Kapitel 30
Dunkle Schatten

Ein ohrenbetäubender Knall wie von einer Explosion ließ mich auffahren. Pauls Kopf durchbrach die äußere Barriere. Ich beschwor ihn, sich wieder in den Zellentrakt zurückzuziehen und auf Lucia aufzupassen, was er erstaunlicherweise auch machte.

Keine Minute später stürmten Nagual und Daragh in den Vorraum des Zellentrakts. Ihre Flügel blitzten ebenso gefährlich wie ihre Engelschwerter. Sie hielten auf Christopher zu, der Gabriellas toten Körper noch immer in seinen Armen hielt.

Mit ausgebreiteten Flügeln stellte ich mich den beiden Racheengeln in den Weg.

»Geh zur Seite!«, herrschte Nagual mich an.

»Warum?«, fauchte ich zurück.

»Der Schatten hat einen Engel getötet und muss gerichtet werden.«

Nagual kam mir bedrohlich nahe. Seine Goldaugen glitzerten gefährlich hell. Und noch während Nagual mich überreden wollte, ihn durchzulassen, versuchte Daragh, mich zu umgehen. Hastig spreizte ich meine Flügel, um ihn aufzuhalten. Der rothaarige Racheengel blieb stehen und zielte mit seinem kristallklaren Schwert auf meine Schwingen.

»Geh aus dem Weg, wenn dir deine Flügel lieb sind«, warnte er mich. Ich blieb standhaft. Für Christopher würde ich viel mehr als meine Flügel geben.

»Nimm dein Schwert runter, Daragh«, zischte ich. »Hier gibt es keinen Schatten. Es ist Christopher. Und er hat Gabriella nicht getötet, sondern sie von ihrem Schatten befreit.«

Naguals Honig-Muskat-Duft intensivierte sich. »Geh beiseite, damit ich sie sehen kann«, herrschte er mich an – er glaubte mir nicht.

»Nur wenn du mir dein Schwert gibst.« Schließlich hatte ich keines mehr und brauchte etwas, womit ich Daragh in Schach halten konnte, falls Christopher seine Waffe gegen Nagual richten musste.

Christopher mischte sich ein. »Lass ihn vorbei.« Seine raue, kaum wiederzuerkennende Stimme schnürte meine Kehle zusammen. Er litt, weil er ein Schatten war – und sein Schmerz wurde meiner.

Ich zögerte. Christopher war noch weit davon entfernt, ein Engel zu sein. Und auch wenn Nagual mich im Zirkel unterstützt hatte, er war ein Racheengel, hielt ein Schwert in den Händen und wirkte im Augenblick nicht besonders friedfertig.

Erst als ich Christophers warmen Atem in meinem Nacken spürte und er mir ein »Er wird mir nichts tun« ins Ohr flüsterte, trat ich beiseite – und vor Daragh, um Christopher wenigstens von einem der beiden abzuschirmen.

Nagual streckte seine Hand nach Gabriella aus. Neben ihm und Christopher wirkte ihr Körper schmal und zerbrechlich. Sie war kaum größer als ich, nur ihre Haare schimmerten heller als meine. Und obwohl ich sie nicht gekannt hatte, wurde mir schwer ums Herz, als ich den toten Engel in Christophers Armen liegen sah.

Naguals Goldaugen überzog ein dunkler Schleier. Selbst Daraghs harte Gesichtszüge wurden für einen kurzen Moment weich, als er Gabriella wiedererkannte. Trotz des dämonischen Erbes, das ein tiefverankertes Misstrauen unter Racheengeln auslöste, berührte sie Gabriellas Tod. Ein Teil von ihnen musste sie aufrichtig geliebt haben. Vielleicht war das der Grund, der Racheengel davon abhielt, sich gegenseitig zu jagen.

Ich fing Christophers Blick auf, als er Gabriellas toten Körper an Nagual weiterreichte. Die Anwesenheit der Racheengel zehrte an seiner Selbstbeherrschung. Seine dunkle Seite war noch immer sehr mächtig. Er brauchte Abstand.

