Kapitel 72

„Er kommt zu sich!“, sagte eine Frauenstimme weit entfernt von Ians Verstand. Der Schall waberte wie ein durchsichtiger Schleier zwischen ihm und der Welt. Ian brachte ihn nicht in Einklang mit dem Bergmassiv, das sein Denken geformt hatte. Er träumte. Doch das war unmöglich, denn er selbst war der Weber der Träume. Oder nicht? Der Salzfels schmolz aus seinem Sinn, und er begriff, dass er irgendwo lag.

„Gott sei Dank!“

Eine weitere Stimme. Die kannte er: Sutton. Eine Hand ergriff seine Schulter und schüttelte ihn.

Ian schlug die Augen auf und sah sich um. Er befand sich in einem der Gästezimmer der Loge, lag dort auf einem weichen Bett. Diese Räume waren den umherreisenden Logenbrüdern vorbehalten, die sich bisweilen hier einfanden. Sie waren gut ausgestattet, doch zumeist standen sie leer.

Jemand hatte ihm den Rock ausgezogen und den Hemdkragen geöffnet. Er spürte eine kühle Brise auf der Haut. Frühlingsluft. Sein Geist wirbelte erneut durch die Erinnerung an Schneeschmelze in den Bergen. Tausende von Frühlingen rasten durch sein Gedächtnis und verschwanden in der Erkenntnis, dass die Erinnerungen nicht ihm gehörten. Schon war das beklemmende, fremde Gefühl in ihm verschwunden, und er versuchte, den Nachgeschmack daran irgendwo in der hintersten Ecke seiner Gedanken zu verbergen, dort wo er auch den Rest seines Abenteuers abgelegt hatte.

„Was …?“

„Sie sind ohnmächtig geworden.“ Sutton setzte sich neben ihn aufs Bett. Er wirkte erleichtert. „Die Pflegerin meint, es könne eine Herzattacke gewesen sein. Doch es geht Ihnen wohl schon besser.“

„Ach ja?“

„Erinnern Sie sich, was passiert ist?“

Tat er das?

„Man hat mir Fragen gestellt, die … ich nicht beantworten konnte.“

Ihm wurde klar, dass er nicht deutlicher werden konnte, solange die Pflegerin anwesend war. Sie wusste nicht, was für eine Art Institut dies war und sollte es auch nicht herausfinden.

Auf der anderen Seite war sie eine fachkundige Frau und vermutlich nicht völlig debil, selbst wenn Sutton sie wenig attraktiv fand und die meisten Logenbrüder Frauen für grundsätzlich nutzlos hielten. Es war schwerlich vorstellbar, dass sie nicht gemerkt haben sollte, dass dies mehr war als nur eine Bildungsanstalt mit einer erschreckend hohen Komarate.

Er setzte sich auf.

„Wo sind der Groß… Professor Urqhart und Valerios?“

„Sitzen im Büro und schämen sich. Es gibt Leute, die nichts davon halten, Studenten so zu quälen, dass sie eine Herzattacke erleiden.“

„Wer denn?“

„Ich zum Beispiel.“

„Wer noch?“

„Ich zum Beispiel.“

Dass die Pflegerin sich einmischen würde, hatten sie nicht erwartet. Wie ein perfekter Butler war sie so im Hintergrund gewesen, dass die beiden Männer ihre Anwesenheit fast vergessen hatten.

„Ah … Frau …“

„Fräulein. Fräulein Flenckmann, und machen Sie sich mal keine Gedanken, junger Mann. Erholen Sie sich. Sie sollten jetzt nicht gleich wieder herumspringen. Haben Sie immer schon Herzprobleme?“

„Nein. Mir geht es gut. Vielen Dank. Ich neige nur dazu, manchmal ein wenig überzureagieren.“

„Ihre Überreaktion hätte Ihnen fast ein frühes Grab beschert, Mr. McMullen. Sie müssen besser auf sich achtgeben.“

„Das sagt in letzter Zeit jeder.“

„Dann sollten Sie einen so gut gemeinten Rat auch annehmen. Seien Sie froh, dass Sie nicht im Koma liegen wie Ihre Professoren. Sie sahen gar nicht gut aus, als Ihre Lehrer Sie zu mir gebracht haben, ganz blass und durchscheinend.“ Sie musterte ihn kritisch, dann grinste sie. „Allerdings waren Ihre Lehrer nicht minder blass.“

Ian schwang die Beine aus dem Bett.

