Kapitel 71

Sophie Treynstern reckte das Kinn. Sie zitterte ein wenig und versuchte das so gut wie möglich zu überspielen. Charly neben ihr sah müde und erschöpft aus, war so schockiert und verängstigt wie sie, wenngleich vielleicht auch aus anderen Gründen.

In einem Gefängnis war keine von ihnen je gewesen.

Nach viel weiblich-höflicher Beharrlichkeit hatte sich ein Herr freundlicherweise bereit erklärt, mit ihnen zu sprechen. Er war um die fünfzig, präzise gekleidet und schien nicht unbeeindruckt von seinem Amt. Er war Direktor des Gefängnisses, königlich bayerischer Beamter, und recht weit oben auf der Leiter beruflichen Erfolges bei der königlichen Jurisprudenz.

„Bitte, Direktor Hundthammer, lassen Sie mich zu ihm! Ich begreife ja, dass das möglicherweise nicht die übliche Vorgehensweise ist. Doch ich bin mir absolut sicher, dass er es nicht war. Um meinetwillen, bitte, lassen Sie mich mit meinem Sohn sprechen.“

„Frau Treynstern, es tut mir außerordentlich leid, das sagen zu müssen … aber es ist unmöglich.“

„Aber Herr Hundthammer, bitte verstehen Sie doch den Wunsch einer Mutter herauszufinden, was geschehen ist. Ich muss einfach …“

„Frau Treynstern, bitte verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche. Ich würde Ihnen ein Gespräch mit dem Gefangenen durchaus zugestehen, so ich könnte. Ich glaube nicht, dass grundsätzlich etwas dagegen spricht. Doch er ist nicht bei Bewusstsein. Er wurde bei der Festnahme verletzt. Wir haben ihm einen ausgezeichneten Arzt kommen lassen, den sehr renommierten Herrn Dr. Weber. Laut seiner Diagnose wird Ihr Sohn das Bewusstsein nicht wiedererlangen.“

Sophie starrte ihn an. Sie weigerte sich, das zu glauben. Thorolf konnte nicht fort sein. Er konnte nicht sinnlos sterben nach einer Rauferei mit der Polizei. Er war zu jung, zu lebendig, zu energisch, voller Pläne, Ideen und Talent. Das konnte nicht wahr sein. Ihr Verstand begriff es nicht. Es musste alles ein Irrtum sein. Charly hatte gesagt, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln konnte, als Sophie weinend und entsetzt zu ihr nach Hause zurückkam. Nichts als ein Missverständnis.

Thorolf konnte nicht plötzlich Vergangenheit sein, und wenn er in Gefahr war, wo war Arpad? Er wurde gebraucht, und wo war er? Lieber Gott, es konnte nicht wahr sein! Der Schmerz ließ sie fast zusammenbrechen, und sie hielt sich nur mit absoluter Disziplin und Willenskraft eisern aufrecht.

Thorolf hatte keine Frau angegriffen. Jedenfalls nicht so, nicht hinterhältig und mörderisch. Als Mutter neigte sie zwar dazu, ihn vielleicht zu positiv zu sehen, doch sie hatte seine Fehler nie geleugnet. Sein Hauptfehler war, dass er Frauen zu sehr mochte – und nicht allzu wählerisch war – doch er war nicht verkommen oder pervers, er hasste Frauen nicht. Sie wusste, dass manche Männer das taten.

Sein Vater attackierte Frauen, doch selbst er ließ sie nicht blutend und zerfetzt zurück, griff sie nicht an mit dem Ziel, sie zu verstümmeln oder zu ermorden. Den meisten Menschen mochte er dennoch als Ungeheuer gelten, doch er selbst sah sich als Liebhaber, und auch Sophie sah ihn so. Es konnte nicht das unheimliche Erbe sein, das bei ihrem Sohn einen solch ungeheuerlichen Angriff hervorgerufen hatte.

Nein, es war viel wahrscheinlicher, dass das Verschwinden Arpads und Askos damit zu tun hatte. Doch das mit dem Beamten zu besprechen war unmöglich. Er würde es nicht verstehen. Vielleicht würde er sie für verrückt halten – das half ihrem Sohn mit Sicherheit nicht. So riss sie sich in einem fast physischen Akt zusammen und versuchte, durch den Schmerz hindurch zu argumentieren. Der Schock nach einer bereits durchwachten Nacht machte sie unkonzentriert. Ihr Gesicht war heiß, ihre Hände eiskalt. Zwischen ihr und der Realität hatte sich scheinbar eine Trennschicht aufgetan, wie ein dicker Handschuh, der sie die Welt nicht mehr fassen und spüren ließ.

