Kapitel 55
Catrin erwachte mit einem Schlag. Ein jäher Schmerz schoss ihr durch den Körper und war schon wieder verschwunden, ließ nur einen anhaltenden Eindruck flirrender Agonie in ihr zurück, die jeden Teil von ihr durchfloss, von den Haarwurzeln bis zu den Zehen. Sie musste gejammert haben, konnte das Echo des Klangs gerade noch vernehmen.
Was hatte sie nur geträumt? Hatte sie geträumt?
Ihr fiel auf, dass es in der Kammer um einiges dunkler war als zuvor. Sie konnte nicht einmal Konturen erkennen. Die grau-in-graue Farbgebung der Nacht hatte sich in unüberwindliche Schwärze verwandelt. Wie war es nur so schrecklich dunkel geworden? Es war zum Fürchten.
Einen Augenblick später stellte sie fest, dass sie in einem Bett lag. Sie konnte ein Kissen unter ihrem Kopf fühlen, eine Decke, die sie bis zu den Schultern bedeckte, und die Gestalt einer weiteren Person neben ihr. Ihre Hand lag auf einem warmen, atmenden Körper und berührte Leinen und Knöpfe. Beinahe konnte sie einen Herzschlag spüren.
Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Die Gestalt neben ihr rührte sich, gab einen panischen Laut von sich und bewegte sich blitzschnell.
Eine große Hand umfasste ihr Handgelenk, zerrte es fort von da, wo es gelegen hatte. Die Gewalt des Griffes brach ihr fast die Knochen, und sie schrie auf. Ein hoher, weinerlicher Laut hallte durch den Raum.
Das hatte sich nicht nach Katze angefühlt. Sie war keine Katze mehr. Der Schock der Erkenntnis in all ihren Einzelheiten hatte ihren Verstand noch nicht ganz erreicht. Sie konnte noch nicht dankbar sein, und schon gar nicht fühlte sie sich erleichtert. Panik und Furcht und völlige Desorientierung waren das, was sie fühlte, und das einzige, das Schreckliche, woran sie denken konnte, war, dass sie sich nackt, verwundbar und schwach in der Schlafkammer eines Mannes befand.
Der wandte sich ihr zu, und sie konnte sein Entsetzen darüber spüren, dass er neben sich auf einmal einen Menschen fand. Er zischte geradezu. Seine Reaktion war unglaublich schnell, viel schneller als ihre. Seine Hände reckten sich nach ihr und stießen sie fort.
Ihr Verstand wirbelte vor Verwirrung. Sie fand keine Worte, obgleich sie doch in der Lage sein musste, wieder zu sprechen. Doch in ihrem Geist formte sich kein Sinn. Sie schlug hart auf dem Boden auf und stöhnte. Der Holzboden war kalt und hart an ihrer Haut, und schon stand auch er auf der anderen Seite, das Bett zwischen ihm und dem ungebetenen Gast. Er griff nach der Gaskordel. Licht. Er wollte sehen, und sie wollte sich verstecken, musste sich dringend vor seinen Blicken verbergen. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm so zu begegnen, wie sie war. Ein Mädchen, nackt und hilflos. Was würde er tun?
Sie kauerte sich auf ihrer Seite des Bettes nieder, versuchte, darunter zu kriechen. Sie war ja schon bisweilen darunter gewesen, es war ein guter Ort, um sich zu verstecken. Doch jetzt war sie nicht mehr klein genug dafür. Der Holzrahmen des Bettes kratzte an ihrem Rücken entlang und verhinderte ihr Weiterkommen.
„Wer sind Sie?“, rief er feindselig. Er sah sich in der Kammer um. Suchte er eine Waffe? Sein Rasiermesser. Er sprang zur Waschschüssel und ergriff es. Er wollte sie umbringen!
Er war zwischen ihr und der Tür. Sie konnte nicht aufspringen und fliehen, sonst würde er sie ganz nackt sehen, und jeder andere auch. Wieder versuchte sie, sich weiter unters Bett zu quetschen, es schien ihr einziger Ausweg. Vielleicht würde sie ja darunter passen, wenn sie sich ganz ausstreckte. Im Moment lag sie auf den Knien zusammengekauert, und obgleich sie klein und dünn war, war sie in dieser Position immer noch zu voluminös, um sich zu verstecken.
