Kapitel
20
Überreste
Ich lehnte Raffaels Vorschlag ab, mich auf dem Weg durch die Unterwelt des Palastes zu begleiten. Das Risiko für ihn war mir zu hoch. Sollte mich jemand erwischen, hatte Raffael nur seine Aufgabe als Spitzel vernachlässigt. Sollte er mit mir zusammen entdeckt werden, drohte ihm eine weit schlimmere Strafe. Mir das Leben zu nehmen war schwierig, seit Aron mir das Geheimnis verraten hatte, wie ich mich schützen konnte.
Um einen Engel zu töten, genügte es nicht, nur sein Herz zu durchbohren. Er musste auch seine Flügel verlieren. Und vermutlich wäre inzwischen nur noch ein Racheengel stark genug, um mir meine Engelskräfte zu entziehen, damit sich meine Schwingen entfalteten, ohne dass ich das wollte.
Über Umwege brachte Raffael mich zu einer abgelegenen Gartenanlage, von wo aus ich den unter dem Palast verborgenen Bereich betreten wollte. Die Duftoase lag in dem für mich verbotenen Teil des Palastes. Doch Raffael wusste, welchen Weg er nehmen musste, um unbehelligt an den Wachposten vorbeizukommen.
»Hast du dir die Strecke auch gut eingeprägt?«, fragte er bestimmt schon zum hundertsten Mal.
»Und auch den Rest des Labyrinths – so gut ich das mit meiner Orientierungsschwäche eben kann«, antwortete ich nervös. Das unterirdische System war komplex, und natürlich lag mein Ziel im untersten der drei Stockwerke.
»Wenn du von der geplanten Route abweichst, wirst du die Spenderäume verfehlen«, schärfte Raffael mir ein. »Und falls du dich irgendwann dennoch verirren solltest, gehst du sofort zurück bis zu einem Punkt, den du wiedererkennst! Hast du das verstanden?«
»Ja! Ich soll nicht vom Weg abkommen und, wenn doch, wieder umdrehen«, wiederholte ich zickig. Hielt er mich für Rotkäppchen? »Und du suchst nicht nach mir, wenn ich nicht rechtzeitig wieder auftauche!«, erinnerte ich ihn an das, woran er sich halten sollte.
Raffaels zögerndes Nicken zeigte mir, dass er etwas anderes im Sinn hatte.
»Raffael, du bist der Einzige, der Bescheid weiß. Nur du kannst Hilfe holen, falls mir etwas zustoßen sollte.«
Im Gegensatz zu mir durfte Raffael die Insel verlassen. Außerdem wusste er, wo er Aron finden konnte – der hoffentlich noch in meinem Apartment in Venedig war.
»Versprich mir, dass du mir nicht folgen wirst. Du bist an Sanctifer gebunden. Falls dir etwas passiert, wird er das spüren und nach dir suchen«, beschwor ich ihn.
»Wie du meinst«, brummte Raffael, während er meinem Blick auswich.
Ich beließ es dabei. Ihm einen Schwur aufzudrängen erschien mir sinnlos. Raffael hatte mir sein Vertrauen geschenkt, mich über Sanctifers Menschenhandel aufgeklärt und mir den Weg zu dessen Blutlager verraten – etwas, das ich von Sanctifers Ziehsohn niemals erwartet hätte. Grund genug, Raffael zu vertrauen.
Raffaels Route begann im alten Teil des Palastes in einem großen, zu einer Duftoase umgebauten Garten in der Nähe von Sanctifers babylonischem Museum. Hohe Buchshecken trennten die zahlreichen Kräutergärten und Wasserspiele, von denen eines noch immer mit dem unterirdischen Lüftungssystem verbunden war. Schließlich mussten auch die fensterlosen Kellergeschosse mit Frischluft versorgt werden. Raffael hatte den Zugang durch Zufall entdeckt, als ihn eines der nymphenhaften Irrlichter – die sich zurzeit angeblich unter dem großen Atrium aufhielten – in den Brunnen gezogen hatte.
Bekleidet mit T-Shirt und Badeshorts, die Raffael für mich besorgt hatte, sprang ich mit einem mulmigen Gefühl in den Brunnenschacht. Das Wasser war angenehm warm. Dennoch überkam mich ein Frösteln. Wasser und Dunkelheit waren nicht meine Freunde – und Irrlichter schon gar nicht. Ich tauchte tiefer hinab. Philippe brauchte Hilfe – oder zumindest Lucia. Ob sich mein bester Freund tatsächlich in Sanctifers Palast aufhielt, war nicht sicher. Doch zu vieles sprach dafür, um nicht nach ihm zu suchen.
Unten, am Grund des Brunnens, tastete ich nach dem schmalen Durchgang, dessen Lage Raffael mir aufgezeichnet hatte, vertrieb meine Angst und schwamm hinein. Wenn es dahinter keinen Zugang zum Lüftungskanal gab, würde es mit dem Luftholen knapp werden. Doch Raffael hatte mich nicht belogen. Ein paar Meter weiter führte der Tunnel steil nach oben.
Ein Hauch von trocknenden Algen schlug mir entgegen, als ich die Wasseroberfläche durchstieß. Wie die meisten unterirdischen Lüftungsschächte in Sanctifers Palast endete auch dieser in Richtung Meer. Ich widerstand der Versuchung, nach einem möglichen Fluchtweg zu suchen, und hielt mich an Raffaels Route. Meine Aufgabe war es, Philippe zu finden. Ihn aus Sanctifers Palast zu schmuggeln, unbemerkt nach Venedig zu bringen und bei Aron abzuliefern war Raffaels Job.
