Kapitel 26
Gewitterhauch

Mein Zittern ließ erst nach, als ich Aron in der Markusbasilika entdeckte. Nagual flößte mir gleichermaßen Angst wie Respekt ein. Dass ich mich hinter Aron versteckte, entsprach sicher nicht dem Bild eines Racheengels, aber im Moment war mir ziemlich egal, was Nagual von mir dachte.

»Besonders mutig scheint sie nicht zu sein«, kommentierte Goldauge meine Flucht zu Aron.

»Du unterschätzt sie. Lynns Stärke liegt nicht in ihrer Unverfrorenheit, sondern in ihrem Herzen.«

Nagual nickte. »Vermutlich hast du recht. Aber ich habe mich um wichtigere Dinge zu kümmern – falls das mit den seelenlosen Engeln stimmt.«

»Es ist wahr. Ich habe gesehen, wie Sanctifer einen von ihnen erschaffen hat«, mischte ich mich ein.

»Und? Wie hast du dich dabei gefühlt?« Nagual umklammerte meine Schultern. In seinen Augen leuchtete ein diabolisches Schimmern.

Ich versuchte, ihm standzuhalten. Naguals Honig-Muskat-Duft hüllte mich ein. Zarter Eisnebel legte sich auf meine Stirn. Die Erinnerung an das grausame Ritual verschwamm und wurde zur Wirklichkeit – und ich ließ zu, dass Nagual sah, was ich gesehen hatte.

Ich war wieder in Sanctifers Palast, beobachtete, wie Massimo seine Seele verlor, und wünschte mir nichts sehnlicher, als Sanctifers Platz einzunehmen. Gieriges Verlangen überschwemmte meinen Körper. Meine dämonische Seite gewann an Stärke, versprach mir unbezwingbare Macht. Was war die Seele eines gewöhnlichen Engels schon wert?

Arons Stimme erreichte mich. Sein Bild war verschwommen, dennoch konnte ich seine Gegenwart deutlich spüren. Auch er besaß die Seele eines Engels – er, Paul, Susan und all die anderen, die ich im Schloss der Engel kennengelernt hatte.

Übelkeit stieg in mir auf. Würde ich auch einen von ihnen opfern? Um Christopher zu retten? Oder wegen der damit verbundenen Macht? Meine Engelseele weigerte sich weiterzudenken, doch meine dunkle Seite wusste, wozu ich fähig war.

Mir wurde eisig kalt. Meine innere Zerrissenheit forderte ihren Tribut. Nagual ließ mich los. An seiner Stelle legte Aron einen Arm um meine Schultern. Ich war dankbar, Schutz bei ihm zu finden.

»Sorge dafür, dass sie in der Basilika bleibt, wenn du nicht willst, dass ich sie unten einsperre. Und pass auf, dass sie keine Dummheiten macht – bereit und in der Lage dazu wäre sie. Christopher hat die richtige Wahl getroffen, sie zu einem Racheengel zu machen.« Naguals scharfzüngige Bemerkung verstärkte die Kälte in mir, was auch sein Nachsatz nicht lindern konnte.

Aron brachte mich in einen Raum im Nebentrakt der Basilika, wo ich mich ausruhen sollte.

»Du wirst ihn wiedersehen, hab Vertrauen – in mich und in Christopher«, bat er.

Christophers Bild tauchte in meinem Kopf auf. Er stand an der Seite der Dogin.

»Ist es wahr, dass die Dogin ihre Macht aus dem Erschaffen dunkler Engel zieht? Und dass … dass ein Racheengel ihr dabei hilft?« Aron wusste genau, von welchem Racheengel ich sprach. Er zog sich einen Stuhl neben die Schlafcouch, auf der ich saß, und setzte sich mir gegenüber.

»Coelestin hat ihn davor gewarnt. Doch die Dogin und ihre Versprechungen waren für einen jungen Racheengel wie Christopher sehr verlockend.«

»Er … und die Dogin waren ein Paar?«

Aron nahm meine Hände. Er spürte, dass ich Halt brauchte.

