Kapitel 2
Auf Abwegen

Royalblaue Augen musterten mich kaltherzig. Sanctifer registrierte selbst die kleinste Regung. Obwohl ich mich bemühte, mir mein Widerstreben nicht anmerken zu lassen, wusste er, was in mir vorging.

Verborgen hinter zwei kunstvoll aus Silber und Gold geschmiedeten Türen lag der faszinierendste und zugleich abstoßendste Raum, den ich je gesehen hatte. Wie im Dogenpalast offenbar üblich, strotzte es auch hier unten vor edlem Stuckwerk und natürlich Massen von Gold. Nur der Boden von Sanctifers Einschüchterungshalle unterschied sich von dem üblichen blank polierten Belag: Hier herrschte roter Basalt.

Meine Nackenhärchen richteten sich auf. Die Wahl der Farbe war nicht zufällig. Blut würde darauf keine unschönen Flecken hinterlassen. Ich zwang mich, Raffael zu folgen und weiter auf den wuchtigen Schreibtisch zuzugehen. Den Entschluss, Philippe aus Sanctifers Obhut zu befreien, hatte ich nicht aus einer Laune heraus gefasst. Mir war klar, mit wem ich mich einließ. Dass ich inzwischen ein offiziell anerkannter Racheengelnovize war, schenkte mir das nötige Selbstvertrauen, das irgendwie hinzubekommen.

Obwohl ich wusste, dass ich Sanctifer nicht aus den Augen lassen sollte, wanderte mein Blick unwillkürlich durch den so perfekt gestalteten Raum. Die Gemälde in den wuchtigen Goldrahmen raubten mir den Atem – nicht, weil sie besonders schön waren, sondern aufgrund der perfiden Darstellungen. Engel, kniend, in Ketten mit gebeugten Häuptern, warteten vor einem mit pechschwarzen Masken und ebenso dunklen Mänteln verhüllten Gremium auf ihr Urteil. Die Augen matt und gebrochen, ihre Körper ausgezehrt wie nach tagelanger Folter.

Gewaltsam riss ich mich von dem verstörenden Anblick los, dessen Details ich noch gar nicht richtig erfasst hatte. Dieser Raum war dafür geschaffen, Angst einzujagen. Sanctifer hatte mich nicht umsonst hierherbestellt. Offenbar war es ihm wichtig, mir zu zeigen, über welche Macht er als Mitglied des Rats der Engel verfügte. Auf sein Spiel einzugehen und Furcht vorzutäuschen war sicher nicht verkehrt.

Wie um meine Unterlippe am Zittern zu hindern, kaute ich darauf herum und mimte die Verängstigte. Ein Leuchten huschte über Sanctifers jugendliches, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht, während er mich mit seinen unglaublich blauen Augen unentwegt musterte. Als wäre ich verunsichert – was vielleicht auch so war –, wich ich seinem allzu intensiven Blick aus und erstarrte, als ich begriff, was die Wand hinter seinem Rücken schmückte. Ausgestellt wie eine antike Waffensammlung reihten sich goldblitzende Folterwerkzeuge aneinander. Die monströs gebogenen Haken und unterarmlangen Klingen mit den nadelspitzen Auswüchsen waren noch die harmlosesten Instrumente unter ihnen.

Mein Magen krampfte sich zusammen, während mein Blut sich Richtung Beine bewegte. Eisige Kälte umschloss mein Herz. Mit diesen geradezu liebevoll angeordneten Folterwerkzeugen hatte er Christopher gequält. Wie Trophäen hingen sie hinter ihm. Wahrscheinlich polierte er sie eigenhändig.

Um nicht doch vor Sanctifer in die Knie zu gehen, biss ich mir auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Der Schmerz half meinem Körper, aufrecht stehen zu bleiben.

Sanctifers triumphierendes Lächeln drang zu mir durch. Mir wurde endgültig schlecht. Dieses Mal musste ich meine Angst nicht vortäuschen, als ich seinem Blick auswich.