Mit fiebrigen Fingern tastete ich mich durch den feuchten Schacht. Raffael hatte mir versichert, dass ich ein paar Schritte weiter auf einen der beleuchteten Gänge stoßen würde. Es kostete mich dennoch Überwindung, mich in tiefster Dunkelheit an der kalten Wand entlangzuhangeln. Erst als ich in den Flur kletterte, atmete ich ein wenig auf.
Obwohl ich weit vor Sonnenaufgang unterwegs war, zu einer Zeit, in der in Sanctifers Palast die meisten Bewohner noch schliefen, hatte mich Raffael gewarnt, vorsichtig zu sein. Die abseits gelegene Route gehörte zwar nicht zu den überwachten Strecken, doch es gab andere Wesen, die sich mir in den Weg stellen konnten. Medusarats liebten dunkle Schächte und Keller ganz besonders. Raffael hatte mir ein Messer mitgegeben, damit ich mich gegen die bissigen Nager wehren konnte. Die heimtückischen, rattenförmigen Wesen liebten es, ihre Beute mit ihren peitschenden Schwänzen in die Enge zu treiben, um dann gemeinsam über sie herzufallen. Ich kannte sie von meiner Engelsprüfung und war alles andere als scharf darauf, ihnen ein weiteres Mal zu begegnen.
Raffaels Weg führte mich durch düstere Gänge vorbei an Lagerräumen, die nach vergammelten Kartoffeln, altem Fisch oder einfach nur modrig rochen. Ich nutzte jede Nische, um sicherzugehen, dass ich noch immer allein unterwegs war. Zum Glück blieb es still. Nicht mal das Meer hörte ich, das ein paar Meter über mir gegen das mit Engelsmagie gesicherte Gebäude klatschte.
Mit gezücktem Messer schlich ich eine steinerne Treppe nach unten, bereit, mich einem möglichen Angreifer zu stellen. Denn hier gab es keine Tür, hinter der ich mich notfalls verstecken konnte. Doch mir begegnete nichts, wovor ich mich fürchten musste – zumindest nichts, das noch lebte.
Der beißende Geruch zog mich zu dem dunklen Etwas, das ich beinahe übersehen hätte. Eisige Kälte breitete sich in mir aus, als ich die Überreste entdeckte. Und zum ersten Mal war ich froh, dass es hier unten nur ein paar flimmernde Gaslichter gab. Ein bis zur Unkenntlichkeit zerfetztes Wesen starrte mich vorwurfsvoll an. Seine Augen waren das einzig Unversehrte.
Ich wandte mich ab, um dem seelenlosen Blick zu entkommen. Was auch immer das war, es war eines gewaltsamen Todes gestorben. Ob eine Meute Medusarats es so zugerichtet hatte? Vermutlich. Ich vertrieb das Bild von Peitschenschwänzen und hungrigen Mäulern, das vor meinem inneren Auge auftauchte, und verbot mir, die beiden verschrumpelten Teile in der Ecke daneben genauer zu betrachten. Vielleicht gehörten sie gar nicht zu der verendeten Kreatur. Und falls doch, spielte das jetzt keine Rolle mehr. Ich konnte ihr nicht mehr helfen – aber es gab andere, die meine Hilfe dringend benötigten.
Der grausige Fund schlug mir auf den Magen. Ich versuchte, mich nicht auf die Überreste, sondern auf den Weg zu konzentrieren. Mich zu verirren oder in ein Medusanest zu laufen und schmerzhafte Bisswunden zu riskieren, konnte ich mir nicht leisten. Meine Vorsicht machte mich langsam. Und obwohl es mir gelang, Raffaels Route zu folgen, brauchte ich länger als geplant, um das unterste Stockwerk zu erreichen.
Angespannt bis unter die Haut tastete ich mich durch das kurze, unbeleuchtete Verbindungsstück zwischen der Treppe und dem nächsten Gewölbekeller. Irgendwo hier musste ein schmales Loch sein, das mir den Wiedereinstieg in das Lüftungssystem ermöglichen würde. Der Schacht sollte mich zu den Räumen bringen, in denen Sanctifer arglose Menschen einer unfreiwilligen Blutspende unterzog.
Ich atmete ein wenig auf, als ich endlich die maroden Teile des Eisengitters fand, das Raffael mir beschrieben hatte. Sein umfangreiches Wissen war äußerst hilfreich. Er hatte einen Zugang gewählt, den auch jemand mit meiner Körpergröße erreichen konnte. Wie er es allerdings geschafft hatte, sich in diesen kleinen Kanal zu quetschen, blieb mir schleierhaft. Vielleicht hatte er ihn entdeckt, als er noch ein Kind war.
Ich verbannte die Vorstellung von einem kleinen Jungen mit entstelltem Gesicht, der sich hier unten vor dem Spott von Sanctifers Gästen versteckt hatte, aus meinen Gedanken. Raffael war noch nicht lange an Sanctifer gebunden. Die Besuche bei seinem Ziehvater konnten kaum länger als ein paar Tage gedauert haben. Schließlich besaß Raffael die Seele eines unreifen Menschen.