»Nein. Auf dieses Angebot ist Christopher nicht eingegangen. Ihn reizte die Macht, die dunklen Engel zu kontrollieren. Doch er spürte schnell, dass es falsch war, selbst einem entarteten Engel die Seele zu rauben und ihm ein Leben aufzuzwingen, das er niemals gewählt hätte.«

Erneut erschienen Bilder von Christopher und der Dogin in meinen Gedanken. Dieses Mal kniete ein Engel zu ihren Füßen, und Christopher stand kurz davor, ihn in ein Monster zu verwandeln.

»Lynn, Christopher musste viel durchmachen. Lange Zeit war sein einziges Ziel, mächtig genug zu werden, um Sanctifer widerstehen zu können. Doch diesen Christopher gibt es nicht mehr. Dank dir weiß er, dass es Wertvolleres gibt, für das es sich lohnt, zu kämpfen.«

Aron ließ mich allein. Er wollte, dass ich ein wenig Schlaf nachholte. Ich versuchte es erst gar nicht. Meine Überlegungen, wie ich Christopher helfen konnte, und mein Entsetzen darüber, wozu ich fähig war, hätten mich sowieso wachgehalten.

Ich beschloss, dem Balkon der Basilika einen Besuch abzustatten. Schließlich durfte ich mich im oberirdischen Teil der Kirche frei bewegen. Doch kaum dass ich aus meinem Zimmer trat, passte Paul mich ab. Aron hatte ihm mal wieder die Rolle des Bodyguards zugewiesen, weshalb ihm nichts anderes übrigblieb, als mich zu begleiten. Doch irgendwann riss Paul der Geduldfaden.

»Dein ständiges Hin-und-her-Gerenne geht mir langsam auf die Nerven. Du scheinst dringend eine Aufgabe zu brauchen, die dich auslastet.«

»Und das wäre?«, fragte ich, ohne meinen Blick abzuwenden. Die umlaufende Galerie ermöglichte mir, sowohl den Markusplatz als auch den Vorplatz des Dogenpalastes zu überwachen. Naguals Versprechen, dass ich in der Basilika vor der Dogin und ihrem Rat in Sicherheit war, traute ich nicht.

»Lass mich überlegen«, begann Paul mit gespielter Unsicherheit, was ihm meine Aufmerksamkeit sicherte. Er hatte etwas ganz Bestimmtes im Sinn, wie mir das Zucken seiner Mundwinkel verriet.

»Los, spuck’s schon aus, damit ich dir sagen kann, wie dämlich dein Vorschlag ist.«

»Du hältst also Fliegenlernen und Engelsmagieweben für dämlich?« Paul schenkte mir eines seiner nur für mich reservierten Lynn-Grinsen. »Lynn ist sprachlos! Was für ein seltener Anblick«, neckte er mich, weil ich ihn ungläubig anstarrte.

»Du willst mich unterrichten?«

»Warum nicht? Ich bin ein geprüfter Wächterengelanwärter, und in Anbetracht der Lage hast du Unterricht dringend nötig«, scherzte er, doch in Wahrheit meinte Paul es bitterernst.

Pauls Durchhaltevermögen erwies sich als wesentlich größer, als mir im Moment lieb war. Nach meinen erfolglosen Versuchen, meine Flügel zum Oszillieren zu bringen, bugsierte er mich in eines der Zimmer im Nebentrakt, um mit dem Weben von Engelsmagie weiterzumachen. Obgleich ich lieber auf dem Balkon geblieben wäre, spielte ich die brave Schülerin. Sowohl die körperliche als auch die geistige Anstrengung taten mir gut: Sie lenkten mich ab von meinen düsteren Gedanken.

Als die Sonne sich verabschiedete, beendete Paul mein ergebnisloses Waffenweben. Ernüchtert ließ er sich von mir zum Frische-Luft-Schnappen zurück auf die Galerie der Basilika schleppen. Ein lauer Nachtwind vertrieb die Hitze des Sommertags. Er blies vom Meer herüber, aus der Richtung, wo Sanctifers Insel lag – dort, wo Christopher war.

Zu glauben, dass ich Christopher aus Sanctifers Palast befreien könnte, erschien mir plötzlich utopisch. Einen Schatten aus Sanctifers Unterwelt zu entführen würde selbst Aron überfordern. Dazu benötigte man einen mächtigen Engel: einen Racheengel wie Nagual.

Ich vertrieb das Bild des goldenen Racheengels, der auf dem Dach der Basilika gegen Christopher kämpfte. Dass die beiden sich nicht gerade mochten, zerstörte meine Hoffnung auf Hilfe.

