24
Eine geduldige Spinne

Gurney spürte das dringende Bedürfnis, das Durcheinander von Informationen und Möglichkeiten in seinem Kopf zu sichten und in eine überschaubare Ordnung zu bringen. Der Nieselregen hatte zwar endlich aufgehört, aber außerhalb von Ashtons Haus gab es keinen trockenen Platz zum Hinsetzen. Also ließ er sich in seinem Wagen nieder und schlug in dem Spiralblock mit den Notizen über Calvin Harlen eine neue Seite auf. Mit geschlossenen Augen ließ er die Begegnung mit Ashton Revue passieren.

Bald darauf musste er einsehen, dass ihm diese disziplinierte Vorgehensweise nicht weiterhalf. Wie sehr er sich auch mühte, die Einzelheiten in ihrer chronologischen Reihenfolge abzuwägen und sie mit ähnlichen Puzzleteilchen zu vergleichen, eine Sache drängte sich immer wieder nach vorn: Jillian Perry hatte andere Kinder sexuell missbraucht. Es war nichts Ungewöhnliches, dass die Opfer solcher Vergehen oder Verwandte der Opfer Rache übten. Und unter Umständen konnte diese Rache auch die Form eines Mordes annehmen.

Diese Möglichkeit ließ ihn nicht mehr los. Mehr als alles Bisherige an dem Fall kam sie seiner Denkweise entgegen. Endlich ein plausibles Motiv, das nicht sofort eine Welle von Zweifeln nach sich zog, das nicht mehr Probleme schuf, als es löste. Und sie war mit bestimmten Folgerungen verbunden. Zum Beispiel: Die Schlüsselfrage zu Hector Flores lautete vielleicht nicht, wie und wohin er verschwunden war, sondern woher und warum er gekommen war. Im Zentrum stand damit nicht mehr, welches Geschehen Flores in Tambury zu dem Mord getrieben hatte, sondern welches Geschehen in der Vergangenheit ihn nach Tambury gelockt hatte.

Gurney konnte nicht mehr stillsitzen. Er stieg aus und blickte nach hinten zum Haus, zur Garage mit dem Schieferdach, zum Spalierbogen vor dem hinteren Rasen. Waren es diese Dinge, die Hector Flores vor dreieinhalb Jahren bei seinem ersten Erscheinen vor Ashtons Herrensitz wahrgenommen hatte? Oder hatte er das Anwesen schon länger überwacht und Ashtons Kommen und Gehen beobachtet? Als er an die Tür klopfte, wie weit waren seine Pläne da schon gediehen? Hatte er es von Anfang an auf Jillian abgesehen? War Ashton als Leiter der Schule, die sie besuchte, nur das Mittel zum Zweck? Oder hatte er allgemeinere Absichten – vielleicht einen gewalttätigen Angriff auf einen oder mehrere Missbraucher, denen Mapleshade Schutz bot? Oder war doch Ashton das Ziel – der Psychiater, der Missbrauchern Unterschlupf gewährte? Hatte Jillians Ermordung vielleicht einen doppelten Zweck: ihren Tod und Ashtons Leid?

Unabhängig von den genauen Einzelheiten blieben die Fragen die Gleichen: Wer war dieser Hector Flores in Wirklichkeit? Welches schlimme Vergehen hatte diesen entschlossenen Mörder zu Ashtons Haus gelockt? Einen Mörder, dessen Verstellung und Voraussicht so weit reichte, dass er sich in Ashtons Cottage einnistete, um irgendwann zuzuschlagen. Der in seinem Netz unverdrossen auf den idealen Augenblick wartete.

Hector Flores. Eine geduldige Spinne.

Gurney ging hinüber zum Cottage und schloss die Tür auf.

