Kapitel 4
Lichtmeerfest

Tausende waren gekommen. Die Stege, die über den Markusplatz und die kleinere Piazzetta vor dem Dogenpalast geführt hatten, waren verschwunden. Wer jetzt noch auf die andere Seite zu den für diese Nacht aufgebauten Plattformen kommen wollte, musste entweder durch hüfthohes Wasser waten oder fliegen – was für einen normalen Engel ja kein Problem darstellte.

Der Platz, auf dem wir uns trafen, befand sich nur wenige Meter von meiner Unterkunft entfernt, am Ende des erhöht gelegenen Säulengangs, in der Nähe des alles überragenden Glockenturms. Aber nicht nur hier, im Herzen der Stadt, hatten sich die Engel versammelt. An allen Uferpromenaden und Gassen, die an einen Kanal grenzten, standen sie in weiße Mäntel gehüllt und beobachteten, wie die Nacht heraufzog.

Auch ich trug einen hellen Umhang, ebenso wie Christopher, Aron und die Prüflinge vom Schloss der Engel samt ihren Protegés. Das Ende des Karnevals rückte näher und mit ihm das Abschiednehmen. Im Gegensatz zu den Protegés, die während der Prüfungen als Übungsdummys herhalten mussten, würden von den anderen Schülern nur Paul und ich ins Schloss zurückkehren. Auf Leonie, Sebastian und den Rest der Prüflinge wartete eine neue Aufgabe. Sie würden einen erfahrenen Schutzengel begleiten, bis sie bereit waren, einen eigenen Schützling zugewiesen zu bekommen.

Leonie standen Tränen im Gesicht, als sie die Kerze in ihrem Leuchtschiff anzündete und es ins Wasser gleiten ließ. »Ich vermiss dich schon jetzt«, schluchzte sie, als sie Aron um den Hals fiel. Sie umarmte auch Christopher und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Ich sah beiseite und friemelte den Docht meines Leuchtschiffchens zurecht, obwohl er perfekt nach oben zeigte. Da ich inzwischen wusste, dass meine Eifersuchtsattacken durch meine Dämonengene verstärkt wurden, versuchte ich wenigstens auf andere gelassen zu wirken – was mir leider nicht immer gelang. Vermutlich deshalb ließ mich Aron während Leonies Kussanfall auch nicht aus den Augen. Ich gab vor, nichts zu bemerken, und kümmerte mich weiter um mein hölzernes Leuchtschiff. Schließlich warteten noch weitere Engelschüler und -schülerinnen darauf, sich von Christopher zu verabschieden.

Als es an dem hölzernen Boot, das am Ende selbst in Flammen aufgehen würde, nichts mehr zu richten gab, entzündete ich die Kerze, verfrachtete es ins Wasser und ergriff die Flucht. Paul diente mir als Rettungsanker.

»Wirst du mit Aron fliegen?«, fragte er.

»Ich dachte, wir nehmen alle den Zug?«

Paul brach in schallendes Gelächter aus, was meine Gelassenheit erneut auf die Probe stellte. Ich bestand und blieb ruhig. Schließlich klärte Paul mich auf.

»Nicht morgen, heute. Wenn die Kerzen entzündet sind, erheben sich alle Engel, um dem Strom der Lichterschiffchen zu folgen. Bleiben sie in der Lagune, erwartet uns ein ruhiges Jahr. Treiben sie ins offene Meer hinaus, wird es stürmisch.«

»Und? Wie stehen die Prognosen für heute?« Ich war mir sicher, dass darüber Wetten abgeschlossen wurden.

»Lagune, wie immer«, antwortete Paul. »Obwohl ich glaube, dass sie dieses Jahr nicht im geschützten Wasser bleiben.«

»Und warum nicht?« So, wie ich Paul kannte, hatte das etwas mit mir zu tun.

Paul schenkte mir eines seiner nur für mich reservierten Lynn-Grinsen. Offenbar wusste er, was ich dachte – oder mein Tonfall hatte doch ein wenig zu scharf geklungen.

