Kapitel
23
Du!
Christophers Nähe und seine Wärme beruhigten mich und erstickten die Erinnerung an das alles verzehrende Feuer. Doch gleichzeitig weckte seine sanfte Berührung all meine verborgenen Wünsche. Ich wollte mehr, als von ihm im Arm gehalten zu werden, wollte endlich von ihm geküsst werden.
Christopher spürte meine wachsende Unruhe. Mit größter Vorsicht lockerte er seinen Griff und hob mein Kinn an, damit er mir in die Augen sehen konnte. Seine Fassungslosigkeit, als er dort nicht vor Schmerz, sondern vor Sehnsucht geweitete Pupillen entdeckte, erschreckte mich. Wollte er mich nicht? Weil ich kein Engel mehr war? Versuchte er deshalb nicht, mich zu küssen?
Ich zog mich zurück, mied Christophers warme Smaragdaugen und befreite mich aus seinen Armen – und Christopher ließ es zu.
»Du solltest besser noch ein wenig schlafen. Wenn ein Engel seine Flügel verliert, bleiben tiefe Wunden zurück«, erklärte Christopher, stand auf und deckte mich zu. Mit einem kurzen Blick überprüfte er, ob ich mich auch an seine Anweisung halten würde, bevor er zur Tür ging.
Ich schloss die Augen, weil ich nicht weinen wollte. Ich liebte ihn, doch ihm lag anscheinend nur etwas an meiner Unversehrtheit. Also hielt ich still und drängte meinen Kummer zurück. Christopher hatte die Fischerhütte noch nicht verlassen. Doch je länger ich mich bemühte, meine Gefühle zu unterdrücken, umso schwerer wurde es.
»Ich werde nicht versuchen, zu fliehen, falls … falls du das glaubst«, versicherte ich ihm.
Ich nickte. Ein Kloß versperrte meine Kehle. Doch anstatt mich allein zu lassen, fixierte Christopher mich erneut.
»Wovor hast du Angst? Vor dem Racheengel oder vor mir?«
»Ich habe mich nie vor dem Racheengel gefürchtet«, widersprach ich.
»Gut.« Christopher wandte sich ab.
Und auch nicht vor dir, flüsterte ich lautlos, als er die Klinke drückte.
»Seit wann liebst du Aron?« Christopher war stehengeblieben.
Ich zögerte. Aron war mein Freund. Zu behaupten, ich würde ihn nicht lieben, wäre gelogen. Doch mit ihm verband mich eine andere Art von Liebe als die, die ich für Christopher empfand. Dass Christopher das anders sah, war klar. Meine Vorstellung in der Oper und bei seiner Verhandlung sollte ja genau das bezwecken.
»Ich weiß es nicht«, antwortete ich aufrichtig. Christophers Rücken spannte sich an. Wenn ich ihn jetzt durch diese Tür gehen ließ, hatte ich verloren. »Vielleicht, seitdem ich erkannt habe, dass er mich mit seinem Unterricht nicht quälen wollte, sondern versucht hat, aus mir einen Racheengel zu machen.« Ich kletterte aus dem Bett, weil ich Christopher gegenüberstehen wollte, wenn ich ihm die Wahrheit sagte. »Denn nur dann kann ich stark genug sein für den Engel, dem ich meine Seele schenken würde.«
»Und deshalb hast du mich in eine Falle gelockt und Aron vor meinen Augen geküsst?!« Schneller als erwartet stand Christopher vor mir. Wut funkelte in seinen Augen. »Was bezweckst du mit deinen Spielchen? Hast du Angst, ich würde dich töten? Bietest du mir deshalb so großzügig dein Leben an, weil du hoffst, ich würde dich aus Mitleid verschonen?«
Meine Beine wollten nachgeben. Ich drückte sie durch. In Christophers Gesicht spiegelte sich Entschlossenheit. Er würde nicht noch einmal ein Gesetz übertreten – und das wollte ich auch nicht. Ich würde mich nicht wehren, falls es seine Aufgabe war, mich zu töten. Doch er sollte die Wahrheit kennen, bevor er mir meine Seele raubte. Auch wenn es so aussah, als bettle ich um mein Leben.
»Versprich mir, zu Aron zu gehen«, bat ich ihn.
»Zu Aron? Warum?« Das Misstrauen zu spüren, das Christopher gegenüber seinem einstigen Freund empfand, erinnerte mich daran, dass mein Fehler einen Keil zwischen die beiden getrieben hatte. Es lag an mir, das wieder in Ordnung zu bringen – wie auch immer es für mich ausging.
