Kapitel 25
Dogenpalast

Glaubst du, ich bleibe hier und sehe zu, wie Sanctifer Christopher in eine Falle lockt?! Da musst du mich schon ins Verlies oder wieder in den Fischkeller sperren.«

»Wenn es sein muss.« Aron stand vor einem der Bücherregale in der Bibliothek und warf mir einen grimmigen Blick zu. »Selbst Christopher ist der Meinung, dass du hier am besten aufgehoben bist.«

Ich schöpfte Hoffnung. »Du hast mit Christopher gesprochen?«

»Nein, aber er hat Coelestin eine Nachricht geschickt, damit ich dich finde. Er bat darum, dich nicht aus dem Schloss zu lassen – und zumindest in diesem Punkt bin ich mit Christopher einer Meinung.« Aron wirkte entschlossen. Notfalls würde er mich tatsächlich einsperren. »Du kannst nicht einfach in den Dogenpalast spazieren und der Dogin erklären, dass ein Mitglied ihres Rats die Gesetze hintergeht«, klärte er mich auf.

»Das habe ich auch nicht vor!«, rief ich, kurz davor, vom Sofa zu springen, auf das ich mich geflüchtet hatte. Ich war sauer. Es war schon viel zu viel Zeit verstrichen, um noch länger tatenlos im Schloss der Engel herumzusitzen. Aron hatte mir nach meinem Gefühlschaos ein paar Stunden Schlaf aufgezwungen, bevor er mich von Paul in die Bibliothek bringen ließ, um mich einem Verhör zu unterziehen. Dass Coelestin Christopher den Zutritt zur Insel erlaubt hatte, wusste er bereits.

Ich hatte bei meiner Flucht mit Raffaels Speedboot begonnen. Sanctifers Initiationsritual hatte ich ausgespart. Damit wollte ich Aron überzeugen, mich mit nach Venedig zu nehmen. Doch schon als ich ihm von der Krypta und meinen brennenden Flügeln erzählt hatte, verschloss er sich. Meine dämonische Seite entsetzte ihn. Seine Entscheidung, mich im Schloss der Engel zu lassen, war die Folge.

»Ich kann beweisen, dass Sanctifer Menschen zwingt, ihr Blut herzugeben – und dass er dunkle Engel erschafft.«

Aron wurde noch um eine Spur blasser. »Er raubt Engeln die Seele? Das … das kann nicht sein. Dazu bräuchte er …«

»Einen Schattenengel?«, fiel ich ihm ins Wort. »Sanctifer hat mich gezwungen zuzusehen, wie Gabriella einem Engel das Herz durchbohrte, während er ihm seine Seele gestohlen hat.«

»Gabriella ist tot.« Arons Miene verhärtete sich. Er vertraute mir, dem dämonischen Wesen mit den abgebrannten Flügeln, nicht mehr. Es wurde Zeit, ihm zu zeigen, dass ich noch immer ein Engel war.

Arons Antennen waren ausgefahren. Er spürte meine Anspannung, kaum dass ich begonnen hatte, meine Energie zu konzentrieren. Panik spiegelte sich in seinen Zügen. Kurz darauf hüllte er mich in eine eisige Zwangsjacke.

Anstatt meine Seele zu schützen, forcierte ich meine Engelskräfte. Um Aron meine Flügel zu zeigen, brauchte ich sie an einer anderen Stelle.

Sein Kleid aus Engelsmagie entzog mir die Luft zum Atmen. Aron war stark, doch ich war fest entschlossen – und ihm dennoch unterlegen. Sein Zugriff war heftig. Ich würde das Bewusstsein verlieren, bevor ich meine Flügel entfalten konnte.

Zwei Tränen kullerten meine Wangen hinab. Aron sah in mir ein dämonisches Monster. Verzweifelt sackte ich auf dem moosgrünen Sofa zusammen. Keine Sekunde später zog sich die Eiseskälte zurück und Aron kniete neben mir. Sein Blick folgte der Spur meiner Tränen.

»Was hattest du vor?«, fragte er heiser. Anscheinend war das Kräftemessen auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen.