»Lynn, du bist nicht der Ursprung allen Übels, auch wenn Aron dich noch immer beobachtet. Es ist Neumond, und im Hinterland braut sich ein Sturm zusammen. Die Flut wird heute also ein wenig stärker ausfallen als sonst. Das ist alles. Aber wahrscheinlich verliere ich meine Wette und muss für die nächsten zwei Monate Ovoostöcke schnitzen.« Wie um seine Sturmwarnung zu bestätigen, fegte eine Böe die Häuserzeilen entlang und brachte die Wasseroberfläche auf dem gefluteten Markusplatz zum Kräuseln.

Ich wickelte mich in meinen weißen Umhang, um mich vor dem schneidenden Wind zu schützen, während Paul von Sebastian in Beschlag genommen wurde. Keine Sekunde später stand Christopher hinter mir, schlang seine starken Arme um meinen fröstelnden Körper und zog mich beiseite in den Schatten des Campanile. Seine Wärme beruhigte mich, seine Nähe vertrieb die Angst, ihn an Sanctifer zu verlieren.

»Wir müssen beide noch viel lernen«, flüsterte er mir ins Ohr. »Du, deine Eifersucht zu zügeln, und ich, meine Energie, damit ich dich endlich so küssen kann, wie ich das schon lange tun möchte.«

Auch ich sehnte mich nach mehr, doch Christophers Stärke war meine Schwäche. Sobald er mich küsste, wanderte meine Engelsmagie zu ihm, und ich fiel in Ohnmacht.

»Verzeihst du mir, dass ich …«, Christopher suchte nach den richtigen Worten, was bei ihm nur selten vorkam. Natürlich gab er sich die Schuld, dass ich heute besonders schnell eingeknickt war. »Du hast eine kräftezehrende Prüfung hinter dir, auf die du nicht vorbereitet warst. Doch anstatt dir eine Erholungspause zu gönnen, raube ich dir auch noch den letzten Rest deiner Engelsenergie.«

»Das hast du nicht.« – Zumindest nicht alles.

Um ihm zu beweisen, dass ich einem weiteren Kuss dieses Mal länger standhalten würde, versuchte ich, mich aus Christophers Griff zu winden. Er ließ nicht zu, dass ich mich zu ihm umdrehte. Wie zwei Stahlbänder hielten seine Arme mich gefangen. Ich ergab mich seinem fesselnden Griff, drückte meinen Rücken gegen seinen muskulösen Körper und schloss die Augen. Christophers Arme waren das einzige Gefängnis, aus dem ich niemals fliehen würde.

»Verzeihst du mir?«

Ich murmelte ein »Ja«, unfähig, meine Stimme zu finden, und nickte, um sicherzustellen, dass ich seine Entschuldigung angenommen hatte.

Christopher hauchte mir einen sanften Kuss in den Nacken, der heiße Schauer durch meinen Körper jagte. Beim zweiten wurde mir schwindelig. Christopher bemerkte es und löste seine Lippen von meinem Hals.

»Und wenn es eine Ewigkeit dauert, bis ich lerne, dich zu küssen, solange du es nicht leid wirst, werde ich niemals damit aufhören.«

»Dann solltest du vielleicht ein wenig öfter üben, damit dein Lernerfolg nicht ins Stocken gerät«, neckte ich ihn in der Hoffnung, seinen Mund schnell wieder auf meiner Haut zu spüren. Ich hätte mir denken können, dass Christopher sich nicht manipulieren ließ. Dass mein Wunsch, geküsst zu werden, mich auf Treibsand führen würde, konnte ich natürlich nicht voraussehen.

»Nur wenn du mir versprichst, aufrichtig zu sein«, forderte er.