Um Nagual und Daragh von ihm abzulenken, erzählte ich, was mit Paul und Lucia passiert war – schließlich musste sich jemand um das bewusstlose Mädchen und den verletzten Engel kümmern. Noch während ich sprach, verschwand Daragh im Zellentrakt. Nagual dagegen zögerte und betrachtete mich mit einem undefinierbaren Blick. Entweder er traute mir nicht, oder er befürchtete, ich könnte der nächste tote Engel sein, wenn ich bei Christopher blieb. Sein aromatischer Duft verstärkte sich.

»Du solltest in die Basilika mitkommen«, forderte er mich auf.

»Später«, antwortete ich und sah zu Christopher, der sich ans andere Ende des Raums zurückgezogen hatte.

Nagual nickte. Er wusste, dass ich Christopher liebte, und akzeptierte meine Entscheidung. Mit Gabriella in den Armen folgte er Daragh, der Lucia über der Schulter trug, damit er Paul unter die Arme greifen konnte. Auch die anderen Racheengel sollten sehen, dass Gabriella kein Schatten mehr war.

Meine Hand zitterte, als ich sie nach Christopher ausstreckte. Es hatte weh getan, die verletzten Klauen einzuziehen. Aber ich zitterte nicht vor Schmerz oder aus Angst, ein Monster zu berühren, sondern weil ich mir nichts sehnlicher wünschte, als Christopher in die Arme zu schließen. Es war mir egal, in welcher Gestalt er vor mir stand. Für mich existierte nur der Engel.

Christopher wich vor mir zurück.

Ich folgte ihm. Mir war klar, warum er vor mir floh. Er fürchtete sich davor, von mir berührt zu werden. Weil er Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren – wie schon einmal im Verlies im Schloss der Engel. Doch ich wusste, dass er mir nichts tun würde. In seinen Augen sah ich nicht die Gier eines Schattens, sondern erkannte dieselben Gefühle, die ich für Christopher empfand.

Ein gequälter Laut entwich seiner Kehle, als ich sein von hervorquellenden Adern durchzogenes Gesicht in die Hände nahm. Litt er, weil er nicht wollte, dass ich ein Monster berührte?

»Ich weiß, dass du es bist«, flüsterte ich, während ich mit meinen Fingern vorsichtig die Konturen seines entstellten Gesichts nachzeichnete. Christophers faltiger Mund versteinerte, als ich sanft darüber hinwegstrich. Seine klauenbewehrten Hände packten meine Schultern und schoben mich zurück.

Panik überfiel mich. War ich zu weit gegangen? Auch in mir lebte ein dunkler Teil. War es das, was er spürte, wenn ich ihn berührte? Meine dämonische Seite? Nicht meine Liebe?

»Geh, ich komme ohne dich zurecht«, knurrte Christopher, doch seine Augen sagten etwas anderes.

»Ich aber nicht ohne dich«, flüsterte ich. Mit meinem neuerwachten Engelsmut befreite ich mich von seinen Klauen, schlang meine Arme um Christophers Körper und drängte mich an ihn.

Christopher knurrte vor Wut. Hatte ich mich getäuscht? Seine Klauen schnellten nach oben. Er würde sie mir in den Rücken schlagen, wenn ich ihn nicht freigab. Doch ich wollte ihn nicht loslassen – nicht, nachdem ich ihn gerade eben erst wieder zurückbekommen hatte.

Christophers Bewegung geriet ins Stocken. Helles Jadegrün blitzte in seinen fahlen Augen. Er war wütend, weil ich lieber ein Monster umarmte, anstatt mich vor ihm in Sicherheit zu bringen.

Ich hielt seinem durchdringenden Blick stand und drückte mich noch ein wenig dichter an seinen monströsen Körper. Auch wenn es Jahre dauern würde, ich würde ihn so lange in meinen Armen halten, bis er wieder ein Engel war.

Mit einem leisen, beinahe sanften Knurren akzeptierte Christopher seine Niederlage. Vorsichtig legte er seine klauenbewehrten Hände um meine Taille und ließ sich lange einfach nur von mir festhalten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schob Christopher mich ein wenig von sich weg. Die Adern in seinem Gesicht waren zu dünnen Linien geschrumpft. Seine fahlgrünen Augen, in denen jetzt ein warmer Funke schimmerte, huschten über mein Gesicht, als wäre ich ein unlösbares Rätsel. Schließlich begann er zu erzählen. Seine Stimme klang noch immer rau, aber das Animalische darin war verschwunden.

