Kapitel 33
Feuersbrunst

Nagual kam mich holen. Der Zirkel hatte sich versammelt und wollte auch mich dabeihaben. Ich wischte mir über meine geröteten Augen, die keine Tränen mehr weinen konnten, und folgte ihm. Was auch immer sie mit mir vorhatten, ich würde mich nicht von ihnen einschüchtern lassen.

Doch als ich den Altarraum mit dem klaffenden Loch in der Mitte betrat und Christopher entdeckte, verabschiedete sich mein bisschen Selbstbeherrschung. Nagual packte meinen Ellbogen, um zu verhindern, dass ich den Boden unter den Füßen verlor.

Kraftlos in sich zusammengesunken lehnte Christopher an einer der mächtigen Säulen, die die Kuppel über dem Altarraum stützten. Er wirkte müde, gebrochen. Sein Körper war gezeichnet von Sanctifers Engelsfeuer. Dunkle Male überzogen seinen Hals, Nacken und beide Arme – und vermutlich auch die Stellen, die Hemd und Hose verdeckten. Selbst sein wunderschönes Gesicht war nicht verschont geblieben. Nur seine Augen leuchteten, als unsere Blicke sich kreuzten.

Obwohl ich dachte, nicht mehr weinen zu können, flossen Tränen über mein Gesicht. Es war mir egal, warum die Racheengel mich gerufen hatten und dass meine Beine mich eigentlich nicht mehr tragen wollten. Für mich zählte nur noch Christopher. Ihn zu berühren, seinen Duft einzuatmen und sein Herz schlagen zu hören war alles, was ich brauchte.

Als ich vorsichtig meine Hand nach ihm ausstreckte, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ihn berühren konnte, ohne ihm weh zu tun, zog er mich wortlos in seine Arme. Dass er vor Schmerz zusammenzuckte, trieb mir weitere Tränen in die Augen.

Ich versuchte, mich von ihm zu lösen, doch Christopher hielt mich nur umso fester.

»Bleib bei mir«, flüsterte er – und ich wollte nichts lieber als ihm diesen Wunsch erfüllen.

Hinter mir hörte ich Naguals Brummen im Altarraum widerhallen. Die anderen Racheengel grummelten zurück. Schließlich verzogen sie sich und ließen Christopher und mich allein.

Nach einer Ewigkeit, in der die Welt um uns den Atem anhielt, löste sich Christopher ein wenig von mir, damit er mich ansehen konnte. In seinen Augen lag eine Mischung aus Sehnsucht und Erleichterung – und etwas anderem.

»Warum hast du die Basilika verlassen?« Obwohl Christophers Stimme warm und liebevoll blieb, konnte ich den Vorwurf heraushören.

Ich schaffte es nicht ganz so gut wie er, meine Gefühle zu verbergen. »Und warum musstest ausgerechnet du gegen Sanctifer kämpfen?«, fragte ich, obwohl ich wusste, was er antworten würde.

Er seufzte und zog mich wieder dichter in seine Arme. »Weil ich der Racheengel bin, der ihn am besten kannte.«

»Und ich der Racheengel, der Raffael am besten kannte.«

Christopher presste für einen kurzen Moment seine Augenlider zusammen, als würde ihn meine Antwort mehr quälen als all seine Verletzungen. Und in dem Augenblick, in dem er sie wieder öffnete, entdeckte ich etwas, das davor nicht da gewesen war.

»Zu wissen, dass er sich an dir rächen würde, falls ich versagt hätte, war meine größte Furcht. Doch zu sehen, wie du die Aufgaben eines Racheengels erfüllst, jagt mir unendlich viel mehr Angst ein.«

»Dann hoffe ich, dass du bei mir bist, wenn ich … wenn …« Meine Stimme erstarb. Neue Tränen rollten über mein Gesicht. Ich schluckte, um weitersprechen zu können. »Raffael war sein Sohn. Er hat mich gebeten, ihn von den zerrissenen Engelseelen zu befreien, die Sanctifer mit ihm verwoben hatte.«