Mein Inneres versteifte sich. Bezog sich das Versprechen nur aufs Küssen oder ahnte Christopher, was ich ihm vorenthielt? Wusste er von meinem Treffen mit Sanctifer oder dem Racheengel mit den goldenen Augen? Um meine Unsicherheit zu verbergen, umklammerte ich seine Arme, drückte mich fester gegen seinen Körper, damit er mich nicht plötzlich zu sich umdrehen konnte, und stellte eine Gegenfrage.

»Und was ist mit dir?«

»Ich?«, fragte Christopher scheinheilig. »Ich werde aufhören, dich zu küssen, wenn ich genug von dir habe – aber ob das jemals passieren wird?« Um mir zu beweisen, dass das niemals der Fall sein würde, übersäte er meinen Nacken mit vielen kleinen Küssen, wobei er sorgfältig darauf achtete, mir genügend Erholungspausen zu gönnen.

Ich schloss die Augen und ließ mich auf meiner Wolke sieben treiben, bis Christopher sie verdampfen ließ.

»Und, wie lautet deine Antwort?«

»Ich werde einen anderen küssen, wenn ich dich nicht mehr ertragen kann.« Obwohl ich versuchte, ironisch zu klingen, schwang in meiner Stimme mehr als nur ein Funke Eifersucht mit. Ich war froh, dass Christopher mit einem Schmunzeln reagierte.

»Dann muss ich mich wohl anstrengen, damit es nicht so weit kommt.«

»Bist du niemals eifersüchtig?«, fragte ich frustriert.

»Doch. Seit du kein hilfloses kleines Wesen, sondern ein mächtiger Racheengel bist, und ich weiß, wie unglaublich verliebt ein Racheengel sein kann, sehr sogar.«

Christophers Eingeständnis kam überraschend. Um in seinem Gesicht lesen zu können, ob er mich nur aufzog oder es tatsächlich ernst meinte, ließ ich seine Arme los und drehte mich zu ihm um. Dieses Mal erlaubte er mir, seiner Umarmung zu entkommen.

»Dich und Paul zusammen lachen zu sehen, hat mich zu dir gelockt«, gab Christopher zu.

»Und deshalb wirst du mich gleich von hier verschleppen und in einen einsamen Turm stecken, damit du mich ganz allein für dich hast«, scherzte ich. Einem Gespräch, über Eifersucht bei Racheengeln und wie sie in den Griff zu bekommen war, fühlte ich mich im Moment nicht gewachsen – Christophers Augen funkelten viel zu gefährlich.

»Du solltest mich nicht auf dumme Gedanken bringen«, warnte er mich.

Wie ein heißer Windstoß brachten seine Worte etwas in mir zum Schwingen. Ganz von allein öffneten sich meine Lippen. Christopher beugte sich zu mir herunter, doch anstatt mich zu küssen, verstärkte er wieder den Griff um meine Taille.

Rasend schnell verlor ich den Boden unter den Füßen. Der überraschte Aufschrei, der mir entschlüpfte, als er senkrecht mit mir nach oben flog, entlockte Christopher ein samtwarmes Lachen, das meinen Gefühlspegel zum Überlaufen brachte. Erst als er die Stelle erreichte, wo wirklich alle, die sich auf dem großen Markusplatz und der Piazzetta versammelt hatten, uns sehen konnten, drosselte er sein rasantes Tempo. Allerdings nur, um ein weit aufsehenerregenderes Flugmanöver einzuleiten. Senkrecht schraubte er sich mit mir in den Nachthimmel, verharrte kurz bei der Aussichtsplattform des Campanile, um sich danach über den höchsten Punkt der Stadt zu erheben.

Racheengel zeigten sich nicht oft in ihrer Engelsgestalt – die anderen Engel fürchteten uns, weil sie wussten, was in uns steckte. Doch auch ohne Christophers auffällige Gestalt und seine von hellen Blitzen durchzogenen Flügel wären wir die Attraktion des Abends gewesen. Racheengel flogen selten in aller Öffentlichkeit. Gemeinsam niemals!

