Kapitel
3
Schlupflöcher
Zwei Augen mit goldfarben aufleuchtenden Sprenkeln hefteten sich auf mein Gesicht und suchten nach einer Erklärung. Entweder hielt er hier rund um die Uhr Wache, oder ich besaß ein untrügliches Gespür dafür, ausgerechnet ihn hier anzutreffen.
»Was ist?! Hat es dir die Sprache verschlagen? Oder soll ich lieber dein schwächelndes Anhängsel fragen?« Bevor der Engel mit den goldenen Augen und dem fremdartigen Gesicht, das mich an einen Mayagott denken ließ, einen weiteren Blick auf Philippe werfen konnte, versperrte ich ihm die Sicht. Philippe hatte bei Sanctifer genug durchgemacht. Ihm einen Racheengel vorzustellen, wollte ich meinem menschlichen Freund ersparen – obwohl er mit Christopher ja schon einen kennengelernt hatte. Genau genommen eineinhalb. Ganz zählte ich als Novizin anscheinend ja noch nicht dazu.
»Soweit ich weiß, brauche ich inzwischen nur bei den Treffen des Zirkels eine Einladung, um die Basilika betreten zu dürfen«, erwiderte ich mit gespielter Gelassenheit, während ich dem Goldaugenengel meinen Arm entzog. Bei meinem ersten Besuch hatte er mir wegen unbefugten Betretens seine Klauen in die Oberarme gerammt. Die Erinnerung daran weckte ein fieses Prickeln an der Stelle, wo er mich gerade eben noch festgehalten hatte.
»Du nicht – er schon!«, donnerte Goldauge so laut, dass seine mächtige Stimme durch das Kirchenschiff hallte.
»Die wird er dann wohl haben«, bluffte ich. So schnell würde ich nicht aufgeben.
Mein Gegenüber schien dasselbe vorzuhaben. Breitbeinig baute er sich vor mir auf und verschränkte die Arme vor der Brust, so dass ich zwischen ihm und dem Beichtstuhl feststeckte. Wie Aron, wenn er überlegte, ob er mir eine Extrarunde Krafttraining aufbrummen oder in schallendes Gelächter ausbrechen sollte, runzelte der Engel seine Stirn. Immerhin hatte er weder seine Klauen noch sein Engelschwert ausgepackt. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung, ungeschoren an dem ein Meter neunzig großen, schwarzgewandeten Racheengel vorbeizukommen.
»Und ausgerechnet du wurdest beauftragt, dieses bibbernde Elend in seine Welt zurückzubringen?«, fragte er misstrauisch.
Ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken. Mein Gegenüber wusste, dass Philippe kein Engel war? Spürte er, dass seine menschliche Seele in Gefahr schwebte? Oder hatte Sanctifer ihn darüber informiert, dass ich in der Basilika aufkreuzen würde? So oder so, ich hatte keine Wahl: Entweder er ließ mich und Philippe passieren, oder wir steckten beide in noch größeren Schwierigkeiten.
»Warum nicht? Oder möchtest lieber du ihn zurückschaffen?« Zwei Gegenfragen waren besser als eine falsche Antwort.
»Ich?! Ganz sicher nicht.« Die Goldsprenkel in den Augen des Racheengels wurden heller – offenbar hatte er meine Taktik gerade durchschaut.
Meine Muskeln spannten sich an, bereit, einem Angriff auszuweichen. Doch der Engel hielt sich zurück – noch.
»Aber du hast mir meine Frage nicht beantwortet«, erinnerte er mich daran, ihm den Grund zu verraten, warum Philippe bei mir war.
Kaum merklich bewegte sich Goldauge auf mich zu und engte meinen Bewegungsspielraum ein. Anstatt zurückzuweichen, kam ich ihm entgegen. Gut, dass er nicht wusste, wie viel Überwindung mich dieser Schritt gekostet hatte.