Vorsichtig schob ich mich durch die rauen Schachtwände des verzweigten Lüftungssystems. Bisher hatte ich alles genau so vorgefunden, wie Raffael es mir beschrieben hatte. Nur mit der Zeitplanung lag er daneben. Das durch senkrechte Lüftungsschlitze einfallende Dämmerlicht verriet mir, dass gerade die Sonne aufging, ich mich in dem Bereich unter der Küche, in der Nähe des Wohntrakts, befand – und ich mich beeilen sollte. Schließlich wollte ich rechtzeitig meinen Unterricht in der Bibliothek aufnehmen, damit die davor postierten Wachen keinen Verdacht schöpften. Wenn ich zu spät zurückkehrte, brachte ich Raffael in Gefahr.
Trotz des rauen Steinbodens kroch ich schneller. Nur ein paar Biegungen trennten mich noch von Sanctifers Blutlager. Raffael hatte nicht lockergelassen, bis ich die Anordnung der Gästezimmer und ihre Anbindung an das Lüftungssystem aus dem Gedächtnis aufzeichnen konnte – fehlerfrei natürlich.
Lautlos schlängelte ich mich in jeden der vielen kurzen Belüftungsschächte, die die Spenderäume mit dem Hauptkanal verbanden. Die Lüftungslamellen am Ende erlaubten mir einen unbemerkten Blick in die hotelähnlich eingerichteten Luxuszimmer.
Jedes Mal, wenn ich einen scheinbar so friedlich schlafenden Menschen entdeckte, wäre ich am liebsten in das Zimmer gestiegen, um ihn mitzunehmen. Aber das musste warten. Ich sollte nur herausfinden, wo Philippe steckte, damit Raffael ihn – falls er tatsächlich hier war – in der Nacht zu Aron bringen konnte.
Raffael hatte Zugang zu den Spenderäumen. Einen Blutgeber abzuholen würde keine Aufmerksamkeit erregen. Alle Räume zu durchsuchen allerdings schon. Deshalb war das meine Aufgabe.
Aron sollte die Dogin informieren. Schließlich hatte er mir versichert, dass Philippe unter besonderem Engelschutz stand – den Sanctifer dann offenbar aushebeln konnte! Die Dogin würde Sanctifer unter Arrest stellen und danach dessen unfreiwillige Gäste befreien – mich eingeschlossen. Das zumindest war der Plan.
In den Spenderäumen fand ich ebenso viele Frauen wie Männer. Manche waren alt, andere kaum erwachsen, ein paar wenige atemberaubend schön, die meisten aber eher ganz normaler Durchschnitt. Sanctifers Kunden schienen nicht besonders wählerisch zu sein. Hauptsache, sie bekamen Nachschub, sobald die Wirkung der unfreiwilligen Spende nachließ.
Einen Kerl Anfang zwanzig mit schwarzen Wuschelhaaren oder seine Freundin Lucia entdeckte ich allerdings nicht. Dafür stöberte ich etwas anderes auf. Eine harmlose Brise Meeresluft wehte durch den Lüftungsschacht – und darunter lag ein Geruch, der mir allzu gut in Erinnerung geblieben war.
Mein Racheengelinstinkt erwachte mit unbekannter Heftigkeit. Meine Entschlossenheit, umzukehren und lieber am nächsten Tag noch einmal nach Philippe zu suchen, damit ich rechtzeitig zu Raffael zurückkehrte, zerbröselte. Dieses Mal würde es mir nicht entkommen. Denn ich konnte dieses Wesen nicht nur riechen, sondern auch seine dämonische Seite fühlen.
Mit gezücktem Messer robbte ich in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die schmalen Lüftungskanäle und folgte dem Duft der dämonischen Kreatur. Dass ich mir dabei Arme und Knie aufschürfte, spürte ich kaum. Ich war im Jagdmodus, darauf versessen, das Ding zu stellen.
Meine Flügel drängten hervor – und meine Klauen. Wütend ließ ich das Messer fallen. Flügel und Klauen waren das Letzte, was ich in einem engen Schacht gebrauchen konnte. Ich musste schnell sein, wenn ich es erwischen wollte. Aber so weit, meinen Engelinstinkt zu kontrollieren, um besser jagen zu können, reichte meine Beherrschung noch nicht. Also biss ich die Zähne zusammen und presste meine Hände gegen die rauen Steinwände.
Meine von Instinkt getriebene Engelsenergie explodierte. Der Racheengel in mir wollte frei sein und seiner Bestimmung folgen, dieses Wesen fangen – und es töten.
Ein leises Stöhnen wehte durch den Lüftungsschacht. Philippes blutarmes Gesicht tauchte vor mir auf. Seine schwarzen Ebenholzaugen drängten sich zwischen mich und den Racheengel, flehten mich an, ihm zu helfen. Der Teil in mir, der ein Engel sein und das dämonische Wesen erlegen wollte, kämpfte unerbittlich. Tränen schossen mir in die Augen, als ich meine Engelskräfte zurückzog und auf meine verwundbarste Stelle konzentrierte. Dunkle Traurigkeit überwältigte mich, als würde alles, was ich seit meinem Verrat an Christopher empfunden hatte, über mich hereinbrechen. Was blieb, waren unendliche Leere und das Gefühl, alles verloren zu haben.
Innerlich völlig zerrissen, brach ich meine Suche ab. Ein Teil von mir wollte umkehren und jagen, der andere Teil Philippe retten. Doch ich wusste, dass ich das Richtige tat – im Augenblick jedenfalls.
Mit Raffaels T-Shirt als Geruchskiller vor Mund und Nase atmete ich so flach wie möglich. Der leichte Kiefernduft half mir, mich abzulenken – Christophers Sommergewitterduft wäre besser gewesen.