»Dir meine Flügel zu zeigen«, flüsterte ich und umschlang meine Knie, um meinem Körper Halt zu geben. »Aber wahrscheinlich hättest du sie eh nicht gemocht. Sie leuchten rot – wie das Herzblut eines Engels.«

»Du … du hast Flügel? Aber ich dachte …« Aron verstummte. »Wie konntest du so schnell wieder zu Flügeln kommen?« Die Fassungslosigkeit auf seinem Gesicht versetzte mich in Alarmbereitschaft. »Hat Christopher dir von seinen Engelskräften gegeben?«

»Ich … ich … gut möglich«, stammelte ich, während meine Wangen erröteten wie glühendes Eisen.

»Du … ihr habt …« Aron stockte, betrachtete mich, schmunzelte und zog die richtigen Schlüsse. »Und danach hat er dich in den Fischkeller gesperrt?«

»Damit ich weder Hilfe holen noch ihn auf seinem Rachefeldzug begleiten kann«, zischte ich. Arons mitleidiger Blick war alles andere als hilfreich, meine aufgewühlten Gefühle zu besänftigen. »Für euch beide bin ich offenbar nur ein dämlicher kleiner Engel, den man herumschubsen kann.«

Aron ließ sich nicht auf einen Streit mit mir ein. »Wenn Christophers Hass auf Sanctifer so groß ist wie seine Liebe zu dir, wird er sich möglicherweise nicht damit aufhalten, den Zirkel oder die Dogin darüber zu informieren, dass Sanctifer dunkle Engel erschafft.«

»Ach? Plötzlich so scharfsinnig?«, zickte ich.

»Nein, nur überzeugt, dass du mir die Wahrheit erzählt hast. Ich hoffe, der Rest von dir ist ebenso unverwüstlich wie deine Zunge. Christopher fühlt sich verantwortlich für den Tod seines besten Freundes und Gabriellas Verurteilung. Deshalb wird er alles daransetzen, ihre Seele zu retten, bevor er Sanctifer tötet.«

»Gabriella hat keine Seele mehr«, unterbrach ich Aron. Er ging nicht darauf ein.

»Geh, und pack ein paar Kleider zusammen. Wir brechen in einer halben Stunde auf. Auch einige andere Engel sollten erfahren, was du gesehen hast.« Aron schickte mich mit dem Nachtzug nach Venedig. Er selbst zog es vor, zu fliegen. Mir war klar, warum er mich nicht wenigstens mit dem Flugzeug nachkommen ließ: Er wollte Zeit gewinnen, um nach Christopher zu suchen und auszuloten, wie die obersten Engel Venedigs auf einen Racheengel reagieren würden, dessen Flügel beim Durchschreiten einer Barriere gegen dämonische Geschöpfe in Flammen aufgegangen waren. Immerhin hatte er mir versprochen, nach Philippe zu suchen. Meine Beschreibung von Massimo und dem, was Sanctifer aus Philippes Schutzengel gemacht hatte, genügte, um Aron zu überzeugen.

Natürlich ließ Aron mich nicht allein reisen. Er beauftragte Paul, mich zu begleiten – und vermutlich auch zu bewachen und abzulenken. Jetzt, wo ich endlich wieder an Christopher denken durfte, stand ich kurz davor, mich in ein Nervenbündel zu verwandeln.

Angespannt kaute ich auf meiner Unterlippe, starrte auf die vorbeiziehende Landschaft und fieberte dem Sonnenaufgang über der Lagunenstadt entgegen. Am höchsten Punkt der Alpen verlor Paul schließlich die Geduld.

»Aron hat mich gebeten, dir ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Entweder waren meine Witze zu spannend oder du zu unentspannt.« Er seufzte, zückte eine Thermoskanne, füllte einen Becher mit Schlaf-ein-Tee und reichte ihn mir. »Wohl bekomm’s.«

»Trink du ihn. Ich hab keine Lust auf Arons Schlummertrunk.«

»Willst du, dass ich Ärger bekomme?«

»Nein, aber …«

»Gut, dann schluck’s runter. Noch brauchst du deinen Schönheitsschlaf, wenn du mit den anderen Engeln mithalten und nicht wie ein zugedröhnter Siebenschläfer daherkommen willst.« Paul drückte mir den Becher in die Hand. »Keine Sorge, ich bleib wach und pass auf dich auf – und wecken werde ich dich auch rechtzeitig«, beteuerte er mit einem Grinsen.

»Und womit?« Bei seinem letzten Weckeinsatz hatte er mir einen nassen Waschlappen ins Gesicht gedrückt.