„Lassen Sie mich wenigstens Abschied nehmen, Herr Direktor. Lassen Sie mich ihn noch einmal sehen, bitte!“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort, und Charly nahm sie bei der Hand und drückte sie tröstend.

Der Mann war gerührt. Er war nicht herzlos. Vielleicht würde ihr das helfen. Sophie versuchte, ihm in die Augen zu sehen, doch ihr eigener Blick schwamm in Tränen, so sehr sie auch suchte, sie zu unterdrücken. Eine weinerliche Szene würde unweigerlich dazu führen, dass der Mann sie loswerden wollte.

Aber es tat so weh.

Sie wusste, sie sollte überzeugender flehen. Doch ihre Kehle war wie zugeschnürt beim Versuch, sich lautes Schluchzen zu versagen.

Charly sprach: „Bitte, Herr Direktor. Das kann doch sicherlich nichts schaden? Es würde meiner Freundin so viel bedeuten …“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie.

„Was gibt’s denn?“, rief Hundthammer ungehalten.

Die Tür öffnete sich einen Spalt weit, und der Sekretär, der im Vorzimmer gesessen hatte, streckte den Kopf herein, wobei ihm anzusehen war, dass er ungern störte.

„Es tut mir leid, Herr Direktor, aber es sind zwei kirchliche Herren hier, die Sie sprechen wollen. Ein Pater Ignaz und ein Bruder Gabriel. Sie sagen, es wäre dringend. Es geht um den Mörder …“ Der Mann warf Sophie einen schuldbewussten Blick zu und hüstelte nervös. „Es geht um den Verdächtigen, der letzte Nacht verhaftet wurde.“

„Ich habe Besuch.“

Das klang unfreundlich, und Sophie war nicht sicher, ob der Mann sich über ihre Anwesenheit ärgerte oder über die Unterbrechung.

„Sie sind sehr insistent!“, drängte der Sekretär.

„Bitten Sie sie zu warten …“

Die Tür wurde aufgestoßen, und zwei Neuankömmlinge betraten mit der gewichtigen Würde fremdländischer Gesandter den Raum, so dass der Sekretär nur noch Platz machen konnte. Zwei Mönche, dachte Sophie und sah dann ihre Amulette. Sie konnte nur raten, doch sie hatte keine Zweifel, was das für Gäste waren. Sie blickte zu Charly hinüber, die auch einen Augenblick lang extrem beunruhigt wirkte. Ganz unwillkürlich hatten sie sich beide von ihren Stühlen erhoben, um sich nach den neuen Gästen umzusehen. Nun senkten sie demütig ihre Blicke und versuchten, unauffällig zu wirken. Das letzte Mitglied dieser Organisation, das sie getroffen hatten, hatte keinerlei Skrupel gehabt, all die Menschen aus dem Weg zu räumen, die ihm in die Quere kamen.

„Verzeihen Sie, Direktor Hundthammer“, sagte der ältere der beiden Kuttenträger. „Dies ist von höchster Wichtigkeit und muss entsprechend sofort behandelt werden.“ Er streckte die Hand aus, in der er ein Dokument hielt, das ebenso wichtig und hochoffiziell aussah wie alt und vergilbt. „Dies ist das königliche Schreiben, das uns das Recht garantiert, jeden Gefangenen zu befragen, der verdächtig ist, unnatürlicher Abkunft zu sein.“

Der Gefängnisdirektor starrte sie geringschätzig an.

„Wir haben keine Gefangenen ... unnatürlicher Abkunft. Ich bin kein mittelalterlicher Kerkermeister. Ich sammle keine Hexen oder Hexenmeister, keine Gespenster oder Poltergeister. Ich leite eine Königlich Bayerische Strafanstalt und keinen Schauerroman.“

Sophie holte vorsichtig Luft. Die Luft fühlte sich an wie gebrochenes Glas. Woher wussten die beiden, dass es hier etwas zu finden gab? Was wussten sie über Thorolfs Abstammung? War dies ein Versuch auf gut Glück vonseiten jener Leute, die von sich glaubten, das Gute zu repräsentieren?