Wütend auf mich, meine Gedanken, Sanctifer und den Rest der Welt, bohrte ich meine Zähne in das Shirt und kämpfte mich vorwärts. In einem Moment an Christopher zu denken, in dem meine Gefühle drohten, mich zu verraten, war nicht weniger dämlich, als meinem Jagdtrieb nachzugeben.
Dank Raffaels Kartentraining fand ich einen der Lüftungsknoten, der mich zurückbringen würde. Dummerweise endete hier auch ein weiterer Kanal mit dem Duft, der meine Instinkte weckte. Ich rang ihn nieder und kletterte, trotz drängender Flügel und schmerzender Klauen, die Steighilfe hinauf. Ich sollte schon längst bei Raffael sein. Ich machte mir Sorgen um ihn. Sollte Sanctifer jemals erfahren, dass Raffael mir von den lukrativen Geschäften seines Ziehvaters erzählt hatte, würde ihn das mehr als sein Zuhause kosten. Der Schlächter des Rats gehörte nicht zur Sorte der zimperlichen Engel. Und die Vorstellung, Sanctifer würde ihm meinetwegen das Leben nehmen, war unerträglich. Mit einer Vergangenheit als Flüsterer würde Raffael die Prüfung der Totenwächter wohl kaum bestehen – dazu stand er schon zu lange in Sanctifers Diensten. Doch zum Sterben war er noch viel zu jung.
Kurz vor dem Abtauchen in den Brunnenschacht hielt ich an und presste meine Handflächen gegeneinander, um die letzten Spuren des Racheengels in mir zu vertreiben. Meine vor unterdrückter Gier geweiteten Pupillen hätten mich verraten. Und Raffael brauchte nicht zu wissen, dass ich etwas Dämonischem begegnet war. Das wollte ich allein regeln.
Raffael erwartete mich. Der Blick, mit dem er mich fixierte, während ich aus dem Brunnen kletterte, ließ in mir alle Alarmglocken auf einmal schrillen. Ich brachte sie zum Schweigen. Raffael stand auf meiner Seite. Er hatte mir Sanctifers Unterwelt offenbart. Vielleicht konnte er noch die letzten Spuren des Racheengels bei mir wahrnehmen. Oder fühlen, wie frustriert ich war und dass ich darüber nachdachte, von der Insel zu türmen, um Sanctifers schmutzige Machenschaften aufzudecken, ohne Philippe als Beweisstück mitzubringen.
»Hast du ihn gefunden?«
»Nein«, antwortete ich.
»Und auch sonst nichts?« Er hätte niemanden sagen müssen. Meine unterdrückten Gefühle brachen alle auf einmal hervor.
»Du wusstest, was mich dort unten erwartet, und hast mich nicht davor gewarnt?!«, fuhr ich Raffael an. Noch bevor ich ihn in eine Ecke drängen konnte, packte er meine Arme und hielt mich fest.
»Das Einzige, was ich weiß, ist, dass du – falls du auf dem richtigen Weg geblieben bist – in Sicherheit warst und Sanctifer früher als geplant zurück sein wird, weil die Ratssitzung unterbrochen wurde. Doch bevor du ihm begegnest, solltest du dich noch ein wenig abkühlen – und ein Lächeln aufsetzen«, fügte Raffael leise hinzu, während er mich aus dem Garten zog.
Meine Wut auf Raffael übertrug sich auf Sanctifer. Raffael hatte mir hundert Mal eingebläut, nicht vom Weg abzukommen, weil er wusste, was Racheengel normalerweise jagten.
»Ich werde ihn auffliegen lassen«, zischte ich, während wir durch den Palast liefen.
»Du möchtest fliegen lernen?«, fragte Raffael laut, um die drei Engel abzulenken, die uns in dem breiten Wandelflur entgegenkamen.
»Noch heute«, fuhr ich fort.
Raffael warf mir einen warnenden Blick zu. Er wusste genau, was ich meinte. »Da wirst du warten müssen. Soweit ich weiß, ist er im Moment sehr beschäftigt.«
»Und womit? Mit …«
»Mit privaten Dingen. Und dabei lässt er sich nur ungern stören«, schnitt Raffael mir das Wort ab, während er erschreckend fest meinen Arm umklammerte, um mich zur Vernunft zu bringen.
Ich wand mich aus seinem Griff. Raffaels Augenlid zuckte kaum merklich. Er war nervös – und er hatte auch allen Grund dazu. Wenn ich türmte, würde ihm die Schuld dafür zugeschrieben.
Raffaels Unsicherheit steckte mich an, obwohl ich eigentlich entspannt sein sollte: Dank ihm kannte ich einen verborgenen Fluchtweg und zwei Geheimnisse, die Sanctifers Stellung im Reich der Engel zum Einsturz bringen würden. Unfreiwillige Blutgeber und dämonische Wesen zu beherbergen war bestimmt nicht im Sinne der Dogin. Das Blöde dabei war, dass ich keinen Zeugen hatte und hier festsaß, weil mein Verschwinden Raffael vielleicht das Leben kosten würde. Blieb die Frage, warum er mir diese Geheimnisse verraten hatte. Weil er ein Mensch war und wusste, was es hieß, an einen Engel gebunden zu sein, der ihn nicht liebte? Glaubte er, dass ich ihn vor Sanctifer retten konnte? Oder wofür sonst brauchte Raffael mich?
