative Missbraucher von Kindern, hochsexualisierte junge Frauen mit einer weit zurückreichenden Vergangenheit als Opfer und Täterinnen. Scott Ashton hat aus unserer Schule mit ihren großen Erfolgen bei Problemkindern ein bedrückendes Sammelbecken für Sexsüchtige und Soziopathen gemacht.«

Gurney fand, dass das nach einer sorgsam ausgedachten und durch Wiederholung ausgefeilten Rede klang, doch sie schien von echtem Gefühl getragen. Kales schelmisches Auftreten war zumindest vorübergehend von gerechtem Zorn verdrängt worden.

In die Stille nach der Tirade strömte aus dem anderen Zimmer die ergreifende Melodie von Danny Boy.

Leise sickerte sie in Gurney ein und raubte ihm die Kraft, bis er glaubte, die Befragung abbrechen und aus dem Haus fliehen zu müssen. Fünfzehn Jahre lag der Tod seines Sohnes zurück, und noch immer war das Lied unerträglich für ihn. Doch dann brach das Flötenspiel jäh ab. Kaum noch atmend saß er da wie ein Soldat im Schützengraben, der auf die nächste Granate wartet.

»Stimmt etwas nicht?« Kale beobachtete ihn neugierig.

Einer ersten Regung folgend wollte Gurney lügen, die Wunde verbergen. Aber dann überlegte er es sich anders. Die Wahrheit war die Wahrheit. Man musste sich zu ihr bekennen. »Ich hatte einen Sohn, der so hieß.«

Kale wirkte verblüfft. »Wie hieß?«

»Danny.«

»Ich verstehe nicht.«

»Das Lied … es … Unwichtig. Eine alte Erinnerung. Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Sie haben gerade … den Übergang von einer Klientel zu einer anderen beschrieben.«

Kale runzelte die Stirn. »Übergang, wirklich ein wohlwollender Begriff für so eine massive Verlagerung.«

»Aber die Schule hat immer noch Erfolg?«

Kales Lächeln glitzerte wie blankes Eis. »Mit der Unterbringung der gestörten Töchter schuldbewusster Eltern lässt sich viel Geld verdienen. Je beängstigender sie sich verhalten, desto mehr zahlen die Eltern, um sie loszuwerden.«

»Unabhängig davon, ob sie sich erholen?«

Kale lachte auf. »Ich darf ganz offen sein, Detective, um jeden Rest von Zweifel darüber zu zerstreuen, womit wir es hier zu tun haben. Wenn Sie herausfinden, dass Ihr zwölfjähriges Kind Fünfjährige vergewaltigt hat, wird Ihnen unter Umständen kein finanzieller Aufwand zu groß sein, um dieses verrückte Kind ein paar Jahre aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Solche Kinder kommen an die Mapleshade Academy?«

»Genau.«

»Gehörte auch Jillian Perry zu ihnen?«

In Kales Gesicht zuckte es. »Die Erwähnung von Schülernamen in diesem Kontext bringt uns an den Rand eines rechtlichen Minenfelds. Leider sehe ich mich außerstande, diese Frage zu beantworten.«

»Ich habe bereits eine zuverlässige Beschreibung von Jillians Verhalten. Ich erwähne sie nur wegen des zeitlichen Rahmens. War sie nicht schon in Mapleshade, bevor Dr. Ashton die Ausrichtung der Schule verändert hat?«

»Das stimmt. Ohne mich genauer zur kleinen Perry zu äußern, kann ich sagen, dass Mapleshade von jeher Schüler mit einem breiten Spektrum von Problemen angenommen hat. Es gab also immer einige, die viel kränker waren als die anderen. Ashton hat den Schwerpunkt dann ganz auf die Schwerkranken verlegt. Wenn man denen ein Gramm Koks gibt, dann verführen sie einen Gaul. Ist Ihre Frage damit beantwortet?«

Nachdenklich fixierte Gurney den roten Holzofen. »Ich verstehe, dass Sie sich ungern über Vertraulichkeitsgrundsätze hinwegsetzen wollen. Aber Jillian Perry kann nicht mehr geschädigt werden, und der Erfolg der Fahndung nach ihrem Mörder hängt vielleicht davon ab, wie viel ich über ihre vergangenen Kontakte herausfinden kann. Wenn Ihnen Jillian je etwas anvertraut …«

»Halt! Was mir anvertraut wurde, bleibt geheim.«

»Es steht viel auf dem Spiel, Doktor.«

»Allerdings. Meine Integrität. Ich werde nichts preisgeben, was mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt wurde. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Leider ja.«

»Wenn Sie mehr über die Mapleshade Academy und ihre Umgestaltung von einer Schule in einen Zoo erfahren wollen, können wir in allgemeinen Worten darüber sprechen. Aber Einzelpersonen müssen unberührt bleiben. Wir leben in einer Welt, in der man leicht ins Rutschen geraten kann, Detective. Und den einzigen Halt bieten uns unsere Prinzipien.«

»Welches Prinzip hat Sie zu Ihrem Abschied von der Schule bewegt?«

»Mapleshade wurde zu einem Heim für sexuelle Psychopathen. Die meisten von Ihnen brauchen keine Therapeuten, sondern Exorzisten.«

»Hat Dr. Ashton an Ihrer statt jemand anderen eingestellt?«

»Er hat jemand für die gleiche Position eingestellt.« Nun brannte in Kales Augen fast schon echter Hass.

»Wen?«

»Er heißt Lazarus. Emil Lazarus. Das sagt alles.«

»Inwiefern?«

»Dr. Lazarus besitzt etwa so viel Wärme und Leben wie ein Kadaver.« Der bitteren Endgültigkeit in Kales Stimme entnahm Gurney, dass das Gespräch zu Ende war.

Wie aufs Stichwort setzte die Flöte wieder ein, und die klagenden Klänge von Danny Boy trieben ihn aus dem Haus.

Schließe deine Augen
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