Drinnen war es kahl wie in einer leeren Mietwohnung. Keine Möbel, keine Habseligkeiten, nur ein schwacher Geruch nach Reinigungs- oder Desinfektionsmittel. Vermutlich war es kurz nach der grausigen Tat saubergemacht und seither nicht mehr benutzt worden. Eine denkbar einfache Aufteilung: vorne ein großes Allzweckzimmer und hinten eine Küche und ein Schlafzimmer, dazwischen ein winziges Bad und eine Kammer. Im vorderen Zimmer ließ er den Blick langsam über Boden, Wände und Decke wandern. Er glaubte nicht daran, dass Plätze eine besondere Aura hatten, doch jeder Mordtatort, den er im Lauf der Jahre aufgesucht hatte, hatte ihn auf eine zugleich fremde und vertraute Art berührt.

Immer wenn er den Schauplatz eines Gewaltverbrechens mit zersplitterten Knochen und verspritzter Gehirnmasse betrat, erwachten in ihm bestimmte Gefühle: Abscheu, Mitleid, Zorn. Doch auch danach, wenn alles blank geputzt war und alle greifbaren Spuren des Gemetzels beseitigt waren, übten diese Orte eine tiefe, wenn auch ganz andere Wirkung auf ihn aus. Ein blutbesudeltes Zimmer traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Später, in keimfreiem Zustand, legte ihm derselbe Raum eine eisige Hand ums Herz und erinnerte ihn daran, dass im Zentrum des Universums grenzenlose Leere herrschte. Ein Vakuum mit einer Temperatur am absoluten Nullpunkt.

Er räusperte sich laut, um diese morbiden Grübeleien abzuschütteln und sich wieder praktischeren Dingen zuzuwenden. In der kleinen Küche durchsuchte er die leeren Schubladen und Schränke. Im Schlafzimmer trat er sofort zu dem Fenster, durch das der Mörder geflohen war. Er öffnete es und kletterte schließlich hinaus.

Der Grund draußen lag nur ungefähr dreißig Zentimeter tiefer als der Boden drinnen. Mit dem Rücken zum Cottage spähte er durch das Gehölz. Es war feucht und still, und der Kräuterduft aus dem Garten war einem waldigen Aroma gewichen. Bedächtig bahnte er sich seinen Weg und zählte die Schritte. Bei einhundertvierzig bemerkte er ein gelbes Band an der Spitze eines Plastikpfahls, der wie ein dünner Besenstiel in die Erde gebohrt war.

Als er die Stelle erreichte, blickte er sich nach allen Richtungen um. Rechts wurde die Szene von einer steilen Schlucht begrenzt. Das Cottage hinter ihm lag verborgen hinter Blattwerk, genau wie die Straße, die fünfzig Meter vor ihm querte, wie er aus den Google-Satellitenfotos wusste. Er inspizierte die mit Erde und Laub bedeckte Stelle, wo die Machete versteckt worden war, und fragte sich erneut, warum die Hundestaffel keine weiterführende Spur gefunden hatte. Es kam ihm wenig wahrscheinlich vor, dass Flores hier die Schuhe gewechselt oder sie mit Plastik verhüllt hatte und weiter zur Straße oder durch den Wald zu einem anderen Haus (dem von Kiki Muller?) gelaufen war. Die Frage, die schon vorher an ihm genagt hatte, blieb unbeantwortet: Was hatte es für einen Sinn, eine halbe Spur zu hinterlassen, die zu einer Waffe führte? Und wenn das Ziel war, dass die Waffe entdeckt wurde, wieso war sie dann überhaupt notdürftig verscharrt worden? Und dann gab es noch das Rätsel der Stiefel, der einzige persönliche Gegenstand, den Flores zurückgelassen, und deren Witterung die Suchhunde aufgenommen hatten. Welche Rolle spielten sie für Flores’ Flucht?