Unbändiger Zorn loderte in Christophers jadegrünen Augen auf, doch er fasste sich schnell wieder. »Es besteht immer Hoffnung, als Engel wiedergeboren zu werden – besonders bei einem Nephilim«, tröstete er mich. »Die Boshaftigkeit seines Vaters ist nicht angeboren. Sie hat sich über mehr als zwei Jahrtausende entwickelt, und Raffael hat bewiesen, dass er die Seele eines Engels besitzt.«

Christopher strich mir die Tränen aus dem Gesicht. Seine Lippen waren rau und aufgesprungen, doch sein Kuss war sanft und schenkte mir Hoffnung. Es würde auch in Zukunft nicht einfach werden, einen Racheengel zu lieben – aber wir hätten uns und unsere Gefühle verraten, wenn wir aus Furcht, den anderen zu verlieren, unsere Liebe verleugnen würden.



Ein paar Stunden später rief Nagual den Zirkel der Racheengel erneut zusammen. Es war kurz nach Mitternacht, ich war hundemüde, hätte mich am liebsten in Christophers Armen zusammengerollt und wäre eingeschlafen. Raffael von Sanctifers Fluch zu befreien hatte mich viel Kraft gekostet. Doch eine weitere Verzögerung ließ Nagual nicht zu. Dass Christopher vor Schmerz kaum aufrecht stehen konnte und Liao fehlte, war zweitrangig. Die Welt der Engel brauchte einen funktionierenden Zirkel.

Erst als ich die Gesichter der anderen Engel genauer betrachtete, wurde mir klar, warum Nagual so zur Eile drängte: Der Zirkel war geschwächt. Nicht nur, weil ich noch lange nicht so weit war, Gabriella ersetzen zu können, sondern weil der Zirkel ein weiteres Mitglied verloren hatte. Liao hatte den Angriff nicht überlebt.

Wie schon bei Gabriella zeigten die hitzköpfigen Racheengel tiefe Betroffenheit. Tränen entdeckte ich keine, doch Berejide stand kurz davor, ihre Klauen nicht nur in eine der Säulen zu schlagen. Ich hielt mich an Christopher fest. Auch wenn ich Liao kaum gekannt hatte, berührte mich der Tod des Engels – er war ebenso sinnlos wie Raffaels Tod.

Die Diskussion, ob ich bei der langwierigen Auswahl des neuen Racheengels ein Mitspracherecht bekommen sollte, verlief ungewohnt friedlich. Nachdem der Zirkel sich darauf geeinigt hatte, mich auszuschließen, beendete Nagual die Versammlung und bat alle, außer Christopher und mich, ihm in die Krypta zu folgen. Ich war nicht traurig über die Entscheidung des Zirkels, nicht mitbestimmen zu dürfen, wer Liao nachfolgen sollte. Meine Erfahrungen als Racheengel waren gerade mal ein paar Stunden alt.

Christopher brachte mich in das Nebengebäude. Aron und Coelestin erwarteten uns bereits. Coelestins von Narben und Falten zerfurchtes Gesicht verdunkelte sich, als er uns entdeckte.

»Das nennst du gleich?! Ich hatte dich gebeten, so schnell wie möglich zu mir zu kommen!«

So aufgebracht hatte ich Coelestin erst selten erlebt. Normalerweise brachte ihn nichts so schnell aus der Ruhe. Abwehrbereit stellte ich mich vor Christopher. Über Arons vom Kampf gezeichnetes Gesicht zog ein Grinsen. Selbst Coelestins Miene hellte sich auf.

»Hoffentlich lässt dein argwöhnischer Schutzengel mich meiner Arbeit nachgehen.« Coelestin, der furchtlose Anführer der Kampfengel, meinte mich.

Ich war viel zu perplex, um zu antworten. Christopher reagierte an meiner Stelle. Er schlang seine Arme um meine Taille und zog mich dichter an seinen Körper, als wäre ich tatsächlich so etwas wie ein Schutzschild.

»Es gab wichtigere Wunden zu versorgen«, erklärte er ernst. »Aber jetzt bin ich ja hier. Und ich bezweifle, dass Lynn etwas dagegen hat, wenn du dich ein wenig um meine angeschlagene Hülle kümmerst.« Zärtlich hauchte Christopher mir einen Kuss in den Nacken. »Und danach entführe ich dich in eine einsame Hütte«, flüsterte er mir ins Ohr. Ich spürte, dass er dabei lächelte.