Meine Gedanken überschlugen sich. Wie geheim waren Sanctifers Machenschaften eigentlich? Was, wenn Raffael mich belogen hatte? Wenn das Blutlager gar keines war? Wenn die Gäste in Sanctifers Keller wirklich nur Gäste waren? Freunde seiner Engelfreunde?
Um sicher zu sein, hätte ich beim Blutraub zusehen müssen – aber das hatte ich nicht. Raffael hatte darauf bestanden, dass ich mir die Räume zu einem Zeitpunkt ansah, zu dem alle schliefen. War das mit den Silbermasken nur ein Trick gewesen, um mein Vertrauen zu gewinnen?
Ich würde es herausfinden. Allein, ohne Raffael – und auch, was Sanctifer sonst noch alles in seinem Keller unter Verschluss hielt. Ich brauchte Beweise, bevor ich Sanctifer vor Gericht zerren konnte.
Auch am nächsten Tag kam Raffael, um mich zum Unterricht abzuholen. Doch heute hatte Sanctifer ihn geschickt. Er wirkte ernst, was meine Nervosität verstärkte. Bei Raffael konnte ich mir wohl niemals sicher sein, wem seine Loyalität in Wirklichkeit galt. Schließlich war er von seinem Ziehvater nicht nur finanziell abhängig. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Aron mich bestens vorbereitet hatte, und versicherte mich mit einem tiefen Atemzug, dass die Nasenkapsel noch an der richtigen Stelle saß.
Sanctifer empfing mich mit einem grimmigen Blick. Ich grinste zurück, was seine miese Laune verstärkte.
»Wie ich gehört habe, bist du gestern verspätet zu deinem Unterricht erschienen. Anscheinend lässt Raffael dir zu viele Freiheiten.« Raffael zuckte nicht mit der Wimper. »Doch ein Racheengel braucht feste Regeln – und eine strenge Hand.«
Sanctifers Drohung schnürte mir die Kehle zu. Wusste er Bescheid? Kam jetzt die Anti-Ohnmachts-Kapsel zum Einsatz? Unfähig, Sanctifer länger anzusehen, starrte ich auf meine Hände. Ich hatte Angst und wusste, dass Sanctifer sie allzu gern gespürt hätte – meine Stirn prickelte, als würde sie in Eiswasser getunkt.
»Ich erwarte, dass meine Anordnungen befolgt werden«, klärte er mich auf.
Ich schwieg. Den gehorsamen Schüler suchte er in mir vergebens.
Mein stummer Protest blieb nicht ungestraft. Der Eisschauer auf meiner Stirn verstärkte sich. Sanctifer testete meinen Widerstand. Aber anstatt herauszufinden, wie lange ich durchhalten konnte, ließ er von mir ab. Doch sein Lächeln danach jagte mir eine eisige Gänsehaut über den Rücken. Die Kälte verstärkte sich, als er Raffael aus der Bibliothek schickte.
Sanctifers zufriedene Miene verriet, wie sehr er meine Hilflosigkeit genoss. Noch verzichtete er darauf, mir das ganze Ausmaß seiner Macht zu demonstrieren. Während er hin und wieder eine kleine Kältewelle über mich hinwegfegen ließ – als Warnung –, referierte er über die Bedeutsamkeit von Regeln: Er wollte, dass ich mich freiwillig fügte.
Nach dem Abendessen lud er mich ein, einen weiteren Blick auf seine babylonische Sammlung zu werfen. Trotz meiner Vorliebe für antike Kunst fiel es mir schwer, Interesse zu heucheln. Die Intensität, mit der Sanctifer versuchte, mich zu manipulieren, war heftig. Die Zeit, den schwächelnden Engelnovizen vorzutäuschen, war vorbei.
»Aron hat dir mehr beigebracht, als ich das in der kurzen Zeit für möglich gehalten hätte. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich dich bald wesentlich einprägsamer anleiten kann als er – wir müssen nur noch an deinem Vertrauen arbeiten«, sinnierte er, während ich gegen einen Kältesturm ankämpfte, der rund um meinen Kopf tobte. »Gut, dass uns noch genügend Zeit bleibt, um daran zu arbeiten.«
Wie viel, verriet er nicht. Stattdessen schickte er mich mit einem hungrigen Lächeln, das mich bis in meine Albträume verfolgte, auf mein Zimmer. Vielleicht ahnte er, was ich vorhatte, und plante, mich in flagranti zu erwischen.
Eine Nacht und einen langen Tag hielt ich es aus, meinen Drang zu zügeln, ein zweites Mal in das Lüftungssystem einzusteigen. Dann quetschte ich beim Abendessen meine Tischnachbarn nach Sanctifers Abwesenheit aus. Ich musste sicher sein, nicht in irgendeine Falle zu laufen. Und Raffael wollte ich nicht fragen, ob Sanctifer wieder den Palast verlassen hatte oder nur nicht zu den Mahlzeiten erschien, weil er etwas anderes plante.
Ich erfuhr, dass die Dogin alle Ratsmitglieder zu sich befohlen hatte, um die unterbrochene Versammlung fortzusetzen, und Sanctifers Heimkehr sich aufgrund gewisser Ungereimtheiten noch ein wenig hinausziehen würde. Leider wusste niemand, welche Ungereimtheiten das genau waren, was meine Sorge, dass Christopher erneut den Zorn des Rats auf sich gezogen hatte, ins Unermessliche steigerte – ein weiterer Grund, herauszufinden, was Sanctifer alles in seinem Keller lagerte, und danach schnellstens zu verschwinden, um ihn auffliegen und mich von dem Pakt befreien zu lassen.