»Ich kenne ihn von früher«, sagte ich so ruhig wie möglich und hielt dem stechenden Blick des Racheengels stand.
»Dann zeig mir sein Berechtigungsband!«
Berechtigungsband? Was, verdammt noch mal, war ein Berechtigungsband?!
»Seit wann übernehmen Racheengel die Funktion eines Portalwächters?«, fragte ich, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Meine Stimme klang fest genug, um Selbstsicherheit vorzutäuschen. Leider sah mein Gegenüber das anders.
»Immer dann, wenn die Gefahr besteht, dass eine Lüge im Raum schwebt.«
Inzwischen war sein Gesicht meinem so nah, dass ich sehen konnte, wie die goldenen Sprenkel in seinen bernsteinfarbenen Augen sich zusammenzogen.
»Du bist ganz schön mutig, kleiner Engel. Vielleicht lag Christopher doch nicht so falsch, ausgerechnet dich auszuwählen.«
Meine Standhaftigkeit knickte ein. Abgesehen davon, dass Goldauge mich mal wieder kleiner Engel nannte, mich zu einem Racheengel zu machen lag ganz und gar nicht in Christophers Absicht. Bedrückt wich ich seinem bohrenden Engelsblick aus.
»Also stimmt es, dass deine Erwählung ein, sagen wir, kleiner Unfall war.« Mein Gegenüber trat einen Schritt zurück und ließ mir Platz zum Atmen. »Dann ist es umso erstaunlicher, wie du die Prüfungen gemeistert hast.«
War das etwa ein Lob aus dem Mund dieses Racheengels? Überrascht sah ich auf. Meine Freude kam zu früh. Das Gold in seinen Augen weitete sich wieder aus.
»Wer hat dir den Menschen anvertraut? – Und denk erst nach, bevor du antwortest. Lügen können schmerzhaft enden.«
Ein Frösteln durchzog mich. Mein Gegenüber ließ das kalt. Dass ich mich vor ihm fürchtete, schien für ihn das Normalste überhaupt zu sein. Und was er als schmerzhaft bezeichnete, wenn klauendurchbohrte Arme seiner Meinung nach nur eine Warnung waren, wollte ich mir erst gar nicht ausmalen. Also hielt ich mich an die Wahrheit und formulierte sie nur ein wenig zurecht, in der Hoffnung, dass der Befehl eines Ratsmitglieds auch bei Racheengeln Wirkung zeigte.
»Philippe«, ich deutete auf den Beichtstuhl in meinem Rücken, »ist … war ein Freund von mir. Und offenbar hat das Mitglied des Rats, das ihn zu sich geholt hat, noch einiges mit ihm vor. Deshalb wollte er sicherstellen, dass er unbehelligt nach Hause gebracht wird.« Das Unbehelligt betonte ich vorsichtshalber, um klarzustellen, dass Philippe unversehrt in seiner Welt ankommen sollte.
»Dann dürfte es ja wohl kein Problem sein, mir sein Berechtigungsband zu zeigen.« Die Stimme des Racheengels war schneidend. Unerbittlichkeit spiegelte sich in ihr wider.
Als ich spürte, wie etwas Dunkles in ihm erwachte, wich ich so weit wie möglich zurück. Ohne Philippe im Schlepptau hätte ich jetzt das Weite gesucht.
Goldauge quittierte meine Furcht, indem er mich beiseitewischte, als wäre ich Luft, während er gleichzeitig Philippe aus dem Beichtstuhl zerrte.
Geblendet von funkelndem Goldlicht presste sich mein menschlicher Freund den Arm vors Gesicht. Vielleicht war es gut, dass er die überirdische Gestalt vor ihm nicht allzu deutlich sehen konnte. Sicher hätte er dann nicht nur leise aufgestöhnt, sondern panisch geschrien, da die Augen des Racheengels inzwischen glühten wie flüssiges Gold. Selbst mir, die ziemlich oft in wutfunkelnde Engelsaugen geblickt hatte, blieb die Luft weg. Christophers Iris erstarrte wenigstens zu kaltem Jadegrün, was irgendwie noch fassbar war. Aber lodernder Zorn geballt in glühendem Gold? Furchteinflößender konnte ein Racheengel nicht schauen – jedenfalls nicht, solange er ein Engel war. Dass er das bleiben würde, konnte ich nur hoffen.