»Ich dachte eigentlich an Frühstück. Aber wenn du dich noch länger gegen Arons Einschlafhilfe wehrst, überleg ich mir vielleicht was anderes.«

Obwohl es mir bei jedem Schluck den Magen umdrehte, trank ich den Becher leer. Paul hatte recht. Ich brauchte meine Kräfte, und schlafen war allemal besser, als aus dem Fenster zu starren und mir auszumalen, wo Christopher jetzt wohl steckte.

Im Glanz der aufgehenden Sonne begrüßte mich Venedig. Ein goldener Schimmer überzog das verschachtelte Meer aus roten Ziegeldächern. Es würde ein heißer Tag werden, noch war Sommer.

Aron holte uns am Bahnhof ab. Mein Herz zog sich zusammen. Er war allein gekommen – ohne Christopher. Auch seine Miene verhieß nichts Gutes. Außer ein paar Begrüßungsworten sprach er nur wenig. Doch erst als wir eine Gondel bestiegen, die uns zu meinem Apartment bringen sollte, und er Paul bat, zu Fuß zu gehen, fiel mir auf, warum Aron so schweigsam war: Ein Trupp von sechs muskelbepackten Gondolieri begleitete uns. Eine Engeleskorte, die vermutlich nicht als Begleitschutz diente.

Ich warf Aron einen fragenden Blick zu. Irgendetwas war schiefgelaufen. Auch der Typ, der unsere Gondel steuerte, schien dem Engeltrupp anzugehören. Aron schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln, doch die Sorge in seinen Augen blieb.

Mein Puls schlug noch ein wenig schneller, als wir die Anlegestelle vor meinem Apartment passierten und weiter Richtung Dogenpalast fuhren. Er raste, als sich an der Rückseite des Dogenpalastes, kurz hinter der Seufzerbrücke, einer der vergitterten Zugänge öffnete und Aron mir ein Wächterband anlegte. Offensichtlich hatte er den Befehl erhalten, mich in der Machtzentrale der Engel abzuliefern. Bei der Dogin und ihrem Rat – oder gleich bei Sanctifer.

Aron spürte meine aufziehende Panik und drückte kurz meine Hand, um mich zu beruhigen.

»Ich weiß nicht genau, warum sie dich zu sich befohlen hat. Aber sei aufrichtig, wenn du der Dogin gegenüberstehst. Ihr Misstrauen zu wecken wäre unklug.«

Ich atmete ein wenig auf. Immerhin war es nicht Sanctifer, der mich erwartete. Leider waren auch meine bisherigen Begegnungen mit der Dogin nicht besonders erfreulich verlaufen. Doch war es nicht ein Teil meines Plans, sie einzuweihen?

Die Gondel hielt an einer breiten, von hellem Marmor gefassten Anlegestelle. Ich schluckte meine Furcht, straffte die Schultern und kletterte aus dem Boot. Ein Dutzend mit Lanzen bewaffnete Engel führten Aron und mich über versteckte Treppen und verschlungene Flure in einen geheimen Bereich des Palastes. Immerhin schaffte ich es, die mit Engelsmagie gesicherten Durchgänge unbeschadet zu passieren. Und wenigstens musste ich dem obersten Engel nicht allein gegenübertreten. Aron blieb auch an meiner Seite, als sich ein verschnörkeltes, mit Gold besetztes Portal vor uns öffnete.

Gehüllt in einen purpurroten Umhang, thronte die Dogin unter einer mit goldenen Sternen übersäten nachtblauen Kuppel auf einer breiten Chaiselongue. Der im Rokokostil eingerichtete, mit hellen Gardinen verschleierte Saal passte zu der zartgliedrigen jungen Frau mit den lindgrünen Augen, deren wunderschönes Gesicht ich zum ersten Mal unmaskiert sah. Mit einer anmutigen Bewegung erhob sie sich und forderte uns auf, einzutreten.

Ich zögerte nicht. Sie stand stellvertretend für das Gesetz der Engel. Und auch wenn die Rechtsprechung für Racheengel bisweilen recht unerfreulich war, ging es hier ja nicht um mich, sondern um Engel und Menschen und darum, was Sanctifer mit ihnen anstellte.