Aron gab mir ein Zeichen. Obwohl es mir schwerfiel, mich von Christopher zu trennen, folgte ich ihm. Coelestin war nicht nur Schulleiter im Schloss der Engel und ein außergewöhnlicher Wächterengel. Seine heilenden Fähigkeiten hatten ihn schon als Mensch ausgezeichnet. Christopher war bei ihm in den besten Händen.

»Coelestin wird ihn für eine Weile außer Gefecht setzen«, klärte Aron mich auf.

»Und was heißt das?« Vielleicht sollte ich doch lieber bei Christopher bleiben.

»Engelsfeuer hinterlässt tiefe Wunden. Christopher ist schwerer verletzt, als er zugibt. Deshalb wird …« Aron griff nach meinem Arm, damit ich nicht umkehren konnte. »Lynn, er wird es überleben. Christopher braucht nur ein wenig Ruhe. Und damit er schlafen und Coelestin sich besser um seine Wunden kümmern kann, wird er ihm einen Schlummertrunk verabreichen.« Arons Grinsen wurde breiter. »Wenn Christopher auch nur halb so bockig ist wie du, wird es hier gleich ein wenig lauter werden.«

Wir lauschten beide. Doch in dem Raum, den wir gerade verlassen hatten, blieb es ruhig. Entweder war Christopher weniger dickköpfig als ich, oder seine Verletzungen waren so schmerzhaft, dass er das Gebräu freiwillig trank. Mir wurde schwummrig. Aron griff rechtzeitig zu.

»Vielleicht sollte ich Coelestin fragen, ob er noch einen Schluck für dich übrig hat.« In routinierter Tutorenart ließ Aron seinen Blick über mich gleiten. Auf meinem Gesicht blieb er hängen. »Aber wenn ich mir dich genauer ansehe, glaube ich, dass du auch ohne Schlafhilfe zurechtkommst.«

Ich nickte nur, was Aron dazu veranlasste, mich in das nächste freie Zimmer zu tragen. Bleierne Müdigkeit überfiel mich. Ich wollte nur noch eines: schlafen. Widerstandslos ließ ich mich von Aron ins Bett stecken.

»Paul wird dich wecken«, hörte ich ihn beim Hinausgehen sagen, doch ich konnte kaum noch klar denken, geschweige denn nachfragen, warum Paul mich wecken sollte.

Ich schlief unruhig. Ein lautes Geräusch, wie von einer Explosion, schreckte mich auf. Irgendetwas Großes war zusammengestürzt. Doch ich war zu müde, um nachzusehen.

Albträume schlichen sich ein. Tote Engel und andere seelenlose Wesen riefen mich zu sich. Raffael verjagte sie. Seine dunklen Augen wirkten traurig und glücklich zugleich. Es fiel mir schwer, zu erkennen, was er wirklich fühlte.

Ein anderes dunkles Augenpaar vertrieb seine Gestalt. Schwarze Wuschelhaare und ein mir allzu bekanntes Gesicht: Philippe.

Mit hämmerndem Herzen schreckte ich aus meinem Traum auf. Christopher hatte mir versichert, dass ein paar von Coelestins Kriegern die Menschen auf Sanctifers Insel befreien und ohne Erinnerungen an das Erlebte in ihre Welt zurückbringen würden. Ich war zu erschöpft gewesen, um vor der Versammlung des Zirkels die Welten zu wechseln und nach Philippe zu sehen. Ein Fehler, ich war mir sicher. Philippe war noch irgendwo in Sanctifers Palast.

Gerade als ich die Tür öffnen wollte, kam Paul mir zuvor.

»Schon wach? Schade, ich hatte mich so aufs Wecken gefreut«, begrüßte er mich mit einem schiefen Grinsen – zumindest ihm ging es gut. Ich fühlte mich wie einmal durchgekaut. Wenigstens vertrieb meine Angst um Philippe die Müdigkeit.

»Ich muss zu Philippe«, antwortete ich anstatt einer Begrüßung.

»Deshalb bin ich hier.« Pauls Grinsen war verschwunden – mein Albtraum war wohl doch keiner gewesen.