»Willkommen in meinem Refugium, Lynn«, begrüßte mich Sanctifer, wobei er jedes Wort betonte, als würde er mich in einem Palast empfangen. »Deinem überraschten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hast du noch nicht besonders viel über die Zähmung widerspenstiger Kreaturen gelernt.«

Mein verkrampfter Magen rollte sich mit quälender Langsamkeit auf und trieb mir Säure ins Blut. Verborgen hinter meinem Rücken ballte ich meine Hände zu Fäusten. Dass Raffael meine Wut bemerkte, war mir egal. Hauptsache, es gelang mir, unter den Augen des Foltermeisters der Engel meine Beherrschung zu bewahren.

Ein belustigter Funke erhellte das Königsblau in Sanctifers Augen. Meine Fassung geriet ins Wanken. Wie konnte ein dermaßen abscheuliches Wesen eine so wundervolle Augenfarbe besitzen?! Ich suchte Schutz im Angriff.

»Find jemand anderen zum Einschüchtern, Sanctifer. Deine Spielchen langweilen mich.«

Sanctifers Körper spannte sich an, als wollte er aufstehen, um mich anzugreifen. Doch er überlegte es sich anders und blieb sitzen. Ich jubelte lautlos: Es war mir gelungen, ihn zu verärgern. Sanctifer mochte es nicht, wenn ich ihn duzte. Dass mich sein Blick zum Frösteln brachte, war mir egal.

»Wie du willst.« Behutsam legte er seinen dunkelroten Federkiel auf einen der drei Stapel – vermutlich Folter, Geständnis und Hinrichtung. Freispruch gab es bei ihm sicher nicht. »Da du jetzt als offizielle Novizin dem Zirkel der Racheengel angehörst, ist es an der Zeit, dass du deinen Verpflichtungen nachkommst.«

»Ich bin Euch nicht das Geringste schuldig!« Meine Zunge reagierte schneller als mein Verstand.

»Das würde der Rat der Engel anders beurteilen. Aber es überrascht mich nicht, dass dein Tutor wenig Wert auf die Vermittlung von fundiertem Wissen legt und du mit den Gesetzen der Engel nicht besonders vertraut bist. Setz dich!«, wies Sanctifer mich an und deutete auf einen massiven Stuhl auf meiner Seite des Schreibtisches.

Trotzig verschränkte ich meine Arme vor der Brust und blieb stehen, was mir einen nachdenklichen Blick von ihm einbrachte. Die verborgenen Eisenklammern an Arm- und Rückenlehne, die zahlreich und stabil genug waren, um einen Schattenengel zu bändigen, entdeckte ich erst auf den zweiten Blick.

Meine Sicht verschwamm. Der Umriss einer mir allzu vertrauten Gestalt flackerte auf. Ich blinzelte sie beiseite, bevor sich die Augen meines Phantasie-Christophers in meine bohren konnten. Seinen vernichtenden Blick würde ich früh genug zu spüren bekommen – spätestens wenn ich ihm erzählte, wo ich heute Nachmittag war.

»Ganz wie du möchtest«, fuhr Sanctifer fort. »Du kannst gehen.«

Sanctifers Aufforderung galt Raffael. Obwohl ich wusste, auf wessen Seite sein Ziehsohn stand, fühlte ich mich alleingelassen, als Raffael ohne Zögern den Saal verließ.

»Damit du begreifst, dass jede Handlung Konsequenzen nach sich zieht, besonders wenn du dich den Befehlen eines Mitglieds des Rats widersetzt, wirst du ohne Begleitschutz zurückfinden müssen. Hoffentlich ist dein Orientierungssinn besser geschult als der Rest.«

Ich presste meine Lippen aufeinander und schluckte das Schmor in der Hölle, Sanct Lucifer hinunter. Philippes Sicherheit war wichtiger als verbale Genugtuung.

Sanctifers flüchtiges Lächeln verriet, wie sehr er den Weg zu seinem bevorstehenden Sieg genoss. Langsam, Schritt für Schritt, versuchte er, mich mürbe zu machen. Nur warum? Was bezweckte er mit seiner Provokation? Warum sagte er nicht einfach, was er von mir wollte?

