Kapitel 18
Marionettenspieler
Sanctifers Palast war erfüllt von orientalischen Klängen und ausgelassenem Gelächter. Gebannt blieb ich unter einem der hufeisenförmigen Bögen stehen, die das Atrium von dem farbenprächtigen Festsaal trennten, und beobachtete die ausgelassene Fröhlichkeit – und Gefräßigkeit. Überschüttet mit den herrlichsten Leckereien aus aller Welt quoll die ausladende Tafel beinahe über. Immerhin entdeckte ich unter Sanctifers Gästen nichts, was dämonisch wirkte – das war draußen geblieben. Und obwohl mir die seltsam anmutenden Geschöpfe im Atrium mit ihrer nixenhaften Schönheit und verborgenen Gefährlichkeit den Atem raubten, erschienen sie mir weit weniger bedrohlich als die Engelschar, die sich in Sanctifers Palast versammelt hatte. Umschwirrt von fleißigen Putten, die dafür sorgten, dass ihre Teller und Gläser stets gut gefüllt waren, wirkten Sanctifers Gäste auf mich ein wenig zu entspannt. Sie sollten Angst vor dem Racheengel haben, anstatt mich anzuschmachten.
»Suchst du jemanden?«, begrüßte mich eine sonore Stimme. Ich schrak zusammen, als Sanctifer wie aus dem Nichts neben mir auftauchte. »Raffael hat mir schon erzählt, dass du ein wenig schreckhaft bist.«
Ich warf Raffael, der mich ins Atrium gebracht hatte und mich nun von einem der Wasserspiele aus beobachtete, einen Du-Verräter-Blick zu. Sanctifer entging die Blickattacke natürlich nicht. Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht, bevor er sich meinen Arm schnappte, um mich zu meinem Platz an der Tafel zu begleiten.
Wieder einmal der Mittelpunkt des Geschehens zu sein behagte mir ganz und gar nicht. Dass es an dem barocken Kleid aus blausilbernem Brokat lag – neben Unterwäsche war es das einzige Kleidungsstück, das ich nach dem Duschen in meinem Zimmer gefunden hatte –, glaubte ich nicht. Schließlich waren die anderen Gäste ähnlich verkleidet.
Umgeben von engelhaften Gestalten – ich war mir inzwischen nicht mehr sicher, ob alle Engel waren – saß ich auf dem prächtigen Stuhl des Ehrengasts in der Mitte der langen Tafel. Der Herr des Hauses selbst thronte an der Stirnseite. Allein. Mich hatte er seinen Untertanen zum Fraß vorgeworfen. Herauszufinden, ob ich zu den Leckerbissen zählte oder eher ungenießbar war, beflügelte sie.
Da ich es mir nicht schon am ersten Abend mit Sanctifers Hofstaat verderben wollte, bemühte ich mich, freundlich zu bleiben. Eisern ignorierte ich die lüsternen Blicke meines Tischnachbarn – ein in einem kardinalroten Gewand steckender Schönling, der sich besonders toll fand, Mazarin nannte und mit seinem schmalen Kinnbart hervorragend in einen Musketierfilm gepasst hätte. Erst als er seine guten Manieren vergaß und begann, mich unter dem Tisch zu begrapschen, verwarf ich meine Vorsätze und traktierte ihn mit meiner Dessertgabel – viel lieber hätte ich mit meinen Klauen ein sichtbares Zeichen auf seinen emsigen Händen hinterlassen.
Anstatt sich zurückzuziehen, zeigte Mazarin noch mehr Interesse an mir – und nicht nur er. Mit einem anzüglichen Lächeln hielt mein Bewunderer sein Glas in die Höhe und erhob seine Stimme. Selbst Raffael, der am anderen Ende des Tisches von zwei bildschönen Engeln umgarnt wurde, schaute auf.
»Lasst uns auf unseren heutigen Ehrengast trinken, die bezaubernde Lynn – Ihr werdet eine wahre Bereicherung sein«, fügte er nur für mich hörbar hinzu.
Noch ehe ich diesem Widerling den Kinnbart stutzen konnte, mischte Sanctifer sich ein.
»Lynns vielschichtiges Wesen wird uns sicher noch eine Menge Freude bereiten«, vervollständigte er den Trinkspruch, erhob sein Weinglas und prostete mir zu.
Ich hatte meines noch nicht angerührt, was ihm sicher nicht entgangen war. Jetzt zu kneifen hätte mich vor seinen Gästen wie einen Feigling dastehen lassen und ihr Interesse sicher noch weiter geschürt. Also griff ich nach meinem Glas, setzte ein Lächeln auf und trank.
Der Wein schmeckte exquisit, nach dunklen Beeren und Schokolade. Ich leckte mir über die Lippen – und erntete ein diabolisches Grinsen. Mein Erschrecken war gespielt. Schließlich wollte ich Sanctifers Glauben, dass ich weder seinen Einschüchterungsnoch anderen Benebelungstaktiken widerstehen konnte, nicht schon am ersten Abend zerstören. Dass meine gespielte Furcht auch einigen seiner Gäste ein Lächeln ins Gesicht zauberte, war mir egal – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.
Nach der Mahlzeit bat Sanctifer seinen Hofstaat, ihm ins Atrium zu folgen – mich holte er persönlich ab. Wie Aron es mir geraten hatte, spielte ich bei ihm weiterhin die Verunsicherte, was mir nicht besonders schwerfiel. Sanctifers Einlulltaktik behagte mir nicht. Auf einen Angriff mit Engelsmagie war ich wesentlich besser vorbereitet als auf Nettigkeiten.