Trotz Schock und Gänsehaut packte ich Goldauges Arm, um Philippe aus der eisernen Umklammerung zu befreien. Mein Eingreifen bescherte mir einen warnenden Blick und einen zweiten Schubser. Dieses Mal krachte ich gegen das Türgitter des Beichtstuhls. Noch beim Hochrappeln schnappte mich der Racheengel am Nacken, um mich auf Abstand zu halten.
»Warum so aggressiv, kleiner Engel, wenn dein Freund doch alles bei sich trägt, was er benötigt? Ein Universalarmband erhält nicht jeder.«
Auch ich entdeckte das Band an Philippes freigelegtem Oberarm. Drei verschieden geprägte Silbermünzen, zusammengehalten von einem ledernen Flechtwerk, blinkten mir entgegen.
»Wenn du mir versprichst, dich zu beruhigen, lasse ich dich jetzt los.« Die Aufforderung galt mir.
Ich nickte schnell, um der Pranke des Racheengels zu entkommen. Er schob eine kurze Warnung hinterher, indem er seine Finger noch ein wenig fester in meinen Nacken drückte, bevor er mich losließ.
»Dein Freund hat ganz schön viel Blut gelassen. Wohin wolltest du ihn bringen?«
»Ich? In …« Meine Gedanken überschlugen sich. Philippe litt unter Blutmangel? Warum? Was hatte Sanctifer ihm angetan? »Ist … ist er verletzt?« Hektisch flog mein Blick über Philippes zitternden Körper.
»Du scheinst noch nicht allzu viel über Engel zu wissen. Aron sollte dich nicht länger in Watte packen, wenn du hier bestehen willst«, bekam ich als Antwort zu hören.
Ich vergaß, meinem Gegenüber zu erklären, dass Aron ganz bestimmt nicht zimperlich mit mir umging, als der Racheengel Philippes entblößten Arm umdrehte. Ein roter Punkt reihte sich an den Nächsten. Einstichstellen. Sanctifer hatte Philippe regelrecht zur Ader gelassen. Kein Wunder, dass seine Haut so weiß wie Puderzucker schimmerte.
Vorsichtig, als könnte meine Berührung die Stellen zum Bluten bringen, strich ich sanft über Philippes Arm. Er zuckte nicht zurück. Aber vielleicht war er nur zu schwach dazu.
Goldauge verlor die Geduld, packte mein Handgelenk und zwang mich, ihn anzusehen.
Schließlich wiederholte er seine Frage, zu welchem Portal ich Philippe bringen wollte.
»Zu… zum Palazzo, wo die Prüflinge vom Schloss der Engel untergebracht sind«, stammelte ich noch immer entsetzt über Sanctifers Grausamkeit.
»Das ist zu weit. Es sei denn, deine Flugkünste haben sich in den vergangenen Tagen enorm verbessert. Oder ist es nicht wichtig, in welchem Zustand du ihn ablieferst?« Dass er damit meinte, egal ob tot oder lebendig, war klar. Goldauge war kein Schutzengel, der Menschen rettete, sondern ein Racheengel, der dazu geschaffen wurde, Engelleben zu verkürzen.
Ich schüttelte den Kopf, unfähig, ein halbwegs freundliches Nein herauszubringen, weil in mir gerade dunkle Rachegefühle auftauchten. Sollte Philippe meinetwegen sterben, wäre es mir egal, wie lange es nach meinem Besuch bei Sanctifer dauern würde, wieder aus meiner Schattengestalt zurückzufinden, falls ich die Beherrschung verlor.