»Du Angeber«, beschwerte ich mich. »Hätte ich gewusst, dass du mich vor den Augen der versammelten Engelschar entführst, hätte ich mich niemals mit dir eingelassen.«

Christopher wusste, dass ich scherzte, doch anstatt mir Kontra zu geben, hüllte er sich in Schweigen. Sein Flügelschlag verlangsamte sich, bis unser Aufwärtsflug zum Stillstand kam.

»Es ist für die Engel dort unten nicht einfach, zu akzeptieren, dass zwei Racheengel sich gut verstehen«, begann er.

Ich schluckte meinen Einwand, mehr für ihn zu empfinden als bloßes Verständnis. Christopher war nicht der Typ Engel, der Aufmerksamkeit brauchte. Das ganze Manöver diente einem anderen Zweck, den er mir – im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten – gerade offenbaren wollte.

»Seit unserem ersten gemeinsamen Auftritt auf dem Dogenball sind wir das Gesprächsthema Nummer eins. Doch inzwischen hat sich eine Gruppe von Engeln zusammengefunden und die Dogin aufgefordert, ein Gesetz zu erlassen, das es Racheengeln verbietet, sich außerhalb der festgelegten Bereiche zu treffen. Sie fürchten, wir könnten uns zusammenschließen, um den Rat zu stürzen. Sie sehen in uns beiden eine drohende Gefahr.«

»Und? Ist das so? Wären die Racheengel mächtig genug, den Rat zu gefährden?«

Christopher lachte. Rau und widerwillig. »Mit ein wenig Unterstützung, die wir uns problemlos schaffen könnten, mit Sicherheit.«

Seine Antwort öffnete meinen verschlossen gehaltenen Fragenkatalog. Wie unzählige quicklebendige Flöhe schossen mir tausend Möglichkeiten durch den Kopf. Verbarg sich Sanctifer hinter der Sache mit dem Verbot? Welchen Kampf führte er gegen Christopher? Welchen führte Christopher gegen ihn? Und was für eine Rolle spielte ich eigentlich dabei? Aber vor allem eine Frage – die ich am liebsten aus meinem Kopf gerissen hätte – ließ mich nicht mehr los:

»Ist es das, wozu du mich brauchst?« Meine Stimme klang so bedrückt, wie ich mich fühlte.

Christophers Flügel umschlossen mich für einen wundervollen Augenblick und schirmten mich vor der Welt unter uns ab.

»Ich wusste, dass du das fragen würdest«, begann er. »Und wenn ich die Möglichkeit hätte, mit dir irgendwohin zu fliegen, wo niemand uns hasst oder fürchtet, könnte mich nichts aufhalten, dich dort in Sicherheit zu bringen.« Christophers Stimme klang weicher als Samt. »Doch weil das außerhalb meiner Möglichkeiten liegt, bleibt mir nur, jedem zu zeigen, wen er sich zum Feind macht, falls dir weitere Steine in den Weg gelegt werden.«

Christopher spielte auf meine unerwartete Engelprüfung an, die ich Sanctifer zu verdanken hatte. Doch ausgerechnet an einem Tag wie heute, wo alle Mächtigen der Engelswelt zuschauten, mit einem spektakulären Tandemflug erneut unsere Verbundenheit zu demonstrieren, war mehr als eine Warnung an seinen einstigen Mentor. Er war bereit, sich mit dem gesamten Rat anzulegen, einschließlich dessen Oberhauptes, der Dogin. Und obwohl ich keine Zweifel an Christophers Macht hegte, war ich mir über eines sicher: Dass er sich in Gefahr begab, um mich zu beschützen, so weit durfte ich es niemals kommen lassen. Dafür war mir sein Leben viel zu wertvoll.

»Ich werde nie wieder zulassen, dass dir jemand weh tut«, bestätigte er meine Befürchtung, sich gegen Sanctifer zu stellen.

»Dann wirst also in Zukunft du mein Kampftraining übernehmen? Und es zum Softtraining umfunktionieren?«, fragte ich mit einem ironischen Unterton, um Christopher von Sanctifer und seinen Rachegedanken abzubringen.