Den Auftakt meines Plans umzusetzen, Raffael in meine Suite zu schleusen, war einfach. Schließlich war er für mich verantwortlich, und meine Drohung, Sanctifer den Zettel zu zeigen, den er mir in der Ballnacht unter der Tür durchgeschoben hatte, wirkte außerordentlich schnell.
»Und, warum bin ich hier?« Raffael war weder naiv noch blöd. »Falls du mich überreden möchtest, dir noch mal Zutritt zu den Spenderäumen zu verschaffen, kannst du dir die Mühe sparen. Sanctifer lässt uns beobachten, sobald ich mit dir den bewachten Bereich betrete.« Raffaels schneidender Tonfall entging mir nicht.
»Nein, das hatte ich eigentlich nicht vor – zumindest nicht mit dir.«
Der gläserne Briefbeschwerer zersplitterte in kleine Bruchstücke. Raffaels überraschtes Gesicht, kurz bevor ich ihn k. o. schlug, verstärkte mein schlechtes Gewissen. Schon den ganzen Tag über bereitete mir dieser Teil meines Plans die schlimmsten Magenschmerzen. Doch Raffael aus dem Spiel zu nehmen war die einzige Möglichkeit, ihn zu schützen.
Mit einer Strumpfhose fesselte ich ihn an den schweren Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, ehe ich ihm einen Knebel in den Mund drückte. Irgendwann würden sie dahinterkommen, wo er steckte. Doch je später das war, umso besser für mich.
Verkleidet mit Raffaels Gehrock, verließ ich mit gekrümmtem Rücken meine Suite. Meine im Pagenstil hochgebundenen, nach vorn fallenden Haare verdeckten den größten Teil meines Gesichts. Auch wenn ich nicht annähernd so groß war wie Raffael, würde wohl kaum jemand mich in dem schwankenden Typen erkennen – betrunkene Engel waren hier keine Seltenheit. Denn von mir wurde erwartet, in einem der üppigen Kleider zu erscheinen, mit denen Sanctifer mich ausstaffierte. Gehröcke trugen hier ausschließlich Männer.
Ich atmete ein wenig auf, als ich den Bootsschuppen erreichte, und versenkte alle überflüssigen Kleidungsstücke in dem Kanal daneben. Es war mir egal, dass ich mit der schwarzen Strumpfhose und der dunklen Bluse aussah, als hätte ich versucht, mich als Ninja zu verkleiden. Tarnung war wichtiger als Schönheit.
Versteckt in einem der Boote, wartete ich bis weit nach Mitternacht. Die Chance, nicht entdeckt zu werden, stand umso besser, je weniger Engel unterwegs waren. Als in der Küche kein Licht mehr brannte, machte ich mich auf den Weg.
Mit angehaltenem Atem huschte ich über die Kanalbrücke. Die Küche grenzte an den Wohntrakt, wo laut Plan eine Treppe nach unten führte – schließlich mussten auch Sanctifers unterirdische Gäste versorgt werden. Da das Wohngebäude bewacht war, wollte ich durch die Lüftungsschächte klettern, die im Küchentrakt endeten. Leider fand ich dort keinen Zugang zum Lüftungssystem.
Ich blieb hartnäckig, schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Plan der Palastanlage. Von irgendwoher war das Licht, das ich bei meiner letzten Tour gesehen hatte, in den Lüftungsschacht gefallen. Doch die Kamine über den Kochstellen führten alle nach oben und nicht nach unten, wie ich gehofft hatte. Aber vielleicht suchte ich auch nur an der falschen Stelle, und es gab auf dem Dach ein paar Öffnungen, die direkt nach unten führten.
Schon während ich durch den Kamin nach oben kletterte, wusste ich, dass ich auf dem Dach einen Zugang zum Lüftungssystem finden würde. Der sanfte Hauch Dämonenduft war nur eine Andeutung, aber dennoch genug, um meinen Jagdtrieb zu wecken. Die Öffnung zu Sanctifers Unterwelt entdeckte ich auf Anhieb. Dass ich beim Hinabsteigen feuchte Hände bekam, war die harmloseste Nebenwirkung des Dämonendufts. Mein Racheengelinstinkt drängte mich, meine Klauen in die Schachtwand zu schlagen.
Ich zwang mich, langsam zu klettern, und beruhigte meinen hämmernden Puls mit tiefen Atemzügen. Fehler durfte ich mir nicht leisten. Auch keinen falsch gesetzten Fuß mit Sturz in die Tiefe.
Das Duftgemisch aus Staub, Verwesung und süßer Lakritze zog mich an wie das Licht eine Motte. Ich hielt den Atem an und widerstand dem Drang, ihm zu folgen, sosehr es den Engel in mir auch reizte, gegen das Ding zu kämpfen. Zuerst wollte ich noch einmal nach Philippe und Lucia suchen und erst danach einen Blick auf das Wesen werfen, bevor ich von hier verschwand. Schließlich waren ungeübte Klauen keine besonders effektive Waffe, um dieses Ding zu besiegen – das Messer hatte Raffael mir abgenommen.
Dass ich zum Hilfeholen noch durch die Lagune schwimmen musste, war ein Problem, das ich mir für später aufhob – immerhin handelte es sich dabei nicht um einen dunklen Totenwächtersee.
