Kapitel 52

Charly spürte Sophies Nervosität, als die Kutsche vor dem netten Mietshaus anhielt, in dem ihr Sohn wohnte. Ein erneutes Zusammentreffen mit ihm würde sie schmerzen, und für einen Zeugen mochte es immerhin peinlich sein. Auch würde ein Streit ihnen nicht weiterhelfen.

„Du brauchst nicht mitzukommen, Sophie. Es wird leichter sein, wenn ich alleine gehe. Ich brauche doch nur eine Minute.“

„Unsinn. Dein Gemahl würde es mir nie vergeben, wenn ich dich in so unglaublicher Manier gegen sämtliche Regeln des Anstandes verstoßen lassen würde. Ich bin sicher, dass sowohl ich als auch mein Sohn in einer Krise Haltung bewahren können. Es ist gleichgültig, ob er mich noch mag oder nicht.“ Der Schmerz verschwand hinter einem traurigen Lächeln.

„Wir mögen schneller zu einer Antwort kommen, wenn ihr nicht erst … diskutiert.“

„Zugegeben. Auf der anderen Seite wird er einer Fremden gegenüber wohl kaum zugeben, dass er Arpad kennt, und du bist ihm fremd.“

Dem war nichts entgegenzusetzen.

Joseph sprang vom Bock, um ihnen herauszuhelfen. Einen Augenblick später stieg er unverrichteter Dinge wieder auf und starrte unverwandt nach vorne.

„Joseph! Wären Sie so gut …“

Die Kutsche schaukelte, als eine dunkle Gestalt sich uneingeladen in die Kutsche schwang und in der Enge alles blockierte. Sie konnten nicht mehr hinaus.

Einen Atemzug lang verzerrte die Laterne den Schatten in lange, dünne Glieder, fast wie die einer Krabbe. Sophie schrak auf, und Charly gab einen kleinen Schrei von sich, als der Schatten plötzlich bei ihnen war, dann vor ihnen, dann zwischen ihnen, blitzschnell und unausweichlich. Pure Macht streifte Charlys Sinn, und sie wich entsetzt und angeekelt zurück.

Sie hatten sie gefunden. Sie mussten sie verfolgt haben. Sie würden ihr wieder den Willen brechen, und sie würde gehorchen und vergessen.

Eine Hand ergriff ihre.

„Charly“, sagte die wohlklingende Baritonstimme, die sie im Herbst 1865 durchs Dunkel geleitet hatte. „Keine Angst. Ich bin es. Sophie, meine Geliebte. Wie schön, dich zu sehen.“

Sie hatten ihn gefunden. Genauer gesagt, Arpad hatte sie gefunden. Beide Damen seufzten, die eine erleichtert, die andere vor sehnsuchtsvoller Erinnerung.

Er hielt beider Hände umfasst, zog sie an seine Lippen, und Charly erwartete, dass er ihr das Handgelenk drehen würde, um sie zu beißen, fragte sich, von wessen Blut er zuerst kosten würde, wie schnell er ihnen die Handschuhe ausziehen würde.

Er küsste beide Hände, ganz der perfekte Mann von Welt.

„Was ist los? Worüber sorgt ihr euch?“

Jetzt kauerte er vor ihnen, hielt immer noch ihre Hände, als sei das sein ureigenstes Recht. Das war es vermutlich auch. Beide hatten sie ihm gleichsam gehört – auf unterschiedliche Weise, die eine als Geliebte und Mutter seines Sohnes, die andere als Freundin und Gefährtin, als die Frau, die sein Leben rettete und er ihres.

„Asko wird vermisst“, sprudelte Charly hervor. „Er ist nicht heimgekommen.“

„Wann?“

„Heute Mittag.“

„Das ist keine lange Absenz für einen ausgewachsenen Mann.“

„Er kann sich ohne Unterstützung nicht behelfen. Er ist auf Krücken. Er kann nicht eben mal fortspazieren, und er würde es nicht tun, ohne mich zu informieren. Er ist da sehr genau.“

„Da bin ich sicher.“ In Arpads Stimme schwang säuerlicher Spott.

