Epilog
„Männer“, sagte die die schwarzgekleidete Alte, „darf man nicht aus den Augen lassen.“
„Noch Kuchen, Frau von Orven?“, fragte Catty und wies auf den Teller.
„Nein, danke“, sagte Charly und wandte sich an die Leichenwäscherin. „Ich freue mich, dass ich nun Gelegenheit habe, Ihnen nochmals persönlich für Ihr Eingreifen zu danken – damals im …“ Sie verstummte.
Frau Schwanberger nickte.
„Im Gefängnis“, fügte sie in ihrem starken bayerischen Dialekt hinzu. „Netter junger Mann. Aber auch dem muss man auf die Finger schauen. Allen Männern.“
„Stimmt“, sagte Fräulein Flenckmann. „Wie geht es dem Patienten?“
„Seine Mutter schrieb, er sei um eine angesehene, ehrenwerte Karriere bemüht.“
„Ah. Sterben tut Menschen nicht gut“, seufzte die Alte. „War er nicht Maler?“
„Ist er noch. Im Herzen wird er immer Maler sein“, versicherte Catty hitzig.
„Catrin! Mäßigen Sie sich!“, schalt Fräulein Draiss.
Charly lachte.
„Sie hat doch recht. Im Herzen wird er wirklich immer Maler sein. Ich habe einige seiner Arbeiten gesehen. Er ist gut, und sehr … weitsichtig.“
„Nun reden Sie dem Kind nicht noch zu. Der Mann ist ein halber Sí!“
„Ich weiß. Es ist aber nicht sein Fehler, und er ist fast ausschließlich Mensch. Er liebt sie von ganzem Herzen. Sein Leben hätte er für sie gegeben. Im übrigen macht sie mir nicht den Eindruck, als bedürfe sie in der Angelegenheit meines Zuredens.“
Catty lächelte Charly an. Endlich war mal jemand auf ihrer Seite. Fräulein Draiss mochte Thorolf nicht. Das mochte daran liegen, dass er ein Halb-Feyon oder einfach daran, dass er ein Mann war. Die Wochen nach der schrecklichen Nacht waren seltsam gewesen. Die Dienerschaft hatte nie bezweifelt, dass Fräulein Draiss schon die ganze Zeit ihre Gouvernante war. Das Begräbnis ihres Vaters war traurig gewesen, aber auch eine sehr illustre Angelegenheit, denn es kamen alle möglichen wichtigen Leute, Dichter, Philosophen, Künstler, Musiker und Erfinder. Niemand vermisste Lucilla groß – schon gar nicht Catty.
Sie besaß nun einen Vormund, bis sie volljährig war. Getroffen hatte sie ihn nur einmal. Er hatte ihr einige Dinge erklärt, wobei er immer wieder unsicher die Dame neben ihm konsultiert hatte, Thorolfs ehemalige Nachbarin.
„Fräulein Lybratte“, fuhr Charly fort. „Ich möchte Ihnen nachträglich mein Beileid zum Tode Ihres Vaters aussprechen. Mein Mann hat ihn sehr geschätzt.“
Catty nickte.
„Danke. Es ist ein großer Verlust – nicht nur für die Familie.“
Sie hatte wieder das Bild vor Augen, in dem der Gatte dieser Frau in wilder Leidenschaft seinen Körper immer wieder in den Lucillas stieß, und das über eine ausnehmend lange Zeit – zumindest war es ihr so vorgekommen. Sie fragte sich, ob irgendjemand Frau von Orven je von dem sinnlichen Abenteuer ihres Gatten berichtet hatte.
„Tut mir leid, dass wir nicht zur Beerdigung kommen konnten“, entschuldigte sich ihr Gast. „Doch die Gesundheit meines Mannes erforderte, dass wir sofort etwas unternahmen.“
„Das denke ich doch“, grinste Frau Flenckmann. „Wenn man so schnell und plötzlich gesundet, ist das schon ein Wunder. Ich habe gehört, Sie sind auf eine Wallfahrt gegangen?“
Charly errötete bis zu den Haarwurzeln.
„Wir fanden es nötig, nach Altötting zu pilgern. Zur schwarzen Madonna.“
„Da ist es hübsch. Da war ich auch schon“, sagte Frau Schwanberger. „Da gibt es dauernd Wunder.“
„Eine kluge Entscheidung“, fügte Fräulein Draiss hinzu.