Dummerweise reagierte mein Instinkt völlig anders, als ich geplant hatte. Je intensiver ich dieses dunkle Wesen spürte und seinen aufreizenden Geruch einatmete, umso heftiger wuchs mein Wunsch, es zur Strecke zu bringen. Nur noch ein paar Windungen, und ich war bei ihm, konnte vollenden, was mir bei meiner Engelsprüfung nicht gelungen war – nach Philippe zu suchen, hatte ich längst vergessen.
Ein dunkles Knurren ertönte am Ende des Schachts, dem ein helles Fauchen antwortete. Bevor wilde Kampfgeräusche die Schreie überlagerten, drängte der Racheengel in mir, sich zu erheben. Hier gab es nicht nur ein dämonisches Wesen, sondern mehrere.
Mein Wunsch, sie alle zu töten, wuchs sprunghaft. Kampfbereit drängten meine Klauen, endlich hervorbrechen zu dürfen. Doch anstatt meinem Jagdtrieb nachzugeben, das Lüftungsgitter herauszureißen und den Wesen mit einem Überraschungsangriff ein Ende zu bereiten, presste ich mir die Handflächen auf den Mund, um mein Keuchen zu unterdrücken. Sie hätten mich schneller in Stücke gerissen, als ich sie würde zählen können.
Erst nachdem sich mein Herzschlag auf Eiltempo beruhigt hatte, wagte ich mich die letzten Meter vor bis zu den Lüftungslamellen. Dort hörte mein Puls für einen ungesunden Moment ganz auf zu hämmern. Ein halbes Dutzend geflügelter Wesen kauerte im Schein einer altersschwachen Gaslaterne unter einer maroden Gewölbedecke, während in der Mitte zwei von ihnen gegeneinander kämpften. Wild und unbarmherzig schlugen sie ihre Fänge in das Fleisch des anderen, hinterließen mit ihren scharfen Klauen blutende Spuren oder rissen Löcher in die ledernen Flügel.
Erneut schlug ich mir die Hände vor den Mund. Dieses Mal, um nicht laut aufzuschreien, als ein Flügel abriss. Das Ding brüllte vor Schmerz, spreizte seine Klauen und schlug nach allem, was sich bewegte. Dass es dabei nicht nur seinen Gegner traf, nahm es nicht mehr wahr. Blind tobte es in seinem Zorn, rasend vor Wut – und stachelte meine mit an.
Eines der Monster verharrte in seiner Bewegung. Sein Kopf schnellte nach oben, seine Schnauze nahm Witterung auf. Meine?
Ich blendete den bestialischen Kampf unter mir aus und hoffte, dass es mich nicht entdeckt hatte. Das bösartige Gebrüll schwoll an, ein bläulicher Blitz zuckte hinter meinen Augenlidern, und plötzlich war es totenstill. Jeden Moment erwartete ich, dass das Lüftungsgitter herausgerissen wurde, eine Klauenhand nach mir griff und mich in den Raum zerrte. Doch es blieb still. Die Meute hatte ihresgleichen unter sich begraben, gefräßige Ruhe das Brüllen erstickt.
Nur langsam erwachte ich aus meiner Schockstarre. Es war tot, doch ich verspürte nur Ekel, kein Mitleid. Warum, konnte ich mir selbst nicht erklären. Was auch immer Sanctifer hier unter Verschluss hielt, Racheengel in ihrer Schattengestalt waren es nicht – vielleicht lag es daran.
Ein lautstarker Streit entbrannte – vermutlich um die letzten Reste des Besiegten. Ich nutzte die Gelegenheit und kroch in den Hauptkanal zurück. Ich hatte genug gesehen. Je schneller ich hier rauskam, umso besser. Sollte Philippe tatsächlich noch irgendwo in Sanctifers Palast sein, würde ich ihn mit einem Trupp Engel schneller finden als allein. Nach meiner Knebelaktion würde Raffael mir sowieso nicht mehr helfen, ihn von hier wegzubringen.
Ich orientierte mich Richtung Meer. Die meisten Lüftungsschächte endeten dort. Einer von ihnen an einem der alten Bootskänale, die zur Lagune führten. Ein heller Streifen zeigte sich bereits am Horizont, als ich die Öffnung erreichte.
Wild wuchernde Büsche boten mir Deckung, um unbemerkt nach Sanctifers Patrouillen Ausschau zu halten. Als ich mir sicher war, niemandem in die Arme zu laufen, ließ ich mich in den Kanal gleiten. Wenigstens hatte das Wasser Badetemperatur, was mir das Abtauchen erleichterte. Abgesehen von der langen Strecke durch die Lagune musste ich noch die mit Engelsmagie gesicherte Grenze passieren, hinter der Sanctifers Palast verborgen lag. Wo sie verlief, wusste ich nicht. Dass sie ein Problem für mich darstellen würde, wenn ich zu spät reagierte, war abzusehen.
Der Schatten der baufälligen Kanalwand bot mir Deckung. Dennoch versuchte ich, möglichst lange unter Wasser zu bleiben. Gut, dass Philippe mir das Tauchen beigebracht hatte.
Meine Gedanken wanderten zu meinem italienischen Freund. Als ich neu in Italien war, hatte er mich vor allzu großen Schwierigkeiten bewahrt. Jetzt war ich an der Reihe, die Beschützerrolle zu übernehmen. Dass ich zum Schutzengel nur wenig taugte, spielte keine Rolle – für Dämonisches waren Engel wie ich zu ständig.