„Wir sind zu den Leuten gefahren, bei denen er zuletzt war, und sie haben mich magisch manipuliert, und zwar nicht eben sanft.“

Schweigen senkte sich über die Gruppe. Im Dunkeln konnte man seinen Gesichtsausdruck nur schwer erkennen, doch er lächelte nicht mehr.

„Du musst mir alles erzählen. Jedoch vielleicht nicht hier auf der Straße. Sollen wir zu dir nach Hause fahren? Oder würdest du lieber zu mir ins Hotel kommen? Unsere liebe Sophie kann als Anstandsdame fungieren.“

Er bewegte sich ganz plötzlich, und Charly sah, wie er sich zu ihrer älteren Freundin beugte. Er küsste Sophie mit sanfter Hingabe. Charly schloss die Augen. Sie hatte seine Anziehungskraft nicht vergessen, doch sie so deutlich zu spüren verschlug einem den Atem. Er konnte so überwältigend verführerisch sein. Etwas in ihr sehnte sich danach, ebenso süß geküsst zu werden.

Das war freilich unmöglich. Sie hatte ihre Wahl getroffen, und das hatte sie aus gutem Grund getan. Zudem gab es wahrlich andere Dinge, mit denen sie sich beschäftigen sollte, anstatt mit dem Gedanken, in die Umarmung ihres dunklen Freundes zu sinken, der jede Saite ihrer Gefühle kannte und darauf meisterhaft zu spielen verstand, so er nur wollte. Doch er hatte sie immer fair und mit Achtung behandelt, hatte ihre Wünsche genauso respektiert wie ihre Ängste.

Schon hatte er sich wieder bewegt, hauchte ihr einen – fast – braven Kuss auf die Wange, und ein sengendes Gefühl brannte sich bis in ihre Magengrube.

„Nun?“, fragte er, als sei gar nichts geschehen. „Wo wollen wir hinfahren?“

„Zu uns nach Hause. Da können wir in Ruhe reden. – Joseph. Nach Hause, bitte.“ Die Kutsche fuhr mit einem Ruck an, gelenkt von einem Diener, der vermutlich nicht wusste, warum sie nun wieder umdrehten. Auf Arpad war Verlass. Er ließ Menschen das vergessen, was sie nicht sehen, hören oder wissen mussten.

Geradeso wie die anderen, die versucht hatten, sie zu manipulieren. Sie schauderte, und er drückte ihr die Hand, hielt sie beinahe zu fest in seiner. Er kannte ihre Gefühle, konnte sie spüren und sorgte sich. Er würde ihnen helfen.

Eine Träne rann aus ihrem rechten Auge, und sie versuchte, sie schnell wegzuwischen.

„Wovor hast du Angst?“, flüsterte er.

„Ich muss ihn zurückhaben. Ich muss ihn einfach zurückbekommen. Er braucht mich, und ich brauche ihn. Sie haben ihm irgendetwas angetan, da bin ich mir sicher. Ich weiß nicht, was.“

Ein Finger fuhr die Tränenspur nach, über den Wangenknochen hinunter, bog dann ab, liebkoste ihre Lippen. Das sollte er nicht tun. Ihr wurde fast schwindlig. Dies war gänzlich unmöglich.

Sie konnte ihn kaum erkennen. Die Kutschenlaterne warf nicht sehr viel Licht in den Innenraum des Wagens, und er war Dunkelheit. Ein Cape verbarg ihn, versteckte seine schlanke Gestalt. Er war Bestandteil der Nacht.

Doch sie sollte seiner latenten Verführung besser nicht anheimfallen. Charly konnte sich nicht daran erinnern, sie je so stark gespürt zu haben. Doch es waren andere Zeiten gewesen. Charly war nicht dieselbe gewesen wie heute, nur ein verängstigtes Mädchen, in Panik nach einem widerlichen Übergriff eines Schurken, der sie geschändet hätte, wenn Asko ihr nicht zu Hilfe gekommen wäre – wenn Arpad den Kerl nicht umgebracht hätte.