Als ich den Innenhof betrat, vergaß ich beinahe, wer neben mir stand. Das Atrium hatte sich in eine märchenhafte Zauberwelt verwandelt. Ein Lichtermeer aus tausend Flämmchen erhellte die erblühte Oase unter dem nächtlichen Sternenhimmel. Doch nicht nur die berauschende Blütenfülle mit ihrem betörenden Duft benebelte meine Sinne. Wie auf einem orientalischen Märchenfest demonstrierten Gaukler, Zauberer, Feuerschlucker und Jongleure ihre Kunstfertigkeiten. Mit überbrodelnder Lebendigkeit forderten sie die Zuschauer auf, ihre Tricks zu durchschauen, zu wetten, mitzutanzen oder ihren phantasievollen Geschichten zu lauschen. Sie wirkten menschlich, doch mir wurde schnell klar, dass sie es nicht waren. Das geheimnisvolle blaue Flimmern in ihren Augen verriet sie: Es waren gezähmte Irrlichter. Und obwohl ich mich eigentlich nicht auf ihr verlockendes Spiel einlassen wollte, faszinierte mich ihr Zauber.
Sanctifer spürte meine Anspannung und gab mich frei. »Es ist dein Willkommensfest. Genieße es.«
Ich bemühte mich, nicht allzu enthusiastisch zu wirken, was mir absolut nicht gelang. Selbst ich spürte, wie meine Pupillen sich weiteten, wenn eines der Wesen in atemberaubende Höhe geschleudert wurde, und meine Wangen im Feuerschein glühten, während die Feuerschlucker einen bunten Flammenregenbogen in den Nachthimmel schickten.
Als ich am Brunnenrand eines der Wasserspiele saß, um dem Reigen der Nymphen zuzusehen, bemerkte ich, dass ich nicht nur von Mazarin und ähnlich gestrickten Engeln beobachtet wurde. Mit dem Rücken an eine der Säulen gelehnt, stand Raffael am anderen Ende des Atriums und ließ mich nicht aus den Augen. Ich setzte eine gleichgültige Miene auf und zuckte gelangweilt mit den Schultern. Dass die Irrlichter mich faszinierten, anstatt abzustoßen, ging niemanden etwas an.
Mein Plan ging nicht auf. Raffaels Miene verfinsterte sich. Als er kurz danach neben mir stand, verabschiedete ich mich mit der Ausrede, mir etwas Trockenes anziehen zu wollen, und verdrückte mich auf meine Suite. Wie Aron es vorausgesehen hatte, erwiesen sich Sanctifers Methoden, mich zu manipulieren, als äußerst subtil und schwer zu durchschauen. Beim nächsten Mal würde es keinen Raffael brauchen, damit ich rechtzeitig auf mein Zimmer verschwand.
Sanctifer erlaubte mir, mich im Hauptteil des Palastes frei zu bewegen. Verlassen durfte ich das Gebäude natürlich nicht. Doch alles war besser, als in meiner Suite darüber nachzudenken, ob Christopher wirklich so wütend war, dass sein Schatten drohte hervorzubrechen, wie ich das geträumt hatte. Wenigstens gelang es mir inzwischen, aufzuwachen, bevor der Albtraum seinen Höhepunkt erreichte und Christopher vielleicht spüren würde, wie unendlich ich ihn vermisste.
An den Abenden bestand Sanctifer darauf, dass ich zum Essen erschien – und zum Feiern. Ohne die Gaukler, dafür mit mir als Attraktion. Sanctifer selbst beschränkte sich aufs Zusehen, falls er überhaupt anwesend war. Vermutlich wusste er, dass seine Lakaien es auch ohne sein Eingreifen schaffen würden, mich mürbe zu machen. Einen Racheengel zu berühren, ohne von ihm zerfleischt zu werden, schien seinen Gästen den ultimativen Kick zu geben – weshalb sie mich zu ihrem neuen Lieblingsspielzeug erkoren.
Trotzig und mit einem Lächeln auf den Lippen bemühte ich mich, ruhig zu bleiben und mein Messer nur zum Essen zu benutzen, wenn sich wieder einmal fremde Finger in meine Haare verirrten. Oder eine meiner Tischnachbarinnen ganz aus Versehen ihre Hand auf meinen Arm legte und sich zu meinen beringten Fingern vortastete – vermutlich, um herauszufinden, wie sich die Spangen anfühlten, die meine Klauen bändigten. Leider fiel es mir von Tag zu Tag schwerer, mich zusammenzureißen. Zumal die Übergriffe sich schon bald nicht nur auf die Abendstunden beschränkten.
Als Raffael mir anbot, mich bei meinen Erkundungstouren durch den Palast zu begleiten, nahm ich sein Angebot dankbar an. Ablenkung hatte ich dringend nötig. Meine Gedanken wanderten sowieso schon viel zu oft zu Christopher, wenn ich allein war.
Raffael zeigte mir nicht nur die prunkvollen Säle, die ich noch nicht kannte, sondern auch die nicht weniger eindrucksvolle Küche, den Weinkeller und Sanctifers Bootspark. Schwarzpolierte Gondeln tummelten sich dort ebenso wie Sportflitzer und Luxusschiffe. Morgen wollte er mir das Herzstück des Palastes enthüllen: Sanctifers Bibliothek, die Quelle seines Wissens.
Ich fragte nicht nach, wie er seinem Ziehvater die Erlaubnis entlockt hatte, mich in den – zumindest für mich – verbotenen Bereich bringen zu dürfen. Vermutlich hätte Raffael mir das sowieso nicht verraten. Aber vielleicht wollte ich auch nur nicht seine gute Laune verderben – sie wirkte ansteckend und ließ mich für einen kurzen Moment vergessen, dass ich Sanctifers Gefangene war.