Ich nahm all meinen Mut zusammen, um Christophers Blick standzuhalten. Ich wollte ihm in die Augen sehen, wenn ich das Lügengewebe entflocht.
»Vor mehr als einem Jahr habe ich ein Abkommen geschlossen. Doch ich wusste, du würdest es niemals zulassen, dass ich darauf eingehe. Deshalb habe ich Aron um Hilfe gebeten. Er hat mir alles beigebracht, um … um aus dieser Angelegenheit wieder heil herauszukommen – was … was mir nicht gelungen ist.« Obwohl ich jetzt am liebsten aus der Hütte geflohen wäre, blieb ich, wo ich war. Christopher hatte ein Recht, auch den Rest zu erfahren. »Und … um dich im Unklaren zu lassen.«
Ungläubigkeit und unendliche Wut standen in Christophers Gesicht geschrieben. Doch er war schon zu lange ein Racheengel, um vorschnell die Beherrschung zu verlieren. Er wollte mehr wissen, als ich ihm erzählt hatte.
»Und anstatt mir die Wahrheit zu sagen, hast du mich lieber an den Engelsrat ausgeliefert? Dein Vertrauen in mich ehrt dich.«
Ich sah beiseite. Christophers Wut ertragen zu müssen hatte ich verdient. Doch auch noch seinem Zynismus standzuhalten gelang mir nicht.
»Bitte, geh zu Aron. Er wird dir alles erklären.«
»Weil er mehr weiß als du – oder weil du zu feige bist?« Christophers Anschuldigung traf präzise. Er kannte meine Schwächen.
»Weil ich zu feige bin«, flüsterte ich, obwohl ich besser gelogen hätte. Jetzt würde Christopher bleiben, um die Wahrheit anstatt aus Aron aus mir herauszubekommen. Und genau deshalb hatte ich so geantwortet. Ich wollte, dass er bei mir blieb.
Christophers Stirnfalte zeigte sich. Kurz überlegte er, wie er mein Eingeständnis einschätzen sollte, doch er brauchte nicht lange, um mich zu durchschauen.
»Wie oft willst du mir eigentlich noch etwas vormachen?«
Es war nicht die Frage, die mich aus der Fassung brachte, sondern die Sanftheit in seiner Stimme. Ich beging Vertrauensbruch im großen Stil, und er verzichtete darauf, mir das vorzuwerfen.
Ich floh vor Christophers durchdringendem Blick und starrte aus dem Fenster. Der dichte Nebel, der die Insel umgab, hatte einen rötlichen Schimmer angenommen. Die Sonne ging gerade unter.
Christopher ließ nicht zu, dass ich ihm auswich. Er umklammerte meine Schultern und drehte mich zu sich um.
»Wie oft wirst du mich noch belügen?«
»So oft ich dich damit beschützen kann.« Eine Träne entzog sich meiner Kontrolle. Ich starrte zu Boden, doch Christopher hinderte mich daran und hielt mein Gesicht in seinen Händen gefangen.
»Und warum glaubst du, das tun zu müssen?«
»Weil … weil ich dich liebe.« Meine Stimme zitterte, während ich die aufrichtigsten Worte meines Lebens stammelte. Doch das war mir egal. Ich liebte ihn. Es war das einzig Richtige, was ich jemals getan hatte.
Das Grün in Christophers Augen schmolz zu flüssigem Smaragd. Vorsichtig zeichnete er mit seinen Fingern die Spur meiner Träne nach, bevor sein Mund folgte, langsam mein Gesicht hinunterwanderte und kurz vor meinen Lippen haltmachte.
Ich klammerte mich an ihn, weil ich fürchtete, er könne mich wieder loslassen. Umschlang seinen Nacken und zog ihn zu mir. »Küss mich«, flüsterte ich und näherte mich seinen Lippen.
Christopher hielt mich zurück. Er wollte mir in die Augen sehen, um mir zu zeigen, wie sehr auch er mich liebte. Ich erkannte es an der Art, wie er mich ansah. Nichts war zurückgeblieben von der Wut, der Eifersucht und dem Hass, den er empfunden hatte.
Unbeschreibliche Glücksgefühle rauschten durch meine Adern. Tiefe Wärme erfüllte mein Herz, bis es schmerzte. Doch es war kein quälender Schmerz, sondern ein Gefühl voller Zuneigung und Liebe.