Jung, unschuldig und völlig verstört war sie gewesen. Gänzlich ungeeignet für eine Affäre mit dem erfahrensten aller Männer, über den sie nichts wusste, als dass er Blut trank und ihren Willen beugen konnte, so er nur wollte. Doch er hatte ihre Angst geheilt. Er hatte auf ihr Leben achtgegeben und auf ihr verängstigtes Herz. Er war ein Freund gewesen. War es noch.

„Wenn sie ihm wehgetan haben, weiß ich nicht, was ich tue!“, sagte sie leise.

„Liebst du ihn immer noch so sehr?“

„Mehr sogar. Das Leben hat ihm übel mitgespielt …“

„Dir auch.“

„Mir geht es gut. Ich habe mir dieses Leben ausgesucht. Ich bin glücklich.“

Seine Hand berührte sie direkt über dem Herzen, und sie atmete erschrocken ein. Er sollte sie nicht so berühren. Sie war die Ehefrau eines anderen.

Außerdem sah Sophie zu.

„Ich nehme an“, sagte er, „das stimmt sogar zum Teil. Doch du bist nicht so glücklich, wie ich gern wollte. Meine kleine, jungfräuliche Heldin.“

Sie schluckte, sagte nichts. Es stimmte damals, es stimmte heute.

„Merkt er wenigstens, wie viel Kraft es dich kostet, glücklich zu sein?“

„Arpad …“

„Ich fand nie, dass er dich wirklich verdient.“

„Ihr habt euch nie gemocht.“

„Das war nicht mein Fehler.“

„Ich weiß. Er war immer eifersüchtig auf dich, und er ist … ein klein wenig … stur …“

„Du hast ein Talent für Untertreibungen.“

Die Kutsche hielt an. Joseph öffnete den Schlag, und seine Augen wurden groß und rund, als statt der zwei Damen, die er erwartete, ein Mann ausstieg.

„Frau von Orven!“, rief er.

„Ist schon in Ordnung, Joseph“, erklärte Charly, während sie sich vom starken Arm des Feyons aus dem Wagen helfen ließ. „Graf Arpad ist ein Freund der Familie. Er hat sich freundlicherweise erboten, uns bei der Suche behilflich zu sein. Bitte halten Sie die Kutsche bereit, bis wir uns entschieden haben, wie wir weiter vorgehen. Ich werde Sie informieren.“

Inzwischen hatte Arpad auch Sophie aus der Kutsche gehoben, während Charly bereits ins Haus gelaufen war, ohne auf ihre Gäste zu waren. Sie ließ ihnen die Tür offen und rief nach Martha.

„Ist Herr von Orven inzwischen da?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

Charly suchte die Blicke Arpads und Sophies, die ins Haus traten. Das Dienstmädchen blickte den schlanken, gutaussehenden Herrn neugierig an und sah dann mit einem Mal fort, als mochte sie ihn nicht mehr wahrnehmen. Charly führte ihre Gäste ins Wohnzimmer und sandte das Mädchen fort.

„Nehmt doch Platz …“

Er zog sie in die Arme und hielt sie fest.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich habe den Klang deiner Stimme vermisst und den Geschmack deines Blutes. Deinen Witz habe ich auch vermisst.“

„Ich habe dich auch vermisst“, flüsterte sie. „Doch ich konnte dich nicht einladen, wie ich es versprochen hatte. Es hätte ihn so unglücklich gemacht. Du bist so stark. Er würde sich so unendlich schwach neben dir fühlen und so …“ Sie beendete den Satz nicht. Dafür er.