»Verbeuge dich, Racheengel!«, befahl die Dogin mit herrischer Stimme, die wenig zu ihrer graziösen Gestalt passte. »Dir wird zur Last gelegt, ohne das Wissen deines Tutors deine Schattengestalt angenommen zu haben.«

Vier starke Hände legten sich auf meine Schultern und zwangen mich in die Knie. Arons Pupillen verengten sich, als der Rest des Engelstrupps mich von ihm abschnitt. Doch er fasste sich schnell wieder und ergriff das Wort.

»Es war nicht Lynns Wunsch, ihr dämonisches Erbe heraufzubeschwören«, verteidigte er mich. »Doch bei allem, was sie gesehen hat …«

»Schweig!«, herrschte die Dogin ihn an. »Du hattest deine zweite Chance. Hätte ich gewusst, wie nachlässig du die dir übertragene Aufgabe erfüllst, hätte ich dir schon bei unserer letzten Begegnung die Verantwortung für sie entzogen. Anscheinend war ich zu leichtgläubig, was deine Versprechungen bezüglich der Erziehung des Racheengels betraf. Hiermit entbinde ich dich von deiner Berufung als Tutor. Du kannst gehen!«

Zwei der Engelswachen richteten ihre Lanzen auf Arons Herz. Seine Miene blieb reglos, doch ich kannte ihn gut genug, um zu spüren, dass er ebenso aufgebracht war wie ich. Aber hier, vor dem höchsten Engel, sein Schwert zu ziehen, hätte schwerwiegende Folgen gehabt. Um Christopher und Philippe zu helfen, sollte wenigstens einer von uns mit heiler Haut davonkommen – ich würde es vermutlich sowieso nicht sein. Also handelte ich an Arons Stelle und verschaffte meinem Ärger Luft.

Ein Tritt in die Kniekehlen des Engels neben mir ließ ihn zu Boden gehen. Ich nutzte das Überraschungsmoment, sprang auf die Beine und stürmte auf die Dogin zu. Ihre lindgrünen Augen weiteten sich. Mit Gegenwehr hatte sie offenbar nicht gerechnet. Doch nicht sie, sondern Aron hielt mich davon ab, ihr meine Klauen zu zeigen.

»Lynn, denk daran, warum du hergekommen bist! Niemand wird hier ungehört verurteilt. Nutze deine Chance!«

Nur ein paar Meter trennten mich von der Dogin. Und obwohl ich nichts lieber getan hätte, als sie mit meinen Klauen zu zwingen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen, vertraute ich Aron und blieb stehen.

Nicht nur die Dogin atmete auf. Auch ihr Wachtrupp schien erleichtert – Aron allerdings nicht. Auf seinem Gesicht zeigten sich tiefe Sorgenfalten. Er wirkte um Jahre gealtert, was bei einem Engel im Grunde gar nicht möglich war. Hätte er mir nicht diesen Blick geschenkt, der versprach, dass alles gut werden würde, hätte ich der Dogin doch noch den Hals umgedreht. Stattdessen wehrte ich mich nicht, als die Wächter mich zurückdrängten und einer von ihnen mir die Hände auf den Rücken fesselte.

»Sagte ich nicht, dass du gehen kannst?!«, erinnerte die Dogin Aron an ihren Befehl.

»Vielleicht sollte er lieber bleiben«, mischte ich mich ein. »Als mein Tutor kennt er nicht nur meine Engelseite.« Die Andeutung, dass Aron darin geübt war, sowohl den Racheengel als auch meinen dämonischen Teil zu bezwingen, überzeugte die Dogin.

»Ich lasse dir die Wahl, Aron. Aber wenn du bleibst, werde ich dich zur Rechenschaft ziehen, falls der Racheengel noch einmal die Kontrolle verliert.«

Mit einem ergebenen Lächeln ließ sich Aron auf ihr Angebot ein. Ich war weniger begeistert. Ein Fehler von mir würde Aron den Kopf kosten.

»Warum hast du deine Schattengestalt angenommen?«, kam die Dogin auf mich zurück.

»Das habe ich nicht!«, verteidigte ich mich.

Die Dogin schnappte nach Luft. Dass auch Aron um Fassung rang, erschreckte mich mehr. Wäre es besser gewesen, ich hätte die Tatsachen ein wenig verdreht? Christopher hatte mich flügellos vorgefunden, aber nicht als Monster – auch wenn mein dunkler Teil zu diesem Zeitpunkt überaus mächtig war.