»Als ich auf der Insel im See versucht habe, dir deine Kräfte zu rauben, dachte ich, ich hätte endlich einen Weg gefunden, mich ihm zu widersetzen. Doch es scheint nur einen Engel zu geben, der sich Sanctifers Macht entziehen kann.« Für einen kurzen Moment weitete sich der warme Schimmer in Christophers Augen. Das sanfte Smaragdgrün, das ich so sehr liebte, tauchte auf. »Als er Gabriella befohlen hat, dich zurückzuholen, brach mein Widerstand.«

Sanctifers Bild tauchte auf. Tödlicher Hass breitete sich in mir aus. Ich wollte ihn leiden sehen – sterben.

Christopher presste seine blassen Lippen zusammen. Mein Zorn stachelte die dämonische Seite an, die er gerade zurückzudrängen versuchte. Ich ließ ihn los, um ihm mehr Freiraum zu geben, doch Christopher hielt mich nur umso fester.

»Raffael hat mir geholfen, aus Sanctifers Palast zu entkommen. Er vertraute darauf, dass ich Gabriella daran hindern würde, dich zu einem Monster zu machen, obwohl ich selbst eines war.«

»Raffael hat dich befreit?« Ich war froh, dass er noch am Leben war, und überrascht, dass er wusste, wie sehr Christopher mich liebte.

Christopher nickte. Er wirkte müde. Die dämonischen Schatten zu vertreiben kostete Kraft.

Meine Gedanken wanderten zu Raffael. Je länger ich ihn kannte, umso schwerer fiel es mir, ihn einzuschätzen. Obwohl ich ihn lange Zeit nicht als Freund betrachtet hatte, er war einer. Hätte er uns sonst vor einer Zukunft als Schatten gerettet? Oder gab es für ihn einen anderen Grund, uns zu helfen? Mitleid? Gut möglich. Schließlich wusste er, zu was ein Engel mutierte, wenn ihm die Seele geraubt wurde.

Die Zeit entglitt mir. Stunden konnten vergangen sein, vielleicht auch Tage. Jetzt, da ich Christopher wieder bei mir hatte und wusste, dass alles gut werden würde, war ich blind für das, was um uns herum passierte. Erst als ich die dämonische Kälte spürte, ahnte ich, dass der Kampf noch nicht vorbei war.

Auch Christopher bemerkte etwas. Sein Körper spannte sich an. Er hob den Kopf und lauschte. Doch obwohl er inzwischen beinahe wieder seine menschliche Gestalt angenommen hatte, den Kampf gegen einen von Sanctifers dunklen Engeln aufzunehmen, würde seinen Schatten stärken und ihn schwächen.

»Bleib hier«, bat ich. »Ich bin gleich wieder zurück.« Ich wollte ein wenig schnuppern gehen, um sicher zu sein, dass ich mich nicht getäuscht hatte.

Christopher nickte und gab mich frei. Sein schnelles Eingeständnis verunsicherte mich. Dennoch hakte ich nicht nach, sondern vertraute darauf, dass er hierbleiben würde, bis ich zurückkam.

Mein Gefühl führte mich zu dem Tunnel, durch den Gabriella die Krypta betreten hatte. Je näher ich dem Unterwasserzugang kam, umso eisiger wurde die Kälte – und umso übler der Gestank. Mein Instinkt hatte mich richtig geleitet. Etwas Dunkles war durch den Tunnel in der Kanalwand gekrochen. Dass es bereits in der Krypta stand, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Eigentlich hätte jetzt eine Waffe in meiner Hand erscheinen müssen, doch ich war viel zu perplex. Als hätte jemand meine Füße festgeklebt, stand ich da und beobachtete, wie der dunkle Engel versuchte herauszufinden, welcher Flur ihn am schnellsten zu Christopher bringen würde.

Mich entdeckte er genau jetzt!

Seine ledernen Schwingen drohend über seinem aalgrauen Körper erhoben, fixierte er mich wie ein Krokodil eine ahnungslose Gazelle. Als seine seelenlosen Augen rot aufglühten, rannte ich los. Zu Christopher. Um seine verletzte Engelseele vor dem dunklen Wesen zu schützen und ihn in der Basilika in Sicherheit zu bringen – und stolperte einen Raum weiter direkt in seine Arme.