Am nächsten Morgen stand jedoch nicht Raffael, sondern Sanctifer vor meiner Tür. Vor Schreck wich ich gefühlte zwei Meter weit zurück – gut, dass es in Wirklichkeit nur ein Schritt war.
Sanctifer spürte meine Anspannung dennoch. Es zauberte ihm ein Lächeln in sein anmutiges Gesicht. Ich ignorierte es und trat beiseite, um ihn einzulassen. Schließlich waren es seine Räume. Doch anstatt einzutreten, befahl er mir mit einem Blick, der klarstellte, dass es keine Alternative gab, ihm zu folgen.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend lief ich neben dem Schlächter des Rats durch das Labyrinth seines Palastes. Ich weiß, wie ich meine Engelseele schütze, redete ich mir ein, während ich das Bild des Monsters, das in mir schlummerte, verdrängte. Aron hatte mich bestens vorbereitet.
Sanctifer führte mich in einen mir verbotenen Flügel, wo er auf eine massive, mit Holzornamenten belegte Tür zusteuerte. Zwei Wachen patrouillierten davor. Offenbar gab es hier Dinge, in die nicht jeder Einblick haben sollte.
Das dumpfe Gefühl in meinem Magen wurde heftiger. Die Bilder in meinen Gedanken verwandelten sich. Goldene Folterwerkzeuge tauchten auf. Ich vertrieb sie. Aron hatte vorgesorgt. Was auch immer mich hinter dieser Tür erwartete, dank der Kapsel in meiner Nase würde ich es durchstehen. Mich würde Sanctifer nicht zu einem Schattenengel machen.
Das »Ohh« zu unterdrücken, das mir über die Lippen rutschte, als sich das Meisterwerk der Schnitzkunst vor mir offenbarte, gelang mir allerdings nicht. In dem runden, von einer lichten Kuppel überspannten Raum befand sich die schönste Bibliothek, die ich jemals gesehen hatte. Ein verschlungenes Regalsystem, durchzogen von einer sich bis in die Galerie windenden Treppe, beherbergte eine einzigartige Sammlung von Büchern und Schriftrollen.
Sanctifer gab mir ausreichend Zeit, seine Kunstschätze gebührend zu bewundern. Und obwohl es mich in den Fingern juckte, das ein oder andere Werk zu berühren, ließ ich nur meine Augen über die Buchreihen wandern. Mein Verstand warnte mich. Was auch immer Sanctifer bezweckte, aus reiner Freundlichkeit hatte er mich nicht hierhergebracht.
»Anstatt dich auf alle Aufgaben vorzubereiten, hat Aron den Schwerpunkt deiner Ausbildung bislang leider viel zu sehr auf körperliche Fertigkeiten gelegt. Doch für einen Racheengel ist es ganz besonders wichtig, schnell mit der Engelswelt vertraut zu werden. Deshalb habe ich ein paar Schriftstücke für dich ausgewählt. Schließlich bin ich nicht nur für dein äußeres Wohlergehen zuständig.«
Mir schauderte bei Sanctifers Worten. Kam jetzt der Teil mit der Gehirnwäsche?
»Lass uns nach oben gehen«, befahl er.
Schon von unten wirkte die Bibliothek beeindruckend. Der Weg durch die Regalreihen jedoch war atemberaubend. Ein ausgeklügeltes System von kleinen Balkonen und schmalen Umgängen ermöglichte den Zugang zu den erst auf den zweiten Blick sichtbaren Bereichen der Bibliothek. Und oben wartete, als krönender Abschluss, die von filigranen Stahlseilen gehaltene, scheinbar unter der Lichtkuppel schwebende Galerie.
In dem mit einem antiken Prachtstück von Schreibtisch, dazu passenden Lesetischchen, Stühlen und gemütlichen Sesseln perfekt ausgestatteten Studierzimmer fehlte es an nichts. Selbst die Aussicht stimmte – ein Rundumblick auf Venedig, die Lagune und das Meer.
»Setz dich«, forderte Sanctifer mich auf, in einem der Sessel Platz zu nehmen. »Bevor ich dir jedoch erlauben kann, mit den wertvollen Schriftstücken zu arbeiten, musst du noch eine Kleinigkeit loswerden.« Sanctifers Blick fiel auf meine Finger. Panik breitete sich in mir aus. Das also hatte er vor: mir meine Klauen zu ziehen.
»Gib mir deine Hände«, verlangte er. »Keine Sorge, es wird nicht weh tun«, setzte er mit einer Märchenonkel-Erzählstimme hinzu.
Wie von selbst verschränkten sich meine Arme, um meine beringten Finger zu verbergen. Obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, Sanctifer zu entkommen. Er brauchte nur seine Wachen zu rufen.
»Lynn, ich kann dein Misstrauen verstehen. Doch meine Einstellung zu dir hat sich verändert, wie du sicher schon bemerkt hast. Und ich hoffe, dass auch du mir schon bald ein wenig mehr Vertrauen entgegenbringst.« Erwartungsvoll streckte er mir seine Hände entgegen – ich blieb stur. »Wie du willst«, seufzte Sanctifer theatralisch. »Aber solange du die Spangen trägst, muss ich dein Studium einschränken. Silberstreifen auf meinen Schriftstücken kann ich nicht akzeptieren.«
»Du«, ich wählte das Du, obwohl fast jeder in Sanctifers Palast ihn mit Ihr ansprach. »Du willst mir die Spangen abnehmen? Weil meine Silberringe Streifen auf den Schriftstücken hinterlassen könnten?« Ich brach ab. Zuzugeben, dass ich meine Spangen liebend gerne loswerden wollte, allerdings nicht wegen der Schriftrollen, sondern um mir seine aufsässigen Lakaien vom Hals zu halten, schien mir nicht besonders clever zu sein. Doch Sanctifer war ein hervorragender Beobachter. Mein Zögern verriet mich.