»Demnach wolltest du als Engel die Barriere passieren?«, folgerte die Dogin.

»Das habe ich«, antwortete ich. Schließlich waren meine Flügel rosa und nicht schwarz gewesen.

Aron zuckte zusammen. Dachte er, dass Christopher mich als Schattengestalt zurückgebracht hatte? Anscheinend. Allerdings war mir nicht klar, warum es ein Problem sein sollte, dass ich ein Engel geblieben war.

»Hat Aron dir beigebracht, wie du deinem dämonischen Erbe Macht einräumen kannst, ohne zu einem Schattenengel zu werden?« Die Frage der Dogin klang harmlos, aber sie war es nicht. Ein Blick auf Aron genügte, um zu wissen, dass eine falsche Antwort für uns beide gefährlich werden konnte.

»Nein, Aron hat kein Interesse an Macht. Darin unterscheidet er sich von Christophers ehemaligem Mentor.«

Die wohlgeformten Augenbrauen der Dogin wanderten nach oben. »Hat Christopher dir das erzählt?«

»Sollte er das?« Die Art, wie sie Christopher sagte, gefiel mir nicht.

»Nein«, antwortete sie. »Und ich bin mir sicher, dass er seinen Fehler, dich aus der Krypta zu retten, längst bereut – sonst hätte er dich wohl kaum in ein Loch gesperrt.« Mit einem zynischen Lächeln tat die Dogin einen Schritt auf mich zu – wie mutig! Eine Schar bewaffneter Engel hielt mich in Schach, außerdem waren meine Hände fixiert.

»Ich habe dich unterschätzt. Und auch, dass du meine Gesetze umgehst und dich in die Menschenwelt flüchtest, gefällt mir nicht. Anscheinend war Aron zu nachsichtig mit dir.« Sie warf Aron einen missbilligenden Blick zu. »Dennoch sollte dir bewusst sein, dass du keinen Racheengel lieben kannst«, klärte sie mich mit honigsüßer Stimme auf.

»Ach nein?« Meine Zunge ging mit mir durch. »Dürfen das nur Engel in purpurnen Umhängen?« Ich hatte mich also doch nicht getäuscht. Die Dogin war sauer, weil Christopher sie meinetwegen beim Maskenball hatte stehenlassen. Oder gab es da noch etwas, das den obersten Engel mit Christopher verband?

»Nicht unbedingt«, antwortete die Dogin mit einem Lächeln, das meine Eifersucht aufflammen ließ. »Aber wenn du es so sehen möchtest …« Sie ließ die Antwort offen, doch es war klar, dass sie Christopher nicht nur wegen seiner blonden Locken mochte.

Die Dogin gab den Wachen ein Zeichen. Zwei von ihnen packten mich an den Armen, während die anderen ihre Lanzen auf mich richteten.

»Aufgrund deines Geständnisses, mehr Dunkelheit als Licht in dir zu tragen, da du deinem dämonischen Erbe die Macht eingeräumt hast, den Engel in dir zu beherrschen, wirst du bis auf Weiteres Gast in meinem Gefängnis für entartete Kreaturen und Engel sein.«

Die Wachen zerrten an meinen Armen. Ich versuchte freizukommen, schaffte es aber nicht.

»Du verlogenes Miststück«, schrie ich, unfähig, meine Furcht zu bezwingen. Die Wahrheit interessierte sie überhaupt nicht. Sie hatte nur einen Grund gesucht, um mich bei Sanctifer abzuliefern.

Die Dogin warf mir einen mörderischen Blick zu, bevor sie sich von mir abwandte. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, um nicht aus dem Raum geschleppt zu werden, doch die Engel waren kampferprobt. Wenigstens trug ich keinen Knebel.

»Du spielst die Gerechte und steckst mit ihm unter einer Decke. Hast du dich mit einem der Spender amüsiert, oder stehst du mehr auf dunkle Engel? Vielleicht warst du ja der Ehrengast mit der goldenen Maske. Hast du nicht auch bei deinem Ball Gold getragen?«

Die Dogin blieb stehen und beobachtete, wie ich mich gegen die Wachen sträubte. In ihrem formvollendeten Gesicht glomm ein ungläubiger Funke. Doch erst, als ich ihre Stimme in meinem Kopf hörte, wurde mir klar, dass es nicht Angst vor einem durchdrehenden Racheengel war, die sich in ihren Augen spiegelte.