Er sah zu ihr herunter, während sie durch ihre rotblonden Locken zu ihm hoch schielte. Er legte das Messer weg, doch das ließ ihn nicht weniger gefährlich wirken. Nicht einmal das Nachthemd machte ihn weniger furchteinflößend. Catty hätte am liebsten geweint. Er sollte endlich weggehen. Warum hatte er nicht den Anstand, fortzugehen oder sich wenigstens abzuwenden? Sie wollte nicht so sein wie die Frau, die hier gewesen war, um sich malen zu lassen und dann noch andere Dinge angeboten hatte. Doch genau das musste er denken. Nur sah er gar nicht leidenschaftlich aus, sondern wütend und durcheinander. Vielleicht sogar ein wenig ängstlich.
Einen Augenblick später beugte er sich zu ihr hinunter, ergriff ihre schlanken Arme, zerrte sie über den Dielenboden und zog sie hoch. Sie wehrte sich, versuchte, von ihm loszukommen, schrie auf, schlug nach ihm. Er nahm ihre Handgelenke. Rotgoldene Locken fielen ihr übers Gesicht. Er war so viel größer als sie und muskulös gebaut. Sie konnte sich in seinem Griff gar nicht rühren. Er tat ihr weh mit seinen harten Händen.
„Nein!“, bettelte sie und fand ganz plötzlich ihre Stimme wieder. „Bitte nicht. Lassen Sie mich los!“
Sie zitterte, wand sich in seinem Griff. Catty, die Katze, hätte gekratzt und gebissen und sich irgendwie freigemacht. Catty, das Mädchen, hatte keine Waffen und wusste vor Panik nicht ein noch aus.
Thorolf starrte sie an, als erwarte er jeden Moment, dass sie sich in etwas Grauenhaftes verwandelte. Sein Kinn war wild entschlossen nach oben gereckt. Er trat einen Schritt zurück, streckte seine Arme aus und musterte sie. Sie versuchte vergeblich, sich zu drehen, fühlte wie sein Blick über ihren dünnen, zierlichen Körper glitt, über ihre kleinen Brüste, ihren flachen Bauch, ihre schmalen Hüften. Seine Augenbrauen zuckten, als er noch weiter nach unten sah. Sie konnte sich nirgends verbergen, und sie wünschte sich nichts so sehr, wie tot umzufallen.
Sein Blick flog hoch, senkte sich in ihre Augen. Sie war fast wahnsinnig vor Angst. In ihrem Traum mit Lord Edmond, war ihr Nacktheit als etwas ganz Natürliches erschienen und hatte sie kaum gestört. Nun kam sie vor Scham fast um. Ihre Sinne wurden vom Schrecken übermannt. Sie öffnete ihre Lippen, um zu schreien, und er legte ihr blitzschnell die Hand über den Mund. Die Hand, die noch vor einem halben Tag ihr Fell so zärtlich gestreichelt hatte, konnte hart und gemein sein.
Sie versuchte weiter, sich seinem Griff zu entziehen, und er hielt sie noch fester. Sie trat nach ihm.
„Hör schon auf“, befahl er. „Ich tue dir nichts. Hör einfach auf!“
Doch sie konnte nicht aufhören. Er sollte sie nicht so halten, und er sollte sie auch nicht so sehen. Sie trat erneut nach ihm, und ihr nutzloser Kampf trieb sie durch den Raum zu seinem Stuhl, der mit einem lauten Knall umfiel.
Wieder griff er nach, und sie stöhnte durch die Hand, die immer noch über ihrem Mund lag, hindurch.
Die Schlafzimmertür flog auf; Ian stürmte herein und schwang ein Küchenmesser.
„Was …“, rief er aus und versuchte, aus der sich ihm darbietenden Szene schlau zu werden.
Ihr liefen Tränen übers Gesicht. Seine Hand verließ ihren Mund.