Suchend glitt mein Blick über Sanctifers ebenmäßiges Gesicht, seine Hände und weiter über die dunkle Tischplatte mit den penibel sortierten Dokumenten. Schließlich blieb ich wieder an den grausamen Folterwerkzeugen an der Wand hinter ihm hängen. Vermutlich war es das: Sanctifer wollte, dass ich ausrastete, damit er einen Grund hatte, mich hierzubehalten. Aber darauf konnte er lange warten. Christopher hatte mir seine Schattengestalt offenbart, um mir zu zeigen, wozu ich wurde, sobald ich mich meiner Wut hingab – eine äußerst wirksame Methode, meinen Zorn zu zügeln.

»Im Alter lässt wohl auch bei Engeln das Gedächtnis ein wenig nach. Offenbar hast du vergessen, dass ich, trotz deines erfolglosen Versuchs mich in die Irre zu führen, problemlos in die Basilika zurückgefunden habe.«

Meine spitze Bemerkung zeigte Wirkung: Sanctifers Meerblick gefror zu Gletschereis. Er hatte mich während meiner Engelsprüfung in eine Falle gelockt – ich bestand trotzdem.

»Dann wird es dir sicher nicht schwerfallen, diese Meisterleistung zu wiederholen.« Sanctifers verächtlicher Tonfall unterstrich seine Zweifel. »Aber lass uns zum Grund unseres eigentlichen Treffens kommen: unserer Vereinbarung.«

Ich spürte schon die nächste patzige Antwort auf der Zunge, doch dieses Mal schaltete mein Verstand schneller, und ich formulierte meine Antwort rechtzeitig zu einer Frage um.

»Vereinbarung? Ich bin wegen Philippe gekommen.«

Bedächtig begann Sanctifer seine Hände zu reiben. Meine Sorge um Philippe gefiel ihm viel zu gut. Vielleicht hätte ich ihn doch lieber als scheinheiligen Lügner betiteln sollen.

»Philippe«, genüsslich ließ Sanctifer sich den Namen meines ältesten und treuesten Freundes im Mund zergehen, was mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. »Dein allzu leichtgläubiger Menschenfreund ist wesentlich sensibler, als du es warst.«

»Wie meint … st du das?« Schon wieder ging meine Zunge mit mir durch – wenigstens konnte ich das Ihr zu einem Du retten. Sanctifer grinste dennoch.

»Besser, du wechselst zum Ihr, wenn du vor einem Ratsmitglied stehst – ganz besonders, wenn du etwas von ihm haben möchtest.«

Sanctifer genoss es, mir seine Überlegenheit zu demonstrieren, um mich herauszufordern. Ich wartete geduldig, bis er fortfuhr – auch er wollte etwas haben.

»Deinem Freund schien mein Tee nicht besonders zu munden, weshalb ich mich entschieden habe, ihn nicht länger dazu zu zwingen, die Mischung zu trinken.« Bis zum Anschlag dehnte Sanctifer seine Finger, lehnte sich in seinem protzig verzierten Lederstuhl zurück und warf mir einen mitleidsvollen Blick zu.

In mir brodelte es. Engelstee war selten nur Tee. Und welche Wirkung Sanctifers Gebräu hatte, sollte ich mir lieber nicht ausmalen, wenn ich ich selbst bleiben wollte. Immerhin gelang mir ein gelangweiltes »Wie großzügig!«. Das von Euch ließ ich weg.

Sanctifers Gelassenheit bekam Risse. »Vielleicht würdest du das anders sehen, wenn du wüsstest, wie empfänglich Philippe für den Hauch der Totenwächter bald sein wird.«

Sosehr ich mich auch bemühte, mein Zittern zu kontrollieren und die aufziehende Kälte zu vertreiben, gelang mir nicht mal ansatzweise. Die Erinnerung an den Todeshauch war viel zu real. Erneut spürte ich eisige Finger, die nach meiner Seele griffen, um sie mir zu entreißen. Doch die Totenwächterin konnte mir nichts mehr anhaben, weil meine Seele nicht mehr menschlich war – Philippes Seele dagegen schon.

Ich wandte mich ab, als der Teil in mir erwachte, den ich vor Sanctifer zu verbergen versuchte. Schattenengel waren mächtig und gefürchtet – und unberechenbar, grausam und seelenlos. Viel zu deutlich sah ich Christophers Schatten an den Stuhl gekettet. Und dennoch verlor Sanctifers Versuch, mich zu provozieren, an Stärke. Christopher hatte mich auf meine Zukunft als Racheengel bestens vorbereitet.