Eine Brise vom Meer kräuselte das Wasser. Die zunehmende Strömung im Kanal erschwerte mir das Tauchen. Ich verdrängte meine Furcht, dass die Wellen von etwas anderem als Wind verursacht wurden, und schwamm schneller. Die Strahlen der aufgehenden Sonne schenkten mir Zuversicht. Ich würde es schaffen: Philippe retten, Sanctifer zu Fall bringen und Christopher davon überzeugen, dass ich ihn noch immer liebte.
Eine dunkle Ahnung, der ein Geruch von Verwesung und süßer Lakritze folgte, zerstörte meinen Traum – sie hatten mich entdeckt. Panisch trieb ich meine Arme und Beine an, sich in Weltrekordtempo zu bewegen. Meine Schwimmzüge gerieten aus dem Takt. Ich kämpfte weiter. Aufzugeben oder mich ihnen zu stellen kam nicht in Frage. Es waren zu viele. Und alle kannten nur ein Ziel: mich.
Mit übernatürlicher Geschwindigkeit holten sie auf. Aber auch in mir schlummerte ein Teil, der alles andere als menschlich war. Mein Racheengel wollte, dass ich den Kampf gegen sie aufnahm. Doch der Rest von mir wusste, dass das eine ganz schlechte Idee war. Flügel und Wasser passten nicht zusammen – zumindest nicht, solange es rosafarbene Engelsflügel waren.
Die ledernen Schwingen meiner Verfolger dagegen schienen für Wasser wie geschaffen zu sein. Anstatt ihrer Klauenhände benutzten sie ihre Flügel zum Kraulen. Es sah toll aus, wie sie mit ihren aalgrauen Körpern in atemberaubendem Tempo den Kanal entlangpflügten. Dass sie hinter mir her waren, schmälerte mein Vergnügen an dem Schauspiel allerdings gewaltig. Ich wusste, dass meine Chancen gleich null waren, und kraulte dennoch schneller. Irgendwo musste die Grenze sein, und ich hoffte, dass meine dämonischen Verfolger die mit Engelsmagie gesicherte Pforte nicht passieren konnten.
Erst als eines dieser Wesen unter mir hindurchtauchte und den Weg versperrte, gab ich mich geschlagen. Wo auch immer der Durchgang lag, ich war zu langsam geschwommen.
Mit gefletschten Zähnen und matten, seelenlosen Augen starrte das ledergeflügelte Wesen mich gierig an. Und obwohl alles an ihm verriet, wie gerne es seine Fänge in mein Fleisch geschlagen hätte, verharrte es beinahe reglos, keine Armlänge von mir entfernt. Es wartete: auf den Befehl seines Herrn und Meisters!
Ich suchte den Himmel und den Kanal ab, aber außer noch mehr von diesen Kreaturen entdeckte ich weder ein Boot noch einen Engel. Sie schienen allein zu sein.
Waren sie mir gefolgt, oder hatte sie jemand hinter mir hergeschickt? Sanctifer – oder Raffael?
Inzwischen hatte auch der Rest der Meute mich eingeholt. Eine klauenbesetzte Hand griff nach mir – ich schlug zurück. Schneller, als ich mich dagegen wehren konnte, brachen meine Klauen hervor. Trotz des rasenden Schmerzes bohrte ich sie mit erschreckender Zielsicherheit in den Körper des Angreifers. Er heulte auf und ließ mich los, während die anderen beobachteten, wie meine rosaroten Plüschflügel sich ausbreiteten, voll Wasser sogen und ich langsam hinabsank. So sehr ich auch kämpfte, meine bleischweren Flügel zogen mich unerbittlich in die Tiefe. Wie blöd, dass ich noch nicht gelernt hatte, wie ich Sauerstoff aus Wasser ziehen konnte.
Das Netz der aalförmigen Körper, die mich begleiteten, verdichtete sich. Was auch immer sie davon abhielt, mich zu töten, hatte diese dämonischen Biester wirklich gut im Griff – noch gieriger konnte wohl kaum etwas seiner Beute hinterherstarren als diese Wesen. Aber vielleicht warteten sie auch nur darauf, dass mein menschlicher Teil starb, bevor sie mich zerfleischten.
Ein widerwärtiges Gefühl verdichtete sich in meinem Inneren. Grausamkeit. Gnadenlos. Eine verstümmelte Seele. Die Wassertemperatur schien auf Minusgrade abzufallen. Etwas Dunkles schluckte die Lichtstrahlen über mir. Mein Herz gefror zu Eis, als sich eine Lücke zwischen den aalgrauen Leibern bildete.
Elegant wie ein Mantarochen glitt es mit gigantischen Schwingen durch das blaugraue Wasser. Seelenlose Augen in einem Gesicht, das keines mehr war, funkelten mich böse an. Sein Körper war etwas kleiner, aber genauso farblos und von roten Adern durchzogen wie in meiner Erinnerung.
Meine dunkle Seite erhob sich und drängte den Racheengel beiseite. Ein anderer Teil von mir kämpfte sie zurück – ich wollte ein Engel sein und kein Monster.
Klauenbewehrte Pranken rissen mich nach oben. Ich wehrte mich nicht – mein menschlicher Teil wollte weiterleben, und der brauchte dringend Luft zum Atmen. Also schloss ich die Augen und blendete das Bild des Schattenengels aus, der seine Seele an Sanctifer verloren hatte. Seine dunkle Anziehungskraft spürte ich dennoch. Begleitet von seinem Gefolge brachte er mich zurück und sperrte mich in ein finsteres Loch irgendwo unter Sanctifers Palast.