Wer?

Ein einziges Wort genügte, um mir Hoffnung zu geben. Möglicherweise mochte sie Christopher mehr, als mir lieb war, aber diese Chance musste ich nutzen.

»Sanctifer«, presste ich wütend hervor.

Schweig!, herrschte sie mich lautlos an, doch mir war klar, dass sie mir nicht aus Wut, sondern aus Vorsicht das Reden verbot.

»Bringt den Racheengel in meinen Bereich«, befahl sie den Wacheengeln. »Ich will selbst überprüfen, in welchem Ausmaß das dämonische Erbe Besitz von ihr ergriffen hat.« Die Dogin ließ auf sich warten. Wenigstens trug ich keine Fesseln mehr. Für so gefährlich hielt sie mich dann doch nicht. Schließlich gab ich auf, durch die Essensluke in den Flur vor meiner Zelle zu starren, und verkrümelte mich auf die schmale Pritsche, hin- und hergerissen zwischen Angst und Hoffnung.

Das Scharren einer Eisentür auf Steinboden schreckte mich aus meinen Horrorfantasien von Christopher und Sanctifers dunklen Engeln. Die Dogin betrat meine Zelle. Sie war maskiert und in einen unauffälligen schwarzen Umhang gekleidet. Offensichtlich traute auch sie nicht jedem Engel, der in ihrem Palast ein und aus ging.

»Erzähl mir von Sanctifer«, befahl die Dogin, nachdem sie ihre Bodyguards hinausgeschickt hatte.

»Wovon genau? Von seinem unglaublichen Reichtum und seinen pompösen Maskenbällen, wo ein Teil seiner Gäste zu unfreiwilligen Spendern wird? Oder lieber von seinen dunklen Ritualen, bei denen er Engeln die Seele stiehlt?« Die Dogin machte mich aggressiv. Ihre Macht und meine Eifersucht ergaben eine explosive Mischung.

Ihre lindgrünen Augen wurden um eine Spur heller. Mein vorwurfsvoller Tonfall gefiel ihr nicht. Dennoch blieb sie ruhig.

»Von Gabriella«, antwortete sie gelassen.

»Sie hat ihren Willen verloren und folgt Sanctifer wie ein abgerichtetes Raubtier. Mit ihrer Hilfe erschafft und kontrolliert er die dunklen Engel.«

»Konntest du noch etwas von Gabriellas Engelseele spüren?«

»Nein, so gnädig war euer Ratsmitglied dann doch nicht«, brach es aus mir heraus.

»Nur weil du sie nicht spüren konntest, heißt das nicht, dass Gabriella keine Seele mehr besitzt!«, herrschte die Dogin mich an.

»Stimmt, ich bin ja nur etwas, das mehr Dunkelheit als Licht in sich trägt und Gutes nicht von Bösem unterscheiden kann«, zitierte ich sie.

»Was der Verlust deiner Flügel bewiesen hat.«

»Und der Wiedergewinn korrigiert!«

»Du hast Flügel?« Die Dogin wirkte überrascht. »Zeig sie mir!«, befahl sie.

Trotz der weißen Maske, die nur ihre Augen aussparte, konnte ich ihre Fassungslosigkeit sehen, als hinter meinem Rücken scharlachrote Flügel auftauchten.

»Ich habe noch nie Flügel gesehen, deren Farbe auch nur annähernd der deiner Schwingen gleicht.« Fasziniert oder angewidert – so genau konnte ich das wegen der Maske nicht erkennen – umrundete sie mich. »Dass du so schnell wieder ein Engel wurdest, ist« – sie zögerte – »ungewöhnlich. Vielleicht steckt in dir doch mehr, als ich bislang angenommen habe.«

Ihr gurrender Tonfall gefiel mir nicht, und dass sie begann, mir meine Engelskräfte zu entziehen, noch viel weniger. Was hatte sie vor? Mir meine Schattengestalt aufzudrängen? Oder wollte sie nur sehen, wie lange ich ihr standhalten konnte?

Ich entschied mich, den schwachen Engelnovizen zu spielen, und leistete nur wenig Gegenwehr. Ohne Anti-Ohnmachts-Kapsel konnte sie mir ihren Willen so oder so aufzwingen. Und vor ihren Füßen bewusstlos zusammenzubrechen schien mir keine besonders gute Alternative.