Schweigend lief ich neben Paul den Flur entlang. Als er vor Lucias Zimmer stehen blieb, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Philippe sollte nicht hier, sondern in der Menschenwelt sein. War er verletzt? So schwer, dass er die Heilkräfte eines Engels benötigte? Meine Sorge um Philippe stieg sprunghaft. Doch als ich den Raum betrat, warteten dort nur Lucia und Aron. Lucia saß ganz oben in ihrem Bett, Aron auf einem Stuhl daneben. Er winkte uns näher.

»Es tut mir leid, dass ich dich schon so früh wecken musste, aber ich brauche deine Hilfe.«

Aron brauchte meine Hilfe? Das war neu.

»Und wobei?« Ich warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Nimm Platz«, forderte Aron mich auf und bot mir seinen Stuhl an. Anscheinend befürchtete er, mein Kreislauf würde schlappmachen. Ich setzte mich auf die Bettkante am Fußende.

»Es gibt ein Problem«, begann er. Mein Magen krümmte sich zusammen. »Philippe war nicht unter den Menschen, die von Coelestins Engeln aus Sanctifers Palast befreit wurden – und in seiner Welt ist er auch nicht. Aber Lucia ist sich ziemlich sicher, dass er im Palast war.« Inzwischen war mein Magen auf Bohnengröße geschrumpft.

Aron sah beiseite. Er verschwieg mir etwas. Ihm dieses Geheimnis zu entlocken würde dauern. Also wandte ich mich an Lucia.

»Und weshalb bist du dir da so sicher?«

Wie ein verschüchterter Teenager saß Lucia am Kopfende des Bettes. Eine dicke Beule blühte auf ihrer Stirn. Vermutlich waren unter ihren dunklen Haaren noch mehr zu finden. Als ich sie ansprach, umschlang sie ihre Knie ein wenig fester. Sie schien noch immer unter den Ereignissen in der Krypta zu leiden, aber vor allem hatte sie Angst – vor mir.

»Ich bin mit Philippe befreundet. Ich will ihm helfen«, versuchte ich es in Arons Beruhigungstonfall. »Ich muss wissen, warum du glaubst, dass er in Sanctifers Palast ist.«

»Ich habe ihn gesehen. In der Gruft. Er … er hat ihm als Spender gedient.«

Ein Schauder überlief Lucias zerbrechlichen Körper. Ich schauderte mit und wandte mich ab, damit Lucia die Wut in meinen Augen nicht sehen konnte. Vermutlich hätte sie vor Angst nie wieder mit mir gesprochen.

Warum ausgerechnet Philippe? Ich kannte die Antwort: meinetwegen!

»Die Krieger der Dogin haben den ganzen Palast durchsucht. Weißt du, wo Sanctifer ihn versteckt haben könnte?«, fragte Aron und legte eine Hand auf meine verkrampften Finger. Meine Klauen wollten sich zeigen.

»Ja, ich denke schon«, murmelte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, während ich meine Wut hinunterschluckte. »Lass uns gehen.« Die dunklen Engel, die mich in Sanctifers Gruft brachten, trugen nicht zur Zierde einen silbernen Knopf im Ohr, und ich wollte Philippe keine Sekunde länger dort unten eingeschlossen wissen.

Aron drückte mich auf die Bettkante zurück. »Ich möchte, dass du mir erklärst, wie ich dorthin komme.«

»Das zeige ich dir am besten, wenn wir …« Ich stockte. Arons ausweichender Blick gefiel mir nicht. »Du … hast nicht vor, mich mitzunehmen?!« Ich kannte ihn gut genug, um seine Miene richtig zu deuten.

»Nein, das habe ich nicht vor.«

Ich war schneller durch die Tür als er. Selbst Paul reagierte zu langsam. Sie holten mich erst ein, als ich vor Christophers Zimmer stand.

»Lynn, sei vernünftig«, versuchte Aron mich zu beruhigen. »Chris braucht Ruhe. Er hat einen schweren Kampf hinter sich, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte.«

Ich nahm meine Hand von der Türklinke. In diesem Punkt hatte Aron recht.

»Warum hast du mich nicht früher geweckt?! Weißt du, was Philippe durchgemacht hat? Welche Angst er haben muss?« Meine Stimme klang schrill – ich war außer mir. Was, wenn Sanctifer eines seiner Monster bei ihm zurückgelassen hatte? Ich schüttelte Aron ab und lief weiter. Vielleicht konnte Coelestin mir helfen.