„Bitte!“, flehte sie. „Lassen Sie mich gehen. Bitte, tun Sie mir nicht weh! Bitte!“ Ihre Augen flogen von einem Mann zum andern.
Auf den Zügen des Schotten machte sich extremes Mißfallen breit.
„Lass sie los. Ich kann nicht erlauben, dass du eine Frau gegen ihren Willen nimmst – in unserer Wohnung noch dazu. Du lieber Himmel …“
„Ich glaube nicht, dass sie eine Frau ist“, verteidigte Thorolf sich. „Mir ist im Traum eine Feyon begegnet. Eine Vision vielleicht. Ich weiß nicht. Sie hat mich angegriffen … hat mich berührt und mein rohes Herz in meiner Brust in ihren Krallen gehalten … und dann bin ich aufgewacht und das … das da lag nackt neben mir. Hat mich genau dort angefasst, wo die Krallen der Kreatur …“
Catty stand der Mund offen.
„Sie sieht wie das Mädchen aus, das die Spinne gejagt hat“, fuhr Thorolf fort. „Doch das kann sie nicht sein. Das ist unmöglich. Es ist gewiss ein Trick. Sie ist ein Monster, etwas, das mir das Herz herausreißen will, das Böse, das im Dunkel lauert. Auf der Jagd nach meiner Seele.“
Ian legte sein Küchenmesser ab, trat zum Schrank, öffnete ihn und zog einen Mantel hervor. Er trat wortlos herzu und legte Catty den Mantel um.
„Lass sie los“, sagte er. „Sie ist kein Fey-Monster. Du kannst mir glauben. Ich würde das wissen. Sie ist nur ein Mädchen, und du hast sie fast zu Tode geängstigt.“
Er wickelte sie in den Mantel und zog sie sacht zu sich.
Schon verbarg sie sich in seinen Armen und schluchzte ihm in die Schulter. Eine schüchterne Hand fuhr ihr übers Haar. Eine ganze Zeit sagte niemand etwas.
„Mach uns Tee“, sagte Ian schließlich.
„Was?“
„Mach Tee. Wir werden der Sache auf den Grund gehen, und bei einer Tasse Tee geht alles besser. Wir wollen doch zivilisiert mit dieser Situation umgehen. Mögen Sie Tee?“
Sie nickte in seine Schulter. Sie zitterte so heftig, dass er sie stützten musste.
Sie konnte nicht hochsehen. Er hatte sie nackt gesehen, und Thorolf auch. Er hatte sie eingehend gemustert und ihr wehgetan. Sie sollte etwas sagen, aber wusste nicht, was. Der junge Schotte war nicht sehr groß, aber sie konnte ihr brennendes Gesicht an seinem Schlüsselbein vergraben, und er tat ihr auch nicht weh.
„Schhhhh“, flüsterte er. „Haben Sie keine Angst. Thorolf ist nicht so wild, wie er tut, und ich erlaube nicht, dass er Ihnen wehtut. Sie sind in Sicherheit.“
„Ich bin nackt …“, murmelte sie in seine Schulter.
„Wo sind Ihre Kleider?“
„Ich weiß nicht. Ich scheine keine zu haben.“ Sie schämte sich furchtbar.
„Dieser Mantel bedeckt Sie. Wenn Sie möchten, können Sie einen Anzug von mir haben. Er wird Ihnen zu groß sein, aber ich bin nicht so ein Schlacks wie Thorolf. Sie können in mein Zimmer gehen und sich dort ankleiden. Wir schauen nicht zu. Ist das ein Vorschlag?“
Sie nickte.
„Sie fürchten sich doch nicht vor mir?“, fragte er.
Sie wusste es nicht.
„Ich habe nur so schreckliche Angst“, flüsterte sie.
„Das ist ganz bestimmt verständlich. Aber wir tun Ihnen nichts …“
„Thorolf …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Ihre Handgelenke schmerzten immer noch, und sein Blick hatte bis ins Mark getroffen. Er fand sie gewiss hässlich. Sie war ja auch hässlich, und er hätte sie nie so sehen dürfen, so nackt und mager. Diese schreckliche Frau gestern hatte viel hübscher und runder gewirkt, und das hatte ihm gefallen.