„… absolut nutzlos?“

„Er ist nicht nutzlos! Er ist brillant, und er erholt sich immer noch von einer fast tödlichen Verletzung. Er heilt nicht so schnell wie du. Es wird noch sehr lange dauern.“ Vielleicht ein Leben lang. „Er ist nicht nutzlos.“

„Nicht in jeder Hinsicht. Aber auf alle Fälle in einer – und vermutlich mehr als einer.“

Es hatte ihm nie widerstrebt, das Unaussprechliche auszusprechen. Als sie gemeinsam durch den Berg gegangen waren, hatte sie sich daran gewöhnt. Jetzt schrak sie vor seiner Direktheit zurück.

„Arpad …“

„Du musst nichts sagen. Du weißt, dass ich es weiß. Du wusstest, ich würde es spüren. Wolltest du mich deshalb nicht sehen? Hattest du Angst? Angst, dass ich vollenden würde, was er nicht kann?“

„Arpad … du …“ Sie schluckte und holte tief Luft. „Du machst mich nervös und traurig. Außerdem sind wir unhöflich zu Sophie.“

Er trat einen Schritt zurück, hielt sie aber immer noch bei den Armen und sah ihr in die Augen. Seine fast schwarzen Pupillen waren dunkle Tümpel spiegelnder Nacht, und sie versuchte, nicht darin zu ertrinken. Millionen von Frauen waren darin versunken.

„Erzähl mir von diesen Leuten!“

Er ließ sie los und setzte sich auf den Diwan zu Sophie, die sich dort niedergelassen hatte und mit Bedacht eine halbfertige Stickerei musterte.

„Tut mir leid, wenn ich mich schlecht benommen habe“, sagte er zu ihr und drückte ihre Hand. „Ich habe ganz schreckliche Manieren. Ich hätte merken sollen, dass auch du Sorgen hast – und nicht nur wegen Herrn von Orvens Verschwinden.“

„Du hast es doch bemerkt. Gerade eben. Aber meine Sorgen sind nicht gefährlich. Ich habe heute mit Thorolf gesprochen, und er hat sich von mir losgesagt. Ich wusste immer, dass ich ihn verlieren würde, wenn er die Wahrheit erführe. Jetzt ist es geschehen.“

Das klang allzu ruhig.

Missbehagen blitzte über das ebenmäßige Antlitz des Feyons.

„Ich werde ihm beibringen, wie man sich seiner Mutter gegenüber zu verhalten hat!“

„Du wirst ihm beibringen, was er über die Gefahren seiner Situation wissen muss. Seine Entscheidungen muss er allein treffen. Wenn er mich nicht mehr respektieren und lieben kann, dann muss ihm auch das …“

„Er hat dich zu respektieren, oder …“

„Arpad. Gib ihm Zeit. Du bist furchterregend, und sein Schicksal ist es ebenso. Es ist ja tatsächlich mein Fehler. Du hattest mich davor gewarnt. Doch jetzt haben wir andere und sehr viel drängendere Sorgen. Herr von Orven wird seit dem Mittagessen vermisst. Er ist heute am späten Morgen losgezogen, um eine Erfindung seines ehemaligen Professors zu begutachten, so etwas wie eine Zeitmanipulationsmaschine, die der Mann angeblich gebaut hatte.“

Charly ließ sich gegenüber der Couch nieder.

„Eine menschengemachte Zeitmaschine? Unmöglich.“ In Arpads Stimme schwang Arroganz.

„Das glaubte Asko auch“, sagte Charly. „Wir dachten, Zeitmanipulation sei etwas, das nur die Sí beherrschen. Da aber die führenden Köpfe der akademischen Elite die Existenz von deinesgleichen leugnen, haben wir nicht damit gerechnet, Na Daoine-maithe könnten involviert sein.“

Arpad beugte sich vor.

„Jetzt habt ihr umgedacht?“

„Frau Lybratte und ihre Gesellschafterin haben versucht, mich zu manipulieren“, erwiderte Charly. „Doch weiß ich nicht, was sie sind.“

„Wie sahen sie aus?“

„Frau Lybratte ist außerordentlich schön. Asko sagte, sie sei charmant und hochintelligent. Sie hat ihn tief beeindruckt.“

„Oh?“

„Ja.“ Charly versuchte, neutral zu klingen. Es gelang ihr nicht.