Meine Klauen drängten hervor und aktivierten die Spangen, die sie zurückhielten. Ich ignorierte den Schmerz und hoffte, dass nicht gleich rote Schleier durch mein Gesichtsfeld flirrten. Sie erschienen immer dann, wenn ich meiner dämonischen Seite zu viel Macht einräumte.
Zwei große Hände packten meine Schultern und schüttelten mich.
»Nicht in der Basilika!«, dröhnte eine dunkle Stimme in meinem Kopf. »Wenn du deinem Freund helfen willst, bring ihn zurück und sorge dafür, dass er nicht erneut die Aufmerksamkeit eines Ratsmitglieds auf sich zieht.«
Ohne abzuwarten, bis ich wieder klar denken konnte, schulterte der großgewachsene Engel Philippe und bugsierte mich zu einer unscheinbaren Altarnische. Durch eine verborgene Tür brachte er uns in einen fensterlosen Raum – natürlich vergoldet – mit einem runden Taufstein in der Mitte.
Der dunkle Teil in mir beruhigte sich. Die leise Panik, die meinen Nacken entlangkribbelte, riet mir, dennoch wachsam zu bleiben. Vielleicht wollte der Engel Philippe und mich hier einsperren, um Christopher zu holen – oder Sanctifer? Nein, Sanctifer schied aus. Schließlich hatte Goldauge mir geraten, Philippe vor dem Rat zu schützen. Christopher dagegen schien durchaus denkbar. Vermutlich sollte ich mir für ihn und Aron endlich eine halbwegs vernünftige Erklärung einfallen lassen, damit ich nicht wieder unter Dauerbeobachtung gestellt wurde.
Mit derselben Leichtigkeit, wie er Philippe hochgehoben hatte, schob der Racheengel das steinerne Taufbecken beiseite. Ein rundes, dunkles Loch kam zum Vorschein, das sich in der Tiefe verlor. Lediglich ein leises Gluckern verriet, dass es im Wasser endete.
»Lass deinen Freund nicht los, während du durchs Portal rutschst, sonst landet nur er in seiner Welt – und allein wird er es in seinem Zustand wohl kaum ans Ufer schaffen. Am besten, du rufst einen Notarzt und verschwindest, bevor dir zu viele Fragen gestellt werden, wenn dein Ausflug unbemerkt bleiben soll.«
Der Plan hörte sich gut an. Meine Angst vor dem fremden Engel verblasste ein wenig – meine Skepsis nicht.
»Und wer sagt mir, dass das nicht eine w … eine Falle ist?« Zum Glück gelang es mir, das weitere rechtzeitig zu vernuscheln. Er musste nicht wissen, dass Sanctifer ein Auge auf mich geworfen hatte und ich nicht ganz so freiwillig hier war, wie ich behauptete.
»Kluger Engel«, lobte mich mein Gegenüber. »Aber in diesem Fall bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als mir zu vertrauen. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass nicht jedes Mitglied des Rats meine Zustimmung genießt.« Ob Goldauge damit Sanctifer oder einen anderen Engel meinte, ließ er offen. »Und? Bereit für den Sprung ins Ungewisse?«
Seine Bemerkung entlockte mir ein Zähneknirschen, was ihn zum Grinsen brachte. Ich nickte trotzdem und ließ mir helfen, Philippe vor mir auf die Kante zu setzen. Dass er sich willenlos fügte, verriet mir, wie wenig Philippe noch davon mitbekam, was um ihn herum passierte. Es wurde höchste Zeit, ihn in ein Krankenhaus zu schaffen.
»Viel Glück – und bis bald, kleiner Engel«, hörte ich den Racheengel noch mit beunruhigend dunkler Stimme rufen.
Sein Geruch begleitete mich auf unserer Rutschpartie. Honigwein, Oblate und Muskatnuss, wie ich jetzt deutlich unterscheiden konnte – was für eine eigentümliche Mischung für einen Racheengel.