»Der Zirkel der Racheengel hat dich aufgenommen. Dir die Spangen länger aufzuzwängen, als unser Gesetz es vorsieht, muss frustrierend für dich sein.« Es lag ein Hauch von Wut in Sanctifers Stimme, die ich ihm nicht abnahm.
»Aber wenn du nicht möchtest, werde ich dich natürlich nicht dazu zwingen. Es sollte deine Entscheidung sein. Immerhin erfordert es ein gewisses Maß an Selbstkontrolle. Und wenn du glaubst, noch nicht so weit zu sein, möchte ich dich nicht dazu drängen, deine Spangen abzulegen. Letztendlich übernehme ich die Verantwortung, wenn ich in meinem Hause einer schlecht ausgebildeten Racheengelnovizin erlaube, ihre Klauen zu zeigen.«
Sanctifer ging zu dem Schreibtisch hinüber und ließ mich in meiner Verwirrung zurück. Galt dieser Angriff Aron oder wollte Sanctifer tatsächlich, dass ich seinen aufdringlichen Gästen ihre Grenzen aufzeigte?
»Komm zu mir«, befahl Sanctifer und winkte mich zum Tisch, wo er mit dem Halter einer Schreibfeder und einem Tintenfässchen eine Pergamentrolle fixierte hatte. »Zum Lesen brauchst du deine Hände ja nicht.«
Ich strich Sanctifers Angebot aus meinem Gedächtnis und warf einen Blick auf das Pergament. Den Tuschezeichnungen an den Rändern nach zu urteilen, schien es eine Abhandlung über Irrlichter zu sein.
Ich biss mir auf die Zunge und versuchte, meine Überraschung zu verbergen. Wollte Sanctifer mich tatsächlich unterrichten? Mich hier hochzulotsen, um mir die Fülle seiner Besitztümer zu demonstrieren, erschien mir wesentlich plausibler. Aber richtigen Unterricht? Ich blieb skeptisch.
»Die anderen Schriftstücke findest du dort.« Sanctifer wies auf einen der Beistelltische, auf dem ein gutes Dutzend Pergamentrollen lagen. »Ich werde Raffael darum bitten, sie dir zu entrollen, damit du die Pergamente studieren kannst, ohne Spuren darauf zu hinterlassen. Und falls du irgendwann deine Meinung ändern solltest, bin ich gerne bereit, dir die Spangen abzunehmen – was übrigens kaum schmerzhaft ist, falls es das ist, was dich daran hindert, sie abzulegen.«
Mir wurde schlecht. Das Funkeln in Sanctifers Augen überzeugte mich vom Gegenteil. Was er als kaum schmerzhaft bezeichnete, konnte ich mir lebhaft vorstellen.
Raffael war stinksauer, als Sanctifer ihn rufen ließ. Vermutlich, weil er mir die Bibliothek zeigen wollte und Sanctifer ihm zuvorgekommen war. Zu meiner Verwunderung hielt Raffael seine Wut nicht zurück. Zornige Blicke und bissige Kommentare produzierte er reihenweise. Dass Sanctifer den Rückzug antrat, nachdem er Raffael als Pergamentrollen-Entfalter eingewiesen hatte, überraschte mich dennoch.
Was, wenn Raffael sich in seiner momentanen Gemütsverfassung auf meine Seite schlug? Wenn er plötzlich mich unterstützte anstatt seinen Ziehvater? Oder war das Ganze nur ein weiteres Theaterstück, um meinen Widerstand zu brechen? Ich beschloss, misstrauisch zu bleiben.
Raffael erwies sich als Quell unendlichen Wissens. Schon nach ein paar Tagen war mir klar, dass seine Kenntnisse über Irrlichter weit über die eines Menschen, der im Dienst eines Engels stand, hinausgingen. Dass Sanctifer ihm Zugang zu diesem Wissen ermöglicht hatte, verwunderte mich ebenso wie die Geduld, mit der Raffael mir beim Begreifen half. Sein Verhalten erinnerte mich an den netten Raffael, den ich auf dem Internat kennengelernt hatte, als ich nicht mehr wusste, dass es Engel gab.
Ich schob den Gedanken, dass ich mich beinahe in ihn verliebt hätte, eilig beiseite. Raffaels Künsten als Flüsterer war ich damals nicht gewachsen gewesen – inzwischen war ich das. Mehr über Engel zu erfahren konnte nicht schaden. Vergessen, auf welcher Seite Raffael stand, würde ich nicht. Darüber konnte mich auch seine aufgesetzte Freundlichkeit nicht hinwegtäuschen.
»Die Wandelbarkeit finde ich das Faszinierendste an Irrlichtern«, wiederholte Raffael, als er bemerkte, dass sich meine Gedanken auf Wanderschaft befanden. »Da sie, wie alle dämonischen Wesen, keine Seele besitzen, ist es schwer vorauszusehen, ob sie zu den Friedfertigen gehören oder nicht.« Der Blick, den Raffael mir dabei zuwarf, irritierte mich – schließlich besaß ich eine Seele. »Die Engel haben mit Hilfe strenger Auswahlkriterien zahme Irrlichter gezüchtet. Die Nixen im Atrium gehören zu ihnen. Und bestimmt hast du auch welche auf dem Canal-Grande-Boulevard gesehen.«
Ich nickte. Die teils skurrilen Ergebnisse kannte ich. Allerdings auch die anderen, die weniger zahmen Irrlichter.