Aron folgte mir. Dieses Mal blockierte er mir als Engel den Weg. »Lynn, ich denke nicht, dass es gut für dich wäre, in Sanctifers Palast zu gehen.« Offenbar befürchtete Aron dasselbe wie ich.

»Ich bin es Philippe schuldig, ihn da rauszuholen, egal, wie viele seelenlose Engel noch dort sind. Schließlich hat Sanctifer ihn nur meinetwegen entführt.«

Aron betrachtete mich mit einem sonderbaren Blick. Schließlich seufzte er und gab nach. »Versprich mir, keine Dummheiten zu machen.«

»Versprochen!«

»Und meine Anweisungen zu befolgen.«

»Auch versprochen«, antwortete ich, bevor Aron es sich anders überlegte.

Aron brachte mich zu Coelestin und den etwa fünfzig Engeln, die vor der Basilika warteten. Auch Paul kam mit. Wie ich starrte er ungläubig auf das Bild, das sich uns bot: Viele der Häuser und Paläste im angrenzenden Stadtviertel hatten gebrannt oder qualmten noch immer. Schwarz verrußte anstatt weißer Säulen verunstalteten die umliegenden Gebäude – Überreste der einst so wunderschönen Palastfassaden. Doch das Schlimmste: Der große Campanile, das Wahrzeichen der Stadt der Engel, war in sich zusammengestürzt. Die vielen Ziegelsteine, die ihm sein unverwechselbares Aussehen verliehen hatten, verteilten sich über den Markusplatz. Und der große goldene Engel, der noch vor ein paar Stunden auf seiner Spitze gethront hatte, lag zerschmettert zu seinen Füßen und schaute vorwurfsvoll in meine Richtung.

Ich wandte mich ab. Mir blieb keine Zeit, das ganze Ausmaß der Zerstörung zu erfassen. Philippe brauchte Hilfe.

Paul schenkte mir ein mitleidiges Grinsen, als Aron seine Arme um meine Taille legte, um mit mir über die Lagune zu fliegen. Ich ignorierte es. Irgendwann würde ich das auch allein schaffen.

Die Sonne hatte den Horizont gerade überschritten, doch die Farbe am Himmel stammte nicht von ihr. Wie eine dunkle Wolke schwebte die Asche der verbrannten Stadt über der Lagune und färbte das Blau des wolkenlosen Sommertages in bösartiges Rot. Selbst die Sonne leuchtete, als wäre sie in Blut getaucht.

Eine undefinierbare Angst beschlich mich. Als ich Sanctifers Insel entdeckte, wusste ich, woher sie kam. Dort, wo hinter Ruinen verborgen der Palast stand, loderten Flammen empor. Philippe würden sterben, wenn ich zu spät kam – falls er überhaupt noch lebte.

Meine Flügel drängten hervor. Aron flog viel zu langsam.

»Lass das!«, zischte er und verstärkte seinen Klammergriff. »Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um fliegen zu lernen. Sag mir lieber, welchen Punkt wir ansteuern sollen.«

Ich verzichtete auf Flügel. Stattdessen erklärte ich Aron, wo Sanctifers babylonisches Privatmuseum lag. Coelestin nickte, er hatte zugehört. Er bat uns und seine Krieger, zurückzubleiben, und flog zu der Stelle, die ich beschrieben hatte. Über der mit Engelsmagie gewobenen Grenze, die den Palast vor den Augen der Engel verbarg, blieb er mitten in der Luft stehen. Vorsichtig streckte er eine Hand aus. Kurz darauf spürte ich, wie Engelsmagie floss. Offenbar nahm Coelestin die Schwingung der Barriere auf, um sie in die Silberbänder einzuweben, die er bei sich trug. Meines überreichte er mir mit einem Schmunzeln – mein Mund stand vor lauter Staunen noch offen.

Mein Atem stockte, als ich das ganze Ausmaß erblickte. Sanctifers Palast stand in meterhohen Flammen. Am schlimmsten wütete das Feuer im großen Saal, in den angrenzenden Wohnflügeln, dem Bootsschuppen und der Küche. Ob das Feuer die unterirdischen Geschosse erreicht hatte, war schwer zu erkennen.