Nach dem fast senkrecht in die Tiefe stürzenden Anfang schraubte sich die Röhre deutlich flacher nach unten. Schwindelig wurde mir trotzdem. Gut, dass ich bereits saß, als ich die Grenze aus Engelsmagie durchbrach.
Zweimal innerhalb kürzester Zeit in kaltes Wasser zu klatschen fühlte sich grausam an. Und eine Pause zum Durchatmen bekam ich auch nicht. Beschleunigt durch die Schlitterfahrt rutschte mir Philippe aus den Armen und versank in der Tiefe. Das spärliche Licht, das durch eine vergitterte Öffnung fiel, durchdrang das trübe Wasser kaum tiefer als einen Meter.
Panisch vor Angst, ihn nicht wiederzufinden, tauchte ich Philippe hinterher. Ich musste ihn zu fassen bekommen, bevor ihn der Kanal verschluckte.
Wuschelige Fäden streiften meine Finger. Erkennen, was mich berührt hatte, konnte ich schon seit zwei Metern nicht mehr. Ich hoffte, dass es Philippes dunkle Kräuselhaare waren und nicht irgendetwas Gruseliges, und packte fester zu. Haare. Eindeutig! Ein riesengroßer Stein fiel mir vom Herzen, was mir half, schneller wieder aufzutauchen.
Im Schleppgriff bugsierte ich Philippe zu einem kleinen Vorsprung neben der Öffnung. Sein Herz schlug noch, wenn auch nur sehr schwach. Sicherheitshalber beatmete ich ihn, bis ich spürte, dass er von selbst Luft holte. Christopher hatte dasselbe mit einer Mitschülerin vom Internat gemacht. Ich war ausgerastet, weil ich dabei war, ein Racheengel zu werden. Inzwischen würde ich gelassener reagieren – zumindest wünschte ich mir das.
Ein Blick durch das Gitter verriet mir, dass ich mich neben der Markuskirche auf der rückwärtigen Seite des Dogenpalastes befand – in Philippes Welt. Der Engel hatte Wort gehalten. Erleichtert atmete ich auf, bevor ich tief Luft holte, um noch einmal abzutauchen. Am Fuß der Öffnung fand ich den Riegel, der das Gitter in seiner Position hielt. Ein stummer Fluch, und der Schieber gab nach.
Ich schwamm zu Philippe, kontrollierte seinen Puls und zog ihn ins Wasser. Die Sonne stand schon ziemlich tief. Rechtzeitig zum Lichtmeerfest zurück zu sein würde knapp werden – aber es gab Wichtigeres.
Der Schatten des Dogenpalastes verbarg uns vor neugierigen Blicken. Ich wartete dennoch, bis die gegenüberliegende Gasse unbelebt war, ehe ich mit Philippe unser Versteck verließ. Bis zur Mitte des Kanals kam ich. Dann entdeckte uns ein älteres in Spitze und Samt gekleidetes Pärchen, das aus einem noblen Kostümverleihgeschäft stolzierte. Ihr fortgeschrittenes Alter und die edle Kleidung hielten sie offenbar davon ab, mir zu helfen und in den Kanal zu springen. Ich nahm es ihnen nicht übel. Philippe die paar Meter ans Ufer zu schleppen gehörte zu den einfacheren Dingen des heutigen Tages – der noch nicht zu Ende war. Immerhin hatte die Frau im orangefarbenen Kleid gleich ein Handy parat, während ihr Begleiter mir half, Philippe aus dem Wasser zu ziehen.
»Ich hab den Typen erst zusammenbrechen und dann ins Wasser fallen sehen.« Mit dem Typen meinte ich Philippe. »Wahrscheinlich Kreislaufprobleme, oder er hat zu tief ins Glas geschaut«, fügte ich ein wenig abwertend hinzu, als ich neben dem Mann und dem tropfnassen Philippe niederkniete.