»Und woraus genau werden diese Irrlichter gezüchtet?«, hakte ich nach.
»Das zeige ich dir am besten anhand des Stammbaums.« Raffael legte die Schriftrollen beiseite, mit denen wir gearbeitet hatten, und beendete den Unterricht in der Bibliothek. Er wirkte müde und blass, als ob er krank wäre. Vielleicht hatte er aber auch nur ein paar Nächte zu viel durchgemacht. Er war ein Mensch und brauchte seinen Schlaf. Mit Engeln mitzuhalten war nicht immer einfach.
Vorbei an weiteren Wachsoldaten schleuste Raffael mich tiefer in den mir verbotenen Bereich. Dieser Teil des Palastes war ebenso märchenhaft, schien aber älter zu sein. Die Flure und Bogengänge waren niedriger und massiver, weshalb alles ein wenig gedrungen wirkte.
Der Saal, in den Raffael mich führte, wurde von einer in ihrem Detailreichtum einzigartigen Wandfreske beherrscht. Unzählige Engel, wie ich sie schon im Dogenpalast gesehen hatte, aber auch andere Wesen waren darauf abgebildet.
»Bevor du ins Detail gehst, solltest du dir zuerst einen Überblick verschaffen«, empfahl Raffael und entzündete ein paar Kerzen, damit ich im Dämmerlicht der untergehenden Sonne die beiden gigantischen Schwingen besser erkennen konnte. Der linke Flügel glich dem eines Engels, der andere dem eines Schattens. Feine Adern verbanden das Ganze zu einer Art Stammbaum: links die Engel, rechts die Monster und zwischen ihnen Wesen ohne Flügel – Menschen vermutlich.
»Das hier ist eines der ältesten Abbilder des Urstammbaums. Auf dieser Seite findest du die Engel.«
Ich trat näher an die Freske. Oben und neben den Putten fand ich ausschließlich Engel mit weißen Flügeln. In der Mitte tummelten sich buntgeflügelte, und unten gab es nur welche mit dunklen Flügeln, so wie Ekin oder Sanctifer sie besaßen. Rosarote Plüschflügel entdeckte ich auf die Schnelle keine.
»Gibt es einen Grund, Engel nach ihrer Flügelfarbe einzuteilen?«, wollte ich wissen.
»Ja, den gibt es. Die mit den weißen Flügeln sind geborene Engel, die anderen Schutz- oder Wächterengel. Wobei auch sie meist helle Flügel besitzen. Die Vielzahl der Farben täuscht. Sie soll nur die verschiedenen Möglichkeiten darstellen.«
Raffael bat mich, ihm ans andere Ende der Freske zu folgen. Ich blieb stehen. Hatte er die Schwarzgeflügelten absichtlich ausgespart? Weil Sanctifer einer von ihnen war? Aber dann müsste auch Ekin, mein Kampftrainer, einer der Bösen sein.
»Was bedeutet es, wenn ein Engel dunkle Flügel hat?«
»Das kommt darauf an«, wich Raffael aus.
»Worauf?«
»Ob er zu denen in der Mitte oder zu denen ganz unten gehört«, antwortete er.
Raffael drückte mir eine Kerze in die Hand, damit ich die Engel am unteren Rand besser betrachten konnte. »Fällt dir etwas an ihren Augen auf?«
»Ja. Sie sind alle dunkel – wie meine, wenn ich wütend werde.«
»Das stimmt«, antwortete Raffael mit einem Lächeln. »Aber das ist nicht das Entscheidende. Sieh sie dir genauer an.«
Ich ging näher zu der Freske und verglich die Augen der Schwarzgeflügelten mit denen der Buntflügler. Auch unter ihnen entdeckte ich welche mit dunklen Augen.
Doch dann fand ich den atemberaubenden Unterschied. Mehr spürbar als sichtbar hatte der begnadete Künstler allen Engeln einen Lebensfunken eingehaucht, nur den Engeln unten links nicht.
War es möglich, einem Engel die Seele zu rauben, ohne ihn zu töten? Ich schob den Gedanken weit von mir. Vermutlich waren sie seelenlos geboren, sonst hätten sie wohl kaum einen eigenen Platz auf dem Stammbaum belegt.
Ich sparte die Mitte mit den eindeutig menschlichen Wesen und den darunter abgebildeten Racheengeln aus. Die mit Blitzen durchwirkten Flügel erinnerten mich viel zu sehr an Christopher.
»Rechts findest du die Erblinie der Dämonen«, fuhr Raffael fort. »Ganz oben die Dämonen in ihrer ursprünglichsten Form. Sie wurden von ihresgleichen ausgerottet. Am Rand sind ihre Nachkommen abgebildet. Die Engel waren so gnädig, den unfruchtbaren Satanen und Geistern den Feuertod zu ersparen.«
Die Dämonen und die weißgesichtigen Geister, auf die Raffael deutete, waren mir fremd. Sie wirkten harmlos, beinahe menschlich, verglichen mit den Darstellungen der Satane. Sie ähnelten den Wesen, denen ich bei der Totenwächterin begegnet war.