Doch die Dogin ging gar nicht so weit. Kurz nachdem sie meinen anfänglichen Widerstand gebrochen hatte, gab sie sich zufrieden. In ihren Augen war ich ein leicht zu bezwingendes Opfer.

»Sanctifer war nicht meine erste Wahl, als wir ein neues Ratsmitglied benötigten. Und ich muss gestehen, dass ich seine Möglichkeiten falsch eingeschätzt habe«, begann sie, mich zu umgarnen. »Du könntest mir von großem Nutzen sein.«

Ich heuchelte Überraschung. Doch mir war klar, dass mehr hinter dem plötzlichen Interesse der Dogin steckte.

»Ich brauche Unterstützung, wenn ich gegen ein Ratsmitglied bestehen will, das mir zwei meiner Racheengel gestohlen hat.«

Ich glaubte zu ersticken, als die Dogin meine schlimmste Befürchtung bestätigte: Christopher war bei Sanctifer! Wut mischte sich mit Verzweiflung. Ich musste hier raus. Zu Christopher. Sofort!

Mein Verstand meldete sich und warnte mich davor, eine Dummheit zu begehen. Auch wenn die Dogin auf den ersten Blick eher harmlos als mächtig wirkte, war sie nicht grundlos zum obersten Engel ernannt worden. Vielleicht hatte sie gelogen, um mich zu ködern.

Ich schloss die Augen und gab vor, mich aufs Flügeleinziehen zu konzentrieren, damit sie nicht sehen konnte, wie hilflos ich meinen Gefühlen für Christopher ausgeliefert war. Sie würde jede Schwäche ausnutzen, die ich ihr offenbarte. Ich sollte ihr Interesse lieber von mir auf Sanctifer lenken.

Die Dogin kam mir zuvor. »Da Christopher sich seinem einstigen Mentor angeschlossen hat, erwarte ich von dir, dass du einen Teil seiner Aufgaben übernimmst.«

»Und welchen genau?«

Die Dogin zog ihren Umhang fester. Sie ließ mich nicht aus den Augen, als sie zu erklären begann. »Die Seele eines Engels verleiht enorme Stärke, weil sich Seelenenergie summieren kann. Mir als dem höchsten Engel des Rats ist es in einem begrenzten Ausmaß erlaubt, mir diese Macht anzueignen. Allerdings brauche ich dazu einen Racheengel«, – der in der Lage ist, sein Schattenwesen anzunehmen, ergänzte ich. »Bislang hat Christopher diese Aufgabe übernommen.«

Mein Blick verschwamm, als sich Bilder von Christopher vor meinem inneren Auge abzeichneten. Er stand an der Seite der Dogin und entriss einem Engel die Seele. Niemals!, rief mein Innerstes. Sie log!

Ich schwieg und verbarg mein Entsetzen.

»Denn ich kann Sanctifer nur dann besiegen, wenn ich über genügend Macht verfüge. Bis zu meinem nächsten Besuch solltest du wissen, auf welcher Seite du stehst«, verabschiedete sie sich. Beim Hinausgehen warf sie mir noch ein warnendes Lächeln zu, das keinen Zweifel daran ließ, dass ich niemals wieder das Tageslicht erblicken würde, falls ich mich ihren Wünschen nicht beugen sollte.

Als die Tür ins Schloss fiel, begann sich die Welt um mich herum zu drehen. Anstelle von Gabriellas Klauen sah ich meine in Massimos Herz stecken. Meine Gier, seine Seele zu besitzen, war unfassbar mächtig gewesen. Nur meine Angst, diesem Wunsch nachzugeben, war stärker. Doch ich wusste, dass ich es tun würde, wenn ich Christopher damit retten konnte.



Tagträume gaukelten mir grauenhafte Bilder von Christopher und mir als Schatten vor. Zwei machthungrige Monster, die unschuldigen Engeln die Seele raubten und sich danach gegenseitig zerstörten.

Weshalb war Christopher nicht bei mir auf der Insel geblieben? Warum hatte er mich alleingelassen, wenn er mich liebte?

Tränen der Wut und Enttäuschung brannten in meinen Augen. Was, verdammt noch mal, plante Christopher? Wollte er tatsächlich Gabriellas Seele retten? Er wusste so gut wie ich, was Sanctifer aus ihm machen würde. Aber vielleicht war ich ja nicht der einzige Racheengel, der sich gegen seinen Tutor behaupten konnte. Ein Fünkchen Hoffnung erwachte in mir, das mein nächster Gedanke sofort wieder erstickte.