Mein Herz trommelte in einem ungesunden Rhythmus. Christopher würde gegen den dunklen Engel kämpfen, sein Dämon würde erwachen und ich ihn verlieren.

Doch anstatt sich auf Sanctifers Geschöpf zu stürzen, sah Christopher nur mich an. In seinen Augen lag eine Angst, die mein Herz überlaufen ließ. Er fürchtete nicht, dass er, sondern dass ich meinem Racheengelinstinkt folgen und jagen würde. Die Unnachgiebigkeit, mit der er meine Taille umfasste, mich in einen schmalen Nebenflur schob und durch die verwinkelte Krypta steuerte, bewies mir, wie sehr er mich liebte. Er wollte mich nicht verlieren – ich wusste genau, wie sich das anfühlt.

Vor den Überresten einer Treppe und einem schwarzen Steinhaufen, der noch vor kurzem in der Basilika als Altar gedient hatte, blieb Christopher stehen. Nagual musste ihn gesprengt haben. Vermutlich hatte Gabriella den Zugang zur Krypta blockiert, bevor sie mich holen kam.

Christophers irisierende Flügel erschienen. Fragend sah er mich an.

Ich brachte kein Wort heraus, nickte nur und ließ mich von ihm in die Arme nehmen, damit er mich durch die Öffnung nach oben fliegen konnte. Ihn als Engel vor mir zu sehen, überschwemmte meine Sinne wie tausend Glücksmomente. Dass Christopher die Zähne zusammenbiss, aber ansonsten unbeschadet die versiegelte Öffnung überwand, trieb mir Freudentränen in die Augen: Er hatte es geschafft und den Schatten in sich besiegt.

Wir fanden Nagual im Nebentrakt der Basilika, wo er die Engelsbarriere verstärkte, hinter der er die schlafende Lucia in Sicherheit gebracht hatte. Magdalena und Berejide waren zu Liao aufgebrochen, der Sanctifers Insel überwachte. Und Daragh berichtete der Dogin in ihrem Palast nebenan, was geschehen war.

Nagual bat mich, nach Paul zu sehen. Er wollte allein mit Christopher reden. Als ich zögerte, drückte Christopher mir einen Kuss auf die Stirn und versprach, gleich nachzukommen. Und obwohl mir ein wenig mulmig zumute war, die beiden Racheengel allein zu lassen, ging ich Paul suchen. Er war verletzt. Vielleicht brauchte er Hilfe.

Ich fand ihn auf dem Balkon der Basilika. Über der eingerissenen Stelle an seinem Flügel schimmerte ein rosafarbenes Band, das mich an meine Plüschflügel erinnerte. Ein Grinsen huschte mir über die Lippen.

»Daragh hat es gewoben, und ich habe nichts gegen Rosa«, erklärte Paul, als er bemerkte, dass ich auf das Band starrte. »Es beschleunigt den Heilungsprozess.«

»Und vertreibt den Schmerz?« Dass Paul sich mit seinen Händen an der Brüstung abstützte und sich nicht zu mir umdrehte, ließ mich Übles ahnen.

»Dagegen hilft es auch ein wenig. Fliegen geht allerdings nicht besonders gut. Vielleicht haben sie mich deshalb aus der Basilika verbannt«, bemerkte er trocken – wie mich, fügte ich in Gedanken hinzu. »Aber anscheinend bin ich nicht der Einzige. Ist alles …« Paul stockte mitten im Satz.

Auch ich erkannte Magdalenas saphirblau leuchtende Engelschwingen neben dem weißen Flügelpaar am westlichen Horizont. Ich hielt den Atem an. Eine dunkle Sturmwolke folgte ihnen. Der Geschwindigkeit nach, mit der Magdalena und ihr Begleiter auf die Basilika zuhielten, waren sie auf der Flucht. Aber nicht nur Magdalena schien in Bedrängnis zu sein.

Am südlichen Himmel entdeckte ich Liao und Berejide. Unter ihnen toste das Meer. Doch es war kein Sturm, sondern lederne Schwingen, die das Wasser in der Lagune zum Schäumen brachten. Ein Schwarm aalgrauer Körper hielt auf die Stadt der Engel zu. Sanctifer hatte seine dunklen Monster freigelassen – und sie kamen direkt auf uns zu.