„Den braven, unfehlbaren Asko?“

„Bitte, Arpad. Mach dies nicht noch schwerer.“ Sie hatte nicht vor, über den Streit zu berichten, den sie ob der perfekten, lieblichen göttinnengleichen Frau Lybratte gehabt hatten.

Er kicherte und schüttelte den Kopf. Seine Augen funkelten schelmisch.

„Schon in Ordnung. Erzähl weiter.“

„Er hatte Joseph heimgeschickt. Es ist nicht weit, aber doch zu weit, damit Asko die Distanz zu Fuß zurücklegen könnte. Er hätte also entweder jemand nach Joseph schicken müssen, oder sein Gastgeber hätte ihn in einem eigenen Gefährt heimschicken müssen. Jedenfalls kam er nicht heim.“

„Hast du die Spitäler abgesucht? Die Gendarmerie?“

„Nein. Das hätten wir wohl getan, wenn die beiden Damen nicht so nachdrücklich versucht hätten, uns von unserer Suche abzuhalten, um sie selbst in die Hand zu nehmen. Fast habe ich ihnen gehorcht. Es hätte alles so einfach gemacht. Sie waren so überzeugend, Arpad. Unglaublich überzeugend. Vielleicht tue ich ihnen ja Unrecht. Vielleicht stimmt nichts von alldem. Vielleicht wollten sie wirklich nur helfen, und ich bin einfach nur hysterisch. Aber sie … ach ich weiß nicht …“

Er kniete vor ihr. Sie hatte nicht gesehen, wie er sich bewegt hatte. Warme Hände umfassten ihr Gesicht. Die Berührung tat gut. Er konnte so ungemein zärtlich sein. Sie hatte gelernt, sich in diesen Händen sicher zu fühlen und fühlte sich auch heute noch sicher darin.

„Schließe die Augen, Charly. Konzentriere dich darauf, was du gesehen hast. Ich werde deiner Erinnerung einen kleinen Schubs geben, und vermutlich wirst du es nicht mögen, doch ich werde dir nicht wehtun. Vertrau mir, mein süßes Herz. Vertrau mir.“

Sie vertraute ihm. Sie hatte ihm immer vertraut. Dennoch war ihr die Vorstellung, er könne auf ihren Sinn zugreifen, zuwider.

„Kannst du meine Erinnerungen sehen?“ Wie konnte sie Erinnerungen verbergen, die sie nicht teilen wollte?

„Nein. Ich kann deine Reaktionen spüren. Die allein werden mir schon einiges sagen. Beschreibe die Frauen. Was sie sagten. Wie sie es sagten. Wie sie aussahen. Was du dabei fühltest.“

Sie seufzte, als sie seine Macht in ihre Sinne eindringen fühlte. Ihr Magen hob sich. Es war widerlich. Immer war es ekelhaft. Lange würde sie das nicht durchhalten können.

„Konzentriere dich!“

Sie griff nach den Bildern in ihrem Gedächtnis und merkte, wie diese verblassten, kaum mit den Gedanken zu halten waren. Wie Nebelschwaden waren sie, flüchtig und kaum existent. Wunderschöne, grüne Augen. Ein Lächeln voller Überzeugungskraft. Eine trockene Art von Perfektion in der anderen Frau. Ein Gesicht, das kein Bild in ihrem Gedächtnis hinterlassen hatte. Ein scharfer Verstand hinter einem hungrigen Blick. Nur scheinbar bescheiden und zurückhaltend. Mitfühlend, doch von ungeheurer Kälte. Kommentare, die ihr Angst einjagten, die dann wieder besänftigt wurde. Außerdem das Gefühl zu fallen, tief in eine Falle zu stürzen in dem Bewusstsein, irgendwann unten aufzuschlagen und in Millionen von Scherben zu zersplittern; sich in taumelndem Schwindel gegen das Ende der Welt zu drehen. Hilflos, ohne Möglichkeit, irgendetwas zu beeinflussen, wie ein zerbrochenes Spielzeug auf der Reise ans Ende der Zeit.