»Ruf den Notarzt«, forderte der Kostümierte seine Partnerin auf, ohne mich weiter zu beachten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Philippe. »Dem geht’s nicht besonders gut. Sein Herz schlägt ziemlich unregelmäßig«, klärte er mich dennoch auf, nachdem er nahezu profihaft meinen Freund untersucht, ihm in den Mund geschaut und ihn dann auf die Seite gedreht hatte.
Ich zog mich zurück, als der Kreis Schaulustiger immer dichter wurde. Doch erst als der Notarzt eintraf und ich sicher sein konnte, dass Philippe in guten Händen war, verschwand ich in der Menge.
Der Abtransport zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Niemand bemerkte, wie ich am Ende der Kanalgasse ins Wasser glitt. Ich musste zurück in meine Welt und herausfinden, wie ich Sanctifers Forderung umgehen und Christopher und Philippe vor ihm schützen konnte.
Das Gitter erreichte ich, ohne aufzutauchen. Wo es einen Ausgang gab, musste auch ein Eingang sein. Mit dem Berechtigungsband, das ich Philippe abgenommen hatte, konnte ich, falls ich den Racheengel richtig verstanden hatte, überall die Welten wechseln. Das Portal, das ich von meiner Engelsprüfung kannte, würde ich nur im Notfall benutzen. Es führte direkt in den Dogenpalast, den Sitz des Rats der Engel – ein Ort, den ich meiden wollte. Dann lieber Goldauge ein zweites Mal gegenüberstehen. Der wusste sowieso Bescheid.
Ich brauchte eine Weile, bis ich in dem düsteren Schacht den unter Wasser liegenden Zugang fand. In das dunkle Loch hineinzutauchen kostete mich einiges an Überwindung. Glücklicherweise erwarteten mich keine Ungeheuer, sondern ein weiterer goldfunkelnder Raum mit Wendeltreppe – und heftige Engelsmagie. Blinkende Sternchen tanzten vor meiner Nase, noch ehe ich den erhöht liegenden Absatz erreichte. Kraftlos versank ich in der Tiefe. Schwarze Löcher zogen vorbei. Ein verwirrendes Tupfenmuster in einem bodenlosen Schacht. Mein Verstand suchte einen Hinweis, wozu die vielen Öffnungen dienten, bis mir wieder einfiel, dass ich kein Fisch war und Luft zum Atmen brauchte.
Japsend durchstieß ich die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Zuerst Sternchen, dann schwarze Löcher. Bestimmt wären demnächst Meerjungfrauen aufgetaucht, um mich in die Tiefe zu locken. So langsam sollte ich eigentlich kapiert haben, dass die Basilika mit reichlich Engelsmagie gesichert war. Wenigstens wusste ich jetzt, dass ich mich wieder in der Engelswelt befand.
Ich gönnte mir eine Verschnaufpause, bevor ich die Wendeltreppe hochstapfte. Dennoch außer Atem landete ich in einer Ansammlung von Säulen, von der sich eine verschieben ließ. Natürlich befand ich mich nicht in der Nähe des Ausgangs, sondern am anderen Ende der Basilika. Unbemerkt an dem wachestehenden Engel vorbeizukommen war quasi unmöglich. Breitbeinig, mit in die Hüften gestemmten Armen, beobachtete Goldauge, wie ich mit durchgedrücktem Rücken und erhobenem Kopf die Kirchenhalle durchquerte. Ich deutete es als Fortschritt, dass er mich ungehindert passieren ließ.
Meine langen Haare zu einem Zopf gedreht, damit nicht gleich jeder sehen konnte, wie nass sie waren – bei meiner enganliegenden Hose und dem schwarzen Pulli fiel die Nässe sowieso kaum auf –, eilte ich über die Planken der für das heutige Fest inzwischen vollständig gefluteten Piazzetta. Neugierige Blicke verfolgten mich dennoch. Die ersten Engel standen bereits erwartungsvoll beisammen, um gemeinsam das Lichtmeerfest zu begehen.