Der Racheengel in mir reagierte mit atemberaubender Geschwindigkeit. Berauschende Engelsenergie pulsierte durch meine Adern. Alles in mir drängte, die Flügel auszubreiten, ein Schwert zu zücken und Sanctifers Bestien entgegenzustürmen. Doch das einzige Mal, wo ich es geschafft hatte, richtig zu fliegen, war an Christophers Seite. Und Christopher war im Moment der Allerletzte, den ich bitten sollte, sich mit mir in den Kampf zu stürzen.

Anstatt einer Waffe packte ich Paul, um wenigstens ihn in Sicherheit zu bringen.

Paul wand sich aus meinem Griff. »Was ist das?!«, fragte er starr vor Entsetzen.

»Sanctifers Armee. Komm mit in die Basilika. Ich muss Christopher und Nagual warnen.«

»Nur Nagual«, antwortete Christopher. Er schickte Paul in die Basilika, bevor er neben mich auf den Balkon trat. Seine Augen leuchteten in ungesund mattem Jadegrün. Auch dass sein Körper vor Anspannung brodelte, gefiel mir ganz und gar nicht.

Ebenso wie bei mir weckte die Nähe der dämonischen Wesen seine Engelseite – auch die dunkle. Allerdings war bei ihm die Erinnerung an seinen Schatten wesentlich intensiver, keine zehn Minuten alt und Christophers Widerstand noch nicht wieder hergestellt – sonst hätte er gefasster reagiert. In diesem fragilen Zustand gegen eine Armee dunkler Engel zu kämpfen, wäre Selbstmord an seiner Engelseele.

»Christopher, wir sollten lieber wieder in die Basilika …« Ich schluckte den Rest hinunter. Christophers jadegrüne Augen funkelten mich an, als wäre ich eine der Bösen.

»Danke, aber ich bin in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen«, knurrte er. Christopher war im Kampfmodus.

Angst überfiel mich. Er durfte nicht gegen Sanctifers Monster kämpfen. Nicht heute. Nicht, nachdem seine dämonische Seite ihn beinahe bezwungen hätte. Aber genauso gut wusste ich, dass ich ihn nicht aufhalten durfte. Christopher war ein Racheengel, geboren für den Kampf gegen das Böse. Ich spürte, wie sehr er brannte. Sein Hass auf Sanctifer war tausendmal stärker als meiner.

»Ich weiß, dass du mich nicht zu ihm lassen willst – doch ich bin der Einzige, der ihn aufhalten kann«, erklärte mir Christopher und hinderte mich mit einem atemberaubenden Kuss daran, ihm zu widersprechen. Als er seine wunderschönen Flügel ausbreitete, rebellierte auch mein innerer Engel. Ich wollte mit ihm fliegen – und konnte nicht!

Christopher zögerte. Er spürte, wie verloren ich mich fühlte. Seine Miene wurde weich, doch seine Augen flehten um Verständnis.

»Lynn, ich kann nicht tatenlos zusehen, wie er die Stadt der Engel zerstört und sich zum Dogen ernennt – denn dann würdest du in seine Hände fallen. Und das könnte ich mir niemals verzeihen.«

»Und was ist mit dir?« Meine Stimme zitterte. Es fiel mir unsagbar schwer, ihn nicht zu bitten, mich mitzunehmen. Doch ich wusste, dass meine Nähe ihn nur schwächen würde. Er war an mich gebunden. Meine Furcht, ihn zu verlieren, meine Wut auf Sanctifer und die Nähe zu seinen dämonischen Geschöpfen würde Christopher über die Kante treiben und zu einem unberechenbaren Monster machen.

Christopher spürte meine Angst und zog mich in seine Arme. Hüllte mich in seine wunderbaren Flügel und schenkte mir einen unendlich zärtlichen Kuss.

»Versprich mir, in der Basilika zu bleiben – damit ich weiß, dass du in Sicherheit bist, und ich dich finde, wenn ich zurückkomme«, beschwor er mich. Und ich, überwältigt von ihm, seinem Sommersturmduft und seiner Liebe, willigte ein.

Als Christopher sich über die Brüstung schwang, sog ich seinen Gewitterduft tief in mich auf, um wenigstens einen Teil von ihm festzuhalten – am liebsten hätte ich den ganzen Engel zurückgehalten. Doch dann hätte ich ihm auch gleich die Flügel stutzen und ihn in einen goldenen Käfig sperren können.