»Vielleicht«, antwortete er mit einem vagen Grinsen. Sein plötzlicher Stimmungsumschwung hätte mich warnen müssen. »Vertraust du mir?«

»Ja«, antwortete ich, dank Christophers verführerischem Flüstern, mit einem Kribbeln im Bauch.

»Gut, denn eines werde ich mir nicht nehmen lassen: dir das Fliegen beizubringen.«

Eine halbe Drehung in Christophers Armen, und seine Hände gaben mich frei. Mit dem Gesicht Richtung Erde stürzte ich aus gigantischer Höhe auf den Markusplatz hinab. Ein wahres Lichtermeer aus Feuerschiffchen, beladen mit flackernden Kerzen, tummelte sich vor der Basilika. Ebenso viele trieben durch die Kanäle, die das Venedig der Engel durchzogen.

Ganz von allein breiteten sich meine rosaroten Schwingen aus und bremsten den Fall in die Tiefe.

»Wunderschön«, hauchte ich, ergriffen vom Feuerschein der unzähligen Flämmchen, die durch das Auf und Ab der sanften Wellen hin und her schaukelten. Ihr warmes Licht überzog die Stadt unter dem dunklen Nachthimmel mit einem sanften Schimmer und verlieh den ohnehin prächtigen Gebäuden einen wahrlich atemberaubenden Glanz.

»Ja, wunderschön«, bestätigte Christopher, der meinen Flug in Reichweite überwachte – im Gegensatz zu mir natürlich in senkrechter Position. Allerdings sah er dabei nicht die Stadt der Engel, sondern mich an. Das warme Kribbeln in meinem Bauch breitete sich aus, als ich seinen Augen begegnete.

»Sieh nach unten, es geht los«, forderte er mich auf.

Es fiel mir schwer, mich vom Anblick des schwebenden Racheengels zu lösen. Doch das unheimliche Rauschen der zahllosen Engelsflügel, die sich im selben Moment in die Luft erhoben, als ein gigantisches Horn auf dem Campanile ertönte, zwang mich hinabzuschauen. Weiße Flügel hinter weißen, im kühlen Nachtwind flatternden Capes begleiteten das ruhig dahindümpelnde Lichtermeer. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als das gespenstische Rauschen anschwoll, als hätte jemand einen Stock in ein Hornissennest gestoßen. Das Heer der weißgekleideten Engel machte mir Angst: Gespenster mit Flügeln.

Eine Böe brachte Bewegung in das Lichtermeer, auf das ich hinabsegelte. Angestachelt vom Wind und der ablaufenden Flut, trieben die leuchtenden Schiffe aus den Kanälen in die Lagune hinaus. Schaukelnd tanzten sie auf den Wellen der offenen Fläche zwischen der Stadt und der vorgelagerten Inselgruppe. Noch würde Paul seine Wette verlieren. Doch wie er vorhergesehen hatte, frischte der Wind auf und trieb die Schiffchen voran.

Die Böen wurden kräftiger. Eine brachte mich aus dem Gleichgewicht. Mein rechter Flügel kippte nach oben, und ich geriet ins Trudeln. Hektisch versuchte ich, das rosarote Teil auf meinem Rücken zurück in die Waagerechte zu bringen. Leider reagierten meine Flügel nicht auf meinen inneren Befehl. Christophers sanftes »Vertrau dem Wind«, das mich bei meinem Schlingersturz begleitete, half auch nicht, meine Lage zu verbessern. Schließlich war genau dieser Wind daran schuld, dass ich gleich auf den gefluteten Markusplatz klatschen würde.

Bevor es so weit kam, zog Christopher die Notbremse. Mit einem waghalsigen Flugmanöver schob er sich unter mich und bremste meinen Fall. Mein Körper landete auf seinem Rücken. Gigantische Schwingen berührten meine. Lichtblitze zuckten hindurch und schlugen über. In Wellen rollten sie meine Flügel entlang, bis ich glaubte, selbst aus Licht und Blitzen zu bestehen.