Die Stiefel waren im Haus gefunden worden – war das ein Hinweis darauf, dass Flores vom Cottage hierhergekommen war, die Machete versteckt hatte und dann umgekehrt war, um zurück ins Haus zu steigen? Das löste einen Teil des Geheimnisses um die Geruchsspur. Aber es führte zu einem neuen Problem: Flores wäre dann wieder im Cottage gewesen, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als die Leiche entdeckt wurde, ohne eine Möglichkeit, es vor dem Eintreffen der Polizei unbemerkt zu verlassen. Außerdem bot auch die Umkehrhypothese keine Antwort auf die Frage, weshalb Flores überhaupt eine Geruchsspur bis zur Machete hinterlassen hatte. Außer er wollte den Eindruck wecken, dass er aus der Gegend verschwunden war, ohne dass dies der Fall war … Den Eindruck, dass er durch den Wald geflohen war und unterwegs in aller Eile die Waffe versteckt hatte, während er sich in Wirklichkeit im Cottage befand. Aber wo im Cottage? Wo konnte sich jemand in einem derart kleinen Gebäude verbergen – in einem Gebäude, das sechs Stunden lang mit größter Sorgfalt von einem Team von Kriminaltechnikern durchkämmt worden war?

Gurney trabte zurück durch den Wald, kletterte durch das Fenster und schritt noch einmal die wenigen Quadratmeter ab, auf der Suche nach möglichen Hohlräumen über der Decke oder unter dem Boden. Das Dach hatte eine leichte Neigung und hätte zur Mitte hin vielleicht einem Kauernden Platz geboten. Aber wie bei den meisten Konstruktionen dieser Art gab es keinen Zugang. Auch der Boden war fugenlos, ohne erkennbare Öffnung zu einem verborgenen Keller. In jedem Zimmer prüfte er von beiden Seiten die Wände, um sicherzugehen, dass es keinen geheimen Hohlraum gab.

Die Vorstellung, dass Flores in diesen Stiefeln aus dem Wald zurückgekehrt war und sich in dem kleinen Cottage versteckt hatte, löste sich genauso schnell in Luft auf, wie sie entstanden war. Gurney schloss die Tür ab, legte den Schlüssel wieder unter den schwarzen Stein und ging zu seinem Wagen. Dort wühlte er in dem Fallordner, bis er Scott Ashtons Handynummer gefunden hatte.

Die sanfte Baritonstimme lud ihn ein, eine Nachricht zu hinterlassen, der baldmöglichst ein Rückruf folgen sollte. Sie verströmte unendlichen Frieden und die Verheißung, dass alle Probleme im Leben eines Menschen letztlich lösbar waren. Gurney äußerte seinen Wunsch, noch einige Fragen nach Flores zu stellen.

Er schaute auf die Uhr. Es war 10.31 Uhr. Vielleicht sollte er Val Perry anrufen und ihr seine ersten Eindrücke von dem Fall schildern. Als er gerade die Nummer wählen wollte, läutete das Telefon in seiner Hand.

»Gurney.« Nachdem er sich viele Jahre beim NYPD auf diese Weise gemeldet hatte, fiel es ihm schwer, diese Gewohnheit abzulegen.

»Scott Ashton hier. Ich habe Ihre Nachricht bekommen.«

»Ich wollte wissen … haben Sie Flores ab und zu im Auto mitgenommen?«

»Gelegentlich. Bei größeren Einkäufen. Zu Baumschulen und Sägewerken und Ähnlichem. Warum?«

»Ist Ihnen je aufgefallen, dass er die Blicke von Nachbarn gemieden hat? Dass er sein Gesicht verborgen hat oder etwas in der Richtung?«

»Also … ich weiß nicht. Schwer zu sagen. Er hatte immer so eine krumme Haltung. Und einen Hut mit einer nach unten hängenden Krempe. Sonnenbrille. Möglicherweise eine Art, sich zu verstecken. Oder auch nicht. Woher soll ich das wissen? Ich meine, an Hectors freien Tagen habe ich manchmal auch andere Tagelöhner beschäftigt, die sich vielleicht ähnlich benommen haben. Jedenfalls hab ich nicht darauf geachtet.«

»Sind Sie mit Flores je bei der Mapleshade Academy gewesen?«

»Mapleshade? Ja, gar nicht selten. Er hatte mir den Vorschlag gemacht, hinter meinem Büro ein kleines Blumenbeet anzulegen. Später hat er bei anderen Vorhaben seine Hilfe angeboten.«

»Hatte er Kontakt zu den Schülern?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Gurney.