»Was unterscheidet eigentlich ein Irrlicht von einem Satanen?«
»Abgesehen davon, dass Irrlichter ihre Form und Farbe variieren und sich fortpflanzen können, gibt es kaum Unterschiede – ausgenommen vielleicht ihre Gefährlichkeit«, schränkte Raffael ein. »Satane gelten als äußerst unberechenbar. Da sie aber ins Reich der Totenwächter gehören, stört uns das wenig.«
Ich zuckte zusammen. Uns? Zählte Raffael sich schon zu den Engeln? Er bemerkte meine Verwirrung, weshalb ich ihm schnell die nächste Frage stellte.
»Und was sind das für Geschöpfe?« Wahllos deutete ich auf eine der Gestalten unter den schönen, mit einer Spur von Asymmetrie gezeichneten Gesichtern der Totenwächter. Besser, ich hätte mir die Wesen davor genauer angesehen – um sie auszusparen.
»Das sind Geistdämonen. Wie Schutzengel werden sie wiedergeboren. Allerdings überwiegt bei ihnen der dämonische Teil ihres Erbes.«
Ich schwieg. Ich kannte die Geschichte. Sie hatten ihre Eltern, die Dämonen, getötet und damit ihr Recht auf ein Leben in der Welt ihrer Vorfahren verwirkt. Ihr Aussehen war mir bis dahin unbekannt – die Geschöpfe allerdings nicht.
Viel zu vertraute, von roten Linien verschleierte Augen zogen mich zu dem Monster. Christopher in seiner dunklen Schattengestalt stand vor mir. Ich streckte meine Hand nach ihm aus. Ein Frösteln jagte über meine Haut. Die Wand war eisig. Doch es war nicht die Berührung mit dem kalten Stein, die mich erschütterte, sondern die Erinnerung. Ich wollte Christopher von seinem Schatten befreien – und hatte jämmerlich versagt.
Plötzlich brannten Tränen in meinen Augen. Ich kämpfte sie zurück – Raffael beobachtete mich –, doch es gelang mir nicht. Eine entkam meiner Kontrolle. Und noch bevor ich mich abwenden konnte, fing Raffael sie auf. Vorsichtig streiften seine Finger über mein Gesicht.
»So wirst du niemals sein«, tröstete er mich mit einem Blick, der mich mehr verwirrte als seine Berührung. »Du bist der Racheengel daneben.«
Anstatt mir den weiblichen Engel mit den langen dunklen Haaren genauer anzusehen, flüchtete ich in den angrenzenden Garten. Meinem Ebenbild in die Augen zu schauen, während zu seinen Füßen Christophers Schattengestalt kauerte, verkraftete ich noch viel weniger.
Raffael schenkte mir ein paar Minuten, bevor er mir folgte. »Warum auch immer du hier bist, ich werde nicht zulassen, dass er dir etwas antut«, erklärte Raffael mit einer Entschlossenheit, die mir ins Herz schnitt.
Spielte er mir etwas vor? Sanctifers Spiel? Oder meinte Raffael es ernst? Aber was konnte ein Flüsterer gegen einen so mächtigen Engel wie Sanctifer schon ausrichten?
Raffael spürte meine Zweifel und setzte nach. »Ich kenne den Palast ebenso gut wie das verfallene Gegenstück in meiner alten Welt. Falls du jemals einen Zufluchtsort brauchen solltest, weiß ich, wo du ihn finden kannst.« Raffaels Gesicht glühte voller Erinnerungen. Sich in Schlupflöchern zu verbergen schien ebenso ein Teil seiner Vergangenheit zu sein, wie Sanctifer zu gehorchen. Ob er vor seinem Ziehvater oder vor etwas anderem geflohen war, wollte ich lieber nicht wissen. Ein Ungeheuer in der Nähe zu haben reichte vollkommen.
Zwischen Raffael und mir stellte sich eine gewisse Vertrautheit ein. Ich war ihm dankbar, dass er sich nicht nur tagsüber, sondern auch abends um mich kümmerte, wenn Sanctifers Meute über mich und die reichgedeckte Tafel herfiel oder im Atrium wieder einmal fremde Finger meine Arme entlangstreiften. Leider war meine Geduld nicht endlos.
Als einer der Übergriffe dreister wurde, rastete ich aus und schubste den Engel mit dem weißgepuderten Lockentoupet ins nächstbeste Wasserbecken. Sein Versuch, eine Hand in meinen Ausschnitt zu schieben, ging entschieden zu weit!
Raffael bewahrte mich davor, ihn zu ertränken. Mit einem eisernen Griff, den ich ihm trotz seiner athletischen Größe nicht zugetraut hätte, zog er mich aus dem Brunnen und nahm mich beiseite.
»Das hättest du besser nicht getan«, erklärte er, was ich mir schon selbst zusammengereimt hatte. »Es wird sie nur noch mehr anstacheln.«
»Und was bitte soll ich dagegen tun? Schließlich kann ich nichts dafür, dass ich ein Racheengel bin«, antwortete ich vielleicht ein wenig zu verzweifelt.
Raffaels mitfühlender Blick heftete sich auf mich. Ich wandte mich ab. Seine Nähe bereitete mir plötzlich Magenschmerzen. Der wunderschöne Raffael mit der schulterlangen, schwarzen Mähne, der in Sanctifer den Vater sah, den er nie hatte, durchschaute mich in letzter Zeit viel zu gut.