Das aus den Bergen heraufziehende Gewitter, die aufs Meer eilenden Lichterschiffchen: Sie waren vergessen. Nur noch Christopher und der sanfte Schlag seiner Flügel existierten. Im Gleichklang glitten wir über die nächtliche Stadt. Unsere Schatten verschmolzen. Selbst der Takt meines Herzens schien seinem zu folgen.

Ich umschlang Christophers Hals und küsste die Vertiefung in seinem Rücken. Sein ohnehin berauschender Gewitterduft verstärkte sich, hüllte mich ein und vertrieb die Angst, dass unsere Liebe zum Scheitern verurteilt war. Ein heftiger Lichtblitz, gefolgt von einem grollenden Donnern, transportierte mich in den Luftraum über Venedig zurück.

»Wir müssen landen«, hörte ich Christopher. »Du weißt noch nicht, was du tun musst, damit deine Flügel nicht nass werden, wenn es regnet.«

In schnellen Kreisen segelte Christopher nach unten. Über dem Dach der Basilika hielt er kurz inne. »Halt dich fest, und achte auf meine Flügelstellung, wenn wir landen.«

Ich befolgte Christophers Anweisung, verstärkte meinen Klammergriff und imitierte seine Bewegungen. Ein leiser Seufzer drang aus seiner Kehle, doch ehe ich meinen Griff um Christophers Hals lockern konnte, berührten seine Beine auch schon das Dach der Kirche.

Keine Sekunde später hatte er sich aus meinem Würgegriff befreit und mich zu sich umgedreht. Seine Augen leuchteten, als er mich in seine Arme zog und meinen bebenden Mund mit seinen Lippen verschloss.

Himmel und Hölle vereinte sich in diesem Kuss. Sein Wunsch, mich für alle Ewigkeit festzuhalten, kämpfte gegen sein Wissen. Auch wenn unser Flug in völligem Gleichklang geendet hatte, unsere Wesen waren es nicht. Meine Engelseele konnte seiner Stärke nichts entgegensetzen. Rasend schnell entzog er mir das bisschen Engelsmagie, das noch in mir steckte, obwohl seine Lippen meine nur kurz berührten.

Berauscht von dem gemeinsamen Flug oder der Tatsache, jetzt selbst ein Racheengel zu sein, schlang ich meine Arme um Christophers Nacken, zog ihn zurück und presste meine Lippen auf seine. Der betörende Geschmack nach Sommergewitter beflügelte mich. Er hatte mich noch nicht oft in seiner Engelsgestalt geküsst. Und jedes Mal glaubte ich, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber das war nichts im Vergleich zu diesem Kuss. Stürmisch drängte ich weiter – und fiel in tiefste Dunkelheit.

Wenn Christopher sich nicht gewaltsam von mir gelöst hätte, wäre mir das Erscheinen der golddurchwirkten Flügel entgangen. Majestätisch erhoben sich die riesigen Schwingen über den Kuppeln der Basilika. Bernsteinfarbene Blitze zuckten durch sie hindurch und verliehen ihnen einen warmen Schimmer. Doch aus Erfahrung wusste ich, dass diese Sanftheit nur vorgegaukelt war. Ebenso wie die goldfarbenen Augen weder Wärme noch Sicherheit vermittelten.

»Wie interessant. Endlich erfahre ich, warum dir so viel an ihr liegt.« Zwanzig Schritte von uns entfernt landete Goldauge, der Racheengel aus der Basilika.

Christopher schob mich hinter sich. Obwohl ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, da ich beinahe meine gesamten Engelskräfte an ihn verloren hatte, kämpfte ich mich zurück – zumindest so weit, dass ich Goldauge sehen konnte.

»Solltest du nicht in der Basilika bleiben, Nagual?«, fragte Christopher.