Nicht, dass sie ihm gefallen wollte. Gar nicht. Warum sollte sie. Er hatte ihr so wehgetan. Sie schluchzte noch einmal auf.
„Thorolf hat gerade so viel Angst wie Sie. Kommen Sie jetzt!“
Er nahm sie sanft bei den Schultern, und sie löste sich von ihm und hielt den weiten Mantel um sich zusammen. Aufsehen konnte sie nicht, sie schämte sich zu sehr.
Er griff in seine Tasche, und zum ersten Mal bemerkte sie, dass er einen Gehrock über sein Nachthemd geworfen hatte. Das sah putzig aus. Er holte ein Taschentuch hervor und tupfte ihr die Tränen ab.
„Können Sie jetzt hochschauen?“, fragte er, und seine Stimme war liebenswürdig und mitfühlend.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich schäme mich“, sagte sie. Dann begannen ihre Schultern wieder vor Schluchzen zu zucken.
„Ich weiß“, sagte er. „Aber ich bin ein Gentleman, und ich verspreche Ihnen, dass ich schon vergessen habe, was ich eventuell gesehen haben könnte. Thorolf wird sich auch gleich wieder an seine gute Erziehung erinnern, wenn er sich erst mal beruhigt hat. Jetzt kommen Sie!“
Er legte einen Arm um ihre Schultern, und obgleich ihr klar war, dass sie das nicht erlauben sollte, fühlte sie sich so doch sehr viel sicherer.
Sie traten ins Wohnzimmer, wo Thorolf den Tisch deckte. Drei Tassen, drei Löffel, eine Zuckerdose, ein Milchkännchen. Es wirkte so seltsam alltäglich und doch in jeder Beziehung unwirklich. Der große Mann blickte ihr in die Augen, und sie beide wandten sich sofort voneinander ab, zu peinlich berührt, um den Blickkontakt zu halten.
„Möchten Sie erst Tee? Oder möchten Sie sich erst ein paar meiner Sachen anziehen?“, fragte Ian.
Sie fand ihre Stimme nicht wieder, als ob die Gegenwart des anderen Mannes ihr die Sprache verschlug. Ihr Blick war stur auf den Teppich gerichtet. Eine Hand führte sie zum Sofa.
„Nehmen Sie doch Platz!“
Es war seltsam und ungewöhnlich, wie der kleinere, jüngere Mann die Führung übernahm. Sie fand es mit einem Mal ganz leicht, sich auf ihn zu verlassen.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte er.
Sie sah alarmiert hoch.
„Gehen Sie nicht weg. Lassen Sie mich nicht allein!“
„Sie sind nicht allein.“
Das war das Problem. Sie würde mit Thorolf zurückbleiben, und das war ihr unangenehm.
„Thorolf tut Ihnen nichts.“
Doch das hatte er schon. Sie spürte seinen Blick, fühlte, wie er sich schämte, versank in ihrer eigenen Scham.
„Tee ist in ein paar Minuten fertig“, sagte der Maler und wandte sich dem Öfchen zu. Er hatte seinen Morgenmantel angelegt. Sie hörte, wie Ian das Zimmer verließ und in seiner Kammer herumrumorte. Einige Augenblicke später war er zurück, hatte Hosen und eine Hausjacke an und brachte ihr eine extra Decke, half ihr, sich darin einzuwickeln.
„Ist Ihnen warm genug?“, fragte er, als Thorolf vom Ofen zurückkam und die Teekanne trug.
Beide Männer setzten sich. Sie hörte es, brachte es jedoch immer noch nicht über sich hochzusehen. Sie hatte aufgehört zu weinen, doch sie war sich nicht sicher, ob sie nicht gleich wieder anfangen würde. Thorolfs große Hand setzte eine volle Teetasse vor ihr ab.