Wenn sie seinen Halbblutstatus feststellten, würden sie ihn ermorden. Sophie selbst würden sie vielleicht auch umbringen wollen, um eine Sünderin zu strafen, die vom Pfad der Tugend abgekommen war und mit dem Feind gelegen hatte. Jeden würden sie verfolgen, der irgendetwas mit Arpad zu tun hatte. Sie würden auch versuchen, Arpad zu finden, um ihn zu eliminieren. Hatten sie ihn vielleicht schon gefunden? Ließ er deshalb nicht von sich hören? Alles, was zwischen ihr und den ihren und der gesamten Brutalität der Bruderschaft stand, war die aufrechte, sachliche Sturheit eines königlich bayerischen Beamten.

Die Welt rauschte in ihren Ohren. Sie merkte, dass Charly sie stützte. Sie wäre am liebsten geflohen.

Doch sie blieb stehen.

„Ihre ach so fortschrittliche Haltung ändert nichts, Herr Hundthammer. Würden Sie jetzt bitte einen Blick auf das Dokument werfen?“

Der Direktor nahm es und entfaltete es. Er steckte sich sein Monokel vors Auge und begann zu lesen. Nach einigen Augenblicken sah er wieder hoch.

„Das ist fünfzig Jahre alt und wurde von König Maximilian unterschrieben. Es mag Ihnen ja entgangen sein, Hochwürden, aber unser derzeitiger Souverän ist König Ludwig II., dessen Urenkel.“

„Das Erlaubnisschreiben ist noch immer gültig. Es ist zeitlich unbegrenzt ausgestellt worden.“

„Damals hatten wir noch keine Verfassung. Folter war noch erlaubt, und der König hatte noch keine religiöse Freizügigkeit gestattet. Wir leben in moderneren Zeiten, Hochwürden.“

Der Diener Gottes trat einen Schritt vor.

„Ihre liberale Weltanschauung ist mehr als erstaunlich. Ich frage mich, ob sie für einen so hohen Beamten in der Tat angemessen ist. Ob ihre Vorgesetzten wohl um Ihre politischen Ansichten wissen? Oder wissen sollten?“

„Es liegt absolut nichts Revolutionäres darin, des Königs Gesetze in des Königs Gefängnis zu zitieren, Hochwürden. Ich verwahre mich aufs Entschiedenste gegen Ihre Anspielungen. Also, Hochwürden und verehrter Bruder Gabriel, wenn Sie hierher gekommen sind, um dem Gefangenen die letzte Ölung zu erteilen, dann bitte ich Sie, tun Sie das. Der Mann liegt im Sterben. Ich lasse Sie gerne hinbringen, und Sie können Ihre Christenpflicht tun. Dies hier ist die werte Frau Mutter des Verdächtigen, Frau Treynstern. Sie hat ebenfalls darum gebeten, ihren Sohn sehen zu dürfen.“

Die Aufmerksamkeit der beiden Kleriker wandte sich Sophie und Charlie zu.

Sophie sah die beiden Männer an und zermarterte sich das Gehirn, wie sie wohl reagiert hätte, wenn Thorolf nicht Arpads Sohn und sie nicht die ehemalige Geliebte eines Vampirs und die Mutter eines Feyon-Halbbluts gewesen wäre. Wie hätte sie reagiert, wenn sie – wie die meisten Menschen – noch nie von der Existenz der Bruderschaft des Lichts und deren Zerstörungswerk gehört hätte? In ihrem Magen formte sich ein Eisblock, und nun liefen ihr doch die Tränen über die Wangen.

Sie begegnete dem scharfen Blick des Mönches, der bislang im Hintergrund geblieben war, und sie merkte, wie Charlys Stütze plötzlich schwächer wurde. Ihre Freundin war bleich geworden und sah beinahe so blass aus wie nach der Begegnung mit Frau Lybratte. Hier war Magie im Spiel, Sophie war sich dessen sicher.