„Nun“, sagte er, „immerhin lebe ich noch. Das ist mehr, als ich erwartet habe. Zumindest ist es eine angenehme Überraschung.“

„Ihre Herzbeschwerden“, sagte Sutton, und seine linke Augenbraue zuckte dabei, „brauchen … einen Spezialisten. Damit Sie dieses Problem vom Hals bekommen – ein für alle Mal.“

Ian lächelte.

„Das sagt sich so einfach, Br… Sutton. Der … Spezialist, der sich bislang damit befasste, hat dazu sicherlich seine eigene Meinung.“

„Dann sollten Sie eine zweite Meinung einholen. Außerdem eine dritte, vierte und elfte, wenn’s sein muss. Zusammen könnten wir vielleicht … könnte man sicher etwas erreichen.“

„Ich möchte ihn ungern … kränken. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Herren Professoren Urqhart und Valerios noch nicht fertig sind mit meiner … Prüfung?“

„Ja.“

„Wie schön.“ Ian stand auf und spazierte zum Fenster, um etwas frische Luft zu atmen. „Haben Sie Catty?“, fragte er, doch Bruder Sutton sah ihn nur verständnislos an. „Die Katze! Ich hatte sie hierher mitgebracht, damit man ihr hilft.“

„Ich habe keine Katze gesehen.“ Sutton stand neben ihm und sah ebenfalls hinaus auf die Straße. Keiner von ihnen wusste genau, wie sie dieses Thema besprechen sollten, solange die Pflegerin noch im Raum war. Es sähe allerdings auch recht undankbar aus, sie nun einfach davonzuschicken. Vielleicht mochte der Adept ihr ja den Gedanken eingeben, dass sie dringend wo anders gebraucht würde. In der Tat blickte er sehr konzentriert drein und vollführte eine winzige Geste in ihre Richtung mit den beiden kleinsten Fingern seiner Linken.

Die Frau lächelte, schüttelte das Bett neu auf, goss Tee aus einer Kanne in eine Tasse und reichte diese schließlich Ian.

„Trinken Sie das. Das wird Ihnen guttun.“

Er nahm die dargebotene Tasse und unterdrückte ein Grinsen, als er in das irritierte und überraschte Gesicht seines Kollegen blickte.

Höchstwahrscheinlich trug die Frau ein Amulett gegen magische Beeinflussung. Wenn das so war, dann lag es nahe, dass sie wusste, wo sie gelandet war. Warum sollte es ihr auch entgangen sein? Frauen zu unterschätzen war in reinen Männergemeinschaften eine wohlgehütete Tradition.

„Der Tee schmeckt furchtbar.“

„Es ist Medizin. Bitter auf der Zunge, aber herzstärkend. Sie suchen eine Katze?“

Sie stand nun zwischen Ian und Sutton. Alle drei blickten aus dem Fenster, und Ian konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie alle drei etwas zu verbergen hatten.

Er blickte über das Kopfsteinpflaster hinweg, wo Karren und Kutschen in nicht unerheblicher Zahl unterwegs waren. Das Logenhaus stand nicht in einer ruhigen Hinterstraße, sondern direkt an einer der geschäftigen Hauptstraßen, die durch die Maxvorstadt hinaus gen Nordwesten führte. In einem Block neuerer Gebäude, von denen die Hälfte öffentliche Einrichtungen waren, fiel das große, aber äußerlich eher unauffällige Logengebäude nicht weiter ins Gewicht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es einige Mietshäuser, die meisten ziemlich neu. Aroria legte Wert auf den Anschein vollkommener Normalität.

Er sah, wie die Katze aus einem Fenster gegenüber sprang und durch die Luft flog, und konnte einen überraschten Aufschrei nicht unterdrücken.

„Was ist?“, fragte Sutton.

„Da! Das ist Catty! Wie ist sie nur hier rausgekommen? Wo kann sie gewesen sein?“

Die Katze rannte auf das Logenhaus zu.

„Großer Gott! Das ist er!“, fluchte Sutton und wies auf einen weißhaarigen Mann, der direkt vor ihrem Gebäude stand und dessen Eingang musterte. „Ihr Freund!“

„Mein Freund? Den habe ich noch nie zuvor gesehen! Doch das ist ein …“ Er hielt gerade noch inne, bevor er das Wort aussprach, Feyon. Verdammt sollte sie sein, die Neugierde dieser Pflegerin! Doch er spürte es ganz deutlich, konnte es sehen, fühlen, ja beinahe riechen. Der Mann, der dort vor ihrem Haus stand, war kein Mensch.