Sanctifers Miene blieb nahezu unbewegt, nur ein kurzes Zucken seiner schwarzen Augenbrauen verriet sein Missfallen. Natürlich war mir klar, dass mein kleiner Sieg Philippe nicht im Geringsten helfen würde. Im Gegenteil. Mein Widerstand stachelte Sanctifers Feindseligkeit an. Sein schneidender Tonfall erinnerte mich daran, dass ich mitten in seiner Folterkammer stand.

»Die Seele deines Freundes ist so viel zerbrechlicher als deine. Aber selbst die stärksten Engel sind verletzlich, sobald sie ihre Schwächen offenbaren.«

Mein Herz hörte auf zu schlagen. Sanctifers Warnung galt nicht mir, sondern Christopher. Irgendetwas musste er gegen ihn in der Hand haben. Ich war mir sicher, gleich zu erfahren, was es war.

Sanctifer spürte meine aufkommende Panik und verschränkte voller Genugtuung seine Hände hinter dem Kopf.

»Vor ein paar Monaten hast du den Pakt besiegelt, den ich dir bei unserem ersten Treffen anbot, und damit deine Zustimmung gegeben, meiner Forderung nachzukommen. Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheinst du dich nicht mehr allzu gut daran zu erinnern. Oder täusche ich mich in diesem Punkt?«

»Nicht nur darin!«, antwortete ich zickig. »Ich habe mein Blut niemals freiwillig gegeben. Du hast mir die Kehle aufgeschlitzt, um es dir zu holen. Ein Pakt sieht anders aus.« Mutig trat ich näher an Sanctifers Schreibtisch und stützte meine Hände darauf ab, um ihm meine Entschlossenheit zu demonstrieren. »Und jetzt sag mir, wo ich Philippe finde, bevor ich dem Rat erzähle, dass du einen Menschen in die Engelswelt entführt hast!«

Leider ließ Sanctifer sich von meiner Drohgebärde nicht einschüchtern. Im Gegenzug lehnte er sich nach vorn und durchbohrte mich mit seinem Blick.

»Du solltest nicht mit Halbwissen um dich werfen, wenn du einem Ratsmitglied gegenüberstehst. Uns ist es an Karneval erlaubt, potentielle Kandidaten in die Stadt der Engel mitzunehmen.«

»Kandidaten wofür?!« Meine Stimme erstarb. Die Drohung in Sanctifers Brief erhielt neue Nahrung. Er würde aus Philippe einen Flüsterer machen. Der Tisch gab mir Halt, als mein Kreislauf sich verabschieden wollte.

»Es gibt so vieles, was du lernen musst, während du dein Jahr bei mir ableistest«, antwortete Sanctifer mit einem diabolischen Grinsen. »Und was den Pakt betrifft, auch wenn du mir dein Blut nicht vollkommen freiwillig gegeben hast, so kanntest du doch die Bedingungen, die an das Öffnen des Tunnels zum Schloss der Engel geknüpft waren. Du hast den Dolch, der mit deinem Blut gekennzeichnet war, an dich genommen, und du ganz allein hast dich auf den Weg gemacht, um die Welt der Engel zu betreten. Jedes Gericht wird meiner Forderung zustimmen.« In Siegerpose lehnte Sanctifer sich in seinen Stuhl zurück, seine eiskalten Augen starr auf mein Gesicht gerichtet. Philippe zu entführen war nur ein Vorwand, um mich zu sich zu locken. Gleich schnappte die Falle zu, die er mir gestellt hatte.

»Eigentlich wollte ich dir eine Verhandlung ersparen, aber wenn es dir lieber ist, trage ich mein Anliegen gerne dem Rat vor. So, wie ich Christopher kenne, ist er sicher bereit, deine Zeit bei mir auf sich zu nehmen. Schließlich steht es ihm als an dich gebundenem Engel zu, ausstehenden Verpflichtungen an deiner Stelle nachzukommen.«

»Das würde ich niemals zulassen!«

»Du vielleicht nicht. Aber da du noch kein vollwertiger Racheengel bist und ich nichts dagegen hätte, wenn Christopher dein Jahr bei mir ableistet, besitzt seine Stimme vor dem Rat mehr Gewicht als deine.«

Meine Hände umklammerten die Tischplatte. Auch ohne Klauen hinterließen meine Finger Spuren auf dem harten Holz. Als sein ehemaliger Tutor kannte Sanctifer Christopher besser als ich. Aber selbst ich war mir sicher, dass Christopher alles dafür tun würde, um mich vor Sanctifer zu beschützen.