Der scharfe Geruch eines Riechfläschchens zwang sie zurück ins Bewusstsein, qualvoll und langsam. Sie lag in den Armen ihres Mannes. Ein guter Ort. Sie hatte so sehr darauf gehofft.

Es waren Arpads Arme. Er hielt sie, während Sophie versuchte, sie zu wecken.

„Charlotte! Wach auf! Es ist alles in Ordnung. Es ist vorbei!“

Es fühlte sich gut an, in seinen Armen zu sein. Doch es war falsch. Sie wehrte sich, und er bettete sie gegen die Lehne ihres Stuhls. Eine Hand strich ihr über die Wange.

„Die Dinge, die du für Asko auf dich nimmst …“

Sie sah ihn an, versuchte, sich zu konzentrieren.

„Konntest du etwas erkennen? Tut mir leid, dass ich ohnmächtig geworden bin. Das passiert mir sonst nie.“

„Es ist nicht das erste Mal, dass du in meinem Beisein das Bewusstsein verloren hast.“

„Dann passiert es mir bei anderen nicht.“

„Meine tapfere Heldin …“ Er lächelte, lehnte sich vor und küsste ihre Stirn. „Doch um deine Frage zu beantworten, ich konnte den Zauber spüren. Sehr gut gemacht. Mit ziemlicher Sicherheit Fey-Zauber. Dein Bewusstsein hat allerdings zu schnell dichtgemacht, um absolut sicher sein zu können. Sophie, darf ich sehen, woran du dich erinnerst?“

Er geleitete Sophie zurück zur Couch, setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm wie ein Liebhaber. Sie blickte betreten drein, und Charly wandte sich ab, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen. Sie nahm die Stickerei, die Sophie eben noch gehalten hatte und suchte nach Nadel und Faden. Ihre Hände zitterten zu sehr, um eine Nadel auch nur stillzuhalten. Es war nichts als Ablenkung und Tarnung. Ein Grund, nicht hochsehen zu müssen zu Arpad und Sophie.

„Erinnere dich und versuche, deine Eindrücke genauso zu fühlen wie beim ersten Mal. Versuche nicht, sie zu analysieren. Sei ganz locker und vertrau mir.“

„Ich habe dir immer vertraut. Ausnahmslos.“

„Du wirst mir nicht ohnmächtig werden?“

„Ich bemerke Zauber nicht, der gegen mich gewirkt wird. Charlotte ist die Einzige mit dem Talent.“

„Dann lehne dich einfach in meine Arme zurück und denke nach. Ich halte dich fest. Ich halte dich ausgesprochen gerne fest. Immer schon. Entspann dich.“ Eine Weile war nichts zu hören abgesehen von Sophies leisem Gemurmel. Dann sprach Arpad wieder.

„Du hast ihnen jedes Wort geglaubt?“

„Sie waren glaubwürdig, höflich, charmant und überzeugend. Sehr sympathisch.“

„Den Herrn des Hauses hast du nicht getroffen?“

„Den Professor? Nein. Nur die beiden Damen.“

„Ich frage mich, ob ich vielleicht einer davon schon mal begegnet bin“, überlegte Arpad.

Sophie setzte sich stocksteif auf, fort von der lehnenden Position in den Armen des Mannes.

„Du lieber Himmel! Wir müssen Thorolf warnen. Er geht dort häufig zu Soireen hin. Maler und Wissenschaftler treffen sich dort.“

Sie stand hastig auf.

„Ist heute eine dieser Zusammenkünfte?“, fragte Arpad.