„Schlimm!“, brummte die Krankenpflegerin. „Eine wirklich schlimme Sache!“

Die Katze rannte direkt auf das Haus zu, und Ian kletterte aufs Fensterbrett, gefolgt von Bruder Sutton. Das Erdgeschoss war nicht allzu niedrig, damit Passanten nicht zufällig in die Fenster blicken konnten, doch es war flach genug, um zu springen. Er sprang.

„Warten Sie!“, flüsterte Sutton, und Ian konnte weitere Geräusche hinter sich ausmachen.

Der Weißhaarige stand mit dem Rücken zu Ian und hielt den Blick auf die sich nähernde Katze gerichtet. Da war sie auch schon, sah ihn, als sie ihn beinahe erreicht hatte, versuchte noch anzuhalten. Ihre Panik war weithin fühlbar, stand fast physisch im Raum. Die Katze warf ihren ganzen beweglichen Körper herum, kleine Krallen kratzten über Steinboden, und schon war sie in der entgegengesetzten Richtung unterwegs, ohne noch um sich zu blicken. Doch nun fand sie sich zwischen den riesigen Hufen belgischer Brauereipferde wieder. Gigantische Hufeisen knallten auf die Straße, und die kleine Katze sprang und wand sich zwischen ihnen. Sie jaulte und schrie, fand keinen Weg aus dem Labyrinth von vierundzwanzig tödlichen Hufen, die den Boden um sie herum erschütterten und sie in wenigen Augenblicken zu Matsch treten würden.

Der Kutscher ließ die Pferde nicht einmal langsamer laufen. Falls er die Not des kleinen Lebewesens vor sich überhaupt wahrnahm, machte es ihm offenbar nichts aus, dass die Stadt gleich eine Katze weniger haben würde.

Dann standen die Pferde ganz still. Eine Dame in einem eleganten Kleid hielt das Halfter des ersten Pferdes in der Hand. Glänzende Blondlocken flatterten im Wind unter einer modischen Hutkreation, deren weiße Federn fast wie Flügel wehten.

„Hierher!“, befahl sie mit einer klaren Stimme, die scharf durch den Tag schnitt. Die Katze machte einen behutsamen Schritt auf sie zu.

„Hurtig. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“

Widerwillig kroch die Katze auf die Dame zu, wirkte wie ein geprügelter Hund.

Die vornehme Dame nahm sie hoch, wandte sich um und blickte kalt den Weißhaarigen an.

„Wieder ein Fehler von dir?“, sagte sie, und ihr Lächeln erinnerte Ian an einen Fleischwolf. „Hast du wenigstens gefunden, was du gesucht hast?“

„Fast.“

„Das muss warten. Uns geht die Zeit aus. Komm jetzt. Geh voran, mach auf!“

Die Welt öffnete sich zu einem Spalt. Ian stand wie erstarrt zwischen den Energielinien, die plötzlich um ihn zu Tauen erstarkten. Er fühlte sich eingeengt und merkte erst mit Verspätung, dass sowohl Sutton als auch die Pflegerin ihn festhielten, indem sie ihn zwischen sich geschoben hatten wie Wurst in einem plattgedrückten Pausenbrot. Viel zu nah und viel zu intim war diese Umarmung, fast schon ein wenig unanständig. Von hinten spürte er einen muskulösen Männerkörper an sich, während er vorne in einer Menge weichen Fleisches versank, an die er gar nicht erst einen Gedanken verschwenden wollte. Fräulein Flenckmann war nicht eben zierlich.

Er hörte, wie Sutton vor sich hin fluchte, während die Frau in einem hohen Gesang jammerte. Eine Träne lief über die Apfelbäckchen. Die beiden hatten ihn jeder Möglichkeit einer Bewegung beraubt. Er konnte nicht loslaufen, um Catty zu befreien oder die Entführer zu stellen. Er konnte den Weißhaarigen nicht dahin treten, wohin er ihn gerne getreten hätte. Er konnte gar nichts tun.

Ein Paar unendlich grüner, schöner Augen blickte – beinahe nur – in seine Richtung, der Blick schweifte dann irritiert ab, wirkte fast kurzsichtig einen Augenblick lang, dann sah die Dame auf das Gebäude und begann strahlend zu lächeln.