Jeden Moment erwartete ich, Christopher in die Arme zu laufen, der mich mit einer senkrechten Falte auf der Stirn zur Rede stellte. Oder Aron, der mich für den Rest meines Venedigaufenthalts unter Hausarrest stellen würde.
Ich begegnete niemandem – auch nicht in meiner Wohnung. Unbemerkt huschte ich ins Bad, versteckte schnell die nassen Kleider und das Berechtigungsband hinter den Handtüchern im untersten Fach des Badezimmerschranks und schlüpfte unter die Dusche. So lange, bis nicht mehr graubraunes, sondern klares Wasser aus meinen Haaren tropfte, ließ ich mir das Wasser über den Kopf laufen. Die Wärme beruhigte mich und half mir, im Geiste die ersten Sätze zu formulieren, mit denen ich Christopher ablenken wollte, falls er meine Unruhe bemerkte – viel lieber hätte ich ihm mein Herz ausgeschüttet. Doch damit wollte ich warten, bis ich wusste, wie ich ihn daran hindern konnte, an meiner Stelle zu Sanctifer zu gehen.
Auf dem Flur zwischen Bad und Schlafzimmer traf ich auf den Engel mit dem athletischen Körper und dem hellen Engelshaar, der mein Herz schneller schlagen ließ – dieses Mal pochte es besonders heftig. Warme Smaragdaugen schmolzen zu flüssigen Edelsteinen, als Christopher mich, mit nichts als einem Badetuch bekleidet, ansah. Kurz zögerte er, bevor er seine Hand nach mir ausstreckte, um mir eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Und dann erschien sie, die senkrechte Falte zwischen seinen Augen.
Ahnte er, wo ich gewesen war? Kam jetzt das Kreuzverhör? Die Angst, ihn an Sanctifer zu verlieren, schmerzte unglaublich.
Doch in Christophers Augen blieb die Wärme. Langsam wanderte seine Hand über meine Wange und weiter zu meinem Mund. Sanft fuhr er mit dem Daumen über meine Unterlippe. Eine Sehnsucht lag in seinem Blick, die mir den Atem raubte.
Entschlossen schlang ich meine Arme um seinen Nacken. Sanctifer war vergessen. Und was Christophers Kuss mit mir anstellte, war mir egal. Ich brauchte ihn, seine Nähe, seine Wärme und die Gewissheit, dass er mich liebte. Gerade jetzt, wo ich selbst nicht wusste, was richtig oder falsch war.
Weiche Lippen legten sich auf meine. Gierig erwiderte ich den Kuss. Christopher vergaß seine Vorsicht und zog mich an sich. Früher als beim letzten Mal breitete sich das erdrückende Gefühl in mir aus. Meine Knie drohten nachzugeben. Ich kämpfte dagegen an, zwang meinen Körper, Christophers Anziehungskraft standzuhalten. Doch anscheinend hatte ich heute schon zu viel Kraft eingebüßt. Kurz bevor die Dunkelheit mich aufsog, schob Christopher mich von sich.
Mit einem kritischen Zug um die Mundwinkel beobachtete er, wie ich wieder zurückfand. Dass ich schneller als sonst einer Ohnmacht nahekam, während er mich küsste, gefiel ihm nicht. Aufmerksam suchte er in meinem Gesicht nach einem Grund für meine außergewöhnliche Schwäche. Als er die Luft einzog und sich meinen Haaren näherte, lehnte ich mich zurück, um ihm auszuweichen. Trotz intensiver Haarwäsche und Shampoo war ich mir nicht sicher, wirklich alle Duftspuren meiner Kanaltauchgänge ausgewaschen zu haben. Zum Glück hakte Christopher nicht nach.
»Wir sind spät dran. Du solltest dich beeilen, wenn du noch ein Leuchtschiff entzünden möchtest«, war alles, was er sagte, bevor er seinen Blick von mir löste und mich freigab.