Wir steuerten den Duftgarten unweit von Sanctifers Gruft an. Eine der wenigen Stellen, wo es mit Flügeln möglich war, inmitten der tödlichen Feuersbrunst zu landen.

Die Hitze, die mir entgegenschlug, war unbarmherzig. Aron reichte mir ein feuchtes Tuch, damit ich besser atmen konnte. Ich glaubte dennoch zu ersticken, obwohl es bis zu Sanctifers babylonischem Museum nur ein paar Meter waren. Aber nicht die Hitze, sondern die Dunkelheit, die ich spürte, erdrückte mich.

Ich hielt auf die beiden Löwenskulpturen zu. Hinter ihnen lag eine in der Menschenwelt verborgene Treppe, die hinab in Sanctifers Gruft führte.

Aron packt meinen Arm und zog mich zurück. »Bleib hier, bis wir wissen, was uns dort unten erwartet.«

Ich wollte widersprechen, doch ein Blick in seine grauen Augen genügte, um mich zur Vernunft zu bringen. Er und Coelestins Engelskrieger konnten Feuerbälle weben, ich ohne Hilfe nicht mal ein Schwert.

Schließlich war ich an der Reihe, die Gruft zu betreten. Coelestin hatte einen seiner Krieger nach mir geschickt. Vor der untersten Treppenstufe blieb ich stehen. Düstere Erinnerungen quälten mich beim Blick in den mit farbenprächtigen Ornamenten und Malereien versehenen Ritualraum. Hier hatte Sanctifer Engel zu Monstern gemacht. Mir wurde flau bei dem Gedanken, wie viele es waren und dass ich ihm am liebsten dabei geholfen hätte.

Aron kam auf mich zu und verstellte mir die Sicht. Er spürte, welchen inneren Kampf ich ausfocht.

»Lynn, Coelestin bekommt das auch alleine hin.«

»Ist Philippe nicht hier?«, fragte ich panisch. Eine üble Vorahnung schnürte mir die Kehle zusammen.

»Doch, aber …«

»Dann lass mich bitte vorbei«, bat ich leise, unfähig, meine Stimme zu erheben.

Noch bevor ich den zusammengekrümmten Körper neben Coelestin entdeckte, legte sich ein eisiges Gespinst auf meine Seele. Blass, als würde kein Tropfen Blut mehr in ihm fließen, kauerte Philippe hinter Sanctifers Thron. Sein Blick war leer, als hätte er seine Seele verloren. Dass ich vor ihm niederkniete und seine Hände umfasste, änderte nichts an seiner Leblosigkeit.

»Ich hatte gehofft, er würde dich wiedererkennen«, erklärte Coelestin sanft. »Er steht unter Schock, aber er wird es überleben. Bestimmt geht es ihm morgen schon wieder besser«, setzte Coelestin hinzu, als er bemerkte, dass nicht nur Philippe unter Schock stand.

»Und … und seiner Seele?« Meine Stimme begann zu zittern. Der Gedanke, Sanctifer könnte sie ihm geraubt haben, war unerträglich.

»Die konnte er ihm nicht nehmen – nur sein Blut. Aber mit Sanctifers Tod ist auch die Bindung erloschen. Und falls mit Philippes Blut auch ein paar der dunklen Engel versorgt wurden, spielt das jetzt keine Rolle mehr. Die meisten von ihnen sind tot, und der Rest wird das auch bald sein.« Auf Coelestins zerfurchtem Gesicht erschienen Zornesfalten. Seelenlose Wesen überlebten nicht lange. Er und seine Krieger würden dafür sorgen. Auch deshalb hatte er mich in die Gruft gebeten. Er wusste, dass ich sie spüren konnte.

Deutlicher als bei meinem letzten Besuch fühlte ich diese alles vernichtende Boshaftigkeit. Obwohl ich nichts von ihrem Gestank wahrnehmen konnte, mussten sie ganz in der Nähe sein.

Ich schloss die Augen, um meinem Gefühl nachzugehen. Mein Engelinstinkt fand sie sofort. »Ich kann sie fühlen«, flüsterte ich.