„Bitte, Hochwürden“, zwang sie sich zu sagen, um die Aufmerksamkeit der Männer in eine andere Richtung zu lenken und ihnen zu suggerieren, sie seien auf der falschen Fährte. „Beten und bitten Sie mit mir für meinen Sohn. Er ist unschuldig. Ich weiß, dass er das nicht getan hat. Er hat mir erzählt, dass er vor einigen Nächten von einer wilden Kreatur verfolgt wurde. Vielleicht ist er ja erneut auf diese gestoßen. Er würde nie etwas so Schreckliches tun. Er ist ein guter und gottesfürchtiger junger Mann.“

Klang das glaubhaft? Sie wusste es nicht, fühlte sich, als versuchte sie über ein aufgewühltes Meer zu spazieren.

„Was für eine Kreatur?“, fragte der Priester mit einem Mal neugierig.

„Das weiß ich nicht.“

„Hat er es Ihnen nicht anvertraut?“

„Nein. Ein Verrückter möglicherweise. Oder irgendeine Bestie. Doch jetzt möchte ich Sie bitten …“

„Gute Frau …“

Das war keine Art und Weise, sie anzureden, noch nicht einmal, wenn es von einem Pfarrer kam. Sie reckte stolz das Kinn. Vielleicht war es Zeit, etwas anderes zu versuchen. Manchmal musste man achtgeben, nicht allzu mild und nachgiebig zu sein, auch wenn die Bruderschaft Milde and Nachgiebigkeit vermutlich gutheißen würde, ganz besonders bei Frauen. Sie tupfte sich mit einem Spitzentüchlein energisch die Tränen aus dem Gesicht.

„Hochwürden Ignaz, bei allem Respekt, ich bin kein Marktweib. Mein Name ist Sophie Treynstern, Witwe des verblichenen Richters Treynstern, der im Dienste seiner Majestät des Kaisers Franz-Joseph von Österreich stand. Wie jemand nur annehmen kann, unser Sohn würde eine Frau überfallen, während er gerade auf dem Weg zu mir, seiner Mutter ist, kann ich nicht begreifen. Ich bin sehr froh, dass Sie jetzt hier sind und er in der Stunde der Not wenigstens geistlichen Beistand erhält.“

Beide Kirchenmänner starrten sie an, und sie versagte sich jeden Gedanken, der nicht mit ihrem längst verstorbenen Gemahl zu tun hatte. Er war ein so liebenswerter Mensch gewesen, hatte den Sohn, von dem er nie wusste, dass es nicht seiner war, voller Stolz geliebt.

„Meine gute … Frau Treynstern. Um die Rolle Ihres Sohnes in diesem Trauerspiel zu eruieren, sind wir hier. Wenn er unschuldig ist, werden wir das herausfinden.“

Hundthammer räusperte sich.

„Hochwürden, es ist die Aufgabe der königlich bayerischen Justiz, Schuld oder Unschuld des Verdächtigen festzustellen – keinesfalls die der Kirche. Das Kirchenrecht hat sicher seine Existenzberechtigung, doch nicht in einem Mordfall.“

Sophie wandte sich zu dem Beamten um.

„Mordfall? Soweit ich weiß, ist die Frau nur verletzt. Sicher kann sie meinen Sohn entlasten, sobald es ihr besser geht.“

Nun schaltete sich der Mönch ins Gespräch ein.

„Die Frau ist heute Vormittag gestorben.“

Sophies Hände flogen ihr vor die Lippen.

„Um Himmels willen!“

„Gott sei ihrer Seele gnädig!“, murmelte Charly.

„Mit ihrem Tod ist die Tat nun ein Mord“, schloss der Diener Gottes.

„Den mein Sohn auf keinen Fall begangen hat!“

„Frau Treynstern“, sagte Hundthammer besänftigend, „ich begreife, wie schwer dies alles für Sie …“

„Wir konnten mit der Frau sprechen, ehe sie verschied“, unterbrach Bruder Gabriel. „Sie hat nicht gesagt, dass es Ihr Sohn war. Ihre Angaben waren wirr, doch die Polizei mag in ihrer Unwissenheit gut und gern geirrt haben.“

„An seiner Schuld besteht kein Zweifel“, gab der Beamte wütend zurück, ohne Sophie direkt anzusehen. „Man hat ihn festgenommen, da hielt er die Frau in einer Hand und das Messer in der anderen. Es gab sonst niemanden, der noch anwesend war.“

„Jedenfalls niemanden, den die wackeren Männer der Königlich Bayerischen Gendarmerie hätten sehen können.“ Der Mönch klang zynisch.