Wie magisch angezogen heftete sich mein Blick wieder auf die Folterinstrumente hinter Sanctifers Rücken. Er würde Christopher quälen und ihn in seine Schattengestalt zwingen, bis nichts mehr von seiner Engelseele übrig war. Schon bei seiner letzten Verwandlung hatte Christopher Mühe, wieder zurückzufinden. Wie sollte ihm das in der Gewalt des Foltermeisters der Engel gelingen?

»Es liegt an dir, eine Entscheidung zu treffen, wer von euch beiden deine Verpflichtung erfüllt. Damit du deine Wahl nicht übereilt fällen musst, lasse ich dir noch ein wenig Zeit, bis … sagen wir, bis der Sommer beginnt.« Sanctifer spürte, dass ich kurz davor stand, mich seiner Forderung zu fügen und ihm meine Zustimmung gleich hier und jetzt zu geben, um Christopher zu schützen. Diabolische Freude funkelte in seinen Augen – und befreite mich aus meiner Angststarre.

Christopher wusste, von wem ich den Dämonendolch bekommen hatte. Doch die Bedingungen des Pakts, den ich angeblich geschlossen hatte, kannte er nicht. Wenn er von Sanctifers Brief gewusst hätte, wäre er jetzt an meiner Stelle hier – und genau deshalb hatte ich ihm auch nichts gesagt. Dennoch, früher oder später würde er dahinterkommen. Schließlich konnte ich ja nicht einfach für ein Jahr verschwinden, ohne dass Christopher das bemerkte. Dieses Problem musste ich später lösen. Aber ich stand ja auch nicht in Sanctifers Folterkammer, um über einen Pakt zu verhandeln, sondern um Philippe zu befreien. Ihn bis zum Sommer in Sanctifers Gewalt zu wissen war undenkbar.

»Und was wird aus Philippe?«, fragte ich angriffslustig.

»Als Zeichen meines Vertrauens überlasse ich ihn dir – vorerst jedenfalls. In seine Welt zurückbringen musst du ihn jedoch allein.«

Wie auf ein Zeichen hin öffnete sich die prunkvolle Doppeltür. Zwei bewaffnete Engel traten ein. Mein Treffen mit Sanctifer war beendet, seine Drohung, Philippe als Druckmittel einzusetzen, ausgesprochen.

Eskortiert von den nervösen Wachen, deren Lanzen angriffsbereit auf meinen Rücken zielten, verließ ich den Gefängnistrakt des Dogenpalastes durch einen anderen Zugang. Anstatt düsterer Flure mit Folterzellen durchquerten wir ein mit Fresken verziertes Treppengeflecht. Meine Hoffnung, hier auf Philippe zu stoßen, erfüllte sich nicht. Dafür verlor ich in dem dreidimensionalen Gefüge schnell die Orientierung, weil ich mich nicht überwinden konnte, mir die grausamen Abbildungen der gequälten Geschöpfe anzusehen, mit deren Hilfe meine Begleiter den Weg nach oben fanden. Dass sie mir erst am Ende der Treppenhalle die Augen verbanden, war sicher kein Zufall.

Grob schubsten sie mich einen dumpf hallenden Flur entlang, in dem es zunehmend nach Salz roch. Als am Ende ein Boot und nicht Aron, mein nach Meer riechender Tutor, auf mich wartete, fühlte ich einen kurzen Anflug von Erleichterung. Sie verschwand, als Arons Anblick sich vor meinem inneren Auge manifestierte. Eine passende Erklärung, warum ich im Alleingang versuchte, meinen besten Freund aus Sanctifers Händen zu befreien, hatte ich noch keine. Und ob ich das zuerst Aron oder Christopher beichten sollte, wusste ich auch noch nicht. Sauer würden beide werden.