„Nehmen Sie Milch und Zucker? Wir haben leider keine Zitrone“, sagte er, und sie fühlte sich noch unwirklicher. Die Situation war so absurd. Ihre Gedanken rasten. Milch und Zucker. Ein Schälchen Milch für die Katze? Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht so viel Aufmerksamkeit, und eigentlich wollte sie auch keinen Tee. Sie wollte am liebsten verschwinden, durch den Boden versinken. Wenn sie schon nicht versinken konnte, dann hätte sie ihr Gesicht am liebsten wieder an der freundlichen Schulter begraben.
Die Stille zog sich.
Dann war er wieder vor ihr, der große, sportliche Mann, der sie zweimal gerettet hatte. Er hockte sich vor sie hin und sah irgendwie komisch aus in seinem ägyptischen Morgenmantel. Exotisch und doch vertraut.
„Es tut mir leid“, sagte er, und sie spürte, dass es keine hohle Phrase war. „Ich wollte Ihnen nicht wehtun, und ich hatte absolut kein Recht, Ihnen solche Angst einzujagen. Bitte …“
Sie begann zu zittern. Er streckte die Hand nach ihr aus, zog sie dann aber sofort wieder zurück.
„Wer sind Sie?“, brach Ian die peinliche Stille, die sich schon wieder über sie gelegt hatte. „Können Sie uns das sagen? Oder ist es ein Geheimnis?“
Sie schluckte.
„Ich bin Catty. Catrin Lybratte. Das war ich …“ Sie hielt inne. Wie konnte man etwas erklären, das man selbst nicht verstand?
„Lybrattes Tochter?“
„Sie waren unsere Katze?“
Die beiden Fragen trafen sie gleichzeitig.
„Professor Lybratte ist mein Vater. Ich …“ Sie konnte nicht gut sagen, dass sie nachts heimlich das Haus verlassen hatte, um sich mit einem Mann zu treffen. Vielleicht würden sie ja nicht nachfragen. „… mich hat diese Spinne verfolgt. Sie haben …“ Nun sah sie doch hoch in die klaren, grauen Augen des Mannes, der immer noch vor ihr kauerte. In seinen Zügen konnte man Schuldbewusstsein und tiefe Besorgnis lesen. Ihre Blicke trafen sich, und sie senkte ihre Lider und lief knallrot an. „Sie haben mich gerettet. Zweimal.“
Wieder streckte er die Hand nach ihr aus und zog sie zurück, bevor er sie berührte. Die Männer glaubten ihr vermutlich kein Wort. Es war ja auch gänzlich unglaublich.
„Wie wurden Sie zur Katze?“, fragte Ian.
„Ich weiß nicht. Ich glaube, die Spinne …“
„Die Spinne hat sie transmutiert? Warum?“
Sie sah zu dem Schotten hinüber, der eher gebannt denn ungläubig wirkte.
„Ich weiß es nicht. Ich dachte, sie wollte mich umbringen. Sie hat mich in eine Seitenstraße gejagt. In eine Sackgasse. Am Ende war ein Holzzaun. Da hat sie mich fast erwischt, und dann war ich plötzlich eine Katze und bin durch ein Loch im Zaun gekrochen. Ich bin ihr entwischt.“
„Das klingt nicht logisch. Wenn das Ungeheuer Sie doch fangen wollte, warum sollte es Sie in etwas verwandeln, das Ihnen die Flucht ermöglicht?“
Sie sah panisch von einem zum anderen.
„Ich weiß es nicht. Ehrlich. Ich frage mich das auch die ganze Zeit. Nur, wenn man Katze ist, hat man auf einmal ganz andere Prioritäten. Man fragte sich, ob man Wurst oder Schlachtabfälle bekommt. Oder ob einen jemand hinter den Ohren krault.“ Sie blickte auf Thorolfs Hände und dachte daran, wie sanft, aber auch wie harsch sie sein konnten. „Es ist nicht so, dass ich etwa nicht denken konnte. Das konnte ich schon. Sehr klar sogar. Beinahe klarer als vorher. Aber meine Prioritäten …“ Sie errötete wieder und zog sich die Decke bis and den Hals hoch. Zu ihrem Unbehagen merkte sie, dass ihr schon wieder die Tränen herunterliefen.