„Nein“, sagte Charly. „Die Treffen haben aber sehr an Häufigkeit zugenommen. Morgen wird wieder eins sein.“

„Wir werden ihn warnen, damit er nicht hingeht. Zeit genug. Ich sehe mir das Haus heute Nacht mal an. Ein kleiner heimlicher Abstecher wird sicher nicht schaden, falls es geht.“

„Du meinst, sie können dich spüren?“

„Möglich. Doch macht euch keine Sorgen um mich. Mir kann nicht viel passieren, denke ich. Nur muss ich zuerst noch jagen gehen. Ich muss meinen Kopf dafür frei haben und nicht voll mit anderen Dingen …“

„Du musst nicht jagen gehen“, sagte Sophie. „Außer natürlich, du ziehst jemand anderen vor …“

„Wir sind doch hier“, fügte Charly hinzu und errötete. „Es gibt keinen Grund, deine Zeit damit zu vergeuden, durch die Straßen zu laufen.“

Er kicherte.

„Das wäre deinem Ehemann gar nicht recht, mein süßes Herz.“

„Nein.“ Sie öffnete die Knöpfe an ihrem Stehkragen und hatte mit einem Mal seine volle Aufmerksamkeit. Seine Lippen zuckten. Einen Augenblick lang war das Raubtier zu sehen.

Sophie erhob sich.

„Ich komme wieder, wenn du mich brauchst. Sag Bescheid.“ Sie stürzte aus dem Raum.

Charly sah ihr nach. Schmale Hände zogen sie in eine Umarmung, und mit einem Mal war die alte Angst wieder da. Man gewöhnte sich nicht ganz an so etwas. Es war aufregend, aufreibend, riskant und beängstigend – jedes Mal. Außerdem erotisch und verboten, und es konnte tödlich enden. Jedes einzelne Mal konnte es tödlich enden.

„Hab keine Angst.“

„Arpad, lass mich nicht Dinge tun, die …“

„… die du dann pflichtschuldigst bereuen müsstest? Ich werde ganz sittsam bleiben und keine ... Satisfaktion ... verlangen. Obgleich es eine Zeit gab, da hast du mir sie freiwillig angeboten. Ich habe es sogar schriftlich, meine Süße. Einen Brief mit einer sehr entzückenden Einladung.“

„Arpad!“ Vor Peinlichkeit blieb ihr fast die Luft weg. Sie hatte ihm damals mehr als nur eine platonische Freundschaft angeboten. „Ich …“

„Du bist eine verheiratete Frau. Ich weiß. Verheiratet und unberührt. Das würde ich gerne ändern, und du hättest es auch gerne geändert, nicht wahr?“ Er öffnete noch mehr Knöpfe, zog an ihrem Kragen. Seine Hand verschwand in ihrem Kleid.

„Arpad …“

„Aber nicht jetzt.“ Seine Stimme war an ihrem Ohr, sein Mund strich über ihr Haar. Geschickte, geübte Finger fanden einen Weg in ihr Unterkleid.

„Arpad, wenn du willst … wenn du das brauchst … wenn es dir hilft …“ Seine Hände hielten nun ihre Arme. Seine Lippen wanderten von ihrem Ohr an ihren Hals. Sie lehnte den Kopf weit zurück, gab ihre Kehle frei. Sie wollte ihn. So einfach war das, und doch war das Letzte, das sie wollte, Asko zu betrügen.

„… mir hilft, Asko zu finden?“, flüsterte er. „Du würdest dich mir geben, um ihm zu helfen? Du würdest dich mir wirklich hier auf dem Sofa hingeben, um deinen bornierten Dickschädel zurückzubekommen? Schäm dich, mein süßes Herz! Ich bin ein ehrlicher Unhold. Ich pflege meine Opfer nicht mit Erpressung gefügig zu machen. Deine Ehre bleibt unangetastet.“ Er seufzte und rieb seine Wange an ihrer. Seidiges Haar fiel ihr ins Gesicht. „Deine Ehre war doch immer sicher in meinen Händen.“

Seine Zunge strich ihr über die Haut. Einen Augenblick später fühlte sie seine Magie, diese winzige und doch irritierende Manipulation, die ihr den Schmerz der Invasion nehmen würde. Sie war nicht mehr daran gewöhnt und zitterte. Er küsste ihren Hals und biss zu.