»Vielleicht hat er mit einigen Mädchen gesprochen. Ich habe es nicht gesehen, aber möglich wäre es.«

»Wann war das?«

»Schon bald nach seiner Ankunft hat er Arbeiten in Mapleshade durchgeführt. Also vor ungefähr drei Jahren, einen Monat hin oder her.«

»Und wie lang ist das so gegangen?«

»Seine Fahrten zur Schule? Bis … zum Ende. Hat das irgendeine Bedeutung, die mir nicht klar ist?«

Gurney ignorierte die Frage und stellte seinerseits eine. »Vor drei Jahren. Zu dieser Zeit war Jillian noch als Schülerin dort, richtig?«

»Ja, aber … worauf zielen Sie ab?«

»Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht so genau. Nur eine Frage noch. Hat Ihnen Jillian je von Leuten erzählt, vor denen sie Angst hatte?«

Nach langer Stille glaubte Gurney schon fast, dass die Verbindung unterbrochen worden war. Dann antwortete Ashton doch noch. »Jillian hatte vor niemandem Angst. Vielleicht ist ihr genau das zum Verhängnis geworden.«

Vom Auto aus spähte Gurney durch das Efeuspalier auf den Schauplatz des tragischen Hochzeitsempfangs und versuchte sich einen Reim auf das ungleiche Paar zu machen. Wenn man Ashton glauben konnte, waren sie beide Genies, aber ein hoher IQ war noch kein ausreichendes Motiv für eine Heirat. Gurney erinnerte sich an Vals Aussage, dass ihre Tochter ein ungesundes Interesse an ungesunden Männern hatte. Konnte sich das auch auf Ashton beziehen, der doch wie der Inbegriff rationaler Stabilität wirkte? Wohl kaum. War Ashton ein so ausgeprägter Versorgertyp, dass ihn eine offenkundig gestörte Persönlichkeit wie Jillian anzog? Auch das war ziemlich unwahrscheinlich. Sicher lag sein berufliches Fachgebiet in dieser Richtung, aber ihm waren keine Anzeichen einer übertrieben beschützerischen Haltung anzumerken. Oder war Jillian einfach eine von vielen materialistisch denkenden Frauen, die ihren jungen Körper an den Höchstbietenden verkauften – in diesem Fall also an Ashton? Nichts an der ganzen Sache sprach für diese Einschätzung.

Also was um alles in der Welt steckte hinter dieser Heirat? Gurney kam zu dem Schluss, dass er es nicht herausfinden würde, wenn er hier in Ashtons stilvoller Einfahrt herumhockte.

Er setzte zurück und hielt noch einmal kurz, um Val Perrys Nummer einzugeben, dann steuerte er langsam durch die lange, schattige Straße.

Angenehm überrascht registrierte er, dass sie sich schon nach dem zweiten Klingelton meldete. Ihre Stimme strahlte etwas subtil Erotisches aus, obwohl sie nur »Hallo?« sagte.

»Dave Gurney hier. Ich wollte Sie kurz informieren, was ich mache und wo ich bin, Mrs Perry.«

»Bitte nennen Sie mich Val.«

»Val, natürlich. Entschuldigung. Haben Sie zwei Minuten Zeit?«

»Wenn Sie Fortschritte erzielen, habe ich so viel Zeit, wie Sie wollen.«

»Wie viele Fortschritte ich mache, weiß ich nicht, aber ich wollte kurz mit Ihnen abklären, was mir im Moment so durch den Kopf geht. Ich glaube nicht, dass die Ankunft von Hector Flores vor drei Jahren in Tambury ein Zufall war und dass sein Verbrechen an Ihrer Tochter einer plötzlichen Entscheidung entsprungen ist. Ich möchte wetten, dass er nicht Flores heißt, und ich bezweifle auch, dass er Mexikaner ist. Jedenfalls hatte er wohl von Anfang an einen Plan. Und ich vermute, dass der Grund seines Auftauchens hier ein Ereignis in der Vergangenheit ist, an dem Ihre Tochter oder Scott Ashton beteiligt waren.«

»Was für ein Ereignis in der Vergangenheit?« Offenbar hatte sie Mühe, die Ruhe zu bewahren.