„Mein Mann war nicht der Meinung. Er fürchtete, es sei Blasphemie. Doch er hatte auch keine bessere Idee, und wir brauchten für seine unerwartete Gesundung ja eine Erklärung.“
„Die Kirche freut sich gewiss über ein weiteres Wunder.“
„Ja, schon, aber es war ja …“ Sie errötete nochmals.
„Genau“, sagte Fräulein Flenckmann. „Bei der Dame, die für die schnelle Genesung verantwortlich war, handelt es sich keinesfalls um die heilige Jungfrau. Das wissen wir.“
„Ach? Sie wissen …?“ Es war Charly augenscheinlich äußerst peinlich.
„Wir waren in jener Nacht alle hier.“
„Oh. Wie ausgesprochen …“
„Peinlich?“, fragte Frau Schwanberger. „Das muss Ihnen nicht peinlich sein. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was geschah. Offenbar ist Ihr Gatte ein ehrlicher Mann.“
„Ja.“
„Doch nun müssen Sie ihm Dinge verschweigen.“
„Weshalb?“
„Weil Sie auserkoren sind.“
„Wozu denn?“
„Wir nennen es Wohltätigkeitsarbeit. Frauen müssen zusammenhalten – besonders solche, die gewisse Talente haben. Sie, so habe ich gehört, spüren, wenn man Sie magisch manipuliert?“
Charly musterte die Damengesellschaft und blickte von einem Gesicht ins nächste.
„Es ist kein angeborenes Talent. Jemand hat es mich gelehrt.“
„Gut!“, sagte die Alte aus dem Zuchthaus. „Das heißt, Sie sind lernfähig. Wir müssen alle lernen und geben unser Wissen an die weiter, die nach uns kommen.“
Charly legte ihren Löffel weg.
„Wer sind Sie?“
„Hat Ihr Gatte Ihnen nicht von uns erzählt?“
„Sein Gedächtnis, was jene Nacht angeht, ist etwas ungenau.“
Catty nahm an, es müsse wohl schwer sein, so viel Leidenschaft mit Lucilla zu vergessen.
„Das männliche Gedächtnis war schon immer anpassungsfähig“, bemerkte Fräulein Draiss gehässig. „Manches vergessen Männer mit absoluter Leichtigkeit, während andere Dinge – ganz besonders solche, die ihnen Freude bereiten – für immer und ewig in ihren Hirnen bleiben.“
Die Frauen starrten einander an.
„Ist das so?“, sagte Charly schließlich und hob eine Braue.
„Männer haben keine Begabung für Details“, griff Fräulein Flenckmann ein. „Hat Ihr Mann uns nicht erwähnt?“
„Nicht erschöpfend. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger scheint er sich zu erinnern. Können Sie mir bitte sagen, warum Sie mich eingeladen haben? Ich verstehe es nicht ganz. Alles schien so geheimnisvoll.“
„Wir brauchten eine Fünfte, um Bridge zu spielen.“
„Eine Fünfte?“
„Unsere Art, Bridge zu spielen, ist anders, Frau von Orven. Was wissen Sie von uns?“
„Ich weiß, dass Fräulein Lybratte, von einer Tortur gerettet wurde, die mit zwei Fey-Kreaturen zu tun hatte. Außerdem habe ich Sie, Frau …“
„Schwanberger!“
„Frau Schwanberger unter merkwürdigen Umständen im Zuchthaus getroffen. Sie, Fräulein Flenckmann, kamen zu mir ins Haus und wurden mir als Krankenpflegerin vorgestellt – die gerade einige erkrankte Mitglieder einer Magierloge pflegte.“
Die Krankenschwester schmunzelte.
„Das ist vorüber. Es geht ihnen allen wieder gut, und sie sind damit beschäftigt, Theorien zusammenzuzimmern, die das, was geschehen ist, erklären. Manche davon sind entschieden unterhaltsam. Andere wieder recht nah an der Wahrheit.“
„Sie bräuchten doch nur Mr. Sutton oder Mr. McMullen fragen.“
„Also“, begann die Gouvernante ihren trockenen Kommentar, „Mr. Sutton erinnert sich nicht mehr an Details, hat aber behalten, dass die Herren unendlich erfinderisch und heldenhaft waren, genauso wie Gentlemen eben sein sollten. Er wird wohl bald in den Rang eines Meisters versetzt, vorausgesetzt, seine Kollegen können sich jemals darauf einigen, dass es Drachen tatsächlich gibt. Allerdings sind Einigungen nicht ihre Stärke. Mr. McMullen dagegen, so sagte man mir, ist inzwischen geschickter darin, allen Fallstricken irgendwie auszuweichen.“
„Woher wissen Sie das?“, fragte Charly fasziniert.