Das weiche Etwas, über das ich stolperte, nachdem die Kajütentür ins Schloss gefallen war und sich die Gondel in Bewegung gesetzt hatte, stöhnte gequält: Philippe! Erleichtert atmete ich auf, da ich inzwischen nicht mehr daran geglaubt hatte, dass Sanctifer sein Versprechen einhalten würde, und riss mir die Augenbinde vom Kopf. In dem fensterlosen Rumpf nützte das nur wenig. Vorsichtig tastete ich mich durch die Dunkelheit. Ein wuscheliger Haarschopf wand sich aus meinem Griff.

»Lass mich … schlafen. Dann … verschwindet … die Kälte.«

Meine Alarmglocken schrillten alle auf einmal. Philippe schlotterte nicht nur, als wäre er auf Eis gebettet, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ob seine Seele tatsächlich in Gefahr war oder Sanctifer mir nur etwas vorgemacht hatte, spielte keine Rolle. Philippe schien am Ende seiner Kräfte zu sein und ich die Einzige, die ihm helfen konnte. Behutsam wickelte ich ihn in meinen schwarzen Umhang, hievte ihn auf die Sitzbank und setzte mich neben ihn, um ihn zu wärmen.

»Ich bringe dich zurück, in Sicherheit«, versprach ich leise, während ich ihm beruhigend über den Rücken strich.

Ein Rumpeln, und ich kippte von der schmalen Bank. Philippe konnte ich gerade noch abstützen, damit er nicht auch auf dem Boden landete. Entweder war der Gondoliere blind oder etwas hatte uns gerammt. Ein zweiter Schlag katapultierte mich wieder auf Philippe zu. Er stöhnte, als ihn zuerst die Bordwand und danach mein Ellbogen traf – irgendetwas stimmte hier nicht.

Mit einem geflüsterten »Alles wird gut!« fuhr ich kurz durch Philippes Haare, bevor ich im Dunkeln nach der Kajütentür tastete. Gerade als die Gondel ein weiteres Mal gerammt wurde, drückte ich die Klinke und flog förmlich zur Tür hinaus. Dass nur meine Knie und nicht auch mein Kopf auf dem harten Schiffsboden aufschlugen, verdankte ich Arons Gleichgewichtstraining. Philippe hatte weniger Glück, wie mir der dumpfe Aufprall verriet, dem ein Schmerzenslaut folgte.

Ich ließ ihn, wo er war. Tiefer konnte Philippe nicht fallen – zumindest nicht im Moment. Um ihm wirklich zu helfen, musste ich ein anderes Problem lösen und ihn in seine Welt zurückbringen. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte. Wir trieben irgendwo in einer führerlosen Gondel in einem stockdunklen Kanaltunnel.

Um nicht erneut von den Beinen gerissen zu werden, robbte ich auf allen vieren zum Heck der Gondel. Dass dort ein Ruder auf mich wartete, überraschte mich. Doch irgendwie passte es zu Sanctifer, mich im Dunkeln stochern zu lassen.

Das Boot verlor an Geschwindigkeit, aber mehr als ein leises Plätschern, sobald die Bugwelle auf die Schachtwände traf, war nicht zu hören – worüber ich eigentlich froh sein sollte. Mulmig wurde mir trotzdem. Dass Sanctifer Irrlichter oder eine andere dämonenhafte Spezies auf mich hetzte, konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Als sich das Plätschern plötzlich in der Tiefe verlor, stemmte ich das Ruder so fest wie möglich gegen die Kanalwand, um das Boot zu stoppen – allerdings gab es keine Wand mehr.

Kopfüber plumpste ich in das brackige Wasser. Frostige Kälte umgab mich. Alte Ängste erwachten. Dunkelheit in Kombination mit eisigem Wasser hasste ich. Panisch erstickte ich die Erinnerung an das Totenreich. Meinem sich verabschiedenden Verstand einzutrichtern, dass ich jetzt ein Racheengel war und mich vor Wesen wie der Totenwächterin nicht mehr zu fürchten brauchte, erwies sich dennoch als schwierig. Die Mutmachparolen wirkten nur langsam.