Christophers Mund fand meinen. Vorsichtig, aus Angst, ich könnte seinem energieraubenden Kuss nicht standhalten, umspielte er meine Lippen. Doch ich wusste, dass ich inzwischen stark genug war, um gegen ihn und seine Engelstärke zu bestehen, und erwiderte seinen Kuss. Hielt ihn fest, um ihm zu zeigen, dass ich alles im Griff hatte – oder zumindest glaubte, zu haben.
Aus dem vorsichtigen Kuss wurde mehr. Er verwandelte sich, weckte tief verborgene Wünsche, die wir beide so lange unterdrückt hatten – und gegen die wir uns nicht mehr wehren wollten oder konnten.
Christophers Gewitterduft hüllte mich ein. Berauschte mich. Meine Lippen verschmolzen mit seinen, während meine Hände versuchten, die Haut unter seinem T-Shirt zu berühren. Christopher ließ mich los – um mich aufzuhalten. Doch ich war schnell, schaffte es, seinen Körper zu berühren, bevor er meine Handgelenke umklammerte und sie festhielt. Sein Blick war eine einzige Frage – noch gab es ein Zurück.
Als wäre ich kurz vor dem Ertrinken, suchte ich Halt an seinen Lippen. Christopher gab meine Hände frei, umschlang meine Taille und erwiderte meinen Kuss stürmisch und voller Liebe. Als meine Finger wieder versuchten, sich einen Weg unter sein Shirt zu bahnen, ließ er mich kurz los, um es sich über den Kopf zu ziehen.
Mein Herz erstarrte. Samten schimmernde Haut, durchzogen von hellen Striemen und Bissspuren am Hals: Wunden, die ich ihm zugefügt hatte. Ich schloss die Augen, blendete die Erinnerung aus und hielt mich an Christopher fest. Berührte die Narben an seinem Hals, seinem Rücken und an den Schultern. Dort, wo die Flügel eines Engels austraten, spürte ich besonders viele. Dagegen waren die Wunden, die ich ihm beigebracht hatte, dünn wie Seidenfäden.
Sanctifer! Ungezügelter Zorn erwachte in mir und mit ihm dunkle Rachegedanken. Meine Klauen schossen hervor. Ich wollte ihn leiden sehen. Er hatte Christopher gequält. Dieses Monster sollte am eigenen Leib erfahren, wie sich das anfühlte.
Christopher spürte meine Wut und den Drang, meine Klauen in verwundbares Fleisch zu bohren. Doch anstatt meine Hände zu umklammern, damit ich ihn nicht verletzen konnte, vertraute er mir und hielt still. Wartete, bis meine Klauen wieder verschwunden waren und meine Finger sich von seinem Rücken lösten. Dann umfasste er zärtlich mein Gesicht und brachte mich mit einem innigen Kuss zu ihm zurück.
»Lass die Vergangenheit ruhen. Das Einzige, was zählt, bist du«, flüsterte er leise in mein Ohr.
»Und du«, antwortete ich mit einem Zittern in der Stimme. Ich hatte Angst vor mir und meinen unberechenbaren Gefühlen.
Christopher schenkte mir Zeit, ließ seine Finger durch meine Haare wandern und streichelte beruhigend meinen Nacken. Und obwohl ich mehr wollte von dem Engel, den ich liebte, wagte ich es nicht, ihn erneut zu berühren.
Christopher spürte meinen Zwiespalt, umfasste meine Hände und legte sie behutsam auf seinen Oberkörper. Ihn zu berühren, sein wild hämmerndes Herz zu spüren, zu wissen, dass er dasselbe empfand wie ich, schenkte mir Mut und half mir, ihm meine geheimsten Gedanken zu offenbaren. Für mich gab es jetzt kein Zurück mehr – und für Christopher auch nicht.
Seine Arme umschlangen meinen Körper, hoben mich hoch und trugen mich hinüber zum Bett. Seine Hände wanderten weiter, über meine Hüften, meinen Bauchnabel nach oben zu den Knöpfen des Pyjamas. Langsam löste er einen nach dem anderen und befreite mich von dem hinderlichen Stoff und ich ihn von seiner Hose.
Mein Herz drohte zu zerspringen. Trotz der vielen Narben war Christophers Körper vollkommen. Ein Teil von mir war nervös und ängstlich, wagte kaum, ihn zu berühren. Der andere, der größere Teil, sehnte sich nach ihm, wollte ihm gehören – ganz und für immer.