»Möglicherweise hat es was damit zu tun, warum Sie Jillian an die Mapleshade Academy geschickt haben. Wissen Sie von irgendwelchen Handlungen Jillians, die bei jemandem Rachegelüste geweckt haben könnten?«

»Sie meinen, ob sie kleinen Kindern das Leben versaut hat? Ob sie ihnen Albträume und Zweifel angehängt hat, die sie nie wieder loswerden? Ob sie ihnen Angst und Schuldgefühle gemacht hat? Ob sie sie so in den Wahnsinn getrieben hat, dass sie anderen das Gleiche angetan haben? Vielleicht sogar so, dass sie sich umgebracht haben? Und ob es jemanden geben könnte, der will, dass sie dafür in der Hölle schmort? Ist es das, was Sie meinen?«

Er blieb stumm.

Als sie erneut das Wort ergriff, klang sie müde. »Ja, sie hat Dinge getan, die Rachegelüste auslösen könnten. Manchmal hätte ich sie am liebsten selbst umgebracht. Und letztlich … habe ich das ja auch gemacht.«

Gurney verkniff sich einen Allgemeinplatz über Nachsicht gegen sich selbst. »Wenn Sie sich zu Tode geißeln wollen, machen Sie das bitte ein andermal. Im Moment geht es mir um den Auftrag, den Sie mir gegeben haben. Ich habe angerufen, um Ihnen meine Überlegungen mitzuteilen, die der offiziellen Einschätzung der Polizei komplett widersprechen. Dieser Gegensatz könnte zu Problemen führen. Deswegen muss ich wissen, wie weit Sie gehen wollen.«

»Folgen Sie Ihrer Spur um jeden Preis. Ich möchte die Sache aufklären, bis zum bitteren Ende. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Noch eine letzte Frage. Vielleicht finden Sie es geschmacklos, aber ich muss sie stellen. Ist es denkbar, dass Jillian eine Affäre mit Flores hatte?«

»Wenn er männlich, gut aussehend und gefährlich war, dann ist es sehr viel mehr als nur denkbar.«

Auf der Fahrt nach Hause wechselte Gurneys Stimmung gleich mehrfach – zusammen mit seiner Einschätzung des Falls.

Die Idee, dass Jillians Ermordung im Zusammenhang mit ihrer chaotischen Vergangenheit stand und dass Hector Flores möglicherweise etwas mit dieser Vergangenheit zu tun hatte, gab Gurney das Gefühl, für die Fortsetzung seiner Nachforschungen eine solide Basis und eine vielversprechende Richtung zu haben. Die ritualistische Präsentation der Leiche – der abgetrennte, dem Körper zugewandte Kopf in der Mitte des Tischs – verlieh der Sache etwas Verdrehtes, das weit über ein normales Tötungsdelikt hinausging. Und plötzlich schoss ihm durch den Sinn, dass der Mord wie ein ironisches Gegenstück zu der erotischen Fotografie über Ashtons Kamin wirkte, auf der die eine Jillian die andere voller Lüsternheit anstarrte.

Mein Gott. War das eine Art Witz? War es möglich, dass das Arrangement der Leiche im Cottage eine subtile Parodie auf Jillian Perrys Pose in einer Modeanzeige darstellte? Ihm wurde übel bei dem Gedanken, etwas, das nur selten vorkam bei einem Mann, der in seinen Jahren als Mordermittler so ziemlich alles gesehen hatte, was Menschen einander antun können.

Er stoppte vor einem Geschäft für landwirtschaftliche Geräte und durchwühlte die Papiere auf dem Beifahrersitz nach Jack Hardwicks Handynummer. Während es läutete, wanderte sein Blick über die Wiese hinter dem Geschäft, auf der sich große und kleine Traktoren, Ballenpressen, Motorsensen und Kreiselharken drängten. Dann fiel ihm eine Bewegung auf. Ein Hund? Nein, ein Kojote. Ein Kojote, der in gerader Line über den sanften Hügel lief – fast zielstrebig, so kam es Gurney vor.