Sanctifer hatte ihn aufs Internat geschickt, um mich zu bespitzeln und aus meinen Schwächen Nutzen zu ziehen. Warum sollte sich das hier geändert haben? Raffael als einfühlsamen Lehrer einzusetzen, passte zu Sanctifers Vorgehensweise. Es würde den Streit in der Bibliothek erklären und auch, warum Sanctifer sich bislang zurückhielt: In einem Moment zuzuschlagen, in dem ich mich sicher fühlte, war grausam und effektiv zugleich. Hilflosigkeit schwächte nachhaltiger als körperliche Folter. Eine Methode, die der Schlächter des Rats nicht zum ersten Mal einsetzte – auch ein in seinem Schatten gefangener Engel war hilflos. Wenn ich hier nicht untergehen wollte, durfte ich mich nicht von Raffael abhängig machen. Den nächsten Grapscher würde ich ohne seine Hilfe in die Flucht schlagen.
Seit ich hier war, hatten sich meine Spangen kein einziges Mal aktiviert. Warum sollten jetzt plötzlich meine Klauen durchbrechen, sobald mich einer von Sanctifers Gästen blöd anmachte? Ganz davon abgesehen, war es Christopher und nicht Sanctifer gewesen, der mir bei meinem ersten und bislang einzigen Klauentraining erklärt hatte, dass ich lernen müsse, nicht nur meine Flügel, sondern auch meine Klauen zu akzeptieren.
Entschlossen, das endlich zu tun, drängte ich Raffael in die Bibliothek. Dort waren wir ungestört.
»Weißt du, wie ich meine Spangen loswerden kann?«
Raffaels Pupillen zogen sich zusammen. »Warum willst du das wissen?«, wich er meiner Frage aus.
»Weil ich sie gerne ablegen möchte.«
»Und warum gerade jetzt?«
»Weil ich mich nicht länger von einem Flüsterer beschützen lassen will.«
Das mit dem Flüsterer hätte ich besser weglassen. Raffaels Verbitterung spiegelte sich nicht nur auf seinem ebenmäßigen Gesicht, sondern auch in seinen schwarzen Augen wider. Anstatt aufzuzählen, wie hilfreich so ein Flüsterer sein konnte, machte er auf dem Absatz kehrt.
Ich holte ihn ein, bevor er die Tür erreichte. »Raffael, es … es tut mir leid. Ich wollte nicht …«
»Ist schon okay«, unterbrach er mich. »Ich kann verstehen, dass du ein wenig furchteinflößender wirken möchtest – was dir ohne Spangen zweifellos gelingen wird. Bleib hier. Ich bin gleich wieder zurück.« Raffael zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, bevor er ging. Um mich in Sicherheit zu wiegen?
Zweifel krochen in mir hoch. War es richtig, meine Spangen loszuwerden? Aron hätte sie mir abgenommen, wenn er derselben Meinung gewesen wäre. Andererseits hatte er versucht, mir das Waffenweben beizubringen. Und ein Engelschwert war wesentlich gefährlicher als Klauen. Mit ihnen konnte ich keine Flügel abtrennen.
Ich beschloss, oben auf der Galerie zu warten. Unruhig lief ich im Kreis, beobachtete die in der Ferne liegende Lagunenstadt, warf einen Blick auf das tiefschwarze Meer oder den ebenso dunklen Nachthimmel und verlor mich in meinen Gedanken. Erst als ich unten zwei Stimmen hörte, drängte ich die Bilder von Christopher und das Brennen in meinen Augen zurück. Ich hatte die Coole zu spielen, nicht das heulende Elend.
Raffael kam in Begleitung. Sanctifer hatte ihm die Rolle des Schachtelträgers zugewiesen. Ich unterdrückte ein Schaudern, als er das Kästchen abstellte, das in Form und Größe der Schachtel ähnelte, in der Christopher meine Spangen und die dazugehörenden Werkzeuge aufbewahrt hatte. In meiner Nase steckte eine Antiohnmachtskapsel, die dafür sorgen würde, dass ich alles hautnah miterlebte – bis zum Schluss.
Sanctifer entging mein Erschaudern nicht. In seinen königsblauen Augen schimmerte ein gieriger Funke. Spontane Übelkeit gesellte sich zu meiner aufkeimenden Furcht. Doch jetzt war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Sanctifer würde mir die Spangen auch ohne Zustimmung entfernen.
»Setz dich, Lynn«, befahl er mir und wies auf den Stuhl neben der Spangenschachtel.
Ich zögerte. Das diabolische Zucken um seine Mundwinkel behagte mir nicht. Als er die Schachtel öffnete, begannen meine Hände zu zittern. Ich verbarg sie unter dem Lesetisch, obwohl ich wusste, wie sinnlos das war. Sie würden auch dann noch zittern, wenn er meine Klauen freilegte.
Raffael kam von einem zweiten Botengang mit einem irdenen Krug zurück – und einem Strick. Würde er mich jetzt an den Stuhl fesseln, wie Christopher das beim Anlegen der Spangen getan hatte? Ich schluckte meine Angst hinunter. Racheengel waren mutig, taff und schmerzresistent – zumindest in meiner Wunschvorstellung. Also holte ich meine Hände unter dem Tisch hervor und legte sie neben die Schachtel.
»Mit oder ohne Betäubung?« Sanctifers Frage war eine einzige Herausforderung.
Ich entschied mich dennoch für die Variante mit der Narkose. Wenn ich das Ringeziehen ohne Betäubung durchstehen würde, wäre er sicher beeindruckt – falls es mir gelang, die OP mit einem Lächeln durchzustehen. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass meine Schreie bis in den großen Saal zu hören sein würden, falls das mit dem Schmerzertragen doch nicht funktionieren sollte.
»Eine kluge Entscheidung, die Betäubung zu wählen. Schließlich ist ein Teil von dir noch menschlich, was dich empfindsamer macht«, kommentierte Sanctifer.