Ich hielt den Atem an, als ich meine Finger über Christophers Brust gleiten ließ. Vorsichtig zeichnete ich die Konturen auf seinem wohlgeformten Bauch nach. Ich wollte mehr von ihm und seiner Haut berühren und wagte es dann doch nicht. Ich fürchtete mich davor, etwas Falsches zu tun und ihn zu verletzen, obwohl ich mir nichts lieber wünschte, als ihn zu spüren, seinen unbeschreiblichen Duft einzuatmen, seine Wärme und seinen weichen Mund auf meinem Körper zu fühlen.
Und auch Christopher hielt sich zurück. Weil er sicher sein wollte, dass ich bereit war, den nächsten Schritt zu gehen – und um mir noch einmal in die Augen zu schauen. Um darin die Liebe zu sehen, die ich für ihn empfand. Und er für mich. Nicht nur ich brauchte ihn zum Überleben. Auch er brauchte mich. Wir waren ein und dasselbe und doch so verschieden. Engel und Schatten. Hin- und hergerissen zwischen Licht und Dunkelheit, Wärme und eisiger Kälte. Doch vereint gab es nur noch Wärme und Licht.
Christophers Augen schimmerten in tiefdunklem Grün, als er mich küsste und seine Lippen weiterzogen. Ausführlich erkundete er jede noch so verborgene Stelle. Ich verlor mich in dieser unbeschreiblichen Mischung, in Christophers süßer Zärtlichkeit und in dem mächtigen Sog meiner und seiner Leidenschaft, bis ich lichterloh brannte. Doch es war keine quälende Flamme wie die, die meine Flügel vernichtet hatte, sondern ein Feuer, geboren aus Liebe. Aber wir wurden nicht nur körperlich eins, auch unsere Engelseelen suchten und verbanden sich.
Ich glaubte zu sterben, als unsere Körper zu einem verschmolzen. Schrie vor Überraschung und Schmerz, als sich heiße Engelsmagie sammelte und Flügel meinen Rücken durchbohrten.
Christopher reagierte sofort, verwandelte sich und riss meinen Körper von der Matratze, so dass meine Schwingen sich ausbreiten konnten. Ich klammerte mich an ihm fest. Unfähig, darüber nachzudenken, was gerade passiert war, überließ ich mich diesem unbeschreiblichen Gefühl, in Christophers Armen zu schweben. Doch erst als er mich samt meinen Flügeln mit seinen gigantischen, hell aufblitzenden Schwingen umhüllte, wurde ich zu Christophers wahrer Erlösung und er zu meiner. Trotz unseres dämonischen Wesens waren wir fähig, wahre Liebe zu empfinden.
Viel zu müde, um meine Flügel zurückzuziehen, schaffte ich es auch mit Schwingen, in einen schlafähnlichen Zustand zu gleiten. Dass ich meinen Kopf auf Christophers Brust betten durfte und er mich in seinen Armen hielt, genügte. Bei ihm war ich in Sicherheit. Wie die Schwingen auf meinem Rücken genau aussahen, darüber wollte ich im Moment nicht nachdenken. Und auch nicht darüber, warum es keine hellen rosafarbenen Plüschflügel mehr waren. Im Schein von Christophers Engelsflügeln hatte ich etwas Großes, Schattenhaftes auf meinem Rücken gesehen. Doch solange die Welt für uns stillstand, war die Form meiner Flügel bedeutungslos.
In meinem Traum holte mich die Wirklichkeit schnell wieder ein. Angsthormone überschwemmten mein Blut. Ich versuchte zu entkommen, doch es gelang mir nicht: Meine neuen, pechschwarzen Flügel standen in Flammen. Der Engelsrat hatte Christopher befohlen, sie zu zerstören und mir das Herz aus dem Leib zu reißen. Aber das konnte nicht sein – nicht nach der vergangenen Nacht.
Engelsmagie mit dem Geruch von Sommergewitter umspülte mich. Obwohl mein Verstand und der Traum mich warnten, wehrte ich mich nicht gegen Christopher. Er liebte mich, trotz der Dunkelheit meiner Flügel.
Sein Kuss erlöste mich aus meinem Albtraum. Mein Lieblingsduft hüllte mich ein. Ich schlang die Arme um Christopher, um mich an ihm festzuhalten. Am liebsten hätte ich ihn niemals wieder losgelassen. Doch Christopher war anderer Meinung. Sanft, aber mit Nachdruck, löste er meine Hände von seinem Nacken.