Beim fünften Klingelton hob Hardwick ab, als der Anruf fast schon auf die Mailbox weitergeleitet wurde. »Davey, alter Knabe, was gibt’s?«

Gurney zog eine Grimasse – seine übliche Reaktion auf das ätzende Knarzen von Hardwicks Stimme. Der Ton erinnerte ihn an seinen Vater. Nicht das Schleifpapierhafte daran, sondern der scharfe Zynismus.

»Ich habe eine Frage an dich, Jack. Als du mich in diese Perry-Geschichte reingezogen hast, worum ging es deiner Meinung nach dabei?«

»Von wegen reingezogen, ich hab dir nur eine Chance geboten.«

»Na schön. Und worum ging es deiner Ansicht nach bei dieser Chance?«

»Bin nicht weit genug vorgedrungen, um mir eine feste Meinung zu bilden.«

»Quatsch.«

»Alles, was ich sagen könnte, wäre reine Spekulation, also lass ich es lieber.«

»Ich mag keine Spielchen, Jack. Warum wolltest du, dass ich den Fall übernehme? Und während du überlegst, wie du mir ausweichen kannst, hier gleich noch eine Frage: Warum ist Blatt so durch den Wind? Bin ihm gestern über den Weg gelaufen, er war ziemlich übel drauf.«

»Unwichtig.«

»Was?«

»Unwichtig. Du weißt doch von dem kleinen Sesselrücken bei uns. Reibungsverlust zwischen mir und Rodriguez wegen der Richtung der Ermittlungen. Also wurde ich abgezogen, und Blatt hat übernommen. Ehrgeiziger Sack, dabei genauso unfähig wie Captain Rod. Ich nenne ihn bloß noch den Juniorscheißer. Das ist seine Chance, sich zu bewähren und zu zeigen, wie er mit einem großen Fall klarkommt. Aber tief drinnen weiß er, dass er ein ahnungsloser kleiner Wichser ist. Und da kommst du daher – der Star aus der Großstadt, das Genie, das den Mordfall Mellery geklärt hat und so weiter. Natürlich hasst er dich. Was dachtest du denn? Aber es ist unwichtig. Er kann doch gar nichts unternehmen. Mach einfach weiter, Sherlock, und lass dir wegen Blatt keine grauen Haare wachsen.«

»Deswegen hast du mich also eingeschaltet? Damit der Juniorscheißer alt aussieht?«

»Damit die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt – und die Schichten einer äußerst interessanten Zwiebel abgeschält werden.«

»So schätzt du den Fall ein?«

»Du nicht?«

»Vielleicht. Würde es dich überraschen, wenn Flores mit einem fertigen Mordplan nach Tambury gekommen wäre?«

»Im Gegenteil.«

»Dann erklär mir noch mal, warum dir der Fall weggenommen wurde.«

»Hab ich doch schon gesagt …«, setzte Hardwick mit übertriebener Ungeduld an.

Gurney schnitt ihm das Wort ab. »Ja, ja. Du warst unhöflich zu Captain Rod. Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht alles war?«

»So tickst du eben. Von Natur aus skeptisch. Du traust keinem über den Weg, Davey. Hör zu, ich muss dringend pissen. Wir reden später weiter.«

Hauptsache, der Kerl hatte seinen klugscheißerischen Abgang. In Gurney brodelte es. Er legte das Handy weg und ließ das Auto an. Über dem Tal hing noch eine dünne Wolkendecke, aber die weiße Sonnenscheibe dahinter wurde bereits heller, und die Telefonmasten warfen zarte Schatten über die verlassene Straße. Auf dem grünen Hügel schimmerte die Reihe der blauen Traktoren, die noch feucht waren vom morgendlichen Regen.

Während der zweiten Hälfte der Fahrt schossen ihm einzelne Bruchstücke des Falls durch den Kopf: Madeleines Bemerkung, dass das Hinterlassen der Machete sinnlos war; die Entscheidung eines äußerst rationalen Mannes, eine psychisch zutiefst gestörte Frau zu heiraten; Carls Modelleisenbahn, die unter dem Weihnachtsbaum ihre endlosen Schleifen zog; die Deutung der zerschossenen Teetasse anhand von Schindlers Liste; der Sumpf krankhafter Sexualität, der die ganze Angelegenheit zu durchdringen schien.