„Catty … darf ich Sie Catty nennen?“
Sie nickte.
„Bitte weinen Sie nicht. Es gibt gar keinen Grund dazu. Wir werden Ihnen helfen.“ Ian war einfach so nett.
Thorolf dagegen war verlegen und offenbar sehr beschämt. Außerdem so ungeheuer nah. Sie konnte seine Nähe spüren, selbst wenn sie die Augen schloss. Er hatte eine so besondere Ausstrahlung, fast so intensiv wie die Lord Edmonds. Catty griff nach ihrer Teetasse, um irgendetwas zu tun und nicht nur kläglich zusammengesunken herumzusitzen, doch ihre Hand zitterte so sehr, dass sie Tee auf den Tisch verschüttete. Auch war sie sich ihres nackten Armes der nackten Schulter allzu bewusst. Sie hätte sich nicht rühren sollen. Eine zweite Hand nahm die ihre und führte sie. Sie ließ fast die Tasse fallen.
Sie schluckte und hustete. Thorolf nahm ihr die Tasse ab und stellte sie wieder auf den Tisch.
Dann stand er auf und stand etwas betreten vor ihr.
„Catty. Fräulein Lybratte. Es tut mir leid …“
Sie nickte und hoffte, er würde damit aufhören.
„Sie müssen wissen, ich hatte diesen grauenhaften Alptraum. Eine weibliche Person … ein Ungeheuer … eine Hexe … ich weiß nicht, was … sie hatte mich in ihrer Gewalt, und dann waren da plötzlich Sie …“
Sie nickte wieder und fand keine Worte. Er war ganz aufgebracht. Seine Intensität leuchtete geradezu fulminant.
„Ich hätte Sie sonst nie angegriffen. Ich würde Ihnen niemals wehtun. Niemals könnte ich das. Ich habe Sie … Sie waren immer schon …“ Er hielt unglücklich inne.
„Warum setzt du dich nicht wieder“, sagte Ian nach einer Weile. „Gehen wir das doch der Reihe nach durch. Wir haben doch Zeit. Es ist gerade erst nach Mitternacht, und jetzt hören wir uns erst einmal Cattys Abenteuer an. Dann versuchen wir rauszufinden, was es mit deinem Alptraum auf sich hat. Was Träume angeht, weiß ich gut Bescheid.“ Er nahm einen Schluck Tee. „Ich wünschte, dein Vater wäre hier.“
Thorolf setzte sich wieder.
„Ich nicht“, erwiderte er. „Ich meine, die Sache ist kompliziert genug ohne ihn.“
„Lass uns noch mal zu dem Spinnenwesen zurückkommen. Catty, was glauben Sie, was die Bestie von Ihnen wollte?“
„Ich dachte, sie wollte mich fressen. Ich weiß nicht. Es war schrecklich. Ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich hatte gerade nur Zeit zum Wegrennen, und so bin ich losgerannt.“ Sie blickte Thorolf an. „Ich dachte, sie hätte Sie umgebracht. Ich dachte, Sie wären tot. Ich war so glücklich, dass Sie überlebt hatten ... und dann haben Sie mich noch mal gerettet. Wie ein Ritter.“
Ein Lächeln war auf seinen Zügen zu sehen.
„Ich hatte Hilfe.“ Diesmal trafen sich ihre Blicke für einige Sekunden, und sie sah nicht wieder weg.
„Ich hatte solche Angst“, flüsterte sie. „Aber Sie waren so tapfer.“
Thorolf schluckte.
„Es war ja auch beängstigend.“
Sie nickte.
„Wo kam das Wesen denn her?“, fragte Ian.
„Ich weiß nicht. Es kam plötzlich die Straße hoch, und ich habe mich umgedreht und bin weggerannt.“
„Mitten in der Nacht?“
„Ja. Es war ziemlich spät.“
„Sie waren ganz allein unterwegs? Ohne Schutz?“ Thorolf klang ein wenig empört.
Catty errötete.