Gab es für Christopher einen anderen Grund, zu Sanctifer zu gehen? Denselben, den ich verspürte, wenn ich an Massimos Verwandlung dachte? Mich schauderte bei der Vorstellung, dass er dasselbe Verlangen nach einer Engelseele empfinden könnte wie ich.

Das Klicken des Schlosses meiner Kerkertür riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Das Auftauchen des Racheengels ließ mir das Blut in den Adern stocken. Sich seiner Autorität im Übermaß bewusst, schwebte Nagual in mein Zelle. Ich schaffte es gerade noch, von der Holzpritsche zu springen, um ihm nicht gar so hilflos ausgeliefert zu sein – er sah das anders und umklammerte meine Schultern wie ein Schraubstock.

»Zeig mir deine Flügel«, herrschte er mich an. Dagegen war der Befehl der Dogin ein unterwürfiges Winseln. Blöderweise stachelte das meinen Widerstand an.

»Warum?«, fragte ich aufmüpfig.

»Weil ich dein wahres Wesen sehen will.«

»Hat dich die Dogin geschickt?« War er die Vorhut, um mich weichzuklopfen?

»Nein«, erwiderte Nagual, während er mich weiter fixierte. »Deine Flügel! Los, zeig sie mir! Geduld gehört nicht zu meinen Stärken.«

»Zu meinen auch nicht. Weshalb willst du sie sehen?« Um sie mir zu nehmen, schien mir eine passende Antwort.

Helle Sprenkel blitzten in den Augen des Racheengels auf. Meine Halsstarrigkeit ärgerte ihn. Ich hielt seinem Blick stand – ich war Christophers Blick gewohnt. Schließlich schüttelte Nagual den Kopf und ließ mich los.

»Du bist ein wahrer Sturkopf. Wenn ich gewusst hätte, dass du in diesem Loch vermodern willst, hätte ich mir den Weg sparen können.«

Hatte ich das richtig verstanden? Nagual wollte mich hier rausholen?

»Nein, ich …« Der Racheengel ließ mich nicht ausreden.

»Dein Tutor besitzt die Fähigkeit, mit Engelszungen zu reden. Er hat mir erklärt, wie du zu ihm und Christopher stehst, und mich zu dir geschickt, weil er glaubt, du könntest hier unter schlechten Einfluss geraten. Aber bevor ich dich mitnehme, will ich mich davon überzeugen, ob es besser ist, deinem Engelleben ein schnelles Ende zu bereiten, als dich mit in die Basilika zu nehmen. Schließlich bist du ein Racheengel und hast ein Recht darauf, dort und nicht hier festgehalten zu werden, solange du noch nicht verurteilt bist.«

Ich schnappte nach Luft. Nagual war bereit, mich zu retten – oder zu töten.

»Was … was muss ich tun?«, stammelte ich.

»Mir deine Flügel zeigen. Habe ich vergessen, das zu erwähnen?« Naguals Sarkasmus brachte die Luft zwischen uns zum Vibrieren.

»Und … wenn es die falschen sind?«

»Dann werden es nicht mehr lange deine sein«, bestätigte er meine Befürchtung, was er vorhatte, falls ich Monsterflügel besaß.

Ich nickte und heuchelte Entschlossenheit. Darauf konnte ich mich einlassen. Ich wusste, was ich war.

Als das Licht meiner Schwingen das Verlies mit einem tiefroten Glühen erhellte, zog ein ungläubiges Staunen über Naguals Gesicht. Allerdings betrachtete er nicht meine Flügel, sondern meine Augen – als könne er darin mein Wesen erkennen.

»Du bist wahrhaftig anders. Ein Schimmern umgibt deine Seele, das ich noch nie bei einem Racheengel gesehen habe. Wäre deine dämonische Seite nicht so stark, würde ich dich für einen entarteten Engel halten.«

Einen entarteten Engel?! Ich schluckte. War ich durchgefallen? Würde er mich jetzt töten? Erschrocken wich ich vor Nagual zurück. Er packte meinen Arm und grinste.

»Falsche Richtung, kleiner Engel. Du kommst mit mir