„Einerlei. Das Urteil fällen weder ich noch Sie noch Frau Treynstern. Es ist Sache des Gerichts.“ Er wandte sich plötzlich zur Tür. „Was ist denn, Frau Schwanberger?“ Der Ton verriet, dass er jemanden von niederem Rang ansprach, den er keinesfalls bei dieser Diskussion dabeihaben wollte und über dessen unverfrorenes Auftauchen er sich mehr als wunderte.

Sie wandten sich um. Eine hutzelige alte Frau mit Krückstock stand in der Tür und lächelte entschuldigend. Die wenigen Zähne, die sie noch hatte, halfen nicht dabei, dieses Lächeln gewinnender zu machen. Sie stand halb niedergeneigt in einer unterwürfigen Pose. Ihr Kleid war schwarz, ihre Schürze grau, nur ihre altmodische Haube weiß, frisch gestärkt und unverziert.

Die Frau verbeugte sich noch ein wenig tiefer und knickste dabei ebenso wackelig wie ungeschickt.

„Tut mir leid, Herr Direktor. Der Herr Direktor weiß, dass ich nie ohne Grund unterbrechen würde. Ich wollte dem Herrn Direktor nur gleich berichten. Wenn’s recht sein mag. Der Herr Direktor will es sicher gleich wissen, habe ich mir gedacht, wo es doch gerade erst passiert ist, und wo so viele Leute sich dafür interessieren …“

Alle starrten sie sie jetzt an, und sie verneigte sich erneut und vollführte eine entschuldigende Geste mit der freien Hand.

„Nun?“, fragte Hundthammer.

„Tot ist er. Gott sei seiner Seele gnädig. Ist an seiner Verletzung gestorben. Loch im Schädel. So was überlebt nur selten einer, wenn der Herr Direktor mir die Bemerkung gestatten will …“

Sophie erstickte fast. Ihr schmerzerfülltes Atemholen war einige Sekunden lang das einzige Geräusch, das man hörte. Worte fand sie keine mehr. Sie krallte sich an Charly fest.

„Ich kann ihn gleich zurechtmachen“, fuhr die Alte fort. „Saubermachen und so. Wo doch der Herr Direktor gesagt hat, dass der Herr Doktor die Leich’ für seine Experimente …“

„Das reicht. Sie können gehen!“, unterbrach Hundthammer unwirsch und wurde ein wenig rot, als auf einmal vier Paar Augen ihn gar kritisch fixierten.

Die Frau vollführte noch ein paar untertänige Gesten und murmelte etwas, worauf niemand hörte.

Sophie hasste sie und die beiden Mönche, die die Unverschämtheit besaßen, sich über die unbeabsichtigte Enthüllung der Frau zu entrüsten, ihr eigenes Vorgehen jedoch für angemessen und gerecht hielten. Sie hasste auch den kräftigen bayerischen Beamten, der ihren Sohn wie ein Stück Fleisch dem nächsten Kurpfuscher zum Aufschneiden überlassen hätte.

„Schade, dass Hochwürden nicht rechtzeitig gekommen ist“, murmelte die Alte nun wieder, schielte dabei schüchtern auf den Boden und zog einen Rosenkranz aus ihren voluminösen Röcken. „Jetzt ist er tot, und ganz ohne letzte Ölung. Möge die Heilige Jungfrau und alle vierzehn Nothelfer ihn beschützen. Er ist noch mal aufgewacht und einen Augenblick lang war er ganz klar. ‚Ich hab es nicht getan, hat er gesagt, und ich glaube, er hat dann gebetet. Aber dann …“

„Nun sei schon still, Weib!“, zischte Hundthammer.

Sie nickte ergeben und schien nun fast zu kriechen.

„Ich dachte nur, weil man doch sagt, dass man im Augenblick des Todes nur die Wahrheit sagen kann, wenn man seinem Schöpfer gegenübertritt …“

„Vielleicht hat er ja die Wahrheit gesagt“, unterbrach Pater Ignaz.

„In der Tat scheint sein Tod seine Unschuld zu beweisen“, fügte der Mönch sachlich an. „Wir werden ihn untersuchen müssen …“

„Mein Sohn ist tot“, unterbrach Sophie mit dem, was ihr von ihrer Stimme noch geblieben schien. „Ich weigere mich, ihn von irgendwelchen Ärzten aufschneiden zu lassen oder …“ Sie wusste nicht, wie sie fortfahren konnte, ohne ihr Wissen zu verraten. Sie wandte sich von den Blicken aller im Raum befindlichen Personen ab und sank schwer auf ihrem Stuhl nieder.