„Ich musste einen Brief … überbringen.“
„Kurz vor Mitternacht?“
„Nun ja.“
„Weshalb?“
„Weil …“ Da war es nun also. Wie erklärte sie das am besten? „Weil meine Stiefmutter mir verboten hatte, jemanden noch mal zu sehen …“ Sie hielt inne und wusste nicht weiter. „Bitte“, fügte sie betreten an, „es ist nicht so, wie Sie denken. Es war ein Brief mit einer Absage. Ich habe ein … Angebot … abgelehnt …“
Stille. Ob die beiden jetzt dachten, es hätte sich um einen Heiratsantrag gehandelt? Was würden sie denken? Würden Sie sie für ein Flittchen halten? Für jemanden, der das Elternhaus verließ, um sich heimlich mit einem Mann zu treffen, den die Eltern für unpassend hielten? Für jemanden, der nicht zum ersten Mal nackt neben einem Mann erwachte?
Sie versuchte, nicht schon wieder zu weinen, kuschelte sich noch tiefen in den Mantel und die Decke, als wollte sie darin verschwinden.
„Ich verstehe nicht“, sagte Ian. „Sie haben Ihr Zuhause mitten in der Nacht verlassen, um einem Bewunderer … äh … einen Korb zu geben? Einem Bewunderer, den Ihre Stiefmutter nicht in Ihre Nähe ließ?“
„So wie Sie das sagen, klingt es töricht.“ Sie seufzte. „Vermutlich war es das auch.“
„Es klingt schon ein wenig … eigentümlich …“
„Nein“, unterbrach Thorolf. „Es klingt verwirrt, aber unter den Umständen durchaus verständlich. Liebe hat nichts mit Vernunft zu tun.“
„Waren Sie denn in den Mann verliebt?“, fragte Ian.
Das war schon beinahe unverschämt neugierig, und sie wusste auch nicht, was sie darauf antworten sollte.
„Natürlich ist sie verliebt“, antwortete Thorolf für sie, und seine Stimme klang bitter. „Junge Mädchen schleichen sich doch nicht mitten in der Nacht aus ihrem Zuhause fort, wenn es nicht um Liebe geht.“
„Ich nehme an“, fuhr Ian fort, „dass es uns nichts angeht, wer der betreffende Herr ist – ganz besonders, da Sie sich solche Mühe gegeben haben, ihm einen Korb zu geben.“
Die Blicke beider Männer lasteten nun auf ihr, und sie wünschte sich, sie wäre weit, weit fort. In Timbuktu. Oder China. Oder im nächsten Raum mit einer Tür zwischen ihr und den Männern.
„Könnte ich …“ Sie schluckte. „Dürfte ich vielleicht Ihr zuvorkommendes Angebot annehmen, Mr. McMullen, und etwas von Ihnen anziehen?“
Das Thema zu wechseln schien die einzige Lösung zu sein, um der Sache zu entkommen. Themawechsel durch Kleiderwechsel. Bekleidung hatte etwas Beruhigendes. Sie würde sich nicht mehr so unsicher fühlen wie jetzt, denn obgleich sie im Moment bis zum Kinn in Mantel und Decke gehüllt war, hatte sie doch das Gefühl nackt dazusitzen. Als Katze hatte sie sich nie nackt gefühlt.
Sie stand vorsichtig auf, hielt Mantel und Decke zusammen. Ihre Füße waren kalt auf dem Holzboden. Beide Herren standen mit ihr auf. Thorolf trat ihr aus dem Weg, Ian ging vor, öffnete ihr die Tür.
Im Türrahmen drehte sie sich um.
„Sie kennen ihn. Er war hier. Lord Edmond, und ich war verliebt in ihn. Er war so nett zu mir.“ Das klang fast trotzig. „Aber er ist kein Mensch. Was er ist, weiß ich nicht. Ich kann doch nicht gut jemanden lieben, der gar kein Mensch ist? Oder?“
Keiner der beiden sagte etwas darauf, doch Thorolf setzte mit einem Knall seine Tasse ab, und Ian sah nicht sie an, sondern seinen Freund. Das war seltsam.
Einerlei.
Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Die Atmosphäre war dick wie Haferschleim, und sie fühlte sich schon wieder danach zu weinen.