»Aber nicht feige«, antwortete ich und streckte ihm meine beringten Hände entgegen. Der bösartige Unterton in seiner Stimme war mir nicht entgangen.
»Dann können wir das Fixieren überspringen. Raffael, du kannst gehen«, wandte sich Sanctifer an seinen Handlanger.
Raffael zögerte und warf mir einen fragenden Blick zu. Ich verzichtete darauf, herauszufinden, ob er tatsächlich in der Bibliothek geblieben wäre, und signalisierte ihm mit einem Nicken, dass er mich allein lassen konnte.
Mit dem Blick eines Experten begutachtete Sanctifer meine Finger. Obwohl ich dank des Narkosesuds so gut wie nichts spürte, fiel es mir schwer, sie ruhig zu halten. Das trotz des Kräuterbads schmerzhafte Spangenanlegen war mir noch viel zu gut in Erinnerung.
»Wer hat die Spangen angepasst?«, erkundigte sich Sanctifer. »Aron oder Christopher?«
»Christopher«, antwortete ich einsilbig.
»Das dachte ich mir. Sein Erfahrungsschatz mit filigranen Werkzeugen ist äußerst umfangreich.«
Am liebsten hätte ich Sanctifer für seine sardonische Antwort einen der filigranen Haken in den Rachen gestoßen. Doch ich hielt mich zurück – schließlich sollte ich Christopher hassen, statt mich bei seinem einstigen Mentor zu rächen.
»Wann hat sich deine Einstellung zu ihm geändert?«, bohrte Sanctifer weiter, während er die Nagelbetten meiner Finger abtastete.
»Seitdem ich erkannt habe, dass nicht nur ein Engel in ihm steckt.«
Sanctifer nickte und holte das Skalpell aus der Schachtel. Ich schloss die Augen, um mich nicht übergeben zu müssen, und wartete auf den Schmerz. Er kam nicht. Selbst als Sanctifer die Stränge entfernte, die meine – trotz Narkosesud – empfindsamen Klauen zurückhielten, spürte ich nur ein feines Ziehen. Sanctifer arbeitete sorgfältig und routiniert. Systematisch entfernte er die kaum sichtbaren Ringe an Zeige-, Ring- und kleinem Finger und danach die großen Silberringe, die das Geflecht zusammenhielten.
Als die letzte Fessel fiel, fühlte ich mich jedoch nicht befreit, sondern völlig zerrissen. Einerseits sehnte ich mich nach der Anerkennung, die mir die Klauen verschaffen würden, andererseits wusste ich, dass es falsch war, mir das zu wünschen. Nach Macht zu streben war ein zweischneidiges Schwert. Sie schenkte Freiheit dem Sieger – und Untergang dem Verlierer.
»Und? Willst du sie nicht ausprobieren?« Sanctifers Stimme klang ungerührt. Angst vor meinen Klauen zeigte er jedenfalls keine.
Wollte er mich in Sicherheit wiegen, damit ich vergaß, welches Monster in mir steckte? Rechnete er damit, dass ich die Beherrschung verlor? – Vermutlich. Obwohl ich meine Klauen am liebsten irgendwo in Sanctifer gerammt hätte, blieb ich ruhig.
»Zu wissen, dass ich sie jederzeit benutzen kann, reicht mir vollkommen.«
»Wie du willst.« Sanctifers Augen gefroren zu eisigem Gletscherblau. »Der Weg in dein Zimmer dürfte dir bekannt sein«, antwortete er gestelzt, bevor er mich aus der Bibliothek schickte. Ich hatte seine Erwartungen enttäuscht. Der Versuchung, mein Dämonenerbe heraufzubeschwören und meine Klauen zu benutzen, widerstanden. Aron wäre stolz auf mich.
Der Gedanke an Aron brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Mein Tutor hätte mir eine endlose Standpauke gehalten. Mir die Spangen zu entfernen hätte ihn alles andere als mit Stolz erfüllt.
In der Sicherheit meines Schlafzimmers unterzog ich meine Hände einer genauen Untersuchung. Die Spuren der Minischnitte, die nötig waren, um die Spangen zu entfernen, verblassten bereits. Die Wunden von Engeln heilten schneller als die von Menschen. Bis morgen wären sie kaum noch sichtbar – und übermorgen würden mich nur noch meine steifen Fingerkuppen daran erinnern, dass ich keine Menschenhände mehr besaß.
Vorsichtig strich ich über die obersten Fingergelenke. Die Spangen hatten ein Durchbiegen verhindert. Eine kleine Bewegung, und die verborgenen Klauen würden hervorbrechen. Natürlich war die Versuchung riesig, sie mir anzusehen, zumal die Wirkung des Narkosemittels noch anhielt. Doch Arons Stimme riet mir, sie dort zu lassen, wo sie jetzt steckten. Christopher dagegen hatte mir erklärt, dass sie ein Teil von mir waren, zu dem ich mich bekennen sollte. Aber was sagte mein eigenes Gefühl? War ich wirklich schon so weit? Oder würde ich meine neue Macht missbrauchen, sobald mir einer von Sanctifers Gästen zu nahe kam?
Das Bild des Engels, den ich in den Brunnen geschubst hatte, tauchte vor mir auf. Mein bis dahin so tapferer Magen rebellierte. Angewidert presste ich mir die Hände auf den Mund, damit ich mich nicht übergeben musste. Denn dieses Mal drückte ich ihn nicht unter Wasser, sondern schlitzte ihm mit meinen Klauen die Kehle auf.