Die Welt schlug zu wie eine Tür, und die Energielinien verebbten. Kätzchen, Dame und weißhaariger Herr waren verschwunden.

Es war der Peitschenknall des Kutschers, der sie auseinanderfahren ließ. Das schwere Gefährt polterte mit einem Ruck los, als die Gäule wieder anzogen. Ian blickte von Sutton zu Fräulein Flenckmann. Beide bewegten sich auf ganz eigentümliche Weise, wanden sich, fassten mit den Händen in ihre Kleidung, zogen Silberketten hervor. Was immer daran gehangen haben mochte, war Asche und flog im Wind davon. Erst jetzt sah Ian Brandflecken auf der Kleidung beider.

„Jesus, Maria und alle vierzehn Nothelfer!“, rief die Frau jammernd. „Das war …“

„Sie! Sie haben unsere Auren abgeschirmt!“, rief Bruder Sutton und blickte ebenso fassungslos wie entsetzt drein. „Sie haben Magie gewirkt!“

„Aber Herr Professor … nein!“ Sie schien fast ein wenig zu schrumpfen, während sie dies beteuerte. „Ich doch nicht. Sie wissen doch, dass Frauen keine Magie wirken können. Ich hatte nur dieses Amulett. Von meinem Vater geerbt. Wer hätte gedacht, dass ich es einmal brauchen könnte? Aber keine Magie! Ganz gewiss nicht. Da irren Sie sich. Da können Sie jeden Magier fragen – nicht dass ich glaube, Magier würden überhaupt existieren … Ich glaube überhaupt nicht an arkane Dinge. Nicht ein bisschen abergläubisch. Aber fragen Sie nur einen Magier, der wird Ihnen sagen, dass Frauen keine Magie wirken können. Das geht gar nicht. Es ist grundsätzlich nicht möglich.“

Die Pflegerin sprach so schnell, dass ihre Worte sich fast überschlugen, und so schien auch der Sinn sich erst mit der Zeit zu erschließen.

„Sie haben Zauber gewirkt“, wiederholte Sutton. „Versuchen Sie mich nicht zu täuschen! Ich merke so etwas, und bei Ihnen habe ich es gemerkt. Sie haben mir geholfen, den Jungen zu verbergen!“

„Aber keineswegs, Herr Professor …“

„Nun geben Sie es schon zu!“

„Weshalb haben Sie mich verborgen?“, unterbrach Ian. „Warum haben wir nicht geholfen? Warum haben Sie mich aufgehalten?“

„Weil diese beiden Kreaturen Sie zum Nachtisch verspeist hätten!“, grummelte Sutton giftig, der inzwischen völlig seine Fassung zu verlieren drohte. „Weil Fräulein Flenckmann und ich dazu den Hauptgang abgegeben hätten. Herr im Himmel! Haben Sie die Ausstrahlung gespürt? So was habe ich noch nie in meinem Leben gefühlt!“

Die Pflegerin nickte. Dann hörte sie auf zu nicken, errötete und versuchte, ihr Nicken in ein Kopfschütteln umzuwandeln, das andeuten sollte, dass sie so gar nicht verstand, wovon hier die Rede war.

„Also wirklich, dazu kann ich nichts sagen. Ich weiß ja nicht einmal, wovon Sie sprechen.“

„Fräulein Flenckmann! Halten Sie mich für blind und einfältig?“

Ian unterbrach: „Ist das wichtig? Ich meine, ist das genau jetzt wichtig? Sie haben Catty. Ich gehe davon aus, dass der Mann – die männliche Kreatur – Lord Edmond gewesen ist. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass er hinter dem Mädchen her war. Wer die Frau war, weiß ich nicht, aber ich kann es mir immerhin vorstellen. Wo können Sie Catty hingebracht haben?“

„Ich verstehe nicht!“, beschwerte sich Bruder Sutton. „Frauen haben kein arkanes Talent. Es ist ihnen schlichtweg nicht gegeben. Jeder weiß das.“

„Ah ja?“ Ian wurde spöttisch. „Genauso wie Dampflokomotiven unmöglich sind, weil Menschen bei einer Geschwindigkeit, die die eines Pferdes übertrifft, automatisch tot umfallen? Vor dreißig Jahren wusste das auch jeder, und jeder hat dran geglaubt, ganz besonders die Fuhrunternehmer.“

Sutton starrte ihn an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder.