„Meine Herren“, sagte Charly. „Dies ist alles sehr bitter für Frau Treynstern. Bitte gewähren Sie ihr doch die Möglichkeit, ihren Sohn ein letztes Mal zu sehen. Diskussionen um seine Schuld oder Unschuld sind nun zweitrangig geworden, doch vielleicht möchten Sie um Frau Treynsterns Ehre willen davon Abstand nehmen, ihr Kind einen Mörder zu heißen – obwohl es dafür keinen Beweis gibt. Ich kann mir nicht denken, dass Sie Frau Treynsterns Schmerz noch dadurch vergrößern möchten, dass Sie den Leichnam ihres Sohnes für Untersuchungen und Experimente vorsehen.“

Der jüngere Mönch sah sie streitlustig an.

„Wir müssen aber …“

„… die letzte Ölung nachholen“, schloss der Pater überfreundlich. „Posthum, in diesem Falle. Doch unsere Pflicht müssen wir tun. Bleiben Sie erst einmal hier und erholen Sie sich. Sie können sich dann von ihm verabschieden, wenn wir mit ihm fertig sind.“

Sophie verbarg das Gesicht in den Händen, wusste nicht, was sie noch tun sollte. Ihr Kopf war seltsam leer, nicht einmal ihre eigene Sicherheit schien noch eine Rolle zu spielen. Würden die Männer Thorolfs Andersartigkeit auch nach seinem Tod noch feststellen können? Oder hatte diese nur mit seinem Leben zu tun, und jetzt da er tot war, war er wie alle anderen Menschen? Genauso tot? Genauso kalt? Genauso fort?

Der Gedankengang zerriss sie fast.

„Ich will ihn mitnehmen“, murmelte sie und entsann sich erst dann, dass sie in dieser Stadt nicht zu Hause war.

„Wir nehmen ihn mit nach Hause“, sagte Charly.

„Natürlich“, sagte Hundthammer. „Die Schwanbergerin wird alles für Sie richten.“ Er blickte ärgerlich die beiden Mönche an, die sich bereits zur Tür gewandt hatten. „Ich werde Sie zum Dahingeschiedenen begleiten.“

„Das ist nicht nötig. Sagen Sie uns nur, wo wir ihn finden.“

„Ich bringe Sie hin.“ Er ließ keinen Zweifel daran, dass er darüber nicht diskutieren wollte.

Die Männer verließen das Büro. Nur die Alte stand noch an der Tür. Ein wenig später trat sie vollends ein. Sie richtete sich auf, und die unterwürfige Ausstrahlung verschwand von einem Moment auf den nächsten. Sie trat auf Sophie zu und zog ihr die Hände vom Gesicht, bevor Charly noch einschreiten konnte.

„Hören Sie auf zu weinen. Ich mache Ihnen den Jungen fertig und schicke ihn dahin, wo Sie ihn haben wollen.“

„Danke“, antwortete Charly. „Ich schreibe Ihnen die Adresse auf. Oder vielleicht sollten wir ihn gleich in die Kapelle bringen lassen …“

„Nein. Nicht die Kapelle. Wenn er da aufwacht und rumläuft … nach dem Spinnentraum von gestern Nacht halten ihn dann alle noch für den Antichristen.“

„Was?“ Sophie schrie es beinahe.

„Nehmen Sie Ihr Halbblut mit nach Hause. Ich weiß, wenn einer ein Mörder ist, und der war keiner. Zumindest noch nicht. Aber die …“ Sie machte eine Geste in Richtung der Männer, die den Raum verlassen hatten, „… die sollen ihn auch nicht kriegen. Die wüssten doch mit einem Wunder gar nichts anzufangen. Er ist wahrlich kein Lazarus, und Julia heißt er auch nicht.“

Sie zog sich die Haube wieder ins Gesicht und verfiel erneut in ihre gebeugte Pose.

„Also trauern Sie jetzt um ihn und um das Leben, das er verloren hat. Bereuen Sie den Tag, an dem Sie sich mit jemandem vergangen haben, der kein Mensch war. Die Kinder müssen immer dafür bezahlen. Immer die Kinder. Der junge Herr Treynstern ist nun tot.“