»Das hatte ich gehofft«, antwortete Coelestin. »Weißt du, wo er sie versteckt hat?«

»Ja«, hauchte Philippe. Seine Pupillen schimmerten wie zwei große, dunkle Scheiben. Mit unsagbarer Angst starrte er auf die schiefergrauen, von farbigen Ornamenten umrahmten Steintafeln. Auch Coelestin war seinem Blick gefolgt.

»Bleib bei ihm«, bat er mich. Es war offensichtlich, dass Coelestin mich nicht mitnehmen wollte, wenn er und seine Krieger auf Sanctifers Monster trafen.

Sorgfältig ließ Coelestin seine Hände über eine der beschrifteten Schiefertafeln gleiten. Dieses Mal spürte ich nichts, während er die darin verwobene Energie entschlüsselte – aber ich war ja auch kein Wächterengel. Nur als seine Engel ihre Schwerter zückten und fahles Blau in ihren Handflächen schimmerte, fühlte ich, wie sich Engelsmagie verdichtete.

Angespannt warteten die Krieger vor den Steintafeln, bereit, loszustürmen, sobald Coelestin einen der Zugänge geöffnet hatte. Aron war der Letzte, der in Sanctifers unterirdischem Labyrinth verschwand. Natürlich erst, nachdem er mir die Verantwortung für Philippe auferlegt hatte. Er wusste genau, wie er mich von Sanctifers Monstern fernhalten konnte.

Nervös tigerte ich von einem Zugang zum nächsten. Meine Beruhigungsversuche bei Philippe waren erfolglos geblieben. Er hatte den Kopf hinter seinen Knien verborgen, als Coelestin den ersten Zugang entsiegelte, und seitdem nicht wieder aufgesehen. Vermutlich wusste auch er, welche Wesen diesen unverwechselbaren Geruch verströmten, der auf mich so unglaublich anziehend wirkte.

Schon der erste Schritt in Sanctifers Unterwelt raubte mir den Atem. Es mussten Tausende gewesen sein, die er in diesem unüberschaubaren Gefängnis eingesperrt hatte. Bei mir reichte einer, um meinen Jagdinstinkt zu wecken und mich voranzutreiben.

Meine Klauen drängten hervor, als sich der Gestank verstärkte. Ich hielt sie zurück. Beim Nahkampf gegen Sanctifers dunkle Engel war ich chancenlos. Ich hatte gesehen, mit welch grausamer Brutalität sich diese Bestien zerfleischten. Die einzige Waffe, mit der ich Philippe verteidigen konnte, war ein Schwert.

Ich rannte zurück in die Gruft und hoffte, dass sich die verdichtete Engelsmagie noch nicht wieder verflüchtigt hatte. Mir blieben höchstens noch ein paar Sekunden, um eine Waffe zu weben, bevor der dunkle Engel hier war.

Philippe saß noch immer in seiner Kauerstellung hinter dem Thron und blendete die Welt um sich herum aus. Wenigstens ersparte er sich so den Schock, mit ansehen zu müssen, wie seine kleine Schulfreundin sich in einen Racheengel verwandelte und ein Schwert aus der Luft zauberte. Doch so innig ich es mir auch herbeisehnte, meine Hände blieben waffenlos.

Mit ausgebreiteten Schwingen und drohend erhobenem Schwert stürmte der dunkle Engel in die Gruft. Die Intensität, mit der Sanctifers Bestie töten wollte, brachte mein Herz zum Rasen. Ich war schnell genug, um ihm auszuweichen, und wütend genug, um mir seine Aufmerksamkeit zu sichern.

Mein Tritt gegen seine Kniescheibe – falls das Ding überhaupt so etwas besaß – ließ es zumindest laut aufheulen. Blöd nur, dass es nicht zu Boden ging, sondern nur noch wütender wurde.

Um es von Philippe abzulenken, flüchtete ich Richtung Treppe. Mit rot glühenden Augen setzte es mir nach, verharrte mitten in seiner Bewegung, schnupperte – und entdeckte Philippe. Mein Herz blieb stehen, als es sich langsam, wie in Zeitlupe, zu ihm umdrehte.

Ich schloss die Augen und blendete alles um mich herum aus, um den Himmelslichtern nachzuspüren. Ich konnte das. Ich musste es – für Philippe.