»Und du nicht an der Seite der Dogin? Ein zweiter Affront innerhalb so kurzer Zeit. Wenn du nicht aufpasst, verlierst du ihre Gunst.«

»Gunst? Du solltest wissen, dass ihre Beziehung zu mir nicht auf Gunst beruht.«

Ich schluckte und verdrängte die Frage, wie Christopher zur Dogin stand. Nagual hatte die Arme hinter seinem Rücken verschränkt, vermutlich, um seine Friedfertigkeit zu demonstrieren. Doch ich traute ihm nicht – und Christopher ebenso wenig. Seine angespannte Körperhaltung verriet, dass er in den Kampfmodus gewechselt hatte.

»Und du solltest wissen, dass dein Flugmanöver vor dem offiziellen Start nicht gerade dazu beiträgt, ihr Vertrauen in uns zu stärken. Aber nach dem, was ich gerade gesehen habe, scheint dir ihre Unterstützung wohl nicht mehr allzu wichtig zu sein. Anscheinend habe ich dich und deine Motive bislang unterschätzt. Weiß sie, was du mit ihr anstellst?« – Mit sie meinte Goldauge mich.

Mutig trat ich aus dem Schatten von Christophers Flügeln und versuchte, meine eigenen so weit wie möglich abzuspreizen – um Eindruck zu schinden. Dass sie weder gülden noch blitzdurchzuckt, sondern rosarot schimmerten, konnte ich leider nicht ändern.

»Ich habe ihn geküsst, nicht er mich«, verteidigte ich Christopher.

»Und du warst es auch, der dir deine Engelsstärke entzogen hat.« Nagual trug noch immer den schwarzen Mantel, der in einem eleganten Bogen zurückschwang, als er auf mich zuging. »Dann hast du sicher nichts dagegen, mich auch ein wenig davon kosten zu lassen.«

Christophers leuchtendes Engelschwert blitzte auf. Eine goldfunkelnde Waffe stellte sich ihm entgegen.

»Du solltest jetzt besser in die Basilika zurückkehren«, warnte er Nagual. Seine grollende Stimme verriet, dass Christopher sein Gegenüber angreifen würde, falls Nagual auch nur einen weiteren Schritt in meine Richtung machen würde. Offenbar fachte der Energieschub, den Christopher von mir erhalten hatte, nicht nur seinen Beschützerinstinkt an, sondern auch seine Angriffsbereitschaft.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in den Kampf zweier Engel einmischte. Entschlossen mobilisierte ich meine verbliebenen Kraftreserven und stellte mich zwischen die beiden Streithähne.

»Lynn! Geh zurück! Sofort!« Christophers Stimme dröhnte furchterregend – ich hielt ihr stand. Und auch dem undefinierbaren Blick seines Gegners.

Die Goldsprenkel in seinen Augen wurden größer, doch ich war mir sicher, nicht in Gefahr zu sein. Wenn Nagual mir etwas hätte tun wollen, wäre das vor ein paar Stunden wesentlich einfacher gewesen als jetzt, mit einem aufgebrachten Racheengel in meinem Rücken. Erst als mein Gegenüber mir den Unterschied erklärte, begriff ich, in welcher Gefahr ich schwebte.

»Entweder du bist äußerst mutig oder extrem dumm – nein, sagen wir lieber unerfahren.« Langsam senkte sich Naguals Schwert. Einen Moment zielte es auf mein Herz, ehe es in einem Sternenhagel im Nirgendwo verschwand. »Wenn du das nächste Mal vor einem bewaffneten Racheengel stehst, solltest du darauf achten, noch genügend Energie zu besitzen, um deine Flügel rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Dein Dämonenerbe auszulöschen ist vielleicht nicht ganz so reizvoll, wie deine Engelsmagie zu kosten – aber dennoch verführerisch genug.« Genüsslich rollte Nagual das verführerisch genug auf seiner Zunge, bevor er sich über uns erhob und mir endlich klarwurde, dass er mir nur meine Flügel abtrennen und sein Schwert ins Herz hätte rammen müssen, um mich – die ich gerade begann, an die Ewigkeit zu glauben – für immer auszulöschen.