Als er den Highway verlassen hatte und der gewundenen Schotterstraße vom Flusstal hinauf zu den Bergen folgte, fühlte er sich von seinen Gedanken völlig ausgelaugt. Im Player steckte eine CD, und um sich abzulenken, stellte er sie an. Die Stimme, die begleitet von spärlichen Akkorden einer akustischen Gitarre aus den Lautsprechern drang, hatte den jammernden Singsang eines besonders trostlosen Leonard Cohen. Der Künstler war ein traurig wirkender Folksänger in mittleren Jahren mit dem seltsamen Namen Leighton Lake, den er und Madeleine in einem Konzertsaal der Gegend erlebt hatten, weil sie ein Abonnement für die Saison erworben hatte. In der Pause hatte sie eine von Lakes CDs gekauft. Den Song mit dem Titel At the End of my Time, der gerade lief, fand Gurney besonders deprimierend.

There once was a time
when I had all the time
in the world. What a time
I had then, when I had
all the time in the world.
Lied to my lovers,
chased all the others,
left all my lovers behind,
when I had all the time
in the world.
Took what I wanted.
Never thought twice.
Had the time of my life
when I had all the time
in the world.
Lied to my lovers,
chased all the others,
left all my lovers behind,
when I had all the time
in the world.
No one’s left to lie to,
no one’s left to leave,
in this time of my life
at the end of my time
in this world.
Lied to my lovers,
chased all the others,
left all my lovers behind,
when I had all the time
in the world.
When I had all the time
in the world.

Beim letzten schmachtenden Refrain fuhr Gurney zwischen Scheune und Weiher auf das alte Farmhaus zu, das über der Stelle mit den Goldruten am Ende der Wiese in Sicht kam. Als er den Ausknopf des Players drückte und innerlich fluchte, weil er das nicht schon früher getan hatte, klingelte sein Handy.

Auf dem Display stand REYNOLDS GALLERY.

Verdammt, was wollte die denn von ihm?

»Gurney hier.« Er fand, er klang geschäftsmäßig, mit einem Anflug von Misstrauen.

»Dave, ich bin’s, Sonya Reynolds.« Wie üblich verströmte ihre Stimme etwas derart magnetisch Anziehendes, dass sie in manchen Ländern dafür gesteinigt worden wäre. »Ich habe fabelhafte Nachrichten für dich«, schnurrte sie. »Und nicht nur so ein bisschen fabelhaft, sondern wirklich lebensverändernd fabelhaft. Wir müssen uns so schnell wie möglich treffen.«

»Hallo, Sonya.«

»Hallo? Ich präsentiere dir ein Geschenk, wie du es noch nie bekommen hast, und dir fällt nur Hallo dazu ein?«

»Schön, wieder mal von dir zu hören. Worum geht es?«

Ihre Antwort war ein volles, musikalisches Lachen, das genauso sinnlich war wie alles andere an ihr. »Das ist mein Dave! Detective Dave mit den forschenden blauen Augen. Immer auf der Hut. Als wäre ich eine Schwerverbrecherin, die dir eine faule Geschichte vorsetzt.« Ihr leichter Akzent erinnerte ihn an das Alternativuniversum, das er während seiner Collegezeit in französischen und italienischen Filmen entdeckt hatte.

»Stellen wir ›faul‹ mal zurück. Bis jetzt hast du mir noch gar keine Geschichte vorgesetzt.«

Wieder dieses Lachen, das das Bild ihrer leuchtend grünen Augen heraufbeschwor. »Und das werde ich auch nicht, solange wir uns nicht sehen. Morgen. Unbedingt morgen. Aber du musst nicht zu mir nach Ithaca. Ich komme zu dir. Frühstück, Mittagessen, Abendessen – wann du willst. Sag mir einfach Bescheid, dann überlegen wir uns ein Lokal. Du wirst es bestimmt nicht bereuen, das garantiere ich dir.«

Schließe deine Augen
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