Das sanfte Pulsieren fand mich, verstärkte sich und verschmolz mit mir zu einer Einheit. Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass ich ein purpurrot leuchtendes Schwert in den Händen hielt.

Mein erster Hieb trennte einen Flügel vom Rücken des dunklen Engels. Sein bestialischer Schrei fuhr mir bis ins Mark. Seine Wut war grenzenlos. Mit barbarischer Wucht ließ es seine Klinge auf mich herabsausen. Ich wich zurück und wäre wegen meiner Flügel beinahe gestrauchelt.

Um wendiger zu sein, zog ich sie so dicht wie möglich an meinen Körper. Dem nächsten Schlag entkam ich problemlos. Doch das Monster setzte nach und drängte mich in Philippes Richtung. Ich landete ein paar Treffer auf seinem Schwert, doch es blieb hartnäckig. Noch ein paar Meter, und Philippe war in Reichweite.

Ich biss die Zähne zusammen und breitete meine großen roten Flügel aus. Flügel konnten nachwachsen, Philippes Kopf nicht.

Die Augen des dunklen Engels erglühten. Wie ein wilder Stier stürzte er auf mich zu. Hätte ich mich nicht rechtzeitig in einen der Zugänge geflüchtet, wäre ich jetzt wohl einen Flügel schmaler.

Der dunkle Engel trieb mich tiefer hinein in das düstere Gefängnis. Türen mit Gitterstäben, so zahllos wie Grashalme auf einer Wiese, reihten sich dicht aneinander. Sanctifer hatte sie eingesperrt, damit er seine Monster nicht ständig kontrollieren musste. Jetzt waren die Schlösser entriegelt und die Türen standen offen.

Ich wählte den nächstbesten Flur und rannte. Je weiter weg das Ding von Philippe war, umso besser. Vielleicht traf ich ja irgendwann auf einen von Coelestins Kriegern – oder auf noch mehr dämonische Engel. Was, wenn einer von ihnen Philippe fand?

Nach einem abrupten Halt und einer schnellen Drehung zielte ich mit meinem Schwert auf meinen Verfolger. Das Biest musste einst ein verdammt guter Kämpfer gewesen sein. Unverletzt entkam es dem Angriff. Ich fluchte, als es sein Schwert auf mich niedersausen ließ. Sein schiefes Grinsen alarmierte mich. Inzwischen wusste es, dass ich nichts in der Hand hatte, was ihm gefährlich werden konnte.

Ich flüchtete einen Flur entlang, der mich hoffentlich wieder zurück zu Philippe bringen würde. Natürlich blieb mir das Ding auf den Fersen. Doch ich musste es loswerden, bevor ich die Gruft erreichte.

Ich wählte eine Zelle mit steckendem Schlüssel. Der dunkle Engel folgte mir. Langsam, siegesgewiss. Er drängte mich in eine Ecke und hob seine Klinge zum finalen Schlag. Anstatt den Hieb abzuwehren, duckte ich mich, während ich mein Schwert und meine Flügel sich in Luft auflösen ließ, und hechtete an ihm vorbei Richtung Tür. Das Schwert des dunklen Engels schlug Funken über meinem Kopf, als ich den Schlüssel umdrehte, doch die Gitterstäbe hielten dem Angriff stand. Sein ohrenbetäubendes Brüllen folgte mir. Es wusste, dass es sterben würde.

Völlig außer Atem erreichte ich die Gruft. Coelestins Krieger waren zurück. Ein panischer Aron stürzte mir entgegen.

»Eines ist uns entkommen, und ich dachte schon … Lynn, bist du okay?«

Ich nickte.

»War es hier?«

»Ja.« Noch immer atemlos deutete ich auf den Rest Flügel, der auf dem Boden lag.

»Bist du … bist du verletzt?« Arons Augen glitten suchend über meinen Körper.

»Nein, es geht mir gut.«

»Und … und wo ist Sanctifers Monster?«, fragte Aron verwirrt.

»Das findest du in einer der Zellen.«

»Du hast es eingesperrt?« Stolz spiegelte sich in den Augen meines einstigen Tutors – und unendliche Erleichterung, dass ich den Kampf unbeschadet überlebt hatte.