„Meister des Arkanen pflegen ihre Logengebäude nicht selbst zu putzen. Sie stellen für so etwas Frauen an“, gab die Frau mit dem Krückstock zur Antwort.
„Sie spionieren sie aus?“, fragte Charly besorgt. „Sie spionieren Meister des Arkanen aus?“
„Nicht doch“, beruhigte die Krankenschwester. „Wir halten uns lediglich auf dem Laufenden. Wir machen unsere Arbeit und sammeln die Informationskrumen auf, die uns in den Weg kommen. Richtiges Spionieren wäre zu riskant. Diese Männer sind gefährlich.“
„Die Welt gehört den Männern. Das ist Ihnen wohl nicht verborgen geblieben“, sagte Fräulein Draiss.
„Sicher nicht. Es ist kaum ein Geheimnis, glauben Sie mir.“
„Männer streben nach Macht. Wir nicht. Wir räumen hinter ihnen auf, manchmal eben auch vor ihnen und um sie herum.“
„Sie sind ... Hexen?“
„Wir sind intelligente Frauen, die daran festhalten, einen eigenen Willen und eigene Gedanken zu haben. Wir ... haben Sinn fürs Detail. Deshalb treffen wir uns. Zur Wohltätigkeitsarbeit. In kleinen Gruppen tun wir das. Wir lernen und erweitern unser Wissen, und wir geben dieses Wissen weiter. Wir machen das heimlich, denn man würde uns nicht billigen, obwohl ein Urteil nur auf Missverständnissen beruhen könnte. Nichts, was wir tun, ist ehrenrührig. Wir sind durchaus fromm, gehen in die Kirche – manche von uns mehr als andere. Das ist auch schon alles. Sollten Sie sich auf Besenritte freuen, muss ich Sie enttäuschen. Die einzigen Besen, die wir handhaben, sind die, mit denen wir hinter Entscheidungen von Männern den Dreck wegräumen.“
„Ich bin also ... auserkoren?“
„Das sind wir sind alle. Wir alle haben ein Talent und bemühen uns, dazuzulernen. Selbst Catty muss noch viel lernen. Zum Beispiel, wie sie ihr Ausnahmetalent kontrolliert. Sich ungeplant in eine Katze zu verwandeln mag in manchen Situationen recht unangenehm werden.“
Catty, die statt zuzuhören gerade daran dachte, wie es gewesen war, von Thorolf wild geküsst zu werden, errötete.
„Dann sind Sie ein ... Hexenzirkel?“, fragte Charly vorsichtig.
„Nicht doch. Wir sind ein wohltätiger Frauenclub, der sich relativ regelmäßig zum Kaffeeklatsch trifft. Das ist auch schon alles.“
„Sofern sie nicht gerade Menschen vor Drachen und Riesenspinnen retten.“
„Erfreulicherweise ist das die Ausnahme. Männliche Arroganz ist ein weit ärgerlicherer Feind – und omnipräsent.“
„Noch Kaffee, Frau von Orven?“, fragte Catty.
„Ja, bitte.“
„Zucker? Sahne?“
„Ja bitte.“
„Nehmen Sie doch noch ein Stück Kuchen!“
„Besser nicht. Er schadet der Figur, und ich … sagen Sie, gibt es ein magisches Mittel, um schlanker zu werden?“
„Drachen zu bekämpfen ist leichter, glauben Sie mir“, seufzte Fräulein Flenckmann, die anscheinend Expertin in dieser Frage war.
„Sie könnten versuchen zu lernen, sich in eine Katze zu verwandeln“, schlug Catty schelmisch vor.
„Dann wäre ich vermutlich eine ziemlich große, kräftige Katze“, überlegte Charly. „Doch ich denke, das würde den Humor meines Mannes weit überfordern.“
„Da haben Sie gewiss recht!“, murmelten die Frauen.
„Noch jemand Kaffee?“