Erst als ich das Anlegeseil der Gondel zu fassen bekam, wieder wusste, wo oben und unten war, das Wasser zwar kalt, aber friedlich um mich herumschwappte und nirgends ein Anzeichen von etwas Lebendigem zu fühlen war, beruhigte ich mich allmählich wieder. Ein schwacher Lichtschimmer half mir, ruhig zu bleiben. Er fiel durch einen Türspalt und tauchte die davorliegende Anlegestelle in schummrig gelbes Licht.

Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen zog ich die Gondel zu der Kaimauer, kletterte an Land und befestigte das Boot. Philippe ließ ich sicherheitshalber zurück. Schließlich wusste ich nicht, wo und bei wem ich gelandet war. Mir einen Hoffnungsschimmer zu schicken, der in die Hölle führte, traute ich Sanctifer allemal zu.

Hinter der Tür empfing mich funkelndes Gold. Geblendet schloss ich die Augen, bis mir einfiel, dass es nicht besonders schlau war, blind in die Arme eines Racheengels zu stolpern. Die mit goldenen Mosaiksteinen verzierten Wände und die Wendeltreppe konnten nirgendwo anders hinführen als in die Markuskirche.

Lautlos schlich ich die Stufen nach oben. Dass die Treppe in eine Art Beichtstuhl führte, kam mir äußerst gelegen, weil ich so unbemerkt die Basilika ausspionieren konnte. Am Ende meiner Prüfung war ich hier von sechs Racheengeln empfangen worden. Heute stand der schwarze Altar, auf dem sich das goldgelbe Licht der Wände widerspiegelte, einsam und verlassen unter der zentralen Kuppel.

Um sicherzugehen, dass ich wirklich allein war, blieb ich in meinem Versteck und wartete. Solange Philippe noch im Boot war, wollte ich weder auf Christopher noch auf einen anderen Engel treffen. Ganz ohne Hilfe würde es jedoch schwer werden, Philippe in seine Welt zurückzubringen. Denn im Gegensatz zu einem normalen Engel fehlte mir die Fähigkeit, Portale zu spüren, mit denen man die Welten wechseln konnte. Außerdem benötigte ich ein passendes Wächterband, um diesen Zugang zu öffnen – dazu brauchte ich Paul.

Paul und ich hatten den größten Teil der Engelprüfungen gemeinsam bestritten. Im Grunde verdankte ich es ihm und seinem Können, überhaupt bis zu meiner Racheengelprüfung gekommen zu sein. Auch er war Schüler im Schloss der Engel und würde, wie ich, dorthin zurückkehren. Ich, um mein Racheengeltraining fortzusetzen, und Paul, um seine Wächterengelausbildung zu beginnen. Philippe durch das Portal des Palazzos zu schmuggeln, wo Paul untergebracht war, würde eine Kleinigkeit für ihn werden – und das eine Weile geheim zu halten, hoffentlich auch.

Nachdem ich mich abgesichert hatte, dass die Markuskirche engelfrei war, schlich ich zu Philippe zurück. Er fror noch immer erbärmlich und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Selbst das goldfunkelnde Licht schien ihm nicht besonders gut zu bekommen. Mit geschlossenen Augen ließ er sich von mir die schmale Wendeltreppe nach oben schieben, um dort völlig entkräftet in den Beichtstuhl zu sinken.

»Philippe«, flüsterte ich ihm ins Ohr. »Du kannst dich jetzt nicht ausruhen. Wir müssen weiter!« Entschlossen packte ich ihn unter den Schultern und zerrte ihn hoch. Obwohl Philippe eher zu den Schlaksigen gehörte, kostete es mich einiges an Kraft, bis er endlich wieder auf seinen Beinen stand. Ihn durch die Basilika bis zum Palazzo zu schleppen würde nicht leicht werden. Vielleicht sollte ich Philippe hierlassen und Paul bitten, mir zu helfen, ihn abzuholen.

Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Noch bevor ich einen Blick durch das Holzgitter werfen konnte, schwang es auf. Eine riesige Pranke packte meinen Arm und hielt mich fest. Ich konnte Philippe gerade noch in den Beichtstuhl zurückdrücken, bevor ich aus meinem Versteck gerissen wurde.

»Sieh einer an. Gerade frisch geschlüpft und schon auf Abwegen?!«