Der Umriss einer dunklen Gestalt, die über die Piazzetta Richtung Basilika huschte, erregte meine Aufmerksamkeit. Mein Herz geriet ins Stolpern. Gierig sog ich den Geruch ein, den der Wind zu mir heraufwehte. Salzige Meeresluft, durchzogen mit einer Prise wilder Kräuter. Ein Hauch von Arons Engelsduft, würzig und angenehm, doch nicht der, den ich erhofft hatte.

Verzweifelt schloss ich die Augen. Nur meinetwegen war Christopher bei Sanctifer. Wäre ich nicht geflohen, dann wäre er noch in Sicherheit. Doch im Grunde meines Herzens wusste ich, dass das nicht stimmte. Christopher hätte gespürt, wenn ich zu einem Schatten geworden wäre – so, wie er es gespürt hatte, als in der Krypta meine Flügel in Flammen aufgingen. Christopher war an mich gebunden. Er konnte meine Gefühle wahrnehmen, falls ich sie ihm nicht vorenthielt – oder nicht stark genug war, mich ihm zu verschließen. Vielleicht war es gut, dass er mir nicht erlaubt hatte, das Bündnis zu erwidern.

Meine Gedanken führten mich in Sanctifers Unterwelt. Zu seinen dunklen Engeln und dem Verlies, in das sie mich gesteckt hatten. Hielt er auch Christopher dort gefangen? Um ihm seinen Schatten aufzuzwingen? Oder war er schon eines seiner dämonischen Monster?

Schwere Tränen sammelten sich in meinen Augen. Engelstränen. Gut, dass Paul sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

Ein Hauch von Sommergewitter berührte mich. Er kam nicht mit dem Wind, sondern streifte durch meine Erinnerungen. Eisige Nebeltröpfchen streckten ihre Fühler nach mir aus. Ich war mir so sicher, dass Christopher mich in diesem Augenblick erreichen wollte, dass ich mich nicht gegen die Kälte verschloss, sondern meine Gedanken öffnete. Schon einmal war es Christopher gelungen, mich seine Empfindungen spüren zu lassen.

Doch dieses Mal war es anders. Heimtückisch, bösartig. Dunkle Gefühle erwachten in mir. Ich drängte sie zurück. Doch der Schmerz, der mich erreichte, war zu real, um ihn zu ignorieren. Tausend Stiche malträtierten meine Engelseele. Ich versuchte, sie zu schützen, doch es war zu spät. Die Eiseskälte war schon zu weit vorgedrungen. Hass und ein dunkles Verlangen erwachten in mir.

»Hol Aron!«, presste ich zwischen zwei Atemzügen hervor. Ich hatte Angst, Paul etwas anzutun, falls er blieb. Doch anstatt zu gehen, packte er mich an den Schultern und drehte mich zu sich um.

»Lynn, was ist los mit …« Paul erstarrte, als er meine schreckgeweiteten Augen erblickte.

»Bitte geh!«, zischte ich und schlang meine Hände um das steinerne Balkongeländer, als eine neue Welle aus Schmerz und Verzweiflung durch meinen Körper rollte.

Paul ließ mich los. Offenbar hatte er endlich erkannt, wogegen ich ankämpfte. Doch anstatt Aron zu suchen, blieb er und begann, beruhigend auf mich einzureden. Im Gegensatz zu mir spürte er anscheinend nichts von dem dunklen Sog, der mich zu verschlingen drohte. Erst mein Schrei ließ ihn zusammenzucken. Es war kein Knurren, das meiner Kehle entwich, sondern das Echo einer gequälten Seele. Doch es war nicht meine Engelseele, die gefoltert wurde.

Ich fühlte den Schmerz mit einer Deutlichkeit, als wäre es mein eigener. Keuchend sackte ich zu Boden. Zornestränen strömten über mein Gesicht. Mein Hass auf Sanctifer brannte niemals heftiger.

Nagual stürmte auf den Balkon. Aron kniete sich zu mir. Kälte erstickte mich. Die Bilder verschwammen. Noch immer kauerte jemand vor mir, doch nicht Nagual, sondern Sanctifer stand daneben. Dieses Mal zögerte ich nicht, sondern schlug meine Klauen in das Herz des knienden Engels, bevor schwarze Dunkelheit mich erlöste.