„Wirklich“, brummte die Pflegerin in einem weiteren Versuch, sich von dem Vorwurf zu exkulpieren, dass sie so etwas wie Hexerei betrieb. „Ich habe überhaupt nicht …“

„Können wir uns eventuell mit dem aktuellen Problem befassen?“, unterbrach Ian. „Eine junge Dame ist verschleppt worden. Sie braucht Hilfe. Wir brauchen alle Talente und Kräfte, die wir bekommen können, und es ist mir gänzlich einerlei, welchen Geschlechts diese Hilfe dann ist. Von mir aus könnten Sie alle beide gerne Hermaphroditen sein, das wäre mir auch egal.“

„Die Katze … war ein Mädchen?“, fragte die Pflegerin.

„Ja. Eine junge Dame. Ich habe sie hierher mitgebracht, damit man sie wieder in ihre eigentliche Gestalt zurückverwandelt.“

„Wie ist sie …?“

„Ich weiß nicht. Gehen wir erst mal in die Log… ins Institut und holen Hilfe.“

Sie wandten sich um und erstarrten. Das gesamte Haus war von feinen Energielinien eingesponnen. Es sah aus wie eine riesige Fliege, die sich in einem riesigen Spinnennetz verfangen hatte. Vorsichtig blickten sie um sich, doch keinem der Passanten schien etwas Außergewöhnliches aufzufallen. Tatsächlich war es anstrengend, das Haus überhaupt anzusehen. Ians Augen tränten.

„Heilige Maria, Mutter Gottes!“, rief die Frau aus.

Sie starrten es völlig konsterniert weiter an. Dann wandten sie sich gemeinsam ab.

„Meinen Sie, wir könnten durch das gleiche Fenster wieder einsteigen?“, fragte Ian.

„Keine gute Idee“, gab Sutton zurück. „‚Bist du erst mal drinnen – im Netz der Spinne …’“

„Ich hoffe, sie sind da drin nicht alle ins Koma gefallen!“ Die Pflegerin klang besorgt. „Es ist niemand da, der sich um sie kümmern kann! Wie furchtbar!“

„Das wäre in der Tat ein furchtbarer Schlag für diese altehrwürdige Lo… Lehranstalt für höhere Bildung“, sagte Sutton und blickte auf die Pflegerin hinunter. Sie nickte.

„Wir müssen Hilfe holen“, schlug sie vor.

„Wir brauchen einen Plan“, fügte Ian hinzu. „Wir sollten noch mal mit der Mutter meines Wohnungsgenossen, Frau Treynstern, sprechen, die mir erst heute Morgen erzählt hat, dass sie ein sehr unheimliches Erlebnis mit einer ausnehmend schönen Dame hatte, die zufälligerweise Cattys Stiefmutter ist. Frau Treynstern weiß möglicherweise mehr. Ich hoffe, wir treffen sie zu Hause an.“

„Was ist mit Ihrem Wohnungsgenossen? Würde der sie kennen?“

„Wenn das eben Frau Lybratte war, dann ja, und er wüsste auch, ob es sich bei dem Mann um Lord Edmond handelte.“

„Dann müssen wir zu ihm.“

„Ins Zuchthaus? Das wird nicht einfach.“

„Wieso Zuchthaus? Was hat er angestellt?“

„Ich weiß nicht. Vermutlich war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Er wurde bei der Festnahme schwer verletzt. Also scheidet er als Hilfe aus. Auch seine Mutter störe ich nur ungern. Die Polizei hat ihr angedeutet, dass er wohl nicht überleben wird.“

„Heiliger Himmel!“ Fräulein Flenckmann war voller Anteilnahme. „Einer Mutter so etwas Schreckliches zu sagen!“

„Schon. Aber sie und ihre Freundin wissen vielleicht mehr.“

„Dann müssen wir sie aufsuchen“, entschied Sutton, der immer noch sehr damit beschäftigt schien, in seinen Kopf zu bekommen, dass diese Frau mehr konnte als Nachttöpfe schwenken. „Sagen Sie, Fräulein Flenckmann, wie sind sie nur aus diesem Fenster gekommen?“

Sie sah ihn etwas entnervt an.

„Genau wie Sie, Herr Sutton. Ich bin rausgeklettert.“

„Das ist sehr erstaunlich. Sie müssen mir unbedingt sagen …“

„Bruder Sutton“, unterbrach Ian, „sie ist nicht auf einem Besen rausgeritten, und für Besenreitstunden wäre es jetzt auch wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Gehen wir!“