»Es wird Zeit, aufzustehen.«
»Wozu?« Mein Herz hämmerte wild. Wohin wollte Christopher mich bringen? Zur Dogin und ihrem Engelsrat? Die Bilder meines Albtraums holten mich wieder ein. Oder hatte Christopher den Befehl erhalten, das Urteil hier zu vollstrecken?
Christopher bemerkte meine Angst und zog mich wieder in seine Arme. »Es war nur ein Albtraum«, beruhigte er mich, während er sanfte Küsse auf meine Augenlider hauchte. »Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand weh tut – und am allerwenigsten, dass ich das bin.«
»Und weshalb muss ich dann aufstehen, wo es hier doch so gemütlich ist?«, fragte ich scheinheilig, nachdem mein Herz wieder von Angstfrequenz in den Christopher-ist-bei-mir-Modus gesprungen war.
»Weil ich im aufgehenden Licht der Sonne erahnen kann, in welcher Farbe sie aufblitzen werden, wenn du wütend wirst – oder …«
»Du willst dir meine Flügel anschauen?« Die Fluchthormone kehrten zurück. Die Angst vor schwarzen, ausgefransten Flügeln war schlagartig wieder da.
»Natürlich«, antwortete Christopher.
Ohne Vorwarnung sprang er aus dem Bett, zog mich mit sich und stellte mich auf die Beine. Ich schwankte, als er mir meine Pyjamahose zuwarf. Die ungewohnt schweren Flügel brachten mich aus dem Gleichgewicht. Gut, dass Christopher mich wieder festhielt.
»Komm mit, wir müssen uns beeilen«, drängte er und schob mich aus der Hütte, als ich halbwegs wieder gerade stehen konnte.
Noch immer umschloss dichter Nebel die Insel. Trotz Sommerwärme durchzog mich ein Frösteln. Christopher besänftigte mich mit einem zärtlichen Kuss in den Nacken, doch das reichte nicht, um meine Angst zu vertreiben.
Zielstrebig bugsierte er mich auf einen schmalen, verwitterten Holzsteg. Die ersten Sonnenstrahlen durchdrangen den Nebel, färbten ihn mit ihrem orangegelben Licht. Christophers Engelsmagie prickelte an meinem Körper vorbei und zwang die Nebelschwaden zurück, so dass die Sonne sich ihren Weg bahnen konnte. Hell glitzerten ihre Strahlen auf dem silbernen Blau des Sees.
Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen. Der Blick in das spiegelnde Wasser würde mir offenbaren, wovor ich mich bislang erfolgreich gedrückt hatte: den Anblick meiner neuen Flügel.
Christopher stand neben mir. In seine Augen trat ein dunkler Schimmer, als die Sonne den Horizont überschritt. »Sieh sie dir an«, drängte er und schob mich an den Rand des Stegs.
Seine Berührung jagte mir heiße Schauer über den Rücken, mein Blick in den See eisige Gänsehaut. Die formvollendeten Schwingen eines Engels leuchteten mir entgegen, doch weder bei einem Engel noch auf dem Ahnenstammbaum in Sanctifers Palast hatte ich je eine Farbe gesehen wie die meiner Flügel. Entsetzt schloss ich die Augen.
»Sie sind rot«, flüsterte ich, unfähig, meine Stimme zu erheben. Scharlachrot wie das Blut, das aus Massimos Herzen geströmt war, als die Klauen eines Schattenengels es durchbohrt hatten. Mein Entsetzen ging in Panik über. Ich zitterte am ganzen Leib – selbst meine Flügelspitzen bebten.
»Und wunderschön«, antwortete Christopher und zog mich in seine Arme. »Und im Licht der Sonne erstrahlen sie in hellstem Purpur. Keine Farbe passt besser zu dem Engel, dessen Seele so voller Liebe ist wie deine.«
Christophers wunderbare Worte und sein zärtlicher Kuss erstickten die beängstigenden Gefühle, die in mir tobten. Trotz der roten Flügel sah ich aus wie ein Engel. Und ich fühlte mich auch wie einer. Die Dunkelheit und die Kälte, die ich vor ein paar Stunden noch in mir gespürt hatte, waren unendlicher Liebe gewichen.
Ich schlang meine Arme um Christophers warmen Körper und erwiderte seinen Kuss. Wurde inniger. Fordernd.
Christopher erwiderte mein Drängen. Seine Flügel brachen hervor. Stürmisch umfasste er meine Hüften und entzog mir den Boden unter den Füßen, um mich zu lieben. Als Engel. Verloren zwischen Himmel und Erde.